Kitabı oxu: «Eine Wanderung über das Rothaargebirge und durch den Westerwald»

Şrift:

Eine Wanderung

über das Rothaargebirge

und durch den Westerwald

Notizenbuch

Malte Kerber

Engelsdorfer Verlag

Leipzig 2017

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

ISBN 9783961451395

Copyright (2017) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

Gestaltung Umschlag, Seitenlayout, Umschlagfotos: Kerber

Brotschrift: Palatino Linotype 11 Punkt

Hoemat ös dat schünste Woad off da all Wilt

Gedicht von F. Schweitzer

im Wäller Platt

Heimat

ist das schönste Wort

auf der ganzen Welt

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

Hinweise

Vor-Notizen

Über den Rothaarsteig

Kein Tagebuch, doch nichts vergessen!

Rothaariges Gebirge?

Sechs Traktoren – ein Nummernschild

Im Upland

Eierfresser

Der Kahle Asten

Auf der Schanze

Wo sich Rhein und Weser nicht streiten!

Potthucke und Sauerländer Bier

Heiß, heißer, am heißesten

Dillenburg

Die Zwischenetappe

Auf der HOHEN SCHULE

Hessentage

Ein Lied vorm Weiterziehen

Durch den Westerwald

... das ist die Heimat mein!

Über die Fuchskaute und weiter

Mal so und mal so

Langes Wandern und Baumeltage

Nistertal

Von Basaltköppen und Plattschwätzern

Die „Erbacher Brücke“

Kulturhauptstadt und Stadt der Bierferkel

Wo die Kroppacher Schweiz schweizt

Malepartus

Wallfahrer ziehen durch das Tal

Am Weltende

Merkwürdiges in Weyerbusch

Heimatliche Augenfreude

Verlaufungen

Blauer Montag

Als die Römer frech geworden …

Am Ziel! Am Ziel?

Rhein-Gedanken

Das war es also …

Vorschlag

Die Großen Fahrten

Was wird bleiben?

Nach-Notizen

Vor-Notizen

Rothaargebirge – Westerwald. Diese eigenartigen Landschaftsnamen klangen uns lockend in den Ohren, als wir nach einem neuen interessanten Wanderweg suchten.

Rothaargebirge – ist das ein Gebirge mit roten Haaren? Westerwald – heißt das, da liegt ein Wald westlicher als im Westen? Entsprachen unsere ersten Überlegungen der Wirklichkeit, lagen sie dicht bei der Wahrheit? Die Neugier ließ uns nicht mehr aus ihren Fragen und: ... da ich dies notiere, liegt unsere Wanderung über den Rothaarsteig und den Westerwald-Steig schon Wochen zurück.*

„Zu Lande ausgefahren“ sind also wieder einmal. Diesmal über das Rothaargebirge1 und durch den Westerwald2. Welch eine Wanderfreude! Die Erinnerungen daran beginnen zu verblassen. Die Farben der Naturbilder verwischen sich. Doch die Erlebnisse klingen nach. In den Gedanken und auch – nun ja – im Herzen. Das Gefühl der Melancholie allerdings verstärkt sich. Sie, die leise traurige Nachdenklichkeit, war bei dieser Tour häufiger unsere Begleiterin als bei vorherigen Wanderungen. Der Grund? Die Tour über das Rothaargebirge und durch den Westerwald war die 37. Langstreckenwanderung, die wir, meine Frau Anne und ich, unternommen haben. So oft waren wir nun schon mit den Speichenrössern bzw. „auf Schusters Rappen“ unterwegs! Wir wandern seit gut dreißig Jahren gemeinsam durchs Leben und ziehen ebenso lange immer wieder zu zweit durch Lande und Landschaften. Und oft haben wir auch das alte Wanderlied

Wir wollen zu Lande ausfahren ... 3

gesungen. Mit dem AUSFAHREN meinten wir nie das autogestützte Unterwegssein. „Auf Fahrt gehen“, das hieß und heißt für uns, mit eigener Kraft über Wiesen, Felder, durch Wälder und über Berge zu ziehen, zu wandern oder eben zu fahren. Bewusst die Natur zu erleben, DRAUßEN Neues zu suchen und zu entdecken und dabei auch zu sich selbst zu finden, darum geht es uns vor allem. Da fühlen wir uns verbunden mit den Traditionen unserer „Vor-Wanderer“, die ebenfalls auf „Fahrt gingen“. Zugleich sind wir uns einig mit all denen, die sich auch heute in den so schnelllebigen Zeiten die Zeit nehmen, in diesem Sinne „auf Fahrt zu gehen“. Vor allem auch möchten wir immer wieder durch Anschauung Geschichte erfahren und Geschichten hören, Geschichte und Geschichten in uns aufnehmen. Am wichtigsten bleiben uns beim Wandern aber immer die Begegnungen mit anderen Menschen.

Die Traditionen, mit denen wir uns verbunden fühlen, entstanden auch und vor allem in der europäischen Jugendbewegung. Sie sind besonders mit der Geschichte der Wandervogelbewegung4 in Deutschland bzw. mit der Entwicklung der Pfadfinderbewegung5 verknüpft. Es sind auch die Traditionen der Wanderburschen und Wandergesellen, der Wandervögel und Pfadfinder. Sie wollten und wollen auch heute vor allem Neues erfahren, sie wollen sich in der Fremde zurechtfinden und dort von anderen Menschen für das eigene Leben lernen. Wie ihnen ist es uns wichtig geworden, wenigstens im Urlaub bzw. in der längeren arbeitsfreien Zeit nicht an einem Ort zu verweilen, ließen wir uns in dieser Zeit stets auf Neues und Ungewohntes und auch auf Schwieriges ein. Im Renten- bzw. Seniorenalter war uns das häufiger und für länger möglich. Wir nutzen das bis heute.

So hielten wir also, seitdem wir gemeinsam durchs Leben wandern. Und das waren zum Zeitpunkt der Rothaargebirgs- und Westerwaldwanderung immerhin schon fast 35 Jahre. Auf unseren bisherigen Wegen wanderten wir nicht schlecht mit den genannten guten Traditionen unserer „Vor-Wanderer“. Aber wir sind auf unseren Lebens- und Wanderwegen nun auch gemeinsam älter geworden. Da kamen wir während unseres diesjährigen Dahinziehens über das Rothaargebirge und durch den Westerwald immer wieder darauf zu sprechen, ob es denn noch einmal eine Wanderung in der bisherigen Art geben wird. Eine Wanderung über die lange Strecke und über viele Tage, gar Wochen. Denn das ist Tatsache: Unser Älterwerden setzt auch uns zusehends deutliche Grenzen. Die Zweifel wachsen, die Hoffnung auf neue Wanderungen bleibt. Wird sie sich erfüllen?

Ich erlebte schon vor unserer gemeinsamen Zeit mit Berg- und Wanderkameraden große Touren. Eigentlich schon seit meiner Pfadfinderzeit als zehnjähriges Bürschlein im Stamm „Schwarze Schar“ in Westberlin. Später vor allem auch beim sportlichen Wandern und beim Langstreckenwandern in einer Betriebssportgruppe des DTSB6 – der Sektion Wandern von Rotation Berlin. Joi, da waren Kanten dabei! Und wenn ich an die abenteuerlichen Bergfahrten in den Transsilvanischen Alpen denke ...

Außerdem rannte bzw. lief ich fast 30 Jahren lang nach dem Motto „Ab fünf Kilometer aufwärts wird´s interessant!“. Bei Wind und Wetter, im Sommer wie im Winter, in der Hitze und auch wenn´s bitterkalt war. Viele Kilometer, Trainings- und Wettkampfkilometer, Kilometer bei langen und überlangen Läufen sind da zusammengekommen. Allein acht Mal bin ich die über siebzig Kilometer des RENNSTEIG-LAUFS7 angegangen, habe immer das Ziel erreicht. Mit durchaus respektablen Zeiten! Auch hier nach dem Prinzip: Vorwärtskommen aus eigener Kraft! Und eines meiner sportlichen Ziele, die Marathonstrecke unter drei Stunden zu laufen, konnte ich mir auch erfüllen. Zwar nur ganz knapp, aber für mich als Freizeitläufer und „nicht gedopt“ – eine feine Leistung!

Noch einmal sei festgehalten: 37 Mal waren wir nun schon auf langen Wanderstrecken unterwegs – meine liebste Wandergefährtin, also meine Frau Anne und ich. Gestartet immer in Berlin. Meiner Geburtsstadt und unserer Heimatstadt, mit ihr lebensverbunden. Nicht immer und zu jeder Zeit ineinander verliebt, also wir und Berlin. Was an den Zeiten lag und wie es in einer langjährigen Beziehung halt so ist. Von Berlin aus zogen wir jedes Mal los, und zur Heimatstadt an der Spree kehrten wir jedes Mal zurück. Obwohl: An manchem heimatlichen Ort unterwegs wären wir gern länger geblieben, vielleicht gar sesshaft geworden. Doch uns zog es immer wieder zurück.

Diesmal also sollten es nach längerem Überlegen das Rothaargebirge und der Westerwald sein. Die Wanderidee: Wir „verknüpfen“ die beiden Wanderwege über das Hochsauerland8 und durch den Westerwald miteinander. Laufen über den Rothaarsteig und den Westerwald-Steig in einem Stück. Das würde eine Mittelgebirgstour leichten bis mittelschweren Charakters ergeben, mit einem für uns annehmbaren Höhenprofil. Sie entspräche wohl auch unseren körperlichen Voraussetzungen und Erfahrungen. Aber immerhin: Es würden über 400 Wanderkilometer werden. Eine ansprechende Länge der Wanderung, so dass sie sich von der Entfernung als auch von der Zeit her für uns lohnen würde. Es sollte ja wieder eine Fernwanderung werden und eben die Jahrestour 2016.

Ende Mai starteten wir also: Vom Hauptbahnhof Berlin nach Brilon im Osten des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen fuhren wir. Mit der Deutschen Bundesbahn. Fahrkarten- und platzgesichert durch die BahnCard 25. In Brilon, dem Ausgangsort unserer Wanderung, beschrieb ich abends die ersten Seiten des Wandertagebuchs. Nur noch einmal würde ich es aufschlagen, um den Tagesablauf in gewohnter Form festzuhalten. Das wusste ich zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht. Ahnte noch nicht, dass aus dem geplanten „Wandertagebuch“ nur ein „Notizenbuch über eine Wanderung“ werden würde. Aber so ganz sicher war ich mir nicht, ob ich wie während unserer bisherigen Wanderungen jeden Abend zum Kugelschreiber greifen würde.

Jede Wanderung verspricht an ihrem Anfang Unerwartetes, was immer dann auch eintritt.

* Nachfolgend Erklärung bestimmter Begriffe: Endnoten ab Seite 193

Über den Rothaarsteig


Rothaarsteig Markierungszeichen Hauptweg Liegendes weißes „R“ auf rotem Grund Zuwege Schwarzes „R“ auf gelbem Grund

Mögliche Etappenorte

Brilon > Petersborn > Bruchhausen > Willingen > Küstelberg > Winterberg > Neuastenberg/Lenneplätze > Schanze > Jagdhaus > Rhein-Weser-Turm > Lützel > Benfe > Großenbach > Lahnhof > Wilgersdorf > ......................................... Dillenburg

oder

Wilgersdorf > Lützeln > Breitscheid > Dillenburg


Gesamtlänge: 235 bzw. 154 Kilometer variierend je nach Tourverlauf
Höhenmeter: 3980 Meter

Tagebucheintragung

Brilon, 1. Wandertag

Waldhotel Klaholz, abends Anreisetag. Vorbereitungen auf die Wanderung diesmal besonders stressig. Unsere Ausrüstung im Prinzip vorhanden und in Ordnung. Alles noch einmal überprüft. Doch einiges musste ergänzt werden. Unterwäsche zum Beispiel. Deshalb noch einen Einkaufstag bei OUTDOOR in Steglitz eingeplant. Eine hübsche Summe ging in die Kasse ein, und über den Ladentisch kam einiges an Kleidung und an Wanderzubehör zu uns. Doch noch immer gilt das Prinzip: Wer an der Ausrüstung spart, zahlt drauf – später während der Tour.

Dann in der Vorbereitungszeit die üblichen abzusichernden Dinge organisiert: Autoaufsicht – Blumendienst – Geldreserven für unterwegs anlegen – Ärzte konsultieren – Impfungen ergänzen – Dokumente kontrollieren – Verabschiedung von den Freunden: von Marianne F. (der kranken Freundin), von Hans P. (dem ebenfalls kranken Roten Bruder), von Klaus S. (dem gesundheitlich angeschlagenem Nachbarn), von Frau M. (der alten Hausfreundin). Der Bruder und die Schwägerin durften ebenfalls nicht vergessen werden.

Die konditionelle Vorbereitung, also Training, diesmal luschig, zu wenig gemacht! Kontrollarztbesuche. Hier zum Teil erstauntes Kopfschütteln bzw. Skepsis wegen unseres Wanderplans. Das kennen wir schon!

Meinungen


von: Herr K., wann werden Sie denn endlich (!) vernünftig?
bis: Machen Sie! Machen Sie! Gehen Sie auf Tour! Solange Ihnen das anspruchsvolle Wandern Freude bereitet! Was Besseres können Sie in Ihrem Alter gar nicht tun!

Die erste zitierte Meinung äußerte besorgt, aber in guter Absicht, die Ärztin, die mich seit Jahren kennt und gut betreut. Die zweite mich motivierende Ansicht hörte ich von meinem Kardiologen. Ein sportlicher Typ mittleren Alters, dem die regelmäßigen körperlichen Aktivitäten gut zur Figur stehen. Wir tauschen uns bei der Auswertung meiner EKG-Werte fast immer darüber aus, was wir mit dem Tennisschläger in der Hand (er) und mit den Wanderschuhen an den Füßen (ich) wieder so für Trainingseinheiten absolviert hätten oder auf welche „Höhepunkte“ wir uns vorbereiten würden.

Des Interesses halber soll hier noch erwähnt werden, welchen Rat mir der Kardiologe und Sportsfreund mit auf den Wanderweg gab:

Wissen Sie, Herr K., der Herzinfarkt,

der kann Sie nicht nur im Gebirge,

sondern auch zu Hause auf der Treppe

ereilen. Achten Sie nur darauf, dass Sie

immer ihr Handy bei sich haben.

Aufgeladen, versteht sich.

Recht hat er, der Doktor, dachte ich bei mir. Ich bestätigte ihn dahingehend, dass ich „auf der Strecke“ im Gebirge stets auch die Nummer des jeweiligen Bergrettungsdienstes im Telefonverzeichnis gespeichert hätte. Auch im Hinblick auf andere Wanderer, wenn sie denn Hilfe brauchen würden.

Vorige Woche Freitag, einen Tag vor dem Start:

Alarm! Anne Allergie-Anfall im Lippenbereich!

Notfall-Set eingesetzt!

Schnell noch zur Hautärztin. Ohne Termin! Zweieinhalb Stunden Wartezimmer. Nervig! Doch beruhigend: Sie gab den Start aus ihrer Sicht frei. Ich hatte zum Glück richtig reagiert, indem ich Anne zur Einnahme der deftigen Notfall-Medikamente bewegt hatte.

Heute früh endlich, endlich: „Auf zum Hauptbahnhof!“ Nachts Gewitter. Kräftiger Wetterumschwung. Morgens unangenehm kühl. Hauptbahnhof trotz Störung auf der S-Bahn noch rechtzeitig erreicht. Durch das Gewusel der DB-Nutzer den Weg in die unterste Ebene des Weltstadtbahnhofs gefunden, dazu noch den richtigen Bahnsteig. Zug pünktlich (nur drei Minuten verspätete Einfahrt). Wagen-Nummer blitzschnell erfasst. Reservierte Plätze erreicht. Rucksäcke in der Ablage verstaut. Plätze eingenommen. Tief durchgeatmet ...

Brrr ... Endlich – jetzt geht´s los!

Zug setzte sich in Bewegung.

Dann, ja was dann? Bange Frage meiner Wandergefährtin: „Wo sind denn eigentlich meine Wanderstöcke?“ Dieses Eigentlich, mit besonderer Betonung ausgesprochen, macht mich immer hellhörig und misstrauisch!

Ja, wo waren sie denn, die Wanderstöcke? Die fuhren wahrscheinlich auf dem S-Bahn-Ring ihrem nächsten Besitzer oder dem Fundbüro entgegen. Wir dagegen fuhren dem Startort unserer Wanderung zu. Notbremse ...? Wäre wohl zu teuer geworden und hätte sicherlich nicht zum gewünschten Ergebnis geführt. Folglich kleiner Stimmungsumschwung bei uns beiden. Es war ja nichts Dramatisches passiert, aber dass es passierte, das machte die Sache ärgerlich.

In Dortmund umgestiegen, Regionalbahnzug bis Brilon. Erster Weg nicht ins Hotel, sondern ins das Fachsportgeschäft vor Ort – es gibt ein solches im Städtchen. Zum Glück für uns. Neue Wanderstöcke für Anne gekauft. Nebenbei dem jungem Verkäufer ein wenig Fachwissen über Wanderstöcke vermittelt. Von mir an ihn. Hat sich herzlich bedankt.

Dann ging´s ab in den Wald und Hügelchen hinauf. Das „Hotel Klaholz“, unser erstes Quartier, dreieinhalb Kilometer vor der Stadt. Kein Problem der Weg! Gerade richtig, um Kopf, Herz und Lunge von der Großstadtluft zu entlüften.

Das Hotel – fein und gemütlich! Freundlich und lustig wurden wir von der jungen Wirtin empfangen. Ihr Sprechen verriet eine ins Sauerland „Zugezogene“. Musste ich später folglich nachfragen. Neugierig wie´s mir durchgehend zu eigen. Doch auch in aller Höflichkeit und mit Humor, was mich meist auszeichnet. Ja, sie sei von Geburt im Spreewald zu Hause. Die Liebe hätte sie dann aber aus dem Gurken- und Spargelland in den Wald bei Brilon gelockt.

Zusatzfrage von mir: „Und, wie sind sie so, die Sauerländer?“ War ja wichtig, darüber ein wenig zu wissen, da wir in den kommenden Tagen und Wochen näher mit ihnen zu tun haben würden.

Die Antwort der Wirtin etwas zurückhaltend und vorsichtig formuliert, wie es mir schien: „Na, die Sauerländer, ja, das ist schon ein besonderes Völkchen!“

Doch sie machte mich mit dieser allgemeinen Antwort nicht sachkundiger. Und irgendwie sind wir alle ja ein besonderes Völkchen. Ob Berliner, Sachse, Bayer oder Sauerländer!

Das sollte sich auch in folgendem aktuellen speziellen Falle zeigen. Die Spreewälderin bzw. Neu-Sauerländerin reagierte bei aller Freundlichkeit etwas pikiert, als ich später während des Abendbrots eine Bemerkung über die enorme Größe der Spargelstangen machte, die sie mir serviert hatte.

Eine Spreewälderin, die aus Burgk im Spreewald stammt, über die weißen Langstangen belehren zu wollen? Naja, Malte, das hättest du dir sparen können! Ich mach´s nie wieder ...! Zur „Strafe“ bekam ich den doppelten Doppelkorn, den ich bestellt hatte, in zwei (2!) cl-Gläsern serviert. Große Schnapsgläser wären nicht vorhanden, aus solchen trinke man hier nicht.

So die Begründung. Mit der Wirtin begann ich darüber sicherheitshalber keine Diskussion. Ich würde, wie ich mir vornahm, ihre Behauptung während der Wanderung über den Rothaarsteig noch nachprüfen.

Kleine Missstimmung zwischen mir und Anne. Sie hatte in verschiedenen Ecken ihres Rucksacks insgesamt acht Lippenfettstifte gebunkert. Vorsichtshalber! Acht Stück!

Abendspaziergang mit weitem Blick ins Rothaargebirge hinein. Vielversprechend! Spannung und Freude auf die bevorstehende Wanderung kamen auf. Interessante Wolkenbilder am Himmel. Etwas sehr dunkel und zerzaust. Na ...?

Tagebucheintragung

Brilon, 2. Wandertag

Waldhotel Klaholz, abends Vergangene Nacht: Schlaf im Hotel Klaholz, gelegen im Wald, aber mit Hangblick in die geschwungenen Linien des sanften Gebirges. Schlaf in des Waldes Ruhe. Eigentlich war unter diesen Umständen ruhiger Schlaf angesagt. Doch mich plagten einige unruhige Träume. Das Spargelgericht zum Abendbrot? Oder sandten etwa die kommenden Wandererlebnisse ihre Vorboten.

Morgen also der Scharfe Start zur Tour über den Rothaarsteig! Heute: Gang in die Stadt. Erkunden, was Brilon zu bieten hat. Und: gute Stimmung für die Wanderung einfangen.

Machten uns nach dem reichhaltigen Frühstück auf den Weg. Bergab durch den Wald. Vor allem wollten wir den Startpunkt unserer Wanderung über den Steig finden, also den Beginn des Rothaarsteigs – das Eingangsportal des Rothaarsteigs. Da musste doch auch ein erstes klassisches Erinnerungsfoto geschossen werden. Der Himmel grau ... Wir werden sehen, wie uns das Wetter weiterhin gesonnen sein wird. Oder der Wettergott? Falls es den gibt und der seine Hand im Spiel hat.

Brilon also. Deren Bewohner werden liebevollspöttisch auch Esel genannt. Das manchmal etwas störrische Tier soll im Mittelalter hier oben im Sauerland ein wichtiges Transportmittel gewesen sein. Es avancierte im Laufe der Jahre seiner Tätigkeit zum heimlichen Wappentier von Brilon.

Die Stadt – schön gelegen im großen Talkessel. Umgeben von dicht bewaldeten Hängen, in den tieferen Lagen belegt mit Wohngrundstücken. Grau und weiß die vorherrschenden Farben der Häuser. Schiefer auf den Dächern und zum Teil auf den Fassaden. Brilon soll die waldreichste Stadt Deutschlands sein. War in ferneren Zeiten mal eine Hansestadt.

Das Zentrum eher langweilig. (Pardon, liebe Briloner!) Da hatten wir schon ansehnlichere Hansestädte gesehen. Ein üblicher Einkaufsboulevard ohne Besonderheiten. Das recht ehrwürdige Rathaus auf dem zentralen Platz in der Stadtmitte. Soll eines der ältesten Rathäuser Deutschlands sein. Auf dem Platz davor – eben dem Rathausplatz – eine Säule mit dem Markierungszeichen des Goldhaarsteigs. Hübsch anzusehen. Foto geschossen. Mit Anne vor der Säule. Auch hübsch anzusehen.

Versteckt hinter dem Rathaus die wichtigste Kirche der Stadt – die Propsteikirche St. Petrus und Andreas. Umgeben von einem alten Friedhof – eine stille in sich ruhende nachdenklich stimmende Rasenfläche. Und die Augenüberraschung: der romantische Kirchplatz eingerahmt von einem Ring sehr gut erhaltener bzw. restaurierter alter Fachwerkhäuser. Vielgestaltig, ehrwürdig, still, ernst stehen sie da, bewohnt und genutzt und damit voller Leben. Also nahm ich an dieser Stelle meine schnell formulierte Meinung über Brilon zurück. Zu kurz unser Aufenthalt für ein gültiges Urteil.

Wir machten uns bald auf den Rückweg. Am Stadtrand, dort, wo es in den Wald hineingeht, befindet sich der schön und interessant gestaltete offizielle Startplatz des Rothaarsteigs. Das Eingangsportal zum Steig. Wir konnten uns auf den Schautafeln für die Wanderstrecke noch ein wenig sachkundig machen.

Anschließend durch den Wald die ersten Kilometerchen des Wanderwegs gewandert. Er läuft in der Nähe unseres ersten Wanderquartiers, dem Hotel Klaholz, in das Rothaargebirge hinein.

Im „Quartier“ am frühen Nachmittag leichtes Mittagessen. Dann langer leichter Mittagsschlaf. Danach leichter Spaziergang. Darauf leichtes Abendbrot. Nicht wie am Vorabend noch einmal Spargel. Und ... leichte Spannung vor dem Beginn unserer Wanderung am morgigen Tag. Ich beende die Notierarbeit und schließe das Wandertagebuch ...

Kein Tagebuch, doch nichts vergessen!

... schloss ich das Wandertagebuch. Dass ich es während unserer Wanderung nicht mehr aufschlagen würde, ahnte ich nur. Es kam zu keinem Memoire in chronologischer Reihenfolge der Ereignisse und Erlebnisse während der Wanderung. Dafür füllte sich das Diarium mit Notizen und Notizen. Nur zweimal, ganz am Anfang der Wanderung, hatte ich mich abends darangemacht, die Tageserlebnisse in üblicher Tagebuchform schriftlich festzuhalten. Nur zweimal! Entgegen allen sonstigen Wandergewohnheiten.

Wenngleich, Anne und ich, wir haben während unserer Tour über die beiden Mittelgebirge – das Rothaargebirge und den Westerwald – so viel erlebt, gesehen, erfahren, dass ich wieder ein dickes Tagebuch mit unseren Erlebnissen und mit den Gedanken dazu hätte füllen können. Zwar wie jedes Mal mit Mühe, aber ganz bestimmt wären es viele Seiten geworden. Auch in diesem speziellen Wanderfalle setzte mein Älterwerden engere Grenzen. Es ist einfach erklärt: Meine Kraft reicht einfach nicht mehr aus, um abends nach anstrengender Tageswanderung noch all das Erlebte und Gesehene zu notieren und es später der verfeinernden Bearbeitung zuzuführen. Unter welch abenteuerlichen Bedingungen habe ich schon meine Wandertagebücher geführt! Jetzt bin ich nach den Wandermühen des Tages oft nur noch müde und freue mich auf das Bett und den Schlaf. Die zwei Bierchen zum Abendbrot und der traditionelle „Absacker“ tun ein Übriges. Sie zeigen bei mir mehr Wirkung als früher. Selten schwankende, auf jeden Fall aber zusätzlich ermüdende.

Aus genannten Gründen entschloss ich mich am Abend des dritten Reisetages, das Tagebuch-Buch während der vor uns liegenden Wanderzeit nicht mehr in gewohnter Weise zu füllen. Außerdem erinnerte ich mich daran, dass nach der Heimkehr in Berlin dringende und umfangreiche schriftliche Arbeiten auf mich warten würden. Nicht zuletzt: Der dritte Band der von mir geplanten Gedicht-Trilogie – die Altersgedichte – musste nun endlich fertig werden. Diese Arbeit würde folglich den Vorrang haben, wenn ich wieder meinen gewohnten Platz am Schreibtisch einnehmen würde. ...

Genannte Arbeiten sind erledigt, weitere Verpflichtungen erfüllt. Jetzt also sitze ich wieder an meinem Schreibtisch. Und? Und ich kann es nicht lassen! Das Erlebnis unserer Wanderung über die beide Wandersteige war so erfüllend, dass es ebenfalls verdient, im Erinnerungshaus von Anne und mir ein eigenes Zimmer zu bekommen. So wie unsere Wanderungen und Fahrten in den Jahren zuvor! Werde ich also versuchen, das Erlebte nachzutragen bzw. nachzuschreiben. Mal sehen, was das alte Gedächtnis gespeichert hat und was es noch so hergibt.

Soll also an Stelle eines minutiös geführten Tagebuchs ein Buch mit Notizen über eine Wanderung durch das Rothaargebirge und den Westerwald entstehen, ein Buch mit vielen Notizen – ein Notizenbuch sozusagen. Habe ich durch diese Form zugleich auch die Möglichkeit, gemeinsam mit den Lesern darüber nachzudenken, was den Sinn des Wanderns ausmacht.

Rothaariges Gebirge?

Rothaargebirge. Schon der Name ein Rätsel! Ein Geheimnis! Was hat er zu bedeuten? Sachkundig wollten wir uns während der Wanderung machen. Darüber hinaus dieses Gebirge erkunden: seine Wege und Pfade, seinen Wald, seine Orte und vor allem seine Menschen. Die Dinge erkunden – dies ist das wichtigste Anliegen unseres Wanderns.

Also was hat es mit dem eigenartigen Namen Rothaargebirge auf sich? Nein, nein, er hat nichts mit roten Haaren zu tun! Den rothaarigen Menschen, besonders Frauen, begegneten wir in summa summarum während unserer langen Wanderungen durch Irland. Im Oberen Sauerland sind sie deutlich seltener anzutreffen. Zum Glück für mich! Denn die Irinnen beachteten mich, als wir vor Jahren über die Grüne Kleeblatt-Insel radelten, trotz einiger und manchmal heftiger Bemühungen meinerseits kaum oder überhaupt nicht. Lange dachte ich über die Ursache dafür nach. In meinem Irischen Tagebuch9 hielt ich es fest. Will ich hier nicht näher darauf eingehen. Irland – das waren andere Wanderungen. Mit anderen ganz tiefen Eindrücken und lange wirkenden Erinnerungen.

Der Gefahr, von rothaarigen Frauen nicht beachtet zu werden, entging ich im rothaarigen Gebirgsland. Frauen mit roten Haaren liefen mir da eher selten über den Wanderweg. Ich kann mich jedenfalls im Nachhinein an nicht eine einzige Begegnung dieser Art erinnern. Bei den Sauerländerinnen musste ich allerdings auch aufpassen. Diese haben, wie ich schnell erfuhr, eine flinke Zunge. Ob junge oder alte Mädchen. Nee, nee, hinter dem Wald und etwa maulfaul sind sie nicht!

Mit dem „Nee“ sind wir bei der Sprache bzw. bei der „Spreche“ der Sauerländer angelangt. Meine Ohren schnappten unter anderem auf:


ne? > Einverstanden? Verstanden?
da > das
wat > was
Woll? > Woll nicht?

Im Sauerland wurde einst, wie ich im schlauen Internet „nachblätterte“, das Sauerländer Platt oder Siuerlänner Platt gesprochen. Studiumwissen kam mir wieder ans Tageslicht. Linguistikvorlesung zum Thema: Ausbreitung des Plattdeutschen/Niederdeutschen. Da war doch was! Also: Von den Küsten der Nord- und der Ostsee bis hin zum Sauerland kann man das Plattdeutsche hören! Selbstverständlich auch hier wie überall in allen Gegenden mit einer besonderen Ausprägung.

Ach, so: Rothaargebirge ...? Nichts da, wie man vermuten könnte, mit roten Haaren! Auf einer alten Wanderkarte fand ich die Bezeichnung Rothaar als Name eines Bergkamms zwischen dem Sauerland und dem Wittgensteiner Land. Der Name des gesamten Gebirges wiederum leitet sich vom Begriff Rod-Hardt-Gebirge ab, was in etwa „Gerodetes Wald-Gebirge“ bedeutet. Das Rothaar (Platt >hard/hardt) kann auf Waldweidewirtschaft deuten, wie sie früher dort betrieben wurde.

Und was ist mit dem Rothaarsteig? Der ist noch nicht alt! Er wurde als Fernwanderweg erst 2001 eröffnet. 154 Kilometer „läuft“ er insbesondere auf dem Hauptgebirgskamm des Rothaargebirges, eben von Brilon nach Dillenburg. Der größte Teil des Steigs liegt im Naturpark Sauerland-Rothaargebirge. Er verläuft zumeist entlang der Rhein-Weser-Wasserscheide, über bewaldete Berge, durch von Wald gesäumte Täler, vorbei an Fließgewässerquellen, passiert Natur- und Kulturdenkmäler, führt durch Naturschutzgebiete und fast immer durch sehr dünn besiedelte Landschaften.

Während wir ihn wanderten, lernten wir einige seiner Sehenswürdigkeiten und Besonderheiten kennen:

die Bruchhauser Steine

den Langenberg

den Kahlen Asten

den Rhein-Weser-Turm

die Ginsburg

die Ruhr-, Eder-, Sieg- und Lahnquelle

vieles andere mehr

Dazu noch kamen wir durch höchst reizvolle Städte, Städtchen, Dörfer, Dörfchen, Orte ... Dies die „sachliche“ Seite des Rothaarsteigs. Nun zu den emotionalen Erlebnissen, welche uns das Rothaargebirge bot. Anne und ich, wir sind schon so manchen Fernwanderweg gelaufen. Aber dieser Rothaarsteig, das war einer der schönsten, wenn nicht gar der Schönste der Fußwanderwege, über den wir bisher zogen! Nun ja, am Ende einer langen Wanderung überdeckt die aktuelle Erinnerung so manches frühere Unterwegs-Erleben. Dann ordnet sich später das nahe Zurückliegende ein, und manches relativiert sich auch.

Aber: Anne und ich, wir waren am Ende dieses Weges mit den Sinnen und im Herzen vom Rothaargebirge und seinem Steig beeindruckt! Welch ein schöner Wald! Viele, immer wieder neue grüne Farbnuancen. Kleinhüglig das Land! Immer wieder interessante Sichten! Keine langgezogenen Straßendörfer. Unten in den stillen Tälern drängen sich die Ortschaften und die Dörfchen zusammen. Verstecken sich „Hinter Hügel und Tann´“. Immer wieder neue Bilder. Vor allem auch Wolkenbilder am Himmel. Was die für Geschichten mitbringen und erzählen würden. Wenn sie denn sprechen könnten! Genau wie die Menschen des heimatlichen Sauerlandes. Von denen erfuhren wir einiges, was merkenswert ist.

Sechs Traktoren – ein Nummernschild

Schon die erste Etappe von Brilon nach Bruchhausen lieferte mir genügend Stoff zum nachträglichen Aufschreiben. Da hatten wir auch Wege-Glück mit dem Wetter: freundliches Sommerwetter, freundliches Wanderwetter eben. Nicht zu heiß, nicht zu kühl, kein Regen. Besonders wichtig für die erste Etappe – das Wetter. Das stimmte wirklich! Die Sonne verschönte die Landschaftsbilder und hob unsere Stimmung. Dazu freundliche Begegnungen. Zum Tagesziel hin wurde das Streckenprofil doch ein wenig anspruchsvoller. Drei Hügelchen wollten noch „übergangen“, also überwandert werden. Sogar eine kleine Kletterstelle wurde uns angeboten. Eine Ausweichvariante hatten wir mutig verschmäht.

Anschließend umwanderten wir den Istenberg, ein dichtbewaldeter Bergrücken. Auf dem uns zugeneigten abfallende Hang sahen wir die vielgerühmten und oft beschriebenen Bruchhausener Steine. Vier an der Zahl schießen wild und ungestüm aus dem Wald heraus. Bestimmt entstanden dort oben Märchen und Legenden. Ihre Namen lassen es erahnen: Bornstein, Feldstein, Goldstein und Ravenstein. So las ich es aus meiner Wanderkarte heraus. Ein romantischer Anblick, wie uns da die vier zum Ende der ersten Etappe grüßten.

Das Tagesziel ward dann bald erreicht: Bruchhausen. Ein Dorf von der Art „hinter Hügel und Tann´“ oder „im tiefen, tiefen Tal“. Die erste Etappe hatten wir also glücklich und in Maßen erschöpft gemeistert. Wir waren doch zufrieden mit uns.

Das Quartier im Dorfgasthof war von uns vorbestellt worden. Freundlich wurden wir von den Wirtsleuten empfangen. Das Zimmer? Alles in Ordnung und für die müden Wanderer ruhigen Schlaf versprechend. Doch vor der Nachtruhe war ein einfaches und deftiges Abendbrot angesagt. Nach sauerländischer Speiseart. Es musste folglich mit einem würzigem Bier aus der Region umspült werden.

Anschließend hörten wir einiges über die Geschichte des Gasthofs, des Dorfs und über die Menschen, die dort leben. Erzählt wurde es uns vom Wirt. Dieser im älteren Mannesalter, stattlich an Gestalt, kein kleiner Gebirgswurz, einer mit ausgeprägt kräftigen Arbeitshänden. Und: selbstbewusst! Er erzählte und erzählte. Da er unser Interesse verspürte, fand er kein Ende. Nun ja, ein Bierchen und noch ein Bierchen hielten die Kehlen feucht. Seine vor allem, aber auch meine.

Es stellte sich heraus, das da mehr als nur ein kleiner Dorfgastwirt am Erzählen war. Er erwähnte eine erstaunlich große Zahl von Hektar an Wald- und Landbesitz, Landwirtschaft, Jagdrechte, ihm gehörende Eigentums- und Ferienwohnungen. Auch auf einen florierenden mittelständischen Betrieb kam er zu sprechen. Einst von ihm gegründet und jetzt von einem Sohn geführt. Insgesamt: Besitz und Eigentum, die über die Zeiten und von den Generationen der Familie erarbeitet wurden und die immer noch Früchte tragen. Da gibt es bestimmt auch ordentlich gefüllte Bankkonten, ahnten wir. Wir bekamen auch noch zu hören, dass die nun erwachsenen Kinder ebenfalls das Arbeiten und gutes Wirtschaften gelernt hätten.

Dem Mann sah man es an den Händen, der Gestalt und dem Gesicht an, dass er über seine Lebensjahre hinweg hart und viel gearbeitet hatte. Seine sehr gewichtige Frau wohl nicht minder. Und beide – nun im deutlichen Älterwerden – sind noch immer von früh bis spät sowie die Woche über zu Gange. Führen ihren Gasthof mit den Fremdenzimmern, halten noch so manches in Schwung. Sollte man da Besitz und Geld neiden?

Ach so: Einen Luxus leistet sich der Wirt, ein besonderes und nicht billiges Hobby. Trotz des vollen Tagwerks und praktizierter Sparsamkeit als Lebensprinzip. Als er davon sprach, begannen seine Augen zu glänzen, kam er fast ins Schwärmen. Man lese und man staune wie wir, als uns erzählt wurde: Er, der Wirt, sammelt Traktoren! Traktoren! Das muss man sich mal vorstellen. Ein halbes Dutzend davon würden im „Stall“ stehen, meinte er voller Stolz. Da sei noch Platz für das eine oder andere interessante Stück. Alle im originalen Zustand, alle fahrbereit. Ich murmelte etwas von viel Kfz-Steuern. Er lachte und gab mir Auskunft, wie das gehen kann: Alle Traktoren seien fahrtüchtig und angemeldet. Aber registriert nur auf einen Fahrzeugschein! Wie das klappt, weiß ich bis heute nicht. Will es auch gar nicht wissen, da ich nur ein kleines PKWchen besitze. Und für das habe ich in Berlin noch nicht einmal einen „Stall“, sprich: eine Garage.

Das mit der besonderen Form der Anmelderei erklärte der Wirt so: „Das ist billiger! Und je nachdem mit welchem Traktor ich am Wochenende ausfahre – den Enkel mit auf dem Bock – , an dem wird das Kennzeichenschild ordentlich angeschraubt. Ordentlich! Muss ja alles seine Ordnung haben!“ Ich dachte nur, vom Bier und den Schnäpsen leicht beduselt:

Kerber, bist alt geworden wie ´ne Kuh,

lernst´e immer noch dazu

Sprach es aber nicht laut aus. Und in diesem Falle war der Lerneffekt bei mir nicht sehr groß. Ich sammele ja keine Traktoren.

Das Ausfahren mit einem Traktor und mit dem Enkel auf dem Sitz, das sei sein großes Vergnügen, so der Wirt. Er schloss: Prost darauf!

Ich antwortete: Prost darauf!

Wir kippten jeder noch einen original sauerländer Schnaps hinunter. Schluck, schluck! „Der geht aufs Haus!“ befand der Wirt. Ich widersprach nicht. Anne und ich, wir gingen sodann mit Dank und einem Gute-Nacht-Gruß auf unser Zimmer. Ich etwas schwerköpfig.

An diesem Beispiel wird auch deutlich, warum ich mit dem abendlichen Tagebuchführen in Schwierigkeiten geraten wäre.

Im Upland10

Von Bruchhausen nach Willingen im Upland war es nicht weit. Eine kurze Etappe. Unterbrochen der Weg durch eine Rast auf dem Richtplatz beim Hoppernkopfgipfel. Hier soll so manche Verbrecherlaufbahn ihr gesetzliches bzw. entsetzliches Ende gefunden haben. Ob die Sitzbänke des romantischen Rastplatzes mit dieser etwas grusligen Vergangenheit zu tun haben, das fanden wir nicht heraus. Tische und Bänke auf dem Rastplatz sind hoch gebaut worden. Stehen sozusagen auf Stelzen. Ein anderer Grund? Vielleicht drohendes Hochwasser? Unlogisch, oben auf dem Richtplatz-Berg droht kein Hochwasser! Oder doch?

Beim Verzehren unserer Vesperbrote konnten wir kleinen Wanderer jedenfalls nur hilflos mit den Beinen baumeln. Mit dem Kinn erreichten wir gerade die Kante der Tischplatte. Tat aber unserer Vesperei keinen Abbruch. Ergab dafür lustig und eigenartige Bildmotive zum Fotografieren.

Der Weg hinunter nach Willingen, bekanntester Wintersportort im Hochsauerland, zog sich sehr in die Länge. Verschönt wurde er uns allerdings durch den Anblick vieler liebevoll angelegter und sehr ordentlich gepflegter Gärten. Diese umrahmten mittelprächtige bis prächtige Villen, Einfamilien- und Wohlstandshäuser unterschiedlicher Art. Nicht gedacht als Übernachtungsquartier für Wanderer der einfachen Art von unserer Sorte.

Auf Willingen als Etappenziel hätten wir an diesem Tag gern verzichtet! Zuviel des Trubels! Ausgerechnet am Wochenende übernachteten wir dort, und ausgerechnet an diesem Wochenende fand dort ein Bikertreffen statt. Das größte im Lande, wie uns stolz berichtet wurde. Das Ergebnis unter anderem: Touristen und Sportler in rauen Mengen und Gruppen. Darunter eigenartigerweise, zunehmend in den Abendstunden, viele betrunkene Schreihälse. Eigenartig? Na ja, es handelte sich doch um ein Sportlertreffen? Uns wurde aber erzählt, dass Willingen das gesamte Jahr über ein bekannter Treffpunkt für erlebnishungrige und vor allem bierdurstige Männer aus der mittleren bis weiteren Umgebung sei. Und diese Tatsache fiel nun zusammen mit dem Bikertreffen.

Beim abendlichen Spaziergang und bei der Suche nach Atzung hatten wir das Gefühl, in unserem Berlin in Kreuzberg oder im Stadtbezirk Friedrichshain zu sein. Dort geben sich zu jeder Jahreszeit die Krawalltouristen ein Stelldichein nach dem anderen. Und dort hat sich auch seit 1996 an jedem letzten Augustwochenende auf der Frankfurter Allee eine kilometerlange Biermeile etabliert.

Der nächste Tag bescherte uns den höchsten Berg der Tour und des Rothaargebirges – den Langenberg. Nun ja, ihn zeichnet keine schwindelerregende Höhe aus. Aber immerhin standen wir auf 843 Meter über NN (Normalnull). So belehrte uns das Steinmanderl, das den Höhepunkt markiert. Wir hatten mit einer schönen Aussicht gerechnet, wurden jedoch enttäuscht.

Das Manderl steht am Rande des Wandersteigs und wird romantisch von Nadelbäumen umrahmt. Keine Aus- oder Weitblicke möglich. Doch eine beweisführende Fotoaufnahme von uns beiden vor dem Gipfelkreuz war uns der „Gipfel“ allemal wert. Ein vorbeiziehender Wanderfreund half uns dabei, dass wir endlich einmal gemeinsam in Fotopositur kamen und folglich auch einmal gemeinsam auf einem Erinnerungsfoto zu sehen sein würden.

Was die Aussichten anbetrifft, da hatten wir an der HOCHHEIDE-HÜTTE mehr Schau-Glück. Kyrill-Stürme hatten Schneisen in den Wald geschlagen und die Hochebene „leergeräumt“. Viele Wanderer genossen an diesem schönen Sonnen-Sonntag die eindrucksvollen Sichtmöglichkeiten. Nutzten sie bei Speis´ und Bier, bei Eis und Torte. Phantastische dunkle Wolkenbilder kündigten an, was uns in den nächsten Tagen erwarten würde bzw. könnte.

Auf dem weiteren Weg begegneten uns immer wieder Gruppen von wilden Mountainbikern. hatten offensichtlich die Folgen der kleinen oder größeren Trinkereien am Vorabend in Willingen überwunden und hetzten nun über die Wettkampfstrecken. Diese aber vorbildlich durch Markierungen, Absperrbänder und Ordner gesichert. Und der Ehrlichkeit halber sei festgehalten, dass sich die Sportler gegenüber den Fußwanderern fair verhielten. Mit Warnrufen machten sie auf sich aufmerksam und bedankten sich atemlos, wenn man Platz machte.

Da haben wir schon andere Situationen erlebt. Einsam ziehst du über den Wanderpfad, und dann kommt aus der steil abstürzenden Kurve so ein Bike-Rowdy hervorgeschossen. Dir bleibt in der Regel nichts anderes übrig, als dich durch einen raschen Sprung ins Gebüsch zu retten. Sonst wirst du „abgeschossen“! Aber um Willingen herum hatten wir es mit „ordentlichen“ Sportlern zu tun.

Wir waren also im Upland gewandert. Upland – was relativ einfach mit Oberland oder Hochland übersetzt werden kann. Upland = Hochland im Sauerländischen Platt. Es umfasst im Wesentlichen die Gebiete um Willlingen mit seinen dazugehörigen Ortsteilen. Hier versammeln sich fast alle Berge des Hochsauerlandes, die die stolze 800-Meter-Marke überbieten. Dem höchsten unter ihnen – dem Langenberg – hatten wir ja unsere Reverenz erwiesen.

Eierfresser

Auf dem Weg hinter Willingen waren wir allein unterwegs. Oder fast allein. Selten begegneten wir anderen Wandersleuten. War das der Fall, gab es wie immer einen kleinen Schwatz: Woher? Wohin? Wie wird das Wetter? Man macht sich auf Besonderheiten der Strecke aufmerksam und was es sonst so zu beachten gibt. Nicht nur die Route betreffend, sondern auch in Bezug auf die Quartierlage, die Möglichkeiten zur Einkehr, die Qualität der regionalen Bier-, Wein- oder Schnapssorten usw.

Wir trafen während unserer gesamten Tour nur wenige Wanderer, die den Rothaarsteig in voller Länge gingen. Und um es vorwegzunehmen: Im Westerwald wurde es für uns noch einsamer. Wir begegneten nur einem Wanderpärchen aus Belgien, welches den gesamten Westerwald-Steig lief. Mutige wie wir, die gar auf beiden Steigen „in einem Ritt“ unterwegs waren? Fehlanzeige!

Die doch recht lange Etappe von Küstel nach Lenneplätze gestaltete sich interessant, landschaftlich wieder reizvoll, aber auch anstrengend. Daran war vor allem Winterberg schuld, der bekannte Wintersportort. Hier gibt es eine Bob- und eine Rennrodelbahn sowie eine Schisprungschanze. Folglich ist Winterberg auch ein Austragungsort von Weltcupwettkämpfen. Hier gibt es aber vor allem auch Touristen. Im Winter und im Sommer, wie wir uns überzeugen mussten.

Die Stadt im Hochsauerland war uns keine Unbekannte mehr. Während einer Radwanderung hatten wir schon einmal Bekanntschaft mit ihr geschlossen. Aus dem Ruhrgebiet und dem Bergischen Land kommend, waren wir die kilometerlange Steigung hinauf nach Winterberg gestrampelt. Anschließend ging es dann in schöner, langer Abfahrt an der Lahn entlang Richtung Rhein. Diesmal waren wir etwas langsamer unterwegs.

Der Rothaarsteig führte uns langzügig durch Winterberg – bergabwärts und bergaufwärts. Etwas ätzend das Wandern auf dem Straßenpflaster! Zum Zentrum hin auch wegen der vielen Besucher in der Stadt: Ausflügler, Urlauber und Einkaufsneugierige. An unserem Wochenende war „Offener Verkaufssonntag“ angesagt. Na, fein! Volle Hütte also im Stadtzentrum! Wir „wilden Wandergesellen“ in unserer zünftigen Kleidung wurden gehörig bestaunt, vor allem wegen unserer abenteuerlichen Hüte mit den breiten Krempen. Gleich im ersten Menschengewusel begegneten wir einem älteren Mann. Irgendwie ein eigenartiger kauziger Typ. Er sprach uns an, nicht ich ihn, wie bei Begegnungen meist von mir praktiziert. In kurzer Zeit vermittelte er uns Teile seiner Vita. Das klang in Stichworten so: gute, sehr gute Geschäfte gemacht, geschieden, Geld vorhanden, Frauen auch, Hausbesitzer, Rassehundhalter, dazu noch so allerhand Besitz, außerdem sei das Sauerland langweilig usw. Hatten wir alles nicht erfragt und interessierte uns auch nicht. Merkenswert nur seine Idee, uns einzureden, dass wir bestimmt Geschwister seien, Anne und ich. Davon ließ er sich partout nicht abbringen:

Ihr seid doch gleich angezogen ...

Ihr seht euch doch auch so ähnlich ...

Ihr gefallt mir doch beide so gut ...

Mmm? Es wurde schwierig, ihn loszuwerden, um weiterzuziehen.

Im Zentrum der Stadt, auf einer Bank sitzend, kurze Vesper. Dann schnell und zügig Neustart. Nach den ruhigen Wanderkilometern und Wandertagen wurde uns das Menschengewimmel zu viel. Obwohl wir da ja in Berlin an ganz andere Gewimmel gewohnt sind. Die uns aber auch nicht gefallen. Diese wimmelnden Gewimmel. Im Gegensatz zu den reizvollen Wimmelbüchern11 für die Kinder, die auch wir Alte uns immer wieder gern ansehen. Nun nicht mehr mit den eigenen Kindern, sondern mit deren Kindern, also den Enkeln, und mit Urenkeln.

Unser schnelles Fortwandern aus Winterberg hatte aber nichts, was ausdrücklich betont werden soll, hatte nichts mit dem Spitznamen der Einwohner zu tun. Und dass wir vielleicht aus Furcht vor ihnen die schnelle Flucht antraten. Der Spitzname der Winterberger? Was für ein Spitzname? Vom Spitznamen der Briloner hatten wir ja schon gehört. Also diese werden ja liebevoll auch Esel genannt. Zu welchem Spitznamen sind denn nun die Winterberger gekommen? Und warum?

Also: Man sagt im Sauerland den Winterbergern nach, dass sie Eier in jeder beliebigen Zubereitung mögen und außergewöhnlich viel und häufig Eier essen würden. Deshalb wurden sie, die Winterberger, von den Leuten aus den benachbarten Orten vor Jahr und Tag mit dem Spitznamen „Äggerfriäter“ belegt.

Äggerfriäter > Eierfresser

Eierfresser! Darauf muss man erst einmal kommen! Äggerfriäter! Haben wir wieder ein Wort des Sauerländer Platt kennengelernt! Was sich der Volksmund so einfallen lässt!

Hinter Winterberg das erste und einzige Mal auf dem Rothaarsteig eine unangenehme Wegstrecke. Der Steig nicht gut gelegt. Läuft ätzend an der Bobbahn und der St.-Georg-Schanze vorbei – kurzsinnig erst bergauf, dann wieder weit hinunter. Schließlich das erste und einzige Mal: schlechte, dann zweideutige, dann fehlende Markierung. Im Hanggelände! Mönsch! Doch Malte fand den Weg zum Kahlen Asten, dem dritthöchsten Berg im Rothaargebirge!

Der Aufstieg schließlich nicht allzu steil und schwer. Doch mühsam, da es dem Etappenende zuging. Da werden erfahrungsgemäß die Berge steiler und die Rucksäcke schwerer! Das ist so! Ehrenwort des erfahrenen Wanderers!

Pulsuz fraqment bitdi.

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22 dekabr 2023
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9783961451395
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