Kitabı oxu: «Spur in die Vergangenheit»

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Liv Froh­de

1. Kapitel

Dunkle Wolken hatten sich am Himmel zusammengeballt. Jetzt fielen die ersten Tropfen in den Wald. Maja hatte ihren Beereneimer fast voll. Sie ließ ihn in den Blaubeersträuchern stehen und zog sich unter die Laubkrone einer alten Eiche zurück. Sie trug nur ein Hemd über dem T-Shirt, aber der Regen fühlte sich warm an auf der Haut und sie fror nicht. Die Tropfen fielen dichter. Schwer und leicht, kräftig und leise, es prasselte auf die Blätter über ihrem Kopf, als stünde sie unter einem riesigen Regenschirm.

Es war ein Brausen und Rauschen unter der Eiche. Der Wald weitete sich und tanzte um sie herum. Die Stimme des Windes vermischte sich mit der Musik des Regens. Zu dieser Melodie tanzten und verneigten sich die Baumkronen hoch oben am blauschwarzen Himmel. Einige dicke Tropfen bohrten sich durch das Laubwerk, trafen sie auf Nase und Stirn und liefen ihr übers Gesicht. Sie leckte sich mit der Zunge über die Lippen und fing die lauwarmen Tropfen auf.

Der Regen hörte ebenso unvermittelt auf, wie er begonnen hatte. Ein Schleier blauen Lichts hatte sich über den Wald gebreitet. Die Beeren im Eimer waren fast schwarz geworden. Glänzten und schimmerten vom Regen. Maja legte den Deckel darauf und machte sich auf den Weg hinunter zur Straße. Das Heidekraut strich um ihre Beine und durchnässte ihre Hose bis hinauf zum Knie. Sie blieb stehen, als sie zur Hecke beim »Gut« kam. Ihr Herz schlug hart und schnell. Sie versuchte, einen Blick in den Garten zu werfen, aber die dichten Zweige waren so ineinander verflochten, dass sie nur undeutlich das Haus hinter der grünen, undurchdringlichen Wand erkennen konnte.

Sie ging den Pfad hinunter, der am Rande der Hecke entlangführte, und fand eine Öffnung in dem dichten Gebüsch. Sie schob die Zweige beiseite und schaute auf das große, verlassene Gebäude. In dem merkwürdigen blauen Licht am Himmel wirkte das Haus noch unheimlicher als sonst. Wie ein Spukhaus! Maja bekam so ein schaurig-schönes Kitzeln im Magen. Schreckliche Dinge waren hier geschehen, wie sie wusste. Das war lange bevor sie geboren wurde.

Schaudernd ließ sie die Zweige zurückschnellen und lief den holprigen Weg hinunter. Die Beeren hüpften im Eimer. Gut dass sie daran gedacht hatte, den Deckel mitzunehmen. Sie fand ihr Fahrrad, wo sie es abgestellt hatte, und verstaute den Eimer in einer der Radtaschen. Dann rollte sie schnell den Weg hinunter zur Straße.

Es hatte wieder angefangen zu regnen. Sie beugte sich nach vorne, umfasste mit festem Griff den Lenker und blinzelte in die graue Wand vor sich. Der nasse Wind fegte ihr um die Ohren und das Hemd blähte sich wie ein blauer Flügel.

Sie sah den Stein erst, als es zu spät war. Er lag mitten auf dem Weg, wie vom Berghang ausgespuckt. Sie stemmte die Beine in die Pedale und riss den Lenker herum. Die Finger zogen mit aller Kraft an den Bremsen. Aber das Rad sauste einfach weiter, geschoben von seinem eigenen Gewicht, und prallte mit einem hohlen Laut auf den Stein. Der Lenker wurde ihr aus den Händen gerissen, das Vorderrad rutschte auf dem losen Schotter. Sie verlor das Gleichgewicht, flog in hohem Bogen über den Lenker und landete mit einem Knall auf dem Asphalt. Es vibrierte in ihrem Kopf, als der Helm auf dem Boden auftraf. Es war, als risse sich ihr Gehirn los. Dann wurde alles dunkel.

Jemand trug sie. Es roch nach nassem Gras und abgestandenem Tabak. Ein Mann mit langem, strähnigem Haar hielt sie mit kräftigen Armen. Ihr blieb fast die Luft weg. Es war der Gorilla! Dann wurde erneut alles schwarz.

Sie erwachte von einem pochenden Schmerz im Knie. Es war, als würde jemand mit einem Hammer auf ihre Kniescheibe schlagen. Im Kopf sauste es. Sie öffnete die Augen ein bisschen und spähte durch die Wimpern. Sie lag auf einem Sofa in einem Zimmer, in dem sie noch nie gewesen war. Direkt vor ihr an der dunklen, ungestrichenen Wand befand sich ein Fenster mit einer Stoffgardine. Sie stutzte. Die Gardine kam ihr bekannt vor! Vorsichtig drehte sie den Kopf und bemerkte eine schwere, einem Teddybär ähnliche Gestalt, die reglos auf einem Stuhl hinter ihr saß. Sie kniff die Augen zu und verkroch sich förmlich in das Sofa, als wollte sie durch die harten Polster verschwinden. Jetzt erinnerte sie sich, wo sie die Gardinen gesehen hatte. Sie lag auf dem Sofa im Haus des Gorillas!

»Bist du aufgewacht?« Er beugte sich vor, und sie starrte direkt in zwei kleine, dicht beieinander liegende Augen, die hinter den buschigen schwarzen Brauen fast verschwanden. Seine Stimme klang undeutlich, als würde sie nicht so oft benutzt. Er räusperte sich ein wenig.

»Hab keine Angst. Ich tu dir nichts.« Die großen Fäuste lagen wie zottige Tatzen auf den verschlissenen Knien der Hose.

Er blieb unbeweglich sitzen, als erwarte er keine Antwort. Sie hörte seine tiefen, ruhigen Atemzüge. Draußen am Haus tropfte es aus einer Dachrinne auf die Treppe. Ein eintöniger Laut, der in der Luft vibrierte und auf den nächsten Tropfen wartete, so als spielte jemand denselben Ton wieder und immer wieder.

Der Gorilla erhob sich und schlurfte in die Küche. Sie drehte den Kopf und betrachtete verstohlen den gewaltigen Rücken mit den langen, gekrümmten Armen zu beiden Seiten. Er sieht wirklich aus wie ein Affe, dachte sie. Die kleinen Augen lagen tief in den Höhlen, das Kinn war kräftig und hervorstehend. Doch das Haar war nicht das eines Affen. Es war füllig und weiß und reichte beinahe bis auf die Schultern.

Sie hörte, dass er Wasser laufen ließ, dann kam er mit einem vollen Glas zurück. Unbeholfen stützte er mit einem Arm ihren Nacken und setzte ihr das Glas an die Lippen. Sie nahm einige große Schlucke und schob seinen Arm weg. Er setzte sich schwerfällig wieder auf den Stuhl und blieb wie ein großes und bedrohliches Tier hinter ihr sitzen. Sie wagte sich kaum zu rühren, versuchte, sich unsichtbar zu machen für die starrenden Augen.

Die Leute sagten, dass der Gorilla nicht ganz richtig im Kopf sei. Dass er gefährlich sei. Maja hatte Angst vor ihm. Sie erinnerte sich, wie sie ihm einmal spätabends zusammen mit Heidi auf der Straße begegnet war. Er war plötzlich um die Ecke gekommen. Sie waren zu Tode erschrocken und weggerannt, so schnell sie konnten, hatten sich in die Toreinfahrt gerettet, wo Maja wohnte. Der Gorilla war bewegungslos auf der Straße stehen geblieben und hatte ihnen lange nachgestarrt. Dann hatte er sich umgedreht und war mit gebeugtem Rücken zurück zu seinem Haus gestapft. Sie und Heidi hatten oft darüber geredet und es den anderen in der Klasse erzählt. Es gab viele, die meinten, man solle ihn einsperren.

Ihr Bein war eingeschlafen. Sie musste ihre Stellung verändern. Sie stemmte sich vorsichtig hoch. Der Gorilla erhob sich schwerfällig und legte ihr ein Kissen hinter den Rücken. Er beugte sich vor. Der Hemdärmel streifte ihre Wange. Sie hätte am liebsten geschrien, aber das war zwecklos. Das alte, windschiefe Haus des Gorillas lag am Stadtrand, abseits bewohnter Gegenden.

»Wie geht’s dir?«, fragte er wieder. Seine Stimme klang fast freundlich. Sie wurde ruhiger. Sie bewegte sich vorsichtig auf dem harten Sofa. Der ganze Körper schmerzte und das Knie tat weh. Jemand hatte ein Pflaster draufgeklebt, das musste der Gorilla gewesen sein. Sie fand es schrecklich, sich vorzustellen, dass er ihre Wunde gesäubert und versorgt hatte, während sie bewusstlos war.

»Einigermaßen«, murmelte sie. Gebrochen war offenbar nichts. Sie fühlte sich nur wie durchgebläut.

»Ich gehe jetzt und hole dein Fahrrad«, sagte der Gorilla. Er erhob sich und ging zur Tür. Die rauen Sohlen seiner Pantoffeln schlurften über den Boden. Wieder roch sie den abgestandenen, sauren Tabak.

Die Tür fiel hinter dem Gorilla zu. Sie hörte ihn im Flur rumoren. Zieht wohl andere Schuhe an, dachte sie. Draußen war es nass. Dann tappten die Schritte die Treppe hinunter und verschwanden im weichen Gras.

Maja setzte sich auf. Das war ihre Chance. Sie musste verduften, bevor er zurückkam! Sie schwang die Beine auf den Boden und stand mühsam auf. Sofort drehte sich alles. Sie plumpste wieder auf das Sofa und blieb eine Weile sitzen, hielt den Kopf in den Händen. Dann ließ sie ihren Blick durchs Zimmer schweifen. Es war ziemlich klein. In der Ecke unterm Fenster stand ein Tisch. Er war übersät mit Werkzeugen und Holzstücken. Dazwischen sah sie benutzte Tassen und Teller. Auf dem Boden häuften sich Holzspäne und in der Ecke stand ein Korb mit Holzscheiten.

Es waren fast keine Möbel im Zimmer, dafür Regale an allen Wänden, auf denen irgendwelche Figuren standen. Sie wurde neugierig, kam auf die Beine und trat näher, um sich das anzusehen. Die Regale waren voll mit kleinen, geschnitzten Holzpüppchen, sicher einige hundert. Maja bekam große Augen. Es wimmelte von kleinen Geschöpfen, Menschen und Tieren in allen Formen. Die größten Figuren waren nicht größer als ihre Hand und bildeten manchmal richtige Szenen. Zum Beispiel ein kleiner Mann, der sich unter einem Baum ausruhte. Im Schoß hatte er ein Gewehr und neben ihm im Gras lag ein Bündel toter Vögel. Vor ihm stand ein Hund und bellte. Sein ganzer Körper schien zu zittern. Das Maul war offen und sie konnte darin die scharfen Eckzähne erkennen.

Sie ging langsam von Regal zu Regal. Ein Soldat in Habt-Acht-Haltung, mit Bärenfellmütze auf dem Kopf und dem Gewehr über der Schulter, ein Junge, der einen zappelnden Fisch am Haken hatte. Doch besonders schön war eine kleine Frau im langen Kleid und Spitzen auf dem Rock. Über der Schulter trug sie ein Umhängetuch mit Fransen und im Arm einen geflochtenen Korb. Darin lagen Rosen, die über den Rand lugten. Maja beugte sich vor und betrachtete genau das Gesicht der kleinen Frau. Das grenzte an Zauberei. Wie konnte man aus einem Stück Holz so etwas Lebendiges schaffen?

Sie war so beschäftigt, dass sie gar nicht merkte, dass der Gorilla zurückgekommen war und direkt hinter ihr stand. Sie schrak zusammen, als er sagte: »Jetzt habe ich dein Fahrrad geholt. Aber du wirst nicht damit fahren können. Das Vorderrad ist völlig verbogen.«

Doch Maja hatte jetzt etwas anderes als das Fahrrad im Kopf. Sie war völlig gefangen von diesen wunderbaren, märchenhaften Figürchen.

»Wo hast du die her?«, fragte sie.

»Ich hab sie geschnitzt«, sagte der Gorilla.

»Du?« Maja musterte den schwerfälligen Mann misstrauisch. Ihr Blick fiel auf die langen Gorillaarme. Die Hemdsärmel waren bis zu den Ellenbogen hochgekrempelt, und die kräftigen, behaarten Unterarme endeten in Fäusten, die so groß waren wie Schöpfkellen. Wie konnten so riesige Pranken diese winzigen Spitzen auf dem Kleid der kleinen Frau schnitzen oder die so echt aussehenden Rosen in dem Korb? Sie wollte einfach nicht glauben, dass der halb verrückte Gorilla diese kleinen Wunderwerke geschaffen hatte.

»Ich heiße Nikolai«, sagte er. Er sprach seinen Namen deutlich aus, Silbe für Silbe, Ni-ko-lai.

Maja wandte den Blick ab. Sie spürte, wie ihr heiß im Gesicht wurde. Es war, als hätte er direkt ihre Gedanken erraten.

»Ich heiße Maja«, stammelte sie. »Ich wohne in dem roten Haus an der Kurve zum Tårnåsveien.«

»Ich weiß«, sagte er ruhig.

Für eine Sekunde tauchte der unbewegliche Schatten in ihrem Kopf auf. Sie wagte es nicht, ihn anzusehen. Ihre Augen irrten durchs Zimmer.

Nikolai drehte ihr den Rücken zu und beugte sich über den Tisch. Das weiße Haar hing über den Hemdkragen, die Schultern wölbten sich über die kräftigen Arme. Der Hosenboden war abgewetzt. Die Pantoffeln glichen zottigen Tieren.

Er richtete sich auf und sah sie an. In seiner Hand blitzte etwas Scharfes. Maja blieb fast das Herz stehen. Aus der großen Faust ragte die spitze Klinge eines Messers. Sie trat einen Schritt zurück und wäre beinahe gestürzt. Die grauen Pantoffeln schlurften auf sie zu und sie meinte, er wolle sie fangen. Maja zog den Stuhl vor sich. Sie umklammerte die Stuhllehne, dass die Knöchel weiß hervortraten. Nikolai senkte den Arm. Die Klinge berührte das graue Hosenbein. Die Spitze wies auf den Boden. Er schaute sie mit seinen merkwürdigen, schiefen Augen an. Sie hätte am liebsten geheult. Sie ließ die Stuhllehne los und wischte sich die schweißnassen Handflächen an ihrer Hose ab.

Nikolai wandte sich um, nahm einen Stuhl und setzte sich an den Tisch. Er begann, an einer halbfertigen Figur zu schnitzen. Maja stand wie erstarrt da. Sie wollte eigentlich nur raus und weg von hier, aber irgendetwas an der schweigsamen Gestalt am Tisch hielt sie zurück. Draußen vor dem Fenster hörte sie das gleichmäßige Geräusch des Regens. Es vermischte sich in ihrem Kopf mit den scharfen Lauten der Messerklinge auf dem harten Holz.

Sie hatte das Gefühl, dass eine Ewigkeit verging.

Dann sagte Nikolai: »Möchtest du zusehen, wie ich das mache?« Seine Stimme war ruhig und normal.

Maja schob den Stuhl zur Seite, kam vorsichtig näher. Hinter seinem Rücken blieb sie stehen und schaute ihm über die Schulter. Er arbeitete an einem kleinen Tier. Er führte die blanke Messerklinge an einer gekrümmten Linie entlang über das gelbe Holzstück. Er deutete auf den Hocker neben sich.

»Hast du Lust, es selbst mal zu probieren?«

Sie nickte. Dann setzte sie sich auf den Hocker. Nikolai drückte ihr das lange, blanke Messer in die Hand. Das Metall fühlte sich kalt an in der Handfläche, der Griff war noch warm von seiner Hand. Sie nahm das Messer fest in die Hand und schabte unbeholfen über das harte Holz.

»Nein, nicht so! Du musst das Messer anders halten!« Er legte den Arm um ihren Rücken und brachte das Messer in die richtige Stellung. Dann umfasste er mit seiner Pranke ihre Hand mit dem Messer und führte sie mit geübten Bewegungen über das Holzstück, das er mit der anderen Hand fest hielt.

Sie saß gefangen zwischen seinen Armen, spürte seinen Atem auf der Wange und den steifen, kratzenden Stoff des karierten Hemdes auf den nackten Armen. Der Gorilla umarmte sie von hinten! Wenn die anderen sie jetzt sehen könnten. Sie verschwand fast in seiner Umarmung. Aber sie hatte keine Angst mehr. Sie fühlte sich seltsam ruhig. Ihr schien plötzlich Nikolai mit all seinen märchenhaften Figuren ein ganz anderer zu sein als der halb irre Gorilla, der auf der Treppe gesessen und die Kinder angebrüllt hatte, wenn sie um sein Haus schlichen. Sie dachte an nichts anderes als an das große Wunder, das unter ihren Händen Gestalt annahm, unter ihren und seinen Händen. Ein Bärenjunges mit struppigem Fell und großen Tatzen entstand aus dem harten, bleichen Holzstück.

Er legte die Arbeit beiseite, und sie blieben nebeneinander auf dem Hocker sitzen, ohne etwas zu sagen.

»Hast du das von deinem Vater gelernt?«, fragte Maja schließlich, um die Stille zu unterbrechen.

»Ich habe nie einen Vater gehabt«, sagte Nikolai nach einer Weile. Sie wollte eigentlich weiterfragen, traute sich aber nicht. Es war etwas Seltsames in seiner Stimme und sie schwieg lieber.

Er nahm das Messer und begann erneut, an dem kleinen Tier zu schnitzen. Er schien vergessen zu haben, dass sie noch da war. Sie saß still auf dem Hocker neben ihm und verfolgte seine flinken, geübten Hände.

Nach einer Weile stand sie auf, um zu gehen. An der Tür drehte sie sich um und betrachtete die große Gestalt, die, über die Arbeit gebeugt, dasaß. Das Licht der Lampe warf einen rosa Schein über sein Gesicht, das von der dichten weißen Mähne auf seinem Kopf eingerahmt wurde. Das schneeweiße Haar bekam rosa und goldene Streifen.

Sie verstand nicht, wie sie ihn jemals mit einem Gorilla hatte vergleichen können. Er sah eher wie ein gemütlicher, alter Opa aus.

Sie drückte die Klinke nieder.

»Danke für deine Hilfe«, sagte sie. Doch er hörte und sah sie nicht. Das kleine Zimmer mit all den Figuren erschien ihr wie die Werkstatt eines Zauberers. Gleich würde er dem Bärenjungen, das er in Händen hielt, den Odem des Lebens einhauchen.

Sie zog die Tür vorsichtig hinter sich zu und humpelte durch den Regen zu ihrem kaputten Fahrrad.

2. Kapitel

»Wir fahren jetzt, Maja«, rief die Mutter ungeduldig.

Maja saß auf dem Bett und war sauer. Ihre Hände spielten mit einer kleinen Bärenfigur. Sie fuhr mit den Fingernägeln an den Furchen in dem harten Holz entlang.

Die Mutter rief erneut: »Vergiss nicht, das Fenster zu schließen!«

Maja stellte das Bärenjunge mit einem Knall beiseite, stand vom Bett auf und warf das Fenster so schwungvoll zu, dass die Scheiben klirrten. Sie hoffte, dass Mama es hörte. Sie musste mitfahren zum Flughafen, um Wenke, Carl sowie deren Sohn Jano abzuholen. Wenke war die beste Freundin ihrer Mutter. Sie kannten sich seit frühester Kindheit, waren schon zusammen in den Kindergarten gegangen. Jetzt wohnten Wenke und Carl in Bodø. Sie wollten gemeinsam mit Mama und Papa in Venedig Ferien machen, und Jano, oder Jan Olav, wie er eigentlich hieß, sollte bei ihr wohnen, während die Eltern im Ausland waren.

Maja seufzte tief. Ein toller Plan. Vierzehn kostbare Tage der Sommerferien mit dem hoffnungslosen »Propeller« vergeuden. Eine fast unerträgliche Vorstellung. Sie hatte die Sommerferien vor zwei Jahren noch gut in Erinnerung. Sie waren oben in Nordnorwegen gewesen und hatten Wenke und Carl besucht. Es hatte die ganze Zeit geregnet und sie hatte sich zu Tode gelangweilt. Mama und Papa waren von der Idee besessen gewesen, zu fotografieren, wollten »die großartige Natur verewigen«, wie sie sagten. Ständig wurde sie aus dem Auto gezerrt, denn sie sollte auf allen Bildern mit drauf sein. »Lächeln, Maja«, hieß es dauernd, und sie hatte sich ein müdes Lächeln abgerungen, wenn sie wie eine Pappfigur im Vordergrund stand und ihr der Regen in kalten Bächen den Rücken runterlief.

Die Bilder wurden entsprechend doof, doch Mama und Papa hielten sie für kleine Meisterwerke und zeigten sie jedem, der sie sehen wollte. Die Fjells und Fjorde sahen für Maja alle gleich aus. Hast du einen Fjell gesehen, kennst du alle. Das war jedenfalls ihre Meinung.

Es gab für sie keine anderen Gleichaltrigen als ebendiesen Jano und das war ein ziemlicher Schwachkopf. Er sauste mit umgedrehter Schirmmütze und einem Ball unterm Arm durch die Gegend und hatte nur zwei Interessen, Fußball und Angeln. Er war nicht in der Lage, zwei Minuten still zu sitzen, und sie hatte ihn deshalb für sich »Propeller« getauft.

Und jetzt sollte sie also diesen Propeller zwei ganze Wochen aushalten. Tränen stiegen ihr in die Augen. Ihre beste Freundin Heidi hatte sie eingeladen, mit ins Ferienhaus an der Südküste zu kommen, aber Mama und Papa hatten Nein gesagt. Nur wegen diesem blöden Spinner!

»Ihr werdet es schön haben zusammen«, sagte Mama. »Jano ist ein so patenter Junge. Ihr könnt baden gehen und vielleicht nimmt er dich sogar mit auf einen Angelausflug.«

Angelausflug! Das Wort flatterte vor Majas Augen wie ein rotes Tuch. Das war eine so himmelschreiende Ungerechtigkeit, dass es ihr die Stimme verschlug. Während die Erwachsenen in der Gondel auf den Kanälen Venedigs herumfuhren, alte Adelspaläste besichtigten und sich im Restaurant mit allen möglichen Köstlichkeiten voll stopften, sollte sie sich darüber freuen, wenn ein kindischer, blöder kleiner Bengel sie allergnädigst mitnahm zum Angeln!

Sie stöhnte demonstrativ und zwängte sich widerwillig auf den Rücksitz des großen Kombi. Mama und Papa taten so, als merkten sie nichts. Es gab an diesem Tag sicher nichts, was sie aufregen konnte. Mama setzte sich ans Steuer. Sie fuhr gern Auto, im Gegensatz zu Papa, der beim Anblick eines Steuerrades schon nervös wurde. Er bevorzugte das Fahrrad und verstand es meisterhaft, sich zwischen den Autos durchzuschlängeln. Papas Fahrrad hieß »Pegasus«. Es war nach einem Pferd in der Antike benannt, das Flügel hatte. Das passte gut, denn Papa und »Pegasus« flogen durch den Autoverkehr und kamen viel schneller voran als Mama mit dem großen Wagen.

Ihr kleiner Bruder Hans saß bereits angeschnallt im Kindersitz. Er war genauso autoverrückt wie Mama. Papa meinte, er sei erblich belastet, hätte diese Eigenschaft mit der Muttermilch eingesogen. Seine kleinen, dicken Finger waren eifrig damit beschäftigt, an einem kleinen blauen Spielzeugauto die Türen und den Kofferraum und alles, was es zu bewegen gab, zu öffnen und zu schließen.

Mama fuhr aus der Einfahrt und bog auf die Straße. Ihr Haus lag ganz hinten in einer Sackgasse am Fuße einer Anhöhe, die aussah wie ein Turm. Auf diese Anhöhe schlängelte sich eine Straße hinauf. Kletterte man dann noch hinauf bis zum höchsten Punkt, hatte man einen Blick über die Stadt und bis zu den Bergen auf der anderen Seite des Sees. Maja saß oft mit Heidi dort oben und spielte Flugzeug. Sie stellten sich dann vor, hoch oben am Himmel zu schweben, und unter ihnen breitete sich die Landschaft aus mit den Häusern und Straßen und winzigen Menschen, die emsig wie die Ameisen herumliefen.

Sie wüsste gerne, was Heidi jetzt machte. Maja hatte sie im vorigen Sommer in dem Ferienhaus besucht. Sie hatten in einem Bootsschuppen im Schlafsack übernachtet und fast die ganze Nacht gequatscht. Sie hatten auf die Wellen gehorcht, die gegen den felsigen Strand schlugen, und hatten miterlebt, wie die Nacht verging und der Tag anbrach, wobei es eigentlich gar nicht richtig Nacht geworden war.

Sie hatten nun die Hauptstraße erreicht. Mama erhöhte die Geschwindigkeit und brauste an der Eisenbahnlinie entlang. Es war fast eine Stunde Fahrt bis zum Flughafen. Maja kurbelte das Fenster runter und ließ ihr langes blondes Haar vom Wind zerzausen. Man hätte ihr wenigstens ersparen können, bis zum Flughafen mitzufahren, dachte sie wütend. Aber Mama hatte gesagt, dass es doch nett wäre für Jano, wenn sie beim Abholen dabei wäre. Als ob sich Jano darum scherte! Ihr kam der Gedanke, dass ihn der Einfall der Eltern wahrscheinlich genauso nervte wie sie. Tja, es sieht alles nach einzigartigen Traumferien aus, dachte sie ironisch.

Einen Lichtblick gab es immerhin. Hans sollte die zwei Wochen, in denen die Eltern weg waren, bei Oma und Opa verbringen. So war sie ihn und seine Quengelei los.

Es gab noch etwas Positives. Mary! Bei diesem Gedanken lebte sie auf. Mary war Witwe. Ihre Kinder waren längst von daheim ausgezogen. Sie wohnten weit weg und Mary hatte viel Zeit. So war sie für Maja und Hans immer dann, wenn die Eltern nicht zu Hause waren, die Ersatzmutter. Sie war unheimlich nett, überhaupt nicht nervig und konnte besonders gut kochen. Maja lief bei diesem Gedanken das Wasser im Mund zusammen. Sie würde in diesen zwei Wochen genüsslich speisen, würde sich mit Marys gutem Essen voll stopfen.

Sie näherten sich dem Flughafen. Mama überholte ein paar Autos, setzte sich dann auf den äußeren Fahrstreifen und bereitete sich zum Abbiegen vor.

»Stell dir vor, morgen um diese Zeit schaukeln wir vielleicht schon in einer Gondel auf dem Canale Grande«, sagte sie gut gelaunt und tätschelte Papas Knie.

»O sole mio!« Papa legte die Hand auf die Brust und sang mit schmachtender Stimme. Majas kleiner Bruder stimmte sofort mit ein. »Br-r-r«, brummte er und der Speichel spritzte ihm aus dem Mund. Er fuhr mit seinem Spielzeugauto über den Sitz und Majas Arm hinauf. Sie schüttelte ihn ärgerlich ab. Das Auto fiel auf den Boden und der Kleine brach in ein Gebrüll aus.

»Maja ist gemein«, heulte er. Sie angelte das Auto von der Fußmatte und drückte es ihrem Bruder in die Hand. Das Weinen hörte mitten in einem Schluchzer auf.

Was für eine verrückte Familie, dachte sie mürrisch. Sie drehte Hans den Rücken zu und steckte sich die Stöpsel des Walkmans in die Ohren. Die heisere Stimme von Gary King ließ sie wohlig erschauern. I need you to comfort me, sang er. Sie liebte dieses Lied. Sie hatte nicht gewusst, was »comfort« bedeutete, und im Wörterbuch nachgeschlagen. Da stand »Trost«. »Ich brauche dich, damit du mich tröstest.«

Gary King war ihr Lieblingssänger. Er sah so toll aus mit seinem dunklen, zu einem Pferdeschwanz zusammengebundenen Haar. Sein Lächeln war hinreißend, aber in seinen Augen sah sie Trauer und Einsamkeit. Sie fragte sich, ob er etwas sehr Schlimmes erlebt hatte. Es müsste wunderbar sein, ihn einmal zu treffen und ihm zu sagen, wie sehr sie ihn mochte. Und wie gerne sie ihn trösten würde.

Sie wurde aus ihren süßen Träumen gerissen, als Mama mit einem Ruck auf dem Parkplatz anhielt. Sie liefen hinauf zur Ankunftshalle. Der Flieger war eben gelandet und die ersten Passagiere erschienen in der Halle. Sie erblickten Wenke und Carl, jeder schob einen schwer beladenen Kofferkuli vor sich her. Mama rief und winkte. Maja wurde ganz flau. Die beiden Freundinnen fielen sich in die Arme und lachten und plapperten los, dass sich wahrscheinlich jeder in der Halle nach ihnen umdrehte. Carl drückte Papa an seinen dicken Bauch.

»Du hast auch nicht gerade abgenommen seit dem letzten Mal«, lachte Papa und schlug dem Freund auf die Schulter.

»Nee, ich bin mehr als je zuvor«, sagte Carl vergnügt. »Wir leben gut da oben im Norden.«

Dann umarmten sich Mama und Carl, und Wenke küsste Papa mitten auf den Mund und nannte ihn ihren Ex-Geliebten. Das machte sie jedes Mal. Vermutlich hatte sie etwas mit Papa gehabt, bevor Mama auf der Bildfläche erschienen war. Maja fand das ziemlich peinlich, aber Mama lachte nur und war nicht im Geringsten eifersüchtig. Maja und Hans bekamen auch ihren Teil ab, und Maja hatte das Gefühl, dass die Umarmungen gar kein Ende nahmen. Sie warf einen Blick auf den dunkelhaarigen Jungen, der hinter Carl stand. Er verdrehte die Augen nach oben und lächelte sie schicksalsergeben an.

In dem Moment merkte Mama, dass Hans weg war. Er hatte das Begrüßungshallo benutzt und sich verkrümelt. Mama riss sich los und rannte suchend durch die Halle. Sie erwischte ihn im letzten Augenblick, bevor er mit einer Reisegesellschaft durch den Zoll verschwand.

»Das ist Jan Olav«, sagte Carl. Er drehte sich zu dem dunkelhaarigen Jungen um, der hinter ihm stand und schob ihn in den Kreis. Maja riss den Mund auf. War das der Propeller? Vor ihr stand ein Junge, der fast so groß war wie Carl. Er hatte ein schwarzes, langes T-Shirt an, das lässig über die hellblauen, verwaschenen Jeans hing. Über der Schulter hing eine große blaugrüne Tasche. Das dunkle Haar hatte er nach hinten gekämmt, seine Augen waren blau wie ein nordnorwegischer Fjord. Majas Herz schlug einen doppelten Salto in ihrer Brust. Sie streckte ihm die Hand hin. Jano drückte sie kräftig. Ihr wurde es glühend heiß, und sie spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht schoss. Jano ließ ihre Hand los und warf sein Gepäck auf den Boden. Er schob die Hände in die engen Taschen seiner Jeans. Maja kam sich kindisch vor in der doofen Hose, die ihr Mama im Schlussverkauf besorgt hatte. Warum hatte sie bloß ihre superschicke Jeans nicht angezogen!

»Na, du bist ja gewaltig in die Höhe geschossen seit dem letzten Mal«, sagte Mama, die inzwischen Hans auf den Arm genommen hatte. »Ich habe dich fast nicht wiedererkannt.«

»Sag Jano Guten Tag«, sagte sie zu Hans und zog an seinem Arm, dass sein Spielzeugauto zu Boden fiel und das Gebrüll wieder einsetzte.

Endlich war die Begrüßung beendet, man verteilte das Gepäck und alle gingen hinaus zum Auto. Papa setzte sich ans Steuer, mit Carl und Jano neben sich. Maja und Hans quetschten sich zusammen mit Mama und Wenke auf den Rücksitz. Die beiden Freundinnen plapperten in einer Tour. Als hätten sie sich mindestens hundert Jahre nicht gesehen. Papa fuhr auf die große Schnellstraße.

»Nimm die äußere Fahrspur, Thor«, ertönte es vom Rücksitz. Mama konnte sich mal wieder nicht zurückhalten. Maja musterte unauffällig den dunklen Nacken vor sich. Janos Haar fiel gelockt und braunschwarz in den Nacken. Genau wie bei Gary King! Sie hätte es am liebsten angefasst. Sie spürte, wie es ihr heiß den Rücken runterlief.

Zum Abendessen gab es Spagetti. Um sich mental auf den morgigen Tag vorzubereiten, wie Papa sagte. Wenn ihn Maja richtig verstand, sollte das bedeuten, dass sie sich auf Italien einstimmen mussten. Mama legte eine rot karierte Tischdecke auf und Wenke zauberte eine Flasche Rotwein im Bastkorb herbei. Papa spielte die CD »O mia bella Napoli«, obwohl sie eigentlich nach Venedig fuhren und nicht nach Neapel. Aber das dürfe man nicht so genau nehmen, meinte Papa. Von Venedig hatte er keine Musik. Mama stellte den großen, dampfenden Spagettitopf mitten auf den Tisch und im Nu glich die alte Küche einem richtigen italienischen Restaurant.

Jano verstand es meisterhaft, Spagetti zu essen. Lässig und elegant rollte er die weißen Bänder um die Gabel und schob die ganze Portion mit leichter Unterstützung der Zunge in den Mund. Die andern kämpften mit den Spagetti. Die weißen, glatten Nudeln hingen ihnen wie ein Vollbart das Kinn herunter.

»Wie machst du das bloß?«, fragte Mama und warf einen Blick hinüber zu Jano, der mit spielerischer Leichtigkeit die Spagetti um die Gabel wand.

»Dahinter steckt ein langes und hartes Training«, sagte Jano bescheiden.

»Ja, das kann ich bestätigen«, fiel Wenke ein.

Mama versuchte es mit dem Löffel. Sie rollte die Spagetti in einem großen Esslöffel um die Gabel, doch das klappte nicht viel besser. Sie musste die langen Fäden alle auf einmal in den Mund saugen. Nicht besonders appetitlich, dachte Maja kritisch.

»Oh, schaut euch mal den Thor an, wie er trickst«, rief Wenke. Papa hatte, schlau wie er war, seine Spagetti in Stücke geschnitten und schaufelte das Essen ohne Probleme in sich hinein.

Sie kamen erst spät ins Bett. Maja beschloss, den Wecker zu stellen für den Fall, dass die Erwachsenen verschlafen sollten. Und das wäre doch zu schade, wenn sie ihre Maschine nicht bekämen, dachte sie unschuldig.

Jano sollte im Fernsehzimmer im Keller schlafen. Damit war er sehr zufrieden. Wenke und Carl machten sich ein Matratzenlager im Wohnzimmer.

In dieser Nacht träumte Maja von Gary King, einem Gary King mit einem ganzen nordnorwegischen Himmel in den Augen.

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