Kitabı oxu: «Junger Wind in alten Gassen»
Lise Gast
Junger Wind in alten Gassen
Ein meist fröhlicher Roman
unter jungen Menschen
Saga
Junger Wind in alten Gassen
German
© 1960 Lise Gast
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711509661
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
Unverhofft kommt oft
Im Hörsaal ist es heiß. Der Professor spricht fließend, aber einschläfernd monoton. Rose hat sich schon zweimal dabei ertappt, geträumt zu haben, richtig geträumt, nicht nur vor sich hingedacht. Ihr Kopf muß dabei heruntergesunken sein, und womöglich hat sie sogar geschnarcht. Zu Hause wird ihr nachgesagt, daß sie schnarche. Rose findet das eine abscheuliche und blamable Eigenschaft, deren man sich schämen muß. Und man kann nie kontrollieren, ob es wirklich stimmt.
Vielleicht erfindet einmal ein Arzt etwas gegen das Schnarchen. Vielleicht gelingt es ihr, Rose Hofer, und sie wird berühmt und bekommt – hoppla, schon wieder! Eben sah sie sich auf dem Podium, in einem schwarzen, dezent ausgeschnittenen Kleid, einen silbernen Pokal entgegennehmend, während rings alles applaudierte. Einen Pokal? Bekommt man denn, wenn man eine große medizinische Erfindung macht, einen Pokal wie eine siegreiche Fußballmannschaft? Jetzt hört das aber auf! Jetzt muß sie sich zusammennehmen, um wach zu bleiben. Rose kneift sich in den Arm und reißt die Augen krampfhaft auf. Frühjahrsmüdigkeit, weiter nichts. Geht allen so. Und schlafen etwa die andern alle?
Vor ihr, etwas tiefer – denn der Hörsaal ist ja im Halbkreis aufsteigend gebaut – sitzt ein junger Mann, den sie hier noch nie gesehen hat. Jedenfalls kommt ihr das so vor. Sein Gesicht kann sie nicht erkennen; aber dieser schmale Schädel mit dem ausgebauten Hinterkopf wäre ihr bestimmt aufgefallen. Sie hat sich eine Zeitlang eingehend mit Schädelkunde befaßt und würde ihn nie übersehen haben. Auch jetzt beginnt sie, mit den Blicken den Kopf abzutasten. Das dazugehörige Gesicht interessiert sie nicht. Gleich darauf muß sie stirnrunzelnd feststellen, daß der vor ihr Sitzende ebensowenig auf den Vortrag des Professors hört wie sie. Seine Schultern beben vor unterdrücktem Lachen – in Anatomie! Rose schüttelt ärgerlich den Kopf.
Sie nimmt das Studium sehr ernst. Im Kolleg müde zu sein, schon das erscheint ihr als eine Todsünde. Nun gar lachen!
Es ist doch nicht zu glauben! Der Schmalschädlige vor ihr lacht nicht nur, sondern steckt auch noch seinen Nachbarn damit an. Denn jetzt schiebt er ihm einen Zettel zu, und nun prustet der andere. Rose reckt sich und versucht, den Zettel zu erspähen. Einen Augenblick lang gelingt es ihr. Nein, da steht kein blöder Vers und keine Mitteilung, überhaupt kein Wort. Eine Zeichnung ist drauf, eine Karikatur: Der Professor, wie er leibt und lebt. Rose erkennt den, natürlich übertrieben betonten, Unterkiefer des Vortragenden, mit wenigen Strichen klar und lebendig hingeworfen, und empfindet Hochachtung vor dieser Leistung. Dabei aber runzelt sie die Stirn. Das sind doch Dumme-Jungen-Manieren!
„Mensch, ärgere dich nicht!“ flüstert in diesem Augenblick ihre Nachbarin ihr zu. Rose sieht sie an. Merkt man ihr so leicht an, was sie denkt?
„Sehr deutlich. Laß doch den beiden da vorn ihren Spaß. Die können sich’s leisten, der eine jedenfalls.“
„Wieso?“ fragt Rose, wider Willen interessiert. Die andere lacht.
„Er hat das Staatsexamen schon in der Tasche. Große Hoffnung am ärztlichen Horizont. Sich abzeichnendes Genie.“
„So? Von mir aus. Übrigens keine Kunst bei dem Hinterkopf.“
Nun prusten sie beide auch. Der Professor hebt ein wenig die Stirn und wirft einen strafenden Blick herüber. Rose hat ihre Gesichtszüge längst wieder geordnet und kritzelt eifrig in ihr Heft. Gleich darauf ist Schluß. Der Professor verbeugt sich, die Hörer klopfen Beifall. Rose steht auf und schiebt sich mit den anderen hinaus.
Sie denkt an die „tolle Begabung“ mit dem kindischen Benehmen und dem schön ausgeschwungenen Hinterkopf. Man könnte ja auch das Gesicht des jungen Mannes einmal betrachten, natürlich nur aus wissenschaftlichem Interesse. Sie verlangsamt ihren Schritt, ohne sich umzusehen, und freut sich, heute ihr neues Sommerkleid angezogen zu haben; es ist hell, längsgestreift und sportlich, und es macht ausgesprochen schlank. Rose dehnt sich, während sie das denkt; in diesem Augenblick macht es „Knacks!“, und ihr Gürtel fällt herunter. Der Druckknopf hat den beglückten Atemzug nicht ausgehalten.
Es gibt fatalere Situationen. Ein erwachsener Mensch wird vielleicht nicht einmal zugeben, daß dies fatal ist: den Gürtel des Sommerkleides zu verlieren. Rose aber fühlt, wie ihr Gesicht brennt, als ihr ein rasch zuspringender junger Mann – natürlich kein anderer als der, an den sie eben dachte – den Gürtel aufhebt und überreicht. Sie möchte, was unlogisch und ausgesprochen unfreundlich wäre – wer aber kennt sich in Frauenherzen aus? –, den Gürtel nehmen und ihm um die Ohren klatschen, einmal, zweimal – diesem hübschen und, wie ihre Nachbarin auch noch sagte, medizinisch so hochbegabten jungen Mann. –
In jedem Leben gibt es Pechtage. Sie vergehen und werden abgelöst von anderen, die neue Spannungen, Konflikte, Aufgaben und Freuden bringen. Ja, auch Freuden, selbstverständlich.
Rose, die ein wenig zu viel über sich und ihr Leben nachdenkt, hat sich gesagt, daß es Freuden geben müsse, schon um die Arbeitskraft anzutreiben. Deshalb reitet sie auch, was natürlich ein ziemlicher Luxus ist. Von ihrem Monatswechsel könnte sie es nicht bezahlen. Nun, da wird eben Blut gespendet und das so verdiente Geld dafür verwendet.
Reiten ist Rose nichts Neues, es gehört zu Hause ebenso dazu wie Radfahren. Freilich, auf den Ponys, auf denen sie genau wie ihre Geschwister reiten gelernt hat, gibt es nicht viel Dressur; man reitet fast nur „Gelände“, also wild. Manche sagen sogar „Wildwest“. Hier im Reitverein der Universität wird gedrillt und geschurigelt; aber auch das tut gut. Rose hat längst gemerkt, wie förderlich es dem inneren Menschen ist, wenn der äußere geschunden wird. Und geschunden wird man wahrhaftig, zumal wenn man mutig genug war, sich für den Fortgeschrittenen-Kurs anzumelden.
Heute zum Beispiel gibt es wieder einmal keine Gnade. Der Reitlehrer verlangt, daß „deutsch getrabt“, also „ausgesessen“ wird, bis den Schülern alle Glieder schnackeln, und am Schluß der Stunde kommt das Springen. Eine Reitstunde ist fast so anstrengend wie ein Kolleg.
„Die Herren noch einmal über das Hindernis. Reihenfolge wie bisher. Von den Damen nur, wer es sich zutraut. – Nun, meine Schönen?“
Die Stimme des Reitlehrers klingt sarkastisch. Rose hört es genau. Sie weiß, daß keine der andern Studentinnen es riskieren wird, nicht aus Angst vor dem Herunterfallen, sondern um sich nicht zu blamieren. Dieser frühere Kavallerist hält nichts von weiblichen Künsten im Sattel und macht kein Hehl daraus. Sie holt tief Luft.
Sultan, fest überzeugt davon, daß er seine Schuldigkeit getan und nun Ruhe verdient hat, ist wenig erbaut davon, als sie ihn aus dem zufriedenen Dösen, in das er schon versinken wollte, mit einem energischen Klopfen der Schenkel weckt. Das Klopfen war vielleicht ein wenig zu energisch und sozusagen ein Alarmsignal, Marke: „Jetzt oder nie!“ oder „Und wenn die Welt voll Teufel wär!“
„Teufel, Teufel“, sagt auch prompt der Reiter neben Rose, der bisher hinter ihr ritt, so daß sie ihn nicht sehen konnte. „Sie sind doch hoffentlich lebensversichert?“
Auch der Reitlehrer zieht die Augenbraunen hoch und tritt einen Schritt zurück.
„Wir haben es hier wohl mit einer Tollkühnen zu tun!“
Eben springt Halunke. Er springt pomadig und keinen Millimeter höher als nötig. Sein Reiter hat vergessen, abzudrücken, und klappt nach hinten, bleibt allerdings im Sattel. Rose bedauert einen Augenblick lang die Bahnpferde. Jeden Tag, jede Stunde müssen sie klaglos einen andern Nichtskönner im Sattel dulden. Da sind die Ponys zu Hause wahrhaftig besser dran; auf die kommt kein Fremder, außer –
„Na, haben wir’s uns anders überlegt?“
Ach so, sie ist an der Reihe. Verwirrt gibt sie Galopphilfe, und Sultan springt gehorsam an. Rose kann nicht mehr kalkulieren, ob sie auskommt; das tut sie sonst stets, denkt für das Pferd. Jetzt bleibt ihr nichts übrig als mitzugehen und zu hoffen, daß Sultan sich nicht als ein Satan entpuppt und im letzten Augenblick verweigert, so daß sie allein über das Rick geht, zum Jubel der anderen.
Nein, Sultan springt. Er springt in dem Augenblick, in dem sie abdrückt, und zum erstenmal fühlt sie, was es bedeutet, gemeinsam zu springen: Pferd und Reiter – eine Bewegung, ein Wille, ein einziger, gemeinsamer Schwung. Unmöglich, dem Pferd jetzt ins Kreuz zu fallen oder auf dem Widerrist zu landen. Weich und eng gleiten ihre Oberschenkel am Sattelleder entlang, als Sultan aufsetzt.
„Na also, das Frauenzimmer kann ja!“
Rose lacht verlegen, während sie durchpariert. Der Reitlehrer klopft behaglich mit der Gerte an den Stiefelschaft.
„Wohl als Kind auf Ponys geritten? Merkt man sofort am Sitz. So was verliert sich nicht.“
„Ist das nun ein Lob oder ein Tadel?“ fragt Rose atemlos, während sie ihrem Pferd den Hals tätschelt. „Jaja, brav bist du gewesen!“
Der Reiter, der vorhin, als sie zum Sprung ansetzte, neben ihr hielt und sich über sie belustigte, lacht sie jetzt offen an. Er erinnert sie an jemanden; nur kommt sie im Augenblick nicht drauf, an wen.
„Nehmen Sie es als Lob. So hab ich es im Examen gemacht, wenn die Herrn Halbgötter delphische Orakel von sich gaben.“
„Ach. – Eigentlich nachahmenswert.“ Sie sieht einen Augenblick zu ihm hin und weiß plötzlich, wer er ist: der markante Hinterkopf aus der langweiligen Vorlesung in Anatomie. Hoffentlich erkennt er sie nicht oder erinnert sich wenigstens nicht an ihren verlorenen Gürtel. Was er sagt, findet sie nicht dumm. Sie gehört zu der Sorte Menschen, die immer glauben, alle andern könnten alles besser.
Sie sagt so etwas, als sie absattelt, sagt es ein wenig schüchtern und mit schlechtem Gewissen. Er lacht.
„Ging mir früher ähnlich. Später gibt sich das. Zum mindesten lernt man so zu tun als ob.“
Sie streicheln und loben ihre Pferde, verfüttern den letzten Stückenzucker und bummeln dann nebeneinander den Stallgang entlang.
„Stimmt das? Mit dem Ponyreiten? Haben Sie als Kind ein Pony gehabt?“ fragt er. Seine Stimme hat einen leichten Hamburger Tonfall. Rose hat das schon in der letzten Viertelstunde gemerkt. Sie hat eine Tante, die so spricht und die sie sehr liebt. Deshalb vielleicht ihre kritiklose Schwäche dieser Sprechart gegenüber. Auf seine Frage hin nickt sie.
„Nicht »gehabt«. Wir haben sie noch. Nicht nur eins, sondern mehrere. Ja, das klingt so nach unermeßlichem Reichtum und Little Lord Fauntleroy, es ist aber in Wirklichkeit nichts als eine Liebhaberei meines Vaters. Wir wohnen sowieso auf dem Lande, und er meint, nichts erziehe den Menschen so wie der Umgang mit Pferden und das Reiten. Und da er selbst keine Zeit hat, uns zurechtzuhobeln, hat er die Ponys angeschafft. Wir haben natürlich nichts dagegen.“
„Toll, dieser Gedanke. Und was –?“ Er zögert.
„Praktischer Arzt. In einem kleinen Kaff, nicht mal Kleinstadt, Dorf. Meine Mutter lebt nicht mehr. Sie war auch Ärztin.“
So, nun weiß er wenigstens das. Von den Geschwistern – Rose ist das zweitälteste Kind von sieben, die größte Tochter – sagt sie vorsichtshalber nichts. Sie hat sich das abgewönht. Die ewigen Fragen und Sticheleien, die darauf folgen, kann sie schon auswendig: Na, wer kommandiert denn da? Oder: Ach, wie reizend, sind auch Zwillinge dabei? Oder: Und Sie sind die Älteste? Na, ich danke schön!
Sie spricht schnell weiter.
„Ja, ich habe auf Ponys angefangen. Ganz früh. Manches lernt man dann natürlich falsch und legt es nie wieder ab.“
„Aber man lernt sitzen. Aussitzen – ungefähr in jeder Lebenslage“, sagt ihr Begleiter. Er hat genau gehört, daß sie sozusagen Entschuldigungen oder doch Erklärungen sucht. „Und daß Sie fest sitzen, hab ich gemerkt. – Hören Sie, machen Sie doch den Pfingstritt mit! Über die Alb – bei diesem Götterwetter! In einer Praxis versauern können wir noch lange.“
Rose sieht auf: „Woher wissen Sie denn –?“
„Daß Sie auch vom Fach sind? Na, schwer zu raten ist das nicht. Vater Arzt, Mutter Arzt – übrigens, Stetten ist mein Name. Richard Stetten. Leider noch nicht Dr. Stetten.“
„Aber Staatsexamen?“ Sie fragt, weil sie merkt, wie gern er Ja sagen will. Er strahlt.
„Soeben. Alle Hindernisse genommen. Ausgesessen. So werden Sie es auch machen. Hauptsache.“
„Das sagen Sie so. Ich habe ja noch nicht mal das Physikum. Blutiger Anfänger.“
„Machen Sie sich nichts draus. Mir hat mal jemand gesagt,–ein Franzose übrigens, – wir sprachen von der Liebe –: Am schönsten ist es, wenn man noch die Treppe hinaufgeht. So ist es auch mit dem Studium. Nur weiß man das anfangs nicht. Ich möchte jetzt, heute, da man weiß, wo man die Hebel ansetzen muß, jetzt möchte ich nochmal von vorn anfangen zu studieren.“
Seine Augen blitzen. Rose fühlt es warm durch ihr Herz gehen. Sie ist entbrannt für die Medizin und wittert den Gleichgesinnten. Und wie er das sagt, das ist so kameradschaftlich; es betont gar nicht, wie sehr er ihr überlegen ist, nur, daß er genau so denkt und fühlt.
„Nun, und wie ist das mit dem Pfingstritt? Drei Tage, stellen Sie sich das doch mal vor. Drei Tage zu Pferde!“
„Da muß ich eben nochmal Blut spenden“, sagt Rose. Sie treten gerade aus dem Reithaus. Die Luft ist frisch und wie voller Verheißungen, der Himmel blank und morgendlich hell. Herrgott, ist die Welt schön!
„Sehr gut! Ich übrigens auch. Meine Finanzen schleifen am Boden. Aber deshalb trinken wir jetzt doch einen Kaffee, drüben, am Neckar, wo man jetzt schon draußen sitzen kann. Was immer an Vorlesungen auf Sie wartet, es läuft Ihnen nicht davon. Wohl aber könnte ich das tun. Und was dann?“
Rose guckte aus den Augenwinkeln zu ihm hinüber. Junge Männer, die sehr von sich überzeugt sind, mag sie nicht. Aber er lacht so vergnügt, daß sie, ganz gegen ihre sonstige Art, zu dem Ja, das den Pfingstritt betrifft, auch noch das hinzufügt, was ein ganz und gar unprogrammäßiges und eigentlich sträflich schlemmerhaftes Frühstück nach sich zieht. Denn für gewöhnlich besteht ihr Frühstück und das unzähliger männlicher wie weiblicher Kollegen aus nichts als aus „strammer Haltung“; denn was Wirtinnen von Studentenbuden als Bohnenkaffee präsentieren – und anschreiben! –, das hat häufig genug mit Kaffee so viel zu tun wie ein kleiner Schnupfen mit einer Bronchopneumonie.
Sie sagt das, als sie den ersten Schluck getrunken hat, hier im Vorgarten des Neckar-Cafés, mit dem Blick über den Fluß hin auf die Platanenallee, am hellen Morgen. Und neben der Tasse steht noch ein Teller mit Butterbrötchen, knisternd frisch und appetitlich.
„Frühstücken Sie immer so?“ fragt Rose. Er sieht sie an. Sein Blick ist auf einmal ernst, obwohl es um seine Mundwinkel zuckt.
„Vielleicht glauben Sie es nicht. Vielleicht aber doch. Es ist das erstemal seit zwölf Semestern.“
*
So ist das gekommen. Mitunter sind es Kleinigkeiten, die eine Reihe von Handlungen auslösen, aus einem Schneeball eine Lawine machen. Das klingt ein bißchen pathetisch, denkt Rose, aber der Vergleich stimmt. Die Tatsache, daß sie doch noch gesprungen ist, obwohl eigentlich nur die Herren aufgefordert waren, hat dies alles nach sich gezogen. Sie sprechen davon, als sie am zweiten Abend ihres Rittes nach Versorgen der Pferde durch den kleinen Ort schlendern. Es ist ein süßer und lauer Frühlingsabend, eigentlich gar nicht typisch für diese Landschaft, die sonst herb und gebirglich ist. Rose sagt das. Richard lächelt sie an, ein wenig hintergründig.
„Auch herbe Landschaften können mitunter süß sein, vor lauter Frühling, vor lauter Blühen!“
Weiter sagt er nichts. Aber die Fortsetzung dieses Satzes steht sehr deutlich in seinen Augen. Rose sieht rasch weg.
Sie nennen sich beim Vornamen; alle, die den Ritt mitmachen, tun das. Das elende, steife: „Fräulein Hofer“ – „Herr Stetten“ fällt dadurch weg. Das ist gut.
Gut ist es auch, auf einem Drei-Tage-Ritt eine Art Sonderkavalier zu haben. Eigentlich glaubt sie auch jetzt noch nicht recht, daß Richard sich auch nur das geringste aus ihr macht. Staatsexamen in der Tasche und nur noch den Rest der Doktorarbeit vor sich, solche Leute sehen kleine stud. med. eigentlich überhaupt nicht an. Es ist eben wahrscheinlich sonst kein Mädel mit, das der Mühe lohnte, denkt Rose.
Objektiv betrachtet ist das natürlich Unsinn. Wer einen solchen Ritt mitmacht, ist kein Sonntagsreiter. Sie haben ganz hübsche Geländestrecken hinter sich gebracht, bergauf – bergab. Ach, es ist wundervoll, und noch, noch!, liegt ein Tag im Sattel vor ihnen.
„Ein Tag noch, ein ganzer Tag!“ sagt Richard eben, er scheint demselben Gedankenpfad gefolgt zu sein. „Kennen Sie das Lied von Storm: Wir wollen ihn, mein wackrer Freund, genießen, ja, genießen!“
„Das ist aber ein Herbstlied“, sagt Rose. „Der Nebel steigt, es fällt das Laub.“
„Ach, gleichgültig. – Und was tun Sie dann?“ fragt er. Es geht sich so hübsch nebeneinander nach dem langen Ritt. Die Abendsonne färbt die weißen Stellen zwischen dem dunklen Gebälk der Fachwerkhäuser rosa. Der Flieder ist aufgesprungen. Jetzt in der Abendkühle duftet er berückend, fast überwältigend süß.
Die beiden gehen stumm nebeneinander her. Ihre Haut spannt an den Backenknochen vom Sonnenbrand, den man bekommt, wenn man viele Stunden in Wind und Sonne reitet. Rose guckt ihre Stiefelspitzen an, während sie, die Absätze zuerst aufsetzend, langsam hintrottet.
„Ich fahre heim. Und Sie?“
„Für mich ist es zu weit. Hamburg. Lohnt nicht. Warum auch? Kann es irgendwo auf diesem alten und ewig jungen Globus schöner sein als in diesem Augenblick hier? Oder sind Sie anderer Ansicht?“
Rose sieht auf und blickt ringsum. Erst ist es, als wollte sie ganz sachlich prüfen, ob er recht habe.
Drüben schwingt der Höhenzug duftblau dahin, wie eine Melodie, davor halbrechts, blüht ein Apfelbaum als wirkungsvolle Staffage. Er sieht aus wie ein Riesenstrauß, weiß, rosa überschäumt. – Nein, nirgends kann der Frühling so überwältigend sein wie hier im südlichen Deutschland. Sie sagt das. Richard sieht sie an.
„Sie stammen von hier?“
„Ja.“
„Darf man fragen, wo Sie wohnen?“ fährt er nach einem Augenblick Pause fort. Rose guckt vorsichtig zu ihm hin. Er sieht ein wenig unsicher drein, sie merkt genau, was er jetzt denkt. Oft geht ihr das so, sie kann mitunter wörtlich Gedanken lesen.
„Nicht weit. Vielleicht fünfzig Kilometer Luftlinie von hier.“ Nein, mehr sagt sie nicht. Wer weiß, wen ihre andern Geschwister wieder mit nach Hause gebracht haben! Pfingsten ist immer der Teufel los, es wimmelt von Gästen, die auf Liegestühlen und zusammengeschobenen Sesseln nächtigen, wenn Tante Troll sie nicht einfach in die Kinderbetten steckt und die Kleinen ins Heu.
Es ist schön zu Hause, keine Frage. Schön, lustig, lebendig, warm. Gerade wenn das Haus voll ist. Aber es ist auch unbeschreiblich, unsagbar unordentlich. Tante Troll, Mutters ältere Schwester, die nach Mutters Tod zu ihnen kam und gleichsam unbeabsichtigt auch geblieben ist, Tante Troll „peilt die Wirtschaft über den Daumen“. Sie ist Malerin und Graphikerin, macht entzückende Tierplastiken und kocht ausgezeichnet, aus Leidenschaft. Ihre Kuchen sind sozusagen lyrische Gedichte, ihre Suppen stimmen andächtig, und Bowlen setzt sie an, da kann kein Mann mit.
Aber!
„Welches Aber ist es denn?“ fragt Richard Stetten in diesem Augenblick.
„Vielleicht ein ganz dummes“, sagt Rose und versucht, unbefangen und über der Situation stehend auszusehen; „bei uns geht es Pfingsten zu wie in einem Narrenhaus. Wir haben nämlich keine Hausgehilfin. Eine Tante von uns – ja, ordentlich ist sie nicht, sie ist nämlich Künstlerin“, sagt sie und setzt sozusagen wieder auf, nachdem die Hürde genommen ist. Siehe da, man ist nicht aus dem Sattel gekommen! Rose ist beinah verblüfft, ähnlich wie damals der Reiter vor ihr auf Halunke. „Pfingsten lohnt es für die meisten nicht, nach Hause zu fahren. Da kommt alles zu uns. Ja, Sie dürfen das nicht falsch verstehen!“
Es klingt ja wirklich reichlich ungastlich, was sie da hervordruckst. Und ungastlich will sie wahrhaftig nicht sein, wo er doch in Hamburg zu Hause ist und nicht weiß, wohin mit sich. Vielleicht aber war seine Frage gar kein Wink mit dem Zaunpfahl?
Doch, es war einer. Denn jetzt sagt er, höflich im Ton, aber sonst unmißverständlich: „Aber Pfingsten ist doch vorbei. Ich meine, die Feiertage. Und die andern Gäste sind vielleicht schon wieder weg? So daß Platz wäre. Ich habe ja sogar den Schlafsack mit, brauchte also nicht einmal Bettwäsche.“
Er sagt das schüchtern, trotzdem kann Rose nicht umhin zu denken: Bescheiden ist er ja gerade nicht, sich so einzuladen. Was erwidert man denn in einem solchen Falle, wenn man einen Besuch nicht haben will? Warum will sie ihn eigentlich nicht haben? Sie will ihn schon, freilich.
Das alles geht blitzschnell durch ihren Kopf. Dann hat sie schon gesagt, eigentlich, ehe sie es selbst zu Ende dachte:
„Aber ich bitte Sie. Darauf kommt’s doch nicht an! Wenn Sie also Lust haben, können Sie gern mitkommen.“
So, nun ist es heraus. Was sie noch weiter gesprochen haben, daran erinnert sich Rose nicht mehr, als sie neben den andern Reiterinnen abends im Stroh liegt. Sie kann nicht einschlafen. Sie hat ihn nun also eingeladen. Gut. Er hat es ihr sehr deutlich nahegelegt und „ist selbst schuld“.
Er ahnt natürlich nicht, was ihm bevorsteht. Voriges Jahr waren zu Pfingsten elf Gäste da. Es war lustig, zweifellos. Bis auf den Umstand, daß Sö sich mit ihrem Tanzstundenpartner verzankte, weil er ein einziges Mal Tine aufgefordert hatte, und Lars sich darüber totlachen wollte. Lars, der älteste, ist in diesem Jahr auch daheim. Das weiß Rose. Weil er damals so lachte, fühlte sich Michael genötigt, den großen Bruder anzugreifen, und der wehrte sich sehr handgreiflich. Sehr schön ist so was ja nie. Und die Kleinen wollen abends nicht zu Bett, wenn etwas los ist. Keiner fühlt sich wirklich verantwortlich für sie. Tante Troll greift nicht durch; sie betont immer wieder, sie sei lediglich als „Köksche“ angestellt und für nichts anderes zuständig, bestimmt aber für keinen Kinderkrach. Kochen, ja, das will sie, alles andere aber läßt sie laufen, wie es läuft.
Natürlich haben sie zu Hause eine Putzfrau. Das ist in einem solchen Haushalt nötig. Aber einen, der die Zügel richtig in der Hand hält, haben sie eben nicht. Was wird Richard denken, wenn er in dieses Durcheinander hineinschneit?
Rose träumt. – Sie träumt, daß sie durch ein Haus geht, in dem überall Staub gewischt ist und alle Betten weiß überzogen sind. In den Vasen stehen Blumen, und nirgends liegen niedergetretene Hausschuhe herum, über die man stolpert, oder Klumpen von nassem Badezeug. Die Fenster sind geputzt, und der Tisch strahlt weiß gedeckt, und um den Tisch sitzen ...
Der Traum, bisher ein Wunschtraum, wechselt in einen Angsttraum hinüber. Am Tisch sitzen Michael, Josi und Volker und essen, und sie essen, wie sie das in Wirklichkeit auch tun, nämlich wie die Indianer. Michael stopft sich den Mund voll Kartoffelsalat, so daß er ihn fast nicht mehr zubekommt, und Volker hält die dazugehörige heiße Wurst am Zipfel über sich und schnappt danach, als wäre er auf dem Rummelplatz. Josi gurgelt mit der Milch.
„Werdet ihr wohl, ihr sollt doch nicht!“ ruft Rose im Traum. In Wirklichkeit würde sie das auch rufen, und zwar mit derselben Wirkung wie jetzt, nämlich mit gar keiner. „Werdet ihr wohl manierlich essen!“ Da erscheint Sö auf der Bildfläche und tanzt um den Tisch, und sie hat ihr Tanzstundenkleid an, das gelbe, das ihr so gut steht, wenn sie braungebrannt ist, und das ihre unwahrscheinlich dünne Taille zeigt. Natürlich, hätte Sö es sonst angezogen? Sö trällert, streckt die Arme aus und ruft:
„Los, Richard, kannst du Cha-Cha-Cha?“
Rose ist in den neuen Tänzen nicht so bewandert wie Sö, und sie vertritt deshalb verbissen die Ansicht, Cha-Cha-Cha sei kein Tanz, sondern eine Krankheit. Richard aber kann es, und Sö kann es noch viel besser, und sie tanzen ...
Rose stöhnt und dreht sich auf die andere Seite, dabei bekommt sie einen Puff ihrer Nebenschläferin, die sich auch gerade umdreht. Und dann liegt sie lange wach, sie wischt sich den Angstschweiß vom Gesicht und denkt, wie man nachts oft denkt: „Wenn das nur gut geht! Eigentlich kann es ja gar nicht gut gehen.“
Jede Nacht vergeht einmal, und am Tage sieht manches nicht mehr gar so bedrohlich aus. Man sollte sich das merken, denkt Rose, als sie den Fuß in den Bügel hebt und in den Sattel greift, um sich auf ihren Sultan für den letzten wundervollen Tag dieses Pfingstrittes hochzuziehen. Dieser eine Tag der Freiheit jedenfalls bleibt ihr noch. Und wie hat Richard gesagt?
„Wir wollen ihn, mein wackrer Freund, genießen, ja, genießen.“
Ein Zuhause
Die Kleinbahn zuckelt dahin, asthmatisch und wohl darauf bedacht, dem Reisenden für sein Geld etwas zu bieten. Richard zeigt sich entgegenkommend genug, es zu bemerken, wie „reizend“ die Landschaft ist. Das ist sie wirklich. Und daß man nicht recht vorwärts kommt, hat auch sein Gutes. Rose eilt es nicht.
„Was haben Sie denn vor, wenn Sie erst den Doktor haben?“ fragt sie. Sie weiß nun schon einiges von Richard, die letzten gemeinsamen Tage brachten sie einander näher als sonst Wochen. Erstens sind sich Reiter überhaupt schnell vertraut, und dann schuf das viele Fachsimpeln natürlich auch eine Gemeinsamkeit, die noch zusätzlich wirkte. Immer wieder kamen sie auf Fachfragen, und das Persönliche wurde zurückgeschoben. Jetzt fragt Rose also. Wenn sie ihn mitnimmt nach Hause, muß sie ja einiges wissen über diesen netten und klugen Kommilitonen, der so gute Manieren hat und – ein Glück! – sie um einen halben Kopf überragt.
Letzteres ist nicht unwichtig. Alle Hoferkinder pflegen das Mittelmaß zu überwachsen, und bei Mädeln ist das nicht unbedingt wünschenswert. Rose sieht befriedigt an ihm hoch, wie er da, schlank und hübsch, am Abteilfenster steht. Zusätzlich zu diesen positiven Eigenschaften besitzt er auch noch eine Nase, die ihr gefällt. Sie ist zu kurz für sein Gesicht und hat kreisrunde, ein wenig nach oben gerichtete Nasenlöcher, die ihm einen gleichzeitig kindlichen und impertinenten Ausdruck geben. Rose muß dieses Gesicht unauffällig, aber immer wieder, ansehen und tut dies ausgesprochen gern. Jetzt wartet sie gespannt auf die Antwort.
„Ich weiß es noch nicht.“ Das klingt einsilbig, Rose seufzt innerlich und fragt nicht weiter. Wenn sie erst das Staatsexamen hat, wird sie wissen, was sie will. Aber vielleicht mag er nur nicht darüber sprechen.
Sie fragt nicht weiter. Nun werden sie gleich da sein, Rose sieht nach der Armbanduhr und stellt sich innerlich, sozusagen Gewehr-bei-Fuß, auf die Seite ihrer oft beseufzten Familie. Zwar hat diese im Augenblick noch keiner angegriffen; aber besser ist besser. Richard lehnt, jetzt ausgesprochen wortkarg, am Fenster. Bereut er seinen Entschluß schon?
„Ich bekomme sie nicht zusammen“, sagt er schließlich und blickt zu Rose auf, die soeben auf die Bank geklettert ist, um etwas aus dem Seesack zu wühlen.
„Wen?“ fragt sie, in ihrer Tätigkeit innehaltend.
„Ihre Geschwister. Sie erzählen mal von dem und mal von dem, und fünf habe ich auch.“
„Erst Lars, mein ältester Bruder. Dreiundzwanzig, ein Jahr älter als ich. Dann meine Wenigkeit. Dann – na?“ Sie unterbricht, weil er aufstrahlt wie ein Schulkind, das sich meldet, weil es genau weiß, was der Lehrer jetzt fragen wird.
„Tine, zwanzig, Buchhändlerin. Dann Michael, siebzehn, und dann die beiden Kleinen, Josi und Volker. Vierzehn und dreizehn. Aber das sind doch erst sechs!“
„Freilich.“ Rose lächelt.
„Ich muß also eines vergessen haben!“
„Ja, Sö. Sie ist sechzehn. Sö sollte man nicht vergessen!“ Sie sagt es langsam, ein wenig zu bedeutungsvoll, und ist froh, daß er es nicht bemerkt. Denn er fragt nur:
„Sö? Ein merkwürdiger Name.“
„Ja. Eigentlich Sölvi, aus dem Norwegischen. Übrigens sind wir gleich da. Die nächste Station ist unsere.“
Die Sonne brennt erbarmungslos, als sie den Bahnhofsweg entlanggehen, dem Dorf zu. Die Autostraße macht hier einen Bogen um die Ortschaft herum. Am Ortseingang steht ein junges Mädel in einem weiten bunten Rock. Sie hat ein süßes, kleines Gesicht unter dunklem Haar und neben sich zwei bis oben vollgestopfte Reitstiefel. Aus dem einen gucken Zahnbürste und Kamm in trautem Verein heraus, aus dem andern eine messingne Mokkamühle. Rose verlangsamt unwillkürlich den Schritt und sieht die andere auffordernd an.
„Entschuldigen Sie.“ – Na also, hat sie nicht recht gehabt? – „Ich möchte zu Dr. Hofers.“
„Wir auch. Hast richtig geraten. Komm mit.“ Es ist eine Freundin von Tine, wie sich sogleich herausstellt und Rose angenommen hatte. Solche Leute können gar nicht woandershin wollen! Die Art des Gepäcks übrigens imponiert Rose. – Sie spricht sich lobend darüber aus –, Reitstiefel lassen sich bekanntlich nur sehr schwer verpacken. Ute wehrt bescheiden ab: Ihre Erfindung sei das nicht, lediglich die Realisierung einer Anregung von anderen. Und ob sie überhaupt kommen dürfe? Tine hat sie zwar eingeladen, aber zugesagt hatte sie damals nicht, jedenfalls nicht fest.
„Natürlich kannst du.“ Freundinnen von Schwestern werden geduzt, das hat man ein für allemal eingeführt. „Ich ahne nur nicht – besser, ich ahne wohl – aber Schlimmes.“
Das Dorf ist so, wie Dörfer in Süddeutschland zu sein pflegen: ursprünglich altmodisch, mit reizenden Gasthöfen, „Zum Lamm“, „Zur Krone“, grünumwachsen, mit schmiedeeisernen Schildern, jetzt aber von der Neuzeit gezeichnet durch eine moderne Fabrik, anscheinend Textilien, die den Gesamteindruck stört, aber die Bevölkerung ernährt. Sonst wirkt der Ort noch ausgesprochen bäuerlich mit gemauerten Dungstätten vor den Häusern und einer winkligen „Hauptstraße“, die bis vor einiger Zeit wohl der Ärger aller durchreisenden Autofahrer war, jetzt aber durch die Umgehungsstraße entlastet wird. Alte, enge Gassen, in denen sich Kinder und Gänse tummeln, ein Schwein galoppiert mit Gequieke davon. Ob hier hinein ein junger Wind nicht guttäte? denkt Richard, sagt aber nichts.
Und nun das Doktorhaus.
Es liegt ein wenig von der Straße zurück, das Schild: „Dr. Hofer, praktischer Arzt und Geburtshelfer“ trägt einen Pfeil, der den genesungsuchenden Patienten zwischen einer Scheune und einem Bauernhaus hindurch eine schmale, leicht ansteigende Gasse hinauflockt. Rechts ein Parkplatz mit Ständern für Fahrräder, dann ein Vorgarten, klein mit einer Blautanne, ein paar Krüppelkiefern und einem Rosenbogen über dem Eingang.
Dann das Haus. Es ist nicht modern, nach vorn hinaus die Praxis, wie man sofort sieht, Warte-, Sprech- und Behandlungszimmer. Linkerhand vom Haus die Garage.
Rose führt ihre Besucher zwischen beiden hindurch, öffnet ein Gartentürchen und steht nun mit ihnen in einem Grasgarten, der, weitläufig, etwas verwildert, mit Obstbäumen bestanden und von einer etwa mannshohen Mauer eingefriedigt, wohl den Abschluß des Dorfrandes gegen die Felder zu bildet. Ja, dahinter fängt das freie Land an, Felder, Wiesen, – und von drüben grüßt der Wald.
Herrlich liegt das Haus. Und hier auf der Rückseite, der Südund Westsonne hingegeben, sind die Wohnräume, denen eine Veranda vorgelagert ist, die, wie man merkt, im Sommer den Hauptaufenthaltsraum des Hauses bildet. Eine kleine Holztreppe führt vom Grasgarten zu ihr hinauf. Die Veranda ist breit und trägt auf ihrem Holzgeländer Blumenkästen.
„Grüß Gott, tritt ein, bring Glück herein!“ sagt Rose und geht voran. Was wird ihrer warten?
Ihre Ahnungen erweisen sich als nicht unbegründet. Die Wirklichkeit läßt alle Ahnungen weit hinter sich.
Tante Troll arbeitet. Rose merkt das bereits im Flur, ehe sie ihr bescheidenes Köfferchen aus der Hand gestellt hat. Es sieht ringsum unbeschreiblich aus.
Wenn Tante Troll auch „nur kocht“, so hält sie damit doch Leib und Seele des Doktorhauses zusammen. Es gibt aber Zeiten, da „der Geist über sie kommt“. Dann arbeitet sie – will sagen – sie ist künstlerisch tätig. Sie modelliert und malt. Dann geht gewöhnlich der ganze Haushalt aus den Fugen.
Nun sind jetzt zum großen Glück Ferien. Da kommt es nicht so drauf an, daß alles wie am Schnürchen läuft, wenn nur Vater zur richtigen Zeit sein Essen bekommt. In einem Arzthaushalt muß ja immer umdisponiert werden. Außerdem – welch ein Glück! – ist Tine da. Sie läuft den dreien sogleich über den Weg und freut sich mächtig.
„Ich habe Urlaub, noch vierzehn Tage“, strahlt sie. „Paßt das nicht ausgezeichnet? Ihr bekommt sofort Kaffee.“
Sie setzen sich auf die Veranda. Kein moderner Sitzplatz mit Solnhofner Platten, Steingarten und nierenförmigem Schwimmbecken daneben, sondern eine solide Veranda aus nachgedunkeltem Holz, darüber eine rotweiße, herrlich altmodische Markise. Schattig, kühl, leicht verwohnt und riesig anheimelnd. Auf dem Tisch Michaels Briefmarkenalbum, zwei Aschenbecher, bis zum Rand gefüllt, eine halb zusammengeschobene karierte Decke und eine Riesenschale mit Lupinen. Rose ist etwas nervös.
„Wollen wir nicht erst –“
„Nichts gibt’s! Hiergeblieben!“ Tine sieht süß aus in ihrem hellen Kleid, wie sie das Kaffeebrett, das wie alles in diesem Haus etwas ungewöhnliche Ausmaße hat, längs durch die aufgestoßene Tür balanciert. „Ich habe Waffeln gebacken. Also ich sage euch: Da kann auch Tante Troll nicht mit!“
Und der Kaffee! Schon allein sein Duft hindert einen an der Flucht. Tine stapelt in glücklichem Eifer alles, was nicht auf den Tisch gehört, auf die Verandabrüstung zwischen die Blumenkästen, in denen Kapuzinerkresse brennendgelbrot wuchert, und hat im Handumdrehen einen zierlichen, beinahe großmütterlichen Kaffeetisch gedeckt, mit blauweiß gemusterten Tassen und Tellerchen. Großmütterlich kann reizend sein, zumal bei Kaffeetischen.
„Ich kam, als es gerade bei Tante Troll ausbrach. Der Genius, meine ich. Gekocht hat sie bis dahin noch. Jetzt tu ich es, und ihr werdet staunen. Leider hat uns die Putzfrau versetzt. Aber jetzt in den Ferien können ja auch die Kleinen hie und da einen Handgriff tun, zum mindesten ihre Betten machen.“
„Bei dem »mindestens« wird es wohl bleiben“, prophezeit Rose düster. Tine lacht.
„Ich bin ja auch noch da. Und du weißt ja, wie gern ich wirtschafte. Lang’ zu, Ute, ich habe noch mehr draußen. Bei uns muß man sich dranhalten, verstehst du?“
Der Kaffee ist großartig und die Waffeln hervorragend. Sie zergehen förmlich im Mund und tun dem hungrigen Studentenmagen so wohl, daß man das Gefühl bekommt, hier nie wieder aufstehen zu wollen.
„Bis ans Ende meiner Tage werde ich hier sitzen, Kaffee trinken und heiße Waffeln essen. Ich vermag es nicht zu ändern, es ist stärker als ich“, sagt Richard mit einer Festigkeit, die Rose neu ist. „Hier sitze ich, ich kann nicht anders. Es ist so wahnsinnig nett hier.“
Wie er das sagt, in seinem Hamburger Tonfall, muß man es ihm wohl glauben. Aber Rose kann in die Melodie noch nicht einstimmen. Sie weiß, was alles am Horizont droht.
Zunächst erscheinen die Kleinen, die die Großen zum Teil schon überragen. Michael jedenfalls, der sicher bald seinen Bruder Lars mit einer Länge von einsneunzig überholt haben wird. Sie krümeln sich heran, angelockt vom Duft nach Zimt und zerlassener Butter, haben ungewaschene Pfoten, kurze Lederhosen – auch Josi – und keinerlei Scheitel.
Sie futtern los, genau wie in Roses Angstträumen, und es nützt nicht viel, daß man sie diskret an den Gebrauch eines Taschentuchs erinnert. „Es gibt ein Gespenst, das Taschentücher frißt“, zitiert Josi unbekümmert und laut, als Rose sie leise nach einem fragt; „weiß der Himmel, wo die immer hinkommen. Ich hol’ mir im Bedarfsfall immer Zellstoff aus Vaters Schublade.“
Lars und Sö erscheinen noch nicht.
„Sie spielen irgendwo Tennis, ich weiß nicht, wo“, erklärt Volker, der Jüngste, mit vollem Mund. Und Josi kräht:
„Bei Pfäfflins. Lars ist in die Elisabeth dort verschossen.“
„Josi!“ stöhnt Rose. Bisher ist alles gut gegangen oder doch einigermaßen. Josi aber sagt alles, was sie denkt, sie hat mit ihren vierzehn Jahren die Naivität eines nie eingeschüchterten Kindes. Der Unterschied ist nur, daß man mit vierzehn anders und mehr denkt als in goldener Kindheitsfrühe.
„So was sagt man doch nicht“, seufzt Rose schwach, „wenn man überhaupt darüber spricht, sagt man nicht »verschossen«, sondern höchstens –“
„Verknallt“, vollendet Richard. Josi brüllt vor Vergnügen. Rose lehnt sich resigniert zurück und nimmt eine Zigarette aus der Packung, die ihr Ute hinhält. Richard fingert in der Tasche nach seinem Feuerzeug. Der Rauch mischt sich schön mit dem Duft der drei kleinen Kletterrosen, die Michael jetzt in einer handgroßen, gläsernen Kugelvase auf den Tisch stellt, die Lupinen beiseiteschiebend.
„Es sind die ersten, vom Torbogen. Sie sind im Winter erfroren, aber ich hab gleich gesagt –“
Michael ist ein großer Gärtner, allem Wachsenden auf der Spur und unbeirrt vom Spott der andern buddelnd und pflanzend. Er ist noch linkisch und unfertig, mit zu langen Gliedern und einer Stimme, die umkippt, aber seine Hände sind behutsam und sorglich, wie sie an den Blumen hantieren. Schöne, vielversprechende Hände, Vaters Hände, obwohl sie jetzt natürlich schmutzig sind, mit abgestoßnen Nägeln und schwarzen Streifen dort, wo überhaupt Platz dafür vorhanden ist.
Rose schweigt. Sie liebt ihre kleinen Geschwister – viel mehr, als einer der anderen ahnen kann. Sie liebt sie und ist immer aufs Neue betrübt darüber, daß diese Kinder nicht richtig erzogen sind.
Wer aber soll sie denn auch erziehen? Vater? Der hat seine Praxis, und nachts sitzt er viele Stunden – zu viele Stunden – über seinen Büchern. Ach ja, auch hier fehlt Mutters Vernunft und ihr Eingreifen.
Vater hätte eigentlich Wissenschaftler werden sollen. Seine ganze Liebe gilt einem Sondergebiet der Medizin, und jede freie Stunde, die er sich erlisten kann, verwendet er darauf. Kein Arzt hat viel freie Stunden, auch wenn er mehr und mehr am Schlaf spart.
Und Tante Troll? Ach, wer kann erwarten, daß sie sich mit „anderer Leute Blagen“ befaßt! Bleiben die Ponys. Rose zweifelt, ob sie imstande sind, Kindern außer Selbstbeherrschung beim Reiten, Sanftmut bei der Behandlung und Zuverlässigkeit bei der Fütterung und Haltung, zweifellos guten Eigenschaften, die die Kleinen auch wirklich aufweisen, noch ordentliche Tischmanieren und Höflichkeit in jeder Lebenslage zu vermitteln imstande sind. Früher ist Vater mit ihnen geritten. Da haben sie mit ihm über alles sprechen können, was ihnen durch den Kopf ging. Er hat sie beobachtet, gekannt und unmerklich gelenkt und beeinflußt. Seit anderthalb Jahren etwa reitet er nicht mehr, wie Josi berichtet. Vielleicht verläßt er sich darauf, daß die Kinder nun so weit sind, sich selbst zu erziehen. Vielleicht ist diese Art, Kinder zu behandeln, sogar die beste, weil sie unmerklich ist. Aber –
Wer genauer hinsieht, merkt natürlich die Schwächen. Es fehlt an allen Ecken und Enden. Ostern ist Josi sitzen geblieben. Rose erfährt das jetzt erst.
„Ich war eben anhänglich“, erklärt Josi ungerührt. „Außerdem fingen die Mädel in meiner Klasse sämtlich an, albern zu werden. Mit Puder und Lippenstift und all so’n Kram. Als ob das nicht Zeit hätte, bis man zwanzig oder noch älter ist. Über mich haben sie sich aufgeregt, weil ich in Lederhosen ging.“
„In die Schule auch?“ fragt Rose.
„Klar“, sagt Josi, „ich hab’ doch keine Jeans. Außerdem – als ob das einen Unterschied machte! Viele kommen in Shorts, wenn es so heiß ist. Warum dann nicht in Lederhosen?“
„Das ist aber ein Unterschied, Josi“, sagte Rose betreten, „doch, bestimmt! Meine Shorts sind dir zu groß, sonst –“
„Vielleicht kann ich dir welche nähen?“ fragt jetzt Ute. „Ich habe mir selbst auch welche genäht. Das ist ganz leicht. Ich brauche nie einen Schnitt.“
„Wollen wir nicht lieber tanzen?“ fragt Tine. „Wir haben eine Menge neue Platten, eine hab ich mitgebracht. Aber vielleicht lassen wir das Tanzen bis heute abend.“
„Wir könnten doch aber schon jetzt welche spielen“, sagt Michael. Er ist musikalisch, liebt gute Musik. Leider pflegt Tante Troll, wenn sie etwas vom Wirtschaftsgeld erübrigt, Schlagerplatten zu kaufen. Irgendwelche, gerade gängige, blödsinnige Sachen, sie hat eine Schwäche für haarsträubenden Unsinn. Ein heiserer Bariton, der flüstert, ein Schlagersänger, der den Schluckauf hat, „schräge Musik“. Wenn Lars kommt, tanzt sie mit ihm, trotz ihrer mageren Länge, erstaunlich geschmeidig und unermüdlich. Platten mit Hot-Music füllen den Schrank. Für das gleiche Geld hätte Michael zwei Monate lang Klavierstunden haben können. Jetzt legt er eine Beethovenplatte auf, und sein breites, helles und noch unfertiges Jungengesicht zuckt ein wenig, als es nicht still bleibt, sondern die Unterhaltung weitergeht.
Sie sitzen lange beisammen und raffen sich schließlich auf, um die Ponys zu besuchen. Die weiden im Grasgarten unter den alten, seit Jahren nicht ausgeholzten Apfelbäumen, zwei größere, zwei kleinere und eine Mutter mit Kind. Schäker, das diesjährige Fohlen, ein falber, kleiner Hengst, schnuppert Rose neugierig und zutraulich entgegen, man hat ihn ihr bisher verschwiegen und entzückt sich nun an ihren Zorn- und Liebesausbrüchen. Als erstes hatte sie zwar nach diesem Ereignis gefragt; aber man überging es. Jetzt stehen die Einheimischen und sehen wohlgefällig zu, wie Rose, Richard und Ute den Kleinen mit Zärtlichkeit und die Geschwister mit Beschimpfungen überschütten.
„So was schreibt man doch – oder telegrafiert es!“ schilt Rose, „nein, so ein hübsches Fohlen haben wir lange nicht gehabt. Ging alles glatt? – Wart ihr dabei? – Seit wann ist er denn da? – Nein, wahrhaftig, es ist eine Heimtückerei sondergleichen, einen nicht auf dem Laufenden zu halten, mit so was Wichtigem!“
„Wir hätten dich gar nicht erreichen können. Du warst auf dem Pfingstritt. Er ist erst zwei Tage alt“, sagt Volker. Rose beruhigt sich, als sie das hört.
„Aber vorhin hättet ihr was sagen sollen“, schließt sie ihre Schimpfkanonade ab, „morgen reiten wir, Richard und ich. Und Ute muß auch mal dürfen. Vielleicht nehmt ihr die Ponys nachmittag?“ schlägt sie Tine vor. Natürlich sind die beiden auch für Erwachsene reitbaren Ponys immer sehr gefragt, zumal in den Ferien. Rose brennt darauf, alles, was sie in Tübingen gelernt hat, nun hier anzuwenden.
Tine ist friedlich, und Ute versichert natürlich, ihr sei alles recht. Zunächst geben die Kleinen die übliche Vorstellung, die in kleinen Abwandlungen bei jedem Besuch, der darum bittet, vom Stapel läuft. Sie reiten ihre kleinen Pferde „auf dem Zirkel“, im Trab und im Galopp, sie springen über einen eigens dafür ausgehobenen Graben und rufen schließlich den Großen zu, die sollen das Hindernis auflegen. Rose, der solche Vorführungen anfangs stets peinlich sind und die dann vor lauter Stolz auf die Kleinen fast zu platzen droht, holt das Rick. Es wird kunstgerecht aufgelegt, locker, damit es abfällt, wenn ein Huf es auch nur streift.
„Höher!“ schreit Volker, der sein „Nickerchen“ warm und an den Zügel geritten hat, und Josi nickt zustimmend, als Rose fragend zu ihr hinguckt.
„Klar. Schafft der.“
Die beiden schaffen es wirklich. Der kleine Reiter muß sich in acht nehmen, damit er die Stange nicht mit den eigenen Füßen reißt, die beträchtlich über den Ponybauch herunterhängen. Er hat sich eine katzenartige, merkwürdige Haltung angewöhnt.
„Wie ein Hunne“, sagt Rose halblaut zu Richard. Volker darf es nicht hören. Rose strahlt trotzdem; man sieht ja, wie Richard diese Wildwest-Reiterei gefällt.
„Nun nehmt schon mal die Großen“, ruft Rose deshalb, als das Repertoir der Shetlandponys zu Ende geht. Josi und Volker haben nur darauf gewartet. Ihnen geht es wie ihren Pferden und wie Rose selbst: Zunächst haben sie nie Lust, eine Schaustellung zu geben, dann werden sie warm, und schließlich können sie nicht genug kriegen und überbieten einander.
„Sie reiten die größeren Ponys auch ohne Sattel. Weihnachten haben sie einen Voltigiergurt bekommen. Wo ist denn der? Nehmt ihn doch, damit ihr mal zeigen könnt, was ihr gelernt habt.“
„Ach was, den brauchen wir schon längst nicht mehr“, sagt Josi, die die dunklere Stute mit dem größeren Temperament hat. Sie treibt diese, sie am Zügel neben sich führend, im Trab quer durch den Garten, greift in die Mähne, und hopp, ist sie oben. Als Kinder haben sie alle im Reitverein voltigiert. Das kommt ihnen natürlich durch ein ganzes Reiterleben zugute. Auch Volker springt auf und ab, daß seine Haare wippen. Er vergißt oft wochenlang, zum Friseur zu gehen, und heißt daher in der Familie wegen seines rundherum herunterhängenden Strohhaares der Kaffernkral.
„Muß man das hier können? Oder haben Sie auch Sättel und Bügel?“ fragt Richard, von diesen Künsten etwas eingeschüchtert. Rose lacht. Dann gibt sie den Kleinen noch ein paar Anweisungen für Sitz und Haltung, damit ihnen die Bäume nicht allzusehr in den Himmel wachsen, wie sie sagt. Freilich, verbessern kann sie nur in der Theorie. Reiten, wie es die Dressurprüfungen verlangen, ist das natürlich nicht zu nennen, aber diese kleinen Teufel sind auf ihren Gäulen so sicher, daß einen der blasse Neid fressen könnte.
*
In der Nacht wacht Rose auf. Sie ist ganz verschlafen, war spät ins Bett gekommen, und in den letzten Tagen hatte sie Luft und Sonne fast im Übermaß. Von vorher, von den Fleißprüfungen und Testaten gar nicht zu reden. Beinah kann sie sich nicht hochreißen. Aber ihr ist, als habe die Garagentür gescheppert. Vater ist wohl heimgekommen.
Sie haben gestern vergeblich auf ihn gewartet. – Er ist es. Rose sieht das Licht im Flur angehen, sie schleicht im Schlafanzug auf nackten Füßen hinaus. Sie will Vater warnen, daß er Richard nicht weckt, der in der Wohnstube im Klappbett liegt.
Vater steht in der Küche am Wasserkran und läßt ein Glas vollaufen. Er ist ohne Mantel. Als er sich herumdreht und Rose erkennt, leuchtet sein Gesicht warm und freundlich auf. Es hat müde ausgesehen, nun ja, kein Wunder, wenn er so spät heimkommt!
„Es ist Mitternacht, Dr. Hofer“, sagt Rose und legt ihre Arme um seinen Hals. „Muß es denn immer so spät werden?“
„Ach ja. Ach nein übrigens“, sagt Vater und lacht. Er setzt die Brille wieder auf, die er geputzt hat. „Hast du mir das hier aufgebaut?“
Er deutet auf ein zierliches Abendbrot-Arrangement, das auf dem Küchentisch seiner wartet: Salat, zwei dünne, dickbelegte Butterbrote, Kompott. Rose schüttelt den Kopf.
„Leider nein. Tine. Aber ich werde jetzt wenigstens aufpassen, daß du es ißt.“
Mager ist Vater, und er hält sich ein wenig gebeugt. Oder bildet sie sich das nur ein? Geht Vater schon längere Zeit so, ein bißchen nach vorn eingefallen, ein bißchen alt, müde, schwach geworden? Rose schluckt. Vater. Man müßte zu Hause sein, auf ihn achten, man müßte ihm Liebe geben, jetzt, da er Mutter nicht mehr hat. Man müßte – aber man muß doch – und man will ja auch studieren, auf eigene Füße kommen, selbständig werden.
Vater merkt nichts von ihren Gedanken. Er lacht sie an.
„Wie hübsch, daß du dich zu mir setzt, große Tochter, junge Kollegin“, sagt er fröhlich. Es klingt unbefangen dankbar und ohne jeden verborgenen Vorwurf. „Nun erzähle, wie geht es? Was hörst du am liebsten? Schon Angst vorm Physikum? Los, ich höre zu.“
Als Rose mit dem Stoßgebet im Herzen, daß Vater in dieser Nacht von Patienten unbehelligt durchschlafen möge, ins Bett kriecht, ist ihr merkwürdig glücklich und traurig zugleich zumute. Es war schön, allein mit Vater zu sitzen; aber es ist gar zu selten, daß so etwas einmal klappt. Versäumnisse, Unüberlegtheiten – einmal wird man sie bitter bereuen. Aber sie muß ja –
Ihre Gedanken gehen im Kreis. Vater sah müde aus. Und wer weiß, ob er auch nun wirklich schlafen gegangen ist. Er hat noch etwas von „nur eine Kleinigkeit nachsehen“ gemurmelt, als sie sich verabschiedeten, und ist ins Sprechzimmer gegangen. Mitunter klebt er dort am Schreibtisch fest und vergißt alles um sich her.
Rose zieht die Decke hoch, sie liegt mit Josi zusammen in einem Bett, dem sogenannten Doppeldackel, weil Ute ja auch noch eine Lagerstatt braucht. Besuch gibt man möglichst ein einzelnes Bett. Die Hoferkinder sind von jeher gewöhnt, doppelt zu schlafen, auch die karierten Überzüge sind sie gewöhnt. Das alles paßt Rose im Grunde nicht. Sie möchte es so gern „richtig“ zu Hause haben, endlich bürgerlich, zum mindesten aber ordentlich. Jedoch dazu kommt es nie. Immer sind andere Anschaffungen wichtiger als ein Gastbett oder ein weißer Bezug. Und man soll ja auch Haupt- und Nebensachen trennen können.
Vater ist eine Hauptsache. Kümmert sich niemand ernstlich um ihn? Sorgt dafür, daß er zur Zeit ins Bett kommt? Tante Troll schläft längst. Sie haust im Dachgeschoß in einer Giebelstube und führt bewußt ihr eigenes Leben, wenn sie die Kocherei besorgt hat.
Schließlich schläft Rose trotz aller Gedanken ein. Sie ist jung, und Jugend braucht Schlaf. Und ihr ist, als schöpfe sie trotz aller Besorgnisse und Gedanken eben doch Kraft aus diesem Schlaf, mehr Kraft als aus einem Schlaf in ihrem Tübinger Studentenbett, das weiß bezogen ist, und in dem keine kleine streitbare Schwester ihr die Bettdecke wegzieht. Sie ist eben zu Hause, in ihrem trotz allem geliebten Zuhause.
Richard schlief übrigens keineswegs, als Dr. Hofer nach Hause kam. Er hatte noch keinen Schlaf finden können. Erst waren ihm die Beinlinge seines Schlafanzugs zugenäht gewesen – ein alter Witz und nicht weiter tragisch zu nehmen; nachdem er sie etwas mühsam mit dem Taschenmesser aufgetrennt hatte, hatte er gehofft, sich zur wohlverdienten Ruhe ausstrecken zu können. Aber blitzschnell hatte er die Beine wieder angezogen: Es stach! Ein Igel lag zusammengerollt am Fußende des Betts. Daraufhin hatte er Licht gemacht und sich im Zimmer erst einmal prüfend umgesehen. So etwas macht munter.
Natürlich sind das die Kleinen gewesen, natürlich hat er das vor nicht allzulanger Zeit gleichfalls getan, das oder Ähnliches. Die leise Unruhe „Was wird nun noch passieren“ ist jedoch geblieben und hindert ihn jetzt am Einschlafen.
Er lauscht auf die Schritte im Haus. Der Gedanke, daß seine Anwesenheit im Wohnzimmer vielleicht stören könnte, ist ihm unangenehm. Jemand schleicht draußen an der Tür vorbei. Wohl Rose, denkt er. Er hat keine Ahnung, daß dieses Haus mehrere Ausgänge nach dem Garten zu besitzt, von denen kaum einer jemals abgeschlossen wird, so daß man das Wohnzimmer nicht als Durchgang braucht. Meist sind die Schlüssel zu den Türen verlegt, manchmal auch abgebrochen. Hier steigt niemand ein. –
Bums – er muß doch geschlafen haben. Ob aber Rose mit einem Bums erscheint?
„Rose, sind Sie es?“ flüstert er vorsichtig. Eine tiefe Stimme, nicht Roses Stimme, antwortet:
„Nein, junger Mann, bitte um Entschuldigung. Ich wußte nicht, wer hier untergebracht ist.“
Der Strahl einer Taschenlampe geistert durchs Zimmer. Richard hat sich rücklings auf die Ellbogen gestützt, halb aufgerichtet.
„Kann ich Ihnen behilflich sein?“
„Ja, hier. Halten Sie mal.“ Er fühlt die Lampe in seiner Hand. „Leuchten Sie – oder nein, wenn Sie sowieso wach sind, kann ich ja auch anknipsen.“
Richard sitzt verschlafen und benommen im Bett, während Tante Troll – denn das muß sie ja wohl sein – einen Lexikonband nach dem andern vom Regal nimmt. Sie trägt einen feuerroten Schlafanzug und trotz der lieblichen Jahreszeit schwarze, pelzgefütterte Schuhe, ist groß und mager und hat glattes, eisengraues Haar, kurzgeschnitten und ziemlich anliegend. Ihr Kopf ähnelt dem eines nicht mehr jungen Raubvogels. Die Augen blitzen zu ihm herüber, als sie das, was sie anscheinend sucht, gefunden hat.
„Tut mir leid, wenn Sie jemanden anderen erwarteten“, sagt sie.
„Ich erwartete niemanden“, antwortet er wahrheitsgemäß.
„Glaub’ ich Ihnen. War nur ein dummer Schnack.“
Sie setzt sich in einen der Sessel, die hier stehen, setzt sich, ohne es zu merken, auf Richards Gürtelhose, die dort liegt. Sie schlägt ein Bein über das andere, stützt den Ellbogen darauf und das hagere Kinn in die Hand. So sitzt sie und sieht ihn an. Ihre Augen sind von einem bemerkenswerten, einem wahren Chagall-Blau. An wen erinnert dieser Kopf nur?
„Ich sehe schwarz. Ich sehe sehr schwarz“, sagt sie nach einer Weile sehr ruhig. „Hoffentlich täusche ich mich. Ich täusche mich fast nie.“
„Ist etwas – ich meine, liegt ein besonderer Grund vor, sich zu sorgen?“ fragt Richard. Er hört selbst, wie gedrechselt dieser Satz klingt. Tante Troll muß lachen.
„Keiner, als daß alte Tanten dämliche Träume haben. Ach, ihr Kinder.“ Sie steht auf, lächelt ihn an, was ihr Gesicht auf eine geradezu verblüffende Art verschönt, und hebt die Hand zum Schalter. Knips, Licht aus. Richard bleibt reichlich verstört zurück. –
Am andern Morgen ist aller Spuk verweht. Rose hat an der Tür gekratzt. In dieser Familie wird nicht geklopft, sondern gekratzt. Rose erklärt, woher das kommt.
Lars hat einmal ein Lustspiel gesehen, in dem der Adjutant des Zaren, jetzt Diener eines Herrn Neureich, die Hauptrolle spielt, er und seine entzückende und charmante Frau, in die er wild verliebt ist, und die für ihn Artischocken vom Markt stiehlt. Diese beiden glücklichen Eheleute klopfen auch nicht, sondern kratzen.
„In Ruhsland man krahzt“, heißt es in dem Stück, Lars hat es so oft vorgeführt, daß nun die ganze Familie „krahzt“.
„Das ist bei uns so“, erklärt Rose mit einem leichten Seufzer, „jeder Spaß wird totgehetzt. Aus einer Ermahnung wird ein Strafgericht, aus einem Witz ein Volksfest. Sie sehen, die große Familie – ich selbst kann auch nicht anders. Auch ich krahze.“
„Darf ich fortan auch?“ fragt er begierig. Rose lacht.
„Sie dürfen. Jetzt aber trinken Sie noch eine Tasse.“
Sie sitzen trotz der noch kühlen Morgenfrühe auf der Veranda. Rose hat einen Bombenkaffee gekocht. „Hoffentlich haben Sie gut geschlafen?“
„Doch, doch, danke, ja.“ Er leert seine Tasse. Sie wollen gleich zum Reiten. Alle anderen schlafen noch. Sie unterhalten sich gedämpft.
„Vater kam gestern so spät. Er sieht gar nicht gut aus“, sagt Rose. „Möchten Sie keinen Kaffee mehr? Dann stell’ ich den Rest ins Sprechzimmer, unter die Haube. Ich weiß nicht, ob Tante Troll für Vaters Frühstück sorgt. Und Tine schläft noch.“
„Müssen Sie wirklich schon morgen zurück nach Tübingen?“ fragt Richard. Rose hat vorsichtshalber von Anfang an gesagt, sie bleibe nur zwei Tage zu Hause.
„Ich muß arbeiten“, sagt sie und sieht ihn nicht an. Er kann den Ausdruck ihres Gesichtes nicht recht deuten.
„Arbeiten will ich auch“, sagt er deshalb vorsichtig. „Vielleicht aber könnten wir das auch hier?“
Pulsuz fraqment bitdi.