Kitabı oxu: «Der erste Brief an die Gemeinde in Korinth»

Şrift:

Theologischer Kommentar

zum Neuen Testament (ThKNT)

Herausgegeben von:

Stefan Schreiber

Angela Standhartinger

Ekkehard W. Stegemann

Angelika Strotmann

Peter Wick

Band 7

Luise Schottroff

Der erste Brief an die Gemeinde in Korinth

Zweite, überarbeitete Auflage verantwortet und mit einem Vorwort von Claudia Janssen

Verlag W. Kohlhammer

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Umschlagbild entnommen aus

„Nestle-Aland – Novum Testamentum Graece“, S. 462

27. revidierte Auflage

© 1898, 1993 Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart

2. Auflage 2021

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-037677-9

E-Book-Formate:

pdf: 978-3-17-037678-6

epub: 978-3-17-037679-3

mobi: 978-3-17-037680-9

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In diesem Kommentar wird gezeigt, wie Paulus die Tora für Menschen aus den Völkern auslegt: konkret, lebensnah, sensibel und argumentierend. Er sucht nach Bildern für eine Hoffnung, die dem Tod standhält. Er schreibt die Gebete und Lieder auf, die in den messianischen Gemeinden seiner Zeit gesungen wurden. Und: Er widerspricht sich selbst, vor allem in seiner Vorstellung, wie Frauen zu sein hätten, und in seinem faktischen Umgang mit ihnen.

Dass in diesem Brief die berüchtigten, frauenfeindlichen Sätze, die im Namen des Paulus geschrieben wurden, zu finden sind, ist heute oft die erste Assoziation. Darüber hinaus ist der Brief durch die lange und ausgeprägte Auslegungstradition belastet, die Paulus zur Rechtfertigung christlicher Herrschaftspositionen benutzt hat: Die Gestalt des Paulus war die Projektionsfläche für christliche Amtsträger und ihre Herrschaft über das Kirchenvolk. Und – noch verhängnisvoller: Paulus war der Inbegriff einer christlichen Identitätsfindung durch negative Abgrenzung zum Judentum als einer „Gesetzesreligion“. – Eine Neuentdeckung des Paulus ist fällig.

Die erste Auflage des Kommentars zum Ersten Brief an die Gemeinde in Korinth ist 2013 erschienen, für die Neuauflage wurde die Literaturliste durch aktuelle Veröffentlichungen ergänzt - im Sinne Luise Schottroffs, der es nie um Vollständigkeit ging, sondern um die Relevanz für eine sozialgeschichtliche, imperiumskritische und geschlechterbewusste Neulektüre des Paulus. Im Text wurden kleinere Fehler korrigiert und wenige Ergänzungen vorgenommen. Die Auslegung ist bleibend aktuell und repräsentiert den gegenwärtigen Stand der internationalen Paulusforschung. Luise Schottroffs Interpretation des Briefes ermöglicht es, verschiedene Perspektiven auf den Text zu entwickeln und für die eigene Weiterarbeit fruchtbar zu machen. Auch fünf Jahre nach ihrem Tod ist sie eine wichtige Lehrerin für diejenigen, die einen eigenen, kritischen und lebensdienlichen Zugang zu Theologie und Exegese suchen.

Prof. Dr. Dr. h. c. Luise Schottroff (1934–2015) lehrte Neues Testament an den Universitäten Mainz, Kassel und Berkeley/USA.

Prof. Dr. Claudia Janssen lehrt Neues Testament und Theologische Geschlechterforschung an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel.

Inhalt

Vorwort zur zweiten Auflage

1. Sozialgeschichte

2. Christlich-Jüdischer Dialog

3. Feministische Exegese

Vorwort

Einleitung: Wer war Paulus?

1. Paulus, der Jude

2. Paulus und der Messias

3. Paulus unter seinen Geschwistern

4. Der Alltag in den Städten des römischen Reiches

5. Paulus, der Mystiker

Kommentar

Basisinformation: Die Abfassungszeit des Briefes und der Ort Korinth

Die Abfassungszeit des Briefes

Der Ort der Gemeinde: Korinth

1,1–9

1,1–2

1,4–9

Basisinformation: Zeitvorstellungen und Eschatologie

1,10–18

1,14–17

Basisinformation: Die Weisheit dieser Welt

Basisinformation: Verleugnung der Kreuzigung

1,19–25

1,19.20

Basisinformation: Messiasgläubige aus den Völkern und ihre Identität

1,26–31

2,1–16

2,1–5

Basisinformation: Das „Wir“ der Gemeinde

2,6–16

3,1–23

3,1–4

3,5–11

3,12–17

3,18–23

4,1–13

4,1–5

4,6–13

4,14–21

5,1–13

5,1–5

5,6–8

5,9–13

6,1–11

6,9–11

6,12–20

Basisinformation: Bilder aus der Sklaverei für die Befreiung durch Gott

7,1–40

7,1–7

Basisinformation: Menschenverachtende Sexualität als gesellschaftliche Praxis

7,3–5

7,8–11

Basisinformation: Scheidungen

7,12–16

7,17–24

Basisinformation: Sklaverei

Basisinformation: Die Tora im 1 Kor

7,25–38

7,39.40

8,1–11,1

8,1–13

8,1

Basisinformation: Opferfleisch – Fleischkonsum

9,1–27

9,1–3

9,4–6

Basisinformation: Lohn für das Lehren der Tora

9,7–11

9,12–14

9,15–18

9,19–23

Basisinformation: Sünde und Tora in 1 Kor

9,24–27

Basisinformation: Sportwettkämpfe

Gedanken einer Nachgeborenen

10,1–11,1

10,1–13

10,14–22

Basisinformation: Die Körpertheologie des Paulus

10,23–11,1

11,2–16

11,2–6

11,7–15

11,16

11,17–34

11,17–22

Basisinformation: Gemeindeversammlung

11,23–26

Basisinformation: „Für euch“. Martyrium oder Opfer?

„Das tut zur Erinnerung an mich“

11,27–34

12,1–31

12,1–3

12,4–11

12,4–7

12,8–10

12,12–27

Basisinformation: Leib Christi: Ihr seid der Körper des Messias (12,27)

12,28–31

13,1–13

13,1–3

13,4–7

13,8–13

14,1–40

14,1–5

Basisinformation: Mit Gott in der Muttersprache reden ( / in Sprachen reden)

14,6–19

14,20–25

14,21–25

14,26–33

14,34–38

14,39–40

Basisinformation: 15,1–19: Auferstehungshoffnung im Kontext des römischen Reiches

Der Ausgangspunkt

Die Perspektive auf das gegenwärtige Leben und das Ziel des Textes 1 Kor 15

Sozialgeschichtliche Verortung

Jesu Antwort auf die Bestreitung der Auferstehung in Mt 22,23–33 und die Antwort des Paulus in 1 Kor 15

15,1–2

15,3–11

Basisinformation: Erscheinungen des Auferstandenen 1 Kor 15,5–8

15,12–19

15,20–22

15,23–28

15,29–34

15,30–32

15,35–38

15,39–41

15,42–44

15,45–50

15,51–53

15,54–58

16,1–24

16,1–4

Basisinformation: Die Gaben der Völker für Jerusalem

16,5–9

16,10–14

16,15–18

16,19–24

Abkürzungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

Register (in Auswahl)

I. Altes Testament (einschließlich Apokryphen)

Genesis

Exodus

Levitikus

Numeri

Deuteronomium

1 Samuel

2 Samuel

Nehemia

2 Makkabäer

Hiob

Psalmen

Sprichwörter

Weisheit

Sirach

Jesaja

Jeremia

Ezechiel

Daniel

Hosea

Amos

Zefanja

II. Neues Testament (ohne 1 Kor)

Matthäus

Markus

Lukas

Johannes

Apostelgeschichte

Römer

2 Korinther

Galater

Epheser

Philipper

Kolosser

1 Thessalonicher

1 Timotheus

Philemon

Hebräer

Jakobus

1 Petrus

Judas

Offenbarung

III. Zwischentestamentliches und nachbiblisches Judentum

IV. Alte Kirche

V. Nichtjüdische und nichtchristliche antike Autoren

VI. Gnosis

Vorwort zur zweiten Auflage

Der Kommentar von Luise Schottroff zum Ersten Brief an die Gemeinde in Korinth ist 2013 erschienen. Darin bietet sie eine gut verständliche, lebensnahe Interpretation dieser Schrift, die den Blick auf die Lebensbedingungen der korinthischen Gemeinde richtet, eine politische Analyse der Gewaltstrukturen im Imperium Romanum zugrunde legt und das alltägliche Ringen der Menschen um ihre Würde in den messianischen Gemeinschaften sichtbar macht. Die vorliegende zweite Auflage bietet in weiten Teilen den unveränderten Text der ersten. Die Literaturliste wurde durch aktuelle Veröffentlichungen ergänzt – im Sinne Luise Schottroffs, der es nie um Vollständigkeit ging, sondern um die Relevanz für eine sozialgeschichtliche, imperiumskritische und geschlechterbewusste Neulektüre der Schriften des Paulus im Kontext des antiken Judentums. Im Manuskript wurden kleinere Fehler korrigiert und wenige Ergänzungen vorgenommen. Ihre Auslegung ist bleibend aktuell und repräsentiert den gegenwärtigen Stand der internationalen Paulusforschung. Auch nach ihrem Tod ist Luise Schottroff eine wichtige Lehrerin für diejenigen, die einen eigenen, kritischen und lebensdienlichen Zugang zu Theologie und Exegese suchen.

Im Jahr 2013 erhielt Luise Schottroff anlässlich der Veröffentlichung des Kommentars den Leonore Siegele-Wenschkewitz-Preis der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) für ihr Lebenswerk. Denn, das wird deutlich: Den Ertrag ihrer sich über vier Jahrzehnte erstreckenden Forschungen zu Paulus hat sie in ihrer Auslegung des Ersten Briefs an die Gemeinde in Korinth verarbeitet. Die Leitlinien der Reihe Theologischer Kommentar zum Neuen Testament (ThKNT), deren Mitherausgeberin sie war, sind auch die zentralen Themen ihrer eigenen exegetischen Arbeit seit den späten 1970er Jahren: Sozialgeschichte, christlich-jüdischer Dialog und Feministische Theologie. Ihre Arbeiten waren und sind bleibend wegweisend für eine umfassende Neulektüre der Briefe des Paulus im deutschsprachigen Bereich und auch international. Das Erscheinen der zweiten Auflage ihres Kommentars soll deshalb zum Anlass genommen werden, ihre exegetische Arbeit in diesem Forschungsfeld umfassend zu würdigen.

1. Sozialgeschichte

In der Einleitung schreibt Luise Schottroff 2013, dass sie den ersten Brief des Paulus an die Gemeinde in Korinth aus sozialgeschichtlich-theologischer Perspektive darstellen wird. Sie geht davon aus, dass das Schreiben an konkrete Menschen gerichtet ist, die Paulus so beschreibt: „nicht viele Weise, Mächtige und durch Geburt Privilegierte“, stattdessen „Ungebildete …, Schwache, von Geburt Benachteiligte, Verachtete, ‚Nichtse‘“ (1 Kor 1,26-28). Diese Perspektive bestimmt das weitere Vorgehen: So legt sie ihrer Auslegung eine detaillierte Untersuchung der Lebenssituation der korinthischen Gemeinde im Kontext der römisch-hellenistischen Gesellschaft des 1. Jahrhunderts zugrunde, die aus Menschen unterschiedlicher Völker und Sprachen zusammengesetzt war, aus Versklavten und Freien, Frauen und Männern. Diese gehörten nach ihrer Analyse mehrheitlich zu den Unterschichten. Die im Brief angesprochenen Probleme versteht sie nicht als Konflikte mit „Gegnern“, sondern als Auseinandersetzungen um Fragen der Lebenspraxis, deren Hintergründe sie in Form von „Basisinformationen“ entfaltet, zu Themen wie Sklaverei, Scheidung, Opfer/Fleischkonsum, Sexualität/Prostitution, Körpertheologie, Eschatologie. Dabei bezieht sie die offene und subtile Gestalt der Gewalt im römischen Reich durchgehend in ihre Auslegung ein: Kreuzigungen als Mittel politischer Abschreckung, „Spiele“ als Massenveranstaltungen, in denen Menschen gefoltert und getötet wurden, Sklaverei als Struktur der Bemächtigung über Menschen und ihre Körper. Dem setze Paulus das Bild der Gemeinde als „Körper des Messias“ entgegen, die Vorstellung eines kollektiven Körpers, mit dem Gott befreiend in der Welt handelt (1 Kor 12,12-27) und der nicht rein metaphorisch zu denken sei. Die Gemeinde verkörpert den Auferstandenen. Die vielfältigen sozialgeschichtlichen Informationen des Kommentars, die sich auf aktuelle historische, religionsgeschichtliche und archäologische Forschungen stützen, richten zum einen den Blick auf die harten Lebensbedingungen einer Gemeinde in den Strukturen der römisch-hellenistischen Welt, auf die bedrängte Lage von Frauen, Kindern, der Armen und Versklavten und eröffnen zugleich ein Verständnis für die Attraktivität der Botschaft des Evangeliums. Die Menschen erfahren sich in ihrer Gemeinschaft als messianischer Körper, der ihnen die Würde als Gottes Geschöpfe zuspricht und eschatologische Visionen von der gerechten Welt Gottes entwickeln lässt.

Die theologischen Grundlagen für diese sozialgeschichtliche Arbeit hat Luise Schottroff bereits 1979 in einem programmatischen Aufsatz dargelegt: „Die Schreckensherrschaft der Sünde und die Befreiung durch Christus nach dem Römerbrief des Paulus“.1 Darin zeigt sie, dass den Aussagen des Paulus zur Sünde, zur Bedeutung der Tora und dem befreienden Handeln Christi eine politische Analyse des Imperium Romanum zugrunde liegt. Die Kraft der Texte entfalte sich dann in besonderer Weise, wenn sie in diesem Kontext gelesen werden und nach der Bedeutung für den Alltag der Menschen in den Städten des Imperiums gefragt wird. Ihre Analyse zeigt, dass der für Paulus leitende Gedanke sei, dass die Sünde über alle Menschen wie über Sklav:innen herrsche und Christus die Befreiung aus dieser Herrschaft bringe. Der Herrschaftsraum der hamartia ist der kosmos, ihr Herrschaftsinstrument der Tod. Für die Ausübung ihrer Herrschaft bediene sie sich des nomos. Nach Schottroff ist damit nicht die Tora gemeint, sondern der Zwang, der es unmöglich mache, den Willen Gottes zu tun. Paulus denke die Weltherrschaft der Sünde in den Dimensionen des Imperium Romanum, die erst von den Glaubenden durchschaut werde. Sie erkennen, dass sich die Weltherrscherin sogar der Tora bedient. Luise Schottroff fragt weiter danach, was die Befreiung aus der Macht der Sünde konkret für die Menschen bedeutet habe. Paulus gehe es nicht in erster Linie um eine Verbesserung der allgemeinen Lebensbedingungen, er denke apokalyptisch: Seine Hoffnung richte sich auf Gottes endgültiges Eingreifen, das mit der Auferstehung Jesu bereits begonnen habe. Diese Hoffnung auf einen endgültigen Herrschaftswechsel habe tiefgreifende politische Konsequenzen gehabt. Die Menschen fühlen sich nicht zuerst dem römischen Kaiser als dem Kyrios und seinen Institutionen gegenüber loyal, sondern dem Gott Israels und dem von ihm gesandten Messias.

Mit diesem Deutungsrahmen, in dem sie auch die anderen Briefe des Paulus liest, bereitete Luise Schottroff den Weg für weiterführende Studien sozialgeschichtlicher Exegese im deutschen Kontext und international im Kontext der Studien zur imperiumskritischen Paulusforschung, die aktuell unter dem Stichwort „Paul and Empire“ geführt werden. Von ihr selbst liegen eine Vielzahl von Veröffentlichungen im Bereich sozialgeschichtlicher Bibelauslegung vor.2 2009 hat sie zusammen mit alt- und neutestamentlichen Fachkolleg:innen das „Sozialgeschichtliche Wörterbuch zur Bibel“ herausgegeben.

2. Christlich-Jüdischer Dialog

Auf die grundlegende Frage, die Luise Schottroff 2013 in der Einleitung stellt: „Wer war Paulus?“ folgt als erstes die Überschrift: „Paulus der Jude“. In ihren Veröffentlichungen wird deutlich, dass der christlich-jüdische Dialog maßgeblich ihr Denken bestimmt. Im Kommentar zum Brief an die korinthische Gemeinde liest sie Paulus konsequent als jüdischen Autor, der seinen theologischen Traditionen treu geblieben ist, als er zum Glauben an Jesus als den Messias Israels kam. Damit positioniert sie sich innerhalb einer international geführten Debatte, die unter dem Stichwort „Paul within Judaism“ jüdisch- und christlich-theologische Forschungen zu Paulus bündelt.3 Ein zentrales Anliegen ihrer gesamten exegetischen Arbeit ist die Überwindung des christlichen Antijudaismus. Im Rahmen einer Theologie nach Auschwitz sieht sie es als wichtige Aufgabe an, antijüdische Stereotype und Denkschemata zu erkennen und Alternativen zu entwickeln – in dem Bewusstsein, dass es im deutschen Kontext bisher keine vollständig nicht-antijudaistische christliche Theologie gibt.

Seit Mitte der 1960er Jahre entstanden in der neutestamentlichen Wissenschaft erste Ansätze, die Schriften des Paulus im Kontext des antiken Judentums zu deuten, die aktuell unter der Überschrift „New Perspective on Paul“ bzw. „Post-New Perspective on Paul“ oder „Paul within Judaism“ diskutiert werden. Für die Debatte im deutschsprachigen Raum war das Buch von Krister Stendahl „Paul among Jews and Gentiles“ (1976) grundlegend, das 1978 unter dem Titel „Der Jude Paulus und wir Heiden“ übersetzt erschien. Dieses Verständnis des jüdischen Paulus nahm Luise Schottroff schon sehr früh auf und entwickelte es in ihrer eigenen Arbeit konsequent weiter.

Ende der 1980er Jahre wurde im Kontext deutschsprachiger Feministischer Theologie die Frage nach dem Antijudaimus in der christlichen Theologie in einer breiten Öffentlichkeit geführt, angestoßen vor allem von jüdischen Theologinnen. Sie kritisierten, dass auch Feministische Theologien unreflektiert antijüdische Stereotype christlicher Theologien fortschrieben, wie z.B. die Darstellung Jesu als dem „neuen Mann“, der Frauen aus einem patriarchalen, frauenunterdrückenden Judentum befreie. Der Band „Von der Wurzel getragen. Christlich-feministische Exegese in Auseinandersetzung mit Antijudaismus“, der 1996 von Luise Schottroff und Marie-Theres Wacker herausgegeben wurde, bildet die daraufhin entstandenen exegetischen Diskussionen und deren Ergebnisse ab. Der von ihr in diesem Buch veröffentlichte Aufsatz stellt Alternativen zum (oft antijüdisch konnotierten) Konstrukt „gesetzesfreies Heidenchristentum“ dar.4 Programmatisch fasst sie diese 2013 in der Einleitung des Kommentars zum ersten Brief an die Gemeinde in Korinth zusammen: „Paulus ist durch seine Berufung nicht Christ geworden, sondern ein göttlicher Bote, der die befreiende Botschaft von der Erweckung Jesus verbreitet. Paulus hat Befreiung vom Tun der Ungerechtigkeit unter der Herrschaft der Sünde verkündet, nicht Befreiung von der Tora und der Erfüllung ihrer Weisungen. Es geht also um die Befreiung zur Tora und nicht von der Tora.“

Luise Schottroff liest nicht nur die Briefe des Paulus, sondern auch die Evangelien im theologischen Kontext des Judentums. In ihrem Buch über die Gleichnisse Jesu, das 2005 erschienen ist und mittlerweile in 3. Auflage 2010 vorliegt, werden die neutestamentlichen Gleichnisse im Vergleich mit rabbinischen Gleichnissen konsequent von ihrem jüdischen Hintergrund her gedeutet.5 Posthum veröffentlicht wurden 2019 ihre Auslegungen zum Matthäus-Evangelium.6

3. Feministische Exegese

Auch in diesem Forschungsbereich ist Luise Schottroff eine der Pionierinnen. Bereits 1985 stellt sie in einem Aufsatz die Frage: „Wie berechtigt ist die feministische Kritik an Paulus?“7 und analysiert darin eine Reihe von Stellen aus seinen Briefen, in denen explizit von Frauen die Rede ist. Sie plädiert dafür, diese Aussagen im konkreten Kontext der jeweiligen Gemeindesituation auszulegen und die Auslegungsgeschichte (beginnend mit den Pastoralbriefen, über die Alte Kirche bis in die Gegenwart) gesondert zu betrachten. Das war für die Paulus-Rezeption in der Frühphase der Feministischen Theologie nicht selbstverständlich. Denn die Geschichte der Frauendiskriminierung und -unterdrückung im Christentum ist eng verbunden mit der Auslegung der Paulusbriefe, so Schottroff. Viele Frauen haben es deshalb abgelehnt, sich überhaupt mit Paulus, dem „Frauenfeind“ zu befassen, denn das seien „Rettungsversuche unrettbar unterdrückerischer Texte“8. Diese Haltung findet in vielen populären Paulusdeutungen auch weiterhin Nahrung, denn das Klischee des frauen- und körperfeindlichen autoritären Apostels, der gegen das jüdische Gesetz kämpft, hält sich beharrlich im Allgemeinwissen bis in die Gegenwart. Das Resümee von Luise Schottroff im Jahr 1985 war: „Gemessen am Selbstverständnis der Männerkirche und Männertheologie heute war Paulus ein feministischer Vorkämpfer.“ (246) Seitdem hat sich vieles grundlegend verändert, nicht zuletzt dank feministischer Forschungen und ihrer Rezeption in weiteren theologischen und kirchlichen Kontexten. Wissenschaftliche Feministische Exegese ist in der Folgezeit zu einer differenzierten Sichtweise paulinischer Theologie gelangt. In ihrem Überblick über die feministische Paulusforschung resümiert Luzia Sutter Rehmann, dass sich das Interesse verlagert habe: So ginge es nicht länger darum, die verdrängte Geschichte von Frauen in den paulinischen Gemeinden darzustellen, sondern um eine kritische Dekonstruktion androzentrischer Schriften und einen neuen Entwurf des Paulus und seiner Briefe.9

Feministische Theologie war ein wesentlicher Schwerpunkt von Luise Schottroff im Bereich der Forschung und in der universitär-politischen Arbeit, in der sie sich sehr für die Förderung und Vernetzung feministischer Theolog:innen engagiert hat. So war sie 1986 an der Gründung der European Society of Women in Theological Research (ESWTR) beteiligt, einem interreligiösen Netzwerk für Theologinnen aller Fachrichtungen. 1991 hat sie das „Wörterbuch der Feministischen Theologie“ mit herausgegeben, das 2002 eine vollständig überarbeitete und grundlegend erweiterte Auflage erfahren hat. Zu den Standardwerken im deutschsprachigen Bereich gehört auch das 1998 von ihr und Marie-Theres Wacker herausgegebene „Kompendium Feministische Bibelauslegung“, das einen Kurzkommentar mit dem Fokus auf Fragen des Geschlechterverhältnisses zu allen biblischen Büchern, einschließlich Apokryphen und ausgewählten außerkanonischen Schriften bietet. 2012 wurde es in englischer Übersetzung unter dem Titel „Feminist Biblical Interpretation. A Compendium of Critical Commentary on the Books of the Bible and Related Literature” erneut publiziert.

Feministische Theologie war für Luise Schottroff untrennbar mit befreiungstheologisch ausgerichteter Sozialgeschichte und Fragen des christlich-jüdischen Dialogs verbunden, wie exemplarisch ihr 1994 erschienenes Buch „Lydias ungeduldige Schwestern. Feministische Sozialgeschichte des frühen Christentums“ zeigt.10 Im vorliegenden Kommentar greift Luise Schottroff eigene Auslegungen aus früheren Zeiten auf und verändert sie zum Teil grundlegend, wie z.B. die Interpretationen von 1 Kor 11,2-16 oder 1 Kor 14,34-38. An diesen Beispielen zeigt sich, dass sie stets theologisch weitergearbeitet, aktuelle Literatur rezipiert und sich durchaus selbstkritisch mit eigenen Auffassungen auseinandergesetzt hat.

Die drei das Werk von Luise Schottroff prägenden Perspektiven: Sozialgeschichte, christlich-jüdischer Dialog und Feministische Theologie bestimmen auch das Konzept der Bibel in gerechter Sprache (2006.2011), zu deren Mitherausgeber:innen Luise Schottroff gehört. Hier ist sie für die Übersetzung des Matthäusevangeliums und auch des Ersten Briefs an die Gemeinde in Korinth verantwortlich, welche sie in dem vorliegenden Kommentar weiterentwickelt und deren Hintergründe sie ausführlich entfaltet.

Ich selbst habe viele Jahre mit Luise Schottroff zusammengearbeitet und aktuelle Projekte diskutiert. So konnte ich das Entstehen dieses Kommentars kontinuierlich mitbegleiten und freue mich deshalb besonders, dass er jetzt in einer zweiten Auflage erscheint. Eine Übersetzung des Kommentars ins Englische ist zurzeit in Planung, die dessen Rezeption auch international ermöglichen wird. Ich hoffe sehr, dass er auf lange Sicht Leser:innen findet, die sich mit den sorgfältigen, inspirierenden, manchmal überraschenden und immer von tiefer Spiritualität getragenen Auslegungen Luise Schottroffs auseinandersetzen und sich von ihrer Interpretation der Theologie des Paulus begeistern lassen.

Für die Unterstützung bei der Aktualisierung des Kommentars danke ich Dr. Marlene Crüsemann und Prof. Dr. Carsten Jochum-Bortfeld, für die sorgfältige Korrekturarbeit Christine Kötz.

Wuppertal, im August 2020

Claudia Janssen

Janr və etiketlər

Yaş həddi:
0+
Litresdə buraxılış tarixi:
15 dekabr 2025
Həcm:
748 səh. 14 illustrasiyalar
ISBN:
9783170376793
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Bookwire
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