Kitabı oxu: «Schauplatzwunden»

Şrift:

Ludwig Laher

SCHAUPLATZWUNDEN

Über zwölf ungewollt verknüpfte Leben


Ludwig Laher

SCHAUPLATZWUNDEN

Über zwölf ungewollt verknüpfte Leben


Gedruckt mit Unterstützung der Kulturabteilung des Landes Oberösterreich, der Stadt Wien, Kultur, des Zukunftsfonds der Republik Österreich und des Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus.


Laher, Ludwig: Schauplatzwunden / Ludwig Laher

Wien: Czernin Verlag 2020

ISBN: 978-3-7076-0707-9

Die Orthographie entspricht weitgehend der alten Rechtschreibung.

© 2020 Czernin Verlags GmbH, Wien

Lektorat: Karin Raschhofer-Hauer

Autorenfoto: Reinhard Winkler

Umschlaggestaltung: Mirjam Riepl

ISBN Print: 978-3-7076-0707-9

ISBN E-Book: 978-3-7076-0708-6

Alle Rechte vorbehalten, auch das der auszugsweisen Wiedergabe in Print- oder elektronischen Medien

Inhalt

Einbegleitung

Auleitner, Alois

Blach, Amalia

Bogner, Johann

Haas, Rudolf

Haller, Edmund

Hamberger, Gottfried

Huber, Josef

Mayer, Josef

Neuwirth, Josef

Rosenfels, Albine

Steffl, Ludwig

Steininger, August

Nachschrift

Anmerkungen

Ich war überzeugter Nationalsozialist und bin es im Grunde genommen heute auch. Man kann uns ja außer dieser Judengeschichte gar nichts nachweisen. Es ist ja nur Gutes geschehen. (Stefan Schachermayr, Ex-SA-Obersturmführer und Gauinspekteur von Oberdonau außer Dienst, 2005)

Was wir da alles mitmachen haben müssen. Ich sag halt immer, die hätten sie irgendwo hintun sollen, wo sie abgeschlossen gewesen wären, nicht? Wo niemand nichts gesehen hätte, wo niemand dieses Leid und dieses Dings gesehen hätte. Irgendwo versteckt. Aber wir haben da alles mitmachen müssen.

(Eine namentlich bekannte Zeitzeugin, deren Bauernhof direkt gegenüber dem Lager Weyer situiert war, 1985)

Einbegleitung

In diesem Buch will ich von etlichen Menschen berichten, die unterschiedlicher nicht sein könnten und auf den ersten Blick nichts gemeinsam haben. Alt Gewordene und jung Gestorbene werden darin aufgerufen, etwa ein Jurist mit erstaunlicher Berufskarriere oder ein Säugling, der lediglich vier Wochen leben darf, und das im Elend. Sie stammen aus einfachen oder aus begüterten Verhältnissen, auch ihr kultureller Hintergrund differiert zuweilen beträchtlich.

Der Zufall, besser gesagt die reine Willkür derer, die sich berechtigt sehen, über andere nach Belieben zu verfügen, verknüpft sie ohne Ausnahme für eine Weile mit ein und derselben Adresse, obwohl der wohlbestallte Bauer und Grundbesitzer aus Kirchschlag im dem Reichsgau Oberdonau angegliederten Südböhmen hoch über einem Moldauknie, heute Světlík in Tschechien, dem auffällig gewaltaffinen Fleischhauer aus dem oberösterreichischen Prambachkirchen sonst kaum je einmal begegnet wäre, jedenfalls nicht auf diese fatale Weise. Und so gut wie niemand von ihnen wäre nur Wochen davor auf die Idee gekommen, jemals mit dem abgelegenen winzigen Weiler Weyer am Rand des ausgedehnten Weilhartforstes bei Braunau am Inn in Verbindung gebracht zu werden.

Überwiegen auf den folgenden Seiten wie in der Wirklichkeit von damals sollen jene, deren Sterbeurkunde die ominöse Adresse beinhaltet, die aus Rache oder wegen der schlimmen gesundheitlichen Folgen des Aufenthaltes dort samt dem Nachspiel Mauthausen ihre Entlassung nicht lange überleben, die von Weyer über andere Lager einzeln in den gewaltsamen Tod gehen oder im Sammeltransport direkt zur Vernichtung deportiert werden, weil anderswo effizienter gemordet werden kann. Es braucht eben nur wenige, um viele zu beaufsichtigen, auszubeuten, leiden zu lassen, aktiv zu quälen, zur Befriedigung sadistischer Gelüste gegebenenfalls gar totzufoltern, sofern die wenigen gut bewaffnet sind, das Lagergelände ausreichend befestigt ist und solches Vorgehen sich als politisch erwünscht erweist.

Doch geht es diesem Buch ganz bewusst nicht nur um behutsam literarisierte, wenngleich reale Biographien der sogenannten Opfer, exemplarisch wird auch bei den Tätern vorbeigeschaut sowie bei Leuten, die weder der einen noch der anderen Gruppe angehören und doch nachhaltig in jene Geschehnisse verwickelt sind, denen sich mein Vorhaben verdankt.

Als nüchterne Gliederung soll mir das Alphabet dienen. Bunt durcheinandergewürfelt, gereiht nach den zufälligen Anfangsbuchstaben ihrer Nachnamen, werden die Menschen hier vorgestellt. Dass daraus dennoch statt Stückwerk ein großes, beziehungsreiches Ganzes entstehen möge, ist mir gestalterische Herausforderung. Vorwiegend handelt es sich bei den Ausgewählten übrigens um Männer und Kinder, denn deren Anzahl dominiert unter denen, die leiden, oft sterben müssen, beträchtlich. Die Täter wiederum rekrutieren sich ohnehin ausnahmslos aus den selbsternannten Herren der Schöpfung.

Anfang des Jahrtausends legte ich einen dokumentarischen Roman zum gleichen Thema vor, dessen Erfolg bei Kritik und Publikum auf der Recherchequalität, seiner konsequent radikalen Sprache und wohl auch auf der Tatsache gründete, dass es der kollektiven Erzählfigur nicht vergönnt war, sich in der ameisenartig utilitaristischen Welt nationalsozialistischer Prägung länger bei einzelnen Menschen aufzuhalten, gar richtige Protagonistinnen, Protagonisten aufzubauen. Helden, wenn man dieses Wort verwenden will, Helden sind in Herzfleischentartung die Strukturen der Barbarei, im Rahmen derer einzelne, sofern sie nicht zur obersten Machtelite zählen, keine besondere Rolle spielen.

Wenn nun in diesem Komplementärunternehmen konkreten Menschen nachgespürt wird, so versteckt sich dahinter keineswegs die Absicht, meinen ursprünglichen Ansatz zu korrigieren, ganz im Gegenteil. Die Porträtierten, selbst wenn sie in Ausnahmefällen Befehlsgewalt ausübten oder sich, soweit möglich, auflehnten gegen Unrecht und Terror, bleiben auch diesmal in erster Linie Spielbälle der Verhältnisse, Nutznießer die einen, Leidtragende die anderen, problematisch Eingebundene die Dritten. Alle zusammen erweisen sie sich als einigermaßen beliebige Versatzstücke des gesellschaftlichen Durchbruchs einer ebenso absurden wie stringenten Schreckensherrschaft. Das relativiert, entschuldigt nichts, aber die Begriffe Schuld und Unschuld, Gut und Böse stehen weniger im Mittelpunkt meines Interesses als die komplexe, zum damaligen Zeitpunkt und weit darüber hinaus nicht nur für die meisten direkt Betroffenen undurchsichtige Gemengelage, die solch Entsetzliches zuließ und sich auch dem Leser, der Leserin nur häppchenweise erschließen soll.

Es hätte eines beträchtlichen, eines schmerzhaften Aufwandes bedurft, nach dem Wiedererstehen der Republik Österreich wirklich Licht in die zahllosen Dunkel zu bringen, von denen dieses hier meiner Überzeugung nach besonders viele bedenkenswerte Facetten aufweist. Dass darauf im großen und ganzen verzichtet wurde, ist heute allgemein bekannt und bis zu einem gewissen Grad auch nachvollziehbar. Welche Langzeitfolgen damit bis in die unmittelbare Gegenwart verbunden sind, wird immer noch sträflich unterschätzt.

Aus Respekt vor den Opfern, Leuten wie du und ich, und jenen wenigen, denen die Verfolgten auch in äußerst gefährlichen Zeiten ein echtes Anliegen waren, bitte ich die einen vor den Vorhang. Anderen, den Tätern, wird schon dieser Vorsatz höchst unangenehm sein, denke ich mir. Solchen Herrschaften wäre es natürlich sehr recht, bliebe wenigstens ihre eigene Geschichte ausgespart. Diese Freude will ich ihnen nicht machen.

Zweifellos helfen das auch nachträglich geringe gesellschaftliche Gewicht ihres monströsen Fehlverhaltens und die erbärmliche Kumpanei angesehener Institutionen mit den angeblich einer Siegerjustiz ausgelieferten Mördern etlichen von ihnen dabei, sich lange erfolgreich distanzieren zu können, oft auch geographisch. Das Die-Sau-Rauslassen begreifen sie bald nur mehr als ferne Episode ihres Lebens.

Damit soll jetzt Schluss sein. Ich gehe ihnen nach, wenn es sein muss, bis ans andere Ende der Welt. So spannt sich der räumliche Bogen vom abgelegenen Fleckchen in einem verschlafenen Winkel des oberösterreichischen Innviertels ganz selbstverständlich bis hin nach Italien und Syrien, sogar bis über den großen Teich in die unabsehbaren Weiten Südamerikas.

Und auch zeitlich geht es zuweilen tief zurück, nicht zuletzt wegen der Inhalte teils prophetischer Schriften eines in Weyer geschundenen Germanisten, dessen Großvater als junger Mann mit Franz Schubert befreundet war. Der Ich-Erzähler meines Buches wiederum ist eindeutig in der Gegenwart angesiedelt, und manches, was ausgebreitet wird, reicht ebenfalls fast an diese heran.

Sie haben es längst bemerkt, ich erlaube mir darüber hinaus ohnehin, alle Gewesenen in eine andersartige, eine zeitlose Gegenwart zurückzuholen, vergegenwärtige sie mir, Ihnen im Wortsinn. Nicht als abgeschlossene Abgelegte will ich sie nämlich begriffen wissen, sondern als unmittelbare Gegenüber, denen ich, wenigstens vom Ansatz her, ein mir letztlich nur ausschnitthaft zugängliches Eigenleben und ein gewisses Mitspracherecht zubillige. Ich bin jedenfalls bereit, mich auf sie einzulassen. Nichts ist vergangen.

Es ist wichtig, beim Lesen stets mitzubedenken, dass vielen der handelnden Personen die in der folgenden Prosa umfassend aufgeschlüsselten, für sie relevanten Zusammenhänge oft bis an ihr Lebensende ganz oder in Teilen unbekannt bleiben. Einen weitgehenden Überblick habe nur ich, haben nach der Lektüre aber auch Sie, selbst wenn sich nicht alle Lücken schließen lassen.

Ob sich eins zu eins wiederholen könnte, was Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts einen trotz aller vorangegangenen Greuel beispiellosen Zivilisationsbruch ausmachte, ist eine müßige Überlegung. Außer Frage steht für mich, dass leider keine evolutionären Schutzmechanismen vorgesehen sind, die den Homo sapiens vor ähnlichen Eruptionen dauerhaft feien würden.

Die einst mit einer nach wie vor gültigen Adresse in Weyer tragisch Verknüpften stehen daher gut und gern auch für jene, die heute an verschiedenen Ecken und Enden emsig ihren Geschäften nachgehen oder, gerade einmal eingetroffen auf diesem Planeten, gesäugt werden und irgendwann in der Zukunft womöglich in einen vergleichbaren Spiralstrudel geraten, ihn gar mitverursachen könnten, den rechtzeitig abzuwenden jede Generation neu aufgerufen ist. Dafür bedarf es freilich eines gesellschaftlichen Sensoriums ausreichend vieler mit historischem Wissen ausgestatteter, sprachlich sensibler und vor allem herzensgebildeter Individuen, die konsequent davon Abstand nehmen, analog wie digital mit den Wölfen zu heulen.

Auleitner, Alois

Der adrett gescheitelte, ausgesprochen fesche Knabe im zeittypischen Matrosenanzug hat gegen Ende der Zwanzigerjahre auf einem gepolsterten Bugholzsessel Platz genommen. So richtig wohl scheint er sich in dieser fremden Umgebung aber nicht zu fühlen. Aller Wahrscheinlichkeit nach sitzt er in einem professionellen Photostudio. Minutenlang hat man ihn ins beste Licht zu rücken versucht, seine Haltung bis ins Detail korrigiert. Vor sich auf den Knien ein geöffnetes Büchlein, blickt Alois Auleitner ernst in die Kamera und hält sich still. Sein Vater Jakob, ein Magazineur, ist dreiundzwanzig Jahre älter als seine Frau Maria. Ich stelle mir vor, er wird gehörigen Stolz für seinen späten Nachwuchs empfinden, wenn er diese Aufnahme zum ersten Mal in der Hand hält.

Nach der Schule durchläuft das Kind eine kaufmännische Lehre, wird Handelsangestellter, wechselt in der zweiten Hälfte der stürmischen Dreißiger zur Eisenbahn. Ein sicherer Arbeitsplatz bei einem Staatsbetrieb ist in wirtschaftlich schwierigen Zeiten Gold wert. Als der Säugling Alois im Mai 1916 in Ried im Innkreis geboren wurde, schaute es auch nicht besser aus, ganz im Gegenteil. Der Weltkrieg tobte, der Zerfall Österreich-Ungarns, die verheerende Spanische Grippe, Hunger, Not, Geldentwertung standen unmittelbar bevor.

Erneut hat Auleitner einen Termin im Atelier des Photographen, er nimmt dieselbe Haltung ein wie damals: Viertelprofil von rechts, Kopf dem Betrachter zugewandt. Diesmal aber trägt der smarte, wohlgenährte junge Mann, vor kurzem erst großjährig geworden, bilde ich mir ein, einen eleganten, perfekt sitzenden schwarzen Anzug mit weißem Stecktuch, ein weißes Hemd und Krawatte. Er lächelt sogar, eher schüchtern als selbstgewiss.

Als er im November 1939 für den Kriegsdienst registriert wird, hat Alois Auleitner gerade die Liebe seines kurzen Lebens kennengelernt. Theresia ist zweieinhalb Jahre älter als er und gelernte Damenschneiderin. Was für ein Glück, dass Eisenbahner kriegswichtig sind und vorläufig nicht fürchten müssen, an die Front geschickt zu werden.

Doch schon im Juli 1940 macht die Deutsche Reichsbahn dem jungen Paar, das an Heirat denkt, einen dicken Strich durch die Rechnung. Von einem Tag auf den anderen versetzt man Auleitner nämlich zum Gleisbauzug in die soeben vom besiegten Frankreich annektierte Saarpfalz, einen Landstrich im Norden Lothringens. Noch im selben Jahr wird die ganze Region in Westmark umbenannt werden. Ostmark, Westmark, damit ist eigentlich alles gesagt, von einem Ende des Reiches ans andere schickt man den Lois um des in atemberaubendem Tempo immer größer werdenden Ganzen willen. Er wird seine Resi in Zukunft wohl nur noch sehr selten zu Gesicht bekommen.

Widerwillig tritt er die lange, umständliche Reise an, erhält in Hundlingen, einem kleinen, auf den ersten Blick gesichtslosen Nest, sein Quartier zugewiesen, wird eingekleidet. Am nächsten Tag soll er zum Dienst erscheinen, doch da sitzt Auleitner schon im Zug zurück ins Innviertel. Die unmittelbare Ursache für seine spontane Entscheidung lässt sich beim besten Willen nicht mehr rekonstruieren. Ist es bloß die Sehnsucht nach Theresia, das verdammte Heimweh? Über die möglichen Folgen seines Tuns dürfte der junge Mann sich jedenfalls nicht ausreichend informiert haben. Daheim möchte er sich zur Eisen- und Metallverarbeitungsfachkraft ausbilden lassen, sagt er, als er wieder in Ried ist.

Es ist noch nicht lange her, dass das generelle Verbot eines Arbeitsplatzwechsels ohne Zustimmung des Arbeitsamtes in Kraft trat. Schnell spricht sich Auleitners unerlaubte Entfernung vom Dienstort bis zum Bürgermeister von Ried durch. Reiner Zufall, aber ausgesprochen praktisch, dass nahezu zeitgleich im äußersten Südwesten des Reichsgaus Oberdonau dicht an der überwundenen früheren Staatsgrenze zum Altreich ein zweckmäßiges Arbeitserziehungslager für asoziale Elemente seine Pforten öffnet.

SA-Obersturmbannführer Franz Kubinger, der kürzlich ernannte Gaubeauftragte für Arbeitserziehung, beehrt sich, diese segensreiche Einrichtung allen Bürgermeistern anzeigen zu dürfen: »Eingeliefert können solche Volksgenossen werden, die die Arbeit grundsätzlich verweigern, die dauernd blaumachen, am Arbeitsplatz fortwährend Unruhe stiften oder solche, die überhaupt jede Annahme einer Arbeit verweigern, obwohl sie körperlich dazu geeignet sind. Sie müssen aber alle das 18. Lebensjahr erreicht haben. Nur Fälle krimineller Natur können hieramts nicht behandelt werden. Ich bitte aber zur Kenntnis zu nehmen, daß im Erziehungslager schwere körperliche Arbeit geleistet werden muß. Die bekannten Speckjäger, also ausgesprochene gewohnheitsmäßige Bettler, sind unerwünscht, weil diese zu einer Arbeit nicht taugen.«

Gauleiter August Eigruber hat es sich in den Kopf gesetzt, dem in raschem Aufbau begriffenen, quasi exterritorialen KZ-Imperium Heinrich Himmlers eine regionale Infrastruktur zur Seite zu stellen, die in bescheidenerem Rahmen, aber ähnlich brutal, für Angst und Schrecken unter der Bevölkerung sorgen soll und lokale NS-Funktionäre in die Lage versetzt, unliebsame Zeitgenossen bequem loszuwerden. Nicht die elitäre SS, sondern die etwas ins Abseits geratene, bodenständigere SA hat in Weyer-Sankt Pantaleon das unumschränkte Sagen.

Bald schon werden Dutzende KZ-Außenlager von Mauthausen überall im Land wie Pilze aus dem Boden schießen, momentan ist davon aber erst ein einziges, Gusen, in Betrieb. Weyer-Sankt Pantaleon gehört also zu den frühesten Terrorstätten im Heimatgau des Führers.

Derweil zieht die Deutsche Reichsbahn im Fall Alois Auleitner die erwarteten dienstrechtlichen Konsequenzen. Auch sein UK-Status wird widerrufen, er ist also nicht länger unabkömmlich. Das heißt im Klartext: Bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit wird er zur Strafe für sein Verhalten in den Krieg geschickt werden.

Bürgermeister Rudolf Pospischek aber schwebt anderes vor. Dieses disziplinlose Früchtchen, womöglich gar ein gemeiner bolschewistischer Saboteur wie viele unter den Eisenbahnern, will er auf keinen Fall so billig davonkommen lassen. Schriftlich drückt das Stadtoberhaupt gegenüber dem Vorstand des Reichsbahnhofes Ried seine feste Überzeugung aus, der Arbeitsplatzflüchtling Alois Auleitner sei nicht würdig, den Ehrenrock eines deutschen Soldaten zu tragen. Er halte es, lässt er verlauten, unter diesen Umständen für dringend geboten, Auleitner umgehend in das Arbeitserziehungslager Weyer-Sankt Pantaleon einzuweisen. Postwendend setzt Pospischek die dafür erforderlichen Schritte. Erwartungsgemäß hat er Erfolg.

Sicherlich macht sich Alois Auleitner bei seiner Festnahme nicht im entferntesten einen Begriff davon, was ihn jetzt als drakonische Vergeltung für sein Vergehen erwartet, nämlich ausbeuterische Zwangsarbeit im Freien von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, zu jeder Jahreszeit, bei jedem Wetter, sechs Tage die Woche. Miserabel ausgerüstet, mit gewöhnlichen Holzpantoffeln und viel zu leichter Bekleidung selbst bei Eis und Schnee, sind die Internierten angehalten, die brachliegenden Flächen des Waidmooses und des Ibmer Moores zu entsumpfen, an deren Stelle zweihundertfünfzig neue Bauernhöfe entstehen sollen. Das schnell wachsende Herrenvolk muss satt werden.

Zunächst geht es darum, die Moosach zu regulieren. Sie bildet hier eine natürliche Grenze zwischen Salzburg und Oberdonau und entwässert die ausgedehnte Hochmoorlandschaft. Statt der vielen Mäander ist ein schnurgerader Flusslauf vorgesehen, bis zu sieben Meter unter der Geländekante und ausgekleidet mit Mauthausener Granit. Ursprünglich hat schon der verblichene Ständestaat dieses Projekt in Angriff genommen, allerdings etwas bescheidener dimensioniert. Was damals als Arbeitsplatzbeschaffungsmaßnahme gedacht war, ist jetzt im Krieg nur noch mit Zwangsarbeitern und einigen wenigen Wasserwirtschaftsfachkräften durchführbar.

Erbarmungslose körperliche Züchtigung gehört ebenso zum inoffiziellen Repertoire der Erziehungsmaßnahmen wie mangelhafte Ernährung. Zeitweise ist jede Form von Unterhaltung zwischen den Lagerinsassen ausnahmslos untersagt, selbst in der kargen Freizeit. Nur gegenüber dem Aufsichtspersonal darf man dann den Mund aufmachen. Wer allerdings glaubt, es müsste den Machthabern daran gelegen sein, möglichst wenig Aufhebens um solche Orte sadistischer Entwürdigung harmloser Mitbürger zu machen, verkennt einen wesentlichen Teil ihres Sinns und Zwecks.

Denn die bald drei Dutzend Lager allein in Oberdonau sind nicht zuletzt als äußerst wirksame Drohgebärde gegenüber breiten Bevölkerungsschichten zu verstehen: Jedem von euch kann es jederzeit genauso ergehen, heißt die Botschaft. Inmitten der in Reih und Glied marschierenden Häftlingskolonne wird Alois Auleitner mit geschultertem Spaten frühmorgens etliche Kilometer zur Zwangsarbeitsstätte geführt werden, auch durch das einige hundert Einwohner zählende Bauerndorf Sankt Pantaleon selbst. Auf dem Hin- wie auf dem abendlichen Rückweg müssen die Ausgepumpten, womöglich gar nach einer der beim Wachpersonal beliebten Scheinertränkungen im Fluss, flotte Nazilieder schmettern. Wer beim besten Willen nicht mehr weiter kann, auf den hetzt man einen der Schäferhunde, oder er wird schon einmal mitten auf der Straße totgeprügelt, bis ihm das Blut aus dem After quillt. Wehe, ein Passant riskierte es, sich einzumischen.

Keiner von Auleitners Mitgefangenen hat etwas verbrochen, die Einweisung Krimineller ist ja ausdrücklich verboten. Er wird manche Leidensgefährten gewaltsam sterben sehen müssen. Bei jedem Aufstehen hat er einzukalkulieren, dass er die kommende Nachtruhe selbst nicht mehr erleben wird. Wofür um alles in der Welt? Zweifellos hat er einen Fehler begangen, eine Rechtsvorschrift gebrochen, wissentlich, unwissentlich. Dafür ist in einem Rechtsstaat eine Sanktion zu erwarten, und wenn sie zu hart ausfällt, lässt sich dagegen berufen.

Rechtsstaat, das war einmal. Gleich nach seiner Einlieferung wird der Neuankömmling dem Lagerkommandanten SA-Obertruppführer August Steininger vorgeführt. Der herrscht ihn an, gefälligst strammzustehen. Nach dem ersten gezielten Faustschlag mitten in sein Gesicht dämmert es Alois wohl schnell, dass hier absolute Gesetzlosigkeit herrscht. Es steht ganz im Belieben der Rohlinge in brauner Uniform, wer wann wieder entlassen wird, wer wie lange überleben darf und wer gar nicht.

Alois Auleitner kommt augenscheinlich nicht für eine vorzeitige Entlassung in Frage. Die Monate vergehen, die Kräfte schwinden. Seine Theresia ist jetzt unendlich viel weiter weg, als sie das im lothringischen Hundlingen je hätte sein können. Hält der Gedanke an die Liebste den Lois aufrecht, oder hat er sich innerlich längst aufgegeben?

Dann und wann gelingt es dem Lagerarzt, selbst NSDAP-Mitglied und einflussreicher Gemeinderat im Ort, schwerst Erkrankte oder lebensgefährlich Misshandelte mit seinem Privatauto in eines der umliegenden Krankenhäuser bringen zu dürfen. Die Folterknechte fühlen sich absolut sicher, kein Arzt wird trotz des eindeutigen Verletzungsbildes mancher Patienten den Mut aufbringen, etwas gegen die Verursacher zu unternehmen.

In den Spitälern behandelt man die fortgeschrittenen Lungenentzündungen, die massiven Erfrierungen, die klaffenden Platzwunden. Man flickt die fürchterlich Zugerichteten entweder notdürftig wieder zusammen und schickt sie zurück zu ihren Peinigern, oder sie werden als hoffnungslose Fälle still und heimlich auf Friedhöfen in der Stadt Salzburg oder in Laufen an der Salzach gleich drüben im Altreich an der ehemaligen Grenze unter die Erde gebracht.

Am Abend des Heiligen Abends 1940 sind alle Häftlinge im Speisesaal versammelt. Ein Christbaum wird aufgestellt, Kerzen werden daran befestigt, eine Weihnachtsbescherung ist angekündigt. Die fällt allerdings anders aus als erwartet: Das pädagogische Personal hat Order vom urlaubenden Lagerkommandanten, neun ausgewählte Objekte dafür aufzurufen. Sie müssen, einer nach dem anderen, das Gesäß entblößen, werden bäuchlings auf die Sitzbänke geschnallt. Mithäftlinge müssen sie fixieren und ihnen mit Mützen den Mund zuhalten.

Es folgt eine wahre Prügelorgie der zu diesem Zeitpunkt bereits merklich angetrunkenen Wachmannschaft. Ein wenig handfesten Spaß wird man doch noch haben dürfen, wenn man während der höchsten Festtage im Jahr zu arbeiten gezwungen ist. Auf jedes der Opfer, darunter ein erst Siebzehnjähriger, dreschen SA-Truppführer Josef Mayrhofer, SA-Sturmführer Gottfried Hamberger und SA-Oberscharführer Alois Rothenbuchner exakt fünfundzwanzigmal wie verrückt mit dem Gummiknüppel ein. Alois Auleitner ist nicht unter ihnen. Aber er muss eine schreckliche Stunde lang zuschauen.

Von Woche zu Woche erlauben sich die Aufseher mehr, niemand hindert sie offenbar daran, ihre Gewaltphantasien nach Herzenslust auszuleben, im wahrsten Wortsinn ohne Rücksicht auf Verluste. Allein im Monat Dezember bringen sie auf diese Weise drei Zöglinge um. Die Opferzahl hätte aber leicht noch größer sein können.

Einer der ältesten Internierten, längst fix und fertig, bat vor kurzem untertänig darum, sich erhängen zu dürfen. Diese Vergünstigung wollten die Pädagogen dem faltigen Mann mit schlohweißem Haar gerne zugestehen, sofern er sich vorher ein letztes Mal kräftig züchtigen lassen würde. Er willigte ein, wurde zur Abwechslung mit einer Geißel ausgepeitscht und bekam dann vereinbarungsgemäß das Werkzeug ausgehändigt. Zum Gaudium der umstehenden und feixenden Braunhemden riss der Strick. Pech gehabt, eine zweite Chance war nicht vorgesehen. Ferdinand Duböck muss weiterleben.

Doch mit einem Schlag ist kurz vor Silvester alles anders. Ob das gar mit dem kurz zuvor Umgebrachten zu tun hat, einem Mann um die vierzig, der erst am Tag vor Weihnachten angeliefert und seither pausenlos besonders schwer misshandelt wurde? Das Wachpersonal wirkt sichtlich nervös, hält sich jetzt spürbar zurück, der Alkohol fließt nicht mehr in Strömen. Dann erscheinen plötzlich fremde Herren in Anzügen auf der Bildfläche, holen Auskünfte bei der Lagerleitung ein, durchstreifen das ganze Gelände, sichern Spuren.

Am neunten Jänner 1941 wird das Lager Weyer-Sankt Pantaleon totalevakuiert, man treibt die Häftlinge zur Eile an. Ein Teil wird kommentarlos freigelassen und im allgemeinen Chaos einfach weggeschickt, die restlichen einundfünfzig, unter ihnen Alois Auleitner, transportiert man ohne Zielangabe ab. Er hat wie die anderen nicht den Schimmer einer Ahnung, was da gerade abläuft, wohin die Reise gehen soll. Wahrscheinlich denkt er, schlimmer kann es ohnehin nicht kommen. Dass er zu jenen gerechnet wird, die fürs Wegschicken ungeeignet sind, ist andererseits ein Alarmzeichen. Sein letztlich doch recht harmloses Delikt sieht man offenbar als gravierend an, oder man ist Bürgermeister Pospischek im Wort, den Mann auf Dauer wegzusperren, mag kommen, was will.

Es geht Richtung Osten. Den Gefangenen wird ihre Überstellung ins etwa zweihundert Kilometer entfernte Konzentrationslager Mauthausen, das seine endgültigen Dimensionen noch nicht erreicht hat, erst bewusst, als sie nach vielstündiger Fahrt endlich dort eintreffen. Alois Auleitner bekommt die Häftlingsnummer eintausendneunhundertfünfundsiebzig zugewiesen. Jetzt gilt der gerade noch Arbeitsscheue wie alle Schicksalsgenossen aus Weyer auf einmal als politischer Schutzhäftling. Ihn wundert nichts mehr. Es ist jetzt bald ein halbes Jahr her, dass er in die Mühlen des Lagersystems geriet. Er ist vierundzwanzig Jahre alt.

Ausgerechnet ein Organ der Rechtspflege des Dritten Reiches bringt allen einundfünfzig in Mauthausen internierten ehemaligen Weyer-Insassen schon am elften Februar 1941 völlig unerwartet die Freiheit. Bald darauf muss Alois Auleitner als Zeuge im Verfahren gegen das Lagerpersonal Rede und Antwort stehen. Es dürfte ihm ein weiteres Mal schwerfallen, sich einen Reim auf diese Vorgänge zu machen. Kann er bei der Einvernahme auspacken, frei von der Leber weg reden, die Exzesse genau schildern, Namen nennen? Man behandelt ihn korrekt, er wird höflich mit Herr Auleitner angesprochen. Gibt es denn tatsächlich noch so etwas wie eine unabhängige Justiz? Oder ist das alles bloß eine besonders perfide Falle? Wer könnte was damit bezwecken?

Sein Sohn, der den gleichen Namen trägt, wird als schon älterer Herr davon sprechen, der Vater sei in der Folge zur Bewährung einer Strafkompanie zugeteilt worden. Belege dafür habe ich keine. Wohl muss Alois Auleitner umgehend einrücken, wie das schon vor der Intervention des Rieder Bürgermeisters vorgesehen war. Und dass es jemand, der als Politischer direkt aus Mauthausen kommt, in der Wehrmacht nicht unbedingt leicht haben wird, ist gut vorstellbar.

Aber diverse Photographien anlässlich seiner Fronturlaube lassen die vorsichtige Vermutung zu, dass sich sein Schicksal von nun an nur wenig von jenem anderer Wehrmachtsangehöriger unterscheidet. Gealtert ist er sichtlich in diesen Lagermonaten, das schon, hager die Gestalt, das Gesicht eingefallen, die Stirnglatze, von der vor vier oder fünf Jahren nicht einmal ein Ansatz zu sehen war, reicht weit nach hinten.

Resi hat auf ihn gewartet. Im Februar 1943 läuten, sollten sie für Rüstungszwecke nicht bereits abmontiert sein, endlich doch die Hochzeitsglocken, und der Lois dürfte auch Anfang 1944 kurz einmal daheim gewesen sein, denn am zwölften Oktober gebiert seine Frau einen Sohn. Die letzten Bilder zeigen Alois Auleitner, weißes Hemd, ärmelloser dunkler Pullover, mit dem winzigen Säugling im Arm. Das muss unmittelbar nach dessen Geburt sein. Viel ernste, innige Zugewandtheit zum Kind verrät mir der Blick des Vaters, strahlende Freude entnehme ich hingegen dem Gesicht der Mutter. Der Mann auf dieser Photoserie ist für mich bestenfalls ein Enddreißiger. Achtundzwanzig? Ausgeschlossen, lächerlich.

Der totale Krieg neigt sich inzwischen dem Ende entgegen. Alois Auleitner hat wieder einmal Pech, er erlebt es knapp nicht. Nach den vom Deutschen Roten Kreuz erstellten Vermisstenlisten datieren die letzten Nachrichten von Angehörigen der zweiten Kompanie des Grenadier-Regiments einhundertdreißig, in der Auleitner Dienst tut, vom Jänner 1945 aus Radom unweit von Litzmannstadt, bald wieder Łódź. Diese Einheit wird auf dem Rückzug vollständig aufgerieben, wie das im Militärjargon so schön heißt. Am sechzehnten Jänner nimmt die Rote Armee die Stadt ein. Das Außenlager Radom des KZ Majdanek ist zu diesem Zeitpunkt bereits ein halbes Jahr geräumt, die Internierten des Judenghettos am Ort, zehntausende Menschen, sind längst vernichtet.

Alois Auleitners Mutter übernimmt es, die Todeserklärung anzustrengen. Als Datum wird amtlich der sechste Jänner 1945 festgelegt. Sein Name findet sich auf dem Kriegerdenkmal im alten Stadtpark von Ried eingraviert.

Blach, Amalia

Am dreiundzwanzigsten Juli 1940 setzt Aloisia Blach drei unbeholfene Kreuze unter ein handschriftliches Protokoll des Amtsgerichtes Bad Ischl. Es ist binnen eines Monats bereits das zweite Mal, dass Frau Blach sich, gerade fünfzig geworden, dort einfinden muss, um über ihre Enkelin Bescheid zu geben. Acht Jahre zuvor ist das Mädchen im steirischen Gaishorn am Schoberpass geboren worden, und zwar auf der Reise, wie fahrende Sinti ihr sommerliches Unterwegssein bezeichnen, mittels dessen sie sich durch allerlei Dienstleistungen und Waren des täglichen Bedarfs ihren Unterhalt verdienen. Doch schon zwei Tage nach Amalias Geburt sei man, versichert Aloisia Blach, wieder weitergezogen. Jetzt lebe die Familie, den Umständen geschuldet, dauerhaft in Ischl.

Seit dem Festsetzungserlass Heinrich Himmlers im Oktober 1939, der die Sinti und Roma zwang, den Landkreis, in dem sie sich gerade aufhielten, nicht mehr zu verlassen, läuft eine großangelegte sogenannte Zigeunererfassung. Schon Monate davor, am einundzwanzigsten Juni, waren die Behörden von Oberdonau vorgeprescht und ließen alle Gemeinden im Gau unter dem Betreff »Behebung der Zigeunerplage« zur »Darnachachtung« wissen, das Herumziehen von Zigeunerbanden werde, »um den jetzt stark zunehmenden Fremdenverkehr nicht zu gefährden«, grundsätzlich untersagt. Als geeignete Maßnahmen, diesen Vorschriften gebührenden Nachdruck zu verleihen, wurden unter anderem Glatzenscheren bei beiden Geschlechtern sowie die Androhung der Entmannung bei männlichen Bandenmitgliedern angeführt: »Es ist der Wunsch des Gauleiters den Heimatgau des Führers zigeunerfrei zu machen und ist daher alles daran zu setzen, dieses Ziel bald zu erreichen.«

Das ledige Kind Amalia wächst wie seine zwei jüngeren Geschwister bei der Großmutter auf und besucht in Bad Ischl auch die Schule. Was kriegt es mit von der zunehmenden Gefahr, die seinesgleichen droht? Sein ganzes kurzes Leben untersteht es theoretisch einem Amtsvormund. Praktisch dürfte das bisher keine große Rolle gespielt haben, denn immer noch gilt für das Mädchen, wie sich anlässlich der Vorladung von Frau Blach herausstellt, das Amtsgericht Rottenmann als zuständig, in dessen Einzugsbereich Gaishorn liegt. Das wird sich jetzt endlich ändern, Ordnung muss sein. Zumindest auf dem Papier.

Denn die Sinti, die sich oft selbst stolz Zigeuner nennen, scheren sich traditionell, soweit es geht, nur wenig um die Bürokratie der Mehrheitsbevölkerung, die es ihrer Erfahrung nach seit einem halben Jahrtausend vor allem darauf anlegt, sie nach Strich und Faden zu schikanieren. Die abgelöste österreichische Verwaltung ihrerseits hat sich bei dieser Klientel in Fällen standesamtlicher Regelungen und daraus abgeleiteter Zuständigkeiten die längste Zeit damit begnügt, den Formalien so unauffällig wie möglich zu genügen und es tunlichst zu vermeiden, schlafende Hunde zu wecken. Je weniger an sich berechtigte Ansprüche die Zigeuner stellten, desto besser.

Jetzt aber, im Dritten Reich, geht es in erster Linie um etwas ganz anderes, nämlich um die Vorbereitung des klaglosen Zugriffs, wenn der Tag gekommen sein wird. Da müssen alle Daten auf den aktuellen Stand gebracht sein, Versäumnisse nachgeholt werden.

Aloisia Blach legt laut Protokoll Wert auf die Feststellung, wegen der Kinder ihrer Tochter, die sie aufzieht, bisher noch nie mit einem Gericht zu tun gehabt zu haben. Vinzenz, Josef und Amalia würden selbstverständlich auch in Zukunft unter ihrer Obhut stehen. Diese Zukunft wird ziemlich exakt ein halbes Jahr später unwiderruflich ablaufen.

Dass die Festsetzungsanordnung als nur dürftig verklausulierte gesellschaftliche Ächtung eine erste wichtige Vorstufe zu einem Genozid darstellt, der im Endeffekt ähnlich konsequent, im Gegensatz zu dem an den Juden aber dezentraler und widersprüchlicher organisiert werden wird, übersteigt zu diesem Zeitpunkt aber noch jedes Vorstellungsvermögen, jedenfalls das der zukünftigen Opfer.

Für viele Betroffene bedeutet der Festsetzungserlass auch eine wirtschaftliche Katastrophe, noch nie sind sie den Kommunen dermaßen zur Last gefallen. Wer vollständig sesshaft ist und einer regelmäßigen Arbeit nachgeht, erlebt die neue Rechtslage zwar als alarmierende Einschränkung der Bewegungsfreiheit, aber sonst ändert sich vorläufig nicht viel. Dagegen bricht für die reisenden Sinti, von der Nazibürokratie grundsätzlich als Zigeunerbanden tituliert, schon jetzt eine Welt zusammen. Viele werden fernab ihrer Winterwohnorte, wo sie feste Unterkünfte haben und großteils schon seit Generationen heimatberechtigt sind, von der Anordnung überrascht. Selbst die Rückkehr nach Hause ist und bleibt verboten.

Mancherorts sperrt man ganze Familien samt den kleinen Kindern einfach monatelang in viel zu kleine Gemeindekotter. Diese Arrestzellen, vorgesehen für Kurzaufenthalte, häufig zur Ausnüchterung oder bis zur Überstellung in reguläre Gefängnisse, sind meist nur schlecht beheizbar und natürlich weitgehend unmöbliert. Nicht einmal ausreichend Pritschen gibt es. Die hygienischen Verhältnisse spotten jeder Beschreibung. Auch die Versorgung mit dem Nötigsten, vor allem mit einer einfachen warmen Mahlzeit pro Tag, bereitet den Gemeinden, wie sie nach oben melden, große organisatorische Schwierigkeiten. Und wie kommen sie eigentlich überhaupt dazu, für zwielichtige Wildfremde Geld aufzuwenden? Erste Bürgermeister fordern übergeordnete Behörden deshalb mit Nachdruck auf, die Zigeunerbanden »an einer exponierteren Stelle« unterzubringen, was immer das heißen mag.

Diese ermunternden Initiativen der NS-Bürokratie haben für unzählige dem gesunden Volksempfinden verpflichtete Vertreter des gerechten Volkszorns Signalcharakter. Überall kriechen sie aus ihren Löchern und leben ihren latenten Antiziganismus jetzt ungeniert in aller Öffentlichkeit aus. Hasserfüllt stimmen sie in den Chor der Amtsträger ein und beginnen ihrerseits, Maßnahmen einzufordern, die seit jeher ungeliebte Minderheit endlich auf Dauer ganz verschwinden zu lassen.

Im dereinst mondänen, dem alten Kaiser verbundenen Kurort Bad Ischl, wo Amalia Blach aufwächst, ist der Gemeindearzt ein gewichtiges Sprachrohr der nicht länger schweigenden Mehrheit. Schon im November 1939 wendet er sich brieflich an das Stadtoberhaupt und teilt ihm wörtlich mit, dass es für die deutschen Volksgenossen keine Annehmlichkeit sei, mit diesen ungewaschenen, frechen Zigeunern den Warteraum zu teilen. Doktor Albert Meierl würde hinkünftig, wie er es süffisant mit einem Anklang an monarchische Zeiten formuliert, recht gern auf die zweifelhafte Ehre verzichten, Leibarzt der Bad Ischler Zigeunerdynastie zu sein. Deshalb bittet er den Parteigenossen Bürgermeister vertrauensvoll, für Abhilfe zu sorgen.

Nichts lieber als das. Die entsprechenden Pläne sind ohnehin längst geschmiedet, nur das Wie und Wo hat sich vorläufig noch nicht ergeben. Ein gutes Jahr später ist es dann endlich so weit. Mitten im Hochwinter wird Amalia Blach am siebenundzwanzigsten Jänner 1941 gemeinsam mit der Großmutter, den Geschwistern, der leiblichen Mutter und vielen anderen Verwandten in das erst im Aufbau begriffene Zigeuneranhaltelager Weyer-Sankt Pantaleon verfrachtet. Am selben Ort hat der Gau Oberdonau gerade mit einem Arbeitserziehungslager fürchterlich Schiffbruch erlitten und rekrutiert nun rasch neue Zwangsarbeiter für das Großprojekt der Entsumpfung von Waidmoos und Ibmer Moor. Man gibt sich zunächst überzeugt, mit dieser mittelfristigen Lösung das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden zu können. Doch schon bald folgt die Ernüchterung.

Knapp zweihundertfünfzig Kinder und Jugendliche sind wie die Frauen unerfreulicher Ballast für das Vorhaben und zwingen zur Improvisation. Vorher, im SA-Lager, war der Belag nämlich signifikant geringer. Die unbedingt nötigen Zusatzbaracken lassen noch auf sich warten. Erst am Tag vor Amalias Ankunft hat man eine Reihe von Kohleöfen bestellt. Aber was soll’s, das ist ja kein Sanatorium. Immerhin hat man nun einen beträchtlichen Teil der autochthonen Sintiminderheit des Gaues hinter Schloss und Riegel verräumt, und zum Drüberstreuen karrt man aus Kärnten gleich noch zweiundfünfzig weitere Insassen heran.

Der nächste entscheidende Schritt zum Massenmord kann somit abgehakt werden, nun hat man die Todgeweihten bereits bequem auf einem Haufen. Sie noch eine Zeitlang gewinnbringend auszunutzen, erweist sich allerdings schnell als Illusion. Der Gesamtaufwand übersteigt bei aller Zurückhaltung, was Verköstigung, Körperpflege, medizinische Versorgung, Heizaufwand und so weiter angeht, den Ertrag durch die Zwangsarbeit von Anfang an bei weitem. Schuld daran sind vor allem die vielen Kinder, ein besonders ärgerlicher Kostenfaktor. Sehr lange wird man sich diesen ineffizienten Luxus nicht antun wollen.

Dieses zweite Lager am Ort ist, weil sich die SA in der Vorgängerinstitution leider ungeschickt verhalten hat, der Kriminalpolizeistelle Linz unterstellt. Das lässt sich nicht zuletzt am offiziellen Stempel ablesen, der alle Häftlingslisten ziert. Doch der explodierende Finanzaufwand wird dem Gaufürsorgeverband angelastet, selbstverständlich ohne dessen Zustimmung einzuholen. Diese abenteuerliche Zwitterkonstellation sorgt schon jetzt für erste Reibereien und wird noch lange nach der Komplettvernichtung des hier vorübergehend gelagerten Untermenschenmaterials für das eine oder andere unwürdige, zum Himmel schreiende Bürokratieschauspiel mitverantwortlich sein.

Doch wäre es unredlich, den Leuten von der Kripo nachzusagen, sie wüssten bereits jetzt im Detail, worauf das alles hinauslaufen soll. In Weyer kommt es im neuen Lager, soweit sich feststellen lässt, auch zu keinen gröberen Übergriffen mehr, jedenfalls zu keinen gezielten Tötungen. Von der alten Wachmannschaft ist einzig SA-Sturmführer Gottfried Hamberger als Verwalter noch mit von der Partie. Er hält sich jetzt vornehm zurück. Ein Glück, dass der zuverlässige Fachmann als minder belastet gilt und deshalb nicht in Untersuchungshaft sitzt. Ihm wird erst nach dem Krieg der Prozess gemacht werden.

Was die Kriminalpolizeistelle freilich doch ein wenig irritieren könnte, ist die augenfällige Tatsache, dass ihre Beamten hier definitiv keine Kriminellen bewachen, dafür jede Menge kleine und kleinste Kinder. Aber Befehl ist Befehl, wer zuviel denkt, handelt sich bekanntlich nur Schwierigkeiten ein. Auch lassen sich eventuell aufkeimende Zweifel mit dem zur Zeit überaus beliebten Schlagwort von der vorbeugenden Verbrechensbekämpfung schnell in die Schranken weisen.

Amalia Blach wird keine Schulklasse mehr von innen sehen, nur noch die Kinder der Einheimischen mit ihren Ranzen draußen auf der Straße jenseits des Stacheldrahts, denen diese gesicherte Anlage samt den darin Eingepferchten unheimlich ist. Die Eltern trichtern ihrem Nachwuchs ein, das Lager auf dem Schulweg komplett zu ignorieren. Aber wie soll das gehen?

Es ist nun einmal keineswegs abseits menschlicher Behausungen angesiedelt, sondern mitten in dem kleinen, landwirtschaftlich geprägten Weiler Weyer. Eine uralte Gaststätte, zugleich Bauernhof, mitsamt den zugehörigen Stallungen ursprünglich für das aufgelöste Arbeitserziehungslager requiriert und endlich doch um etliche Holzbaracken auf der ehemals grünen Wiese nebenan erweitert, bildet nunmehr die gesamte Welt für das Mädchen aus Bad Ischl, das auf seinen letzten Geburtstag Anfang Juni zusteuert, den neunten.

Amalia wird, davon darf man ausgehen, keinen Schritt mehr vor die Mauern und den Drahtverhau setzen, die das Lagergelände umgeben, bis sie Anfang November im frühen Schneetreiben ohne großes Gepäck einen noch harmlosen, ganz gewöhnlichen Lastwagen besteigt, der sie mit ihrer Familie zum Viehwaggon am nächsten Bahnhof bringt, der sie über Lackenbach im aufgelösten Burgenland ins besetzte Polen nach Litzmannstadt, früher Łódź, transportiert, und zwar in ein eben angelegtes, völlig überfülltes Zigeunerghetto gleich neben dem der Juden, wo Amalia mit abgezählten fünftausend Roma und Sinti aus verschiedenen Teilen der Ostmark entweder binnen zweier Monate an einer Seuche wie dem Fleckfieber, vielleicht auch an Auszehrung krepiert oder mit allen, die bis dahin noch nicht ganz tot sind, um die Jahreswende zum aktiven Vernichten ein gutes Stück vor die Stadt nach Kulmhof, früher Chelmno, gekarrt wird, wo sich bereits die Massengräber auftun. Die zu diesem praktischen Zweck adaptierten, penibel abgedichteten Lastkraftwagen, in die man während der Fahrt todbringende Gase leitet, an denen die menschliche Fracht qualvoll langsam erstickt, werden bei dieser Gelegenheit erstmals im Regelbetrieb erprobt werden. Sie bewähren sich hervorragend.

Doch so weit sind wir noch lange nicht. Die zynische, auch im Weltkrieg zum Gutteil perfekt funktionierende Bürokratie ist in Gestalt von Doktor Heinrich Kotzmann, Gerichtsvorsteher im Wildshuter Amtsgebäude, gerade damit beschäftigt, dem Mündel Amalia Blach, das, wie ersichtlich, vor kurzem ins Innviertel übersiedelt ist, wieder einmal einen neuen Amtsvormund zuzuweisen. Ein solcher, verraten die erhaltenen Pflegschaftsakten des Kindes, wird am vierten Mai 1941 in der Person Franz Königs aus dem nahen Ostermiething bestellt. Dafür, dass dieser Herr auch nur die geringste Aktivität im Interesse seines weggesperrten Mündels setzt, fehlt jeder Beleg.

Doktor Kotzmann muss das nicht weiter bekümmern, ihm beschert die Anlieferung der vielen Zigeuner mit ihren für amtliche Abläufe lästigen, unorthodoxen Familienverhältnissen in erster Linie zusätzlichen Verwaltungsaufwand. Als junger Mann hat der verdiente Oberlandesgerichtsrat ab 1912 hier in Wildshut noch dem Kaiser gedient, in der Folge unter allen anderen, die gerade an der Macht waren, ebenso gewissenhaft seine Pflicht getan, wie sehr das Rechtsempfinden über die Jahrzehnte auch variieren mochte. Auch am Beginn der zweiten Republik Österreich wird Doktor Kotzmann weitermachen wie bisher, bevor er sich 1946 endlich in den verdienten Ruhestand verabschieden kann.

Keine vier Kilometer von Schloss Wildshut entfernt, wo der Gendarmerieposten und das Amtsgericht untergebracht sind, vegetiert die kleine Amalia zu diesem Zeitpunkt schon über ein Vierteljahr ohne Unterricht, ohne Spielzeug und ohne sinnvolle andere Beschäftigungsmöglichkeiten dahin. Zu allem Überdruss grassiert im Lager momentan eine gefährliche Lungenentzündung mit hohem Ansteckungspotential. Die Inhaftierten sollen einander aus dem Weg gehen, aber die Wege sind versperrt. Tote werden weggeschafft.

Der Gemeindearzt von Sankt Pantaleon und Lagerarzt von Weyer in Personalunion lässt eine gute Bekannte, die Frau des vor dem Krieg im ganzen deutschen Sprachraum angesehenen Schriftstellers Georg Rendl, im Vertrauen wissen, ausreichende medizinische Versorgung sei in Weyer prinzipiell nicht vorgesehen. Selbst die anfänglich noch erlaubte Geburtshilfe durch eine Hebamme hat man inzwischen gestrichen, es regiert der Sparstift.

Doktor Alois Staufer ist in seiner Freizeit begeisterter Photograph und investiert viel in eine erstklassige Ausrüstung und modernes Filmmaterial. Einige Wochen später, die Seuche ist inzwischen abgeklungen, fertigt er an einem diesigen Tag Farbdiapositive der Weggesperrten an. Sie zeigen unter anderem den Wachturm und den graslosen Erdboden des Lagers, auf dem Frauen und Kinder hocken, sich für Gruppenbilder aufstellen, während die Männer bei der Zwangsarbeit sind.

Der Mediziner fängt aber nicht nur Trostlosigkeit ein. Er muss erwirkt haben, dass seine Motive, wohl an einem Sonntag, für eine weitere Photosession ein letztes Mal ihr bestes Gewand aus den rings um das Lagergelände abgestellten Wohnwagen holen dürfen. Heute strahlt zudem die Sonne von einem tiefblauen Himmel, Männer, Frauen, vor allem Kinder posieren mit dem, der Liebsten, mit Geschwistern, einem oder beiden Elternteilen. Auch Einzelaufnahmen entstehen, Seidenblusen, Perlenketten und Nadelstreifanzüge samt Fliege werden vorgeführt. Vor warmroten Ziegelwänden, die einmal verputzt waren, lächeln, grinsen manche der Porträtierten sogar, aber die verstörten Blicke anderer sprechen Bände, bilde ich mir ein. Immerhin, sträflich unterernährt scheint hier trotz des geringen Aufwandes für Lebensmittel niemand zu sein.

Es ist einigermaßen wahrscheinlich, dass auch Amalia Blach auf einer der vielen erhaltenen Photographien zu sehen ist. Ihr Gesicht bleibt mir, bleibt der Nachwelt dennoch unbekannt, namentlich zugeordnet können später nur noch verschwindend wenige der Abgebildeten aus Weyer werden. Denn nicht nur sie, sondern auch die allermeisten ihrer vorderhand durch einen glücklichen Zufall vielleicht noch auf freiem Fuß befindlichen oder in Gemeindekottern und anderen Zigeunerlagern wie jenem von Salzburg-Maxglan internierten Verwandten und Bekannten fallen in den folgenden Jahren dem Rassenwahn zum Opfer. Es wird also schlicht niemand mehr da sein, der diese Menschen identifizieren kann, als die Dias etliche Jahrzehnte später nach dem Ableben Doktor Staufers irgendwann an die Öffentlichkeit gelangen. Allein Amalias Familienname Blach findet sich dreiundzwanzigmal auf den Häftlingslisten von Weyer.

Irgendwann in den frühen Neunzehnfünfzigern, als der einundzwanzigste Geburtstag des theoretisch immer noch am Ort aufhältigen Mündels Amalia buchmäßig ansteht, nimmt ein dazu befugtes Amtsorgan im Bezirksgericht Wildshut das verstaubte Konvolut des zugehörigen Pflegschaftsaktes ein letztes Mal zur Hand und setzt einen formalen Schlusspunkt, indem es mit rotem Stift das Wort »großjährig« notiert.

Man muss, hat man solch ein Schriftstück ohne Zusatzinformation vor sich liegen, fast zwangsläufig den Eindruck gewinnen, die Ende 1941 Deportierten würden, obwohl amtswegig seither spurlos, irgendwo im Untergrund fröhlich weiterleben. Mir will scheinen, da wird entweder aus amtlichem Desinteresse, mag sein auch aus Unachtsamkeit, womöglich gar mit voller Absicht etwas für die falsche Statistik, für das unauffällige Vertuschen von schwersten Verbrechen gegen die Menschlichkeit getan. Die seit ihrer Geburt schutzbefohlene Amalia Blach ist von der Republik Österreich eines schönen Spätfrühlingstages im tiefsten Frieden, am dritten Juni 1953, aus der staatlichen Vormundschaft entlassen worden. Alles bestens.

Dem Deutschen Reich hingegen diente der kleine, ausgemergelte Körper Amalias zuletzt als Dünger. Es ist verbürgt, dass die skelettierten Leichen der tausenden ermordeten Sinti und Roma aus den Massengräbern geholt und in einer eigens errichteten Knochenmühle nutzbringend verarbeitet wurden.

Bogner, Johann

Was sich an diesem Sonntag, dem fünfundzwanzigsten Februar 1906 in der uralten Stadtpfarrkirche von Wels zuträgt, hat wahrlich Seltenheitswert. Herr Johann Bogner ist Fabriksarbeiter und stammt aus einer der vielen Weberfamilien im westlichen Mühlviertel unmittelbar an der reichsdeutschen Grenze. Heute tritt er mit einer jungen Frau vor den Traualtar, die vielen ein Dorn im Auge ist. Ihre Mutter Franziska Daniel aus dem Volk der Sinti war als Dienstmagd gerade in Wischau, einer deutschen Sprachinsel im Mährischen, beschäftigt, als 1884 die Wehen einsetzten. Wer Marias Vater ist, hat Frau Daniel für sich behalten, zumindest geben die amtlichen Papiere darüber keine Auskunft. Mehr als ein halbes Jahrhundert später wird diese Leerstelle auf einem Geburtsschein über Leben und Tod ihrer Enkel und Urenkel entscheiden können.

Solch rare Mischehen werden von der übelwollenden Umwelt meist als schiere Zumutung empfunden. Das trifft auf die eingesessene Mehrheitsbevölkerung zu, aber auch die Sinti und Roma werten dauerhafte Verbindungen mit deutschen, slawischen, ungarischen oder anderen Österreichern des Vielvölkerstaates im allgemeinen als skandalöse Verfehlung.

Es stimmt schon, sicherlich verdreht von Zeit zu Zeit der eine oder andere fesche Bursch wie aus dem Bilderbuch so einem naiven, sehnsüchtigen Mädel vom Land gehörig den Kopf. Dem betörenden Duft von Leidenschaft, Unabhängigkeit und der großen weiten Welt zu widerstehen, ist eben nicht immer leicht. Aufgetaucht aus dem Nirgendwo, schwängert der Liebhaber seine für wenige Stunden Angebetete zuweilen und ist tags darauf wieder über alle Berge.

Derlei kommt wesentlich häufiger vor, als man gemeinhin glaubt. In der unerschütterlich patriarchalen Welt der Donaumonarchie wird eine Kalamität dieser Art eher als lässliche Sünde wahrgenommen, wenn man von den Eltern der verführten Unschuld und ihr selbst einmal absieht. Die setzen gewöhnlich alles daran, wenigstens die Zigeunerabkunft des ledigen Kindes zu kaschieren. Gut vorstellbar, dass bei solchen Romanzen wechselseitig dann und wann sogar wirkliche Liebe im Spiel ist, aber die gesellschaftlichen Schranken sind einfach so gut wie unüberwindbar.

Viel unerhörter ist es freilich, wenn eine junge Sintiza sich auf einen Gadscho, einen Nichtzigeuner also, einlässt. Maria Daniel, ein blutjunges Mädchen, ist als Wirtschafterin in Wels beschäftigt, als sie einen wesentlich älteren Mann kennenlernt, von dem sie schwanger wird. Der im Oktober 1904 geborene Bub hat laut Taufbuch Johann Bogner zum Vater. Dass dieser sie offiziell zur Frau nimmt, darf sie trotzdem bestenfalls hoffen. Die Chancen dafür stehen schlecht. Und doch, anderthalb Jahre später tritt dieser außergewöhnliche Fall ein. Schon vorher gründen die beiden einen gemeinsamen Hausstand. Und wider Erwarten hält die Ehe allen Anfeindungen stand. Das Paar wird neben Karl neun weitere Töchter und Söhne haben, von denen einer den Vornamen des Vaters erhält. Johann junior ist Jahrgang 1914 und kommt, weil der Vater gerade dort arbeitet, im Mai in Zell am See auf die Welt. Er ist es, dem der Namenseintrag dieses Kapitels gilt.

Johann Bogner senior zieht mit seiner wachsenden Familie schließlich nach Kollerschlag. Dort besitzt er das Heimatrecht, und das ist ein wertvolles Gut nach der Katastrophe des Weltkrieges, wenn man ansonsten besitzlos ist und wenig verdient. Die meisten seiner Kinder schauen zum Glück nicht aus wie Zigeuner, aber auch viele reinrassige Zigeuner, wie man damals und noch lange danach sagt, schauen nicht aus wie Zigeuner. Es geht auch gar nicht so sehr ums individuelle Aussehen, es geht auch nur wenig um den individuellen Charakter, es geht um kollektive Zuschreibungen.

Selbst wenn Johann Bogners Frau vielleicht nur eine Halbzigeunerin sein sollte, für das kleine Dorf ist und bleibt sie eine Zigeunerin. Für das Dorf, wenigstens für die, die dort das Sagen haben, sind auch die gemeinsamen Kinder Zigeuner und deren Kinder selbstverständlich ebenfalls. Dass sie womöglich bloß zu einem Achtel zigeunerisches Blut in sich tragen, ändert daran rein gar nichts.

Für eine Dauerausstellung im Verschütteten Raum des Linzer Schlossmuseums, die ich kuratierte, habe ich landauf, landab bei betagten Zeitzeugen Klassenphotos und Erstkommunionbilder eingesammelt, auf denen ein Sintikind zu sehen ist oder gar mehrere. Als gutes Zeichen lernte ich es zu interpretieren, wenn diese mitten unter den anderen Kindern plaziert sind und nicht verschämt ganz am Rand weit hinten Aufstellung nehmen mussten. In Kollerschlag sitzt der blonde Adolf Bogner, ein jüngerer Bruder Johanns, gleich vorne in der ersten Reihe, umgeben von seinen Schulkollegen.

Johann Bogner junior, allgemein als Hansl bekannt, legt es zumindest in seiner Jugend anscheinend nicht sonderlich darauf an, bestehende Vorurteile durch Wohlverhalten zu unterlaufen. Vielmehr dürfte es seine Strategie sein, sich durch massive Präsenz Respekt zu verschaffen. Auch wenn man gut daran tut, die Aussagen jener, die ihn noch erlebt haben, etwas zu relativieren, soviel dürfte sicher sein: Der einen Meter siebzig große, kräftige Mann tritt laut und impulsiv auf, lässt sich nichts gefallen. Die Leute sagen ihm auch das eine oder andere Eigentumsdelikt nach, von einer Anzeige nehmen sie aber lieber Abstand, obwohl sie ihn im Dunkel erkannt zu haben glauben. Sie fürchteten seine Rache, lautet ihre Rechtfertigung im Abstand von gut siebzig Jahren. Zwielichtig und arbeitsscheu soll er gewesen sein, argumentieren sie. Letzteres zumindest lässt sich durch Dokumente schnell entkräften, jedenfalls für die Zeit vor seiner Einweisung nach Weyer. Und auch Bogners Strafregisterauszug, in dem am Ende seines kurzen Lebens bloß ein einziger kleiner Diebstahl samt Betrugsteilnahme und als Konsequenz acht Tage Arrest vermerkt sind, scheint mir nicht recht geeignet, die einschlägigen Mutmaßungen zu stützen.

Viel Unmut entzündet sich wie überall sonst an der Kluft zwischen denen, die einen – oft genug bescheidenen – Besitz ihr eigen nennen, dafür schwer arbeiten müssen, hier heroben oft in der Landwirtschaft, und jenen, die in der Weltwirtschaftskrise um 1930 völlig den Boden unter den Füßen verlieren. In Kollerschlag sind zu dieser Zeit etliche vielköpfige Familien auf engstem Raum im sogenannten Gemeindehäusel untergebracht und liegen somit der Kommune auf der Tasche, darunter die Bogners. Oft können sie sich für die kalten Monate nur einen sehr beschränkten Brennholzvorrat anschaffen. Ist der Winter auf über siebenhundert Meter Seehöhe lang und hart, schwärmen im späten Februar die Holzgeher aus, klauben Fichtenzapfen, sammeln Reisig und brechen dürre Zweige von den Bäumen.

Ein Bub, Sohn von Bauern, ist eines Tages auf dem Heimweg von der Schule im Ort zum etwas abgelegenen heimatlichen Hof. Er nimmt eine Abkürzung querfeldein. In der Nacht war es wieder saukalt, und der immer noch tiefe Schnee trägt daher. Ganz schön neblig ist es, und da zeichnet sich schemenhaft eine dunkle Gestalt ab, tatsächlich, es kommt ihm wer entgegen. Als das Kind den Bogner Hansl erkennt, rutscht ihm das Herz in die Hose. Schon hofft der Kleine, der Hansl würde in ein paar Meter Abstand vorbeistapfen und ihn ignorieren, doch da macht der urplötzlich einen Schwenk – er hat ihn offenbar erkannt –, steuert direkt auf ihn zu und poltert grußlos: »Du, sag’s deinem Vatern, wenn er uns heuer wieder leer gehen und kein Holz lasst, dann passiert was, und dir reiß’ ich die Loser aus!«

Als hochbetagter Herr schreibt der Schulbub von damals seine Lebenserinnerungen auf und will sogar noch den genauen Wortlaut der Drohung im Kopf haben, so nachhaltig dürfte der Eindruck gewesen sein. Die Loser sind übrigens die Ohren.

Seine Eltern, meint der Chronist mir gegenüber, seien beileibe keine hartherzigen Leute gewesen. Sie hätten ja selbst einen Schüppel Kinder gehabt, die Mutter sei praktisch jedes Jahr schwanger gewesen, und beim Kornschneiden machte ihr das dauernde Buckeln deshalb große Schwierigkeiten. Sie habe den Holzbettlern wiederholt angeboten, im Sommer beim Heuen und bei der Getreideernte mitzuhelfen, im Gegenzug sollten sie in der Not halt nach Maria Lichtmess in Gottes Namen Abfallholz und Zapfen aus dem Wald holen dürfen. Immer hätte es Zusagen gegeben, aber wenn es ernst wurde, habe sich dann nie wer blicken lassen. Als es ihnen schließlich zu bunt wurde, zogen sich die Bauersleute den Zorn vom Hansl zu.

So oder so ähnlich hören sich die Geschichten rund um den Bogner Hansl an. In der Jugend hat er sich fraglos ausgelebt, jetzt, mit Mitte zwanzig, ändert sich doch viel. Als Hitler an die Macht kommt, arbeitet er schon eine Zeitlang fleißig als Chauffeur. Sein Beruf wird auf den vielen Papieren, die Hansls unbarmherzige Verfolgung durch die Nazis dokumentieren, stets mit »Kraftfahrer« angegeben werden. Kürzlich hat er geheiratet, und schnell ist er zweifacher Vater. Die beiden ersten Töchter von Brigitte und Johann Bogner junior werden Anfang 1939 und im Herbst 1940 geboren.

Johann Bogner senior, inzwischen siebzig Jahre alt, und seine Frau Maria müssen es noch erleben, wie die eigene Hochzeit vor nunmehr bald drei Dutzend Jahren zur Ursache für alarmierende, völlig unbegreifliche Ereignisse wird. Ihre Kinder und Kindeskinder verschwinden kurz hintereinander eines nach dem anderen, entweder im Lager oder, soviel sich rekonstruieren lässt, wahrscheinlich irgendwo im Untergrund. Oder sie bleiben durch allerlei Zufälle vorläufig einmal ganz verschont. Welchen vernünftigen Reim sollte man sich sonst auf die penibel erfassten Zugangsdaten von Mitgliedern der Familie Bogner im fernen Zigeuneranhaltelager Weyer-Sankt Pantaleon machen?

Johann junior und sein noch lediger, erst halbwüchsiger Bruder Adolf gehören zu den allerersten, die dort im Jänner 1941 eintreffen. Mitte April folgt mitsamt ihrer älteren Tochter Johanns Frau Brigitte, geborene Zinsmeister, die gar keine Sintiza ist, eine gute Woche später Hansls ältester Bruder Karl. Am fünften Mai, just an jenem Tag, als der Säugling Rudolf Haas im Lagerelend den Kampf um sein Leben verliert, werden trotz einer auf dem überbelegten Gelände eben ausgebrochenen, hochansteckenden Lungenentzündung zwei weitere Personen in die Lagergemeinschaft aufgenommen, wie die Einleitungsformel auf den erhaltenen Zugangslisten der Kripo oft unverhohlen zynisch lautet. In Begleitung der siebenundsechzigjährigen Vinzenzia Sarkany, bei der sie in Obhut gewesen sein muss, wird nun auch die erst sieben Monate alte jüngere Tochter der Bogners eingeliefert. Hansls Familie ist also wieder vereint. Ein geringer Trost ist das angesichts der Umstände.

Rassenforscher und NS-Ideologen sind übereingekommen, den Begriff Zigeunermischling auf alle jene Personen auszudehnen, in deren Adern zumindest ein Achtel zigeunerischen Blutes fließt. Das deckt sich durchaus mit dem gesunden Volksempfinden und erweist sich für die beabsichtigte Befreiung des geplagten deutschen Volkskörpers von lästigen Parasiten als außerordentlich zweckdienlich. In einem schwammigen Aufwaschen machen die Nazis, wenn sich Gelegenheit bietet, gleich auch alle Arten von umherziehenden Bürstenbindern, Korbflechtern und Scherenschleifern mit ihren Kraxen auf dem Buckel in Zigeunerlagern wie Weyer dingfest, selbst wenn sie gar keinen Roma- und Sintihintergrund haben, vielleicht zu den Jenischen gehören oder einfach nur Menschen aus den ärmsten Schichten sind, die sich auf diese Weise über Wasser zu halten versuchen.

Pulsuz fraqment bitdi.

28,51 ₼
Yaş həddi:
0+
Həcm:
202 səh. 4 illustrasiyalar
ISBN:
9783707607086
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
Yükləmə formatı:

Oxşar kitablar