Kitabı oxu: «Reni»

Şrift:

Lise Gast

Reni
Geliebtes Heim am Berge
Meine Tochter hat’s nicht leicht
Brüder machen manchmal Kummer

Mit Zeichnungen

von Emmy-Claire Haag

Saga

Reni

© 1956 Lise Gast

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711509975

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

Geliebtes Heim am Berge
Reni, wo sie wohnt, und wo sie herstammt

Ganz am Ende der Stadt, dort, wo Anlagen und Park in Wald und Berge übergehen, lag das Haus, in dem Reni wohnte. Das Haus ist übrigens nicht ganz richtig gesagt: eigentlich waren es zwei Häuser, die einander gegenüber lagen, breite, helle Häuser mit schokoladenbraunen Fensterläden und nachgedunkelten, roten Dächern, die weit vorsprangen und wie zu tief gezogene Mützen aussahen. Nicht wie gebaut lagen die Häuser da, sondern wie gewachsen, und damit sie nicht allein waren und sich fürchteten, war es, als gäben sie sich die Hand: hinten, den Raum, der zwischen ihnen lag, wie einen Hof abschließend, lief ein niedriges, breites kleines Gebäude entlang, so wie bei manchen Gasthöfen die Kegelbahn. Dies hier aber war keine Kegelbahn und auch kein Wintergarten, wie man es manchmal hat, es war etwas viel, viel Schöneres. Große, breite, fast bis auf die Erde reichende Fenster hatte es nach beiden Seiten hin, und unter den Fenstern liefen Heizkörper entlang, so daß es auch im Winter warm und zu benutzen war. Das war sehr wichtig, denn nicht nur Reni, sondern auch alle andern Kinder, die hier im Heim am Berge für längere oder kürzere Zeit zu Hause waren, liebten diese Gebäude noch mehr als die hellen Schlafsäle, den großen, getäfelten Wohnraum oder die gemütliche Küche. Wer kann raten, was es war? Niemand. Es war eine Turnhalle.

Dort, wo keine Fenster waren, gingen Leitern an den Wänden hoch, Leitern mit glatten, hellgelben Sprossen, an denen man bis an die Decke klettern und auch sonst die schönsten Übungen machen konnte. In der Mitte gab es einen Rundlauf, viermal Ringe zum Schaukeln und in einer Ecke auch Kletterstangen, schräge und gerade. Auch Sprungmatten waren da, Böcke, Pferde, Hochsprungholme, kurz, alles, was ein zehnjähriges Herz sich erträumt. Hinter der Turnhalle lag eine leichtansteigende Liegewiese, auf der im Sommer die Liegestühle mit den gestreiften Bezügen standen, und dann schloß sich gleich der Bergwald an, mit Bächen und Blaubeerkraut, mit Pilzen und Nadelholz und der herrlichsten, kräftigsten, wunderbarsten Bergluft.

Ja, und vorn, vor der Turnhalle, da war es auch so gemütlich wie in einer Stube. Da standen an dem einen Haus entlang eingerammte Tische mit Bänken davor und dahinter, und darüber wölbten sich alte, dicke Kastanienbäume, die im Frühling ganz weihnachtlich voller Kerzen gesteckt waren, manche mit weißen, manche mit roten Lichtern, — und im Herbst bescherten sie das allerschönste Kinderspielzeug, blank und glatt, rotbraun oder gescheckt, das aus stachlichen Hüllen platzte, jedes Jahr wieder, umsonst und ohne Bestellung. Es waren richtige liebe, vertraute, lebendige Bäume, und sie hatten auch Namen. Der eine hieß Alma, der andere Meta, und der dritte, der fast in der Mitte des Hofes stand und eigentlich schon viel zu alt war, denn er hatte einen ganz, ganz dicken Stamm, der schon hohl war, so daß man sich darin verstecken konnte, der hieß von alters her Henriette. Er sollte eigentlich längst gefällt sein, aber alle, von Tante Mumme angefangen bis zum kleinsten Küchenmädel herunter, erhoben ein lautes Gejammer, wenn der Doktor mit diesem mörderischen Vorschlag kam, und so blieb er von Jahr zu Jahr stehen. „Er wird euch noch auf die Köpfe fallen!“ drohte der Doktor, aber da lachten sie nur, denn sie wußten, daß der Doktor seinen Freund, den Förster, stets fragte, ob Gefahr bestünde. Und dann lachte der alte Rauschebart und sagte, solange das Haus hielte, hielte auch die Henriette.

„Tu doch nicht, als ob unser Heim eine alte, wacklige Bruchbude wäre, Onkel Oberförster“, sagte Reni einmal ganz wütend, als er so geantwortet hatte, und da lachte er noch mehr.

„Euer Heim — bewahre! Ich sage doch nichts gegen euer geliebtes Heim am Berge — wo werd’ ich denn, kleine Reni!“

Heute nun war dieses wunderschöne, lebendige und heißgeliebte Heim übrigens leer, jedenfalls fast leer, nur Tante Mumme war da, als Reni vom Bahnhof kam — sie hatte den letzten Schub Erholungskinder, wie sie das stets tat, zur Bahn gebracht. Es war immer ein bißchen traurig, wenn die andern abfuhren, obwohl die meisten versprachen, zu schreiben oder im nächsten Jahr wiederzukommen — aber sie taten in der Regel weder das eine noch das andere.

Dafür kamen neue Kinder, lustige und stille, Jungen und Mädel, große und kleine ...

Reni kannte das nun schon, so lange sie lebte — sie war das einzige Kind, das blieb. Wenn sie von der Bahn heimkam, war ihr immer zum Heulen zumute, und dann suchte sie schleunigst nach Tante Mumme. Wo? In der Küche. Die war dann immer tipptopp aufgeräumt, denn die Küchenmädel hatten in der Zeit, in der keine Kinder da waren, auch frei — ein einziger Herd von den vier großen, die in der Mitte der Küche wie ein Festungsblock lagen, brannte, und dort fand Reni Tante Mumme. Sie kochte sich Kaffee.

„Damit ich die Ruhe genießen kann“, sagte sie entschuldigend, aber Reni lachte nur. Andere Leute tranken Kaffee, um munter zu werden — jedenfalls sagte der Onkel Doktor so — Tante Mumme aber trank welchen, um schlafen zu können. Komische, kugelrunde, geliebte alte Tante Mumme!

„Was backen wir uns denn diesmal für einen Pausenkuchen?“ fragte Reni auch heute; es war die Frage, die ihr schon während des ganzen, einsamen Heimwegs auf dem Herzen gelegen hatte. Immer, wenn Pause war, wenn die ersehnten und gefürchteten drei Tage zwischen den Sechswochen-Erholungskindern eintraten, durfte sich Reni einen Kuchen ausdenken. Und das war um diese Zeit ein bißchen schwer: Kirschen gab es nicht mehr und Äpfel noch nicht. Blieb Quark oder Streusel — den konnte man aber auch im Winter haben.

„Ich weiß! Hobelspäne! Wenn auch weder Fastnacht noch Sylvester ist! Ich hab’ solchen Appetit auf Hobelspäne“, sagte Tante Mumme. Reni guckte vorwurfsvoll.

„Aber, Tante Mumme! Der Onkel Doktor mag doch keine — oder vielmehr, er mag sie zu sehr. Und er soll doch nicht!“

„Er ist doch nicht da, Kinding, die nächsten Wochen. Er verreist doch“, sagte Tante Mumme. Sie mußte ja schließlich einmal damit herausrücken, Reni mußte es erfahren. Sie hatte es ihr bisher nicht gesagt — hatte immer gehofft, er würde wenigstens so lange bleiben, bis der nächste Kindertransport da wäre. Aber es hatte sich nun doch nicht so gemacht ... Reni guckte entgeistert. „Der Onkel Doktor fährt weg? Heute schon?“

„Aber Kinding, du hast doch mich“, tröstete Tante Mumme. Sie wußte, wie ungeheuer zärtlich Reni an ihrem Bruder hing und daß ihr nichts die Pause so versüßte wie die Tatsache, daß ihr nun der liebe, gute, lustige, dicke Onkel Doktor allein gehörte. Er verwöhnte das Mädel, das war keine Frage, aber es war ja verständlich — er hatte doch sonst nichts vom Leben. Arbeit, Arbeit, Arbeit — er war so sehr beliebt in der Stadt und wurde überlaufen von Patienten, und am liebsten hätte er sich doch einzig und allein dem Kinderheim gewidmet. Das ging ja nun nicht, wie eben vieles auf der Welt nicht so geht, wie man gern möchte ...

„Aber warum hast du mir das denn nicht gesagt?“ fragte Reni nach einer Weile, in der sie stumm neben Tante Mumme am Herd gelehnt hatte. „Ich wollte dir das Herz nicht unnütz schwer machen“, sagte Tante Mumme leise. „Es geht dem Onkel Doktor nicht gut, weißt du. Er fährt nicht zum Vergnügen. Er soll sich endlich mal ganz auskurieren und erholen!“

„Aber das könnte er doch hier!“ rief Reni, den Tränen nahe. „Hierher kommen doch alle, um sich zu erholen — es steht doch in allen Zeitschriften und überall: Kinderheim für Erholungsbedürftige.“

„Ja, Kinder heim, für erholungsbedürftige Kinder, natürlich“, sagte Tante Mumme. „Aber sieh mal, der Onkel Doktor kommt doch hier zu keiner Erholung. Immerfort kommen Leute, auch wenn er das Telefon abstellt ...“

„Ist er etwa schon fort?“ fragte Reni. Ihr ahnte das Schlimmste. Aber Tante Mumme beruhigte sie.

„Nein, nein, Reni, er ißt heute nochmal mit uns, nachher gleich.“

Gottlob. Das wenigstens blieb ihr noch — es war immer so hübsch, wenn sie einmal allein zu dritt aßen, unten im Hof, am Ende eines der langen Tische, mit einem weißen Tischtuch und dem guten Geschirr. Und Tante Mumme kochte dann immer etwas besonders Gutes.

Aber über die schreckliche, vielleicht wochenlange Trennung konnte nicht mal ein Fischfilet mit grünem Salat hinwegtrösten, — Reni verließ die Küche leise und trat hinaus in den Hof. Wie stumm alles war — kein Gekribbel von kleinen Kindern am Sandkasten unter der Henriette, kein Gespritze und Geschrei von den größeren am Planschbecken. Dabei war es so herrlich heiß heute ...

Reni trug ein weißes Kleid mit roten Tupfen, einem roten Gürtel und rotem Kragen. Sie hatte, als sie zur Stadt hinuntergefahren war, ihre Halbschuhe angehabt, sie aber jetzt ausgezogen und im Flur stehen gelassen. Barfußlaufen gehörte hier zum guten Ton, der Onkel Doktor sagte immer, daß viele, viele Krankheiten einfach nicht da wären, wenn die Menschen mehr barfuß liefen. Besonders früh auf der Wiese, wenn sie noch taunaß war — Tautreten nannte man das. Reni war immer sehr dahinter her, daß alles befolgt wurde, was der Onkel Doktor sagte.

Er war so gut und so lustig — und bestimmt ganz einzigartig. Schon oft hatte sie beobachtet, daß Kinder, die neu hier waren und ihren Onkel Doktor nicht kannten, sich fürchteten, wenn es hieß: der Arzt kommt. Sie konnte das nicht verstehen. Niemand war so lieb, so sanft und zärtlich und feinfühlig wie dieser große, dicke Mann mit dem kleinen schwarzen Bärtchen auf der Oberlippe und der schwarzgeränderten Hornbrille. Niemand konnte so herzlich lachen, so wunderbar erzählen, so munter und muntermachend zum Spielen anregen — niemand vermochte so entzückend zu zeichnen, wenn man einmal im Bett lag und sich langweilte. Gewiß, Tante Mumme war auch lieb, wenn sie abends kam, nachsah, ob auch alle Kinder gut zugedeckt waren und keins weinte, weil es nun doch ein bißchen Heimweh bekommen hatte. Aber sie war eben ein bißchen wie das tägliche Brot — man kam nicht ohne sie aus, aber man hatte sie schließlich immer. Der Onkel Doktor dagegen ... Er war wohl noch gar nicht so alt, wie Reni glaubte — jedenfalls viel jünger als Tante Mumme. Tante Mumme hatte schon graue Haare, er nicht ein einziges. Er war ihr „kleiner“ Bruder, wie er manchmal aus Spaß sagte.

Reni war hier im Kinderheim aufgewachsen und ging von hier aus in die Schule in der Stadt, vormittags. Aber die Schule spielte keine allzu große Rolle in ihrem Leben; sie kam ohne Mühe mit, und Schulfreundinnen hatte sie eigentlich keine. Dazu war ihr Leben im Heim viel zu bunt und lebendig — im Heim war sie zu Hause, wie andere Kinder bei ihren Eltern. Warum — sie hatte nie danach gefragt, bis es ihr der Onkel Doktor einmal in einer Pause erzählt hatte — im Winter, als draußen der Schnee stöberte und das Heim so unglaublich still dalag. Da hatte er in seinem Zimmer ein Kaminfeuer gemacht und sie dazu eingeladen, sie ganz allein, denn Tante Mumme war müde und ging lieber ins Bett — „weil Kaminabende ja doch nie ein Ende nehmen!“ Da hatte er ihr erzählt, warum sie immer hier blieb, während die andern Kinder doch stets zu ihren Eltern zurückfuhren, wenn sie sich erholt und rote Backen angefuttert hatten.

Reni hatte auch Eltern, aber ihr Vater war gestorben, als sie noch ganz kleinwinzig gewesen war. Er war sehr jung, als er Renis Mutter heiratete, und er hatte noch keinen richtigen Beruf. Vielmehr, einen hatte er schon, er war Lehrer gewesen, aber er wollte so sehr gern ein Onkel Doktor werden, weil er da vielen Menschen helfen und sie gesund machen könnte, genau so wie er selbst es tat. Die Mutter hatte auch ja dazu gesagt, sie war einverstanden, auch damit, daß sie trotzdem mit dem Heiraten nicht warten wollten, bis der Vater fertig mit dem Studieren war. Ihre Eltern aber, Renis Großeltern also, waren durchaus nicht einverstanden gewesen ...

„Verstehst du das, Reni, ja? Sie sorgten sich um deine Mutter“, sagte der Onkel Doktor und sah in die großaufgerissenen, ernsten Kinderaugen hinein, in denen sich das Feuer spiegelte und Funken darin weckte wie ein Abendhimmel in einem Gebirgssee, „und sie wollten, daß deine Eltern noch warten sollten mit dem Heiraten. Dein Vater sollte erst so viel verdienen, daß er deiner Mutter ein Haus bauen könnte und Möbel kaufen, und eine ganze Herde Kinder satt machen — denn deine Eltern wollten nicht, daß sie nur ein einziges Kind hätten, eins ohne Geschwister, verstehst du. Aber deine Mutter meinte, warten wollte sie nicht, sie wollte lieber mitverdienen und deinem Vater helfen und gleich seine Frau werden.

Viele tapfere Frauen denken und handeln so, aber viele Eltern in ihrer Liebe und Güte sind zu ängstlich dazu, es zu erlauben, denn sie denken, es wird ein zu schweres Leben für ihr Kind. Deine Mutter bekam es auch wirklich schwer, siehst du, denn dein Vater starb, ehe er fertig mit Studieren war, und du warst nun schon auf der Welt und deine Mutter mußte dich ganz allein großziehen.

Deine Großeltern hatten es ihr sogar verboten, hatten ihr gedroht, wenn sie nicht gehorchte, würden sie ihr gar nicht helfen, wenn sie einmal in Not käme. Nun war sie in Not — die Großeltern hätten ihr sicher geholfen, wenn sie zu ihnen gekommen wäre, aber nun wollte sie nicht. Sie ging auf ein Gut und wurde dort Sekretärin, und dich gab sie zu uns, zu Tante Mumme und mir. Sie hatte die Anzeige und das Bild von unserm Heim in einer Zeitschrift gesehen und kam nun und sprach mit Tante Mumme, und Tante Mumme hat dich gern hier aufgenommen, weil sie ja selbst nicht verheiratet ist und keine Kinder hat.“

„Und da gehöre ich nun euch“, sagte Reni befriedigt, als er so weit gekommen war. „Nicht wahr, ich gehöre euch — ich bin nicht so ein Kind wie die andern, die hier bloß für ein paar Wochen zur Erholung sind!“

Der Doktor lachte.

„Nein, so ein Durchgangskind bist du nicht“, bestätigte er und klopfte sie auf die Backen, lachend und vergnügt. Dann aber wurde er wieder ernster.

„Trotzdem gehörst du deiner Mutter, nicht uns“, sagte er freundlich, „wenn wir auch wünschen, du wärst unser Kind.“ Das letzte sagte er leiser und wie zu sich selbst. Reni sah das nicht ein.

„Aber wieso denn? Tante Mumme gibt mir zu essen und macht mir die Kleider, und ...“

„Aber deine Mutter bezahlt das alles“, hielt der Doktor dagegen. „Tante Mumme schreibt alles auf und —“

„Nein, Onkel Doktor“, sagte Reni unbefangen, aber durchaus ihrer Sache sicher, „das macht sie nicht. Sie hat mir neulich erst ein Kleid gemacht, das war aus einem alten von ihr selber.“

Der Doktor lachte, diesmal ein bißchen unsicher.

„Hat sie? Sie soll doch lieber neuen Stoff kaufen, die alte Morchel“, brummte er. „Aber sie denkt immer, sie muß sparen!“

„Und alle ihre alten Bilderbücher hat sie mir geschenkt und ihre Puppen, die sie selbst als Kind gehabt hat. Das macht sie doch mit den andern Kindern nicht — ich glaube, das weißt du nicht so. Ich gehöre doch viel mehr zu euch als zu meiner Mutter. Von ihr habe ich noch gar kein Kleid, und keine Puppe, und nicht mal ein Bilderbuch ...“

„Na, und das große Schaukelpferd zum Beispiel, das du bekamst, als du drei Jahre alt wurdest?“ fragte der Doktor, beinah ärgerlich. Er suchte in seinem Gedächtnis — mein Himmel, man hatte doch weiß Gott genug im Kopf zu behalten. Nun sollte er auch noch wissen, was Frau Jahnecke ihrer Tochter alles Gutes getan hatte ... „Und der Pferdestall mit den vier Boxen nebeneinander, war der nicht großartig? Also: Hat dir Tante Mumme oder ich jemals was so Schönes geschenkt?“

„Nein, der war schön. Schöner als Puppen“, sagte Reni nachgiebig, „aber er war doch nicht von Mutter, ich meine, von ihr von früher her!“

„Gewiß. Das kommt aber wahrscheinlich davon, daß deine Großeltern noch immer böse sind auf deine Mutter, so daß sie nicht zu ihrem alten Spielzeug kann“, erklärte der Doktor. „Du gehörst aber trotzdem deiner Mutter. Wir sind nur froh, solange wir dich geborgt bekommen, denn wir haben dich beide lieb — auch wenn du dumme Fragen stellst“, lachte er. Am nächsten Morgen berichtete er seiner Schwester von dieser Unterhaltung.

„Das Mädel macht sich Gedanken, ganz erwachsene Gedanken“, sagte er ärgerlich. „Schreib doch an Frau Jahnecke, daß sie verschiedenes herschickt. Dann wird Reni sich beruhigen. Und laß sie an die Mutter schreiben. Wir dürfen das Kind nicht verwirren, auch nicht aus Liebe ...“

Tante Mumme nickte. Er hatte recht. Von nun an ließ sie Reni an jedem Regentag, an dem alle Kinder nach Hause schrieben, auch einen Brief an die Mutter verfassen. Reni tat es mit der Sorgfalt, mit der sie ihre Schularbeiten erledigte — und vergaß, sobald sie fertig war, die Mutter wieder, so wie sie die Schule vergaß, wenn sie ihre Aufgaben gemacht hatte.

Tante Mumme sah das und machte sich ihre Gedanken darüber. Aber nicht lange — sie war nicht so geartet, sich viele Gedanken zu machen außer denen, die jeden Augenblick von allen Seiten auf sie einstürmten. Außerdem denkt man nicht allzugerne an Sachen, die man am liebsten vergessen möchte — sie hatte Reni herzlich lieb und wünschte nichts sehnlicher, als sie noch lange, lange behalten zu dürfen. So blieb es bei den Briefen, die Renis Mutter immer treulich beantwortete. Manchmal kam sie auch auf Besuch, aber immer nur kurz; sie hatte mit den ersten Dienststellen wohl etwas Pech, wechselte öfters und wagte nicht, um längeren Urlaub einzukommen.

In letzter Zeit schien sie sich auf dem Gut, auf dem sie war, besser eingerichtet zu haben, aber sie war wohl dort ganz unentbehrlich geworden, da der Gutsherr kränklich war und vieles nur mit ihr allein besprach. So konnte sie auch jetzt kaum fort. Außerdem gab es auf diesem Gut etwas, was der Mutter wichtig und schließlich ganz unentbehrlich geworden war: es gab Pferde — nicht nur die nötigsten Acker- oder Kutschpferde wie überall auf dem Lande, sondern auch eine Pferdezucht. Die war der Mutter fast ganz überlassen, und ihr warmes und liebevolles Herz hatte sich dieser Aufgabe weit geöffnet, weil es zwischen all den fremden Menschen etwas zum Pflegen suchte.

Reni konnte sich kaum mehr vorstellen, daß Mutter beispielsweise einen Brief schreiben könnte, in dem nicht drei von vier Seiten von Pferden handelten. Auf allen Fotos von Mutter waren Pferde mit darauf, zottige Fohlen, sanfte, schöngewachsene Stuten oder wilde Zweijährige. Mutter konnte auch großartig reiten. Reni freute sich immer, wenn die Mutter einmal kam, aber sie trennte sich nicht schwer nach den Besuchen. Ihr Zu-Hause war eben das Heim am Berge. Aber was war das geliebte Heim ohne Onkel Doktor, und nun sollte er so schrecklich lange wegbleiben!

Reni konnte sich das gar nicht vorstellen und lauerte unten am Hoftor, daß er endlich zum Essen käme. Ihr Gesicht war ganz unglücklich, als er endlich kam und ihr seine Fahrhandschuhe mit einem munteren: „Hunger, Kindel, Hunger, Hunger!“ zuwarf. „Nun, bewölkt? Regenfälle zu erwarten?“

„Du fährst weg, Onkel Doktor?“ fragte Reni kläglich. Er kam um den Wagen herum, nahm ihr Gesicht in seine beiden Hände und sah ihr in die Augen.

„Ja, Kind, ich muß. Und weißt du, worauf ich mich bei dieser Reise am meisten freu?“

„Na?“ fragte Reni, mehr aus Höflichkeit als aus Interesse. Er freute sich auch noch!

„Aufs Wiedersehen, Dummerle“, lachte er und gab ihr einen Klaps auf die Backe. „Nun aber kein Murrgesicht! Sonst freu’ ich mich nämlich nicht mehr!“

Frau Jahnecke bekommt einen Brief, und Erika schmiedet einen Plan

„Liebe Mutter! Ich schreibe Dir, weil es jetzt so traurig bei uns ist. Der Onkel Doktor ist fort und kommt so bald nicht wieder. Er ist nämlich krank. Wenn er nicht da ist, ist hier gar nichts los. Außerdem haben wir gerade Pause, da ist es nie schön. Tante Mumme hat aber Hobelspäne gebacken. Ich esse sie sehr gern. Tante Mumme ist auch lieb, aber der Onkel Doktor noch viel mehr. Ich hab einen neuen Luftanzug bekommen, blau mit weißen Sternchen, er ist sehr hübsch. Ich bin schon sehr braun gebrannt. Tante Mumme wird nie braun, nur rot. Wie geht es Dir? Mir geht es gut, ich meine mit der Gesundheit. Sonst bin ich immer noch traurig.

Viele Grüße Deine Reni.“

Seufzend steckte Frau Jahnecke den Brief in die Tasche ihrer Reithose. Sie hatte ihn schon mehrmals gelesen, aber immer wieder fand sie ihn betrüblich. Obwohl sie sich einzureden versuchte, daß Kinder oft in einer augenblicklichen trüben Stimmung schreiben, dann den Brief in den Kasten werfen und fröhlich pfeifend zum nächsten Spiel springen ... Es brauchte wirklich nichts Ernstes zu sein.

Aber es bedrückte sie. Sollte sie denn nie aus den Bedrückungen herauskommen? — fast schien es ihr heute so. Nun hatte sie doch endlich eine Stellung gefunden, in der es ihr gefiel, die ihr durch die nette Behandlung der Gutsleute und vor allem durch die geliebten Pferde innerlich etwas gab — die nicht nur einzig und allein ihr und Reni den Lebensunterhalt sicherte.

Und nun kam dies, daß Reni so traurig schrieb.

Es war ja wohl kein Wunder. Die Mutter ersetzt niemand, sagt man immer, und Reni wuchs eben ohne Mutter auf. Immer hatte sie gedacht, Kinder müßten mit Kindern aufwachsen, deshalb hatte sie Reni im Heim gelassen, wo immer Kinder waren — sie hatte sich selbst früher mehr Kinder als nur ein einziges gewünscht. Nun aber dachte sie, daß es doch vielleicht falsch war — daß auch gleichaltrige Kameraden und Gespielen nicht so wichtig sind wie die Mutter. Sie liebte ihr kleines Mädel, liebte es umsomehr, da es ja ihr einziger Besitz war — nur um Renis willen hatte sie auf ein Zusammenleben verzichtet.

Draußen schien die Sonne, es war ein wolkenloser, herrlicher Tag, aber ihr Herz war schwer. Schließlich schob sie ihre Rechnungen zusammen, schloß den Rollschreibtisch ab und stand auf. Sie hatte noch draußen im Vorwerk zu tun, vielleicht kam sie auf andere Gedanken, wenn sie das jetzt sofort erledigte.

Wirklich fühlte sie sich gleich ein bißchen besser, als sie den Pallasch auf den Hof hinausführte — er hob den Kopf und schnoberte in den wunderbaren Morgen hinaus. Sie saß auf; ach, nichts kam dem gleich, wenn der Sattel knarrte, wenn man das Pferd lebendig und geschmeidig unter sich fühlte. Reni müßte reiten lernen ... Sie trabte an. ‚Das höchste Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde‘, hieß es — ja, das war wohl nicht übertrieben. Es war, als streifte der Frühwind alle trüben Gedanken von ihr ab.

An der Parkecke machte der Pallasch einen erschrockenen Sprung, es kläffte um seine Beine. Max und Moritz, die beiden kleinen Schnauzer, waren auf ihn losgefahren — Frau Jahnecke sah sich um und entdeckte Erika drüben am Zaun. Sie parierte und wartete, bis das kleine Mädel herübergekommen war.

„Sind sie dir wieder mal ausgerissen?“ fragte sie freundlich.

„Ja, sie hören nicht“, sagte Erika ärgerlich, „ich kann pfeifen und rufen, soviel ich will ...“

„Sie werden es schon lernen, sie sind ja noch jung“, tröstete Frau Jahnecke, saß ab und versuchte, Erika zu helfen. Sie haschten nach den Hunden, die sich überkugelten, nach ihren Händen schnappten und sich um nichts in der Welt anleinen lassen wollten. „Jugend hat keine Tugend, Erika!“

„Ach, das sagt Fräulein Sonneson auch immer“, sagte Erika und lachte trübe, „als ob man was dafür könnte, daß man noch nicht älter ist!“

Frau Jahnecke sah in das hübsche, helle Mädchengesicht unter dem dunklen Haar, das jetzt mürrisch und verdrossen aussah — — nein, eigentlich mehr traurig. Sie mußte sofort wieder an ihr kleines Mädel denken. Zwölf Jahre alt war Erika Niethammer, ein Jahr älter als Reni ...

„Nein, dafür kann man nichts“, sagte sie lustig, mit dem Willen, ein bißchen zu trösten und aufzumuntern. „Aber es ist doch manchmal auch gut, wenn man noch klein ist ...“

„Wieso?“ fragte Erika mißtrauisch.

„Zum Beispiel, weil einen die Frau Jahnecke da mitnehmen kann auf dem Pallasch, was sonst nicht ginge — wenn man nämlich schon größer wäre“, lachte sie und nahm Erika mit einem Schwung vor sich auf den Sattel. „So, nun wollen wir uns mal tüchtig tummeln, du sollst mal sehen, wie einem da die schwarzen Gedanken vergehen.“

Sie trabte an. Erika strahlte — sie war nicht verwöhnt mit solchen Freuden. Und die Hunde kugelten hinter ihnen her, überpurzelten sich vor Eifer und jappten und kläfften — es war wirklich lustig. Frau Jahnecke sah mit Vergnügen, daß Erikas Gesicht sich autgehellt hatte. „Na, kann man auch mal wieder lachen?“ fragte sie freundlich.

„Ach, Sie sind immer so lieb zu mir“, sagte Erika dankbar, „mit Ihnen bin ich gern zusammen. Aber Sie haben ja auch niemals Zeit für mich — jedenfalls fast nie — höchstens mal abends, oder so wie jetzt.“

„Im Winter hab ich wieder mehr“, tröstete Frau Jahnecke. Es tat ihr selbst leid für das Kind — das wuchs so allein zwischen all den Erwachsenen auf, hatte kränkliche, überängstliche Eltern, eine freundliche, aber doch ziemlich strenge und sehr gewissenhafte Hauslehrerin ...

„Du müßtest eine Freundin haben, Erika, weil du doch keine Geschwister hast“, sagte sie herzlich, „Reni hat immer schrecklich viel Freundinnen und Freunde. Ihr Poesiealbum ist schon voll, sie wünscht sich zum Geburtstag ein neues!“

Sie brach ab. Renis Brief war ihr eingefallen — der klang ja nun nicht gerade übermäßig lustig. Erika konnte das natürlich nicht wissen, sie fuhr in dem leise betrübten Ton fort, der so viel schlimmer ist als Verdrossenheit und Nörgelei:

„Ja, Reni hat’s gut! Immer mit andern Kindern zusammen sein dürfen — das denke ich mir himmlisch. Wieviel sind da immer im Heim? Fünfzig? Da muß man doch herrlich spielen können. Und der Spaß abends im Schlafsaal!“

„Du hast doch dafür immer deine Mutter da“, sagte Frau Jahnecke leise. Erika wandte den Kopf nach ihr und sah sie an, nur einen Augenblick. Sie, ein Kind, das nur mit Erwachsenen zusammenkam, hatte eine viel feinere Witterung für die Stimmung der andern um sie her als sonst vielleicht ein zwölfjähriges Kind.

„Bangt sich Reni nach Ihnen, Frau Jahnecke?“ fragte sie still. Die Frau antwortete nicht gleich. Sie lenkte das Pferd in einen Feldweg und ließ es in Schritt fallen, klopfte ihm den Hals. Dann schwang sie sich vom Sattel und fing Erika auf, die auch herunterrutschte.

„Willst du hier auf mich warten, Erika? Mit dem Pallasch? Dann spring’ ich schnell über die Koppel zum Inspektor hinüber und sprech’ mit ihm, und du kannst rückzu wieder mitreiten. Willst du inzwischen Renis Brief lesen? Ich bekam ihn heute früh.“

Sie gab ihn dem Kind und nickte ihm zu, freundlich und herzlich. Dann kroch sie durch den Koppelzaun und ging über das kurze, federnde Gras hinüber nach dem Vorwerk, wo sie die Gestalt des Inspektors erkannt hatte.

Erika hatte den kurzen Brief sogleich überflogen. Sie sah ihn, im Gras sitzend und die Hunde, die immerfort mit ihr spielen wollten, abwehrend, noch einmal langsam durch, genau und sehr aufmerksam. Sie wußte seit vielen Jahren von Reni, es war ja klar, daß Frau Jahnecke oft mit ihr von der Tochter sprach. Gesehen hatte sie Reni noch nie, aber sie kannte alle Bilder, die Tante Mumme schickte. Als Reni sich Zöpfe wachsen ließ, wollte auch Erika welche haben und daß Renis Zöpfe hell waren wie verblaßtes Gold und ihre dunkelbraun, fast schwarz, das hatte sie oft gewurmt — sie fand nun einmal blondes Haar schöner. Frau Jahnecke tröstete sie — „Es ist Schneewittchenhaar“, hatte der Doktor einmal gesagt, als Reni ihm ein Bild von Erika zeigte, „wunderschön — bei einem Mädel wie dir hätte die Frau Königin sagen müssen: Ach hätt ich doch ein Kind, so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so goldig wie ein Bilderrahmen!“ Erika mußte lachen, als sie daran dachte.

Dann aber wurde sie wieder ernst. Reni tat ihr leid, aber eigentlich war es doch ein bißchen kläglich, so zu jammern. Eine solche Pause dauerte doch wohl nicht länger als einige Tage, und dann kamen wieder neue Kinder. Und der Doktor würde ja auch einmal wiederkommen — sie konnte sich nicht vorstellen, daß man sich nach einem Erwachsenen ernstlich bangen könnte. Sie, die immerzu mit Erwachsenen zusammen und noch keinen einzigen Tag von den Eltern getrennt gewesen war ...

Sie saß und sann. Erika hatte schon manches ausgebrütet, wenn sie so allein da hockte, die Hände um die Knie gefaltet, und ins Weite guckte. Sie fuhr zusammen, als Frau Jahnecke, auf dem weichen Boden unhörbar ausschreitend, hinter sie getreten war und ihr die Augen zuhielt. „Wer ist’s? Schwer zu raten, was?“

„Frau Jahnecke, ich hab’ mir was ausgedacht, was Wunderschönes — aber die wunderschönen Sachen werden fast nie wirklich“, sagte sie, als sie wieder zusammen auf dem Pallasch saßen und sich vorwärts wiegen ließen, „soll ich es Ihnen verraten? Es ist etwas für meinen Geburtstag, jedenfalls wünsch’ ich es mir dazu!“

„Ja? Dann sag’s nur, alle Wünsche kann man nicht erraten“, ermunterte Frau Jahnecke. Erika zögerte.

„Aber bitte nicht sofort wieder nein sagen“, bat sie ängstlich, „meistens heißt es sofort nein, wenn ich mir was ausgedacht hab’!“

„Armes Kind“, bedauerte Frau Jahnecke sie lachend und ein bißchen spottend, „bekommt keinen einzigen Wunsch erfüllt! Jetzt erst wieder die beiden Hunde, voriges Jahr das Pony ...“

„Ja, aber drauf reiten darf ich nicht, und kutschieren auch nicht, wenigstens fast nie“, rief Erika, „und nicht mal radfahren darf ich — Vater denkt, ich fall’ runter oder komm’ unter ein Auto, und Mutter meint, ich überanstreng’ mich — hier, wo alles eben ist und nirgends ein Berg!“

„Und keins von den Büchern, die man sich wünscht, bekommt man“, neckte Frau Jahnecke; sie wußte, daß gerade vorige Woche ein großes Bücherpaket gekommen war: Erika las viel und konnte davon nie genug bekommen.

„Ach, Sie lachen mich ja doch bloß aus“, schmollte Erika, „nein, ich wünsch’ mir diesmal etwas ganz anderes. Was Schönes, nicht nur für mich ...“

„Also schieß los, ich bin gespannt!“

„Passen Sie auf: Reni müßte herkommen. Für immer, für ganz. Sie müßte immer mit in meinem Zimmer schlafen und mit mir Zusammensein, beim Lernen und beim Schularbeiten machen und nachmittags, wenn wir frei haben. Und sie müßte auch ein Pony bekommen und Hunde — oder einen von meinen — und wir wären dann immer zu zweien — denn es gefällt Reni doch dort gar nicht mehr, sie schreibt doch ganz traurig. Finden Sie das nicht? Vielleicht ist die Tante Mumme gar nicht mehr nett zu ihr, es gibt doch Leute, die große Kinder nicht leiden mögen, bloß kleine. Im Dorf die Frau vom Lehrer — die war immer so nett zu mir und schenkte mir immer was, wenn ich hinkam, aber jetzt sieht sie mich gar nicht mehr an. Da hab ich die Marie gefragt, die älteste von dort, und die sagte: Mutter ist so. Die Kleinen frißt sie auf vor Liebe, aber auf uns schilt sie ...“

„Kindskopf du“, lachte Frau Jahnecke, „ihr Großen ärgert uns eben mehr als die Kleinen!“

„Aber wir würden Sie gar nicht ärgern, Reni und ich“, versprach Erika eifrig und mit ganz glühenden Backen — sie war sonst meist ziemlich blaß und farblos. Jetzt aber sah sie entzückend aus in ihrer Begeisterung, lebendig und munter. „Wir würden uns sicher herrlich verstehen, ach, und es müßte so wunderschön sein, nicht immer allein sein zu müssen.“

„Ja, das wäre schön für dich“, meinte Frau Jahnecke leise. „Dir wäre es schon zu gönnen!“

„Würden Sie denn wollen? Daß Reni wirklich ...“

Erika vermochte gar nicht zu Ende zu sprechen, so aufgeregt war sie. Frau Jahnecke war am Ende wirklich dafür, vielleicht sprach sie sogar mit den Eltern ...

„Können Sie nicht — ich meine, vielleicht könnten Sie mit Mutti sprechen und ihr sagen ...“

„Ach, Kind, ich! Ich kann doch nicht zu deiner Mutter gehen und ihr sagen: Ich möchte gern, daß meine Reni herkommt und es hier wie eine Prinzessin hat. Daß sie ein Pony bekommt und zwei Hunde, ein wunderschönes rosa überzogenes Bett, vierzehn Puppen ...“

„Frau Jahnecke, Sie machen Unsinn“, maulte Erika lachend, „außerdem hab ich nur dreizehn Puppen. Und Reni spielt doch gar nicht so gern mit Puppen, sagten Sie mal, — na ja, wenn sie auch immer Freundinnen da hat, braucht sie ja auch keine —!“ Das klang so bitter, daß Frau Jahnecke Erbarmen fühlte. Sie wurde ernst.

„Erika, du bist doch gar nicht mehr so klein, du kannst schon vieles verstehen, was Reni noch nicht kapiert“, sagte sie freundlich. „Glaubst du nicht, daß ich Reni sehr gern hier hätte? Daß das schon immer mein heißester Wunsch war — aber manche Wünsche erfüllen sich eben nicht!“

„Warum denn nicht? Es würde doch herrlich gehen“, meinte Erika, hartnäckig an ihrem Plan festhaltend. „Warum soll ich denn immer allein bleiben? Wenn ich schon keine Geschwister hab’, will ich wenigstens eine Freundin haben dürfen!“

„Schön wäre es freilich“, sagte Frau Jahnecke leise, „vor allem für dich.“ Sie hatte schon immer diesen geheimen Wunsch mit sich herumgetragen, aber noch mit niemandem darüber gesprochen, da es Reni im Heim so gut zu gefallen schien. Immer hatte sie gedacht: Das Glück des Kindes ist wichtiger als mein eigenes. Nun aber, da Reni so betrübt geschrieben hatte ...

Sie stieg ab, denn sie waren am Park angekommen, und half auch Erika aus dem Sattel.

„Danke“, sagte Erika und sah zu ihr auf, merkwürdig forschend und fragend. „Möchten Sie — möchten Sie, daß Reni lieber nicht herkommt?“ fragte sie jetzt leise und seltsam eindringlich. Frau Jahnecke erschrak.

„Aber warum denn nicht? Natürlich möchte ich es, natürlich wäre es für mich das Allerschönste ...“

„Aber?“ fragte Erika.

„Aber ich kann doch nie und nimmer deine Eltern um einen solchen großen Gefallen bitten, das ginge denn doch zu weit“, schloß Frau Jahnecke freundlich, aber bestimmt. Erika sah sie noch rasch aus den Augenwinkeln an. Dann sagte sie ganz leise, so daß Frau Jahnecke es nicht mehr hören konnte, aber sie sagte es und nickte dazu mit ihrem eigensinnigsten Gesicht, einem Gesicht, das nicht mehr wie zwölf, sondern wie mindestens zwanzig Jahre aussah, also sehr erwachsen und sehr zielbewußt: „Sie nicht. Aber ich.“

Sie wanderte durch den Park dem Gutshaus zu, hatte alles Interesse an den Hunden verloren. Wenn sie sich ausmalte, daß sie hier nicht mehr allein gehen würde — es war kaum auszudenken! Einem andern Kind alles zu zeigen, die Ställe, die Scheunen, ihr eigenes Zimmer, die Bücher — und die Puppen auch. Sie, Erika, liebte nämlich die Puppen noch sehr, obwohl sie schon zwölf Jahre alt war. Sie hatte so viel Freude an allen Handarbeiten, und da war es natürlich schön, viele Puppen zu haben, die man anziehen konnte. Ihr Puppenbaby hatte einen ganz richtigen, in buntem Muster gestrickten Strampelanzug, rosa und hellblau, mit Knöpfen auf den Schultern und richtigen Füßlingen, alles so echt, wie es sonst nur für kleine Kinder gemacht wird. Und die Dorle, die größte Puppe, besaß einen Hut, den sie, Erika, ganz ohne Vorlage selbst gemacht hatte — ob Reni das auch konnte? Sicher hatte Reni nur immer keine Zeit gehabt, sich mit Puppen abzugeben, das war ja erklärlich, wenn man immerfort neue Gesichter um sich hatte. Vielleicht lernt sie es hier bei ihr und wird noch eine ganz richtige, eifrige Puppenmutter .. Was sie zu ihrem Puppenhaus sagen würde! Ein richtiges Puppenhaus mit aneinanderzuhängenden Wänden, die so hoch waren, daß man gerade noch darüber weggucken konnte — so eins hatte Reni bestimmt noch nie gesehen! Es hatte in der einen Wand ein Fenster mit Glas und Gardinen, und in der andern eine Tür — und Tapete — sie würden es dann, wenn solches Wetter war wie heute, in den Garten stellen, am Schaukelplatz, oder etwas mehr in die Büsche, damit nicht jeder es gleich sah. Und dann machten sie sich Bänke und Tische und Stühle aus Ziegelsteinen mit Brettern, die man drüberlegte, und mit dem kleinen Spirituskocher konnten sie kochen. Im Freien durften sie das bestimmt, da konnte ja nichts anbrennen, oder — sie fragten ganz einfach nicht erst ...

Und Reni mußte natürlich mit in ihrem Zimmer schlafen. Einmal war eine Kusine von ihr dagewesen, vierzehn Tage lang, die hatte auch in ihrem Zimmer gewohnt, das war unbeschreiblich und unvergeßlich schön gewesen. Sie hatten sich abends vor dem Einschlafen immer so viel erzählt — dabei war die Susi noch ein paar Jahre älter als sie, wieviel schöner mußte das mit einem gleichaltrigen Mädel sein! Und ...

„Aber Erika? Wo steckst du denn? Ich warte und warte!“

Erika fuhr aus ihren Träumen auf und sah erschrocken in Fräulein Sonnesons vorwurfsvolles Gesicht.

„Ich wollte nur ...“

„Es ist längst elf, und du kommst nicht“, schalt Fräulein Sonneson halblaut, nicht bissig und wütend, sondern mehr müde — sie war keine böse Sieben, diese ihre langjährige Hauslehrerin. Sie war freundlich und gutmütig und auch geschickt, einem etwas beizubringen; Erika lernte bei ihr eigentlich ohne große Mühe viel. Aber sie war doch eben nicht jung ...

Erika bat um Entschuldigung, jagte die Hunde in den Hof und ging ins Lernzimmer hinauf. Ihr Schulranzen lag auf dem Tisch mit der grünen Decke — sie sah auf einmal zwei Schulranzen dort liegen. Zwei Stühle hinter dem Lerntisch, zwei aufgeschlagene Lesebücher, zwei gelangweilte oder vor unterdrücktem Lachen fast platzende Mädelgesichter ...

„Heute wollen wir mal ein Gedicht besprechen und dann auch lernen“, begann Fräulein Sonneson freundlich. „Du magst doch Gedichte gern, nicht wahr? Ich hab es auch gelernt, als ich so alt war wie du — ich ging damals noch in die Dorfschule.“

„Hoffentlich nicht ‚Die alte Waschfrau‘“, dachte Erika, während sie ihr Lesebuch aufschlug, aber Fräulein Sonneson sagte eine andere Seitenzahl an.

„Ich lese es dir erst einmal vor”, sagte sie, und Erika guckte auf die Sonnenkringel, die durch das dichte Weinlaub am Fenster hereinfielen. Dabei hörte sie zu, wie ihre Lehrerin begann:

„Der Mensch hat nichts so eigen,

So wohl steht ihm nichts an,

Als daß er Treu erzeigen,

Und Freundschaft halten kann.

Wenn er mit seinesgleichen

Soll treten in ein Band,

Verspricht sich, nicht zu weichen

Mit Herzen, Mund und Hand ...“

Ach, wie schön, dachte Erika entzückt, das ist doch, als ob der liebe Gott es gehört hat, was ich mir ausgedacht habe — schon ehe ich es ihm richtig gesagt und ihn darum gebeten habe. Er sieht einem eben ins Herz. Soll treten in ein Band ... ein Freundschaftsband. Dazu gehört eigentlich, daß wir uns auch ein äußeres Freundschaftsabzeichen ausdenken, etwas gegenseitig schenken, vielleicht eine Halskette? Mit den gleichen Anhängern ... oder einen Freundschaftsring ...

„Ja, ich kann das Gedicht schon, wenigstens den Anfang“, sagte sie zu Fräulein Sonneson, als diese danach fragte. „Ja, ich habe es einmal in einem Poesiealbum gelesen.“

In Renis Album schreib’ ich dann auch, vielleicht in das neue — oder ich schenk’ ihr eins — ich muß nur erst mit Frau Jahnecke sprechen. Das alte ist schon ganz voll, sagte sie — sie fühlte eine leise bohrende Eifersucht, beruhigte sich aber sofort wieder. Die Mädels, die nur sechs Wochen im Kinderheim gewesen waren, waren ja gar keine richtigen Freundinnen, nein, das konnten sie gar nicht sein. Aber wir, wir sind dann immer beisammen, immer, im Sommer und im Winter und in den Ferien und in der Schulzeit — und sonntags und wochentags. —

Ja, es war sicher ein Zeichen vom lieben Gott, daß er einverstanden war mit ihrem Plan, daß er sie gerade heute dies Gedicht lernen ließ. Wie gut, daß man Geburtstage hat, zu denen man sich etwas wünschen darf — und daß der Wunschzettel dies Jahr noch nicht geschrieben war. Sicher war Mutti einverstanden — sonst mußte sie es eben beim Vater versuchen, mit allen Mitteln ... wenn sie ihn bat, bat und bettelte: „Vater, ich will auch schrecklich folgsam und vernünftig sein — und fleißig in der Schule und artig zu Hause — Vater, ich möchte doch auch mal eine Freundin haben dürfen, bitte, bitte, Vater ...!“

Und vielleicht tat er es auch Frau Jahnecke zuliebe, dachte sie, wenn sie verzagt werden wollte — denn, daß das ein großer Geburtstagswunsch war, fühlte sie deutlich. Er hatte Frau Jahnecke doch gern — sie war so tüchtig und nett. Ja, schon ihr zuliebe würde Vater nicht nein sagen!

Leben und Betrieb im Heim Reni passiert etwas Schreckliches

Es war nicht mehr still im geliebten Heim am Berge, o nein, ganz im Gegenteil. Wenn auch die Hauptperson, der Doktor, fehlte, wenn die Garage zublieb und kein Auto am Abend oder nachts oder gegen Mittag den Hang heraufbrummte — Leben war doch wieder eingezogen, vielfältiges und buntes und junges Leben. Erst kamen die Tanten zurück. Wer sich unter dem Wort „Tante“ etwas Altes, Umständliches oder Vertrocknetes vorstellt, der schießt vorbei: diese Tanten hier waren sämtlich jung, außer Tante Mumme, die nun schon jahrelang den Betrieb leitete. Die andern aber sahen aus wie große Schwestern von den Erholungskindern, mit kurzen Röcken und bunten Dirndlröcken und nackten braunen Beinen und den allerlustigsten Augen. Auch sie wechselten, wenn auch nicht so schnell wie die Kinder, aber länger als zwei Jahre war fast nie eine Tante hier, dann heiratete sie bestimmt.

Reni liebte am meisten die Tante Thea, die süße Tante Thea, die Turntante, an der aber auch alle andern Kinder immer am meisten hingen. Sie war klein und schlank und so biegsam wie eine Gerte, und es störte bei ihr nicht einmal, daß sie eine Brille trug. Ihre buschigen Haare flogen, wenn sie am Reck die Riesenwelle machte oder wenn sie wie ein Gummiball vom Trampolin wippte. Jetzt im Sommer waren alle Fenster in der Turnhalle heruntergelassen, so daß man dort wie im Freien spielte, wenn man an den Geräten war, und wieviel Bodengymnastik gab es draußen auf dem Hang, nur so zum Zeitvertreib und gar nicht in den „Stunden“!

Reni war um diese Zeit — wie immer, wenn Neue gekommen waren — so schwer beschäftigt, daß der Vormittag in der Schule eigentlich eine Erholung, ein Ausruhen bedeutete. Zu Hause, also im Heim, kam sie, außer beim Essen, keine Zehntelsekunde zum Sitzen. Die vielen neuen Kläuse und Peters, Lieselotten und Ingen zu behalten fiel ihr, da sie darin Übung hatte, gar nicht schwer; sie wußte auch immer, wohin jedes gehörte. Es gab drei Schlafsäle im Haus, einen für Mädel, einen für Jungen und einen für Kranke. Zuerst verliefen sich die Neuen sämtlich wie auf einem großen Schiff, und Reni mußte den Lotsen spielen. Sie kam die ersten Tage aus einem beständigen Schweinsgalopp nicht heraus.

Sie selbst hatte ein kleines Zimmer im andern Haus, in dem, das auf der linken Seite vom Hof stand, wo auch Tante Mumme und der Onkel Doktor wohnten. Es war nicht viel anders eingerichtet als ein winziger Schlafsaal, denn Reni wollte vor den andern nichts voraus haben — ein schmaler weißer Schrank stand darin, das Bett, ein Bücherregal — das allerdings war ein Sonderbesitz, aber doch nötig — und ein kleiner runder Tisch am Fenster. Oft wurde sie auch „eingeladen“, wenn sie sich mit einem Mädel besonders angefreundet hatte, und dann durfte sie für eine oder mehrere Nächte mit in einem Schlafsaal schlafen. Tante Mumme war darin großzügig und freundlich, seit Reni etwas größer geworden war. Dann wieder lud Reni die andern ein, zu ihr ins Zimmer zu kommen, und sie bewunderten dann ihre Bücher und Bilder, und erzählten von ihren eigenen Zimmern zu Hause, von ihren Freundinnen und Geschwistern.

Auf dem Tisch am Fenster stand ein schönes Bild, eine vergrößerte Photographie in einem schmalen, glatten Silberrahmen. Sie zeigt ein junges Mädel im Dirndlkleid und Spenzer, das auf einem großen Stein sitzt und sich gerade den einen derben, hohen Bergstiefel zuschnürt. Und daneben steht, nur im Halbprofil zu sehen, ein junger Mann, der über das Mädel hinweg nach den Bergen guckt, die gleich dahinter aufsteigen. Er ist auch in Trachtenzeug gekleidet, in kurzer Hose und Janker, aber sein Gesicht ist kein Jungengesicht mehr, sondern ernst und ruhig — wie die Berge sind. „Das sind meine Eltern“, sagte dann Reni immer, wenn die fremden Mädel bewundernd davor standen, und jedesmal fühlte sie, wie ein glücklicher Stolz in ihr aufstieg. Die andern hatten Freundinnen und Geschwister, aber solch großartige und wunderschöne Eltern hatte bestimmt keins von ihnen.

Alle Erholungskinder beneideten Reni stets, daß sie hierbleiben durfte, für immer. Sie fanden das wundervoll und begeisternd — dann konnte sie doch immerfort am Rundlauf turnen und an den so sehr begehrten Ringen schaukeln — und im Schlafsaal ringsum in allen Betten schlafen, wenn sie allein war — sie nickte und lachte. Gerade jetzt war so eine wilde und lustige Liselotte da, die ihr tausenderlei vorschlug, was sie allein hier treiben würde — so als reichten die sechs Wochen, die sie hier wäre, nicht aus.

„Nein, aber nun müssen wir wieder rüber, die Tante Thea wartet sicher schon“, sagte Reni endlich, „wir haben doch heute nachmittag noch mal freiwilliges Turnen. Und hinterher spielen wir noch ein bißchen Anschlagverstecken im Dustern, wollen wir? An der Henriette ist Anschlag, und ins Haus laufen gibt’s nicht ...“

„O ja, o ja!“ riefen die andern und liefen hinter ihr her. Am Abend saß sie dann allein in ihrem Stübchen und schrieb einen Bericht an den Onkel Doktor. Er mußte doch alles wissen. Dann fiel sie todmüde ins Bett.

Es zeigte sich, daß der Onkel Doktor, obwohl er doch beileibe nicht immer da war, doch die Seele des Kinderheims darstellte. Jetzt, wo er verreist war, fehlte er überall. Er hatte natürlich einen Vertreter da, aber der war jung und kannte so einen Betrieb überhaupt nicht, er wurde nur zu Krankheitsfällen gerufen. Und Tante Mumme ging es im Augenblick gar nicht gut, sie war durch die Hitze matt und viel nervöser als sonst. Fast jeden Tag passierte etwas Unvorhergesehenes.

Vielleicht lag es auch an den Kindern. Es waren dieses Mal besonders wilde und unbändige Exemplare, die zwar gut zusammenpaßten, aber doch mehr Unfug anstellten, als so leicht wieder gutzumachen war. Die Allerwildeste und Allerlustigste war wohl Liselotte, und gerade sie hatte sich mit Reni sehr zusammengetan.

An einem krachheißen Sonnabend erbarmte sich die Tante Thea, die sah, daß Tante Mumme ein Aufatmen nötig hatte, mitsamt einer andern jungen Helferin und schlug vor, mit allen Kindern einen Ausflug in die Berge zu machen. In die Blaubeeren — da konnte Tante Mumme sich erholen und Kraft sammeln für den Sonntag.

Die Kinder waren einverstanden, und Tante Mumme versprach ihnen bei ihrer Rückkehr eine große Menge rote Grütze mit Vanillesoße. Es wurde also gepackt, Brote mußten gestrichen und eingewickelt werden, und Reni überwachte wie immer deren Ausgabe und steckte für Liselotte und sich selbst vorsorglich noch zwei zusätzliche Päckchen ein. Schließlich ging es auch wirklich los. In den Bergen war es durchaus erträglich, denn die Bäume hielten die Luft kühl, und Tante Thea wußte herrliche Blaubeerflecke. Sie war ja hier aufgewachsen und kannte das Gebirge wie ihre Tasche.

Es ging alles glatt wie immer, wenn die junge Turnlehrerin das Kommando hatte. Sie ließ die Kinder sich erst einmal richtig satt tollen, dann jagte sie diese in die Blaubeeren, und gegen Abend sammelte sie alle um sich und erzählte ihnen, während sie ihre Brote aßen, eine lange Geschichte. Das war fast das Allerschönste.

Alle waren eigentlich ziemlich müde, nur Liselotte blitzte der Übermut noch so richtig aus den Augen. Sie hatte zu Hause nur Brüder und war selbst ein halber Junge. Die andern waren alle ein bißchen klein geworden und wollten nach Hause.

Nun konnten sie sich aber über den Heimweg nicht recht einigen. Reni und Liselotte behaupteten, sie wüßten einen Abschneider, sie wären erst vor kurzem hier gewesen und dann ganz schnell nach Hause gekommen, durch eine Schneise und dann durch Gebüsch — sie wollten es den andern zeigen. Tante Thea war nicht sehr für Abschneider.

„Meistens verläuft man sich und muß dann erst recht lange laufen und suchen, bis man die richtige Straße wieder hat“, sagte sie aus Erfahrung. Reni aber lachte.

„Ich kenn den Weg schon!“

„Dann gehen wir ihn alleine — und zu Hause helfen wir die Tische decken, damit ihr gleich losessen könnt, wenn ihr heimkommt“, schlug Liselotte vor. Tante Thea lachte.

„Oder ihr verlauft euch und kommt erst spät an, hungrig und durstig, und wir haben euch alles weggegessen.“

„Jaja!“ Die andern lachten und jubelten.

„Wir finden aber wirklich — wollen wir wetten? Wir sind bestimmt eher da als ihr!“ beteuerte Reni, und nun waren die andern dafür, daß die Wette gelten sollte. Die beiden konnten ja ruhig mal sehen, wie sie allein durchkamen, und waren sie erst später daheim, so bekamen sie nichts von der ersehnten roten Grütze, auf die sich alle schon mächtig freuten. Damit sie sich endlich einmal ihre Großsprechereien abgewöhnten, jawohl!

„Wer spricht denn hier groß?“ lachte Liselotte, die immer das letzte Wort behielt. „Ich etwa?“

Tante Thea hatte Reni zugeblinzelt. Sie mochte die kecke und selbstbewußte Liselotte gern und flüsterte deshalb mit Reni. Ob sie den Weg wirklich sicher wüßte? Ja? Dann sollten sie doch die Wette ruhig abschließen, aber gewinnen müßten sie diese. Reni nickte mit glänzenden Augen. Sie war ihrer Sache sicher.

So trabten sie also, nachdem noch einmal alles genau besprochen worden war, allein los, Reni und Liselotte, während die andern, die nun darauf brannten, loszugehen, den richtigen, markierten Weg einschlugen, den sie auch hinzu gegangen waren. Reni konnte Liselotte kaum folgen, sie sprangen über eine Lichtung, zwängten sich dann durch Gebüsch und rannten, als gälte es ihr Leben.

Reni fühlte, wie ihr die Haut unter den dicken Zöpfen ganz naß wurde, aber sie rief Liselotte nicht zurück. Sie mußten doch unbedingt zuerst ankommen!

Nach einer Weile merkten sie, daß sie sich verlaufen haben mußten. Hier waren sie damals nicht vorbeigekommen — „... wir müssen mehr nach links und einfach bergab“, meinte Reni. Liselotte nickte, sie kämpften sich durch Brombeerranken und Unterholz und kamen dann auf eine ihnen völlig fremde Straße. Dann aber erkannte Reni eine Bank, die etwas unterhalb durch die Bäume schimmerte, und von neuem rannten sie los. Hopphopp — wirklich, sie hatten die richtige Richtung, und nach einer Viertelstunde trabten sie, schweißnaß und atemlos, im Heimhof ein, der noch — Gott Lob und Dank und Hurra! — leer war.

Erschöpft ließen sie sich auf eine der eingerammten Bänke fallen und schnappten erst mal nach Luft. Tante Mumme war nicht zu sehen, alles war noch friedlich und still. „Wir hopsen ins Planschbecken!“ schlug Liselotte vor, aber das fand nun Reni doch zu unvernünftig.

„Nein, weißt du, das darf man nicht, so erhitzt ins kalte Wasser, aber duschen gehen wir, lauwarm duschen, das erfrischt auch herrlich!“

Sie taten es. Es war wunderbar, im Duschraum nackt herumzuspringen und sich zu spritzen, soviel man wollte, dann zogen sie ihre Luftkittel an und sahen sich nach neuen Taten um. Es war so schön, das Feld einmal ganz für sich allein zu haben.

„Wir haben doch versprochen, die Tische zu decken“, erinnerte sich Reni. Liselotte machte ein saures Gesicht, gab aber dann nach. „Wir wollen nur erst mal sehen, ob es wirklich rote Grütze gibt“, meinte sie, „sonst decken wir womöglich falsche Teller.“ Sie liefen in die Wirtschaftsküche und riefen nach den Mädeln, aber durch irgend einen Zufall fanden sie niemanden.

„Komm, wir gucken selbst nach“, flüsterte Reni und zog Liselotte, die mit den Örtlichkeiten nicht so vertraut war, an der Hand mit sich. Ein großer, heller, luftiger Keller, der die „Verwaltung“ hieß, öffnete sich vor ihnen. Hier standen ganze Regale voller Weckgläser, Flaschen mit Obstsaft, die man kaum zählen konnte, und auf dem Fußboden, auf Stroh aufgestapelt, Unmengen von Blechbüchsen. Die Hurden, auf denen winters die Äpfel lagerten, waren leider leer.

„Aber siehst du, hier — es stimmt schon!“ jubelte Reni auf. Liselotte huschte hinter ihr her in den zweiten Keller: da standen auf einem Tisch im Dämmerlicht viele breite und große Schüsseln mit der dunkelroten, durchsichtigen Wabbelspeise, die niemand so herrlich und würzig kochte wie Tante Mumme. Und auf der Erde stand ein großer brauner Steintopf mit Vanillesoße. Die war gelb von Eiern und hatte oben eine wunderbare, runzlige, dicke, appetitliche Haut darauf. So schrecklich Milchhaut für die meisten Kinder ist, so gern mögen sie meistens Kakao- oder Vanillesoßenpelle. Liselotte jedenfalls sagte, sie äße sie schrecklich gern, und Reni nickte mit glänzenden Augen.

„Die Küchenmädel machen sie bloß immer kaputt, sie zerquirlen sie, ehe die Soße ausgegeben wird“, sagte sie bedauernd.

„Ja? Da essen wir sie runter!“ juchzte Liselotte leise. „Wenn sie doch nicht mit auf den Tisch kommt ...“ „Aber wie?“ Reni sah sie bedenklich an. Vielleicht fragte doch jemand danach, und ...

„Mit den Fingern!“ schlug Liselotte vor, dann aber sahen sie ihre Hände doch zögernd an. Beim Duschen war zwar manches abgegangen, aber das Blaubeersuchen den ganzen Tag über hatte sie doch so gefärbt, daß man unmöglich damit in den Topf langen konnte. Aber vielleicht war hier irgendwo ein Löffel?

Sie suchten umher, schoben ein paar Schubladen auf und zu und horchten immer wieder hinaus, ob auch niemand käme. Endlich rief Liselotte triumphierend: „Hier!“

Sie hatte auf dem Fensterbrett einen hölzernen Rührlöffel entdeckt. Eins zwei drei fuhr sie damit in den Topf und angelte nach der begehrten kühlen, süßen Haut, Reni drängte sich neben sie, und sie schleckten und leckten. Ah, wunderbar — dort schwamm noch ein Stück — da hörte man draußen einen Schritt. Erschrocken richteten sie sich auf, wollten fort, Liselotte blieb am Topfhenkel hängen — bauz! — ein großer gelber See auf der Erde, die ganze Soße lief davon. Die beiden Mädel standen wie erstarrt.

„Liselotte!“ — „Renil“

Die Schritte gingen vorbei. Aber damit war ja nichts geholfen ...

„Wir gehen gleich zu Tante Mumme“, sagte Reni dann zaghaft, ohne große Überzeugung, „oh, was wird sie sagen!“

„Wo sie doch auch noch krank ist!“ flüsterte Liselotte bedrückt. „Wir sagen lieber gar nichts — niemand hat uns doch gesehen!“

„Aber ausgegossen ist sie doch ...“

„Dann war es eben Mohrchen, wie neulich —.“ Vor zwei Tagen hatte der schwarze Kater, der im Heim lebte und von allen Kindern heiß geliebt wurde, etwas Wurst stibitzt. Tante Mumme hatte sehr gescholten, aber alle hatten flehentlich gebeten, Mohrchen nicht zu hauen. Sie wollten auch gern ihre Butterbrote „ohne“ essen. Reni war den Tränen nahe. „Ich mag nicht lügen!“

„Aber wir lügen doch nicht! Wir warten bloß ab — wenn uns jemand fragt, können wir immer noch die Wahrheit sagen!“

Sie horchten nach draußen. Liselotte faßte Renis Hand. „Los!“

Wirklich kamen sie ungesehen aus der Verwaltung und dem Wirtschaftsgebäude heraus. Reni dachte, das wäre vielleicht ein Zeichen, daß sie tatsächlich nichts sagen und Tante Mumme den Kummer ersparen sollten ... Die Soße war hin, so oder so, aber Tante Mumme war bestimmt viel ärgerlicher, wenn sie erfuhr, daß sie es gewesen war. Wenn Mohrchen es war, war es eben ein Küchenpech, weiter nichts. Bei ihnen aber war es eine richtige Ungezogenheit — sie bekamen so gutes Essen im Heim, daß Naschen wirklich häßlich war. Sie tat es sonst auch nie ...

Während sie noch, mit widerstrebendem Gefühl, neben Liselotte herlief, ertönte von der Liegewiese her „Huhu!“ und „Hallo!“ herunter, und die andern kamen im Rudel herabgerannt. Mit ihnen Tante Thea, lachend und fröhlich.

„Also habt ihr doch gewonnen! Aber lange könnt ihr noch nicht da sein!“ rief es durcheinander.

„Warum denn nicht?“ fragte Liselotte streitbar.

„Weil ihr noch keine Tische gedeckt habt, ätsch!“

„Ach, aber wir haben lange geduscht — und uns umgezogen ...“

„Aber Tischdecken gehörte auch mit zur Wette“, ereiferten sich die andern, die nicht zugeben wollten, daß sie verloren hatten. Es war ein lautes Hin und Her, das Tante Thea beendete, indem sie ihre Schützlinge in den Duschraum trieb. „Nun aber fix!“

Reni hatte im Augenblick ihr Unglück vergessen gehabt. Jetzt fiel es ihr wieder ein.

„Ich geh doch zu Tante Mumme“, dachte sie und sah sich nach Liselotte um. Die war nicht zu sehen ...

Da hörte sie hinter sich ihren Namen rufen. Sie fuhr herum —

„Reni! Hörst du denn nicht?“ Das war doch Mutters Stimme! Reni wirbelte herum, rannte, daß ihre Beine flogen, und gleich darauf hing sie an Mutters Hals.

Am Abend saßen sie bei Tante Mumme, Frau Jahnecke und Reni, und unterhielten sich. Tante Mumme war sehr betrübt, daß Reni fort sollte, aber sie sprach eigentlich nicht dagegen.

„Es ist zu viel, Frau Jahnecke, ich schaff’ es nicht mehr“, seufzte sie bekümmert, „ich werde alt! Am meisten merk’ ich es, wenn mein Bruder nicht da ist. Mit ihm zusammen, ja, da mag es noch gehen, aber allein ... Ich kann mich um das Kind nicht mehr richtig kümmern, neben dem ganzen Betrieb hier. Dabei täte ich es so gern! Ach, es ist hart, alt zu werden. Ich täte so gern noch ein paar Jahre mit! Aber ich versage, ganz und gar!“

„Aber Tante Mumme, Sie versagen doch nicht!“ tröstete Frau Jahnecke herzlich und legte ihre Hand liebkosend auf den Arm der alten Dame. „Es ist doch alles so schön in Schuß hier!“

„Nein, gar nicht“, widersprach Tante Mumme bedrückt, „ich bin nicht mehr die, die ich war. Heute erst — da hab’ ich doch gesagt, es sollte Vanillesoße geben, den Kindern hab’ ich’s versprochen und den Küchenmädeln hab’ ich es auch gesagt, bestimmt. Aber die — zu faul, welche zu kochen, oder hatten sie es verhört — bringen einfach Milch statt dessen auf den Tisch. Ich hätte nichts anderes gesagt. Und die Kinder hatten sich schon gefreut — man muß doch Kindern sein Versprechen halten!“

Reni sah zu Boden, ihr war, als müßte jeder, aber auch jeder an ihrem Gesicht sehen, was sie jetzt dachte. Oh, wie sie sich schämte!

Da hatten die Küchenmädel einfach den Mund gehalten, anständig und nett wie sie waren — wahrscheinlich hatten sie sie doch gesehen, als sie aus dem Keller hinausliefen, und wollten sie nicht verpetzen. Oder sie konnten es sich selbst nicht erklären ... Jetzt jedenfalls konnte sie doch aber nichts mehr sagen, oder? Denn dann zog sie die Mädel, die so nett zu ihr waren, mit hinein — und Liselotte natürlich auch ...

Sie sagte nichts. Niemand fragte sie ja, — aber sie hatte ein sehr, sehr schweres Herz, als sie an diesem Abend ins Bett ging, in ihr liebes, schmales, weißes Bett hier ...

Die Reise - Erika und ein neuer Anfang

„Du, Reni“, sagte die Mutter und hielt im Packen inne — sie stand über den großen Koffer gebeugt und hatte gerade den Bademantel hineingelegt — „sag mal, fährst du eigentlich gern mit? Oder — nach deinem Brief dachte ich nämlich ...“

„Nach welchem Brief?“

„Nun, nach dem, den du mir neulich schriebst — daß es so traurig hier wäre, keine Kinder da, und der Onkel Doktor auch fort!“

„Ach ja, der.“ Reni stand und sah aus dem Fenster. Ihre Mutter blickte nachdenklich zu ihr hinüber.

„Ich habe mir immer so sehr gewünscht, daß du bei mir wärst, für immer. Aber ich mochte Niethammers nicht bitten — es ist doch eine sehr große Gefälligkeit, weißt du, wenn du mit dort wohnen und mit Erika zusammen erzogen werden sollst. Nun bat Erika von sich aus darum — und sehr dringend. Sie sehnt sich so sehr nach einer Freundin, war immer allein. Und du schreibst so betrübt, vor allem deshalb wollte ich dich mitnehmen. Nun weiß ich nicht — du hast dich wohl mit Liselotte sehr angefreundet?“

„Mit Liselotte? Ach wo! Jedenfalls nicht mehr als mit den andern Mädeln hier“, sagte Reni hastig. Es kam so rasch und unsicher heraus, daß Frau Jahnecke merkte: hier stimmte irgend was nicht. Aber sie war sowenig mit Kindern zusammen, immer hatte sie mit großen Leuten zu tun gehabt, und so meinte sie, sie könne sich auch irren. Trotzdem fragte sie noch einmal:

„Also kommst du gern mit, mein Mädel? Du brauchst mich nicht zu beschwindeln, bestimmt nicht — ich möchte wissen, wie du wirklich denkst ...“

Reni verließ ihren Platz am Fenster, legte die Arme um Mutters Hals und schmiegte sich an sie an. „Ich komme gern mit, Mutter“, flüsterte sie erstickt.

Es war wahr. Sie wollte fort hier — noch nie hatte sie so etwas getan wie die schreckliche Geschichte gestern. Sie mochte nicht hierbleiben. Vor Tante Mumme ein schlechtes Gewissen haben müssen, den Küchenmädeln begegnen und denken müssen: sie haben für dich gelogen — und gar Liselotte ins Gesicht sehen! Ach nein, sie wollte fort. Und wenn Mutter es sich wünschte, und Erika sich so freute ...

Es war ja auch nicht mehr so, wie es früher gewesen war. Wenn auch Tante Mumme und Tante Thea und viele von den Kindern nett waren, so wie der Onkel Doktor war keiner. Und der kam vielleicht überhaupt nie wieder. Außerdem — wenn er kam und von dieser Geschichte hörte — sie hatte bei ihm das Gefühl, als wüßte er immer alles, ähnlich wie der liebe Gott, wenn er auch nicht alles sagte, dann wollte sie erst recht nicht mehr hier sein. Denn er konnte bei aller Güte so streng sein, so schrecklich ernst — nein, sie wollte nicht. Schnell ging sie zum Schrank und hob einen Stapel Wäsche heraus, legte ihn aufs Bett. Schließlich gehörte jedes Kind zu seiner Mutter, gerade der Onkel Doktor hatte das immer gesagt.

Trotzdem wurde ihr der Abschied bitter schwer. Sie hing an Tante Mummes Hals und weinte, und es war ihr eine schreckliche Beschämung, als sie merkte, daß die alte Dame auch weinte.

„Sei nicht böse, Tante Mumme, bitte bitte!“ flüsterte sie, mehr konnte sie ja um Liselottes Willen nicht sagen. Tante Mumme schnupfte gerührt. „Aber ich bin doch nicht böse, Kind, dummes, liebes du!“

Sie gaben ihr allesamt das Geleit, und es war ein so seltsames Gefühl, daß s i e es jetzt war, die von den andern zum Bahnhof gebracht wurde. Sonst war es immer umgedreht gewesen.

Solange sie noch die hellen Kleider und die winkenden Arme sah, hing sie aus dem Fenster, so weit, daß die Mutter sie hinten am Kleid festhielt, damit sie nicht hinauspurzelte. Sie schalt aber mit keinem Wort. Ein alter Herr, der als einziger mit ihnen im Abteil saß, schüttelte mißbilligend den Kopf. Eine Kindererziehung war das heutzutage!

Die Kindererziehung, über die er sich aufregen mußte, ging auch unverständlich weiter. Kaum hatte sich Reni hingesetzt, so packte die Mutter eine Tafel Schokolade aus und gab sie ihr, herrliche Nußschokolade, bei deren Anblick jedes Kinderherz lachen mußte. „Nun iß, wir wollen heute mal schrecklich unvernünftig sein!“ sagte diese unglaubliche Mutter. Der alte Herr zuckte die Achseln. Da war es ja kein Wunder, wenn die Kinder s o wurden ...

Reni merkte es scheinbar nicht. Sie zählte die kleinen Vierecke, in die die Schokoladentafel eingeteilt war — oder besser, sie rechnete aus, wieviel es waren. An der Schmalseite vier, an der Längsseite zehn: das gab vierzig Stück. Durch drei — dreißig durch drei sind zehn, zehn durch drei sind drei Rest eins — das überzählige steckte sie gleich in den Mund. Dann brach sie, die Schokolade vorsichtig mit dem Silberpapier anfassend, den Rest in drei gleiche Teile, legte einen davon der Mutter auf den Schoß, nahm sich den andern, und den dritten reichte sie, mitsamt dem Papier, dem alten Herrn hinüber.

„Bitte schön! Weil Sie so traurig aussahen!“

„Aber Kind! Aber Kleines!“ stotterte der Herr in großer Verlegenheit, „das sollst du doch nicht!“

„Ach, ich hab’ doch genug. Ich hab’ sogar ein Stück mehr als Sie und Mutter, bloß es ging nicht auf“, sagte Reni eifrig und mit Genuß kauend, „im Heim bekamen wir nie eine ganze Tafel auf einmal!“

„Ja, bitte behalten Sie es doch“, sagte die Mutter und lächelte den alten Herrn warm und herzlich an, „Reni würde es sonst gar nicht schmecken, und mir auch nicht!“

Es wurde dann eine wunderschöne und fröhliche Bahnfahrt. Sie unterhielten sich, und es stellte sich heraus, daß der Herr Friedrichsaue kannte. Sogar Niethammers — er fuhr in die Nähe und versprach, als er ausstieg und sich von Reni und ihrer Mutter mit tausend Dankesbezeugungen verabschiedete, weil sie ihm seine Koffer herausreichten, daß er einmal auf Besuch kommen wollte. Sie winkten ihm nach, und sein Gesicht war jetzt ganz anders, „wie aufgetaut“, sagte Reni, und die Mutter nickte. Mutters Herz war auch aufgetaut; wenn es auch vorher nicht gefroren gewesen war — aber ängstlich war es gewesen. Der Zwischenfall mit der Schokolade hatte sie so seltsam beglückt.

Sie würde mit dem Kind schon zurechtkommen. Es war alles so schnell gegangen, Erikas Wunsch und die Zustimmung der Eltern Niethammer, ihre eigene Reise — und daß Reni überrascht war von ihrem Entschluß, sie nun zu sich zu nehmen, das hatte sie wohl gespürt. Der Brief Renis damals war wohl tatsächlich, wie sie schon angenommen hatte, mehr in einer augenblicklichen traurigen Stimmung geschrieben worden, aber es sind ja oft Kleinigkeiten, die uns in eine neue Richtung weisen, und trotzdem kann die Richtung richtig und gut sein ...

An der Station — Friedrichsaue hatte keinen eigenen Bahnhof, es lag ziemlich einsam mitten im Flachland — wartete der Zweispänner, und auf dem Bahnsteig stand Erika, gespannt und erwartungsvoll. Wenn Reni nun nicht mitkam? Frau Jahnecke hatte extra gesagt, sie wollte sie nur mitbringen, wenn Reni wirklich damit einverstanden sei. Aber vielleicht gefiel es Reni jetzt wieder im Kinderheim, wenn dort neue Erholungskinder gekommen waren, vielleicht ganz furchtbar nette, lustige Kinder? Und der Onkel Doktor konnte ja auch überraschend wieder heimgekommen sein, vielleicht weil er schneller wieder gesund geworden war oder einfach aus Sehnsucht.

Der Zug mußte unbedingt Verspätung haben, sie wartete doch sicher schon eine Viertelstunde. Nein, nach der Bahnhofsuhr waren es erst sieben Minuten, aber vielleicht stand die? Es war doch unmöglich, daß die Zeit s o langsam verging!

Endlich tauchte die Lokomotive auf. Erika spähte die Wagen entlang — es konnte ja sein, daß sie den Zug verpaßt hatten und erst morgen kamen ...

Nein! Dort tauchte Frau Jahneckes helles Kostüm auf. Und, gottlob, sie drehte sich noch einmal nach der Abteiltür um und sprach mit jemandem, und nun hopste es mit einem einzigen Satz von oben herunter auf den Bahnsteig, ein Mädel mit blonden Zöpfen und einem weißen Südwester — das war Reni, zweifellos! Ach, lieber Gott, ich danke dir — Erika rannte den beiden entgegen, feuerrot vor Aufregung und Glück.

„Wie lieb, Erika, daß du kommst — nein, den Koffer trag ich selber! Da ist Reni — wirklich, sie ist größer als du! Und dabei ein Jahr jünger ...“

Sie lachten alle drei.

„Kein ganzes Jahr“, ereiferte sich Erika, „ich hab’ im August Geburtstag und Reni im Juni — da sind es nur zehn Monate ...“

„Woher weißt du denn, wann ich Geburtstag hab’?“ fragte Reni erstaunt. Erika wurde noch röter als sie schon war.

„Ach, ich hab’ halt deine Mutter gefragt!“

„Und du hast im August? Das ist doch jetzt bald“, schwatzte Reni, während sie, mit Taschen und Koffern in den Händen, den Bahnsteig entlang gingen, „was wünschst du dir denn?“

„Ich hab’ mir schon was gewünscht — und auch bekommen“, sagte Erika halb lachend, halb verlegen, „aber ich bekomm’ sicher auch außerdem noch was, und du kriegst die Hälfte davon ab! Wir sind doch jetzt wie Schwestern!“

„Ach nein, du, lieber wie Freundinnen“, sagte Reni und boxte den kleinen Koffer mit Schwung auf den Wagen hinauf, „Schwestern — wenn im Heim Schwestern waren, haben wir sie meistens getrennt. Eine in den einen Schlafsaal und eine in den andern, und möglichst an verschiedene Tische. Sonst gab es immerfort Zank. Die großen Schwestern wollten die kleinen erziehen, und die kleinen waren viel ungezogener, wenn die großen dabei waren, als wenn man sie allein hatte. Vor allem, wenn sie im Alter nicht so weit auseinander waren — eben so wie wir. Wenn eine ganz klein war, war die große manchmal sehr nett zu ihr. Aber bei beinah gleichaltrigen gab es immer Krach.“

Erika sah sie mit staunender Bewunderung an. „Wir“, sagte Reni, „wir taten sie in verschiedene Schlafsäle“, und: „Wir trennten sie lieber ...“

„Du hast wohl dort — ich meine, du durftest dort wohl viel mitbestimmen?“ fragte sie scheu. Eigentlich hatte sie ein kleines, schüchternes, ziemlich trauriges Mädel erwartet, mit dem man hier lieb und tröstlich umgehen konnte ...

„Ja, ziemlich. Tante Mumme fragte mich immer: Was meinst du, Reni, wohin stecken wir die? Und den? Und wie machen wir diesmal die Tischordnung? Und was fangen wir mit diesem gräßlichen Klaus an, der immer am Essen mäkelt?“

„Ist das wahr, Reni?“ fragte Frau Jahnecke erstaunt. „War Tante Mumme so zu dir? Ließ sie dich so was bestimmen?“ Sie hatten sich alle drei im Wagen zurechtgesetzt und fuhren eben los. Reni nickte unbefangen.

„Ja, die Tischordnung hab’ ich zuletzt sogar immer ganz allein gemacht. Das war so lustig — ich las doch immer alle Anmeldebriefe mit und dachte mir aus, wie das oder jenes Mädel aussehen würde ...“

„Hast du es immer richtig erraten?“ fragte Erika gespannt. Reni schüttelte den Kopf.

„Gar nicht. Ich hab’ oft so lachen müssen, wenn die Kinder dann kamen.“

„Und wenn Erika Niethammer sich angemeldet hätte, wie hättest du dir die denn vorgestellt?“ fragte die Mutter lächelnd.

„Wie ein Schneewittchen, mit weißer Haut und schwarzen Haaren ...“

„Kunststück! Wenn ich hier vor dir sitze!“ lachte Erika.

„Nicht deshalb. Aber ich kenn’ dich doch schon viele Jahre“, sagte Reni selbstverständlich. „Durch Bilder — und durch Mutters Briefe — sie hat mir doch immer alles von dir geschrieben!“

„Hier fängt unser Wald an“, sagte Erika froh. „Und alle Felder dahinter sind auch von uns — und die Teiche. Wir haben viele Teiche! Im Herbst gehen wir mit zum Karpfenfischen ...“ Ihr Herz fühlte eine niegekannte, stürmische Freude. Daß sie „wir“ sagen konnte! Immer, wenn sonst einmal Besuch gekommen war, war das Besuch für Tage oder höchstens Wochen gewesen, jedenfalls für kurze Zeit. Aber daß man im Sommer sagen konnte: Im Herbst gehen wir zum Fischen ... oder: Im Winter rodeln wir ..., das war noch nie dagewesen, noch nie! Ach, wenn es Reni nur bei ihnen gefiele!

Auf dem Gut angekommen hätte sie Reni am liebsten gleich mit in die Ställe geschleppt. Aber es gab erst Essen — als Nachtisch zufällig rote Grütze und —, nein, keine Vanillesoße, sondern Milch. Reni war ganz erleichtert — sie behielt durch ihre ganze Kindheit hindurch einen leichten Grusel vor Vanillesoße, konnte sie nie mehr richtig genießen. Und wie gern hatte sie die früher gegessen! Es war wie eine Strafe vom lieben Gott: da sie es nicht eingestanden hatte, sollte ihr nie mehr welche schmecken.

Reni saß auch über der Milch mit etwas bedrücktem Herzen: vielleicht konnte sie die gräßliche Geschichte an Tante Mumme schreiben, wenn Liselotte wieder fort war aus dem Heim? In sechs Wochen? Vorläufig schob sie aber dann doch diese Überlegungen auf das Abstellgleis ihres Gedankenbahnhofs, es gab zu viel Neues zu sehen.

Ein Wunsch Erikas hatte sich, wenigstens vorläufig, nicht erfüllt: Reni sollte nicht bei ihr im Zimmer, sondern bei ihrer Mutter schlafen. Sie sagten auch beide nichts — Mutter sah so froh aus, daß sie nun nicht mehr allein wohnte.

Sie hatte ein Wohn- und ein Schlafzimmer. Im Wohnzimmer gab es einen Lederdiwan und einen tiefen Ledersessel, neben dem ein kleines Tischchen mit Aschenbechern und. Zigarettenschachteln stand. Denn Mutter rauchte gern abends eine Zigarette und bot auch Leuten, die zu ihr kamen, stets welche an. Sie hatte sich das in dem langen Alleinsein angewöhnt, auch, daß sie viel in der Reithose umherging. Sie war nicht männlich geworden, aber so ungeheuer pferdeverbunden — wenn man sie ansah, dachte man sofort an Pferde.

Überall hingen auch Pferdebilder, und sie erzählte Reni sofort von allen wie von bekannten Leuten. Dies sei Wotan, und dies Sylvia, die jetzt das dritte Fohlen hatte — ein ganz ungewöhnlich schönes Tier. Und dort hinge ein Bild von Wunder, das einzige übrigens — er sei seit drei Jahren verkauft, aber sie konnte ihn nicht vergessen. Sie habe Herrn Niethammer so abgeraten, denn solch einen Hengst bekamen sie nie wieder ...

Reni war das schon gewöhnt: Mutters Briefe handelten auch mehr von Pferden als von Menschen. Sie hatte sich das Gut eigentlich ganz von Pferden bevölkert vorgestellt und nicht gedacht, daß außer Niethammers und Erika, von denen die Mutter natürlich auch immer berichtet hatte, noch mehr Menschen auf dem Gut lebten. Jetzt staunte sie über die vielen, die sie im Hof sah.

„Dummerle, wir sind ein Gut, kein Gestüt, leider“, lachte die Mutter. Noch ehe sie alle Sachen ausgepackt und verstaut hatten, kam Erika schon wieder angelaufen. Ob Reni mitkommen dürfte?

„Na, dann saust ab, wir räumen heut abend fertig ein“, sagte die Mutter gutmütig. „Ich muß ohnehin auch hinüber ins Büro ...“

Die beiden waren schon auf und davon. Es gab doch so unendlich viel anzugucken und zu zeigen, zu fragen und kennenzulernen, eine ganze neue, unerhört interessante Welt ... Nicht einmal zu den Puppen kamen sie an diesem Tage. Im Sommer sind Puppen auf dem Land Nebensache: gar zu viel Lebendiges und Buntes gibt es dann draußen, und Erika hatte auch ein bißchen das Gefühl, daß Reni sie womöglich ein bißchen über die Achseln ansehen könnte mit ihrer Liebhaberei. So nahm sie Reni lieber in die Ställe und Scheunen mit, in den Garten und auf die daran anschließenden Wiesen. Sie hatten beide verwilderte Schöpfe und rote Backen und einen fast unstillbaren Hunger, als sie endlich endgültig heimkamen. Frau Niethammer sah ihnen entgegen, und ihr schmales, gütiges und kluges Gesicht bekam einen warmen Schimmer. Wie sehr hatte sie sich immer noch ein weiteres Kind gewünscht, wie bitter ihre Kränklichkeit empfunden, die sie oft an Lehnstuhl oder Bett fesselte. Niemand wünschte Erika so sehr einen netten Kameraden wie sie, obwohl ihr ängstliches Herz sich sofort wieder allerlei Gefahren und Unfälle ausmalte. Alle Mutterherzen bangen, keins aber wohl so wie jene, die um ein einziges Kind zittern. Ein Kind ist kein Kind — aber jetzt, jetzt hatte sie doch zwei! Fast heftig fuhr sie Reni über die heiße Wange — liebes, liebes Kind du, mach dem meinen das Leben schön und bunt!

Ein neues Leben — Manches geht gut aus und manches weniger gut

Reni rannte über die Koppel, daß ihr heller Rock flog. Sie hatte die Mutter am andern Ende gesehen. Erika konnte gar nicht so schnell folgen. Aber Erika hatte auch Schuhe an.

Erika durfte so vieles nicht. Nicht barfuß gehen, nicht im Luftkittel laufen, nicht im Bach waten und erst recht nicht schwimmen gehen, wenn es ihr paßte. Sie hatte zwar Schwimmen gelernt, aber das nützte ja nicht viel, wenn man nicht ins Wasser durfte.

„Wart ihr wieder bei den Fohlen?“ fragte die Mutter.

Reni nickte:

„Aber bloß geguckt!“

Sie sprach die Wahrheit. Gerade, als sie wieder ihr Lieblingsspiel mit den jungen Pferden beginnen wollte — rechts und links eins an der Mähne fassen und dann heidi los über die Koppel! — hatte sie Mutter gesehen und war zu ihr hingelaufen, ohne Fohlen. So konnte sie Mutters fragenden Augen ehrlich standhalten.

Mutter hätte ihr das Fohlenrennen auch nicht verboten. Aber Frau Niethammer hatte Angst, wenn Erika es tat, ein Fohlen könnte sie treten oder über sie weglaufen oder so etwas. Dabei gehen doch Pferde nie über Menschen, daß weiß jeder ...

„Ihr könnt in die Mühle fahren, ein paar Zentner Äpfel abholen, mit dem Dogcart. Seid aber pünktlich zum Essen wieder da!“

Die letzte Ermahnung war unnötig. Reni war vom Heim her an genaueste Pünktlichkeit gewöhnt, denn dort ging es ja einfach nicht, wenn jeder zu den Mahlzeiten kam, wann es ihm gerade paßte. „Komm, Erika!“ rief sie und winkte der Mutter zu. Allein mit dem Pferd zu fahren gehörte zum Allerschönsten, was es gab.

Es war schon eingespannt, die alte, dicke Jule, die bestimmt keine Dummheiten mehr machte. Herr Niethammer stand dabei und ermahnte die Mädel noch ohne Ende, vorsichtig und verständig zu sein. Reni nickte und versprach, sie würde bestimmt auf Erika gut achtgeben. Dann nahm sie die Zügel.

Es war heiß, und die Jule nahm sich Zeit. Trotzdem fand es Reni herrlich, zu kutschieren. Sie fuhren den Wiesenweg nach der Mühle, und als sich der Bach ein bißchen der Straße näherte — er lief an sich in Windungen durch die Wiesen — meinte sie, sie könnten sich doch rasch ein wenig abkühlen. Niemand war zu sehen, so hatte auch Erika keine Bedenken, und gleich darauf platschten sie in den Bach hinein. Oh, es war herrlich, das kühle Wasser um die Beine zu spüren bei dieser Backofenglut!

„Aber die Jule muß auch was davon haben, sie hat sicher Durst“, sagte Reni eifrig, „warte, ich spann’ sie aus, mit dem Wagen kommen wir nicht rüber!“

Sie lief, nur mit dem Schlüpfer bekleidet, den sie als Badehose anbehalten hatte, zum Dogcart zurück und befreite die Jule von ihrem Geschirr. Nur den Zaum ließ sie ihr, womöglich bekam sie sonst die Trense nicht wieder in das Pferdemaul hinein. Die langen Zügel wickelte sie zusammen, wollte dann das Pferd hinüberführen, besann sich aber eines anderen. Sie schob und drückte es neben den Wagen, kletterte auf diesen hinauf und ließ sich auf den Pferderücken hinübergleiten.

„Los, Jule!“ rief sie und schnalzte mit der Zunge, und als das nichts half, puffte sie dem Pferd tüchtig mit den Fersen in die Seiten. Wirklich, die Jule setzte sich in Bewegung, Erika schrie vor Schrekken und Begeisterung, als sie Reni so angeritten kommen sah.

„Fein! Nachher komm ich dran, ja?“

„Erst muß die Jule aber trinken“, bestimmte Reni und trieb das Pferd an den Bach heran. Dann rutschte sie herunter. Die Jule trank, und Reni sah ihr andachtsvoll zu. „So, jetzt kannst du mal!“

„Wie komm ich denn rauf?“ fragte Erika zweifelnd.

„Hier! Tritt hier rein!“ befahl Reni eifrig und hielt ihr die verschlungenen Hände hin. Erika war etwas zaghaft, aber Reni ermunterte sie energisch. „Los, los, gleich bist du oben!“ Sie behielt vorsichtshalber die Zügel in der Hand und führte das Pferd; aber Erika fand es auch so wunderschön.

„Nun müssen wir aber wieder einspannnen“, sagte Reni schließlich. Erika rutschte, halb bedauernd, halb erleichtert, daß alles gut abgelaufen war, wieder herunter, und nun machten sie sich daran, wieder anzuspannen. Das war gar nicht so einfach. Alles will gelernt sein. Als sie schließlich so weit waren, daß sie meinten, sie könnten abfahren, rutschte beim Anziehen des Pferdes das ganze Gurtzeug nach hinten. Sie hatten vergessen, den Bauchgurt richtig festzuziehen. Reni sprang schnell vom Wagen und holte es nach. Nun ging es.

In der Mühle mußten sie erst eine Weile warten, weil die Müllersfrau gerade Wäsche aufhängte.„Ihr bekommt die Äpfel gleich! Kostet nur erst mal!“ sagte sie freundlich und warf ihnen einige zu. Das war nicht dumm. Sie setzten sich an den Rand der Wiese und aßen, bis die Frau fertig war. Dann wurde der Korb Äpfel umständlich geholt, gewogen, verstaut, ein Sack dazu — es war dreiviertel zwölf, als sie losfuhren. Reni sah es am Uhrtürmchen der Mühle und erschrak.

„Wir müssen schnell machen, Mutter sagte extra ...“ meinte sie und versuchte, Jule zu einem gelinden Trab zu bewegen. Aber die Jule machte nicht mit. Sie ging Schritt, soviel sie auch mit dem Zügel auf ihr dickes Hinterteil klatschten. Eine Peitsche hatten sie nicht mit und hätten sie auch nicht benutzt. Sie hatten eben vorhin zuviel Zeit vertrödelt, und nun kamen sie sicher zu spät.

„Zu Fuß wären wir schnell zu Haus“, sagte Erika, „wenn man dort drüben durch den Bach geht und quer über die große Wiese — hier macht der Weg einen großen Bogen und wir müssen dann noch durchs ganze Dorf. Dortherum kämen wir sofort ins Gut hinein!“

„Da fahren wir eben so, wenn dort eine Furt ist“, sagte Reni und bog sogleich in den Seitenweg ein.

„Wenn die Jule nur durchgeht“, meinte Erika bedenklich, aber Reni hatte keine Sorge. Warum denn nicht!

Es stellte sich jedoch heraus, daß Erika doch besser Bescheid wußte, wenigstens manchmal. Kaum war die Jule bis zu den Fesseln im Bach, als sie stehen blieb, es schien ihr darin sehr zu behagen. Das kühle Wasser an den heißen, müden Füßen — mochten die beiden Mädel da hinten Hü! und Hott! rufen, soviel sie wollten.

Sie riefen ausgiebig. Dann sprang Reni vom Wagen und watete vor, faßte die Jule am Zaum. „Los, du alte faule Schatulle!“ schimpfte sie, aber es war ein Stück Arbeit, das große schwere Pferd zum Anziehen zu bringen. Und mehr als ein Anziehen wurde es auch nicht, der Wagen stand ja im Bach und die Räder waren bereits vom Sand überspült, so daß es sicher schwer ging, den Wagen zu bewegen. Mit jeder Minute schwerer ...

Reni zog, schrie und schimpfte. Nach einer Weile kam auch Erika dazu, aber es war nichts zu machen. Der Wagen versandete immer weiter, und die Jule stand wie ein Block. Dabei wurde es immer später.

Schließlich wurde ihnen klar, daß sie allein, ohne Hilfe, hier nichts ausrichten würden. Also los, einer mußte sich entschließen, einen Erwachsenen zu holen.

„Willst du laufen oder soll ich?“ fragte Reni. Erika sah so bedenklich drein, daß Reni gleich hinzufüge: „Bleib mal, ich geh schon, ich hab’s ja schließlich auch angezettelt.“

Sie rannte los. Kaum war sie in den Gutshof gekommen, da sah sie schon Frau Niethammer stehen, die nach der andern, der Dorfseite zu, ausspähte, bestimmt nach ihnen.

Sie huschte ungesehen von ihr ins Haus, suchte die Mutter. Zum Glück war sie in ihrem Zimmer.

„Ihr dummen Mädel!“ schalt sie erschrocken. „Wenn das Frau Niethammer erfährt! Dann läßt sie euch doch nie mehr allein fort. Na, wollen mal sehen, ob wir ihr den Schreck ersparen können.“

Es gelang ihnen tatsächlich, ein zweites, angeschirrtes Pferd abzufangen, das gerade von draußen kam. Mit ihm trabten sie zur Furt. Reni war schon wieder ganz getröstet, seit Mutter sich ihrer angenommen hatte, und genoß den kurzen Ritt. Mutter machte eins, zwei, drei den Retter. Sie spannte das Pferd vor die Jule, Frau Jahnecke nahm es am Zaum, und mit Holla Hopp! ruckte der Wagen an. Gott sei Dank, er ruckte nicht nur, sondern kam ganz heraus. Und nun zog ihn die Jule brav allein nach Hause.

Sie hatten das ganz große und unverdiente Glück, in den Hof zu kommen, ohne daß jemand sie sah. Frau Niethammer war inzwischen in der Unruhe ihres Herzens die Dorfstraße ein Stück hinuntergegangen. Kaum hatten die Mädel sich gewaschen und die verwilderten Haare glatt gebürstet, da tönte der Gong: halb eins. Frau Niethammer kam, sichtlich erregt und besorgt, ins Eßzimmer — da standen ja die Mädel!

„Wo kommt ihr denn her?“

„Wir sind gleich über die Wiesen gefahren“, sagte Reni rasch, und Erika murmelte:

„Weil wir so lange warten mußten in der Mühle!“

„Ja, seid ihr denn glatt durch den Bach gekommen?“ fragte Herr Niethammer erstaunt. Reni wurde feuerrot, und ihre Mutter sagte schnell: „Das Wasser ist nicht hoch, jetzt, bei der Hitze!“

Es war ihr gar nicht recht, daß sie den Kindern so beisprang, aber im Augenblick ging es nicht anders. Nach Tisch nahm sie die beiden ins Gebet. „Daß mir sowas nie wieder vorkommt!“

Erika nahm ihre Ermahnungen sichtlich ernst, Reni dagegen schien wenig beeindruckt. Es war ja nichts passiert ... Am Nachmittag war sie bereits wieder auf der Koppel: Fohlenrennen. Erika saß am Rand und mochte nicht mitmachen. Sie hatte Bauchweh von den vielen Äpfeln, die sie gegessen hatte.

Reni hatte nie Bauchweh. Sie glaubte auch Erika nicht ganz, aber das war unrecht: Erika hatte wirklich Bauchweh und legte sich gegen Abend hin. Am andern Tag mußte sie im Bett bleiben und bekam Haferflocken, denn sie hatte einen verdorbenen Magen.

Reni war nicht so herzlos, daß ihr das nicht leid tat. Sie saß bei Erika am Bett und bewunderte, da sie ja nun doch nicht hinauskonnten, die dreizehn Puppen, die Erika hatte. Sie waren wirklich hübsch. Sie setzte sie alle in Reih und Glied aufs Fensterbrett, dann aber wußte sie nichts mehr mit ihnen anzufangen.

„Ich muß überhaupt noch einen Brief schreiben“, sagte sie plötzlich. „Hast du Briefpapier?“

Ja, Erika hatte welches, hellblaues und rosa mit kleinen Blumenbildern und ihrem Monogramm, E. N., oben in der Ecke.

„Ob man das nicht ändern kann?“ fragte Reni. Aber ihre eigenen Anfangsbuchstaben waren zu verschieden von denen Erikas. Schließlich meinte sie, man könnte es dem Onkel Doktor ja erklären, warum das oben auf dem Briefbogen stünde.

„Schreibst du an den Doktor?“ fragte Erika. Sie hatte gedacht, Reni würde an irgend eine Freundin schreiben wollen.

„Ja, er muß doch wissen, wie es mir geht. Schreib du ihm doch auch“, sagte Reni eifrig und brachte der Freundin eine Unterlage, einen Bogen und einen Bleistift. „Der genügt, weil du doch im Bett schreibst, ich nehm’ natürlich Tinte. Hoffentlich mach’ ich keinen Klecks.“

Sie machte aber doch einen. Weil er aber erst passierte, als der Brief schon vier Seiten lang war, konnte niemand erwarten, daß sie deshalb noch einmal von vorn anfing. Da vom Radieren Kleckse noch nie wirklich weggegangen sind, ließ sie ihn stehen, lachte dann und malte ihm einen Kopf, zwei Arme und zwei Beine an. Nun war er ein kleiner dicker Mann. Inzwischen war auch Erika fertig geworden, und Reni steckte beide Briefe in einen Umschlag, adressierte und klebte ihn zu. „Und jetzt spielen wir, Mensch, ärgere dich nicht‘!“

Am andern Tag war Erika wieder gesund. Aber nun regnete es. Regen auf dem Land ist für Kinder schrecklich langweilig. Reni dachte mit Wehmut ans geliebte Heim — da gab es an solchen Tagen Kasperletheater oder Märchennachmittag oder sogar mal Kino. Hier gab es all so etwas nicht. Erika sah mit Schrecken, daß Reni sich langweilte — „Wir gehen in die Bodenkammer“, schlug sie vor.

Das war eine gute Idee. Dort oben standen alte, dunkle Regale mit grünen, zerschlissenen Vorhängen davor, und darin konnte man die schönsten Entdeckungsreisen machen. Alte Bücher, verstaubte Spielsachen, Puppenstuben, Schachfiguren ohne Brett, ein zoologischer Garten mit Papiermaché-Heren—an Langeweile war nicht mehr zu denken. Zum Schluß aber fanden sie das Schönste: eine Truhe mit Maskenkostümen. Nun konnten sie sich verkleiden, wunderbar!

Reni schrie und lachte vor Vergnügen, während sie eins nach dem andern hervorkramte. Bunte Schleier, knisternd steife Silbermützen, ein Pierrotkostüm, ein Schornsteinfegeranzug und vielerlei Larven. Reni kroch in alle Jungensachen, sie verkleidete sich so gern als Junge, während Erika sich als Königin der Nacht drapierte — in einem dunkelblauen Seidenkleid mit langer Schleppe und einem Halbmond in den offenen Haaren sah sie wirklich so aus, wenn sie durch den Bodenraum rauschte, mit hocherhobenem Haupt und majestätisch wie eine geborene Durchlaucht.

Auf dem Boden schlief auch die Mamsell, sie hatte das Giebelzimmer nach Westen. Es war nicht verschlossen, Erika huschte hinein.

„Wie hübsch das hier ist!“ sagte Reni verwundert. Sie konnten die Mamsell nicht sehr gut leiden, weil sie immer schimpfte. Reni und Erika behaupteten, sie wäre geizig ... das sagen wohl alle Gutskinder von ihren Mamsellen. Aber man kann ja nicht erwarten, daß diese braven Wirtschafterinnen einem dauernd pausenlos Äpfel, Kuchen oder ähnliches zustecken.

„Wollen wir ihr nicht ein Gespenst aufbauen?“ schlug Reni vor, und Erika, die sich erst neulich über die Mamsell geärgert hatte, als sie für die Puppen kochen wollte und kein Puddingpulver herausbetteln konnte, war sofort einverstanden. Sie liefen hinüber und suchten aus der Truhe einen dunklen Anzug heraus, hingen ihn über einen Besen und stopften ihn mit alten Tüchern aus. Als Kopf nahmen sie ein Handtuch, das sie zusammenwickelten, steckten die scheußlichste Larve, die sich finden ließ, davor und stülpten obendrauf einen alten Hut. So kam der Buhmann in die Stubenecke.

„Hoffentlich kommt sie erst abends rauf, damit sie recht erschrickt”, sagte Reni, „am Tage sieht man’s gleich, daß es bloß altes Zeug ist!“

Sie stopften das übrige in die Truhe zurück, wie es gerade kam, und liefen hinunter, um sich Vesperschnitten zu holen. Der Regen hatte übrigens aufgehört, und Herr Niethammer fragte, ob sie mit in die Schäferei fahren wollten. Natürlich wollten sie. Darüber vergaßen sie ihr Gespenst vollständig.

Es wurde ihnen aber ins Gedächtnis zurückgerufen, und zwar sehr nachdrücklich. Schon eine ganze Weile nach dem Abendbrot — Mutter hatte sie eben ins Badezimmer getrieben und ein bißchen gescholten, sie sollten sich doch endlich beeilen — ertönte ein lautes Geschrei, und im Flur gab es ein Hin und Her und Rufen und Kreischen. Die Mamsell stand, in die Schürze heulend und an allen Gliedern zitternd im Treppenwinkel und verschwor, nie wieder auf den Boden zu gehen; in ihrem Zimmer stünde ein Kerl. Als die andern ihr das auszureden versuchten, wurde sie ganz giftig. Sie hätte ihn genau gesehen und auch erkannt, ja wohl! Ganz genau, niemand könnte ihr das ausreden! Und keine zehn Pferde brächten sie jemals wieder auf den Boden hinauf ...

Es gab ein langes Hin- und Hersprechen, und Reni und Erika hörten hinter der angelehnten Badezimmertür zu, aber sie lachten gar nicht mehr über den durchschlagenden Erfolg ihrer herrlichen Idee. Im Gegenteil ... Schließlich gingen Herr Niethammer und ein Kutscher hinauf, die Mamsell blieb ihren vielfachen Eiden treu und unten. Nach fünf Minuten war alles aufgeklärt.

Herr Niethammer war sehr ärgerlich, mehr eigentlich über Mamsells Anstellerei als über die Dummheit der Mädel, aber er mußte natürlich auf sie als die Urheber des Theaters schelten. Das tat er denn auch, donnerte, daß sie ganz klein und häßlich dastanden und sich in ein Mauseloch wünschten, und dann brummte er zu Mamsell:

„So, rauf jetzt, so ein Kerl tut nichts!“

Leider aber war die Mamsell eine von denen, die Haare auf den Zähnen haben.

„So, rauf jetzt — kommt gar nicht in Frage! Entweder ich krieg’ jetzt endlich ein Zimmer in menschlichen Gefilden oder ich gehe zum Ersten, so wahr ich hier stehe! Immer hab’ ich schon gesagt ...“

Ja, sie hatte schon seit je über ihre Unterbringung unter dem Dach gemault und räsoniert. Reni wußte das nicht, sie glaubte, sie allein wäre nun schuld, daß die Mamsell schließlich, um Ruhe im Haus zu bekommen, von Frau Niethammer im Fremdenzimmer einquartiert wurde. Das hatte die gerissene Dicke längst vorgehabt, und nun ergriff sie die Gelegenheit mit Wonne. Aber für Frau Niethammer war es ärgerlich und für Erika und sie schrecklich peinlich ...

Sehr gedrückt kroch Reni an diesem Abend ins Bett. Mutter hatte sehr ernsthaft gescholten — erst die Geschichte mit dem Wagen im Bach, dann Erikas verdorbener Magen —, daß Reni daran nicht Schuld war, sah Mutter anscheinend nicht ein, Mütter sind so. Wenn sie schelten, schelten sie in Bausch und Bogen ... Und nun diese Gespensteraffäre.

„Du mußt doch bedenken, daß es sehr nett ist von Niethammers, wenn du hier sein darfst“, sagte sie vorwurfsvoll. „Wenn du drei Jahre alt wärst, könntest du das nicht verstehen. Aber so! Und Leute erschrecken soll man nie, das ist genau wie bei Pferden. Ein Schreck kann fürs Leben schaden ...“

Gottlob, daß sie bei den Pferden angelangt ist, dachte Reni ein klein bißchen erleichtert. Wenn Mutter auf dieses Thema kam, wurde sie sanfter, das wußte sie aus Erfahrung, schon weil man eben mit Pferden immer sanft sein muß. Trotzdem mußte sich Reni noch eine ganze Weile anhören, wie ein Schreck auf dieses oder jenes Pferd schädlich gewirkt hatte. Sie schlief schließlich darüber ein, ohne Absicht, sie war sehr müde ... Mutter merkte es erst viel später. Sie seufzte. Es war nicht so leicht, eine kleine Tochter bei sich und doch nicht genug Zeit für sie zu haben.

Neues vom alten Doktor Schon wieder geht etwas schief

In der Frühstückspause — Fräulein Sonneson war von ihren Ferien zurückgekehrt und unterrichtete die Mädel jetzt wieder — lief Reni ins Büro hinunter. „Sicher ist ein Brief für mich da“, hatte sie Erika zugerufen. Gleich darauf erschien sie wieder, einen weißen Umschlag schwenkend. „Ich hab’s ja gewußt! Hurra!“

Erst aber suchte sie sich doch noch mit genießerischer Ruhe eins von den Broten vom Teller, der immer, wunderbar in seiner verschwenderischen Auswahl, den Studierenden aus der Küche heraufgeschickt wurde. Katri, das Küchenmädel, machte ihn täglich fertig, und bei ihr hatten die Mädel „Stand“. Außer den Brotschnitten bekamen sie auch noch herrlich kalte Milch oder Buttermilch, manchmal auch, wenn es kühler war, eine Tasse Fleischbrühe. Fräulein Sonneson ging mit ihrem Frühstück meist auf den Balkon hinaus, während die Mädel im Lernzimmer blieben. Das Lernzimmer war überhaupt so gemütlich, mit dem großen Tisch und der niedrigen Decke und den vielen Bücherregalen ringsum.

Reni schlitzte den Brief mit dem Löffelstiel auf, gab Erika einen Zettel, der für sie eingelegt war — der Onkel Doktor dankte ihr für den schönen Brief, den sie unbekannterweise geschrieben hatte — und hockte sich dann mit dem ihren ans Fenster. Sie las, während sie aß, bald aber vergaß sie, zu beißen und zu kauen, Erika sah es deutlich. Sie wurde unruhig, mochte aber nicht fragen. Was hatte Reni denn? Reni las:

„Liebe Reni! Dein liebevoller Brief mit dem zweifellos vollendet gelungenen Portrait meiner schönen Figur auf der letzten Seite —“ Reni wußte erst gar nicht, was er meinte, bis sie sich an ihren verschönten Klecks erinnerte und lachen mußte — „hat mein Herz erwärmt. Trotzdem mußte ich ein bißchen weinen. Nicht in Wirklichkeit — sei beruhigt — aber im Innern. Ich erfuhr es schon durch Tante Mumme, daß der Vogel ausgeflogen sei. Treulose Du! Wer soll mir denn von nun an die Sorgenfalten von der Stirn streicheln, wie Du das bisher mit Deiner schlohengelweißen Hand so erfolgreich besorgtest? Hast Du denn gar nicht an Dein vornehmstes Amt gedacht???

Ich werde also von jetzt an rettungs- und hemmungslos verrunzeln. Nun, sei es drum, wenn Du nur glücklich bist! So sagt jeder, der seinen Nächsten mehr liebt als sich selbst. Bist Du glücklich? Wenn nicht, werde ich Dir postwendend Deinen besten Teil versohlen. Ein Kind, das endlich bei seiner Mutter gelandet ist, hat glücklich zu sein, verstanden?

Liebe kleine Reni, in Deinem Leben hat sich so ganz plötzlich viel geändert, in meinem tut es das auch. Ich wollte Dir das alles mündlich erklären, alles erzählen, wenn ich wiederkomme und wir am Kamin sitzen, und nun bist Du fort, so muß ich es also schreiben. Sicher weißt Du nicht, daß ich, ehe ich zu Tante Mumme ins Haus zog, verheiratet war, wir haben nie davon gesprochen. Meine Frau war sehr anders als ich und langweilte sich oft, weil ich immer und immer zu tun hatte und fortgeholt wurde. Da haben wir uns dann getrennt, schon vor vielen Jahren. Jetzt ist sie gestorben. Ich gehöre ja nun schon so lange dem Heim und Euch, Ihr kleinen, frechen, ungezogenen und geliebten Kerle, daß ich wohl traurig, aber nicht untröstlich bin wie vielleicht ein anderer Mann, dem die Frau genommen wird. Es ist etwas anderes, sehr Wichtiges, was sich nun in meinem Leben ändert: wir haben nämlich einen Sohn, einen großen Jungen, der bisher bei der Mutter war und nun zu mir kommen wird. Er ist schon fünfzehn Jahre alt, der Christian, und mir doch noch ganz fremd. Den will ich nun ins Heim nehmen, und da habe ich an sich mit Dir gerechnet und mit Deinem Beistand, kleine, liebe Reni, daß Du ihn liebgewinnen und ihm eine recht gute, tapfere kleine Freundin werden würdest.

Damit ist es nun nichts. Und jedes Kind gehört nun einmal zu seiner Mutter oder seinem Vater. Und Tante Mumme wird auch lieb zu Christian sein. Aber vielleicht schreibst Du ihm auch mal einen solch lieben und lustigen Brief wie mir neulich? Ich bin, offen gestanden, ein bißchen bange, wie er sich bei uns einrichtet. Wenn Du da wärst, wär das leichter.

Nun sieh zu, daß Du Deiner kleinen neuen Freundin ein rechter guter Kamerad durch dick und dünn wirst! Weißt Du, es kommt viel mehr darauf an, daß man Freude bringt, als daß man selbst welche erfährt. Und Erika braucht wohl eine Freundir, wie mir scheint. Daß Du Deine Mutter liebhaben und ihr keinen Kummer machen wirst, nehme ich selbstverständlich an. Grüße sie, an Erika liegt ein Zettel bei. Aber vergiß auch nicht und behalte fest in Deinem Herzen Deinen alten Doktoronkel.“

„Reni, was ist?“ fragte Erika scheu, als Reni sich gar nicht rührte. Sie hatte beide Hände in die Backen gestützt und die Ellenbogen aufgestemmt, so saß sie und starrte auf den Brief herunter. Schon viele Minuten ... Sie mußte doch fertig sein mit dem Lesen, oder?

„Ja“, sagte sie jetzt auffahrend, und Erika konnte ihr Gesicht erkennen — Tränen waren das nicht. Oder noch nicht? Auf jeden Fall sah Reni ganz verändert und sehr ernst aus.

„Geht es, ich meine, ist der Onkel Doktor vielleicht kränker geworden?“ fragte Erika, „oder hat er sonst was Trauriges geschrieben?“

„Traurig — nein, doch, ja, seine Frau ist gestorben. Aber sie war schon lange von ihm fort“, sagte Reni verwirrt. Dann kniffte sie den Brief hastig wieder zusammen, schob ihn in den Umschlag zurück und steckte ihn ins Lesebuch. „Fräulein Sonneson muß doch gleich wieder kommen, Frühstück ist wohl längst vorbei, oder nicht?“

„Aber du hast doch noch gar nichts gegessen“, sagte Erika ängstlich, „willst du nicht ...“

„Nein, danke ich hab’ keinen Hunger“, sagte Reni und schob den Teller mit den Broten fort, „auch keinen Durst, nein, danke wirklich. Was haben wir jetzt? Erdkunde?“

„Nein, Rechnen. Du weißt doch, die Aufgaben mit Prozent, die schweren ...“

„Ach ja.“ Reni beugte sich neben Erika über das Heft, und Erika sagte auch nichts mehr.

Am Nachmittag hatten sie die Erlaubnis bekommen, schwimmen zu gehen. Fräulein Sonneson wollte mitgehen — Mutter hatte keine Zeit. Es wäre natürlich viel schöner und lustiger gewesen, wenn Mutter mitgegangen wäre. Reni war ein bißchen verbockt, daß sie es nicht tat — sie sah nicht ein, daß Mutter sich nicht einmal eine Stunde für sie freimachen konnte. Schließlich saß sie doch abends nach Feierabend auch noch über den Gutsbüchern. Aus einem gewissen Trotz heraus hatte sie ihr deshalb auch noch nichts von dem Brief des Doktors erzählt ...

Der Fluß machte an der Stelle, an der der Mühlgraben abgeleitet wurde, eine Wendung, dadurch war er dort breiter und tiefer und ganz ruhig — auf der einen Seite fiel er über das Wehr hinunter, auf der andern schoß der schmale und reißende Mühlgraben in sein Bett. Bis dahin durfte man natürlich nicht schwimmen, denn da war die Strömung zu stark, aber ein Stück oberhalb war es herrlich und auch ganz ungefährlich. Man konnte sogar hineinspringen, mit einem flachen Hecht, der Grund war so weich und schlammig, daß es scheußlich war, hineinzugehen. Reni war glücklich, daß sie endlich wieder einmal schwimmen konnte, und tobte und lachte und schrie, und Erika ließ sich von ihr anstecken. Fräulein Sonneson hatte sich in den Schatten der am Ufer stehenden Weidenbüsche gesetzt und ließ die Mädel nicht aus den Augen, aber sie schalt weder, noch war sie überängstlich. So richtig beruhigt waren die beiden aber erst, als sie sahen, daß sie eine weiße Häkelei auspackte. Nun war sie untergebracht.

Weiter oberhalb lag ein Boot angekettet, das war natürlich eine willkommene Entdeckung. Es war alt, stand spannenhoch voll Wasser und man konnte es auch nicht losmachen, aber in dem Halbkreis, den die Kette zuließ, konnte man doch schön kahnfahren. Reni balancierte auf dem Rand und fiel dann ins Boot hinein, mitten in das darinstehende Schmutzwasser, und Erika lachte darüber so, daß sie auch das Gleichgewicht verlor. Aber sie waren ja schon naß, da schadete das nichts, nur ihre Haare tropften nun auch — sie hatten beide keine Bademützen und deshalb die Zöpfe hochgebunden gehabt, nun aber hingen sie wie nasse Schlangen um Hals und Schultern.

„Eklig — wollen wir sie uns nicht abschneiden?“ fragte Reni und lachte über Erikas Entsetzen. Dann verließen sie den Schauplatz ihrer Tätigkeit und schwammen zu Fräulein Sonneson hinunter.

„Wir wollen doch mal unters Wehr gehen“, schlug Reni vor, nachdem sie sich eine Zeitlang im Gras und in der Sonne geaalt hatten, „das denke ich mir herrlich, wenn es so auf einen runterhaut!“

„Daß euch aber nichts passiert — ich geh lieber mit!“ sagte Fräulein Sonneson und stand auf. Sie kletterten über den Hang hinunter, dorthin, wo das Wehr, das vielleicht drei Meter hoch herunterstürzte, auf die Steine aufschlug. Es riß da unten auch noch gewaltig, und die Steine waren naß und glitschig von Algen.

„Du kommst nicht bis ran!“ prophezeite Erika, die neben Reni stehengeblieben war, aber Reni versuchte es immer wieder. Sie stand in dem fußhohen, reißenden Wasser, das ihr bis an die Knie und manchmal bis an die Hüften hinaufschäumte, und schob sich immer näher heran, und dann — Erika schrie laut auf — verschwand sie auf einmal hinter dem dicken, gelblichen Wasservorhang. Sie war bis hineingekommen, nein, diese Reni!

Ein paarmal kam ihre Hand hervor, die aber von dem herabstürzenden Wasser sofort wieder heruntergerissen wurde, manchmal da, manchmal dort. Man mußte hinter dem Wehr hin und hergehen können, es war für die Zuschauer richtig spannend, wo sie nun auftauchen würde. Dann kam ein Fuß zutage — und dann auf einmal die ganze Reni, sie kam geschossen, auf dem Hosenboden sitzend, rutschte aus dem Wehr heraus, drehte sich um sich selber, fing sich wieder, rutschte von neuem weiter und kam dann lachend und triefend angekrochen, noch ganz taumelig und benommen. Erika sah ihr gespannt entgegen.

„Erzähl doch mal, kann man dahinter stehen?“

„Na, aber! Gut! Es ist wie hinter einem Vorhang, aber einen Krach macht das Wasser!“

„Ich will auch mal dahinter!“ zappelte Erika. „Komm, wir gehen miteinander!“

„Aber Kind, wenn dir was passiert!“

„Was soll mir denn passieren, Fräulein Sonneson? Reni ist doch auch nichts passiert, und sie ist ganzbeinig wieder rausgekommen, und meine Zöpfe sind sowieso schon naß. Oder ist da drin die Wassernixe?“ fragt Erika lachend, wenn auch trotz allem etwas ängstlich. Reni hatte sie schon an der Hand gepackt.

„Weder Wassernixe noch Wassermann, nur Wasser!“

Sie schoben sich, nebeneinander und fest angefaßt, wieder an das Wehr heran. Fräulein Sonneson sah ihnen mit ihren guten braunen Augen besorgt nach, mochte es aber nicht direkt verbieten. „Vorsicht!“ rief sie immer wieder. „Jaja!“ antwortete Reni dann, ohne den Kopf zu wenden, für sie beide. Sie mußten genau aufpassen jetzt.

Erika klammerte sich fest an Renis Hand und rutschte ein paarmal aus, aber sie blieben doch aufrecht. Immer näher kamen sie dem herunterstürzenden Schwall.

„Keine Angst! Einfach durch und rein!“ schrie Reni Erika durch das Tosen zu, und riß sie mit sich.

Erika war wie betäubt, man mußte schnell durch den Vorhang hindurch und dahinter, sie aber war nur hindurchgegangen und stand nun einen Augenblick, während ihr das Wasser auf Kopf und Schultern haute ...

„Du bist verrückt, hat’s weh getan?“ schrie Reni ihr ins Ohr. Erika schüttelte den Kopf, sie standen miteinander in der gelblichen, nassen Dämmerung, die hinter dem Wasservorhang herrschte, und es lief ihnen an den Gesichtern und Haaren herunter. Das ganze Wasser stürzte nämlich nicht im Bogen herab, sondern viel lief und spritzte auch daneben — es war jedenfalls ganz komisch und völlig neu hier. Wenn man sprach, bekam man es in den Mund, und in die Augen lief es einem auch dauernd. Reni steckte wieder die Faust in den Vorhang, da schlug ihr eine Sturzwelle an den Bauch — sie zog die Hand schnell wieder fort.

„Und wie kommt man wieder raus?“ fragte Erika schreiend. Reni schrie zurück: „Vorhin bin ich gerutscht, aber wir können auch im Stehen, wenn wir uns einander festhalten ...“

„Bloß noch einen Augenblick!“ Erika wollte noch nicht, teils, weil es ihr hier zu gut gefiel, teils, weil sie doch ein bißchen Angst hatte vor der Rückreise. Reni lachte und machte die Augen zu und den Mund auf, ließ das Wasser hinein und über die Zunge laufen. „Jetzt sind wir Wassernixen — ganz aus Wasser!“

„Los, wollen wir jetzt?“ fragte sie nach einer Weile. Erika klammerte sich fest an sie an, hier hinten war keine Strömung, da hatte sie allein und ganz sicher gestanden. Aber jetzt war es besser, sie vertraute sich der Freundin an ...

„Achtung jetzt!“ schrie Reni, sie fühlten beide das Wasser auf sich einprasseln, Reni schoß ein bißchen zu schnell heraus, zog Erika nach, verlor die Balance und wackelte, während sie nebeneinander auf den glatten Steinen entlangrutschten, bemüht, das Gleichgewicht zu halten. Einen Augenblick schien es, als gelänge es ihnen, aufrecht zu bleiben, aber man hatte auf den verflixt glatten Steinen keinen Halt. Erst fiel Reni, sie wollte Erika nicht mitreißen und sie deshalb loslassen, aber Erika klammerte sich ganz fest an sie an und wurde dadurch mitgerissen. Reni fiel leicht und seitlich, es war mehr ein Hinrutschen als ein Stürzen. Erika dagegen plumpste schwer und ungebremst auf den einen Arm. Sie schrien beide. Fräulein Sonneson am Ufer schrie auch.

Reni krabbelte sofort auf allen vieren zu Erika und wollte ihr aufhelfen, aber die winkte mit dem einen Arm ab.

„Es ist auch besser, wir bleiben unten, wir fallen sonst doch bloß wieder hin!“ lachte Reni und spuckte Wasser aus, „komm, dort rüber. So, jetzt sind wir gleich gerettet aus den Niagarafällen!“

Erika kam nach. Reni fiel es nicht weiter auf, daß sie still war und nicht mitsprudelte — so wie sie, die das Ganze sofort Fräulein Sonneson schilderte —; erst nach einer Weile merkte sie, daß Erika ganz still saß.

„Hast du dir wehgetan?“ fragte sie mitleidig.

„Ach, bissel. Am Arm“, sagte Erika, die sich nichts anmerken lassen wollte. Fräulein Sonneson konnte es nicht lassen, ein „Siehst du!“ dazuzugeben, aber sonst war sie nett und freundlich wie immer. „Wollt ihr euch nicht anziehen?“ fragte sie.

Als sie zu dem Platz, wo die Sachen lagen, zurückgingen, merkte auch Reni, daß es Erika nicht gutgehen mußte.

„Wo tut’s denn weh?“ fragte sie leise. Erika schüttelte den Kopf. Aber beim Abtrocknen biß sie die Zähne zusammen und gestand endlich kleinlaut, sie könne nicht allein in ihr Kleid. Der Arm täte so weh, sie könne ihn nicht heben.

„Welcher?“ fragte Fräulein Sonneson ahnungsvoll. Der rechte! Reni trocknete ihr die Haare, sie verstand sich darauf, die Zöpfe ins Frottiertuch zu wickeln und dann auszuwringen wie ein Wäschestück — und zog ihr hilfsbereit das Dirndlkleid über den Kopf.

„Es wird schon wieder besser!“

Es wurde aber immer schlimmer. Fräulein Sonneson hängte den Arm in eine Schlinge, die sie aus einem Halstuch machte, und dann gingen sie langsam und kleinlaut über die Wiesen nach Hause.

Erika war sehr tapfer und vernünftig, aber sie hatte ziemliche Schmerzen. Frau Niethammer erschrak sehr, als sie sie so kommen sah, und rief gleich den Doktor an. Er kam — es war eine scheußliche Wartezeit. Und dann stellte er, wenn auch zum Glück keinen Bruch, so doch ein angebrochenes Schlüsselbein fest.

„Der Arm muß ruhig liegen, weiter ist nichts nötig“, sagte er. „Na, Mädel, ich gratuliere, daß es der rechte ist. Da brauchst du keine Schularbeiten zu machen!“

Erika lächelte blaß. Ihr war Mutters entsetztes Gesicht viel schlimmer als die Schmerzen — die zu zeigen, war sie ein viel zu tapferer Kerl. Aber Mutters verzweifeltes Gesicht war ihr furchtbar — als hätte sie ihr etwas angetan, und mit Absicht! Als Frau Niethammer immer noch weiter jammerte, sagte der Doktor schließlich freundlich, aber doch ein bißchen barsch und verweisend:

„Frau Niethammer, hat das Mädel die Schmerzen oder Sie?“

„Aber es tut mir doch nur so leid!“

„Gewiß, und die Scherereien haben Sie, zugegeben“, sagte er lachend und ließ sich in einen der tiefen Verandastühle fallen — den Reni ihm auf einen Wink ihrer Mutter hingeschoben hatte — um hier noch eine gute Zigarre und etwas starken Kaffee zu genießen, wie das bei Niethammers üblich war, „anziehen und ausziehen müssen Sie Ihr Baby nun wieder, und Haaremachen ...“

„Oh, Frau Niethammer, das tu ich!“ rief Reni eifrig, „ich bin überhaupt schuld! Wenn ich nicht unters Wehr gegangen wäre ... aber ich helfe Erika ganz bestimmt! Ich wasch’ sie und kämm’ sie und zieh’ Erika an.“

„Dann mußt du aber auch bei mir schlafen!“ fiel Erika ein. „Ich wollte es sowieso immer so gern, darf sie, Mutti, ja?“

Beide Mädel sahen so gespannt und flehend zu Frau Niethammer auf, daß sie es nicht übers Herz brachte, „nein“ zu sagen. „Aber daß ihr mir nicht wieder etwas Neues ausheckt — seit — seit einiger Zeit ist bei uns der Teufel los, Herr Doktor“, klagte sie bekümmert, „immerfort passiert was, ich komme aus der Angst nicht raus!“

„Vielleicht ist nicht der Teufel, sondern nur ein unternehmungslustiges, kleines Mädel los, das eigentlich von Rechts wegen ein Junge hätte werden sollen“, sagte der Doktor und blinzelte Reni zu, die dunkelrot wurde. „Ich glaube, niemals wäre Erika von allein auf den Gedanken gekommen, unter ein Wehr zu kriechen!“

„Ach, ja. Ach, nein! Ich hätte sowieso — ich wäre sicher auch allein ...“ stotterte Erika, aber der Doktor tätschelte liebevoll ihren gesunden Arm und brummte:

„Schadet ja nichts. Lieber zwei, die was brechen, als eins, das nie was unternimmt. Wir Ärzte wollen auch leben — vor allem, wenn es uns bei einem Hausbesuch so gut geht ...“

Er lachte Frau Niethammer an, tröstlich und aufmunternd. Er selbst hatte sechs Kinder, von denen vier zwar Töchter waren, den Jungen aber in nichts nachstanden, wie er immer beteuerte, im Gegenteil! Da gab es Knochenbrüche und Rißwunden, verstauchte Knöchel und ausgerenkte Gelenke am laufenden Band ...

„War Frau Niethammer böse?“ fragte Frau Jahnecke, als Reni ihr beim Heimkommen alles berichtete. Reni schüttelte den Kopf.

„Nein, der Doktor hat sie getröstet. Nur traurig war sie! Aber das ist, glaub ich, beinah noch schlimmer ...“

Die Mutter nickte. Daß Reni das selbst merkte, war ja gut, aber ...

Ach ja, aber! Es gab auf einmal so viele Aber in ihrem Leben, von denen sie vorher nichts geahnt hatte ...

Verschiedene Rezepte gegen ein schweres Herz Renis Weihnachtswunsch

Reni hatte sich mit großer Mühe den Hackklotz in die Ecke hinter dem Schafsstall gerollt, dort kam fast niemand vorbei. Die Axt war leicht zu erwischen, sie hing im Geräteschuppen. Und das Holz lag aufgeschichtet auf dem Hof, in spannenlange Kloben zersägt. Sie holte sich einen Handwagen voll davon. Nun konnte es losgehen.

Es war November, kalt, aber noch kein Schnee, ein Wetter, um melancholisch zu werden. Reni stellte den ersten Kloben auf den Hackklotz und ließ die Axt darauf niederkrachen. Der Erfolg war, daß sie darin stecken blieb und nun um die Welt nicht wieder herausgehen wollte. Das war kein guter Anfang.

Schließlich bekam Reni die Axt doch wieder heraus und fing von neuem an zu hacken. Einmal traf sie so gut, daß der Kloben zu ihrem eigenen Erstaunen ganz leicht auseinanderfiel. Dadurch bekam sie gleich wieder etwas Mut. Aber oft traf sie nicht auf diese Weise. Und es waren viele Klötze da mit Ästen darin, die waren überhaupt nicht kleinzukriegen.

Einmal rutschte ihr die Axt aus und ging um ein Haar ins Bein. Zum Glück nur um ein Haar — aber dann schürfte sie mit der Hand an einem Holzstück entlang, das noch an einer Seite einen Streifen Rinde trug. Das war beinahe schlimmer als eine Hackwunde. Es tat scheußlich weh und blutete so, daß sie erst einmal mit Hacken aufhören mußte.

So setzte sie sich auf den Hackklotz, wickelte ihr Taschentuch um die blutende Hand und wartete, daß das Bluten aufhören sollte. Dabei guckte sie über den Hof, der voller Nässe und Schmutz war. Und sofort kamen ihr wieder die Tränen.

Nein, sie wollte nicht heulen. „Wenn man traurig ist, muß man etwas Tüchtiges arbeiten, arbeiten bis man schwitzt“, hatte der Doktor einmal gesagt. Aus diesem Grunde stand Reni heute hier und schuftete, wo sie doch eigentlich jetzt im warmen, gemütlichen Lernzimmer bei Erika sitzen und lesen könnte, oder schwatzen, oder Papierpuppen ausschneiden ...

Sie stand wieder auf und griff mit Todesverachtung nach der Axt. Wirklich ging es jetzt eine Weile, man lernte eben alles. Während sie die dünnen Stücke auf einen Haufen warf, der tatsächlich langsam größer wurde, suchte sie mit den Augen schon immer nach neuen, astfreien Kloben. Dabei überhörte sie, daß jemand zu ihr trat, und erschrak, als sie sich angesprochen hörte.

„Was tust du denn hier?“ fragte Frau Niethammer, die ganz zufällig hier vorbeikam. Sie war ordentlich erstarrt vor Staunen, konnte nicht begreifen, daß Reni hier Holz hackte. „Wer hat dich denn das geheißen?“

„Niemand“, sagte Reni verlegen und leckte das Blut von ihrer Hand; das Taschentuch blieb immer nicht recht darum, wenn sie hackte. „Ich hab’ nur ...“

„Aber warum stehst du dann hier in Nässe und Kälte?“

„Ach, unser Doktor sagte mal, wenn man traurig ist, müßte man was Ordentliches arbeiten, so lange, bis man schwitzt“, erklärte Reni.

Frau Niethammer guckte noch erstaunter.

„Bist du denn traurig?“

„Doch, ja — eigentlich; wenigstens etwas“, setzte sie schnell hinzu. Sie durfte natürlich nicht sagen, daß es hier nicht schön sei — und eigentlich war es ja schön, oder könnte doch schön sein ...

Frau Niethammer stand einen Augenblick und überlegte. Am liebsten hätte sie das Kind jetzt mit hineingenommen ins Warme, ausgefragt und zu trösten versucht — aber sie erinnerte sich aus ihrer eigenen Kindheit, daß ihr alles Ausfragen immer schrecklich zuwider gewesen war. So stand sie zögernd, ging dann aber, nicht ohne Reni freundlich über den Kopf zu streichen. „Bleibe aber nicht zu lange!“

Reni seufzte. Sie schwitzte noch nicht, also mußte sie wohl noch eine Weile weiterhacken. Ihre Füße waren eiskalt, vielleicht nützte es überhaupt nichts ...

Sie hatte so Heimweh. Jetzt, um diese Zeit war es im Heim so unsagbar gemütlich — Voradventszeit. Das war beinahe die schönste Zeit im ganzen Jahre. Denn der erste Advent wurde dort ganz groß gefeiert, mit Aufführungen und Stollenbescherung und überall dicken, grünen Kränzen und den herrlichsten Überraschungen. Weihnachten waren ja keine Kinder da, deshalb war die Hauptfeier des Heims schon am ersten Advent. Und da wurde wochenlang vorher geprobt und geübt, Lieder gelernt und lustige Überraschungen vorbereitet. Und immer ist es ja die Vorfreude, die das Herz am meisten erhellt und erwärmt.

Hier fing der Adventszauber erst am ersten Adventssonntag an, und dann war Weihnachten auch schon bald da. Mutter mochte jetzt noch gar nichts davon hören, und Erika kannte es auch nicht anders.

Aber es war auch nicht das allein, was sie bedrückte und wonach sie sich sehnte. Es war der Onkel Doktor, der ihr so schrecklich fehlte. Sie verstand das selbst nicht — er hatte doch tagsüber auch keine Zeit für sie, genau wie die Mutter, und trotzdem war man dort immer gleichsam in seiner Hut, während man hier sozusagen verloren war, wenn Mutter im Büro saß. Auch abends — und abends hatte man auch nicht viel von Erika. Die saß dann bei ihren Eltern; sie hatte Reni oft gefragt, ob sie nicht auch mit herüberkommen wollte, aber Reni meinte, das könne sie nicht. Sie wußte noch genau genug, wie ärgerlich sie oft gewesen war, wenn sie endlich, endlich bei ihrem geliebten Onkel Doktor saß und dann das eine oder andere Kind aus dem Heim dazukam und nicht wieder wegfand. Ärgerlich und eifersüchtig war sie gewesen ...

„Nanu? Wer hackt denn hier das gesamte Gutsholz, und in einem Tempo, daß man gar nicht so schnell gucken kann?“ ertönte eine frische Stimme hinter ihr. Reni fuhr auf. Sie hatte, in Gedanken verloren, das Beil sinken lassen und wohl minutenlang so gestanden — jetzt bückte sie sich schnell nach einem neuen Stück.

„Ich hab’ aber schon was fertig!“ sagte sie rasch und ein bißchen schnippisch. Der junge Mann neben ihr lachte gutmütig. Es war der Milchkontrolleur, der jeden Monat einmal mit seinem Motorrad kam und den alle gut leiden konnten. Er zeigte Reni ein paar Kniffe, wie man so einem Dickbatz von Kloben zu Leibe ging, und sie bedankte sich und probierte es dann selber unter seiner Anleitung. Zum Schluß fragte er, genau wie Frau Niethammer, nach dem Grund dieser ihrer Leibesübung.

Sie gab ihm Bescheid. Er sah sie mitleidig an und lachte dann.

„Das ist Unsinn — ich meine nicht etwa, was euer Doktor sagt — aber daß du dich hier so plagst. Ich will dir ein anderes Rezept sagen: Wer traurig ist, soll essen, und wer fröhlich ist, soll trinken. So sagten wir als Studenten.“

„Ja?“ fragte Reni so treuherzig und erleichtert, daß er wieder lachen mußte. Er zog ein weißeingewickeltes Paket aus der Tasche, setzte sich auf den Hackklotz und packte es auseinander. Es war schönster, frischer Kirmeskuchen, ein Riesenberg. „Komm, iß mit, du sollst sehen, wie es hilft!“

Reni sah ihn zweifelnd an, ob er Spaß machte, aber er war ganz ernsthaft. Da setzte sie sich auf einen noch unzerhackten Kloben, nahm ein Stück Streuselkuchen und biß herzhaft hinein, und nun aßen sie zusammen den ganzen Berg auf.

„Danke“, sagte Reni, als sie fertig waren.

„Ist’s nun besser?“ fragte er. „Wo steckt denn überhaupt der Kummer?“

Reni mochte nichts vom Onkel Doktor sagen, aber da der junge Mann ihr so freundlich von seinem Kuchen gegeben hatte, erzählte sie ihm von ihrem geliebten Heim. Er hörte ihr aufmerksam zu.

„Heimweh — das ist etwas Schlimmes“, sagte er mitleidig, „dagegen hilft natürlich auch kein Kirmeskuchen, wenigstens nicht auf die Dauer. Dagegen hilft nur eins: Nicht immerfort an sich selbst denken. Komm mal mit in den Stall und hilf mir dort!“

Er hatte das mit Absicht gesagt. Der Schweizer des Gutes hatte viele kleine Kinder, und die waren alle schrecklich verwahrlost und schmutzig, vielleicht konnte Reni sich ihrer ein bißchen annehmen. Trösten und helfen ist mitunter der beste Trost für einen selber.

Er sagte so etwas, in der Art, daß Reni wie von selbst darauf kam: es macht ja am meisten Spaß, wenn man von sich aus hilft. Als Erika gegen Abend in den Kuhstall kam, um Reni zu suchen — sie hatte sie längst vermißt —, schickte der Milchkontrolleur sie in die Wohnung des Schweizers. Dort war Reni eifrig damit beschäftigt, das Jüngste der Mädels—es war vielleicht fünf Jahre alt— zu kämmen. Gewaschen waren die Kleinen schon sämtlich, nun saßen sie nebeneinander auf dem eingegangenen Diwan und warteten, bis sie zum Kämmen drankamen. Reni hatte ganz heiße und rote Backen, und alles Heimweh war vergessen.

„Wollen wir jetzt jeden Tag hierher kommen und der Frau helfen?“ fragte sie begeistert. „Und den Kindern allen was zu Weihnachten schenken? Im Heim haben wir immer für arme Kinder gebastelt. Komm, bürst’ mal dem kleinen Jungen die Haare, — da genügt bürsten, er hat ja gottlob kurze. Nein, Willi, du sollst doch nicht hochziehen, du sollst doch lernen, dir die Nase zu putzen!“

Erika stand erst etwas bedenklich dabei, dann aber nahm sie gehorsam die Haarbürste. Die Jungen, von Reni eben erst gewaschen, sahen nicht gar so unappetitlich aus wie die Mädel, durch deren verfilzte Haare sich Reni nur mit Mühe und Stöhnen hindurchkämmte.

„Morgen ziept’s nicht mehr so doll, bloß heute, weil ihr so sehr verstruwwelt wart!“ tröstete sie die Kleine.

Als die Kinder alle gestriegelt waren und nun wirklich manierlicher aussahen, setzte Reni sie allesamt um den Tisch und bestimmte, nun würde Wattepusten gespielt. Ein Stück Watte fand sich nicht, so nahm sie einen Knaul Papier, warf ihn auf den leeren Tisch und zeigte den Kindern, wie sie nun pusten sollten, von allen Seiten, bis der Knaul schließlich zwischen zwei Kinderschultern entwischte. Da gab es viel Spaß und Geschrei und Gelache, und die Frau des Schweizers war, als sie vom Melken kam, ganz erstaunt über die fröhliche Einigkeit, die in ihrer Küche herrschte. Reni verabschiedete sich strahlend, es war doch noch hell geworden in ihrem Herzen an diesem trüben Tag.

Als sie über den Hof liefen, begann es ganz leise zu schneien, und das war ja nun auch ein Grund, sich zu freuen.

„Du, Reni, erzähl’ aber nichts davon — ich meine, daß wir bei Schweizers waren“, sagte Erika stockend, ehe sie ins Haus traten. Reni blieb erstaunt stehen.

„Warum denn nicht?“

„Ach, Mutter mag es nicht so gern, wenn ich bei den Leuten in den Wohnungen stecke — weil sie so wenig lüften, sagt sie immer. Sie verbietet es nicht richtig, aber sie mag es nicht, verstehst du? Wir können ja manchmal wieder hingehen ...“

„Manchmal bloß? Ich wollte jetzt jeden Tag — damit die Frau nicht so viel zu tun hat. Und Zähneputzen sollen die Kinder auch lernen, keins putzt dort Zähne, und manche sind doch schon über sieben Jahre“, ereiferte sich Reni. Erika mochte nichts mehr sagen. Sie flüsterte nur noch einmal, ehe sie ins Lernzimmer traten: „Aber sag nichts, auch nicht zu Fräulein Sonneson!“

Reni nickte. Und ihre Mutter? Wenn die hörte, daß Frau Niethammer es nicht gern sah, verbot sie es womöglich auch ...

Beim gemeinsamen Abendessen war Erikas Mutter ganz besonders freundlich zu Reni. Sie sagte, Erika habe sich schon jedes Jahr so sehr gewünscht, zum Weihnachtsmärchen in die Stadt ins Theater zu fahren, das sollte sie nun dies Jahr dürfen. Und ob Reni da mitwolle?

Das war eine Frage! Natürlich wollte sie — beide Mädel strahlten und zappelten mit den Beinen: ins Weihnachtsmärchen, das sollte wunderbar werden! Es gab dies Jahr Rumpelstilzchen, mit viel schöner Musik und einer herrlichen Ausstattung. Sie sprachen den ganzen Abend davon und malten es sich in den wunderbarsten Farben aus. Wenn richtiger Schnee kam, sollten sie sogar mit dem Pferdeschlitten bis in die Stadt fahren dürfen, hatte Frau Niethammer versprochen. Das war der Höhepunkt! Die Mädel, die noch immer, seit Erikas Unfall am Wehr, in einem Zimmer schliefen, konnten an diesem Abend gar nicht fertig werden mit Schwatzen und Lachen, bis Frau Jahnecke endlich energisch klopfte. Sie konnte ja die Freude der Mädel verstehen, trotzdem war ihr Herz beschwert. Frau Niethammer hatte ihr am Nachmittag von Renis Holzhacken und dem Grund dazu erzählt. Reni hatte Kummer, und ihr, der Mutter, vertraute sie sich nicht an. Freilich, sie hatte sie auch nicht danach gefragt ...

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