Kitabı oxu: «Was sie nicht umbringt»

Liza Cody
Was sie nicht umbringt
Die Eva-Wylie-Trilogie
Band 1
Aus dem Englischen
von Regina Rawlinson
Ariadne Kriminalroman 1201
Argument Verlag
Eva Wylie kam über mich wie eine Sturmflut. Fassungslos versank ich in den brachialen Kapriolen und hirnverbrannten Ratschlägen einer begriffsstutzigen Wuchtbrumme, deren Realität mit meiner herzlich wenig gemein hatte. In Evas Welt sind solche wie ich Spießer oder Feindinnen. Und sie legte mich im Handumdrehen aufs Kreuz.
2013 lauschte ich dem ohnmächtigen Zornausbruch einer schönen jungen Schriftstellerin über das aktuell kolportierte Frauenbild (wir saßen in einem Berliner Lokal mit Blick auf Bushaltestelle samt Werbetafel, ganz normal, laszive Brünette mit viel Haut). Mir wurde klar, dass Eva Wylie neu aufgelegt gehört. Ein Vierteljahrhundert zuvor betrachtete Liza Cody ein Poster des zähnefletschenden Wrestlingstars Klondyke Kate, daneben hing eine Lippenstiftreklame. In der Folge schuf sie Eva Wylie, über die sie sagt: »Eva ist keine vernünftige Frau. Sie ist ein Alptraum der Gesellschaft – was wird aus einem hässlichen, ungebildeten, wütenden, vernachlässigten Kind, wenn es zum großen, starken, hässlichen Weib heranwächst? Es ist knallhart, die Hässliche zu sein in einer Welt, die Frauen nach Jugend, Schönheit und Sexyness bewertet. Eva denkt, wenn sie denn mal denkt, dass sie ihren Nachteil in einen Vorteil verwandelt hat, indem sie beim Profi-Wrestling die Böse gibt. Sie ist verquer genug, um Buhrufe, Pfiffe und den wütenden Hass des Publikums als Erfolg zu verbuchen. Und ich bin verquer genug, darin ein feministisches Statement zu sehen.«
Anfang der 1990er, als Krimiautorinnen den harten Kerlen des Genres mit Verve ihre Männerdomänen streitig machten, wusste ich nichts vom Kunstgriff der »unzuverlässigen Erzählerin«. (Nebenbei: Eva würde jedem, der sie unzuverlässig nennt, die Fresse polieren.) Ich wusste nur, dies war rasante, knackig frische Genreliteratur voller Witz und Milieuschärfe, serviert durch eine schwitzende, trampelige Catcherin, die mir brutal ihre selbstgeschusterten Binsenweisheiten vor den Latz knallt. Ungeniert, ungestüm, unwiderstehlich. Die preiswürdige Übersetzung von Regina Rawlinson wird Evas Kodderschnauze ebenso gerecht wie dem trudelnden Beat des mit dem Silver Dagger gekürten Originals. So ist die Eva-Wylie-Trilogie: zeitlos, ungeschminkt, ein Meilenstein.
Else Laudan
Inhalt
Cover
Titel
Die Autorin
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
Weitere Bücher
Impressum
1
Im Gang brüllte sich ein kleiner Kerl die Lunge aus dem Hals. Sah richtig lieb aus mit seinem grauen Regenmantel und dem Schal. Die Schlägerkappe hing ihm übers Auge.
»Gemeines Kampfschwein!«, brüllte er.
Ich konnte ihn in dem Gegröle und Geschrei deutlich hören. Komisch, auf was für Ideen die Leute kommen.
»Halt die Schnauze!« Ich zeigte ihm den Stinkefinger.
Aus dem Augenwinkel sah ich, wie die Blonde Bombe sich wieder hochrappelte. Ich drehte ihr den Rücken zu.
In der zweiten Reihe hüpfte ein altes Muttchen vor Wut auf dem Sitz herum. »Du Tier«, kreischte sie. »Du potthässliche … Schlampe!«
»Selber Schlampe«, schrie ich.
Die Blonde Bombe boxte mich in den Rücken, und ich knallte in die Seile. Die erste Reihe wurde lebendig. Ich kriegte Schuhe, Programmhefte und Handtaschen um die Ohren gehauen. Ich wälzte mich in die Ringmitte.
Die Blonde Bombe schmiss sich auf mich und drehte mir den Arm auf den Rücken.
Die erste Reihe tobte.
»Mach sie alle«, heulten sie. »Reiß ihr den Arm aus.«
Die Blonde Bombe krallte sich in meine Haare und riss mir den Kopf hoch. So eine linke Titte.
»Pass auf«, sagte ich. »Denk an meine Zähne.«
Sie wusste, dass ich Zahnschmerzen hatte, trotzdem knallte sie mein Gesicht auf die Bretter. Blöde Kuh.
Mit ihr auf dem Rücken stemmte ich mich hoch, bis ich auf allen vieren war. Sie schlang mir den Arm um den Hals. Das kriegt sie nie richtig hin, bei ihr kommt dabei immer eher ein Würgegriff raus als eine Klammer. Aber so was sieht keiner, auch nicht die in der ersten Reihe. Und die erste Reihe war mittlerweile völlig aus dem Häuschen.
»Aua-aua-aua«, jaulte ich, um die Stimmung anzuheizen.
Die Blonde Bombe drückte mir mit voller Kraft die andere Hand ins Gesicht. Sie ist wirklich eine Ratte. Sie wusste genau, dass ich Zahnschmerzen hatte. Ich wurde fuchtig.
Ich spannte die Quadrizepse und kam langsam hoch. Sie hing wie eine Klette an mir. Ihre Brüste quetschten sich gegen meine Schulterblätter, und der Drahtkörbchen-BH, mit dem sie sich die Oberweite vergrößerte, stach mir in die Wirbelsäule.
Sie dachte, ich würde mich hinstellen. Sie lernte es eben nie.
Als ich mich halb aufgerichtet hatte, rollte ich mich nach vorne ab und legte sie flach auf den Rücken. Ich drehte mich um und landete in letzter Sekunde auf ihren Schultern. Sie hatte nicht mehr genug Puste, um eine Brücke zu machen. Jetzt hatte ich sie.
Der Ringrichter kam angeschlendert. Er ließ sich Zeit, weil es im Zuschauerraum plötzlich ganz still geworden war.
»Eins …«, sagte er.
»Du Tier!«, brüllte jemand. »Du feiges, dreckiges Tier!«
Und schon gellten die Buhs durch den Saal. Es hört sich an wie auf dem Viehmarkt, wenn ich einen Kampf gewinne.
Die Bombe wollte eine Brücke machen. Aber ich war so stinksauer auf sie, dass ich sie nicht hochkommen ließ.
»Zwei«, sagte der Ringrichter zögerlich.
Die Buhs verfolgten mich bis in die Garderobe. Es war ein guter Abend gewesen.
Ich will dir einen kostenlosen Rat geben. Wenn du es in diesem Leben als Bösewicht zu etwas bringen willst, rechne nie mit Applaus. Zähl lieber die Buhs. Das ist der sicherste Weg herauszufinden, wie gut du wirklich bist.
Als wir in dem kalten Korridor hinter der Halle um die Ecke bogen, konnte ich sie immer noch buhen hören. Die Falsche hatte viel zu schnell gewonnen.
»Au, mein armer Rücken«, jammerte die Bombe. »Bei den Würfen könntest du ruhig ein bisschen vorsichtiger sein. Morgen früh bin ich bestimmt grün und blau.«
»Und du hättest ruhig mal an meine Zähne denken können«, sagte ich. »Du wusstest doch, dass ich Zahnschmerzen habe.«
»Hatte ich vergessen«, sagte sie. Verlogenes Stück. Ihr rieselten die Pailletten von dem schicken Trikot, und sie zog eine Glitzerspur hinter sich her. Aber ich hatte nicht die Absicht, ihr das zu sagen, vor allem nicht, nachdem sie keine Rücksicht auf meine Zähne genommen hatte.
Als wir in die Garderobe kamen, saß da schon ihr unterbelichteter Freund rum.
»Armes Baby«, sagte er zur Bombe. Mich sah er böse an. Ich hätte nett zu ihm sein sollen, weil er mich nach der Show wieder mit nach London nehmen wollte. Deshalb hätte ich wohl seiner Meinung nach das arme Baby gewinnen lassen müssen.
»Mach die Biege«, sagte ich. »Ich will mich umziehen.«
»Ich habe schon mehr nackte Frauen gesehen als du warme Mahlzeiten«, sagte er. So ein Blödmann.
»Bei mir gibt’s nichts zu spannen«, sagte ich. »Da hast du dich verrechnet.«
»Meinst du etwa, da leg ich gesteigerten Wert drauf?«
»Dann schieb ab«, sagte ich.
Aber er wollte der Bombe mit den fettigen Flossen die Schultern massieren. Sie hätte einem fast leidtun können, wenn sie sich nicht so genüsslich schnurrend an ihn geschmiegt hätte.
Will eigentlich jeder Mensch gebraucht werden? Wollen sich eigentlich alle Frauen begrapschen lassen – sogar von einem Schwachkopf mit fettigen Flossen? Also, ich weiß die Antwort darauf nicht, aber ich bin schließlich ein anderes Kaliber. Natürlich bin ich nicht besonders gern groß und hässlich, aber man muss zugeben, dass fast alles im Leben auch seine guten Seiten hat. Zum Beispiel ist es sehr gut, wenn man nicht von dem unterbelichteten Macker der Blonden Bombe beliebäugelt wird, auch wenn er einen Ford Granada fährt.
In diesen alten Theatern auf dem Land heizen sie die Garderoben nicht. Wahrscheinlich war das Gebäude sowieso längst zum Abbruch freigegeben. Eine Dusche gibt es nicht. Man muss sich einigermaßen mit einem Waschbecken in der Ecke behelfen.
Das würde mir an sich nichts ausmachen. Der Schuppen war fürs Catchen sowieso nicht geeignet, und solche Dreckslöcher sind noch das Beste, was man auf den untersten Stufen der Karriereleiter überhaupt erwarten darf.
Was mir allerdings doch etwas ausmachte, war die Tatsache, dass ich schwitzend und mit Zahnschmerzen so lange in der Zugluft herumstehen sollte, bis seine Lordschaft die Blonde Bombe genug getätschelt hatte.
Aber ich musste höflich bleiben. Der letzte Zug aus dem Möhrenland nach Hause war bestimmt schon seit Stunden weg. Je größer die Entfernung von London, desto früher der letzte Zug, das weiß jedes Kind. Irgendwie musste ich wieder zurück.
»Mach schon«, sagte ich. »Zieh Leine.« Ich bemühte mich wirklich um einen freundlichen Ton.
»Eva ist schüchtern«, sagte die Blonde Bombe. Na ja, was soll man auch sonst von einer Catcherin erwarten, die im Ring Lippenstift der Marke Champagner Fizz trägt?
»Schüchtern? Eva Wylie? Dass ich nicht lache.«
Es gibt nichts Erbärmlicheres als einen Schwachkopf, der sich Schlauheiten herausnimmt, und kein Ford Granada gibt einem das Recht, mich zu beleidigen. Ich stopfte seinen Kopf ins Waschbecken und drehte den Hahn auf. Dann schnappte ich mir meine Puma-Sporttasche, Jacke und Schuhe. Es war besser zu verschwinden, bevor ich richtig böse wurde.
Im Korridor lief ich Mr. Deeds in die Arme. Er sah selber ziemlich böse aus.
»Wenn ich fünfzehn Minuten will«, sagte er, »dann will ich fünfzehn Minuten. Keine sieben. Keine zehn. Auch keine zwölfeinhalb.«
»Tut mir leid, Mr. Deeds«, sagte ich. Mr. Deeds ist der Boss.
»Reiß dich zusammen, Eva«, sagte er. »In solchen Kuhkaffs haben sie für Frauen im Ring sowieso nicht viel übrig. Es war schwer genug, euch überhaupt ins Programm zu kriegen. Du musst den Zuschauern was bieten für ihr Geld.«
»Ich bin ausgerutscht«, sagte ich. »Und Stella hat einen schlimmen Rücken. Wir konnten nichts dafür, Mr. Deeds.«
»Ausgerutscht? Das soll wohl ein Witz sein!«, sagte er. »Ich bin doch nicht blind. Ausgerutscht! Und es sollte mich verdammt noch mal nicht wundern, wenn Stella tatsächlich einen schlimmen Rücken hätte – jetzt, nach dem Kampf!«
»Tut mir leid, Mr. Deeds«, sagte ich noch einmal. Ich hatte langsam die Nase voll davon, im zugigen Korridor zu stehen und mich zu entschuldigen. Ich entschuldige mich nicht gerne, schon gar nicht, wenn mir die Zähne wehtun, aber es bleibt dir nicht viel anderes übrig, wenn dein Brötchengeber sauer auf dich ist.
»Wenn du dich an die Spielregeln hältst, Eva, kannst du eine schöne Stange Geld verdienen«, fuhr er fort. »Aber wenn du uns verarschst, fliegst du raus. R-A-U-S. Kapiert?«
»Raus.«
»Genau«, sagte er. »Nächste Woche sieht es anders aus, okay?«
»Okay, Mr. Deeds.«
Seine Zigarre paffend watschelte er von dannen. Fetter Saftsack. Immer sind es die fetten Saftsäcke, die einem das Gehalt bezahlen. Er hat einen Hintern wie ein Elefant. Das Problem ist nur, er hat auch ein Gedächtnis wie ein Elefant.
Ich war irgendwie angeschlagen nach dem Gespräch mit Mr. Deeds, aber ich wollte unbedingt noch zu Harsh, bevor ich ging. Ohne die Geschichte mit Stella der Bombe wäre ich noch geblieben und hätte mir seinen Kampf angesehen. Harsh ist klasse. Er ist ein Athlet, und ein größeres Kompliment gibt es nicht.
Ich klopfte an seine Garderobentür. Leider war er nicht allein, wie ich gehofft hatte. Eigentlich nicht überraschend. Richtig nette Typen gibt es nicht so viele, und Harsh kann einfach jeder gut leiden.
Seine Freundin machte mir die Tür auf. Ich kann sie nicht ausstehen. Na ja, ich sage zwar, ich kann sie nicht ausstehen, aber eigentlich kenne ich sie gar nicht. Sie ist ein winziges Persönchen, und in dem eisvogelblauen Sari, den sie heute Abend trug, sah sie wie eine Prinzessin aus. In ihrer Nähe komme ich mir immer vor wie ein Heuhaufen in einem Hurricane. Ich hätte mich lieber doch waschen sollen.
»Hallo, Eva«, sagte Harsh. Er stand an der Wand und dehnte seine Achillessehnen. Er gehört zu den wenigen, die sich vor dem Kampf anständig warm machen. Darum hat er auch seltener Verletzungen als die meisten anderen. Außerdem hat er eine tolle Körperbeherrschung. Ich wärme mich auch richtig auf. An der Körperbeherrschung arbeite ich noch.
»Möchtest du eine Cola, Eva?«, fragte Soraya. Sie hat reizende Manieren, aber ich kann sie trotzdem nicht leiden.
»Ich wollte gerade gehen«, sagte ich. Es war immerhin möglich, wenn auch nicht sehr wahrscheinlich, dass Harsh vorschlug, ich sollte noch bleiben, und mich hinterher in die Stadt mitnahm.
»Bis nächste Woche dann«, sagte er.
»Wir übernachten in Bath«, sagte Soraya zu mir. Und dann fiel mir ein, dass alle außer Stella der Bombe und mir noch einen Auftritt im Pavillon hatten.
»Also dann, bis die Tage«, sagte ich, als ob ich wunschlos glücklich wäre.
»Gute Nacht, Eva«, sagte Soraya. Und Harsh lächelte mich an. Er hat ein wunderbares Lächeln, der Harsh. Strahlend weiße Zähne, alle genau in der richtigen Größe.
Wenn ich genug Kämpfe an Land ziehen kann und wenn ich mich in der Meisterschaft einigermaßen gut schlage, dann lasse ich mir die Zähne richten. Ich kenne einen wirklich guten Zahnarzt, und ich spare auch schon darauf, aber so was geht ganz schön ins Geld.
2
Auf Schlacke kannst du nicht schleichen.
Diesen Trümmerhaufen nennen sie das Grand Theatre, dabei ist noch nicht mal der Parkplatz auf der Rückseite besonders grandios. Kunterbunt stehen die Wagen auf Schotter und Schlacke durcheinander. Das Grand Theatre! Ein grandioser Witz.
Immerhin war der Parkplatz nicht beleuchtet. Das ist das Gute an den beschissenen Auftritten im Möhrenland – die Parkplätze sind nie beleuchtet. Du könntest fast meinen, sie wollen, dass du dich selber bedienst.
Ich fand einen Renault 12, der mich quasi einlud, ihn mir auszuborgen – die Fahrertür schloss nicht richtig, und die Verkabelung war lose. Als ich ihn angelassen hatte, sah ich, dass der Tank noch fast voll war.
Eigentlich tat ich dem Besitzer einen Gefallen – vorausgesetzt, er war versichert.
Wozu sich Sorgen um eine Mitfahrgelegenheit in die Stadt machen, wenn dir die Möhrenmampfer ihre Autos praktisch hinterherwerfen?
Obwohl es noch nicht besonders spät war, als ich in Frome losfuhr, war kaum mehr einer auf den Straßen. Dadurch fühlte ich mich irgendwie einsam. Ich habe gern ein bisschen Trubel um mich rum, aber so was kannst du im Möhrenland lange suchen. Wahrscheinlich gehen sie alle früh in die Heia, nachdem sie sich ihre Mary-Poppins-Videos reingezogen haben. Nicht mal eine offene Frittenbude konnte ich finden. Was diese Landeier wohl treiben, wenn sie mal Spaß haben wollen?
Ich hatte Hunger. Wer so gebaut ist wie ich, braucht nach sportlicher Betätigung was zu essen. Aber ich habe noch einen kostenlosen Rat auf Lager: Halte nie in einer Kleinstadt, in der du dir gerade einen Wagen geborgt hast, an, um dir was zum Essen zu besorgen. Jeder ist mit jedem verwandt, einer sieht dich immer und holt die Bullen.
Ich hatte mir in den letzten paar Jahren viel Selbstbeherrschung angeeignet. Also fuhr ich stur an allen Kneipen vorbei und hörte nicht auf meinen knurrenden Magen.
Harsh hat mir mal was über den berühmtesten Ringkämpfer aller Zeiten erzählt. Er hieß Milon von Kroton, und er hat im Training immer ein Kalb durch die Gegend gewuchtet. Immer dasselbe Kalb. Das Kalb wurde größer und schwerer, und Milon musste stärker und immer stärker werden, um es überhaupt noch schultern zu können. Harsh meinte, Milon wäre seiner Zeit voraus gewesen, und mit dieser Geschichte ging es ihm um die Grundprinzipien des Krafttrainings und darum, dass man die Muskeln langsam an immer größere Belastungen gewöhnen muss.
Milon hat fünf olympische Medaillen gewonnen, also würde ich mir an deiner Stelle eine höhnische Bemerkung über seine Trainingsmethoden lieber verkneifen. Hätte Milon von Kroton allerdings Ähnlichkeit mit mir gehabt, hätte er sein Kalb früher oder später mit Röstkartoffeln und viel Soße verspeist.
Es ist nicht ratsam, an Röstkartoffeln zu denken, wenn du halb verhungert bist — jedenfalls nicht, wenn du unbeschadet an der nächsten Dönerbude vorbei und in einem geliehenen Wagen aus der Stadt kommen willst, ohne geschnappt zu werden.
Ich hasse es auf dem Land. Je weiter du von der Stadt weg bist, desto dunkler wird es, und mit den Scheinwerfern fängst du lauter tote Sachen ein. Andauernd überfährst du Leichen – Igel, Kaninchen, Füchse und Viecher, die schon von so vielen Wagen plattgefahren worden sind, dass du nicht mehr erkennen kannst, was sie mal waren. Hat es Federn, war es ein Vogel, hat es keine, kannst du bloß raten.
Du wirst aus stieren, grünen Augen angeglotzt.
Alles auf dem Land ist entweder gefährlich oder tot. Menschen sind vielleicht tatsächlich nicht viel besser als Tiere, aber wenigstens lassen sie andere Menschen nicht tot auf der Straße rumliegen. Sie bringen sie weg, damit sie nicht wieder und wieder überfahren werden. Du musst dir bloß mal vorstellen, wie es in London aussehen würde, wenn einfach alles, was unter die Räder kommt, liegen gelassen würde.
Und dann das Essen.
Fünfzig Kilometer hinter Frome hielt ich an einer Imbissstube. Sie wollten gerade zumachen, als ich ankam, und es waren bloß noch ein paar Reibeplätzchen übrig. Reibeplätzchen! Ich muss schon sagen. Auf dem Land kann ich es ehrlich nicht aushalten.
Einmal haben sie versucht, mich aufs Land zu verpflanzen. Ich war sieben Jahre alt, und es war irgend so ein Pflegschaftsdeal. Ich sollte von einem komischen Ehepaar in Pflege genommen werden, das in Cambridgeshire ein großes Haus hatte, wo sie sich Ponys und Hunde und ungefähr noch fünf andere Kinder hielten. Es war einer von den Deals, bei denen alle Sozialarbeiterinnen glasige Augen und feuchte Höschen bekommen.
»Was meinst du, wie es dir da gefallen wird, Eva«, haben sie gewiehert. »Viel Platz zum Toben. Und lauter grünes Gras und Bäume.«
Meiner Meinung nach haben diese Sozialklempner nicht die leiseste Ahnung von Stadtkindern. Wir mussten um neun ins Bett. Wir hatten nichts zu tun. Die Ponys waren hinterlistige Biester. Die Hunde haben gefurzt und hatten Flöhe und haben das schöne grüne Gras vollgeschissen. Und was das komische Ehepaar angeht, die beiden waren Religionsfreaks, die haben erwartet, dass sich alle Kinder miteinander vertragen sollten.
Wie kommen die Leute bloß darauf, dass du mit jemandem gut auskommen musst, bloß, weil er genauso alt ist? Kinder, die in Pflege gegeben werden, kommen schließlich von überall her. Sie sind durcheinander. Ganz egal, aus was für einer Familie du kommst, dein Zuhause vermisst du immer. Manche Kinder wollen dich einmachen, manche Kinder klauen, manche Kinder machen ins Bett, manche Kinder spielen mit Feuer, manche Kinder können nicht sprechen. Und so was soll nun prima miteinander auskommen und dankbar sein für das Gras und die tückischen Ponys.
Die Natur soll dir ja angeblich guttun. Aber das stimmt nicht. Die Natur beißt und sticht oder vergiftet dich, einfach nur so. Und außerdem gibt es auf dem Trafalgar Square mehr Vögel, als ich je auf dem Land zu sehen gekriegt habe – die toten auf den Straßen mitgerechnet.
Nein. London ist der einzige Ort, wo es zum Aushalten ist. Lass dir bloß nichts anderes erzählen.
In London kommst du immer durch: Irgendwie kannst du da immer ein paar Kröten machen – und ein Plätzchen zum Pennen findet sich auch. Zimperlich darfst du nicht sein, aber wenn du überleben willst, ohne dass dir zu viele Fragen gestellt werden, dann geht das nur in London.
Du darfst allerdings nicht auf den Kopf gefallen sein. Was man von mir nun wirklich nicht behaupten kann. Viele Leute glauben, ich wäre dumm – weil ich eine ziemliche Kante bin. Dicke Muckis, kleines Hirn, stimmt’s? Na, wer das meint, der ist in etwa so helle wie ’ne Eierkohle.
Und wer das mir gegenüber laut ausspricht, der fängt sich ein dickes Knie ein.
Ich ließ den Wagen am Bahnhof Waterloo stehen und schlappte zu Fuß nach Hause.
In dem Jahr hatte ich ein Zuhause. Und einen richtigen Job.
Der Zaun war oben mit Stacheldrahtschlingen gesichert. Ich holte die Schlüssel raus und sperrte die Vorhängeschlösser am Tor auf. Vorsichtshalber pfiff ich – wiii-uuuuu. Es war nach Mitternacht, und die Hunde waren bestimmt ausgehungert.
Sie kamen aus dem Dunkeln auf mich zugeflogen, rammten mir die Köpfe gegen Knie und Oberschenkel.
»Hallo, Ramses«, sagte ich. »Hallo, Lineker.«
Sie waren keine üblen Kerle, dafür, dass sie Hunde waren, nur ein bisschen übereifrig. Sie liefen vor mir her zum Zwinger, und ich schloss auf. Ich mischte ihnen ein paar Schaufeln Hundeflocken unter ihre ekelige Futterpampe und wartete, bis sie es runtergeschlungen hatten.
Dann nahm ich die Taschenlampe und machte meine Runde.
Das Gelände war weitläufig, also dauerte es seine Zeit. Am besten war es auf dem Gebrauchtwagenparkplatz, weil der nämlich beleuchtet war. Ich musste bloß den Zaun überprüfen und zwischen den Wagen nachsehen, ob auch keiner auf den Rücksitzen kampierte.
Als Nächstes überzeugte ich mich, ob die Türen zum Verkaufsraum und den Büros abgeschlossen waren.
Am schlimmsten war es auf dem Schrottplatz. Zwar gab es da einen großen Scheinwerfer, nur war leider die Birne hinüber. Ich habe es Mr. Gambon schon dreimal gesagt, aber der ist ein echter Geizkragen.
»Der Schrott ist doch Tausende wert«, habe ich zu ihm gesagt. »Sie haben da haufenweise Ersatzteile rumliegen. Mit einer Glühbirne wäre mir sehr geholfen.«
»Faules Stück«, sagte er. Zu mir! Wie konnte ich aber auch so blöd sein, ihn um etwas zu bitten, was mir die Arbeit erleichtert hätte? Genauso gut hätte ich ihm gleich eine Lizenz zum Neinsagen geben können.
Demnächst muss ich mal den Besitzer deswegen anhauen, dachte ich. Aber seitdem er nach Ongar gezogen ist, kriege ich ihn kaum noch zu Gesicht.
Lineker schnupperte an einem Haufen Eisenstangen, aber Ramses hielt auf den Zaun zu. Ich folgte Ramses, weil er so aussah, als ob er etwas Bestimmtes angepeilt hätte. Als ich ihn einholte, biss er gerade einer großen Ratte das Hinterteil ab.
Oben am Zaun brannten ein paar trübe Funzeln, und darunter hing ein Schild, auf dem »Armour Protection« stand. Ich weiß nicht, was Armour Protection ist oder ob es hier so was je gegeben hat, aber der einzige Schutz, den die Anlage jetzt hatte, waren Ramses, Lineker und ich.
3
Mein Zuhause war ein aufgebockter Wohnanhänger.
Der Besitzer von dem ganzen Krempel kauft nicht nur gebrauchte PKWs und Nutzfahrzeuge, sondern manchmal auch Caravans und Wohnmobile. Meine Kiste hatte fast ihr ganzes Leben in der Gegend von Poole Harbour in Dorset verbracht, und wenn das Wetter feucht genug ist, mieft die Einrichtung immer noch nach Salzwasser und Meeresschimmel.
Ich hätte ja lieber einen fahrbaren Untersatz mit Rädern, dann könnte ich ihn im Notfall an einen Wagen hängen und mit Sack und Pack umziehen. Um einen stillgelegten Hänger vom Fleck zu kriegen, musst du ihn auf einen Laster hieven, und so was braucht seine Zeit. Aber als der Besitzer mich eingestellt hat, konnte er mir nur diese Kiste ohne Räder anbieten. Und – Mief hin oder her – ich musste zugeben, ein Platz im Obdachlosenasyl konnte dagegen nicht anstinken.
Zu der Zeit passte mein gesamtes Hab und Gut noch in eine Plastiktüte. In den sechs Monaten, die ich in dem Hänger wohne, hat sich ein bisschen mehr angesammelt, aber ich kann mir etwas darauf einbilden, dass ich trotzdem im Falle eines Falles innerhalb von zehn Minuten mit dem Nötigsten bepackt und abmarschbereit sein könnte.
Ich will dir ein Geheimnis verraten – ich schleppe ständig eine Zwei-Unzen-Tabaksdose mit mir herum, und in dieser Dose habe ich alles, was ich zum Licht- und Feuermachen, zum Kochen und für kleinere Wehwehchen brauche. Wachsstreichhölzer, eine flach geschabte Kerze, Skalpellklingen, Draht, ein Sägeblatt, wasserfestes Pflaster, Nadel und Faden, Aspirin, Teebeutel und Brühwürfel. Schon erstaunlich, was man alles in einer Zwei-Unzen-Tabaksdose unterbringen kann, wenn man wissenschaftlich vorgeht.
Die Idee habe ich aus dem SAS Survival-Handbuch. Ich fühle mich sicherer damit, und ich kann es nur jedem empfehlen, der regelmäßig mitten in der Nacht hochschreckt, weil er vor Überschwemmungen, Feuersbrünsten, radioaktiven Niederschlägen oder Obdachlosigkeit Angst hat. Lass dir eins gesagt sein: Sei stets auf das Schlimmste gefasst, dann schläfst du besser.
Die Nacht ist für mich die schlimmste Zeit. Ich gehe lieber weg und unternehme was, als dass ich alleine im Dunkeln liege und nicht einschlafen kann. Darum ist dieser Nachtwächterjob auch so ideal für mich. Ich darf nicht einschlafen, und wenn ich Gesellschaft brauche, sind immer Ramses und Lineker da oder ich kann durch den Zaun mit irgendwelchen Nachtschwärmern ein paar Worte wechseln.
Nachdem ich meinen Rundgang beendet hatte, ging ich zum Hänger, weil ich Kohldampf hatte. Ein Briefumschlag klebte an der Tür. Ich riss ihn auf und las den Zettel im Licht der Taschenlampe. Er war von heute, und es stand eine Nachricht darauf: Morgen Abend um sechs, Mr. Cheng.
Mr. Cheng macht nie viele Worte. Mr. Cheng ist überhaupt ein sehr zugeknöpfter Mensch. Wahrscheinlich glaubt er, ich kann nicht lesen und er tut mir einen Gefallen, wenn er mir kurze Briefe schreibt. Er meint, alle Nicht-Chinesen wären dumm, und verglichen mit Mr. Cheng sind sie es vielleicht sogar. Ich könnte ihn jederzeit kleinkriegen und in die Tasche stecken. Aber das würde ich mir nie erlauben, weil sich Mr. Cheng nämlich keine Unverschämtheiten gefallen lässt.
Ich steckte den Zettel ein und schloss die Tür auf.
Ich war sehr zufrieden. Was Mr. Cheng auch von mir wollte, es lief auf jeden Fall darauf hinaus, dass ich mir morgen ein bisschen Knete nebenbei verdienen konnte. Extraknete ist nie zu verachten. Mit diesem Job verdiene ich mir das Nötigste – ein Dach über dem Kopf und was zum Essen –, aber wenn ich was auf die hohe Kante legen oder mir die Zähne richten lassen will, brauche ich einen kleinen Nebenverdienst. Deshalb das Catchen und Mr. Cheng.
Ich ließ die Hängertür offen, damit der Meeresmief abziehen konnte. Ehrlich gesagt, miefte ich selber nicht schlecht. Wegen dem Krach mit dem Macker der Blonden Bombe hatte ich mich in Rübenstadt nicht waschen können.
Harsh sagt, ein Kämpfer muss in Dingen der Körperpflege immer hundertprozentig auf sich achten, also pumpte ich mir Wasser hoch und setzte zwei volle Kessel aufs Gas.
Ich habe auch einen Heißwasserboiler, aber der braucht Strom, und ich verbrauche im Hänger keinen Strom. Wer Strom verbraucht, kriegt Stromrechnungen. Der Hänger ist ans Netz angeschlossen und hat einen Zähler, aber der Mensch, der den Zähler abliest und entscheidet, was ich zu blechen habe, ist Mr. Gambon. Und nachdem er mich in den ersten Monaten ein paarmal saftig übers Ohr gehauen hat, habe ich beschlossen, dass ich auf den Scheißstrom verzichten kann. Ich habe Taschenlampen, und ich habe Gas. Wenn das Gas alle ist, besorge ich mir eine neue Flasche, und wenn die Batterien leer sind, kaufe ich mir neue.
Ich bin mein eigener Herr. Stimmt’s?
Nachdem ich mich gewaschen hatte, zog ich mir einen sauberen Trainingsanzug an. Dann machte ich mir eine Kanne Tee und wärmte ein paar Büchsen Eintopf auf. Harsh sagt, ich soll grünes Gemüse essen, aber in dem Eintopf waren nur Kartoffeln und Möhren. Zwar nicht gerade grün, aber immerhin Gemüse, das musste reichen. Harsh sagt auch, dass ich kein Weißbrot essen soll. Aber ich mag kein Graubrot und vor allem kein Vollkornbrot, mit den ganzen Körnern drin. Es kommt vor, dass man sich Zahnschmerzen einfängt, wenn man draufbeißt.
Es kommt auch manchmal vor, dass ich denke, Harsh redet nur Scheiße. Fast alles, was er mir rät, ist entweder anstrengend oder es schmeckt nicht.
Kompromissbereit aß ich zwei Schnitten Weißbrot und zwei Schnitten Graubrot.
Beim Essen starrte ich mein Plakat an. Ich hatte die Taschenlampe so hingestellt, dass das Licht voll darauf fiel. »Eva Wylie«, stand darauf, »Die Londoner Killerqueen«.
Auf dem Foto sah ich nach rechts in die Kamera. Ich war ganz in Schwarz und ließ meinen Bizeps spielen. Kein schlechter Bizeps, auch wenn ich es selber sage.
»Brutal«, sagte ich zu mir. »Echt brutal.«
Es gab mir das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein. Es gab mir das Gefühl, real zu sein.
Aber nach einer Weile sah ich nach unten in den Topf. Ich sollte nicht aus dem Topf essen, ich weiß, aber ich bin ja alleine, also macht es nichts. Die verkrusteten Eintopfreste auf dem Boden erinnerten mich irgendwie an die toten, von vielen Wagen plattgefahrenen Füchse auf der Straße.
Ich fragte mich, wo wohl die Zeit geblieben war, und schon ging es mir nicht mehr so gut. Die Zeit macht das manchmal – offenbar spielt sie Bockspringen mit sich selber. Und dann fühlt man sich ganz verloren.
Lineker bellte, also riss ich mich zusammen und sah nach, was anlag.
Lineker ist ein schönes Tier. Nichts als Muskeln. Sein kurzes Fell ist so glänzend, dass es aussieht, als hätte ihn einer mit der Spraydose eingesprüht. Aber sein Bellen … irgendwie fistelig und übergeschnappt, wie die Stimme eines kleinen, rothaarigen Mannes.
Ramses hat O-Beine und einen Stiernacken. Er bellt nicht oft, aber wenn er bellt, hört es sich an wie ein Elektrobass – eigentlich ziemlich melodisch, aber auch gefährlich.
Vor dem Zaun standen zwei Jugendliche, die mit Stöcken nach Lineker stocherten. Lineker war total aus dem Häuschen. Aber Ramses stand im Dunkeln und wartete.
Wenn du zwei Jungs auf einem Haufen siehst, hast du zwei Leute vor dir, die was im Schilde führen. Das weiß jedes Kind. Ich wette mit dir um einen Wochenlohn, dass drei Viertel von allem Unheil auf dieser Welt von männlichen Jugendlichen im Alter zwischen acht und achtzehn Jahren angerichtet wird.
Was soll’s? Solange sie in meinem Revier nichts anrichten, kann es mir egal sein.
Ich sagte: »Ihr seid aber spät noch unterwegs.« Bloß nichts überstürzen, das ist die Devise. Ich hätte sie sofort wegjagen können, aber ich behielt meine relaxte mentale Einstellung bei. Wenigstens mal jemand, mit dem man reden konnte.
Der Bursche mit dem Stock trat vom Zaun weg. Sein Kumpel sagte: »Wir haben bloß mit dem Hund geredet.«
»Seid lieber vorsichtig«, sagte ich. »Er ist ziemlich bösartig.«
»Mein Bruder hat einen Dobermann«, sagte der Junge mit dem Stock zu niemand Bestimmtem. Sein Kumpel glotzte mich komisch an.
»Du bist ja gar kein Kerl«, sagte er plötzlich. »Du bist ja ’ne Tussi.«
»Das gibt’s doch nicht!«, sagte sein Kollege.
»Ungelogen.«
»Godzilla!« Er schmiss den Stock an den Zaun, und sie hauten ab. Lineker stürzte mit wütendem Gebell hinter ihnen her.
»Verpisst euch, ihr Arschgesichter!«, brüllte ich.
Eigentlich schade. Seit die Polizei die Mädels aus der Mandala Street umquartiert hat, ist es in dieser Ecke ein bisschen ruhig geworden. Ich hätte schon Glück haben müssen, wenn ich bis um halb acht, wenn ich den Männern den Platz aufsperrte, noch mit irgendwem ein Wort wechseln konnte.
Die Typen reden nicht viel mit mir, aber sie respektieren mich.
Sie respektieren mich aus zwei Gründen. Erstens – ich kann mit den Hunden umgehen. Zweitens – es sind keine Diebstähle mehr vorgekommen, seit ich hier das Kommando habe. Nicht ein einziger.
Mehr erwarte ich auch gar nicht. Nur ein bisschen wohlverdienten Respekt.
4
Ich wachte ungefähr um zwei Uhr nachmittags auf. Sonnenlicht quetschte sich durch die orangeroten Vorhänge, und im Hänger sah es aus, als ob es brannte.
Die riesige Schrottpresse malmte und krachte, begleitet von der vertrauten Geräuschkulisse aus Geschepper, Gepolter und Männergeschrei.
Auf einem Schrottplatz ist es nie zu leise zum Schlafen.
Ich sprang auf und brachte rasch meine Dehnübungen hinter mich.
Ich wollte meine Ma besuchen, und ich musste vor drei Uhr bei ihr sein.
Das ist die beste Zeit, wenn du mit meiner Mutter reden willst, solange sie noch alle beisammen hat. Vor eins steht sie nicht auf, und ansprechbar ist sie erst, wenn sie den ersten Schnaps intus hat. Dann hat sie ein paar gute Stunden, aber danach geht es rapide bergab mit ihr, bis sie ungefähr um vier Uhr in der Früh wieder ins Bett geht.
Sie hat es im Leben nicht leicht gehabt, also kannst du dir deine Vorwürfe sparen.
Wenn man sagt, dass jemand es im Leben nicht leicht gehabt hat, stellt man sich doch einen alten Menschen vor, oder? Na los, du kannst es ruhig zugeben.
Dabei ist meine Ma noch nicht mal vierzig, und sie könnte auch noch ziemlich gut aussehen, wenn sie nur ein bisschen auf sich achten würde. Wenn sie abends ausgeht, aufgedonnert und aufgetakelt wie ein Christbaum, sieht sie richtig knackig aus – wenn ihr das Licht nicht gerade ins Gesicht strahlt. Du glaubst es kaum, dass sie stockbesoffen ist und dass ihr schon in ein paar Stunden das Make-up verschmiert am Kinn klebt.
Sie wohnt in einem Hochhaus, im zweiten Stock – was von Vorteil ist, weil nämlich der Aufzug nie funktioniert. Und wenn man bedenkt, in was für einem Zustand sie immer nach Hause kommt, würde sie die meisten Nächte auf der Treppe verbringen, wenn sie nur eine Etage höher wohnte.
Der Wind pfiff trotzdem durchs Treppenhaus, und ziemlich eklig sogar, auch weiter unten. Ich klopfte bei ihr an und wartete.
Als sie kam, öffnete sie die Tür nur einen Spalt und lugte hindurch wie ein verschrecktes Kaninchen. Jedes Mal, wenn sie die Tür aufmacht, sieht sie aus, als ob sie Angst hat, was mich bei ihrem Lebenswandel auch gar nicht wundert.
Als hinter mir ein paar Kids auf dem Skateboard vorbeizischten, zuckte sie zusammen.
»Komm lieber rein«, sagte sie und drehte sich um.
Als sie an der Schlafzimmertür vorbeikam, zog sie sie zu. Das bedeutete, dass sie letzte Nacht einen Kerl an Land gezogen hatte, der noch immer seinen Rausch ausschlief.
Wie schon gesagt, du darfst ihr keine Vorwürfe machen – irgendwie muss jeder zusehen, wie er das Geld für die Miete zusammenkriegt.
Wir gingen in die Küche durch.
Du denkst jetzt womöglich, dass es von allen Zimmern in diesem Loch, das meine Mutter ihr Zuhause nennt, in der Küche am schlimmsten aussieht. Falsch gedacht. Es sieht am besten aus. Und das erklärt sich ganz einfach dadurch, dass sie die Küche nie benutzt, höchstens mal, um sich eine Tasse Pulverkaffee aufzubrühen. Das Essen kommt in Mas Leben erst nach dem Trinken. Wenn sie Hunger hat, holt sie sich einen Hamburger.
In der Küche sagte sie als Allererstes zu mir: »Wenn er reinkommt, sagst du, du bist meine Schwester, ja?«
Ich lachte, und sie muss mir wohl irgendwas angemerkt haben, denn sie sagte: »Vergiss es – du bist eine Nachbarin.«
Ich sagte: »Wo wir gerade von Schwestern reden …«
»Fang bloß nicht wieder damit an«, fiel sie mir ins Wort. »Mir platzt der Kopf.«
Ich setzte schweigend den Kessel auf und machte uns zwei Tassen Pulverkaffee. Sie holte eine Flasche aus dem Schrank unter der Spüle und kippte sich einen Schuss in die Tasse.
»Nur damit es weggeht«, sagte sie. Sie kann das Lügen nicht lassen, meine Ma.
Ich gönnte ihr ungefähr eine Minute, dann sagte ich: »Es ist wichtig, Ma. Hast du was gehört?«
»Das ist der einzige Grund, warum du herkommst«, sagte sie. »Um mir wegen ihr Löcher in den Bauch zu fragen. Alles andere ist dir doch scheißegal, sogar deine arme, alte …«
»Mutter«, ergänzte ich. Sie kann sich nicht überwinden, das Wort in den Mund zu nehmen.
»Du sollst das nicht sagen«, fauchte sie und warf über die Schulter einen Blick auf die Tür. Sie trat sie zu. Sie hatte nackte, dreckige Füße, und ihre dicken Onkels waren schief, weil sie immer in zu spitze Schuhe gequetscht wurden.
»Was soll ich denn sonst zu dir sagen?«, fragte ich. Ich wurde langsam wütend.
»Ich habe schließlich einen Namen.«
»Und ich habe eine Schwester!«
»Jetzt halt endlich den Rand!«, schrie sie. »Sie will nichts mit dir zu schaffen haben. Guck dich doch an.«
»Woher willst du das wissen?«, schnauzte ich sie an. »Wir haben uns immer gut vertragen.«
»Das ist ewig her.«
»So lange auch wieder nicht.«
Dann hörten wir, trotz der Brüllerei, plötzlich die Klospülung.
Ma stand auf. Sie nahm ihre Tasse und den Kaffee, den ich mir gemacht hatte. Sie wollte ins Schlafzimmer.
»Die Tür findest du alleine«, sagte sie zum Abschied.
Am liebsten hätte ich was zerdeppert.
Aber frühes Training zahlt sich aus, und wenn wir als Kinder überhaupt eine Lektion gelernt haben, dann war es die, immer auf Zehenspitzen um Mas Männer rumzuschleichen. Wenn Ma einen Mann im Haus hatte, sind wir entweder schnell verduftet oder wir haben so getan, als wären wir nicht da. Ma war nie besonders wählerisch mit den Typen, die sie anschleppte.
Das war im Grunde ihr Unglück.
Ich ging ins Wohnzimmer. Mir kam der Gedanke, dass Ma eigentlich nie Kinder hätte haben dürfen. Aber sie hat sich welche angeschafft. Und eins davon war ich.
Das andere war Simone.
Das Wohnzimmer war die reinste Müllkippe. Alter, kalter Rauch hing dick in der Luft. Bierdosen und Aschenbecher waren vom Couchtisch auf den Fußboden gewandert. Irgendwer hatte am Fernseher eine Flasche zertrümmert, und ein angebissener Hamburger war in den Teppich getreten worden. Im Großen und Ganzen sah es aus wie auf einer von dieser Landstraßen, für die ich nichts übrighabe.
Hätte Ma mal einen Freund wie Harsh gehabt, dachte ich, wäre alles viel sauberer gewesen. Und Harsh wäre vielleicht mein …
Daran durfte ich nicht denken.
Das, wohinter ich her war, lag hinter dem Fernseher unter einem Stapel von Mas »Wahre Liebe«-Illustrierten. Sie liest den Schrott nicht mehr – sogar meine Ma lernt manchmal noch was dazu –, aber immer, wenn sie umzieht, schleppt sie den alten Plunder mit, ihre Bücher, wie sie dazu sagt.
Unter Mas Büchern lag ein altes Fotoalbum. Unsere Oma hat es Ma hinterlassen, als sie gestorben ist. In dem Album klebte ein Bild, das ich sehen wollte. Es war das letzte Foto, auf dem Simone und ich zusammen drauf waren.
Ich blätterte das Album rasch durch. Die Bilder von Ma als jungem Mädchen wollte ich nicht sehen. Davon kriege ich immer einen Kloß im Hals, weil sich Simone als Zehnjährige und meine Ma als Zehnjährige sehr ähnlich gesehen haben. Unheimlich ähnlich.
Ich fand die Seite. Da waren wir, bei unserer Oma im Wohnzimmer.
Ich weiß noch ganz genau, wann das Bild gemacht worden ist. An Simones zwölftem Geburtstag, zwei Tage, bevor sie in Pflege kam und weggeholt wurde. Also war es zwei Tage vor dem Tag, an dem ich sie zum letzten Mal gesehen habe.
Sonst waren wir immer zusammen weggeschickt worden. Und wenn wir zurückdurften oder abgehauen waren, haben wir uns bei Ma wiedergetroffen. Und wenn wir Ma nicht finden konnten, sind wir zu unserer Oma gegangen.
Aber damals haben sie uns getrennt. Und ungefähr ein Jahr später ist dann meine Oma gestorben.
Simone ist nie wieder nach Hause gekommen.
Ich habe später gehört, dass sie zu Pflegeeltern gekommen ist, und bei denen muss es ihr wohl gefallen haben, weil sie dageblieben ist. Oder, was eher wahrscheinlich ist, sie hat ihnen gefallen, und sie haben sie zum Dableiben überredet.
Es war schwer, Simone nicht zu mögen, aber ich muss dir sagen, dass sie kein charakterfester Mensch war. Sie ließ sich leicht überreden. Vor allem, wenn ich nicht bei ihr war und sie nicht daran erinnern konnte, wo wir hingehörten.
Ich starrte lange auf das Gesicht von früher. Sie war so hübsch. Kaum einer wusste, dass wir Schwestern waren. Ich war größer als sie, obwohl ich ein Jahr jünger bin. Und hübsch bin ich noch nie gewesen.
Am allerwichtigsten war es, ihr Gesicht nicht zu vergessen. Manchmal habe ich einen Alptraum. Ich gehe die Straße runter, und eine Bettlerin hält mir die Hand hin. Und ich gehe einfach vorbei. Ich erkenne Simone erst, als sie mich ruft. »Eva«, sagt sie. »Ich hätte dich überall wiedererkannt. Aber du hast mich vergessen.«
Aber ich habe sie nicht vergessen. Und eines Tages finde ich sie. Es muss einfach so kommen, weil schließlich jeder sagt, dass Blut dicker ist als Wasser. Und deshalb weiß ich auch, dass Simone nach mir sucht. Sie sucht mich bestimmt. Und sie kann mich nur finden, wenn sie zuerst Ma findet, weil ich viel erlebt habe, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben.
Ma hat auch viel erlebt, aber wenigstens ist sie im selben Stadtviertel geblieben. Und darauf setze ich. Darum gehe ich Ma alle paar Monate besuchen. Darum und natürlich auch, weil Blut nun mal dicker ist als Wasser, und das gilt sogar für Ma.
Irgendeiner muss schließlich die Familie zusammenhalten.
5
Die Geräusche, die aus Mas Schlafzimmer kamen, hörten sich so an, als ob jemand einen Asthmaanfall hatte.
Ich wusste, dass ich noch ein bisschen länger ungestört im Wohnzimmer rumschnüffeln konnte. Dazu hatte ich nicht oft Gelegenheit. Ich klappte das Album zu und fing an, den Rest des Bücherstapels nach Briefen zu durchsuchen.
Bei Ma musste man nämlich auf alles gefasst sein. Sie war imstande, Briefe ungeöffnet wegzuwerfen, wenn sie Angst hatte, es könnten Rechnungen oder Vorladungen sein.
»Nichts wie Scherereien«, sagte sie dann. »Scherereien mit einer Briefmarke auf dem Umschlag.«
Manchmal, wenn sie wieder ein paar Schnäpse zu viel gekippt hat, befördert sie einfach alles, was durch die Tür kommt, mit einem Fußtritt in die Ecke. Sie könnte eine halbe Million im Toto gewonnen haben oder am nächsten Tag wegen Sozialhilfebetrug vor Gericht müssen. Sie würde es nie erfahren.
Ich musste mit einer Sozialarbeiterin auf die Beerdigung von meiner Oma. Dafür haben sie mich extra rausgelassen.
Ma war nicht da. Sie sagte, es wäre ihr zu sehr an die Nieren gegangen, aber wenn du mich fragst, hatte sie einfach einen im Kahn.
Ich ging hin, weil ich dachte, Simone wäre da. Und – jetzt hältst du mich bestimmt für eine richtige Kuh – ich war Oma richtig dankbar dafür, dass ich ihretwegen aus dem Jugendheim rauskonnte und Simone sehen durfte.
Aber Simone war auch nicht da.
Das war die große Frage, die sich mir hinterher gestellt hat: Warum nicht? Warum war Simone nicht gekommen?
Ma wusste es nicht. Sie war stinksauer auf mich, weil ich sie deswegen andauernd gelöchert habe.
Monate später, als ich meine Strafe abgesessen hatte und wieder zu Hause war, fand ich einen Brief. Er war von Simones Sozialarbeiterin, und sie hatte geschrieben, sie wäre nach eingehenden Gesprächen und Beratungen mit Simones neuer Familie zu dem Schluss gekommen, dass es nicht im Interesse des Kindes wäre, es einer solchen emotionalen Belastung auszusetzen.
Mit anderen Worten, sie hatten es ihr verboten.
Hätte Ma mir das gesagt, hätte ich mir nicht monatelang Gedanken und Sorgen machen brauchen.
Aber Ma hatte den Brief noch nicht mal aufgemacht.
Verstehst du jetzt, was ich meine?
»Nicht im Interesse des Kindes« – tolle Phrase, was? Als Kinder hatten wir einen Witz. Der ging so. Frage: Was ist der Unterschied zwischen einem Sozialarbeiter und einem Pitbullterrier? Antwort: Der Pitbullterrier rückt das Kind wieder raus.
Ich musste aufhören, an die alten Zeiten zu denken. Ich hatte schon einen Kloß im Hals.
Aber bei dem Gedanken an Sozialarbeiter kam ich auf eine Idee.
Es war Jahre her, seit ich das letzte Mal Simones Pflegeeltern besucht hatte. Vielleicht konnte ich die Adresse rauskriegen und ihnen einen Besuch abstatten. Freuen würden sie sich nicht darüber. Beim letzten Mal hatte es ihnen auch nicht gefallen, aber damals war ich noch ein Kind gewesen. Damals wusste ich noch nichts von Selbstdisziplin und einer relaxten mentalen Einstellung.
Das asthmatische Gekeuche aus Mas Schlafzimmer ebbte ab. Als es ganz still wurde, stand ich auf und ging zur Tür.
Dann sagte eine laute Stimme: »Wo zum Henker ist meine Brieftasche?«
Ich hätte früher wieder gehen sollen.
Ma sagte was, was ich nicht verstehen konnte.
Dann sagte er: »Her damit, du Schlampe!«
Und damit fing der Ärger an.
Ma kam ins Wohnzimmer gestürmt, die Haare hingen ihr ins Gesicht, sie hatte nichts an. Sie verkroch sich hinter dem Sofa.
Als er hinter ihr herkam, zog er sich noch den Reißverschluss an der Hose hoch. Er hatte kein Hemd an, und seine Tätowierungen waren nicht zu übersehen.
Ma sagte: »Du musst sie im Club vergessen haben, du musst sie im Club verloren haben, du musst …«
Aber so blöd war er denn doch nicht. Er sagte: »Ich habe nirgendwo was verloren. Rück sie raus, du Schlampe.«
»Dann muss sie im Auto sein. Im Treppenhaus …«
»Schnauze!«
»Ich helf dir suchen …«
Er langte über das Sofa, packte ihr Handgelenk und drehte es gemein herum.
»Du Mistkerl!«, kreischte Ma.
»Du diebisches Flittchen!«, sagte er und ballte die Faust.
Daraufhin krallte ich mich mit der einen Hand in seine Haare, mit der anderen in seinen Hosenboden. Ich stellte mich hin, als wäre ich im Ring, riss ihn um und hob ihn gleichzeitig hoch.
Er flog im hohen Bogen bis zur Tür, wo er auf dem Hintern landete.
Ma wurde über die Rückenlehne mitgerissen und fiel in die Polster. Das Sofa kippte um.
Sie musste die Brieftasche des Mistkerls wohl unter ein Polster gestopft haben. Kaum lag das Sofa nämlich auf der Seite und die Polster waren überall auf dem Boden verstreut, konnte ich sie deutlich sehen.
Ma sah sie auch, sie hörte nämlich auf zu kreischen und setzte sich drauf.
Ich fühlte mich großartig.
Der Gipskopf auf dem Boden sagte: »Wer bist du denn?«
»Abmarsch, Mister.«
Er wollte aufstehen, aber ich trat ihm den Arm weg, und er kippte wieder um.
Er wollte nicht kämpfen. Schade eigentlich, weil ich wirklich in Stimmung war. Er rutschte irgendwie auf dem Hosenboden aus dem Zimmer. Im Korridor rappelte er sich hoch und schoss wie ein Windhund aus der Startbox zur Wohnungstür raus.
Ich ging ins Schlafzimmer, sammelte seine restlichen Klamotten ein und brachte sie ihm nach draußen.
Er stand fröstelnd in dem zugigen Treppenhaus. Tätowierungen halten nicht besonders gut warm.
Er sagte: »Die hat meine Brieftasche geklaut.«
»Du hast ja gehört, was sie gesagt hat«, meinte ich. »Du musst sie verloren haben. Und jetzt zieh Leine, sonst gehe ich noch nach unten und spring dir auf die Karre.«
Wenn du einen Mann kleinkriegen willst, brauchst du bloß seinen Wagen bedrohen. Er nahm seine Klamotten und ging.
Als ich wieder reinkam, hockte Ma immer noch auf dem Fußboden. Irgendwo hatte sie eine Flasche aufgetrieben, die sie sich nun hinter die Binde goss.
Sie sagte: »Er hat mir wehgetan. Er hat mir den Arm verrenkt.« Ein Geplärre wie von einem Kleinkind.
Ich sagte: »Zieh dir was über.«
Ich war richtig gut drauf, aber ich konnte es nicht leiden, dass Ma nichts anhatte. Sie sah so schwach und jämmerlich aus.
»Zieh dich an«, wiederholte ich.
»Mein Arm tut weh«, sagte sie, an der Flasche nuckelnd. »Ich glaube, ich muss zum Arzt.« Sie blieb einfach sitzen.
Mir reichte es. Ich war schon draußen und hatte die Tür hinter mir zugeknallt, da fiel mir Simones alte Adresse wieder ein. Ich klopfte und wartete. Ich klopfte noch mal.
»Ja?«, schrie Ma hinter der Tür.
»Die Familie«, schrie ich zurück. »Simones Pflegeeltern. Wo wohnen die?«
»Du bist eine Nervensäge«, sagte sie durch den Briefkastenschlitz. »Weißt du das? Du bist eine richtige Nervensäge.«
Ich wartete. Irgendwie dachte ich, sie würde vielleicht dieses eine Mal was für mich tun. Aber es passierte nichts. Also ging ich.
Solange ich denken kann, wird Ma schon von Männern verprügelt. Das kann man ihnen nicht mal unbedingt verdenken. Manchmal würde ich ihr am liebsten selber eine scheuern.
Ich kann bloß nicht verstehen, warum sie sich das immer noch gefallen lässt.
Man braucht sich doch nur im Fitnessstudio ein bisschen Kraft antrainieren. Wenn man stark ist, nehmen sich die Männer keine Frechheiten raus.
Mich schlägt keiner mehr – es sei denn, ich werde dafür bezahlt.
Ich hoffe, Simone ist stark. Wenn irgendwer Kraft wirklich nötig hat, dann ein hübsches Mädchen.
Natürlich war ich von Geburt an im Vorteil. Ich bin schon immer ziemlich bullig gewesen. Aber die Statur allein macht es auch nicht. Bullige Schwächlinge kennen wir doch alle.
Nein. Lass dir einen Tipp geben – wenn du dir auf dieser Welt Respekt verschaffen willst, sieh zu, dass du was anderes in die Arme kriegst als Pudding.
6
Die nächsten paar Stunden verbrachte ich im Fitnessstudio beim Krafttraining.
Harsh trainiert auch in Sams Studio, nur war er an dem Tag noch im Land der Kohlköpfe.
Aus einem Stimmungstief kommst du am ehesten mit hartem Training wieder raus. Aber in Gesellschaft trainiert es sich leichter. Wenn du allein bist, langweilst du dich und wirst nachlässig, und ehe du dich’s versiehst, achtest du nicht mehr auf deine Körperhaltung. Wenn du darauf nicht achtest, läufst du Gefahr, falsch zu heben und dich zu verletzen.
An dem Tag hatte ich den Laden jedenfalls ganz für mich alleine, und die Zeit wurde mir lang, aber trotzdem duschte ich hinterher gründlich und wusch mir die Haare.
Ich rief bei meinem Promoter an und erfuhr, dass ich am kommenden Wochenende für einen Kampf engagiert war. Noch mehr Kohle.
Wo die Hanteln am Nachmittag versagt hatten, wirkte die Aussicht auf Geld, so dass ich wesentlich besser gelaunt war, als ich mich um sechs in Mr. Chengs Restaurant meldete.
Das Beijing Garden hieß früher Peking Garden, aber aus irgendeinem Grund hat Mr. Cheng letztes Jahr den Namen geändert. Das Restaurant war noch nicht richtig geöffnet, als ich ankam, aber richtig geschlossen war es auch nicht mehr. Wegen Mr. Chengs Verwandten und Freunden und wegen den Glücksspielen im ersten Stock ist es eigentlich nie ganz zu.
Ich trug meine schwarze Lederjacke. Mr. Cheng mag mich in der Jacke – er meint, darin sehe ich aus wie ein Gangster. Hätte mich ein kleines Vermögen gekostet, die Jacke, wenn ich sie bezahlt hätte.
Als ich ankam, lehnte Mr. Cheng hemdsärmelig auf der Theke und bearbeitete seinen Taschenrechner. Er hat einen Sinn für Zahlen. Ich glaube, er mag sie lieber als Essen oder Menschen.
Er sagte: »Habbenkleinjobfüddieva.«
Er meinte: »Ich habe einen kleinen Job für dich, Eva.« Aber er redete so schnell, dass ich es mir erst mal übersetzen musste.
»Tantaboln«, sagte er.
Okay, dachte ich – Tante abholen. Schon kapiert.
»Hinter«, fuhr er fort, »färsseinneabnertrokassirn.«
»Was?«
Er sah hoch. »Wassenlos, Eva? Bissetaub, oder was? Ich habe gesagt, hinterher fährst du in die Abernathy Road kassieren.«
»Ach so«, sagte ich. »Okay, Mr. Cheng, wird erledigt.«
Er hielt mir die Hand hin. »Schlüssel«, sagte er.
»Wo?«
»Fristree.«
Das hieß, dass der Rover auf dem Parkplatz in der Frith Street stand. Ich nahm den Schlüssel und ging. Mr. Cheng redet zu viel.
Ich mochte den Rover. Er war groß und schwarz, und er wurde beachtet. Und es war mal eine Abwechslung, einen Wagen mit der Erlaubnis des Besitzers zu fahren.
Trotzdem, ganz legal war die Sache nicht. Ganz legal geht es bei mir nie ab, wenn du es unbedingt wissen willst. Tatsache ist nämlich, dass ich keinen Führerschein habe. Ich bin eine gute Fahrerin, ich habe noch nie einen Unfall gebaut, aber ich habe den Schein nicht. Dazu müsste ich die Prüfung machen. Dazu müsste ich Formulare ausfüllen, und mein Name würde in einem Behördencomputer landen. Darauf kann ich verzichten.
Anstandshalber hätte ich Mr. Cheng die Sache mit dem Führerschein sagen sollen. Aber er hat mich schließlich nie danach gefragt. Und wer keine Fragen stellt, bekommt von mir auch keine Antwort.
Er hat bloß gefragt: »Kannst du fahren, Eva?« Was sich eher wie »Kannzefaaneva?« anhörte.
Ich sagte: »Ja.« Das war’s auch schon.
Mr. Cheng hat mich dann als Fahrerin angeheuert, weil er auf dem Weg zum Flughafen Geschäftliches zu bereden hatte. Wahrscheinlich ging es um ziemlich krumme Geschäfte, weil er jemand brauchte, der kein Chinesisch konnte. Mein Chinesisch ist in etwa so gut wie sein Fachwissen über das Catchen, also passen wir ausgezeichnet zusammen.
Ich fuhr gern mit dem Rover Autobahn. Man fühlte sich so nobel dabei.
Nach sechs Uhr abends durch die Stadt bis zur Edgware Road zu gurken war allerdings was anderes. Die ganze Zeit bloß stop-go-stop. Manchmal glaube ich, London erstickt.
Tante Lo wohnte in einem Apartmenthochhaus. Da hatten sie einen Türsteher, der Aufzug funktionierte, und niemand kam auf die Idee, Geschlechtsteile an die Treppenhauswände zu sprühen.
Obwohl mich der Türsteher gut kannte, ließ er mich erst rein, nachdem er mit Tante Lo telefoniert hatte.
Ich bin noch nie in Tante Los Wohnung gewesen. Es läuft immer auf die gleiche Tour ab – ich gehe nach oben, läute, warte. Sie beäugt mich durch den Spion, hängt die Kette vor und sagt durch den Türspalt: »Bist du das, Eva?« Wenn sie hundertprozentig sicher ist, dass ich es tatsächlich bin, kommt sie mit der Handtasche vor der Brust auf ihren Zehn-Zentimeter-Absätzen rausgestöckelt.
Tante Lo muss mindestens fünfundsechzig sein, aber sie trägt immer die modernsten Teenagerschuhe, die du dir vorstellen kannst. Ansonsten ist sie von dem kleinen Wolljäckchen bis zur Kunstlederhandtasche ganz Mr. Chengs Tante. Aber diese Schuhe!
Sie reißt auch gerne Witze, nur bringt sie leider jedes Mal dieselbe Schote. Und an diesem Abend war es genauso wie an allen anderen Abenden auch.
Sie sagte: »Wann heiratest du, Eva?« Und schon prustete sie heiser los.
Ich sagte: »Die Männer sind alle nicht mein Kaliber, Mrs. Lo.« Und ich wartete, bis sie alle vier Türschlösser abgesperrt hatte.
Als sie so weit war, fuhren wir mit dem Aufzug nach unten, und sie sagte: »Irgendwann muss ich wirklich mal einen Brief nach Hause schreiben – und dann besorge ich dir einen schönen, großen Chinesen.« Prust-prust-prust, bis wir unten waren.
Ich kann Tante Lo gut leiden. Sie ist eine patente Type. Wenn im Beijing Garden einer Probleme hat, kriegt er von allen Seiten den Rat zu hören: »Frag Tante Lo.« Nur bei Mr. Cheng klingt es wie »Frachtalo«.
Auf der Rückfahrt zum Restaurant nahmen wir noch zwei Männer mit. Sie waren ein gutes Stück jünger als Tante Lo und warteten an der Kreuzung Cabal Street auf uns.
»Große Party heute Abend«, sagte Tante Lo. Und als die beiden Männer hinten einstiegen, schnaubte sie und sagte: »Nicht groß genug für dich, Eva?«
»Im Leben nicht.«
»Prust-prust-prust!«
Mr. Cheng kam aus dem Beijing Garden auf den Bürgersteig. Er hatte sich die schwarze Jacke angezogen, um Tante Lo aus dem Wagen zu helfen. Nachdem er Tantchen im Restaurant abgeliefert hatte, kam er noch mal zurück und gab mir einen anderen Schlüssel.
»Nimmenastra.« Das hieß, sein heißgeliebter Rover sollte nicht in eine abgewrackte Gegend wie Notting Hill Gate.
Außerdem gab er mir einen unbeschrifteten, weißen Briefumschlag.
»Beismie«, sagte er.
Ich parkte den Rover und stieg gehorsam in den Astra um.
Mr. Chengs Anweisungen hören sich vielleicht ein bisschen merkwürdig an, aber sie sind immer präzise. Und wenn ich mich genau daran halte – Tante abholen, bei Smith vorbeischauen, die Knete abliefern –, dann bezahlt er mich auch präzise. Bei ihm gibt es nie so was wie »Schönen Dank, Eva, du hast was gut bei mir«. Er sagt noch nicht einmal danke. Ich kriege meine Kohle und in der nächsten Woche vielleicht den nächsten Job.
Bei Mr. Cheng weißt du immer, wo du dran bist. Allerdings weißt du nie, was er eigentlich treibt oder was er denkt. Aber das passt mir ausgezeichnet.
Bermuda Smith hat eine Kellerbar – Musik, Tanz, Speisen und Getränke. Von jedem etwas. Er engagiert gute Bands.
Die Weißen kommen wegen der Musik und der Atmosphäre, aber sehr wohl fühlen sie sich nicht unter den ganzen Schwarzen.
Die Bullen kommen wegen der Drogen.
Mr. Cheng betritt den Laden überhaupt nicht. Nicht mal seinen Rover lässt er in die Gegend.
Ich weiß nicht, was für Geschäfte er mit Bermuda Smith macht, aber jedes Mal, wenn ich mit einem unbeschrifteten, weißen Briefumschlag auftauche, etwa alle zwei Monate, gibt Bermuda Smith mir eine Plastiktüte für ihn mit.
Die Plastiktüte ist immer mit Isolierband zugeklebt, also kann ich dir nicht sagen, was drin ist. Ich glaube, ein Haufen Kohle.
Wenn du jetzt vielleicht denkst, das wäre die Chance für mich, einen Riesencoup zu landen, hättest du dich schön geschnitten. Und ich will dir auch sagen, warum. Als ich das erste Mal für Mr. Cheng etwas abholen musste, hat er mich beschatten lassen. Und das Paket, das ich abgeholt habe, war eine Attrappe. Das weiß ich, weil er es mir später gezeigt hat. Er hat kein Wort gesagt. Er hat das Päckchen nur mit der Lupe untersucht, um zu sehen, ob ich es mit einer Rasierklinge aufgeschlitzt hatte. Dann hat er es aufgemacht. Es war bloß zerschnittenes Zeitungspapier drin. Und eine kleine Brandbombe. Schon allein bei dem Gedanken kam mir der Schweiß.
Später sagte Tante Lo zu mir: »Wenn du dem Affen Angst machen willst, musst du ihm erst zeigen, wie du das Huhn tötest.« Sie sagte, das wäre Mr. Chengs Lebensphilosophie.
Mr. Cheng ist ein Mann, der weiß, wie man sich Respekt verschafft.
Es war noch zu früh, im Club war nichts los. Da geht eigentlich immer erst nach zehn die Post ab. Ich ging gleich in Bermuda Smiths Büro durch.
Es heißt, Bermuda Smith isst Hundefleisch, um härter zu werden.
Es heißt, Bermuda Smith hat vier Frauen.
Er sieht aus wie ein Drahtkleiderbügel. Wenn er irgendwo hart durchgreifen will, muss er sich ein paar Schlägertypen besorgen. Er hat jede Menge Gold – im Gebiss.
»Hi, Eva!«, sagte er. »Was gibt’s Neues?«
Er tut immer sehr freundlich mit mir, wegen Mr. Cheng.
Ich gab ihm den Umschlag, er glotzte ihn an.
»Dann ist es wohl wieder so weit«, sagte er. Seine Miene heiterte sich aber schnell wieder auf. »He, Eva, kennst du den schon? Was ist der Unterschied zwischen einem tollwütigen Hund und einer Frau, die ihre Tage kriegt?«
»Keine Ahnung, Mr. Smith«, sagte ich.
»Lippenstift!« Er gackerte, dann kniff er den Mund zusammen und sagte: »Warte an der Bar, Eva. Bestell dir was.«
»Ich hab nicht die ganze Nacht Zeit«, sagte ich. Wenn ich für Mr. Cheng arbeite, kann ich ziemlich pampig werden.
»Immer schön cool bleiben«, sagte er. Er machte ein finsteres Gesicht und zeigte mit dem Finger auf meinen Bauchnabel. »Du kannst Cheng was ausrichten«, sagte er. »Bestell ihm, ich stehe immer noch unter Druck. Ich will Action. Bestell ihm das. Du kannst gehen.«
Ich ging an die Bar. Ich wünschte mir, Bermuda Smith würde mir eines Tages vorschlagen, in seinem Büro zu warten. Das Büro ist vollgestopft mit Spielsachen – elektrische Eisenbahnen, Autos, Feuerwehrwagen, Teddybären – sogar Puppen. Es heißt, er will verlorene Zeit aufholen.
Der Barkeeper zapfte mir ohne zu fragen ein Bier. Ich trank und sah dabei der Band auf der Bühne am anderen Ende des Kellers beim Aufbau zu. Sah aus wie ’ne Ego-Truppe. Du weißt schon: schwarzer Sänger, schwarze Musiker und drei weiße Backgroundsängerinnen. Andersrum gibt’s die auch. Ich weiß selber nicht, wieso, aber ich finde immer, so was ist was für den Arsch.
Da saß ich also und sah mir an, wie die drei weißen Frauen versuchten, ihre Mikrofone zu testen, während die Männer hinter ihnen rumstöpselten. Ich kümmerte mich um meinen eigenen Kram, aber allmählich merkte ich doch, dass ich auffiel.
Das ist nichts Ungewöhnliches. Ich bin eine sehr auffällige Erscheinung. Aber es ist lästig.
Zwei weiße Typen am Ende der Bar glotzten mich an und tuschelten hinter vorgehaltener Hand. Sie merkten, dass ich sie gesehen hatte, aber sie hörten nicht auf.
Ich kann ein bisschen fuchtig werden, wenn man mich anglotzt.
»Einmal gucken kostet ’nen Fünfer«, sagte ich. »Sonst geht nach Hause und setzt euch vor die Glotze. Ich bin hier nicht der Pausenclown.«
Darauf kriege ich eine von zwei Reaktionen – entweder sie werden verlegen, oder sie werden selber sauer. Mir kann es egal sein.
Diesmal passierte allerdings weder das eine noch das andere. Der Typ, der die größten Augen gemacht hatte, stieg von seinem Hocker und kam angeschlappt. Er zückte die Brieftasche und gab mir einen Fünfpfundschein.
Ich ließ es darauf ankommen, schnappte mir den Fünfer und widmete mich wieder meinem Bier, ohne ein Wort zu sagen. Er stand einfach nur da und sah mich an. Tja, schließlich hatte er bezahlt, also hatte er wohl das Recht dazu. Aber sauer war ich trotzdem noch.
Nach einer Weile sagte er: »Fünf Pfund die Stunde.«
»Du kannst mich mal«, sagte ich.
»Nein, das war mein voller Ernst.«
»Verpiss dich«, sagte ich. Ich sah ihn nicht mal an. Er hatte eine geschraubte Ausdrucksweise. Mit solchen Spießern wirst du locker fertig, wenn du ein bisschen grob mit ihnen umspringst. Grobheiten sind sie nicht gewöhnt.
Aber der Typ blieb stur. Er sagte: »Das Angebot war ernst gemeint.«
Ich sagte: »Bist du immer noch da?« Ich schoss ihm einen Blick zu, der ihn eigentlich vom Hocker hätte reißen müssen.
»Ich bin Bildhauer«, sagte er.
»Du bist ein Wichser.«
»Das auch«, sagte er ganz umgänglich. Du kannst über diese Spießer sagen, was du willst – sie wissen, wie man Beleidigungen wegsteckt. Das sind sie wahrscheinlich gewöhnt.
Er ließ nicht locker. »Ich mache wirklich keine Witze. Ich bin Bildhauer. Das Einzige, was mich interessiert, sind Formen. Wussten Sie, dass Sie ein außerordentlich gutes Modell abgeben würden?«
Jetzt hatte ich aber wirklich die Nase voll.
Ich sagte: »Und wusstest du, dass du eine außerordentlich gute Leiche abgeben würdest?«
Er lachte.
Der Mann hatte Nerven!
»Deine Sorte kenne ich«, sagte ich und ließ ihn an meiner Faust schnuppern. »Amüsier dich ruhig. Aber bitte nicht auf meine Kosten. Ich gebe dir fünf Minuten, mir aus den Augen zu kommen. Danach kannst du deinen Zähnen auf Wiedersehen sagen.«
Er stolperte rückwärts und sah jetzt tatsächlich ein bisschen mitgenommen aus.
In dem Augenblick kam eine von den Backgroundsängerinnen an die Bar und bestellte sich einen Brandy-Soda. Sie sah umwerfend aus – nichts als Haare und Zähne.
Ich sagte: »Wenn du ein Modell brauchst, warum fragst du sie nicht? Vielleicht fällt sie auf dich rein. Und bis dahin kannst du wieder unter den Klodeckel kriechen, unter den du gehörst.«
Der »Bildhauer« schlich sich zu seinem Kollegen am anderen Ende der Bar zurück.
Die Sängerin lächelte mich müde an und sagte: »Richtig so, gib’s ihm.« Sie hörte sich auch wie eine Spießerin an.
Der Barkeeper brachte den Brandy-Soda. Sie kippte ihn ex. Danach sah sie nicht mehr ganz so müde aus.
»Männer sind doch das Allerletzte«, sagte sie mit ihrer Kristallglasstimme und wanderte wieder zu ihrer Band rüber.
Nach dieser Geschichte schmeckte mir das Bier nicht mehr, und ich stellte mich in eine dunkle Ecke neben dem Notausgang. Es stört mich nicht, wenn ich verarscht werde, solange ich mich revanchieren kann. Aber ich wollte keinen Streit anfangen, während ich für Mr. Cheng die Runde machte, denn, und das ist klar wie Kloßbrühe, er hätte davon Wind bekommen.
Also stand ich im Dunkeln und kochte vor mich hin.
Ich war auch deshalb wütend, weil ich dem »Bildhauer« gesagt hatte, er könnte seinen Zähnen auf Wiedersehen sagen. Ich meine, wie zum Geier soll man seinen eigenen Zähnen auf Wiedersehen sagen? Mit dem Satz hatte ich mich doch als Vollidiotin abgestempelt. Wahrscheinlich machte er sich jetzt noch mit seinem Freund darüber lustig.
Ich knurrte immer noch vor mich hin, als Harry Richards mit Bermuda Smiths Plastiktüte ankam.
Harry war früher Boxer, Leichtschwergewicht. Aber das ist Jahre her. Als ich ihn kennenlernte, hatte er seine zweite Karriere als Schwergewicht beim Catchen schon fast hinter sich. Er musste immer mit einer roten Maske kämpfen, weil er so ein rundes, gutmütiges Gesicht hat, dass ihm den Bösewicht keiner abgenommen hätte.
Damals stand ich selber noch nicht im Ring. Ich war eher eine Art Mädchen für alles, habe als Ordner ausgeholfen und mich durch Anschauungsunterricht im Catchen weitergebildet.
Harry ist alt – über fünfzig auf jeden Fall–, aber er trainiert immer noch ab und zu. Er ist nicht ganz aus dem Leim gegangen. Er sieht immerhin noch so brauchbar aus, dass er bei Bermuda Smith als Rausschmeißer unterkommen konnte.
»Yo, Eva«, sagte er. Er gab mir die Tüte, die wie immer zugeklebt war. »Du siehst aus, als ob du gleich einen Anfall kriegst.
»Ich bin nicht gut drauf, Harry«, sagte ich.
»Nein?«, sagte er. »Hast du Lust, später noch mal vorbeizukommen und ein bisschen mit anzupacken?«
»Wobei?«
»Neue Band. Viel Betrieb. Könnte heiß hergehen, deshalb brauchen wir nachher Verstärkung. Willst du den Job?«
»Kommt drauf an, was Mr. Cheng noch von mir will.« Ich war mir nicht sicher, ob Mr. Cheng es gern gesehen hätte, wenn ich für Bermuda Smith arbeitete. Aber das Angebot reizte mich. Und es ging mir schon wieder besser, seit ich wusste, dass Harry Richards mir den Job zutraute.
»Weißt du was, Harry?«, sagte ich, nachdem ich es mir überlegt hatte. »Wenn ich frei bin, komme ich.«
Wir gingen zusammen zur Tür.
Ich sagte: »Was ist denn das für ein Saftsack an der Bar?«
»Welcher?« Harry drehte sich um. »Der ist harmlos, Eva. Ist bloß ein Künstler. Wohnt in Holland Park. Trinkt gerne, spielt gerne Saxophon mit der Band. Wenn sie ihn lassen.«
Er grinste und fügte hinzu: »Spielt beschissen, Eva.«
7
Mr. Cheng ist wie eine Spinne in einem Spinnennetz. Er hat Kontakte in ganz London, aber er geht nie selber irgendwohin.
An dem Abend hatte ich noch drei Briefumschläge auszutragen und drei Pakete abzuholen.
Es wäre einfacher und schneller, wenn Mr. Cheng mir alle Umschläge auf einmal geben würde und ich eine Adresse nach der anderen abklappern könnte. Aber das ist nicht Mr. Chengs Methode. Nach jeder Auslieferung und Abholung musste ich erst wieder zurück ins Spinnennetz.
Du glaubst jetzt vielleicht, dass Mr. Cheng mir nicht traut, weil ich keine Chinesin bin. Aber die meisten Leute, die für ihn arbeiten, sind Chinesen, und mit denen macht er es genauso. Er setzt nie alles auf eine Karte.
Als ich fertig war, so gegen elf, packte mich einer von den Köchen in eine Ecke und stellte einen Riesenteller mit Hühnchen, Zuckerschoten und Reis vor mich hin. Das ist noch was Gutes an der Arbeit für Mr. Cheng. Du kriegst immer was zu essen. Der Koch gab mir einen Löffel. Er glaubt, dass ich mit Stäbchen nicht umgehen kann, und er hat recht.
Ich hatte den Teller halb leergespachtelt, als mir Mr. Cheng meinen eigenen Briefumschlag brachte. Ich legte den Löffel weg, schlitzte den Umschlag auf und zählte das Geld. Er stand dabei und wartete.
Sieht nach schlechten Manieren aus, was? Aber ich zähle das Geld nur deshalb immer sofort nach, damit Mr. Cheng nicht meint, er hätte es mit einer Idiotin zu tun.
Tatsächlich mache ich es genau wie er. Außerdem ist mir schon öfter aufgefallen, dass die Leute einen nur dann für dumm halten, wenn man etwas anders macht als sie selber. Sobald ich gesehen hatte, dass die Kohle stimmte, sagte ich: »Danke, Mr. Cheng«, und griff wieder nach dem Löffel. Er knurrte und ging. So läuft es jedes Mal ab, was mir richtig guttut.
Da war ich also, die Nacht war noch jung, und der nächste Job wartete schon auf mich. Nachts habe ich gern möglichst viel zu tun. Aber da ich auch Pflichten hatte, borgte ich mir als Erstes einen Wagen aus, einen roten Vauxhall Nova. Ich war in Eile, also brauchte ich einen kleinen Wagen mit ein bisschen Power unter der Haube. Die Kiste ging ab wie eine Rakete, Richtung Süden, auf meine Seite vom Fluss.
Mr. Gambon hatte die Hunde rausgelassen, das macht er immer, bevor er zuschließt. Er hasst sie, sagt er. Aber eigentlich hat er bloß Angst vor ihnen. Er hat an ihrem Zwinger Rollläden anbringen lassen, die er mit der Fernsteuerung bedienen kann, genau wie andere Leute ihr Garagentor, und zwar von der Straße aus. Mr. Gambon ist ein ziemlicher Waschlappen.
Ich weiß auch nicht, wieso, aber Kampfhunde gehen immer als Erstes auf den Unterleib los. Sogar wenn sie friedlich sind, ist das die Stelle, wo sie einen rammen. Ich knallte Lineker das Knie gegen die Brust, um ihn daran zu erinnern, dass er auf Distanz bleiben sollte. Aber die Hunde hatten Hunger, und sie folgten mir auf Schritt und Tritt, während ich über den Schrottplatz ging und den Zaun auf Löcher hin überprüfte.
Aber ich fütterte sie noch nicht. Sie sollten erst was zu fressen kriegen, wenn ich aus dem Club wieder da war. Satte Hunde schlafen ein.
Eigentlich soll ich, nachdem Mr. Gambon die Tore verriegelt hat, auf dem Schrottplatz bleiben, bis morgens die Arbeiter aufkreuzen. Aber wenn ich mich daran halten würde, könnte ich mir meine Karriere als Catcherin wohl gleich von der Backe putzen. Und die ganzen Extrajobs, die ich brauche, damit ich mir früher oder später die Zähne machen lassen kann, könnte ich auch vergessen.
Nachdem ich meine Runde gedreht hatte, lief ich zum Hänger. Es wurde Zeit, die Kohle zu bunkern.
Wer meint, ich wäre dumm, ist blöde. Wenn es nämlich darum geht, meine Ersparnisse zu verstecken, bin ich sehr clever. Spätestens wenn deine Bank oder Sparkasse Pleite macht und wenn deine kleine Plastikkarte nur noch ihr Eigengewicht in Plastik wert ist, kannst du erleben, wie clever ich bin.
Und wenn du meinst, ich verrate dir, wo ich meine Kohle bunkere, dann bist du noch blöder, als ich dachte.
Es ist doch schließlich so: Meine Ersparnisse werden von einem Stacheldrahtzaun und von Ramses und Lineker gesichert. Sie sind an einer Stelle versteckt, die außer mir keiner kennt. Und wenn du zufällig darauf stoßen solltest, was mehr als unwahrscheinlich ist, dann wartet immer noch eine böse Überraschung auf dich.
Kannst du das von deinem Geld auch sagen? Wetten, dass nicht?
8
Harry Richards sammelte seine Truppen am hinteren Ende von Bermuda Smiths Kellerbar. Wir hielten uns im Dunkeln, um die Gäste nicht zu erschrecken. Wir waren auf alles gefasst. Wir kriegten Sandwichs auf Kosten des Hauses, aber nichts zu trinken. Harry Richards ist kein Trottel.
Bermuda Smith ging früh heim. Er ist auch kein Trottel.
Die Band spielte. Die Sänger sangen. Die Gäste aßen und tranken, und sie tanzten, bis die Söckchen qualmten.
Nichts passierte.
Umso besser, dass wir die halbe Miete schon im Voraus kassiert hatten – bar auf die Kralle.
Ich bin Profi, das heißt, ich arbeite nur für Geld. Aber als Profi hat man auch Verantwortung. Also blieb ich wachsam, nicht wie ein paar andere, die am Tisch saßen und Karten spielten. Allerdings hätten diese Typen sowieso nicht mit einer Frau gezockt. Ich blieb allein und hielt die Augen offen.
Der sogenannte Bildhauer saß mit drei Freunden an einem Tisch. Er zog die »Ich bin Künstler, ich kann mich besaufen, wo ich will«-Schau ab. Seine Freunde waren nicht ganz so dämlich. Ich hatte den Eindruck, als ob sie versuchten, ihm gut zuzureden, es mit dem roten Vino etwas langsamer angehen zu lassen. Das war vernünftig. Wenn es in dem Club nämlich tatsächlich Rabatz gab, war er nur einer von vielen weißen Wichsern – und nicht der Mann aus dem Volke, wie er sich einbildete.
Ich hoffte fast, dass sich etwas zusammenbraute. Wenn richtig die Fetzen flogen, konnte ich ihm vielleicht irgendwie helfen, nur um ihm mal zu zeigen, wen er da eigentlich verarscht hatte. Andererseits hätte ich genauso gut gar nichts machen können. Dann hätte er es sicher auch kapiert. So oder so, ich hatte einen Trumpf in der Hand.
Ich kam ein bisschen ins Träumen. Ich träumte, dass ich seinen weißen Künstlerpopo aus der Scheiße hievte, ihm Saxophon und Brieftasche zurückgab und er sagte: »Du liebe Güte, Eva, wo haben Sie nur diese Körperbeherrschung gelernt. Es tut mir wirklich leid, dass ich Sie beleidigt habe.« Und mit seinem affektiertesten Akzent sagte er: »Ich bitte ergebenst um Verzeihung.«
Ergebenst um Verzeihung! – Ich musste leise lachen.
Ich sah mir die Backgroundsängerin an, die gesagt hatte, Männer wären doch das Allerletzte, und probierte es selber mal aus.
»Männer sind doch das Allerletzte«, sagte ich zu dem Möchtegernkünstler, der diesmal zerzaust und konfus vor mir in der Gosse stand.
»Ich bitte ergebenst um Verzeihung«, antwortete er.
Na und? Man wird sich doch wohl noch einen kleinen Tagtraum genehmigen dürfen, oder?
Der Leadsänger war ein Angeber, ein Master of the Universe. Nichts als Mund und knallenge Hosen. Stimme hatte er, das musste man ihm lassen, aber ansonsten war alles nur Schau. Er trällerte eine Zeile und neigte dann das hübsche Köpfchen zur Seite, als ob er auf das Echo lauschte. Und natürlich, aus dem reizenden kleinen Backgroundharem schallte das Echo harmonisch zu ihm zurück. Ein Egotrip, wie er im Buche steht.
Aber irgendwas stimmte nicht. Die Tussi, für die die Männer das Allerletzte waren, sah so aus, als ob sie von den beiden anderen gestützt werden müsste. Die schimmernden Goldhaare fielen ihr ins Gesicht, und der Kopf war zu schwer für ihren Hals. Ab und zu verpasste sie ihren Einsatz.
Die ersten Gäste lachten schon über sie. Man merkte, dass langsam alle auf der Bühne sauer wurden. Sie verdarb dem Angeber die Show.
Zwischen zwei Nummern sagte er was zu ihr. Was besonders Nettes wird es wohl nicht gewesen sein, weil sie nämlich plötzlich die Haare nach hinten warf und ihn anfunkelte.
Man konnte ihn schon verstehen. Besoffene sind was Lästiges, vor allem, wenn man auf sie angewiesen ist.
Bei der nächsten Nummer war sie ein bisschen besser, aber sehr verlässlich wirkte sie immer noch nicht. Ich beobachtete sie genau. Sie interessierte mich. Warum sollte eine Frau, für die die Männer das Allerletzte waren, so einen Sänger anhimmeln? Sie war klein und wirklich hübsch, hatte lange Beine, lange Haare, lange Wimpern. Alles, was an ihr lang sein sollte, war auch lang. Sie sah genau so aus, wie es die Illustrierten gerne hätten.
Die kann es sich leisten, was gegen Männer zu haben, dachte ich.
Ich hatte den Gedanken, dass sich manche Frauen Hass auf Männer leisten können, noch nicht zu Ende gedacht, da kippte sie von der Bühne. Wahrscheinlich hatten die beiden anderen keine Lust mehr, sie zu halten. Eine von ihnen machte nämlich einen Schritt zur Seite, und schon fiel sie um.
Ein paar Gäste machten Uh und Ah, ein paar Tänzer blieben stehen und drehten sich um. Aber die Band kam nicht aus dem Takt. Und sie lag einfach platt auf dem Rücken, dass man ihren Schlüpfer sehen konnte.
Harry Richards schob sich nach vorne durch, weil das die Art von Arbeit war, für die er bezahlt wird. Allerdings kippen normalerweise die Zuschauer um, nicht die Stars.
Er wollte sie wieder auf die Beine stellen, aber sie wollte davon nichts wissen. Sie fing an zu brüllen: »Lass deine dreckigen Pfoten von mir« und »Schweine, ihr seid alle Schweine«.
Und dann kamen die Bullen angetanzt.
Eigentlich war es lustig. Da warten wir alle auf Randale von den Zuschauern, und was passiert? Wir haben die Polizei am Hals.
Jetzt erst hörte die Band auf zu spielen. Es wurde so still, dass man hören konnte, wie Päckchen mit illegalen Stoffen raschelnd und plumpsend auf den Boden fielen und mit einem Tritt weiterbefördert wurden. Ein paar Schwarze drängelten sich in der Tür zum Männerklo.
Ich glaube, ich war die Einzige, die gelacht hat. Ich war cleaner als clean. Und ich wusste, wo der Hinterausgang war. Das war wichtig, denn so clean ich auch war, die Bullen haben eine Datenbank, und ich habe ein Vorstrafenregister. Und mein Register ist nicht ganz so clean wie ich – hauptsächlich sind es zwar nur Jugendstrafen, aber trotzdem … Es war ratsam, sich schnell zu verdrücken.
Anscheinend war das in Bermuda Smiths Kellerbar die Idee des Abends. Alle wollten weg, die einen hektisch, die anderen cool und lässig – und ihren Shit ließen sie liegen.
Die Einzigen, die sich nicht bewegten, waren ein paar weiße Spießer, die einfach sitzen blieben, die Hände vor sich auf dem Tisch, und ziemlich dämlich aus der Wäsche guckten. Was war es bloß, was ihnen keiner gesagt hatte?
Und Goldlöckchen. Ich sah, wie ihr jemand auf der Flucht zum Klo auf die Hand trat. Sie fing an zu weinen.
Es war die Art, wie sie weinte, die mich so fertigmachte. Sie weinte, und dabei blickte sie traurig um sich, wie ein kleines Mädchen, das allen zeigen will, dass es weint. Alle sollen sehen, dass sie weint, weil sie sich hundertprozentig sicher ist, dass schon irgendein netter, freundlicher Erwachsener kommt und sie rettet, dass ihr einer die Tränen trocknet und ihr Bonbons gibt. So weinen nette Kinder aus netten Familien. Darauf verlassen sie sich einfach, und wenn es ihnen noch so dreckig geht. Andere Kids sparen sich die Tränen, weil sie wissen, dass Weinen Zeitverschwendung ist. Sie sind sich hundertprozentig sicher, dass sich keiner einen Scheißdreck um sie schert.
Und für wen weinte unser Goldlöckchen? Von wem wollte sie sich die Tränen trocknen lassen? Das kann ich dir verraten, ich habe nämlich gemerkt, wie sie sich nach ihm umgeschaut und auf ihn gewartet hat. Sie weinte für ihren blöden Master of the Universe, den Typ mit der Hose und dem 1000-PS-Turboego. Träum weiter, Goldlöckchen.
Das alles sah ich, während ich furchtbar lässig auf den geheimen Ausgang zuschlenderte, der in Bermuda Smiths Büro führte. Die Bullen bemühten sich nach besten Kräften, die Stampede aufzuhalten, und einer von den Oberleutnants brüllte: »Alles stehen bleiben!« Träum weiter, Führer – manche Leute gehorchen nicht aufs Wort, und schon gar nicht, wenn man sie anbrüllt.
Dann hätte es wirklich ein bisschen haarig werden können. Irgendwer schmiss nämlich eine Tränengaspatrone ins Getümmel.
Du kannst es dir vorstellen, ja? Alles kreischte, hustete, weinte und rannte durcheinander. Tische und Stühle flogen durch die Gegend, kaputte Gläser. Also, so was nenne ich Anarchie.
»Stehen bleiben!«, brüllte der Führer dem tobenden Mob zu. Wie blöd kann man eigentlich sein?
Aber Führer können eben nur eingleisig denken. Wenn sie sich erst mal in eine Aufgabe verbissen haben, versuchen sie auch, sie zu Ende zu bringen, ganz egal, was sich rings um sie tut.
Und in diesem Fall tat sich eine ganze Menge – unter anderem machte die halbe röchelnde Truppe einen Abgang.
Ob ich gelacht habe? Ich dachte, ich könnte mich nie wieder einkriegen.
Ich stolperte ziemlich zufrieden durch das Chaos. Wenn die Anarchie am größten ist, ergibt sich immer die Gelegenheit, das eine oder andere mitgehen zu lassen. In einer Krise achten die Leute nicht auf ihre Wertgegenstände.
Trotzdem, Tränengas in einem geschlossenen Raum zeigt früher oder später bei jedem Wirkung, und schon bald liefen auch mir Augen und Nase, genau wie allen anderen. Ich kriegte kaum noch Luft, obwohl ich mir eine Serviette vors Gesicht hielt.
Ich weiß nicht, warum ich es gemacht habe. Später habe ich mir eingeredet, ich hätte es gemacht, weil Goldlöckchen so jämmerlich aussah. Aber das stimmte nicht.
Was passierte, war jedenfalls Folgendes.
Ich kriegte keine Luft mehr. Ich hatte genug Hühner gerupft. Ich lief vor der Bühne über die Tanzfläche und stolperte über Goldlöckchen, die noch immer auf dem Boden lag. Sie war nicht allein. Eine Bullentante versuchte sie hochzuziehen. Die Tante trug zwar keine Uniform, aber ein Bulle war sie, da gab es kein Vertun. Wer hätte sich wohl sonst die Mühe gemacht, in dem ganzen Trubel eine arme Besoffene zu verhaften?
Goldlöckchen war in einer furchtbaren Verfassung.
Ich sagte: »Zieh Leine, Alte.« Und ich hob Goldlöckchen hoch. Ich warf sie mir über die Schulter und zischte durch Bermuda Smiths Privattür.
Wie schon gesagt, ich werde nie begreifen, warum ich es gemacht habe.
9
Zuerst sagte sie: »Wo ist Calvin?« Und dann kotzte sie auf den Bürgersteig.
Ich war ihr dankbar. Sie hätte mir schließlich auch hinten auf die Lederjacke kotzen können, aber sie hatte gewartet, bis wir draußen waren. Lady bleibt eben Lady.
Dann sagte sie: »Wo ist meine Tasche?«
Ihre Tasche war natürlich da, wo sie sie vor dem Auftritt hingestellt hatte. Das erklärte ich ihr, aber es schien sie schon nicht mehr zu interessieren.
Sie sagte: »Er ist weg. Er hat mit das Herz gebrochen.«
»Quatsch«, sagte ich. »Das Herz ist ein Muskel.«
Und dann fiel sie in Ohnmacht.
Freundlichkeit ist harte Arbeit. Mit einer ohnmächtigen, besoffenen Sängerin auf dem Buckel kann man sich keinen Wagen ausborgen, also zog ich ihr, so weit es ging, das Kleid runter und setzte sie erst mal irgendwo ab.
Um ein Haar hätte ich sie wirklich sitzenlassen. Wir waren schließlich in Notting Hill und die Polizei schnüffelte überall rum, so dass ein passender Untersatz schwer zu finden war. Ich konnte nur einen Fiat Panda auftreiben, eine richtige Sardinenbüchse, in die mich normalerweise keine zehn Pferde reingekriegt hätten.
Goldlöckchen wohnt bestimmt in Hampstead oder Highgate, jedenfalls garantiert nicht bei mir in der Nähe, dachte ich mir. Und dann dachte ich, bestimmt ist sie einfach aufgestanden und hat sich ein Taxi nach Hause genommen. Sie war eine von der Sorte, die einen Taxifahrer dazu hätte bringen können, sie ohne einen müden Penny in der Tasche bis nach Watford zu fahren.
Aber andererseits hatte ich sie nicht gerade an einer Bushaltestelle abgeladen. Sie hockte in einer abgelegenen Seitenstraße, die nicht besonders vornehm war. Also wollte ich wenigstens noch mal umkehren und sehen, ob sie weggekommen war.
Sie war noch da.
Und so kam es, dass Goldlöckchen zu mir auf den Schrottplatz zog.
Ich musste sie zusammenknicken, damit sie in den Fiat Panda passte. Ich musste sie über den Platz tragen. Ich musste sie in mein eigenes Bett legen.
Und je später es wurde in dieser Nacht, desto mehr Sorgen machte ich mir. Sie war nicht nur betrunken, sie war krank. Sie musste andauernd brechen. Sie zitterte vor Kälte. Und sie glühte.
Ich wusste nicht, was ich machen sollte. Eine Betrunkene ins Bett zu packen ist ein Klacks. Aber mir war noch nie im Leben schlecht gewesen, also wusste ich nicht, was ihr fehlte, und ich wusste nicht, ob ich sie wärmen oder kühlen sollte.
Ich fuhrwerkte herum wie ein einarmiger Tapezierer.
Wenn sie zitterte und wimmerte, deckte ich sie zu. Dann wieder hätte sie den Schlafsack am liebsten aus dem Fenster geschmissen. Ein andermal sagte sie: »Bitte, Wasser.« Und dann kotzte sie es in den Eimer.
Ihre Augen gefielen mir auch nicht. Manchmal kamen sie ihr aus dem Kopf gequollen, als ob sie auf dem elektrischen Stuhl säße, dann wieder kugelten sie in den Höhlen herum wie Murmeln in einem Becher.
Wie schon gesagt, Freundlichsein ist harte Arbeit, aber das Schlimmste an der ganzen Sache war, dass ich Angst hatte, sie könnte sterben. Ich hatte keine Ahnung, wie ich eine Leiche in meinem Hänger erklären sollte. Mit ein Grund dafür, dass ich wie eine Ratte mit juckendem Schwanz durch die Gegend raste, war also auch der, dass ich sie wenigstens so lange am Leben halten wollte, bis ich sie am Morgen irgendwie loswerden konnte.
Aber am Morgen, gleich nachdem ich die Hunde gefüttert und in den Zwinger gesperrt hatte, trank Goldie ein paar Schluck Wasser, behielt sie bei sich und schlief ein. Bevor sie einschlief, sah sie mich an, als ob wir uns noch nie begegnet wären, und sie sagte: »Danke.«
Nur danke, sonst nichts. Aber wegen der Art, wie sie es sagte, so als ob sie es wirklich ernst meinte, hatte ich es nicht mehr so eilig, sie loszuwerden.
Ich machte auf dem kleinen Gaskocher Wasser heiß und kochte mir einen Tee. Dann setzte ich mich zu ihr aufs Bett und sah zu, wie sie schlief. Mir zitterten die Hände, und es tat mir hinten im Hals weh. Ich dachte, ich hätte mich angesteckt.
Schließlich warf ich im Wohnzimmer die Polster vom Sofa auf den Boden und legte mich schlafen. Es war ein anstrengender Tag gewesen, und ich war müde.
Ich träumte, Simone und ich wären wieder in der Schule – genauer gesagt, in einem Erziehungsheim, in die wir im wirklichen Leben immer gesteckt wurden. Und wir beschlossen abzuhauen – genau, wie wir es im wirklichen Leben immer gemacht hatten. Wir kamen an eine Mauer, und Simone sagte: »Nein, ich kann nicht. Das ist zu hoch. Wir kriegen Ärger.« »Ärger haben wir jetzt schon genug«, sagte ich. »Komm, ich mach dir eine Räuberleiter.« Sie stellte einen Fuß in meine Hände, und ich sah, dass sie weiße Satinpantöffelchen trug, die mit kleinen roten Edelsteinen besetzt waren. »Wo hast du denn die Schuhe her?«, fragte ich. Und ich hievte sie auf die Mauer. »Das sind meine gläsernen Schuhe«, sagte sie. Und während ich noch dastand, fielen die kleinen roten Edelsteine wie Regentropfen herunter, und ein paar verfingen sich in meinen Haaren. Ich bückte mich danach, weil Simone sehr eigen war, wenn es um ihre Schuhe ging. Aber auf einmal wurden sie ganz flüssig. »He!«, rief ich. »Du blutest.« Ich sah hoch und merkte zum ersten Mal, dass die Mauer oben mit Stacheldraht gesichert war. Und Simone hing darin fest. Ich wollte hinter ihr herklettern, um ihr zu helfen, aber die Mauer war höher geworden. Mir konnte keiner eine Räuberleiter machen. Also blieb sie, wo sie war, und ich blieb, wo ich war, mit Blut in den Haaren. Ich hasse Träume.
Es war komisch, aufzuwachen und zu wissen, dass jemand in meinem Schlafzimmer lag. In all den Monaten, die ich schon hier wohnte, hatte außer mir kein Mensch den Hänger betreten. Ich schaute zu ihr rein, aber Goldie war immer noch k. o. Sie hätte tot sein können. So ruhig lag sie da. Aber bei jedem Ausatmen flatterte eines ihrer Goldlöckchen. Ich war erleichtert.
Ich machte die Schlafzimmertür fest zu. Ich hatte einiges zu erledigen, bei dem ich keine Zeugen gebrauchen konnte.
Gestern Abend waren mir zwar nur ein paar Brieftaschen in die Hände gefallen, aber ich wollte nicht, dass jemand einen falschen Eindruck von mir bekam. Ich bin keine Diebin. Eigentlich nicht. Ich kann mir nur manchmal eine günstige Gelegenheit nicht entgehen lassen, und die Leute sind ja auch so unvorsichtig. Du würdest es kaum glauben, wie unvorsichtig manche Leute sein können. Sie hängen ihre Jacke über die Stuhllehne, obwohl die Brieftasche rausguckt. Sie stellen ihre Handtasche auf den Boden, wo sie sie nicht im Auge behalten können. Sie sind verrückt. Wenn du etwas hast, was du behalten willst, musst du um Himmels willen auch darauf aufpassen. Wenn du nicht darauf aufpasst, zeigst du damit Leuten wie mir nur, dass du es nicht willst. Und wenn du es nicht willst, nehme ich es mir. So einfach ist das.
Wenn du was von meinen Sachen haben willst, musst du mich erst umbringen. Das ist auch einfach.
Die Beute auszusortieren war nicht besonders schwer. Ich interessiere mich nur für Knete. Plastik finde ich zum Kotzen. Ich weiß, dass es auch dafür Abnehmer gibt – genau wie für Führerscheine –, aber auf so was habe ich keinen Bock. Ist schon lästig genug, den restlichen Krempel loszuwerden, ohne dass er zu mir zurückverfolgt werden kann.
Die Knete steckte ich ein. Schon war nur noch ein kleiner Stapel Brieftaschen übrig. Normalerweise wären die mir nie in den Hänger gekommen. Sie wären auf dem Heimweg im Abfalleimer gelandet. Aber normalerweise rette ich auch keine Goldies – so was bringt einen aus dem Konzept.
Ich überlegte noch, da klopfte es plötzlich an der Tür, und ich wäre fast aus der Haut gesprungen vor Schreck. Kein Mensch klopft bei mir an.
Auf dem Boden lagen noch die Polster, auf denen ich geschlafen hatte, und zuerst wollte ich die Brieftaschen darunter verstecken. Aber dann erinnerte ich mich an Ma, und mir wurde schwummerig. Also stopfte ich sie hinter den Gasofen.
Es klopfte noch einmal.
Eigentlich hätte ich vorsichtig durch die Gardine lugen sollen, aber die Klopferei machte mich sauer, also tat ich genau das Falsche. Ich riss die Tür auf und brüllte: »Ja?«
Nie im Leben hätte ich die Tür aufmachen sollen, denn nun stand ich Auge in Auge der Bullentante von gestern Abend gegenüber.
»Tag«, sagte sie und lächelte. Da wurde ich erst richtig misstrauisch. Wer überleben will, darf der Polizei nie vertrauen, wenn sie lächelnd daherkommt. »Eva?«, sagte sie. »Eva Wylie?«
»Falsch verbunden«, sagte ich und knallte die Tür zu.
Sie klopfte noch einmal. Ich überhörte es. Ich linste durch die Gardine. Sie stand ein Stückchen weiter weg und wartete. Sie sah relaxt und munter aus.
Warte noch ein bisschen, dachte ich, dann wird dir das Lachen schon vergehen. Ich bin ein sehr geduldiger Mensch, aber langsam wurde ich richtig giftig.
Ich schmierte mir Margarine auf ein paar Scheiben Brot und schraubte das Marmeladenglas auf. Ich hatte noch nicht gefrühstückt, wahrscheinlich war mein Blutzuckerspiegel zu niedrig. Davon werde ich auch giftig. Harsh sagt, ein Athlet muss darauf achten, dass der Blutzuckerspiegel immer gleich hoch ist, und das versuche ich auch. Aber wenn du allein lebst, kann man es schon mal vergessen.
Die Bullentante klopfte schon wieder. Ich aß drei Marmeladenbrote. Ich konnte länger warten als sie, und den ganzen Tag konnte sie sich da draußen wohl kaum die Beine in den Bauch stehen.
Als ich das nächste Mal durch die Gardine spähte, redete sie mit ein paar Arbeitern. Sie lachten. Das machte mich fuchtig.
Ich riss die Tür auf und baute mich mit verschränkten Armen auf der Treppe auf.
»Ja?«, sagte ich, total cool. Wahrscheinlich hätte ich noch beeindruckender gewirkt, wenn ich das letzte Marmeladenbrot schon verdrückt gehabt hätte, aber in einer Krise kann man nicht an alles denken.
»Tut mir leid, wenn ich Sie beim Nachmittagstee störe«, sagte sie und kam näher.
»Wie spät ist es denn?«, sagte ich.
Sie machte ein überraschtes Gesicht, aber sie sagte: »Zwanzig nach vier.«
Das war ein Hammer. Ich hatte verschlafen. Ich hätte eher auf zwei getippt.
»Ich suche Eleanor Crombie«, sagte sie.
»Wen?«
»Eleanor Crombie. Sie haben sie gestern Abend aus dem Club mitgenommen.«
»Ach, die«, sagte ich. So hieß Goldie also mit richtigem Namen. Passte wie die Faust aufs Auge. Sie sah aus wie eine Eleanor.
»Und?«, sagte die Bullentante.
»Was und?«
»Wo ist sie?«
»Wer will das wissen?« Ich wollte die Hände in die Hüften stemmen und mich einschüchternd in Positur werfen, aber mir kam das Marmeladenbrot dazwischen. Also aß ich es lieber.
»Ich. Ich will das wissen«, sagte die Bullentante.
»Pech gehabt«, sagte ich mit vollem Mund.
Sie klopfte sich die Krümel vom Rock und sah langsam ein bisschen ungeduldig aus.
Obwohl es nur ein Zufallstreffer gewesen war, freute ich mich so über die Krümel, dass ich einlenkte.
»Ich weiß nicht, wo sie hin ist«, sagte ich. »Ich habe ihr aus der Patsche geholfen, aber das war es dann auch schon.«
»Ich dachte, sie wäre ohnmächtig geworden.«
»Die brauchte bloß ein bisschen frische Luft.«
»Sie haben sie nicht unterwegs irgendwo abgesetzt?«
»Hab keinen Wagen«, sagte ich brav.
»Ist sie abgeholt worden?«
»Keine Ahnung.« Langsam hatte ich die Nase voll. Ich biss wieder in mein Brot, sie machte wieder einen Schritt zurück. Tolles Gefühl, wenn man die Bullen rückwärts gehen lassen kann.
»Gehen Sie da öfter hin?«, fragte sie.
»Wohin?«
»In den Club?«
Die bilden sich ein, die könnten einen einfach ausquetschen, die Bullen. Sie fragen, du antwortest. Aber wenn du mal was wissen willst, musst du in die Bibliothek gehen.
»Sehen Sie das Schild da?«, sagte ich und zeigte auf den Zaun. »Auf dem Schild steht Armour Protection. Das bin ich. Ich bin Armour Protection. In den letzten sechs Wochen ist hier auf dem Platz nicht ein Teil geklaut worden. Und wollen Sie wissen, warum?«
»Warum?«
»Weil ich die ganze Nacht wach bin und aufpasse. Ich treibe mich nicht öfter in Clubs rum. Kapiert?«
»Okay, okay«, sagte sie. »Kein Grund, gleich in die Luft zu gehen.«
»Das war nur ein kleiner Vorgeschmack.« Ich ging in den Hänger und knallte die Tür zu.
Diesmal zog sie tatsächlich Leine. Ich beobachtete sie durch die Gardine. Sie hatte einen sehr geraden Rücken. In Uniform würde sie bestimmt toll aussehen, dachte ich. So ein Rücken in Zivil war die reinste Verschwendung.
Mir ging es richtig gut. Die Bullen lassen einen nicht oft das letzte Wort haben. Vielleicht war die Tante noch nicht lange genug bei der Truppe.
Aber ob es mir nun gut ging oder nicht, irgendwie musste ich die Brieftaschen loswerden. Um ein Haar wären sie bei mir gefunden worden, und das war kein berauschendes Gefühl. Also steckte ich sie in die leeren Konservenbüchsen von gestern Abend und in ein paar alte Baked-Beans-Dosen, sammelte den restlichen Abfall ein und band den Müllbeutel oben zu. Dann brachte ich die ganze Chose auf die Kippe. Ideal war es nicht, aber es musste reichen.
Die Arbeiter auf dem Schrottplatz interessierten sich mehr für mich als sonst. Wahrscheinlich hätten sie gern gewusst, was die Bullen von mir wollten. Aber wie immer redete keiner mit mir.
Ein Glück, dass keiner von denen über Goldie Bescheid wusste, sonst hätten sie sie bestimmt bei der Bullentante verpfiffen. Aber so, wie es war, konnte ich mir denken, was sie ihr gesagt hatten. »Nee«, hatten sie gesagt. »Eva lebt alleine. Die kriegt nie Besuch.« Und bis gestern Abend wäre es auch wahr gewesen.
Es ist nicht gut, wenn über einen geredet wird. Ja, es ist sogar schlecht. In Bermuda Smiths Club musste jemand über mich geplaudert haben, und das Resultat war eine Bullentante vor der Tür. Das war aus zwei Gründen merkwürdig. Erstens würde aus Bermuda Smiths Club kaum einer mit der Polizei reden. Zweitens weiß kaum einer, wo ich wohne.
Es war kein besonders großer Trost, dass die Bullen Goldie suchten und nicht mich, denn sie hatten mich gefunden, nicht Goldie.
Ich überlegte. Ich hatte schon seit Ewigkeiten keine Bewährungsauflagen mehr, da war ich mir ganz sicher, und mir fiel auch nichts Umwerfendes ein, wofür sie mich hätten verknacken können. Ich hatte mir nichts zuschulden kommen lassen, seit ich den Job auf dem Schrottplatz angenommen hatte und in den Hänger gezogen war. Aber bei den Bullen weiß man nie. Wenn der gute Ruf erst mal hin ist, kriegt man die weiße Weste nie wieder ganz sauber.
Ich beschloss, mich in nächster Zeit beim Brieftaschenklemmen und beim Autoausborgen besonders vorzusehen. Und ich überprüfte meine Überlebensausrüstung, weil ich sicher sein musste, dass ich mich im Notfall sofort aus dem Staub machen konnte.
Dabei kam mir die Idee, mal wieder nach Goldie zu sehen. Sie schlief immer noch, was mir sehr recht war, denn solange sie schlief, konnte sie keine Fragen stellen, und ich konnte mich abregen und meine Übungen machen. Trotzdem hätte ich zu gern gewusst, weswegen sie gesucht wurde. Wie sie da in meinem alten Schlafsack lag, sah sie aus, als ob sie kein Wässerchen trüben könnte.
Mit ihr hatte ich mir eine ziemliche Verantwortung aufgehalst. Ich fühlte mich irgendwie gefesselt. Ich machte vierzig Liegestütze zur Entspannung. Es wäre toll, wenn ich sie auf den Knöcheln machen könnte, wie Harsh, aber dafür sind meine Hände nicht kräftig genug. Danach kamen noch ein paar Kniebeugen und Brücken für den Rücken dran. Am schwersten fiel es mir, mich aus der Rückenlage aufzusetzen. Ich weiß auch nicht wieso, aber ich kann mir einfach keine anständigen Bauchmuskeln zulegen. Schultern, Rücken und Beine sind nicht übel, auch wenn ich das selber sage. Aber der Bauch bringt mich manchmal zur Verzweiflung. Die Bauchmuskeln sehen einfach nicht richtig aus. Vielleicht ist es ein Flüssigkeitspolster. Vielleicht esse ich zu viel. Ich sah mir mein Londoner Killerqueen-Poster an. Darauf sahen die Bauchmuskeln ziemlich ordentlich aus. Ein Glück. Mit einem Schwabbelbauch kann man kein Schwergewichtschampion sein. Na ja, das stimmt auch nicht ganz. Du solltest mal ein paar von den Männern sehen. Aber bei Männern und Frauen werden andere Maßstäbe angelegt, wenn es ums Aussehen geht. Frag mich nicht warum, aber so ist es.
Pulsuz fraqment bitdi.