Kitabı oxu: «Paul Becks Gefangennahme»

Şrift:

Matthias McDonnell Bodkin

Paul Becks Gefangennahme

Saga

Ebook Kolophon

M. Mc Donnell Bodkin: Paul Becks Gefangennahme. - Aus dem Englischen von Berta Pogson © M. Mc Donnnell Bodkin. Originaltitel:. Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2015 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen 2015. All rights reserved.

ISBN: 9788711462218

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com - a part of Egmont, www.egmont.com.

Erstes Kapitel

Ein Antrag

„Sagen Sie nicht glattweg ‚nein‘, das ist alles, was ich erbitte. Ich bedaure schon, dass ich davon anfing, es ist reinste Vermessenheit, und ich weiss nur zu gut, dass ich nicht wert bin, Ihnen die Schuhriemen zu lösen. Haben Sie Mitleid mit dem armen Kerl, der den Mund nicht länger halten konnte. Weisen Sie mich nicht ganz ab, lassen Sie mir ein Fünkchen Hoffnung; dass Sie ‚ja‘ sagen, verlange ich ja gar nicht.“

„Sie verlangen nicht, dass ich ‚ja‘ sage?“

Diese Worte klangen in einem leisen spöttischen Lachen aus. Der junge Mann, der sich zu einem völlig unüberlegten Antrag hatte hinreissen lassen, hob nun zum erstenmal die Augen zu dem Antlitz des jungen Mädchens. Die Wangen erglühten unter seinem heissen Blick, die zarten, süssen Lippen zitterten leise, aber in den Tiefen der klaren braunen Augen lachte neckisch ein Schelm.

Eine wilde, tolle Hoffnung erfasste sein Herz.

„Norma, Norma, ist es möglich? Willst du mich?“

„Sie verlangen ja gar nicht, dass ich ‚ja‘ sage,“ noch leiser als vorher klangen diese Worte.

Das war genug, er holte sich die Antwort von den frischen Lippen, die sich ihm willig boten. Ein Wonnegefühl von Liebe und Triumph durchrann seine Glieder. Er hatte gesiegt; das Mädchen, nach dem seine Seele verlangte, war sein. Die ganze Welt versank um diese zwei, die jetzt die höchste Seligkeit des irdischen Daseins kosteten, die überwältigende Seligkeit der ersten Liebe.

„Ach du dummer Junge,“ sagte sie und strich ihm mit zaghafter Hand das Haar aus der Stirn, „du hättest doch wissen müssen, dass ich dich mehr liebe, als du mich je lieben kannst. Ich wartete ja nur auf deine Frage, um dir das zu gestehen.“

Ihm schwindelte vor Entzücken. „Sie liebt dich, sie liebt dich,“ flüsterte es in ihm. Er umschlang sie fest und küsste sie wieder und wieder, und die Gewissheit ihrer Liebe erfüllte ihn mit namenloser Wonne, und in weltentrückter Seligkeit genossen sie den Augenblick. Der schwach beleuchtete Salon mit seinen gedämpften reichen Farben war wie der Tempel ihrer Liebe. Der Mann erwachte zuerst aus diesem Rausch des Entzückens, in ungeduldiger Erwartung noch grösserer Wonnen. Dem Mädchen genügte die glückliche Gegenwart.

„Norma,“ flüsterte er ihr in das kleine Ohr, „wann wollen wir heiraten?“

„Nie, nie, wenn du mich so fest hältst. Ich fürchte mich vor dir. Wir sind noch nicht einmal richtig verlobt, und du redest schon vom Heiraten. Vielleicht heiraten wir niemals.“

„Was!“ rief er mit einem Stich der alten qualvollen Angst. „Du scherzest. Natürlich sind wir verlobt, das will ich dir schon beweisen. Na, sind wir’s, oder nicht?“

„Ich kann mich ja nicht wehren, du bist stärker als ich. Aber ehe nicht mein Vater davon weiss, betrachte ich mich nicht als verlobt. Ich habe ja keine Mutter,“ setzte sie sehnsüchtig hinzu. „Ich habe die Mutter wohl nie so entbehrt wie gerade jetzt.“

„Nun bist du mein, Liebling, und deinen Vater will ich gleich benachrichtigen. Willst du hier warten, bis ich wiederkomme?“

„Ja, ich will warten. Ich bin für niemand heut zu Hause. Aber merk dir eins, Phil, wenn Vater dich nicht will, will ich dich auch nicht. Du musst also sehr lieb mit ihm sein.“

„Darum mach dir keine Sorge,“ antwortete er vertrauensvoll schon an der Tür, „dein Vater und ich sind gute Freunde.“

Als er hinaus war, machte sie Licht und trat an den Spiegel. Eitelkeit? — Weit gefehlt! Sie wollte das Mädchen sehen, das er liebte. In dem breiten Glas sah sie ein junges Geschöpf, das ihr zuerst fremd erschien; nie vorher hatte sie dieses Gesicht gesehen, dieses seltsam süsse Gesicht, glühend von wilden Küssen, mit Augen, in deren Tiefen das Morgenrot der Liebe schimmerte. Sie erschrak fast vor dem Leuchten in ihren Augen, drehte schnell das Licht aus und warf sich in einen der tiefen Sessel, zitternd vor unbestimmter Freude und Angst. — —

„Herein!“ rief die scharfe Stimme des Mr. Theophilus Lee, und voll froher Zuversicht betrat Phil Armitage das geräumige, behagliche Arbeitszimmer. Gross, mager und eckig erhob sich Mr. Lee von seinem Zylinderbureau, ihn zu begrüssen; doch in dem Gruss lag keine Wärme. Die kalten grauen Augen blickten höflich, aber kühl fragend auf den Eindringling. Mr. Lee trug eine goldene Brille tief auf seiner langen, schmalen Nase, schaute aber ganz unerwartet häufig über die Gläser hinweg gerade in die Augen seines Besuchs.

Phil Armitages fröhlicher Mut begann zu sinken. So hatte ihn Mr. Lee noch nie behandelt. Selbst stehend und ohne seinen Gast zum Sitzen aufzufordern, nahm er eine fragende Haltung an, die deutlicher als Worte sagte: ‚Was haben Sie hier zu suchen? Sagen Sie es und gehen Sie.‘

„Es handelt sich um Ihre Tochter, Mr. Lee,“ stotterte Phil.

„Meine Tochter! So? Und was ist mit meiner Tochter, Mr. Armitage?“ Kein Laut verriet, dass er den Zweck des Besuches ahnte; nur höfliches Erstaunen, dass der junge Mann etwas über seine Tochter zu sagen habe.

Sein Ton stachelte den Mut des Bewerbers an. „Ich komme zu Ihnen, Mr. Lee,“ sagte er sehr ruhig, „um Sie um die Hand Ihrer Tochter zu bitten.“

Das Antlitz des Älteren blieb völlig ausdruckslos, er strich mit der mageren Hand über den spitzen Bart, als streichle er einen Lieblingshund. Plötzlich trafen die kalten grauen Augen über die Brillengläser hinweg die des jungen Mannes. „Sie haben schon mit meiner Tochter gesprochen?“ fragte er scharf.

„Jetzt eben, vor wenigen Minuten.“

„Sie halten das natürlich für ehrenhaft?“

„Ich verstehe Sie nicht.“

„Vermutlich nicht. Sie wissen doch, dass meine Tochter mein einziges Kind und eine reiche Erbin ist?“

„Darüber habe ich nie nachgedacht.“

„Aber die Tatsache war Ihnen bekannt, als Sie hierher kamen und ihr den Hof machten, und nachdem Sie ihr das Versprechen abgelockt haben, kommen Sie zu mir und bitten um ihre Hand und ihr Vermögen.“

„Nein, nein; ich versichere Ihnen, ich verlange nicht einen Pfennig.“

„Sie brauchen sich hier durchaus nicht als Theaterheld aufzuspielen, Mr. Armitage, das macht auf mich gar keinen Eindruck. Sie wissen recht gut, dass mein Geld einst meiner Tochter gehören wird.“

Bei den letzten Worten klang ein wärmerer Ton in seiner Stimme. „Ich weiss wohl, dass man mich für hart hält, weil ich schwer gearbeitet habe und auf ehrliche Weise ein grosses Vermögen erwarb, das ich nicht unnütz ausgebe. Aber nie hat mich jemand einen harten Vater genannt. Junger Mann, Sie sagen, Sie lieben meine Tochter, aber Sie lieben sie nicht halb so sehr wie ich. Alles, was ich bin und habe, gehört ihr. Wenn Norma einen Bettler oder einen Lumpen heiraten will, so ändert das nichts daran; aber sie soll weder einen Bettler noch einen Lumpen heiraten, so lang ich es verhindern kann.“

Der schmächtige Alte häufte Beleidigung über Beleidigung auf den jungen Hünen, der ihn mit einem Griff zerbrechen, mit einem Schlage töten konnte. Phil biss sich die Lippen und ballte die Fäuste, um durch physische Anstrengung die heisse, wilde Leidenschaft, die nach einem Ausweg rang, niederzuhalten. „Er ist ein alter Mann, er ist ihr Vater,“ wiederholte er sich immer wieder.

„Ich hoffe, Mr. Lee,“ sagte er nach einer Weile mit einer so vollkommenen Ruhe, dass es ihn selbst überraschte, „Sie halten mich weder für einen Bettler noch für einen Lumpen. Ich habe eine sehr gute Stellung in Aussicht und besitze ausserdem zwanzigtausend Pfund für den Anfang.“

„Zwanzigtausend,“ höhnte der alte Mann, „diese Riesensumme wagen Sie gegen die zweimalhunderttausend, die meine Tochter am Hochzeitstag erhalten wird. Eine gute Spekulation! Sie verstehen es, Ihren Vorteil und Ihre Liebe zu vereinigen. O, Sie brauchen natürlich kein Geld, ein uneigennütziger Mann braucht das ja nie, wenn er eine reiche Erbin heiraten will. Man nennt mich einen Geizhals, und wenn geizig sein heisst, dass man an die Macht und den Wert des Geldes glaubt, dann bin ich ein Geizhals.“

Erschöpft sank er auf seinen Stuhl, aschgrau, mit bläulichen Lippen.

„Setzen Sie sich,“ sagte er mit Anstrengung und wies auf einen Stuhl, „wir wollen zu Ende kommen.“ Er lehnte sich zurück und wischte sich den kalten Schweiss von der Stirn, fuhr dann aber rücksichtslos fort: „Ich will, dass meine Tochter alles haben kann, was mit Geld zu erkaufen ist, und das ist beinahe alles auf der Welt. Abraham Lamman hat bei mir um die Hand meiner Tochter angehalten, und ich habe ihm mein Wort gegeben, wenn er ihre Einwilligung erlangen kann.“

Der junge Armitage war durch diese Ankündigung auf das höchste überrascht. „Haben Sie Lamman nicht gesagt, dass ich —“

„Sie?“ unterbrach ihn der Vater. „Wozu sollte ich Sie erwähnen?“

„Ich meine nur, er ist ein Freund von mir.“

„Heisst das, dass er nur mit Ihrer Erlaubnis heiraten darf?“ Wieder brach der Zorn bei ihm hervor. „Ich sage Ihnen hiermit, junger Mann, es ist mein Wunsch, dass meine Tochter Lamman heiratet, und ich bin durchaus dagegen, dass sie Sie heiratet. Wenn Sie einmal Hunderttausend Ihr eigen nennen, dann fragen Sie wieder an. Und nun gehen Sie.“

„Darf ich Ihre Tochter noch sprechen, ehe ich gehe?“

Mr. Lee starrte ihn einen Augenblick an, bevor er antwortete.

„Gewiss,“ sagte er kühl. „Sie würden es doch auf irgendeine Art zuwege bringen, sie zu sprechen. Am besten jetzt gleich; auf meine Tochter kann ich mich verlassen.“ Damit drehte er sich seinem Schreibtisch zu, und Armitage verliess niedergeschmettert das Zimmer.

Das junge Mädchen hörte ihn die Treppe heraufkommen und sprang auf. „Nun?“ rief sie ungestüm, „das hat lange gedauert. Hat er —“ Trotz der matten Beleuchtung sah sie sein verändertes Gesicht, und der scharfe Blick der Liebe deutete den resignierten Ausdruck sofort richtig.

„Was bedeutet das, Phil? Er hat dich doch nicht abgewiesen? Seid ihr aneinandergeraten? Schnell, sag mir alles.“

„Dein Vater hat mich niederträchtig behandelt, Norma,“ sagte er bitter. „Er nannte mich ausser Mitgiftjäger noch Bettler, Lump und Lügner, und zwar mit dürren Worten. Er wünscht, dass du den Millionär Abraham Lamman heiratest.“

Sie seufzte nur leise.

„Wenn der Millionär nicht aufgetaucht wäre, hätte ich vielleicht eine Chance gehabt, so aber bin ich der Mitgiftjäger, der nur nach deinem Vermögen trachtet. Man kann ja gern ein Lump sein, wenn man nur über Millionen verfügt. — Nein, das wollte ich nicht sagen, denn Aby Lamman ist ein guter Freund von mir und brav und ehrlich wie nur einer.“

„Mir ist schon sein Anblick zuwider,“ entgegnete Norma.

„So willst du ihn nicht heiraten?“ flehte er eifrig.

„Nicht um alles in der Welt! Wie kannst du fragen.“

„Mein Liebling,“ sagte er beruhigt. „Dein Vater wird sich wohl erst ein bisschen sträuben, aber bald genug nachgeben, wenn wir nur erst verheiratet sind. Je eher, desto besser.“

Er zog sie bei diesen Worten an sich, und sie widerstrebte ihm nicht; schon glaubte er gewonnenes Spiel zu haben.

„Phil,“ flüsterte sie, „wir müssen warten, das siehst du doch ein, nicht wahr? Ich kann nicht gegen Vaters Willen heiraten. Mit der Zeit werde ich ihn schon überzeugen, er kann mir ja nichts abschlagen.“

„Warten, warten,“ rief er, „und wie lange, Norma?“

„Wie kann ich das sagen? Bis ich Vaters Einwilligung habe.“

„Und wenn er sie nie gibt?“

„O, das wird er doch, Phil, sicher. Ich kenne ihn besser als du.“

Das Ohr des Liebenden hörte die leichte Zaghaftigkeit in ihrem Ton. „Wenn er es aber nicht tut,“ drang er weiter in sie, „willst du mir dann versprechen, in drei Monaten — nein, sagen wir in sechs Monaten meine Frau zu werden? Willst du mir das versprechen?“

Seine Worte klangen nicht wie eine Bitte, sondern als habe er ein Recht zu fordern; dagegen aber lehnte sich etwas in ihr auf.

„Nein,“ antwortete sie kühl, „so etwas verspreche ich nicht. Ich heirate nicht gegen den Willen meines Vaters.“

„Dann liebst du mich nicht, weisst gar nicht, was wahre Liebe ist.“

„Aber du weisst es!“ gab sie spöttisch zurück. „Vor einer Stunde batest du demütig um einen leisen Hoffnungsschimmer, und nun, wo ich dir törichterweise meine Liebe verraten habe, beleidigst du mich!“

„Beleidige ich dich, Norma?“

„Ja, du sagst, ich sei falsch, unbeständig und wisse nicht, was Liebe sei. Also gut, dann wollen wir nicht weiter darüber sprechen. Dann sind wir fertig miteinander.“

„Damit bin ich wohl entlassen?“

„Wie es Ihnen beliebt.“

„Leben Sie wohl, Miss Lee.“

„Leben Sie wohl.“

Er griff nach seinem Hut und Stock; im Grunde seines Herzens fühlte er wohl, dass er sie verletzt habe, und dass sie im Recht war. Er hätte sich ohrfeigen können und sie auf den Knieen um Verzeihung bitten, aber der Trotz war grösser als die gute Regung. Unmutig, mit gesenktem Blick ging er durch das Zimmer zur Tür.

Seine Hand fasste schon den Griff, als eine leise Berührung ihn aufsehen liess. Neben ihm war ihr errötendes Antlitz.

„Nein, nein,“ rief sie, als er sie umfassen wollte. „Setz dich dahin, nicht so nahe, und höre mich an. Ich kann es nicht ertragen, dass wir so auseinander gehen. Ich glaube, dass du mich liebst — nein — bleib sitzen — Vater hat dich sehr hässlich behandelt, und ich darf dir nicht böse sein. Versuche aber einmal die Sache mit meinen Augen zu sehen. Ich liebe Vater, und er liebt mich. An meine Mutter kann ich mich nicht erinnern, er war mir Vater und Mutter, er hat mich nie gestraft, nur verhätschelt; er hat mich gepflegt, wenn ich krank war. Er würde mich auch jetzt es nicht entgelten lassen, wenn ich dich morgen heiratete.“

„Das sagte er auch,“ stöhnte Phil. Er wollte ehrlich handeln, obwohl seine Hoffnung immer mehr schwand.

„Ich wusste es, ohne dass er es mir sagte. Er würde mir nicht zürnen, aber es würde ihm das Herz brechen, wenn ich so wenig Liebe für ihn hätte, dass ich gegen seinen Willen handeln könnte. Ich kann ihm seine grosse Liebe nicht so lohnen.“

„Du bist ein Engel, Norma, und ich bin nicht wert, deine Füsse zu küssen.“

Vor ihrem Lächeln schwand seine Demut, er zog sie in seine Arme und küsste sie — wenn auch nicht gerade auf die Füsse.

„Willst du auf mich warten?“ fragte er flüsternd.

„Hundert Jahre, Phil.“

„Hoffentlich nicht ganz so lange,“ rief er entsetzt, und beide mussten lachen. „Sagte ich dir, dass dein Vater einwilligt, sobald ich hunderttausend Pfund besitze?“

„Die hast du aber nicht, Liebster?“

„Ich kann sie aber vielleicht bekommen. Aby Lamman sagte mir mal, dass er zuweilen in einer Woche so viel verdient.“

„Ach, Aby Lamman!“ Abneigung und Verachtung lagen in ihrem Ton.

„Ich wünsche gar nicht, dass du ihn gern hast, Liebchen. Mir ist er aber ein guter Freund gewesen und er kann mir vielleicht einen guten Tip geben.“

„Trau’ ihm nicht.“

„Ich glaube, ich kenne ihn sehr genau. Nun wünsche mir Glück und sag’ mir adieu.“

Der Abschied war lang und umständlich, und als sich endlich die Haustür hinter ihm schloss, fand das junge Mädchen ein kleines Medaillon auf dem Treppenläufer. Sie nahm es auf, öffnete es und fand ihr eigenes Bild darin. „O, du glückliches Mädel,“ flüsterte sie, küsste es und verbarg es in ihrem Kleid.

Zweites Kapitel

Ein Freund in der Not

„Was um alles in der Welt bringt denn dich in die City, alter Freund? Aber herzlich willkommen und doppelt willkommen, wenn ich dir dienen kann.“

Herzlichkeit klang aus jedem Wort des grossen Mannes, und Treuherzigkeit sprach aus seinem breiten, gutmütigen Gesicht.

„Setz dich, mein Junge und steck dir ’ne Zigarre an.“ Er schob ihm einen Kasten hin. „Das mildeste, was es gibt. Du frühstückst doch mit mir, was? Und wenn ich hier irgend etwas für dich tun kann, heraus mit der Sprache.“

Aby Lamman mit seiner jovialen Stimme und seiner mächtigen, ungeschickten Figur war die Verzweiflung der grossen Schneider in Bond Street, und sein Kontor war wie der Mann selbst unordentlich und gemütlich. In einer Ecke lagen Angelgeräte, in einer andern das Futteral mit den Golfschlägern. Sein Aussehen und seine Umgebung erweckten Vertrauen.

Phil Armitage fühlte nur zu gut den ermutigenden, erfrischenden Einfluss dieses Mannes.

„Es ist eigentlich eine Unverschämtheit von mir, Aby,“ sagte er, „überhaupt zu dir zu kommen, denn ich habe soeben herausgefunden, dass wir Rivalen sind.“

Einen Moment verdüsterte sich Lammans heiteres Gesicht und die Brauen zogen sich finster zusammen. Seine Selbstbeherrschung aber war bewundernswert. Er lächelte und fragte freundlich und ruhig: „Miss Lee?“

Armitage nickte.

„Das habe ich gefürchtet. Aber Phil, du kommst doch nicht etwa, um mich zu fordern? Oder um zu verlangen, dass ich alle Ansprüche aufgebe?“

„Das nicht gerade,“ antwortete Armitage. Er war froh, dass der andere die Sache so leicht zu nehmen schien. „Mich verlangt durchaus nicht nach einem Streit.“

„Das freut mich,“ rief Lamman fröhlich mit seiner lauten Stimme. „Freie Bahn, und der Beste gewinnt. Ich habe das kleine Mädel verzweifelt lieb, das begreifst du wohl, Phil.“

Bei den letzten, mit tiefem Ernst gesprochenen Worten fühlte Armitage einen leisen Stich, wie einen Gewissensbiss. „Du tust mir von ganzem Herzen leid, armer Kerl. Ich hatte keine Ahnung, dass dir die Sache so tief geht, aber ich bin mit Miss Lee verlobt.“

Diese Neuigkeit brachte Lamman offenbar ganz aus dem Gleichgewicht. Er barg sein Gesicht in den Händen und sass lange so. Dann sprang er auf und ging schweigend auf und ab.

„Phil,“ sagte er schliesslich und legte ihm die Hand auf die Schulter, „ich leugne nicht, dass mir das sehr nahe geht, aber wenn ich sie nicht haben kann, so gibt es keinen, dem ich sie eher gönnte als dir. Besten Glückwunsch, alter Junge. Wann wollt ihr heiraten?“

„Das weiss ich nicht. Offen gestanden, der Vater will mich nicht, er möchte lieber dich, oder vielmehr dein Geld haben.“

„Das kann ich begreifen,“ sagte Lamman langsam. „Du hast aber doch genug zum Heiraten.“

„Genug für Norma, gewiss — aber nicht für den alten Lee. Er verlangt als Mindestvermögen hunderttausend Pfund.“

„Das ist ja nicht so schwer zu erlangen,“ erwiderte Lamman etwas wegwerfend.

„Nicht für dich, dem alles, was er anfasst, zu Golde wird. Diese Gabe habe ich leider nicht.“

„Man kann nicht alles haben,“ sagte der andre bitter. „Du hast dein Teil. Ich würde gerne tauschen.“

Armitage schien die Bitterkeit nicht zu bemerken. „Sag mal, alter Freund,“ begann er zögernd, „ich kam zu dir, weil ich glaubte, dass du mir helfen könntest. Es ist freilich nicht ganz fair, das weiss ich wohl, aber da du sagtest, dass du mich allen andern vorziehen würdest, könntest du —“

„Was?“ fragte Lamman ungeduldig, als der andre stockte.

„Na, ich dachte, vielleicht würdest du mir einen Tip für die Fondsbörse geben. Ich habe über zwanzigtausend Pfund, die ich morgen in irgendwas, wozu du rätst, anlegen kann. Ich habe nie den Wunsch nach Geld gehabt, aber jetzt sehne ich mich fast krank danach, um den alten Lee zufriedenstellen zu können.“

Lamman betrachtete ihn aufmerksam, während ein seltsames Lächeln um seine festgeschlossenen Lippen spielte. „Na, an übergrossem Zartgefühl scheinst du nicht zu kranken. Du verlangst von mir, dass ich mir einfach die Gurgel abschneide und dir zu dem verhelfe, was ich selbst erreichen möchte.“

„Du hättest doch keine Chancen. Norma sagte mir, dass sie dich unter keinen Umständen heiraten würde.“

„Das mag wohl sein, aber junge Mädchen ändern zuweilen ihren Sinn. Wenn sie aber dich geheiratet hat, ist das nicht mehr möglich, und dazu soll ich noch helfen?“

„Nein, das sollst du nicht, wenn du es so auffassest,“ gab Armitage steif zurück. „Ich werde mein Heil allein versuchen.“

„Immer langsam voran,“ sagte der gutmütige Lamman. „Ich habe weder gesagt, dass ich dir nicht helfen will, noch dass ich es will; so etwas will reiflich überlegt sein. Heute isst du erst mit mir, dann gehen wir ins Theater und morgen um zwölf erneuern wir die Sitzung. Bis dahin kein Wort weiter von der ganzen Geschichte.“

Armitage fand in Lamman den freigebigsten und angenehmsten Wirt wie bei früheren Gelegenheiten, und als sie nach dem ausgezeichneten Frühstück, eine gute Zigarre im Munde, Pall Mall hinunter schlenderten, fühle Armitage sich voller Zuversicht. —

Am nächsten Tage, als Armitage zur bestimmten Stunde im Kontor erschien, war Lamman gemessen und ernst. Schweigend reichte er ihm die Zigarrenkiste. Lammans Zigarren waren mit Recht berühmt, und schweigend rauchten sie wohl fünf Minuten lang. Dann sagte Lamman langsam: „Hör mal, mein Junge, ich wünschte, du liessest mich mit der Geschichte in Ruhe.“

„Wie du willst,“ sagte Armitage kurz.

„Ich bin nur in Sorge deinetwegen.“

„O, um mich mach dir keine Gedanken. Ich sehe, dass du etwas Gutes weisst.“

„Etwas, das ich für gut halte. Das ist aber immerhin noch keine Garantie für absolute Sicherheit.“

„Gibt es denn die überhaupt an der Fondsbörse?“

„Nein, das wohl nicht, wenigstens nicht bei grossen Sachen.“

„Lässt du dich selbst darauf ein?“

„Selbstverständlich.“

„Dann tue ich es auch; das heisst, wenn du es erlaubst.“

„Bitte, sei nicht böse, wenn ich dich darauf aufmerksam mache, dass ein Verlust, den ich leicht verschmerzen kann, dich ruinieren würde.“

„Ich werde die Folgen tragen.“

„Dann meinetwegen,“ sagte Lamman, „des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Ehrlich gestanden,“ fügte er wie widerstrebend hinzu, „glaube ich nicht, dass ein grosses Risiko dabei ist. Aber ich mache eine Bedingung.“

„Schiess los.“

Der grosse Mann war augenscheinlich verlegen. „Armitage,“ begann er schliesslich, „ich sage dir ganz ehrlich, ich habe noch nicht alle Hoffnung auf Norma Lees Hand aufgegeben und werde das auch nicht tun, bis ihr verheiratet seid. Wenn dieser Coup gelingt, willst du sie dann vom Fleck weg heiraten?“

Der andere nickte.

„Das passt mir nicht in meinen Plan; ich verlange auch eine Chance für mich. Junge Mädchen ändern ihren Sinn.“

„So ist Norma nicht.“

„Um so besser für dich, das erleichtert dir die Bedingung. Willst du versprechen, wenn du dies Spiel gewinnst, sechs — na, sagen wir drei Monate zu warten?“

Einen Augenblick zauderte Armitage. „Es gilt,“ sagte er und streckte die Hand aus.

Lamman erfasste sie mit kräftigem Druck. „Nun ans Geschäft,“ sagte er munter. „Nach meinen Informationen muss man jetzt Amalgamated Gold Shares kaufen. Du hast doch von der Gesellschaft gehört?“

„Offen gestanden nein!“

„Na, du kümmerst dich ja auch nicht um die Börse. Amalgamated Gold gehört seit vielen Tagen zu den begehrtesten Papieren an der Börse. Eine Anzahl Amerikaner haben ein paar Minen, gute und schlechte, alte und neue, zusammengefasst und treiben sie in die Höhe. Die Fünfdollaranteile standen nach acht Tagen auf zehn, nach einer Woche fielen sie allerdings wieder auf fünf. Ich glaube aber, dass sie nur um so höher wieder steigen werden.“

„Ich verstehe,“ sagte Armitage, „die Minen erweisen sich als besser, als man erwartete.“

Lamman betrachtete ihn mit gutmütigem Spott. „Du bist sehr grün, mein Junge! Die Minen oder das Gold sind ganz nebensächlich, die Leute auf dem Markt, die reichsten und besten in den Vereinigten Staaten, bereiten, wie ich glaube, eine neue Hausse vor, und ich will von Anfang an dabei sein.“

„Ich auch.“

„Du auch, wenn du’s riskieren willst. Jetzt heisst es kaufen, kaufen und nochmal kaufen. Hier ist das Telegramm für meinen Agenten in Amerika. Die Chiffres sind ganz einfach, wenn man den Schlüssel hat. Ich will die Nachricht gleich selbst aufgeben, denn jetzt bedeuten Minuten vielleicht schon Tausende.“

„Kannst du auch für mich kaufen?“

„Nein, du musst dich an deinen eigenen Makler halten. Aber sei vorsichtig, dass du mich nicht verrätst, sonst geht am Ende die Karre in den Dreck.“

„Du kannst dich auf mich verlassen. Wann soll ich anfangen?“

„Am besten sofort.“

Sie gingen zu einem ruhigen kleinen Telegraphenbureau, wo Lamman das Telegramm aufgab. Armitage sah mit grossem Erstaunen, dass der Beamte, der es in Empfang nahm, eine merkwürdige Ähnlichkeit mit ihm selbst hatte. Armitage war glatt rasiert und der Beamte trug einen kleinen Schnurrbart und spitzen Backenbart. Immerhin war die Ähnlichkeit so auffallend, dass es ihm sonderbar erschien, dass weder Lamman noch der Beamte sie bemerkten.

Lamman trennte sich dort von ihm, und er ging allein zu seinem Makler.

Mr. Samson, ein ernster, gewissenhafter, silberhaariger Mann, war sehr erstaunt, als Philip Armitage ihn beauftragte, für ihn bis zu zwanzigtausend Pfund Amalgamated Gold Shares zu kaufen.

„Das ist eine grosse Summe,“ warnte er väterlich, „Amalgamated Gold gilt für ein Spekulationspapier.“

„Ich trage die Verantwortung,“ erwiderte Armitage.

„Sie haben mir aber keinen genauen Auftrag gegeben. Wie weit soll ich gehen? Soll ich gegen bar oder auf Rechnung kaufen?“

„Davon verstehe ich nichts, Mr. Samson. Kaufen, kaufen und weiterkaufen, so weit die zwanzigtausend reichen. Alles andre überlasse ich Ihnen.“

„Er scheint seiner Sache sehr sicher,“ dachte Mr. Samson. „Da will ich auch ein bisschen was riskieren.“ So kaufte er erst einmal ein gutes Teil der bezeichneten Aktien für sich, ehe er Phil Armitages Auftrag ausführte.

Drittes Kapitel

Hausseund Krach

Zum erstenmal in seinem Leben studierte jetzt Phil Armitage die Börsenberichte. Flüchtig glitt sein Blick über die Spalten der Zeitung — Parlament und Sport — denen sonst sein Interesse gegolten hatte, und haftete an dem Berichte über den Geldmarkt.

In den ersten Tagen blieb Amalgamated Gold ganz ruhig, dann begann ein leises Schwanken auf- und abwärts über die Parilinie und allmählich ging es ruhig und sicher in die Höhe. Ein Achtel, ein Viertel, ein Halb wurde erreicht, und immer weiter stiegen die Aktien. Armitage genügten die Zeitungsberichte nicht mehr, er verfolgte die neuesten Meldungen im Klub. Die fieberhafte Aufregung der Spieler rann auch durch seine Adern. Bald zog die Hausse allgemeine Aufmerksamkeit auf sich, tolle Gerüchte kamen auf, und bildeten das Tagesgespräch im Klub.

Unser Freund Phil lächelte überlegen, wenn er solche Unterhaltungen mit anhörte, er gehörte ja zu den Eingeweihten, und die törichten Bemerkungen der Aussenseiter machten ihm Spass. Eines Tages traf er Lamman zufällig auf der Strasse.

„Na,“ sagte dieser, als Armitage ihm warm die Hand drückte, „bist du zufrieden?“

„Werden sie noch weiter steigen?“ fragte Armitage.

Lamman lachte sein gutmütiges, dröhnendes Lachen. „Wie kann ich das sagen? Ich bin kein Prophet. Aber wenn du zu den jetzigen Preisen verkaufen willst, so nehme ich deinen kleinen Vorrat, du wirst mir wohl die Vorhand lassen, was? Spielen und jobbern ist nichts für junge Leute, das fällt auf die Nerven.“

„Was tust du denn?“ fragte Phil.

„Ich raufe,“ sagte Lamman mit einem ermutigenden Zwinkern und raste davon.

Für den Augenblick war Phil zufrieden und beruhigt; er fühlte aber doch, wie sehr die Sache ihm auf die Nerven ging. Als eines Tages die Fünfdollaranteile auf elf standen, ging er zu seinem Makler.

Mr. Samson empfing ihn mit übergrosser Liebenswürdigkeit.

„Ich gratuliere, Mr. Armitage,“ sagte er, „Sie haben eine feine Nase gehabt. Sie verzeihen wohl, dass ich Ihnen abgeraten habe, aber ich ahnte ja nicht, dass Ihnen so etwas liegt.“

Phil Armitage war noch sehr jung. Ihm schmeichelte das Kompliment, als habe er wirklich etwas Wunderbares vollbracht.

„Natürlich, Herr Samson,“ erwiderte er mit überlegener Miene. „Ich kam nur herein, um mal zu hören, wie ich stehe.“

„Sehr gern,“ antwortete der Makler. „Jenkins,“ rief er in das grosse Bureau, „bitte bringen Sie mir mal Mr. Armitages Konto.“

Er schlug das Buch auf dem Tisch auf. „Lassen Sie uns mal sehen. An dem Tag, als Sie uns die Order gaben, kauften wir zwei Partieen zu —“

Armitage unterbrach ihn höflich. „Bemühen Sie sich nicht um die Einzelheiten. Können Sie mir sagen, wie ich jetzt stehe — ich meine, wie viel mir dies Geschäft einbringt, wenn ich jetzt verkaufe?“

„Sie glauben also, dass der Höhepunkt erreicht ist?“ fragte Mr. Samson ängstlich und mit lächerlicher Unterwürfigkeit.

Armitage lächelte geheimnisvoll und schüttelte den Kopf. „Das habe ich nicht gesagt. Ich wünschte nur eine ungefähre Auskunft.“

„Verzeihen Sie, wenn ich indiskret war. Einen Augenblick.“ Er rechnete eifrig mit seinem goldenen Bleistift auf einem Stück Papier. „Hier haben Sie eine Aufstellung. Wir haben zwanzigtausend Anteile für Ihre Rechnung gekauft. Der Durchschnittsgewinn ist ungefähr sechs Dollar. Wenn Sie jetzt verkaufen wollen, Mr. Armitage, so macht das einen Gewinn von zirka vierundzwanzigtausend Pfund.“

Armitage war sprachlos. In einer Woche vierundzwanzigtausend Pfund und in einem Monat waren es vielleicht hunderttausend. Manche Zeitungen prophezeiten ja ein immer weiteres Steigen. Er fühlte, dass er seinen Freund Lamman um Rat fragen müsse, denn er war ja unerfahren wie ein neugeborenes Kind in solchen Dingen. Und doch schmeckte die Hilfe des grossmütigen Freundes ein wenig bitter; sein Egoismus hatte sein Gewissen betäubt, das ihn mahnte, es sei unedel, gerade diesen Mann um Hilfe anzugehen.

„Soll ich für Sie realisieren?“ fragte Mr. Samson.

„Nein, Mr. Samson. Ich will noch nicht verkaufen. Amalgamated werden wohl noch weiter hinaufgehen. Sie hören in ein paar Tagen von mir.“

Er wunderte sich selbst über die ruhige Gelassenheit, mit der er sich von dem Makler verabschiedete. Wie getragen durch das grosse Glück schritt er dahin. Plötzlich aber durchzuckte ihn ein Gedanke. Dieser ganze grosse Reichtum war Zaubergold, das ebenso rasch zerrann, wie es gewonnen wurde. Schon war er ein paar Schritt rückwärts gegangen, um den Makler mit dem Verkauf zu beauftragen, da winkte er sich einen Wagen heran und gab dem Kutscher Lammans Adresse.

Lamman war augenscheinlich erfreut über seinen Besuch.

„Hab’ dich halb und halb erwartet. Nun?“ Das eine Wort enthielt unendlich viel.

„Ich wäre schon längst gekommen, wenn ich nicht fürchtete, dich zu stören,“ sagte Armitage etwas verlegen. „Du bist ein Zauberkünstler. Wie kann ich dir danken?“

„Ist nicht der Rede wert. Ein kleiner Tip kostet mich ja nichts. Ich bin ja selbst beteiligt, und hoffe noch mehr damit zu machen.“

Darauf biss Armitage sofort an. „Du würdest mir also auch raten, noch länger abzuwarten?“

„Nein,“ antwortete Lamman gemessen. „Ich gebe dir keinen Rat; die Verantwortung übernehme ich nicht. Du sollst mir keine Vorwürfe machen können, wenn durch irgend einen Zufall die Sache schief geht.“

Armitage lächelte und glaubte zu verstehen.

„Du glaubst nicht, dass die Papiere fallen werden?“

„Natürlich glaube ich das. Das tun sie jedenfalls, ehe sie sicher und fest zu einem hohen Preise liegen; dann hört ja die Spekulation auf.“

Armitage hatte den Rat, den er haben wollte. „Adieu, alter Junge und tausend Dank für den Tip. Ich fühle mich ganz beschämt unter diesen Verhältnissen.“

„Nicht nötig,“ war Lammans Antwort, „im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt. Übrigens nimm dich in acht, ich könnte dir ja auch mal einen falschen Tip geben.“

„Wenn nur nichts grössere Sorge machte,“ lachte Armitage.

Als die Aktien am nächsten Tag etwas fielen, las Armitage den Bericht in der „Times“ in voller Gemütsruhe und beglückwünschte sich im stillen zu seinem treuen Freund.

Er beglückwünschte sich erst recht am folgenden Morgen, wo die Aktien bis auf neunzehn getrieben wurden. Wie viele andre nahm auch Armitage sich vor zu verkaufen, sobald die runde Summe erreicht sei. Dieser Augenblick kam aber nie.

Um Mittag kam in den Klub die Nachricht, dass die Preise fielen. Eine Weile schienen sie unausgesetzt auf und ab zu gehen, dann plötzlich fielen sie ins Bodenlose. Tiefer und immer tiefer!

Wilder Tumult und förmliche Panik herrschte in New York und kaum weniger in Throgmorton Street. Menschen wurden zu Bestien, einige erschossen sich, andre wurden wahnsinnig. Die Seifenblase war geplatzt, die Aktien waren nicht das Papier wert, auf dem sie ausgegeben wurden, und Phil Armitage war völlig ruiniert.

Viertes Kapitel

Aus den Klauen des Todes

Armitage war wie gelähmt, er konnte und wollte es nicht fassen. An jenem Abend tat er, was er nie vorher getan hatte. Er nahm sich drei Flaschen Champagner mit auf sein Zimmer und trank und trank, bis er einschlief. Er gewann aber nur kurzen Aufschub, denn nach einigen Stunden erwachte er aus schweren Träumen, wunderte sich über das brennende elektrische Licht und darüber, dass er noch angezogen war. Plötzlich aber kam ihm mit einem schneidenden Schmerz das volle Bewusstsein seines Zusammenbruchs. Nun sass er stundenlang und starrte in die trostlose Zukunft. Er hatte nicht nur sein Vermögen verloren, sondern auch das Mädchen, das er liebte. Jetzt war er wirklich ein Bettler und musste ihr ihr Wort zurückgeben; er wollte ihr gleich schreiben und sie freigeben.

Allmählich fing er an, der Zukunft ernst ins Angesicht zu blicken; vor ihm lag ein völlig verändertes Leben voll Mühe und Arbeit. Bisher hatte er sehr glücklich und behaglich gelebt. Er hatte keine Eltern mehr, war vollkommen sein eigener Herr, und sein Vermögen reichte aus, um seine Launen und Wünsche zu befriedigen. Er war hübsch und stattlich, gesund und beliebt bei alt und jung. So war er dahingetrieben im Strom des Lebens, bis seine Liebe für Norma Lee ihm die erste bittere Stunde bereitete. In den langen Stunden dieser Nacht glaubte er auf alles eher verzichten zu können als auf dieses Mädchen. Sie aber war ihm verloren, sie würde aus seinem Leben ganz und gar verschwinden und vielleicht gar einem andern angehören; das war der tiefste Stachel in seinem Elend.

Ein eiskaltes Bad brachte seine Nerven zur Ruhe, und mit gutem Appetit ging er zum Frühstück hinunter. Man muss ja essen, selbst wenn man ruiniert ist!

Drei Briefe lagen neben seiner Tasse. Er ergriff den kleinsten zuerst. Er war sehr kurz. Gestern noch wäre er glücklich darüber gewesen, heute empfand er beim Lesen einen stechenden Schmerz.

„Lieber Phil. Heute mittag um zwölf werde ich allein zu Hause sein. Deine Dich liebende Norma.

P.S. Vater weiss Bescheid.“

Er durfte es nicht wagen, dieser Verabredung zu folgen. Er wusste, es würde ihn feig machen, denn sie würde ihn jetzt nur noch mehr lieben und willens sein, ihm auch jetzt noch zu folgen.

„Nein,“ flüsterte er vor sich hin, „ein solcher Lump bin ich doch nicht. Ich will ihr alles schreiben, und wenn ich von hier fortgehe, hinterlasse ich keine Adresse. Ich muss ganz verschwinden aus ihrem Leben.“

Der zweite Brief war von Lamman, kurz, männlich und aufrichtig wie er selbst.

„Lieber Armitage. Ich kann es mir nicht verzeihen, dass ich an Deinem Unglück schuld bin. Gestern habe ich den ganzen Tag gehofft, dass Du rechtzeitig wenigstens einen Teil der Amalgamated verkauft hättest. Ich könnte mich ohrfeigen, dass ich Dir nicht den Rat gab, mit Deinem Gewinn Dich zurückzuziehen. Aber selbst die Klügsten unter uns sind manchmal Dummköpfe. Mich hat der Schlag auch ziemlich schwer getroffen, aber ich kann es durchhalten. Wenn ich Dir irgendwie helfen kann, wende Dich vertrauensvoll an mich. Immer Dein Freund A. Lamman.“

„Guter Kerl,“ dachte Armitage, „wie anständig, mir seine Hilfe anzubieten; er ist aber der letzte, von dem ich etwas annehmen kann. Ich hätte überhaupt gar nicht zu ihm gehen dürfen, mir ist eigentlich ganz recht geschehen.“

Mr. Samsons Mitteilung, die letzte der drei, war kurz und trocken. Beigefügt war eine Abrechnung, von der Armitage absolut nichts verstand, als dass ihm von seinem Vermögen 129 Pfund Sterling, 7 Schilling, 4 Pence übrig blieben.

Dieser Brief liess ihn nachdenken und berechnen, wie es um ihn stand. Seine Schulden waren nicht der Rede wert, denn er zahlte immer bar. Wenn alles bezahlt sein würde, blieben ihm noch rund zweihundert Pfund. Dadurch wurde ihm wenigstens Zeit gegönnt, sich ordentlich umzusehen. Er hatte Elektrotechnik studiert und sich jeder neuen Erfindung immer wieder mit besonderem Interesse zugewandt. Er konnte einen Telegraphenapparat konstruieren, hatte auf dem Papier eine neue Flugmaschine erfunden, dann wieder interessierte ihn die drahtlose Telegraphie. Damit musste es ihm doch gelingen, Geld zu verdienen, wenigstens genug für seinen Lebensunterhalt.

Als er die drei Briefe geschrieben hatte, ging er aus, um sich nach Arbeit umzusehen.

Wochen und Monate suchte er vergebens. Er hatte eine billige Wohnung bezogen, lebte sehr einfach, ging allen ehemaligen Bekannten aus dem Wege, und doch glitten ihm seine zweihundert Pfund rasch durch die Finger; er hatte ja niemals sparen gelernt.

Eines Abends minderte er auf dem breiten Trottoir vor dem Marble Arch auf und ab, eine gute Zigarre im Munde; um sich die leisten zu können, hatte er sich beim Mittagessen mit Milch und Brötchen begnügt.

Seine Gedanken beschäftigten sich, wie jetzt immer, mit der Frage des Broterwerbs, doch beobachtete er nebenbei einen jungen Menschen, der etwas unsicher vor ihm herging und ihm seltsam bekannt vorkam. Der junge Mann war nicht gerade betrunken, doch fiel es ihm entschieden schwer, geradeaus zu gehen. Armitage war gerade neben ihm, als er plötzlich, ohne nach rechts und links zu sehen, den Fahrdamm betrat, um ihn zu überqueren. Ein Automobil kam puffend die Strasse herauf, der Chauffeur brauchte seine Huppe wie wild. Der Mann hörte die Huppe wohl, zögerte unschlüssig einen Moment; auf das Trottoir zurückzutreten, wäre das einfachste und natürlichste gewesen, statt dessen schoss er plötzlich dem Automobil in den Weg. Weiter drüben war die Bahn frei, aber ehe er so weit kam, stolperte er und fiel fast vor die Räder des Autos. Der Chauffeur gebrauchte die Bremse, doch war der Wagen zu sehr in Fahrt. Armitage schoss über die Strasse, ergriff den zusammengebrochenen Mann beim Kragen und riss ihn fort; er kam beinahe noch zu rechter Zeit und doch nicht ganz. Eines der schleppenden Beine wurde noch von dem Rad erfasst und gebrochen.

Der rasende Schmerzensschrei klang hell durch die stille Luft und zog eine Menge Menschen von allen Seiten herbei. Das Automobil stand ein paar Schritt weiter, der Besitzer sprang mit leichenblassem Gesicht heraus.

„Ist er tot?“ fragte er angstvoll.

„Ich glaube nicht,“ antwortete Armitage, der sich tief über den zitternden Körper gebeugt hatte. „Ich glaube, ich fühle sein Herz schlagen.“

„Das stimmt,“ mischte sich nun eine dritte Stimme mit dem gedehnten, nasalen Klang der Amerikaner hinein, „diesmal habt Ihr mein Lebenslicht noch nicht ausgepustet, guter Freund. Das Bein ist kaput, das ist alles.“

Mit einem Ächzen richtete sich der Mann ein wenig in die Höhe und sah sich um. Armitage entfuhr ein Ausruf höchsten Erstaunens. Das Gesicht, blass und schmerzverzogen, war das des Telegraphenbeamten, der eine so grosse Ähnlichkeit mit ihm selbst hatte.

Auch der Besitzer des Automobils sah die Ähnlichkeit. „Ihr Bruder?“ fragte er Armitage, der nur den Kopf schüttelte.

Der Überfahrene lächelte und wollte sprechen, sank dann aber in tiefer Ohnmacht zusammen.

„Schnell, schnell, helfen Sie mir ihn in den Wagen tragen; wir müssen ihn ins Hospital schaffen. Der Wagen fährt schnell und sehr ruhig.“ Der alte Herr riss den Schlag auf und half Armitage, den Verunglückten zu betten. „Wollen Sie bitte mitkommen,“ sagte er dann. „Recht so, Schutzmann,“ rief er nun aus dem Fenster, „machen Sie uns den Weg frei; hier ist meine Karte und meine Nummer. Diesmal sind wir allerdings nicht schuld an dem Unfall. Ich bringe den armen Teufel ins Hospital — Bein gebrochen, glaube ich.“

Fünftes Kapitel

Eine Verwandlung

Die Verletzung erwies sich als ein einfacher Beinbruch, der völlig wieder heilen würde. Als Armitage den Patienten am nächsten Tag besuchte, fand er ihn blass, aber vergnügt und sehr redselig.

„Setzen Sie sich dahin,“ sagte jener, „damit ich Sie ordentlich ansehen kann. Sie haben mir die Himmelfahrt erspart, wie man mir erzählt, und ich bin nicht böse darüber, denn dieses alte Jammertal behagt mir noch ganz gut. Der Schutzmann war eben hier, ich hab’ ihm gesagt, dass den Alten keine Schuld trifft. Famoser alter Kerl, wollte mächtig in den Beutel langen, wenn ich Geld brauchte; tue ich aber nicht. Ich hab’ nicht viel Talent zum ‚Danke‘ sagen; aber nicht wahr, wenn Sie mal das Gefühl haben, dass Sie in ein Automobil laufen müssen, dann geben Sie mir die Chance, Sie herauszuholen?“

Er streckte einen langen Arm aus. Wieder durchzuckte Armitage ein sonderbares Erstaunen, als er die Hand ergriff; sie war seiner eigenen so ähnlich, wie es ihre Gesichter und Gestalten waren. Die beiden Männer schienen wirklich aus derselben Form hervorgegangen zu sein.

Auch das blasse Gesicht auf dem Kissen lächelte matt. „Ja,“ beantwortete er Armitages Blick, „wir könnten Brüder sein. Schade, dass es nicht so ist. Ich habe keinen. Na, Sie wollen wohl wissen, wer ich bin und wieso ich unter die Räder des Autos kam? Das ist höchst einfach. Ich hatte nämlich ein bisschen gefeiert, und die Extraflasche Champagner gab mir den Rest. Aber ich fange am verkehrten Ende an. Erlauben Sie also, dass ich mit der Vorstellung des Helden unsrer Geschichte beginne. Cyril M. Littledale, 7. West Avenue, New York; bisheriger Telegraphenbeamter im Dienste Seiner Britischen Majestät. Die Geschichte war nämlich so. Ich wollte die Sekretärin meines alten Herrn heiraten, das famoseste Mädel unter der Sonne, aber das ist ja Nebensache. Der Alte ist Millionär und wollte nichts davon wissen. Keiner wollte nachgeben. Er wollte das Mädel entlassen. Ich sagte ihm, das wäre einfach gemein, ich hätte die Schuld, und deshalb müsse ich gehen. Mein Alter ist mächtig geradezu. Er sagte, ich möge mich zum Teufel scheren. Aber das Mädel behielt er, legte ihr zu und behandelte sie besser als vorher. Ich bekam hier eine Anstellung bei der Post. Irene — so heisst sie — schrieb mir jede Woche, aber von meinem Alten hatte ich über ein Jahr keine Silbe. Gestern wies er mir telegraphisch fünftausend Dollars an mit dem Vermerk ‚Komm zurück und heirate‘. Nun wundern Sie sich nicht mehr, dass ich feierte, was?“

Armitage hatte mit grossem Interesse zugehört; dieser junge Mann besass entschieden Mut und Entschlossenheit, er fühlte in sich einen wunderlichen Stolz auf sein zweites Ich. „Ich habe Sie schon auf dem Telegraphenbureau gesehen. Ich kam einmal mit meinem Freund Aby Lamman dorthin.“

„O, ich kenne Aby,“ war die respektlose Erwiderung, „schlau wie ein Fuchs und ebenso skrupellos. Er gab seine Telegramme immer bei uns auf, da wurde ich neugierig, fragte drüben über dem grossen Teich an und fand alles heraus.“

„Was denn?“

„Ich kenne alle seine Tricks; er gehört zu der Standard Oil Gesellschaft, aber man muss scharfe Augen haben, um das herauszufinden. Was Aby nicht weiss, ist des Wissens nicht wert.“

In seinem Ton lag eine Verachtung, die deutlich empfinden liess, dass er die Informationen Abys weit über seine Ehrlichkeit stellte. Armitage errötete ärgerlich, er war ein sehr treuer Freund.

Die scharfen Augen des Yankee lasen seine Gedanken. „Verzeihung,“ rief er reuig, „ich wusste nicht, dass er ein Freund von Ihnen ist.“

„Der beste Freund, den man sich wünschen kann,“ antwortete Armitage warm. „Vor kurzem erst hat er mir geholfen, wenigstens hatte er die Absicht zu helfen, obwohl —“

Littledales Augen sahen ihn gespannt an, als er zögerte. „Sind Sie Ihrer Sache sicher?“ fragte er gedehnt und etwas spöttisch.

„Sie irren sich vollkommen.“

„Ich habe ja gar nichts gesagt.“

„Aber um so mehr gedacht. Ich will Ihnen die ganze Geschichte erzählen, damit Sie nicht schlecht von ihm denken.“

Er berichtete getreulich und schloss mit den Worten: „In gewisser Weise sind Sie auch dabei beteiligt. Den Tag kamen wir in Ihr Bureau. Entsinnen Sie sich vielleicht?“

„Gewiss. Ungefähr vor vier Monaten. Ihr Gesicht gefiel mir gleich, und ich wunderte mich, wie Sie zu der Gesellschaft kämen.“

„Lamman gab Ihnen selbst das Telegramm, er wolle Amalgamated Gold kaufen.“

„Verkaufen,“ erwiderte der andre mit Nachdruck. „Ich erinnere mich sehr wohl an den Auftrag. „Amalgamated Gold verkaufen und weiter verkaufen bis zum Krach.“

„Ruhig, guter Freund.“ Armitage war aufgesprungen. „Nehmen Sie die Sache ruhig. Ich spreche die reine Wahrheit. Aus Langeweile begann ich da auf dem Postamt einmal den Telegraphencode zu studieren, machte mich dann auch an den Geheimcode von Aby, das war eine harte Nuss, aber ich habe es doch ’rausgekriegt und erfuhr so eine Menge über ihn. An das Telegramm damals erinnere ich mich genau, denn ich war in Versuchung, die Nachricht an meinen Vater zu telegraphieren.“

Die Wahrheit seiner Worte war nicht zu bezweifeln, und nun, da Armitages Sinn auf diese Spur gelenkt war, fielen ihm hundert Kleinigkeiten aus seinen Unterhaltungen mit Lamman ein, die die Sache bestätigten. Er hatte also mit ihm wie mit einem gläubigen Kind gespielt und ihn unter dem Deckmantel der Freundschaft ruiniert. Eine heisse Blutwelle stieg in ihm auf, er erstickte fast vor Zorn.

„Der verfluchte Halunke,“ brach er endlich los.

„So ist’s recht,“ ertönte es beifällig vom Bett her, „das ist er und noch viel mehr.“

„Der hündische Verräter! Ich könnte ihn erwürgen und werde ihm gehörig meine Meinung sagen, wenn ich ihm mal begegne.“

„Dazu sage ich Nein. Erwürgen wäre ganz gut, wenn die Folgen nicht wären. Es wird wohl noch eine andre Art geben. Lassen Sie mich nachdenken und machen Sie jetzt, dass Sie fortkommen. Der Doktor sagt, ich solle viel schlafen und wenig reden, wenn ich in zwei Monaten zu Irene reisen will.“

Armitage sass stundenlang, voller Wut und Selbstverachtung vor sich hinstarrend, in seinem ärmlichen Zimmerchen. Was für ein Schuft war Lamman, und welch blöder Tor er selbst, so in die Falle zu gehen und niemals auch nur auf den Gedanken einer Treulosigkeit zu kommen. Er war einer jener Menschen ohne jedes Misstrauen, die alle andern für ebenso ehrlich und treu halten, wie sie selbst es sind.

Nach einer qualvollen, ruhelosen Nacht besuchte er Littledale am nächsten Morgen wieder im Hospital.

Der Yankee sah ihm prüfend entgegen. „Na, möchten Sie noch mit Freund Aby zusammenstossen?“

„Hoffentlich kreuzt er nie meinen Weg. Ich glaube, ich könnte die Hände nicht von ihm lassen.“

„So schlimm steht es?“ fragte Littledale enttäuscht. „Ich hatte mir etwas ausgedacht, was helfen könnte, Aug’ um Auge, Zahn um Zahn. Wenn Sie aber nichtwollen — — Aber was wollen Sie selbst anfangen, ich möchte so gern helfen. Ich schulde Ihnen mein Leben, und das ist mir momentan unglaublich viel wert. Ich kann nicht die ganze Schuld abtragen, aber doch vielleicht wenigstens bescheidene Zinsen zahlen.“

Tiefes Gefühl sprach aus den leichten Worten. Armitage war gerührt und versuchte nun auch die Sache leicht hinzustellen.

„Einen Griff an den Rockkragen, das ist ja alles, wofür Sie mir zu danken haben.“

„Sie haben Ihr Leben aufs Spiel gesetzt, um das meine zu retten. Na, lassen wir das. Ich sehe mit halbem Auge, dass Fortuna Ihnen nicht hold ist, da müssen Sie mir erlauben, Ihnen auf die eine oder andre Art zu helfen.“

„Mir scheint, Sie sind noch schlimmer dran als ich.“

„O, mir geht es ausgezeichnet; ich hatte heute morgen eine Depesche von meinem Alten und eine von Irene. Die beiden sind dicke Freunde, nennen sich schon Vater und Tochter. Und der Doktor sagt, in zwei Monaten ist mein Bein wieder wie früher.“

„Aber zwei Monate auf dem Rücken liegen?“

„Schadet nichts, Kleiner. Ein lahmes Bein macht noch kein Gefängnis, so lange mein Geist frei wandern kann. Und meiner ist seit unsrer Begegnung meist Galopp geritten. Ich möchte Ihnen aufhelfen; es hat ja keinen Zweck, Ihnen Geld anzubieten, obwohl ich genug für uns beide habe. Na, das dacht’ ich mir: Sie wollen sich ehrlich Ihr Brot verdienen; nicken Sie nur, wenn ich recht habe.“

Armitage lachte und nickte. „Können Sie mir nicht die Stelle verschaffen, die Sie aufgegeben haben?“ scherzte er.

Der Yankee griff mit plötzlichem Ernst die Frage auf. „Ich habe die Stelle gar nicht aufgegeben. Im Gegenteil, ich habe gestern um Urlaub gebeten, fügte das Attest des Arztes bei und erhielt Urlaub auf zwei Monate bei vollem Gehalt.“

„Ich dachte, Sie wollten nach Haus zu Ihrem Vater und Irene,“ rief Armitage ganz verwirrt.

„Natürlich,“ sagte der andre langsam.

„Wie können Sie dann Ihre Stellung hier behalten?“

„Ich muss einen Ersatzmann finden, und der sollen Sie sein. Starren Sie mich nicht so an. Auf unsrer Weltkugel ist wohl Platz für zwei Cyril Littledales, einer in der Alten Welt, einer in der Neuen. Sie sollen der in der Alten Welt sein.“

„Aber ich sehe nicht —“

„Setzen Sie nur erst Brillengläser auf, dann kommt die Erleuchtung. Wir sind ja wie Zwillinge. Ich werde mich glatt rasieren, und Sie lassen sich einen Bart stehen. Dann müssen Sie lernen, so wie ich zu schreiben und zu sprechen. Dafür haben Sie zwei Monate Zeit, dann übernehmen Sie meine Stellung und kein Mensch riecht den Braten.“

Armitages schwacher Widerstand gegen diesen tollen Plan war bald gebrochen.

„Sie möchten sich Ihren Unterhalt erwerben, nun, so tun Sie es. Sie möchten verschwinden, gut, so verschwinden Sie in meiner Person. Nicht ehrenhaft, sagen Sie? Unsinn, der Regierung ist’s sehr egal, wer die Arbeit tut, wenn sie nur gut getan wird.“

„Ich würde dort Lamman unausgesetzt sehen und würde dann meine Hände nicht von dem Halunken lassen können.“

„Das haben Sie absolut nicht nötig, wenn Sie keine Sehnsucht nach seinem Anblick haben. Ich sah ihn nur ein paarmal, weil ich von drüben über ihn gehört hatte und neugierig war. Er ist am besten orientiert in ganz Europa, bezahlt auch ein ganzes Heer von Spionen. Sie brauchen aber aus Ihrem netten kleinen Zimmer gar nicht herauszukommen; die Formulare werden Ihnen von einem allerliebsten kleinen Mädel gebracht. Wenn ich Irene nicht hätte, wer weiss, was passiert wäre.“

Armitage starrte auf den Boden, während der andre kein Auge von ihm liess.

„Es ist ein toller, gefährlicher Plan,“ sagte er schliesslich in starker Versuchung, nachzugeben.

„Durchaus nicht,“ gab der Yankee zurück. „Sie können ja jeden Tag Ihren Bart abnehmen lassen und als Armitage wieder auf der Bildfläche erscheinen. Schlagen Sie ein.“

Armitage schlug in die dargebotene Hand. „Es ist ja einerlei, was aus mir wird.“

Im Grunde aber hatte er viel Freude an der Fortsetzung des Abenteuers. Littledale war ein unermüdlicher Lehrer und brillanter Mimiker, kopierte zuweilen Armitage in Gesten, Stimme und Lachen zum Verwechseln.

Langsamer, aber ebenso sicher gelang es Armitage, den amerikanischen Dialekt und den nasalen Ton seines Freundes sich anzueignen, auch die Handschrift kopierte er schliesslich zum Verwechseln ähnlich. Littledale hatte ihm jede Kleinigkeit sowohl in seiner Wohnung wie auf dem Postamt beschrieben und meinte: „Sie haben mich zwei Monate lang nicht gesehen, werden also um so weniger misstrauisch sein.“

Eines Tages, als der zweite Monat zu Ende ging, sagte Littledale: „Nun brauchst du keinen Unterricht mehr, du bist ganz ‚ich‘ vom Scheitel bis zur Sohle, sogar Irene würde dich sofort heiraten, wenn du sie in dem Ton anredetest. Aber etwas andres muss ich dir noch zeigen, etwas sehr Interessantes. Du erinnerst dich wohl, dass ich Lammans Geheimcode entziffert habe?“

„Lass mich mit dem Kerl in Ruh,“ fuhr Armitage auf.

„Sein Code ist aber sehr schlau und fein, und man weiss nie, wozu man so etwas mal brauchen kann. Tu’s mir zu Gefallen,“ setzte er nach einer Pause hinzu, „ich bin wirklich stolz darauf, dass ich das herausgekriegt habe.“

Da gab Armitage sofort nach. Er wurde bald belohnt, denn er hatte seine Freude an der Einfachheit dieses Codes, der mit grossem Scharfsinn zusammengestellt war.

„Ich begreife nicht, wie es möglich war, den Schlüssel dazu zu finden,“ sagte er.

Littledale fühlte sich geschmeichelt. „Man sagt, dass jede Schrift, die das Menschenhirn erfindet, auch von einem Menschenhirn gelöst werden kann. Es soll im Britischen Museum Leute geben, die Schriften lesen können, die vor fünf- bis sechstausend Jahren von längst zu Staub gewordenen Händen geschrieben wurden. Lammans Code ist seine eigene Erfindung, deshalb war er so schwer herauszubringen. Mit dem Schlüssel ist es Kinderspiel. Kannst du jetzt alles lesen?“

„Vollkommen.“

„Auch schreiben? Versuch es und schreib morgen einen Brief nach dem Rezept. Tu es mir zum Gefallen. Es ist eine Laune von mir. Vielleicht,“ fuhr er nachdenklich fort, „haben wir uns mal etwas mitzuteilen.“

„Das ist nicht sehr wahrscheinlich,“ lachte Armitage. „Aber wenn es dir Spass macht, will ich es tun.“

Littledale hatte seine helle Freude, als er am nächsten Morgen den Brief las. „Ja,“ murmelte er, „ich denke, wenn die Zeit kommt, wird das seine Schuldigkeit tun.“

Er hatte für Armitage noch eine neue Überraschung, bevor sie völlig die Rollen tauschten.

„Mein Name ist gar nicht Littledale,“ sagte er plötzlich.

„Nein?“

„Nein. Ich heisse Karl Thornton. Mein Vater ist in Wall Street gut bekannt als der ‚alte Thorn‘. Hier ist meine Adresse, lerne sie auswendig, sieh, dass du sie morgen und übermorgen noch weisst, dann verbrenne das Papier. Und nun musst du mir versprechen, mir einen grossen Gefallen zu tun, wenn sich dir die Gelegenheit bietet.“

„Die wird sich kaum bieten.“

„Aber du versprichst es trotzdem?“

„Natürlich verspreche ich es.“

Einen Augenblick zögerte der Yankee, als wisse er nicht recht, in welche Worte er seinen Wunsch einkleiden solle. „Ich habe dir erzählt, dass mein Vater eines der grossen Tiere in Wall Street ist; er hat mehr Geld als er verbrauchen kann und doch jobbert er für sein Leben gern ein bisschen.“

„Und du willst ihm von mir als abschreckendem Beispiel erzählen?“

„Das nicht. Aber der Sohn schlägt dem Vater nach.“

„Nun so spekuliere doch, du kannst es dir ja leisten.“

„Das will ich auch; und von dir möchte ich, dass du mir einen guten Tip sofort schickst, wenn er dir in die Hände fällt.“

„Mir? Du machst dich wohl über mich lustig?“

„Beim Himmel, nein! Du hältst das für unmöglich, ich halte es für sehr wahrscheinlich. Denk an dein Versprechen. Du hast gar keine Verantwortung, wir handeln ganz nach eigenem Ermessen, und wenn wir gewinnen, erhältst du die Hälfte des Gewinns.“

„Aber ich —“

„Ich weiss schon, du willst das Geld nicht nehmen,“ unterbrach ihn der Freund. „Aber da nach deiner Ansicht auch nicht die geringste Aussicht für dich besteht, brauchen wir uns ja nicht um des Kaisers Bart zu streiten.“

„Na meinetwegen, ich nehme die Hälfte des ersten Sacks voll Gold, den du auffindest.“

„Den du uns aufzufinden hilfst,“ verbesserte sein Freund lächelnd. „Der Handel gilt, vergiss es nicht.“

Pulsuz fraqment bitdi.

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