Kitabı oxu: «Nahrungsergänzung im Selbstversuch»

Şrift:

Lorenz Borsche

NAHRUNGS

ERGÄNZUNG

IM SELBSTVERSUCH


INHALT

Das Mittwochmorgen-Wunder

Warum bloß?

Winding back the clock – mein privater Jungbrunnen-Cocktail

Deutschland einig Mangelland

Zwei Belastungstests und eine Beobachtung

Experimente

Eupat macht den Husten weg

Nykturie oder Brokkoli für ungestörte Träume

Bluthochdruck: Zwei für Eines

Vom Champagnerbrunnen und den Blue Zones

Lithium? Lithium!

Q10 – Zehn braune Kühe und das Fuchsloch

Nachtschweiß – Trocken wie die Sahara

Alles Jod, oder was?

Das böse, böse Cholesterin?

Vitamin D: Des Rätsels Wunder?

Alles auf Zucker, oder wie?

Magnesium

Nicht nur für Männer: „Hart ist der Zahn der Bisamratte …“

Der Zaubertrank – mein Jungbrunnen-Cocktail

Professor Horvath und seine Bio-Uhr

Geht’s denn nur mit Tabletten? Was ist mit Bio-Vollkost? Yoga? Zen?

The Big Grand Theory: irreguläre Inflammation, die Ursache vieler Übel?

Kann man mit Vitamin D Corona-Lockdowns verhindern?

Statt eines Nachworts: Interview von LorenzB mit LBorsche

Anhang

Alle meine D-Links

Alle Lang- und Kurzlinks

Das Mittwochmorgen-Wunder
Kann man die Zeiger der Bio-Uhr zurückdrehen?

August 2018. Das Handy brummt. Verflixt, schon sieben Uhr. Jetzt aber schnell raus, Frühstück machen. Ich stürme aus dem Bett, die Treppe hoch zur Küche. Ich stürme? Die Treppe rauf? Halt, stop, da war doch was? Egal, jetzt erst mal die Kaffeemaschine anwerfen …

Später wird’s mir klar. Es ist ja Mittwoch … und das heißt, gestern war Skatabend! Skatabend ist furchtbar. Nein, grandios lustig. Trotzdem furchtbar, der Folgen wegen. Denn: In der Max Bar darf man rauchen – ja, in Baden-Württemberg geht das in ausgewiesenen Kneipen noch. Und obwohl nur einer von uns wirklich regelmäßig raucht – beim Skat am Dienstagabend rauchen wir alle.

Leider viele, viele Zigaretten, weil Skat ziemlich aufregend sein kann, vor allem die Ramschrunden. Und getrunken wird auch viel. Die Kollegen haben dann schon mal sieben oder gar zehn Bier auf dem Deckel. Bei mir sind es vielleicht vier, mehr Flüssigkeit geht bei mir einfach nicht. Aber ich peppe sie auf, mit mehreren „Willis“, also Williams-Birnen-Schnaps. Da kommt schon was zusammen. Nüchtern bin ich sicher nicht, wenn ich nach Hause laufe, mit viel zu viel Nikotin und auch zu viel Alkohol im Blut.

Früher hieß das normalerweise: Kurz bevor ich knapp vor zwei endlich ins Bett falle, noch eine Aspirin- und eine Paracetamol-Tablette einwerfen. Und hatte ich das vergessen, musste es morgens nachgeholt werden, dann leider schon mit dem fetten Brummschädel, den man nach einem solchen Nikotin- und Alkoholabusus erwarten darf. Aber selbst, wenn ich daran gedacht hatte, nachts noch vorzusorgen, ging’s mir am Mittwochmorgen nie wirklich gut.

Hier soll auf keinen Fall ein Lobgesang auf Schmerztabletten gesungen werden. Oder auf Skatabende mit Kippen und Bier. Außer dem Riesenspaß, den wir jeden Dienstagabend haben, gibt es dafür wirklich keine Rechtfertigung. Dafür aber folgt die Strafe auf dem Fuße, sprich: am Mittwochmorgen. Da bin ich dann todmüde und wackelig auf den Beinen. Trotzdem ziehe ich mich mühsam am Handlauf die Treppe hoch, denn eines ist mir klar: Wenn ich am Mittwochmorgen das Frühstück nicht mehr machen kann, dann muss ich wirklich etwas ändern. Und das will ich nicht. Also quäle ich mich jeden Mittwoch um sieben aus dem Bett und die Treppe rauf.

Und dann kam jener Skatabend Mitte letzten Jahres (das war 2017, drei Jahre vor Corona). Oder besser gesagt, jener Mittwochmorgen, an dem ich zwar etwas schlaftrunken, aber flott und vor allem freihändig die Treppe raufgefedert bin. Und das war bei Weitem nicht das einzig Bemerkenswerte. Erst später wurde mir klar, dass ich weder nachts präventiv Tabletten eingeworfen noch aber morgens die kleinsten Anzeichen von Kopfschmerzen oder Brummschädel bemerkt hatte. Mir war auch kein bisschen schwummerig, ich fühlte mich absolut nüchtern und die Performance auf der Treppe war wirklich außergewöhnlich, nicht nur für einen Mittwochmorgen. Was, zur Hölle, war denn hier los?

Jetzt, gut zwei Jahre später, glaube ich es zu wissen. Oder sagen wir mal, ich habe plausible Gründe anzunehmen, ich wüsste es. Denn nach jedem Skatabend mit zu viel Bier, Willis und Zigaretten bin ich glockenwach und klar im Kopf. Treppe? Ach, wurscht. Genauso wurscht wie 15 Kilometer Wandern, untrainiert, aus dem Stand. Muskelkater am nächsten Tag? Fehlanzeige. Der kam sonst immer, wenn ich wochenlang sportlich rein gar nichts gemacht hatte, dann aber – bewaffnet mit diesen unschicken Rosi-und-Christian-Stöcken – losmarschiert bin, und das gleich für viele Stunden. Muskelkater, der mir doch signalisieren sollte, dass ich viel geleistet habe, bleibt heute aus. Na gut, ein minimales Ziehen in den Waden habe ich vielleicht. Aber da muss ich schon sehr konzentriert hinfühlen. Kopfschmerzen habe ich seit dem Wundermittwoch nie mehr gehabt. Dabei war das früher etwas ganz Normales, auch ohne Skat. Eine 100er-Packung ASS hat sicher keine zwei Jahre gehalten. Und die entsprechende Menge Paracetamol kam auch noch dazu. Und jetzt? Ich kann mich nicht erinnern, wann genau ich die letzte genommen habe. Obwohl doch, irgendwann im Herbst 2018. Genau eine war’s, und zwar rein prophylaktisch. Fast schon aus alter Gewohnheit, weil die Kopfhaut ein klein bisschen ziepte, das war ich gar nicht mehr gewohnt. Eine, besser gesagt: eigentlich keine einzige notwendige in mehr als zwei Jahren. Und es gibt keinen Grund anzunehmen, ich könnte eine benötigen – das ist verrückt, jedenfalls für mich und meine jahrelangen Gewohnheiten. Sonstige Malaisen? Fallen mir keine mehr ein.

Es fühlt sich an wie ein kleines Wunder. Ich fühle mich 20 Jahre jünger. Also rein körperlich. Ich bin 65 und danach sehe ich auch aus – finde ich jedenfalls. Na ja, mit viel Wohlwollen vielleicht auch wie 63. Ganz sicher aber nicht wie 50 oder noch jünger. Nicht wie Udo Jürgens, der mit 75 aussah wie 55 und in die Tasten gehauen hat, als wäre er keine 45. Auch nicht wie der FC-Bayern-Doc Müller-Wohlfahrt, bei dem man die 70 plus nur aus allernächster Nähe ahnen kann und auch nur, wenn die aufdringlichen TV-Kameras direkt auf sein Gesicht zoomen.

Mir sieht man an, dass ich zeit meines Lebens viel, sehr viel in der Sonne war, und ich habe jede Menge Lachfalten um die Augen. Und klar, vor etwa 15 Jahren fing das an mit den typischen Zipperlein des Alters. Wie heißt der hübsche Spruch? „Wenn du mit 50 morgens aufwachst und es tut dir nichts weh, dann bist du tot.“ Dann also müsste ich jetzt tot sein, denn im Gegensatz zu früher – da hatte ich morgens schon auch mal „Rücken“ – wache ich auf, als wäre ich wieder 30, fit und pumperlg’sund.

Noch während ich an diesem Text sitze, hör-lese ich Detlef Hacke im SPIEGEL jammern: „Ich bin jetzt 54, dies zur Orientierung. Morgens federe ich nicht mehr aus dem Bett, sondern rappele mich auf. Die ersten Schritte treppab sind steif, und bis meine Bewegungen halbwegs geschmeidig werden, brauche ich inzwischen fast so lange wie früher nach einer durchzechten Nacht. Vielleicht bin ich deshalb morgens am liebsten der Erste der Familie. So sieht niemand, wer da im Morgengrauen zur Kaffeemaschine stakst. Tagsüber wird es besser, aber so richtig gut auch nicht.“ (t1p.de/pcy0)1 Neuerdings steht da übrigens „Mitte 50“ statt „54“ – und ich muss grinsen, weil auch er das schöne Wort „federn“ verwendet. Mit dem Unterschied, dass ich, der zehn Jahre Ältere, tatsächlich schon morgens „federe“, Hacke, der viel Jüngere, offenbar den ganzen Tag nicht mehr. Und wenn ich daran denke, wie ich vor zehn Jahren nachts rausmusste (auch das muss ich nicht mehr), sehe ich mich ganz vorsichtig die nachtsteifen Füße in kleinsten Trippelschritten einen vor den anderen setzen, wie man das von alten Leuten kennt. Gruselig. Genauso gruselig wie das „staksen“, das Hacke oben für sich beschreibt.

Und jetzt? Meine früheren Kolleginnen von der eBuch eG (t1p.de/t7g5)2 und genialokal.de (t1p.de/3aqe)3, die ich ab und an besuche, sitzen im fünften Stock. Und die Stockwerke sind hoch, Industriebau halt. 5 x 10 + 5 x 9 = 95 Treppenstufen bis zu ihnen rauf. Wenn ich den Aufzug früher aus Gesundheitsgründen mal Aufzug habe sein lassen, dann wurde es ab dem vierten Stock schon etwas mühsam, und auf der letzten Treppe signalisierten meine Oberschenkel und Waden deutlich ihre Sauerstoffnot – oder was man eben dafür hält. Nachdem ich begonnen hatte, diesen Text zu schreiben, wollte ich das unbedingt noch einmal ausprobieren. Der Unterschied war drastisch. Klar, ganz oben musste ich schon einmal gut Luft holen, aber ich war durchgelaufen, und das ganz ohne die kleinen Schmerzstiche in den Oberschenkeln. Und ich bin definitiv nicht im Training: Mein kluges Pedometer (Schrittzähler), eine der besten Apps auf meinem Android-Smartphone (t1p.de/4hv6)1, sagt mir, dass ich im ersten halben Jahr 2018 im Schnitt noch jeden Tag 6000 Schritte, also knappe 3,7 Kilometer pro Tag zurückgelegt habe. Neben vielen 2000er-Durchschnittstagen waren da halt auch ein paar 17 000–20 000er-Wanderungen dabei. Seit dem Sommer waren es aber leider nur noch durchschnittlich 4000 Schritte (2,5 km/Tag), und das mit stark fallender Tendenz, denn im November waren es nur noch 3000 (1,8 km/Tag), die praktisch jeder Mensch täglich auf dem Zähler hat. Weit entfernt von den 10 000 Schritten oder circa sechs Kilometern pro Tag, die allgemein empfohlen werden. Training kann also nicht die Erklärung sein.

Ich schildere das so genau, damit Sie verstehen können, wie verwundert ich selbst bin. Natürlich tue ich etwas für meine Gesundheit, aber ich muss mich dazu nicht im Fitnessstudio kasteien. Oder besser gesagt, ich will es nicht, denn ich bin ein fauler Hund. War ich schon immer. Oder sagen wir mal bequem. Meine Bequemlichkeit habe ich immer versucht mit Einfallsreichtum auszugleichen. Wenn der Krieg der Vater aller todbringenden Erfindungen ist, dann ist die Bequemlichkeit die Mutter aller nützlichen Ideen, die den Komfort im Alltag steigern.

Es ist also definitiv nicht „Spocht“, wie Olli Dittrich sagen würde, denn Sport gegen mich selbst, wie etwa Joggen oder Gewichte stemmen, ist für mich eine echte Qual. Auch kein radikaler Alkoholverzicht, auch nicht kalt duschen, keine Gymnastik, keine Meditation, kein Yoga und ganz sicher keine hochgesunde Rohkost-Vollkorn-Ernährung. Ich gehöre eher zu den Omnivoren, sprich: Ich esse alles und Fleisch recht regelmäßig. Ja, seit einigen Jahren versuche ich Zucker zu vermeiden und andere schnelle Kohlenhydrate so weit wie möglich zu reduzieren. Ich bin aber nicht verbissen, ich versuche nur mein Gewicht zu halten, was ohne Sport deutlich schwieriger ist, weil man im Alter leider viel weniger Kalorien braucht. Natürlich esse ich regelmäßig Salat und Gemüse, aber auch Steaks, Schinken, Salami-pizza aus dem Tiefkühlregal und anderes, was zwar gut schmeckt, aber nicht unbedingt als supergesund bezeichnet werden kann.

Und trotzdem scheinen seit über zwei Jahren weder Husten noch Erkältungen eine Chance zu haben. Ich habe Leuten die Hand gegeben, die schwer geschnieft haben, die total verrotzt und fiebrig waren, ja sie sogar umarmt mit Busserl links und rechts. Und ich habe dann auch pflichtschuldigst ein bis zwei Tage später eine beißende Nase gehabt und auch ein paarmal niesen müssen – aber das ging nach gut einem Tag mit ein paar Nasentropfen wieder vorbei. Früher wäre das nicht unter einer Woche abgegangen, denn der Erstinfektion mit den Rhinoviren (da tropft die Nase, aber nur, als sei es klares Wasser, dafür brummt der Schädel) wäre nach drei Tagen die übliche bakterielle Infektion gefolgt, die wir als eigentlichen Schnupfen mit den entsprechenden unschönen Begleiterscheinungen im Taschentuch wahrnehmen. Und mit ein bisschen Pech wäre das Ganze noch in die Nebenhöhlen gezogen, meine echte Schwachstelle.

Ich bin auch heftig angehustet worden von Menschen, die sich mit diesem Husten zehn Tage lang gequält haben, habe dann selbst das Kratzen im Hals bekommen und war es nach 36 Stunden wieder los – mit ein paar Lutschpastillen. Oder praktisch sofort mit dem gestrengen Wasserdost – aber davon später.

Mein kluger Hausarzt hat übrigens in seiner ganzen Praxis striktes Handschlagverbot. Natürlich nicht aus religiösen, sondern aus sehr vernünftigen medizinischen Gründen. Das hatte er schon vor der Corona-Pandemie, und zwar nicht nur im Winter, sondern ganzjährig. Früher, mit meinen zwei bis fünf Erkältungen im Jahr, konnte ich das nur unterstützen. Damals war es mir eher egal, denn etwas war anders im Jahr 2018, sehr anders. So anders, dass es mir auffiel, obwohl doch die Abwesenheit von etwas viel schwerer zu bemerken ist als ein eintretendes Ereignis. Wenn ein Schnupfen ausfällt, wie will ich beweisen, dass er wirklich ausgefallen ist? Dass ich ihn unter anderen Umständen bekommen hätte? Beim Kater ist das schon leichter, den kann man provozieren, und ich tue das jeden Dienstag, also vier- bis fünfmal im Monat: „Tschüss Party, hallo Schmerz: Auf übermäßigen Alkoholkonsum folgt Leid. Das ist bekannt. Doch warum der Körper so reagiert, ist unklar. […] Die Mehrheit klagt über Kopfschmerzen, Müdigkeit, Stimmungsschwankungen und Übelkeit, manche müssen sich sogar übergeben“, schreibt Janosch Deeg in einem langen Artikel über den Alkoholkater (t1p.de/9g43)1. Bei mir: nichts dergleichen. Wie sich das Leben ohne Kater anfühlt, formuliert eine trockene Alkoholikerin in der ZEIT sehr eindrücklich: „Ich wache jeden Morgen auf und habe einen klaren Kopf. Seit dem 13. September 2017 hatte ich keinen Kater mehr. Ich wache auf und bin manchmal immer noch erstaunt darüber, dass nichts gegen meine Schädeldecke hämmert, dass ich, sobald ich die Augen öffne, sofort einen klaren Gedanken fassen kann und das ist schon einmal ein Jackpot.“ (t1p.de/xasr)2

Verzicht ist ganz sicher die bessere und gesündere Methode als Alkohol plus Nikotin und dann Schmerztabletten gegen den unvermeidlich folgenden Kater. Aber selbst wenn man darauf verzichtet, hat man doch ab und an Kopfschmerzen. Und schuld ist dann das Wetter. Oder die trockene Luft im Büro. Oder eine beginnende Erkältung? Ich habe keine mehr – Kopfschmerzen meine ich. Seit über anderthalb Jahren keine einzige Stunde mehr. Und das, obwohl ich es mit den Skatabendorgien geradezu herausgefordert hatte und zu allem Überdruss auch keiner möglichen Ansteckungsquelle für eine Erkältung aus dem Weg gegangen war.

Beim Muskelkater ist die Beweisführung deutlich schwieriger, denn man bemerkt ihn ja nur, wenn man ihn hat, und vergisst ganz leicht, dass es nicht oder viel weniger gezwickt hat, als es hätte müssen – „Wäre, wäre, Fahrradkette“ (Loddar!). Und schon das kann man nicht beweisen. Aber ich sage mal so: Wenn ich jetzt, praktisch untrainiert, nach drei Stunden hartem Sport – die hätte ich vor drei Jahren sowieso nicht geschafft – oder einer spontanen 35-Kilometer-Wanderung wirklich geschafft nach Hause trotte, aber am nächsten Morgen nichts zwickt oder ziept (und das in meinem Alter!), wie, bitte schön, soll ich das anders bezeichnen als ein kleines Wunder?

Ich will von meiner Spurensuche erzählen – Sie können daraus Ihre eigenen Schlüsse ziehen. Harte Beweise habe ich nicht, dafür gibt es auch gute Gründe, aber ich werde später noch von ein paar ultimativen Belastungstests berichten. Meine momentan erstaunliche Fitness und die schier unverwüstlich scheinende Gesundheit sagen mir, dass ich wohl irgendetwas richtig mache. Der Aufwand, den ich dafür treibe, ist sehr gering – ich sagte es doch schon, ich bin bequem. Die Mühen und Kosten meines Zaubertranks sind überschaubar. Ich nehme fünf Lot Tausendgüldenkraut, drei Fledermausflügel, getrocknet und gemörsert, zwei Büschel Alraune, ein Schock Spinnenbeine, fein gehackt, eine halbe Tollkirsche, drei Gran Fliegenpilzpulver, ein Quäntchen Bilsenkraut und eine Dolde vom blauen Fingerhut für meinen Hexentrunk-Jungbrunnen. Na ja, sagen wir mal: heutige Äquivalente zu uralten Multi-Mikronährstoff-Rezepturen.

Die Zeit, die ich dafür aufbringen muss, ist das eine: einmal wöchentlich zehn bis zwölf Minuten zählen, teilen, einsortieren. Und dann zweimal täglich ungefähr zehn Sekunden, um mir den Zaubertrank, das Lebenselixier, zuzuführen. Die realen Kosten in Heller und Pfennig, Euro und Cent? Geringfügig mehr als die Mitgliedschaft bei einer sehr günstigen Fitnessstudio-Kette, aber deutlich weniger als die in einem Premium-Studio. Insgesamt auch weniger als ein Bier in der Kneipe oder ein Latte Macchiato im Café. Um die zwei Euro am Tag. Das ist es mir wert. Wer weiterliest, wird verstehen, warum.

Natürlich werde ich auch verraten, was sich hinter „Tausendgüldenkraut“ und den anderen Geheimzutaten verbirgt. Aber man möge mich richtig verstehen: Jede*r Leser*in kann mit den Informationen, die ich hier gebe, anstellen, was er oder sie will. Ich betreibe hier ausdrücklich keine Werbung für irgendetwas oder irgendwen, sondern fordere jede*n dazu auf, sich selbst weiter über alles zu informieren, was er oder sie interessant findet. Um aber etwaigen Nachfragen – Was kaufst du bei wem? Wie viel kostet es? – vorzubeugen, finden sich an der einen oder anderen Stelle Hinweise auf bestimmte Produkte. Ende der Werbedurchsage.

Dieses Buch erzählt davon, wie ich in den Jungbrunnen gefallen bin. Aber es ist eine ausdrücklich private Geschichte. Ich bin weder ein Arzt noch ein Heiler, und ich werde tunlichst vermeiden zu sagen: „Sie müssen nur dies und jenes tun, dann wird ganz sicher …“ Ich erzähle meine Geschichte.

1 t1p.de/pcy0

2 t1p.de/t7g5

3 t1p.de/3aqe

1 t1p.de/4hv6

1 t1p.de/9g43

2 t1p.de/xasr

Warum bloß?

Ach, warum denn noch ein Buch zum Thema Fitness und Gesundheit über 50? Ich habe vor zwei Jahren ein erstes Buch geschrieben, über die Ursachen und schwerwiegenden Folgen unseres täglichen Zucker-Überkonsums: Zucker – tödliche Versuchung, erschienen im Braumüller Verlag (t1p.de/LBZU)1. Zumindest einem Freund habe ich damit geholfen, dem drohenden Diabetes zu entgehen. Ein Bluttest vor einem längeren Auslandsaufenthalt ergab einen schockierenden Zuckerwert von 300 mg/dl (80–100 mg/dl gilt als normaler gesunder Wert). Der Langzeitwert HBA1c im Blut, der zwischen 4,3 und 6,2 Prozent liegen sollte, lag tatsächlich bei 11 Prozent. Klarer Fall: Prädiabetes. Erst mal verschrieb der Arzt Tabletten, um die Insulinausschüttung zu stimulieren (also mehr Insulin, um den zu vielen Zucker aus dem Blut besser in die Fettzellen zu transportieren). So befördert man das Übel, statt seine Wurzel zu bekämpfen. Die nächste Stufe ist dann normalerweise – nach Erschöpfung der Bauchspeicheldrüse – das Insulinspritzbesteck, dreimal täglich pieksen. Später dann Nerven- und Nierenschäden und zum Schluss noch der amputierte Diabetiker-Fuß. Das ist die klassische Diabetes-II-Karriere. Und der Tod kommt dann auch fünf bis sieben Jahre früher als bei Nicht-Diabetiker*innen.

Nicht alle Menschen sind mit wissenschaftlichen Größen vertraut. Vom Kilogramm (kg) wissen wir, dass es 1000 Gramm (g) sind: altgriechisch „chílioi“ heißt „tausend“. Dagegen sind „mg“ Milligramm, ein Tausendstel von einem Gramm. In diesem Fall ist es das lateinische Wort für Tausend: „milli“. Und Mikrogramm, international abgekürzt „mcg“, bei uns gerne auch „μg“ (griechisches M, gesprochen: „mü“), kommt vom griechischen „mikro“, das heißt „klein“. Ein Mikrogramm (mcg) ist wiederum ein Tausendstel von einem Milligramm, also ein Millionstelgramm.

Den Liter (l) kennen wir alle, aber den Deziliter (dl) kennen eher die Österreicher („an Dezi Heurigen bitte“) und Fachleute. Und dann brauchen wir auch noch nano, kurz „n“. Das kommt vor als Nanogramm (ng) oder Nanomol (nmol). „Nano“ ist die Steigerung von „mikro“, also noch mal tausendmal weniger, ein Nanogramm ist ein Milliardstelgramm. Und das Mol? Man hat alle chemischen Elemente gewogen. Und festgestellt, dass ihr Atomgewicht in Gramm eine ganz bestimmte Anzahl von Atomen enthält, nämlich ~6x10^23 Atome, eine Sechs mit 23 Nullen. Ein Mol ist nun das Gewicht eines Moleküls als miteinander verbundene Atome. Zum Beispiel Wasser: H2O hat zwei Wasserstoff-Atome (Atomgewicht circa 1) und ein Sauerstoff-Atom (16). Ein Mol Dihydrogenoxid (das wäre der korrekte chemische Name), also Wasser, wiegt 18 Gramm – das ist ungefähr ein Schnapsglas voll – und enthält eben auch 6 x 10^23 Moleküle. Oder ausgeschrieben: 600 000 000 000 000 000 000 000 – ganz schön viel, gelt?

Alle diese Größen finden Sie in der Wikipedia: t1p.de/4h6z1

Ich hatte meinem Freund jahrelang erklärt, er habe definitiv zu viele Kilos und solle nicht dauernd Schokoriegel, Knusperwaffeln und Gummibärchen in sich reinstopfen – jetzt hatte er die Quittung und war stark verstört. Aber er hatte auch mein Buch gelesen und nahm sich dann plötzlich alles zu Herzen. Verzichtete auf Zucker, reduzierte andere schnelle Kohlenhydrate und nahm binnen fünf Monaten zwanzig Kilo ab. Nach einigen Wochen schon konnte er die Tablettendosis halbieren, nach weiteren 14 Tagen ganz absetzen. Sein BMI (Body-Mass-Index) liegt jetzt bei gesunden 25, sein Nüchternzucker bei 96 mg/dl und der HBA1c bei großartigen 5,4 Prozent. Er ist wieder „clean“ und wird kein Diabetiker mehr werden. Im Januar 2020 war er mit seiner Frau mal wieder in Indien. Nach dem Aufstehen maß er 89 mg/dl und zwei Stunden nach Milchkaffee und Frühstück erst 73, dann sogar nur 70 mg/dl, perfekt, bei Nicht-Diabetikern beginnt Unterzucker erst bei 50 mg/dl (t1p.de/0z11)1.

Genau dafür hatte ich das Zucker-Büchlein geschrieben: für meine nahen Freunde und Verwandten, die wir bei der vielen Schokolade, den Muffins und Donuts um uns herum alle Gefahr laufen, uns einen Altersdiabetes einzufangen, und es hat mich riesig gefreut, dass es zumindest einem Freund, ausgerechnet einem meiner besten, so gut hat helfen können.

Und nun sitze ich hier, fühle mich rundum pudelwohl und gesünder als seit Jahrzehnten, aber auch verpflichtet, allen, die nur irgendwie über die alltäglichen Alterszipperlein klagen, meine Geschichte vom Zaubertrank zu erzählen. Wenn meine Erkenntnisse nur ein paar Menschen helfen würden, besser zu leben, gesünder zu bleiben und sich weniger alt zu fühlen, wäre das doch toll, oder?

Zu diesem Buch nur so viel: Ich schreibe eher essayistisch, ich erzähle eher so wie am Tisch mit Freund*innen. Ich will hier keine streng wissenschaftliche Arbeit vorlegen, sondern zusammentragen, was ich bei meiner Suche erfahren habe. Für nahezu jede Überzeugung kann man Studien finden, die dieses und auch jenes belegen. Die aber oft aus statistischer Sicht mangelhaft bis ungenügend sind. Darüber hinaus werden auch selbst in hochgelobten Studien andere Vorläuferstudien falsch zitiert, weil die Autoren die Fundstelle falsch verstanden und deshalb auch falsch wiedergegeben haben. Es gibt also mehrere Fehlermöglichkeiten: Der Sachbuchautor beruft sich auf eine Studie, in der das, was er behauptet, gar nicht drinsteht. Oder es steht drin, basiert aber auf einer anderen Studie, nur steht dort gar nicht drin, wovon die Studien-Autor*innen dachten, dass es da stünde. Den bekanntesten Fall, bei dem falsch abgeschrieben wurde, kennen Sie alle: Nein, Spinat wird nicht, wie jeder kleine Junge früher logischerweise vermutet hat, vom Spielzeugmagneten angezogen, und die Menge Eisen, die er enthält, ist nicht tausendmal größer als in anderem Gemüse. Es war ein falsch gesetztes Komma, das in unzähligen nachfolgenden Berichten und Ernährungsempfehlungen munter abgeschrieben wurde und so den Mythos vom supergesunden Spinat erschuf. Das dramatischste Beispiel für falsch abgeschriebene Angaben sind wohl die 17 Zeilen im Bericht eines medizinischen Assistenten zur Frage, ob Oxycontin abhängig mache. Die Behauptung, dass es nicht süchtig mache, wurde über 15 Jahre lang immer wieder zitiert, aber niemals nachgeprüft. Die Folge sind mittlerweile 400 000 Suchttote und verheerende Zustände im Rostgürtel Amerikas.

Diese beiden Fälle zeigen aber auch ein grundsätzliches Problem, auch etwa epidemiologischer Studien, sofern sie nicht an Laborratten durchgeführt werden: Bin ich darauf angewiesen, mit Angaben von Menschen zu arbeiten, sei es, was sie essen, was sie trinken, wie viel Sport sie machen und Ähnliches, ist es schwierig, zu objektiv wahren Aussagen zu kommen. Aber wer glaubt, dass dieses Problem mit ausschließlich harten Fakten beseitigt werden könne, der irrt. Die Diskussion um die Feinstaubwerte am Stuttgarter Neckartor zeigt das nachdrücklich: Ein paar Meter, um die die Messstation anders aufgestellt ist als jene in anderen Städten, machen einen Riesenunterschied, beeindrucken die Gerichte aber nicht wirklich. Das Einzige, was also Laienleser*innen eines Sachbuchs beurteilen können, ist, wie plausibel die vom Sachbuch-Autor dargelegte Überzeugung zu sein scheint. Und die hat der Autor ja kaum selbst erdacht, sondern aus vielerlei Publikationen herausgelesen und zusammengefasst. Genau darum geht es mir: Wer will, kann alles, was ich hier erzählen werde, im Netz ergoogeln. Wahrscheinlich auch Widersprüchliches und Gegenteiliges dazu. Ich werde hoffentlich keine offensichtlich falschen Fakten präsentieren, aber vielleicht manch „wild“ klingende Theorie, für die es zwar sehr starke Hinweise, aber keine harten Beweise im Sinne klinischer Studien gibt. Und die Ihr Mitdenken erfordert, wenn es darum geht, die Plausibilität zu überprüfen. Ab und an werde ich trotz allem die ein oder andere Studie zitieren und auch verlinken.

Das Fehlen klinischer Studien ist übrigens ein immer wiederkehrendes Totschlagargument der Medizinprofis, vom Ärztebund bis zur Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Wie ich später noch zeigen werde, ist der Grund für das Fehlen solcher klinischer Studien häufig, dass sie schlicht sauteuer sind, man aber mit einem billigen Wirkstoff oder einer einfachen Therapie kein Geld verdienen kann. Man würde also die Wirksamkeit solcher Stoffe oder Therapien gar nicht beweisen wollen, weil man daraus keinen Profit schlagen kann. Und niemand, wirklich niemand in der gesamten Gesundheitsindustrie scheint ein genuines Interesse an dem alten, aber wahren Spruch zu haben, dass Vorbeugen besser ist als Heilen. Von kostenlosen appellativen Aufrufen zu mehr Bewegung und etwas weniger Essen mal abgesehen.

Ein technischer Hinweis: Ich zitiere ab und an wissenschaftliche Studien, gerne auch Artikel aus der überregionalen Presse über solche. Dazu gebe ich auch Links an. Ich nutze dabei zwei Techniken: Um die langen Links bequem abtippbar zu machen, verwende ich den Kurzlink-Service t1p.de, weil der Dienst werbefrei ist, Schutz vor Spy- und Malware bietet und auch sonst viele Vorteile hat, die man in den FAQ nachlesen kann. Danke dafür an Herrn Dipl.-Inf. Weißbach aus Dresden. Da es für gewerbliche Nutzung kein Bezahlmodell gibt, habe ich gespendet – aus egoistischen Gründen: Ich möchte, dass die Links auch in ein paar Jahren noch funktionieren.

Grau, teure Leser*innen, ist jede Theorie – sehr frei nach Goethe. Ob das stimmt? Jedenfalls sind im Folgenden alle theoretischen Textteile, die gewisse naturwissenschaftliche Kenntnisse erfordern oder stärker ins Detail gehen, grau hinterlegt. Sie müssen nicht unbedingt gelesen werden, um die Grundaussage des Buchs begreifen zu können, oder können zugunsten des Leseflusses übersprungen und gegebenenfalls nachgelesen werden.

Bevor wir nun ins Thema einsteigen, eine Danksagung vorweg: Den Redaktionen der großen deutschen Presseorgane danke ich für ihre naturwissenschaftliche und medizinische Berichterstattung und den Platz, den sie diesen Themen einräumen. Einer aber besonders: der FOCUS-Gesundheitsredaktion. Keineswegs, weil dort nur die allerfundiertesten Artikel veröffentlicht würden, sondern gerade weil dort auch Absonderliches, Wundersames und Rätselhaftes seinen Platz findet, Widersprüchliches und Abweichendes. Andere Blätter, die die vermeintliche Unseriosität auf jeden Fall vermeiden wollen, wirken dagegen geradezu langweilig. Wirklich Neues entdeckt man dort eher selten. Im Gegenteil, Studien oder Meldungen, die beweisen sollen, dass irgendetwas nicht hilft, finden dort weit leichter Raum. Besonderer Dank also an den FOCUS – aber ich weiß sehr wohl, dass man Spreu und Weizen sehr scharf trennen können muss, um diese Informationsquelle wirklich sinnvoll nutzen zu können. Herr Relotius hat uns aber ja bewiesen, dass auch andernorts, zum Beispiel im ehrwürdigen SPIEGEL-Haus, mitunter heftig Spreu produziert wird – und das mit Absegnung von ganz oben. Trotzdem auch ein Dank an den SPIEGEL für die wunderbare Serie „Ein rätselhafter Patient“.

Dem SPIEGEL-Redakteur Detlev Hacke danke ich, weil er ein viel zu wenig genutztes, aber ganz wunderbares kleines Wörtchen verwendet hat für den Ausdruck körperlicher Fitness: aus dem Bett „federn“. Bei mir: die Treppe hinauf. Und der mir damit absolut und vor allem ganz wörtlich aus dem Herzen gesprochen hat.

Dem wunderbaren Texter, Autor und Freund Christian Klippel fürs Korrekturlesen.

Last, not least der klugen pharmazeutisch-technischen Assistentin (PTA), die mich mit ihrem profunden Fachwissen fantastisch unterstützt hat, und meinem freundlichen Hausarzt, der mich bei meinen diversen Experimenten kritisch begleitet hat und neulich beim jährlichen Check-up auf dem Ergometer meinte: „Ich drehe Sie jetzt auf den Sportler-Modus hoch, Ihr Puls kommt ja nicht auf Touren.“ Und das mir, dem faulsten Nicht-Sportler unter der Sonne.

Das war im Sommer 2019. Im Januar 2020 war das Manuskript fertig. Dann kam Corona, und alles schien wichtiger als dieses Buch. Wenn Sie daher im Text z. B. lesen: „letzten Winter“, dann ist 2018/2019 gemeint, „diesen Winter“ muss man mit 2019 bis Januar 2020, also vor Corona lesen. Und das für „diesen Winter“, soll heißen März 2020, gebuchte Skifahren auf der Seiser Alm (S. 22) hat nach Verschiebung auf 2021 natürlich auch nicht stattgefunden. Vielleicht klappt’s ja stattdessen mit dem Wandern.

An meiner neuen, generellen Gesundheit hat sich aber auch im Corona-Jahr 2020 und bis heute (März 2021) nichts geändert, immer noch – wie für die Vorjahre geschildert – keinerlei Malaisen, natürlich auch kein Corona.

Und jetzt in medias res, mitten hinein ins Thema.

1 t1p.de/LBZU

1 t1p.de/4h6z

1 t1p.de/0z11

Winding back the clock – mein privater Jungbrunnen-Cocktail
Wie ich in den Jungbrunnen gefallen bin

Wenn die Zauberfee sagt, sie könne uns 30 Jahre jünger machen, aber wir müssten uns entscheiden, ob sie Körper oder Geist verjüngen solle, was würden wir über 50- bis 70-Jährigen antworten? Die meisten, ohne zu zögern: „Gerne 30 Jahre jünger, aber wenn ich mich entscheiden muss, dann bitte körperlich!“ Und das heißt natürlich: bitte auch im Gesicht (siehe Umschlagfoto)! Auch wenn es jeden ein bisschen anders trifft, kann jeder über 50 oder 60 etwas von den Zipperlein des Alters erzählen. Wir wünschen uns körperlich um 30 Jahre verjüngt, weil wir dann, ohne darüber nachzudenken, die Treppe statt des Aufzugs nehmen oder eine Woche Ski fahren könnten, ohne uns vorher im Fitnessstudio zu quälen. Weil wir jetzt morgens aufwachen und der Rücken ziept, weil die Gelenke sich melden, wenn Regen im Anzug ist, weil dies, weil jenes. „Dann muss das wohl so sein“, dachte ich noch vor fast zwei Jahren.

Früher einmal habe ich unregelmäßig, aber intensiv Squash gespielt. Ohne Training und ohne Probleme. Später bin ich jedes Jahr im Winter eine Woche oder zehn Tage Ski gefahren. Immer den ganzen Tag lang, vom Frühstück bis zum Stillstand der Lifte – ohne gymnastische Vorbereitung und ohne Folgen. Das Skifahren habe ich vor gut zehn Jahren eingestellt, weil mir schon am zweiten Tag die Beine zitterten.

Und dann bin ich in einen Jungbrunnen gefallen, aus dem ich gefühlt mindestens 20 Jahre jünger wieder aufgetaucht bin. Über Nacht. Natürlich nicht äußerlich. Das Gesicht, das mir im Spiegel entgegensieht, ist immer noch der sichtbar 65-Jährige. Aber rein körperlich fühle ich mich wie allenfalls 45, leistungsfähig, wendig und vor allem: so gesund wie in den letzten 20 Jahren nicht mehr. Vor ein paar Wochen – viele, viele Monate nachdem ich die ersten Kapitel dieses Textes erstellt hatte – habe ich wieder angefangen, Tischtennis zu spielen. Wer das mit Ping-Pong verwechselt und es nicht für einen Leistungssport hält, macht übrigens einen schweren Fehler: Zweieinhalb schnell gespielte Stunden und ein durchgeschwitztes T-Shirt später weiß man das. Und die schaffe ich heute problemlos. Anders als meine teilweise viel jüngeren Kollegen auch ohne Pause. Und nichts ziept oder zittert dabei, und nichts zwickt am nächsten Tag. Diesen Winter habe ich mir fest vorgenommen, auch die Skier wieder auszupacken, mittlerweile ist der Urlaub fest gebucht. Weil ich es mir jetzt wieder genauso zutraue wie noch mit 40 oder 45: ohne darüber nachzudenken und ohne sechs Wochen vorher Skifitness zu trainieren.

Vorbeugen ist besser als Heilen

Im Internet kursiert ein netter Sinnspruch von Ashley Montagu: „The idea is to die young – as late as possible.“ Ich würde ihn etwas frei so übersetzen: „Die Kunst ist, jung zu sterben – aber reich an Jahren“, und meinerseits ergänzen: „Wenn du krank bist – geh zur Ärztin. Wenn du gesund bleiben willst, musst du dich selbst darum kümmern.“

„Warum so viele Menschen den größten Unsinn glauben“, titelt der SPIEGEL in einem Artikel über Verschwörungstheorien und führt unter anderem als Beispiel für solch abstruse Ideen an: „‚Big Pharma‘ zerrüttet aus Profitgier die Volksgesundheit, gedeckt von höchsten Kreisen!“ Später heißt es dazu: „In der Realität wäre keine Verschwörergruppe imstande, die arglose Bevölkerung über Jahrzehnte hinweg nach sinistren Plänen zu steuern. Vollends unmöglich wäre es, solche Umtriebe auch noch die ganze Zeit geheim zu halten.“ (t1p.de/og1p)1. Völlig richtig, aber: Das hat „Big Pharma“ gar nicht nötig. „Big Pharma“ ist auch nicht per se böse, jedenfalls normalerweise nicht – die meisten „bösgläubigen“ Aktionen (so nennt der Jurist das) kommen ja über kurz oder lang auch raus, man denke an Contergan oder – sehr aktuell – an Oxycontin und andere Medikamentenskandale. Die sind zum Glück die seltene und große Ausnahme. Aber Pharmafirmen wollen und müssen Geld verdienen. Und das ist auch völlig legitim. Ärzte auch. Die häufig kolportierte Geschichte von den chinesischen Barfußärzten, die nur bezahlt wurden, solange die Menschen gesund blieben, aber nicht, wenn sie krank wurden oder waren, zeigt, wie man ein „Belohnungs-system“ richtig ansetzt. Dem Arzt wurde Gesundheit vergütet, sodass er ein hohes Interesse daran hatte, die Menschen gesund zu erhalten. Von unseren Ärzten müssen wir das als moralische Verpflichtung erwarten, aber „belohnt“ werden sie dafür nicht. Besser gesagt: Richtig entlohnt werden sie leider nur, wenn wir krank sind. Dazu hat der Dichter Eugen Roth, scharfzüngig wie sonst auch immer, Folgendes gereimt:

Gleichgewicht

Was bringt den Doktor um sein Brot?

a) die Gesundheit, b) der Tod.

Drum hält der Arzt, auf daß er lebe,

uns zwischen beiden in der Schwebe.

Das ist natürlich sehr bösartig, beschreibt aber doch das Dilemma der Ärzte in Bezug auf Vorbeugung deutlich. Solange an Krankheit verdient wird, solange Krankheit ein „Umsatzbringer“ ist, müssen wir uns nicht wundern, dass auch manchmal der Profit dem allgemeinen Wohlergehen im Wege steht. Oder gar der Profit für einige Wenige das Wohlergehen Vieler schädigen kann und „die Medizin“ oder „Big Pharma“ hierbei Vorschub leisten.

Wer erinnert sich noch an die famosen Margarine-gegen-Butter-Kampagnen aus den Siebzigerjahren? Bestens unterstützt von einigen geltungssüchtigen Kardiologen, die in der bösen Butter die Ursache für Herzinfarkt und Arterienverkalkung gefunden haben wollten? Dass sie für ihre „Studien“ – inzwischen samt und sonders widerlegt – fürstlich bezahlt wurden, wen wundert das denn wirklich? Und wie war das mit den Eiern und dem zu hohen Cholesterinspiegel? Alles Mumpitz, wie wir inzwischen wissen, mit dem man aber famos die teuren Cholesterinsenker verkaufen kann. Nein, wie in jedem Bereich unseres Lebens menschelt es eben auch im Gesundheitsbereich, und Boris-Johnson-Lügenbarone gibt es eben überall – leider. Man muss auch kein blanker Egoist sein, um zu verstehen, dass uns allen das Hemd näher ist als der Rock (altertümlich für Jacke/Jacket, sonst stimmt’s ja noch nicht mal für Frauen oder Schotten). Dass niemand gerne an dem Ast, auf dem er sitzt, sägt. Dass das lobenswerte Credo der ganzen Medizinbranche zwar ist, Menschen bestmöglich zu heilen, aber nicht unbedingt, sie gar nicht erst erkranken zu lassen. Es ist also leicht nachzuvollziehen, dass „billige Gesundheit“ nichts ist, was der medizinisch-wissenschaftliche Komplex unbedingt und zuallererst befördern möchte. Mehr als wiederkehrende Aufrufe zu gesunder Ernährung und mehr Bewegung können wir nicht erwarten.

Ein Belohnungsprinzip für gesunde Patient*innen, wie bei den Barfußärzten, wäre ideal. Wir hingegen zahlen stattdessen regelmäßig in die Krankenversicherung ein, um im Zweifel halt auch mal krank sein zu dürfen, ohne gleich wirtschaftliche Not zu leiden. Trotzdem: Krank sein macht nicht wirklich Freude, und die meisten Menschen wären wohl, wenn sie wählen könnten, lieber gesund. Und sie hätten gerne lange gelebt, bevor sie „jung“ sterben – jung im Sinne von: körperlich und geistig gesund geblieben. Wer das wirklich will, muss sich aber ein bisschen kümmern. Ich tue das, und ich fühle mich mit 65 besser, als ich mich mit 45 gefühlt habe, körperlich meine ich. Im Kopf ist man doch sowieso ewige 35, oder? Wer in späteren Jahren aber auf der Treppe ächzt, mal wieder schlecht geschlafen und dafür morgens auch noch „Rücken“ hat, dem wird auf drastische Weise klar, dass Altern wohl doch ein Massaker ist, wie Philip Roth es in seinem Buch Jedermann formuliert hat: „Das Alter ist kein Kampf; das Alter ist ein Massaker.“ Und: „Was man alles bekommen kann, selbst wenn man sich fünfzig Jahre gesund gehalten hat. Was alles nachlässt. Wie sich das anfühlt, das ganze Elend, das sich Alter nennt“, zitiert – stark verkürzt – die WELT in einer Rezension des Bestsellers. (t1p.de/hfhm)1

Das muss aber nicht so sein, das ist meine feste Überzeugung. Um das besser erklären zu können, muss ich kurz über Autos reden. 99 Prozent haben noch einen Verbrennungsmotor, und der braucht Sprit. In einen Benzintank darf man keinen Diesel füllen. Der Kühler braucht Wasser, das ist klar, und die entsprechende Anzeige darf man nicht ignorieren, sonst geht der Motor kaputt. Das Gleiche gilt für den Ölstand, da sollte man das Aufleuchten der Warnlampe gar nicht erst abwarten. Und dann noch der Reifendruck. Das wären mal die wichtigsten Dinge. Und wir kümmern uns darum, weil wir das teure Auto ja nicht vorzeitig ruinieren wollen. Wir fahren in die Werkstatt zum Check, und auch die kümmert sich vorsorglich um alles, was vielleicht schadhaft werden könnte.

Die Reifen sollten normalerweise mindestens zwei Bar Druck haben. Wenn man mit nur noch einem Bar durch die Gegend rollt, kann man die Reifen nach 20 000 oder 30 000 Kilometern wegschmeißen, weil sie dann an den Rändern innen und außen total abgefahren sind. Und wenn wir vier Bar Druck draufgeben, ist es umgekehrt, die Mitte der Lauffläche wölbt sich nach außen und nutzt sich schneller ab als die Ränder des Profils. Genau deshalb kontrollieren wir den Reifendruck. Natürlich ist auch das Fahrverhalten beim Notbremsen und in schnell gefahrenen Kurven deutlich schlechter, wenn der Druck falsch ist, aber man müsste schon über ein sehr empfindliches Popometer verfügen, um einen abweichenden Reifendruck durch das Fahrverhalten des Autos zu erspüren. Ich bin schon mit nur einem Bar auf einem Hinterreifen gefahren, der sich ein winziges Stückchen Stahldraht einverleibt und über Wochen den Druck verloren hatte. Obwohl ich eine kurvige, einsame Waldstrecke, die ich gut kenne, sehr schnell gefahren bin, habe ich nichts bemerkt. Und auch im Stand hat man nichts gesehen. Aber dieser Reifen hätte, von dem Loch mal abgesehen, eben nur halb so lange gehalten wie die anderen, wäre also doppelt so schnell verschlissen. Wenn man den Motor dauernd kalt und immer unter dem Mindeststand an Öl durch die Gegend prügelt und mit zu wenig Kühlwasser Höchstgeschwindigkeiten fährt, dann muss man sich nicht wundern, wenn die Maschine mit 60 000 Kilometern das Zeitliche segnet. Ein gut gepflegtes Auto dagegen kann in zehn Jahren locker 300 000 Kilometer zurücklegen, und alles funktioniert noch wie ehedem.

Das Auto kaufen wir, und es ist teuer, also soll es bitte lange halten, 200 000 Kilometer mal wenigstens. Damit es das tut, pflegen wir es. Das alles ist Vorsorge, und die ist für uns selbstverständlich. Und wenn dann trotzdem mal was kaputt geht, dann wird die Werkstatt das natürlich auch reparieren. Aber besser, es geht erst gar nichts kaputt, denn die Vorsorge ist deutlich billiger als die Reparatur.

Das Beispiel Auto deutet auf zwei Dinge hin: Höchstbelastungen sind eher funktionszeitverkürzend – Sie dürfen diese Metapher gerne auf Hochleistungssportler übertragen, die schon mit Anfang 30 massive körperliche Wehwehchen haben. Und dauerhafte Mangelzustände wie zu geringer Druck im Reifen, zu wenig Wasser im Kühler und zu wenig Öl im Motor sind auch nicht hilfreich, wenn der Gegenstand des Interesses möglichst lange überdauern soll. Und auch das dürfen Sie als Metapher für unseren Körper beziehungsweise seine Versorgung mit den nötigen Hilfs- und Betriebsstoffen verstehen.

Wie gehen wir mit unserem teuersten Gut, dem eigenen Körper, um? Manche Menschen machen ab 50 gewisse Gesundheitsprüfungen, Blutbild, EKG, Darmspiegelung. Aber normalerweise gehen wir doch erst zum Arzt, wenn wir krank sind, und kümmern uns sonst nicht darum, ob unser Körper genug Reifendruck, Kühlwasser, Motoröl oder Bremsflüssigkeit hat. Wir scheinen zu glauben, dass wir das a) sowieso immer haben. Wir essen und trinken ja normal, da ist doch alles drin, was wir brauchen, oder? Und b) schon merken würden, wenn uns was fehlt. Das ist aber leider der größte Trugschluss. Wenn Sie kein Rennfahrer mit nervösem Popometer sind, merken Sie einen zu niedrigen Reifendruck so gut wie gar nicht – bis es zu spät ist. Bis Sie schlimmstenfalls entweder aus der Kurve geflogen sind oder bestenfalls die Reifen total abgefahren sind. Und dann heißt es Reparatur respektive Ersatz. Körperorgane, die durch stetigen Mangel geschädigt werden, können Sie aber nicht einfach mal so durch neue ersetzen. Eine Schilddrüse, die durch ständigen Jodmangel wuchert oder irgendwann den Betrieb einstellt, muss raus. Aber es gibt leider kein Ersatzteillager dafür. Und dann müssen Sie für den Rest Ihres Lebens Schilddrüsenhormone schlucken. Aber vorher haben Sie von dem Jodmangel nichts bemerkt. Der Körper ist nämlich eine verdammt schlaue Maschine, in der fast alles ein bisschen redundant ausgelegt ist. Das heißt, die meisten Mangelzustände können für eine ganze Weile vom Körper ausgeglichen und mit Gegenstrategien kompensiert werden. Aber genau wie Ihr Auto, das ohne Service und ohne ständige Kontrolle von Luftdruck, Ölstand und Kühlwasser locker 30 000 bis 40 000 Kilometer zurücklegen kann, machen sich Mangelzustände im Körper in den ersten 30 bis 40 Jahren bei den meisten Menschen eher selten bemerkbar. Dass diese Zipperleinsfreiheit ungefähr so lange anhält wie die Reproduktionsfähigkeit, finde ich lustig und aus Sicht der Natur (bloß kein vermeidbarer Aufwand!) durchaus plausibel. Die genetisch besonders gut ausgestatteten Exemplare dürfen ja auch gerne, wie schon in der Bibel stand, 70 oder 80 Jahre alt werden. Die anderen? Na ja.

Noch mal in Kürze: Beim Auto betreiben wir sehr diszipliniert Vorsorge, weil sich die Wenigsten teure Reparaturen leisten können oder wollen. Gegenüber unserem Körper verhalten wir uns anders. Die ersten 40 Jahre tun wir so, als wären wir fabrikneu, und wenn dann die Zipperlein auftreten, unser Motor ächzt und stöhnt und die Reifen auf der letzten Rille laufen, dann glauben wir, das müsse so sein, wir sind ja schließlich schon über 50. Und der Onkel Doktor soll’s dann richten. Das tut er auch, so gut er kann. Aber würde er auch einem 20-Jährigen erzählen, dass er mal Ölstand, Kühlwasser und Luftdruck kontrollieren und in Ordnung halten soll?

Merke also: Wenn du krank wirst, hilft dir – die Ärztin. Wenn du gesund bleiben willst, musst du dich selbst darum kümmern! Und zwar frühzeitig! Also schauen wir doch mal, was wir so alles checken könnten.

1 t1p.de/og1p

1 t1p.de/hfhm

Deutschland einig Mangelland

Ach, es mangelt uns an so vielem. An gutem Wetter, Fröhlichkeit der Menschen, Toleranz Andersdenkenden gegenüber, an Gerechtigkeit, sowohl sozial als auch juristisch – und an Gesundheit. Erstaunlich für ein Land mit einem der besten Gesundheitssysteme weltweit.

Sie wollen ja nicht in England krank werden, mit seinem maroden NHS-System, wo ein Bett auf dem Flur schon zum Normalfall geworden ist. Schon gar nicht in den USA, denn dort ist man dann auch gleich noch finanziell ruiniert, wie das Katja Kessler sehr humorvoll in Silicon Wahnsinn beschreibt. Ihr Sohn hatte sich auf der Rutsche in der Schule das Handgelenk gebrochen. Die Situation im Krankenhaus schildert Kessler so: „Zwei Stunden später hatten wir uns immerhin schon zu einem gelben Warndreieck vorgearbeitet: X-ray, Röntgen. Dafür hatte ich auch nur zehn Formulare ausfüllen und dreimal die Kreditkarte rausholen müssen. Aktuell waren wir, ohne dass groß was passiert wäre, bei einem vierstelligen Dollarbetrag. […] 60 Minuten und nochmal viele Dollars später wurden wir in einem winzigen Untersuchungszimmer mit Fernseher geparkt. […] Kurz nach halb zwölf steckte Caspars Arm […] in Gips.“ (EAN 9783547712018, S. 121 ff.)

Die Spitzenmedizin in den USA mag besser sein als unsere, ist aber leider nur von den oberen Zehntausend bezahlbar, und die breitenmedizinische Versorgung ist zum Ausgleich dafür eher schlechter als bei uns (weniger Ärzte pro Einwohner) und kostet trotzdem doppelt so viel (deutlich teurere Medikamente, hohe Arztgehälter, hohe Verwaltungsausgaben: (t1p.de/3b75)1. Aber: Bei uns sind trotz der guten medizinischen Versorgung die Krankheitszahlen und auch die Lebenserwartung leider nicht entsprechend gut. In Frankreich, Italien und Griechenland liegt Letztere nämlich ein bis zwei Jahre höher. Im Vergleich zu den Mittelmeerländern sind bei uns Herz- und Kreislauferkrankungen deutlich verbreiteter. Schuld daran soll vor allem die ungesündere Ernährung sein. Sie wissen schon, besser wäre Mittelmeerdiät und so. Da ist ja vielleicht etwas dran. Andererseits waren die deutschen Männer 2011 zu 16,6 Prozent adipös, also schwer übergewichtig mit einem BMI über 30. In Italien waren es nur 9,9 Prozent. Aber vielleicht ist die mediterrane Diät ja auch für beides verantwortlich? Brauchen wir also nur etwas Olivenöl statt Butter und Rotwein statt Bier? Sind wir mit allem Notwendigen versorgt? Bleiben wir gesund, wenn wir uns einfach nur ausgewogen ernähren (was auch immer das ist)? Die Wahrheit ist: Nein, das kann gar nicht klappen. Schon der tägliche Apfel, der doch den Doktor fernhalten soll („An apple a day keeps the doctor away“), tut das heute nicht mehr. Ja, zu Zeiten unserer Ururgroßeltern, da enthielt der Apfel noch viele Ballaststoffe und Vitamine und wenig Zucker, nämlich nur drei Prozent. Heute hat er mit 15 Prozent gut fünfmal mehr Fruchtzucker (das ist der, der die Fettflecken auf der Leber verursacht, siehe Zuckerbuch), und von Vitamin C ist nichts mehr zu finden: „Bis zu 12 Monate frösteln Äpfel nach der Ernte im Lagerhaus, um noch etwas nachzureifen und Zucker zu bilden. Auf Kosten der Vitamine? Oh nein, sagt der Südtiroler Bio-Genossenschaftsbauer. Die seien auch nach einem Jahr noch vollzählig vorhanden. [Sternekoch] Müller lässt trotzdem testen. Das Ergebnis: Nach einem Jahr Lagerung enthält der Apfel kein nachweisbares Vitamin-C mehr. Ein Apfel am Tag? Bringt offenbar auch nichts mehr“, heißt es in einem Artikel im FOCUS (t1p.de/2zm1)2. Ob die DGE das weiß? Noch nicht einmal, wenn wir uns richtig gesund, also zum Beispiel vegan und biologisch ernähren, können wir uns mit allen notwendigen „Betriebsstoffen“ ausreichend versorgen. Ich habe das für mich nur über Experimente herausgefunden, davon will ich im Folgenden mehr erzählen. Aber eines dieser Experimente ziehe ich vor, weil es, nun ja, ein wenig aus der Reihe fällt, nicht besonders aufregend war, auch etwas Durchhaltevermögen gebraucht hat, aber auch eine ganz wichtige Botschaft enthält: Auch wer wie ich meint, sich normal und ausgewogen zu ernähren, kann sehr wohl in Mangelzustände geraten. Denn die heutigen Lebensmittel sind selbst schon mangelhaft. Das sagt jedenfalls der Apotheker Uwe Gröber, der gemeinsam mit einigen Professoren einige Bücher über Mikronährstoffe geschrieben hat (t1p.de/paza)1: „Von 1914 bis 2018 haben Lebensmittel wie Kohl, grüner Salat, Tomaten und Spinat etwa 90 Prozent ihres Gehaltes an Magnesium, Kalzium und Eisen verloren.“

Im Rohmanuskript zu meinem Zuckerbuch stand unter anderem auch dieser Satz: „Zwei Dinge will ich noch in Zukunft testen: Selen und Lithium!“ Zum Selenmangel stand dort weiterhin: „Selen gehört zu den essentiellen Mineralstoffen, mit denen wir eigentlich durch die Nahrung gut versorgt sein sollten. Sollten! Wir brauchen Selen für ganz vielerlei, zur Synthese von Eiweißbausteinen und für unser Immunsystem. Äußerlich bemerken Sie einen Selenmangel vielleicht zuerst an brüchigen Nägeln und stumpfen, dünnen Haaren – aber warum Mangel?“ Tatsächlich begannen sich damals bei mir die Brüche und Risse in den Fingernägeln zu häufen. Was vorher vielleicht einmal im Jahr oder seltener vorgekommen war, wenn ich mit einem Fingernagel hart angestoßen war, gab es jetzt im Monats- oder Wochenabstand und die Anlässe wurden immer geringfügiger. Plötzlich sahen meine Nägel so aus wie die, die man früher in TV-Zeitschriften sehen konnte: mit einem dicken schwarzen Kreuz durchgestrichene lange Nägel einer Frau mit hässlichen Bruchrändern vorne dran. Daneben war dann der perfekte Nagel abgebildet, und das Ganze war Werbung für „Dr. Beautys Gesundheitspillen“ oder so. Und ich meinte mich zu erinnern, dass diese Pillen vor allem viel Selen enthielten. Also mal das Internet befragen. Eindeutig: Selenmangel und brüchige Nägel korrelieren stark. Selentabletten sind frei verkäuflich, und Selenase XL nicht gerade die billigsten. Aber was soll’s, probieren kann man das ja mal, oder? Gesagt, getan und brav jeden Morgen meine Selentablette geschluckt. Das Ergebnis war bei mir völlig eindeutig, auch wenn es einige Wochen oder eher Monate dauerte, denn so schnell wachsen Nägel ja nicht: Die Anfälligkeit für Brüche ließ immer mehr nach, die Nägel wurden elastischer und jetzt, nachdem ich seit gut drei Jahren regelmäßig Selen zu mir nehme, kann ich mich an den letzten Nagelbruch gar nicht mehr erinnern.

Na gut. Einzelfall, oder? Zumal man, wenn man nach „Selentabletten“ sucht, auch auf Artikel stößt, die verkünden: „Nahrungsergänzungsmittel mit Selen: Hilft nicht viel – schadet im Zweifel“ (t1p.de/wwlh)1. Und zwar von der Stiftung Warentest! Genauer heißt es dort: „Nahrungsergänzungsmittel mit Selen sollen Haut und Haaren gut tun, die Zellen schützen und sogar Krankheiten verhindern. Doch wissenschaftlich belegt ist der Nutzen nicht. Tatsächlich bestätigt jetzt eine große Studienauswertung, dass zusätzliche Selen-Zufuhr nicht vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützt. Und bei übermäßiger Einnahme kann es sogar schaden.“ Ah ja. Aber mit Herz-Kreislauf hatte ich doch gar nichts am Hut? Ich hatte brüchige Nägel – und dagegen hat es klar geholfen. Und dann heißt es weiter unten: „Normale Ernährung reicht meist zur Versorgung.“ Soso. Bei mir offenbar nicht. Sie merken schon, ich bin ein bisschen überkreuz mit diesem Bericht, aber das ist ja auch klar, denn da wird dann auch noch ausdrücklich gewarnt, es könne auch schaden! Mal sehen. Die Verbraucherzentrale sagt dazu: „Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) empfiehlt eine Tagesmenge von 45 Mikrogramm in Nahrungsergänzungsmitteln nicht zu überschreiten. Akute Symptome einer Überdosierung (möglich ab ca. 300 Mikrogramm pro Tag) sind […]“ (t1p.de/81l0)1. Ab 300 Mikrogramm? Das ist siebenmal mehr als der Tagesbedarf. Und wie viel hat eine von meinen Tabletten? Es gibt sie in Dosen von 50, 100 und sogar 200 Mikrogramm, das sind die oben erwähnten XL. Selbst mit den stärksten (und teuersten) Tabletten kann man sich also wohl kaum vergiften. Außer man nimmt mehrere davon, wie eine Frau, die, wie die Ärztezeitung berichtet, mit 50 fast blind und dement ins Krankenhaus gekommen ist: Sie hatte jahrelang die 200er-Tabletten genommen, und ihre früheren Selenwerte waren nur knapp über der normalen Obergrenze gelegen. Dann aber hatte sie sechs Monate lang täglich sechs bis sieben Stück eingenommen. Ihr im Krankenhaus gemessener Blutwert war um das 50-Fache erhöht. Es dauerte bei totalem Selenentzug immerhin zwei Jahre, bis alle Symptome wieder verschwunden waren und sich der Blutwert normalisiert hatte. Eine Hirnatrophie aber wird ihr bleiben (t1p.de/neq2)2. Also deshalb wird gewarnt. Na gut. Aber ich gehöre auch nicht zu den Leuten, die versuchen, ein rohes Ei in der Mikrowelle zu garen, und sich über die Dampfexplosion wundern, die dann folgt und eine verdammte Schweinerei hinterlässt.

Zurück zu der Aussage, wir bekämen über die Nahrung genug Selen. Diese Feststellung ist sicher in vielen Fällen falsch, in meinem ganz besonders. Zum einen beziehen wir Selen bei normaler Ernährung vor allem aus Getreide, das heißt etwa aus dem Mehl im Brot, Kuchen etc. pp. Das Selen im Getreide kommt aus dem Boden, und die Böden in Mittel- und Nordeuropa gelten als selenarm, weil sie schon Millionen Jahre alt und entsprechend ausgewaschen sind. Die Finn*innen – dort sind die Böden noch etwas selenärmer – haben daraus ihre Schlüsse gezogen: Der Dünger, der auf die Felder ausgebracht wird, wird in Finnland mit Selen angereichert, so wie bei uns das Salz mit Jod. Bei uns passiert das nicht, deshalb ist unser Getreide und damit auch das Brot eher selenarm. Bei mir kommt noch dazu, dass ich nur noch wenig Brot esse, Kuchen schon gar nicht – kohlenhydratarme Ernährung halt, sonst nehme ich leider zu. Und relativ gesehen esse ich überhaupt wenig, denn der Kalorienverbrauch im Alter ist ein ganz anderer, als man uns immer weismachen will.

Was lesen wir immer? 2000 Kalorien (Kal = kcal) pro Tag für einen 70 Kilogramm schweren Durchschnittserwachsenen. Ja, manche gute BMI-Rechner berücksichtigen mittlerweile das Alter (t1p.de/r6xn)1, aber weniger als 1600 kcal (kcal) oder 1600 Kal (Kal = kcal; die Abkürzungen werden synonym verwendet und entsprechen jeweils 1000 calorien) habe ich auch dort für meine 65 Jahre noch nie gefunden.

Vor zwei Jahren habe ich mir den Spaß gegönnt und meinen Kalorienumsatz richtig messen lassen. Das ist ganz einfach: Man atmet eine Minute im Sitzen in eine Röhre, dann weiß der Computer, wieviel CO2 man ausgeatmet hat, und damit auch, wie viel Kalorien aus Kohlenhydraten, Eiweiß oder Fett verbrannt worden sind. Bei mir war der Grundumsatz 950 Kalorien plus 200 fürs Sitzen: 1150 Kalorien. Mehr braucht mein Körper nicht, leider. Würde ich die allgemein vorgegebenen 2000 Kalorien essen, also 850 mehr pro Tag, dann wären das 120 Gramm Körperfett pro Tag. 1,2 Kilogramm in zehn Tagen, über drei Kilo im Monat, die ich zunehmen würde. Selbst die Differenz zum altersangepassten BMI-Rechner mit 1600 kcal/Tag würde sich in nur einem Monat zu deutlich mehr als einem Kilo Gewichtszunahme addieren. Und jetzt wird mir klar, warum ich so viele ältere Menschen sehe, die sehr, sehr rundlich sind: Die essen die von früher gewohnten normalen Portionen – und brauchen doch nur noch die Hälfte davon!

Mit 16 konnte ich fünf Mahlzeiten am Tag verdrücken, gut 2500 Kalorien müssen das oft gewesen sein. Und ich war ein Spargel von 54 Kilogramm bei allerdings nur 1,69 Meter, trotzdem untergewichtig. Das hat sich mit 30 fast schlagartig geändert, jetzt wollte jedes Bierchen gleich zum Brauereigeschwür beitragen, und mit 53 war ich bei stolzen 81 Kilogramm angelangt. Deshalb die Umstellung auf Low Carb, und es hat auch wirklich geholfen. Binnen 15 Monaten war ich runter auf 66 Kilogramm, und über die letzten Jahre halte ich mich zwischen 68 und 71 Kilo, das heißt, bei meiner Größe pendele ich zwischen BMI 24,9 und 25,1. Das ist okay. Lieber wären mir die 66 Kilo und der BMI von 23, ich gebe es zu, aber dann zeigt es sich schnell im Gesicht, und man sieht gleich ein paar Jahre älter aus. Es ist nicht so einfach, weniger zu essen, wenn doch alles so lecker schmeckt … und auf Brot kann ich am ehesten verzichten. Womit wir wieder beim Selen wären: Wenn also die Böden, damit das Getreide und damit auch das Brot, schon selenarm sind, man sowieso wenig isst und überdies dann auch noch wenig Brot, dann ist ja wohl klar, dass die Selenversorgung unterdurchschnittlich ist. Und dann ist auch klar, warum ich mein Nägelproblem mit den Selentabletten recht schnell in den Griff bekommen habe. Mittlerweile nehme ich es nicht mehr hochdosiert als einzelne Tablette, sondern in Kombination mit anderen Mikronährstoffen, Vitaminen und Mineralsalzen in tagesüblichen Bedarfsmengen. Zusätzlich zu dem, was in der Nahrung steckt, nehme ich 45 Mikrogramm, also ungefähr 90 Prozent des normalen Tagesbedarfs, der damit gut gedeckt sein dürfte. Damit bin ich auch meilenweit von jeder Vergiftung entfernt. Und ich bin der festen Überzeugung, dass ich nicht der Einzige bin, der einen latenten Selenmangel hat (beziehungsweise: hatte). Ich verstehe zwar, dass man vor so irrwitzigen Vergiftungsaktionen wie der oben geschilderten warnen muss, aber das ist so wie mit dem Chow-Chow, den man zum Trocknen nicht in die Mikrowelle stecken sollte – ein bisschen abseitig. Und die wirkliche Botschaft, dass Deutschland ein Selenmangelgebiet ist und alle West- und Nordeuropäer, von den schlauen Finnen vielleicht abgesehen, im Durchschnitt einen Selenmangel aufweisen, die geht leider in solchen Warnungen komplett unter. Ja klar, man konnte keinen Zusammenhang finden zwischen Selenmangel und koronarer Herzkrankheit. Unser Körper ist eben doch komplexer als so ein Auto mit seinen gerade mal 40 000 Teilen. Womöglich hat man da das Falsche gesucht? Später werde ich auch noch von einem fast schon absurden Zusammenhang zwischen so einem Mikronährstoff und einem ganz anderen Blutwert erzählen. Absurd, weil offenbar kaum bekannt. Ich selbst werde jedenfalls nie mehr kein Selen zu mir nehmen, da kann mir die Stiftung Warentest erzählen, was sie will. Aber auch nicht mehr als den Tagesbedarf – wozu auch, das kostet doch Geld! Und was zusätzlich über die Nah-rung reinkommt, nehme ich gratis mit.

Meine Nachforschungen über Selen, vor allem aber das Erfolgserlebnis, dass mir binnen weniger Monate kein Nagel mehr anriss oder brach, löste ein allgemeines Interesse an allem, was der Körper so an Hilfsund Betriebsstoffen brauchen könnte, bei mir aus. Wenn schon an so etwas Einfachem wie Selen ein allgemeiner Mangelzustand herrscht, dessen Auswirkungen ganz konkret zu spüren sind, was ist dann mit den tausend anderen Vitaminen, Mikronährstoffen und Spurenelementen? Vor allem, wenn man älter ist, muss man sich über die Versorgung mit Vitaminen und Mineralstoffen Gedanken machen, schon gar, wenn man insgesamt weniger isst. Bislang wird uns immer wieder gesagt, dass es uns bei ausgewogener Ernährung an nichts wirklich fehle und dass die Einnahme von Vitamintabletten überflüssig sei oder sogar schädlich sein könne. Wie einige Studien zu belegen scheinen, führt etwa das einstmals als Radikalenfänger hochgelobte Vitamin E (Tocopherol) bei erhöhter Zufuhr auch zu erhöhten Lungenkrebsraten bei Raucher*innen, während ein Mangel bei uns eher selten und nur in Verbindung mit bestimmten Krankheiten diagnostiziert wird. Auch Vitamin A wird in Überdosierung Schlechtes nachgesagt. Und dass Vitamin C keine Erkältung verhindert, hat sich ja nun auch herumgesprochen. Aber was ist eine ausgewogene Ernährung denn genau? Und ist dann wirklich alles drin, was ich brauche? Mal schauen: Da wäre zum Beispiel Vitamin B12. Schwangeren wird das empfohlen, genau wie B9 (Folsäure). Bitte? Wenn wir doch bei ausgewogener Ernährung angeblich alles bekommen, was wir benötigen? Und wie sagen die Frauen zu Recht: Ich bin schwanger und nicht behindert! Könnte es sein, dass wir vielleicht alle einen gewissen B12-Mangel haben, der sich allerdings nur bei Schwangeren beziehungsweise beim ungeborenen Kind besonders eklatant auswirkt? Und den allgemeinen Mangel nehmen wir vielleicht genauso wenig wahr, wie uns die rissigen Fingernägel zum Nachdenken bringen? Lästig, aber geht ja, oder? Genauso ist es offenbar. Die Vermutung, dass in der Bevölkerung ein allgemeiner B12-Mangel herrscht, liegt nahe. Und da B12 vor allem in tierischer Nahrung steckt, gilt das insbesondere für Veganer*innen. Die allerdings wissen das vermutlich alle und kontrollieren ihren B12-Spiegel regelmäßig. Aber auch wir Normalos sollten genau hingucken: „Vitamin-B12-Mangel ist weit verbreitet. Zu den Risikogruppen gehören ältere Personen, Vegetarier, Schwangere sowie Patienten mit Nierenoder intestinalen Erkrankungen. Die neurologischen Symptome des Vitamin-B12-Mangels sind unspezifisch und können irreversibel sein“, schreibt das Deutsche Ärzteblatt (t1p.de/l1pg)1. In einer der verlinkten Studien werden auch Zahlen angegeben: Fünf Prozent aller 65- bis 74-Jährigen hatten demnach einen B-12-Mangel und sogar zehn Prozent aller 75-Jährigen und Älteren.

B12 wird vom Körper nicht hergestellt, sondern nur von Mikroorganismen (Bakterien). Es kommt vor allem mit tierischer Nahrung in unseren Körper – oder eben mit Tabletten.

In Wahrheit ist es komplizierter, auch unser Darm stellt B12 her, nur leider zu spät:

„Wenn Pflanzen kein B12 haben, wie überlebt ein Menschenaffe dann vegan? […] Ganz einfach: Schimpansen fressen auch Fleisch (sie jagen aktiv kleine Tiere), und die reinen Pflanzenfresser, also die Gorillas, substituieren B12. Glaubst du nicht? Beobachte mal Gorillas: Sie halten ihre Hand unter ihr Hinterteil, fangen ihren eigenen Kot auf und fressen den. Das nennt man Koprophagie. Im Dickdarm von Säugetieren leben nämlich Bakterien, die B12 herstellen. Nur nützt das uns nichts, denn unser Dickdarm kann keine Nährstoffe absorbieren. Also wird das B12 zunächst ungenutzt ausgeschieden. Man muss es essen, damit es wirkt. Weidetiere koten auf ihre Weiden und nehmen so nebenbei B12 auf, und Gorillas fressen eben ihren eigenen Kot.“ (t1p.de/tnxn)1

Es gibt allerdings Hinweise darauf, dass B12 bei der Gärung von zum Beispiel Sauerkraut oder Brottrunk auch entstehen und so in den Körper gelangen kann: „Lebensmittel pflanzlichen Ursprungs können nach bakterieller Gärung Spuren von Vitamin B12 enthalten. Dazu zählen beispielsweise Sauerkraut und Bier. Darüber hinaus liefern Meeresalgen wie Nori und Shiitake-Pilzen schwankende Mengen an Vitamin B12. Nahrungsmittel dieser Art sind die einzigen natürlichen Vitamin-B12-Quellen für Veganer. Zudem ist nicht gesichert, ob und wie gut der Körper das Vitamin in diesen Produkten verwerten kann.“ (t1p.de/kxcu)2 Das dürfte analog für den Brottrunk gelten, wobei die Auflistung der Inhaltsstoffe für dieses in Russland auch als Kwass bekannte, uralte Getränk schon beeindruckend ist: Selen und Zink, Kupfer, Eisen, Mangan, Magnesium, Kalzium, Vitamin E, Vitamin B6 und Vitamin B12 (t1p.de/xfh1)1. Das ist zweifelsfrei gesünder als Cola. Mittlerweile kann man Brottrunk auch fast überall kaufen – nur geschmacklich ist das wohl nicht jederfrau Sache. Auch in bei Veganer*innen beliebten Spirulina-Algen soll B12 enthalten sein, die Verbraucherzentrale warnt aber davor (t1p.de/3qb3)2. Es soll sich nur um ein chemisches Analogon, also etwas chemisch Gleiches mit anderer Struktur, handeln, das nicht verstoffwechselt werde. Schlimmer noch, es besetze die Andockstellen für echtes B12 und könne so selbst bei ausreichender B12-Versorgung einen B12-Mangel verursachen: „Sogar die Vegan Society rät darum mittlerweile generell davon ab, sich auf pflanzliche B12-Quellen zu verlassen, und empfiehlt stattdessen Vitamin-B12-Präparate, die das Vitamin B12 in naturidentischer Form enthalten.“ (t1p.de/av3g)3

Ein B12-Mangel kann enorme Auswirkungen haben, zum Beispiel Blutarmut (Anämie), aber auch allgemeine Antriebsarmut und viele andere physische und psychische Symptome. Selbst das gehäufte Auftreten von Demenz wird direkt damit in Verbindung gebracht. Bei der Diagnose ist eher hinderlich, dass wir nur sehr, sehr wenig davon benötigen, andererseits aber in der Leber einen Vorrat speichern können, der über mehrere Jahre vorhält. Man merkt also erst mal gar nichts. Der alternde Mensch, bei dem die Aufnahme von B12 eingeschränkt ist und dessen Speicher langsam, aber sicher leerläuft, wohl erst recht nicht. Außerdem kann man in Frage stellen, ob die unteren Grenzwerte, die von den Laboren beim Bluttest angenommen werden, wirklich gesund sind, denn einerseits können wir mit einem gewissen Mangel durchaus leben (nur eben nicht so gut), und andererseits sind die üblichen Tests auf B12 nicht unbedingt voll aussagekräftig – selbst bei einem guten B12-Spiegel kann nämlich auch eine B12-Verwertungsstörung vorliegen, und die ist nicht so selten. Es gibt einen Test dafür – die 60 Euro dafür muss man leider selber zahlen –, der exakt feststellt, wie es hinsichtlich des Vitamins B12 um Sie bestellt ist: der Test auf die Methylmalonsäure-Konzentration, MMA-Test genannt.

Überdies kann man B12 – im Gegensatz zu Vitamin A und E – kaum überdosieren. Es kann also nichts schaden, regelmäßig Vitamin B12 zuzuführen. Denn: Bestimmte Medikamente verhindern oder mindern die Aufnahme von B9 (Folsäure), zum Beispiel Protonenpumpenhemmer (gegen Sodbrennen), Antihistaminika (gegen Heuschnupfen und Juckreiz), Antibabypillen, Antibiotika etc. pp. Vitamin B9 ist aber für die Aufnahme und Verwertung von B12 wichtig. Wenn davon zu wenig da ist, ist das also auch hinderlich. Auch das Rauchen soll die Verwertung von B12 deutlich herabsetzen. Und möglicherweise ist der Bedarf an B12 von Mensch zu Mensch auch sehr unterschiedlich, denn es dient auch zur Entgiftung, also zum Unschädlichmachen bestimmter Stoffe, die je nach der Art der Ernährung mehr oder weniger stark anfallen. Es könnte also sein, dass Veganer*innen davon weniger benötigen, Fleischesser*innen und Raucher*innen mehr.

Am Verwirrendsten beim B12 ist aber die Frage der Dosierung. Wir brauchen am Tag nur winzigste Mengen, wenige Millionstelgramm reichen normalerweise. Und es gibt deshalb Tabletten mit zum Beispiel fünf Mikrogramm Methylcobalamin (das ist das vom Körper bevorzugte Cobalamin, also Vitamin B12). Aber es gibt auch welche mit 1000 Mikrogramm, also der 200-fachen Menge. Das ist doch toll, eine solche Tablette müsste dann für 200 Tage reichen, oder? Leider nicht. Für die Aufnahme von B12 stellt der Körper eine Andockstelle bereit, den sogenannten „Intrinsic Factor“. Der ist aber nur in sehr begrenzter Menge vorhanden, mit den fünf Millionstelgramm ist er voll bedient. Und dann dauert es drei bis fünf Stunden, bis im Darm wieder genug Intrinsic Factor vorhanden ist, um erneut B12 aufzunehmen. Man könnte also drei solcher 5er-Tabletten den Tag über verteilt schlucken, um leere Speicher aufzufüllen – das macht aber kein Mensch. Es gibt noch einen zweiten Weg der Aufnahme: einfach per Diffusion durch die Darmwand. Dabei allerdings wird nur circa ein Prozent der Menge verwertet. Im Falle unserer 1000er-Tablette also zusätzliche zehn Mikrogramm, zusammen dann der dreifache Tagesbedarf. Sind Ihre B12-Speicher aber richtig leer, dann wird die Ärztin eher eine Spritze setzen. Aus diesem Depot mit 1000 und mehr Mikrogramm werden dann Ihre B12-Speicher wieder gefüllt. Da warte ich doch lieber nicht, bis die Speicher leer sind, sondern greife rechtzeitig zu den Tabletten. Denn ein totaler B12-Mangel kann extreme Folgen haben, wie in einer Folge der SPIEGEL-Serie „Ein rätselhafter Patient“ beschrieben wurde: „Vor vier Wochen war der 61 Jahre alte Mann noch komplett gesund, jetzt tragen ihn seine Beine nicht mehr richtig. Er hat Schwierigkeiten, alleine aufzustehen. Wenn er geht, schlurfen die Füße über den Boden, und er schwankt. Hinzu kommen Taubheitsgefühle in seinen Händen und Füßen, es kribbelt. In der Notaufnahme im Brigham and Womens’ Hospital in Boston erzählt die Familie des Mannes, dass auch sein Gedächtnis in letzter Zeit nachgelassen habe. Im Schnitt muss der Mann um jedes vierte Wort ringen […] Im Bereich von Brust und Hals entdecken die Mediziner Stellen, an denen das Rückenmark beschädigt ist. In Kombination mit den Gedächtnisproblemen kommen mehrere Diagnosen infrage. So könnte es sich etwa um eine fortgeschrittene Syphilisinfektion handeln, bei der die Krankheit auf das zentrale Nervensystem übergegriffen hat. […] Aufgrund der Blutwerte schließen sie jedoch auf eine andere Erkrankung: Sie vermuten, dass ihr Patient unter einem extremen Vitamin-B-12-Mangel leidet. Ein Bluttest bestätigt die Vermutung. Der Wert des Vitamins ist so niedrig, dass das Labor nicht einmal kleinste Mengen findet. […] Ohne Vitamin B 12 kann der Mensch auf Dauer nicht überleben. […] Um die Speicher wieder aufzufüllen, spritzen die Ärzte dem Mann fünf Tage lang 1000 Milligramm des Vitamins, anschließend folgen wöchentliche Injektionen. Zum Schluss kommt der Patient mit monatlichen 1000-Milligramm-Spritzen aus. Seine Probleme sind gelöst. Zwei Monate später kreisen wieder genug Blutkörperchen durch seinen Körper, sein Gedächtnis funktioniert und auch die Nervenprobleme sind verschwunden.“ (t1p.de/mlj4)1

Und eine weitere Fallgeschichte schafft es unter dem Titel „Dement auf Zeit“ in die Serie: „Schon mit 56 Jahren erkrankt eine Frau aus Kap Verde an Demenz. Erst Jahre später finden Ärzte die Ursache.“ Mangelnde B12-Resorption durch eine chronische Magenentzündung war die Ursache, die Folgen dramatisch: „Sie spricht undeutlich, selbst ihre Schwester kann manche Aussagen nicht verstehen. Aus ihrem Verhalten lässt sich ablesen, dass sie Dinge sieht und hört, die nichts mit der Realität zu tun haben. Die Mediziner diagnostizieren eine fortschreitende Demenz, verbunden mit einer entweder daraus resultierenden oder unabhängig auftretenden Epilepsie. Auch die Wahnvorstellungen können unabhängig von Demenz und Epilepsie oder als Folge der beiden Krankheiten aufgetreten sein.“ Nach Behebung des B12-Mangels „verwandelt sich [die 61-Jährige] zurück in den Menschen, den ihre Verwandten aus der Zeit vor der Erkrankung kannten“ (t1p.de/zz71)2.

Praktischerweise enthalten Tabletten für B12-Mangel oft auch das Vitamin B9, besser bekannt als Folsäure. Wie schon oben ausgeführt auch ein wichtiges Vitamin, wie alle Schwangeren lernen. Ein Mangel an Folsäure kann drastische Auswirkungen auf das Ungeborene haben, die Symptome in Einzelfällen – Missbildungen bei Babys: Spina bifida (offenes Rückgrat) und offene Gaumenspalte – sind sehr, sehr traurig, deshalb gehört zur Schwangerschaftsberatung der dringliche Rat, zusätzlich Folsäure zu sich zu nehmen. Das Zusammenspiel von Folsäure und Vitamin B12 ist aber erst richtig komplex, B12 kann bei einem Mangel an Folsäure nicht richtig verwertet werden, und beide zusammen bauen das körpereigene Homocystein ab: Ein zu hoher Homocysteinspiegel gilt als Risikofaktor für Herz- und Kreislaufprobleme bis hin zum Schlaganfall. In mittlerweile 67 Ländern wird deshalb Folsäure bestimmten Grundnahrungsmitteln zugesetzt, allerdings nicht in Europa. Ich jedenfalls nehme vorsichtshalber Kombitabletten, die B12 und B9, also Folsäure, enthalten. Beide Werte waren beim letzten Bluttest top, Folsäure sogar over the top.

Noch ein Wort zu den Tests auf B12: Im Blutbild wird das B12 zwar ausgewiesen, dieser Wert ist aber leider nur für völlig gesunde Otto Normalverbraucher wirklich aussagekräftig, oder wie das Ärzteblatt formuliert: „Gesamt-Vitamin-B12 im Serum ist ein später, relativ unsensitiver und unspezifischer Biomarker des B12-Mangels. Holotranscobalamin (Holo-TC), auch als aktives B12 bezeichnet, ist der früheste Laborparameter des B12-Mangels. Methylmalonsäure (MMA) ist ein funktioneller B12-Marker, der bei leerem B12-Speicher ansteigt. […] Die diagnostische Verwendung von Holo-TC erlaubt therapeutische Schritte, bevor irreversible neurologische Schäden auftreten.“ (t1p.de/l1pg)1. Das heißt, wer es wirklich genau wissen will, muss den MMA-Test (t1p.de/5qof)2 oder den Holo-TC-Test (t1p.de/vjhx)3 machen. In beiden Fällen darf vorher zehn Tage lang kein Extra-B12 per Tabletten zugeführt werden. Natürlich müssen Sie beide Tests aus eigener Tasche zahlen. Ja, Vorsorge wird leider nicht honoriert und im Zweifel auch nicht bezahlt. Wenn es dann zu Krankheiten kommt, zahlt die Kasse lieber die „Reparatur“, sprich die vermeintliche Heilung, nur dass wir keine Autos sind und Ersatzteile nicht im Regal liegen: Irreversible neurologische Schäden wie oben beschrieben sind eben nicht rückgängig zu machen.

Viele von Ihnen werden die Geschichten von den Seefahrern kennen, die nach monatelanger Fahrt ganz schrecklich unter Skorbut litten, denen die Zähne ausfielen, die schweres Fieber bekamen und was noch alles. Und wie die Einführung von Sauerkraut auf den Schiffen diesen Mangel beseitigt hat – das Vitamin C im Sauerkraut. Folgt man allerdings dem Journalisten Gary Taubes, der mit Good Calories – Bad Calories ein Standardwerk zum Thema Zucker und Kohlenhydrate geschrieben hat, dann war der eigentliche Grund die fast ausschließliche Ernährung mit Schiffszwieback, also schnellen Kohlenhydraten. Nur unter dem Einfluss einer kohlenhydratreichen Kost erleiden wir einen lebensgefährlichen Vitamin-C-Mangel, so Taubes. Davon abgesehen findet sich Vitamin C nicht nur in Früchten oder Gemüse, sondern auch in Fleisch und Fisch, vor allem in den Innereien zum Beispiel der Leber (dort auch das oben angeführte B12 und andere Vitamine). Extra Vitamin C ist also vor allem dann angesagt, wenn man viel Zucker (schnelle Kohlenhydrate) zu sich nimmt. Da ich das nicht tue, lebe ich gut mit dem kleinen Extra von über 300 Prozent, das in Multivitamin- oder anderen Tabletten mitgeliefert wird.

Bei Vitaminen, aber auch Mineralstoffen, ganz allgemein Mikronährstoffen, sollte man immer wissen, in welcher Dosierung man sie nehmen darf, ohne sich zu gefährden. Hilfreich dabei sind die Angaben in Prozent des Tagesbedarfs. Vitamin C kann man kaum überdosieren, da es wasserlöslich ist und ein Überschuss bei gesunden Menschen einfach über die Nieren wieder ausgeschieden wird. Aber ob es mit 200 oder 300 Prozent des Bedarfs auch besser wirkt, das dürfte ewig umstritten bleiben. Der Tagesbedarf eines Erwachsenen wird üblicherweise mit circa 100 Milligramm angegeben, bei Raucher*innen eher 135 Milligramm. Der Nobelpreisträger Linus Pauling soll zeitweise mehrere Gramm (!) pro Tag genommen haben, da er der Meinung war, damit ein Allheilmittel auch gegen Krebs gefunden zu haben. Es scheint ihm nicht geschadet zu haben, er wurde immerhin 93. Den Krebs verhindert hat es letzten Endes aber auch nicht, Pauling starb an Prostatakrebs.

Beim B12 schützt uns der Intrinsic Factor vor einer zu hohen Aufnahme, und auch bei den anderen B-Vitaminen ist eine Überdosierung kaum oder nur schwer möglich, da sie wasserlöslich sind und ein Überschuss, wie beim Vitamin C, einfach ausgeschieden wird. Und billig scheinen sie auch zu sein, denn ich finde auf einer Dose mit einem Vitamin-B-Komplex, die ich mal als Probe geschenkt bekommen habe, alle B-Vitamine in vollkommen verrückten Mengen bezogen auf den Tagesbedarf. B1 wird da zum Beispiel mit 4545 Prozent (ja, über 4000 Prozent!) angegeben, B2 mit 7143 Prozent und nur ein Einziges unter 500 Prozent: B3 (Niacin) mit 188 Prozent. Wären diese absurden Mengen irgendwie gefährlich, würde sich der Hersteller mit der Empfehlung, jeden Tag eine Kapsel zu nehmen, wohl strafbar machen.

Die Verbraucherzentrale ist hinsichtlich des B3/Niacin der Meinung, dass Mengen über 30 Milligramm pro Tag zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen wie zum Beispiel Hautrötungen, Hitzegefühl sowie Nesselsucht mit stark juckenden Quaddeln führen könnten. Sie schreibt unter anderem: „Die Zufuhrmenge [die nach EU-Verordnung empfohlene Tagesdosis] wird bei der in Deutschland üblichen Ernährung erreicht bzw. überschritten und eine zusätzliche Ergänzung bringt in der Regel keine gesundheitlichen Vorteile. […] In Deutschland trägt speziell der Konsum von Kaffee und Brot zur Versorgung bei.“ (t1p.de/9n03)1 Der offiziell für mein Alter festgelegte Tagesbedarf (EU-Verordnung) soll bei 14 Milligramm B3 liegen. Ob da eine Tasse Kaffee am Tag reicht? Und was, wenn man kein Brot isst? Mit den 24 Milligramm B3/Niacin, die in meinen Multivitamin-Kapseln drin sind, liege ich bei circa 170 Prozent. Geschadet hat es mir bislang offenbar nicht. Und mir würden auch 100 Prozent oder weniger reichen, ein paar Nüsse hier und da esse ich ja auch.

Die Kapseln, die ich heute nehme (t1p.de/aewo)1, enthalten alle oben erwähnten B-Vitamine mit angeblich jeweils 150 Prozent des Tagesbedarfs. Ich verstehe daher die Verzehrempfehlung von bis zu zwei Kapseln nicht ganz, wenn doch zumindest bei den B-Vitaminen schon eine Kapsel 150 Prozent abdeckt. Ich nehme also nur eine, und die kostet circa 16 Cent. Sie enthält Vitamin B1 (Thiamin), B2 (Riboflavin), B3 (Niacin), B5 (Pantothensäure), B6, B7 (Biotin, auch Vitamin H genannt), B9 (Folsäure) und B12. Außerdem enthalten diese Kapseln noch: Magnesium mit 45 Milligramm oder 15 Prozent des Tagesbedarfs eines Erwachsenen (300 mg), Selen mit 100 Prozent, Vitamin E mit 150 Prozent und 50 Milligramm Q10. Für dieses Coenzym gibt es keinen Referenzwert, es ist ein körpereigener Stoff, auf den ich später noch eingehen werde.

Die B-Vitamine also kann ich für mich abhaken, dito Vitamin E, Selen ganz und Magnesium zum Teil. Das alles für läppische 16 Cent, und ich muss nicht drauf achten, ob meine Nahrung ausgewogen ist, so wie sich die DGE und die Verbraucherzentrale das in ihrem idealen Lebensmittelwarenkorb vielleicht vorstellen. Denn selbst wenn sie das wäre, wäre ja nicht genug von dem drin, was ich brauche, Calcium, Eisen, Magnesium, Selen, Vitamin C etc. – falls Uwe Gröber recht hat. Und er ist ja nicht der Einzige, der darauf hinweist, dass unser hoch gedüngtes Turbogemüse zwar immer frisch aussieht, aber leider viel weniger Geschmack und auch viel weniger Mikronährstoffe enthält als die noch unverzüchteten Ursorten. Ich kann also auch mal gar nichts essen oder einen fast nährstofffreien und mit Billigstkäsescheiben überbackenen Toast oder einen Wintersalat, in dem nichts drin ist, außer Nitrat vielleicht – ich mache mir um meine Vitaminversorgung keine Sorgen mehr. Zumal ich dann ja noch eine zweite Kapsel nehme: Vitamin C+Zink (t1p. de/lu78)2 mit – hui – 375 Prozent des Tagesbedarfs an Vitamin C und immerhin 50 Prozent des Bedarfs an Zink. Zink werden alle möglichen gesundheitlich vorteilhaften Eigenschaften nachgesagt. Vor allem soll es helfen, wenn der Körper die bösen Rhinoviren bekämpfen muss, denn wenn er die nicht wegkriegt, dann gibt es einen Schnupfen. Deshalb wird Extra-Zink gegen Erkältungen gerne in der Winterzeit empfohlen. Und Zinkmangel scheint insgesamt auch in Deutschland verbreitet zu sein: „Wer denkt schon an Zink, wenn die Nägel brüchig werden oder ständig Infekte quälen? Ein niedriger Zinkspiegel könnte aber an beidem schuld sein“, schreibt FOCUS-Redakteurin Monika Preuk. Und weiter: „[…] in Deutschland leiden rund 20 Prozent der Erwachsenen an einem Zinkmangel. ‚Die Nationale Verzehrstudie spricht sogar von 17 bis 44 Prozent‘, sagt Dieter Loew, Pharmakologe aus Wiesbaden. Die Symptome eines Zinkmangels sind sehr unterschiedlich. Denn das essentielle Spurenelement hat ein breitgefächertes Spektrum an Einzelwirkungen. ‚Zink ist Cofaktor von rund 300 Enzymen, damit an vielen Stoffwechselprozessen beteiligt und wichtig für die Aktivierung des Immunsystems, der Hormone, des Knochenstoffwechsels und vielem mehr‘, erklärt der Professor.“ (t1p.de/upoi)1 Na, bei so breitgestreutem Wirkungsbereich, da will ich doch einem Zinkmangel definitiv vorbeugen. Deshalb also das Vitamin C+Zink. Kostet läppische fünf Cent, daran soll es nicht fehlen.

Und ich nehme auch noch extra Magnesium, dazu komme ich später. Mit eventuellen Muskelkrämpfen hat das übrigens nichts zu tun. Es scheint eher eine fromme Mär zu sein, dass man diese mit etwas Extra-Magnesium alleine in den Griff bekommt. Erst seitdem ich mich um (hoffentlich) alle sogenannten Mikronährstoffe kümmere, habe ich solche Krämpfe absolut nicht mehr. Ja, ich kann sie noch nicht mal mehr provozieren. Früher ging das, wenn ich einen Fuß auf gewisse Weise angespannt und überstreckt habe. Das schaffe ich heute nicht mehr, meine Muskeln weigern sich zu krampfen. Nicht, dass ich darüber unglücklich wäre …

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Zwei Belastungstests und eine Beobachtung
Halbmarathondistanz mit Stöcken

Die Sonne scheint, die Nebel im Neckartal lichten sich, sieben Grad, aber windig. Egal, also den großen geschlossenen Kopfhörer aufgesetzt, Musicplayer an, die Stöcke gepackt und los – mal sehen, wie weit ich komme. Erst mal auf der Sonnenseite am Neckar entlang, dann direkt der Sonne entgegen. Auf kleinen Straßen immer der Bergstraße nach, die entlang des Odenwaldes verläuft, Richtung Süden. Rohrbach liegt hinter mir, jetzt durch die Weinberge über Leimen nach Nußloch. Der Weg führt dann abwärts und endet auf der B3, weil da die Gondeln aus dem Steinbruch Richtung Zementwerk die Straße überqueren und die Gondeltrasse durch den Wald mit einem Zaun abgesperrt ist. Statt wie geplant nach Wiesloch weiterzumarschieren, stelle ich mich nach 16 gelaufenen Kilometern an die Bushaltestelle, fahre mit Bus und Straßenbahn zurück nach Rohrbach Markt und laufe wieder los. Einige Höhenmeter waren auch dabei, und die auf den letzten fünf Kilometern den oberen Gaisbergweg hinauf hätten nicht unbedingt sein müssen. Es wird auch schon dunkel, also wieder bergab und durch die weihnachtlich beleuchtete Altstadt zurück. Zu Hause angekommen, der ultimative Test: die Treppe hochrennen. Klappt. 33 000 Schritte zeigt der Zähler, 21 Kilometer, Halbmarathondistanz. Wie fühle ich mich? Gut! Oberschenkel und Waden sagen gar nichts, die Füße ein bisschen was, aber völlig harmlos. Und statt auf dem Sofa abzuhängen, setze ich mich hin, arbeite die wichtigsten Mails ab und schreibe das hier gleich mal auf, solange die Eindrücke frisch sind.

Wollen wir das mal einordnen: Über den Halbmarathon (da rennt man) heißt es bei www.figurbetont.com: „Idealerweise läuft man bereits seit mindestens sechs Monaten regelmäßig etwa zwei- bis dreimal pro Woche und kann im lockeren Tempo auch 60 Minuten am Stück durchlaufen. […] Halbmarathon-Anfänger brauchen für die 21,1 km-Distanz demnach rund 140 Minuten, bzw. 2:20 Stunden.“ (t1p.de/l78c)1

Wie viele Menschen über sechzig kennen Sie, die Halbmarathon laufen? Ok, ich habe – abzüglich Orientierungspausen – circa doppelt so lange gebraucht, weil ich gewandert und nicht gelaufen bin. Und kurze Beine habe. Für Profi-Wanderer, auch die in meinem Alter, ist das keine große Sache, da bin ich mir sicher. Die laufen jedes Wochenende 20 bis 30 Kilometer, das schreckt sie nicht. Warum auch, sind ja im Training. Aber auch hier die Frage: Wie viele Profi-Wanderer kennen Sie? Ja, ich auch keine.

Ich bin absolut untrainiert, ich sagte es ja bereits am Anfang. Und morgen Früh weiß ich dann, ob ich Muskelkater habe. Das müsste ich eigentlich unbedingt, denn als ich das letzte Mal vor vielleicht zehn, zwölf Jahren einen solchen Marsch über mehr als 20 Kilometer aus dem Stand heraus unternommen habe, war ich abends nicht nur fix und alle, sondern kann mich auch noch gut an den Muskelkater in den folgenden Tagen erinnern. Und ich bin ja nicht jünger geworden. Morgen schreibe ich weiter, heute ist ja auch noch der berüchtigte Skatabend!

Fast genau 24 Stunden später. Ich hätte an diesem Morgen gleich zwei Kater haben können. Müssen. Nach dem Aufwachen habe ich gespannt auf die Signale aus meinen Beinen geachtet, aber da war nichts. Gar nichts? Nein, selbst nach dem Aufstehen nicht. Die Füße haben mir erzählt, dass sie gestern ganz ungewohnt weit gelaufen sind, aber das war’s auch schon. Tagsüber ist mir aufgefallen, dass sich nach längerem Sitzen die ersten zwei Schritte etwas steif anfühlen, es hier und da ein klitzekleines bisschen ziept, mehr nicht. Dass auch der Kater im Kopf ausgeblieben ist, war ja schon zu erwarten gewesen.

Spät abends von der Fernsehcouch hoch, da fühlen sich dann Füße und Beine wieder etwas steif an. Aber nach zwei, drei Schritten ist das schon vorbei. Und am nächsten Morgen (Donnerstag) ist fast alles weg, nur die Waden erinnern mich bei den ersten Schritten daran, dass ich vorgestern lang und weit unterwegs gewesen bin. Also eigentlich wirklich alles gut, besser, als ich es erwarten durfte.

Kommentar dazu von meiner Bekannten Ellen: „Kein Muskelkater? Habe ich auch nicht.“ Sie lacht. Aber sie ist 20 Jahre jünger und läuft jeden Tag zehn Kilometer in fünf Viertelstunden, also schnell. Ich erkläre ihr, worauf ich zurückführe, dass ich keinen Muskelkater habe. „Das nehme ich auch“, sagt sie lachend. „Das?“, frage ich zurück. „Ja, genau dieses Fläschchen habe ich auch“, versichert sie mir – Sportlerfreunde hätten ihr dazu geraten. Ach so, Sportler*innen pflegen da ein Geheimwissen?

Weihnachtsfeiern

Vor Weihnachten häufen sich die Feiern, mal sehen, was passiert. Dienstags Skat, das Übliche, kennen wir ja schon. Mit dem Unterschied: Am nächsten Abend geht es weiter, diesmal starten wir im lauschigen Baden-Baden mit Glühwein an der Eisbahn, dann geht es mit Bier und Topinambur zu Brot, Speck und einer Schmankerlplatte weiter, und am Ende folgt ein Rum-Tasting. Vier verschiedene Sorten müssen wir probieren, zum Vergleich einen Calvados und dann den Gewinner-Rum noch einmal. Und immer flott geraucht. Am nächsten Tag leidet mein 20 Jahre jüngerer Kollege ganz ordentlich. Ich nicht.

Tags drauf unsere eigene Weihnachtsfeier, die nachts um drei in der Altstadt ihr würdiges Ende findet. Die ganze Woche war ein einziger Leber-Belastungstest, den ich auch nicht so bald wiederholen will. Aber gut zu wissen, dass dieser ungeplante Test abgesehen von etwas Müdigkeit keinerlei unangenehme Folgen für mich hatte. Anderen, weit Jüngeren, ist es deutlich anders, deutlich übler ergangen …

Sodbrennen

Und dann wäre noch von einer dritten Überraschung zu berichten. Kein Belastungstest im engeren Sinne, nur eine Beobachtung: wie gesagt, Weihnachtszeit. Ein längeres, lustiges Mensch-ärgere-Dichnicht-Spiel mit den Töchtern. Trotz meiner Versuche, Zucker zu meiden, bin ich nicht gegen Ausnahmen gefeit. Und ich meide Zucker ja nicht nur aus erkenntnistheoretischen Gründen, die ich des Langen und Breiten mal aufgeschrieben habe, sondern auch wegen der Gefahr des Sodbrennens. Kennen junge Leute kaum bis gar nicht, ältere schon. Sodbrennen kann viele Ursachen haben, zu viel Zuckerkonsum ist eine davon. Ich kenne Leckereien, die mir umgehend und schon in kleinen Mengen garantiert Sodbrennen bescheren, Blätterteigteilchen mit dieser schmatzigen, dunkelroten Paste aus getrockneten Tomaten ist eine davon, da reicht schon ein halbes Teilchen.

Frisch gebacken standen auf dem Ess-Spieltisch Dattelhäufchen und Kokosmakronen, dazu noch Dominosteine und Aachener Printen. Ich habe fünf von den Plätzchen gegessen, drei Dominos und drei Printen. Und danach mit richtig schlechtem Gewissen aufs unvermeidliche Sodbrennen gewartet. Umsonst gewartet, kein Sodbrennen mehr in diesem Theater. Kaiser-Natron und Bullrich-Salz, die gegen Sodbrennen probaten Hausmittel – beide sind einfach nur Natriumhydrogencarbonat –, gibt’s bei mir immer noch in der Medikamentenkiste. Aber ich verwende sie nur noch zum Nasespülen mit der Nasendusche. Eine Prise Salz dazu, fertig ist die Laube (kommerzielles Nasenspülsalz besteht gerne mal aus einem Drittel Kochsalz, zwei Dritteln Natriumhydrogencarbonat und ein paar anderen Mineralstoffen im Promillebereich. Mischt man die zwei Hauptzutaten selbst zusammen, ist das deutlich billiger – und bei Schnupfen trotzdem sehr effizient).

Und noch mal Wandern

Irgendwann im Frühjahr 2019 wollte ich es richtig wissen, bin morgens mit meinen Stöcken los und hatte mir vorgenommen, nicht heimzukehren, bevor es Abend wird. Das habe ich auch gemacht und am Schluss natürlich den obligaten Test: die Treppen hochspringen zur Wohnung – hat auch geklappt. Und dann genau aufpassen, ob sich in den Tagen danach ein Muskelkater meldet. Hat er nicht. Ich konnte, wie oben schon beschrieben, natürlich in den Füßen spüren, dass ich sehr weit gelaufen war, und am nächsten Abend waren die ersten Schritte nach zwei bis drei Stunden Stillsitzen vor dem Fernseher etwas steif. Muskelkater kann man das nicht nennen. Und ich hatte immerhin 52 000 Schritte getan, war in siebeneinhalb Stunden über 32 Kilometer gewandert.

1 t1p.de/l78c

Experimente

Schon als ganz kleiner Junge war ich neugierig, wissbegierig und immer bereit, irgendetwas auszuprobieren – des höheren Erkenntnisgewinns wegen? Oder doch eher wegen der Lust am teilweise drastischen Ausgang der Experimente? „Addu wimmt“, soll ich fröhlich gekräht haben, als ich beim Baden das kleine rote Spielzeugauto ins Wasser geschmissen hatte. Einige Jahre später im Sandkasten habe ich den hiesig ubiquitären roten Sandstein mit größter Mühe stundenlang zu Pulver zerrieben, mit Wasser vermengt, in Förmchen gefüllt und gehofft, er würde wieder zusammenbacken und dabei so fest werden wie vorher. So müssen die Römer irgendwann den Zement erfunden haben …

Dann hat mich das normale Leben erwischt, Abitur, Studium, Beruf, Selbstständigkeit, Familie. Für seltsame Experimente blieb da nicht mehr so viel Neugier oder Kraft oder Zeit, das Leben selbst ist ja ein dauerhaftes Experiment an und für sich. Bei den teils heftigen Erkältungen, die mich früher geplagt haben, habe ich natürlich alles Mögliche ausprobiert auf der Suche nach einer endgültigen Erlösung von dieser wiederkehrenden Pein, aber selbst Luftbefeuchter mit China-Öl-Beduftung hatten leider keinen durchschlagenden Erfolg, von Immunabwehr-Verstärkern wie Esberitox und Ähnlichem oder Kamillendampfinhalatoren mal ganz zu schweigen. Nun ja, ein Wehwehchen hat ja jeder irgendwie. Bei mir ist es eben eine Anfälligkeit für Erkältungen, die früher auch gerne in die Nasennebenhöhlen gezogen sind. Regelmäßig sind mir dann auch die Tuben, die Verbindung zwischen Nasenrachen und Ohr, zugefallen. Und wenn sich die Tuben bei dauerhaftem Unterdruck nicht von selbst ab und an öffnen, tritt Lymphe aus den Blutgefäßen aus und schwappt dann vor dem Trommelfell herum. Bakterien lieben Lymphe, die baden darin und vermehren sich fröhlich. Es folgt: die Mittelohrentzündung. Not very nice, aber ich will mich auch nicht beschweren. Gegen Asthma, Rheuma, Hexenschuss, Reizdarm und was es noch alles an Unannehmlichkeiten auch schon im jungen Alter gibt, war das alles überstehbar. Leider aber immer auch mit einer zeitweisen Schwerhörigkeit verbunden, die natürlich nicht besser werden würde – ich war sicher, irgendwann ein Hörgerät tragen zu müssen. So gingen die Jahre dahin, und das einzige größere Experiment blieb die Umstellung auf Low Carb, also kohlenhydratarme Ernährung.

Jede*r hat bessere und schlechtere Tage. Tage, an denen man energiegeladen aus dem Bett springt und Bäume ausreißen will, und Tage, an denen man sich aus den Federn quält und drei Eimer Kaffee austrinken möchte, damit mal irgendetwas vorangeht. An Möglichkeiten, sich natürlich zu dopen, fehlt es ja angeblich nicht, alle Nas’ lang gibt es einen neuen Hype. Quinoa („Inka-Reis“), Goji-Beeren, Chia-Samen, Gemüse-Smoothies und „bulletproof coffee“ (Kaffee mit Butter oder gar MCT-Öl), um nur mal ein paar der in den letzten Jahren aktuellen Modetorheiten zu nennen, neben all den Nahrungsergänzungswundermittelchen. Und von Letzteren habe ich tatsächlich ganz, ganz viele ausprobiert. Fast alle davon hätte ich längst vergessen, aber die unverbrauchten Vorräte in Dosen und Tüten in der Speisekammer sprechen eine deutliche Sprache. Ich zähle mal ein paar Sachen auf, die ich noch nicht entsorgt habe: Da gab es dicke Taurin-Kapseln (Taurin ist angeblich der energetisierende Bestandteil von Energy-Drinks, dabei ist für die Wirkung vielmehr das Dreigestirn aus einer hohen Dosis Coffein, sehr viel Zucker und dem unvermeidlichen Wodka verantwortlich), L-Citrulin und L-Arginin, zwei Aminosäuren, die von Sportler*innen für besseren Muskelaufbau genommen werden, 5-HTP (5-Hydroxytryptophan), aus dem der Körper Serotonin und Melatonin synthetisiert, das soll allgemein für Wohlbefinden sorgen, Hordenin, ein Alkaloid, das in Pflanzen, unter anderem auch im Hopfen, vorkommt und an den Rezeptoren für das Glückshormon Dopamin andockt, deswegen also angeblich für das durchs Bier erzeugte Glücksgefühl verantwortlich sein soll, L-Tyrosin, Baustein eines Neurotransmitters, der angeblich bei Stress helfen und überhaupt gut sein soll, Traubenkernextrakt OPC mit Resveratrol, dem Wunderwirkstoff und Antioxidans aus dem Rotwein (Mittelmeerdiät!), DHEA (Dehydroepiandrosteronacetat), das vor dem Altern schützen und bei Depressionen, Fettleibigkeit und bei CFS (Chronic Fatigue Syndrome), dem chronischen Müdigkeitssyndrom, helfen soll. Ich habe „aktiviertes Hydrogenium“ (Wasserstoff) aus Himalaya-Gesteinsmehl für ein Schweinegeld geschluckt, weil dieses Gesteinsmehl, das im Bachwasser eines bestimmten Tales im Himalaya schwebt und es milchig färbt, eines Tales, in dem die Bewohner mehrheitlich 90 und 100 Jahre alt werden, eines Tales, das zu den weltweit vier blauen Zonen zählt, wo die Menschen im Durchschnitt drei bis sechs Jahre älter werden und gesünder bleiben, weil also dieses Gesteinsmehl respektive der darin enthaltene „aktive Wasserstoff“ (was immer das sein soll) diesen Effekt und überhaupt eine tolle Aktivität und Körperenergie bewirken soll. Guter Witz – leider auch teuer. Wenn der Winter wieder mal sehr lange sehr trübe war und die Stimmung dementsprechend, dann auch gerne Johanniskraut. Das war das Einzige, von dem ich den Eindruck hatte, es hilft wenigstens ein bisschen, aber so etwas ist schwer zu beurteilen: Wäre die kleine Winterdepression schlimmer geworden ohne Johanniskraut? Und das Zeug ist auch nicht unproblematisch. Es mixt sich schlecht mit Sonnenschein, wer also keinen Sonnenbrand riskieren will, muss es rechtzeitig im Frühjahr absetzen. Außerdem gibt es Kreuzreaktionen mit anderen Medikamenten, zum Beispiel hormonellen Kontrazeptiva, der Pille also – das wissen auch nicht alle Frauen. Teuer ist es auch, denn die empfohlene Tagesdosis (425 mg) ist recht wenig. Ich musste immer das Doppelte einsetzen oder mit Passionsblume verstärken. Ich habe sicher noch viel mehr ausprobiert und wegen gefühlter Wirkungslosigkeit längst ad acta gelegt.

Unter der Überschrift „Es gibt im Leben zwei kreative Hochphasen“, schreibt die WELT in einem Artikel: „Die zweite Kreativphase zeigt sich erst in unserer zweiten Lebenshälfte, ab Mitte 50. Und hier kommt der essenzielle Unterschied. Kreatives Denken zeigt sich zu dem Zeitpunkt nämlich in einem ganz anderen Gewand. Es sei eher experimenteller Natur. Sprich: Wir sammeln jede Menge Erfahrungen und kreieren daraus neue Zusammenhänge. Gemäß dem Prinzip ‚Versuch und Irrtum‘.“ (t1p.de/999e)1 Na, wenn das so ist. Dann will ich mal meine entscheidenden Versuche schildern und auch, mit welchen Irrtümern sie geendet, besser gesagt welche Folgen sie gezeitigt haben: Sehr überraschende, das kann ich schon verraten. Die eine Überraschung war das Mittwochmorgen-Wunder, die Aufklärung folgt später, first things first.

Und es gibt unter meinen Versuchen sogar ein Anti-Experiment, so nach dem Motto: „Haha, das kann ja gar nicht funktionieren!“ Das habe ich mir auch nicht selbst ausgedacht, in das wurde ich hineingetrieben, und ich habe es eigentlich nur durchgeführt, um zu beweisen, dass es schiefgeht. Aber auch hier ein überraschendes Ergebnis. Und weil es so wunderlich ist, habe ich mir größte Mühe gegeben, alles dazu zusammenzutragen, was es zu wissen gibt; denn ich ahne die Kontroverse darum voraus.

Und dann ist da noch ein Kapitel. Das war eigentlich gar nicht geplant, als ich begonnen habe, an diesem Buch zu schreiben. Aber dann ist mitten in meinem Schreibprozess die Corona-Pandemie über uns hereingebrochen, und weil das, wovon ich in diesem Buch schreibe, auch in Hinblick auf Corona wichtig sein kann, habe ich dazu in „Aus aktuellem Anlass: Hätte der zweite Lockdown verhindert werden können?“ viele Informationen zusammengetragen.

Also, jetzt aber auf zu den Experimenten und ihren teils unvorhergesehen Folgen.

Eupat macht den Husten weg

Gelegentlich gab’s zu meiner Erkältung auch mal einen bellenden Husten gratis dazu, und den loszuwerden, war immer schwer. Eines Tages las ich im FOCUS von einer Wunderpflanze gegen Erkältungen, Husten, Schnupfen, Heiserkeit, den gemeinen Wasserdost. Ja, Wasserdost. Nie gehört. Im Internet recherchiert, und siehe, das gibt es auch als Arzneimittel. Hat dann den klangvollen Namen „Eupatorium perfoliatum“ und ist in allen möglichen homöopathischen Verdünnungen von D6 bis C30 erhältlich. Ich bin, was die Homöopathie angeht, skeptisch. Mir will nicht einleuchten, dass der Kamillensud, den ich mir gerade gebraut habe, stärker wirken soll, wenn ich ihn millionenfach verdünne. Wenn der Wasserdost heilsame Inhaltsstoffe hat, dann wollte ich davon keine millionenfache Verdünnung, sondern das Richtige, Echte. Ich wollte die sogenannte Urtinktur, den reinen Pflanzenauszug. Und ja, auch den gab es damals noch von derselben Firma, von der man auch heute noch die D6- bis C30-Verdünnungen kaufen kann. Eupatorium perfoliatum, 20 Milliliter Urtinktur, circa 13 Euro. Ganz schön teuer, das Zeug. Aber ausprobieren wollte ich das, ich war einfach neugierig.

Das Fläschchen war anderntags in der Apotheke abholbar, der Husten hatte sich brav geduldet und war bei mir geblieben. Nun aber wie einnehmen? Im Beipackzettel stand, man solle 10-15 Tropfen in etwas Wasser tropfen und dann trinken. Aber ich hatte – mal wieder – eine Idee. Die Wirkstoffe sollten nicht über den Magen laufen müssen, sondern direkt ins Blut … und das geht doch am besten über die Mundschleimhaut? Also Zunge hoch und rein getropft – autsch, das Zeug brennt ganz ordentlich, und ein bisschen bitter schmeckt es auch, egal … 17, 18, 19, 20, Schluss, das muss reichen. Aber was jetzt? Die Lippen halb geöffnet, die Zunge hochgerollt, fange ich vorsichtig an, durch die Zähne zu atmen. Ganz vorsichtig ziehe ich die Wasserdost-Alkohol-Dämpfe in die Lunge. Jetzt bloß nicht husten. Muss ich nicht. Weiter ganz sanft „drüberatmen“. Mittlerweile läuft mir buchstäblich die Spucke im Mund zusammen. Spätestens nach einem oder zwei Dutzend Atemzügen muss ich schlucken, es wird zu viel Flüssigkeit. Na gut, jetzt ist es weg. Der Hustenreiz auch, das ist ja schon mal gut. Und er blieb weg. Keine Bellerei in der Nacht und auch nicht am nächsten Tag, gar nicht mehr. Eupat macht den Husten weg, hurra!

Kindern kann man die Urtinktur, wenn überhaupt, natürlich nur mit Wasser verdünnt verabreichen, aber zumindest einer erwachsenen Besucherin habe ich mit meiner Radikalkur geholfen. Sie hatte gebeten, in unserem Souterrain-Gästezimmer übernachten zu dürfen, damit sie uns nachts nicht alle mit ihrer Bronchitis zusammenbelle, die sie nun schon viele Wochen schrecklich und für alle hörbar quälte. Sie bekam die 20 Tropfen unter die Zunge, hat von Stund’ an keinen einzigen Beller mehr getan und war beim Frühstück ganz glückselig, weil sie endlich mal wieder hatte durchschlafen können.

Seitdem habe ich immer ein Fläschchen Eupat-Urtinktur im Haus. Mittlerweile schwer zu besorgen, der industrielle Hersteller, der die homöopathischen Verdünnungen herstellt, verkauft die Urtinktur nicht mehr, es gibt nur noch die Kurapotheke in Bad Aibling, die sie – neben vielen anderen Heilpflanzenauszügen – herstellt und vertreibt. 20 Milliliter kosten immer noch ungefähr 13 Euro, 100 Milliliter sind günstiger (t1p.de/odfo)1.

Was aber, wenn Eupat nur ein Placebo, ein Scheinmedikament ohne jede physiologisch beweisbare Wirkung sein sollte? Das nur wirkt, weil ich dran glaube? Nun, dann wäre es nicht schlechter als andere Hustenmittel: „Die meisten Hustensäfte wirken nicht“, titelt der SPIEGEL ganz aktuell über eine Studie an der Basler Universität. Da hatte man nach den beliebtesten Substanzen der Hausärzte gefragt: „Montelukast, Salbutamol mit Ipratropiumbromid, Gelatine, Fluticason, Budesonid, Nozizeptin-Rezeptor-Agonist und Codein.“ Nach eingehender Analyse der Fachliteratur zu diesen Stoffen resümieren die Basler*innen: „Es gibt keine Behandlung, die in klinischen Studien einen klaren Nutzen für den Patienten gezeigt hat.“ Und so schließt der Artikel mit: „Tatsächlich geht der Husten nach einem grippalen Infekt in der Regel von allein weg, sobald das Immunsystem seine Arbeit erledigt hat. Ein akuter Husten etwa ist mit Saft oder Tabletten spätestens nach drei Wochen überwunden. Ohne Hustenmittel ebenfalls.“ (t1p. de/1cw1)1 Mag alles richtig sein, aber für drei Wochen Rumhusten habe ich echt keinen Nerv. Eupat beseitigt bei mir binnen 24 bis 48 Stunden alle Symptome, und mir ist echt egal, ob das nur Psychologie, Voodoo-Zauber oder echte Pharmakologie ist. Hauptsache, es hilft.

Und wenn es schädlich sein sollte? Wie gesagt, den Hinweis auf dieses bei mir sofort wirksame Anti-Hustenmittel verdanke ich einem Artikel im FOCUS von vor einem Dutzend Jahren. Wie groß war da mein Erstaunen, als ich dort vor einigen Wochen diese Schlagzeile lesen musste: „Pflanzenpillen aus der Drogerie können Sie vergiften“. Im Artikel heißt es dann: „Das Bundesinstitut für Risikobewertung warnt vor Nahrungsergänzungsmitteln aus Wasserdost, Borretsch oder Huflattich. Denn diese können sogenannte Pyrrolizidinalkaloide (PA) enthalten. Das ist ein natürlicher Verteidigungsstoff der Pflanzen gegen Fressfeinde. Der Stoff kann die menschliche Leber schädigen. Tierversuche habe [sic] gezeigt, dass er zudem das Erbgut verändern und krebsauslösend wirken kann. In der Pressemitteilung des Präsidenten des BfR heißt es: ‚In einigen Nahrungsergänzungsmitteln ist der Gehalt sogar so hoch, dass bereits nach kurzfristigem Verzehr toxische Wirkungen möglich sind.‘ Vor allem in Präparaten aus Wasserdost zeigte sich der giftige Verteidigungsstoff in bedenklichen Mengen. Wasserdost findet sich zunehmend in Mitteln zur Unterstützung des Immunsystems und zur Bekämpfung von Erkältungskrankheiten.“ (t1p.de/o2sc)1

Ach herrje. Mein supa-dupa Husten-Killer!? Und ein hochoffizielles Bundesamt sagt, der sei lebertoxisch und krebserregend? Tja, mal wieder ein Beispiel dafür, wie falsch richtige Fakten sein können. Ich würde dem BfR diese Pressemeldung gerne um die Ohren hauen. Oder eventuell auch dem FOCUS, falls er sie unvollständig zitiert haben sollte – aber das hat er nicht. Denn weiter unten im Artikel hieß es: „Oft geben Hersteller die Stoffe auch unter ihrem lateinischen Namen an: Eupatorium Cannabinum für Wasserdost […].“ Hm. Ich google mein Eupatorium perfoliatum. Dazu steht in der Wikipedia: „Hauptsächlich verbreitet ist diese im mittleren Nordamerika beheimatete Pflanzenart von Kanada bis Florida und nach Westen bis Texas und Nebraska, wird aber heute auch in Europa kultiviert. […] Die nordamerikanischen Indianer verwendeten ebenso wie später auch die Siedler die Blätter sowie die blühenden Zweigspitzen des Knochenheil als schweißtreibendes Mittel bei Fieberzuständen oder einer Erkältung. Die Pflanze war früher eine der meistbenutzten Heilpflanzen Amerikas.“ Von cannabinum keine Rede. Ich google mit cannabinum, stoße auf einen Blogbeitrag des Apothekers Gerhard Gensthaler im PTA-Forum (t1p.de/17cz)2 – und finde Erlösung: Pyrrolizidinalkaloide (PAs) können tatsächlich Bestandteile des Wasserdost sein. Aber es gibt circa 40 Sorten von Wasserdost, und die unterscheiden sich stark: „Wegen ihres Gehalts an Pyrrolizidinalkaloiden (PAs) raten Experten sowohl bei Eupatorium cannabinum als auch bei Eupatorium purpureum von der innerlichen Anwendung über längere Zeit dringend ab, was vor allem für Kinder und Schwangere gilt. PAs wirken lebertoxisch und karzinogen. Sie alkylieren die DNA und sind daher mutagen.“ Aber mein Eupatorium perfoliatum ist davon frei: „Eupatorium perfoliatum enthält überwiegend Sesquiterpenlactone, zusätzlich auch Diterpene, Triterpene, Phytosterole (Sitosterol, Stigmasterol), Polysaccharide, Flavonoide und geringe Mengen ätherisches Öl. Hepatoxische und karzinogene Pyrrolizidinalkaloide sind im Durchwachsenen Wasserdost nicht zu finden.“ Keine Ahnung, wo der schädliche Wasserdost (sowohl cannabinum als auch purpureum) drin ist, aber sicher nicht in meiner Urtinktur.

Dem Apotheker, der den obigen Blog-Beitrag verfasst hat, möchte ich an dieser Stelle für die Aufklärung ganz herzlich Danke sagen – ich kann meinen Husten-Killer behalten.

Update Anfang Januar 2020. Mein Lieblings-Tischtennis-Doppelpartner kam erst zum dritten Training nach der Weihnachtspause – und brachte dafür die Überreste einer fetten Erkältung mit: einen gurgelnden, bellenden Husten mit ansehnlicher Sprühreichweite. Mir war schon klar, dass er mich anstecken würde. So war es dann auch keine Überraschung, als es bei mir am Freitagabend zum ersten Mal rasselte. Wasserdost marsch! Samstagmorgen dann bei jedem Atemzug eine Art Mentholgefühl in der Lunge, nachmittags wieder hüsteln, husten, Stimmbänder freiräuspern. Also noch mal Wasserdost. Sonntagmorgen war alles weg. Natürlich nur anekdotisch. Und natürlich kann ich nicht beweisen, dass ein langer Vollhusten daraus geworden wäre. Aber ich bin sehr froh, dass es nicht so gekommen ist.

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