Kitabı oxu: «Geht's noch!»

Şrift:

Lisz Hirn


Warum die konservative Wende für Frauen gefährlich ist


STYRIA

BUCHVERLAGE

© 2019 by Molden Verlag

in der Verlagsgruppe Styria GmbH & Co KG

Wien – Graz

Alle Rechte vorbehalten.

ISBN 978-3-990-40510-9

Bücher aus der Verlagsgruppe Styria gibt es in jeder Buchhandlung und im Online-Shop www.styriabooks.at

Covergestaltung: Emanuel Mauthe

Coverabbildung: gettyimages/CSA-Printstock

Buchgestaltung und Satz: KettnerVogl – Grafik Design

Lektorat und Projektleitung: Elisabeth Wagner

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2019

FÜR THEO

INHALT

COVER

TITLE

IMPRESSUM

VORSPIEL: BIEDERMANN UND DIE BRANDSTIFTER

Alles beginnt scheinbar harmlos: Die »Biedermanns« holen sich aus falscher Höflichkeit die ungebetenen Gäste ins Haus, die sich wenig später als die Brandstifter herausstellen, die ihren Untergang besiegeln.

DIE KONSERVATIVE OFFENSIVE

Die Konservativen haben kein Interesse an emanzipierten Frauen oder Männern. Sie propagieren ein Familienideal der 1950er-Jahre. Am meisten verlieren die Frauen.

DAS UNGLEICHE GESCHLECHT

Männer und Frauen sind nicht gleich, aber angeblich gleichberechtigt. Wieso sind es dann die Frauen, die weniger verdienen, mehr kostenlose Arbeit verrichten und unter dem Risiko der Altersarmut leiden? Frau sein in Österreich heißt, aus Prinzip strukturell diskriminiert zu werden.

DIE QUAL DER WAHL

Die Generation der 30- bis 40-Jährigen hat nur auf dem Papier die freie Wahl. Die Realität sieht anders aus: Doppel- und Mehrfachbelastungen führen dazu, dass sich »die Generation der unendlichen Möglichkeiten« mit der Ungleichheit arrangiert hat und die »Rückkehr zur Natur« ersehnt.

DIE KONTROLLIERTE GEBÄRMUTTER

Unser konservatives Mutterbild verhindert beharrlich die Gleichheit der Geschlechter. Kein Wunder, dass sich an der niedrigen Gebärstatistik kaum etwas ändert. Verhütung und Abtreibung werden als moralische Angelegenheiten behandelt: Denn wer die Fortpflanzung kontrolliert, kontrolliert auch die Frauen.

BLUT, BURKA UND BEKENNTNIS

Nicht nur importierte Frauenbilder tabuisieren den weiblichen Körper und klassifizieren Frauen als defizitär. Auch längst überholt geglaubte Vorurteile aus Wissenschaft und Religion tragen dazu bei. Sowohl Linke als auch Rechte möchten Frauen befreien – indem sie ihnen ihre jeweilige Vorstellung von Freiheit aufzwingen.

DER BEFREITE MANN

Alle Emanzipationsbewegungen sind bisher gescheitert. Vor allem, weil sie es nicht geschafft haben, ein verbindliches Ethos der Geschlechter zu schaffen. Auch wenn es wehtut: Emanzipation kann nur nachhaltig gelingen, wenn sich mit den Frauen auch die Männer emanzipieren.

TESTEN SIE SICH

Für Männer: Sind Sie ein Biedermann? Für Frauen: Stecken Sie in der Retrofalle? Etwas Selbsterkenntnis zum Ausklang: garantiert wissenschaftlich nicht fundiert.

DANKSAGUNG

ANMERKUNGEN

QUELLEN

DIE AUTORIN

VORSPIEL: BIEDERMANN UND DIE BRANDSTIFTER


Der, um zu wissen, was droht, Zeitungen liest, Täglich zum Frühstück entrüstet Über ein fernes Ereignis, Täglich beliefert mit Deutung, Die ihm das eigene Sinnen erspart, Täglich erfahrend, was gestern geschah, Schwerlich durchschaut er, was eben geschieht Unter dem eigenen Dach.

MAX FRISCH,

Biedermann und die Brandstifter


AM ANFANG dieses Buches steht eine Geschichte, die wohl jeder aus dem Deutschunterricht kennt. Es ist die Geschichte von Herrn Biedermann, der mit seiner Frau in einem schönen Haus lebt. Er verdient so viel, dass sie nicht arbeiten gehen muss. Beide fühlen sich in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Das Einzige, was das Paar beunruhigt, ist eine ungeklärte Brandserie, die in der Stadt wütet. Dann passiert etwas, womit sie nicht gerechnet haben: Die vermeintlichen Brandstifter klopfen auch an ihre Tür und – siehe da – werden auch eingelassen.

Statt sich gegen die offensichtlichen Brandstifter zu wenden, Behörden und Nachbarn zu alarmieren, versuchen Herr und Frau Biedermann, sich mit diesen gut zu stellen. Sie hoffen bis zuletzt, dass sie dadurch von den Brandstiftern verschont bleiben. Was sie dabei übersehen, ist das, was ihnen einer der Brandstifter, Herr Eisenring, selbst offenbart hat: »Scherz ist die drittbeste Tarnung. Die zweitbeste: Sentimentalität. … Aber die beste und sicherste Tarnung (finde ich) ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit. Komischerweise. Das glaubt niemand.«1 Das Lehrstück ohne Lehre endet, wie es enden musste: Nicht nur Biedermanns Haus fliegt in die Luft, sondern dank ihrer opportunistischen Gutmütigkeit und Einfalt auch alle Häuser rundherum.

Max Frisch zeigt in »Biedermann und die Brandstifter«, was die Ursache des Verderbens zwischen einzelnen Personen und der Gemeinschaft ist. Nämlich eine biedere Geisteshaltung, die verkennt, dass es nicht um die Entlarvung von Lüge und Manipulation geht, sondern um Mitläufertum und Opportunismus, die sich wehrlos gegenüber Verbrechern gibt, die sich überhaupt nicht tarnen, sondern die unverblümt sagen, was sie wirklich wollen. Die Ereignisse der letzten Jahre, sowohl in Österreich als auch in Deutschland, haben einem Konservatismus den Weg geebnet, der als politische Strömung lange in der Versenkung verschwunden war. Niemand hätte sich vorher freiwillig als »konservativ« bezeichnen lassen.

Konservativ galt als Synonym für veraltet und gänzlich unzeitgemäß. Erst die jüngste Zeit machte es schick, sich »neokonservativ« zu nennen.

Als in Österreich Sebastian Kurz 2017 mit seiner »neuen ÖVP« antrat, um das Konservative wieder salonfähig zu machen, gab ihm der Wahlerfolg recht und führte zur »türkis-blauen« Regierung mit der FPÖ. Aber auch in Deutschland rufen Personen mit auffallend konservativer Einstellung nach der »bürgerlichen Wende«. Alexander Dobrindt, der Vorsitzende der CSU-Landesgruppe im Deutschen Bundestag, fordert sie in seinem programmatischen Papier für Deutschland ein. Seiner Meinung nach müsse 50 Jahre nach 1968 »endlich klar« sein, dass Deutschland »nie links war, sondern immer bürgerlich«.2 Die »linke Meinungsvorherrschaft« solle endlich gebrochen werden und damit die Kritik von gesellschaftlichen Ungleichheiten. Diese »neuen« Konservativen vertreten also ein Weltbild, in dem nicht nur die Frauen, aber vor allem wieder die Frauen verlieren werden. Denn eine dieser unüberbrückbaren Ungleichheiten, die diese Männer (und merkwürdigerweise auch Frauen) verkünden, ist die zwischen den Geschlechtern.

Die ungleiche Situation von Mann und Frau ist ein alter Hut. Sie bestand schon lange, bevor die französische Philosophin Simone de Beauvoir 1949 ihr Grundlagenwerk »Das andere Geschlecht« veröffentlichte. Ihr erklärtes Ziel war damals, die Ursachen dieser Ungleichbehandlung zu analysieren, um die Frauen aus diesem Teufelskreis zu befreien. Die Philosophin diagnostizierte seinerzeit, dass diese Welt immer den Männern gehört habe und noch immer gehöre: »Keiner der Gründe, die dafür angegeben werden, erscheint ausreichend.«3 Beauvoirs Buch zeigt akribisch, dass sich patriarchale Strukturen an nahezu allen Orten unseres Lebens finden lassen und wie sie sich bemühen, die Unterdrückung zu halten.

Ihre Thesen sorgten für einen Aufschrei, der wesentlich die Emanzipationsbestrebungen und das Denken einer ganzen Generation von Frauen in den 1960er- und 1970er-Jahren prägen sollte. Danach wurde es leiser. Welche Auswirkungen diese patriarchalen Strukturen noch immer für viele Frauen haben, brachte erst wieder die #MeToo-Debatte auf die Bildschirme der Social-Media-Gesellschaft, die allerdings »nur« die Problematik sexualisierter Gewalt und die Belästigung an Frauen thematisierte. Zwar wurden diverse Vorfälle benannt und kritisiert, doch der heiß geführte Opferdiskurs lenkte von etwas viel Wichtigerem ab: An der umfassenden sozialen und ökonomischen Diskriminierung, in der sich das Gros an Frauen seit jeher und noch immer befindet, hat sich seit Beauvoir nicht viel geändert. An der formalen Oberfläche haben sich die meisten Frauen emanzipieren können, in der gesellschaftlichen Tiefe jedoch nicht.

Emanzipierte Frauen spielen heute sogar zusätzlich unter erschwerten Bedingungen, da die Erwartungen an sie hoch sind: Den Druck, »alles« zu schaffen, bekommen die meisten dieser Frauen spätestens dann zu spüren, wenn sie ihr erstes Kind bekommen. Wir erleben Frauen, die von einer immer härteren und ungerechter werdenden Arbeitswelt entmutigt werden und sich von einem »maternalistischen Feminismus« zur Rückkehr an den Herd verführen lassen. Wie aber konnten wir in diese Zwickmühle kommen? Ist die Emanzipation der Frauen wirklich oder nur auf dem Papier gelungen? Wurde nicht schon längst der globale Triumph der liberalen Demokratie und der endgültige Erfolg der Emanzipation verkündet? Das war auf jeden Fall voreilig.

Statt unseren Blick ausschließlich auf Differenzen zwischen den Geschlechtern zu richten, sollten wieder die großen sozialen Ungleichheiten behandelt werden. Stattdessen marschieren die Biedermänner wieder schamlos und unbehelligt auf und unterwandern die Idee einer emanzipierten Gesellschaft mit alten Herrschaftsmustern. In den Köpfen geistert nach wie vor das Bild vom »Mann als Ernährer« herum, aus den Boulevardblättern lacht uns einerseits die starke, unabhängige »Biederfrau« im Businessjackett entgegen und andererseits die neueste Diät sowie erotische Tipps, um einen Mann zum Heiraten zu finden. Die geltenden Männlichkeitsideale werden dabei ebenso wenig wie die vorherrschenden Machtstrukturen infrage gestellt. Junge, hübsche Gesichter werden hier zu den alten »Emanzen« in Konkurrenz gesetzt, mit dem Zweck, den »alten Feminismus« als Männerhass »frustrierter alter Jungfern« abzutun.

Längst hat der Neoliberalismus die Emanzipation als Geschäftsmodell begriffen. Nach dem neoliberalen »feministischen« Mantra ist jede Frau nun ihres eigenen Glückes Schmiedin. Die Geschlechterhierarchien zu kritisieren war gestern. Jede muss sich selbst verbessern, ihre Performance optimieren, anstatt Veränderungen der sozialen Umstände zu fordern. Diese Haltung kommt jener konservativen Politik entgegen, die auf den Erhalt patriarchaler Machtstrukturen erpicht ist. Frauen richten sich plötzlich wieder gerne in Abhängigkeiten ein, wenn sie dadurch die gesellschaftliche und wirtschaftliche Sicherheit bekommen, die ihre Geschlechtsgenossinnen in prekären Verhältnissen vermissen. Emanzipation ja, aber nur in abgespeckter Form und solange sie davon profitieren. Was diese »Biederfrauen« dabei vergessen, ist, dass ihr »Feminismus light«, der die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht grundlegend verändern will, keine wirkliche Befreiung bedeutet.

Denn progressive Bewegungen können schnell ins Gegenteil umschlagen. Der aktuelle Backlash zeigt sich weltweit nicht nur an einem Erstarken der politischen Repräsentanten konservativer und nationalistischer Politik, sondern auch an der wachsenden Resignation gegenüber einer globalisierten Wirtschaft, die sich durch raschen Wandel und gnadenlosen Wettbewerb zwischen den Nationen, Unternehmen und Arbeitnehmern auszeichnet. Der Stresstest für Familien und Gemeinschaften ist immens. Nicht nur die Rolle der Frauen wird fraglich, sondern auch die der Männer. Verunsichert fühlen sich die Männer in einer von den Frauenbewegungen veränderten Welt abgehängt und werden zum leichten Opfer für die zahlreichen Brandstifter, die ihnen einfache Gründe für ihre komplexe, soziale Situation liefern. So hätte auch die zunehmende Gleichheit der Frauen Schuld daran, dass Männer ihren Platz in der Welt verloren haben. Die Aggression über den Verlust von Privilegien bekommen alle Gruppen zu spüren, denen man in den letzten Jahren mehr Rechte eingeräumt hatte. Zu diesen zählen auch die Frauen, auch wenn nicht alle der Backlash im gleichen Ausmaß betrifft.

Nicht die »Bieder- und Bobofrauen« leiden unter dem aktuellen Backlash am meisten, sondern die Frauen, die bisher am wenigsten von Emanzipation und Feminismus profitiert haben.

Die sozial Benachteiligten und jene mit niedrigem sozialen Status bezahlen den Preis für die größere Gleichberechtigung der bereits privilegierten Biederfrauen in Politik und Wirtschaft, die als Exotinnen von ihren Führungspositionen aus posaunen, dass es jede schaffen kann, wenn sie sich nur genug bemüht. Diese Biederfrauen glauben nicht mehr, dass es ein Hindernis ist, eine Frau zu sein, sondern eine Besonderheit, die sich nutzen lässt. In diesem Buch wird es also nicht nur um die Biedermänner, sondern auch um die Biederfrauen gehen. Es geht darum, die aktuellen gesellschaftlichen Brandstifter – und Brandstifterinnen – zu benennen und anhand konkreter Beispiele der jüngeren Vergangenheit ihr Vorgehen zu dokumentieren.

Die konservative Offensive, die derzeit in Politik und Medien tobt, hat dazu geführt, dass emanzipierte Minderheiten mehr denn je in die Defensive gedrängt werden. Mit diesem Vorgehen werden allerdings auch immer öfter die Werte unserer offenen, demokratischen, egalitären Gesellschaft bedroht. Diese konservativen oder rechts der Mitte angesiedelten Brandstifter zu unterschätzen hieße, keine Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen. Wenn wir eine Moral aus der Geschichte der »Biedermanns« lesen können, dann ist es die, dass es die »Biedermanns« selbst sind, die sich die Brandstifter ins Haus einladen. Erst ihre Geisteshaltung ist es, die sie den Brandstifter unterlegen macht und ihren Untergang besiegelt.


DIE KONSERVATIVE OFFENSIVE


Die Menschen sind am konservativsten, wenn sie am wenigsten tatkräftig sind und am üppigsten. Nach dem Essen ist man konservativ.

RALPH WALDO EMERSON


WIE KANN man sich also dagegen wehren? Woran erkennt man den Biedermann, die Biederfrau? Wie durchschaut man das Theater der Brandstifter? Indem wir uns zuerst bewusst machen, dass die »westliche« Gesellschaft, die sich für emanzipiert und kosmopolitisch hält, nie ihrem Ruf gerecht wurde. Sie hatte auch nie vollständig ihre konservativen Rollenbilder abgelegt. Frauen müssen in dieser Welt noch immer Männern gefallen, um in ihrem Frauenleben erfolgreich zu sein. »Eine Frau, die sich der herrschenden Vorstellung nicht anpaßt, entwertet sich sexuell und folglich auch gesellschaftlich, da die Gesellschaft die sexuellen Werte integriert hat.«4

BEISPIEL 1: DER DEKORATIVE AUFPUTZ

Schladming 2018. Der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz übernimmt den EU-Ratsvorsitz. Zusammen mit Ratspräsident Donald Tusk und dem bulgarischen Premierminister Bojko Borissow posiert Kurz körpernah zwischen drei blonden jungen Frauen für die offiziellen Pressefotos. Während die Herren in legere Anzüge gekleidet sind, tragen die »Dachsteinkönigin« und ihre beiden »Dachsteinprinzessinnen« Dirndl, Schärpe und Tiara.

Und da ist es wieder, diesmal sichtbar für die ganze Weltöffentlichkeit: dieses Frauenbild, das unter der aktuellen Regierung wieder gesellschaftsfähig geworden ist. Es lässt Frauen am liebsten ins politische Rampenlicht, wenn sie die Insignien einer Schönheitskönigin tragen. Lässt sich das Szenario mit umgekehrten Vorzeichen überhaupt denken? Hat die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel je mit hübschen jungen Männern in Lederhosen in die Kameras gewinkt? Es ist schwer vorstellbar, dass sich ein erwachsener Mann finden lässt, der mit einer Prinzenschärpe ausstaffiert posieren würde. Die Inszenierung der Frau im Namen ihrer Weiblichkeit »… ist das sicherste Mittel, ihr einen schlechten Dienst zu erweisen«5 und das gewünschte, konservative Rollenbild zu propagieren.

Wie aber sieht dieses konservative Rollenbild genau aus? Eindeutig weiblich, nicht nur vom biologischen Geschlecht, sondern auch vom sozialen fügt sich die Frau in das Rollenspiel. Es sollen wieder »richtige Frauen« her, solche, die sich fortpflanzen und den Nachwuchs mit größtem Vergnügen und viel Hingabe betreuen sowie ihre Position an der Seite eines Mannes schätzen können. Gut ausgebildet, steckt die ideale Biederfrau ihre Ambition in ihren Mann und ihre Kinder, denen zuliebe sie zu Hause bleibt und die Kleinfamilie managt. Kindererziehung, Kochen und Putzen – diese Dreifaltigkeit bestimmt das Leben der Biederfrau. Ein Leben wie aus einer Werbung der 1950er-Jahre, in der es hieß: »Eine Frau hat zwei Lebensfragen: Was soll ich anziehen? Und was soll ich kochen?« Frauen, die sich bewusst gegen Ehe und Mutterschaft entscheiden, sind demnach keine »normalen« Frauen.

Die »richtigen« Frauen betonen nicht nur die Unterschiedlichkeit der Geschlechter, sondern preisen auch das Kinderkriegen als höchste Erfüllung der Weiblichkeit. Man verstehe das konservative Frauenbild nicht falsch: Den Frauen kommt in dieser Gesellschaftsvorstellung eine wichtige Rolle zu. Sie dürfen das Bollwerk gegen die von den Männern geschaffene soziale Kälte und Wettbewerbsgesellschaft bilden, dagegen angehen dürfen sie jedoch nicht, ohne ernste Konsequenzen befürchten zu müssen. Wer will schon offen als »Emanze« gelten, der Herr Otto Normalverbraucher schon mal gerne »Geschlechtsverkehr zum Frustabbau« verordnet? So geschehen der ehemaligen Grünen-Abgeordneten Sigrid Maurer.

BEISPIEL 2: SEXUELLE BELÄSTIGUNG 4.0

Sigrid Maurer hatte am 30. Mai 2018 obszöne Privatnachrichten, die vom Facebook-Account eines Wiener Craft-Beer-Geschäftsführers stammten, auf ihrem eigenen Facebook-Account öffentlich gemacht. Nachdem der Geschäftsbesitzer daraufhin von Usern beschimpft wurde und sein Lokal online schlechte Bewertungen erhielt, klagte er Maurer wegen übler Nachrede und bestritt, der Verfasser der Nachrichten zu sein.6 Angeblich habe es vor dem Lokal herumstehende Männer gegeben, die Maurer immer wieder anzügliche Kommentare hinterherriefen. Der Kommentar des klagenden Anwalts, Frauen könnten schließlich ausweichen und einfach die Straßenseite wechseln, erinnert an den Artikel einer Zeitung der 1950er-Jahre. In diesem wird reihum betont, dass eine Frau, »seine ›kleinen Fehler‹ auch schon mal lächelnd in Kauf nehmen« muss.

Unter diese »kleinen Fehler« – früher »Kavaliersdelikt« genannt – scheinen also auch sexistische Äußerungen zu fallen. Positiv zu vermerken ist, dass der Fall Maurer eine umfassende gesellschaftliche Debatte und Unterstützung ausgelöst hat, die es so vor einigen Jahrzehnten noch nicht gegeben hätte. Auf der »Sollseite« findet sich allerdings die reformbedürftige Gesetzeslage, die es Cybermobbingopfern – von der sexuellen Spielart sind überwiegend Frauen betroffen – momentan erschwert, gegen die Täter vorzugehen.

Von konservativer Seite werden Proteste von Frauen gegen sexuelle Belästigung und die implizite Reduktion auf ihren Körper übrigens oft als überempfindliche Reaktion spaß- und lustbefreiter »linker Emanzen« abgetan. Doch wie das nächste Beispiel zeigt, sind auch konservative Frauen nicht davor gefeit – womit die Absurdität eines »Lagerdenkens« in diesem Kontext deutlich wird.

BEISPIEL 3: DIGITALES BODYSHAMING

Als die österreichische Ministerin für Nachhaltigkeit und Tourismus Elisabeth Köstinger nach der Geburt ihres Sohnes mit ein paar Kilos mehr auf den Rippen aus der Karenz zurückkehrte, wurde sie in sozialen Medien als »fett« bezeichnet; eine sexistische Hassnachricht, die viele prominente Frauen nach Schwangerschaft und Geburt erreicht. Köstinger reagierte darauf prompt mit einer Nachricht, in der sie ihren Stolz auf einen »gebärfähigen Körper« betonte.

Letzterer sei ihr gegönnt, diese Argumentation ist dennoch ein denkbar schlechtes Argument gegen Frauenhass dieser Art. Ist es doch gerade die Gebärfähigkeit, die der Auslöser aller dieser Aggressionen ist. Steht doch gerade sie für das Weibliche an sich. Einmal wendet sich der Hass gegen die Frauen, die nicht gebären wollen oder können, ein anderes Mal gegen die, die gerade schwanger sind. Jede Ausformung des weiblichen Körpers kann ihn provozieren. Ursache dafür ist das jahrhundertealte Selbstverständnis der Brandstifter und Biedermänner, freien Zugriff auf diese Körper zu haben, um diesen zu kontrollieren: durch Gesetze, Verbote, Schönheitsideale oder Postings. Sie beweisen, dass das Leben der Frauen trotz aller mehr oder minder erfolgreichen Emanzipationsfortschritte weiterhin im Mittelpunkt von Macht- und Gewaltfragen steht. Die Biederfrauen sind die Komplizinnen der Brandstifter, die mit ihrer konservativen Rhetorik »die Frau« auf ihre Gebärfähigkeit reduzieren, also essenzialisieren und naturalisieren. Freilich mit dem Zweck, damit gleichzeitig deren Diskriminierung zu rechtfertigen.

Die Biedermänner haben mit den Brandstiftern gemeinsam, dass sie genau wissen, was die Rolle einer »Frau« sein soll und inwiefern sich diese »natürlich« von der eines »Mannes« unterscheiden muss. Immerhin sind die strengen komplementären Geschlechterrollen wesentlich für die Aufrechterhaltung der patriarchalen Gesellschaftstradition. Ihr Selbstverständnis basiert auf der Trennung zwischen einer männlichen und einer weiblichen Sphäre samt Aufgaben und Rollen. Wie sollten Frauen eine Änderung der Verhältnisse schaffen können, wenn doch diese von Männern für Männer geschaffen wurde? Folgen wir dieser Logik, wird auch klar, warum mehrheitlich nie eine »starke Frau« an der Spitze gefordert wurde. Trotzdem gibt es mittlerweile eine Handvoll.

Diese kleine Gruppe hat das Verhältnis zwischen Frauen und Männern in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch verändert. Plötzlich haben also Männer nicht nur die Konkurrenz von anderen Männern zu fürchten, sondern auch mit der von Frauen zu kämpfen. Zusätzlich empfinden diese ökonomisch unabhängigeren Frauen Männer, die nicht die Hälfte der Hausarbeit schultern, als unattraktive Partner. Es war vorhersehbar, dass die neuen Anforderungen besonders die weniger gebildeten und privilegierten Männer verunsichern. Schließlich sind weder Politik noch Arbeitsmarkt das liberalistische Abbild des freien Wettbewerbs, sondern bilden neben historisch gewachsenen Geschlechteridealen auch kulturelle Grundüberzeugungen ab.7 Klar sehnen wir uns nach den »starken Männern«, wie wir es aus den Geschichtsbüchern gewohnt sind, die uns diesmal aus dieser »Krise der liberalen Demokratie« führen, und den »hübschen Frauen«, die als harmloser Blickfang deren Anblick erträglicher machen sollen.

DIE RÜCKKEHR DES »STRENGEN VATERS«

George Lakoff brachte es auf den Punkt, als er den Zulauf zur konservativen Politik als Hilferuf beschrieb. Diese »Conservative Message Machine« wird auch hierzulande seit Jahrzehnten kultiviert. Ziel ist es dabei, über ein rechtskonservatives Framing (Schubladendenken) das eigene Wertesystem an die Wähler zu bringen. Einer der wesentlichsten politischen Werte des konservativen Weltbilds ist das Modell des »strengen Vaters«. In der sogenannten »Strict-Father-Family« wird der Unterschied zwischen moralisch richtigem und falschem Verhalten durch Strafe gelehrt. Das konservative Menschenbild geht davon aus, dass Menschen nicht nur an sich ungleich sind, sondern auch mithilfe von Autoritäten zu ihrem Besten erzogen werden müssen. Nach dieser Logik heißt das: Wer es nicht zu Wohlstand und sozialer Anerkennung bringt, hat einfach zu wenig Disziplin gehabt, um sich in die Hierarchie zu fügen.

Die Rechnung ist demnach einfach: »Die da oben sind fleißig, gescheit und talentiert. Die da unten sind dumm, faul und unfähig.« So können die biedermännischen Profiteure diesen Verdienstadel hervorragend legitimieren. Ihre meritokratische Ideologie, nach der Status und berufliche Positionen nach Leistung und Qualifikationen vergeben werden, bestimmt eine Gesellschaft der Ungleichheit, in der es derartige Vermögens- und Einkommensunterschiede gibt. Auf diese Weise lässt sich nicht nur der Status quo argumentieren, sondern auch ein abgespeckter Vater Staat, der ausschließlich denen helfen soll, die sich seiner Hierarchie unterwerfen: Gott über Menschen, Einheimische über Ausländer, die christliche Religion über die anderen Religionen, Männer über Frauen.

Konservative Politik soll den »strengen Vater« als Familienerhalter unterstützen, indem sie ihn stärker macht – gegenüber fremden Kulturen oder auch gegenüber Feministinnen.

Dabei bauen die konservativen Brandstifter nicht nur Widerstand gegen die Emanzipation als solche auf, sondern brandmarken die Gleichstellung der Frau als männer- und familienfeindliche Ideologie, die das Wohl der Männer, Kinder und sogar das der gesamten Gemeinschaft bedroht. Nehmen wir nur die Frauenquoten für Spitzenpositionen als Beispiel. Angesichts der Tatsache, dass wir nach wie vor de facto eine bis zu 90-Prozent-Männerquote in Führungspositionen haben, wirkt diese »Bedrohung der Familienerhalter« geradezu paranoid.

Dennoch ist die konservative Message immer die gleiche: »Wenn du deine Autorität bedroht siehst, musst du etwas ändern. Also zum Beispiel das liberale Establishment abwählen.« Die Zahlen der letzten österreichischen Bundespräsidentenwahl beweisen, dass die konservative Offensive erfolgreich vorgearbeitet hat. Im Mai 2016 wählten in einem fortschrittlichen, modernen europäischen Land wie Österreich in der Stichwahl 46 Prozent einen Kandidaten des rechten Lagers. Auch wenn Norbert Hofer knapp unterlag, konnten die Brandstifter einen Erfolg feiern. Fast die halbe österreichische Bevölkerung hatte einen extrem rechten Kandidaten gewählt. Und diesmal waren auch richtig viele Frauen dabei. Damit aber nicht genug. Ein Jahr später, 2017, beantworteten in einer Umfrage des SORA-Instituts nur 78 Prozent der österreichischen Befragten die Frage »Ist Demokratie die beste Regierungsform?« mit einem Ja. Zehn Jahre davor waren es noch 86 Prozent gewesen. Einige Zahlen, die belegen, dass die Demokratisierung der Gesellschaft, die so wesentlich für den Erfolg der Frauenbewegungen war, immer öfter infrage gestellt wird und damit auch die Idee der Freiheit in demokratischen Gesellschaften, die die uneingeschränkte Toleranz gegen rückschrittliche Bewegungen ausschließt. »Und gehören nicht alle Versuche und Doktrinen, Menschen und Gesellschaften wieder mehr voneinander zu trennen zu diesen Rückschritten?« Herbert Marcuse hat diese Fragen in seinem Essay »Repressive Toleranz«8 behandelt und bejaht. Das Adjektiv »rückschrittlich« hat er treffend gewählt. Es verdeutlicht, dass Bewegungen, die anderes nicht tolerieren wollen, kein Interesse haben, Schritte auf einen Dialog hin zu machen. Sie wollen einen oder mehrere Schritte zurück, oft in eine fiktiv überhöhte Vergangenheit, in der die Herrschaftsverhältnisse noch sicher in Männerhand waren.

Diese Verunsicherung befeuert die Sehnsucht nach dem »Früher«, nach der alten Ordnung, nach einer Welt, die weniger komplex war und nach einfachen Regeln funktioniert hat. Und die Lage wird sich voraussichtlich verschärfen. Das Ausmaß an Druck, das durch die zunehmende Digitalisierung und Automatisierung auf unsere Geschlechterverhältnisse zukommt, ist kaum einzuschätzen. Schon der Philosoph und Historiker Walter Benjamin wusste, dass sich mit den neuen Medien auch die Gesellschaft ändert. Nichts ist mehr gewiss und so spüren wir, wie traditionelle und liberale Weltbilder, Geschlechterrollen und Klassenprivilegien (nicht nur digital) härter denn je aufeinanderprallen.

RENAISSANCE DER SEHNSUCHT NACH DEM STARKEN MANN?

So zeigte eine während der österreichischen Präsidentschaftswahl 2016 durchgeführte Studie des »Zentrum für Politische Bildung«, dass es nicht nur Abstiegsängste sind, die junge Männer in die Hände der Rechtspopulisten treibt.9 Die Studienautoren Georg Lauß und Stefan Schmid-Heher wollten von 700 männlichen Wiener Lehrlingen wissen, wie sie das politische System erleben, was sie von Demokratie im Allgemeinen halten und wie sie ihre beruflichen Chancen bewerten. Befragt wurden angehende Köche, Kfz-Mechaniker, Tischler, Banckaufleute und Friseure. Wenn einer der Autoren schreibt, dass sich diese jungen Männer »anscheinend nach einem starken Mann sehnen, der für sie ihre Welt ordnet«, vermutet man hinter dem Wunsch zu Recht die Sehnsucht nach einer unhinterfragten männlichen Autorität, die sie zu den Wahlurnen und in die Arme der Rechtskonservativen treibt.

Rechtspopulistische Politik verteidigt die privilegierte Rolle des Mannes in einem liberalen System, das den Wendigen und Erfolgreichen Chancen, den weniger Flexiblen jedoch vor mehr Herausforderungen stellt. Beispielsweise eine Partnerin zu finden, die sich seinen Bedürfnissen unterordnet und seinen Anteil an der Reproduktionsarbeit (Haushalt, Kinder) übernimmt. Vielleicht war es von den Progressiven und Linken naiv zu glauben, dass jeder Mann seine Position bereitwillig an eine fachlich ebenso kompetente Frau abgibt und daheim freiwillig die Hausarbeit übernimmt. Ebenso zynisch war es, die Frauen in die Verantwortung zu nehmen, selbst nachzuforschen, ob sie schlechter bezahlt werden als ihre Kollegen. Viel eher hätten sie sich ein Beispiel an Island nehmen sollen, wo seit Januar 2018 per Gesetz gilt, dass es die Pflicht der Unternehmen ist, eine faire Bezahlung ihrer weiblichen und männlichen Angestellten zu dokumentieren. Während sich andere Länder wie Deutschland das kleine Island bereits zum Beispiel nehmen, unternimmt Österreichs Regierung vorerst keine weiteren Schritte dazu.

VON DER »NATÜRLICHEN ROLLENVERTEILUNG« UND IHREN FOLGEN

Ein weiterer Indikator für die fortschreitende konservative Offensive ist, dass die wachsende ökonomische und digitale Zersplitterung wieder mehr Menschen in die traditionellen Rollenbilder treibt. »Angesichts all dieser Umwälzungen und Unsicherheiten ist die Versuchung groß, sich auf die gute alte Mutter Natur zu berufen und die Ambitionen der vorangehenden Generation als Verirrung anzuprangern«,10 wettert die französische Historikerin und Philosophin Elisabeth Badinter in ihrem Buch »Der Konflikt«, das eine breite internationale Debatte auslöste. Biedermänner stützen sich darauf, die Ursache der Geschichte in der Natur anzusetzen. Die natürliche Keimzelle alles Gesellschaftlichen ist demnach die Familie. Sie gilt im konservativen Wertekonzept als etwas Natürliches, allerdings nur in der traditionellen Form: Mutter – Vater – Kind. Ein Mann und eine Frau heiraten, bekommen Kinder und bleiben zusammen, bis dass der Tod sie scheidet. Das ist das konservative »Naturgesetz«, aus dem auch die männliche Identität abgeleitet wird. Zu dieser gehört das unbewusste Bedürfnis, das eigene Geschlecht aufzuwerten, indem Weiblichkeit abgewertet wird. »Sich als einzelner Mann von dieser Konstruktion abzugrenzen ist schwer. Die Ambivalenz gegenüber Frauen prägt sich dem kleinen Jungen ein – und erfährt immer wieder Nachprägungen,« erzählt der deutsche Soziologe Rolf Pohl über seine Erfahrungen. Nach wie vor gilt hier die Formel: Das Leben ist nicht gerecht, und für die meisten Männer ist das gut so. Was sie eint, sind nicht die Status- und Rangkämpfe untereinander, sondern die Abgrenzung zu »den Frauen«. Kein Mann würde eine Frau sein wollen, aber findet es praktisch, dass es Frauen gibt.

Dieser Logik folgend ist es den Konservativen allerorts ein Dorn im Auge, wenn das Konzept der Geschlechterrollen hinterfragt wird. Sie wissen, dass mit der Kritik an den Biologismen auch ihr Familienbild unter Beschuss gerät. Schließlich untersucht die wissenschaftliche Geschlechterforschung die soziale Abhängigkeit von Rollenbildern. Es geht darum, abzustecken, inwiefern und wie stark soziale Normen festlegen, was innerhalb einer Gesellschaft als männlich und weiblich gilt. Es ist also kein Zufall, sondern konservatives Programm, dass die ungarische Orbán-Regierung Fächer wie »Gender Studies« diffamiert. Diese Studienrichtungen würden die »Fundamente der christlichen Familie« untergraben. »Gender-Mainstreaming« bedeute, dass Ideologinnen die männliche Identität zerstören wollten. Im Sinne des Regierungserlasses von 2018 können bereits begonnene Lehrgänge in Gender Studies zu Ende geführt werden, allerdings dürfen keine neuen mehr begonnen werden. Damit propagiert die Partei nicht nur erfolgreich ihr rückwärtsgewandtes Familien- und Geschlechterrollenbild, sondern verstärkt auch die Wahrnehmung ihrer Anhänger, dass an den Geschlechterbeziehungen nun einmal nicht gerüttelt werden soll.

Dieser Backlash beziehungsweise die Rückkehr konservativer Wertvorstellungen sowie die Einflussgewinnung von dahingehend orientierten Kräften greift nicht nur in Ungarn um sich. Er macht Maßnahmen wie das Gender-Mainstreaming zunichte, die eigentlich als politische Interventionen gedacht waren, um die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern abzubauen. Obwohl die wenigsten wissen, worum es dabei eigentlich geht, hat es den schlechten Ruf der Gendertheorie bekommen, von dem es lediglich die Erkenntnis übernommen hat, dass die Geschlechterrolle auch (!) eine sozial hergestellte ist. Gender-Mainstreaming hat die Funktion, die Politik darauf hinzuweisen, dass sie manchmal unterschiedliche Auswirkungen auf die Geschlechter hat. Mit einer solchen Maßnahme könnte man Geschlechterrollen erweitern oder verfestigen.

Das Ziel, die Gleichstellung von Mann und Frau unter Berücksichtigung der geschlechtsspezifischen Lebensbedingungen und Interessen zu verwirklichen, scheint in weite Ferne zu rücken.

Die Zeiten sind komplex, komplizierte Theorien zur Erklärung ihrer Phänomene unerwünscht. Statt auf Prävention zu setzen, um Diskriminierung zu vermeiden, ruft man lieber die gute alte Frauenpolitik auf den Plan, die die ärgsten Ungleichbehandlungen abfedern soll, aber keine strukturellen Änderungen durchsetzen muss. Das Prinzip des Gender-Mainstreamings löst dort, wo es eingesetzt wird, viele Diskussionen aus. Das muss aber für eine funktionierende Demokratie nicht schlecht sein. Wer ein aufrichtiges Interesse daran hat, Ungleichheit zu minimieren, kann ein Prinzip wie Gender-Mainstreaming, das diese Ungleichheiten zur Debatte stellt, nicht schlicht ad acta legen. Das rechte, konservative und rechtspopulistische Spektrum bemüht sich, es als »Genderisierung« zu brandmarken. Ex-FPÖ-Präsidentschaftskandidatin und Parade-Biederfrau Barbara Rosenkranz schrieb sogar ein ganzes Buch über den »Gender-Wahn«.11 Wenn man bedenkt, dass Gender-Mainstreaming seit 1997/1999 ein erklärtes Ziel der Europäischen Union ist, kann man ob der zögerlichen Verbesserungen nur den Kopf schütteln.

Dass es auch anders geht, beweist das Beispiel des Leitfadens des schwedischen Außenministeriums vom August 2018. Geschlechtergleichheit wird hier als »essenziell zum Erreichen sämtlicher Ziele der Regierung wie Frieden und Sicherheit« gesehen. Außenministerin Margot Wallström verwies bei der Vorstellung des Handbuchs auf erste Erfolge der feministischen Außenpolitik: Im eigenen Ministerium waren 2016 vier von zehn schwedischen Botschaftern Frauen, vor zwei Jahrzehnten waren es nur zehn Prozent gewesen.

Frauenpolitik ist eben nicht gleich Frauenpolitik. Während die schwedische Außenministerin ein Handbuch für feministische Außenpolitik veröffentlicht hat, tanzt die österreichische Außenministerin mit dem russischen Präsidenten auf ihrer Hochzeit. So geschehen ebenfalls im August 2018, in der kleinen südsteirischen Gemeinde Gamlitz. Dass dieser »Arbeitshochzeitsbesuch des russischen Präsidenten« Irritationen im In- und Ausland hervorrufen würde, damit war wohl zu rechnen. Auch die Erklärung der Braut, dass dies eine rein private Hochzeitsfeierlichkeit gewesen sei, ist beim Anblick der Gästeliste wenig glaubwürdig. Normalerweise präsentieren sich auf einer »in erster Linie privaten Feier und des persönlichen Besuchs«12 auch keine teils schwer bewaffneten Beamten. Dennoch war die außenpolitische Inszenierung nicht umsonst. Gewinner dieses Auftritts war in jedem Fall die russlandfreundliche FPÖ. Selbst Bundeskanzler Kurz störte sich nicht daran, mit dem Kreml-Chef das Auto zurück zum Flughafen zu teilen, ihm blieb »die Logik und die Absicht, ein so persönliches Fest auf diese Art und Weise politisch zu inszenieren und missbrauchbar zu machen«13 im Gegensatz zu dem in die Bredouille geratenen ÖVP-Abgeordneten Othmar Karas nicht verschlossen.

Auch der Hinweis Putins, dass die Außenministerin besser spät als nie geheiratet hätte, unterstreicht, dass der russische Präsident weniger zur feministischen Speerspitze, sondern vielmehr zur konservativen Offensive gehört, die in Europa für eine Rückkehr zu »glorreicher« vergangener Größe wirbt.

RUSSLAND UND DIE FRAUEN

Zwar ist die Gleichheit der Geschlechter in der Verfassung der Russischen Föderation verankert, doch Unabhängigkeit erwarten die russischen Männer von ihren Partnerinnen nicht. Nur zwei Prozent schätzen diese Eigenschaft, ergab eine Umfrage vor einigen Jahren. Dabei galt Russland einst als Vorreiter der Frauenbewegung. Noch vor der Oktoberrevolution 1917 errangen die Russinnen mit einem großen Marsch durch Sankt Petersburg das Wahlrecht. Als weltweit Erste erreichten Russlands Frauen die Legalisierung der Abtreibung.

Unter der Terrorherrschaft von Josef Stalin lösten sich die liberalen Errungenschaften in Luft auf. Bis jetzt gibt es kein Gesetz, das Maßnahmen gegen die Diskriminierung von Frauen gewährleistet, und das, obwohl in keinem Land der Welt so viele Berufe für Frauen verboten sind wie in Russland. Nicht nur die Position eines Zugführers in der U-Bahn bleibt Frauen verschlossen, auch eine russische Außenministerin ist in nächster Zeit nicht zu erwarten. Das Frauenbild der Ehefrau und Mutter wird vom Staat befördert. Das gefällt auch anderen konservativen Kräften wie der russisch-orthodoxen Kirche.

Putin traut sich auch 2018 offen, Frauen über ihre »natürliche« Rolle als Mutter und Hausfrau zu bestimmen. Ein Vorgehen, das auch die hiesigen Konservativen billigen. Sei es, dass die FPÖ die Ehe als »natürliche« Verbindung zwischen Mann und Frau mit dem klaren Willen, Kinder zu zeugen, verstanden haben will und daher im Zusammenhang mit der Erkenntnis des Verfassungsgerichtshofes (VfGH) zur »Ehe für alle« die heterosexuelle Ehe inklusive Kindersegen sachlich privilegiert sehen will. In der klassischen antiemanzipatorischen Sicht einer Partei wie der FPÖ geht es in der Ehe nicht »um die Gewährleistung des individuellen Glücks von Mann und Frau, sondern darum, deren ökonomische und sexuelle Verbindung auf das kollektive Interesse hin zu transzendieren«.14 Also im Klartext: Die Gesellschaft will etwas von der Verbindung von Mann und Frau haben, am besten Kinder. Dass die Ehe von Karin Kneissl schon aus Altersgründen mit dieser Definition in Widerspruch steht, schien die anwesenden politischen Repräsentanten im Übrigen nicht zu stören.

Die New York Times titelte nach Kneissls Hochzeit: »The bride was a dream in a dirndl, but Putin stole the show«.15 In diesem Sinne passte auch der tiefe Knicks der Außenministerin nach dem Tanz mit dem Ehrengast am »schönsten Tag ihres Lebens« perfekt zum Weltbild des erzkonservativen Kremlchefs Putin. Kontraproduktiv nannten es einige, dass die Braut nicht nur die »Gleichberechtigung nach österreichischem Standard«, sondern auch das »neutrale Österreich« während der Zeit seiner EU-Ratspräsidentschaft vorführte. FPÖ-Chef und Hochzeitsgast Heinz-Christian Strache fühlte sich folglich dazu berufen, Kritiker daran zu erinnern, dass der »höfliche Knicks von ihr nach dem Tanz« Teil des Faches »Erziehung und gutes Benehmen«16 sei, mit dem »die 68er-Generation« offenbar auf Kriegsfuß stehe. Die Feministen, Liberalen und Andersdenkenden wüssten schlicht nicht, was sich gehöre. Oder an welchem Platz.


DAS UNGLEICHE GESCHLECHT


Die Menschen werden ungleich geboren. Der große Segen der Gesellschaft besteht darin, diese Ungleichheit so weit wie möglich durch die Beschaffung von Sicherheit, des erforderlichen Eigentums, der Ausbildung und des Beistands für einen jeden zu mindern.

JOSEPH JOUBERT


GLEICHHEIT HAT einen furchtbar schlechten Ruf. Der hat sich vor allem aus dem Missverständnis entwickelt, dass Gleichheit postuliert, dass es keine Unterschiede zwischen Menschen gibt. Gegner der Gleichheit, seien es Rassisten, Sexisten, religiöse Fundamentalisten, werden nicht müde zu betonen, dass es einfach nicht wahr sei, dass wir Menschen alle gleich sind. Auch unsere Biedermänner bedienen sich dieses Taschenspielertricks. Und ja, einige von uns haben einen höheren Fettanteil, andere weniger IQ-Punkte, manche mehr als zwei Häuser zu vererben, wieder andere Sommersprossen. Tatsächlich unterscheiden sich Menschen in so vielen Dingen voneinander, dass man auf der Suche nach einer Grundlage von faktischer Gleichheit verzweifeln mag. Als Individuen tun wir das sogar stärker als durch Religions-, Bildungs- oder Geschlechterzugehörigkeit. Eines jedoch haben wir trotz aller Unterschiede gemeinsam: nämlich Interessen, die wir berücksichtigt wissen wollen. Wohl oder übel ist die Tatsache, ein Mensch zu sein, unendlich viel wichtiger als alle Einzelheiten, die die Menschen voneinander unterscheiden.

Selbst die konservativsten unter den Biedermännern werden schwer dagegen argumentieren können, dass wir alle wesentliche Interessen teilen – »wie das Interesse, Schmerzen zu vermeiden, unsere Fähigkeiten zu entfalten, die Grundbedürfnisse nach Nahrung und Obdach zu befriedigen, liebevolle persönliche Beziehungen zu genießen, frei zu sein, um eigene Pläne ungestört zu verwirklichen und vieles andere«.17 Was sie zu konservativen und wirtschaftsliberalen Brandstiftern macht, ist aber, dass sie bestreiten, dass die Interessen aller gleich viel wert sind. Es gelingt ihnen auf diesem Weg zum Beispiel, Mittel- und Unterschicht gegeneinander auszuspielen. Populisten betonen beispielsweise ständig, die Interessen der »Leistungsträger« müssten gegenüber den »Leistungsverweigerern« gewahrt werden. Und wer zu den selbigen zählt, entscheiden sie.

Leistungsträger wären nach dieser Logik also automatisch die im Allgemeinen besser verdienenden, weil für den Arbeitsmarkt besser verfügbaren Männer, die »Leistungsverweigerer« – die weniger verdienenden, generell kinderbetreuungspflichtigen und arbeitstechnisch nicht frei verfügbaren Frauen. Die türkis-blaue Regierung hat sich 2017 in ihr Programm geschrieben: »Die Verschiedenheit von Mann und Frau zu kennen und anzuerkennen, ist ein Bestandteil menschlichen Lebens und damit unantastbar mit der Würde des Menschen verbunden.«18 Wenn wir eines aus der Philosophie lernen können, dann das, dass kein Weg vom Sein zum Sollen führt. Auf das aktuelle Beispiel übersetzt heißt das: Diese »Verschiedenheit von Mann und Frau« führt nicht zwingend dazu, dass wir die Interessen der einen (in dem Fall der Männer) den Interessen der anderen (Frauen) vorziehen dürften. Gleichheit ist ein moralisches Prinzip, nicht eine Tatsachenbehauptung.

Das Prinzip der Gleichheit bedeutet nicht, dass wir alle in allem gleich sein müssen, aber dass wir die Interessen aller gleichwertig abwägen müssen.

Was behaupte ich also berechtigterweise, wenn ich sage, dass Männer und Frauen »gleich« sind? Zunächst einmal ist zu sagen, dass bestimmte Unterschiede zwischen Männern und Frauen immer bestehen bleiben. »Ihre Beziehungen zum eigenen Körper, zum männlichen Körper, zum Kind werden nie identisch mit denen sein, die der Mann zu seinem Körper, zum weiblichen Körper, zum Kind unterhält.«19 Wenn die Rede von der »Gleichheit in der Unterschiedlichkeit« ist, dann wäre es lächerlich zu behaupten, so Beauvoir, dass es »keine Ekstase, keine Leidenschaft mehr geben« würde, nur weil Mann und Frau einander konkret gleichgestellt würden, sondern es würde nur bedeuten, dass ihre Interessen im gleichen Maß berücksichtigt werden müssen. In dieser Argumentation ist nicht entscheidend, dass jeder das Gleiche ist oder hat, sondern dass jeder seinen Interessen gemäß genug hat. Wer allerdings beurteilen soll, wann jemand genug hat, bleibt offen und öffnet der Willkür Tür und Tor.

Diejenigen Frauen, die sich an der konservativen Politik beteiligen, werden zu Komplizinnen der Biedermänner, die die Interessen einiger (der Gutverdienenden) jenen der schlechter Verdienenden oder Arbeitslosen, die der Männer jenen der Frauen, die der Unternehmen jenen der Arbeitnehmer vorziehen – und damit auch gleich die Ungleichheit der Geschlechter zementieren. Diesen Biederfrauen entgeht, dass es keinen logisch zwingenden Grund gibt, behauptete oder faktische biologische und soziale Unterschiede in den Fähigkeiten zweier Menschen heranzuziehen, um die Bevorzugung der einen vor den anderen Interessen rechtfertigen zu können. Die Biologie reicht bei Weitem nicht aus, um eine Antwort auf die Frage zu geben, warum die Frauen seit jeher das »ungleiche Geschlecht« sind. Schließlich hängen die Möglichkeiten der einzelnen Frau wie bei jedem Menschen nicht nur von ihren Geschlechtsorganen, sondern von ihrer ökonomischen und sozialen Situation ab.

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22 dekabr 2023
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9783990405109
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