Kitabı oxu: «Dr Crime und die Meister der bösen Träume»
… und wenn er in das Delirium geriet, das dem Schlafe vorherzugehen pflegt, so hatte er wieder das kleine holde Wesen in seinen Armen und fühlte heiße glühende Küsse auf seinen Lippen.
E. T. A. Hoffmann, Meister Floh, 1822
„Cnypher! Cnyper!“
Rooter, Hax’n’Sex Trax, 1999
Lucas Bahl
Dr Crıme und die Meister
der bösen Träume

Edition Roter Drache
DER AUTOR

Lucas Bahl (d.i. Achim Schnurrer), geb. 1951 in Bergisch-Gladbach; seit 1979 Schriftsteller, Journalist u. Ausstellungsmacher.
1984–1998 Initiator und Mitorganisator des Internationalen Comic-Salons Erlangen. 1985–2000 Chefredakteur, später auch Herausgeber und Verleger von U-COMIX und SCHWERMETALL, Alpha Comic Verlag / Edition Kunst der Comics. Autor von zahlreichen Krimis, Science Fiction, Historische Romane und Phantastik; unter andren "Abseits!" (Thriller), "Spielzeugstadt" (Krimi), "Das Amulett der Keltenfürstin" (Historischer Roman).
Mehr Infos zum Autor auf www.luc-bahl.de
1. Auflage September 2017
Copyright © 2017 by Edition Roter Drache.
Edtion Roter Drache, Holger Kliemannel, Haufeld 1, 07407 Remda-Teichel
edition@roterdrache.org; www.roterdrache.org
Umschlaggestaltung: Milan Retzlaff, www.man-at-media.de
Buchgestaltung: Sarah Bräunlich
Lektorat: Isa Theobald
Gesamtherstellung: MCP, Polen
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2018
Alle Rechte vorbehalten.
Kein Teil dieses Buches darf in irgendeiner Form (auch auszugsweise) ohne die schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert, vervielfältigt oder verbreitet werden.
ISBN 978-3-964260-16-1
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Impressum
Prolog
Folge 1: Was bisher geschah
Folge 2: Was bisher geschah
Folge 3: Was bisher geschah
Folge 4: Was bisher geschah
Folge 5: Was bisher geschah
Folge 6: Was bisher geschah
Folge 7: Was bisher geschah
Folge 8: Was bisher geschah
Folge 9: Was bisher geschah
Folge 10: Was bisher geschah
Folge 11: Was bisher geschah
Folge 12: Was bisher geschah
Folge 13: Was bisher geschah
Folge 14: Was bisher geschah
Folge 15: Was bisher geschah
Folge 16: Was bisher geschah
Folge 17: Was bisher geschah
Folge 18: Was bisher geschah
Folge 19: Was bisher geschah
Folge 20: Was bisher geschah
Folge 21: Was bisher geschah
Folge 22: Was bisher geschah
Folge 23: Was bisher geschah
PROLOG
Die unbekannten Beobachterinnen (DUB):
In diesem Text ist alles geklaut.
Worte, Ideen, sogar die Satzzeichen.
Wer glaubt, Ansprüche geltend machen zu können, erhält die Möglichkeit, sein Eigentum gegen Zahlung eines angemessenen Lösegelds zurückzubekommen.
„Die rotglühenden Strahlen der aufgehenden Sonne berühren die Datenhalde.“
„Das ist kompletter Mist, meine Liebe.“
„Ich wollte doch nur etwas zu eurer ästhetischen Schulung beitragen.“
„Wenn du mich fragst, dann bevorzuge ich für meine Geschmacksbildung lieber noch ein Stück dieser vorzüglichen Eierlikör-Torte. Herr Ober! Kommen Sie mal her.“
FOLGE 1
WAS BISHER GESCHAH
Licht fällt auf die Datenhalde.
Ich bin Dr Crıme.
Grinsen Sie ruhig wegen des albernen Namens. Ihnen wird das Lachen schon noch im Hals stecken bleiben.
Damit ist normalerweise meine Begrüßungsformel beendet. Heute jedoch bin ich gezwungen, hinzuzufügen, dass selbst einem abgrundtief abgebrühten Charakter wie dem meinen angesichts der Geschichte, die ich Ihnen zu erzählen habe, das Lachen in der Kehle zu einem Katarakt klirrender Eiszapfen gefroren ist.
Falls Sie sich das absurde Bild meines Halsinneren tatsächlich vorstellen wollen, dann kommt dem ein Kameraschwenk durch eine arktische Gletscherhöhle ziemlich nahe. Auf das, was an verrottenden Fleischfetzen und erstarrten Blutlachen zwischen den Stalagmiten und Stalaktiten zu sehen ist, gehe ich nicht näher ein. Das zweite Buch von Rabelais verrät mehr.
Damit gestehe ich zweierlei: Erstens, ich liebe solche vertrackten literarischen Irrwege. Zweitens, dummerweise teile ich diese Leidenschaft – auch wenn es da nur eine kleine Schnittmenge gibt – mit dem verachtenswerten Leon Walter.
Was also Rabelais anbelangt, verweise ich auf das 32. Kapitel, das in Pantagruels Mund spielt.
Und da wir gerade beim Spielen sind, sei der Hinweis erlaubt, dass ich selbst in den zu schildernden Ereignissen nur eine beschämend-bescheidene Nebenrolle gebe. Der so genannte Held, dem die Hauptrolle gänzlich unverdient in den Schoß fiel, ist besagter Leon Walter. Mir gelang es, seine vollständigen Aufzeichnungen auf eine Weise an mich zu bringen, die ich vorerst nicht näher erläutern will. Und ob ich mich im weiteren Verlauf meiner Schilderung dazu entschließen werde, auf diesen Punkt ausführlicher zu sprechen zu kommen, behalte ich mir vor. In dieser Erzählung werden die Details zu meiner Arbeit nicht das einzige unmöglich zu entschlüsselnde Geheimnis bleiben. Falls Sie Lektüren gewohnt sind, die eine vollständige Aufklärung aller in ihr behandelten Fragen und Sachverhalte bietet, muss ich Sie enttäuschen. Seien Sie stark! Das Leben funktioniert ohnehin meistens ganz anders. Eine beantwortete Frage, vorausgesetzt es war eine gute Frage und eine kluge Antwort, zieht in der Regel mindestens ein halbes Dutzend neuer Fragen nach sich.
Allerdings kann ich meine kleine bescheidene Rolle in diesem Spiel nicht völlig vernachlässigen. Immerhin wirkten einige meiner Anstöße, ohne dass ich das gewollt hätte, in einer Weise auf das Geschehen, die man als richtungsentscheidend, um nicht zu sagen richtungsändernd bezeichnen könnte. Sie wissen schon: der kleine Stein und die große Lawine.
Wie mein Alias bereits andeutet, treibe ich mich in den dunklen Ecken unserer Gesellschaft herum; dort, wo die Fassade der bürgerlichen Existenz und des legalen Geschäftslebens so dünn und fadenscheinig ist, dass es einem Spezialisten wie mir problemlos gelingt, unerkannt von einer Seite auf die andere zu diffundieren, wie man diesen Prozess der Osmose so schön nennt. Schlichtere Gemüter sehen in mir einfach einen netten, älteren Herrn, der seinen Ruhestand genießt, gerne reist und – vielleicht bemerkenswert für einen Knacker meines Jahrgangs – Ahnung von Computer- und Internettechnologien hat. Zu meinem letzten Auftrag namens Leon Walter kam ich – wie ich vermutete – aus genau diesen Gründen. Im Grunde sollte es einfach nur eine etwas erweiterte Form der Überwachung sein. Ein Job, den jeder Privatdetektiv mit der entsprechenden Ausrüstung auch hätte erledigen können. Aber man wollte mich, weil ich in bestimmten Kreisen dafür bekannt bin, Aufträge auch dann erfolgreich abzuschließen, wenn die Grenzen der Legalität längst überschritten sind. Außerdem war es eines dieser berühmten Angebote, die man nicht ablehnen kann.
Bei Leon Walters Aufzeichnungen handelt es sich nicht um sein ohnehin halb oder ganz öffentliches Gesülze, das er via Twitter, Facebook oder WhatsApp abgesondert hat. Dieses unerträgliche Gelalle werde ich nur im Notfall heranziehen, wenn seine privaten Notizen Lücken aufweisen, über die dieser Mensch erstaunlicherweise neben seinen öffentlichen Posts auch verfügt. Glauben Sie mir, allein diese vertraulichen Aufzeichnungen sind Zumutung genug.
So viel vorab: Leon ist ein reichlich unbedarfter junger Mann mit – man muss es so unverblümt sagen – ständig dicken Eiern, dessen Hauptbestreben Tag für Tag in erster Linie dem Triebabbau der stets geschwollenen Testikel gewidmet ist. Dabei scheint es ihm herzlich egal zu sein, wer ihm Befriedigung verspricht. Hauptsache, er kommt zum Schuss, wie man ebenso unschön wie chauvinistisch eine derartige Fixierung auf das Sexuelle in den längst vergangenen Jahren meiner eigenen Jugend bezeichnet hat. In seinem Fall sind die abgegriffenen Phrasen er hüpft von Loch zu Loch oder er rammelt wie ein Karnickel alles, was bei drei nicht auf den Bäumen ist trotz ihrer unerträglichen Banalität die zutreffendsten Beschreibungen seines Charakters. Und nur die Tatsache, dass ihm dabei bisher lediglich Vertreter der eigenen Spezies vors Rohr kamen (Rohr! Sie sehen, die mangelnde geistige Reife dieses Menschen ist ansteckend), heißt nicht, dass er sich nicht irgendwann einmal in seiner Not auch an Schafen oder Hühnern vergreifen wird.
„How auch ever“, wie Leon in seiner profund-pubertär-infantilen Art sagen würde. Der junge Mann liebt schlichte Scherze über alles: So vertauscht er gerne mal Vor- und Nachnamen und nennt sich Walter Leon, was er – wie nicht eigens betont werden muss – ungemein witzig findet.
Ich jedenfalls, als ich unter anderem sein Smartphone gekapert hatte und dann notgedrungen den Müll an SMS, Bildchen und Videos durchforsten musste, nannte ihn seinerzeit Leon, den Unprofessionellen. Nicht zuletzt deshalb, weil ich im Datenwust auch einige Spuren nachlässig gelöschter kleinkrimineller Neigungen gefunden habe, die für den Nachwuchs meiner Zunft, will man Leons Beispiel verallgemeinern, keine besonders rosige Zukunft erahnen lässt.
Leon:
Der Job ist ideal.
Träumen! Und zwar im Dienst der Wissenschaft.
Ich werde Versuchskaninchen und verdiene mein Geld im Schlaf. Ich denke, sehr viel bessere Jobs gibt’s nicht. Selbst die Arbeitszeiten sind äußerst flexibel. Wenn ich tagsüber mal ein Nickerchen halten will, um fit für die anstehende Nacht zu sein, bin ich im Institut ebenso willkommen wie nach einem anstrengenden Ausflug auf die Piste früh um halb fünf.
Ich hatte tierisches Glück, …
Dr Crıme:
Da würde ich eher von Unglück oder, wenn schon, dann von teuflischem Glück reden, wobei das Wort Glück zur überdeutlichen Akzentuierung auch noch mit Gänsefüßchen umrahmt werden müsste.)
Leon:
… dass ich genommen wurde. Laut Mensa-Aushang suchte die Prof lediglich drei neue Schläfer für ihre Versuchsreihe.
Ich klingele also das Institut an und diese weibliche Stimme am anderen Ende – man soll sich niemals NUR auf den Klang einer Stimme verlassen, ich weiß das und falle trotzdem immer wieder darauf rein – also die betörend verführerisch klingende Stimme fragt, ob ich sofort kommen könne.
„Sofort?“ In dir?, fügte ich in Gedanken hinzu.
„Sofort.“
„Kein Problem. Ich räum‘ nur noch das Tablett weg.“
Schließlich will ich bei meinen Kommis, insbesondere den weiblichen, die auf so was Wert legen, nicht den Eindruck eines unverbesserlichen Messies hinterlassen.
Wie bereits angedeutet, war das Gesicht zur Stimme eine Enttäuschung, aber dafür stimmten die Bedingungen des Jobs. Ich hatte ja keine Ahnung, dass man als Dauer-Doktorand, noch dazu eingeschrieben an der geisteswissenschaftlichen Hungerkünstler-Fakultät der SFU, derart fürstlich entlohnt werden kann.
Zur Terminabstimmung hätten sie mich eigentlich gar nicht gebraucht, denn nach Eingabe meiner Matrikel-Nummer hatte die umwerfende Stimme zum ernüchternden Äußeren sofort sämtliche Seminare und Vorlesungen auf dem Schirm – einschließlich all jener Veranstaltungen, die ich im Verlauf meiner akademischen Karriere geschwänzt hatte. Problemlos konnte sie meine künftigen Arbeitszeiten im Institut drum herum legen. Drumrum liegen, dumm herumliegen. Das ist für einen halb gebackenen Literaturwissenschaftler wie mich erstaunlich unelegant formuliert, aber (tä tä!) es passt, wie die berühmte Faust ins blaue Äugelein oder mein kleiner Walter in die Muschi einer willigen Schnalle. Denn man muss ja von berufsbedingten Schlafphasen sprechen.
Das mit der Flexibilisierung der Arbeitszeit kam erst etwas später.
„Sie werden Traumprotokolle führen müssen“, sagte die Stimme, „aber das wird Ihnen Professor Meltendonck noch genauer erläutern. Jedenfalls gehören die Protokolle mit zur Arbeitsbeschreibung. Sehen Sie, das steht hier in Ihrem Arbeitsvertrag.“
Sie zeigte auf eine Passage Kleingedrucktes, die ich ähnlich zur Kenntnis nahm, wie das Anklicken der AGBs bei Online-Versendern.
„Muss ich mit meinem Blut unterschreiben?“, fragte ich.
Der dünnlippige blasse Mund zur umwerfenden Stimme lächelte gequält. Ich überlegte: Sollte ich je in die Verlegenheit kommen, eine Retrocompany zu gründen, die Telefonsex für Audiophile anbietet, würde ich sie abwerben.
Die Assistentin oder Sekretärin oder was auch immer ihre genaue Funktion war, wollte mir ihren Kuli reichen. Doch ich zückte schwungvoll den erst gestern geklauten schwarz-silbernen Diabolo-Griffel von Cartier und setzte meinen Leo unter den Vertrag.
Der Diebstahl des sündteuren Schreibgeräts mit dem zu solcher Unverfrorenheit passenden Namen versetzte mich immer noch in Hochstimmung. Jetzt brauchte ich das Ding so schnell nicht für zwei, drei lächerliche Hunnis weit unter Wert verticken. Neu kostet das Teil im Fachhandel immerhin stilvolle 666 Euronen …
Dr Crıme:
Statt der Traumprotokolle hat Leon Walter pünktlich zum Einstieg im Institut mit klassischen Tagebuchaufzeichnungen begonnen. Allerdings nur in den seltensten Fällen handschriftlich mit dem geklauten Edelschreibgerät namens Diabolo notiert, sondern in ein stinknormales Word-Dokument in sein Notebook getippt.
Nb.: Die Tatsache, dass Leon zu den Nutzern von Windows, kurz den Windioten zählt, sagt eigentlich schon alles …
Leon:
Ich will ja nicht mäkeln. „Glück ist selten vollkommen. Und wenn es uns vollkommen erscheint, dann hat sich meist ein dichter Schleier vor unsere Augen gelegt. Die Vernebelungstaktik endogener Drogen.
Dopamin-, Serotonin- oder Endorphin-Räusche führen zu wahrhaft paradoxen Erscheinungen. Sie fokussieren unsere Wahrnehmung passenderweise auf das, was wir sehen wollen und als gut und schön empfinden und blenden alle (unter normalen Bedingungen offensichtlichen) Mängel großzügig aus.“
Na? Wie war das?
Ich denke, mit meinem schlauen Gelaber könnte ich auch im gut verkäuflichen Glücksbuchratgeber-Segment eine erfolgreiche Karriere starten. Aber natürlich nur unter Pseudonym, selbstredend einem weiblichen. Ein Face-Double sollte nicht schwer zu finden sein. Wie wär’s mit Waltraud Leoni? Oder gibt’s die etwa schon?
Wo war ich stehen geblieben?
Ach ja, die Unvollkommenheit. Als ich tags darauf neben der stimmlich überwältigenden, aber visuell eher bescheidenen Sekretärin auch die hochberühmte Frau Professor Dr. Lucia Meltendonck höchst persönlich kennenlernte, drehte sich die ganze Angelegenheit um 180 Grad. Frau Professors Stimme war – um es freundlich auszudrücken – in ihrer kaum beherrschbar-durchdringenden Art nur eingeschränkt erträglich, während sie stattdessen für ihre reifen Jahre (ich schätze sie auf Mitte, Ende vierzig) schlicht umwerfend aussah. Die Stimme der einen im Körper der anderen und das eingangs beschworene Glück wäre perfekt!
Andererseits … und derart ehrliche Äußerungen, wie ich sie jetzt in die Tastatur hämmere, darf ich in meinen privaten Aufzeichnungen, die nicht zu meinem Arbeitsauftrag gehören, problemlos machen – es erfährt ohnehin niemand was davon, da ich nicht vorhabe, das hier zu posten (lol) … Also andererseits sagt mir meine Erfahrung, dass eine Frau mit ihrem Mund und ihren Lippen und ihrer Zunge außer Quasseln auch noch ganz andere Sachen machen kann … Oink, oink!
Dr Crıme:
Hatte ich Ihnen gegenüber schon erwähnt, dass unser Held ein unerträglicher Klugscheißer im Gewand eines Sprüche-Plattklopfers ist? Spätestens jetzt haben Sie es schwarz auf weiß. Und nicht nur das. Seine oberflächliche Einstellung gegenüber Frauen ist, angesichts der Tatsache, dass es sich bei Leon Walter um einen Endzwanziger handelt, skandalös vorgestrig. Ich gebe ja gerne zu, dass ich selbst keineswegs vor gewissen Chauvinismen gefeit bin. Political correctness geht mir am Arsch vorbei.
Aber ich behandle alle gleich – und zwar gleich schlecht.
Wenn es unumgänglich ist, stanze ich einer Frau ebenso ein Loch in den Schädel wie einem Mann. Bei solchen Fragen zählen nur die Umstände und nicht das Geschlecht.
Und um durch Leons Aufzeichnungen keinen falschen Eindruck entstehen zu lassen: Ich habe Frau Professor Meltendonck, nachdem meine Zusammenarbeit mit dem Meister begann, ebenfalls kennengelernt und kann Ihnen versichern, ihre Stimme ist keineswegs so schrill und schrecklich, wie dieser Trottel meint. – Gut, sie kann laut werden, auch über längere Zeit, ohne einen Anflug von Heiserkeit, aber das ist im Rahmen ihres Lehrauftrags wohl eher von Vorteil. Ansonsten stimmt Leons Beschreibung, sie ist keinesfalls unattraktiv, im Gegenteil. Was jedoch das Gelaber wegen ihres angeblich „reifen Alters“ anbelangt – sie ist gerade fünfzig geworden –, so muss man das als jugendlichen Stuss abhaken. Das Bürschchen sieht sich selbst altersmäßig noch eher in der erweiterten Kindergartengruppe denn als Mitglied der Welt der sogenannten Erwachsenen.
Sein Job im Institut für angewandte Traumforschung an der renommierten SFU unserer hübschen mittelfränkischen Stadt sollte sich letztlich als bedeutend, um nicht zu sagen als Glücksfall herausstellen, wenn auch nicht unbedingt für ihn.
Damit Sie sich ein Bild von ihm machen können, das über die bereits gründlich entlarvenden Statements hinausgeht, die er ohne Not von sich preisgegeben hat, werde ich der Einfachheit halber einen Vergleich bemühen: Er ist groß – ich schätze mal einiges über einsneunzig – und er sieht aus wie die jugendliche Version des Schauspielers Rowan Atkinson, sattsam bekannt als Mr. Bean. Wenngleich ihm jedoch die schauspielerischen Fähigkeiten dieses Mimen völlig abgehen. Entgleisen Leon die Gesichtszüge, ist das selten komisch, sondern im Gegenteil fast immer tragisch. Selbstbeherrschung ist für Menschen wie ihn ein Fremdwort und so verrät er einem halbwegs erfahrenen Gegenüber, ohne ein Wort sagen zu müssen, alles, was der von ihm wissen will.
Ähnlich wie Atkinson scheint er eine Leidenschaft für unvernünftig schnelle und schicke Autos zu haben, ohne sich diese freilich leisten zu können. So gut wurde sein Job dann doch nicht bezahlt.
Leon:
Morgen Nachmittag geht’s los. Dann wird die Kohle im Schlaf verdient.
Um das zu feiern, geht es heute Nacht noch mal auf die Piste. Meine bisher so unnahbare Mondgöttin Eva – also Eva aus der Mondstraße in Fürth – hat mir erlaubt, sie in die Margarinefabrik zu begleiten. Dafür habe ich mich extra in meine schwarze True Religion Designer-Jeans im Rocco-Leather-Look gezwängt, die ich Anfang des Jahres in dieser Erlanger Nobel-Boutique geklaut habe.
Wir tanzen nun schon seit Stunden inmitten tausender Partywütiger zu Techno und House aus den 90ern. Wahrscheinlich gibt es einen Grund dafür. Vielleicht feiern Scooter Goldene Hochzeit. Mir läuft der Schweiß in Strömen herab und meine Socken sind derart feuchtigkeitsdurchtränkt, dass jeder Step ein quietschend-matschiges Geräusch verursacht. Zum Glück sind die Beats derart knallend, dass selbst ich das nur vermuten, aber nicht wirklich hören kann.
Auch Eva glänzt, aber bei ihr sieht das einfach nur derart geil aus, dass mich allein der Gedanke, diesen Schweißfilm abzulecken, zu Höchstleistungen anspornt. Mädels mögen gute Tänzer, denn sie hoffen ja, dass man sich beim Laken-Zweikampf genauso geschickt bewegt. Die vielen bunten Smarties, die wir eingeworfen haben, tun das ihre, um uns quietschlebendig zu halten.
Vorhin – das muss schon eine Weilchen her sein – als mal eine halbe Minute lang nur die Bass-Drum aus den Boxen knallte, schrie sie in mein Ohr: „Wenn du mein Prinz bist und wacker durchhältst, gibt es später noch Dessert!“ Dabei zog sie das ohnehin tief ausgeschnittene, klatschnasse Shirt ein Stück nach vorne und ließ mich die runde weiße Pracht ihrer Äpfelchen bewundern. Genau in diesem Moment setzte wieder die volle Dröhnung ein und seitdem bekomme ich den bescheuerten Refrain nicht mehr aus dem Kopf: „Bass-Drum, Bass-Drum, los, gib uns den Takt an! Bass-Drum, Bass-Drum, los, gib uns den Takt an!“
Später werde ich wohl in einem unbeobachteten Moment auch noch eine von den blauen „Davon kriegst du garantiert einen Hammerharten, Mann, das versprech‘ ich dir“-Drops einschmeißen. Nicht, dass ich die Dinger wirklich nötig hätte, aber nach all dem Speed und Ecstasy werd‘ ich kein Risiko eingehen. Schließlich erwartet meine Mondgöttin ein Rundum-Glücklich-Paket und ich habe einen Ruf zu verlieren.
Mittlerweile grölt dieser nervige Kerl zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit in meinem Ohr: „Bass-Drum, Bass-Drum, los, gib uns den Takt an!“
Es klingt, als sitze der Schwachmat direkt vor dem Trommelfell, schreit seinen Text und schlägt mit seinem Knüppel – naja, worauf wohl …
Dann zieht mich die Mondgöttin quer durch das Gewimmelmeer zuckender, sich verrenkender, von Stroboskopblitzen zerhackter Körper, bis wir schließlich hinter der DJ-Bühne vor dieser wuchtigen Stahltür stehen. Ich erkenne sie sofort wieder. Heute Abend, als wir von der U-Bahn-Station in ihrer Nähe aufbrachen, sind wir unten am eklig gefliesten Bahnsteig schon mal an einer vorbeigekommen, die genauso aussah. Eine riesige Neun prangte dort auf dem Stahl.
Number nine, number nine.
Verdammt, woher kenne ich das?
Richtig, auf dieser kleinen Plastikkarte, die wir am Eingang der Margarinefabrik in die Hand gedrückt bekamen, prangte auch eine große Neun und sonst nix. Ich spür‘ das Ding in meiner Hosentasche. Es ist doppelt so dick wie ’ne normale Kreditkarte und genauso lang, nur schmäler. Und ansonsten auf beiden Seiten schwarz wie die Nacht.
„Für eure Freigetränke“, hatte der Kerl beim Einlass gesagt.
Hier also schon wieder die Neun und wie in der U-Bahn auf einem Stahltor. Muss das Motto der Nacht sein. Ich zieh‘ die Karte aus der Hosentasche, aber meine stroboskopgeschädigten Glotzer können die Neun auf der Plaste nicht erkennen. Da ist nur tiefste Schwärze zwischen meinen Fingern. Ich steck das Ding wieder ein, denn in diesem Augenblick öffnet Eva die Tür und wir schlüpfen hindurch …
Was erwartet Eva und Leon hinter Tür Nr. 9?
Wird die nächste Folge diese Frage beantworten?
FOLGE 2
WAS BISHER GESCHAH
Eva und Leon stehen in der Nürnberger Margarinefabrik hinter
dem DJ-Pult vor einer Stahltür, auf die eine Neun gemalt ist.
Kurzerhand öffnet Eva die Tür und sie schlüpfen hindurch …
Die Musik macht augenblicklich anderen Geräuschen Platz. Tierlaute, Wasserrauschen, Blätterrascheln. Wir stehen mitten im ecuadorianischen Regenwald. Eine Affenhorde tobt über unsere Köpfe hinweg und stößt schrille Schreie aus. Bunte Papageien hocken auf Ästen und legen ihre Köpfe schräg, um die Eindringlinge anzuglotzen. Uns. Und nach wie vor plärrt die Stimme in meinem Kopf: „Bass-Drum, Bass-Drum, los, gib uns den Takt an!“
„Hier lang!“, dirigiert Eva und ich versinke knietief im Matsch am Ufer eines etwa zwei Meter breiten Baches, der flach genug zu sein scheint, dass man ihn durchwaten kann, wenn man sich nur nicht so blöd anstellt wie ich.
„Vorsicht!“ Sie reißt mich am anderen Ufer zur Seite. Ich verrenke meinen Hals und starre direkt in Kaas sich spiralförmig drehende Pupillen.
Soll ich mir Sorgen machen, weil wir in Mittelamerika einer Cartoonschlange begegnen? Soll ich mir Sorgen machen, weil wir auf einmal Tausende von Kilometern von unserem Ausgangspunkt entfernt sind? NEIN! Zugegeben: So was passiert auch mir nicht alle Tage, aber wenn, dann bin ich jemand der zupackt und keine Fragen stellt.
Währenddessen singt der mittlerweile zu einem gewaltigen Männerchor angewachsene Gesangsverein in meinem Ohr: „Bass-Drum, Bass-Drum, los, gib uns den Takt an!“
„Dort ist es“, sagt Eva und kriecht unter einer massiven, mit seltsamen Zeichen verzierten Steinplatte in eine dreieckige Öffnung, die in der Höhe knapp einen Meter misst. Links ist der obere Teil einer Säule zu sehen, von der diese Steinplatte abgestützt wird. Irgendwann einmal muss es weiter rechts ein Gegenstück dazu gegeben haben, das einst den Torsturz in der Waagerechten hielt. Doch diese Säule ist verschwunden, irgendwann umgestürzt, ihre Trümmer wurden überwuchert und vom Dschungel verschlungen. Der von ihr bis zu ihrer Zerstörung getragene steinerne Torsturz hat sich deshalb schräg in den schlammigen Dschungelboden gebohrt. Die noch sichtbaren Reste dieses Eingangs sind dermaßen wuchtig, dass er, wie ich mir vorstelle, seinerzeit groß genug gewesen sein muss, um einem Saurier hindurch zu lassen, falls es damals noch Dinos gab.
Ich folge Eva durch die dreieckige Öffnung und gelange ins Innere einer Tempelanlage.
Als ich zurückblicke, sehe ich, wie es draußen schlagartig dunkel wird. „Erstaunlich, wie schnell in den Tropen die Nacht hereinbricht“, sagt sie und greift nach meiner Hand. „Komm!“
Woher sie auf einmal die Fackel hat, weiß ich nicht mehr. Es gibt aber ohnehin nur einen Weg. Vorwärts. Die Wände des Gangs, der rasch so groß wird, dass wir nicht mehr zu kriechen brauchen, sind über und über mit Bildern und Bilderschriften verziert.
„Mayas“, kommentiert Eva knapp und unterbricht damit für eine wohltuende Sekunde: „Bass-Drum, Bass-Drum, los, gib uns den Takt an!“
Wir kommen in einen kreisrunden Raum, dessen Decke mit der ausgestreckten Hand nicht mehr zu erreichen ist. In der Mitte der Decke haben die Erbauer der Anlage eine ebenfalls runde Öffnung mit einem Durchmesser von etwa zwei Metern gelassen, durch die die Sterne des nächtlichen Himmels blinken. Unterhalb des Deckenfensters zur Nacht steht ein schlichter Steinkubus von vielleicht einem Meter Kantenlänge.
„Ein Altar“, sage ich, um Eva zuvorzukommen. Sie nickt und hebt den Deckel von der Schale, die in der Mitte auf dem Kubus steht. Im Sternenlicht sehen wir kleine blaue Perlen schimmern, mit denen die Schale bis fast zum Rand gefüllt ist. Ich erkenne, dass sich der Altar nicht exakt im Zentrum unterhalb der kreisförmigen Öffnung in der Kuppel befindet. Diesen Platz nimmt eine flache, kaum einen Fußbreit aus dem Boden ragende, an allen Ecken und Kanten abgerundete Lagerstätte ein, quadratisch und in der Fläche doppelt so groß wie der Altar.
„Irgendwie sieht das Ding aus wie ein Futon“, sage ich, während ich darauf Platz nehme. Die flache Erhebung lädt – obwohl aus Stein – zum Lümmeln ein.
Eva hockt sich mir gegenüber. Sie öffnet mit den Fingern zart meine Lippen und legt eine der Perlen auf meine Zungenspitze. Dann streckt sie mir ihre Zunge entgegen, auf der ebenfalls so ein rundes Ding ruht. Wie mechanisch und ohne dass ich von diesem eigentlich höchst prickelnden Vorgang das Geringste mitbekommen hätte, haben wir uns in einem Affentempo ausgezogen und sind jetzt splitterfasernackt. Ich spüre, dass meine Göttin nicht viel Zeit mit Vorspielen vertrödeln will. Nachträglich finde ich es ungemein schade, dass ich mich partout nicht mehr daran erinnern kann, wie ich Eva die Kleider vom Leib gerissen habe, aber manche Schlüsselmomente versacken im Nebel des Vergessens.
Jetzt dringe ich jedenfalls genau in dem Moment in sie ein, in dem sie mir ihre Zunge samt Perle in den Mund stößt. Wir schlucken beide die kleinen runden Kapseln und unsere Körper bewegen sich im Rhythmus unserer Lust.
Keinen Wimpernschlag später heben wir ab. Wir lassen die Atmosphäre unseres blauen Planeten hinter uns. Wir rasen in einem aberwitzigen Tempo an Mond, Mars und Asteroidengürtel vorbei.
„Bei Jupiter“, stöhne ich, „die Ringe des Saturn!“ und schon taumeln Neptun und der einsam-traurig-degradierte Pluto von uns fort. Die Sonne ist jetzt so winzig, dass ich Mühe habe, sie zu erkennen. Sirius kommt und geht. Wir sehen brennende Schiffe an der Schulter des Orion. Und schließlich wächst uns nach dem Pferdekopfnebel der spektakulärste Ort der ganzen Galaxis entgegen, wird immer größer, immer farbenprächtiger, immer atemberaubender.
Ich kann unmöglich erklären, wie zwei durch die Milchstraße rasende, im Liebestaumel ineinander verschlungene, nackte Körper atmen und zudem nicht augenblicklich zu schockgefrosteten Materieklumpen erstarren können. Muss aber auch gestehen, dass mir dieser Gedanke erst nachträglich in den Sinn kommt. Während unserer überlichtschnellen Schussfahrt durchs Universum sind wir voll und ganz und ausschließlich mit zwei Dingen beschäftigt: bumsen und staunen.
„Lor Els Auge“, flüstert Eva in mein Ohr. „Der jährliche Austragungsort der galaktischen Meisterschaft der besten Space-Surfer von hier bis Andromeda.“
Wir nähern uns der zentralen Raumstation, um die herum, an der vorbei und von der ausgehend die einzelnen Disziplinen ausgetragen werden.
Jetzt ficken wir nicht mehr.
Stattdessen ist der aus der Schwärze geborene Raum vor dieser grandiosen Kulisse mit aggressiven Hiphop-Beats erfüllt und der Männerchor von Wanne-Eickel rapt:
„Bass-Drum, Bass-Drum, los, gib uns den Takt an! Bass-Drum, Bass-Drum, los, gib uns den Takt an!“
Die Station wird langsam größer und dreht sich aus unserer Perspektive zur Seite weg, sodass wir ungehindert auf das größte Naturwunder der Milchstraße glotzen können. Die farbigen Gasnebel erstrahlen in gelben, roten und leuchtend-blauen Farbtönen und sehen wie ein riesiges, Lichtjahre durchmessendes, weit aufgerissenes Auge aus, das gottgleich alles im Kosmos überblickt und unter Beobachtung hält. Selbst die kleinste Kleinigkeit, etwa das Verwehen mikroskopisch kleinsten Blütenstaubs auf einer Wiese am Ufer der Regnitz entgeht diesem allumfassenden Blick nicht.
„Die NSA ist sicher neidisch auf Lor Els Auge“, sage ich und verfalle angesichts der überwältigen Pracht dieses Gebildes in ein andächtig gedämpftes Flüstern. Mir wird, kaum habe ich diese Banalität von mir gegeben, trotz meines gedämpften Tonfalls übel, da ich fürchte, mit meinen Worten den Zauber jäh zu zerstören, der zwischen Eva und mir entstanden ist und der von der gewaltigen Pracht, die das Universum vor uns entfaltet, auf so unbeschreibliche Weise gespiegelt wird.
Gibt es Größeres als Sex in der freien Natur? Ja!
Sex im All und zwar dort, wo der Kosmos am schönsten ist!
„Das schwarze Loch in seinem Zentrum soll das stärkste in der ganzen Galaxis sein“, erwidert Eva in normaler, unbeeindruckt klingender Lautstärke. Ich bin enttäuscht und erleichtert zugleich. Mein mir selbst so unpassend erschienener Kommentar löst zwar keine Abwehr bei ihr aus. Andererseits hat sich auch in ihr eine eher nüchterne Stimmung breit gemacht. „Es erzeugt die besten Gravitationswellen, die man sich als Space-Surfer wünschen kann“, fügt sie hinzu, bevor sie meine Aufmerksamkeit auf ein im wahrsten Sinne des Wortes buntes Treiben an der Station lenkt.
Dort tobt eine Horde mit Spraydosen bewaffneter Äffchen, die allesamt in niedlichen, kleinen, quietschbunten Raumanzügen stecken. Die Köpfchen blicken flink durch die durchsichtigen, kugelförmigen Raumhelme hin und her. Sie hinterlassen auf der tristen grauen Außenwand der Raumstation eine immer größer werdende Spur bunter Tags und riesiger Bilder. Und während wir näher schweben, um die Kunstwerke noch genauer betrachten zu können, singt der Affenchor:
„Bass-Drum, Bass-Drum, los, gib uns den Takt an! Bass-Drum, Bass-Drum, los, gib uns den Takt an!“
„Das muss aufhören!“, denke ich und beschließe, mich wieder auf jene Gemeinsamkeit zwischen Eva und mir zu konzentrieren, die uns hierher gebracht hat. Ich greife nach ihren Brüsten und spüre die apfelgroßen Kugeln in meinen Handflächen, fühle ihre harten Nippel, dringe wieder in sie ein und ein und ein und … gemeinsam kommen wir in einem gewaltigen kosmischen Urknall, zuckend und erschauernd, aller Sinne beraubt.
Beinahe aller Sinne beraubt. Denn aus den Augenwinkeln sehe ich noch das Ur-Grafitti an der Außenwand der Station:
Kilroy was here!
Ich lache und erwachte.
In meinem Bett.
Schlafblind tastete ich neben mir über Kissen und Decke. Niemand da.
Bitte sehr, wer sollte da auch sein?
Bettdecke, Laken, mein Schlafanzug – alles pappte und schien klebrige Fäden zu ziehen. Und während ich schlaftrunken grunzte, „Bass-Drum, Bass-Drum, los, gib uns den Takt an!“ wurde mir bewusst, dass dies der farbigste all meiner feuchten Träume gewesen war. Und der ergiebigste. Ich musste mindestens einen halben Liter meines Safts von mir geschleudert haben.
Aber was ist mit Eva?
Falsche Frage.
Wer zum Teufel ist Eva?
Es sollte wohl besser heißen: Wer um Himmels willen ist Eva?
Ob es darauf in der nächsten Folge eine Antwort gibt?
FOLGE 3
WAS BISHER GESCHAH
Leon fragt sich, wer um alles in der Welt
diese Mondgöttin namens Eva ist …
Ihr Gesicht kam mir vage bekannt vor. Natürlich kenne ich die Mondstraße in Fürth, aber ich kenne niemanden, der dort wohnt, erst recht keine Eva.
Dann fiel mir etwas ein. Eine Ähnlichkeit.
Ihr Gesicht, so dämmerte mir, war eine Version von Frau Professor Dr. Lucia Meltendonck. Hatte ich ihre Titten in meiner Hand gespürt? War es ihr Hintern gewesen, den ich umklammert hatte?
Für ein Traumprotokoll mögen diese Aufzeichnungen ja nicht schlecht sein. Aber falls Frau Professor heute Nachmittag von mir verlangt, meinen letzten Traum aufzuschreiben, werde ich mir wohl was anderes ausdenken müssen. Sonst bin ich den Job schneller los, als ich ihn bekommen habe …
Dr Crıme:
Dieser schamlose Schlagmichtot liebt also auch maßlose Übertreibungen. Dass sich junge testosterongesteuerte männliche Primaten notorisch selbst überschätzen – geschenkt, davon lebt die prosperierende Autotuning-Branche neben vielen anderen, die männliche Eitelkeit streichelnden Geschäftsbereichen. Kann sich noch jemand an die Fuchsschwänze erinnern, die an Auto-Antennen baumelten?
Aber haben Sie schon mal von einem drogeninduzierten Weltraum-Sextrip gehört?
Vielleicht bin ich doch allmählich zu alt für solche Jobs. Jedenfalls hat mir die unappetitliche Schilderung gründlich die ohnehin gewohnt miese Laune verdorben, sodass ich schon befürchten muss, meine von mir sorgsam gepflegte schlechte Stimmung würde sich zusätzlich in einer Weise verfinstern, die dazu angetan wäre, mir tatsächlich den Tag zu verderben.
So jemandem wie Leon will man ja nicht mal in Gedanken die Hand schütteln.
Bevor ich auf meine erste Begegnung mit dem Meister zu sprechen komme, ist es an der Zeit, etwas klarzustellen.
Natürlich ist Dr Crıme – wohlgemerkt ohne Punkte – nicht der Name, der in meiner Geburtsurkunde stand. Punkte mitten im Namen sind wie Einschusslöcher – sollte man also vermeiden! Man gibt sich solche Namen nicht selbst, sondern bekommt sie verliehen. Es handelt sich mithin um eine Auszeichnung, die in meinem Fall auch damit zu tun hat, dass ich vor Jahrzehnten in einer meiner parallelen Existenzen erfolgreich eine Dissertation verteidigt habe. Nicht etwa in naheliegenden Fächern wie Jura oder Kriminologie, sondern – wie eingangs schon angedeutet – in Literaturwissenschaften. Ich bin nicht so dumm und werde hier den Titel verraten, sondern nur das grobe Thema anreißen: Mimesis und Heteroglossie.
Wissenschaftliche Arbeiten zu diesen literaturwissenschaftlichen Themenkomplexen gibt es einige Hunderttausend. Und selbst wenn ich verrate, dass ich mich in meiner Arbeit auf Erich Auerbach, Michail Michailowitsch Bachtin und William Empson bezog, wird ihre Zahl kaum kleiner. Ich erwähne das nicht, weil ich mir auf den akademischen Titel etwas einbilde, sondern weil dieser Umstand unserer Geschichte insofern eine besondere Wendung verleiht, als auch das Objekt meiner Observation ein angehender Literaturwissenschaftler ist. Allerdings keiner, mit dem ich mich unter normalen Umständen fachlich ausgetauscht hätte.
Meine erste persönliche Begegnung mit dem Meister hatte wenige Wochen zuvor stattgefunden.
Nicht, dass wir uns nicht längst kannten. Das bleibt kaum aus in einem Geschäft, das schon lange, bevor alle Welt vom globalen Dorf zu faseln begann, rund um den Erdball aufs Engste vernetzt war. Wir hatten zwangsläufig bereits in den frühen 1970er-Jahren voneinander Kenntnis genommen. Bei erfolgreich im weiten Feld internationaler, krimineller Machenschaften agierenden Akteuren lässt es sich kaum verhindern, dass in der Branche über sie gesprochen wird. Auch wenn dieser Klatsch und diese Gerüchte selten die Kreise derjenigen verlassen, die genau wissen, wem sie was erzählen dürfen und vor allem wem nicht. Nur selten erreichen diese in Umlauf befindlichen Geschichten die Gegenseite – also Polizei und Justiz. Und noch viel seltener bieten sie handfeste Anhaltspunkte, mit denen jemand wirklich festgenagelt werden könnte. Doch auch hier gibt es Ausnahmen und zwar dann, wenn sich eine Seite übervorteilt fühlt.
Unvergessen ist in diesem Zusammenhang der angebliche Coup der britischen Justiz gegen Tommy Adams, der seinerzeit in der Presse als bedeutender Schlag gegen das organisierte Verbrechen bejubelt wurde und der den bösen Buben für ein paar Jahre hinter Gitter brachte. Dabei wollten die übrigen Adams-Brüder ihrem unbotmäßigen Tommy nur einen Denkzettel verpassen, damit er sich künftig an die innerfamiliären Abmachungen hält. (Das stand selbstredend nicht in der Zeitung.)
Derartige Vorkommnisse sind dem Meister und mir nie widerfahren. Abgesehen von der unleugbar schlichten Tatsache, dass dies für den potenziellen Flötenspieler das letzte Konzert gewesen wäre.
Zum Glück ist die Welt des Verbrechens groß genug. Der Meister und ich sind uns nie ins Gehege gekommen. Das ist gut so. Denn bei zwei ausgewiesen durchsetzungsstarken Charakteren kann sich eine derartige Konfrontation rasch zu einem höchst unproduktiven Kräftemessen auswachsen und Situationen provozieren, die letztlich und unweigerlich zur Schwächung beider Seiten führen, wenn nicht ohnehin eine der involvierten Parteien ein unschönes Ende findet. Wobei noch anzumerken ist, dass selbst in diesem Fall der Überlebende keineswegs der Sieger ist.
Glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich rede.
Schließlich war auch ich einmal jung, leistungsstark und mit aller Macht darauf erpicht, meinen Ruf auszubauen, zu festigen und an meiner eigenen Legende zu stricken. Ich denke da an jene unschöne Begebenheit mit Roberto 1974 auf Lanzarote.
Der Auftrag damals war ebenso simpel wie lukrativ.
Die gelangweilte Gattin – nennen wir sie Mrs. X – eines erfolgreichen Industriellen der britischen Energiebranche – ein gewisser Mr. X – wünschte sich nichts sehnlicher als das baldige Ableben ihres Mannes.
Sie besaß eigenes Vermögen und war bereit, ein stattliches Sümmchen zu investieren, um ihr Anliegen zu realisieren.
Im Verlauf ihrer Ehe waren viele Gründe zusammengekommen, von denen jeder einzelne ihrer Ansicht nach ausgereicht hätte, dem ungeliebten Gatten ein vorzeitiges Ende zu bereiten. Da gab es beispielsweise seine zahlreichen Affären mit kostspieligen Geliebten, die das gemeinsame Vermögen in einer Weise belasteten, die Mrs. X schlicht unerträglich fand.
„Über irgendwelche billigen Nutten aus Soho hätte ich hinweg gesehen“, sagte sie mir, als wir uns zu einem ersten Gespräch trafen, „aber diese Luxus-
kann ich nicht tolerieren.“ Ich muss wohl, als ich ihr Schimpfwort hörte, eine Augenbraue hochgezogen haben, denn sie fuhr fort: „Entschuldigen Sie meine verbale Entgleisung, aber diese gierigen Schlampen habe keine bessere Bezeichnung verdient, jedenfalls nicht, wenn er sie mit meinem Geld stopft!“
Doch auch sie hatte sich längst anderweitig umgesehen. Sie hatte sich auf Lanzarote mit einem jungen, feurigen Conejero eingelassen, Sohn einer alteingesessenen Familie von Vulkanweinbauern, die weniger wegen des Weinhandels als vielmehr dank küstennahen Landbesitzes im Verlauf der touristischen Entwicklung der Insel zu einem gewissen Wohlstand gekommen war.
Außerdem hätte sich Mrs. X gerne dauerhaft auf Lanzarote niedergelassen und damit getan, was so viele ihrer Freundinnen bereits vor ihr getan hatten. Doch Mr. X weigerte sich, seine Frau allein in ihrem gemeinsamen Ferienhaus in Puerto del Carmen zurückzulassen, während er der Geschäfte wegen den größten Teil des Jahres auf anderen Inseln verbringen musste, die ohne Frage auch über landschaftliche Reize verfügen, wenngleich sie klimatisch weniger bevorzugt sind. Gemeint sind natürlich die britischen Inseln.
Wie bei solchen Geschäften üblich, gab es die Hälfte des vereinbarten Honorars im Voraus, die zweite Hälfte sollte nach erfolgreicher Erledigung des Auftrags ausgezahlt werden.
Während Mrs. X zur vereinbarten Zeit in Teguise, der früheren Hauptstadt Lanzarotes, die im Inselinnern liegt, zusammen mit ihrer besten Freundin eine kleine Töpferei besuchen sollte, um dort ihrer Leidenschaft, dem Erwerb bunt bemalter Teller und Krüge zu frönen und sich somit ein wasserdichtes Alibi zu verschaffen, erschoss ich Mr. X und als leider unvermeidlichen Kollateralschaden – heute sagt man Beifang dazu – zwei seiner Freunde in einem kleinen Fischrestaurant am Jachthafen von Puerto del Carmen.
Zur Tarnung trug ich eine Langhaarperücke, eine rot umrandete Sonnenbrille mit handtellergroßen Gläsern, einen breitkrempigen Strohhut sowie einen kessen Minirock. Selbstverständlich hatte ich nicht nur mein Gesicht, sondern auch meine Beine sorgfältig rasiert. Der Push-up-BH unter der Bluse war mit Abstand das unbequemste Kleidungsstück, das ich je getragen hatte. Kajal brauchte ich wegen der dunklen Sonnengläser nicht, aber ein farblich sorgfältig auf Hutband und Brillengestell abgestimmter Lippenstift verwandelte meinen Mund zum zentralen Punkt in einem pure Sinnlichkeit ausstrahlenden Gesicht. Ich gab mir jedenfalls alle Mühe, wie eine echte Frau und nicht wie eine abgewrackte Transe zu wirken. Das kann sich, wer mich heute kennt, kaum jemand vorstellen. Doch damals war mein Körper noch wesentlich anpassungsfähiger.
Außerdem waren die siebziger Jahre eine Zeit, in der in aller Öffentlichkeit mordende Frauen zum Alltag gehörten.
Wann immer es mir möglich war, habe ich meinen Opfern zur Erbauung ein paar schöne Zeilen mit auf ihren letzten Weg gegeben. Mr. X flüsterte ich, nachdem ich ihm und seinen Begleitern ins Herz geschossen hatte, zwei Verse des unglücklichen Theodor Däubler ins Ohr, darauf bedacht, dass nur er meine Stimme hören konnte:
„Und diese wird die Schranken brechen,
Sie reißt die Klammern jäh entzwei,
Wenn Flammen den Granit durchstechen,
Durchdonnert ihn ein Lebensschrei!
Ein Glutstrom stürzt nach der Verwundung
Der Rippen aus dem finsteren Ball,
Denn unterwühlt ward seine Rundung
Durch seinen inneren Flammenschwall!“
Wie viel Mr. X von meinem Vortrag noch mitbekommen hat, weiß ich nicht. Ich habe die Beobachtung gemacht, dass während eines Mordes oftmals die Zeit für einige Augenblicke stehenbleibt. Dieses zeitlupenartige Sich-wie-durch-Sirup-Bewegen ereignete sich auch damals und gab mir so die Gelegenheit, mein Sprüchlein aufzusagen und unbehelligt wieder aus dem Lokal zu verschwinden.
Nachdem ich mich wenig später wieder in einen gepflegten jungen Mann mit kurzen Haaren und Schnauzbart zurückverwandelt hatte, hörte ich im Autoradio meines Mietwagens die Meldung, das fast auf die Minute zur gleichen Zeit in Teguise eine Mrs. X, die sich mit einem jungen Einheimischen in einer billigen Pension eingemietet hatte, nackt und stranguliert auf dem Bett liegend aufgefunden worden war. Den Conejero fand man bleich, ausgeblutet und ebenso tot wie seine Geliebte im ansonsten leeren Kleiderschrank. Es hieß, dass es noch unklar sei, ob er letztlich am Blutverlust gestorben oder an seinen bis tief in die Luftröhre gestopften Geschlechtsteilen erstickt war.
Mrs. X hatte sich also nicht an unsere Absprache gehalten. Warum sie derart leichtsinnig gewesen war, darüber konnte sie mir jetzt nichts mehr erzählen und ich nur spekulieren.
Soweit, so unschön.
Dennoch möchte ich aus heutiger Sicht dazu anmerken: Sie und auch ihr Liebhaber könnten noch am Leben sein, hätte sie sich – wie verabredet – mit ihrer Freundin getroffen. Der Killer, den offensichtlich ihr Mann umgekehrt auf seine untreue Gattin angesetzt hatte, hätte Mrs. X möglicherweise nicht in einem Töpferladen umgebracht. Schließlich erledigt nicht jeder Auftragsmörder seine Arbeit gerne vor mehr oder weniger großem Publikum. Ich vermute zudem, dass er die Frau zusammen mit ihrem Stecher umbringen sollte, wozu er in der Pension ja auch die passende Gelegenheit gefunden hatte. Deshalb ist es durchaus wahrscheinlich, dass der Mörder, sobald er vom plötzlichen Versiegen seiner Geldquelle, sprich dem gewaltsamen Ableben seines Auftraggebers, erfahren hätte, auf die Durchführung der Tat verzichtet hätte. Warum noch arbeiten und trotz präziser Planung die immer vorhandenen unkalkulierbaren Risiken eingehen, wenn der Auftraggeber die vereinbarte zweite Hälfte des Honorars nicht mehr zahlen und die bereits geleistete Anzahlung nicht mehr zurückverlangen kann?
Ich merke, dass ich inkonsequent bin und jetzt doch angefangen habe zu spekulieren. Dank des Leichtsinns von Mrs. X kam alles anders.
Abgesehen davon, dass ich diese Art Arbeit schon seit vielen Jahren nur noch in seltenen Ausnahmefällen eigenhändig erledige, würde ich – geschähe mir so etwas heute – zähneknirschend die zweite Hälfte des Honorars abschreiben. Nicht nur das. Ich würde versuchen, mit dem Kollegen Kontakt aufzunehmen. Er hat schließlich den gleichen Verlust erlitten wie ich. Ich würde mich verhalten, wie es selbständige Handwerker auf einer Baustelle tun, die eines Morgens erfahren, dass ihr Auftraggeber Pleite gegangen ist:
fluchen und zusammen einen trinken gehen.
Doch damals war ich jünger, dümmer, gieriger und noch längst nicht in der Komfortzone meiner reiferen Jahre angelangt. Das heißt, ich war nicht nur angepisst.
Ich war stinksauer.
Eine unbestimmte Zeit verbrachte ich in meinem Mietwagen bei heruntergekurbeltem Seitenfenster mit Atemübungen, um nicht um mich ballernd die halbe Inselbevölkerung zu liquidieren, was ja zutiefst unproduktiv gewesen wäre und nur noch weiteren Ärger provoziert hätte.
Als ich wieder einigermaßen klar denken konnte, versuchte ich herauszufinden, wer jetzt mit der zweiten Hälfte des eigentlich mir zustehenden Honorars herumlief.
Ich war schon damals recht technikaffin. Deshalb hatte ich das Autoradio des Mietwagens mit ein paar Handgriffen um zusätzliche Frequenzen erweitert. Ein Eingriff, der sich genau so leicht wieder rückgängig machen ließ. Zudem ist mein Spanisch ganz passabel. Es war also kein Problem, den lebhaften Funkverkehr der Guardia Civil abzuhören. Hier erfuhr ich, dass der eiligst von Gran Canaria eingeflogene Comandante seinen ihm zugeordneten Subteniente nach kurzer Lageschilderung mit einem einzigen Wort seine Theorie des Tathergangs erläuterte: „Anarchisten!“
„Terroristen?“, so der Subteniente. In der in Frageform gekleideten Antwort des Unteroffiziers war in komprimierter Form die komplette Kulturgeschichte militärischer, respektive quasimilitärischer Verhältnisse zwischen Befehlshabern und den ihnen untergeordneten Rängen enthalten.
Befehl ist Befehl.
Was der Chef sagt, ist heiliger als alle heiligen Schriften zusammen, selbst dann, wenn er nicht in der Lage ist, Zucker und Salz am Geschmack zu unterscheiden.
Trotzdem konnte der Comandante das rektal verabreichte Zäpfchen des Subteniente natürlich nicht unkommentiert lassen, sondern erwiderte: „Anarchisten, Terroristen. Ist das nicht dasselbe?“
„Jawoll – Comandante.“
Für den Bruchteil einer Sekunde war ich irritiert.
Der Unteroffizier sagte „jawoll“ – auf Deutsch – nicht „si!“ oder „comprende“. Den Hauch eines Augenblicks lang dachte ich, sie wüssten, dass ich ihren Funkverkehr abhörte, aber dann wurde mir klar, dass der Subteniente ein noch nicht außer Dienst gestellter Veteran des Bürgerkriegs sein musste, in dem sich Generalissimo Franco von den Deutschen bekanntermaßen nicht nur hatte beraten lassen.
Die an ein Eifersuchtsdrama gemahnenden Hinweise seien eine perverse, aber leicht zu durchschauende Tarnung der „republikanischen Schweine“, erläuterte der Vorgesetzte gönnerhaft. Das würde letztlich auch die Spurenlage beweisen.
Ich überlegte kurz, ein Bekennerschreiben einer antiimperialistischen Befreiungsfront für die Autonomie der Kanarischen Inseln zu verfassen, wusste aber nicht, ob es die nicht möglicherweise sogar gab. Da meine Niedertracht nicht so weit ging, zu den ohnehin entstandenen Kollateralschäden ohne Not im Nachgang noch weitere hinzuzufügen, verwarf ich diesen Gedanken wieder. Wer gegen die Diktatur Francos opponierte, hatte es auch ohne böse Scherze schon schwer genug.
Dann folgte im Funkverkehr der beiden Guardia Civil-Offiziere der entscheidende Hinweis: Der Killer von Teguise hatte seine beiden Opfer mit dem reichlich geflossenen Blut des jungen Weinbauern signiert.
Mit einem großen roten R.
Eine elektrisierende Botschaft.
R wie Roberto.
Ein R war das für ihn typische Zeichen, was natürlich nur Insider wussten. Für die Ermittler würde es wahlweise rebelión, revolución, resistencia oder rata (Ratte) bedeuten.
Zwar musste Roberto inzwischen ebenfalls von der unglücklichen Parallelität der Ereignisse erfahren haben, doch er wusste mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht, nach wem er umgekehrt suchen musste.
Ich dagegen schon.
Roberto war trotz seiner jungen Jahre bereits eine Legende. Jeder Regisseur hätte ihm sofort Probeaufnahmen angeboten, um zu sehen, ob er neben seinem strahlenden, alle für sich einnehmenden Aussehen auch noch ein Minimum an schauspielerischen Fähigkeiten vorzuweisen hätte. Und vielen wäre selbst das egal gewesen. Eine Rolle hätte er selbst dann bekommen, wenn seine Stimme wie die von Donald Duck geklungen hätte. („Dann wird der Bursche halt synchronisiert.“)
Es ist für einen Killer immer schlecht, wenn jeder sein Gesicht nach einem flüchtigen Blick wieder erkennt und vor allem Frauen – ohnehin oft die aufmerksameren Beobachter – sich dieses Antlitz ganz unwillkürlich tief eingeprägt hätten. Aber Roberto war Profi genug und hatte sicherlich alles Notwendige unternommen, um ungesehen in die Pension hinein- und wieder herauszukommen. Er würde sogar dafür gesorgt haben, dass ihn noch nicht einmal ein zufälliger Zeuge in Teguise oder auch nur im Inselinneren gesehen hatte. Als exzellenter, zuverlässiger und vor allem kaltblütiger Auftragsmörder war er ohnehin nur in jenen Kreisen bekannt, in denen die von ihm angebotene Dienstleistung nachgefragt wurde. Wie alle in der Branche wusste auch er, sollte er erst einmal in der Kartei irgendeiner x-beliebigen Polizeibehörde auftauchen und sei es lediglich als zweitklassiger Ladendieb, er wäre seinen Job los – zumindest die lukrativen Aufträge.
Aber er war wie die meisten von der Natur mit einem umwerfenden Aussehen bevorteilten Menschen extrem eitel. Es musste sehr schwer für ihn sein, wenn man das Plus einer blendenden Erscheinung so gut wie nie ausspielen darf. Wie schon betont, für Killer gilt: Unauffälligkeit ist Trumpf. Je langweiliger und nichtssagender einer wirkt, desto leichter tut er sich mit dieser Arbeit. Filme, die uns brillante Auftragsmörder vom Schlage eines Alain Delon zeigen, gehen deshalb so gut wie immer meilenweit an der Wirklichkeit vorbei.
Um diesen Widerspruch irgendwie auszugleichen, hatte es sich Roberto, der sich mit Delon die Merkmale dunkler Haare und blau-grauer Augen teilte, angewöhnt, seine Taten wie Kunstwerke anzusehen und sie, wie es die meisten Künstler tun, zu signieren.
Vermutlich hatte er Lanzarote längst verlassen.
Für mich wäre das nur im äußersten Notfall infrage gekommen. Es ist nicht nur eine Sache der Ehre, sondern der simplen Vernunft geschuldet, tunlichst lange und möglichst unauffällig in der Nähe zu bleiben. Natürlich nicht dort, wo es von Ermittlern wimmelt, sondern dort, wo man sich, etwa als Urlauber, schon zuvor aufgehalten hat. Nirgendwo sonst erfährt ein Profi mehr über den Stand der Ermittlungen als unter vielen tausend Touristen, deren Erholungsalltag auf einmal durch ein höchst aufregendes Ereignis zusätzliche Farbe bekommen hat. Touristen wie auch Einheimische, jeder dieser Menschen ist ein potenzieller Spion. Selbstverständlich muss man die Spreu vom Weizen trennen, aber es ist nun mal so, nach einer solchen Tat wird darüber geklatscht, was die mitunter magere Faktenlage auch hergeben mag. Da hat eine von der Freundin eines anderen, die jemanden bei der Polizei kennt, was gehört und so können sich mitunter in einem wüsten Meer von falschen Einschätzungen, Theorien und Gerüchten kleine Info-Perlen verbergen, die sich als extrem nützlich erweisen können.
Dennoch lag die Chance, Roberto noch auf Lanzarote anzutreffen, höchstens bei fünfzig Prozent. Andererseits hatte ich während der restlichen Zeit meines gebuchten Aufenthalts nichts anderes zu tun, als nach ihm zu suchen. Ich ging einfach mal von der Annahme aus, Roberto würde ähnlich überlegt handeln wie ich und zuerst dafür sorgen, das so plötzlich halbierte Honorar in Sicherheit zu bringen, an einen Ort, wo es zugleich sicher und zu gegebener Zeit leicht wiederzufinden war, also keine Gefahr bestand, dass jemand anderes zufällig darüber stolpern würde. Viel Bargeld im Handgepäck ist ein Risiko, das niemand in solchen Situationen gerne eingeht.
Plätze, um derartige Schätze zu verstecken, gibt es auf Lanzarote zur Genüge. Der beste aber war damals jene weitläufige Felslandschaft am Fuß der Montañas del Fuego. Heute gehört diese Gegend zum Timanfaya-Nationalpark, eines der beeindruckendsten Vulkangebiete der Welt.
Durch die mit zahllosen, zum Teil haushohen schwarzen Lava-brocken übersäte, viele Quadratkilometer große Ebene führen nur eine Handvoll kaum begeh- und noch viel weniger befahrbare Pfade, die sich schnell im Labyrinth der gewaltigen Felsen verlieren. Knirschendes, spitzes und messerscharfes Gestein unter den Sohlen macht jeden Schritt zum Abenteuer.
Eine Welt schwarz in schwarz.
Ganz nach meinem Geschmack.
Neben der Frage, ob das wirklich eine gute Gegend ist, um Geld zu verstecken, bleibt sehr viel Wichtigeres offen: Ist Roberto noch auf der Insel? Wird die nächste Folge wenigstens darauf eine Antwort bereithalten?
FOLGE 4
WAS BISHER GESCHAH
Dr Crıme sucht ein Versteck für sein Geld,
während Leons Auftauchen auf dieser Welt und in
dieser Geschichte noch in ferner Zukunft liegt …
Eine Welt schwarz in schwarz.
Ganz nach meinem Geschmack.
Reizvoll und heikel zugleich waren die Kamine und Schlote, die unvermittelt vor einem im Boden auftauchten, so als wären sie gerade eben noch nicht da gewesen. Sie klafften natürlich schon seit langem dort, waren aber wegen der ringsum vorherrschenden Schwärze manchmal erst zu sehen, wenn man direkt vor ihnen stand. Ich spreche hier nicht von dunklen Neumondnächten, in denen ein Ausflug in dieses Gebiet nur für Selbstmörder reizvoll gewesen wäre, sondern von jenem hellen, sonnendurchfluteten Tag, als ich vor der Erledigung meines Auftrags dieses Gelände zum ersten Mal erkundet hatte. Schließlich war ich auf Lanzarote vor allem Tourist. Ein ehrgeiziger Tourist, der die Stätte seiner Erholung besser kennenlernen wollte als mancher Einheimische.
Jedenfalls waren diese heimtückischen Löcher senkrecht in unergründliche Tiefen reichende Schächte von ein bis zwei Metern Durchmesser, durch die einst kochendes Magma an die Oberfläche gepumpt worden war. Und die den Eindruck erweckten, genau dies in jedem Moment wieder tun zu können.
Heute kommt man als Urlauber nicht mehr so leicht in dieses lebensfeindliche und nicht ganz ungefährliche Areal. Damals aber kümmerte es niemanden, wenn sich turistas necios, idiotische Urlauber, in der vulkanischen Trümmerwüste verirrten. Es trauten sich ohnehin nur die wenigsten dort hinein. Zu abweisend und unzugänglich ist dieses Gebiet, das schon von außen vor allem eines verspricht: Das monotone Grauen einer schwarzen Wüste, die dem Lebensmüden nach wenigen Schritten lediglich dann verrät, aus welcher Richtung er gekommen ist und wohin er zurück muss, wenn er sich den Stand der Sonne gemerkt hat.
Doch nicht einmal die schien an diesem Tag, als ich hierhin zurückkam, um ein Depot zu eröffnen.
Ein-, zweimal im Jahr erfährt Lanzarote ein Wetterphänomen, durch das das übliche, regenarme, mild-sonnige, von beständigen Brisen durchwehte Atlantikklima von einem Vorgeschmack auf die Hölle abgelöst wird. Normalerweise wird es selbst im Hochsommer kaum wärmer als 27 Grad, während im Winter die Temperaturen um 17 Grad Celsius betragen. Heute jedoch hatte der Calima für eine Hitzewelle von 40 Grad und mehr gesorgt und zudem einen rot-braunen Vorhang über die Welt gezogen. Ich konnte kaum hundert Meter weit sehen. Die Sahara-Staub-Aerosole schluckten nicht nur die Sicht, sondern auch die Geräusche. Kurz – es herrschten die idealen Bedingungen, um im vulkanischen Labyrinth jenes Geld zu verstecken, das als Teilzahlung für meinen Mord an Mr. X geflossen war.
Direkt neben der Straße, wo ich meinen Wagen am Rand zwischen zwei wuchtigen tonnenschweren Felsbrocken geparkt hatte, die mir als Wegmarken dienten, begann ein kurzer Stichweg, der etwa hundert Meter mitten in das Gelände hineinführte und dann abrupt inmitten der Ödnis vor einer gewaltigen, drei bis vier Meter hohen vulkanischen Trümmerwand endete. Schon vorher waren schmale, kaum als Wege zu bezeichnende Pfade rechts und links abgegangen. Ich wählte einen von ihnen und merkte mir genau, wo ich den Hauptweg verlassen hatte. Auch an klaren hellen Tagen wäre ich nun vor fremden Blicken geschützt. Ich schob die Tasche mit dem Geld in einen Felsspalt und wuchtete einen scharfkantigen, knapp einen halben Meter hohen Felsbrocken davor, an dem ich mir die Handflächen aufschnitt. Die Arbeitshandschuhe, die ich mir extra für solche Aufgaben besorgt hatte, lagen im Wagen. Ich entschuldigte meine Vergesslichkeit mit Hitze und Staub. Damit zufällige Blicke eines hier Vorbeikommenden, so unwahrscheinlich das auch war, nichts anderes als tiefschwarzes Geröll wahrnehmen würden, deckte ich das Versteck auch von oben sorgfältig ab. Ich starrte darauf und prägte mir die unmittelbare Umgebung gründlich ein.
Es hat etwas zutiefst Meditatives, das Besondere im Einerlei aufzuspüren. Jene Merkmale zu fassen zu bekommen, die mir später verraten würden, wo ich mein Geld verborgen hatte. Dazu braucht man kein fotografisches Gedächtnis, sondern nur die Liebe zum Detail.
Statt direkt zum Auto zurückzukehren, was bei dieser Hitze und dem feinen Staub in der Luft ohne Frage das Vernünftigste gewesen wäre, bog ich vom Hauptweg in andere Pfade ein. Der Grund dafür lag in einer Art touristischer Neugierde. Ich war von dieser überwältigenden Umgebung in einer Weise fasziniert, die nur mit der Faszination eines Raumfahrers vergleichbar ist, der auf dem Mond oder künftig einmal auf der unwirtlichen Oberfläche eines fremden Planeten der solch abweisenden Orten innewohnenden Monotonie verfällt, ohne klar benennen zu können, worin genau das Momentum besteht, das ihn an diese Landschaft fesselt. Mit kalter Objektivität betrachtet, mag es kaum etwas Langweiligeres geben. Doch es scheint mir gerade diese Langeweile zu sein, die das Zwingende ausstrahlt, das all die Liebhaber dieser schroffen, abweisenden Schönheiten veranlasst, sich an sie zu verlieren. Vielleicht war es die Gleichförmigkeit, die letztlich die meisten Wüsten auszeichnet. Hier herrschte eine extreme, lebensabstoßende Einfachheit, hier war die Existenz auf nichts anderes als eben da zu sein reduziert. Hier verfolgte außer mir, dem Eindringling, nichts und niemand einen Sinn und Zweck außer der Abwehr der völligen Leere, die aber – das meinte ich deutlich zu spüren – nur einen Hauch weit entfernt war.
Wahrscheinlich kommen all jene von uns, die die eigentümliche Dissonanz bei sich zulassen, die aus einerseits Eintönigkeit und andererseits Anspannung angesichts unterschwellig lauernder Gefahr besteht, niemals sonst mitten im Leben dem Tod so nah wie in einer solchen Umgebung.
Es ist ein Vorgeschmack auf das Endgültige, das im Widerspruch zu den flatterhaften Launen des Lebens steht, wobei wir die verletzliche Energie des Lebens in diesen Augenblicken besonders intensiv spüren.
Nirgendwo sonst verschmilzt die kleine Welt, in der sich unser Dasein abspult, so sehr mit der endlosen Wüstenei des Universums wie dort, wo die Grenzen zwischen Himmel und Hier ununterscheidbar werden. Sei es, dass der Horizont in der Weite verschwindet, sei es, dass der gewohnte atmosphärische Kokon sich auflöst und uns in eine Wolke aus Sand, Staub und Hitze stößt, während die wenigen Meter, die wir sehen können, nichts als die pure Abstraktion jener Farbe liefert, die sich alle anderen Farben einverleibt hat, nicht willens, sie je wieder frei zu geben.
Von C. G. Jung stammt die Theorie der Synchronizität. 1974 hatte ich diesen Begriff zwar schon irgendwo einmal aufgeschnappt, aber ich hatte keine Ahnung, was damit gemeint sein könnte. Doch selbst, wenn ich es gewusst hätte, wäre ich wahrscheinlich kaum auf die Idee gekommen, meine eigene Situation unter dem Licht dieser Idee zu betrachten.
So kam es, dass Roberto zwar ähnlich dachte wie ich und er die Umsetzung seiner Überlegungen zur selben Zeit verfolgte wie ich, aber dennoch leicht im Nachteil war, weil mich – C. G. Jung hin oder her – mein Instinkt warnte und deshalb zwang, unbewusst mit dem Unwahrscheinlichen zu rechnen.
Dieser kleine Vorteil: Ich sah ihn, bevor er mich erblickte und fast hätte ich ihn erschießen können, bevor er seine Waffe überhaupt zu fassen bekam. Doch meine Hush Puppy, die bereits bei Mr. X und seinen Freunden zum Einsatz gekommen war, gab nur ein trockenes Klicken von sich. Ladehemmung. Wahrscheinlich wegen des Sandstaubs, den Calima gerade so großzügig über Lanzarote verteilte und der Luft und Lungen gleichermaßen verstopfte. Seit diesem verfluchten Tag zweifle ich an der Zuverlässigkeit dieser Pistole und habe sie auch nie wieder benutzt. Fatal war, dass sie davor noch kein einziges Mal versagt hatte. Von anderen Nutzern wird sie bis heute über den grünen Klee gelobt. Aber selbst ein Mercedes bleibt mal liegen.
So hatte ich zwar irgendwie in den unbewussten Tiefen meines Gehirns befürchtet, dass wir uns hier begegnen würden, nachdem wir bereits zuvor nahezu zeitgleich unsere mörderischen Aufträge erledigt hatten, aber dass meine Waffe in diesem Moment versagen würde, damit rechnete ich nicht.
Inzwischen hielt Roberto eine Colt Python in der Hand. Er hatte sie aus seiner Tragetasche, in der auch sein Geld verstaut war, hervor genestelt, bevor ich imstande gewesen wäre, noch einmal durchzuladen. Kein Wunder, dass er eine so schwere Waffe nicht am Körper trug, die, um bei den Autovergleichen zu bleiben, der Rolls Royce unter den Revolvern ist. Robertos Eitelkeit zeigte sich auch in solchen Details.
„Weg mit dem Ding!“, sagte er und deutete mit einer kleinen Bewegung auf die Smith & Wesson, die ich daraufhin langsam auf den Boden legte.
„Sehr praktisch, dass wir uns hier und jetzt begegnen“, nuschelte er. Seine schmalen Lippen verzogen sich zu einem schiefen Grinsen. „Es hieß doch, dass eine scharfe Braut meinen Auftraggeber umgelegt hat?“
Ich sah ihm an, dass er kurz überlegte, ob ich alleine war. Doch bevor ich mir etwas ausdenken konnte, um diesen Moment der Unsicherheit zu meinen Gunsten auszunutzen, zuckte er mit den Schultern.
„Du warst es. Schade. Bliebe uns mehr Zeit füreinander, hätte ich dich gerne in diesem Fummel gesehen. Aber wahrscheinlich hast du das Zeug ohnehin längst beseitigt.“ Womit er Recht hatte.
„Ein Wunder, dass es dir überhaupt gelungen ist, mit diesem Spielzeug deinen Auftrag zu erledigen.“ Damit meinte er die Mk22, die nun außerhalb meiner Reichweite auf dem vulkanischen Geröll lag.
„Ich wette, es war die kleine Schlampe, die dich engagiert hat.“
Ich nickte.
Was würde es jetzt noch bringen, das Offensichtliche zu leugnen? Und tatsächlich kam Roberto ohne Umschweife zur Sache.
„Du wirst mir sagen, wo du dein Geld hast. Und danach“, er machte eine kunstvolle Pause, „lasse ich dich vielleicht laufen.“ Wir wussten beide, dass das eine Lüge war. Eine lausige Lüge.
„Wenn du dann überhaupt noch laufen kannst“, fügte er hinzu. Seine Augen blitzten vor Vergnügen. Er freute sich über seine geistreiche Bemerkung. Überhaupt schien ihm so einiges Spaß zu machen: die Situation an sich und die Freude an der Arbeit, die auf ihn wartete.
Ich wusste, er würde mich nach allen Regeln der Kunst foltern, um zu erfahren, wo ich mein Geld versteckt hatte.
Selbst ausgewiesene Masochisten halten Schmerzen, die einem ein Profi zufügt, nur schwer aus. Doch ich bin kein Masochist, bin es nie gewesen. Wenn der Profi darüber hinaus das Opfer mit Enthusiasmus und Begeisterung quält, wird die Tortur um ein Vielfaches unerträglicher, weil dann nämlich auch noch Fantasie und Einfallsreichtum ins Spiel kommen.
„Leg dich hin! Auf den Bauch!“
Ich tat, was er befahl und drehte mein Gesicht auf dem scharfkantigen Gestein nach rechts. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie er mit seinem Knie meinen rechten Arm auf den Boden presste. Das andere Knie bohrte sich in meine Lendenwirbelknochen. Ich stöhnte.
„Hab‘ gesehen, du bist Linkshänder …“
Ich spürte, wie er meinen linken Arm packte und ebenfalls mit aller Kraft auf den Boden drückte. Als plötzlich ein wahrhaft unerträglicher Schmerz in meinem Handgelenk explodierte, hatte ich zwar damit gerechnet, dass er irgendetwas mit dieser Hand vorhatte, aber was er tat, konnte ich nicht sehen. Trotz seiner Worte geschah das ohne jede Vorwarnung. Denn ich hatte mir bis zu diesem Moment nicht vorstellen können, dass es möglich war, an einer einzelnen Stelle des menschlichen Körpers, die zudem als nicht gerade übermäßig empfindlich gilt, einen derart qualvollen Schmerz auszulösen.
Ich schrie.
Natürlich schrie ich. Was tut der Mensch sonst, wenn er detonationsartig von Schmerzen überflutet wird? Außer er verliert das Bewusstsein. Doch dieses Glück hatte ich nicht. Roberto stopfte mir ebenso lässig wie schnell einen öligen Lederlappen zwischen meine weit aufgerissenen Kiefer.
Noch hatte ich keine Ahnung, was er meiner Hand tatsächlich angetan hatte, denn seit er mich mit den Knien auf dem schwarzen Vulkanschotter fixierte, war ich nicht einmal mehr in der Lage, meinen Kopf zur anderen Seite zu drehen. Doch der Schmerz zeigte mir in aller Deutlichkeit, dass ich wohl auf absehbare Zeit meine linke Hand kaum noch würde benutzen können.
Das war auch Roberto klar, denn er ließ meinen Arm los und wandte sich nach rechts. Sein Knie, das sich nach wie vor in meine Wirbelsäule bohrte, fühlte sich an, als wolle er mit ihm ganz langsam mein Rückgrat zermalmen. Doch das war wohl nur ein Nebeneffekt. Er beugte sich so weit zu mir herunter, dass ich seine Haare an meiner Wange spürte.
„Sicher ist sicher“, flüsterte er in mein Ohr und stopfte den Lappen, den ich in meinem Schmerz wieder herausgeschrien und gespien hatte, zurück in meinen Mund. Ich sollte rasch begreifen, was er damit meinte.
Aus den Augenwinkeln bemerkte ich, dass er mit der anderen Hand meine Hush Puppy vorne am Schalldämpfer gepackt hielt. Ich hatte nicht mitbekommen, dass er sie überhaupt aufgehoben hatte. Wahrscheinlich kniete er da schon auf mir. Jetzt packte er meinen rechten Arm und nahezu gleichzeitig schlug er mit der Waffe auch auf das rechte Handgelenk. Der gleiche explosionsartige Schmerz durchzuckte mich und hätte ich nicht mitbekommen, dass er von den zertrümmerten Knochen meines Handgelenks ausging, ich hätte ihn nicht mehr lokalisieren können. In Schüben schoss dieser unerträgliche Schmerz durch meinen Körper, als hätte mir Roberto Elektroden mit Hochspannung angelegt.
Man sollte weder Pistolen noch Revolver als Hammer zweckentfremden, auch wenn einem billige Western oft etwas anderes vormachten.. Ich würde nach so einer Aktion keine Garantie mehr für einen Lauf übernehmen, noch dazu wenn ein Schalldämpfer aufgeschraubt war. Klar, Feuerwaffen müssen äußerst robust sein. Trotzdem kann die Präzision eines Instruments nach einem derartigen Schlag leiden. Selbst die Präzision eines Instruments, das konstruiert wurde, um höchste Belastungen auszuhalten. Doch es ist ein Unterschied, ob die Belastung im Abfeuern einer 9 mm Parabellum-Patrone mit einer Austrittsgeschwindigkeit von rund 270 Metern pro Sekunde besteht, mithin sich die Kraft entfaltet, für die die Konstruktion vorgesehen ist, oder ob die Belastung durch einen seitlich geführten Schlag verursacht wurde, der sich nicht nur auf meine ossa carpi, sondern auch auf die Verbindung zwischen Lauf und Schalldämpfer auswirkte.
Durch einen roten Schleier, der eindeutig nicht auf den Calima zurückging, sah ich jedoch zu meinem schmerzbetäubtem Erstaunen, dass sich die Waffe, wenn überhaupt, dann nur im nicht sichtbaren Bereich verbogen hatte. Es klingt absurd, aber mir flatterte trotz meiner Wut über das Versagen der Hush Puppy so etwas wie ein Funken Bewunderung für die Wertarbeit der amerikanischen Waffenschmiede durch den Kopf, wodurch vor allem eins deutlich wird: Mein Verstand hatte im Taumel aus Schmerz und Angst aufgehört, zuverlässig zu arbeiten.
Tatsächlich blieb mir kaum Zeit, um Atem zu holen. Roberto sprang hoch und zog mich ebenfalls mit einem gewaltigen Ruck auf die Beine. Längst hatte er sich die Python lässig wie ein Freibeuter vorne zwischen Gürtel und Bauch gesteckt. Er hatte sein erstes Ziel erreicht. Jetzt konnte ich mit meinen Händen nicht mehr viel anstellen. Weder ihm den Colt aus dem Bund ziehen noch in der Nase bohren. Nun sah ich auch, dass die Schnittwunden in meinen Handflächen, die sich gerade erst oberflächlich geschlossen hatten, wieder aufgerissen waren. Und zwar weiter und tiefer als zuvor. Das Blut tropfte mit einer Stetigkeit zu Boden wie Leitungswasser aus einem schlecht zugedrehten Hahn.
Roberto dirigierte mich zu einer glatten, leicht schräg stehenden, etwa drei, vier Meter in die Höhe ragende Felswand und lehnte mich mit dem Rücken dagegen. Er konnte mich jetzt wie eine Marionette führen. Mein Kopf, oder wo auch immer mein Wille gesteckt haben mochte, war leer.
Und so registrierte ich zwar, dass er damit begann, mir das Hemd aufzuknöpfen, aber ich ließ diese Handlung ohne den geringsten Versuch der Gegenwehr über mich ergehen. Obwohl ich zumindest etwas hätte sagen können, da ich, als er mich hochzog, den Lappen ausspucken konnte und er nichts unternommen hatte, um mich erneut zu knebeln. Er zog mir das Hemd aus der Hose. Mit einer Sanftheit, die der Situation mit all ihrer Gewalt völlig unangemessen war, strich er mir über den nackten Bauch und öffnete den Gürtel meiner Jeans. Mit einem Ruck riss er sie herunter, bis sie zwischen meinen Kniekehlen hing.
Was wird das?, dachte ich, will er dich als Teil seiner Folter vergewaltigen? Waren es die Schmerzen oder diese Vorstellung oder beides zusammen? Jedenfalls lief mir trotz der Brutofenhitze ein eiskalter Schauer den Rücken hinab. Andererseits war ich auf eine perverse Art froh, dass sich überhaupt ein Gedanke in meinen Hirnwindungen hatte formen können.
„Ich werde mit einigen gezielten Schlägen in deinen Bauch beginnen, bevor ich mir deine Kronjuwelen vornehme.“
Ich spürte seine Hand wie einen zarten Hauch über meine Unterhose gleiten. Die herabgelassene Jeans fesselte meine Beine, das Hemd geöffnet, im Rücken eine schräg aufragende schwarze Felsplatte, die von den unerträglichen Temperaturen so aufgeheizt war, dass man auf ihr ein Steak hätte anbraten können. – Innen noch blutig. – Genauso fühlte ich mich. Obwohl Roberto mit zwei Schlägen lediglich meine Hände zertrümmert hatte, kam es mir so vor, als seien meine Arme von den Schultern abwärts gelähmt und nicht nur die Arme, auch die Beine und der ganze kümmerliche Rest meiner Existenz.
In so einer Lage hatte ich mich noch nicht befunden. Ich konnte auf keinerlei auch nur ansatzweise ähnliche Erfahrungen zurückgreifen und so gewannen nackte Angst und Panik die Oberhand. Der Schweiß, der mir über Gesicht und Körper rann, ließ sich nur zum Teil auf die Hitze zurückführen.
Derart paralysiert, war ich zu keiner Bewegung mehr fähig. Robertos Erfahrung zeigte ihm deutlich, in welch hilflosem Zustand ich mich befand. Es war unnötig, mich zu fesseln. Das hatte mein Gehirn im Gleichklang mit meinen zerstörten Händen bereits selbst besorgt.
Wie in Zeitlupe beobachtete ich, dass er erneut mit meiner Smith & Wesson als Schlagwaffe ausholte. Ihren Griff, der in meine Gedärme donnerte, nahm ich wahr, als hätte ich mich in diesem Moment in zwei Personen aufgespalten, die, jede auf ihre Weise, die Details meiner Qual beobachteten.
Das, was explosionsartig mit meinem Bauch geschah, lässt sich kaum beschreiben. Es war das Gefühl, als hätte jemand einen Feuerwehrschlauch mit einem einzigen kurzen Ruck am Ventil voll aufgedreht, wobei die mit brutaler Gewalt hervorschießenden Wassermassen direkt ins Innere meines Körpers drangen. Allerdings dürfte das, was meinen Bauch so plötzlich aufzublähen schien, eher eine Mischung aus Scheiße und Blut gewesen sein.
Zeitgleich schien ich mich außerhalb meines Körpers zu befinden. Ich beobachtete von einer Position aus, als stünde ich mir selbst gegenüber, wie der in meine Bauchdecke gehämmerte Pistolengriff in die Muskulatur einschlug und tief in ihr versank. Die Haut schlug kreisförmige Wellen, so wie ein Stein, der in einen Teich geworfen wird, die Wasseroberfläche in Bewegung versetzt.
Roberto drehte sich etwas zur Seite, um besser ausholen zu können. Dann schlug er erneut zu.
Diesmal zielte er eine Etage tiefer.
Trotz der allseitigen Lähmung, die mich all dies bisher ohne die geringste Gegenwehr erdulden ließ, reckte ich in hilfloser Abwehr meine blutüberströmten Hände nach vorne. Gleichzeitig krümmte ich mich zusammen, um den furchtbarsten Teil der Folter abzuwehren.
Doch die zum Schmiedehammer degradierte Hush Puppy durchbrach meine Deckung.
Wie kann Dr Crıme diese Qualen überleben?
FOLGE 5
WAS BISHER GESCHAH
Dr Crıme sieht einem qualvollen Tod ins Auge.
Die zum Schmiedehammer degradierte Hush Puppy durchbrach meine Deckung.
In diesem Moment löste sich der Schuss.
Mit einem trockenen Plopp traf die 9 mm Kugel Robertos Bauch und trat – ein unschönes, fast faustgroßes Loch hinterlassend – am Rücken wieder aus. Wie in Zeitlupe schleuderte er die Smith & Wesson von sich, aber es war längst zu spät.
Befand sich trotz der Ladehemmung eine Patrone in der Kammer? Hatte sich der Sicherungshebel dank meiner Abwehr gelöst?
Ich wusste es nicht.
In diesem Augenblick gehörten diese Fragen zu den Dingen, die mich am wenigsten interessierten. Und wenn ich ehrlich bin, dann ist mein gegenwärtiges Interesse daran bestenfalls akademischer Natur. Seinerzeit war ich einfach froh, dass meine Pistole irgendwann doch noch funktioniert hatte – wenn auch viel zu spät. Trotzdem bewies sie ihre im wahrsten Sinn des Wortes umwerfende Wirkung. Man spricht in solchen Zusammenhängen gerne von der mannstoppenden Durchschlagskraft einer Waffe. Meiner Ansicht nach deutet dieser Begriff noch nicht einmal die halbe Wahrheit an.
Ich kann mich zudem nicht mehr daran erinnern, wie es mir, kaum dass Roberto zu Boden gegangen war und langsam verblutete, mit meinen kaputten Händen gelungen war, ihm den Colt Python aus dem Hosenbund zu ziehen.
Jetzt war er paralysiert und schaute unter leise flatternden Lidern zu mir auf, während ich den Revolver mit den beiden pochenden, blutigen Fleischklumpen, die einmal meine Hände gewesen waren, umklammert hielt. Ich saß auf dem harten Vulkangestein und er lag vor mir und röchelte leise. Das durch den roten Staub gedämpfte Geräusch des Windes, mein unwillkürliches Gewimmer, das ich unmöglich abzustellen vermochte, und sein mit leisem Blubbern unterlegtes Geröchel waren die einzigen Geräusche, die in dem von rotbraunen Schlieren umwaberten Platz inmitten des schwarzen Labyrinths zu hören waren.
Wir starrten uns an.
Jedenfalls habe ich es so in Erinnerung, dass auch er mich während der letzten Minuten seines Lebens mit seinem Blick zu fixieren versuchte, während ich ihm, ebenfalls mehr tot als lebendig, beim Sterben zusah.
Leise sagte ich auf Deutsch:
„Wie süß ist es, zu träumen nach den Leiden
Den Traum, in Licht und Erde zu zerfallen,
Nichts mehr zu sein, von allem abzuscheiden,
Und wie ein Hauch der Nacht hinab zu wallen …“
„Was erzählst du da?“, keuchte Roberto.
„Georg Heym“, sagte ich.
„Was bedeutet das?“
So gut ist mein Spanisch nicht, dennoch ich tat mein Bestes und übersetzte die Verse.
„Du bist ein Dichter“, flüsterte er.
„Nicht ich“, sagte ich, „das ist …“, doch da war er bereits tot.
„Ein Falter kommt die Schlucht herab. Er ruht
Auf Blumen. Und er senkt sich müd
Der Wunde zu, dem großen Kelch von Blut,
Der wie die Sammetrose dunkel glüht.“
Ich sah zwar weit und breit keine einzige Blume, aber ich wollte keinesfalls den Schluss des Gedichtes ungesagt lassen, auch wenn er mich nicht mehr hören konnte. Das mag ein normal denkender, normal empfindender Mensch als abartig, als pervers empfinden, doch selbst bei einem so hochgradig brutalen und skrupellosen Typen, wie es Roberto gewesen war, der mich nur Minuten zuvor auf höchst grausame Weise zu Tode foltern wollte, fiel es mir schwer, ihn wortlos gehen zu lassen.
Ich glaube nicht an Gott. Aber an den Teufel. Ihm begegne ich Tag für Tag – nicht zuletzt in Gestalt von Leuten wie Roberto. Mir würde nie einfallen, für die Seele meines Opfers zu beten, wie es der ein oder andere Kollege tut. Zumindest wird dergleichen dann und wann erzählt. In dieser Situation, in der ich es purem Glück zu verdanken hatte, überhaupt überlebt zu haben, in der ich zu meiner Rettung nichts anderes beigetragen hatte, als so lange durchzuhalten, wie ich durchgehalten habe, ist es zudem unangebracht, von Roberto als Opfer zu reden.
Wir waren beide gleichermaßen Täter und Opfer.
Schon vor vielen Jahren entdeckte ich die wunderbare Kraft der Poesie. Doch letztlich ist es mir egal, ob die Verse, die ich zitiere, den Sterbenden den Übergang zum Tod erleichtern. Ich denke, es ist angemessen und ich weiß, dass es mir gefällt. Nur darauf kommt es an.
Wenn ich mir heute die Ereignisse auf Lanzarote wieder ins Gedächtnis rufe, sehe ich eine Parallele zu Leon Walters neuem Job. Ich habe schon viele Leute sterben sehen. Und meistens fielen mir passende Verse ein, die ich irgendwann einmal auswendig gelernt habe. Aber der exakte Augenblick, wann noch ein Funken Leben durch den Körper zuckt und wann genau der Tod eintritt, ist beim besten Willen allein mittels menschlicher Wahrnehmung nicht exakt zu bestimmen. Beim Todeszeitpunkt bleibt für unsere Wahrnehmung immer das Moment der Überraschung und der Unschärfe. Mit der Präzision einer Stoppuhr, die auf eine hundertstel Sekunde genau den Zieleinlauf eines Sprinters feststellen kann, mögen die Apparate der modernen Medizintechnik hierbei Abhilfe schaffen. Doch wann hat ein Auftragsmörder solche Technik zur Hand?
Was ich sagen will: Diese Unschärfe in der Wahrnehmung korreliert mit jener Unbestimmtheit, die im Forschungsgegenstand von Frau Professor Dr. Meltendonck ebenfalls eine zentrale Rolle spielt. Ihr Institut erforscht – unter der Hand finanziert durch Geldquellen, die der Meister angebohrt hat – den schmalen Bereich zwischen Wachsein und Schlaf. Die wenigen Augenblicke, die im subjektiven Empfinden genauso schlecht zu erfassen sind wie der Übergang vom Leben zum Tod. Das ist der Bereich, in dem die Grenze zwischen der harten alltäglichen Realität und der nebulösen, kaum fassbaren Welt der Träume verschwimmt. Und in denen sich die Fakten der Wirklichkeit mit denen der Einbildung und des Unbewussten so stark vermischen, dass sie nicht mehr voneinander unterschieden werden können.
Doch ich sollte mich hier nicht zu sehr in vagen Reflexionen verlieren, wenn es noch das Ende jener Lanzarote-Episode zu schildern gibt. Praktischerweise hatte sich Roberto die Nähe eines kreisrund im schwarzen Boden gähnenden Schlotes für sein Ableben ausgesucht. Ich stattete ihm einen stummen Dank ab, da er mich nicht dazu zwang, in meinem lädierten Zustand seine Leiche in der brütenden Hitze noch allzu weit schleppen zu müssen.
Es gibt wenige Plätze, die zum Entsorgen von Toten besser geeignet sind als die Magma-Kamine, die einem die ganze Zeit zuzuflüstern scheinen, dass sie bis in den Erdkern hinab reichen.
Roberto dort hinabzustoßen, war trotz der Umstände der einfachere Teil dieser Arbeit. Dabei hinterließ der über den schwarzen Vulkanboden geschleifte Körper eine dunkelrote blutige Spur, die sich am Ort, wo er zusammengebrochen war, zu einem Gebilde erweitert hatte, das mit einiger Phantasie tatsächlich wie eine Blüte auf schwarzem Grund aussah. Hier war sie: die Blume, die die Verse Heyms evoziert hatten. Ein temporäres Gemälde, mehr abstrakt als realistisch. Rasch versuchte ich es mithilfe meiner Füße, so gut es ging, mit Asche und Geröll auszulöschen. Das war alles andere als eine professionelle Spurenbeseitigung, aber mehr war nicht drin.
Ich schleppte die Tasche mit Robertos Geld zu dem Versteck, in dem ich bereits mein Geld vor neugierigen Blicken verborgen hatte. Dabei stellte ich fest, dass der von mir getötete Mr. X offensichtlich den besseren Geschäftssinn der verfeindeten Eheleute besessen hatte. Roberto war – soweit es mir ein rascher Blick in seine Tasche offenbarte – für kleineres Geld tätig geworden. Unwillkürlich kam mir der Gedanke, dass er sein Honorar womöglich auf mehrere Verstecke verteilt hatte. Doch ob er billiger zu haben gewesen war oder bereits zuvor ein anderes Depot angelegt hatte, gehörte zu den Unbekannten der seltsamen mörderischen Gleichung, in die ich mich verstrickt hatte.
Meine Hush Puppy wollte ich nach diesen Ereignissen nicht mehr behalten und entsorgte sie zusammen mit der Leiche in dem Schlot. Die kostbare Python dagegen verstaute ich zusammen mit dem Geld. Es sollten einige Jahre vergehen, bis ich wieder hierher kommen konnte, um alles wohlbehalten in dem Versteck vorzufinden und zu bergen.
Dass ich überhaupt in der Lage war, all dies in dem Zustand, in dem ich mich nach der Folter durch Roberto befand, noch zu erledigen, lässt sich nur durch die Aktivierung mir bisher unbekannter Kraftpotenziale erklären, über die mein Körper verfügte.
Dessen ungeachtet brauchte ich Hilfe. Und zwar dringend.
Es gelang mir zwar unter größten Mühen und unsäglichen Schmerzen, wenigstens den einen oder anderen Finger bewegen zu können, was mir zeigte, dass nicht alles in meinen Handgelenken zerschmettert worden war, aber ich sah mich außerstande, die Schmerzen noch sehr lange aushalten zu können. Als finalen Akt schaffte ich es noch, den am Rand des Felslabyrinths geparkten Wagen zu starten. Die normalerweise pechschwarze Asphaltstraße war von einem dünnen rötlich-braunen Staubfilm überzogen. Das half mir, um den Leihwagen kurz vor dem Dorf, von dem aus heutzutage die Touristen auf Dromedaren in den vulkanischen Naturpark geführt werden, zum Schleudern zu bringen und mit quietschenden Reifen und lautem Getöse in einer finalen Kollision gegen einen Felsen krachen zu lassen.
Das Ergebnis war ein veritabler Totalschaden. Die Leute, die mich wenig später aus dem Wrack zogen und nach Arrecife ins Krankenhaus brachten, sagten, dass es ein Wunder gewesen sei, dass ich diesen Unfall überhaupt überlebt hatte.
Man muss es Menschen des 21. Jahrhunderts erklären. Damals gab es kein ABS, keine Airbags, nicht einmal Sicherheitsgurte waren Standard, erst recht nicht in südlichen Ländern.
Jedenfalls erklärte der Aufprall hinreichend die Verletzungen und bösen Prellungen, die mir in der Mehrzahl Roberto zugefügt hatte. Diejenigen, die ich mir zusätzlich als Ergebnis des selbst inszenierten Crashs zugefügt hatte, waren in der Buchhaltung der erlittenen Schmerzen vernachlässigenswert.
Sie verstehen jetzt, warum ich eingangs angemerkt habe, dass Profis tunlichst die Auseinandersetzung untereinander vermeiden. Selbst der Überlebende verlässt ein solches Schlachtfeld nicht ohne schwere Blessuren.
Auch wenn dieser Vorfall mit dem aktuellen Fall nichts zu tun hat, erklärt er doch meine Vorsicht, als es zu meiner ersten persönlichen Begegnung mit dem Meister kam. Gegenseitiger Respekt ist ebenso wichtig wie klare Absprachen und noch ein ganzes Bündel weiterer Vorkehrungen und Maßnahmen. Wir wollten miteinander ins Geschäft kommen. Da empfiehlt es sich, so viel wie möglich vorab klar festzulegen. Das musste allerdings dergestalt geschehen, dass gemeinsame Feinde, sollten sie von dieser Absprache Kenntnis erhalten, keine Anhaltspunkte finden würden, die uns belasten könnten. Zu den Feinden zählen natürlich die nationalen und internationalen Ermittlungsbehörden.
Verträge unter international operierenden Kriminellen sind deshalb noch um ein Vielfaches komplexer und komplizierter als die in der normalen Geschäftswelt. Hier gibt es ein mehr oder weniger gut funktionierendes Regelwerk, an das sich alle Parteien halten sollten. Und tun sie das nicht, sorgt die magische Melange aus Geld und Gerichtsbarkeit für die Klärung der Streitfälle. In der anarchischen Gegenwelt des globalisierten Verbrechens diktiert in der Regel der Stärkere die Gesetze. Dessen ungeachtet gibt es einen grauen Bereich halblegalisierter Absprachen und Verträge. Das sogenannte Ehrenwort unter Gangstern, mündliche Absprachen – forget it! So arbeitet heute niemand mehr. Und auch früher war dies oft nur eine gut gepflegte, romantische Legende.
Eine internationale Riege fürstlich bezahlter, ausgebuffter Anwälte hat sich auf diesen Sektor spezialisiert. Schließlich geht es um sorgfältiges Verschleiern der wahren Absichten – sollte solch ein Vertrag trotz aller Vorsichtsmaßnahmen einmal in die falschen Hände fallen – und gleichzeitig um hieb- und stichfeste Absprachen, an die sich Parteien binden, zu deren Geschäftsfeldern nicht zuletzt Betrug und Erpressung gehören. Erschwerend kommt hinzu, dass beim Verschleiern des eigentlichen Geschäftszwecks – etwa eines Auftragsmords oder des Überfalls auf einen Diamantenkurier – die Tat nicht so stark verschleiert wird, dass zum Schluss niemand mehr nachvollziehen kann, worum es eigentlich geht. Andererseits muss alles so formuliert werden, dass Außenstehende daraus nicht einmal ansatzweise etwas Verdächtiges ableiten können.
Moderne Verschlüsselungstechniken helfen dabei enorm und haben die Erarbeitung derartiger Dokumente deutlich erleichtert. Trotzdem ist die Verhandlung solcher Abmachungen eine der heikelsten Phasen solcher Geschäfte. In unseren Tagen werden diese Vereinbarungen nach dem Prinzip des doppelten Schlüssels abgesichert. Die beteiligten Parteien haben nur gemeinsam Zugriff auf den Klartext ihrer Vereinbarung. Fallen das Dokument und auch noch der Schlüssel eines der Beteiligten in unbefugte Hände, bleibt der Vertrag unlesbar. Erst wenn man sich auch des zweiten Schlüssels bemächtigen kann, besteht Zugriff auf den Klartext.
Theoretisch.
Praktisch sieht das Ganze aber so aus, dass noch ein dritter Schlüssel existiert, der in der Regel bei einer Anwaltskanzlei hinterlegt ist. Auch hier kann niemand allein damit etwas anfangen. Und wer ganz sicher gehen will, hinterlegt einen vierten an einer weiteren Stelle. Da die Partner häufig in verschiedenen Ländern oder Kontinenten operieren, müssten Ermittler einer internationalen Polizeiaktion exakt koordiniert an drei bis vier Stellen zeitgleich zugreifen. Und dann sollten sie auch genau wissen, wo diese kleinen Datenpakete versteckt sind. Dass sie sich nicht einfach auf irgendwelchen Rechnern, die darüber hinaus noch mit dem Internet verbunden sind, oder gar in der Datenwolke befinden, versteht sich von selbst. (Überhaupt: Der Begriff der „Cloud“ gehört verboten. Das ist die typische Vernebelungssprache der IT-Branche. Diese Wolke gibt es nicht. Es gibt nur Festplatten und Server.) Jedenfalls sähen die olympischen Goldmedaillengewinner im Synchronspringen gegen eine derartige Polizei-Aktion alt aus. Und wenn etwas mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen ist, dann, dass es irgendwo auf dieser Welt eine Behörde gibt, die in der Lage wäre, derart präzise vorzugehen. Die kleinste Unwucht und die verschlüsselten Daten bleiben, was sie sind: Datensalat.
Burn after reading, aber eleganter.
Die Eleganz der Algorithmen auf der Basis zufällig errechneter, etliche hundert Stellen umfassender Primzahlen, fasziniert mich seit vielen Jahren.
Deshalb fand meine erste persönliche Begegnung mit dem Meister im Rahmen unseres angestrebten Geschäfts nicht heimlich auf dem verregneten Gelände einer einsamen, stillgelegten Kiesgrube statt oder im – dank Rauchverbot – ohnehin nicht mehr stilvoll verqualmten Hinterzimmer einer zwielichtigen Kaschemme, sondern im langweilig-funktional eingerichteten Besprechungsraum einer Kanzlei. Anwesend waren zwei Anwälte, der Meister und ich.
Gastgeber war ein guter Bekannter von mir aus Fürth, Thomas Jaeger. Seine Kanzlei beschäftigt sich nach außen mit Familien- und Arbeitsrecht und hat sich auf dem Gebiet teurer Scheidungen und hochdotierter Abfindungen einen guten Ruf erworben. Was neben mir nur wenige andere wissen, ist, dass er zusätzlich eine Nürnberger Dependance unterhält, die sich vor allem dadurch auszeichnet, dass sie ihre eigentliche Funktion – nämlich absolut abhör- und weitestgehend einbruchssicher zu sein – hinter einer durch und durch langweiligen, unauffälligen Fassade verbirgt. Man würde hinter der Tür bestenfalls eine schäbige Wohnung oder das ausgelagerte staubige Archiv einer Behörde vermuten. Das Arsenal an dort verbauter Sicherheitstechnik beginnt ein paar Zentimeter hinter den schäbigen Wänden, Türen und Fenstern, knapp unterhalb des Fußbodens und ein paar Millimeter tief in der Decke. Wir saßen gewissermaßen in einem faradayschen High-Tech-Käfig.
Der Meister wurde von Dr. Lisa Bingenheimer, einer jungen Frankfurter Korrespondenzanwältin begleitet, die für Simon, Randolph, Schuler & Hearst, eine Kanzlei aus New York, arbeitete. „Eigentlich bin ich ja gar nicht mehr als Anwältin tätig“, erzählte sie Thomas und mir in einer Verhandlungspause. „Ich habe wieder angefangen zu studieren.“
„Ach ja, und was?“, fragte ich.
„Kunstgeschichte.“
„Dann ist das, was Sie heute hier machen …“, sagte Thomas.
„… die absolute Ausnahme“, unterbrach sie ihn.
… die nur angenommen wurde, weil die Kohle stimmt, ergänzte ich in Gedanken.
„Wir wissen ja beide nicht, was konkret der Inhalt des Auftrags ist, über den wir hier verhandeln und wir wollen das auch gar nicht wissen, aber ich denke, wenn wir die Absprache der Liefer- und der Zahlungsfristen noch präzisieren können, sollte die Vereinbarung für alle Beteiligten akzeptabel sein“, nahm Thomas die Arbeit an den Details des Vertrages wieder auf.
Dr Crıme schwelgt in mehr oder weniger alten Erinnerungen und salbadert über seine Arbeit, doch was macht Leon?
FOLGE 6
WAS BISHER GESCHAH
Dr Crıme verhandelt über einen Vertrag.
DUB:
„Meine Damen. Jetzt brauche ich erst einmal ein Stückchen von dieser köstlichen Eierlikörtorte.“
„Nur zu, meine Liebe, Sie sind ja, wie wir alle, in einem Alter, wo einen Fragen nach Idealgewicht und Figur nicht mehr zu beschäftigen brauchen.“
„Sie können sich diese kleinen Bosheiten sparen, mein Herzchen. Ich weiß, dass ich mit meiner Traumfigur keinen Adonis mehr ins Bett locke.“
„Bitte! Wir wollen doch unsere Zeit nicht damit verschwenden, uns gegenseitig mit Nichtigkeiten zu necken – oder?“
„Ganz recht, meine Teure. Aber ich fürchte, zum gegenwärtigen Zeitpunkt lässt sich noch nicht viel mehr feststellen, als dass wir es hier mit einem Idioten-Duo zu tun haben.“
„Einem selbstverliebten Idioten-Duo.“
„Es ist doch immer wieder erstaunlich, meine Damen, dass die Herren der Schöpfung, uns – den Inbegriff der holden Weiblichkeit – für maßlose Schwätzerinnen halten.“
„Ich stimme Ihnen zu. Wir haben es bei unseren beiden Exemplaren nicht nur mit zwei selten dämlichen, selbstverliebten Egomanen zu tun, sondern auch um Prototypen langweiliger, nur um sich selbst kreisender Dummschwafeler. Nur dass sie nicht miteinander schwafeln, sondern jeder für sich und es gibt niemanden, der ihnen zuhört außer sie selbst.“
„Nicht völlig korrekt: Erstens ist es falsch, dass niemand diesen Müll liest. Wir beispielsweise tun es. Zweitens: Die Dämlichkeit wird übertüncht von einer aufgesetzten Intellektualität. Selbstverliebt, nun das zeigt sich so offenkundig an der ausschließlichen Beschäftigung mit ihren ureigenen Egos. Und daraus ergibt sich, wie langweilig sie sind.“
„Genau, also wer will sich damit beschäftigen? Ich fürchte, wir muten uns hier zu viel des Unguten zu.“
„Da muss ich widersprechen. Wir haben längst bewiesen, dass wir in dieser Hinsicht extrem leidensfähig sind. Viel leidensfähiger, als dass uns diese kleinen Geschichten noch ernsthaft erschüttern könnten. Und außerdem …“
„Bevor Sie weitersprechen, werte Freundin! Jetzt und hier sollten wir auf alle Fälle verhindern, dass wir leiden. Lasst uns deshalb erst einmal was bestellen.“
„Herr Ober! Ein Stück Eierlikör-Torte. Meine Damen, was wollen Sie?“
Dr Crıme:
Nachdem die Eckpunkte besprochen waren, zogen sich die Juristen in ein Nebenzimmer zurück, um an den endgültigen Formulierungen zu feilen. Der Meister und ich standen auf und gingen zu den Fenstern, die zusätzlich durch abhörsichere und blickdichte stählerne Rollos geschützt waren. Die Scheiben bestanden aus schusssicherem Glas. Wir ließen die Rollos hochfahren und genossen die Aussicht aus der bis zum Boden reichenden Fensterfront. Etliche Stockwerke tiefer schob sich die übliche Blechlawine Richtung Plärrer. Unser Blick glitt über sie hinweg zur Nürnberger Altstadt und zur Silhouette der Burg. Wir bedienten uns bei den Leckereien, die vor unserem Treffen auf einem Tisch aufgebaut worden waren. Kleine Sandwiches, Gebäck und Obst, verteilt auf drei Etageren.
„Fehlt nur noch der cream tea“, sagte der Meister.
Ich nickte und dachte an die Aussicht, die ich vor kurzem von der Terrasse des Reid’s in Funchal auf Park, Hafen und Meer genossen hatte. Dort wurden cream tea und ähnliche Köstlichkeiten ebenfalls auf Etageren gereicht, während aus den geöffneten Fenstern des Hotels Monk’s Mood ertönte und zwar in einer der Umgebung angepassten, unaufdringlichen Version für betuchte ältere Gäste. Es war gerade diese glattgebügelte, weichgespült-weiße Fassung des Stücks gewesen, die mir auf Madeira die Stimmung eingetrübt hatte. Und ich hätte mir an diesem Nachmittag gewünscht, Coltrane hätte dem verhinderten bleichen Thelonius den Marsch geblasen.
Ich fand es für einen gebürtigen Amerikaner wie den Meister erstaunlich, dass er so etwas typisch Britisches wie cream tea erwähnte. Dessen ungeachtet stand mir der Sinn jedoch nicht nach Small Talk.
„Warum ich?“, fragte ich ihn stattdessen.
„Warum nicht? Du kannst das doch – oder?“
Wenn jemand mit einer Gegenfrage antwortet, bedeutet das normalerweise, dein Gegenüber denkt nicht im Traum daran, dich in die wahren oder vollständigen Hintergründe seiner Entscheidung einzuweihen; sind es aber direkt zwei Gegenfragen, dann wird dir darüber hinaus der Rat erteilt, dass du am besten einfach deinen Job machst, die Kohle kassierst und dich ansonsten aus allem anderen raushältst.
Doch das ist mir schon immer schwer gefallen.
„Deine Auftraggeber“, sagte ich, es war ein Schuss ins Blaue, „beschäftigen eine ganze Armee junger, hochmotivierter Spezialisten, die das genauso gut können wie ich und zudem den Vorteil bieten, wesentlich billiger zu sein, da sie ohnehin auf der Payroll stehen.“
„Erstens habe ich keine Auftraggeber außer meiner eigenen Firma und deren Anleger und zweitens bist du zufällig vor Ort“, erwiderte der Meister und sagte dann auf Deutsch: „Standortvorteil!“
Er grinste breit und schien ein Lob wegen seiner Sprachkenntnisse zu erwarten.
„Als ob es darauf ankommt“, erwiderte ich und setzte ebenfalls ein Grinsen auf, das schon manchen nervös gemacht hatte. Natürlich ohne sichtbaren Effekt beim Meister. Das hatte ich auch nicht erwartet.
Er war ein Mann, der die 60 bereits überschritten hatte, was man ihm aber aus vielerlei Gründen nicht ansah. Da waren die sorgfältig frisierten graumelierten Haare, die im Sonnenlicht leicht glänzten. Vor allem aber war es seine nur als wuchtig, aber durchtrainiert zu beschreibende Figur, die von einem perfekt geschneiderten, zweireihigen Anzug von Martin Greenfield betont wurde. Eine kleine Narbe unter seinem linken Auge kontrastierte mit einem dezenten Diamant-Stecker im rechten Ohrläppchen. Zu unserer Besprechung war er mit einem angemieteten, gepanzerten Mercedes mit getönten Scheiben vorgefahren, den zwei weitere Limousinen unauffällig begleitet hatten. Der größte Teil seiner Entourage war bei den in der Kleinweidenmühle geparkten Wagen zurückgeblieben, während zwei Begleiter im Vorzimmer warteten.
„Well“, sagte er und seine Miene wurde wieder so ausdruckslos wie schon den ganzen Nachmittag, „ich könnte dir jetzt erzählen, dass die Geldgeber – besonders nach den Ereignissen der letzten Jahre – keine Lust haben, ihre eigenen Leute in dieses Projekt einzubeziehen. Du weißt schon, schlechte Presse, alle Welt ist sauer auf sie. Auf einmal stehen sie im Scheinwerferlicht, wo ihre natürliche Umgebung doch die Dunkelheit ist. Ich könnte dir erzählen, dass sie deshalb Angst haben, etwas könnte nach außen dringen, und dann schlittern sie noch viel tiefer in die Scheiße rein, als sie es ohnehin schon sind.“
Er machte eine Pause und trank einen frisch gepressten Fruchtsaft, den eine Assistentin vor der Sitzung in unserem Beisein zubereitet hatte und von dem bis jetzt niemand probiert hatte. „Aber ich will aufrichtig sein“, fuhr er fort.
Wieder grinste ich, doch diesmal nur innerlich. Nach außen verzog ich keine Miene. Ich tat es dem Meister gleich und trank einen Fruchtsaft. Auch damit möchte ich ein hartnäckiges Klischee widerlegen. Ich kenne nur wenige bedeutende Gangster, die während ihrer Arbeit zu harten alkoholischen Drinks greifen. Jedenfalls musste, wer den Meister reden hörte, genau aufpassen. Seine Aussprache war so leise, als wolle er nur mit dem kleinstmöglichen Aufwand sprechen. Er war auch ein Meister in der Ökonomie der verbalen Kommunikation. „Die Menschen und Institutionen, die uns ihr Geld anvertrauen, haben nichts mit den Leuten zu tun, an die du denkst. Nicht, dass sie nicht früher oft und gut mit denen zusammengearbeitet haben. Doch mal ehrlich, wer würde denn heute noch dieser Gurkentruppe etwas anvertrauen? Nachdem sie dermaßen blamiert worden ist? Ich bitte dich!“
Ich nickte erneut, darum bemüht, meinem Gesicht einen zwar nachdenklichen, aber auch einsichtigen Ausdruck zu verleihen. Möglich, dass mir das misslang und ich stattdessen einfach nur beflissen aussah.
Was der Meister sagte, klang plausibel und so sollte es auch wirken. Deshalb tat ich, als hätte ich seine Antwort akzeptiert. Der Meister war mein Auftraggeber. Er würde die einzelnen Phasen des Projekts koordinieren. Dabei hätte mich schon der Name des Forschungsprogramms misstrauisch machen müssen: Helter Skelter. Einerseits der Titel eines Songs der Beatles, andererseits das Motto der Charles Manson-Massaker. Ich vermutete, dass der Meister von seinen Kollegen kontrolliert würde. Jeder von ihnen hatte sich das Recht erworben, Meister genannt zu werden. Ich dagegen war nur ein Teil dieses Projekts, noch dazu ein kleiner, unbedeutender Teil. Da ich ein fürstliches Honorar ausgehandelt hatte, konnte ich mir ausmalen, in welch schwindelerregenden Höhen sich das Gesamtbudget bewegen musste. Ich mochte ein kleines Rädchen sein, die gesamte Maschinerie musste gigantisch sein. Was mich am meisten freute, war, dass wir zwar auch erfolgsabhängige Zahlungen ausgemacht hatten, ich aber – selbst wenn der Meister am Ende nur unbrauchbares Material bekäme – trotzdem voll und ganz auf meine Kosten kommen würde.
Das Gefeilsche um die Höhe der einzelnen Tranchen und ihre Fälligkeit im Beisein der Anwälte war genauso Show gewesen, wie das, was mir der Meister nun unter vier Augen gesagt hatte. Mein Preis hatte schon vorher festgestanden. Das wussten wir beide. Die Geldgeber im Hintergrund kamen auch aus Geheimdienstkreisen, dessen war ich mir nun sicher. Selbstredend nicht von einem deutschen Geheimdienst. Dafür hatten die nicht die Eier. Wenn der Meister so kunstvoll in Abrede stellte, dass ich mit meiner recht naheliegenden Vermutung total danebenlag, dann musste an meiner Vermutung etwas dran sein.
Aber im Grunde war es mir schon immer herzlich egal, wer mich bezahlt. Von mir aus auch die NSA.
Leon:
Man schläft ausgesprochen schlecht, wenn die Umgebung so steril ist wie im Institut. Man schläft noch schlechter, wenn die Liegen, auf die man sich zu betten hat, so schmal, hart und unbequem sind, wie diese Pritschen.
Jeder kennt solche Dinger aus den Arztpraxen der zivilisierten Welt. - Dann machen Sie sich mal frei – ja, alles, auch BH und Slip …, ging mir durch den Kopf, verbunden mit dem Bild der jungen Frau und einem geifernden Pseudo-Mediziner. Ich hab mir wohl zu viele Pornos angesehen. Aber auf solchen Liegen soll der Patient auch nicht einpennen. Hier aber doch!
Man schläft noch viel schlechter, wenn einem eine straff auf der Kopfhaut sitzende Kappe übergezogen wird. Ich werde mir deswegen jedenfalls nicht den Schädel rasieren. Ich bin stolz auf mein perfekt frisiertes Haar. Was machen die Mädels mit ihren Mähnen, Theo mit seiner Matte, Josh mit seinen Rastalocken unter dieser stramm sitzenden Haube? Jedes Mal wenn ich sie wieder abnehmen darf, juckt es, als wäre eine Kompanie Läuse auf dem Vormarsch. Ob wir eine Zulage für das Extra-Shampoo verlangen können?
Von der Kappe führt ein armdickes Kabelbündel zu einer Stecktafel, in die die einzelnen Kabel eingestöpselt werden. Dieses Ding erinnert mich mehr an alte Filme als an moderne wissenschaftliche Forschung. Das Frollein vom Amt. „Bitte verbinden Sie mich!“ – „Mit wem?“ – „Mit Ihnen, gnä’ Frau … Mein Stecker lechzt nach Ihnen!“
Am allerschlechtesten schläft man jedoch, wenn man in die Röhre geschoben wird, deren monotones Klacken teuflisch nervt. Ein Wunder, wenn man dann doch irgendwann wegdämmert.
Ich habe bewusst das unschöne „man“ so ausgiebig verwendet, weil sich diese Erfahrungen verallgemeinern lassen.
Inzwischen habe ich meine Mitschläfer und Mitschläferinnen kennengelernt und alle haben mir bestätigt: Schlafen ist anstrengend. Vor allem dann, wenn du es tun musst. Kein Wunder, dass die einem Geld dafür zahlen. Vielleicht sollte ich wirklich bald das Thema einer Honorar-Erhöhung ansprechen. Was sage ich: vielleicht? Es muss heißen: Ganz bestimmt werde ich bald das Thema Mehr Geld! Meine Träume gibt’s nicht umsonst! zur Sprache bringen.
Der Job ist derart anstrengend und öde, dass ich sogar die Lust auf meine Mitschläferinnen verliere, von denen eine – Michaela – eine hübsche Schnitte ist, die ich gerne, wenn’s sein muss auch im Dienst der Wissenschaft, mal flachlegen würde.
Da frage ich mich in aller Unschuld, warum wir eigentlich an der Sigmund-Freud-Uni sind, wenn hier niemand Sex-Forschung betreibt? So ganz praktisch. Seit Masters und Johnson muss sich auf diesem Gebiet doch was geändert haben – oder? Immerhin liegen bereits Jahrzehnte der sexuellen Revolution zwischen der universitären Vögelei dieser beiden Orgasmus-Forscher und der heute viel hedonistischeren, aber immer noch verklemmt-oberflächlichen Gegenwart. Dafür würde ich mich sogar für kleines Geld zur Verfügung stellen. Aber so was wird in unserem Schnarchladen ja nicht angeboten. Schande!
Die Träume sind zum Teil ganz schön heftig. Liegt wahrscheinlich am Schlafzwang. Eins der Mädels war nach so einem Albtraum total aufgelöst. Hat Rotz und Wasser gelassen, als wäre ihr das, was ihr da in ihrem Köpfchen zugestoßen ist, realiter passiert. Sie ist dann auch aus dem Projekt ausgestiegen, obwohl ihr Frau Professor eindringlich zugeredet hat, in ihrem Zustand nicht alleine zu bleiben. „Im Institut sind wir auf derartige Ereignisse vorbereitet und können Ihnen helfen!“
Ich erwähnte es schon mal, Meltendoncks Stimme ist so laut, dass ich sie durch die geschlossene Bürotür hören konnte. Das Geheule der Kleinen aber auch. Ich hab sie abgepasst, weil ich der perfekte Tröster der Witwen und Waisen bin.
„Hi, Michaela“, sagte ich.
„Ich bin Marianne“, erwiderte sie zwischen zwei Schniefern.
„Oh, pardon! – Äh, hier …“ Ich hielt ihr ein Tempo hin, das sie, ohne mich anzusehen, nahm und sich kräftig schnäuzte.
„Wollen wir irgendwo noch einen Kaffee trinken?“, fragte ich sie.
Sie schüttelte stumm, aber eindeutig verneinend den Kopf. Inzwischen standen wir vor dem Institut.
„Um die Ecke ist …“
„Nein. Ich will jetzt nur noch nach Hause. Sonst nichts.“ Bisher klang sie verheult. Doch jetzt schlich sich ein anderer Ton in ihre Worte. War sie etwa genervt? Nein, das konnte nicht sein, wo ich mich doch so um sie bemühte.
„Okay, gehen wir ein Stück. Ich hab‘ denselben Weg.“
„Du weißt doch gar nicht, wo ich wohne, verdammt noch mal.“
„Ich lerne schnell.“
„Das sehe ich völlig anders.“
Sie war auf Armlänge von mir entfernt (ideal, um sie beim kleinsten Signal tröstend an meine Brust zu ziehen!) und blickte mich zum ersten Mal direkt an.
Wird sie jetzt doch weich?, überlegte ich. Soll ich die Gelegenheit nutzen und sie küssen? Schnell, hart, das lieben sie doch alle! Oder soll ich erst noch ihre blendende Figur loben, die tollen Klamotten, ihren unbestechlich guten Geschmack? Mit anderen Worten noch eine Ladung Schleim absondern? Kann Sie sehen, wie mein Walter stramm steht und aus seinem Gefängnis will? Wie er pocht und darum bettelt, dass ihn jemand aus dieser engen Hose befreit?
Sie senkte ihre Stimme.
„Du bleibst hier und ich gehe – und zwar allein!“ Sie machte eine Pause. Wenn ich von dem absah, was sie gerade gesagt hatte, klang ihre Stimme mit diesem tiefergelegtem, rauchigen Timbre einfach geil.
„Und wenn du noch einen einzigen Schritt näher kommst, fange ich an zu brüllen und zwar so laut, dass man es noch im Institut hört!“
Diesen Satz sprach sie mit einem Ausrufezeichen hinter jedem einzelnen Wort.
„Wie du willst“, murmelte ich. Du hast ja keine Ahnung, was dir entgeht, schickte ich ihr unausgesprochen hinterher.
Schade, aber den Versuch war‘s wert gewesen.
Gutes Zuhören, das totale Verständnis heucheln, haben mich schon mehr als einmal ans Ziel gebracht. Und den Mädels hat es dann im Endeffekt auch immer gefallen.
Okay, das dumme Huhn wollte nicht. Dabei hätte mich schon interessiert, was sie denn geträumt hatte und natürlich auch, wie sich das Mäuschen auf dem Laken gemacht hätte, sobald sie Leons Säusel- und Trosteinflüsterungen erlegen wäre.
Aber ich habe genug Fantasie, um zu wissen, wie böse Träume aussehen. Und ich weiß definitiv, dass böse Träume im Institut weder selten noch unerwünscht sind.
Als ich den Scheiß mit dem Daumennagel geträumt habe, hat mir Meltendoncks Lieblings-Assi, ein schnöseliger Schönling namens Dr. Jörg Evers, am Bildschirm die Hirn-Scans gezeigt und auf einen tiefgrünen Fleck hingewiesen.
„Dieses Aktivitätsprofil“, so geschwollen drücken die sich hier aus, „ist typisch für Albträume im Verlauf des Helter Skelter-Programms.“
In meinem Traumprotokoll hatte ich kurz zuvor notiert: „Ich bin in einem feuchten Kellerraum, dessen Wände im Halbdunkel liegen. Irgendwer hat mich auf einen Stuhl gesetzt und meine Arme an spezielle Lehnen gefesselt, sodass ich sie nicht mehr bewegen kann. Eine Lampe blendet mich. Es ist offensichtlich eine Verhörsituation. Doch was wollen sie von mir hören? Und vor allem, wer will hier etwas erfahren? Ich sehe auf meine linke Hand. Mein Folterer umklammert sie und presst die Finger auseinander. Er fixiert den Daumen noch zusätzlich mit einem dunkelblauen Klebeband aus Textil. Dann zieht er langsam mit einer Zange den Daumennagel hoch und schält ihn im Zeitlupentempo vom Nagelbett. Ich starre auf die fleischig-blutige Stelle, wo eben noch der Nagel gewesen ist. Ich weiß in diesem Moment, dass ich schreien und dass es höllisch wehtun müsste, aber nichts dergleichen. Als der Folterer den Zeigefinger mit dem Klebeband umwickelt, wache ich auf.“
Ich muss gestehen, als ich aufwachte, riss ich als erstes meine linke Hand hoch, um nachzusehen, ob noch alle Nägel dran sind.
Dr Crime:
Es ist vermutlich diese Passage in Leons Aufzeichnungen, die mir den Vorfall aus dem Jahr 1974 mit Roberto in Erinnerung gerufen hat.
Was ich an Leons Traum spannend finde, ist die Stelle mit dem dunkelblauen Textilklebeband. Nur hier wird er in seiner Beschreibung präzise. So funktionieren Träume. Einzelne, letztlich völlig nebensächliche Details werden genau erinnert, während ansonsten nur ein dumpfer Brei aus vagen Eindrücken und Bildern haften bleibt.
Ich halte es deshalb für wahrscheinlich, dass seine Schilderung tatsächlich einen Traum wiedergibt, den er gehabt hat. Es ist in dieser Anfangsphase des Projekts nicht leicht einzuschätzen, was er sich aus welchen Gründen auch immer einfach aus den Fingern saugt und was echte Traumprotokolle sind.
Zum traurigen Rest des Geschreibsels, das Leon in seinen Anfällen ungehemmter, ungebremster Logorrhoe in die Tasten hämmert, habe ich schon an früherer Stelle angemerkt, dass er ein hoffnungsloser Fall ist. Leon gehört zu den Persönlichkeiten, die sich nicht scheuen, ihr charakterliches Versagen immer wieder aufs Neue unter Beweis zu stellen. Ich neige nicht zu dem Betroffenheitskitsch, der als Fremdschämen bezeichnet wird. Wegen mir darf sich jeder selbst zum Trottel machen, als unverbesserliche Dumpfbacke präsentieren und mit eiserner Penetranz die Rolle des Hampelmanns zum Besten geben. Deshalb kümmert mich auch sein pubertär-anmaßendes Verhalten nicht wirklich. Ich spreche – unschwer zu erraten – von seiner nicht zu unterbietenden Art, Frauen anzumachen und freue mich über die wohl verdiente Abfuhr, die er dabei erhält. Nur schwant mir allmählich, warum der Meister, als ich ihm die ersten Probanden der Testreihe virtuell vorstellte, antwortete: „Leon is propably the best choice of all.“
Leider ist immer noch unbeantwortet, welche Ziele bei der Versuchsreihe im Institut für Traumforschung verfolgt werden …
FOLGE 7
WAS BISHER GESCHAH
Leon scheint die ideale Testperson zu sein.
Leon:
Mittlerweile gehe ich drei- bis viermal die Woche ins Institut. Entweder um ein paar Stunden zu ratzen oder um den Hiwis bei den anderen Probanden zu assistieren. Professionelles Träumen ist nun rund um die Uhr und an sieben Tagen die Woche möglich. Die Meltendonck hat überaus ergiebige Geldquellen angezapft, die ihr diesen Vollzeit-Einsatz ermöglichen. Ständig laufen mir neue Mitarbeiter über den Weg. Ich glaube, dass die anderen Einrichtungen unserer altehrwürdigen Alma Mater zunehmend grüner vor Neid werden und das Institut für Traumforschung immer misstrauischer beäugen.
Selbst mein Papa Dottore betrachtet das Treiben in der Villa Morpheus, wie der hässliche Zweckbau aus Beton und Glas im Süden Erlangens genannt wird, von Tag zu Tag irritierter.
Als ich zweimal hintereinander einen Termin bei ihm verschoben habe, drohte er offen damit, die schützende Hand, die er über mich hält, lieber für was anderes einzusetzen, als dafür, einen Nichtsnutz wie mich weiter zu unterstützen. Ich gebe zu, diese lasche Formulierung ist eine milde Umschreibung.
Wörtlich sagte er: „Wenn du nicht auf der Stelle bei mir antanzt, dann holt sich die Hand, die bisher allen Ärger von dir abgewehrt hat, lieber einen runter, als dir noch weiter in deiner lausigen akademischen Karriere den Rücken freizuhalten! Du weißt, die Zeit drängt …“
Er hat mit seiner Verärgerung ja nicht völlig Unrecht. Vor allem aber auch mit seiner Feststellung, dass die Zeit läuft – und zwar gegen mich. Ich muss meine Diss fertigbekommen. Und zwar bevor sie bei ihm den Stecker ziehen. Ist er erst mal emeritiert, wird’s haarig. In spätestens zwei Jahren ist Schicht im Schacht. Und ich gestehe, ohne Professor G-Punkt hätte man mich wahrscheinlich längst von der Uni geschmissen, was sage ich, mit Schimpf und Schande aus der Stadt, der Region, dem Land gejagt. Er hat mir vor Jahren mal ein schauriges Schwarzweißbildchen ausgedruckt, das – wie er mir sagte – kurz nach dem amerikanischen Bürgerkrieg entstanden ist und das im Territorial Enterprise, einem Käseblatt aus Virgina City, abgedruckt wurde, für das auch Mark Twain unter dem Alias Josh seine Tinte verspritzt hat. Der gleiche Name wie der meines Kollegen im Institut. Dieses Bild aus der Frühzeit der Fotografie zeigt jedenfalls, folgt man des Professors Interpretation, einen ähnlich armen Teufel wie mich.
Der Kerl, der unerlaubterweise einem Hühnchen die Gurgel umgedreht hatte, war dummerweise just in dem Augenblick dabei erwischt worden, als er das gerupfte Tier über einem munteren Feuerchen schön knusprig braten wollte. Angeblich hatte die Farmerin anhand der noch herumliegenden Federn ihren Besitz eindeutig identifizieren können. „Nur Berta hatte so einen weichen Flaum!“ Das Ende vom Lied hielt dann das Bild fest: Der Hühnerdieb wurde geteert und gefedert. Und ich hatte bis dahin gedacht, so was gäbe es nur bei Lucky Luke …
Sebastian G. Rotenbaum, Professor G-Punkt, gehört neben Lucia Meltendonck zu den Stars der Sigmund-Freud-Universität. Wenn man‘s genau nimmt, dann sind die beiden die prominentesten Aushängeschilder der Uni. Sie sind die Wissenschaftler, die im akademischen Betrieb national und international die klangvollsten Namen haben.
Während sich die Meltendonck vor allem in der inzestuösen Szene ihres Fachs, das heißt unter ihresgleichen, durch unermüdliches Jetten von einem Kongress zum nächsten, durch zahllose Gastvorträge, unzählige Auftritte im Rahmen von Symposien und die dadurch befruchtete Flut von Veröffentlichungen mit nicht zu bremsendem Ehrgeiz an die Spitze der Traumtänzer, … äh -forscher emporgearbeitet hat, zehrt G-Punkt vom unsterblichen Ruhm eines einzigen, noch dazu schmalen Büchleins. Mit ihm schaffte er es in jungen Jahren auf einen Schlag weit über die Literaturwissenschaft hinaus berühmt und nicht zuletzt auch reich zu werden. Dem Vernehmen nach wurde Dantes Höllentrip in mehr Sprachen übersetzt als Der kleine Prinz und wird wohl noch in hundert Jahren in Stückzahlen verkauft, von denen selbst mancher Bestsellerautor nur träumen kann.
Allerdings konnte keines der Bücher, die er folgen ließ, auch nur ansatzweise wieder für derartige Furore sorgen, worüber er – wie er nicht müde wird zu betonen – sehr, sehr, sehr froh ist. Denn sie verschafften ihm im Gegensatz zu seinem Erstling, in dem seine Doktorarbeit über die italienische Frührenaissance eingeflossen war, die Professur, die er noch heute innehat und nicht zuletzt auch die wenngleich oft zähneknirschende Anerkennung seiner Kollegen.
Der Anfang seiner Karriere als Wissenschaftler – nach dem Überraschungserfolg beim gemeinen, mithin nur durchschnittlich gebildeten Leser – war nicht ohne herbe Niederlagen gewesen. Je dynamischer sich das Büchlein international verkaufte, umso vergrätzter reagierten viele Kollegen.
Häme, sowie der platte Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit ohne diese Behauptung auf Nachfrage belegen zu können, bildeten nur eine Front der Angriffe, denen sich Rotenbaum ausgesetzt sah. Hinzu kam allen Ernstes der Einwand, dass ein Text, den jeder versteht und der nicht über tausend Fußnoten verfügt, für eine akademische Debatte nicht qualifiziert sei. Der dezente Hinweis, dass genau diese Belege für die Fachwelt Punkt für Punkt überprüfbar in der Dissertation selbst zu finden seien, wurde stillschweigend übergangen. Nach solchen Attacken wäre eine universitäre Karriere in der Regel zu Ende gewesen, bevor sie überhaupt begonnen hatte. Doch Rotenbaum besaß auch einige wenige Fürsprecher – nicht zuletzt in der SFU –, die ihm den Rücken stärkten und ihn ermunterten, seine Arbeit fortzusetzen.
Anders als die agile, dynamische, wieselflinke Frau Professor Meltendonck, hat sich Sebastian G. Rotenbaum – kaum war er in Amt und Würden und soweit es ihm das durch das enge Korsett des akademischen Betriebs möglich war – Schritt für Schritt zwar nicht aus der Forschung, wohl aber aus der Lehre zurückgezogen. Von den für andere Professoren üblichen akademischen Verpflichtungen, Sitzungen, Komitees, Prüfungsausschüssen etc. war er befreit. Und die studentischen Ergüsse landeten auch nicht zur Korrektur auf seinem Schreibtisch, sondern wurden direkt an seine HiWis und Assistenten verteilt. Deppen wie mich. Eine normal agierende Universitätsleitung hätte jeden anderen, der derartige Sonderwege für sich in Anspruch genommen hätte, in die Schranken gewiesen oder kurzerhand vor die Tür gesetzt.
Doch Rotenbaum wusste schon früh, wie weit er gehen konnte und er war stark genug, einmal eroberte Privilegien nicht mehr herzugeben. Und ich behaupte, es gibt weltweit keine Uni, die ihm diese Freiräume heute nicht einräumen würde, nur um sich im Glanz seines Namens sonnen zu dürfen, nachdem es heute auch unter Fachkollegen kaum noch jemand wagt, ernsthaft an seiner Reputation zu kratzen.
Inzwischen wissen die meisten Universitäten der Welt nämlich, dass es ihnen umso besser geht, je prominenter die Köpfe sind, die sich für sie aus dem Fenster lehnen. Da braucht es nicht einmal einen Nobelpreis, den es in unserer Disziplin – wie auch in vielen anderen – ohnehin nicht gibt.
Wer immer in der SFU das Zepter in die Hand bekam und Präsident oder Fakultätsleiter wurde, kam bereits wenige Tage nach der Ernennung persönlich bei Rotenbaum vorbei, nur um die Beibehaltung des Sonderstatus seiner Durchlaucht, Professor G-Punkt zu bestätigen.
Und ich gehöre zu den wenigen Menschen, die ihn duzen dürfen!
Sebastian!
Sebbel – wir befinden uns schließlich in Franken – wie ich ihn manchmal nennen darf, wenn wir einen im Tee haben. Sebbel sollte wohlgemerkt nicht mit dem vulgären bayerischen Seppel verwechselt werden. Für alle jenseits des Weißwurstäquators: Sepp kommt von Josef.
Es sieht so aus, als hätte der kleine Leon einmal in seinem traurigen Dasein Riesenschwein gehabt. Denn ich habe bei Rotenbaum einen Stein in Brett. Warum er ausgerechnet einen Loser wie mich überhaupt in seinen kleinen exklusiven Hofstaat aufgenommen hat – darüber kann ich nur Vermutungen anstellen.
Was aber noch unbedingt notwendig ist, um des Professors Bild zu vervollständigen, ist der Hinweis, dass sich seine akademischen Freiheiten keineswegs nur durch seine Berühmtheit erklären lassen. Oder um es drastischer zu sagen, sein Ruhm beruht nicht nur auf dem Erfolg von Dantes Höllentrip, dem Buch, mit dem er der Welt eine neue Sicht auf die Renaissance geschenkt hat. Er beruht auch nicht ausschließlich auf den anderen Publikationen, mit denen er die Versöhnung der Geschichte mit den Geschichten in der Literaturwissenschaft etabliert hat. Sondern er basiert nicht zuletzt auch auf gewissen physiologischen Besonderheiten, die ihn auszeichnen.
Kurz: Er ist ein Krüppel.
Das sind nicht meine Worte. So spricht er selbst von sich.
Leute, die nicht wissen, was mit ihm los ist, denken oft, er sei ein Zwerg. Aber das stimmt nicht. Die Sache ist komplizierter.
Im Netz ist von ihm oft als dem Stephen Hawking von Erlangen die Rede. Doch auch das trifft es nicht.
Er leidet unter einer speziellen Form der thanatophoren Dysplasie. Man muss es Glück im Unglück nennen, dass sich diese genetisch bedingte Krankheit bei ihm nicht, wie bei den meisten anderen, auf eine Degeneration der Wirbelsäule ausgewirkt hat. Arme, Rumpf und Kopf sind bei ihm weitestgehend normal entwickelt. Wobei er schon einen auffallend massigen Quadratschädel sein Eigen nennt.
Lediglich die Beine weisen eine extreme Verkürzung auf, die es ihm unmöglich macht, normal zu laufen.
„Ich bin der einzige Mensch, dessen Schwanz länger ist als seine Beine“, pflegt er in diesem Zusammenhang gerne zu sagen.
Seit Jahren bewegt er sich in der Öffentlichkeit hauptsächlich mit einem speziell für ihn konstruierten Rollstuhl vorwärts. Deshalb der Vergleich mit Hawking. Im Grunde aber versucht er es zu vermeiden, seine Burg überhaupt verlassen zu müssen. So hält er beispielsweise die Pflichtvorlesung und das Seminar, die er pro Semester gibt, dank moderner Technik und einer Sondergenehmigung der Uni-Leitung von zu Hause aus ab.
Die Studenten, die sich einen der streng limitierten Plätze erobern konnten, dürfen ihren Professor G-Punkt live auf einem Monitor bewundern, während er in seiner Bude hockt und seinen Text abspult. Nicht, dass sich der lernwillige Nachwuchs zu Hause oder im Café oder wo auch immer aufhalten und ihm auf dem Tablet oder gar einem Smartphone zuhören dürfte. Nein, so fortschrittlich wollen wir an der SFU nun doch nicht sein. Schließlich könnte sich ja möglicherweise Wer-weiß-wer in das wertvolle, höchst exklusive Wissensgut hacken, unerlaubt mithören oder sogar den Redefluss sabotieren. Wo kämen wir da hin? Nein, das Ganze läuft natürlich ausschließlich über den Server der Universität und wird nur in den Vortragssaal oder den Seminarraum übertragen.
Dr Crıme:
Tut mir leid, wenn ich schon wieder dazwischenfunken muss. Aber zum einen kommt es mir so vor, als würde unser junger Proband seine Aufzeichnungen für irgendwelche Aliens verfassen.
Wer bitte kennt Sebastian G. Rotenbaum nicht?
Und wem zum Teufel muss man seine Behinderung erklären?
Dass die Rotzlöffel ihn Professor G-Punkt nennen, ich vermute, Leon ist da nicht der einzige, war mir allerdings neu. Zum anderen: Auf die Idee, dass auch der Server der SFU selbst für minderbegabte Hacker nur eine bescheidene Herausforderung darstellt, darauf kommt der neunmalkluge Chronist natürlich nicht. Doch was soll‘s. Ich halte zugute, dass mein eigener Einwurf an dieser Stelle – um mal eine Floskel zu benutzen, die dem kleinen Schwätzer gefallen würde – auch nicht gerade zielführend ist.
Leon:
Ich wollte also gerade im Institut meine Sachen zusammenpacken, um mich schleunigst zu Rotenbaums Klause zu begeben, da quatschte mich Fräulein Menke von der Seite an und beorderte mich stattdessen ins Allerheiligste. In das Büro von Frau Professor Meltendonck. Fräulein Menke ist das Geschöpf mit der tollen Stimme.
Ich habe eine ganze Weile gebraucht, um zu kapieren, warum die Stimme von allen – und das auch in ihrem Beisein – Fräulein Menke genannt wird. Ich war anfänglich etwas verunsichert. Nicht dass ich was dagegen hätte, wenn diese altmodische, aber hübsche Form, mit der früher unverheiratetes und deshalb oft auch knackiges Gemüse angesprochen wurde, wieder salonfähig werden würde.
Doch nicht jeder kapiert den Witz. Wer zu Zeiten der Neuen Deutschen Welle noch zu jung oder gar nicht auf der Welt war, das soll – wie ich mir habe sagen lassen – die Mehrheit der Weltbevölkerung sein, wird mit dem Namen nur dann was anfangen können, wenn man pop-historische Interessen hat oder schon mal mit einem Tretboot in Seenot war. Kurz, die Stimme heißt mit Nachnamen Menke und das Frollein ist ein Witz für Insider (harhar).
Hin- und hergerissen zwischen Pflicht und Pflicht, arbeitete ich das Naheliegende zuerst ab. Meltendoncks Bürotür öffnete sich, als ich gerade in den Gang bog und Jörg Evers kam heraus.
„Walter“, sagte er und lief mit einem knappen Nicken an mir vorbei. Das war seine Art der Begrüßung und erinnerte mich unangenehm an alte Gymnasialzeiten. Evers gehört zu den Typen, die selbst in einem schlabberigen weißen Laborkittel eine gute Figur abgeben. Kein Wunder, dass die Chefin ihn mag. Er ist etwas kleiner als ich, aber das sind viele, und hat Straßenköter-blonde halblange Haare, in die er sich zu allem Überfluss noch ein paar hellere Strähnchen gefärbt hat, so dass er auch problemlos beim Christopher Street Day mit marschieren könnte. Aber er ist – nach allem, was ich mitbekommen habe – stock-hetero und lässt beim weiblichen Personal nix anbrennen. Also ein Rivale.
Ich klopfte an Frau Professors Tür und trat ein.
„Moment noch, Walter“, sagte sie und kritzelte irgendetwas, das wie sumerische Keilschrift aussah, in einen Block. Evers schien ansteckend auf sie gewirkt zu haben.
Ich sah mich um.
Ihr Büro wirkt erstaunlich unprätentiös und vor allem ziemlich beengt. Das verwundert umso mehr, wenn man weiß, dass sie privat in einem Landschlösschen residiert. Es kursieren unter den Studenten heimlich aufgenommene Fotos von den privaten Behausungen des Lehrkörpers. Meltendoncks Schloss und Rotenbaums Villa rangieren in den Charts ganz oben. Rechts neben ihrer Bürotür stand eine Vitrine, in der sie eine Auswahl ihrer Bücher in allen möglichen Sprachen zur Schau stellte, dazu Urkunden, Auszeichnungen und andere Devotionalien. Neben der Vitrine hing in einem hübschen Rahmen ein altes, fast vergilbtes Plakat, das auch auf den zweiten Blick wie ein Steckbrief aussah:
GESUCHT
das Unbewusste
stand darauf. Zwischen den beiden Zeilen prangte das Konterfei von Sigmund Freud.
„Meines Wissens existieren noch ganze drei Exemplare von diesem Plakat. Weltweit“, sagte sie stolz. Sie war neben mich getreten. „Eins ist in Wien in Privatbesitz, eins in New York bei der Internationalen Psychoanalytischen Gesellschaft und das hier.“
Ich las den in Fraktur verfassten Text, der das Plakat unten abschloss.
„Gastvortrag von Dr. Sigmund Freud am 13. September 1925 in der Friedrich-Alexander-Universität, Erlangen. Beginn 4 Uhr nachmittags, ct.“
„Der Vortrag wäre auch ohne diese vielleicht etwas fragwürdige ‚Reklame‘ sehr gut besucht worden. Wie es heißt, musste die Fakultät auf den größten Saal ausweichen, der damals in der Uni so kurzfristig zur Verfügung stand, die Aula im Schloss …“
„Friedrich-Alexander-Universität …?“, fragte ich.
„So hieß unsere Uni nach ihren Gründern bis 1968. Freud musste in hohem Alter auf sehr demütigende Weise mit seiner Familie nach dem Anschluss Österreichs durch Nazi-Deutschland emigrieren.“ Sie malte beim Wort Anschluss mit den Fingern Gänsefüßchen in die Büro-Luft. „Bekanntermaßen verbrachte er seine letzten Jahre in England. Nach dem Krieg kam eine der engsten Gefolgsfrauen seiner Tochter Anna Freud, die für die Psychoanalyse ähnlich viel getan hat wie ihr Vater, nach Erlangen. Das war Christa Schwarzer, die als junges Mädchen in England noch beim alten Freud persönlich eine Analyse gemacht hat, die Anna Jahre später kurzerhand zur Lehranalyse deklariert hat. Anna hat die Sitzungen mit Christa im Nachhinein akribisch aufgearbeitet. Die Tochter hat sich damit zu einer Art Supervisorin ihres Vaters erklärt. Ob Freud damit einverstanden gewesen wäre?“
Sie sah mich fragend an. – Woher soll ich das wissen, dachte ich, sagte aber nichts und zuckte nur mit den Schultern. So ist das mit den Psycho-Aktivisten. Jedes winzige Detail geht über die vordergründige Aussage hinaus, was mich an bestimmte Methoden meines eigenen Fachgebiets erinnert. Nix kann so stehen bleiben, wie es mal geschrieben wurde.
„Man sagt jedenfalls, dass Christa Schwarzer Freuds Tochter dazu inspiriert hat, sich auf die Analyse von Kindern zu spezialisieren. Trotz des Altersunterschieds blieben sie lebenslang Freundinnen. Angesichts der vielen Eifersüchteleien innerhalb der psychoanalytischen Forschung ist bereits das ein kleines Wunder! Christa jedenfalls warf sich ganz auf die Traumforschung und machte sie zu ihrem Lebensinhalt. Sie hat unser Institut ins Leben gerufen. Sie war, was sage ich, sie lebt ja noch … Sie ist eine Frau, die es trotz der vielfältigen Widerstände, denen Frauen damals im akademischen Leben ausgesetzt waren, ausgezeichnet verstanden hat, Einfluss zu bekommen und auszubauen. Und letztlich ist es ihr zu verdanken, dass sich die Universität in den späten 60er-Jahren dazu durchrang, die alten Fürsten auf den Müll der Geschichte zu werfen und sich umzubenennen …“
„Wegen dieses einen Vortrags?“ Ich tippte unter dem missbilligenden Blick der Meltendonck auf das Glas, unter dem das obskure Fahndungsplakat, das keines war, an der Wand hing.
„Nicht nur. Ohne die Energie, die unsere Institutsgründerin investiert hat, wäre es nie dazu gekommen. Vor allem aber kam die Wahl des neuen Namens zu einer Zeit, als die Deutschen endlich anfingen, sich ihrer historischen Verantwortung angesichts des Holocaust bewusst zu werden. Trotzdem gab es viele Widerstände, und glauben Sie mir, noch heute gibt es Kollegen, die nichts dagegen einzuwenden hätten, die Markgrafen wieder in Amt und Würden zu setzen. Ohne diesen Herrschern ihr historisches Verdienst um die Gründung unserer Alma Mater absprechen zu wollen, so wie es jetzt ist, finde ich es besser.“
„Trotzdem – das Plakat wirkt wie ein Steckbrief.“
„Damals konnte keiner wissen, dass Freud vierzehn Jahre nach seinem Gastvortrag verfolgt und aus dem Land gejagt werden würde. Aber Sie haben auch aus heutiger Sicht nur zum Teil Recht.“
Ich starrte sie fragend an. Ich lasse mir gerne etwas beibringen, besonders von schönen, starken Frauen.
„Genau darum ging es damals. Und genau darum geht es auch heute. Gesucht: Das Unbewusste! Wir suchen das Unbewusste. Es ist der Schlüssel zu unserer Existenz. Ich rede gar nicht von der Seele. Das hat man früher gesagt. Mir ist das zu esoterisch. Unser Handeln, Denken und Fühlen wird zu einem großen, wenn nicht sogar zum größten Teil vom Unbewussten gesteuert, beeinflusst. Der freie Wille – manche sagen ja, den gäbe es überhaupt nicht. So weit gehe ich nicht, aber dennoch, der freie Wille ist nur ein kleines, zierliches, oft kaum lebensfähiges Pflänzchen im undurchdringlichen Dschungel jener Prägungen und Impulse, die uns wirklich bestimmen. Nicht zuletzt bildete dieser Gastvortrag das Ausgangsmaterial für eines der berühmtesten Spätwerke Freuds.“
„Auf der Suche nach dem Unbewussten“, ergänzte ich. Schließlich wollte ich nicht als ungebildeter Wilder vor ihr stehen. Sie sah mich mit einem Blick an, der mir vorkam, als habe sie Röntgenaugen. Ich fühlte mich von ihr bis in die hintersten Winkel meiner schmutzigen Fantasien durchleuchtet und würde mich nicht wundern, wenn mein Gesicht in diesem Augenblick knallrot geworden ist.
„Setzen Sie sich, Walter.“ Sie wies auf einen Stuhl vor ihrem Schreibtisch.
„Sie sind Literaturwissenschaftler, schreiben an Ihrer Dissertation für Professor Rotenbaum. Glückwunsch. Sie gehören zum kleinen Kreis der Auserwählten. Ist Ihnen dieses Glück eigentlich bewusst?“
„A-aber na-natürlich“, stammelte ich.
„Ich werde Ihr Glück noch vollkommener machen.“
Zum ersten Mal schlich sich so etwas wie ein spöttisches Lächeln in ihre Mundwinkel.
„Mein kleiner Vortrag eben hat mir gezeigt, dass die Zusammenarbeit mit einer literarischen Kapazität – sagen wir es so – durchaus befruchtend sein kann.“ Jetzt lächelte sie etwas ausdauernder – und noch eine Spur maliziöser. Es schien ihr tierischen Spaß zu machen, junge Männer, die in ihre Fänge geraten waren, auf eine kaum greifbare Weise zu verunsichern. Wen meinte sie mit der literarischen Kapazität? Doch nicht mich – oder? Doch dann schweiften meine Gedanken ab und ich fragte mich, ob sie auch im Bett gerne die Domina gab. Oder war sie dort lieber devot und unterwürfig? Wie auch immer, unterm Strich verstand ich einfach nicht, was sie mir sagen wollte und dieser Erklärungsnotstand schien mir deutlich anzusehen zu sein.
„Kommen Sie, ich beiße nicht. Schauen Sie nicht so ernst. Ich meinte das so, wie ich es sagte. Sie haben mich eben bei meinem kleinen Spontan-Vortrag durch ihre pure Anwesenheit inspiriert. Natürlich würde ich nicht so weit gehen, von poetischen Formulierungen zu sprechen …“ Sie sah mich mit großen Augen an. Ich schwieg – angemessen beeindruckt.
„Ich bitte Sie! Jetzt sagen Sie nicht, dass ich mit meiner Einschätzung komplett falsch liege. Bitte verderben Sie mir nicht den Tag!“
„Ganz und gar nicht“, warf ich hastig ein. „Aus jedem Ihrer Sätze höre ich nicht nur Ihre Kompetenz, Ihre Professionalität, sondern auch, dass sie äußerst geschickt mit Sprache umgehen können.“ Wenn es eins gibt, das ich gut kann, dann jemanden vollsülzen, der vollgesülzt werden will.
„Gut. Kommen wir zum Geschäftlichen. Ich habe Sie schließlich nicht hergebeten, um vor Ihnen eine Vorlesung für Erstsemester zu halten.“
Sie blätterte in ihren Unterlagen. Offensichtlich war sie nicht im Entferntesten daran interessiert zu sehen, wie ich auf ihren plötzlichen Stimmungswechsel reagierte.
„Ihre Protokolle für Helter Skelter sind zumindest insoweit interessant, dass ich Sie ausgewählt habe, Ihre Träume zu jeder Gelegenheit – also auch bei Ihnen zuhause – festzuhalten. Wir können natürlich keine Geräte in Ihrer Wohnung aufbauen, das wäre zu viel verlangt. Aber Sie sollen noch mehr protokollieren, als Sie es bisher getan haben. Natürlich werden Sie für diesen zusätzlichen Aufwand gesondert honoriert.“
Sie sah auf und nannte eine Zahl, bei der es mir für Sekunden den Atem verschlug. Ich nickte.
„Prima“, fuhr sie fort. „Sie haben sicher ein Smartphone?“
Ich bejahte mit einem stummen Nicken.
„Ich habe hier einen QR-Code – äh …“ Sie blätterte hastig durch die Papiere. „Ich sollte hier eigentlich einen QR-Code für eine App haben, die Sie sich aufs Handy laden. Sie legen es dann ab sofort, wenn Sie schlafen, neben Ihr Bett auf Ihr Nachttischchen.“
Pulsuz fraqment bitdi.