Kitabı oxu: «A Demon's F***ing Heart»
Luca Mercedes
A Demons F***ing Heart
Roman
Impressum
© dead soft verlag, Mettingen 2021
http://www.deadsoft.de
© the author
Cover: Irene Repp
http://www.daylinart.webnode.com
Bildrechte:
© Melkor3D – shutterstock.com
© Oleh Phoenix – shutterstock.com
© Erik Mandre – shutterstock.com
1. Auflage
ISBN 978-3-96089-464-3
ISBN 978-3-96089-465-0 (epub)
Inhalt:
Christopher Ezkiel gehört zu den Sanctiniern, die aufgrund ihrer Religion nicht an die Existenz der Unterwelt mit Dämonen, Hexen und Formwandlern glauben. Doch nach einem blutigen Massaker auf dem Hof seiner Eltern wird er genau von diesen Wesen entführt, um auf einer der schmutzigsten Auktionen der Dunkelwelt versteigert zu werden.
So landet er als Lustknabe bei Ash Phalidos, einem Halbdämon mit schwieriger Vergangenheit. Denn auf dem gut aussehenden mysteriösen Gestaltwandler liegt ein Fluch und der verbietet ihm, sich zu verlieben. Leider ist auch ein Halbdämon wie Ash gegen Gefühle machtlos …
Kapitel 1
„Beute: Christopher“
Christopher Ezkiels Atem ging angestrengt und flach.
Er bemühte sich vergeblich, den feuchtwarmen Dunst, der ihn wie eine Art dicke Nebeldecke umgab, nicht allzu tief in seine Lungen zu inhalieren, da er befürchtete, sich ansonsten gleich ein weiteres Mal zu erbrechen. Es roch an diesem Ort einfach zu widerwärtig, als dass er es hätte in passende Worte fassen können. Eine derart ekelerregende und Brechreiz auslösende Geruchs-Mischung aus Fäkalien, stinkenden Abwässern, wie er es nur aus den Armenvierteln größerer Städte kannte, gepaart mit einem guten Schuss Verwesung in unerträglich hitzig verbrauchter Luft reichte als korrekte Beschreibung nicht einmal annähernd aus für den Gestank, dem seine Nase hier ausgesetzt war. Er spürte erneut, wie sein Magen angesichts dieser Umstände zu rebellieren begann. Er krampfte heftig, doch Christopher riss sich mit übermenschlicher Kraft zusammen, um sich nicht auch noch selbst vollzukotzen. Ihm war bewusst, dass das seine ohnehin unangenehme Situation gerade nicht besser machen würde, wenn er auch noch nach eigenem Erbrochenem roch. Er hob seinen Kopf an und hechelte flach und oberflächlich den starken Brechreiz weg, so weit es ihm auf diese Weise möglich war. Er musste noch ein paarmal würgen, doch dann spürte er erleichtert, wie die stärkste Welle des Unwohlseins ein wenig abflaute. Er schluckte umständlich und hatte dabei das unangenehme Gefühl, den widerwärtigen Geruch dieses Ortes direkt auf seiner Zungenspitze schmecken zu können. Als hätte sein Körper den Gestank bereits mit jeder einzelnen Pore wie ein Schwamm in sich aufgesogen und wenn er nur lange genug hier verweilte, würde er letztendlich von innen und außen nur so durchtränkt sein von jener bestialisch riechenden Luft, die ihm den Atem nahm. Er schloss seine Augen und schickte ein stummes Gebet in die Finsternis, die ihn hier umgab. Er war sich zwar nicht mehr sicher, ob es überhaupt noch irgendeinen Sinn machte, einen Gott anzubeten, der all das zugelassen hatte, was ihm und seiner Familie in dieser kürzlich zurückliegenden Zeit widerfahren war. Doch sein Glaube war alles, was ihm geblieben war.
Christopher kauerte auf dem feuchten Lehmboden voller Dreck und Exkrementen, an eine raue Steinwand gelehnt und versuchte, in der Dunkelheit dieses Lochs, in das man ihn geworfen hatte, irgendetwas zu erkennen, was ihm in seiner Not hätte weiterhelfen können. Seine Arme waren jedoch so fest hinter dem Rücken gefesselt, dass es unmöglich schien, die Stricke auch nur ein klitzekleines Stück auseinander zu zerren, um sie wenigstens ein bisschen zu lockern. So sehr er sich auch anstrengte, es war vergeblich. Er war zur Unbeweglichkeit gezwungen, zumindest was den oberen Teil seines Körpers anging. Lediglich seine Beine und Füße konnte er benutzen. Es stellte sich dabei nur die Frage, wofür. Denn hier drinnen war es nicht nur stockdunkel, sondern zu allem Übel auch noch klaustrophobisch eng und ein aufrechtes Stehen war absolut nicht möglich. Zumindest nicht mit einer normalen Körpergröße. Wenn man ein Zwerg war, ja, dann vielleicht. Aber nicht, wenn man wie Christopher ein hochgewachsener junger Mann von athletischer Statur war. Das hatte er bereits schmerzhaft erfahren müssen, als man ihn vor einer gefühlten Ewigkeit in dieses abartige Verlies aus Schlamm und Unrat gestoßen hatte und er sich in der Düsternis verzweifelt zu orientieren versuchte. Dabei hatte er sich seinen Schädel an der niedrigen Decke so hart angeschlagen, dass er noch immer unter heftigsten Kopfschmerzen litt. Und so hatte er keine Ahnung, wo genau er sich befand und zu welchem Zweck.
Er wusste nur, dass die Menschen, die ihm jemals etwas bedeutet hatten, tot waren. Und dass er noch lebte. Doch was das Schlimmste war, er trug eine große Mitschuld daran, dass sie tot waren. Denn er hatte es nicht verhindern können. Er war nicht kräftig genug gewesen. Er hatte es versucht, sicher. Doch gegen die seltsamen Geschöpfe, die in das Haus seiner Eltern eingedrungen waren, hatte er nicht die geringste Chance gehabt.
Das war nun auch eines der Dinge, über die er nach all dem Grauen, was ihm bis jetzt widerfahren war, endgültige Gewissheit hatte. Dass es sie wirklich gab. Hexen. Kobolde. Formwandler. Seltsame Kreaturen, die er nicht mal namentlich benennen konnte.
All die Erzählungen der Leute, egal ob diese nun aus den eher kleinen Dörfern oder größeren Städten seines Heimatlandes Pranando entstammten, und die vielen abenteuerlich klingenden Geschichten der Wanderer samt den düsteren Legenden der Ältesten stimmten also tatsächlich. Waren nicht gelogen. Diese Menschen mochten vielleicht doch keine hinterwäldlerischen Heiden sein, die lediglich ihre Gruselgeschichten erzählen und damit Angst und Schrecken verbreiten wollten, wie seine streng gläubige Mutter ihnen so oft unterstellt hatte. Und nicht nur seine Mutter. Seine gesamte Familie hatte die warnenden Worte all derer, die sich ein ums andere Mal auf ihren idyllischen, aber weit abgelegenen Hof am äußersten Rand des Dunkelwaldes verirrt hatten, stets als Unfug abgetan. Unwahre Legenden. Wie konnte es schließlich an einem so wunderschönen Ort, wie ihrem Zuhause, an dem gottesfürchtige Menschen ein gottesfürchtiges Leben führten, von irgendwelchen angeblichen Dunkelwesen wimmeln? Zudem glaubten sie als praktizierende Sanctinier partout nicht an die Existenz dieser Teufelsscharen, die angeblich ihren so überaus fruchtbaren Wald bevölkern sollten. Im Gegenteil. Sie predigten für das Seelenheil all jener Ungläubigen, die sich ihren falschen Vorstellungen und gottlosen Fantasien über Dämonen und Hexen hingaben.
Seine Eltern hatten sich geirrt. Sie alle hatten sich geirrt.
Es gab diese Wesen.
Und sie hatten seinen Vater, seine Mutter, seine Großeltern, die Magd, den Knecht und dessen Frau ermordet. Selbst das Vieh wurde nicht von ihnen verschont an jenem furchtbaren Tag. Und von ihrem kleinen Bauernhaus war jetzt vermutlich nur noch Schutt und Asche übrig.
Christopher stiegen Tränen in die Augen, als sich seinem Unterbewusstsein wieder die Bilder des Massakers aufdrängten, doch er konnte nicht weinen. Er war noch immer viel zu entsetzt und traumatisiert von all dem Geschehenen, dass er es nicht vermochte, in diesem Augenblick Tränen der Verzweiflung über all das Grauen hervorzubringen. Er erinnerte sich an die letzten Momente in seinem Zuhause, bevor dort die Hölle losbrach. Und die einst friedliche Welt ihres einfachen Daseins in einem blutigen Gemetzel endete. Christopher und seine Mutter waren alleine gewesen, als die Eichentür ihres Bauernhauses mit einem lauten Krachen aufgestoßen wurde und zwei Dunkelwesen in die einfache Stube stürmten. Noch ehe Christopher oder seine Mutter wussten, wie ihnen geschah, zückten die furchterregenden Kreaturen ihre Waffen und preschten unaufhaltsam drauflos. Einer der Unholde toste dabei polternd in Christophers Richtung und wollte ihn am Arm packen. Doch Christopher konnte dem Griff des Fremden noch einmal ausweichen. Hörte dafür seine Mutter entsetzt aufschreien. Da wusste Christopher noch nicht, dass längst alles verloren war und dies hier nur der Auftakt eines Albtraumes sein sollte, aus dem es leider kein Erwachen mehr geben würde. Die Monster, die ihn und seine Mutter so brutal und ohne Umschweife angriffen, waren nicht alleine gekommen. Sondern zu sechst. Und sie hatten bereits einen Großteil seiner Familie ermordet, während er selbst noch ahnungslos einem langen, arbeitsreichem Tag auf dem Feld entgegensah und dafür eilig sein Werkzeug reparierte. Aber auch das wusste Christopher in diesem Augenblick noch nicht. Noch hegte er Hoffnung, als er sich der Kreatur mutig entgegenstellte. Doch diese Bestien zerstörten alles, was Christopher jemals gekannt und geliebt hatte. Vor seinem geistigen Auge blitzten Bilder von all dem Blut auf dem ungleichmäßigen Lehmboden auf und er konnte auch wieder die markerschütternden Schreie der Magd hören, die von draußen zu ihnen ins Haus drangen. Dann war alles so schnell gegangen. Zu schnell, als dass Christopher hätte entsprechend reagieren können, um diesen hinterhältigen Angriff in irgendeiner Weise abzuwehren. Wenn er an das angsterfüllte Gesicht seiner Mutter dachte, bevor ihr Henker seine Axt auf sie niederschlug, spürte er erneut drängende Übelkeit in sich hochkommen, als er plötzlich und unerwartet aus seinen schauderhaften Gedanken gerissen wurde.
Er vernahm Geräusche.
Sofort spannte sich sein schmerzender Körper in Abwehrhaltung an und er hielt mit klopfendem Herzen für einen Moment seinen Atem an. Hörte Schritte. Unterschiedliche Stimmen. Und sie kamen offenbar näher.
Was würde nun geschehen? Waren das seine Entführer? Die Mörder seiner Familie? Und würden sie ihn jetzt auch töten? Christopher verstand sowieso nicht, warum man ausgerechnet ihn als einzigen Überlebenden des gesamten Hofes noch nicht ermordet hatte, während allen anderen nicht die geringste Chance auf Gnade eingeräumt worden war. Und warum man ihn bis hierher, an diesen widerwärtigen Ort, verschleppt hatte, anstatt ihn direkt an Ort und Stelle gemeuchelt zu haben. Was machte das alles für einen Sinn?
Die Stimmen waren nun so nah, als stünden die betreffenden Personen direkt vor dem Verlies, und Christopher konnte das Geräusch eines schweren Schlüsselbundes hören, Metall auf Metall. Ein unangenehmer Laut. Dann traf ihn ein dünner Lichtstrahl aus dem Spalt der sich langsam öffnenden, quietschenden Tür und blendete seine von der langen Dunkelheit lichtempfindlichen Augen. Zum ersten Mal seit seiner Ankunft hier konnte Christopher den Ort, an welchem er die letzten Stunden verbracht hatte, vollständig und in seiner ganzen trostlosen „Pracht“ sehen. Ein kleiner, enger, dreckiger und höhlenähnlicher Verschlag, dessen Deckenhöhe große Unterschiede aufwies und an der Stelle, an der er gegen die Wand gelehnt hockte, am niedrigsten war. Kein Wunder also, dass er nicht hatte aufstehen können.
„Bei allen teuflischen Heerscharen – was ist das bloß für ein Gestank hier drinnen?“
Eine eindeutig weibliche Stimme schallte krächzend durch den kleinen Raum, und dem Ausruf folgte ein andauerndes Ächzen und einige Flüche, die sich gewaschen hatten.
Die Gestalt, der dieses heisere Organ mit der vulgären Ausdrucksweise gehörte, trat nun ganz in das kleine unterirdische Verlies hinein und Christopher blinzelte heftig, um sie in dem Lichtstrahl, in welchem sie nun stand, zu erkennen, da sich seine Augen noch immer nicht vollständig an die ungewohnte Helligkeit gewöhnt hatten.
„Da soll mich doch der Teufel zweimal holen ... ich fasse es nicht!“, rief die Person erneut aus und vor Christopher stand tatsächlich eine ältere Frau, wie er zunächst vermutet hatte, deren Buckel so rund war, dass er sie auf mindestens achtzig Lenze geschätzt hätte. Sein Körper, der noch immer vor lauter Anspannung bebte, lockerte sich ein wenig und er sah ihr in das faltige Gesicht. Eine alte Frau, so beruhigte er sich selbst, auch wenn sie derartig unflätig fluchte und zeterte, würde ihm sicher nichts Barbarisches antun wollen. Er versuchte sich deshalb ein wenig zu entspannen und spähte mit flehendem Blick in ihr von tiefen Furchen durchzogenes Antlitz, als er erschreckt zurückwich. Es war dabei weder ihre von seltsamen Pocken übersäte, schlaffe Haut noch die ungeheuer lange, verdreht wirkende Nase, die Christopher in eine erschrockene Starre versetzt hatte. Sondern vielmehr die beiden Hörner, die aus ihrem Schädel ragten, als wäre sie eine Mischung aus Mensch und Ziege. Sie kringelten sich in der Mitte und wirkten wie ein gewöhnliches Tiergeweih. Sie trat noch einen weiteren Schritt auf ihn zu, und Christopher wurde sich wieder bewusst, dass er längst nicht mehr unter seinesgleichen war, seit man ihn von Zuhause entführt hatte. Wie konnte er bloß so dumm sein zu glauben, eine stinknormale, alte Frau stehe vor ihm an einem Ort wie diesem? Er hätte es wirklich besser wissen müssen!
„Einen so Schönen wie diesen habe ich schon lange nicht mehr unter meiner Beute gehabt! Wo, um alles in der Hölle, habt ihr den bloß her?“
Ihre Stimme wirkte, nachdem Christopher nun ihr Äußeres kannte, noch abstoßender auf ihn und er spürte, wie die zuvor aufkeimende Hoffnung in ihm schmerzlich zerbrach. Ohne genau zu wissen, wen er da vor sich hatte, vermutete er, dass er von dieser unheimlichen Gestalt keine große Hilfe würde erwarten können. Und er drängte sich in dem Bemühen um ein klein wenig mehr Abstand zu ihr so sehr an die steinerne Wand hinter ihm, dass er sich dabei seinen nackten Rücken aufschürfte. Immerhin hatte die grässliche Alte ihn soeben als ihre „Beute“ bezeichnet – sie würde ihm also wahrscheinlich eher keine große Hilfe sein oder ihn gar aus seiner misslichen Lage befreien.
Jetzt trat auch noch ein bulliger, kräftig gebauter „Kerl“ an der offenen Tür in Erscheinung, dessen Kopf bereits aus der, wenn auch geringen, Entfernung und aufgrund des spärlichen Lichts eher wie der Kopf eines Schweines aussah. Dieser vor Kraft nur so strotzende Oger sperrte das hölzerne Tor alsbald komplett auf, sodass der gesamte Kerkerraum von Licht geflutet wurde, und Christopher nun auch dieses unansehnliche Geschöpf voll und ganz erblicken konnte. Es wäre ihm jedoch lieber gewesen, er hätte nicht so genau hingesehen, denn das Gesicht des Ogers hatte tatsächlich viel mit einem Schweinekopf gemein. Auch bei dieser Kreatur handelte es sich also nicht um einen Menschen und Christopher wollte gar nicht wissen, mit wem oder was er es hier genau zu tun hatte. Und als er ein zweites Mal herüber spähte, kam eine weitere Erinnerung in ihm hoch. Dieser Oger war eine der Bestien, die seine Familie abgeschlachtet hatten. Ja. Christopher war sich sicher. Er erinnerte sich an die langen Klingen und das Geräusch, als ... er schluckte hart und spürte erneut Würgereiz, während sein Herzschlag sich beschleunigte. Was hatten diese Monster mit ihm vor?
Die gehörnte Alte war inzwischen noch näher an Christopher herangetreten und hatte sich zu ihm herunter gebeugt, um ihn besser zu begutachten. Mit ihren unheimlichen, schwarzen Augen schien sie ihn wie ein Stück guten Schinkens zu prüfen, jeden Körperteil genau zu inspizieren.
„Er ist jung.“
Sie streckte eine knochige Hand nach ihm aus und nahm mit einem ihrer schmutzigen Finger Blutstropfen von seiner langen Schnittwunde über der Brust auf, während Christopher erschreckt und angewidert zurückwich. Er hatte noch nie zuvor derart widerwärtig lange und ungepflegte Nägel gesehen wie ihre.
„Zum Teufel, er ist schüchtern.“
Sie kicherte spöttisch obgleich seiner offensichtlichen Abscheu ihr gegenüber und betrachtete einen Moment lang sein Blut an ihrem Finger, bevor sie es danach einfach und zu seinem puren Entsetzen genüsslich ableckte. Christopher drehte sich dabei halb der Magen um. Die Wunde, die sich seit jenem Überfall quer über seine Brust zog, war nicht allzu tief, schmerzte zum Glück kaum und blutete auch nur noch leicht. Doch musste man deshalb darin herumbohren? Dass jemandem das Leid eines anderen zu gefallen schien, ja, dass man sich regelrecht daran ergötzte, machte ihn fassungsloser als jede Wunde, die man ihm hätte zufügen können. Die Gehörnte drehte sich zu dem Oger herum.
„Und du bist dir sicher, dass niemand nach ihm suchen wird?“
Der unansehnliche Oger lachte dreckig.
„Wir haben alle, die bei ihm waren, getötet und alles was noch an ihre jämmerliche Existenz erinnert, ist zur Stunde nur noch Asche und Rauch. Wenn überhaupt.“
Sie nickte, ohne den Blick auch nur eine einzige Sekunde von ihrer faszinierenden „Beute“ abzuwenden.
„Nun gut, aber kannst du mir dann verraten, warum ihr ihn so verschandelt habt? Ihr wisst doch genau, dass das den Preis deutlich schmälert. Meine Kunden wollen selber entscheiden, in wie viele Häppchen sie ihre Ware teilen.“
Der Oger, ein Lakai der buckligen Hexe Mera, lachte nun erneut.
„Mera, du übertreibst wie immer maßlos! Die Ware ist einwandfrei. Er hat vielleicht einen kleinen Kratzer auf der Brust, aber das ist dann auch schon alles. Hier sind schon weitaus schlimmer zugerichtete Kreaturen angekommen. Aber der hier ist noch fangfrisch. Keine eiternden Wunden, keine Folterungen und ausnahmsweise hat sich auch noch keiner der anderen an ihm zu schaffen gemacht, wenn du verstehst, was ich meine. Darauf habe ich diesmal extra geachtet, weil ich wusste, was für einen hohen Preis wir für so ein unangetastetes Exemplar bekommen werden. Er ist ohne Mängel, wenn du so willst. Eine so gute Beute hast du schon seit Ewigkeiten nicht mehr verkaufen können. Jemanden wie den findet man sonst nur in Etablissements, wie bei Elethra oder Donikius und diesen ganzen hochgeborenen Bonzen. Und ich finde, dafür habe ich diesmal auch wirklich mehr verdient, als deine sardonischen Ausbrüche!“
Christopher stellten sich bei den unglaublichen Worten dieser beiden die Nackenhaare auf. Sie redeten tatsächlich über ihn, als wäre er ein Stück Vieh. Fleisch, das man zu verkaufen gedachte. Ihm wurde schwindelig. Er musste träumen. Einen furchtbaren Albtraum. Und er wollte jetzt bitte daraus erwachen!
Die Gehörnte stand noch immer vor ihm und leckte sich über die schmalen, eingefallenen Lippen, während sie ihn betrachtete.
„Na los …“, fuhr sie ihn plötzlich und unvermittelt an und trat mit dem Fuß nach ihm,
„… steh auf und lass dich erst einmal richtig begutachten!“
Christopher starrte angewidert zu der Alten empor und blickte sie verständnislos an. Es hatte ihm komplett die Sprache verschlagen und er konnte nur verächtlich mit dem Kopf schütteln, als er auch schon einen weiteren, nicht minder unsanften Tritt bekam.
„Ich sagte, du sollst aufstehen!“
Er wandte sich der krummen Hexe zu:
„Ich kann nicht aufstehen!“
Presste er dabei unmissverständlich zwischen bebenden Lippen hervor.
Sie schnalzte wütend mit der Zunge und gab ihm einen noch festeren Tritt.
„Was hast du gerade gesagt? Ich muss mich wohl verhört haben! Du wirst sofort tun, was ich dir befehle, oder du lernst meine Peitsche kennen, Jüngchen.“
Christopher schüttelte erneut mit dem Kopf:
„Wie ich eben schon sagte, ich kann hier nicht aufstehen! Die Decke ist zu niedrig, um stehen zu können. Oder ist das so schwer zu erkennen?“
Er wusste zwar, dass seine spitze Zunge mutig, wenn nicht gar todesmutig, war, doch die schmerzhaften Tritte ließen die Worte nur so aus ihm heraus sprudeln. Wie oft wollte Mera ihn schließlich noch treten, bis auch sie begriff, dass er mit seiner Größe hier alles andere als einwandfrei stehen konnte? Zumindest sah sie sich nun zu ihrem gruseligen Helfer um und gab ihm ein Zeichen.
„Na los, komm her und zeige diesem unverschämten, respektlosen Jüngling, wie gut es sich hier stehen lässt!“
Dann wich Mera zur Seite und der Oger machte sich daran, Christopher aus seiner Ecke, in der er noch immer hockte, zu zerren, um ihn dann rabiat zum anderen Ende des Raumes zu stoßen, wo ein aufrechtes Stehen zumindest theoretisch möglich war. Christopher spürte beim Sturz, wie ihm die Haut an den Armen aufriss, doch er unterdrückte einen Schmerzenslaut.
„Wird’s jetzt bald?“, hörte er die Alte wieder krächzen und irgendetwas in Christopher sagte ihm, dass er nun lieber tat, was man von ihm verlangte. So versuchte er sich umständlich hinzustellen, doch die Stricke um seine auf den Rücken gefesselten Hände und das lange Kauern auf dem Boden zollten ihren kräftezehrenden Tribut. Und er kippte, kaum dass er sich aufgerichtet hatte, wieder in sich zusammen. Mit allerletzter Energie, die noch in ihm steckte, probierte er es ein zweites Mal und stand nun endlich auf wackligen Beinen zur erniedrigenden Fleischbeschau parat.
„Meine Güte, du hast dich diesmal wirklich selbst übertroffen, Hogard! Er ist ...“, die schwarzen Augen der Alten fuhren begierig Christophers Körper entlang und ihre Blicke fühlten sich für ihn dabei an wie kleine, widerliche Nadelstiche, „… er ist tatsächlich die ansehnlichste Beute, die wir jemals an die dämonische Kundschaft gebracht haben! Ich bin zugegebenermaßen überrascht und zufrieden mit deiner Arbeit. Vielleicht bist du doch noch zu etwas anderem zu gebrauchen, als mir lediglich jeden Abend die Füße zu salben.“
Ihr Blick glitt über den leicht lädierten, aber nichtsdestotrotz höchst attraktiven Oberkörper des jungen Mannes vor sich und sie streckte abermals ihre langen Finger nach ihm aus, um damit seine Arme zu betasten. Ihre vor Schmutz fast schwarzen Fingergelenke waren eiskalt und Christopher zuckte unwillkürlich zurück. Das schien sie nur noch mehr zu belustigen, denn nun grinste sie ihn derart diabolisch an, dass ihre fauligen, spitzen Zähne zum Vorschein kamen. Christopher versuchte, sich nichts von seinem immer größer werdenden Entsetzen anmerken zu lassen. Doch allein der Anblick dieser Zähne ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren. Das waren keine Menschenzähne, sicher, soviel hatte auch er langsam mitbekommen. Doch nicht einmal bei einem Raubtier hatte er jemals ein derart erschreckend schauderhaftes Gebiss gesehen. Ein Wolfsgebiss war nichts dagegen. Er wollte sich lieber nicht vorstellen, was vermutlich alles zu ihren Lieblingsspeisen gehörte. Immerhin fielen ihm dazu einige Geschichten der Ältesten ein, die er nun lieber niemals gekannt hätte.
„Kräftige Muskulatur, schöne Waden … und diese glatte Haut!“
Sie strich sichtlich fasziniert über seine Brust, befühlte dann sein Gesicht, zog seine vollen Lippen mit ihren knochigen Fingern brutal auseinander, um seine Zähne zu inspizieren. Als Nächstes wühlte Mera in seinen wilden, dunkelblonden Locken und zog daran, so fest, dass sie ihm eine ganze Reihe Haarsträhnen ausriss, um diese dann in ihrer Hand zu betrachten.
„Ich habe noch nie ein so ein helles Haar bei einem Menschen aus der Nähe gesehen.“
Christopher unterdrückte den pochenden Schmerz auf seiner Kopfhaut und hoffte, die widerliche „Fleischbeschau“ seines Körpers hätte nun ein baldiges Ende. Doch sein Wunsch wurde nicht erfüllt. Mera wollte schlussendlich wirklich alles sehen. Sie schnalzte mit ihrer Zunge und der Oger reichte ihr ein kleines Messer. Christopher erstarrte, als sie mit jener Klinge die einzige Bekleidung, die er noch am Leibe trug, seine Hose, aufschnitt und diese zu Boden fiel. Er war streng erzogen worden und Nacktheit gehörte zu jenen sündhaften Dingen, die seine Eltern als „dunkle Versuchung“ gar nicht erst groß zu Hause angesprochen hatten, weil sie derartige Themen für einen Frevel hielten. Nun stand er im Adamskostüm vor diesen monströsen Kreaturen und musste sich unfreiwillig ihren Blicken hingeben.
„Bei meiner schwarzen Seele … ich kann wirklich nicht zetern. Was ich sehe, gefällt selbst meinen alten, schwächlichen Augen sehr!“
Sie grinste lüstern und Christopher wich ihrem begehrlichen Blick aus, der immer wieder an jenen empfindsamen Teil seines Körpers zurückkehrte, der es ihr anscheinend besonders angetan hatte. Er war mehr als nur angewidert und hätte er gekonnt, wie er wollte, so wäre er auf der Stelle von hier verschwunden. Doch das war unmöglich und so konnte er nur hoffen, dass Mera nicht auch noch auf die Idee kam, ihn dort anzufassen.
„Für diesen Jüngling aus der Menschenwelt kriege ich jeden nur erdenklichen Preis, den ich nennen will! Das wird einer meiner besten Verkäufe werden. Er ist nicht nur schön wie ein Gemälde und dazu auch noch jung und kräftig, sondern so gut wie unversehrt und offensichtlich noch vollkommen unschuldig! Du hättest mir keinen Besseren einfangen können, Hogard!“
Sie leckte sich genüsslich über die eingefallenen Mundwinkel und rümpfte im nächsten Moment die Nase.
„Aber wenn wir ihn weiterhin in diesem elendigen Loch lassen, wird ihn trotzdem niemand kaufen wollen, weil er bestialisch stinken wird. Also, los, Hogard, bring ihn hoch zu den anderen und sorge dafür, dass man ihn ein wenig herrichtet. Morgen soll doch schließlich sein großer Tag werden!“
Dann schnalzte sie wieder mit der Zunge und machte anschließend den Weg frei für den Oger, der Christopher sofort danach unsanft Richtung Ausgang schubste, während er ihn dabei an seinen Fesseln festhielt. Selbst wenn er es auch nur versucht hätte, Christopher hätte gegen die ungeheure Kraft dieses Muskelprotzes nicht die geringste Chance gehabt und so ließ er sich widerstandslos von diesem auf den Weg heraus aus diesem stinkenden Verlies dirigieren. Immer weiter dem Licht entgegen, bis sie aus dem großen Erdloch heraus stiegen, in welchem er sich zuvor so unerträglich lange Zeit hatte aufhalten müssen. Als er oben angekommen war und die warmen Sonnenstrahlen des helllichten Tages sein Gesicht berührten, musste er für einen kurzen Moment die Augen schließen und die würzig frische Brise tief in seine Lungen saugen. So dankbar war er über jene angenehme, nach Wald duftende Luft. Als er seine Lider wieder öffnete, brach ihm allerdings erneut purer Angstschweiß aus. Denn etwas derartig Verstörendes, wie jene Szenerie, die sich ihm nun offenbarte, hatte er noch nie zuvor gesehen …
Kapitel 2
„Ein menschliches „Souvenir“: Ravanna“
„Verflucht noch mal, kommst du jetzt endlich mit, du vermaledeiter, ungezogener, müffelnder und alles voll haarender Dämon von einem Hund … Hund von einem Dämon … Dämonenhund … oder wie auch immer Ash deinesgleichen getauft hat … oder willst du vielleicht, dass ich dich bei deinem schwachsinnigen Namen nenne?“
Ravanna zog verzweifelt an dem langen Fell des tiefschwarzen Hundedämons und versuchte auf diese Weise, die Kreatur zum Aufstehen zu bewegen. Doch der große, dunkeläugige Dämon in Hundegestalt war von den Anstrengungen der Hexe alles andere als beeindruckt. Er saß schwerfällig auf dem Waldboden, vor sich ein übergroßer Homunkulus Knochen, den er seit einigen Tagen sein eigen nannte und dementsprechend aufmerksam hütete. Jedes Mal, wenn Ravanna versuchte, ihm den Knochen wegzunehmen, legte er ohne jede Hast eine seiner großen, schweren Tatzen darauf und blickte die zierliche Hexe aus fast schon treu wirkenden Augen an. Doch das täuschte. Sobald sie versuchte, den vermeintlichen Leckerbissen flugs wegzuziehen, gab er Ravanna einen leichtfüßigen Schubs und sie fiel immer wieder hintenüber. Auch wenn Ravanna als eine mehr oder minder angesehene Hexe über die ein oder andere Zauberkraft verfügen mochte, eine gewisse körperliche Stärke dem Hundedämon gegenüber fehlte ihr dann leider doch. Dabei war sie alles andere als ein hilfloses Geschöpf in den Wäldern ihrer ursprünglichen Heimat, dem Sukkura Forest. Im Gegenteil. Es hatte Zeiten gegeben, da war sie fast so gefürchtet gewesen wie … wie … ja, wie eine Hexe eben gefürchtet sein konnte, die über alle wichtigen Attribute dieser dunklen Spezies verfügte. Basta.
Auf jeden Fall war sie eine dieser Hexen, die in der Blüte ihrer, natürlich erst kürzlich verlorenen, „Jugend“ so ungefähr alles ausprobiert und mitgenommen hatte, was die Unterwelt herzugeben vermochte. Und die letztendlich für sich resümiert hatte, dass wahlloses Töten, ständiges Unheil stiften und für Angst und Schrecken zu sorgen nicht zu ihrer dauerhaften Lebensgestaltung gehören sollten. Nicht, dass sie ein Unschuldsengel geworden wäre. Sicher nicht. Doch als gebürtige Halbhexe wohnte ihr auch eine gewisse Menschlichkeit inne, die sich auf Dauer nicht unterdrücken lassen wollte.
„Dir ist hoffentlich schon klar, dass das da absoluter Müll ist, den du zwischen deinen Pranken wie einen heiligen Schatz bewachst, oder?“
Sie versuchte noch einmal mit aller Kraft, dem Hundedämon den Knochen zwischen den Tatzen wegzuziehen, doch alles Bemühen in diese Richtung blieb erfolglos und so gab sie letztendlich entnervt auf und sank, ein wenig von der Anstrengung außer Atem, neben ihrem Begleiter und Gefährten in Gestalt eines übergroßen Hundes auf dem weichen Waldboden nieder.
Dann versuchte sie es mit Diplomatie.
„Wenn du dieses ekelhafte Ding endlich loslässt und dich dazu entschließt, mit mir den Rückweg anzutreten“, säuselte sie zunächst noch zuckersüß, „sind wir umso schneller wieder bei den anderen und du siehst auch deine geliebte Freundin wieder. Nicht, dass sie sich in der Zwischenzeit einen anderen aus dem Rudel gesucht hat. Das wäre doch wirklich zu schade.“
Sie sah den schwarzen Hundedämon an und lächelte. Doch seine Antwort war ein seliges Nagen und Schlecken an dem großen Knochen, während er sie dabei kaum noch beachtete.
Ravanna schwoll nun innerlich vollends der Kamm, doch sie sprach immer noch mit gedämpfter Stimme, während sie ihren Ärger unterdrückte. Eine gewisse Portion an Ironie konnte sie sich allerdings dann doch nicht verkneifen:
„Tja, na gut. Du musst es ja wissen. Deine Entscheidung.“
Dann änderte sich Ravannas Tonfall gänzlich und sie spähte verächtlich auf den schwarzhaarigen Vierbeiner.
„Ein hässlicher Kerl wie du wird zwar vermutlich nie wieder eine Gefährtin finden, die sich seiner annimmt. Vor allem nicht, wenn er sich zu allem Übel auch noch von einem ordinären Homunkulus Knochen täuschen lässt und diesen behandelt, als wäre er der Heilige Gral höchstpersönlich … aber das ist ja auch allein deine Sache, alter Freund.“
Dann tat sie so, als würde sie sich ihre Schlafstelle für die Nacht zurechtmachen wollen, während die dunkelbraunen Augen des Hundedämons einen kurzen Moment glutrot aufleuchteten. Ravanna presste ihre Lippen aufeinander, innerlich befriedigt, und nickte ihm dann zu.
„Ja, mein Freund, du hast ganz recht gehört. Ein Ho-mun-ku-lus Knochen!“
Betonte sie süffisant ihre beiden letzten Worte und drehte sich dann, ohne ein hämisches Lächeln zu verbergen, zur Seite.
„Ich wünsche dir aber weiterhin guten Appetit damit, mein Lieber!“
Dann tat sie so, als wolle sie sich tatsächlich schlafen legen, als sie im nächsten Augenblick auch schon die würgenden und ächzenden Laute ihres dämonischen Gefährten vernahm. Ruhig und voll heimlicher Schadenfreude, wartete sie nun nur noch geduldig auf das altbekannte Signal des Hundedämons zum allabendlichen Aufbruch. Er stieß sie mit seiner harten Schnauze an und Ravanna tat so, als blickte sie wie erstaunt in seine Richtung. Dann grinste sie in sein enttäuschtes Antlitz und strich ihm fast schon mitfühlend über die Flanke:
„Nun mach nicht so ein Gesicht, alter Freund! Wir finden schon einen richtigen Leckerbissen für dich, versprochen! Aber wir dürfen dabei nicht außer Acht lassen, warum wir überhaupt unterwegs sind. Und das ist sicher nicht deshalb, weil wir dir einen verfluchten Knochen suchen! Hast du verstanden?“
Die zierliche Hexe mit den langen, schwarzen Haaren und den dunkelblauen Augen starrte das große, haarige Wesen fast schon ein wenig zu triumphierend an und ging dann hastig voraus, um ihren dämonischen Helfer und Aufpasser nicht unnötig noch länger zu provozieren. Denn das gewaltige, schwarz-magische Wesen, das sich eigentlich Bo schimpfte, war zwar auf ihren Schutz abgerichtet worden, doch allzu viel ihrer Gehässigkeit wollte Ravanna ihn lieber nicht aussetzen. Man konnte ja schließlich nie wissen. Nicht, dass sie den Worten ihres Herrn und Meisters, der ihr diese Kreatur zur Seite gestellt hatte, jemals misstraut hätte. Aber so ein durch dunkle Zauberkraft erschaffener Hundedämon war in der Lage, ein gewisses gefühlsmäßiges Eigenleben zu entwickeln. Und da sie nicht seine ursprüngliche „Schöpferin“ war, wollte sie kein allzu großes Risiko eingehen und ihn lieber nicht zu sehr verärgern. Obwohl ihr dies sichtlich schwerfiel.
„Du weißt schließlich, was ich vorhabe. Kein leichtes Unterfangen in dieser Gegend. Und darum bist du ja auch an meiner Seite. Aber eines verspreche ich dir jetzt schon, mein alter, miefender, von Flöhen besiedelter Bo! Sobald ich gefunden habe, wonach ich suche, werden wir uns völlig auf deine unsinnige Knochensuche konzentrieren. Wie findest du das, hm?“
Ravanna marschierte mit federnden Schritten voran, während der Hundedämon ihr auf dem Fuße folgte. Er war auf allen vieren noch immer so groß wie ein Bär und eine der gefürchtetsten Kreaturen in dieser Gegend. Dementsprechend sicher fühlte sich die eigenwillige Hexe an seiner Seite. Noch gefürchteter als ein solcher tierischer Dämon war nur sein Schöpfer selbst, in diesem Falle der Halbdämon Ash Phalidos, dessen Befehlen auch Ravanna unterstand. Wobei man es nicht unbedingt Befehle nennen konnte, was Ash und Ravanna tatsächlich verband. Sicherlich war sie ihm in vielerlei Dingen noch weit unterlegen und ihre magischen Kräfte mochten nicht annähernd an seine heranreichen. Dennoch war es eher eine Freundschaft zwischen ihnen, als ein reines Verhältnis zwischen Herrscher und Lakai. Vor allem war Ash ihr ein guter Lehrer in allen möglichen okkulten Fragen, da er um einiges erfahrener war als sie selbst. Gepaart mit ihrer beider Vergangenheit, die sich stark ähnelte, gaben sie genau deshalb seit einer geraumen Zeit ein verblüffend gutes Zweiergespann ab, das einander bereicherte. Und das war auch der Grund, warum Ravanna sich auf den für sie so nervigen Weg durch den Sukkura Forest bis nach Innubà, der „Stadt der Dämonen“ gemacht hatte. Aus reiner Freundschaft zu Ash. Nun ja, eigentlich waren es sogar gleich mehrere Gründe, warum sie diese von seltsamen Kreaturen und Gefahren wimmelnde Gegend freiwillig durchquerte. Einerseits war da ihr großer Streit mit Ash vor ein paar Tagen. Sie stritten lustigerweise sehr oft und gerne. Was sicher auch an ihren unterschiedlichen Temperamenten lag. Doch dieser eine Streit war ein echter Streit gewesen und Ravanna hatte seitdem ein überaus schlechtes Gewissen. Vor allem, weil der Auslöser der besagten Diskussion ein wunder Punkt in Ashs Leben war, den er eigentlich weder sehr gerne ansprach noch gar darüber stritt. Zum anderen fand sie es, ihren Zank mal völlig außen vor, langsam sowieso an der Zeit, dass Ash genau deshalb ein wenig Ablenkung von seinen Problemen bekam, deren Ursprünge in eben genau dieser sehr bewegten Vergangenheit zu finden waren. Und um die es in ihrem Krach gegangen war – im Übrigen auch der Grund für Ashs momentan regelrecht asketische Lebensweise. Und das als ein Halbdämon, in der wohl besten Zeit seines Lebens. Im absoluten Hoch seiner Kräfte, mitten im Lebenssaft stehend. Und das konnte Ravanna nicht länger mit ansehen! Sie wollte, dass ihr Freund und Lehrmeister wieder etwas Freude in sein ansonsten zurzeit recht einsames Dasein ließ. So war ihr der Gedanke gekommen, ihn mit einem ganz besonderen Geschenk zu überraschen. Vielleicht würde ihm das ein kleines Lächeln auf die sinnlichen Lippen zaubern, wenn sie ihm dieses präsentierte. Und vielleicht ließ ihn das so ganz nebenbei den bösen Streit mit ihr vergessen. Tja, und was wäre da eine bessere Idee, als ihm den Einsatz eines Liebesdieners zu spendieren? Denn sie selbst, als ein durch und durch weibliches Wesen, vermochte derartige Freuden bei ihm zu ihrem eigenen Bedauern leider nicht auszulösen.
Es gab nur ein Problem. Ravanna war in den letzten Tagen ihrer Suche nach einem passenden Gespielen für Ash bereits in allen ihr bekannten, gängigen „Etablissements“ dieser Art in und um Innubà gewesen, ohne fündig geworden zu sein. Es schien momentan tatsächlich kaum männliche Dunkelwesen zu geben, die sich zum einen prostituierten und die dann zum anderen für Ash auch tatsächlich infrage gekommen wären. Sicher, sie hätte einen dieser höllisch teuren Dunkelelfen bei Elethras anheuern können. Doch sie hatte Ash schon so oft über die spitzen Ohren und dünnen Arme und Beine dieser Gesellen lästern gehört, dass sie davon abgesehen hatte. Immerhin wollte sie, dass ihr Lehrmeister ihr verzieh und den Streit vergaß. Und nicht, dass ein neuer vom Zaun gebrochen wurde. Weibliche Wesen waren, wie erwähnt, nicht seine bevorzugten Liebespartner – immerhin hätte sie seine körperlichen Gelüste ansonsten auch liebend gerne selbst befriedigt. Wozu also eine andere dafür entlohnen? Das wäre ihr ja geradezu abstrus vorgekommen. Tja, und wenn sie diesen kleinwüchsigen Gnom aus Donikius Freudenhaus mitgebracht hätte, der angeblich alles machte und das mit wirklich jedem, wäre Ash ihr vermutlich in einem Lachanfall vor die Füße gestolpert. Nein. Es schienen gerade keine besonders guten Zeiten zu sein für Ashs Vorliebe für attraktive, männliche Liebesdiener. Vermutlich wäre Ravanna so mit leeren Händen zu Ash zurückgekehrt, wenn sie nicht noch diesen gefährlichen Umweg durch die wohl unangenehmste Gegend des Sukkura Forest gemacht hätte. Der Ort, den sie betrat, um sich nach einem männlichen, einigermaßen ansehnlichen „Lustsklaven“ umzusehen, war immerhin selbst unter ihresgleichen verpönt. Und doch stand sie, zu ihrem eigenen Glück unter dem Schutz von Bo, welcher sie nicht aus den Augen ließ, an jenem Abend vor der wohl schmutzigsten Auktion der Unterwelt.
„Eine schmutzige Auktion“
Christopher zitterte am ganzen Körper, als man ihn auf den hölzernen Bretterverschlag zerrte, welcher auf einer Anhöhe mitten im Wald als Tribüne diente.
Es hätte nicht erniedrigender sein können. Nackt. Nur mit einer schweren Eisenkette um den Hals, deren Ende an einem Holzpfahl zu seinen Füßen festgemacht war.
Als ob er ohne diese Eisenfessel ganz einfach und ungehindert davonspaziert wäre.
Er war nicht der Einzige, den man vor das Getümmel ihm unbekannter, gaffender und grölender Kreaturen und Wesen des hiesigen Dunkelwaldes dirigierte. Zusammen mit einem Dutzend anderer, unglückseliger Geschöpfe bot man ihn hier seinem ungewissen Schicksal feil.
Christopher wagte es fast nicht, seinen Blick zu heben und nach vorne zu richten, da manche der in der Menge stehenden Kreaturen so schauderhaft aussahen, dass er sich wirklich nicht ausmalen wollte, was solche Monster mit jemandem wie ihm wohl anfangen konnten. Natürlich war er sehr wohl in der Lage, sich in seiner Fantasie zusammenzureimen, wofür er im schlimmsten Falle alles dienlich sein könnte. Als profanes Abendessen zum Beispiel. Oder als Folteropfer oder wer weiß, was sonst noch alles. Doch was brachte es ihm, weiter darüber nachzusinnen, außer, dass es ihn zutiefst entmutigte? Er versuchte stattdessen, die laute, ihn einschüchternde Geräuschkulisse der johlenden Menge vor sich auszublenden und sich in seine tiefsten Gedanken zurückzuziehen. Dies war eine Fähigkeit, die er bereits seit seiner Kindheit beherrschte und die ihm nun sehr dienlich war. Und das schien ihm angesichts seiner verzweifelten und hoffnungslosen Lage auch das einzig Richtige zu sein. Sich an einen besseren Ort zu denken und die grausame Welt um sich herum auszublenden. Er würde mit großer Wahrscheinlichkeit sowieso sterben. So viel war Christopher bereits klar geworden. Wann genau und auf welche Weise, diese Überlegungen gedachte er sich allerdings nicht weiter anzutun. Es würde mit Sicherheit geschehen und er konnte wohl auch nichts daran ändern. Aber seine letzten Momente wollte er trotzdem nicht damit verbringen, über die mannigfaltigen, grausamen Möglichkeiten seines Ablebens nachzugrübeln. Er flüchtete sich lieber in Erinnerungen seines bisherigen Lebens. Gedachte seiner Kindheit und seiner Eltern, der Großeltern und der vielen Tiere auf ihrem kleinen Hof, die er so gerne versorgt und gepflegt hatte. An sein geliebtes Pferd. Endlos lange Tage mit dem Vieh auf der Wiese am Bach. Regentropfen auf seiner Haut nach einem warmen Sommerregen. Das Lachen seines besten Freundes Taran nach einem wilden Wettrennen, während sie erschöpft nebeneinanderlagen. Der Geruch süßer Walderdbeeren. Seine Hand in Tarans Hand. Christopher wurde schwer ums Herz. Es gab noch so vieles, was er gerne erlebt hätte. So vieles, was er sehen wollte und Sehnsüchte, denen er nie würde nachgehen können, wenn man ihn jetzt seines Lebens beraubte. Doch was konnte er schon tun? Hier, an diesem Ort mit diesen Kreaturen, von denen er sein Leben lang geglaubt hatte, sie würden nur in den Erzählungen und Legenden der Ältesten existieren? Ihm waren die Hände im wahrsten Sinne des Wortes, gebunden. Dabei war er alles andere als ein ängstlicher Typ. In seiner Welt, der einzigen Welt, die er bis jetzt gekannt hatte, war er kein Schwächling oder Angsthase gewesen. Im Gegenteil. Doch nun, hier unter diesen monströsen Wesen, lehrte man ihn wahrhaftig zum ersten Mal das Fürchten.
Wenn er zu seiner rechten oder linken Seite blickte, so sah er neben sich ebenfalls vermeintliche Gefangene, die hier als „Ware“ einen Käufer finden sollten. Im Gegensatz zu ihm waren sie allesamt jedoch keine Menschen, sondern Geschöpfe der Unterwelt. Neben ihm stand zum Beispiel ein schmächtiger und sehr abgemagerter Dunkelelf mit spitzen Ohren und einem ebenso spitzen Kinn, der aus traurigen Augen ins Leere blickte. Sein nackter Oberkörper war von unzähligen Narben übersät. Er trug auch, anders als Christopher, keine Fesseln, mit denen man ihn an Ort und Stelle halten musste. Ebenso wie dessen untersetzte Nachbarin. Eine kleine, dicke Gestalt, die Christopher höchstens bis zu den Knien reichte und mit üppigen, weiblichen Attributen ausgestattet war. Sie schien in ihrem Gemüt das genaue Gegenteil zum jämmerlich wirkenden Elf neben ihr zu sein. Denn sie gab ständig schmutzige Kommentare von sich und zog ihren lumpigen Rock so weit zur Seite, dass die unten stehende, potenzielle Käuferschaft genauestens im Bilde war, was sie zu bieten hatte. Christopher atmete tief ein und versuchte, beim Ausatmen erneut in seinen Gedanken zu versinken, um dieser furchtbaren Situation geistig zu entkommen, als jemand unvermittelt an der Kette um seinen Hals zog. Erschreckt und wie von Sinnen, kam Christopher wieder in der harten Realität an und stolperte beinahe auf die betreffende Person zu, die ihn sozusagen „an der Leine“ hielt. Es war die bucklige Hexe Mera, deren unangenehme Bekanntschaft er bereits in dem stinkenden Erd-Kerker gemacht hatte und die sich nun neben ihn auf die Tribüne gesellt hatte. Ihre schrille Stimme hallte durch die Menge und das Grölen und Johlen stoppte für einige Augenblicke, während sie Christopher voller Inbrunst feilbot. Dieser hörte ihre Worte, doch dann hörte er sie auch wieder nicht. Vielleicht, weil sie ihm zu unwirklich erschienen. Oder, weil er sie einfach nicht wahrhaben wollte. Hätte er die Möglichkeit gehabt, sich die Ohren zuzuhalten, so hätte er es getan. Doch seine Hände waren noch immer hinter seinem Rücken gefesselt. Und so war er regelrecht gezwungen, ihr lautes Anpreisen seiner eigenen Person mitanzuhören. Er fühlte sich einer Ohnmacht nahe. Ausgerechnet er, der immer stark gewesen war. Und nun war er schwach und seine Beine schienen jeden Moment unter ihm nachzugeben. Fühlten sich an, als wären sie mit Honig gefüllt und nicht von Muskeln und Sehnen umgeben. Irgendwann schien die Ansprache der Hexe beendet zu sein, denn Christopher vernahm alsbald wieder das laute Getöse der immer unruhiger werdenden Menge vor sich. Seine blauen Augen suchten verwirrt und von Schwindel erfasst irgendeinen Punkt in dieser Masse unansehnlicher Kreaturen vor ihm, der ihm irgendeine Form von Halt hätte geben können. Doch all die ungewohnt aussehenden, größtenteils schaurigen Geschöpfe vermischten sich vor seinen entsetzten Augen zu einem bunten Wirrwarr aus breiten Mäulern, widerwärtigen Leibern, Hörnern und entblößten, raubtierhaften Zähnen.
„Das höchste Gebot erhält den Zuschlag! Die Auktion ist hiermit eröffnet, meine grausamen Freunde der Dunkelheit!“
Die alte Hexe ließ die schwere Eisenkette wieder zu Boden gleiten und Christopher hatte alle Mühe damit, dass es ihn nicht erneut von den Füßen riss. Im nächsten Moment hörte er, wie die Zurufe unterschiedlichster Angebote begannen. Er wusste nicht, ob es sich bei den Zahlen, die man in die Runde warf, um eine fremde Währung handelte oder um Gold in irgendeiner ihm unbekannten Handelsform. Und er meinte auch, so etwas wie Tauschanfragen herauszuhören, die ihm jedoch nichts weiter sagten, da er weder die Begriffe noch deren Bedeutung kannte. Am Ende all dieser wild durcheinander gebrüllten Vorschläge, was er nach Meinung dieser Unholde vor ihm denn wert sei, versank Christopher jedoch in schiere Verzweiflung. Denn ausgerechnet zwei besonders furchterregend wirkende Gestalten waren es, die übrig geblieben waren und nun wild gestikulierend miteinander um ihn feilschten. Zuvor hatte er dummerweise noch die klitzekleine, heimliche, wenn auch verschwindend geringe Hoffnung gehegt, dass vielleicht eines der nicht ganz so erschreckend aussehenden Geschöpfe ihn ersteigern würde. Immerhin gab es unter ihnen den einen oder anderen, gegen den er es sich zugetraut hätte, zu kämpfen, hätte sich eine solche Gelegenheit ergeben. Doch bei den beiden Exemplaren da vor ihm schwand diese Aussicht direkt wieder dahin. Auch konnte Christopher sich nicht entscheiden, welchen der beiden er unheimlicher fand. Den großen, kräftigen Hünen, der, abgesehen von unnatürlich stark ausgeprägten Muskeln, von den Füßen bis zum Haupt noch halbwegs „normal“ wirkte. Zumindest, wenn man das stark vernarbte Gesicht nicht allzu genau inspizierte. Und sich zudem die Armbrust auf seinem Rücken und den Morgenstern in seinem Gürtelschaft wegdachte. Oder doch eher der nicht minder muskelbepackte, glatzköpfige Unhold mit der Doppelaxt in den Händen, deren Griff offensichtlich aus nichts Geringerem bestand als echtem Knochen, soweit Christopher das zu beurteilen vermochte. Die Haut des Glatzköpfigen wirkte darüber hinaus auch alles andere als menschlich und wies neben einer recht grauen Farbe eine reptilienartige Struktur auf, beinahe wie die Haut einer Schildkröte. Doch das Schlimmste an ihm waren seine Augen. Zwei echsenartige, schmale Schlitze, durch die er Christopher anstarrte, als wäre er ein Stück saftiges Fleisch. Vermutlich war er das für dieses Monster auch. Sollte dieser Zeitgenosse den Zuschlag bekommen, würde Christopher, oder besser gesagt, Christophers Überreste an Knochen, dann genau so enden? Als Griffe irgendwelcher Waffen? Es war eigentlich fast schon egal. Er konnte sich so oder so nicht aussuchen, welches Schicksal ihn treffen würde. Er stand hier, nackt, schutzlos, von allen guten Mächten und seinem eigenen Gott verlassen, und musste sich dem fügen, was auch immer man mit ihm vorhatte.
Klirrend rasselten urplötzlich und für Christopher völlig unerwartet die Waffen jener beiden unter der Tribüne stehenden Bieter aneinander. Zwei Äxte, deren Klingen sich in der Mitte nur knapp vor den Köpfen ihrer Besitzer trafen und dabei ein brachiales Geräusch von sich gaben. Erschreckt beobachtete Christopher, wie die zwei Kontrahenten ihre Muskeln spielen ließen und wahrhaftig zu kämpfen begannen! Er glaubte zunächst, sich verguckt zu haben. Doch schon wenige Sekunden später rückte die übrige, wartende Menge unterschiedlicher Kreaturen hastig von den beiden Kämpfenden ab, um nicht in deren Reichweite zu geraten. Christopher konnte es nicht glauben. Diese Kerle da kämpften jetzt doch tatsächlich um ihn! Was bei allen heiligen Mächten passierte hier? Was war für sie so derart Besonderes an ihm, dass diese Dunkelwesen sich sogar um ihn stritten? Und das machte ihn noch unsicherer und vor allem furchtsamer. Bevor er es selbst begriffen hatte, wurde ihm gewahr, dass die beiden sich auf Leben und Tod duellierten. Das erkannte er spätestens in dem Augenblick, als der mit Narben übersäte Hüne dem Reptilienmann mit seinem Morgenstern die Hälfte von dessen Gesicht wegriss. Christopher hörte das dumpfe Geräusch und spürte, wie sein nackter Körper von feinsten Blutspritzern getroffen wurde. Erschreckt wich er zurück. Übelkeit kroch beim Anblick des in Fetzen hängenden Gesichts in Christopher hoch und er schloss hastig die Lider. Doch der Kampf war offenbar noch nicht zu Ende. Während Christopher versuchte, nicht die Fassung zu verlieren und die Geräusche jener Klingen und das Ächzen und Stöhnen der Kämpfer auszublenden, vernahm er auch noch neben sich Stimmen. Seine angeblichen „Leidensgenossen“ befeuerten das Duell mit ihren Zurufen, ebenso wie die übrige Bieterschaft zu ihren Füßen. Sie alle grölten und jubelten den sich gegenseitig zu Tode prügelnden Kreaturen zu. Selbst jener schwächlich wirkende dürre Dunkelelf war nun zu neuem Leben erwacht und grinste hämisch über das Geschehen.
„Du kannst dir was darauf einbilden, Menschensohn. Die töten sich sogar gegenseitig, um an dein süßes, unschuldiges Fleisch zu kommen.“ Die spitzohrige Gestalt ihn fast schon neidvoll an, „aber tauschen möchte ich dennoch nicht mit dir!“
Dann bedachte der Elf Christopher mit einem Blick, der diesem deutlich zu verstehen gab, wie es um ihn bestellt war. Offenbar gab es in dieser Welt weder Mitgefühl noch Mitleid oder irgendeine andere Art von gefühlsmäßiger Regung, wenn man von all dem Hass und der Gier, die hier deutlich spürbar waren, einmal absah.
Ja, mag sein, du verbittertes Etwas von einem Elf – dachte Christopher bei sich, aber vielleicht habe ich auch Glück, und diese beiden Unholde metzeln sich jetzt einfach gegenseitig ab und ich komme zu einem dieser kleinwüchsigen, hässlichen Gnome da unten. Dann werde ich mich schon irgendwie aus deren Gewalt befreien und überleben! Also grinse nicht mehr so gehässig und kümmere dich um deine eigenen Probleme.
Am liebsten hätte er es laut ausgesprochen, doch er riss sich zusammen. Diese Kreatur war es gar nicht wert, sich mit ihr auseinanderzusetzen. Als Christopher es nun wagte und vorsichtig durch seine halbgeöffneten Lider blinzelte, konnte er schemenhaft erkennen, wie sich der narbengesichtige Hüne über dem auf dem Boden liegenden Reptilienmann emporstreckte, eine Axt in beiden Händen. Er holte aus und … Christopher schloss wieder die Augen. Er konnte die Geräusche hören, doch er musste nicht auch noch die Bilder dazu sehen. Immer wieder schien dieser riesige Kerl zuzuschlagen. Dabei musste sein Gegner längst tot sein. Es war bestialisch und unerträglich.
Christopher dachte wieder an Zuhause. An seine Hühner und Kaninchen, die Schafe und Schweine. Sein geliebtes Pferd. Sie alle waren bei dem Massaker vor ein paar Tagen ebenfalls völlig unnötig getötet worden. Er selbst jedoch hatte noch keinem lebendigen Wesen das Leben genommen. Das hatte er nie fertiggebracht. Einem von ihnen ein Haar zu krümmen, wäre ihm grundlos nie und nimmer in den Sinn gekommen. Im Gegenteil. Er war unfähig gewesen, seinen tierischen Freunden die Kehlen durchzuschneiden, nur damit er und seine Familie etwas auf den Tisch bekamen. Diese Aufgabe hatte, wenn überhaupt, stets sein Vater oder sein Großvater übernommen. Zu Christophers Leidwesen, der bereits seit seinem sechsten Lebensjahr kein Fleisch mehr anrührte, so sehr seine Eltern das auch missbilligten. Er wusste zwar nicht, ob dies auch so gewesen wäre, hätten er und seine Familie unter irgendwelchen Hungersnöten gelitten, und wären deshalb auf das Jagen von Wild angewiesen gewesen. Doch dazu war es glücklicherweise nie gekommen. Sie lebten zum einen zwar sehr abgeschottet und isoliert von der Außenwelt, abseits der ländlichen Dörfer und lebhafteren Städte, oder besser gesagt, hatten gelebt. Dafür aber an einem äußerst fruchtbaren und schönen Ort nahe diesen Wäldern eben, in deren Untiefen er vor Kurzem verschleppt wurde. Vermutlich war dies ja überhaupt erst der Grund, warum so wenige sich an jenen für Christopher so paradiesischen Ort niedergelassen hatten. Weil die Warnungen auf tatsächlichen Legenden beruhten und nicht auf „gotteslästernden“ Märchen, wie seine Eltern und Großeltern ihm immer hatten eintrichtern wollen. Immerhin war das ihr Glaube. Ihre Religion. Die Religion der Sanctinier eben, einer kleinen, von der übrigen Bevölkerung oft belächelten Minderheit Pranandos, die die Existenz der Dunkelwesen leugnete. Wie oft waren verirrte Wanderer bei ihnen eingekehrt und zutiefst darüber verwundert gewesen, einen Hof so nahe des äußersten Randes des umstrittenen Dunkelwaldes vorzufinden, den die Menschen für gewöhnlich größtenteils mieden. Im Nachhinein war Christopher nun klar, dass man seine Eltern für geisteskrank gehalten haben musste. Wie hatten sie sich nur jemals so sicher sein können, dass ihr Glaube tatsächlich der einzig Richtige war? Und dass ihre damit einhergehenden Ansichten und Behauptungen über diese Welt derart unfehlbar seien, dass alles andere nicht galt? Obwohl sie sich damit in der absoluten Minderheit befanden! Hatten sie also tatsächlich keine Ahnung gehabt? Nie gezweifelt? Oder aber hatten sie sich und ihren Sohn vielleicht sogar fahrlässig einer Gefahr ausgesetzt, die jederzeit über ihnen allen hätte hereinbrechen können, nur, um auch ja auf ihrer Religion bestehen zu können? War ihnen ihr Glaube demnach wichtiger gewesen als ihre eigene Unversehrtheit und die ihrer Lieben? Und hatten sie sich allesamt aus diesem Grund dem Risiko ausgesetzt, jederzeit auf Dunkelwesen zu treffen und von ihnen angegriffen zu werden? Nein. Christopher hatte eine andere Erklärung für ihr Verhalten. Und die hieß blindes Gottvertauen. Nur so konnte er sich ihr naives Handeln erklären. Doch ihr unumstößlicher Glaube hatte seine Familie an jenem Tag leider nicht retten können. Im Gegenteil. Sie starben alle einen grässlichen Tod. Dabei waren sie doch so gute, anständige Menschen gewesen. Soviel stand fest. Nie hätten sie absichtlich etwas Böses getan noch etwas Böses gewollt. Sie hatten vermutlich einfach einen riesengroßen Fehler gemacht, in dem sie sich in ihrem strengen Glauben verrannt und die eindringlichen und warnenden Worte der „ungläubigen“ Menschen nicht ernst genommen hatten. Sie mussten sich von der ertragreichen Erde und den glitzernden Bächen haben überzeugen lassen, dort wäre ein guter Ort, um in Frieden zu leben. Hatten die Gefahr unterschätzt. Nun waren sie tot, regelrecht dahingemetzelt und außer ihm war nichts und niemand mehr übrig, der von ihrer aller Existenz zeugen konnte. Welch eine Ironie zudem, dass ausgerechnet Christopher das Blutbad als einziger überlebt hatte, obwohl er noch nicht einmal der leibliche Sohn seiner Eltern gewesen war und somit nicht der sanctinischen Blutlinie entstammte. Und doch war er allein es, der noch da war. Wenn er genauer darüber nachdachte, erschien diese Tatsache ihm wie eine zusätzliche Verhöhnung seiner ermordeten, gläubigen Familie. Ja, es war ein hoher Preis, den sie für ihren frommen Glauben gezahlt hatten.
Christopher wurde durch einen langen, barbarisch klingenden Schrei erneut seinen Gedanken entrissen. Rabiat holte der unmenschlich klingende Laut ihn zurück in die Realität und ein eisiger Schauer rieselte ihm den Rücken herunter. Es hörte sich an wie der Urschrei eines wilden Tieres. Er öffnete seine Augen wieder vollends und spähte angstvoll auf die Szenerie vor sich, als er auch schon den Hünen mit der blutigen Axt in der Hand erblickte. Dieser stand schwer atmend da und hielt seine andere Hand triumphierend gen Himmel. An seinem ausgestreckten Arm lief Blut herunter, dessen Ursprung von dem kam, was er da so siegesfreudig in die Höhe hielt. Überhaupt war er von Blut nur so überströmt. Das meiste davon musste das Blut des Reptilienmannes sein, wie Christopher jene Überreste der Kreatur, die dieser einmal gewesen war, noch immer in seinen Gedanken nannte, da er es nun einmal nicht besser wusste. Die unruhige Menge unter ihm jubelte jetzt ebenfalls wieder lautstark und Christopher starrte entsetzt auf den vernarbten Kerl, der sich für seinen grausigen Triumph über den Nebenbuhler ausgiebig feiern ließ. Christopher wagte es nicht, allzu genau auf die blutigen Überreste von dessen besiegtem Kontrahenten zu schauen, da er sonst vermutlich zusammengebrochen wäre. Wenn man zu dem da, zu dieser undefinierbaren Masse, werden konnte … dann hoffte Christopher, dass er selbst zumindest nach dem ersten oder zweiten Axthieb bereits so mausetot war, dass er von dem weiteren Gräuel nichts mehr mitbekommen würde, den man ihm antat.
Er war noch völlig in seinem Entsetzen über diese vorangegangene Situation gefangen, dass er beinahe nicht mitbekommen hätte, wie es mit einem Mal mucksmäuschenstill wurde. So, als wäre gerade etwas derart Wichtiges oder Grandioses passiert, dass man nun voller stillschweigender Begeisterung innehielt. Raunen und Geflüster ging zunächst noch mit dem Verstummen der zuvor lauten Geräuschkulisse einher. Blicke, die sich erwartungsvoll umsahen. Christophers Augen wandten sich angespannt in jene Richtung, in welche nun alle anwesenden Kreaturen sowie sein höchstbietender Käufer schauten. Er glaubte im nächsten Moment, seinen eigenen Sinnen nicht mehr ganz trauen zu können.
Das Wesen, welches da auf sie alle zukam, wirkte so dermaßen deplatziert an diesem Ort, dass es an Absurdität schwer zu überbieten war.
Denn für die neuerliche Stille unter der zuvor so laut und obszön lärmenden Menge war niemand Geringeres verantwortlich, als eine zierliche, hübsche Frau, die bedächtig zwischen den monströsen Gestalten hindurch und mit langsamen Schritten auf die Tribüne zuging.
Es wirkte beinahe so, als wäre sie eine Art Königin oder zumindest jemand Hochgeborenes, dem man Tribut zu zollen hatte. Denn warum sonst sorgte sie für derart viel Wirbel, dass selbst die stärksten dieser Kreaturen mit halb offenen Mündern da standen und sie anstarrten, als wäre sie ihrer aller Herrscherin und Gebieterin? Oder war sie das etwa? Genaugenommen sah sie für Christopher nämlich nicht unbedingt so aus. Eine grazile Erscheinung, sicher, sehr hübsch dazu, dies zweifelsohne bereits aus der geringen Entfernung erkennbar. Nur eben alles andere als Furcht einflößend oder aber besonders kräftig. Mit anderen Worten, auf den ersten Blick relativ hilflos anzuschauen unter dieser Horde Bestien und muskelbepackter Rohlinge.
Und doch rührte niemand sie an, während sie sich zielstrebig ihren Weg durch die Menge bahnte. Sie trug ein langes, schwarzes Cape um ihre zarten Schultern, dessen Kapuze bis jetzt auch nur die Hälfte ihres filigranen Gesichts entblößte. Darunter hatte sie ein außergewöhnliches Kleid an. Es war ebenfalls schwarz, lang bis zu ihren Füßen, doch dabei so eng anliegend, dass sich jede ihrer wohlgeformten Rundungen darunter genauestens abbildete. Zudem besaß es zwei seitlich durchgehende Schlitze, die bis zu ihren Hüften reichten und dabei ihre nackte, ebenmäßige Haut entblößten. Um den zarten Hals schlängelte sich eine prachtvolle, goldene Kette, die sich über ihrer Brust in mehrere Glieder teilte und offenbar irgendwo bei den Brustwarzen und dem Bachnabel zu enden schien. Zumindest zeichnete sich dies ebenfalls unter ihrem geschmeidigen Gewand ab.
Aus dem ledernen Miedergürtel, der ihre schlanke Mitte schmückte, lugten mehrere Hefte unterschiedlicher Waffen, vermutlich Messer und Dolche, heraus und jetzt erkannte Christopher auch, dass sie sogar gleich zwei Schwerter mit sich trug. Deren aufwendig verzierte Griffe blitzten hinter ihrem Rücken auf und versetzten ihn wahrlich ins Staunen. Er fragte sich, ob und wie eine so zart wirkende Person mit derartigen Waffen umgehen konnte.
Als die Gestalt kurz vor der Tribüne und dem narbengesichtigen Hünen angekommen war, machte sie halt und nahm die Kapuze ab. Ein Schwall ebenholzfarbenen, lockigen Haares ergoss sich über ihre Schultern. Dann warf sie Christopher unvermittelt einen Blick zu. Sie lächelte ihn an und zwinkerte ihm zu, als würden sie sich schon Ewigkeiten kennen, bevor sie sich dann an den Hünen wandte. Zunächst ohne ein Wort zu verlieren, klatschte sie langsam, aber laut und deutlich in ihre mit schwarzen Ornamenten verzierten Hände.
Christopher beobachtete das ungewöhnliche Treiben zu seinen Füßen und wusste nicht, ob er nun wieder Angst haben oder neue Hoffnung schöpfen durfte. Was würde als Nächstes geschehen? Ein weiterer Kampf?
„Im Namen aller teuflischen Dämonen, ich bin beeindruckt!“, sprach die Schönheit mit ungewöhnlich fester und rauer Stimme, die so gar nicht zu ihrem lieblichen Äußeren passen wollte.
„Was seid ihr Kerle hier bloß für … starke Krieger.“
Der spöttische Unterton war für Christopher nicht zu überhören und sie hätte auch sagen können: Was seid ihr hier bloß für völlig unterbelichtete Barbaren. Das wäre fast auf dasselbe herausgekommen bei der Art, wie sie mit dem muskelbepackten Koloss vor sich sprach. Doch dieser schien, zu Christophers Verwunderung, nur umso ehrfürchtiger zu werden.
„Ravanna!“, kam es ihm sogleich von den Lippen und er starrte das weibliche Wesen vor ihm demütig an. Er sprach ihren Namen geradezu wie ein düsteres Gebet aus.
„Ich habe schon so viel von dir gehört, aber dich nun wahrhaftig vor mir zu sehen, straft alle Erzählungen und Beschreibungen deiner Schönheit Lügen ... du ...“
Noch bevor der von Blut besudelte Hüne weitersprechen konnte, trat die alte Mera aus dem Hintergrund hervor und fuhr ihm streng über den Mund: „Ach sei doch still, du Trottel von einem Riesen!“
Dann baute sie sich in all ihrer krummen Größe vor der jungen Schönen auf und ließ ihren missbilligenden Blick einige Male an dieser auf und abgleiten.
„Woher gebührt uns die Ehre für solch hohen Besuch?“
Christopher konnte an der Tonlage der Alten heraushören, dass sie nicht begeistert vom Auftauchen der Fremden namens Ravanna war, auch wenn sie vordergründig den Anschein erwecken wollte. Die Schöne musste also irgendjemand Besonderes sein. Woher wüsste man ansonsten hier ihren Namen und behandelte sie vergleichsweise ehrerbietig wie eine Prinzessin?
„Oder hast du dich etwa in unseren dichten Wäldern verlaufen, Ravanna?“, säuselte Mera arglistig, während sie sich leicht nervös immer wieder so unauffällig wie möglich umsah.
Ravanna erkannte Meras boshafte Gedanken und nahm ihr sogleich den Wind aus den Segeln, während sie ihre Lippen schürzte und lächelnd ihren Kopf schüttelte.
„Keine Sorge. Ich kenne diesen Wald wie meine Westentasche, Mera. Das weißt du ganz genau. Jemand wie ich verirrt sich nicht hierher. Er wird hier geboren. Wenn du verstehst, was ich meine.“
Mera nickte lächelnd, doch ihre schwarzen Augen verrieten, dass sie der um vieles jüngeren Hexe ihr gegenüber feindlich gesonnen war. Und beleidigt hatte Ravanna sie gerade auch noch vor ihrer gesamten Knechtschaft und den vielen anwesenden Kreaturen der Unterwelt. Und doch blieb Mera nichts anderes übrig, als erst einmal weiterhin gute Miene zum für sie unschönen Spiel zu machen. Die Stimmung zwischen ihr und Ravanna war jedoch spürbar angespannt. Es wirkte auf Christopher sogar so, als würde Mera am liebsten direkt auf die schöne Hexe losgehen. Aus welchem Grund auch immer. Doch irgendetwas hielt sie scheinbar davon ab. Offenbar war dieser Ort hier zwar Meras Herrschaftsgebiet. Doch vor irgendjemandem schien auch sie sich zu fürchten.
Ravanna formte nun unvermittelt mit Daumen und Zeigefinger vor ihren vollen Lippen einen Kreis und pustete anschließend kräftig dagegen. Ein lautes Pfeifen kam so zustande und im nächsten Augenblick erschien auch schon Bo. Er trabte langsam zwischen den dichten Tannen, Kiefern und Eichen dieser Lichtung hervor und ließ dabei völlig unaufgeregt seine Muskeln spielen. Seine ansonsten dunkelbraunen Augen leuchteten für einen kurzen Moment warnend glutrot auf, um sich dann wieder ins ursprüngliche Braun zurück zu verwandeln.
Ravanna zwinkerte ihrem Hundedämon zu und wandte sich erneut an Mera.
„Er ist heute nicht besonders gut drauf. Wie an beinahe jedem Tag. Ich hoffe, du hast genug Fleischvorräte da, um ihn zu besänftigen?“
Sie lächelte selbstsicher, auch wenn ihr angesichts der Horde an größtenteils relativ minderbemittelten und einfach gestrickten Ogern und Orks, Alben, Elfen, Gnomen, Goblins und Formwandlern ein wenig unwohl zumute war. Ohne Bo an ihrer Seite hätte sie nicht ihre Hand dafür ins Feuer gelegt, dass man sie nicht augenblicklich angegriffen hätte, auch, wenn sie immerhin einem der mächtigsten Dämonen diesseits und jenseits dieser Gefilde unterstand und somit dessen Schutz genoss. Aber diesen unmanierlichen, einzig und allein ihren niedersten Instinkten und Trieben nachgehenden Wesen hier rings um sie herum konnte man dennoch nicht vertrauen. Deshalb hatte sie ja auch Bo mitgenommen.
„Nun gut“, krächzte Mera, um einzulenken, „so will ich euch beide denn willkommen heißen in meinem Etablissement! Meras Welt der Lüste! Ich gehe natürlich davon aus, dass du auf der Suche nach etwas bist, wenn du hier einkehrst. Bei mir bekommst du all das, was das dunkle Herz begehrt! Frisches Blut, Körper jeden Geschlechts und alles, was dir sonst noch so beliebt!“
Sie entblößte grinsend ihre Raubtierzähne und machte eine einladende Handbewegung in Richtung Tribüne.
„Leider hast du gerade meinen allerneusten Fang verpasst. Denn wie du ja gesehen hast, ist das erste Bieterverfahren offiziell bereits beendet und der Käufer steht genau vor dir. Aber vielleicht findest du Gefallen an einer meiner anderen ‚Hostien‘?“
Die alte Hexe wollte voranschreiten und gab Ravanna mit einem Nicken zu verstehen, dass sie mitkommen sollte. Doch diese blieb an Ort und Stelle stehen und spähte zu jenem vernarbten Hünen und von ihm wiederum vor sich auf den Waldboden und die dort verteilten Überreste von dessen Kontrahenten.
„Ja“, sagte sie mit leicht angewiderter Stimme, „das habe ich mitbekommen. Und wie ich vorhin schon sagte, bin ich wirklich … beeindruckt von so viel Kraft und Kampfgeist“, log sie und sah zur Tribüne hoch und auf den nackten Mann mit der Eisenkette um den Hals, welcher sie mit einem entsetzten Blick anschaute.
Dann drehte sie sich dem Vernarbten zu und sagte mit fester Stimme:
„Doch ich bin ebenfalls an dem Menschen interessiert!“
Jetzt ging ein Raunen durch die Menge und Mera schüttelte vehement mit dem Kopf, während der Hüne Ravanna mit ernst gewordener Miene bedachte.
„Ich kaufe im Übrigen nicht für mich. Sondern für meinen Meister. Und ihr alle wisst, wen ich damit meine. Er wird vermutlich nicht begeistert sein, wenn ich ihm statt diesem Jüngling dort einen der abgemagerten Elfen mitbringe.“
„Der Mensch gehört mir!“, fiel der Muskelprotz Ravanna nun mit regelrecht erboster Stimme ins Wort und starrte sie dabei aus blitzenden Augen an.
„Ich habe ihn, wie es die hiesigen Regeln des Bietens verlangen, ersteigert und bin somit sein rechtmäßiger Besitzer!“
Ravanna lächelte wieder süffisant.
„Ja, aber natürlich, das ist vollkommen richtig. Ich würde auch nie gegen die geltenden Regeln verstoßen.“
Sie blickte den Hünen aus großen Augen an und tat so, als würde sie sich tatsächlich ängstigen.
„Doch ich denke, meinen Herrn und Meister wird das mal wieder wenig interessieren. Ich mache mir schon jetzt große Sorgen, dass er sich anschließend selbst um diese Angelegenheit kümmern wird. Und wie das jedes Mal ausgeht, weiß ich leider.“
Sie streckte eine Hand zu dem Hünen vor ihr aus und berührte mit ihren schlanken, langen Fingern seinen Oberarm, während sie weiter säuselte:
„Es ist nur so schade, dass es ausgerechnet einen so starken und gut gebauten Kerl wie dich erwischt. Ein echter Jammer, wenn man mich fragt!“
Dabei bedachte sie das Narbengesicht mit einem sehnsuchtsvollen, verführerischen Blick aus ihren großen, blauen Augen und fuhr sich lasziv mit einer Hand über die Kette um ihren filigranen Hals, bis hinunter zu ihren üppigen Brüsten.
Der Hüne wirkte einen Moment lang verwirrt. Doch dann legte sich seine Stirn in überlegende, wenn auch skeptische Falten. Dies fiel auch Ravanna auf und sie nutzte seine kurzzeitige Irritation, um ihre Absichten noch klarer zu machen. Sie trat sehr nah an ihn heran und flüsterte ihm ins Ohr:
„Ich könnte dir jetzt anbieten, dass du mit meinem guten Gefährten Bo um den Jüngling kämpfst. Aber ich denke, wenn ich einfach den doppelten Preis zahle, wäre das vermutlich die bessere Alternative für dich.“
Der Kerl zögerte einen Augenblick. Dann schaute er sich zu Christopher um, betrachtete ihn noch einmal eindringlich, bevor er sich wieder Ravanna zuwandte. Er bedeutete ihr, mit ihm ein paar Schritte zur Seite zu gehen, damit sie außer Hörweite von Mera und der sie noch immer beobachtenden Menge ungestört verhandeln konnten.
„Du sagst also, du willst mir das Doppelte zahlen, was ich an Mera zu zahlen habe?“
„Ja. Ganz richtig.“
„Das ist ja schön und gut. Aber ich hatte bereits meine Pläne mit dem Menschensohn. Wenn du verstehst, was ich meine. Und ich weiß nicht, ob ich diese Pläne wirklich einfach so aufgeben möchte.“
Er sah die schöne, junge Halbhexe nun mit lüstern aufleuchtendem Blick an.
„Es gibt für jemanden wie mich schlussendlich nicht oft eine solche Gelegenheit. Du konntest dich ja eben mit eigenen Augen von der übrigen, Ware überzeugen, die hier angeboten wird. Ein solches Prachtexemplar wie der da oben auf der Tribüne kommt an einem Ort wie diesem nicht oft unter den Hammer. Da sieht man auch schon mal vom Geschlecht des Angebotenen ab. Obwohl mir natürlich ein durch und durch weibliches Wesen, wie du es ohne jeglichen Zweifel bist, hundertmal lieber wäre. Doch man nimmt, was man kriegen kann.“
Seine Blicke glitten bei diesen Worten noch einmal genüsslich über Ravannas schlanke Gestalt, hingen eine ganze Weile wie hypnotisiert auf ihren üppigen Brüsten fest, bevor er ergänzte: „Aber ich kann dich durchaus auch verstehen. Du bist deinem Meister untergeben und musst tun, was er von dir erwartet und verlangt.“
Ravanna sah dem Hünen fest in die Augen. Dabei rollte sie innerlich genervt mit ebendiesen und schickte einen stummen Fluch gen Himmel. Für sie war längst klar, dass sie den großen Lüstling da vor sich bereits am Haken hatte. Jetzt kam es nur noch auf eine für sie halbwegs akzeptable Einigung zwischen ihnen an.
„Dennoch habe ich den Menschen rechtmäßig ersteigert und er gehört demnach mir.“ Er lächelte sie hämisch an.
„Aber ich bin unter gewissen Voraussetzungen durchaus an einem Geschäft mit dir interessiert, Ravanna. Ich habe immerhin schon viel von dir gehört. Von dir und deinen speziellen Künsten.“
Seine Augen wanderten erneut begierig über ihren Körper.
„Du sagst, du zahlst mir das Doppelte an Gold. Gut, abgemacht. Aber das ist mir noch nicht genug. Von dem Jüngling da hätte ich immerhin eine ganze Zeit lang etwas gehabt und das ist auch mit dem doppelten an Gold längst nicht abgegolten. Das musst du selbst doch auch zugeben. Also“, er sah sie verlangend an und lächelte über sein gesamtes vernarbtes Gesicht, „Ist es nur angebracht, dass du mir diesen Verlust irgendwie bezahlst. Und ich denke dabei ganz konkret an deine hier in dieser Gegend selbst nach all der vergangenen Zeit noch immer so hochgelobten Fähigkeiten bestimmter, körperlicher Zusammenkünfte.“
Seine Augen blitzten sie begehrlich an und Ravanna atmete innerlich auf. Sie hatte den narbengesichtigen Hünen um den Finger gewickelt. Die Angelegenheit war so gut wie besiegelt. Ihrem ihr hier noch immer vorauseilenden Ruf aus längst vergangenen Zeiten sei Dank. So sehr sie diese verlorenen Jahre ansonsten gerne aus ihrem Gedächtnis verbannt hätte – für dieses Geschäft war ihr ihr wildes und ungezügeltes Vorleben doch noch einmal zugutegekommen. Ravanna gab sich dennoch gelassen und betont geduldig vor dem Kerl. Sie tat so, als würde sie nun doch lieber noch einmal darüber nachdenken wollen. Schürzte die vollen Lippen und legte die Stirn in kleine, nachdenkliche Falten.
„Wenn ich’s mir recht überlege …“
Ihre rechte Hand glitt wie zufällig über ihren zarten Hals und sie lenkte die Aufmerksamkeit des Kerls mit dieser Geste gezielt dorthin, wo ihre Halsschlagader unter ihren schlanken Fingern vibrierte. Sie rieb immer wieder über genau diese empfindsame Stelle und sah den Hünen dabei mit laszivem Blick und halb geöffneten Lippen an.
„Wenn ich daran denke, was mein Meister wohl zu so viel Gold sagen wird, wo ich selbst doch zu meinen eigenen Zeiten gut und gerne das Dreifache verlangen konnte … für eine einzige Nacht, versteht sich.“
Sie schüttelte den Kopf, während sie sich dabei in ihre gelockten, ebenholzfarbenen Haare griff, um sie in einem Schwung gekonnt über die zarte Schulter zu werfen. „Nein, er wird alles andere als begeistert sein, wenn ich so unverhältnismäßig viel für den sterblichen Burschen da bezahlen würde! Das Gold, was du für den Jüngling an Mera löhnen musst, das kann ich dir geben. Sicher. Abgemacht. Mehr aber auch nicht. Eine zusätzliche Nacht mit mir ist einfach zu teuer für dich und mein Meister hat mir strengstens verboten, mich unter Wert zu verkaufen. Das würde nämlich meinem Ruf schaden. Und du kennst diesen Ruf ja offenbar sehr gut, also wirst du mich verstehen!“
Ravanna lauerte darauf, innerlich ein klein wenig angespannt, ob ihr Trick nun auch aufgehen würde,, blieb äußerlich jedoch völlig entspannt.
„Dabei gäbe es eine Lösung, die weder dir noch mir schaden würde. Und die ich auch meinem strengen Meister erklären könnte.“
Sie schüttelte wieder gespielt überlegend den Kopf.
„Aber das wäre ein zu großes Risiko für mich. Immerhin ist es mein Ruf, der auf dem Spiel steht, wenn ich dir eine Nacht mit mir anbieten würde. Im Tausch für den Jüngling, versteht sich. Eigentlich verlange ich immerhin mehr als dreimal so viel wie dich der Bauernjunge auf der Tribüne kostet.“
Sie senkte gespielt enttäuscht ihre Lider:
„Wie schade. Dann muss ich meinem Meister eben sagen, dass ein großer, starker, sehr gut gebauter Hüne mir den Jüngling vor der Nase weggeschnappt hat. Wenn du Glück hast, kannst du dich ein paar Tage vor Ash Phalidos und seinem unbändigen Zorn verstecken. Und so lange deine Beute genießen. Das solltest du jedenfalls. Denn finden wird er dich irgendwann!“
Ravanna drehte sich gerade herum, als der Hüne sie aufhielt.
„Warte.“
Mehr hatte die listige Hexe nicht hören wollen. Zutiefst befriedigt lauschte sie danach den vor Aufregung und Wollust bebenden Worten des Hünen, der aufgrund Ravannas Pheromone bereits völlig in ihren Bann gezogen war:
„Ich bin einverstanden mit deinem Angebot! Und ich verspreche dir, dass dein Ruf nicht beschmutzt wird. Ich werde niemandem erzählen, dass ich deine Dienste so günstig habe in Anspruch nehmen können.“
Er sah sie ein wenig angstvoll an, als fürchtete er, diesen Handel nicht mehr vollziehen zu können, und streckte ihr eilig seine Hand mit dem bereits angetrockneten Blut vom vorangegangenen Kampf mit dem Reptilienmann daran entgegen:
„Ich gebe dir hiermit mein Wort! Und verlange im Gegenzug deines, um unseren Tauschhandel auf der Stelle endgültig und unwiderruflich zu besiegeln.“
Ravanna lächelte triumphierend in sich hinein und nahm die grobe Hand des Hünen entgegen, obwohl sich ihr beim Anblick des Blutes daran die kleinen Nackenhaare aufstellten.
„Abgemacht!“
Sie sah ihm noch einmal eindringlich in die Augen.
„Eine Nacht mit mir im Tausch für den Jungen! Und dein absolutes Stillschweigen darüber!“
Der Handel war somit beschlossene Sache. Ravanna rollte zwar erneut innerlich mit den Augen, als der Hüne sie gierig begaffte und sich in seiner Vorstellung womöglich schon ausmalte, was er alles mit ihr anstellen würde. Doch das war ihr nun gleich. Immerhin hatte sie bekommen, was sie wollte. Vielleicht hätte sie einfach den doppelten Preis zahlen sollen, anstelle die eigenen Dienstleistungen anzubieten, dachte sie bei sich. Nun war der Kerl immerhin so dermaßen aufgegeilt, dass sie ihn nicht lange würde hinhalten können. Sicher, sie hatte diese Begehrlichkeiten in ihm durch ihr laszives Auftreten ja geschürt. Und eigentlich suchte sie sich ihre Liebhaber immer noch gerne selbst aus. Doch sie war nun einmal keineswegs daran interessiert gewesen, den nackten Jüngling da oben aufzugeben. Er war einfach zu perfekt und sie hatte sich in den Kopf gesetzt, ihn Ash als ihr Geschenk von diesem ansonsten völlig nutzlosen Ausflug in den Sukkura Forest und nach Innubà, mitzubringen. Sie würde wohl oder übel mit dem Verlauf der Dinge leben müssen. Ein Geschäft war ein Geschäft und sie nahm sich vor, das Beste aus der Situation zu machen.
„Du solltest Mera jetzt lieber ihr Gold zahlen. Ich habe gehört, mit ihrer Geduld soll es nicht weit her sein“, forderte Ravanna von dem Unhold, während dieser sie noch immer verlangend betrachtete, „und danach machen wir uns auf die Suche nach einem netten, ungestörten Plätzchen für die Nacht“, ergänzte der Hüne voll freudiger Erwartung.
„Sicher. Aber zuerst will ich den Menschen bei meinem Hundedämon in Sicherheit wissen.“
Der Hüne nickte nur und zahlte das Gold an die wartende Mera, welche kurz darauf einen ihrer Lakaien anwies, den nackten jungen Mann von der Tribüne zu holen.
Christopher, der nicht hatte mitanhören können, was die Halbhexe namens Ravanna und der Muskelprotz da miteinander ausgehandelt hatten, verfiel in angstvolles Zittern, als man ihn die Anhöhe herunterzerrte. Doch Ravanna kam sogleich auf ihn zu und betrachtete ihn voll Bewunderung. Allem Anschein nach war sie es also, die den „Zuschlag“ für ihn erhalten hatte. Irgendetwas in Christopher war einerseits erleichtert. Anderseits wusste er damit noch lange nicht, was dieses Schicksal nun für ihn bereithielt. War diese äußerlich so schön anzuschauende Gestalt im tiefsten Inneren ebenso abartig und grausam wie jene anderen Kreaturen dieses Ortes? Oder hatte sie ihn womöglich vor einem schrecklichen Los gerettet? Und wenn ja, warum hatte sie das getan? Was mochte der Grund dafür sein?
Als ihn jener grobe Oger unter Meras Befehl der zierlichen Ravanna übergab, konnte er sich noch nicht im Geringsten ausmalen, was ihm in der nächsten Zeit bevorstehen würde.
Pulsuz fraqment bitdi.