Kitabı oxu: «Eva langt zu»

Şrift:


Liza Cody

Eva langt zu

Die Eva-Wylie-Trilogie

Band 3

Aus dem Englischen

von Regina Rawlinson

Ariadne Kriminalroman 1205

Argument Verlag

Mein Dank geht an:

Angus, Felicity, Bryan, Mike Lewin,

Peter Lovesey, Charlotte Nassim,

Kate Nowlan und Sara Paretsky.

Inhalt

Cover

Titel

Danksagung

1

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Impressum

1

Saukomisch. Zum Totlachen. Ich sitze mit einer Thermosflasche Tee in einem Lieferwagen und bewache einen Parkplatz. Ich – die größte noch lebende Autoausborgerin aller Zeiten. Bei den ganzen schnieken Bonzenspielzeugen ist nicht eins dabei, das ich mir nicht unter den Nagel reißen könnte. Bevor Sie »Eva ist ein Genie« sagen könnten, hätte ich die Kiste offen, knicksknacks, und wäre damit abgedüst, wrumm-wrumm.

Aber was mache ich? Ich bewache die Teile! Ich nuckel an meinem Tee und sage: »Tschüs, du fetter, reicher Saftsack. Flieg schön nach Amerika, scheffel noch ein paar Millionen. Ist mir doch egal. Flieg nur mit deiner Alten und den lieben Kinderlein nach Disneyland, schmeiß ruhig deine sauer verdiente Kohle für die verzogenen Hosenscheißer zum Fenster raus. Das kümmert mich einen feuchten Dreck. Und mach dir keine Sorgen. Die gute Eva sorgt schon dafür, dass deinem Mercedes keiner was tut, bis du wiederkommst, mit Sonnenbrand auf der Nase und Schnapstüten in der Hand.«

Der Parkplatz, den ich bewache, ist nämlich privat, für die Typen mit Drittwagen, goldenen Kreditkarten und Platinuhren, denen keiner an den Karren fahren kann. Sie kriegen einen Rundumservice, alles im Preis inbegriffen. Die brauchen nicht am Flughafen zu parken und mit dem Pöbel in den Bus zu steigen. Das haben die nicht nötig. Die werden von London aus ganz nobel zu einer First-Class-Lounge am Terminal ihrer Wahl kutschiert. Und auf der ganzen Strecke werden sie von vorne bis hinten bedient. Bitte sehr, Sir. Jawohl, Sir.

Nein danke, Sir. Dafür ist Eva Wylie nicht auf Gottes schöner Welt, dass sie irgendwelchen reichen Ärschen in den Hintern kriecht. Dafür ist sie normalerweise nicht zu haben, nur wenn sie eine Pechsträhne hat. Wer Pech hat, muss kriechen. Wer nicht kriecht, kriegt keinen Kies. Ohne Kies, kein Glück. Ein Teufelskreis aus Stacheldraht. Damit die, die nichts haben, schön kuschen und zu denen, die alles haben, immer schön »Sir« sagen.

Aber Sie brauchen gar nicht zu lachen. Der Mensch muss schließlich überleben. Und wo ich herkomme, ist Überleben ein anständiger Beruf. Ich bin groß und stark. Ich muss essen. Ich habe drei Hunde, die sind auch groß und stark, die wollen auch fressen. Wer soll uns durchfüttern? Sie vielleicht? Dass ich nicht lache. Das letzte Mal, als ich umsonst was zu essen gekriegt habe, war ich im Knast, und so viel ist mir ein geschenktes Essen auch wieder nicht wert, das können Sie mir glauben.

Kein schöner Gedanke.

Also hörte ich auf zu denken und sagte: »Komm mit, Milo, wir gehen uns die Beine vertreten.« Und ich machte die Tür des Lieferwagens auf.

Milo ist mein dritter Hund, mein Jüngster. Ich habe ihn mit der Flasche aufgezogen. Ich weiß, Eigenlob stinkt, aber ich muss trotzdem sagen, dass er sich zu einem richtigen Untier entwickelt hat. Ein Kopf wie ein Stier und Füße wie ein Kamel. Dabei ist er noch nicht mal ganz ausgewachsen.

Er kam aus seinem unruhigen Schlaf hoch und machte: »Hörf?«

»Klappe«, sagte ich und legte ihm die Hand auf die Schnauze. Ich bringe ihm nämlich bei, nur Laut zu geben, wenn es darauf ankommt. Man kann keinen Wachhund gebrauchen, der ohne guten Grund loskläfft. Außerdem war er noch gar nicht richtig im Stimmbruch. Manchmal ist es echt zum Schießen, wenn er »Hip-hörf« macht und dann selber ganz verdattert aus der Wäsche guckt. Aber ich darf nicht lachen. Wenn ich lache, meint er, ich wäre ein Weichei. Was ich nicht bin. Ich bin der Boss. Das darf er nicht vergessen.

»Platz!«, sagte ich und ging ein paar Schritte weg. Ich richte ihn zurzeit auch aufs Sitzenbleiben ab. Er soll nicht wie ein Schoßhündchen hinter mir herlaufen. Ein Wachhund ist kein Schmusetier, was Milo aber noch nicht ganz kapiert hat.

Ich versteckte mich zwischen Audis, BMWs, Rovers und anderen blankgewienerten Autos, wo ich ihn zwar noch sehen konnte, aber er mich nicht.

»Ramses!«, rief ich. »Lineker!«

Milo machte sich ganz lang, als ob er angeleint wäre. Aber er kam nicht. Ich war richtig happy. Er soll nur auf seinen eigenen Namen hören. Aber ich hatte meine beiden anderen Hunde gerufen. Und die konnten nicht kommen, weil sie nicht da waren. Sie waren zu Hause und bewachten den Schrottplatz, wo wir wohnen.

Ich war sehr zufrieden, weil Milo nicht nur seinen Namen gelernt hatte, sondern auch wusste, wie die beiden anderen Hunde hießen.

Ich ging noch ein Stück weiter, dann rief ich: »Milo!«

»Hörf-hip!«, tönte er. Blödes Hundebaby. Er kam in großen Sätzen auf mich zugesprungen und prallte voll gegen meine Oberschenkel.

»Klappe«, sagte ich. »Platz.«

»Hörf?«, sagte er. Aber er setzte sich hin und grinste von einem Ohr zum anderen, als ob er gerade einen tollen Witz erzählt hätte.

»Klappe, du Waschlappen«, sagte ich. Ich gab ihm trotzdem einen halben Hundekuchen, weil er seine Sache gut gemacht hatte, auch wenn er zu gesprächig war.

Ich nahm ihn links neben mich bei Fuß. Wir gingen die Luxusschlitten ab und sahen nach, ob auch noch alle Radkappen, Telefone und Kassettenrecorder da waren.

Angeblich ist der Parkplatz nämlich diebstahlsicher, aber so sicher, wie die Besitzer behaupten, ist er noch lange nicht. Weil in der letzten Zeit ein paar von den teuren Wagen aufgebrochen worden waren, mussten Milo und ich die Nacht im Lieferwagen verbringen. So leicht findet sich keiner, der für diesen Aufpasserjob besser taugt als ich. Was ich über Autodiebstahl nicht weiß, passt in das Nasenloch eines Flohs. Das können Sie mir ruhig glauben.

Es war kalt, und es war dunkel. London schnarchte – wie immer. Das Licht aus meiner Taschenlampe tanzte vor uns her, und Milo sah mit seinem dampfenden Atem wie ein Drache aus.

Nur Milo und ich mussten arbeiten und uns im Freien die Nacht um die Ohren schlagen. Ich und Milo. Milo und ich. Alle anderen hatten sich ins Warme verkrochen, lagen eingemummelt in ihren verschwitzten Betten, schnarchten und furzten gemütlich vor sich hin. Sie brauchten sich keine Sorgen zu machen, denn sie hatten ja die gute alte Eva, die ihren Familienferrari bewachte.

Lachen Sie ruhig, das stört mich nicht. Aber vor einem Jahr hätten Sie nicht gelacht, dafür hätten Sie viel zu viel Respekt vor mir gehabt. Weil ich vor einem Jahr noch die Londoner Killerqueen war. Eine berühmte Catcherin. Ich bin in ganz Südengland aufgetreten. Ich war der kommende Star. Die Londoner Killerqueen, die größte, stärkste, härteste Catcherin in der ganzen Szene.

Und dann das Ende. Man hat mich abgesägt. Aber das ist eine andere Geschichte, und ich will nicht mehr daran denken.

Nur so viel will ich Ihnen verraten: Es war nicht meine Schuld. Es war die Schuld der anderen Ärsche, aber ich musste dafür bezahlen. Immer dasselbe Lied.

Wenn ich vor einem Jahr in eine Halle marschiert kam, hat das Publikum meinen Namen gerufen: »Eva, Eva, Killerqueen, Killerqueen!« Die Leute kreischten und brüllten. Sie buhten und zischten und tobten. Man konnte mich nicht ignorieren. Das konnte keiner, kein Mensch. Weil ich jemand war. Weil mein Name auf dem Plakat stand. Ich hatte Geld in der Tasche und mein Bild im Programmheft.

Aber das war voriges Jahr. Jetzt bin ich ein Niemand. Jetzt stapfe ich mit den Händen in den Ärmeln im kalten Mondlicht auf einem Parkplatz herum, und der Einzige, der sich darum kümmert, ob ich tot oder lebendig bin, ist Milo.

Braucht man sich da noch zu wundern, dass die Feindin die Situation eiskalt ausgenutzt hatte? Es gibt solche Leute. Sie warten, bis du am Boden liegst, und dann trampeln sie mit ihren genagelten Stiefeln auf dir rum. Sie sagen: »Hast du diese Woche schon etwas vor, Eva?« Wenn sie ganz genau wissen, dass du höchstens zu Hause sitzen und Däumchen drehen kannst, weil keiner mehr was mit dir zu tun haben will.

Auf genau die Tour war mir die Feindin gekommen. Sie sagte: »Wenn du keine anderen Pläne hast, hätte ich einen Auftrag für dich.«

Andere Pläne, dass ich nicht lache! Als ob sie nicht wüsste, dass ich nichts vorhabe. Als ob ich einfach sagen könnte: »Verpiss dich, Frettchengesicht. Such dir einen anderen Idioten.« Was ich ihr am liebsten antworten würde.

Meinen Sie etwa, ich hätte Lust, die ganze Nacht Rovers und Rolls-Royce zu bewachen? Sie sind wohl unterbelichtet. Ich? Die Londoner Killerqueen? Die ehemalige Londoner Killerqueen. Ich doch nicht. Nein, ich habe was Besseres verdient.

Mir ist nichts in den Schoß gefallen. Ich habe selber was aus mir gemacht. Und ich musste schwer genug dafür ackern.

Aber jetzt bin ich wieder da, wo ich mal angefangen habe. Ganz unten. Und die Feindin nützt das aus. Sie lässt mich bei den Bonzenautos Kindermädchen spielen und meint auch noch, ich müsste ihr dafür dankbar sein. Irrtum, Gnädigste!

»Lass die Finger vom Bier«, sagt sie. Was geht sie das überhaupt an, ob ich was trinke? »Bleib wach«, sagt sie. Mach dies, mach das. Immer nur Befehle.

Falls Sie es noch nicht wissen, die Feindin, das ist die allwissende Anna Lee von der Agentur Lee-Schiller Security. Sie ist eine Bullentante, eine echte Landplage. Aber sie hat Kohle und ich nicht. Deshalb kann sie bestimmen, wo es langgeht. Sie kriecht in ihr warmes Bettchen, während ich in der Eiseskälte die Drecksarbeit für sie erledigen muss. Alles eine Frage der Moneten. Wer Geld hat, kann sich ins Fäustchen lachen. Wer keines hat, muss springen.

Wer welches hat, kann sagen: »Es würde dir mal wieder guttun, Eva. Du hast überhaupt keine Kondition mehr.«

Und ich darf ihr bloß in Gedanken antworten: »Hast du was gesagt? Oder nur an einem Backstein geknabbert? Ich will nichts davon hören.« Aber ich muss so tun, als ob sie was Vernünftiges von sich gibt, weil sie die Kohle hat und ich nicht.

Es ist eine dunkle, kalte Nacht auf diesem Parkplatz für Managerspielzeug. Genauso dunkel und kalt wie in meinem Herzen.

»Hörf?«, sagte Milo. Ich haute ihm eine runter, dass ihm die Tränen kamen.

»Hip!«, sagte er, als ob ich der gemeinste Mensch der Welt wäre. Was ich nicht bin.

Auf der Welt laufen noch viel gemeinere Typen rum als ich. Mindestens sechs Zillionen.

»Du glaubst, ich bin fies?«, sagte ich zu Milo. »Ich meine es nur gut mit dir. Wenn ich dich so viel reden lasse, wie du willst, wird nie ein guter Wachhund aus dir. Dann bist du arbeitslos und hast keinen, der dich füttert und aufpasst, dass Ramses und Lineker dir nicht in den Schwanz beißen.«

Milo blinzelte die Tränen weg und trottete weiter.

»Willst du wissen, wer wirklich ein Fiesling ist?«, fragte ich. »Ich kann dir einen zeigen. Ich zeige dir Mr. Deeds.«

Milo erinnert sich nicht mehr daran, weil er damals noch zu klein war, aber Mr. Deeds, Mr. Drecksack Deeds, war derjenige, der mir mein Leben kaputtgemacht hat. Mr. Deeds von Deeds Promotions hat zu mir gesagt: »Du bist draußen. Du bist gesperrt. Komm mir nie wieder unter die Augen mit deiner hässlichen Visage. Nie wieder. Du bist erledigt. Du steigst nie mehr für mich in den Ring.«

Ja, das hat er gesagt. Zu mir! Nachdem ich ihm eine volle Halle beschert hatte. Obwohl das Publikum außer Rand und Band gewesen war. Die Leute hatten geschrien und getobt und wollten ein Autogramm von mir.

»Ich verspreche dir, das war dein letzter Kampf«, sagte er.

Das Versprechen hat er gehalten.

Ich stehe auf der schwarzen Liste. Ich bin seitdem nicht mehr aufgetreten.

Wenn Sie einen Fiesling suchen, nehmen Sie Mr. Drecksack Deeds. Den können Sie umsonst haben. Er hat mir einen Tritt in den Hintern gegeben und mir die Tür vor der Nase zugeknallt. Jetzt kann ich nicht mehr rein in die Welt, die ich mir selber aufgebaut habe. Ich kann nicht mehr zurück ins Scheinwerferlicht und in den kochenden Ring. Kein Applaus mehr für mich, kein Aah und Uuh. Kein Keuchen und Ächzen, kein dumpfes Klatschen, wenn meine Gegnerin auf die Matte knallt. Kein Ringrichter, der zählt: Eins, zwei, drei.

Diese Welt gibt es noch. Irgendwo. Aber ich darf nicht mehr rein. Ich habe sie verloren. Und ohne diese Welt bin ich verloren. Wie soll ich reich und berühmt werden, wenn ich nicht mehr die Londoner Killerqueen sein darf? Können Sie mir das vielleicht verraten?

Milo drückte mir die Schnauze in die Hand, und ich erlaubte es ihm. Er hat ja nur mich. Er war eine mutterlose nackte Krabbe, noch keine Woche alt, als ich ihn fand. Ich habe ihn mir unter den Pullover gesteckt, um ihn zu wärmen, und ihn mit nach Hause genommen. Seitdem bin ich Mum und Dad für ihn. Ich habe ihn mit teurer Welpennahrung gefüttert und ihn so oft vor Ramses und Lineker beschützt, dass ich es nicht mehr zählen kann. Und warum? Weil ich ein weiches Herz habe. Darum. Es kann noch ewig dauern, bis er sich sein Futter selber verdienen kann, und bis dahin frisst er mir die Haare vom Kopf und kostet mich Zeit und Nerven. Ich kann ihm nur raten, sich zum besten Wachhund aller Zeiten zu mausern. Wenn nicht, ziehe ich ihm das Fell über die Ohren und mache mir aus seinem nutzlosen Pelz eine Weste.

»Hast du gehört?«, sagte ich. »Eine Weste. Also streng dich ein bisschen an.«

»Hip?«, sagte er. Aber weil er es leise sagte, ließ ich es ihm noch mal durchgehen. Wie schon gesagt, ich habe ein weiches Herz. Mein Hund redet zu viel, aber ich beklage mich nicht.

Ich muss Ihnen was erzählen. Letzte Woche war ich in einem Parkhaus für ganz normale arme Leute. Was ich da zu suchen hatte, braucht Sie nicht zu kümmern. Es war jedenfalls schon spät, und es war kalt, und ich hatte keine Lust, zu Fuß nach Hause zu gehen. Plötzlich stand jedenfalls mutterseelenallein ein kleiner roter Vauxhall Astra vor mir. Sicher hatte der Besitzer ein Taxi genommen, weil er zu viel getrunken hatte. Und wer sich einen Rausch und ein Taxi leisten konnte, würde es mir sicher nicht krummnehmen, wenn ich ein Stück mit seinem Wagen spazieren fuhr. Also habe ich mir den Astra geborgt.

Meistens borge ich mir die Karren wirklich nur aus. Sie können Ihre Stereoanlage behalten, ich will Ihren Mantel, Ihren Schirm, Ihre Tasche oder Ihren Aktenkoffer nicht haben. Ich bin keine Diebin. Und ich mache auch nichts kaputt – nur wenn es nicht anders geht. Wenn ich den Wagen hinterher irgendwo stehen lasse, ist er sauberer als vorher. Ein geborgtes Auto muss man gründlich putzen.

Zuerst war alles wie immer. Ich hatte den Astra ruck, zuck geknackt und gestartet, ohne die Lenkung zu ruinieren. Der Besitzer hatte wohl noch nie was von einer Wegfahrsperre gehört. Aber dann passierte es. Es steckte noch eine Kassette im Recorder, als ich den Motor anließ. Und wissen Sie, was mir da aus den Boxen entgegenknallte? Wobei sich mir die Nackenhaare sträubten? Es war meine Musik. Mein Lied. Satisfaction.

Das ist mein Song. Ehrlich.

Zumindest ist es meine Musik gewesen, als ich noch im Ring stand. Nein, eigentlich schon vorher, vor meinem Auftritt. Sie dröhnte mir nicht nur in den Ohren, ich hatte sie in den Fußsohlen, in der Magengrube. Ba-ba ba-ba-baa da bad’n bad’n. Genau so. Dann bin ich knurrend und brüllend in die Halle gestürmt, wie ein wildes Tier. Und das Publikum hat sich nach mir umgedreht und zurückgebrüllt.

Sie gehört mir, diese Musik.

Jedenfalls hat sie mir mal gehört.

Aber wissen Sie, was das Komische ist? Ich hatte das Lied bis dahin nie gehört. Ich kannte bloß die Stelle mit dem Ba-ba baba-baa da bad’n, bad’n, weil die Tonleute sie so lange gespielt haben, bis ich im Ring war. Den Text haben sie weggelassen. Ich dachte nie, dass ich den noch mal irgendwann zu hören kriege. Ich stehe nämlich nur auf Heavy Metal, alles andere ist für mich keine Musik. Mr. Deeds hat mir das Stück ausgesucht, und er ist ein alter Knacker, der keinen Geschmack hat. Die falsche Generation eben.

Sie müssen sich das mal vorstellen. Ich friere mir in einem Parkhaus den Arsch ab und will nichts wie nach Hause, als plötzlich mein Ba-ba ba-ba-baa da bad’n bad’n aus den Boxen kommt. Das war vielleicht ein Schreck. Ich war total geplättet. Es war wie ein Zeichen. Ein Zeichen aus der Hölle.

Eigentlich hätte ich sofort abschalten müssen, weil man nicht mit einer Million Mega-Dezibel durch die Gegend fahren will, wenn man in einem geborgten Astra sitzt. So was mache ich nicht. Sie vielleicht? Höchstens, wenn Sie unterbelichtet sind. Trotzdem habe ich es nicht ausgedreht. Ich konnte den richtigen Knopf nicht schnell genug finden. Und als ich ihn dann doch noch gefunden hatte, wollte ich die Musik einfach nicht mehr ausmachen. Und wissen Sie, warum? Weil mir plötzlich klar wurde, dass es in dem Lied gar nicht um »Satisfaction« geht, was ja wohl so viel wie Befriedigung heißt, sondern um Frust.

Das war mal wieder ein Beweis dafür, was für ein Blindgänger Mr. Drecksack Deeds ist. Sucht mir ein Lied aus, das Satisfaction heißt und nur von Frust handelt. Voll von Wut und Verbitterung. Genau wie ich. Also hörte ich es mir erst mal zu Ende an.

Als ich den Wagen später abgestellt habe, habe ich die Kassette mitgenommen. Womöglich war ja noch ein Zeichen aus der Hölle für mich drauf.

Und ich habe tatsächlich noch eines gefunden. Echt wahr. Das Lied heißt Jumpin’ Jack Flash, und darin geht es nur um mich. Nur dass ich nicht der Jack bin. Ich bin Eva.

Jack und Eva haben beide einen Drachen als Mutter. Wir sind beide verprügelt worden. Wir sind kaputt und am Ende.

Aber wir kommen schon wieder auf die Beine.

Eva rappelt sich auf jeden Fall wieder hoch. Was geht mich der Jack an? Immerhin jammert und weint er nicht. Er schreit und tobt, aber er lässt sich nicht unterkriegen. Genau wie ich.

»Hörf«, sagte Milo.

»Klappe«, sagte ich.

»Eva«, sagte Anna Lee.

»Scheiße«, sagte ich. »Was soll denn das, dass Sie sich so ranschleichen?«

»Wieso schleichen?«, sagte sie. »Ich habe das Tor aufgemacht und bin ganz normal hereingekommen. Du hast mich nur nicht gehört. Milo hat mich gehört. Aber du nicht.«

Milo ist ein echter Schleimi. Er küsste ihr die Hand und wedelte wie blöde mit dem Schwanz.

»Eva«, sagte sie. »Du hast während der Arbeit getrunken.«

»Quatsch«, sagte ich. »Das zählt doch nicht als Trinken. Das hilft gegen die Kälte.« Wenn man mit einer Dose Bier in der Hand erwischt wird, kann man schließlich kaum behaupten, es wäre Kaffee.

»Ich bringe dich nach Hause«, sagte Anna Lee, die Feindin.

»Sie bringen mich nirgendwohin.«

»Nach Hause«, sagte sie.

»Auf der Stelle«, sagte sie.

»Beweg dich«, sagte sie.

Im nächsten Moment hatte sie Milo und mich in ihren weißen Peugeot verfrachtet und raste die Jamaica Road runter. Unterwegs sagte sie: »Es tut mir leid.«

»Was?«

»Das war das Ende der Fahnenstange. Du hast gerade deine letzte Chance verspielt.«

»Ich habe gar nichts verspielt«, sagte ich. »Halten Sie an.«

»Warum?«

»Anhalten!«

Ich wäre fast in die Gosse geflogen, so eilig hatte ich es, aus dem Wagen zu kommen. Diese verkniffene, eingebildete Zicke sollte nicht sehen, wie mir schlecht wurde.

Ich sprang um die nächste Ecke und reiherte einem Jaguar auf die Motorhaube.

Aber ich ging nicht wieder zurück. Ich hatte die Schnauze voll von der Feindin. Sie wollte mich rausschmeißen? Da hatte sie sich geschnitten. Von mir aus konnte sie sich ihren miesen Job in die Haare schmieren. Bevor ich für sie noch einen Finger krumm machte, legte ich eher meinen Kopf unter die S-Bahn.

Ich hätte ihr lieber in den Peugeot reihern sollen. Oder in den Nacken. Oder in ihre Handtasche.

Das muss man sich mal vorstellen! Einer kranken Frau einen Fußtritt zu verpassen. Manche Menschen haben überhaupt kein Herz. Kein Herz. Und wenn sie mich angebettelt hätte, ich wäre nicht wieder angekrochen gekommen.

2

Milo musste bei der Feindin bleiben. Schließlich war er ja auch nicht von selber mitgekommen. »Nutzlose Töle.«

Wozu war er überhaupt gut? Zum Arbeiten war er noch zu jung und unerfahren, aber dafür konnte er fressen wie ein Pferd.

»Sie kann dich behalten«, sagte ich. »Ich wollte dich sowieso nie haben.«

Ich ging weiter. Mir war alles egal. ALLES EGAL. ALLES.

Aber der Bürgersteig schwankte, und die Mauern blähten sich wie eine Fahne im Wind. Und plötzlich wusste ich den Weg nach Hause nicht mehr. Lachen Sie ruhig, aber so was kann vorkommen. Auch wenn man stocknüchtern ist. Man geht die Straße entlang, macht sich seine Gedanken oder auch nicht, biegt um eine Ecke zu viel oder zu wenig, und schon ist es passiert – man hat sich verlaufen.

Ich hatte mich verirrt.

Ich war auf einer Straße, die ich nicht kannte. Sie sah aus wie jede andere. Sie war gut beleuchtet, aber die Laternen waren verschwommen und schaukelten im Wind. Bloß war es nicht windig. Gerade als mir wieder schlecht werden wollte, entdeckte ich auf der anderen Straßenseite eine Tankstelle, die noch offen war. Vielleicht gab es da Bier für meinen armen Magen.

Ich ging langsam rüber. Obwohl es vier Uhr morgens war, rasten mit einem Affenzahn irgendwelche Irren vorbei. Kein Aas hielt sich an die Geschwindigkeitsbegrenzung. Es war eine ziemlich gefährliche Straße, wenn man ein paar Schluck getrunken hatte und sich nicht gut fühlte.

Ein knallroter Carlton zischte an mir vorbei, als ob es mich gar nicht gäbe, und bog genau vor mir in die Tankstelle ein. Er rauschte so nah an mir vorbei, dass er mir fast die Jacke ausgezogen hätte.

»Arschloch!«, schrie ich. Aber keiner hörte mich. Keiner kümmerte sich um mich. Ich hätte genauso gut einen Laternenmast anschreien können.

»Arschloch«, sagte ich noch einmal und sprang auf den Bürgersteig.

»Das zahle ich dir heim«, sagte ich und hüpfte über die Kette, die um das Tankstellengelände gezogen war.

Ich wollte dem Carlton-Fahrer die Meinung geigen. Ich wollte ihn unter den Armen packen, hochheben und sagen: »He, du Eiterbacke, pass auf, wo du hinfährst.« Aber bis ich mich wieder hochgerappelt und der Kette, die mir ein Bein gestellt hatte, einen Tritt verpasst hatte, war der Fahrer längst ausgestiegen und ins Kassenhäuschen gegangen. Die Tür des Carlton stand offen, der Motor lief. Es war genauso gut wie eine Einladung: »Bitte sehr, Eva. Ein schönes rotes Auto, das nur darauf wartet, dich nach Hause zu bringen.«

Also sagte ich: »Schönen Dank. Hiermit nehme ich die Eiterbacke zurück.« Ich sprang rein und legte den ersten Gang ein.

In dem Moment steckte der Fahrer den Kopf aus der Tür und brüllte was. Ich konnte ihn nicht genau verstehen, weil ich gerade voll aufs Gas gestiegen war und mit aufheulendem Motor losdüste. Was als Nächstes passierte, war sehr merkwürdig. Als ich an dem Mann vorbeikam, klappte die Beifahrertür zu. Dabei hatte ich gar keinen Beifahrer bemerkt. Und dann kam ein anderer Typ, den ich vorher noch nicht gesehen hatte, aus dem Kassenhäuschen und zeigte mit einem Stock auf mich.

Ich dachte mir noch: »Wieso zeigt der Schwanz mit einem Stock auf mich?« Ich hatte kaum zu Ende gedacht, da zersplitterten auch schon auf der Beifahrerseite sämtliche Scheiben. Schepper-klirr. Alles war voll Glas. Ich war so verdattert, dass ich um ein Haar eine Zapfsäule gerammt hätte.

Ich war in null Komma nichts von null auf hundert, schnitt einen Lastwagen und bog auf die Straße ein. Ich schwitzte und fluchte, aber es dauerte fast eine halbe Meile, bis mir langsam dämmerte, wieso die Scheiben zersprungen waren.

Der Schwanz hatte gar nicht mit einem Stock auf mich gezeigt. Er hatte eine abgesägte Schrotflinte in der Hand gehabt. Die Fenster waren nicht einfach zersplittert. Der Schwanz hatte sie zerschossen.

Ist das zu fassen? Der Mistfink hatte auf mich geschossen. Auf mich. Nur weil ich mir einen Carlton ausgeborgt hatte. Wer macht denn so was?

Wenn er nicht wollte, dass sich einer seine Karre auslieh, warum hatte er dann nicht einfach den Schlüssel abgezogen, wie jeder andere vernünftige Mensch?

Scheiße. Er hätte mich umbringen können. Stellen Sie sich das mal vor. Ehemalige Catcherin erschossen. Was für eine Schlagzeile.

Plötzlich war ich so was von geschockt, dass ich nicht mehr weiterfahren konnte. Ich hielt an.

Mit ein bisschen Pech hätte ich nur noch einen blutigen Stumpf gehabt, wo früher mein Kopf gesessen hatte. Denken Sie mal daran, wenn Sie das nächste Mal in der Nase bohren oder sich Sorgen machen, dass Ihnen die Haare ausgehen.

Mir war zwar immer noch schlecht, aber dafür war ich schlagartig nüchtern geworden. Die kalte Luft, die durch die kaputten Fenster kam, pfiff mir durch das eine Ohr rein und durch das andere wieder raus. Das ließ sich nicht ändern, aber ich drehte die Heizung trotzdem bis zum Anschlag auf, damit ich wenigstens warme Zehen hatte.

Ich fuhr weiter. Immer schön langsam. Ich musste die Kiste möglichst schnell loswerden. Die fehlenden Scheiben wären sogar einem gehirnamputierten Bullen aufgefallen, und er hätte mich angehalten. Ich sah in den Rückspiegel. Keine Polizei. Noch nicht. Es war eine hässliche Nacht, aber sie konnte schnell noch hässlicher werden. Dazu brauchte man bloß einen neugierigen Polypen. Ein neugieriger Polyp würde mich schneller einbuchten, als Sie ausspucken können. Alkohol im Blut, ein geklauter Carlton, keine Versicherung, kein Führerschein. Die Bullen hätten freie Wahl, wofür sie mich hochnehmen wollten.

Ich musste unbedingt von der Hauptstraße runter und zusehen, dass ich nach Hause kam. Falls ich überhaupt hinfand.

Ich bog in eine Nebenstraße ein.

Und dann fing ich an zu grübeln. Was wollte der Scheißer morgens um vier mit einer Knarre in einem Kassenhäuschen? Für einen Tank voll Sprit und eine Tüte Chips braucht man schließlich keine abgesägte Schrotflinte. Beim Tanken lässt man auch nicht den Motor laufen. Oder die Türen offen.

Man stellt einen Wagen nur dann mit laufendem Motor und offenen Türen ab, wenn man einen ziemlich flotten Abgang geplant hat.

Ich stieg voll auf die Bremse. Es war schlimmer, als ich gedacht hatte. Der Carlton war heiß, und ich hatte zwei gelackmeierte Tankstellenräuber im Genick. Von denen mindestens einer bewaffnet war.

Ich saß da wie angenagelt. In meinem Kopf drehte sich alles. Irgendwann kam ich auf die Idee, den Wagen ein bisschen genauer unter die Lupe zu nehmen.

Soll ich Ihnen sagen, was ich fand? O Mann! Das glauben Sie nie. Nie im Leben. So was hätte ich mir noch nicht mal nach einem Sechserpack Bier zusammenträumen können.

Ich fand eine Sporttasche von Puma. O Mann! Die beiden Cowboys hatten wirklich eine erfolgreiche Nacht hinter sich. Das kann man wohl sagen.

Die Pumatasche war bis zum Reißverschluss voll. Mit Geld. Nur Geld. Viel, viel Geld. Mehr als ich in meinem ganzen Leben gesehen hatte. Tausende und Abertausende. Hunderttausende. Abertausende von Hunderttausenden. Squillionen von Zillionen.

Ich starrte es an. Ich stierte es an.

Ich steckte die Nase in die Tasche und schnüffelte daran. Es roch süßer als Schokoladeneis.

Ich streichelte es. Es war weicher als das Bauchfell einer Katze.

Ich säuselte ihm was vor, und es antwortete. Es sagte: »Nimm mich. Ich bin dein. Ich gehöre dir, Baby.«

Was will der Mensch da machen? Was hätten Sie an meiner Stelle gemacht? Und sagen Sie bloß nicht, Sie hätten es anders gemacht als ich. Das können Sie sich sparen. Weil ich es Ihnen sowieso nicht abkaufen würde.

Ich brauchte nicht lange zu überlegen. Was gab es auch schon groß zu überlegen? Ich war gerade meinen Job losgeworden. Ich hatte eine Pechsträhne. Hätte ich die Zillionen einfach für den nächstbesten Schwachkopf liegen lassen sollen, der das Geld nicht halb so dringend brauchte wie ich? Sollte ich es etwa in der Kälte zurücklassen, bis es zu jemand anderem sagte: »Nimm mich, ich bin dein«?

Wenn Sie das glauben, kennen Sie mich aber schlecht.

3

Meine beiden großen Hunde, Ramses und Lineker, haben eine eigene Holzhütte und einen Zwinger. Tagsüber, wenn auf dem Schrottplatz gearbeitet wird, wenn die Pressen, Sägen und Kräne kreischen und klappern, liege ich in meinem Wohnwagen und schlafe. Ramses und Lineker verkriechen sich in ihre Hütte und pennen auch. Aber wenn einer von den Arbeitern zu nah an den Zwinger kommt, wacht Ramses auf und springt wie ein Wahnsinniger zum Zaun, sträubt das Fell, fletscht die Zähne und gibt mir Bescheid.

»Ro-ro-ro«, macht er, wie eine Bassgitarre. Dann wacht Lineker auf und macht: »Yak-yak.« Dann wacht Milo auf und kläfft: »Hip-hörf.« Und dann wache ich auf.

Ich habe also ein todsicheres Frühwarnsystem, damit sich an meine Hunde und mich keiner ranschleichen kann.

Wenn die Arbeiter Feierabend gemacht haben und die Maschinen ausgeschaltet sind, dürfen Ramses und Lineker frei auf dem Gelände rumlaufen. Mir tut jeder leid, der auf die Idee kommt, über das Tor zu klettern oder sich durch ein Loch im Zaun auf unseren Schrottplatz zu wagen. Hunde verteidigen ihr Revier. Genau wie ich. Nur immer schön hereinspaziert, wenn Sie wollen, dass Ihnen einer an die Kehle springt. Sagen Sie bloß, Sie trauen sich nicht?

Ich brauchte bloß zwei Nägel und einen Hammer, mehr nicht. Ich nagelte die Pumatasche an die Wand des Hundeschuppens. Ich hängte sie ziemlich hoch, damit Lineker sie nicht für Kauübungen missbrauchen konnte.

Meine Zähne klapperten – rat-a-tat-tat. Mir war so, als wäre ich immer noch angesäuselt. Ich konnte nicht mehr geradeaus gehen.

Ich war reich. Ich war stinkreich.

Das hatte ich mir immer gewünscht.

Ich weinte wie ein Kleinkind.

Lachen Sie ruhig. Aber ich setzte mich auf die Schlafmatte der Hunde und heulte erst mal eine Runde.

Jede einzelne niegelnagelneue Banknote in der Pumatasche gehörte mir. Nur mir, sonst keinem.

Wenn Sie nie am Hungertuch genagt haben, wenn es Ihnen nie wirklich dreckig gegangen ist, wenn Sie nie richtig knapp bei Kasse gewesen sind, können Sie das nicht verstehen. Also lassen Sie mich in Ruhe, und gehen Sie Fischfutter lutschen.

Es war schon fast Morgen, auf dem Schrottplatz würde es bald lebendig werden. Ich ging ins Bett, aber ich fand keinen Schlaf. Mein Kopf war fast so voll wie die Pumatasche. Ich zählte die Mäuse.

Doch zuletzt wurde alles vom Rhythmus der Schrottpresse überdeckt. Badamm, badamm, machte sie. Genauso wie in Satisfaction. Als ich schließlich einschlief, dröhnte mir der Schädel von dem Badamm, badamm.

Als ich aufwachte, hatte sich das Dröhnen zu echten Kopfschmerzen von der übelsten Sorte ausgewachsen. Aber es machte mir nichts aus, weil ich dachte: »Jetzt kann ich alles wieder auf die Reihe kriegen. Ich kaufe mir mein eigenes Fitnessstudio und sehe zu, dass ich wieder in Form komme.«

Es wäre nicht dasselbe wie Sams Fitnessstudio, wo ich früher trainiert habe und wo Mr. Deeds mich rausgeschmissen hat. Es würde viel besser sein. Ich hätte einen Privattrainer und eine Sauna ganz für mich alleine. Ich würde mir das Gift aus dem Körper schwitzen und das Übergewicht. Bis ich wieder schlank und hart war. Fies und zäh. Dann würde ich am Drücker sein. O ja, ich würde es allen zeigen. Glauben Sie mir ruhig. Eine fiese, miese Kampfmaschine.

Ich ging auf den Markt in der Mandala Street, um zu frühstücken. Es war drei Uhr nachmittags, der Tag war kalt und grau. Aber ich hatte einen Packen Zwanzigpfundscheine in der Tasche, die mich wärmten. Ich kaufte mir ein paar Hamburger und eine Tüte Pommes in John’s Burger Bar.

»Bist du zu Geld gekommen?«, fragte John, als er einen von meinen Zwanzigern einsackte.

»Was geht das dich an?«, sagte ich. Wieso müssen die Leute ihren Rüssel dauernd in anderer Leute Angelegenheiten stecken? Wieso müssen sie immer ihren Senf dazugeben?

»Bloß, weil ich dich schon länger nicht mehr gesehen habe«, sagte er. »Die Mädels meinten, deine Geschäfte liefen flau.«

»Die Zeiten ändern sich«, sagte ich. »Und den Torten kannst du ausrichten, sie sollen ihre Nasen woanders reinstecken.«

»Ist doch immer wieder angenehm, mit dir Geschäfte zu machen, Eva«, sagte er. So ein Furzgesicht.

Ich konnte mein Geld auch woanders hinbringen. Genau. Von nun an würde ich im Café Royal essen, wo sie richtige Porzellanteller hatten und sogar Tischdecken. Keine Styroporbecher und Fettfinger mehr für Eva Wylie, die Zeiten waren vorbei. Tschüs, Furzgesicht. Mich siehst du hier nicht wieder.

Die Hamburger erinnerten mich an Milo. Als ich ihn das letzte Mal gesehen hatte, saß er gemütlich bei der Feindin im Auto. Er hatte mich verraten und war mit ihr weggefahren. Aber nach den Hamburgern war ich bereit, ihm zu vergeben. Wenn die Feindin sich einbildete, sie könnte sich meinen Hund unter den Nagel reißen, den ich als kleines Würmchen gefunden und mit der Flasche großgezogen hatte, war sie auf dem Holzweg.

Außerdem schuldete sie mir noch Geld. Auch wenn ich jetzt selber Millionen und Abermillionen hatte, sie schuldete mir was. Ich schlage mir doch nicht umsonst die ganze Nacht um die Ohren und friere mir auf einem Parkplatz den Arsch ab. Ich bin doch nicht blöd. Also stattete ich ihr einen Besuch ab. Von außen sieht ihre Firma so aus wie eine Zahnarztpraxis. Die Tür ist cremefarben angestrichen, und es hängt ein Schild daran, auf dem »Lee-Schiller Security« steht. Wenn man reinkommt, wird man von einer Sekretärinnenschnepfe empfangen. Es gibt einen Warteraum mit einem Sofa und zwei bequemen Sesseln.

Als ich reinging, sagte die alte Schnepfe: »Guten Tag – ach, du bist es, Eva. Wolltest du Milo abholen?«

Das ist das Blöde an diesen alten Sekretärinnenschnepfen, dass sie einen dauernd ausfragen wollen.

»Wo ist sie?«, fragte ich.

»Anna?«, sagte sie. »Sie ist bei Mr. Schiller. Aber du darfst jetzt nicht rein. Sie haben eine Besprechung.«

Ich gab ihrer Schreibtischplatte einen kleinen Klaps, um die Schnepfe daran zu erinnern, dass ich nicht irgendwer war. Sie zuckte zusammen und sagte: »Musst du denn immer irgendwo draufschlagen, Eva?«

»Müssen Sie Ihren Rüssel immer in meine Angelegenheiten stecken?«, sagte ich und marschierte an ihr vorbei.

»Bitte«, sagte sie. »Sie arbeiten.«

Eigentlich war ich gar nicht richtig böse. Ich war zu reich, um böse zu sein. Geld beruhigt die Nerven. Ist Ihnen das auch schon mal aufgefallen? Geld heilt fast alles. Ich hätte sie anraunzen können, wie ich es sonst auch immer mache, aber ich sagte bloß »Schnauze«, in einem richtig lieben Ton, nur zur Erinnerung. Geld ist gut fürs Gemüt.

Ich marschierte in das Büro der Feindin, wo sie und Mr. Schiller nebeneinandersaßen, Tee tranken und Akten studierten.

»Tag, Eva«, sagte Mr. Schiller. Er ist ziemlich in Ordnung, aber schon an der Art, wie er seine Tasse hält, sieht man ihm an, dass er früher auch ein Bulle war.

»Ach, du Schande«, sagte die Feindin.

»Hip-hörf«, sagte Milo.

»Klappe«, sagte ich. »Komm her, du gehörst mir.« Er saß vor den Füßen der Feindin und tat so, als ob er ihr gehörte. So was geht mir echt gegen den Strich, wenn sich irgendwer an meine Hunde ranwanzt. Bei Ramses hätte die Feindin nicht die kleinste Chance gehabt. Ramses hätte ihr den Fuß abgerissen.

Milo rührte sich nicht vom Fleck, der Verräter.

Plötzlich wurde ich zu einer Faust auf zwei Beinen. »Ich will meinen Hund zurück!«

»Du kannst ihn haben. Er gehört dir«, sagte die Feindin. »Aber wenn du dir einbildest, du könntest einfach hier reinspazieren und mich anbrüllen, kannst du gleich wieder rausspazieren.«

»Das hätten Sie wohl gerne«, sagte ich. »Sie schulden mir noch Geld.« Damit hatte ich sie am Wickel. Dagegen konnte sie nichts sagen.

»Ich bezahl dich schon. Hab ich das etwa schon mal vergessen?«

»Jetzt brüllen Sie selber rum«, sagte ich. Ich war total happy.

»Und warum auch nicht?«, brüllte sie. »Du redest einen solchen Mist, das hält man ja im Kopf nicht aus.«

»Bitte!«, sagte Mr. Schiller. »Beruhigt euch.« Er bezahlte mich bar aus der eigenen Tasche. Woran man sehen kann, was für ein Mensch er ist. Aber die Feindin machte ein Gesicht, als ob sie einen Zahn gezogen kriegte. Woran man sehen kann, was für eine Kuh sie ist. Bei dem Anblick wären mir fast meine Kopfschmerzen vergangen.

»Soll das etwa Geld sein?«, sagte ich. »Das nenne ich Ausbeutung.«

»Und was du dir gestern Abend geleistet hast, nennst du wohl Arbeit, was?«, fragte sie. »Ich nenne das Saufen und Schnarchen am Arbeitsplatz.«

»Das können Sie nennen, wie Sie wollen«, sagte ich. »Mehr Leistung hatten Sie für die paar Kröten jedenfalls nicht verdient.« Ich drehte auf dem Absatz um und schritt hinaus.

Leider hatte ich Milo vergessen. Was meinem Abgang ein bisschen die Wirkung nahm. Ich musste noch mal zurück und ihn am Schlafittchen packen und hinter mir her zerren.

»Komm zu dir«, sagte die Feindin. »Lass dich erst wieder hier blicken, wenn du mit dir ins Reine gekommen bist.«

»Da können Sie lange warten.«

Was bildete sie sich eigentlich ein, mir gute Ratschläge zu geben? Mir! Wo ich mehr Kohlen im Keller hatte, als sie jemals zu Gesicht kriegen würde, und wenn sie drei Leben hätte. Das Geld hing an der Wand im Hundeschuppen. Ich war wieder wer. Die Feindin konnte mir nichts mehr anhaben. Sie würde mich nie wieder nachts auf einen Parkplatz abkommandieren. Nie wieder. Sie würde mir nie mehr die Zeit stehlen. Nie wieder würde sie mir die kostbaren Stunden, Minuten und Sekunden aus dem kleinen Säckchen Zeit klauen, das mein Leben war, und sie auf den Müll werfen. Ticktack. Für sie war es vielleicht nur tickender, tackender Müll, aber für mich waren es große Stücke meines Lebens. Jetzt, wo ich Kohle habe, mache ich mit meiner Zeit, was ich will, und nicht, was sie will.

»Es ist alles deine Schuld«, sagte ich zu Milo. War es auch. Wenn er nicht bei der Feindin geblieben wäre, hätte ich ihn nicht abholen müssen. Wenn er zusammen mit mir aus dem Büro gegangen wäre, hätte ich nicht noch mal umkehren müssen. Dann wäre mir der letzte schlaue Spruch der Feindin erspart geblieben: »Wenn du für jede Pleite, die du dir leistest, Geld kriegen würdest, wärst du eine reiche Frau, Eva. Aber so …«

Mehr wollte ich nicht hören. So was braucht sich keiner sagen zu lassen. Ich jedenfalls nicht.

4

Was nützt es einem, so viel Geld zu haben, dass es einem zu den Ohren wieder rauskommt, wenn man nicht damit angeben kann? Deshalb ging ich meine Ma besuchen.

Vor meiner Ma kann jeder rumprotzen, weil sie nicht einmal einen eigenen Pisspott besitzt. Im Vergleich zu ihr macht jeder eine gute Figur – vor allem, wenn sie mal wieder an der Flasche hängt. Was praktisch dauernd der Fall ist.

Aber sie ist meine Ma, und ich bin nun mal ein Familienmensch. Sie ist da anders. Sie hat ungefähr so viel Muttergefühl im Leib wie Geld auf dem Konto – null. Das ist auch der Grund, warum ich nicht besonders gut auf sie zu sprechen bin.

Wussten Sie, dass ich eine ältere Schwester habe, die ich nicht mehr gesehen habe, seit ich elf war? Ja, Sie haben ganz richtig gehört. Die meisten Leute denken, dass ich ganz allein auf der Welt bin und keine Familie habe. Woran man mal wieder sieht, wie sehr der Mensch sich irren kann. Ich habe eine Schwester Sie heißt Simone. Ein schöner Name, genauso schön wie meine Schwester, als ich sie das letzte Mal gesehen habe. Aber das ist, wie gesagt, schon ewig her. Da war ich noch ein Kleinkind.

Warum ich sie so lange nicht mehr gesehen habe? Gute Frage. Eine gute Frage mit einer schlechten Antwort. Wegen meiner Ma – unserer Ma. Da haben Sie die schlechte Antwort. Meine Ma ist so eine schlechte Ma, dass sie die Familie nie länger als ein paar Wochen zusammenhalten konnte. Sie hat nie einen Pfifferling für ihre Kinder gegeben. Also wurden wir ihr weggenommen. Ob ihr das was ausgemacht hat? Ach was! Aus den Augen, aus dem Sinn – das ist das Motto meiner Ma. Es war ihr doch egal, dass wir zu acht in einem Raum schlafen mussten. Es war ihr egal, dass wir mit dem Lederriemen geschlagen wurden, dass das Essen die reinste Katzenkotze war, dass es in den Heimen im Winter so kalt war, dass man seinen Atem sehen konnte. Das hat meine Ma einen Scheißdreck gekümmert. Hauptsache, sie konnte an der Flasche nuckeln und irgendwelchen Mackern ein paar Mäuse aus den Rippen leiern.

Aber jetzt hatte ich mehr als nur ein paar müde Mäuse in der Tasche. Ich hatte Geld wie Heu.

Ma glaubt, ich sei ein Versager. Sie denkt, es wird nie was aus mir werden, weil ich nicht aussehe wie eine Schaufensterpuppe. Meinen Sie vielleicht, sie wäre stolz auf mich gewesen, als ich noch die Londoner Killerqueen war? Fehlanzeige. Es war ihr peinlich. So ist meine Ma. Ich trainiere hart, ich gewinne meine Kämpfe, ich gebe dem Publikum, was es sehen will. Und meine Ma schämt sich. Sie hat sich nie einen Kampf von mir angesehen. Nicht einen einzigen.

»Ach, nein«, sagt sie. »Ich guck mir gerne die Kerle an, wenn sie gut gebaut sind. Aber auf deinen Anblick kann ich verzichten, Eva. Bei deiner Figur solltest du dich lieber verstecken.«

So was baut auf, was? Ich denke lieber nicht daran. Wenn ich auch nur einen Gedanken darauf verschwenden würde, wäre das mein sicheres Ende. Ich würde auf der Stelle tot umfallen.

Ich blieb stehen. Milo lief mir hinten rein.

Ich sagte: »Wieso muss ich jetzt an diesen Scheiß denken, Milo?«

»Hip?«, sagte Milo.

»Ich bin im Kommen«, sagte ich. »Es geht bergauf. Ich scheine auf meine alten Tage tatsächlich eine Glückssträhne erwischt zu haben. Und die schlachte ich jetzt aus. Das kannst du mir glauben.«

Damit marschierte ich in eine Annahmestelle und gab einen Lottoschein ab. Ich bezahlte mit einem nagelneuen Zwanziger. Ich weiß, was Sie denken. Sie denken, ich spinne. Ich habe Squillionen, wozu brauche ich noch mehr? Wissen Sie was? Ich spinne nicht. Klar, ich habe Squillionen. Aber kluge Leute wie ich behalten ihre Squillionen. Sie lassen die Squillionen für sich arbeiten. Genau das machte ich auch. Weil mir gerade das Glück an den Stiefeln klebte, würde ich todsicher im Lotto gewinnen. Dann wäre das Geld für den Lottoschein nicht zum Fenster rausgeworfen. Weil ich mir damit noch mehr Geld gekauft hätte. Kapiert? Meinen Sie immer noch, ich spinne?

Sie denken: Diese Eva, die hat noch nie Kohle gehabt, die hat keine Ahnung, was sie damit machen soll, die schmeißt mit den Moneten um sich, bis sie alles verbraten hat. Woran man sieht, wie dumm Sie sind. Das Geld gehört mir, und ich behalte es. Glauben Sie bloß nicht, Sie würden es in die Finger kriegen. Ich und meine drei Hunde geben Ihnen den guten Rat, es in den Wind zu schießen. Was meins ist, ist meins. Was Ihres ist, ist Ihres, und wenn Sie nichts haben, ist das Ihr eigenes Pech. Ich gebe Ihnen genauso viel ab, wie ich von Ihnen gekriegt habe, als ich selber noch nichts hatte. Raten Sie mal, wie viel das wohl ist. Zeigen Sie doch mal, wie clever Sie sind.

Mittlerweile war ich vor dem Hochhaus angekommen, wo meine Ma wohnt. Ich hatte ein dermaßen flottes Tempo angeschlagen, dass Milo japsend hinter mir her hechelte.

Den Fahrstuhl ließ ich gleich links liegen. Der ist sowieso fast immer kaputt. Ich schleppte mich zu Fuß bis in den fünften Stock hoch, durch das senkrechte Pissoir, genannt Treppenhaus. In dem Kasten hausen nur Wandalen. Wenn sie eine Treppe sehen, fällt ihnen nichts Besseres ein, als in die Ecken zu pissen. Keine Ahnung, was das soll. Wenn ich eine Treppe sehe, gehe ich rauf – oder runter. So einfach ist das.

Im dritten Stock blieb Milo stehen und sah mich bettelnd an. Die Augen quollen ihm fast aus dem Kopf.

Ich sagte: »Du brauchst gar nicht so zu gucken. Ich nehm dich nicht auf den Arm.«

»Hörf«, sagte Milo todtraurig. Er ist noch jung. Seine Muskeln sind schlaff. Aber er ist zu groß, um sich die Toilettentreppe rauftragen zu lassen. Und er ist so dumm, dass er eine Verschnaufpause einlegt, wo die Luft so verpestet ist, dass man sich mit jedem Atemzug vergiften kann.

»Los, weiter«, sagte ich. Endlich kamen wir auf den offenen Außenkorridor raus, wo einem der Wind die Ohren abreißt. Es war ein Tag für unangenehme Überraschungen. Meine Ma steckte mitten im Umzug. Sie wollte sich verkrümeln, ohne mir etwas davon zu sagen. Mir, ihrer eigenen Tochter. Sehen Sie? Sehen Sie, was für eine Ma ich habe? Wenn man mit einem Backstein schmust und Ma zu ihm sagt, hat man mehr davon.

»Wo willst du denn hin?«, sagte ich, als ich wieder bei Puste war.

»Hier, halte mal«, sagte meine Ma und drückte mir eine Kiste mit Klamotten und Geschirr in den Arm. »Du musst die Treppe nehmen. Der Lift ist voll. Da ist mein Bett drin.«

Sie verschwand in der Wohnung, und ich stand blöd da, mit ihrem Krempel im Arm. Als sie wieder rauskam, brachte sie noch eine Ladung bunten Plunder mit.

»Los, beeil dich«, sagte sie. »Ich muss das in den Wagen packen. Der Mieteintreiber kann jeden Augenblick hier sein.«

»Wohin gehst du?«, fragte ich. »Wieso weiß ich nichts davon, dass du umziehst?«

»Steh dir nicht die Beine in den Bauch«, schrie sie. »Wir müssen uns ranhalten. Der Mieteintreiber kommt gleich.«

»Du wolltest die Fliege machen«, sagte ich. »Ohne mir Bescheid zu geben.«

»Von mir aus bleib doch da stehen und schrei dir die Lunge aus dem Hals. Zu mehr taugst du ja sowieso nicht. Ich verschwinde jedenfalls. Der Mieteintreiber kommt, der will mich vor Gericht zerren.«

»Dir ist wirklich alles egal, was?«, sagte ich. »Wie sollen Simone und ich uns je wiederfinden, wenn du dich einfach aus dem Staub machst, ohne uns was zu sagen? Wie soll man eine Familie sein, wenn einen die eigene Mutter einfach im Stich lässt? Kannst du mir das mal verraten?«

»Halte endlich die Klappe«, schrie sie. »Der Mieteintreiber kommt.«

»Du wolltest mir nichts davon sagen. Wenn ich das nächste Mal vorbeigekommen wäre, wärst du einfach nicht mehr da gewesen, du kotzgrüne Schabracke.«

»Das war auch längst fällig«, sagte sie. »Ich habe die Schnauze gestrichen voll davon, dass du mir wegen Simone Löcher in den Bauch fragst. Wieso kriegst du das nicht in deinen dicken Schädel? Simone will nichts von dir wissen.«

Was sagen Sie dazu? Ist das etwa die feine mütterliche Art? Davon kann man Zahnfleischbluten kriegen.

»Scheiße!«, sagte Ma. »Siehst du, was du angerichtet hast? Jetzt ist er da.«

Als ich mich umdrehte, sah ich einen großen Kerl, ganz blau im Gesicht vom Treppensteigen, der über der Brüstung hing und japsend nach Luft schnappte. Er hatte einen Baseballschläger in der Hand.

Er kam zu uns rübergewankt und sagte: »Wollten Sie uns verlassen?«

»Wieso?«, sagte Ma. »Ich habe nur ein bisschen aufgeräumt.«

Ma und aufräumen! Das würde ihr nicht mal ein Kleinkind abnehmen, das noch an den Weihnachtsmann glaubt. Der Mieteintreiber kaufte es ihr auch nicht ab. Er sagte: »Ich will mein Geld, Mrs. Smith.«

Mrs. Smith! Noch so eine Schote.

»Gut«, sagte Ma mit den Nuttenfetzen auf dem Arm. »Gehen Sie doch schon mal rein und setzen Sie sich. Sie sehen ganz erschöpft aus. Ich bin gleich bei Ihnen und mache uns eine schöne Tasse Tee.«

Und worauf sollte er sich setzen? Ihre Couch hatte sie bestimmt schon längst auf den Wagen geladen. Mut hat sie, meine Ma, das muss man ihr lassen. Aber der Mann ließ sich nicht beeindrucken. Er zeigte ihr seinen Baseballschläger und sagte: »Ich will nur das Geld, Mrs. Smith. Und zwar dalli.«

»Hörf!«, sagte Milo. Er sträubte das Fell. Obwohl er nach Hundejahren noch ein Kind war, erkannte er schon, wenn die Lage brenzlig wurde. Genau wie ich.

»Die Miete!«, brüllte der Mann. Er schlug sich mit dem Baseballschläger in die offene Hand. Klatsch! Wenn er Ma das Ding über die blond gefärbte Matte gezogen hätte, wäre sie eine Etage tiefer wieder zu sich gekommen. Ich grinste. Das hätte sie verdient.

Ma sagte: »Sie wollten mir doch bis nächste Woche Zeit geben. Ich habe das Geld noch nicht ganz zusammen. Bis nächste Woche, haben Sie gesagt.«

»Bis heute, habe ich gesagt.«

»Nächste Woche!«

»Jetzt!«, schrie er. »Diesmal kriegst du mich nicht rum. Wenn du wenigstens eine billige Nummer wärst. Aber ich habe mal einen Blick in die Bücher geworfen. Du bist vier Monate mit der Miete im Rückstand. Vier Monate! Du wirst mir zu teuer.«

Jetzt wissen Sie, womit eine Frau, die keine Kohle hat, die Miete bezahlt.

Mir wurde schlecht.

Ich sagte: »He, Klötenkopf.«

»Was ist?« Er zeigte mit dem Baseballschläger in meine Richtung.

»Du hast gehört, was sie gesagt hat. Sie hat das Geld nicht. Komm morgen wieder.«

»Ich komme nicht morgen wieder«, sagte er. »Weil ich heute erst gar nicht weggehe. Nicht, bevor ich mein Geld habe.«

Er holte nach mir aus. Ich duckte mich weg. Er schlug nach Ma. Sie war zu lahm. Er traf ihre Flossen. Kleider und Unterwäsche flogen im hohen Bogen über die Brüstung. Sie segelten wie schreckliches Konfetti im Wind.

»Wuu-huu-huu«, machte Ma und lutschte an ihren Knöcheln.

»Hörf«, machte Milo, ging auf den Mann los und schnappte nach seinen Klunkern.

Ich ließ die Kiste mit dem Krempel fallen und ging in die Hocke.

Der Mann briet Milo eins über. Ich sprang ihn an. Er briet mir eins über. Ich ging zu Boden. So einfach war das.

»Wau-wau-wau!«, heulte Milo.

»Wuu-huu-huu!«, heulte Ma.

Wie die Waschweiber.

Ich gab keinen Ton von mir. Mir fiel fast der Arm ab, und meine Zähne taten weh, weil ich sie so fest zusammengebissen hatte.

»Ich will mein Geld!«, sagte der Mann. Ich hätte mich auf ihn stürzen können. Ich hätte ihn erledigen können. Wenn ich mich nicht in Mas Strapsen verheddert hätte. Niemand schlägt ungestraft meinen Hund. Keiner. Aber was sollte ich machen? Ich lag platt wie eine Flunder auf der Erde, mein Arm war taub, meine Ma und Milo heulten mir die Ohren voll. Und der beknackte Mieteintreiber hatte sich dick und fett vor mir aufgepflanzt und klatschte sich mit dem Baseballschläger in die Hand. Ich weiß nicht, wie das passieren konnte. Es hätte nie passieren dürfen. Ich sagte: »Du willst deine Kohle, hm?«

»Was soll ich denn sonst wollen?«, sagte er. »Tangounterricht vielleicht?«

»Kannst du das nicht ein bisschen höflicher sagen?«, fragte ich. »Wo bleibt zum Beispiel das kleine Wörtchen bitte?«

»Meinst du, das hat mir schon mal mehr eingebracht als einen Trockenfurz?«, fragte er. Dann beugte er sich über meine flennende Ma, krallte sich in ihre Haare und brüllte: »Ich will mein Geld, du billiges Flittchen. BITTE.«

»Warum nicht gleich so?«, sagte ich, weil mir nichts anderes übrig blieb. Ich steckte die Hand in die Tasche. Ich musste die linke Hand nehmen, weil die andere streikte. Ich gab dem Mistkerl einen Packen Zwanziger.

»Der Rest ist für Sie, guter Mann«, sagte ich. Was sollte ich auch sonst sagen, platt wie eine Flunder? »Und beim nächsten Mal bringen Sie verflucht noch mal Ihre Manieren mit!«

Er zog ein Gesicht, das mir fast das schöne Geld wert war.

»Hä?«, sagte er.

»Verpiss dich«, sagte ich. »Und lass dich nie wieder hier blicken.«

»Hä?«, sagte Ma, der die Wimperntusche vom Kinn tropfte. Ihr Gesicht war auch nicht von schlechten Eltern.

»Oh-oh-oh«, sagte Milo. Besser hätte ich es auch nicht ausdrücken können. Wenn man ehrlich sein will, hatte ich verloren. Der Mieteintreiber hatte gewonnen, und ich hatte verloren. So einfach war das. Ohne dass ich ihm einen anständigen Kampf geliefert hätte. Ich sprang ihn an. Er briet mir eins über. Ich ging zu Boden. Ende vom Lied. Boing – rumms.

Das war mir noch nie passiert. Natürlich habe ich auch schon verloren. Im Ring bin ich die Böse, und die Bösen dürfen nicht immer gewinnen. Manchmal soll Blauäuglein die Böse besiegen. Blauäuglein soll den Teufel in Schwarz schlagen. Und manchmal hatte ich im Ring so jämmerliche Gegnerinnen, dass ich mich richtig anstrengen musste, um zu verlieren. Aber ich bin noch nie zu Boden gegangen, ohne selber ein paar ausgeteilt zu haben. Und zwar tüchtig. Hopp-boing-rumms, das kannte ich nicht. Das war mir noch nie passiert.

»Steh auf«, sagte Ma. »Steh auf und hilf mir.«

Als ich die Augen aufmachte, war der Mieteintreiber weg. Milo stand ganz schief und krumm vor mir, er zitterte und hatte den Schwanz zwischen die Beine geklemmt. Die Unterwäsche segelte durch die Lüfte, und Ma versuchte sie wieder einzufangen. Ich konnte es nicht mit ansehen.

»Steh auf, du faule Sau, und pack mit an«, sagte Ma. Aber ich konnte ihre Klamotten nicht anfassen. Ich rieb mir die Schulter. Sie war noch heil. Sie war erst taub gewesen, dann hatte sie wehgetan. Aber sie war heil geblieben.

»Jetzt komm endlich«, sagte Ma.

Aber ich konnte sie nicht ansehen.

Ich stand auf. Ich nahm Milo auf den Arm. Ich ging.

»He!«, sagte Ma. »Wo willst du hin?«

Aber ich war so fix und fertig, dass ich kein Wort rausbrachte. Mit Milo auf dem Arm ging ich davon.

5

Der Tierarzt sagte, Milo hätte sich den Oberschenkelknochen ausgerenkt. Milo schrie, als er ihn wieder einrenkte. Der Tierarzt sagte, Milo wäre jung und stark, er würde am nächsten Morgen nichts mehr davon spüren. Damit hatte er recht. Aber ich bin kein junger Hund mehr. Ich habe Erinnerungen und Gefühle, von denen ein junger Hund nichts weiß. Ich kann damit nicht einfach zum Tierarzt gehen, damit es mir am nächsten Tag wieder besser geht. Diese Sachen bleiben mir erhalten, und das tut weh.

Ich höre Sie schon sagen: »Was soll’s? Du bist reich, Eva. Du hast es gut. Nimm dir ein paar von deinen nagelneuen Scheinchen und reib dich damit ein. So kurieren die Reichen ihre Wehwehchen.« Das zeigt mal wieder, was für eine tolle Hilfe Sie sind. Es zeigt, wie herzlos die Leute sein können, wenn sie wissen, dass man viel Kohle hat. Auf Ihren Rat kann ich verzichten.

Ich würde Harsh fragen. Harsh war der Mensch, den ich jetzt brauchte. Harsh weiß alles. Harsh weiß auf alles eine Antwort.

Er ist ein Gott und ein spitzenmäßiger Catcher. Aber das kann man nur beurteilen, wenn man selber was auf dem Kasten hat, so wie ich. Man muss sich im Ring auskennen, um einen Catcher wie Harsh richtig beurteilen zu können. Er ist eine ehrliche Haut, er verbiegt sich nicht. Außerdem hat er was im Oberstübchen, was man von den meisten Holzköpfen, die ich kenne, nicht behaupten kann.

Aber ich hatte Harsh schon länger nicht mehr gesehen. Und zwar deshalb nicht, weil er in dem Studio trainiert, wo ich Hausverbot habe. Wo mich Mr. Deeds rausgeschmissen hat. Harsh gehört noch zu der Welt, die ich verloren hatte, und ich wollte ihn nicht sehen, weil er mich immer daran erinnerte, was ich nicht mehr haben konnte.

Ich hatte auch keine Lust, mich im Studio von den Schwergewichtlern Gruff und Pete blöd anquatschen zu lassen. »Da kommt das Wrack.« Solche Sprüche würden sie bestimmt ablassen. Gruff und Pete sind die schlimmsten Furzköppe der Welt. Mit Tiefschlägen kennen sie sich aus, und ihre Devise heißt: Immer feste druff. Das macht ihnen Spaß. Ich wollte ihnen nicht begegnen.

Also wartete ich draußen im Nieselregen. Ich wartete auf Harsh. Ich stellte mich auf der anderen Straßenseite im Eingang eines Tabakwarenladens unter, von wo ich den Eingang des Studios im Auge behalten konnte. Als mich der Ladenbesitzer vertrieb, hockte ich mich neben ein mit Brettern vernageltes leerstehendes Geschäft. Ob Sie es glauben oder nicht, nach zwanzig Minuten schenkte mir ein altes Muttchen zehn Pence. Das war echt die Härte. Sie muss wohl geglaubt haben, ich wäre obdachlos oder so. Im Vorbeigehen warf sie das Geldstück vor mir auf die Erde, als ob ich ein Bettler wäre. Ich hätte ihr den Marsch blasen können. Ich hätte sagen können: »He, du alte Träne. Hast wohl noch nie eine Squillionärin gesehen, was?« Ich hätte ihr ihre jämmerlichen zehn Pence zurückgeben müssen. Hätte ich, hab ich aber nicht. Ich war sauer, aber andererseits fand ich es auch komisch.

Als ich nichts hatte, hat mir keiner was geschenkt. Kaum habe ich selber Geld, können es mir die Leute gar nicht schnell genug hinterherschmeißen. Geld zieht Geld an.

Sehen Sie, was ich meine? Deshalb hatte ich so ein gutes Gefühl wegen meinem Lottoschein. Ich konnte den Samstag kaum erwarten, um zu erfahren, wie viel ich gewonnen hatte. So wie mir das Glück an den Fingern klebte, war es unmöglich, dass ich nichts gewann. Also hob ich die zehn Pence auf und steckte sie ein.

Genau in dem Moment kam Harsh aus dem Studio. Ich war echt froh, dass er nicht gesehen hatte, wie ich das Geld eingesackt hatte, so sauber und schön, wie er mal wieder aussah. Er hat den idealen Körper, kräftig und muskulös, aber nicht übertrieben. Alles an ihm erfüllt einen Zweck. Nichts ist Show.

Deshalb wäre ich beinahe doch nicht zu ihm rübergegangen. Weil er genau so aussah, wie ich eigentlich auch aussehen müsste. Denn plötzlich wurde mir klar, dass diese neugierige Kuh, die Feindin, recht hatte – ich war tatsächlich ein bisschen aus dem Leim gegangen. Ich hatte mich gehenlassen. Deswegen konnte mich der Mieteintreiber mit einem Schlag umhauen. Natürlich war es auch Mas Schuld, wegen ihr war ich aus dem Gleichgewicht geraten, wegen ihr und ihrer nuttigen Unterwäsche. Das Schlimmste war noch nicht mal, dass mich der Kerl umgehauen hatte, nein, das Schlimmste war, dass er mir ansah, dass er es wagen konnte. Vor einem Jahr hätte ein Blick genügt und er hätte sich gesagt: »Hoppla, die macht Ärger, von der lass ich lieber die Finger.« Dieses Jahr dachte er bei sich: »Ha, eine leichte Beute. Der zeig ich, wo’s langgeht.« Was er dann ja auch gemacht hat.

Der saubere, schöne Harsh sollte mich nicht auch so sehen, wie mich der Mieteintreiber gesehen hatte.

Aber ich hatte keine andere Wahl, ich ging über die Straße.

Zum Glück hatte er wenigstens nicht mitgekriegt, dass ich die zehn Pence von dem alten Muttchen aufgehoben hatte. Ich drückte den Rücken durch.

»Harsh!«, rief ich.

Er wirbelte auf den Fußballen herum, leichtfüßig und elegant. »Eva«, sagte er. »Na, na, na.«

»Harsh«, sagte ich. »Du musst mir helfen.«

»Muss ich?«, fragte er.

Es war mir falsch rausgerutscht. Warum muss es immer falsch rausrutschen?

»Der Kerl gestern«, sagte ich.

»Wie bitte?«, sagte Harsh.

»Ja. Der wusste, dass er mich umhauen kann.«

»Eva«, sagte Harsh. »Rück mir nicht so auf den Leib. Lass meine Jacke los.«

»Und da hat er mich umgehauen. Echt wahr. Aber nur, weil er wusste, dass er es mit mir aufnehmen konnte.«

»Eva«, sagte Harsh. »Dies mag sehr viel Bedeutung für dich haben, aber mir sagt es sehr wenig. Lass mich los und drück dich klarer aus.«

»Ich muss wieder zurück.«

»Wohin?«

»Wo ich war«, sagte ich. »Ich muss wieder fit werden. Und hart.«

»Aha«, sagte Harsh. »Jetzt verstehe ich, was du möchtest.«

Harsh verstand mich. Ich hätte mir am liebsten die Augen aus dem Kopf geheult.

»Ich kann dich bezahlen«, sagte ich, weil ich nicht losheulen wollte.

»Woher hast du das viele Geld?«, fragte Harsh. »Und wedele damit nicht so vor allen Leuten herum.«

Ich stopfte mir die Kohle wieder in die Taschen. Ich sagte: »Ich wollte es dir nur zeigen, damit du mir glaubst.«

»Ich glaube dir«, sagte Harsh. »Du brauchst nicht damit herumzufuchteln. Woher hast du es?«

»Es gehört mir«, sagte ich.

»Ist ja gut, schrei nicht so.«

»Ich bezahle dich«, sagte ich. »Und du bringst mich wieder in Form.«

»Du wirst mich nicht bezahlen«, sagte Harsh. »Du brauchst kein Geld, um in Form zu kommen. Du brauchst den Willen, um die Zähne zusammenzubeißen und hart an dir zu arbeiten. Du brauchst den Willen, mit dem Trinken aufzuhören.«

»Ich trinke nicht mehr.«

»Ich kann es riechen.«

»Ich habe aufgehört.«

»Dann musst du eine Zahnbürste benutzen. Wie viel Geld würde dich das kosten?«

»Was faselst du denn da?«, schrie ich. Ich war so enttäuscht. »Bist du blind oder was? Ich will wieder die Londoner Killerqueen sein. Ich kann zahlen. Und du quatschst hier was von Zahnbürsten?«

»Es ist eine Reise«, sagte Harsh. »Und in deinem Fall sollte die Zahnbürste am Anfang stehen.«

Er drehte sich um und ging. Ist das die Möglichkeit? Als ich die Augen wieder aufmachte, war er weg. Verschwunden. Er ließ mich mit meinem vielen Geld einfach stehen. Mich!

Eine Squillionärin.

Am liebsten wäre ich hinter ihm her gerannt und hätte ihn erwürgt.

»Zahnbürste«, sagte ich. »Dir werde ich schon noch zeigen, was ’ne Zahnbürste ist, spätestens wenn sie bei dir am anderen Ende wieder rauskommt.«

Ist doch wahr. Ich redete von Bizepsen, Trizepsen, Quadrizepsen, Delta- und Trapezmuskeln. Und er kommt mir mit Zahnbürsten! Dumm ist gar kein Ausdruck dafür. Ich dachte, Harsh würde mich verstehen, ich dachte, er hätte was auf dem Kasten, aber er hatte mir nicht geholfen, er hatte mich wie eine Kaulquappe behandelt.

Auf einmal kamen zwei Kerle auf mich zu, und einer von ihnen schlug mir auf die Schulter. Ich fuhr herum.

»He«, sagte der schwarzhaarige Typ. »O, Eva, tu mir nichts.« Es war Flying Phil.

Ich sagte: »Was hast du denn mit deinen Haaren gemacht?« Früher hatte er blonde Strähnchen. Jetzt hatte er eine blauschwarze, struppige Matte.

»Hast du es noch nicht gehört?«, fragte er. »Mein Dad hat aufgehört. Ich trete nicht mehr im Team auf, ich mache jetzt eine Solokarriere. Ich heiße inzwischen Firefly Phil, der Riesentöter. Was schreist du hier in der Gegend rum? Mr. Deeds dreht durch, wenn er dich sieht. Er hat dir doch gesagt, was er mit dir macht, wenn er dich auch nur in der Nähe des Studios erwischt.«

»Ich scheiß auf Mr. Deeds«, sagte ich. »Und ich scheiß auf dich.« Ich war noch viel zu geknickt wegen Harsh, um mich mit einem Schwachkopf wie Phil zu unterhalten.

»Weißt du, an wen du mich erinnerst?«, sagte Phil. »An eine Pennerin.«

»Verpiss dich.«

»Doch, demnächst schiebst du einen Einkaufswagen vor dir her und sammelst Plastiktüten. Fremden Leuten hinterherzubrüllen hast du ja schon gelernt.«

»Von wegen«, sagte ich. »Ich habe mit Harsh geredet. Er bringt mich wieder zurück in den Ring.«

»Harsh?«, sagte Phil. »Dass ich nicht lache. Der hört doch auch bald auf.«

»Was?«

»Ja, Eva. Du bist echt nicht mehr auf dem Laufenden. Er hat jetzt sein Diplom oder wie das heißt und geht zurück nach Hause, in irgend so ein Kanakenland.«

»Das glaubst du doch selber nicht«, sagte ich. Dabei wusste ich, dass Harsh irgendwas studiert hatte. Er ist ja auch so ein kluger Kopf. Aber deswegen würde er doch nie das Catchen aufgeben. Er würde mich nicht einfach im Stich lassen, wo ich gerade mein Comeback vorbereitete.

»Nie im Leben«, sagte ich. »Er wird mein Privattrainer.«

»Träum weiter«, sagte Phil. »Er wird persönlicher Berater von irgendeinem Wirtschaftsboss im Kanakenland.«

»Was weißt denn du?«, sagte ich.

»Jedenfalls mehr als du«, sagte Phil. »Dass Harsh aufhört, zum Beispiel, und dass er von dir nichts wissen will. Und ich weiß, was eine Schnapsidee ist.«

»Du hast echt einen Gehirnschaden«, sagte ich.

»Und du bist und bleibst eine Nulpe, Eva.« Phil wandte sich seinem Kumpel zu, den ich nicht kannte, und sagte: »Sie war schon immer heiß auf Harsh. Für sie ist er so was wie ein Zen-Meister.«

»Als Mittelgewicht ist er nicht übel«, sagte der andere, weswegen ich ihn mir ein bisschen genauer ansah. Ganz so behämmert wie Phil konnte er nicht sein, wenn er Harsh lobte.

»Langweilig«, sagte Phil. »Mit Zen-Catchen kriegst du keine Halle voll.«

»Aber irgendwer muss es machen«, sagte der Fremde. Er hatte kräuselige Haare und karamellbraune Haut. Für mich sah er wie ein Schwergewichtler aus. Normalerweise sind die Schwergewichtler meine natürlichen Feinde. Gruff und Pete zum Beispiel. Aber dieser Typ schien ein bisschen mehr im Oberstübchen zu haben als Hühnerkacke. Also sagte ich:

»Wie heißt du, wenn man fragen darf?«

»Keif«, sagte er. »Und du?«

»Das ist Eva, der dicke, fette Käfer«, sagte Phil. »Lass dich lieber nicht vom Boss dabei erwischen, dass du mit ihr redest. Sie ist irre.«

»Du redest doch auch mit ihr.«

»Ich bin ja auch ein Star. Ich bin nicht mehr auf Probezeit wie du.«

»Der Boss kann mich mal«, sagte Keif. »Bei der Arbeit hat er mir was zu sagen. Er kann auch bestimmen, wann und wo ich auftreten soll. Aber er kann mir nicht vorschreiben, mit wem ich mich auf einer öffentlichen Straße unterhalten darf. Er ist schließlich nicht der liebe Gott.«

»Das glaubt er aber«, sagte Phil. »Und deshalb kommt es auf dasselbe raus. Hör auf mich. Sie macht bloß Ärger. Wer hat dir schließlich den ganzen letzten Monat gezeigt, wo es langgeht?«

»Du.«

»Also?«

»Also was?«, sagte Keif.

»Also hast du dir von einem Affen den Zoo zeigen lassen«, sagte ich.

»Du und ein Privattrainer«, höhnte Phil. »Du könntest dir doch noch nicht mal einen privaten Pisspott leisten.«

»Du hast ja keine Ahnung«, sagte ich. »In der letzten Zeit habe ich nicht schlecht verdient.«

»Siehst du?«, sagte Phil zu Keif. »Die spinnt doch. Alles Einbildung. Die hat noch nie Kohle gehabt. Harsh würde es nie schaffen, sie wieder auf Vordermann zu bringen. Dafür braucht man einen Presslufthammer. Du hättest sie mal sehen müssen, als sie noch in Form war. Neben ihr sah Godzilla wie Miss World aus.«

»Ja?«, sagte ich.

»Ja.«

»Siehst du?«, sagte ich zu Keif. »Manche von uns tun mehr, als sich die Haare zu färben, um im Ring Erfolg zu haben.«

Damit ließ ich sie stehen und trabte locker los. Ich hatte es ihnen gezeigt. Ich hatte das letzte Wort gehabt. Man beleidigt Eva Wylie nicht ungestraft.

Meine Puste reichte nur bis zur nächsten Ecke. Ich verfluchte Harsh.

»Scheiß Zahnbürste«, sagte ich. Was für eine Enttäuschung. Aber wie als Beweis dafür, dass mich das Glück doch noch nicht verlassen hatte, stand plötzlich ein verbeulter weißer Ford vor mir. Die Fahrertür war so verzogen, dass das Schloss fast von selber aufging. Er hatte nur auf mich gewartet. Hätte ich mir die Chance etwa entgehen lassen sollen?

Als ich zu Hause war, genehmigte ich mir eine kleine Stärkung. Stimmt, ich hatte Harsh gesagt, dass ich mit dem Trinken aufgehört hatte. Sie können sich also Ihre schlauen Bemerkungen sparen. Aber es war der letzte Rest in der Flasche. Den durfte ich nicht umkommen lassen. Ich spülte mit ein paar Dosen Bier nach. Aber Bier zählt eigentlich nicht richtig als Alkohol, finde ich zumindest. Bier haut nicht stärker rein als Mückenpisse. Deshalb zählt es nicht. Ist doch so.

Aber ich konnte meine Zahnbürste nicht finden. Ich suchte sie überall, aber sie war weg. Ich stellte den ganzen Hänger auf den Kopf, bis es mir zu blöd wurde. Bevor ich ins Bett ging, konnte ich mir einen ganzen Zentner Zahnbürsten kaufen, wenn ich wollte, oder jemand anheuern, der mir die Zähne putzte. Ich konnte sagen: »He, du, Diener Nummer vier, putz mir die Zähne, aber ein bisschen plötzlich. Ich erwarte Harsh zu Besuch, wir wollen auf der Veranda Cocktails schlürfen, und du weißt ja, dass er was gegen dreckige Beißerchen hat. Er ist nämlich Mr. Vornehm vom Planeten Nobel.« Was so ein Geldsack eben sagen würde. Sie glauben doch wohl nicht, dass die Reichen sich die Zähne selber putzen? Im Leben nicht.

6

Es war Abend, kurz nach sechs. Auf dem Schrottplatz kehrte Ruhe ein, und es wurde Zeit, das Tor abzusperren und die Hunde aus dem Zwinger zu lassen. Es regnete, der schneidende Wind ging mir bis auf die Knochen. Normalerweise hätte ich meine wattierte Jacke angezogen, aber ich konnte sie nicht finden.

Während ich mit dem Tor zugange war, fiel mir ein kleiner Renault Clio auf, der auf der anderen Straßenseite am Bordstein stand. Ich achtete nicht besonders darauf, weil ich nass und durchgefroren war und möglichst schnell wieder ins Warme wollte. Aber das Vorhängeschloss wollte nicht, und die Kette muckte auch auf.

Als die leise Stimme aus dem Dunkeln sagte: »Eva, bist du es wirklich?«, fielen mir zum x-ten Mal die Schlüssel aus der Hand, und ich sagte: »Verpiss dich. Ich habe zu tun.«

Komische Reaktion, den einzigen Mensch auf der ganzen weiten Welt abzuwimmeln, den ich wirklich sehen wollte.

Ich sagte: »Verpiss dich, ich habe zu tun«, und sie sagte: »Entschuldigung, ich wollte nicht stören.« Sie hatte einen schicken, langen Regenmantel an und ein kleines Schirmchen in der Hand, damit ihre Frisur nicht nass wurde. Im Licht der Laterne, das von hinten auf sie fiel, schien es, als ob es Diamanten auf sie regnete. Und sie sah mich an, als ob sie schon lange gewartet hatte. Auf mich.

Sie sagte: »Bist du es wirklich?«

Und ich sagte: »Wer?« Und dann setzte ich mich in eine Pfütze, weil ich plötzlich Pudding in den Beinen hatte. Im Magen war es mir auch ganz schwummerig geworden, weil ich wusste, wer sie war.

Ich sagte: »Simone.« Ich machte die Augen zu und kniff sie ganz fest zusammen. Denn ich wusste, wenn ich sie wieder aufmachte, würde sie verschwunden sein. Es konnte nur am Schnaps liegen, dass ich sie sah. Früher hatte ich jahrelang davon geträumt, dass sie eines Nachts zu mir zurückkommen würde. Manchmal träumte ich, dass sie, als ich Ma in ihrer Räuberhöhle besuchte, im Wohnzimmer auf dem Sofa saß. Ich träumte, dass sie hinter der nächsten Straßenecke vor einem Schaufenster stand und ich sie erwischen würde, wenn ich nur schnell genug lief. Ich träumte, dass sie in einem Auto an mir vorbeifuhr und ich ihr Gesicht durch die spiegelnde Scheibe nicht genau erkennen konnte.

Aber etwas war diesmal anders. Wenn ich davon träumte, dass sie zurückkam, sah sie immer noch so aus wie früher. Als sie zwölf war und ich elf. Ich weiß nicht, warum. Mir ist klar, dass sie auch älter geworden sein muss, genau wie ich. Aber ich sah sie immer nur als hübsches Mädchen. Nie als erwachsene Frau in einem schicken, langen Regenmantel.

Noch etwas war anders. Wenn ich von ihr träumte, war sie ein kleines Mädchen und ich war die Londoner Killerqueen. Ich sonnte mich in meinem Erfolg. Ich war berühmt. Stark. Beliebt. Ich saß nicht in einer öligen Pfütze auf dem Hintern. Das gehörte nicht zu meinem Traum. Weiß Gott nicht.

Also machte ich die Augen wieder auf. Auf der anderen Seite des Tors standen zwei kleine Stöckelschuhe. Und darin stand Simone, auf die es Diamanten regnete. Ich sagte: »Bist du es wirklich?«

Ich schloss ihr das Tor auf. Ich vergaß, die Hunde aus dem Zwinger zu lassen. Zum ersten Mal in meinem Leben vergaß ich die Hunde.

In meinen Träumen hatte Simone auch immer gesagt: »Eva, bist du es wirklich?« Deshalb wusste ich, dass sie es war.

Aber der Hänger war die reinste Müllkippe. Es fiel mir erst auf, als sie reinging. Das war in meinen Träumen auch nicht so gewesen. Im Traum war alles tipptopp aufgeräumt, damit sie gleich sehen konnte, wie gut es mir ging.

»Ich konnte meine Zahnbürste nicht finden«, sagte ich.

»Macht nichts«, sagte sie. »Lass dich einmal ansehen.« Also beguckten wir uns erst mal gründlich. Wir hatten nicht viel Licht, nur von der Taschenlampe und meiner Petroleumlampe. Ich habe nämlich etwas gegen Stromrechnungen. Also musste ich ganz genau hinsehen. Je mehr Zeit ich mir nahm, desto mehr erinnerte sie mich an die alte Simone. Aber es war komisch – als würde sich die erwachsene Frau vor meine alte Simone drängen. Ich hätte diese Frau am liebsten weggeschubst. »Verzieh dich«, wollte ich zu ihr sagen. »Du stehst vor meiner Schwester.«

Sie reichte mir kaum bis zum Kinn. Kein Wunder eigentlich, sie war schon immer kleiner gewesen als ich, obwohl sie ein Jahr älter war. Aber vom Gesicht her hatte sie sich verändert. Früher hatte sie ein Elfengesicht gehabt, große blaue Augen, die unter seidigem Haar hervorblickten. Die Augen waren das Erste, was einem an ihr auffiel, weil sie so dunkel waren, vor allem im Vergleich zu ihrer blassen Haut und den silbrigen Haaren. Sie hatte ein kleines Gesichtchen. Als Kind schien ihr Gesicht mich immer um Hilfe zu bitten. Und ich hatte ihr geholfen. Ich habe auf sie aufgepasst und sie mitgenommen, wenn ich mal wieder ausgerückt bin.

Aber jetzt hatte sie viel zu viel Farbe im Gesicht. Die blassen Backen waren rosa geschminkt, der helle Mund knallrot.

Augenlider und Wimpern waren schwarz angemalt, die Haare golden gefärbt. Meine Simone war zwar immer noch da, aber sie trug eine Erwachsenenmaske, und ich konnte nicht mehr erkennen, was ihr Gesicht mir sagen wollte. »Eva«, sagte sie. »Du bist so groß und stark geworden.«

»Ja.« Ich drehte mich weg. Ich wusste einfach nicht, was sie nach all den Jahren in mir sehen wollte. Womöglich gefiel ihr nicht, was sie sah. Schon früher hatten sie uns die Schöne und das Biest gerufen. Und an diesem Abend war ich nicht besonders gut drauf. Ich wollte mich von meiner besten Seite zeigen, so wie im Traum bei unserer ersten Begegnung, aber ich konnte meine Zahnbürste nicht finden.

Ich konnte auch nicht still stehen. Mein Herz hüpfte wie Spucke auf einer heißen Herdplatte. Ich wollte ihr so viel sagen, aber es verhedderte sich in mir. Es wollte nicht heraus.

Bevor ich daran erstickte, sagte ich: »Wie hast du mich gefunden?«

»Durch Mutter«, sagte sie.

»Durch wen?«, sagte ich.

»Unsere Mutter«, sagte sie.

»Ma?« Ich verstand nicht, dass sie das Wort »Mutter« für unsere Ma benutzte.

»Ja«, sagte sie. »Ich habe mich eine Zeitlang im Ausland aufgehalten, und als ich zurückkam, wollte ich mich mit dir in Verbindung setzen. Meine andere Mutter wusste, wo unsere Ma wohnte. Sie hat ihr manchmal Fotos von mir geschickt.« Noch ein riesiges Gesprächsthema. Damit kam ich überhaupt nicht klar. Ihre andere Mutter. Warum hatte sie sich adoptieren lassen? Früher war sie für mich eine Verräterin gewesen, weil sie sich hatte adoptieren lassen. Dabei war sie noch ein Kind gewesen und hatte wahrscheinlich gar keine andere Wahl gehabt. Ich verzieh ihr. Fast. Ich durfte nur nicht daran denken.

»Ich bin Catcherin«, sagte ich.

»Catcherin?«, sagte sie. Ich konnte nicht erkennen, ob das Gesicht hinter der Maske »Spitze« oder »Scheiße« sagte.

»Hat Ma dir das nicht erzählt?«

»Ich habe ihr nur mit Mühe und Not deine Adresse abschwatzen können«, sagte sie. »Sie ist nicht sehr hilfsbereit, hm?«

»Hilfsbereit!« In meiner Brust machte es peng, und dann saß ich schon wieder auf dem Hintern. »Ich beknie sie seit Jahren«, sagte ich. »Seit Jahren. Seit Ewigkeiten. Ich war immer überzeugt, dass sie wusste, wo du wohnst. Aber meinst du, sie hätte es mir gesagt? Sie hätte sich lieber eine hungrige Ratte in den Schlüpfer gesteckt. Nenn das Weib nicht Mutter. Sie ist keine Mutter.«

»Ach, Eva«, sagte sie. »Nimm’s nicht so schwer.« Sie gab mir ein Taschentuch. »Jetzt sind wir doch wieder zusammen.«

Zusammen hatte sie gesagt. Das hätte mir fast den Rest gegeben. Ich putzte mir die Nase.

»Wir wollen uns das Wiedersehen nicht durch Ma verderben lassen«, sagte sie. »Komm, gehen wir etwas trinken. Gehen wir feiern.«

Der richtige Satz zur rechten Zeit. Ich konnte es kaum erwarten, vom Schrottplatz zu kommen. Seit Simone da war, kam es mir wirklich so vor, als ob ich auf einer Müllhalde wohnte. Außerdem hatte ich Durst, und ich brauchte eine kleine Stärkung.

Sie fand meine wattierte Jacke. Das machte mich irgendwie traurig. Ich hatte mir immer vorgestellt, wenn wir uns eines Tages wiederfänden, würde ich ihr helfen und nicht umgekehrt. Außerdem hätte ich es lieber gesehen, wenn es meine schöne Lederjacke gewesen wäre, die Motorradjacke mit den vielen Fransen und Schnallen, die ich irgendwo verloren hatte. In der Jacke machte ich etwas her, darin sah ich nicht so aus wie »Made in Taiwan«.

Weil die Regentropfen wie Pistolenkugeln vom Himmel prasselten, zogen wir den Kopf ein und rannten die Mandala Street hoch bis zum Fir Tree Pub. Erst als wir ankamen, fiel mir wieder ein, dass Simone ein Auto hatte. Aber sie schüttelte bloß die Tropfen aus den Haaren und lachte. »Das habe ich vor lauter Aufregung ganz vergessen«, sagte sie. »Weißt du noch, dass ich mich als Kind vor Gewittern gefürchtet habe? Wir haben uns immer unter dem Bett versteckt. Dabei hattest du gar keine Angst.«

»Nein«, sagte ich. »Ich kann Blitz und Donner gut leiden.« Das stimmt. Das war schon immer so. Ich mag es, wenn es rumst und kracht. Früher mochte ich es sogar noch mehr. Wenn das Wetter echt beschissen war, konnte Ma keine Kerle anschleppen, und wenn wir aufwachten, torkelten keine besoffenen Penner im Netzunterhemd und mit der Kippe im Mundwinkel durch die Wohnung. Und wir brauchten nicht die Geräusche zu hören, die wir so hassten. Aber daran wollte ich jetzt nicht denken.

»Hast du dich eigentlich noch nie vor etwas gefürchtet?«, fragte Simone. »Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, dass du irgendwann Angst hattest.« Da fühlte ich mich wieder groß und stark. Weil Simone mich richtig in Erinnerung hatte. Fast richtig zumindest. Wenn ich mich früher tatsächlich einmal gefürchtet hatte, wäre ich lieber gestorben, als es zuzugeben. Wer sich seine Angst anmerken ließ, wurde fertiggemacht. Als wir noch sehr klein waren und das erste Mal ins Heim gesteckt wurden, war da ein Junge, der eine panische Angst vor Gummibändern hatte. Fragen Sie mich nicht, warum. Ich verstehe es selber nicht, dass man sich davor fürchten kann. Nicht zu glauben, eigentlich. Was soll denn an einem Gummiband so schrecklich sein? Aber dieser Junge fing schon an zu schlottern, wenn er nur durchs Fenster eins gesehen hat. Und er war so blöd, sich seine Angst anmerken zu lassen, und da haben die anderen Kinder … Den Rest können Sie sich denken. Er hat die Gummibänder überall gefunden, in seinen Hosentaschen, im Bett, im Essen. Als er es nicht mehr aushalten konnte, ist er abgehauen. Aber sie haben ihn eingefangen und wieder zurückgebracht, in unser trautes Kinderheim.

Danach haben die anderen Kinder jedes Gummiband gesammelt, das sie in ihre dreckigen Pfoten kriegen konnten.

»Was hast du?«, fragte Simone. »Du machst so ein grimmiges Gesicht.«

»Nichts«, sagte ich. »Ich musste nur gerade an den Jungen denken, der Angst vor Gummibändern hatte. Ich hätte zu gern gewusst, was aus ihm geworden ist.«

»Aber das weißt du doch«, sagte Simone. »Du hast doch gesehen, was aus ihm geworden ist. Er hat sich an einem Kleiderhaken erhängt. Wir haben es alle gesehen. Mit einem Gürtel. Und die großen Kinder haben gelacht und gesagt, es hätte eigentlich ein Gummigürtel sein müssen. Aber er war aus Leder.«

»Ja, stimmt«, sagte ich. Aber ich konnte mich nicht erinnern. Man sollte doch meinen, dass ich mir so eine Geschichte gemerkt hätte. Aber ich wusste nichts mehr davon.

Dafür erinnerte ich mich noch gut daran, dass ich einmal mitten in der Nacht in Simones Schlafsaal geschlichen war und gesagt hatte: »Ich will nach Hause.« Worauf sie sagte: »Das geht doch nicht.« Aber ich habe sie überredet mitzukommen. Das war das erste Mal, dass wir zusammen ausgerückt sind. Aber sie haben uns wieder zurückgeholt. Natürlich habe ich es trotzdem noch mal versucht. Und noch mal. Und noch mal.

Ich ging an die Theke, um uns was zu trinken zu holen. Eine Weißweinschorle für sie – was das nun schon wieder war – und ein großes Bier für mich. Während ich wartete, kippte ich noch schnell einen Rum, für die Nerven und gegen die Kälte.

»Ach, Eva«, sagte sie, als ich mich wieder zu ihr an den Tisch setzte. »Du musst mir alles erzählen. Ich fühle mich so …«

Ja, wie fühlte sie sich wohl? Ins Abseits gestellt? Traurig, weil wir so viel Zeit verloren haben? Ängstlich? Nein, ängstlich nicht. Ich kenne keine Angst. Aber der kleine runde Tisch zwischen uns kam mir wie der Nordpol vor, wie eine kilometerdicke Eisschicht über kilometertiefem Wasser, und ich wusste nicht, ob ich es schaffen würde, Simone wieder dahin zurückzubringen, wo wir aufgebrochen waren. Ich wollte sie wiederhaben. Jetzt hatte ich sie wieder, aber es war, als ob ich ihr über das Eis hinweg zuwinkte, über die Zeit hinweg, in der sie nicht bei mir sein konnte. Es sollte wieder wie früher sein, als wir uns bei Gewitter zusammen unter dem Bett verkrochen und uns zusammen zur Hintertür rausgeschlichen hatten. Wir zwei gegen den Rest der Welt, gegen das Universum.

Meine Zunge fühlte sich wie ein Schaumgummipfropfen an.

»Wie bitte?«, fragte sie.

»Nichts«, sagte ich. »Ich bin Catcherin geworden. Ich bin die Größte und Beste von allen. Ich habe sogar einen Privattrainer. Du musst dir unbedingt mal einen Kampf von mir ansehen. Ich besorge dir Plätze direkt am Ring. Der Promoter ist ein Freund von mir. Er behandelt dich wie eine Königin, wenn er weiß, dass du meine Schwester bist. Für meine Schwester ist das Beste gerade gut genug.«

»Ich würde dich gern einmal kämpfen sehen«, sagte sie. »Aber sicher. Ach, Eva, du brauchst doch nicht gleich so aus dem Häuschen zu sein. Natürlich komme ich. Ist ja schon gut. Alles ist gut.«

»Natürlich ist es gut«, sagte ich. »Es ist bloß … Es ist bloß, ich habe etwas aus mir gemacht, Simone. Ich habe es geschafft.

»Aber ja«, sagte sie. »Ich bin stolz auf dich.«

Da. Sie hatte es gesagt. Was ich hören wollte. »Ich bin stolz auf dich.« Einfach so.

»Möchtest du noch so ein Weißweindingsbums?«, fragte ich und ging zur Bar.

Diesmal bediente mich die Wirtin. Als ich mir noch einen Rum hinter die Binde goss, sagte sie: »Trink nicht so viel, Eva.

Wenn du dich wieder so aufführst wie letzte Woche, setze ich dich vor die Tür. Ehrenwort. Mein Mann hat dich schon im Visier.«

»Wie habe ich mich denn aufgeführt?«, sagte ich. »Dein Alter soll lieber die Klabusterbeeren ins Visier nehmen, die dir aus dem Hintern wachsen. Was geht mich dein Alter an?«

»Hüte deine Zunge, Eva. Sei froh, dass ich so ein Gemütsmensch bin. Wenn ich nicht so eine Engelsgeduld mit dir hätte, hättest du schon seit Monaten Lokalverbot.«

»Sie können mich nicht einfach rausschmeißen«, sagte ich. »Mein Geld ist so gut wie jedes andere.«

»Wo wir gerade beim Thema sind«, sagte sie. »Wo …?« Aber ich wollte nichts mehr hören. Diese verschrumpelten Quatschtanten haben immer noch ein anderes Thema auf Lager. Die geben nie Ruhe.

Als ich wieder an unseren Tisch kam, saß ein Geschirrverkäufer vom Markt auf meinem Platz. Er wollte Simone anbaggern. Kein Wunder eigentlich, aber es passte mir trotzdem nicht, und ich sagte: »Verpiss dich, du Scheich. Musst du nicht langsam nach Hause zu deiner Frau?«

Er sagte: »Wie kommst du denn zu so einem Prachtexemplar von Schwester, Eva?«

Ich sagte: »Zieh Leine, Missgeburt.« Aber insgeheim freute ich mich, weil Simone zu mir gestanden hatte. Wenn sie nach unserer Ma geraten wäre, hätte sie das nie gemacht. Ma gibt ja nie freiwillig zu, dass sie mit mir verwandt ist.

»Männer«, sagte Simone, nachdem er sich verkrümelt hatte. »Immer wollen sie was von einem.«

»Bist du verheiratet?«, fragte ich. Keine Ahnung, wie ich darauf kam. Kaum zu glauben, dass ich nicht wusste, ob meine Schwester verheiratet war.

»Tja …«, sagte sie, und ich hielt den Atem an. Ich wollte nicht, dass sie verheiratet war. Ganz und gar nicht.

»Ich war mal verheiratet«, sagte sie. »Aber die Ehe ging in die Brüche.«

Ich war vielleicht froh, das können Sie mir glauben. Ich wollte sie nicht wieder zurückhaben, nur um sie dann mit jemand anderem teilen zu müssen.

»Nach ein paar Monaten war alles schon wieder vorbei«, sagte sie.

»Wie kam das?«, fragte ich.

»Es ging einfach nicht«, sagte sie. »Es war ein Fehler. Ich bin nicht zum Hausmütterchen geboren.«

»Und wozu bist du geboren?« Es war wirklich merkwürdig. Als wir noch zusammen waren, hätte ich sie so etwas nie fragen müssen. Sie war zu etwas Besserem geboren, das stand fest. Jeder mochte sie. Sie hätte werden können, was sie wollte, außer vielleicht Gehirnchirurg – in der Schule waren wir beide nicht die Besten.

»Ach«, sagte sie. »Ich habe Verschiedenes ausprobiert. Aber es war schwer. Meine andere Familie …«

»Ja?«

»Ruhig, Eva«, sagte sie. »Es lässt sich nicht ändern. Du weißt, dass wir nichts dagegen machen konnten. Wir waren noch Kinder. Wir mussten dahin gehen, wo man uns hingeschickt hat.«

»Aber deshalb musstest du dich noch lange nicht adoptieren lassen«, sagte ich. »Du musstest nicht für immer zu ihnen gehen. Dazu hat dich keiner gezwungen.«

»Es gibt solche und solche Zwänge.«

»Was soll denn das wieder heißen?«

»Ach, Eva«, sagte sie. »Schrei mich nicht an. Bitte, schrei mich nicht an. Ich kann es nicht ertragen, wenn du mich anschreist.«

Das stimmte. Sie musste immer weinen, wenn sie angeschrien wurde. Deshalb hat sie auch nicht halb so viele Schläge kassiert wie ich. Man brauchte sie bloß anzuschreien, damit sie anfing zu weinen.

»Du musstest nicht für immer zu ihnen gehen«, sagte ich.

»Sie hatten Teppiche auf dem Fußboden«, sagte sie. »Und Zentralheizung. Ich bekam ein eigenes Zimmer. Sie wollten mich. Sie haben mir ein Zuhause gegeben, Eva.«

»Ich wollte dich auch«, sagte ich. »Und ein Zuhause hattest du schon.«

»Nein«, sagte sie.

»Doch«, sagte ich.

»Nein«, sagte sie. »Und du auch nicht. Sei doch mal ehrlich. Und schrei mich nicht an. Wenn du mich anschreist, gehe ich.«

»Wir hatten uns«, flüsterte ich. Mir hatte das genügt. Warum war es für sie nicht genug gewesen? Ich brauchte keinen Teppichboden, wenn ich sie hatte.

»Wir hatten immer nur Ärger, waren ständig auf der Flucht.«

»Aber wir waren zusammen. Es war schön, wenn wir zusammen waren.«

»Scht!«, sagte sie. »Du warst zäher als ich.«

»Ja, und wer hat auf dich aufgepasst?«

»Jetzt schreist du schon wieder.«

»Ich schreie doch gar nicht!«

»Ich gehe«, sagte sie. Und sie ging.

7

Ich konnte es nicht fassen. Von einer Sekunde auf die andere war sie weg. Schnips, ich habe eine Schwester, schwups, ich habe keine mehr. Einfach so.

Ich stand auf.

Der Wirt kam an. Er sagte: »Heb sofort den Stuhl auf, Eva. Du kannst nicht einfach hier reingewalzt kommen und mit den Möbeln um dich schmeißen.«

»Weißt du was?«, sagte ich. »Geh doch in die Kirche und orgel dir einen.«

Ich weiß nicht mehr genau, was danach passiert ist, auf jeden Fall saß ich plötzlich draußen im Regen, in der Gosse. Irgendwie war ich in den letzten Tagen ein bisschen zu oft auf dem Hosenboden gelandet. Vor der Kneipe lungerten ein paar Kerle rum, die gackerten wie die Hühner. Ich stand auf und ging nach Hause. Ich konnte es nicht fassen – sie war einfach abgehauen. Einfach so, ohne mir ihre Adresse dazulassen.

Dabei hatte ich sie gar nicht angeschrien. Oder? Na gut, vielleicht war ich ein bisschen laut geworden, aber das galt noch lange nicht als anschreien. Was bildete sie sich eigentlich ein?

Es stand auch kein Renault Clio mehr auf der anderen Straßenseite. Als ob ich mir alles nur ausgedacht hätte.

Aber ich hatte es nicht erfunden. Simone war wieder da. Oder zumindest da gewesen.

Die Hunde spielten verrückt, und da fiel mir wieder ein, dass ich sie vergessen hatte. Also ließ ich sie raus. Ramses war dermaßen sauer, dass er mir ein Stück aus der Jacke riss. Ich musste ihm einen Tritt verpassen, sonst hätte er nach mir geschnappt. Lineker sah mich nur höhnisch an.

»Verpisst euch«, sagte ich. »Ihr versteht das nicht. Ich weiß nicht, wo ich sie finden soll. Ihr seid bloß Köter. Ihr habt doch keine Ahnung, wie das ist.«

»Hörf?«, sagte Milo.

»Schnauze«, sagte ich. »Mit dir bin ich auch fertig.« Und das meinte ich so, wie es sich anhörte. Ich wollte keinen halbstarken Hund. Ich wollte Simone.

»Hip«, sagte Milo, und Ramses schnappte nach ihm.

»Sie ist zu empfindlich«, sagte ich. »Sie war schon immer ein viel zu sensibles Pflänzchen.«

»Hip?«

»Ich muss sie finden. Sie ist zu weich, sie kann nicht auf sich selber aufpassen.«

»Hip-hörf?«

»Schnauze«, sagte ich. »Misch dich nicht dauernd ein. Ich habe sie nicht angeschrien. Das kam ihr bloß so vor.«

Milo rannte davon.

»Hau doch ab«, sagte ich. »Verschwinde du ruhig auch noch. Ihr alle. Meint ihr, das macht mir was aus?«

Ich hielt mir Ramses mit einem Besenstiel vom Leib. Er hatte das Fell gesträubt und den Kopf gesenkt. Er sah so aus, als hätte er am liebsten ein paar Kätzchen aufgespießt und zum Nachtisch noch einen Weltkrieg angezettelt.

»Du willst mir an die Kehle, was?«, sagte ich und stocherte nach ihm. »Immer dasselbe, ich kenn dich doch. Pech gehabt, Freundchen. Heute Abend ist es noch nicht so weit. Hörst du?«

Er hatte verstanden. Er wich zurück und preschte wie ein Bluthund zum Tor. Er war unruhig, gefrustet und hungrig. Genau wie ich.

Ich ging in den Hänger und stöberte in den Schränken erfolglos nach etwas Essbarem. Vielleicht hatte ich vergessen einzukaufen oder ich hatte das Zeug verräumt, als ich nach der Zahnbürste suchte.

Ich setzte mich aufs Bett und wickelte mir den Schlafsack um die Schultern. Ich konnte überhaupt nichts mehr finden – nichts zu essen, nicht die Zahnbürste und meine Schwester auch nicht. Wäre ich nicht so ein zäher Brocken gewesen, hätte ich bestimmt angefangen zu flennen.

Dann weiß ich nichts mehr. Plötzlich war es Morgen. Ein Scheißmorgen. Ich sperrte die Hunde in den Zwinger und ließ die Arbeiter rein. Ob sie mir dafür dankbar waren? Ungefähr so dankbar wie Schüler, die einen Haufen Hausarbeiten aufgebrummt kriegen.

»Du blöde Kuh«, sagte der Vorarbeiter. »Wir stehen uns jetzt schon eine halbe Stunde die Beine in den Bauch und rufen nach dir.«

»Ich hab die Grippe«, sagte ich. »Ich bin eine kranke Frau.«

»Aber ja, natürlich bist du krank«, sagte er. »Du bist schon seit Wochen krank. Aber die Krankheit kenne ich. Sie kommt aus der Flasche. Reiß dich ein bisschen am Riemen, sonst muss ich dich melden.«

»Melde lieber deine Hämorrhoiden«, sagte ich und ging die Hunde füttern.

Wenigstens hatten sie noch was zu beißen. Aber mir wurde übel, als ich ihnen das Futter in die Näpfe schaufelte. Vielleicht hatte ich tatsächlich die Grippe. Ich schwitzte, und irgendwer hämmerte mir einen zwanzig Zentimeter langen Nagel in den Schädel. Ich legte mich noch mal für fünf Minuten aufs Ohr.

Länger als fünf Minuten kam mir mein Nickerchen auf jeden Fall nicht vor. Ich wachte auf, als es an meine Tür klopfte. Ich weiß nicht, ob ich es Ihnen schon mal gesagt habe, aber wenn bei mir jemand klopft, ist das ein Großereignis, das nichts Gutes bedeutet. Ich kriege ungefähr genauso oft Besuch, wie ein Supermodel Pickel kriegt, und meistens bringen die Besucher bloß Ärger ins Haus.

Ich zog mir den Schlafsack über den Kopf und stellte mich tot.

Das Klopfen wurde nicht leiser, es artete zum Hämmern aus. Ich dachte: Simone! Sie will sich entschuldigen. Ich ging zur Tür und lugte durch ein Guckloch.

Es war nicht Simone. Das Einzige, was ich sehen konnte, war ein tabakfarbenes Auge, das zu mir reinlugte, und ich dachte: Harsh! Harsh will sich entschuldigen.

Also machte ich auf. Aber es war nicht Harsh. Ich konnte den Typen nicht einordnen, aber er kam mir bekannt vor.

»Yo«, sagte er. »Kennst du mich noch?«

»Nein«, sagte ich und wollte die Tür wieder zumachen.

»Keif«, sagte er. »Von gestern.«

»Du heißt Keif und bist von gestern?«

»Wir haben uns gestern kennengelernt. Ich war mit Phil Julio zusammen. Du hast gesagt, dass du dir einen Privattrainer nehmen willst.«

»Und?«

»Hier bin ich. Du kannst mich haben.«

»Hä?«

»Scheiße«, sagte er. »Was ist? Willst du jetzt einen Privattrainer? Oder muss ich mich auf diesem Scheißschrottplatz wegen nichts und wieder nichts nassregnen lassen?«

»Ich wollte dich nicht, ich wollte Harsh.«

»Harsh kriegst du ja doch nicht«, sagte er. Regentropfen kullerten über seine Kräuselkrause. »Aber mich kannst du haben. Willst du mich?«

»Warum nicht?«, sagte ich. »Aber nicht heute. Ich hab die Grippe. Und ich habe noch nicht gefrühstückt.«

»Frühstück?«, sagte er. »Es wird schon dunkel. Und wenn du die Grippe hast, habe ich ein Spitzenhöschen an.«

»Dunkel?« Ich sah an ihm vorbei, und tatsächlich, es war Abend geworden. Die Männer machten Feierabend. Mir war irgendwie flau, und mir fiel nichts ein, womit ich ihn abwimmeln konnte, also ließ ich ihn rein.

»Ich brech zusammen«, sagte er, während er sich umsah. »Hattest du Einbrecher im Haus?«

»Einbrecher?« Ich schaute mich ebenfalls um. Ich hatte keinen Schimmer, wie ich ein solches Chaos anrichten konnte, ohne was davon zu merken. Dann fiel mir die Zahnbürste wieder ein. »Ich habe was gesucht«, sagte ich. Aber je länger ich mich umsah, desto chaotischer kam mir der Schweinestall vor, und plötzlich wusste ich wieder, dass ich mit Simone in den Fir Tree gegangen war und die Hunde vergessen hatte. Wenn die Hunde den Platz nicht bewachten, konnte jeder reinspaziert kommen und mir meine Kohle klauen.

Ich rannte raus in den Regen. Ich hatte panische Angst. Mein Geld gehörte mir. Ich wollte nicht schon wieder arm sein, bevor ich mich ans Reichsein gewöhnt hatte. Die Hunde waren unausstehlich, weil ich sie zu früh geweckt hatte, aber an der Wand hing meine Pumatasche, gesund und munter. Ich streichelte sie und machte sie auf, um auf Nummer sicher zu gehen.

Eigentlich hätte es doch nichts ausgemacht, wenn in der Nacht jemand auf den Platz gekommen wäre. Die Hunde waren im Zwinger, genau wie meine Kohle. Es war also gar nicht hirnrissig von mir gewesen, sie zu vergessen. Es war oberschlau gewesen. Da haben Sie’s. Als ich wieder in den Wohnwagen kam, ging es mir schon ein bisschen besser.

»Wieso bist du immer so biestig?«, sagte Keif. »Die reinste Drahtbürste.«

»Ich bin nicht biestig.« Ich war echt ziemlich gut drauf. »Ein Guter hält’s aus.«

»Dann bin ich genau der richtige Mann für dich«, sagte er. »Ein Guter und Harter. Fragt sich bloß, wie es mit dir steht.«

»Ich bin die Härteste von allen«, sagte ich.

»Willst du wirklich wieder in Form kommen?«, fragte er. »Ganz im Ernst?«

»Klar«, sagte ich. »Aber ich habe …«

»Erzähl mir nichts«, sagte er. »Du hast keine Grippe, du hast einen Kater. Da brauchst du gar nicht so zu gucken. Was wahr ist, ist wahr.«

»Leck mich.«

»Ich bin doch nicht extra hergekommen, um mich von dir blöd anquatschen zu lassen.«

»Dann mach dich lieber gleich wieder vom Acker«, sagte ich. »Was wolltest du eigentlich von mir?«

»Es ist so«, sagte er. »Ich stehe auf starke Frauen, und stärkere als du werden heutzutage nicht mehr gebaut. Du hast echt was auf dem Kasten. Außerdem hast du gesagt, dass du für das Training bezahlen willst.«

»Jetzt kommen wir der Sache schon näher«, sagte ich. »Das glaube ich dir auf Anhieb. Du willst an mein Geld.«

»Was dachtest du denn?«, sagte Keif. »Dass ich es dir umsonst mache?«

»Mach doch, was du willst«, sagte ich. »Ich wollte Harsh dafür bezahlen. Das Angebot gilt nicht für dich.«

»Das Thema hatten wir doch schon«, sagte er.

»Harsh ist sein Geld wert, das weiß ich«, sagte ich. »Aber dich kenne ich ja noch nicht mal.« Clever, was? Tierisch clever.

»Soll ich dir meinen Stammbaum runterbeten? Okay. Mein Dad war Boxer. Seit seine Karriere zu Ende ist, trainiert er die Jugendmannschaft vom Ring O’Bells-Boxstudio. Sagt dir das was?«

»Kann schon sein.« Das Studio hat einen guten Namen, da hängen jede Menge Londoner Boxer rum.

»Und mich hat er auch trainiert.«

»Dann bist du also Boxer. Toll.«

»Ob du das toll findest oder nicht, ist mir egal. Willst du Catcherin werden oder was?«

»Ich bin Catcherin. Was glaubst du eigentlich, wen du vor dir hast?« Ich war wirklich wütend. »Damit du es weißt, ich bin die Londoner Killerqueen.«

Er zog den Kopf ein. »Zu langsam«, sagte er. »Hör zu, du Dummbeutel. Wenn du wieder in den Ring willst, musst du noch mal ganz von vorne anfangen. Und von vorne heißt von unten. Von ganz unten.«

»Du kannst mich mal, und zwar von hinten und von vorne«, sagte ich. »Und von unten.« Er wich zurück. »Wer ist hier ein Dummbeutel? Ich bin nicht dumm.«

Ich hätte ihn an die Wand klatschen können, sauer genug war ich. Aber da fiel mir der Mieteintreiber wieder ein. Auf den wollte ich losgehen, und er hatte mir eins übergebraten. Mal angenommen, Keif hätte sich nicht geduckt, als ich ihm eine verpassen wollte, sondern mir auch einfach eine getickt. Stellen Sie sich das mal vor. Ich hätte ihn zu Brei hauen können. Ich hätte ihn zu Brei hauen müssen. Aber mein Verstand kam mir in die Quere.

»Ich habe Kopfschmerzen«, sagte ich.

»Was?«, sagte er. »Ich kann dich nicht verstehen, wenn du nicht rumbrüllst.«

»Nicht nur doof, auch noch taub«, sagte ich. In dem Moment klopfte es. Mannomann, was für ein Tag.

Keif lehnte mit dem Rücken an der Tür. Bevor ich ihm sagen konnte, dass er nicht aufmachen sollte, hatte er die Tür schon offen. Und das war ein Glück, denn was meinen Sie, wer im schicken, langen Regenmantel draußen stand? Simone. Sie war wieder da. Sie war wieder da. Sie war wieder da.

Sie sagte: »Ich dachte, du hättest vielleicht Lust, etwas trinken zu gehen. Ich wusste ja nicht, dass du Besuch hast.«

»Das ist kein Besuch«, sagte ich. »Das ist mein Privattrainer. Habe ich dir doch erzählt. Weißt du noch? Du wolltest es nicht glauben. Das ist er jedenfalls.«

»Wir wollten gerade eine Runde joggen gehen«, sagte Keif. Der Mann hatte Nerven, das musste man ihm lassen.

»Morgen«, sagte ich.

»Ich wollte mich nur entschuldigen, weil ich gestern Abend einfach weggegangen bin«, sagte Simone. »Ich dachte, wir könnten uns vielleicht bei einem Drink aussprechen.«

»Klar«, sagte ich. Sie war wieder da, und ich hatte Durst.

»Zuerst wird gelaufen«, sagte Keif.

»Zieh Leine«, sagte ich.

»Wenn du nicht mitkommst, kündige ich«, sagte Keif. »Sicher, es war eine lange, erfolgreiche Zusammenarbeit, aber was zu viel ist, ist zu viel. Ich arbeite nur mit Profis.«

»Gequirlte Hundekacke!«, sagte ich.

»Ach bitte, fang nicht wieder an zu schreien, Eva«, sagte Simone. »Ich warte solange auf dich.«

»Ich lutsch dir gleich ein Auge aus«, sagte ich zu Keif.

»Aber vorher musst du mich kriegen«, sagte er und trabte zur Tür raus.

»Hinterher«, sagte Simone. Also lief ich los. Es war zum Mäusemelken.

8

Platsch-platsch-platsch, schmatz-schmatz-schmatz machten meine Füße. Und hoppel-di-hopp machte mein Herz. Ich hatte das Gefühl, als würde es mir jeden Augenblick aus der Brust springen und wie ein japsender Fisch unter meinen Turnschuhen verenden. Mir war schlecht.

»Wer war denn die Torte?«, sagte Keif.

»Torte? Wer … ist … hier … eine … Torte?«, sagte ich. Ich konnte kaum sprechen, so wütend war ich. »Du beleidigst meine Schwester.«

»So ist es richtig«, sagte Keif. »Etwas mehr Tempo, etwas mehr Tempo. Wir wollen doch nicht, dass uns die alten Omas überholen.«

Ich war nass bis auf die Haut. Der Regen spritzte mir von der Nase in die Augen. Meine Füße waren wund.

»Los«, sagte Keif. »Wir haben noch keine Viertelmeile geschafft.«

Platsch-platsch-platsch, platsch-platsch-platsch.

»Beweg dich«, sagte Keif. »Wenn du vor deiner Schwester groß angeben willst, musst du die Meile schon schneller runterreißen als in vierzig Minuten.«

Schmatz-schmatz-schmatz. Was tun die Hersteller heutzutage bloß in ihre Turnschuhe? Bleisohlen?

»Schneller«, sagte Keif. »Ich habe schon Ochsen mit Rinderwahnsinn flotter laufen sehen.«

»Ich kann … Lauftraining … nicht ausstehen.« Ich hatte nicht mal mehr genug Puste, um zu schnaufen. Platsch, schmatz, stolper.

»Okay«, sagte Keif. »Von jetzt an reicht Schritttempo. Das waren ungefähr anderthalb Meilen. Du brauchtest bloß ein paar aufmunternde Worte.«

»Nennst du das aufmunternd?«

»Schritttempo, habe ich gesagt. Nicht auf der Stelle gehen. Zügiges Schritttempo.«

»Von mir aus kannst du dich zügig durchs Klo spülen.«

»Braves Mädchen!«, sagte Keif. »Nachdem du jetzt weißt, was für ein Wunderknabe ich bin, wie sieht es mit der Bezahlung aus?«

Ich gab ihm Bescheid, wie es mit der Bezahlung aussah, und sagte ihm auch gleich noch, wohin er sie sich stecken konnte. Aber während er lachte, fiel mir ein, dass Simone ihn gesehen hatte. Ich musste ihn wohl oder übel behalten. Wenigstens für eine Woche. Schade, dass sie Harsh nicht kennengelernt hatte. Mit Harsh als Privattrainer hätte sie mich ernst nehmen müssen. Was würde sie wohl von diesem Scherzkeks halten? Wie sollte irgendjemand zu mir aufsehen, wenn ich einen Privattrainer wie Keif hatte?

Also verhandelten wir, im strömenden Regen. Ich wusste schon längst nicht mehr, was Regen und was Schweiß war, aber das spielte auch keine Rolle, weil ich sowieso bis auf die Knochen durchgeweicht war.

Irgendwann sagte er: »Okay, Mann, gebongt.« Wir waren uns einig. Sie können mich ruhig für übergeschnappt halten, bitte sehr, aber ich hatte Simone von meinem Privattrainer erzählt und was Besseres als Keif war zurzeit nun mal nicht auf dem Markt.

Als wir zum Hänger zurückkamen, war Simone nicht mehr da.

»Die hat anscheinend kein Sitzfleisch«, sagte Keif. »Aber wenigstens hat sie aufgeräumt.«

Er hatte recht. Der Wohnwagen sah sauber und ordentlich aus, aber ich war so fix und fertig, weil sie nicht gewartet hatte, dass ich mich im Klo einschloss. Jetzt hatte ich extra wegen ihr einen Privattrainer angeheuert, und sie konnte nicht mal so lange warten, dass sie ihn sich richtig ansehen konnte.

Ich musste mich mit kaltem Wasser waschen, weil ich vergessen hatte, welches aufzusetzen. Das Wasser war so kalt wie mein Herz.

Als ich wieder rauskam, hatte Keif ein paar Teebeutel ausgegraben und Wasser gekocht.

»Keine Milch«, sagte er.

»Milch ist was für Waschweiber«, sagte ich.

»Keine Fressalien«, sagte er. »Sind die auch was für Waschweiber? Dein Körper gibt dir nur das zurück, was du in ihn reinsteckst. Wovon ernährst du dich? Kettensägen? Batteriesäure?«

»Typisch Privattrainer«, sagte ich. Ich spielte mit dem Gedanken, ihn wieder zu feuern. Simone war ja sowieso nicht mehr da.

»Aber jetzt mal im Ernst, Mann«, sagte er. »Was hast du vor? Lässt Mr. Deeds dich wieder in den Ring, wenn du wieder fit bist?«

»Mr. Drecksack Deeds ist nicht der einzige Promoter auf der Welt.«

»Hast du noch andere Kontakte angeleiert?«

»Ich könnte rauf in den Norden gehen. Da oben nehmen sie das Catchen viel wichtiger als hier.«

»Hast du schon mal daran gedacht, umzusatteln? Auf moderne Gladiatorin zum Beispiel? Oder es gibt doch auch noch diese Frauenringkämpfe in Öl oder im Schlamm.«

»Das ist kein Sport mehr«, sagte ich. »Das ist Show.«

»Sport ist Show«, sagte Keif. »Catchen ist Show. Boxen ist Show. Hast du schon mal ans Boxen gedacht? Du hättest die ideale Figur dafür.«

»Nee«, sagte ich. Boxer stehen bloß blöd rum und hauen sich gegenseitig die Nase platt. Sie schleudern sich nicht quer durch den Ring, und sie gehen nicht richtig zur Sache. Ich stehe auf die Würfe und Griffe, bei denen es auf Gewicht und Schnelligkeit ankommt. Darin bin ich nicht zu schlagen.

Aber ich sagte nichts. Ich war viel zu geknickt. Mr. Deeds würde mich nie wieder in den Ring lassen, und wenn doch, was hätte ich davon? Meine Schwester konnte nicht mal so lange dableiben, bis ich von einem Trainingslauf zurückkam. Ich hatte sie gesucht, auf sie gewartet und mich jahrelang nach ihr gesehnt, und als ich sie gefunden hatte, hielt sie nicht richtig zu mir. Sie konnte keine fünf Minuten warten. Sie war einfach abgehauen und hatte mich mit einer Witzfigur von einem Privattrainer am Hals sitzengelassen.

»Was hast du?«, fragte Keif.

»Nichts«, sagte ich. »Ich brauche was zu trinken.«

»Du hast noch Tee in der Tasse.«

»Deinen Tee kannst du dir sonst wohin schieben.«

»Mein Arsch ist kein Schultornister«, sagte er. »Was ich mir da heute Abend schon alles reinschieben sollte, passt in kein Lagerhaus.«

»Hör zu, du Tornisterarsch«, sagte ich. »Du bist nicht mein Gefängniswärter. Also lass mich in Frieden.«

»Okay«, sagte er und stand auf. »Wie du willst.«

Sehen Sie? Er kümmerte sich einen Scheißdreck um mich. Dabei war er mein Angestellter.

In dem Augenblick kam Simone zurück.

»Wo bist du gewesen?«, fragte ich.

»Einkaufen«, sagte sie. »Du hattest ja überhaupt nichts Essbares im Haus. Schrei mich nicht an. Du hast doch wohl nicht geglaubt, dass ich die paar Minuten nicht warten würde, oder?«

Ich hätte nie an ihr zweifeln dürfen. Als sie die Einkaufstüte auspackte, kam eine schöne große Flasche Jamaika-Rum zum Vorschein. So was nenne ich Schwester.

Keif sagte: »Bist du wirklich Evas Schwester? Gleiche Mutter, gleicher Vater?«

»Gleiche Mutter.«

»Wirklich? Dann willst du doch sicher nur das Beste für Eva.«

»Ja.«

»Okay«, sagte Keif. »Dann hast du bestimmt nichts dagegen, wenn ich das hier mitnehme.« Er schnappte sich die schöne große Flasche Jamaika-Rum und ging nach draußen.

»He!«, brüllte ich.

Wir liefen sofort hinter ihm her, aber bis wir aus der Tür waren, war er längst im Regen verschwunden.

»Was für eine Unverschämtheit!«, sagte Simone.

Ich war so sauer, dass ich kein Wort rauskriegte.

»Hast du das gesehen?«, sagte Simone. »Hast du das gesehen? Was bildet dieser Mensch sich eigentlich ein?«

»Das ist Keif«, sagte ich. »Mein Privat …«

»Privattrainer. Ich weiß. Und du lässt es zu, dass er so mit dir umspringt? Ich kann mich nur wundern, Eva. Früher hättest du dir das nicht gefallen lassen.«

Autsch, das hatte gesessen. Ich sagte: »Aber ansonsten ist er …«

»Kannst du keinen Besseren finden?«

Da hatte ich den Salat. Ich konnte nicht so über Keif herziehen, wie ich wollte, weil Simone dann gedacht hätte, dass ich mir keinen besseren Trainer leisten konnte. Also sagte ich: »Er kennt sich aus. Er bringt mich wieder in Form. Ich war nämlich krank.«

»Okay, Eva, aber muss es ausgerechnet ein Schwarzer ohne Manieren sein? Oder ist er etwa dein Freund?«

»Ach du Scheiße. Nein, Simone.«

»Warum würdest du dich sonst von ihm rumkommandieren lassen?«

»Ich lasse mich nicht rumkommandieren«, brüllte ich. »Und außerdem habe ich mir schon überlegt, ob ich ihn nicht feuern soll.«

»Höchste Zeit, wenn du mich fragst«, sagte Simone. »Und schrei mich nicht an.«

»Aber er ist nicht mein Freund. Nein!«

»Vielleicht bist du heiß auf ihn.«

»Ich habe keinen Freund. Kein Interesse.«

»Schon gut, schon gut«, sagte Simone. »Das sollte ja nicht heißen, dass du keinen Freund haben könntest, wenn du wolltest.«

»Wie oft muss ich es noch sagen? Kein Interesse.«

»Reg dich doch nicht so auf«, sagte Simone. »Du kannst froh sein, dass du solo bist, glaub mir. Ich kann es bloß nicht mit ansehen, dass der Typ dich so mies behandelt. Einfach mit deinem Rum abzuhauen, was für eine bodenlose Frechheit.«

Sehen Sie? Simone machte sich was aus mir. Wirklich. Sie wollte mich beschützen, genauso wie ich sie früher beschützt hatte.

»Ich habe dir eine Zahnbürste gekauft«, sagte sie. »Du konntest doch deine alte nicht mehr finden.«

Ich war so gerührt, dass ich sofort damit ins Badezimmer lief. Mein Mund fühlte sich kühl an und meine Zähne glatt. Plötzlich merkte ich auch, dass meine Beinmuskeln warm waren und kribbelten. Ich konnte also tatsächlich wieder dahin zurück, wo ich einmal gewesen war. Wenn ich mich tüchtig anstrengte, würde ich bald so hart und zäh wie früher sein. Wenn jemand wie Simone hinter mir stand und auf mich aufpasste, konnte ich es schaffen. Dann würde ich wieder die Londoner Killerqueen sein. Es gab nichts, was ich für sie nicht schaffen konnte. Auch wenn ich mich noch so sehr quälen musste.

Als ich aus dem Badezimmer kam, lehnte sie mit dem Rücken an der Küchentheke und sah sich ein altes Poster an. Mein Name stand darauf und die Namen der anderen aus meiner Truppe – Harsh, Gruff, Pete, Phil und sein Dad. Mir wurde ein bisschen flau in den Gedärmen. Keine Ahnung, wo sie es gefunden hat. Ich dachte nämlich, ich hätte alles vernichtet, was mich an meine große Zeit erinnerte.

Ich sagte: »Es ist schwer, nach einer Verletzung wieder auf die Beine zu kommen.«

»Ich dachte, du wärst krank gewesen«, sagte sie.

»Das auch.« Ich wollte ihr nicht erzählen, was wirklich passiert war.

»Im Ring geht es ziemlich hart zu«, murmelte ich. »Erst hatte ich eine Rückenverletzung. Und später habe ich dann auch noch die Grippe gekriegt.«

»Ach«, sagte sie. »So ein Pech.«

»Ja«, sagte ich. »Wir Athleten sind durchtrainierte Kampfmaschinen. Wenn man sich einmal den Rücken verrenkt hat, kann es ewig dauern, bis man das wieder auskuriert hat.«

»Deshalb brauchst du also einen Privattrainer«, sagte sie. »Du musst ziemlich gut verdient haben mit dem Catchen, wenn du dir das leisten kannst.«

»Ich war ganz oben.«

»Und warum steht dein Name auf dem Poster dann ganz unten?«

»Ein altes Poster«, sagte ich. »Da hatte ich mein volles Potenzial noch nicht ausgeschöpft.«

Von mir aus konnte sie sich ruhig ein anderes Thema aussuchen.

»Los, komm«, sagte sie, als ob sie Gedanken lesen könnte. »Wir unternehmen etwas. Was sollen wir noch hier, nachdem der Idiot unseren Rum mitgenommen hat?«

Wir brachen auf. Diesmal vergaß ich die Hunde nicht. Simone fand Milo ganz niedlich, aber vor Ramses und Lineker hatte sie Schiss, deshalb schloss ich ihr schon mal das Tor auf, bevor ich die Jungs rausließ.

Sie rochen, dass ein Fremder auf dem Gelände war, und kamen wie der Blitz aus dem Zwinger geschossen. »Klappe«, rief ich, während ich hinter ihnen her trabte. »Das ist meine Schwester. Sie ist in Ordnung.«

Es wäre am besten gewesen, wenn Simone sich ganz dicht vors Tor gestellt hätte, damit die Hunde sie gründlich beschnüffeln konnten und wussten, dass sie willkommen war. Aber sie traute sich nicht nah genug heran.

Im Grunde lag es an Ramses. Manche Hunde haben einen Riecher für Blut, manche für Rauschgift, manche für Sprengstoff. Aber Ramses braucht nur den leisesten Hauch von Angst zu wittern, schon saugt er einem die Adern durch den Bauchnabel aus. Ich habe Ihnen ja schon erklärt, dass Simone zu empfindlich war. Das wollte Ramses ausschlachten.

»Das sind aber schrecklich große Hunde«, sagte sie, als wir schließlich losgingen.

Pulsuz fraqment bitdi.

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