Kitabı oxu: «Tödliche Mauern»

Şrift:

Inhalte

1  Titelangaben

2  Prolog

3  Montag, 8. Dezember

4  Dienstag, 9. Dezember

5  Mittwoch, 10. Dezember

6  Donnerstag, 11. Dezember

7  Freitag, 12. Dezember

8  Samstag, 13. Dezember

9  Sonntag, 14. Dezember

10  Montag, 15. Dezember

11  Dienstag, 16. Dezember

12  Mittwoch, 17. Dezember

13  Donnerstag, 18. Dezember

14  Freitag, 19. Dezember

15  Samstag, 20. Dezember

16  Sonntag, 21. Dezember

17  Nachwort

18  Literatur

19  Danksagung

20  Info

Manfred Brüning

Tödliche Mauern

Oldenburg-Krimi

Prolibris Verlag

Handlung und Figuren dieses Romans entspringen der Phantasie des Autors. Darum sind eventuelle Übereinstimmungen mit lebenden oder verstorbenen Personen zufällig und nicht beabsichtigt. Nicht erfunden sind Institutionen, Straßen und Schauplätze in Oldenburg und Umgebung, die in diesem Roman vorkommen.

Alle Rechte vorbehalten,

auch die des auszugsweisen Nachdrucks

und der fotomechanischen Wiedergabe

sowie der Einspeicherung und Verarbeitung

in elektronischen Systemen.

© Prolibris Verlag Rolf Wagner, Kassel, 2021

Tel.: 0561/766 449 0, Fax: 0561/766 449 29

Titelbild: © Manfred Brüning

Schriften: Linux Libertine

E-Book: Prolibris Verlag

ISBN E-Book: 978-3-95475-236-2

Dieses Buch ist auch als Printausgabe im Buchhandel erhältlich.

ISBN: 978-3-95475-225-6

www.prolibris-verlag.de

Der Autor

Manfred Brüning wurde 1944 in Bad Salzuflen geboren. Der gelernte Schlosser wurde später Diakon, arbeitete siebenundzwanzig Jahre als Pastor einer Evangelisch-reformierten Kirchengemeinde in Ostfriesland und erlebt jetzt seinen Ruhestand im Ammerland. Er ist verheiratet und Vater von vier erwachsenen Kindern. Nachdem er mehr als eintausend Predigten geschrieben hat, legte er mit „Gnadenlose Engel“ den Grundstein für die Krimireihe mit dem Protagonist Adi Konnert, der in diesem Buch seinen dritten Fall löst.

Wer von euch ohne Schuld ist,

der werfe den ersten Stein.

Johannes 8, 7

Prolog

1971

Der Junge drehte ihnen den Rücken zu. Wie ein Kater hatte er sich zusammengerollt und umklammerte die Knie mit seinen sehnigen Händen. Er hielt die Augen geschlossen, war aber wach. Der diensthabende Klinikarzt und ein Pfleger hatten ihm eine Trainingshose für Erwachsene über die Windel gezogen. Er hatte sich nicht gewehrt. Trotzdem war es schwierig gewesen, ihm auch noch das Oberteil anzuziehen und die dünnen Arme durch die Ärmel zu stecken.

»Kein Wort hat er bisher gesagt. Nicht mal geweint«, sagte der Pfleger. »Er zuckt nur jedes Mal zusammen, wenn man ihn anrührt.«

»Er steht unter Schock«, antwortete der Arzt. »Wir haben für seine blutende Wunde getan, was möglich war. Hoffen wir, dass die Therapeuten und die Zeit seine Seele heilen werden.«

Das Bett neben dem Jungen war leer. Blut klebte auf dem Laken.

2014

Seit siebzehn Monaten trug er wieder Windeln. Breitbeinig stand der schlanke Mann auf dem überdachten Balkon seiner Villa und krallte die Finger um die Mahagoniauflage der Brüstung. Mit den Augen folgte er einem Motorboot, das gegen die Strömung der Weser ankämpfte.

»Tschabo, ich bitte dich.« Seine Frau trat hinter ihn und berührte zärtlich seine Schulter. »Ich bitte dich zum hundertsten Mal, lass dich noch einmal operieren.«

Er schüttelte ihre Hand ab und rückte einen Schritt zur Seite.

Ein Containerschiff schob sich ins Blickfeld. Das Motorboot richtete sich in der Bugwelle des Frachters auf und sackte gleich wieder ins Wellental hinunter.

»Entschuldige, Liebes«, murmelte der Mann und sah weiter auf die Weser. »Lass mich bitte allein.«

»Du kannst diese Entscheidung nicht ohne uns fällen. Sie betrifft auch das Leben deiner Familie. Wir wollen dir doch nur helfen. Bitte!«

Tschabo Dumitrescu wandte sich um und sah seine Tochter in der Tür stehen.

»Es geht um meinen Arsch«, presste er mit zusammengebissenen Zähnen hervor. »Ich sage auch Bitte. Bitte lass mich in Ruhe! Ich habe Nein gesagt. Dabei bleibt es.«

Vorsichtig setzte er einen Fuß vor den anderen und schlich ins Haus. Sein Kiefer mahlte.

Nach wenigen Minuten griff er zum Telefon auf seinem Stehpult und wählte eine sechsstellige Nummer. Als die Verbindung zustande kam, raunte er: »Es bleibt alles wie besprochen. Es gibt keine Veränderungen.« Dann hörte er aufmerksam zu und beendete das Gespräch.

Montag, 8. Dezember

Kriminalhauptkommissar Adi Konnert musste ins Gefängnis. Er hatte einen Termin in der Justizvollzugsanstalt Oldenburg. Vom Lidl-Parkplatz aus schaute er auf die blaue Pforte des gegenüberliegenden Neubaus. Nicht nur wegen des nasskalten Wetters fühlte er sich beklommen. Die Haftanstalt erinnerte ihn für den Bruchteil einer Sekunde an den Keller seiner Kindheit. Unwillkürlich zog er den Kopf zwischen die Schultern.

Ausnahmsweise war er einmal zu früh dran. Er wollte aber auf keinen Fall im Warteraum auf- und abgehen müssen. Mit dem Rücken an den Mittelholm seines Wagens gelehnt, rauchte er lieber. Er wärmte die Hände an einer Dunhill Big Ben Pfeife und kaute auf dem Mundstück herum. Er blickte sich um.

Beim Discounter war Weinwoche. Konnert überlegte, ob er gleich einen ganzen Karton für gemütliche Winterabende besorgen sollte, entschied sich aber dagegen.

Umständlich knöpfte er seinen Mantel auf und suchte in der rechten Hosentasche seine Uhr. Ihm fiel dabei ein, dass er sich von einem seiner Kinder oder Enkelkinder ein neues Armband als Weihnachtsgeschenk wünschen könnte.

Es war immer noch eine Viertelstunde Zeit bis zum Termin. Konnert paffte weiter. Die Qualmwolken kräuselten senkrecht in die nasskalte Winterluft.

Er dachte zurück an die Stunden im verriegelten elterlichen Keller. Die Dunkelheit hatte ihm nichts ausgemacht. Aber er hatte dort die Freiheit lieben gelernt. Das war gut vierzig Jahre her. Er schaute hinüber zur Haftanstalt. Freiheitsentzug ist Strafe genug, stellte er fest.

Aus der Innentasche seines Jacketts holte er den Brief des Gefangenen heraus, den er gleich treffen sollte. Konnert faltete den Bogen auseinander und las zum ungezählten Mal: »Jetzt ist immer.« Die drei Wörter packten ihn. Er las die davon abgesetzte Nachricht: Besuch genehmigt. Montag, 16:30 Uhr. Unterschrift Sascha Knieling.

Vor vier Jahren hatte er ihn verhaftet. Verschiedene Vorstrafen, eine Einbruchserie, wiederholte Hehlerei, dann ein missglückter Banküberfall und, im Zusammenhang damit, eine Geiselnahme brachten ihn hinter Gitter. Der alleinstehende Arbeitslose hatte Konnert leidgetan. Mehr als andere Straffällige. Da hatte er ihm spontan versprochen: »Wann immer Sie mich brauchen, ich bin für Sie da.« Und jetzt war immer. »Dann muss ich mein Wort wohl halten. Das gehört sich so«, hatte er gemurmelt, als das karierte Briefpapier am Samstag bei ihm auf dem Küchentisch lag.

Sorgfältig steckte er den Brief zurück in den Umschlag.

Ich muss ins Gefängnis. Obwohl er Polizist war und oft mit Gefangenen zu tun hatte, ließ ihn der Gedanke zögern. Heftig saugte er an seiner Pfeife und blies den Qualm von sich. Nur für einen Besuch, sagte er sich und versuchte, seine Nerven zu beruhigen.

Nur für einen Besuch.

Mit einem Ruck setzte er sich in Bewegung und überquerte die Cloppenburger Straße. Er musterte die meist rückwärts eingeparkten Autos der Vollzugsbeamten auf dem Parkplatz. Im Licht der Laternen entdeckte er drei ältere Modelle und einen silbernen Audi A8 L auf dem grauen Verbundsteinpflaster. Angehörige und Anwaltsbesuch, vermutete er. Die Rasenstreifen vor der Parkplatzumzäunung waren frei von Laub.

Konnert erreichte den Besuchereingang und blieb noch einen Augenblick vor der Tür mit Elementen aus schusssicherem Glas stehen. Sie hatte keine Klinke, nur einen runden Knauf. Raus kommt hier niemand. Aber auch nicht so einfach rein. Wie oft hatte er das vor dieser Tür schon gedacht?

Geduldig wartete er, bis das Schnarren des elektrischen Türöffners zu hören war. Er zog die schwere Tür auf und trat in einen taghell beleuchteten Windfang. Hinter ihm schloss sich die Pforte. Er war im Gefängnis. Er wandte sich nach links. Hinter einer Panzerglasscheibe saß eine blonde Frau in der Dienstkleidung der Justizvollzugsbeamten. Sie lächelte ihn an.

»Legen Sie bitte Ihren Personalausweis in die Schiebemulde.« Konnert kannte das Prozedere und befolgte die Anweisung. Routinemäßig verglich die Beamtin sein Gesicht mit dem Passbild.

Er erwartete eine Bemerkung darüber, dass er seit dem Ausstellungsdatum ein paar Pfund zugelegt hatte. Seine Kollegen würden sich einen Kommentar niemals verkneifen. Nein, sie blieb ernsthaft und suchte seinen Namen auf der Besucherliste.

»Ihre Dienstpistole, Herr Kommissar?«

»Die liegt im Waffenschrank der Polizeiinspektion. Ich bin kein guter Schütze, wissen Sie. Und bevor ich ...«

Ohne weitere Erklärung bekam er einen Besucherausweis an einem roten Band zugeschoben, den er sich um den Hals hängte.

»Sie sind heute privat hier. Sie müssen sich durchsuchen lassen. Tut mir leid. So sind die Vorschriften. Ihr Handy müssen Sie diesmal auch einschließen.« Die Tür zum Warteraum schnarrte genauso wie die Außentür. Konnert drückte sie auf, trat hindurch und deponierte seinen Mantel in einem Schrankfach. Dann musste er sich doch noch gedulden und in dem abgeschlossenen Raum auf- und abgehen.

Eine Männerstimme forderte ihn über einen Lautsprecher auf, in den Durchsuchungsraum zu kommen.

»Bitte leeren Sie Ihre Taschen und legen auch Ihr Jackett, Ihre Schuhe und den Gürtel in den Plastikkorb auf dem Fließband.«

Konnert staunte über das, was aus den Tiefen seiner rechten Hosentasche zum Vorschein kam. Als ein glatter, mehrfarbiger Halbedelstein, eine Unterlegscheibe, ein Nagel und ein Markstück auf seiner Handfläche lagen, schmunzelte er. Wenn er auf der Straße Krimskrams fand, musste er ihn einstecken.

Der Korb verschwand im Röntgengerät.

»Kommen Sie zu mir!«, befahl der Beamte.

Konnert passierte die Sicherheitsschleuse, die ihn an Kontrollen auf Flughäfen erinnerte. Ein durchdringender Alarm piepte.

»Tragen Sie eine Halskette?«

Kopfschütteln war die Antwort.

»Wenn Ihre Taschen leer sind, sehen Sie bitte im Hosenaufschlag nach.«

Er krempelte den Stoff um. Eine Büroklammer fiel zu Boden.

»Auch die dürfen Sie nicht mit hereinbringen. Sicherheitsrisiko. Sie verstehen?« Der Beamte verzog keine Miene.

Nachdem Konnert den Gürtel wieder durch die Schlaufen gezogen und Schuhe an den Füßen hatte, telefonierte der Bedienstete. Kurz darauf öffnete sich mit Schlüsselklappern eine Tür, und ein weiterer Mitarbeiter erschien.

»Guten Tag, Herr Kommissar. Diesmal durch den Besuchereingang?« Er trat zur Seite. »Bitte.« Sie passierten die nächste Stahltür und standen zwischen der Außenschleuse und den Zellenblocks im Freien. Halogenstrahler beleuchteten den gepflasterten Weg und die Fronten mit den gitterlosen Fenstern.

»Nach Ihnen«, sagte der Beamte und deutete mit der Hand an, dass Konnert vorgehen sollte.

Konnert nahm an einem der quadratischen Buchentische im Besucherraum Platz. Scheiben aus bruchsicherem Glas in einem Holzrahmen ersetzten einen Teil der Tischplatte. Über ihr schimmerte das Fischauge einer Überwachungskamera. Er sah sich um. Die Wände waren hell gestrichen worden. An ihnen hingen von Gefangenen gemalte Bilder. Yuccapalmen vor den Fenstern gaben dem Raum etwas vom Charakter eines Wohnzimmers. Für Kinder hatte man eine Spielecke abgetrennt. Erhöht hinter einem Tresen saß ein Vollzugsbeamter. Zwei Bildschirme waren zu erkennen. An zwei anderen Tischen unterhielten sich wartende Familienangehörige. Konnert meinte, eine Atmosphäre von Angst und enttäuschten Hoffnungen wahrzunehmen. Oder spürte er nur seine eigenen Gefühle? Er wartete und legte die Hände übereinander. In Gedanken formulierte er ein Gebet für das Gespräch mit Sascha Knieling.

Schlüsselklappern unterbrach ihn. Die Gefangenen wurden in den Raum geführt. Als Letzter trat ein hagerer Mann ein. Die dunkelbraune Cordhose schlabberte um seine langen Beine. Über dem karierten Hemd trug er eine beige Strickjacke mit Lederflicken an den Ellenbogen. Das kräftige Kinn war sauber rasiert, die Haare exakt geschnitten. Kratzstellen auf der geröteten Haut an der Stirn und auf der linken Wange fielen Konnert sofort auf. Rosazea heißt die Hauterkrankung, wusste er und erinnerte sich, dass Stress ein Auslöser der schuppigen Entzündungen sein kann. Die Brille passte mit ihren übergroßen Gläsern nicht zum schmalen Gesicht.

Konnert hatte Knieling anders in Erinnerung. Als er ihn damals in einer Waldarbeiterhütte aufgespürt hatte, waren drei Tage nach dem Überfall vergangen. Konnert hatte sich gegen die Geisel austauschen lassen und, wie schon einmal, den Einsatz des SEK zurückgewiesen. Er war zweieinhalb Tage Gefangener des Bankräubers gewesen, bevor der aufgegeben hatte. Insgesamt waren das fast sechs Tage ohne fließendes Wasser für den Entführer gewesen. Auch zum Prozess vor dem Landgericht war er mit zerzaustem Bart und in billigen Klamotten erschienen.

Das Gefängnis schien ihm gutzutun. Zur Begrüßung stand Konnert auf und reichte eine Hand über den Tisch.

Sie setzten sich. Beim Geräusch der hinter Konnert ins Schloss fallenden Tür und dem Klappern der Schlüssel zuckte er leicht.

»Sie sind gekommen. Danke.« Knielings Worte kamen schleppend über seine dünnen Lippen. Jedes Wort formulierte er zögernd und sprach es überdeutlich aus. Zwischen den Satzteilen entstanden Pausen. Es klang so, als müsste er jeweils entscheiden, ob er weitersprechen wollte. »Ich war mir nicht sicher, ob Sie damals wirklich meinten, was Sie mir versprochen haben.«

»Ihnen scheint es gut zu gehen.«

»Bis vor einem halben Jahr ging es mir sogar sehr gut. Aber ...« Knieling brach ab und lehnte sich über den Tisch. »Ich muss hier raus. Helfen Sie mir, hier rauszukommen. Bitte!«

Konnert suchte Blickkontakt mit dem Mann, der wieder aufrecht auf seinem Stuhl saß. »Ich kann Ihnen unmöglich zur Flucht verhelfen. Das wissen Sie doch.«

»Keine Flucht. Es geht um eine sofortige Verlegung in ein anderes Gefängnis.«

Konnert runzelte die Stirn.

»Und warum sprechen Sie darüber nicht mit Ihrem Abteilungsleiter?«

Knieling kratzte eine Pustel über der linken Augenbraue auf.

»Von außerhalb der Anstalt habe ich so gut wie keinen Einfluss auf die Abläufe hier drinnen«, sagte Konnert.

Einige Sekunden beobachtete Knieling den Beamten hinter den Monitoren. Zum zweiten Mal beugte er sich vor und winkte Konnert heran. »Dann müsste ich begründen, warum ich verlegt werden will.«

»Es hört uns keiner zu, Herr Knieling. Das Gespräch ist absolut vertraulich.«

»Ich werde bedroht. Man will mich fertigmachen und umbringen. Und wenn ich das einem Beamten sage, verlegen sie mich auf eine Gemeinschaftszelle. Zu Ihrer Sicherheit argumentieren sie dann. Da drehe ich durch. Mit einem furzenden oder ständig wichsenden oder rauchenden Kerl in einer Zelle werde ich verrückt.«

Er ließ sich mit leerem Blick an die Stuhllehne zurückfallen.

Konnert blieb stumm und wartete, wie so oft, wenn er den Eindruck hatte, dass sein Gegenüber noch Informationen zurückhielt.

»Das macht auch mein Herz nicht mehr mit. Wenn ich hierbleiben muss, bin ich so oder so tot. Ich muss in ein anderes Gefängnis.«

Konnert fasste die Nasenwurzel zwischen Daumen und Zeigefinger und dachte nach. »Wenn ich mit der Anstaltsleitung spreche, muss ich ebenfalls einen Grund für Ihre Verlegung nennen. Was soll ich Direktor Koop sagen?«

»Das weiß ich nicht. Ich muss weg von hier. Sie sind die letzte Hoffnung, die ich habe. Finden Sie keinen Ausweg, verlasse ich die Anstalt in einem Zinksarg.«

Erschrocken stand Konnert auf und tigerte zwischen der Spielecke und dem Tisch hin und her. Der Vollzugsbeamte behielt ihn im Auge. Nur eine Ermittlerfrage kam ihm in den Sinn. Er setzte sich wieder. »Wie haben Sie die Drohung erhalten?«

»Irgendwer hat mir einen Zettel in die Jackentasche gesteckt.«

»Wann war das?«

»Am Dienstag.«

»Was genau stand darauf?«

»Noch eine Woche.« Knieling senkte den Kopf.

»Nur diese Worte?«

»Noch eine Woche. Dann wirst du dich bücken. Danach machen wir dich weg.«

Konnert kannte sich mit der Knastsprache aus. Leise, wie aus weiter Ferne, klang das Gemurmel von anderen Besuchern herüber. Er stand auf und ging zum Getränkeautomaten an der gegenüberliegenden Wand und kam mit zwei Kaffeebechern zurück.

Knieling gab ein erbärmliches Bild ab.

»Eher bringe ich mich um.« Die Pausen zwischen den Satzteilen wurden länger. »Ich mache das alles nicht noch einmal durch ... Mir bleibt kein anderer Ausweg.«

»Bewahren Sie den Zettel irgendwo auf?«

»Wo denken Sie hin? Den habe ich nicht mal durch die Toilette gespült. Geschluckt habe ich den.«

»Eine Woche«, überlegte Konnert laut und stützte beide Hände auf der Tischplatte ab. »Heute ist schon Montag.«

»Ich werde mich umbringen. Wenn ich hierbleiben muss, dann ist Schluss. So oder so.«

»Wer ist Ihr Anwalt?«

»Den können Sie vergessen. War nur ein Pflichtverteidiger, der nach der Gerichtsverhandlung kein Wort mehr mit mir gesprochen hat.«

»Sagen Sie mir bitte trotzdem den Namen.«

»Enno Keil aus Wardenburg.«

Erneut verstrich eine Minute, bevor Knieling sich aufrichtete und flüsterte: »Die Zeit vergeht ruck, zuck. Bis der Antrag für Ihren Besuch genehmigt war, vergingen schon drei Tage. Das ging sogar schneller als üblich. Drei von sieben Tagen.«

Und dann musste der Brief von der Post befördert werden, machte sich Konnert klar. Also konnte erst für heute der Besuchstermin anberaumt werden. Die Bediensteten wussten ja nicht, was für Knieling auf dem Spiel stand.

»Tag und Nacht war nur ein Gedanke in meinem Kopf. Welche Möglichkeiten bleiben mir?«, fing der Gefangene noch mal an. »Ich dachte zum Beispiel daran, zu randalieren. Dann komme ich in die Beruhigungszelle. Aber nur so lange, bis ich mich beruhigt habe. Und dann? Wie viele Stunden muss ich dann toben, um mich zu retten? Außerdem nimmt mir kein Bediensteter Aggression ab.«

»Warum nicht?«

»Ich verhalte mich hier von Anfang an genau nach Vorschrift. Wir haben doch darüber gesprochen. Ich soll jedem Streit aus dem Weg gehen. Daran halte ich mich. Ich bin sogar ins PC-Schulungsprogramm aufgenommen worden. In knapp zwei Jahren kann ich bei guter Führung vorzeitig entlassen werden. Danach will ich mich für den Rest meines Lebens sozial engagieren. Vielleicht kann ich etwas wiedergutmachen von dem, was ich angerichtet habe. Das kann ich alles vergessen, wenn ich auffällig werde.«

Sascha Knieling sah mit stumpfem Blick zu Konnert auf.

»Könnten Sie sich krankmelden? Wären Sie auf der Krankenstation in Sicherheit?«

»Vielleicht. Für ein paar Tage. Und danach?«

»Wir hätten Zeit gewonnen.« Konnert registrierte, dass er wir gesagt hatte. »Ich werde mit Ihrem Anwalt sprechen. Eventuell hat er eine Lösung. Mehr fällt mir nicht ein. Es tut mir leid.«

Nachdem er an der Außenpforte seine Papiere zurückerhalten hatte, sagte die Beamtin: »Sie müssen Ihren Ausweis verlängern lassen. Er ist schon im September ungültig geworden. Wenn ich Sie nicht von früheren Einsätzen kennen würde, wären Sie hier nicht hereingekommen.«

»Vielen Dank.«

Die Ausgangstür ließ sich aufstoßen. Konnert trat hindurch und wandte sich noch einmal um, bevor er die Cloppenburger Straße überquerte. Er war zurück in der Freiheit, konnte gehen, wohin er wollte, jederzeit mit seiner Familie oder Freunden sprechen oder ein Glas Wein trinken, wann immer ihm danach war. Für einen Teil der Männer hinter den Mauern war schon seit 15:30 Uhr Stationseinschluss in ihren Haftraum. Erst morgen um 6:30 Uhr würde die Zelle wieder geöffnet werden. Fünfzehn Stunden allein hinter verschlossenen Türen.

Ein Schauder durchlief Konnerts Körper.

***

Als Sascha Knieling den Flur zu seiner Zelle entlangging, stieß sich ein junger Kerl von der Wand ab, um neben ihm herzugehen. Er raunte: »Du triffst dich also mit einem Bullen und quatschst mit dem. Hatte mir immer schon gedacht, dass du so ein Arschloch bist und mit den Wachteln zusammenarbeitest.«

»Lass mich in Ruhe.«

»Pass bloß auf, dass du nicht mal stolperst und mit dem Kopf gegen die Wand knallst.«

Schweigend schloss Knieling seine Zelle auf, trat ein und zog die Stahltür hinter sich zu.

***

Im dritten Stock der Polizeiinspektion am Friedhofsweg verließ Konnert den Fahrstuhl und betrat das Großraumbüro seiner Abteilung FK1, Straftaten gegen Leben und Gesundheit, Sexualstraftaten und Rotlichtkriminalität. Viele Schreibtische waren schon aufgeräumt. Am Glasausschnitt der Tür zu seinem separaten Büro klebten drei Post-it-Zettel und eine Postkarte. Er pflückte sie ab und las den ersten Zettel, bevor er die Tür öffnete. Habe Bereitschaft. Bin zu Hause zu erreichen. Venske.

So ist er, dachte Konnert und betrat sein Büro. Bernd Venske, Kriminaloberkommissar und stellvertretender Leiter des Kommissariats. Konnert schätzte an ihm seinen Fleiß und seine Gradlinigkeit. Er gibt sich, wie er ist, und sagt, was er denkt. Das macht ihn bisweilen zu einem schwierigen Typen mit gelegentlich vorschnellen Urteilen. Aber alles in allem ein guter Polizist. Nicht umsonst schon Oberkommissar, dachte Konnert anerkennend. Bringt aber in diesem Winter nicht die gewohnte Leistung. Fühlt er sich nicht wohl?

Er schüttelte seinen Mantel einseitig von der Schulter. KOR hat angerufen und bittet um Rückruf, war die nächste Mitteilung. Er wechselte die Notizen in die andere Hand und zog den Mantel ganz aus. Er wählte die Nummer von Kriminaloberrat Werner Wehmeyer, dem Leiter der Dienststelle Zentraler Kriminaldienst.

»Ich habe nicht damit gerechnet, dass du dich heute noch meldest. Komm morgen mal zu mir rauf. Es gibt da ein Problem, das würde ich gern mit dir unter vier Augen besprechen.«

»Jetzt ginge es auch.«

»Lassen wir es bei morgen, Adi. Schönen Feierabend.«

Konnert legte auf.

Die dritte Nachricht war eine Terminänderung. Deine Zeugenaussage im Zuhälterprozess ist nicht Mittwoch, sondern erst nach Weihnachten. Neuer Verhandlungstag wird schriftlich mitgeteilt. Stephanie.

Stephanie Rosenberg, Kriminalhauptkommissarin, gehörte seit anderthalb Jahren zu den Ermittlern FK1. Sie legte Wert auf ihre Kleidung, trug mal diese, mal jene modische Brille und wickelte, wenn sie nachdachte, Strähnen ihrer blonden Haare um den linken Zeigefinger.

Konnert setzte sich und überflog auch noch den Urlaubsgruß von Kriminalkommissar Kilian Kirchner aus Phuket. Weg aus dem regnerischen Dezemberwetter, hin ins warme Thailand. Konnert reizten solche Reisen nicht. Er fand es aber schön, dass Kilian an seine Kollegen im kalten Norden gedacht hatte.

Aus einer Schublade zog er das Telefonbuch und fand den Eintrag des Rechtsanwalts Keil. Um diese Zeit erreichte er aber nur den Anrufbeantworter. Konnert nannte sein Anliegen, gab Handy- und Festnetznummer durch und bat darum, umgehend zurückgerufen zu werden.

***

Es klopfte an der Haftraumtür. »Sascha, ich bin es.«

Knieling öffnete und ließ Michael Otten eintreten. Als die Tür zugefallen war, umarmten sie sich und setzten sich nebeneinander auf das Bett. Unsicher legte Knieling die rechte Hand auf Ottens Unterarm.

»Sascha, ich habe Angst.«

»Angst musst du doch nicht haben. Mir wollen sie ans Leder, nicht dir. Jeder kommt dafür infrage. Du bist der Einzige, dem ich hier vertraue.« Er tätschelte Ottens Hand und ließ seine dann auf ihr liegen. Er lehnte seine Schulter bei Otten an und betrachtete lange die übereinandergelegten Hände.

»Was hat er gesagt? Kann er dir helfen?«

»Ich glaube nicht. Sein Vorschlag war, mich krankzumelden. Das würde Zeit bringen.«

»Du brauchst keine Zeit. Du brauchst Schutz. Sicher bist du selbst auf der Krankenstation nicht.«

Otten blickte hinüber zum Bord über dem Tisch, wo Knieling Seminarhefte und einige Romane aufbewahrte. Er hätte gern einen Kaffee getrunken. Früher hatte Knieling immer einen großen Vorrat. Doch jetzt war der Platz neben der Kaffeemaschine leer. Auch das Tabakpäckchen sah dünn aus.

»Am sichersten bist du in deiner Zelle.« Otten löste sich von Knieling, stand auf und stellte sich ans Fenster. Von draußen drang kein Ton herein. Kein Hundegebell, kein Straßenlärm, keine Geräusche der Stadt. Unwirkliche Stille, die dem Handwerker Michael Otten oft aufs Gemüt schlug.

»Der Vorschlag vom Kommissar ist aber trotzdem nicht ganz schlecht.«

»Wie meinst du das?«

»Du meldest dich krank. Aber nicht so, dass du auf die Krankenstation kommst, sondern nur hier im Bett liegen musst. Du lässt keinen rein. Ich versorge dich.«

Beide überlegten, welche leichte Beschwerde dazu führen würde, dass Knieling auf der Station bleiben könnte. Dann schlenderten sie hinüber zur Stationsküche, um sich ihr Abendbrot zuzubereiten.

»Das Pärchen Einsam und Verlegen«, kündigte sie einer an, und ein anderer rief: »Heißen sie nicht Klug und Scheißer?« Sie ernteten brüllendes Gelächter.

***

Auf der Fahrt nach Hause saß Konnert im Bus und beobachtete die Fahrgäste. Er stellte sich vor, was wohl in ihnen vorging. Drei Sitze hinter dem Fahrer hockte ein Junge, der einen Geigenkasten zwischen die Beine geklemmt hatte. Noch ein Jahr oder zwei, dachte Konnert, dann quält er seine Eltern, bis er das Instrument auf den Schrank legen darf. Oder er wird seine Geige lieben und vorsichtig auf dem Schoß festhalten. Eine Reihe weiter presste eine Frau eine schwarze Aktenmappe an ihre Brust, als würde sie ein Vermögen darin beschützen. Vielleicht trägt sie ihren neuen Arbeitsvertrag nach Hause, dachte Konnert.

An der Haltestelle Zanderweg stieg er aus. Ein paar Schritte wollte er gehen und den Hebel umlegen, wie Zahra es ihm einmal ans Herz gelegt hatte. Er fand, dass man das leichter sagen als in die Tat umsetzen konnte. Besonders schwer wurde es, wenn das Handy klingelte und Venske anrief.

»Es gibt hier eine Vergewaltigungsanzeige. Man hat mich angerufen. Ist es in Ordnung, dass ich Stephanie kommen lasse und sie die erste Befragung macht? Unsere momentan übersensible Babsi soll ich damit doch bestimmt nicht behelligen.«

Konnert missfiel der sarkastische Unterton seines Stellvertreters. Barbara Deepe, von allen Babsi genannt, war Kriminaloberkommissarin. In der Vergangenheit war sie sportlich durchtrainiert, fleißig und dabei eher unauffällig gewesen. Dann hatte es Probleme in ihrer Beziehung gegeben. Jetzt war sie häufig unkonzentriert und reagierte dünnhäutig. Nur Konnert war von ihr ins Vertrauen gezogen worden. Darum verkniff er sich einen Kommentar und sagte: »Ist richtig so. Wieder häusliche Gewalt?«

»Nein, diesmal hat es eine Studentin auf dem Rückweg von einer Weihnachtsparty erwischt. In Bloherfelde, verschleppt, betäubt und ohne Kleidung zurückgelassen. Eine Joggerin hat sie total unterkühlt gefunden und anstatt sie in ein Krankenhaus zu bringen, hat sie sie mit ihrem Wagen nach Hause verfrachtet. Verfluchte Scheiße.«

»War sie beim Arzt?«

»Ja, aber erst heute am späten Nachmittag. Sie ist mit der Sprechstundenhilfe der Ärztin hierhergekommen. Eine Mitarbeiterin der Kriminaltechnik ist dann mit ihr ins Evangelische Krankenhaus gefahren.«

»Stephanie soll sich Zeit lassen.«

»Das brauche ich ihr nicht zu sagen.«

Konnert schloss die Haustür auf. Ihn empfing aus der oberen Etage das fröhliche Lachen junger Leute. Den beiden scheint es richtig gut zu gehen, stellte er fest. Im Mai war seine Tochter Ruth bei ihm eingezogen. Er hatte ihre Schulden bezahlt, oben eine Küche einbauen lassen und das eine oder andere Möbelstück spendiert. Sein Wunschauto musste dann eben noch auf ihn warten.

Schwiegersohn Sven hatte seinen Entschluss in die Tat umgesetzt, keinen Alkohol mehr zu trinken. Erst nach der durchgestandenen Entziehungskur hatte er seine Frau angerufen und berichtet, dass er zusätzlich ein Antiaggressionstraining erfolgreich absolviert hatte. Er würde sie nie mehr schlagen. Einige Wochen später war er wieder bei Ruth eingezogen. So langsam gewöhnte sich Konnert daran, nicht mehr allein im Haus zu wohnen.

Kurz vor acht Uhr wechselte er ins Wohnzimmer, um die Tagesschau anzusehen. Die Separatisten in der Ukraine lehnten Friedensgespräche ab. Das Stichwort Ukraine löste bei ihm noch immer Erinnerungen an einen Fall mit vergewaltigten Zwangsprostituierten aus. Er hätte gern gewusst, wie es der geflohenen Frau jetzt ging und ob sie in ihrer Heimat angekommen war. Als der Sportreporter auf die 5:2-Demütigung für Werder Bremen durch Eintracht Frankfurt zurückkam, schaltete Konnert den Apparat ab.

Seine Gedanken wanderten zurück zu Sascha Knieling. Ihn wird das alles wenig interessieren, was heute Abend im Fernsehen läuft. Mich eigentlich auch nicht. Er suchte eine Pfeife mit großem Kopf aus, stopfte sie sorgfältig und ging zum Rauchen auf die Terrasse.

An einem kühlen Septemberabend hatte er draußen gesessen und gefröstelt. Am nächsten Tag war er in einen Baumarkt gefahren, um einen Heizstrahler zu kaufen. Den hatte er an einem Samstagnachmittag über seinem Sessel an die Wand montiert. Jetzt konnte er auch im Winter hier sitzen, in den dunklen Garten schauen und seinen Gedanken nachhängen.

Welche Rechnung sollte Knieling mit einer Vergewaltigung und anschließendem Tod begleichen? Mit einem Mal stolperte seine Erinnerung über das Wörtchen »wir« in der Morddrohung. Dann machen wir dich weg. Wer stellte die Rechnung aus?

Dienstag, 9. Dezember

Die Frühschicht schloss den Haftraum zur Lebendkontrolle auf.

»Knieling, was ist los? Noch im Bett? Auf geht’s! Ein neuer Tag wartet auf Sie.«

»Ich glaube, ich bin krank. Ich habe Halsschmerzen, die Nase ist dicht und mein Kopf dröhnt. Mir ist schwindelig.«

»Fieber? Ich benachrichtige den medizinischen Dienst.«

»Nicht nötig. Was von allein kommt, geht auch wieder von allein. Alte Oldenburger Weisheit.«

»Ich melde Sie trotzdem beim medizinischen Dienst an.«

***

Sein Schwiegersohn war auf seiner Joggingtour beim Backshop vorbeigekommen und hatte Brötchen gekauft. Konnert bückte sich und hob seine Tüte von der ersten Stufe der Treppe auf.

Zahra.

Ihr Name streifte durch seine Gedanken. Er goss heißes Wasser in den Kaffeefilter und sah zu, wie die braune Brühe versickerte. Über sich hörte er die Schritte seiner Tochter.

Am Küchentisch blies Konnert über seinen Becher und schlürfte einen ersten kleinen Schluck. Zurückgelehnt auf dem Stuhl, auf dem er schon gesessen hatte, als noch seine Frau das Frühstück für ihn und die beiden Kinder gemacht hatte, überdachte er wieder einmal die Entscheidungen des letzten Sommers.

Zahra. Immer mehr hatte sie ihn herausgefordert. Er erinnerte sich an den Samstag im August. Sie wollte unbedingt mit ihm in einen Hochseilgarten fahren. Er konnte sich den enormen Altersunterschied und die allzu entgegengesetzten Freizeitinteressen nicht mehr schönreden. Sie hatte erst gequengelt und dann versucht, ihn mit weiblichen Tricks umzustimmen. Später hatten sie sich gestritten und ihm war der Satz herausgerutscht, dass er ihr weder den fehlenden Vater ersetzen konnte, noch sich weiter auf ihren sportlichen Lebensstil einlassen wollte. Das war der Anfang vom Ende ihrer Beziehung gewesen. Zahra war es, die schließlich mit ihm Schluss gemacht hatte, nachdem er abgelehnt hatte, dass sie bei ihm einzog. Am 22. September hatten sie sich endgültig getrennt. Herbstanfang. Seitdem frühstückte er wieder allein in seinem Haus und fühlte sich einsam.

Auf der Fahrt ins Kommissariat meldete sich sein Handy. Am Sicherheitsgurt vorbei fummelte er es aus seiner Hosentasche. Rechtsanwalt Keil rief an. Ein fleißiger Mann, stellte Konnert fest, so früh hat er schon den Anrufbeantworter abgehört und ist an die Arbeit gegangen. Sie verabredeten ein Treffen für 11:15 Uhr in seiner Kanzlei.

Im Büro saß Babsi bereits am Schreibtisch und bearbeitete die Tastatur. Das hatte er erwartet. Es kam Konnert so vor, als hätte sie am Wochenende noch mehr zugenommen. Kummerspeck, schoss es ihm durch den Kopf. Sie lehnte sich zurück, verschränkte die Arme unter der Brust und überprüfte den Text auf dem Bildschirm.

Konnert war in der Tür zum Großraumbüro stehengeblieben und musste unwillkürlich auf ihre linke Hand blicken. Kein Verlobungsring mehr.

Er ging zu ihr. »Moin, Babsi. Gut, dass du schon hier bist.«

»Moin«, kam es müde zurück. »Vergiss nicht, dass ich für 15 Uhr einen Termin bei meiner Frauenärztin habe.«

»Ich werde daran denken.«

***

Um 8:19 Uhr verließ Michael Otten zum unbegleiteten Ausgang die Haftanstalt. Obwohl ein leichter Graupelschauer niederging, stellte er sich neben das gläserne Haltestellenhäuschen und wartete.

In Gedanken nannte er sich zum ungezählten Mal einen Idioten. Statt nach dem Richtfest ein Taxi zu nehmen und zwanzig Euro zu zahlen, setze ich mich in mein Auto und fahre angetrunken los. So blöd kann auch nur ich sein.

Auf dem Nachhauseweg hatte er dann einem Fiat Panda die Vorfahrt genommen. Die Fahrerin starb noch an der Unfallstelle. Sie hatte eine ihrer Töchter und deren Freundin von einem Discobesuch abgeholt. Die beiden Mädchen mussten schwer verletzt ins Klinikum gebracht werden. Er selbst hatte nur ein paar Prellungen und ein Schleudertrauma erlitten.

Verurteilt wurde er zu zweiundfünfzig Monaten Gefängnis ohne Bewährung, weil er schon zweimal in einer Alkoholkontrolle aufgefallen war. Wegen guter Führung stand für ihn demnächst die vorzeitige Entlassung an.

Der Bus kam und mit ihm stieg ein Mann ein, der Otten trotz der Kälte den Schweiß auf die Stirn trieb.

Vor vier Monaten hatte sich der Fremde zum ersten Mal an ihn herangeschlichen und zu ihm gesagt: »Ich bin Eugen. Mehr musst du von mir nicht wissen.« Er hatte ihm die Hand auf die Schulter gelegt und geraunt: »Ihre Frau hat mir freundlicherweise verraten, wann Sie Ausgang haben.« Otten hatte ihm den Kopf zugewandt. Er wollte erst sagen: »Hände weg!«, hatte dann aber nur die Hand angestarrt. Dem kleinen Finger fehlte das letzte Glied. Er meinte, so etwas in einem japanischen Kriminalfilm gesehen zu haben. Der verkürzte Finger war das Erkennungszeichen der Yakuza. Er erinnerte sich daran, weil er sich damals gefragt hatte, ob man dem Schauspieler das Fingerglied tatsächlich amputiert hatte. Es hatte so echt gewirkt. Eugen sah aber mehr wie ein Sinti oder Roma und nicht wie ein Asiat aus.

Nur mit halbem Ohr hatte er zugehört, wie Eugen von ihm verlangte, mit Sascha Knieling eine erotische Beziehung zu beginnen. Er hatte natürlich gezögert und sich geweigert. Dann hatte Eugen damit gedroht, seine Frau oder die beiden Töchter zu entführen und in die Prostitution zu verkaufen. Er hatte ihn angegrinst: »Ich versichere dir, wir haben dazu die Mittel und die Möglichkeiten«. Da hatte er zugestimmt. Seitdem tauchte er immer auf, wenn Ottens Ausgang genehmigt worden war. Er erkundigte sich dann nach dem Fortschritt des Verhältnisses zu Knieling. Otten hatte zunächst ausweichend geantwortet, weil er immer noch nicht glauben konnte, dass es dem Gangster ernst mit der Drohung war. Aber dann hatte dieser ihm von Telefongesprächen mit seiner Frau erzählt und wie gut sie sich verstehen würden.

Da hatte Otten damit gedroht, zur Polizei zu gehen. Eugen hatte ihm dann auf dem Handy einen Film gezeigt. Zwei fast unbekleidete Prostituierte standen am Straßenstrich und fassten sich in den Schritt oder boten ihre Brüste an. Im Hintergrund waren Palmen zu sehen und dunkelhäutige Menschen. »Ihr Vater meinte, er müsse seine Schulden bei uns nicht bezahlen und könnte besser zur Polizei gehen. Die würde ihn und seine Familie beschützen. Kapierst du jetzt, warum ich weiß, dass du nicht zur Polizei gehen wirst?« An dem Nachmittag hatte Otten resigniert.

Am Dienstag vor einer Woche war Eugen ihm in einem Alfa Romeo auf dem Weg von der Bushaltestelle in Tungeln nach Hause gefolgt. Er hatte ihn gezwungen, ins Auto einzusteigen. Dort musste er einen Text auswendig lernen. Wörtlich sollte er den auf einen Zettel schreiben und Knieling heimlich zustecken. »Von mir aus kannst du deine Handschrift verstellen«, hatte er gegrinst. Otten hatte die Anweisung befolgt.

Jetzt schob sich Otten an einzelnen Fahrgästen vorbei in den hinteren Teil des Busses. Auf der letzten Bank saß ein Pärchen und fummelte miteinander. Er ließ sich auf einen Sitz am Gang fallen. Eugen folgte ihm durch den Bus und drängte ihn auf den Fensterplatz. Er zischelte: »Ist alles klar, mein Freund?«

»Ich bringe das nicht. Ich bin Zimmermann. Ich kann mit Hammer, Säge und Beil umgehen. Was Sie verlangen, ist für mich unmöglich.«

»Du wirst es tun. Heute. Denk an deine Frau und deine hübschen Töchter. Was werden sie von dir denken, wenn sie erfahren, was du für eine Schwuchtel bist. Überleg dir das. Dann kannst du es. Weigerst du dich, holen wir die Damen ab.« Er tippte auf seinem Handy herum und ließ einen anderen Film ablaufen. Ein schlanker Mann war darauf zu sehen, der mit Ottens Töchtern sprach und sie offensichtlich belästigte. Eugen verzog das Gesicht zu einem überheblichen Grinsen. »Du machst es. Heute! Stimmt’s?«

Ottens Hände verkrampften sich um den Riemen seiner Sporttasche. Ihm schossen die genauen Anweisungen des Mannes durch den Kopf. Um nicht loszuschreien, hielt er die Luft an, bis im schwindelig wurde.

»Heute! Halte dich an das, was ich dir gesagt habe, und alles wird gut.« Gleichzeitig steckte er Otten einen Schein in die Tasche. »Die nächste Rate, mein Freund.«

An der nächsten Bushaltestelle stieg Eugen aus. Otten sah ihm hinterher und schauderte. Eugen hatte die rechte Hand um seine Kehle gelegt.

***

Eine Stunde nach Dienstantritt meldete sich Konnert wie abgesprochen beim Kriminaloberrat. Wehmeyer saß in Uniform hinter seinem Schreibtisch und las mit einem gelben Marker in der Hand ein Manuskript.

»Ich muss heute Nachmittag einen Vortrag an der Polizeiakademie in der Bloherfelder Straße halten. Willst du das nicht für mich übernehmen?« Er grinste.

»Nein, danke. Das mach du mal. Dafür wirst du ja auch besser bezahlt als ich.«

»Schmerzensgeld.«

»So schlimm?«

Wehmeyer nickte. »Was anderes. Adi, ich kann hier im Haus nicht mit jedem darüber sprechen. Aber mit dir. Es betrifft dich auch.«

Konnert rätselte, was denn wohl so geheimnisvoll sein könnte.

»Du weißt, die Stelle des Leiters vom FK6, Kinder und Jugend, Ermittlungsgruppe Fahrrad, muss zum 1. April neu besetzt werden.«

Konnert hatte schon davon gehört, dass sich der derzeitige Leiter nach Lüneburg beworben hatte und ausgewählt worden war.

»Und was habe ich damit zu tun?«

»Es gibt bisher zwei externe Bewerbungen für die Stelle.« Wehmeyer machte eine Pause. »Und Bernd Venske hat seine Unterlagen auch eingereicht.«

Konnert schwieg. Mal wieder.

»Venske will jetzt Karriere machen und nicht abwarten, bis du deinen Stuhl freimachst.«

Der Kriminaloberrat erwartete vergebens eine Reaktion.

»Nun sag endlich was dazu!«

»Bernd ist ein guter Polizist. Du hast recht, dass er weiterkommen möchte. Was spricht dagegen, dass er sich beworben hat?«

»Die Stelle ist schon vergeben. Die Ausschreibung war nur pro forma wegen der Vorschriften. Steck ihm, dass er seine Bewerbung zurückziehen soll. Sonst gibt es nur unnötiges Gerede im Haus. Du weißt doch, wie die Leute so sind.«

»Wie unfair ist das denn?«

Eine Pause entstand.

Der Kriminaloberrat sah Konnert fragend an. »Ist noch was?«

»Ich … ich brauche auch einen Rat.« Er erzählte von seinem Besuch im Gefängnis. »Der Gefangene machte den Eindruck, dass er tatsächlich um sein Leben fürchtet. Der schauspielert nicht.«

Jetzt war es Wehmeyer, der schwieg.

»Kennst du vielleicht den Direktor der JVA?«

»Kennen? Wir sind uns bei verschiedenen Gelegenheiten begegnet. Koop wird sich schon an mich erinnern. Aber kennen? Ihn so gut kennen, dass ich ihn von einer umgehenden Verlegung überzeugen kann, ohne Gründe zu nennen … Nein.«

Mit zusammengekniffenen Lippen rutschte Konnert auf die Vorderkante des Besucherstuhls.

»Wenn du willst, versuche ich es«, sagte Wehmeyer.

»Lass es lieber. Es war keine gute Idee von mir. Koop ist clever und kombiniert meinen Besuch mit deinem Anruf und wittert doch Kriminelles im Hintergrund. Nein, vergiss es.«

Resigniert lehnte sich Konnert kurz zurück, um gleich wieder aufzuspringen.

Der Oberrat reichte ihm die Hand über den Schreibtisch.

»Mir läuft die Zeit weg«, murmelte Konnert zum Abschied.

***

Auf dem Hörneweg parkten die Einsatzwagen der Spurensicherung. Die Blaulichter auf den Mannschaftswagen einer Hundertschaft der Bereitschaftspolizei blinkten. Zusammen mit den Experten und Mitarbeitern ihres Teams suchte Stephanie Rosenberg die Wiesen und Ufer rechts und links der Haaren in Richtung Osten ab. Sie hofften Spuren im Zusammenhang mit der Vergewaltigung der Studentin zu finden. Die Flüche der Polizisten über das Scheißwetter und den morastigen Untergrund waren verstummt. Nur noch die Geräusche der an Weiden und Steine stoßenden Suchstöcke waren zu hören.

Die Gruppen passierten den Drögen-Hasen-Teich und erreichten die nächste Straße. Im trockenen Sand unter der Brücke fand eine junge Polizistin ein Fahrrad und markierte die Stelle.

Auf dem Quellenweg sei sie unterwegs gewesen, hatte das Opfer am Abend des Vortags ausgesagt. Kurz vor der Einmündung Hartenscher Damm hatte der Mann sie angehalten. Er hatte gefragt, ob sie ein Handy dabei habe und sie für ihn die Polizei anrufen könnte. Als sie in ihrer Handtasche gekramt hatte, ist er dann plötzlich auf sie losgegangen. Sie hatte ihm ihr Fahrrad entgegengeschleudert und war geflüchtet. Er hatte sie aber eingeholt, festgehalten, ihr den Arm über die Schulter gelegt und ihr ein Messer an die Kehle gedrückt. So wurde sie weitergeschoben. Dann hatte er sie losgelassen und vor sich her gestoßen. In der Dunkelheit war sie mehrfach gestolpert. Immer wieder hatte er sie hochgerissen und vorwärtsgetrieben. Über einen langen Holzsteg sei sie getaumelt. Sie konnte sich auch noch an ein Eisenrohr erinnern, an das sie sich geklammert hatte. Wo genau er sie gegen einen Maschendrahtzaun gedrückt und betäubt hatte, das wusste sie nicht genau. Das Letzte, an das sie sich erinnerte, seien die Schmerzen ihrer Kopfhaut gewesen, als der Mann sie an den Haaren herumgerissen habe.

Ein Zug der Hundertschaft ging weiter an der Haaren entlang. Die beiden anderen Züge durchstreiften das Gelände westlich vom Hörneweg. An den aufgeweichten Wiesenrändern lag nur Müll. Weder das Messer noch die Kleidung des Opfers wurden gefunden. Im Gras der nassen Wiesen und auf den schlammigen Wegen konnte keine brauchbare Spur sichergestellt werden.

Stephanie bedankte sich bei den Frauen und Männern der Hundertschaften für ihren Einsatz. Die Beamten der Spurensicherung gossen noch die Fußspur und Reifenspuren auf beiden Parkplätzen am Drögen-Hasen-Weg aus. Sie hatten wegen der Feuchtigkeit aber wenig Hoffnung, brauchbares Material sicherstellen zu können.

Stephanie und ihre Leute reinigten provisorisch Schuhe und Hosen und begannen dann, die Bewohner der umliegenden Häuser zu befragen. Doch niemand hatte etwas gehört oder gesehen.

***

Michael Otten überlegte, ob er sich eine Verletzung zufügen sollte. Er stand in seinem Holzschuppen an der Kreissäge und schnitt aus gebrauchten Paletten kurze Bretter für den Kaminofen. Immer wieder kamen ihm die Worte des Fremden in den Sinn. Mach bloß keine Faxen. Denk an deine Frau und deine Töchter. Seine Hände zitterten. Das Sägeblatt kreischte im verkanteten Holz auf. Er stellte die Maschine ab und schlurfte in Richtung Haus.

Ein Regenschauer ging nieder. Unter dem Dachvorsprung drehte er eine Zigarette und zündete sie an. Noch immer flatterten seine Finger. Er dachte an das Video mit seinen Töchtern, das Eugen ihm gezeigt hatte, und an die halbnackten Mädchen auf irgendeinem Straßenstrich.

Am vergangenen Freitag hatte er gesagt: Vergiss nicht. Wir sind wie die Bildzeitung. Wohin du auch fliehst, wir sind schon da. Otten schleuderte die Kippe in eine Pfütze und rieb sich die Hände warm.

»Micky! Wo steckst du?«

Er stakste ins Haus. »Ich war nur eine rauchen.«

»Du hast kein Holz mitgebracht. Was ist heute los mit dir?« Seine Frau sah ihm besorgt ins Gesicht.

»Hole ich gleich noch.«

»Hat dich eigentlich dein Kollege abgeholt? Er ist immer so nett und zuvorkommend, wenn er anruft und fragt, wann du das nächste Mal nach Hause kommst.«

»Ja, er ist ein Stück im Bus mitgefahren und hat mir wieder einen Hunderter zugesteckt.« Mit belegter Stimme fügte er an: »Wir müssen ihm dankbar sein.«

»Er kann ja gern mal mitkommen, wenn du uns besuchst, und einen Kaffee mittrinken. Lade ihn doch beim nächsten Mal ein. Ohne seine Unterstützung könnten wir uns manches nicht mehr leisten.«

»Das mache ich. Ich gehe jetzt und hole Brennholz rein.«

Im Schuppen ballte Otten die Faust und ließ die Säge aufheulen.

***

Das Rechtsanwaltsbüro in Wardenburg lag in einer Nebenstraße. Es war in einem ehemaligen Geschäft untergebracht. Die beiden Schaufenster waren mit großflächigen Bildern vom Oldenburger Landgericht und dem Amtsgericht beklebt worden. Im einstigen Verkaufsraum zog ein bis unter die Zimmerdecke reichender, korallenroter Stahlschrank den Blick auf sich. Die spärlichen Regale an ockerbraunen Wänden glänzten papageiengelb und enthielten nur einzelne Akten. Eine ältere Dame empfing Konnert. Ihr Schreibtisch bestand aus zusammengeschraubten Europaletten, über die eine Glasplatte gelegt worden war.

»Mein Sohn erwartet Sie.« Sie stand auf und öffnete eine Tür im Hintergrund. »Enno. Herr Konnert.«

Ein Mann mit hellbraunen Locken und einem gewinnenden Lächeln erschien im Türrahmen. »Ich freue mich, Sie kennenzulernen, Herr Hauptkommissar.« Er streckte ihm die Hand entgegen, um sie gleich in einer ausholenden Bewegung einladend zur Seite zu schwingen. »Treten Sie ein in mein bescheidenes Heim.«

An der granitgrauen Stirnwand hingen Diplome, Urkunden und Prüfungszeugnisse in orangefarbenen Holzrahmen. Der Schreibtisch war eine Chippendale-Konsole, die türkisgrün angemalt worden war. Um sie herum standen vier gleichfarbige, aufgepolsterte Barockstühle.

»Bitte nehmen Sie Platz.« Er wartete, bis sein Besuch sich gesetzt hatte, und fragte: »Tee oder Mineralwasser?«

»Danke. Nichts. Sehr freundlich, aber ich will nur kurz bleiben.« Konnert war irritiert von der kunterbunten Farbenpracht. Er überlegte, ob er diesem exzentrischen Juristen zutraute, Knielings Verlegung durchzusetzen. Aber Äußerlichkeiten sollten sein Urteil jetzt nicht bestimmen.

»Herr Keil, Sie waren Sascha Knielings Anwalt. Er steckt in einer äußerst problematischen Situation.« Konnert berichtete, was Knieling ihm anvertraut hatte.

Der Anwalt hörte aufmerksam zu.

»Ich bin hier, um Sie zu fragen, ob Ihnen vielleicht etwas einfällt, was ihm helfen könnte.«

»Es ist nicht meine Art«, antwortete Keil, »so aus dem Augenblick heraus Ratschläge zu erteilen. Ich werde mir Zeit nehmen und über die Sachlage nachdenken. Sie erhalten von mir bis 15 Uhr eine Nachricht.« Damit kam Keil hinter seinem Schreibtisch hervor. »Sie hatten es eilig.«

***

Neben seinem Mittagessen in der Kantine lag der Block mit karierten DIN-A4-Blättern. In der Mitte der Seite hatte Konnert das Wort Verlegung eingekreist. Von da aus führten Pfeile zu Begriffen und Ideen, die ihm zu diesem Stichwort eingefallen waren.

Er schob sich mit der linken Hand Pommes in den Mund.

Keine Lösung schien ihm brauchbar zu sein. Unwirsch strich er eine nach der anderen durch. Das Papier riss ein.

Konnert schrak auf, als Venske sein Tablett ihm gegenüber auf den Tisch stellte. »Mit den Schlägereien vom Wochenende bin ich so gut wie fertig.« Er setzte sich und griff zum Besteck. »Es gibt noch eine schwerwiegendere Anzeige. Ein Albaner hat ein Messer gezogen und einen Griechen an der Hüfte verletzt. Natürlich war bei allen Fällen wieder zu viel Alkohol im Spiel.«

»Ja, das stimmt.«

»Du hast mir überhaupt nicht zugehört.«

»Entschuldige, was hast du gesagt?«

»Du hast mir überhaupt nicht zugehört.«

»Nein, vorher.«

»Vergiss es!«

Konnert schob seinen Teller zur Seite. »Mir ist aber etwas anderes zu Ohren gekommen. Du hast dich auf die Stelle FK6 beworben.«

»Hätte ich dich erst um Erlaubnis bitten sollen?«

»Natürlich nicht. Aber ich weiß mehr darüber.«

»Ist schon entschieden, dass ich wechseln werde?«

»Die Bewerbungsfrist ist noch nicht abgelaufen. Es ist trotzdem schon entschieden worden. Es tut mir leid, aber du wirst bei uns im FK1 bleiben müssen.«

»Weshalb?«

»Ganz, ganz oben gibt es irgendeine Interessenlage. Da hat einer durchgesetzt, dass jemand anderes die Stelle bekommen soll.«

»Dagegen gehe ich an. Wer steckt dahinter?«

»Lass es. Es ist zwecklos. Du stehst hinterher nur als schlechter Verlierer da. Ich rate dir, zieh deine Bewerbung zurück.«

Wortlos stieß Venske seinen Teller weg, so dass er gegen Konnerts Wasserglas prallte. Er stand auf, wandte sich im Gehen noch einmal um und quetschte zwischen den Zähnen hindurch: »Es gibt auch andere Stellen.«

Konnert war der Appetit vergangen. Eigentlich musste er sich sofort um Venske kümmern. Das verschob er jedoch auf später. Er hatte jetzt schwerwiegendere Probleme und überlegte, wer einflussreich genug wäre, um Knieling formlos verlegen zu lassen.

***

Im Büro der Staatsanwältin glänzten die dicken Blätter des Geldbaums auf der Fensterbank. Sie hat einen grünen Daumen, stellte Konnert fest und setzte sich neben einer Birkenfeige auf den Besucherstuhl.

»Herr Hauptkommissar, wie geht es Ihnen?«

»Danke der Nachfrage.«

»Was kann ich für Sie tun?«

Konnert bemerkte ihr Lächeln und schilderte das Problem mit Sascha Knieling. »Ich laufe von Pontius zu Pilatus und suche nach einer Lösung. Der Gefangene setzt seine ganze Hoffnung auf mich. Er hat niemanden sonst, der ihm helfen könnte. Fällt Ihnen vielleicht etwas ein?«

Erst zog sie die Augenbrauen hoch und machte große Augen, dann zuckte sie mit den Schultern. »Wenn wir ein paar Tage Zeit hätten, dann … Aber von jetzt auf sofort. Da bin ich so ratlos wie Sie.«

Dorothee Lurtz-Brämisch beugte sich nach links und zog eine Schublade ihres Schreibtisches auf. »Ich habe die Adresse des Abteilungsleiters vom Referat 303 im Justizministerium in Hannover. Er ist für die Vollzugsgestaltung und Behandlungsmaßnahmen zuständig. Den kenne ich ganz gut. Manchmal gibt es ...« Sie richtete sich auf. »Aber in der Kürze der Zeit. Nein, selbst auf dieser Ebene passiert nichts so schnell.«

Mit zusammengekniffenen Lippen saß Konnert auf seinem Stuhl und nickte.

Auf der Rückfahrt ging ihm durch den Kopf, er könnte bei der Staatsanwältin seine Zeit verschwendet haben. Er fuhr an der Polizeiinspektion vorbei und parkte vor der Auferstehungskirche.

Auf den Friedhof kamen heute nicht einmal die Witwen, die sich sonst täglich auf den Weg zum Grab machten. Wer wollte auch bei diesem Wetter hier draußen sein. Nur er saß auf seiner Lieblingsbank, blickte über das anonyme Urnenfeld des Neuen Friedhofs, fror und rauchte. Den Mantel eng um den Körper gewickelt, den Kopf nach vorn gestreckt, als wollte er gegen eine Wand anrennen, saß er da. Seine Augen fanden eine bestimmte Stelle auf dem Rasen. Da hatte einmal eine Blumenschale gestanden. Er hatte sie damals minutenlang angestarrt, als er einmal mitschuldig am Tod eines Mannes geworden war.

Werde ich heute einen Mann retten können? Ich habe immer noch keinen Weg gefunden, Knieling zu helfen, betete er still. Die Bedrohung ist für ihn real. Ihm selbst sind keine Lösungen eingefallen. Er setzt alle seine Hoffnungen in mich, den Bullen, der ihn ins Gefängnis gebracht hat.

Zurück im Kommissariat fand Konnert die Nachricht von Anwalt Keil. Er hatte auch keinen Vorschlag machen können.

Konnert ging zum Fenster und sah hinaus zu den kahlen Lindenbäumen auf der anderen Straßenseite. Es gibt immer einen Ausweg, sagte er sich. Aber ihm wollte keiner einfallen.

***

In der geöffneten Haftraumtür drehte sich Michael Otten noch einmal um. Sein Gesicht war gerötet, wie nach einem langen Lauf. Er atmete gleichmäßig. Seine Hände lagen ruhig am Türrahmen. Prüfend schweifte sein Blick durch die Zelle. »Schlaf dich gesund. Gute Besserung. Bis morgen«, sagte er laut. Dann ließ er die Tür zufallen und bummelte die sechs Schritte hinüber zu seinem eigenen Haftraum.

Um 15:24 Uhr öffnete die diensthabende Beamtin Maike Lüttmann die Tür zu Knielings Haftraum vor dem Nachteinschluss. Die Fenstervorhänge waren zugezogen. Das Licht einer kleinen Lampe neben dem Fernseher reichte ihr aus, um den Gefangenen zu erkennen. Er lag mit dem Gesicht zur Wand in seinem Bett. Die Bettdecke war bis über die Schultern heraufgezogen. Unter seinem Kopf konnte Maike Lüttmann das Ende eines Schals erkennen. »Knieling? Alles okay?«

Sie versperrte die Tür und betrat den Raum. Die Tür fiel hinter ihr bis auf einen Spalt zu. Es dauerte knapp eine halbe Minute, bis sie zurück in den Flur kam, die Tür sachte zudrückte, den Riegel umlegte und abschloss.

Otten saß zwei Hafträume weiter an seinem Tisch. Der Fernseher war eingeschaltet. Sturm der Liebe lief. Er achtete weder auf die Telenovela, noch nahm er die Geräusche aus dem Flur war. Starr sah er auf seine Finger, die eine Zigarette nach der anderen drehten.

***

Viel zu oft ließ Konnert an diesem frühen Abend seine Augen durch sein Büro schweifen.

Die Wände waren in seinem Urlaub in einem angenehm hellen Ockerton gestrichen worden. Dorothee Lurtz-Brämisch hatte nach der Renovierung sogar aus ihrem Staatsanwaltsbüro einen Zierspargel und einen Farn spendiert und ihm auf die Fensterbank gestellt. Sie hatte sogar Pflegeanweisungen auf einem Zettel dazugelegt. Bei Vangogh in der Cloppenburger Straße hatte er sich dann drei Kunstdrucke von Gustav Klimt gekauft, sie rahmen lassen und seinem Schreibtisch gegenüber aufgehängt. In der Mitte hing das Bild Farmer’s Garden und links und rechts davon Tannenwald und Birkenwald. Sein Blick blieb an der schlanken Geradlinigkeit der Bäume hängen, die zum Himmel strebten.

Direkt, ohne Umwege, aufs Ziel zusteuern. Dieser Gedanke kam ihm beim Anblick der Bilder in den Sinn, und die vergeblichen Versuche, für Knieling etwas durch die Hintertür zu erreichen. Spontan griff er zum Telefon und ließ sich mit dem Nachtdienst der Justizvollzugsanstalt verbinden.

Ich bin weder Priester, noch unterliege ich in diesem Fall der Schweigepflicht, versuchte er sich zu überzeugen. Wenn ich nur auf diese Weise sein Leben retten kann, dann muss ich eben alles sagen.

»Herr Hauptkommissar, was gibt’s?«

»Ich hatte gestern Nachmittag ein Gespräch mit dem Gefangenen Sascha Knieling. Er eröffnete mir, dass er eine anonyme Drohung erhalten hat und um sein Leben fürchtet. Ich hatte den Eindruck, dass er tatsächlich von seiner Ermordung ausgeht. Er bat mich, dafür zu sorgen, dass er in eine andere Haftanstalt verlegt wird.«

»Herr Konnert, wir werden morgen mit dem Gefangenen über seinen Wunsch sprechen. Das geht hier alles seinen geregelten Gang. Vielen Dank für Ihren Anruf.«

»Aber er fühlt sich bedroht!«

»Er ist bei uns absolut gut aufgehoben, Herr Kommissar. Knieling hat sich heute krankgemeldet. Er ist tagsüber im Haftraum geblieben. In der Zwischenzeit ist der von meiner Kollegin verschlossen worden. Sicherer als in seinem Bett kann er die Nacht nicht verbringen. Machen Sie sich keine Sorgen, Herr Konnert.«

»Und morgen, wenn die Zelle wieder aufgeschlossen wird?«

»Glauben Sie mir, auch dann ist er unter ständiger Aufsicht. Wir werden ihn besonders im Auge behalten. Wie ich schon sagte, man wird mit ihm alles Weitere besprechen.«

Bei Konnert blieb ein zwiespältiger Eindruck zurück. Einerseits beruhigte es ihn, dass Knieling eingeschlossen in seiner Zelle vor Angriffen geschützt war. Andererseits nagte an ihm der Zweifel, ob es korrekt war, die Bedrohung mitzuteilen. Aber Besseres war ihm nicht eingefallen.

***

Niemand konnte sich noch daran erinnern, wer den Vorschlag gemacht hatte, die Bibel Abschnitt für Abschnitt durchzusprechen und beim ersten Vers anzufangen.

Mittlerweile hieß die Bibelstunde Gesprächskreis, aber der Beschluss von damals hatte noch Gültigkeit. Also lasen die vierzehn Frauen und Männer an diesem Abend den Text im ersten Buch Mose, Kapitel 34.

Dina, die Tochter Jakobs, war vergewaltigt worden, und ihre Brüder rächten die Schande auf grausame Weise mit einem Massenmord.

Konnert dachte sofort an die Studentin und ihre Vergewaltigung am Drögen-Hasen-Teich. Er schwieg. Ein Gespräch kam nicht in Gang.

»Adi, sag du doch mal was dazu. Du bist doch der Fachmann, wenn es um Vergewaltigungen geht.« Die grauhaarige Käthe Nowak neben Pastor Többens errötete. »Du weißt schon, wie ich das meine.«

»Warum nehmen sich Männer Frauen mit Gewalt?«, wollte Uschi Dörkens wissen und beugte sich erwartungsvoll nach vorn.

»Frauen vergewaltigen auch Männer«, ergänzte Renke Brunn.

»Ja, aber nicht so oft wie andersherum«, entgegnete Uschi Dörken.

»Also, Adi, warum?«

»Wollt ihr etwa einen Vortrag von mir über die Ursachen von Gewalt hören?«

»Keinen Vortrag, aber Stichworte, die uns weiterhelfen.«

»So genau weiß niemand, warum einige Männer Frauen gegenüber gewalttätig werden und andere nicht. Es gibt verschiedene Erklärungsansätze. Die einen sagen, es sind die Gene. Jeder Mann würde das Verlangen in sich tragen, seine Partnerin zu unterwerfen und zu kontrollieren. Nur durch soziale Kontrolle und Strafandrohungen könnte das unterdrückt werden. Andere geben Gewalterfahrungen in der Kindheit als Grund an. Im Feminismus herrscht die Meinung vor, dass es die über Jahrhunderte akzeptierte Unterdrückung der Frauen ist, die immer noch in Gesellschaft und Erziehung nachwirkt. Es gibt auch Wissenschaftler, die eine frühkindliche Hirnschädigung plus ungünstige Familienverhältnisse bei Gewalttätern festgestellt haben.«

Konnert sah sich um. »Reicht das? Es gibt auch noch ein paar Theorien aus Psychologie, Pädagogik und Biologie. Wollt ihr die auch noch hören?«

»Das bringt uns doch nichts für die Auslegung des Bibeltextes«, warf Renke Brunn ein.

Konnert dachte an Sascha Knieling, der sich lieber selbst umbringen wollte, als sich bücken zu müssen. Die missbrauchte Studentin kam ihm auch wieder in den Sinn, und Stephanies Satz: Sie erstickt in Selbstvorwürfen, Flashbacks und ist völlig desorientiert.

»Ich stelle erst einmal fest, dass sich die Männer in den letzten fünftausend Jahren nicht geändert haben«, sagte Käthe Nowak. »Sie meinen, alles mit Gewalt regeln zu können. Dinas Brüder reagierten damals doch auch so und brachten die ganze Familie des Vergewaltigers um.«

Vor zwei Jahren, erinnerte sich Konnert, hatten die schwarzen Engel wie die Brüder gehandelt. Sie rächten gequälte und geschändete Zwangsprostituierte, indem sie deren Peiniger misshandelten, sie ermordeten und auch noch ihre Leichen schändeten.

Für einen Moment träumte er davon, er hätte sich um die Stelle im FK6 beworben und dürfte sich zukünftig nur noch um Fahrraddiebstähle oder pubertierende Jugendliche kümmern. Dann drängte sich der Gedanke an Knieling wieder in den Vordergrund. Liegt er sicher in seiner Zelle, oder hat man ihn schon in eine Gemeinschaftszelle verlegt oder auf die Krankenabteilung?

»Aber was steckt hinter aller Gewaltanwendung?«, fragte Pastor Többens. »Warum fällt uns Menschen zum Beispiel bei Kindesmissbrauch oder Vergewaltigung oder Völkermord als Erstes die Todesstrafe für die Täter ein? Warum gilt immer noch Wie du mir, so ich dir, Auge um Auge, Zahn um Zahn?«

»Weil das gerecht ist«, antwortete Bodo Martsch, der sich bis jetzt still verhalten hatte. »Nur die Angst vor harten Strafen hält die Gene in Schach, wie Adi eben schon ausgeführt hat. Wir brauchen mehr Polizei auf den Straßen und keine Wohlfühlgefängnisse mit Einzelzimmern. Wisst ihr, was die Unterbringung von Kinderschändern und Mördern uns Steuerzahler kostet?«

»Die Todesstrafe ist natürlich die preiswerteste Lösung. Meinst du das, Bodo?« Käthe Nowaks Augen sprühten Funken. »Wenn du so weiterredest, stehe ich auf und gehe.«

Konnert mischte sich wieder ein. »Einzelzellen dämmen die Gewalt in Strafanstalten wirksam ein, Bodo. Denk daran, Gefangene sind Menschen mit den gleichen Gefühlen, Bedürfnissen und Träumen, wie du und ich sie kennen.« Er sprach leise, wie es seiner Gewohnheit entsprach, wenn er innerlich erregt oder wütend war. »Freiheitsentzug ist eine harte Strafe.«

Die Gesichter in der Runde erstarrten. Jeder hatte den scharfen Unterton Konnerts mitbekommen.

Pastor Többens versuchte an die Frage anzuknüpfen. »Was wäre passiert, wenn Dinas Brüder statt Rache zu üben und zu morden, dem Täter vergeben hätten? Wie viel Blut wäre nicht vergossen worden?«

Niemand reagierte.

»Ich weiß, so etwas ist überhaupt nicht leicht zu vergeben. Aber gibt es einen anderen Weg, Blutrache zu beenden?«

Es dauerte, bis Renke Brunn endlich das Schweigen brach und einen weiteren Gedanken äußerte: »Versteht mich nicht falsch. Ich will auf keinen Fall die Schuld für Vergewaltigungen den Frauen in die Schuhe schieben. Aber Fakt ist, dass das Hirtenmädchen Dina doch den Sohn des Stadtkönigs mit ihrem Auftreten und ihrer Schönheit gereizt hat, oder?«

»Richtig«, stimmte Bodo zu, »und deshalb trägt das Mädchen auch eine Mitschuld.«

»Habt ihr sie noch alle?« Käthe Nowak klappte ihre Bibel zu. »Als Nächstes verlangt ihr, dass Frauen entweder im Haus zu bleiben haben oder in der Öffentlichkeit eine Burka tragen müssen.«

»Wir Männer sollten bei diesem Thema besser den Mund halten«, warf der weißhaarige Heinz Lösekamp ein. »Was ratet ihr Frauen uns?«

»Das ist endlich ein vernünftiger Vorschlag. Fragt uns Frauen. Alle Männer in dem Bibeltext reden und feilschen und handeln ständig, ohne auch nur einmal Dina zu fragen. Die, um die es die ganze Zeit geht, wird überhaupt nicht einbezogen. Das ist die eigentliche Ursache von Gewalt gegen Frauen. Männer agieren, als wären die Frauen unmündige Kleinkinder oder Handelsware, über die sie bestimmen oder die sie nach ihrem Gutdünken verhökern können.«

Konnert rutschte nervös hin und her. »Entschuldigt mich bitte. Ich muss noch einmal telefonieren.« Damit packte er seine Bibel und sein Notizbuch ein und ging.

Schon im Flur hatte er sein Handy aus der Hosentasche gefummelt und rief in der Haftanstalt an.

Man sagte ihm, dass Knieling ruhig in seiner Zelle schlafen würde.

***

Otten dachte daran, dass Eugen ihm gesagt hatte, es ginge um Gerechtigkeit. Endlich müsste ein Urteil vollstreckt werden. Er brauche kein schlechtes Gewissen zu bekommen. Es sei sogar eine gute Tat, die er vollbringen würde.

Er hetzte in die Nasszelle und schaffte es gerade noch, den Toilettendeckel zu heben, bevor er sich erbrach. Mit einem schlechten Geschmack im Mund hockte er auf den Fliesen. Es kostete ihn Mühe, sich am Waschbecken hochzuziehen. Schwankend blieb er stehen. Sein Blick streifte den Spiegel. Schnell wandte er sich ab. »Verdammt! Verdammt! Verdammt!«

Um sich abzulenken, begann er wieder Zigaretten zu drehen, bis der Tabakbeutel leer war. Erst dann zündete er sich eine an und legte sich aufs Bett. Die Zigarette war noch nicht aufgeraucht, da stand er schon wieder auf und verschwand erneut in der Toilette.

***

Die Beamten in der Sicherheitszentrale der JVA ließen das Objektiv ihrer Infrarotkamera die Gebäudefront absuchen. Sie stoppten am Fenster des Haftraums von Michael Otten. Auf einem ihrer Monitore sahen sie, wie der sonst eher unauffällige Inhaftierte unruhig in seiner beleuchteten Zelle auf und ab tigerte.

Sie entschieden sich dagegen, die Nachtschicht zu beauftragen, bei ihm vorbeizusehen.

***

Der Infrarot-Terrassenstrahler über Konnert wärmte seinen Nacken. Er saß mit einer Decke über den Knien in seinem Rattansessel, rauchte und versuchte, seine Gedanken zu ordnen. Ich habe für Knieling getan, was ich tun konnte. Mit einem Mal schoss ihm die Möglichkeit durch den Kopf, dass sich irgendein Mithäftling Knieling gegenüber nur einen schlechten Scherz erlaubt haben könnte. Im Gefängnis gibt es genauso viel Missgunst und Hass wie außerhalb der Mauern. Wenn nicht noch mehr. So recht glauben konnte er dann doch nicht, dass die ganze Aktion nur ein grausamer Jux sein sollte. Aber weiß ich, was in gelangweilten, neidischen, verqueren Köpfen vorgeht?

Seine Augen wanderten über den Rasen, den jetzt sein Schwiegersohn pflegte. Die Kanten waren exakt abgestochen. Zwischen den Stauden in den Rabatten lag das Schreddergut vom herbstlichen Heckenschnitt. War schon richtig, dass der Junge den Garten übernommen hatte. Nur dass er eine Katzentreppe an die Hauswand montiert und die Balkontür aufgesägt hatte, um eine Katzenklappe einzubauen, das hatte Konnert nicht so gefallen.

Er stopfte den Tabak in seiner Pfeife nach. Langsam kam er zur Ruhe. Wie es seine Gewohnheit war, blickte er noch einmal auf den vergangenen Tag zurück. Er dankte für abgeschlossene Tätigkeiten und überließ unbeantwortete Fragen und ungelöste Probleme seinem himmlischen Vater. Wie so oft schloss er sein Gebet mit der Zuversicht, dass morgen ein neuer Tag sein würde. Und wenn nicht, das war seine Überzeugung, dann brauche er sich jetzt auch keine Sorgen um Dinge zu machen, die er nicht mehr beeinflussen konnte. Er hielt es nicht mit Luther, der selbst dann noch einen Apfelbaum pflanzen wollte, wenn er wüsste, dass der Weltuntergang kurz bevorstand.

Mittwoch, 10. Dezember

»Guten Morgen.«

Der Justizvollzugsbeamte Andreas Brenner schaute zur Lebendkontrolle in Knielings Haftraum. Er sah ihn mit dem Gesicht zur Wand im Bett liegen und erinnerte sich daran, dass der Gefangene im Übergabeprotokoll als krank verzeichnet war. Er regte sich nicht. Der Vollzugsbeamte zog die Tür ganz auf, sah noch einmal den Flur entlang, verriegelte die Tür und betrat die Zelle.

»Herr Knieling, wie geht es Ihnen?«

Der Häftling reagierte nicht.

»Herr Knieling?«

Mit den Fingern stupste der Bedienstete die Schulter des Inhaftierten an. Keine Reaktion. Brenner fasste mit der Hand kräftiger zu, um sie dann wie in Zeitlupe zurückzuziehen. Für einen Moment blieb er unschlüssig stehen. Er sah zur Tür. Niemand stand dort und beobachtete ihn. Zögernd verließ er den Raum und schloss ab.

Brenner ging danach zum nächsten Haftraum und sagte leise, aber bestimmt: »Einschluss!«

»Warum?«

»Weil ich es sage.«

Der Häftling zog sich murrend zurück und wurde eingeschlossen. Sofort gab es Unruhe auf der Station. Überall standen Gefangene in den Haftraumtüren und riefen Fragen in den Flur. Brenner wanderte von Tür zu Tür. Schweigend zeigte er mit dem Schlüssel in die Zellen, und die Männer folgten seinem stummen Befehl.

Brenner hatte die Station gesichert. Er betrat noch einmal Knielings Haftraum. Es dauerte eine ganze Zeit, bis er ihn verschloss. Ohne Hektik erreichte er danach das Stationsbüro, griff zum Telefon und benachrichtigte den medizinischen Dienst.

***

In Grüppchen trafen die leitenden Kommissare zur wöchentlichen Sitzung mit dem Polizeidirektor ein. Konnert nahm diesmal in Vertretung seines Chefs teil. Neben ihn setzte sich Dorothee Lurtz-Brämisch als Vertreterin der Staatsanwaltschaft. »Ist es gelungen, eine Lösung für Ihren Schützling zu finden?«

»Lösung? Ich bin mir unsicher. Gestern Abend fiel mir nur ein, direkt in der Haftanstalt anzurufen und den Sachverhalt zu schildern.«

»Was ist dann passiert?«

»Man hat mir versichert, dass Knieling selig im Haftraum schlafen würde und besser geschützt wäre, als ich in meinem Haus. Damit musste ich mich zufriedengeben.«

Der leitende Polizeidirektor und der Stellvertreter betraten das Sitzungszimmer. Auf dem Weg zu ihren Plätzen an der Stirnseite des Karrees aus zusammengestellten Tischen grüßten sie einzelne Anwesende lediglich mit einem kurzen Nicken. Es kam Konnert so vor, als sähe ihn sein Vorgesetzter besonders lange an. Er erwiderte den Blick, und einen Moment später blätterte er wieder in seinen Sitzungsunterlagen. Den folgenden Ausführungen und Diskussionsbeiträgen der Chefs hörte er nur nebenbei zu. Mit seinen Gedanken war er bei Sascha Knieling.

***

Der Flur lag totenstill da. Brenner öffnete Knielings Haftraum und betrat ihn gemeinsam mit Birgit Lohberger.

Die Krankenschwester löste den Schal vom Hals des Häftlings und legte ihn beiseite. Mit dem rechten Daumen tastete sie nach dessen Halsschlagader. Konzentriert, mit geschlossenen Augen, suchte sie seinen Pulsschlag. Sie sah Brenner an. »Der Mann ist tot.«

Sie ging zum Fenster und kippte die Scheibe. »Meine Mutter hat das immer so gemacht. Das ist ein alter Brauch, damit die Seele zu Gott aufsteigen kann.«

»Wie Sie wollen«, kommentierte Brenner ihr Tun und zog skeptisch die Augenbrauen hoch.

»Weiß man’s? Besser, man macht es. Selbst wenn man nicht daran glaubt. Vielleicht ist ja etwas dran an der Vorstellung einer unsterblichen Seele.«

»Und dann muss die durch ein geöffnetes Fenster fliegen?« Mehr sagte Brenner dazu nicht. Er zeigte nur stumm mit dem Schlüssel auf die Tür. Sie waren hier fertig. Birgit Lohberger folgte seiner Aufforderung, den Haftraum zu verlassen. Er schloss wieder zu.

Sie gingen beide zum Stationsbüro, und die Sanitätsbedienstete versuchte, die Anstaltsärztin telefonisch zu erreichen, da sie den Totenschein ausstellen sollte. Sie war noch nicht im Haus.

Mit einem Becher in der Hand stand Brenner da und fragte: »Auch einen?«

»Nein danke.«

Er nahm sich Kaffee aus der Kanne, löffelte Zucker hinein und rührte um. Es sah so aus, als überdenke er die Stunde seit Dienstbeginn noch einmal. Hatte er alles richtig gemacht? War er vielleicht beim zweiten Betreten des Haftraums zu lange mit dem Toten allein geblieben?

»Tja, so schnell kann es gehen. Vor einer Woche war er ein Häftling mit beispielhaftem Verhalten und einer vorzeigbaren Resozialisierung. Heute ist er tot.« Er zuckte mit der Schulter und trank einen Schluck.

Dann wählte er die Nummer der Sicherheitszentrale, damit die Beamten dort den Inspektor vom Dienst benachrichtigten.

***

In das Mietshaus vom Anfang des vorigen Jahrhunderts hatte man ein modernes Treppenhaus eingebaut. Es roch nach Putzmittel und Frühstückskaffee. Bevor sie klingelte, betrachtete Stephanie Rosenberg einen Augenblick die aufwendig gestaltete Etagentür im zweiten Stock. Die Gardinen hinter den schmalen, farbigen Glasscheiben im oberen Teil der Tür bewegten sich. Erst nach erneutem Klingeln öffnete eine schlanke Frau. Sie trug einen bordeauxfarbenen Hausanzug mit Strassstein-Motiv auf der Jacke. Der Reißverschluss war bis hinauf zum Hals zugezogen. Den geröteten Augen fehlte der Glanz.

»Guten Morgen, Frau Geißendörfer?« Stephanie gab ihrer Stimme einen sanften Klang.

Ein stummes Nicken war die Antwort.

»Wir haben uns gestern schon in der Polizeiinspektion gesprochen. Ich würde mich gern noch einmal mit Ihnen unterhalten.«

»Ich kann jetzt nicht.« Ihr Tonfall tendierte eher zu Ich will nicht, als dass sie ein Zeitproblem hätte.

»Es dauert höchstens eine Viertelstunde.«

»Kommen Sie ein anderes Mal wieder. Ich brauche Ruhe!«

»Es ist gut möglich, dass Sie sich besser fühlen, wenn wir miteinander geredet haben.«

Widerwillig gab Janina Geißendörfer schließlich den Eingang zu ihrer Wohnung frei. Von der Decke des quadratischen Flurs hing ein fünfarmiger Messingleuchter. Die Energiesparlampen waren eingeschaltet. Ein dunkelbrauner Kleiderschrank, aus dem die Türen entfernt worden waren, diente als Garderobe. Zwischen zwei Durchgängen stand eine Kommode, die vom Design zum Schrank passte. Darüber hing ein ovaler Spiegel in einem entsprechenden Holzrahmen. Für einen Augenblick blieb die Kommissarin vor ihm stehen und fasste die vom Wind zerzausten blonden Haare neu zu einem Pferdeschwanz zusammen.

Wortlos war die Studentin im nächsten Zimmer verschwunden. Stephanie folgte ihr in den modern eingerichteten Wohnraum. Die Möbel machten einen hochwertigen Eindruck. Frau Geißendörfer nahm auf einem Ecksofa Platz, zog einen Fuß unter den Po und starrte auf einen großflächigen Kunstdruck an der gegenüberliegenden Wand.

»Ich habe das Protokoll unseres Gesprächs erneut gelesen«, sagte die Kriminalbeamtin und setzte sich ihr schräg gegenüber. Sie wiederholte, was sie schon am Vortag versichert hatte. »Es tut mir sehr leid, was Ihnen passiert ist.«

Ein schwaches Nicken war die knappe Reaktion.

»Schildern Sie mir bitte noch einmal den Ablauf. Sie kamen von ...«

»Nein! Genau das werde ich keinesfalls tun.« Schärfe war in ihrer Stimme. Die Studentin richtete sich energisch auf. »Sie konnten meine Aussage in Ihren Unterlagen nachlesen. Tun Sie das so oft, wie Sie wollen. Ich verliere über den Vorfall kein einziges Wort mehr.«

»Sie würden uns sehr helfen, den Mann zu finden, wenn Sie ...«

»Ich habe abgelehnt. Dabei bleibt es. Akzeptieren Sie das bitte!« Als hätten die wenigen Sätze all ihre Kraft gekostet, sackte sie zusammen. Schlaff lagen ihre Hände auf den Knien. Dann begann sie, stumm zu weinen.

Stephanie rutschte in die Ecke des Sofas und versuchte, die Studentin in den Arm zu nehmen.

»Nicht anfassen.« Ihre Stimme war leise und dennoch bestimmend.

Das Ticken einer Uhr beherrschte die Stille.

Als spräche sie zu sich selbst, flüsterte die Studentin: »Zu Hause werde ich erwartet. Mein Vater hat Geburtstag. Er wird sechzig. Er feiert im großen Stil. An die zweihundert Geschäftsfreunde und Verwandte hat er eingeladen. Auch die gesamte Belegschaft ist da. Ich will da nicht hin! Scheiße! Scheiße! Scheiße! Was bin ich auch für eine blöde Kuh und fahre mitten in der Nacht allein mit dem Fahrrad durch die Gegend.«

»Es ist nicht Ihre Schuld.«

Janina Geißendörfer fiel zurück aufs Sofa, zog die Beine an, schlang die Arme um die Knie und legte den Kopf darauf. Stephanie rückte heran und berührte sie an der Schulter. Dieses Mal ließ sie es geschehen.

An der Wohnungstür wurde Sturm geklingelt. Einem Impuls folgend, wollte Stephanie aufspringen und öffnen.

»Bleiben Sie hier. Das ist bestimmt mein Nachbar.«

»Ich weiß, dass du da bist, Janina. Bei mir steht ein komplettes Frühstück für uns zwei. Nun komm schon«, kam es aus dem Treppenhaus.

»Er tut so, als sei ich seine Freundin. Manchmal gehe ich auch rüber zu ihm, und wir reden miteinander. Ich will ihn nicht sehen. Unmöglich, dass ich mich heute mit einem Mann an einen Tisch setze.«

Im Treppenhaus fiel eine Tür ins Schloss.

»Frau Geißendörfer, ich bin keine Therapeutin, aber ich weiß, dass es allemal besser wäre, wenn Sie den Vorfall Ihrer Familie nicht verschweigen.« Es war für sie völlig ausgeschlossen, in dieser Situation das Wort Vergewaltigung auszusprechen. »Sie benötigen Menschen, mit denen Sie vertrauensvoll über Ihre Gefühle sprechen können. In der liebevollen Atmosphäre von Freunden wird es Ihnen gelingen, wieder in ein halbwegs normales Leben zu finden. Ich könnte Ihnen dabei helfen, eine ...«

»Hören Sie auf damit! Ich studiere Psychologie. Mir brauchen Sie nicht zu erzählen, was ich tun soll. Aber ich kann und ich will nicht darüber reden. Und darum ziehe ich meine Anzeige zurück. Und jetzt gehen Sie bitte.«

Die Kriminalbeamtin spürte, dass es heute aussichtslos war, weiter zu insistieren. »Frau Geißendörfer, auch wenn Sie die Strafanzeige fallen lassen, werden wir unsere Ermittlungen trotzdem fortsetzen müssen. Was Ihnen angetan wurde, ist ein Offizialdelikt. Da gibt es eindeutige Vorschriften.« Zurückhaltender formulierte sie dann: »Ich komme in den nächsten Tagen noch einmal wieder. Wir informieren Sie auf jeden Fall über die Ermittlungsergebnisse.«

Auf halbem Weg zum Flur wandte sie sich noch einmal um. »Soll ich nicht doch Ihre Familie oder eine Freundin anrufen und sie bitten, hierher zu kommen?«

Sie erhielt keine Antwort.

***

Im großen Sitzungssaal der Polizeiinspektion hatte der Direktor den Tagesordnungspunkt siebzehn, interne Verordnungen des Landespolizeipräsidenten, aufgerufen, als ein Telefonklingeln durch den Raum schallte. Ein auffordernder Blick seines Vorgesetzten und der stellvertretende Inspektionsleiter stand auf, ging die wenigen Schritte zu einem Schreibtisch und nahm den Hörer ab. Er sprach kurz mit dem Anrufer. Dann ging er zu Konnert. Nah an dessen Ohr flüsterte er: »Gehen Sie bitte in Ihr Büro. Sie bekommen dort in einigen Minuten einen Anruf. Ein Todesfall.«

Die Staatsanwältin hatte gezwungenermaßen mitgehört und legte Konnert die Hand auf den Arm.

Er stand auf, war schon fast an der Tür, als er noch einmal zurückkehrte, seine Unterlagen zusammenschob, sie an seine Brust drückte und geräuschlos den Raum verließ.

Mit großen Schritten eilte Konnert am großen Tisch vorbei und ließ sich in seinem Zimmer auf den Drehstuhl fallen. Er bemühte sich, ruhig zu bleiben, und starrte auf das Telefon. Wie oft hatte er sich und anderen schon gesagt, dass Spekulationen in solchen Situationen nur hektisch und unkonzentriert machten. Aber jetzt knetete er seine Finger und faltete sie krampfhaft, um sie stillzuhalten.

Das Telefon klingelte. Er riss die Finger auseinander und griff zum Hörer.

»Konnert.«

»Koop hier. Sie wissen, mit wem Sie sprechen?«

»Ja.« Er atmete tief durch. »Sie rufen wegen Sascha Knieling an?«

»So ist es.«

Es entstand eine kurze Pause. Konnerts Brustkorb hob und senkte sich heftig.

Dann sprach der Direktor der Justizvollzugsanstalt weiter. »Ihr Name ist der Einzige, der in den Akten von Sascha Knieling als Kontaktperson vermerkt ist. Darum rufe ich Sie an. Es tut mir leid, Ihnen sagen zu müssen, dass Herr Sascha Knieling in der vergangenen Nacht verstorben ist.« Koop wartete einen Moment, bis er weitersprach. »Auf dem Totenschein ist von unserer Anstaltsärztin ungeklärte Todesursache angekreuzt worden.«

Mit zusammengepressten Lippen saß Konnert steif auf seinem Stuhl. Er atmete bewusst ein und aus. Doch das beruhigte ihn immer noch nicht.

Koops Stimme klang sachlich: »Knieling wurde schon länger wegen Herzproblemen behandelt. Darum vermutet unsere Ärztin, dass ein Herzversagen vorliegen könnte.«

»Herzversagen?« Konnert zog die Augenbrauen hoch.

»Endgültig wissen wir das natürlich erst, wenn die Rechtsmedizin ihren Bericht geschrieben hat.« Er informierte im gleichen Tonfall wie zuvor. »Jetzt sind der Kriminaldauerdienst der Polizeiinspektion 2 und die Spurensicherung bei der Arbeit. Die Staatsanwaltschaft ist informiert.«

Konnert überlegte einen Augenblick. »Herr Koop, ich komme am späten Vormittag zu Ihnen. Ich würde gern unter vier Augen mit Ihnen sprechen. Ist das möglich?«

»Selbstverständlich.«

»Vielen Dank. Noch eine Frage. Befindet sich die Leiche Knielings schon in der Rechtsmedizin?«

»Die Polizei beauftragte das Bestattungsunternehmen Bressler. Sie transportiert den Leichnam in die Pappelallee.«

»Gut. Ich habe hier noch etwas zu erledigen. In einer Stunde bin ich bei Ihnen.«

»Ich erwarte Sie.«

Mit den Unterarmen auf den Lehnen seines Bürostuhls und mit geschlossenen Augen ließ sich Konnert zurückfallen.

***

Leise zog Stephanie die Tür zur Wohnung von Janina Geißendörfer zu. Musik klang aus der Nachbarwohnung in den Hausflur. Leon Braas stand auf dem Türschild. Sie klingelte.

Er öffnete. »Kommst du doch noch?«, waren die ersten Worte des hoch aufgeschossenen Mannes. Und dann: »Entschuldigung. Ich dachte, meine Nachbarin käme zu mir rüber. Was kann ich für Sie tun?«

»Sie könnten mich hereinlassen und mir eine Tasse Kaffee anbieten.« Stephanie machte eine kurze Pause. »Ich bin Kriminalbeamtin und möchte Ihnen ein paar Fragen stellen.«

»Dann kommen Sie mit in die Küche. Ich frühstücke gerade. Gleich hier links.« Er ließ ihr den Vortritt.

Es war für zwei Personen gedeckt. Eine Kerze brannte und ein Blumenstrauß stand auch dabei. Auf einem Teller lag eine angebissene Käsebrötchenhälfte.

Er schenkte ein und schob den Brötchenkorb in ihre Richtung. »Greifen Sie zu. Ich wollte meine Flurnachbarin mit einem schönen Frühstück auf andere Gedanken bringen. Sie hat mein Klingeln wohl nicht gehört.«

Stephanie ließ ihn reden.

»Sie sind hier, weil Janina Anzeige erstattet hat. Ich weiß Bescheid. Wir trafen uns gestern Abend im Treppenhaus. Sie hat mir gegenüber angedeutet, dass sie von der Polizei kommt und Anzeige erstattet hat. Wenn es wegen dem ist, was ich vermute ...« Er machte eine kurze Pause. »Schlimm. Ganz schlimm.«

»Können Sie mir etwas über den Freundeskreis Ihrer Nachbarin sagen?« Stephanie nippte an ihrem Kaffee.

»Ich weiß, warum Sie das fragen. Sexuelle Übergriffe passieren meistens durch Menschen aus dem Familien- oder Bekanntenkreis. Das stimmt doch, oder?«

Sie ignorierte seine Frage und wartete.

Braas lachte. »Wir verkehren in völlig unterschiedlichen Freundeskreisen. Sie studiert Psychologie, ich Hörtechnik und Audiologie. Sie liebt Diskussionsrunden und Partys mit vielen Leuten, ich gehe zu Lesungen oder ins Theater und anschließend vielleicht noch in einen Pub. Wir haben außerhalb dieses Hauses kaum Berührungspunkte. Obwohl wir seit zwei Jahren Tür an Tür wohnen, kann ich Ihnen wirklich so gut wie nichts über Janinas Freundeskreis sagen.«

»Finden Sie, dass Frau Geißendörfers Tagesablauf vorhersehbar ist? Das heißt, kommt Sie zum Beispiel regelmäßig zu gleichen Uhrzeiten nach Hause?«

»Nein. Ganz im Gegenteil.« Er zeigte wieder sein offenes, sympathisches Lächeln. »Und außerdem lausche ich nicht mit dem Ohr an der Tür und führe Buch darüber, wann sie geht oder zurückkommt.«

»Natürlich.« Ihr Kaffee war zwischenzeitlich ausgetrunken. »Wo waren Sie am Sonntagabend zwischen 22 Uhr und Mitternacht?«

»Hallo!« Leon Braas Gesicht veränderte sich blitzschnell. Eine steile Falte bildete sich auf seiner Stirn. »Ende des Gesprächs.«

»Keine Antwort ist auch eine Antwort.«

»Denken Sie, was Sie wollen. Solange ich nicht unter Verdacht stehe, muss ich Ihnen keine Auskunft darüber geben, wo ich mich aufgehalten habe.«

***

Trau keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast, dachte sich Bernd Venske. Vor ihm lagen Ausdrucke der aktuellen Zahlen aus dem Landesanalysezentrum des BKA in Niedersachsen.

Ihn interessierte besonders die organisierte Kriminalität. Für ihn nicht nachvollziehbar, gingen die schweren bandenmäßigen Straftaten kontinuierlich zurück.

Er sah hinüber zu Konnert und bemerkte dessen Unruhe. Wieder einmal rätselte er, was seinen Vorgesetzten seit Montag beschäftigte.

Aus einem Schrank mit Hängeordnern suchte er die offizielle Akte Tschabo Dumitrescu heraus. Seit Jahren versuchten die Staatsanwaltschaften in Bremen und Oldenburg, ihm Straftaten im Bereich der Schutzgelderpressung, Prostitution, Drogenhandel, Geldwäsche und sogar Auftragsmord nachzuweisen. Immer hatte er entweder ein wasserdichtes Alibi gehabt oder ein Team spitzenmäßiger Anwälte wies nach, dass die ihm vorgeworfenen Verbrechen von anderen Tätern begangen worden waren. Oft kamen die an seiner Stelle verurteilten Kriminellen aus Rumänien. So entstand der Begriff der Rumänenbande.

Für Venske, und nicht nur für ihn, stand fest, dass Dumitrescu an allen Delikten direkt oder indirekt beteiligt gewesen war. Wie sollte er sonst mit seiner klitzekleinen Immobilienagentur so ein Vermögen angehäuft haben. Sie gehörte in der Zwischenzeit zu den drei besten Adressen, wenn es sich um Wohn- und Industrieimmobilien handelte. Verschiedene Bau- und Entsorgungsbetriebe gehörten auch zu seinem Imperium.

Ihm muss doch etwas nachzuweisen sein, ärgerte sich Venske und blätterte Prozessunterlagen, Zeitungsberichte und eigene Aufzeichnungen durch. Er stieß sich erneut daran, dass Dumitrescu zwar 1957 in Rumänien geboren worden war, aber jetzt die deutsche Staatsangehörigkeit besaß. Und außerdem fehlten die Jahre 1971 bis 1973 im Lebenslauf. Wehrdienst hatte er auch nicht abgeleistet.

Mit ein paar schnellen Klicks loggte er sich in die elektronische Ermittlungsakte ein. Die Bremer Kollegen hatten sie aktualisiert. Zusammen mit Beamten der Finanzverwaltung hatten sie die Steuererklärungen der vergangenen Jahre von Dumitrescus Firmen und Beteiligungen überprüft. Soweit sie das bis jetzt geschafft hatten, schien alles in Ordnung zu sein.

»Verdammt noch mal!«

***

Herzversagen. War Knieling so krank gewesen? Konnert stand am Fenster. Er hatte die Scheibe gekippt und blies den Rauch seiner Pfeife nach draußen.

Plötzlich lehnte Stephanie in der Tür. »Ist etwas vorgefallen, Adi?«

»Es gibt Menschen, die sind bedauernswert einsam auf der Welt.«

»Du sprichst nicht von dir, oder?«

Ein Lächeln flog über sein Gesicht. »Nein, bestimmt nicht. Du kennst mich doch. Manchmal muss ich sogar vor zu vielen Leuten fliehen und mich auf dem Friedhof verstecken.« Sofort wurde ihm mulmig zumute. Natürlich fühlte er sich seit der Trennung von Zahra bisweilen einsam. Er versuchte, gelassen zu bleiben.

»Von wem redest du denn dann?«

Konnert erzählte ihr, wie er Knieling kennengelernt und dann total aus dem Blick verloren hatte und auch vom Brief am Samstag und dem Gespräch am Montag. »Und in der vergangenen Nacht ist er plötzlich gestorben. Was hältst du davon?«

»In einer Haftanstalt ist es extrem schwierig, jemanden umzubringen.«

Er nickte. Nachdenklich, mit den Fingern an der Nasenwurzel, sah er seine Mitarbeiterin an. »Und was gibt es bei dir?«

»Janina Geißendörfer will nicht mehr über den Vorfall sprechen. Sie verdrängt die Vergewaltigung. Wir wissen, dass das schlecht für sie ist. Aber was kann ich machen?« Sie erwartete keine Antwort, blickte Konnert nur forschend mit ihren blauen Augen durch die Brillengläser an.

»Stephanie, du kriegst ihn trotzdem.«

Konnert blickte an Stephanie vorbei auf die Bilder an der Wand.

»Adi, was denkst du?«

»Treffen wir uns heute noch zur Besprechung am großen Tisch? Gibt es Berichtenswertes von eurer Sitzung mit den Herren aus der oberen Etage?«

»Ja, ja. Machen wir.« Konnert war mit seinen Gedanken wieder in der Justizvollzugsanstalt. »Ich muss noch mal weg. Wenn ich zurück bin, können wir uns zusammensetzen.«

Er merkte kaum, dass Stephanie die Tür hinter sich ins Schloss zog.

Konnert wurde es zu eng im Büro. Er musste raus und Weite um sich haben. Aus der linken oberen Schublade suchte er eine Pfeife aus, stopfte sie und ließ sie in der Jackentasche verschwinden. Auf dem Weg zum Fahrstuhl meldete er sich bei Stephanie ab. »Um zwei Uhr bin ich zurück. Dann reden wir miteinander. Sag den anderen Bescheid.«

Keine zehn Minuten brauchte Konnert bis zu seiner Lieblingsbank auf dem Friedhof. Nasskalt wehte ein Lüftchen über die Rasenfläche des anonymen Urnenfeldes. Hochnebelartige Wolken hingen am Himmel. Es war ein trüber Tag.

Knieling war tot. Er hatte es verhindern sollen, hatte es versucht, aber nicht geschafft. Die Knie aneinandergedrückt, mit den Händen unter den Achseln, saß er zusammengekrümmt im Mantel da und sinnierte. Eigentlich geht mich der Mensch nichts an. Er ist ein Täter, sogar ein Wiederholungstäter, ein Fremder, und doch fühle ich mich so elend, als wäre er ein Freund gewesen und ich schuld an seinem Tod.

Er zog die gestopfte Pfeife aus der Manteltasche und zündete sie an. Der Polizist in ihm übernahm die weitere Reflexion.

Herzversagen? Eine natürliche Todesursache aufgrund von Stress in einer beängstigenden Situation? Möglicherweise. Für die Anstaltsleitung wünschenswert. Alles andere würde das positive Bild der JVA in der Öffentlichkeit beschädigen.

Selbstmord? Mehr als unwahrscheinlich. Also doch Mord? Wer hatte die Gelegenheit dazu in einem Gefängnis, unter ständiger Beobachtung, hinter verschlossenen Türen? Hatte ihn jemand vor dem Nachteinschluss vergiftet? Wie sonst sollte man einen Häftling in der JVA umbringen? Aber woher bekam man das Gift?

Konnert bibberte und schlug die kalten Füße aneinander. Noch mehr Fragen schwirrten ihm durch den Kopf. Wer hatte einen Vorteil von Knielings Tod? Wer ein Motiv? Ein Mithäftling? Die Justizvollzugsbeamtin Lüttmann, die ihn als Letzte lebend gesehen hatte?

Irgendwas war falsch am Tod von Sascha Knieling. Davon war Konnert jetzt überzeugt. Er schloss die Augen.

Konnert schüttelte die Kälte aus den Gliedern, reckte sich und ging zu seinem Auto, um in die Cloppenburger Straße 400 zu fahren.

Die Beamten an der Pforte erwarteten ihn. Nach einer kurzen telefonischen Rücksprache mit der Frau im Vorzimmer des Anstaltsleiters brachte ihn ein Bediensteter ins dritte Obergeschoss.

An einem runden Besprechungstisch empfingen ihn Gerd Koop und seine Stellvertreterin. Auch Andreas Brenner war anwesend. Sie reichten einander die Hand und setzten sich.

Doch kein Vieraugengespräch, stellte Konnert fest.

»Wir haben in der Zwischenzeit vom Inhalt Ihres Anrufs gestern Abend erfahren«, begann Koop das Gespräch. »Ich habe bereits mit der Vollzugsbeamtin Maike Lüttmann gesprochen. Sie kommt erst wieder zum Spätdienst in die Anstalt. Sie bestätigt, dass Knieling zum Nachteinschluss allein und krank in seinem Haftraum gelegen hat. Es gab keine außergewöhnlichen Beobachtungen. Der Nachtdienst hat bei seinen regelmäßigen Rundgängen weder Unregelmäßigkeiten noch Unruhe bei ihm festgestellt. Alle Häftlinge waren in ihren Hafträumen eingeschlossen. Auch die Kameraüberwachung des Flurs weist keine Auffälligkeiten auf.«

Dann schilderte Andreas Brenner, wie er Knieling am Morgen vorgefunden hatte und welche Maßnahmen in die Wege geleitet worden waren.

»Alles so, wie es den Vorschriften entspricht«, kommentierte Koop.

Die stellvertretende Anstaltsleiterin schob Konnert Kopien der ärztlichen Niederschrift und des Totenscheins zu. Er überflog die Zeilen und nahm sich vor, die medizinischen Fachbegriffe mit Frau Dr. Landmann vom Institut für Rechtsmedizin durchzusprechen.

»Sascha Knieling hat mir, wie Sie wissen, von einer Todesdrohung berichtet. Er ist gestorben. Sehen Sie da einen Zusammenhang?«

Die Miene von Gerd Koop veränderte sich um eine Nuance. War er bis jetzt äußerst angespannt gewesen, so glätteten sich jetzt die Fältchen um die zusammengekniffenen Augen. »Knieling selbst war das bestimmt nicht bewusst«, versuchte er zu erklären, »aber bisweilen hinterließ er bei anderen Inhaftierten einen überheblichen, für einige Mitgefangene sicherlich einen arroganten Eindruck. Er hatte kleine Privilegien, größere finanzielle Spielräume, und damit auch Neider. Gibt es dann Streit um Kleinigkeiten, ist es denkbar, dass einer ihn anmacht und sagt: Ich bring dich um. Wenn wir von solchen Vorkommnissen Kenntnis bekommen, überwachen wir die infrage kommenden Personen auf besondere Weise. In den vergangenen Tagen wurden keine Beobachtungen gemacht, die in die Richtung einer ernsthaften Bedrohung gedeutet hätten.«

»Herr Brenner«, Konnert ignorierte Koops Ausführungen, »können Sie mir mehr über die Herzerkrankung von Knieling sagen?«

Der Beamte blickte zum Anstaltsleiter. Koop antwortete für ihn: »Unsere Anstaltsärztin ist leider im Moment unabkömmlich. Sie bittet Sie, sie zu entschuldigen. Was die Krankengeschichte des Patienten Knieling angeht, unterliegen wir der Schweigepflicht.« Er fügte mit einem leicht gereizten Unterton hinzu: »Wie Sie ja sicherlich wissen.«

»Natürlich.«

Für die Leute hier, sagte sich Konnert, ist Knieling an Herzversagen gestorben. Das steht für sie außer Frage. Seine Intuition ließ ihn aber zweifeln. Ihm fielen allerdings keine Gegenargumente ein.

»Eine Frage hätte ich noch. Ist der Haftraum des Toten schon aufgeräumt und gereinigt worden?«

Dieses Mal antwortete die Stellvertreterin für ihren Chef: »Die Kriminaltechniker hatten ihre Arbeit gegen elf Uhr beendet. Da sahen wir keinen Grund, den Besitz des Gefangenen nicht aufzulisten, zu verpacken und den Raum wieder herzurichten.«

Konnert dachte daran, dass Sauberkeit zu den Prinzipien der JVA Oldenburg gehörte, die zu ihrem Erfolgskonzept geworden waren.

»Danke, dass Sie sich die Zeit für dieses Gespräch genommen haben.«

Beim Händeschütteln mit Gerd Koop meinte Konnert, eine gewisse Erleichterung bei ihm feststellen zu können. Das verstärkte sein Misstrauen. Er wollte Koop nicht zu sehr in Sicherheit wiegen und sagte: »Eine Bitte hätte ich nun doch noch. Könnte ich mir einmal den Haftraum ansehen?«

»Herr Brenner wird Sie mitnehmen. Und sollte dann noch etwas ungeklärt geblieben sein, wenden Sie sich gern an mich.«

Auf dem Flur der Station B2 wischte der Stationsarbeiter Rolf Beeken mit weiten Schwüngen den hellen graublauen Fußboden. Der Inhaftierte sah auf. Brenner und Konnert stiegen mit großen Schritten über den Wischmopp. Dann machte sich erst Erstaunen auf seinem Gesicht breit und danach ein freches Grinsen. »Adolf Konnert, dieser fromme Feigling. Dich habe ich ja eine Ewigkeit nicht gesehen. Aber deine Visage würde ich jederzeit wiedererkennen. Endlich kommst du auch in den Knast.«

Für den Bruchteil einer Sekunde stockte Konnert der Atem. Brenner wandte sich um: »Machen Sie Ihre Arbeit, und lassen Sie den Hauptkommissar in Ruhe.«

»Kommissar! Oho! Dann will ich nichts gesagt haben.« Beeken grinste ihn an und schwang wieder den Feudel.

Knielings Haftraum war aufgeräumt und gründlich gereinigt worden. Der Geruch von Putzmitteln hing in der Luft und überdeckte die letzten Ausdünstungen von Zigarettenrauch. An der Holzleiste zum Anheften von Bildern war ein Fetzen Tesastreifen hängen geblieben. Brenner zupfte ihn ab. Im Regal darunter herrschte Leere. Über dem Bett aus Buchenholz lag eine glattgezurrte Decke. Die Tür zur Nasszelle stand einen Spaltbreit offen. Nichts deutete noch darauf hin, dass hier vor weniger als vierundzwanzig Stunden ein Mensch gestorben war.

»Wo sind Knielings Sachen?«, wollte Konnert wissen.

»Was die Kriminaltechniker nicht mitgenommen haben, wurde zur Kleiderkammer gebracht.«

»Könnte ich mir die einmal ansehen?«

»Nein. Zu Knielings Sachen gehörte ein Briefumschlag mit der Aufschrift Testament. Ein Bote brachte den Umschlag zum Nachlassgericht. Wer auch immer das Erbe antritt, der ist dann Ihr Ansprechpartner. Mit dem werden Sie sich über die Klamotten verständigen müssen.« Er machte eine kurze Pause. »Sie sollen ja die einzige Bezugsperson für Knieling außerhalb der Anstalt gewesen sein. Möglicherweise fällt Ihnen ja der Nachlass zu.«

Die Beamten verließen den Haftraum. Beeken lehnte an der gegenüberliegenden Wand und hielt den Stiel seines Putzwerkzeugs mit beiden Händen fest. »Du weißt nicht, wer ich bin. Stimmt’s?«

Konnert wusste genau, wer da vor ihm stand. Er antwortete nicht.

»Ich sage nur Schützenhaus Buchholz.«

»Stehen Sie hier nicht rum! Sehen Sie zu, dass Sie fertig werden!« Zu Konnert gewandt, sagte Brenner: »Wiederholungstäter. Er meint ständig, alle und jeden zu kennen. Denken Sie sich nichts dabei.«

Wenn das so einfach wäre, dachte Konnert. Ihm fiel die Nacht ein, die zur Beendigung der Freundschaft mit Beeken geführt hatte. Und es war keine angenehme Erinnerung. Um die muss ich mich endlich auch einmal kümmern, beschloss er.

***

Dem Gefühl nach hatte Otten am Vormittag mehr Zeit auf der Toilette verbracht als im Arbeitsraum. Dreimal war ein Bediensteter gekommen und hatte ihn aufgefordert, zurückzukehren. Jedes Mal gab er sich Mühe, dem Unterrichtsstoff zu folgen. Es ging nicht. Sein Magen und Darm rebellierten. Er hatte Durchfall. Mehrfach hatte er aufgestoßen und dann den bitteren Schleim heruntergeschluckt.

Otten meldete sich schließlich krank.

Er bekam einen Termin beim medizinischen Dienst. Brechdurchfall lautete die Diagnose. Weil möglicherweise Ansteckungsgefahr bestand, kam er auf die Krankenstation.

***

Die Besprechung am großen Tisch zog sich hin. Stephanie berichtete frustriert von den mageren Ermittlungsergebnissen. Venske versuchte, sie mit netten Worten zu motivieren. Der Versuch scheiterte.

Babsi sagte: »Auch von mir gibt es keine neuen Informationen.«

Konnert schilderte kurz die Erkenntnisse aus der JVA.

»Adi, wenn ich dir richtig zugehört habe, dann glaubst du nicht an einen natürlichen Tod von Sascha Knieling.« Venske wollte sich vergewissern.

Babsi reagierte. »Und wie stellst du dir vor, dass jemand in einer verschlossenen Zelle umgebracht wird?«

»Ich weiß doch auch nicht, was da tatsächlich vorgegangen ist.«

»Wie viele falsche Todesursachen stehen jedes Jahr in Deutschland auf den Totenscheinen?«, fragte Stephanie in die Runde.

Venske hatte die Zahlen im Kopf. »Je nachdem, welche Statistik du zugrunde legst, sind dreißig bis sechzig Prozent fehlerhaft.«

»Und Herzversagen wird in sehr vielen Fällen angenommen.«

Konnert fasste sich an die Nasenwurzel. »Auf Knielings Schein steht unbekannte Todesursache. Ein Kollaps ist die Vermutung der Anstaltsärztin und des Anstaltsleiters. Wir warten die Obduktion ab. Dann sehen wir, ob es ein Fall für uns ist oder nicht.«

»Du solltest deiner Intuition folgen«, meinte Babsi, »meistens liegst du damit doch nicht verkehrt. Rede mit der Staatsanwaltschaft.«

Fünfundzwanzig Minuten später teilte Frau Lurtz-Brämisch per E-Mail den Termin der Obduktion im Institut für Rechtsmedizin mit. Donnerstag, 9:30 Uhr.

Kurz vor Feierabend stellte man dann einen Anruf aus der JVA zu Hauptkommissar Konnert durch. Er hatte sich kaum gemeldet, als eine Frauenstimme loslegte. »Ich war am Vormittag verhindert, an der Besprechung in Sachen Knieling teilzunehmen. Wäre ich anwesend gewesen, hätte ich Ihnen aus meiner langjährigen Praxiserfahrung meine Vermutung zweifelsfrei begründen können. Der Inhaftierte war über zwei Jahre in meiner Behandlung, so dass ich Vorerkrankungen und seinen aktuellen Krankheitszustand in meine Beurteilung einfließen lassen konnte.«

Konnert ließ die Ärztin erst mal reden. Das Wort mein kam ihm in ihrem Redeschwall schlicht weg zu oft vor.

»Das wird natürlich auch die Obduktion unwiderlegbar feststellen. Und zukünftig sollten Sie dann meine medizinischen Einschätzungen nicht mehr infrage stellen. Ich wünsche Ihnen einen guten Abend.«

Da fühlt sich aber jemand ganz gehörig auf den Schlips getreten, dachte Konnert und räumte weiter seinen Schreibtisch auf.

***

Bei Bültmann & Gerriets drängelten die Käufer. Viele hatten begriffen, dass Beratung und Empfehlungen der ausgebildeten Buchhändlerinnen ein Zusatzgewinn zum Flair schön dekorierter Buchregale bedeuteten. Und schon vor dem Kauf ein Buch in der Hand zu halten, erste Abschnitte zur Probe zu lesen, um dann zu entscheiden, ließ die Zeit in einer Buchhandlung zum Erlebnis werden. Anders als im Onlinehandel.

»Opa!« Sein Enkel Lasse quetschte sich auf der Treppe zwischen zwei Frauen durch und strahlte ihn an. »Willst du mir englische Krimis kaufen?«

»Da liegst du völlig daneben. Du bekommst von mir erst im Januar dein Geschenk, wenn die Englischnote im Zeugnis im grünen Bereich liegt.«

»Und wenn nicht? Was machst du dann mit den Krimis?«

»Ich lege sie weg. Vielleicht gibt es im Sommer eine Chance, sie dir zu schenken.«

»Also kaufst du hier doch Krimis.«

»Ich schwöre. Ich kaufe heute keine Bücher für dich.« Er freute sich am Gesicht seines Enkels. Es sah so aus, als könne Lasse sich nicht entscheiden, ob ihn sein Opa foppte oder ob doch Enttäuschung angesagt war. »Du könntest mir aber helfen, ein Buch für deinen Vater zu finden. Was liest er denn so zurzeit.«

»Zu spät, Opa.« Lasse hielt eine Papiertasche der Buchhandlung in die Höhe. »Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.«

Sie verabschiedeten sich, und Konnert drängelte sich durch zum Tresen, um die bestellten und schon bezahlten Krimis für Lasse abzuholen.

Donnerstag, 11. Dezember

Der Garten lag im Nebel. Adi Konnert konnte aus dem Küchenfenster kaum bis zum Komposthaufen sehen. Mit beiden Händen auf die Arbeitsplatte seiner Küche abgestützt, wartete er darauf, dass der Kaffee vollständig durch den Filter gelaufen war. Musik von NDR2 rieselte aus der oberen Etage durch die Decke. Er meinte zu hören, dass Helene Fischer schon am Morgen atemlos durch die Nacht zog.

Unter der Brötchentüte lag die Nordwest-Zeitung. Malala bedankt sich für den Friedensnobelpreis, war die Überschrift zum Titelbild. Besser als die Auszeichnung vor zwei Jahren für die Europäische Union, urteilte Konnert. Milliarden für das Land sprang ihm fettgedruckt als Schlagzeile ins Auge. Ob sich die Anlieger über die Finanzierung der A20 freuten, wagte er zu bezweifeln.

Konnert pulte die Brötchentüte auf. Ein gefalteter Briefumschlag mit seinem Namen fiel auf sein Frühstücksbrettchen.

Auf dem Briefbogen stand in Zahras runder Schrift: Lieber Adi! Du kannst im neuen Jahr wieder selbst kommen und einkaufen oder hier frühstücken. Ich habe zum 1. Januar eine Arbeitsstelle in Bremen und ziehe noch vor Weihnachten zu meiner Mutter. Danke noch einmal für die schöne Zeit mit Dir. Lass es Dir gut gehen. Gott segne Dich. Zahra.

Sofort war sein Gesicht das eines alten Mannes, grau, schlaff, mit einem stumpfen Blick aus dem Fenster in den Nebel. Er presste die Lippen aufeinander.

Zahra, seine große Liebe. Monatelang hatte er bis zur Trennung in ihrem Backshop gefrühstückt. Jetzt brachte Schwiegersohn Sven auch für ihn die Brötchen mit.

Nicht jede Liebe führt zum Traualtar, hatte er sich seit dem Sommer schon so oft gesagt. Jetzt fiel ihm dieser Satz wieder ein. Und schnell, vielleicht einen Moment zu schnell, bestätigte er sich, dass die Entscheidung ihrer Trennung vernünftig und verantwortungsvoll gewesen war. Trotzdem.

Er ließ die Brötchen unberührt liegen, goss Kaffee in einen Becher, nahm Zahras Brief und stapfte zum Rauchen auf die Terrasse. Die Welt lag grau in grau um ihn.

Sein rechter Mundwinkel zuckte. Er hatte gedacht, den Abschied von Zahra verarbeitet zu haben. Jetzt nagten Zweifel an ihm. Es stimmte, Zahra war es gewesen, die Schluss gemacht hatte, aber er hatte oft mit seinen Weigerungen die entscheidenden Anlässe zu Auseinandersetzungen geliefert. Ich habe an ihr doch nicht nur ihre Jugend geliebt, dachte er bei sich. Sie war auch eine so gute Zuhörerin und konnte die passenden Fragen stellen, die mich inspiriert haben. Und wenn ich sie gefragt habe, dann waren ihre Antworten klug und weiterführend. Er erinnerte sich an tiefgehende Gespräche und so wunderbare Übereinstimmungen, wenn es um ihren gemeinsamen Glauben ging. Er vermisste diesen Gedankenaustausch.

Statt zu mir zu ziehen, wohnt sie zukünftig in Bremen. Aus den Augen, aus dem Sinn. Niemals! Ihr Lachen, ihre Zuversicht, ihren Lebensschwung würde er nie vergessen. Er zwinkerte eine Träne weg. Mit einer energischen Bewegung kratzte er die Pfeife aus und steckte sie in die Jackentasche. Als er ins Haus ging, vergaß er, den Terrassenstrahler auszuschalten. Die Tür zur Küche fiel diesmal lauter ins Schloss, als es bei ihm üblich war.

***

Magen und Darm hatten sich gestern Abend etwas beruhigt, und Otten war zurück auf die Station B2 in seinen Haftraum verlegt worden. Jetzt wartete er mit anderen Schülern im Treppenhaus darauf, zu den Unterrichtsräumen geführt zu werden.

Zwei Mithäftlinge hakten sich unter seinen Armen ein. »Unser aufrichtiges Beileid, Frau Knieling«, säuselte der linke. »Ihr Begatter war ein grandioses, allseits unbeliebtes, überhebliches Schwein. Er kroch so gern jedem in den Arsch und war deshalb auch bei den Knastbullen so beliebt.«

Otten ballte die Fäuste und dachte dabei an seine Frau und die beiden Töchter.

»Und mit wem gedenkt die gnädige Frau sich in ihrer Trauerzeit zu trösten? Ich würde mir größte Mühe geben, dir den Arsch aufzureißen«, zischte der rechte Gefangene ihm ins Ohr.

»Lasst ihn los!« Ein dürrer Zweimetermann hatte sich umgedreht und funkelte die beiden Störenfriede aus weit aufgerissenen Augen an.

Sie gehorchten, mussten aber trotzdem noch einen Kommentar ablassen: »Wir überlassen ihn dir natürlich zu treuen Händen.«

***

Die kahlen Äste der Bäume und Büsche rings um das Institut für Rechtsmedizin in der Pappelallee verstärkten bei Konnert die Erwartung eines tristen Tages. Er rauchte neben dem Dienstwagen und versuchte, in Gedanken einen Tagesplan zurechtzulegen.

Alles hing vom Ergebnis der Obduktion ab. Herzversagen ohne Fremdeinwirkung, dann konnte er sich weiter um die Akten auf seinem Schreibtisch kümmern. Suizid würde bedeuten, Formulare auszufüllen, und danach könnte alles andere den vorgeschriebenen Ablauf nehmen. Mord war nach dem, was er bisher wusste, nur schwer vorstellbar. Aber er konnte sich manches nur schwer vorstellen, und dann war es doch real.

Also besser keinen Plan und abwarten.

Die Staatsanwältin kam und begrüßte ihn mit einem Lächeln. »Bevor wir reingehen, rauche ich noch eine.« Dorothee Lurtz-Brämisch holte ihr Pall Mall-Päckchen raus, suchte sorgfältig eine Zigarette aus und ließ sich Feuer geben. Er erinnerte sich an das Frühjahr, als sie bei ihm auf der Friedhofsbank gesessen und geraucht hatte. Frierend hatten sie nach der Beerdigung eines Opfers und dessen Ehemannes dagesessen und geschwiegen. Auch jetzt rauchte sie und schwieg. Er musste erneut feststellen, dass ihm das gefiel. Mit jemandem rauchen und dabei schweigen. Das hatte er mit Zahra nicht gekonnt.

Im Haus kam ihnen die Chefin vom Institut für Rechtsmedizin im hellgrünen Kittel entgegen. Ihre Hände steckten in Latexhandschuhen. Konnert kannte Dr. Landmann seit vielen Jahren, und noch immer herrschte eine leicht prickelnde Spannung zwischen ihnen. Sie hatte ihn einmal sehr gemocht und zum Seitensprung verführen wollen. Als Konnert Witwer geworden war, bedauerte er, dass sie mittlerweile verheiratet war. Sie hielt ihm den Ellenbogen zur Begrüßung hin, und er fasste zu. Die Frauen beließen es bei einem Lächeln und angedeutetem Nicken.

Knieling lag nackt auf einem Obduktionstisch, neben dem der vorgeschriebene zweite Arzt wartete. Sie begannen mit der äußeren Leichenschau bei den Füßen. Fahle Haut überzog die Schienbeine. Waden und Schenkel waren fast fleischlos. Der eingefallene Bauchraum wies keine Verletzungen auf. Nur eine Narbe auf der rechten Seite ließ auf eine frühere Blinddarmoperation schließen. Ein verblasstes Tattoo am linken Unterarm entzifferte Konnert als Till the day I die. Drei Punkte zwischen Daumen und Zeigefinger hatten Mithäftlingen signalisieren sollen: Ich sehe nichts, ich höre nichts, ich sage nichts. Der andere Arm hatte keine Tätowierung. Am Ringfinger zeugte eine leichte Einkerbung davon, dass Knieling hier einen Ring getragen hatte, der bereits entfernt worden war.

Dr. Landmann untersuchte die Halspartie. Aus einer Schublade holte sie ein Vergrößerungsglas und begutachtete aufmerksam die Hautstruktur. Um den Bereich oberhalb des Kehlkopfes noch besser untersuchen zu können, schaltete sie die Beleuchtung der Lupe ein. Konnert hätte ihr gern über die Schulter geschaut. Sie bewegte ihr Instrument an den rot-braunen, schon eingetrockneten Lippen der Leiche vorbei zu den Wangen. Dann hob sie das rechte Augenlid an und überprüfte besonders sorgfältig die Hornhaut.

»Tod durch Erdrosseln«, sagte die Ärztin durch ihren Mundschutz und zeigte auf winzige punktförmige Blutungen in der Gesichtshaut. Sie waren zwischen den verschorften Kratzstellen im Gesicht nur schwer zu erkennen. »Und hier in den Augenbindehäuten.« Sie hielt die Lupe so, dass Konnert hindurchsehen konnte.

Wieder widmete sie sich der Haut am Hals. »Strangulationsfurche.«

Konnert beugte sich gleichzeitig mit der Staatsanwältin vor, sah aber nichts Auffälliges. Er bekam das Vergrößerungsglas gereicht und erkannte nun selbst die kaum vom übrigen Gewebe zu unterscheidende, ringförmige Einschnürung.

»Fass mal bitte mit an.«

Konnert fummelte aus seiner linken Hosentasche Einmalhandschuhe heraus und streifte sie über. So sehr in seiner rechten Hosentasche das Chaos herrschte, so aufgeräumt ging es in der linken zu. Da fanden sich nur Asservatenbeutel und eben Einmalhandschuhe. Gemeinsam drehten sie die Leiche. Auch im Nacken war die Strangulationsfurche zu erkennen. Auf der linken Halsseite war sie an einer Stelle breiter. Möglicherweise zeigte sich hier eine Druckstelle, die von einer Verknotung stammen konnte.

***

Tschabo Dumitrescu stützte seinen linken Ellenbogen auf dem Mahagonistehpult am Kopfende des rötlichen Konferenztisches ab. Sein Blick wanderte ruhig von einem seiner leitenden Mitarbeiter zum nächsten. Gespannte Stille beherrschte den abhörsicheren Raum.

»Victor.«

Der Angesprochene erhob sich, knöpfte das Jackett zu und berichtete. Er nannte Zahlen, ließ eine Grafik an die Wand projizieren und schloss mit dem Fazit: »Die in diesem Jahr von Ihnen erwartete Rendite von 17,3 Prozent im Immobiliensektor liegt noch 0,2 Prozent unter der anvisierten Marge.«

»Ja?« Mehr fragte sein Boss nicht dazu.

»Die verantwortlichen Abteilungsleiter sind angewiesen worden, entsprechend förderliche Maßnahmen zu ergreifen.«

»Radu-Liviu.«

Gleichzeitig mit der letzten Silbe seines Namens sprang der zuständige Leiter des Kreditwesens auf. Wie der Vorredner berichtete er und nannte Summen im sechsstelligen Bereich. Auch er schloss den Rapport mit einer Prozentzahl.

»Gut.«

Die Rechenschaftsberichte aus den übrigen Geschäftsfeldern und dem Personalwesen folgten. Nach jeder Meldung gab es eine der beiden Bewertungen: Ja? oder Gut.

Am Ende der Sitzung suchte und fand Dumitrescu stummen Augenkontakt zu jedem Einzelnen. Der Blick wurde mit einem leichten Senken des Kopfes erwidert. Als er dem letzten Mann in die Augen geschaut und das Zeichen der Unterwerfung empfangen hatte, sprach er mit Autorität in der Stimme zu allen: »Du bist verantwortlich, nicht ihr. Du bist verantwortlich, nicht deine Untergebenen. Du und niemand anderes!«

Nach einer sich hinziehenden Pause sagte er: »Danke.«

Er blieb hinter seinem Pult stehen. Die sechs Männer verließen schweigend den Raum.

Als die Tür geschlossen worden war, griff Dumitrescu zum Telefon, wählte, wartete und ordnete an: »Achte auf Victor!« Ohne eine Antwort abzuwarten, legte er auf. Gleich nahm er den Hörer wieder ab und wählte eine weitere Nummer.

Sein Blick hing dabei an einer Ikone, auf der die Heilige Familie im byzantinischen Stil dargestellt war. Er bekreuzigte sich und senkte nun seinerseits den Kopf.

Endlich meldete sich jemand am anderen Ende der Leitung.

»Ich bin es«, flüsterte er und hörte dann eine ganze Weile schweigend zu.

***

»Ich will nun doch mit Ihnen sprechen«, nuschelte Janina Geißendörfer.

»Ja?« Stephanie war überrascht von ihrem Sinneswandel.

»Können Sie jetzt kommen?«

In Gedanken überflog die Kommissarin ihre Vormittagsplanung.

»Was hat Ihre Meinung geändert?«

»Ich bin trotz allem nach Bassum zur Geburtstagsfeier meines Vaters gefahren und habe meiner Mutter erzählt, was mir passiert ist. Sie hat gleich meinen Vater aus der Feier herausgerufen. Der hat mir zugehört und meine Entscheidung, nicht mit Ihnen zu sprechen, gutgeheißen.«

»Und deshalb wollen Sie jetzt doch mit mir reden? Erklären Sie mir das bitte.«

»Wenn mein Vater meint, ich solle die Zusammenarbeit mit der Polizei beenden, dann hat er bestimmt Gründe dafür. Dann halte ich das für hochgradig verdächtig. Er hat noch nie irgendetwas freiwillig unterstützt, was ich gewollt oder gemacht habe.«

Stephanie runzelte die Stirn und überdachte die merkwürdige Logik der jungen Frau. Dann antwortete sie: »Ich komme, sobald ich kann.«

***

»Es ist nicht so schwierig, sich selbst zu erdrosseln, wie manche meinen«, dozierte Dr. Landmann. »Man muss einen Strick oder einen Schal nur für drei, vier Sekunden stramm genug um den Hals zuziehen. Dann wird die Blutzufuhr zum Gehirn abgeschnürt, es bekommt keinen Sauerstoff mehr und kollabiert. Die Bewusstlosigkeit tritt unmittelbar ein. Das geht so schnell, dass man sich dann nicht mehr aus der Schlinge befreien kann.«

Die Ärztin suchte erneut den gesamten Körper nach Spuren von Fremdeinwirkungen ab. Sie fand keine Abwehrverletzungen, weder Blutergüsse noch kleine Wunden. Ein Mord erschien ihr darum äußerst unwahrscheinlich zu sein. Sie ging aufgrund der bisherigen Befunde von einem Suizid aus. Selbstverständlich nahm sie trotzdem Proben der unter den Fingernägeln haftenden Partikel und klebte verschiedene Körperregionen ab, um Hautschuppen sicherzustellen und möglicherweise zu unterscheiden.

»Natürlich kann ich erst nach der Leichenöffnung einen abschließenden Bericht schreiben.«

»Ich erinnere mich«, sagte Konnert und wandte sich an die Staatsanwältin, »Knieling hat gesagt, er würde sich eher selbst umbringen, als die Tortur noch einmal durchzumachen.«

»Was ist Ihrer Meinung nach als Tatwerkzeug anzunehmen«, fragte Dorothee Lurtz-Brämisch die Ärztin.

»Ein fester Schal, ein fein gewebtes Geschirrtuch. Kein Seil oder Kabel oder so etwas Ähnliches.«

»Ich kann mir trotzdem einen Suizid nicht vorstellen«, mischte sich Konnert ein. »So unwahrscheinlich es auch klingen mag, auch in Gefängnissen kommen Morde vor. Ich bleibe vorerst dabei, wir sollten sicherheitshalber ein Verbrechen nicht ausschließen.«

Die Staatsanwältin entschied: »Van Stevendaal wird aus der Kriminaltechnik zusätzliche Erkenntnisse liefern. Dann sehen wir weiter.«

Damit verabschiedete sie sich von Frau Dr. Landmann und dem Assistenzarzt. Sie wartete an der Tür auf Konnert und schaute ihn freundlich an, als er auf sie zukam.

***

Auf dem Tischchen vor dem Ecksofa waren längliche Untertassen gedeckt. Feines Gebäck lag in einer quadratischen Schale aus weißem Porzellan. Janina Geißendörfer hatte ihre braunen Haare zu einem Zopf zusammengebunden. Die Blässe ihres Gesichts hatte sie nicht überschminkt.

»Nehmen wir doch Platz«, sagte sie und schritt zum Sofa.

Stephanie wartete ab, wie sie es von Konnert gelernt hatte, und betrachtete die leeren Untertassen.

»Cappuccino oder Espresso? Was darf ich Ihnen bringen?«

»Das Erste bitte. Gern mit mehr Süße.«

Janina Geißendörfer verschwand in der Küche. Stephanie ließ ihren Blick durch das Zimmer schweifen. Ein Flachbildschirm und darunter eine kostbar aussehende Musikanlage mit Regalen voller CDs. Auf einem Sideboard im Retrodesign stand eine einsame Vase mit Tulpen. Tulpen im Dezember irritierten sie. Durch eine geöffnete Tür konnte sie in das angrenzende Zimmer sehen. Dort ein aufgeräumter Jugendstilschreibtisch und darüber Familienbilder. Sie wäre gern aufgestanden, um die Personen auf den Fotos zu betrachten. Aber ihre Gastgeberin kam schon mit zwei Cappuccinotassen zurück.

»Was soll ich Ihnen erzählen?«

»Beginnen wir mit dem Montagabend. Was haben Sie unternommen?«

Erst stockend, dann immer flüssiger berichtete Janina Geißendörfer, was passiert war. Sie erzählte von der Weihnachtsfeier, beschrieb erneut die Begegnung mit dem Mann und schilderte fast emotionslos ihre Panik auf dem Holzsteg und den darauffolgenden kurzen Kampf. Als sie von dem Griff in ihr Haar sprach, mit dem der Täter sie zu Boden geworfen hatte, brach sie ab. Sie starrte nur stumm an Stephanie vorbei auf die gegenüberliegende Wand.

Minuten verstrichen.

Als erwachte sie aus einem Traum, zuckte Janina Geißendörfer plötzlich zusammen. Sie griff ihre Tasse und nippte am Cappuccino. »Kalt«, sagte sie und stellte die Tasse zurück.

»Janina, darf ich Sie so nennen?«

Leicht nickte sie zustimmend.

»Konnte der Mann wissen, dass Sie am Montagabend dort vorbeikommen würden? War er vielleicht bei der Weihnachtsfeier dabei gewesen?«

»Unmöglich. Der war viel älter als die Jungs auf der Party. Nein, es muss Zufall gewesen sein, dass er ausgerechnet mich erwischt hat.«

»Da sind Sie sich sicher? Bisher haben Sie gesagt, dass Sie den Mann nur im Gegenlicht gesehen haben. Er wäre dann auch immer hinter ihnen hergegangen. Sie konnten sich nicht an sein Gesicht erinnern.«

»Das spürt man doch, ob einer alt oder jung ist.«

»Wie alt kam der Mann Ihnen vor?«

»Etwas älter als dreißig Jahre vielleicht.«

»Doch so jung?«

Janina zog den Kopf zwischen die Schultern.

Stephanie gab sich damit zufrieden. »Meistens kommen Vergewaltiger aus dem Umfeld des Opfers.« Sie hatte bis jetzt vermieden, die Tat so deutlich anzusprechen. Ihre Fragen sollten nun konkreter werden. »Gibt es einen Mann hier aus der Nachbarschaft, aus Ihrem Bekanntenkreis, aus einer Arbeitsgruppe der Universität, der Sie an den Vergewaltiger erinnert? Denken Sie auch an Männer, die Sie aus Bassum kennen.«

Die Studentin dachte nach, zog das Haarband ab, mit der ihr Zopf zusammengehalten worden war, und schüttelte den Kopf. »Der Mann ist mir vollkommen fremd.«

»Bitte denken Sie noch einmal genau nach. Hatte der Mann irgendwelche Eigenarten? Sprach er einen Dialekt, roch er nach etwas Bestimmtem, bewegte er sich ungewöhnlich?«

»Nichts. Ich hatte Angst. Da achtet man nicht auf die Aussprache oder wie sich einer verhält.«

Stephanie glaubte ihr.

»Ist Ihnen in den Tagen vor der Tat etwas merkwürdig vorgekommen? Hat Sie vielleicht jemand angerufen und tat so, als wäre er falsch verbunden gewesen?«

Es sah mit einem Mal so aus, als würde die Studentin nun doch wieder unwillig, zusätzliche Fragen zu beantworten. »Ich erinnere mich an nichts.« Beide Frauen schwiegen.

Dann flüsterte Janina Geißendörfer: »Das Einzige, was mir einfällt, ist, dass vorige Woche mal ein Auto ungefähr zweihundert Meter neben mir hergefahren ist. Aber das ist schon öfter passiert, dass Blödmänner an mir vorbeifahren und hupen.«

»Wann war das?«

»Am Dienstag? Ich war mit dem Rad unterwegs zur Uni.«

»Wo?«

»Bremersweg. Ich glaube, der Wagen kam aus dem Hörneweg und ist bis runter zur Softwarefirma neben mir hergefahren.«

»Um wie viel Uhr war das?«

»Um elf habe ich dienstags eine Arbeitsgruppe. Es muss ungefähr zwanzig Minuten eher gewesen sein.«

»Was für eine Marke?«

»Ich kenne mich mit Autos nicht so gut aus. Es war so ein hohes, breites Modell. Ein protziger Geländewagen für Leute, die nie im Gelände unterwegs sind, aber in der Stadt auffallen wollen.«

»Beschreiben Sie bitte das Fahrzeug.«

»Ich habe geradeaus geguckt. Die wollen doch nur, dass man sie bemerkt und zu ihnen hinsieht. Erst als er mich überholt hatte, habe ich aufgeschaut.«

»Konnten Sie den Fahrer erkennen?«

»Es war so ein Angebertyp mit auf die Stirn geschobener Sonnenbrille. Im Winter! Ich bitte Sie. Er trug ein schwarzes Hemd mit offenem Kragen und Goldkette. Ein Jackett hatte er an, keinen Pullover.«

Sie hat doch hingeschaut. Sehr gut sogar, dachte Stephanie und machte sich Notizen.

»Erinnern Sie sich vielleicht auch noch an die Haarfarbe oder an etwas anderes?«

»Helle Haare. Bestimmt gebleicht. Glatt rasiert. Mehr weiß ich nicht. Ich habe ja nur kurz hingesehen. Ich fuhr doch mit dem Rad.«

»Auf welches Alter schätzen Sie den Mann?«

»Vielleicht so um die dreißig Jahre. Aber sicher bin ich mir da nicht. Er kann auch älter gewesen sein.«

»Haben Sie auf das Kennzeichen des Wagens geachtet?«

Sie überlegte einen Moment. »M wie München? Aber auch dabei bin ich mir unsicher.«

»Konnten Sie auch das Firmenlogo der Automarke erkennen?«

»Meinen Sie etwa, der Vorfall hätte mit meiner Vergewaltigung zu tun?« Nun hatte auch die Studentin das grässliche Wort ausgesprochen.

»Janina, Sie haben doch bestimmt einen PC oder einen Laptop. Lassen Sie uns einmal etwas nachsehen.«

Janina holte ein Tablet und schaltete es ein. Nach ein paar Sekunden hatten sie Bilder mit Automarken von SUVs gegoogelt. Mit dem Finger ging Janina Geißendörfer die Reihen entlang. Bei Land Rover hielt sie an. »Das Logo war auf der Heckklappe.«

»Super. Fällt Ihnen noch etwas ein? Die Farbe des Wagens vielleicht?«

»Das Dach war dunkel. Unten herum glänzte es rot und wieder schwarz. Es hatte zwei Auspuffrohre. Das weiß ich, weil der Fahrer plötzlich Gas gab und zwei Wolken hinter sich herzog.«

***

Der Nebel hatte sich verzogen. Es nieselte. Von der Cloppenburger Straße aus telefonierte Konnert mit Venske und informierte ihn über die vorläufigen Obduktionsergebnisse und die Anweisung der Staatsanwältin.

»In der JVA wissen sie Bescheid. Sie stellen uns Räume für Befragungen zur Verfügung. Ich warte auf dich im Café gegenüber.«

Er ließ sich ein Kännchen Kaffee servieren und bekam zwei Spekulatius zusätzlich auf die Untertasse gelegt. Konnert blickte hinüber zur Haftanstalt. Eine Erinnerung stieg in ihm auf, wie ihn als Kind die Angst vor Enge vor der Fürsorgeerziehung bewahrt hatte. Auf der Station B2 arbeitete Rolf Beeken. Er musste unbedingt dafür sorgen, dass Venske dessen Befragung übernahm.

***

Der Raum war kaum größer als die vorgeschriebenen neun Quadratmeter eines Haftraumes. Bernd Venske saß dem Stationsarbeiter Rolf Beeken gegenüber. Der lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und sah den Kommissar herausfordernd an.

»Ist Ihnen eigentlich bewusst, was für ein Laumann Ihr Chef ist? Ich könnte Ihnen da Storys erzählen.«

»Die will ich aber nicht hören. Ich will von Ihnen wissen, was am Dienstag zwischen 14:30 Uhr und 16:30 Uhr auf der Station B2 abgelaufen ist.«

»Es geht nicht um Konnert?« Beeken grinste.

»Nein.«

»Also doch wieder nur um den Knieling? Irgendwer hat dem arroganten Schwein das Gas abgedreht. Stimmt’s? Bloß weil er wusste, warum ein Eimer einen Boden hat, meinte er was Besseres zu sein. Wollte Heiland werden und die Welt retten. Kein Verlust, sage ich Ihnen. Ich jedenfalls kann auf den ...«

»Davon will ich erst recht nichts hören, Herr Beeken. Was ist abgelaufen?«

»Sie müssen vorher etwas über den Charakter des Opfers herausfinden, sonst missverstehen Sie doch den ganzen Fall.«

»Was lief ab?«

»Wenn Sie es nicht wissen wollen. Ist Ihr Bier. Also, der Knieling war krank. Hat auch sein Mittagessen stehen lassen, bekam trotzdem sein Abendbrot. Habe ich ihm hineingebracht und auf den Tisch gestellt. Die Lüttmann stand in der Tür. Ich habe ihn nicht abgefiedelt.«

»Wie verhielt sich Frau Lüttmann?«

»Die war schlecht drauf. Hatte wohl ihre Tage oder Stress mit ihrem Alten … wenn sie denn einen hat. Blaffte jeden an, der ihr über den Weg lief.«

»Wo hielt sie sich auf, als Sie das Abendessen verteilt haben?«

»Stand neben der Tür und hat den abgefuckten Bimbo angeblökt. Der dreht ständig am Rad. Was der wollte, habe ich nicht verstanden. Es war sehr unruhig auf der Station. Wie immer, wenn die Lüttmann Dienst hat.«

Konnert hätte ihm jetzt beizubringen versucht, dass er von einem farbigen Mitgefangenen sprach, dachte Venske. Ihm war egal, wie sich Beeken ausdrückte. Er wusste ja, was gemeint war.

»Wie ging es nach dem Nachteinschluss von Knieling weiter?«

Beeken blies die Backen auf und ließ die Luft langsam entweichen. »Tja, wie ging es weiter? Keine besonderen Vorkommnisse. Die Blaue ist zurück in ihr Aquarium. Gut, wenn die da hinter der Scheibe sitzt und auf den Monitor glotzt. Dann bringt sie wenigstens die Leute nicht durcheinander.«

»Wie meinen Sie das?« Nun war Venske doch am allgemeinen Verhalten der Beamtin interessiert.

»Sie ist ungerecht. Sie hat Lieblinge, die sich alles erlauben können. Andere hat sie ständig auf dem Kieker und schikaniert sie.«

»Sie sind keines ihrer persönlichen Schätzchen, nehme ich mal an.«

»Nee.« Das Grinsen breitete sich wieder auf seinem Gesicht aus. »Aber mir kann sie nichts. Ich weiß, wie der Hase hier im Knast läuft. Auf drei Beinen. Bin lange genug dabei und kenne jeden Ausfallschritt. Wenn Sie wissen, was ich meine.«

Venske lächelte unwillkürlich auch. Irgendetwas war ihm an der Art, wie Beeken mit ihm redete, sympathisch. Wahrscheinlich war die Schnodderigkeit auch einer seiner Ausfallschritte. Der Mann hatte Menschenkenntnis.

»Wie stand Frau Lüttmann zu Knieling?«

»Den hat sie kleinlich behandelt. Sie hat ihn trotz seines kriecherischen Verhaltens öfter provoziert. In seiner Zelle herrsche Unordnung, hat sie zum Beispiel beanstandet. Dabei war der immer so pingelig und akkurat. Er musste dann unter ihrer Aufsicht aufräumen. Oder sie hat seine Anträge abgelehnt. Immer wieder hatten sie Zoff miteinander. Aber wenn ich das richtig mitgekriegt habe, hat sich Knieling meistens durchgesetzt. Lüttmann blieb nichts anderes übrig, als zähneknirschend nachzugeben und ihm zu genehmigen, was er beantragt hatte.«

Er machte eine Pause und grinste, als erinnere er sich an einen Vorfall.

»Dann gab es Situationen, da hat sie ihn wie Luft behandelt. Er konnte sie ansprechen, und sie ging einfach weg, um mit einem anderen von diesen Gangstern zu reden. Sie ist eben launisch.«

»Aber Sie wissen, wie sie zu nehmen ist.«

»Auf jeden Fall. Klar.«

»Noch einmal zurück zu dem Augenblick, als Sie den Haftraum verlassen haben. Was passierte dann? Was hat Frau Lüttmann gemacht?«

»Sie hat durch die offene Tür hineingeguckt. Irgendwas ging ihr wohl gegen den Strich. Sie hat den Riegel vorgeschoben, damit niemand die Tür zuwerfen kann, ist hineingegangen und hat die Tür hinter sich fast ganz zugezogen. Es dauerte, bis sie wieder zum Vorschein kam, dann hat sie abgeschlossen. Das war’s.«

»Sie haben die Beamtin Lüttmann immer gut im Blick, was?«

»Muss man, sage ich Ihnen. Muss man. Wenn du die Wachtel aus den Augen verlierst, hast du hier gar keinen Spaß. Gar keinen.«

»Können Sie in etwa abschätzen, wie lange Frau Lüttmann allein in Knielings Haftraum war?«

»Lange genug. Das ist alles, was ich dazu sage. Ich will mir ja das Maul nicht verbrennen.«

***

Michael Otten trug einen braunmelierten Pullover, als ihn ein Justizvollzugsbeamter in den Besprechungsraum führte, abschloss und auf einem Stuhl neben der Tür Platz nahm. Konnert stand auf, ging dem Häftling zwei Schritte entgegen und stellte sich vor.

»Setzen wir uns.«

Konnert wies ihm einen Holzstuhl zu und wartete ab. Die erste Reaktion eines Befragten lieferte ihm Anhaltspunkte dafür, wie zuverlässig Aussagen waren.

Mit den Händen unter dem Tisch versteckt, rutschte Otten auf dem Stuhl hin und her. Ruhig setzte sich Konnert ihm gegenüber und schwieg.

Plötzlich platzte es aus Otten heraus. »Was wollen Sie eigentlich von mir?«

»Gleich, Herr Otten. Erst einmal die Formalitäten.« Konnert schaltete das Aufnahmegerät ein, nannte Tag und Uhrzeit, diktierte die Namen der Anwesenden und den Grund der Befragung.

»Herr Otten, ich möchte, dass Sie sich über Folgendes im Klaren sind. Dies ist kein Verhör. Ihnen wird nichts zur Last gelegt. Ich will mir nur ein Bild von dem machen, was am Dienstag zwischen circa 15 Uhr und 16 Uhr auf der Station B2 abgelaufen ist. Haben Sie das verstanden?«

Otten nickte.

»Sie hatten am Dienstag unbegleiteten Ausgang. Wo haben Sie den Tag verbracht?«

»Muss ich das sagen?«

»Es ist im Moment nicht so wichtig. Aber warum wollen Sie es verschweigen?«

»Ich war zu Hause. Bei meiner Frau war ich.«

»Trafen Sie noch jemanden? Verwandte, Freunde, ehemalige Kollegen vielleicht?«

»Nein, niemanden. Nur meine Frau und meine Töchter.«

»War es ein angenehmes Wiedersehen?«

»Was hat das mit B2 zu tun, wie es bei mir zu Hause war und was ich gemacht habe?«

Konnert spürte die Verärgerung Ottens und fragte sich, warum er so unwirsch reagierte. Er ließ es aber dabei und bohrte nicht nach. Noch nicht.

»In die Anstalt kamen Sie vor 15 Uhr zurück. Warum so früh? Sie hätten bis 16:30 Uhr draußen bleiben können.«

»Sascha, ich meine Herr Knieling, war krank. Für ihn hieß es 15:30 Uhr Nachteinschluss. Ich wollte noch mit ihm sprechen und ihm eine gute Nacht wünschen.«

»Ist Sascha Knieling Ihr Freund gewesen?«

»Im Gefängnis gibt es keine Freunde. Hier ist sich jeder selbst der Nächste.«

»Aber Sie haben auf eineinhalb Stunden draußen verzichtet, um Knieling gute Besserung wünschen zu können.«

»Sie haben keine Ahnung davon, wie es hier zugeht.«

»Erklären Sie es mir bitte.«

»Das kann ich nicht. Das muss man erlebt haben.«

Konnert schwieg, wartete geduldig und nickte dann aufmunternd.

»Allein bist du nichts im Knast. Erst recht nicht, wenn du nichts zu geben hast. Kaffee oder Tabak oder so. Die Beamten können nicht überall sein und kriegen auch nicht alles mit. Da bist du froh, wenn dir einer ab und zu den Rücken freihält, der sich besser auskennt als du. Freundschaft kann man das nicht nennen.«

»Wie würden Sie es bezeichnen?«

»Zweckbündnis.«

»Und das ist für Sie so wichtig, dass Sie auf eine Stunde mit Ihrer Frau und den Kindern verzichten?«

Jetzt schwieg Otten. Konnert geduldete sich und beobachtete den Gefangenen. In den starr geradeaus blickenden Augen meinte er, Verzweiflung zu erkennen. Der Mund des Gefangenen war leicht geöffnet. Otten atmete stoßweise, wie nach einer großen Anstrengung. Er sackte mit einem tiefen Seufzer zusammen und ließ die Schultern hängen.

»Ich habe ihm gute Besserung gewünscht und bin in meinen Haftraum gegangen. Mehr weiß ich nicht. Was außerdem auf der Station passiert ist, davon habe ich nichts mitbekommen.«

»Sie hören doch, was auf dem Flur los ist.«

»Meine Tür war zu.«

»Gab es Streit zwischen Ihnen und Knieling?«

Otten zögerte mit der Antwort.

Überlegte er, was die ihn belasten könnte? Konnert wartete ab.

Endlich hatte sich Otten entschieden. »Es kam schon mal vor. Aber nie heftig oder beleidigend. Wir haben uns gut verstanden.«

»Auch am Dienstag?«

»Ja, auch am Dienstag.«

»Sie haben eine Familie. Knieling war alleinstehend. Ihre und seine Entlassung standen in absehbarer Zeit an. Gab es Absprachen zwischen Ihnen für die Zeit nach der Inhaftierung?«

»Wie meinen Sie das?«

»Wollten Sie Ihrem Kumpel vielleicht beim Übergang in ein Leben in Freiheit behilflich sein?«

Wieder blieb Otten stumm. Er blickte auf seine Hände, die zwischen seinen Oberschenkeln klemmten. »Ich hätte ihm bestimmt geholfen. Ja, das hätte ich bestimmt getan.«

»Gut. Zurück zur Station B2 am Dienstag. Als Sie Knielings Haftraum verlassen haben, lebte er noch? War das so?«

»Sie verdächtigen mich doch. Ich habe ihn nicht umgebracht. So was kann ich nicht!« Otten schrie den letzten Satz, und gleich darauf schlug er sich mit der Hand auf den Mund.

»Frau Lüttmann hat dann Knieling eingeschlossen. Am nächsten Morgen wurde er tot aufgefunden. Können Sie sich vorstellen, dass er sich selbst getötet hat?«

»Muss er ja wohl. Als ich seine Zelle verlassen habe, lebte er. Die Lüttmann bringt keinen Häftling um. Auch nicht, wenn sie ihn auf dem Kieker hatte. Macht die nicht. Also wird er es selbst getan haben.«

»Noch einmal, Herr Otten. Trauen Sie Knieling eine Selbsttötung zu?«

»Er hat darunter gelitten, wenn die anderen ihm Schwuchtel oder Durchlauferhitzer zugeraunt haben. Dann redete er manchmal davon, dass er keine Lust mehr zu leben hätte.«

»Hat sich schon auf der Abteilung rumgesprochen, wie Knieling gestorben ist?«

»Das weiß ich nicht.«

Konnert ließ sich noch schildern, was Otten von Knieling hielt, was sie miteinander unternommen und geredet hatten. Zum Schluss fragte er ihn: »Jetzt sind Sie wieder allein auf der Station. Wer wird Ihnen den Rücken freihalten?«

»Am Wochenende habe ich Hafturlaub. Ich hoffe, dass die Sache mit Knieling meinen Entlassungstermin nicht hinauszögert. Bis dahin muss ich die Augen offen halten, und wenn es möglich ist, schließe ich mich in meinen Haftraum ein.«

Freiwillig verzichtet er auf die kleine Freiheit, die ihm hier geblieben ist. Wie groß muss seine Angst sein, dachte Konnert.

***

»Adi, ist was?« Venske spürte, dass sich Konnert nicht wohlfühlte. Wenn sie vor einer Tür warten mussten, bis der Justizvollzugsbeamte sie ihnen aufschloss und hinter ihnen wieder abschloss, wirkte sein Chef angespannt. Er selbst fand die Erfahrung, eingeschlossen zu sein, nur lästig. Er wusste ja, er würde die Haftanstalt jederzeit verlassen können.

Sie waren auf dem Weg zur Mitarbeiterkantine. Die Anstaltsleitung hatte dafür gesorgt, dass die Anstaltsküche auch ihnen ein Mittagessen bereitstellte. Mit ihren Namen versehen, standen weiße Menagen auf dem Tisch. Sie setzten sich. Die Mehrzahl der Frauen und Männer hier arbeiteten als Zivilangestellte in der Zahlstelle oder dem Schulungsbereich. Konnert öffnete den Deckel der Box. Grünkohlgeruch strömte ihm entgegen. Salzkartoffeln, ein geräuchertes Mettende, eine Pinkelwurst, ein Stück Kassler und eine gehörige Portion Grünkohl präsentierten sich. Davon wurde man garantiert satt.

Es war nicht nur für Konnert schwierig, mit einem Messer aus ungehärtetem Blech die Wurst zu schneiden. Es bog sich, und richtig scharf war die Klinge auch nicht. Doch das Essen schmeckte. Solide Hausmannskost, zubereitet mit Zwiebeln, Schmalz und Gemüsebrühe. So hatte auch seine Mutter das norddeutsche Kultgericht gekocht.

Nach dem Essen hätte er gern geraucht. Aber es gab für die Bediensteten der JVA noch keinen Raucherraum. Also musste es auch ohne Pfeife weitergehen.

***

Zurückgelehnt auf seinem mäßig gepolsterten Stuhl saß Bernd Venske gelangweilt hinter dem Holztisch. Das Notizbuch lag aufgeschlagen vor ihm. Er hatte kaum Notizen aus der Befragung von Beeken eingetragen. Sein Erinnerungsvermögen war fast so gut wie das von Kriminalhauptkommissar Hans-Gerhard Struß, dem Chef vom FK3. Nachher im Büro würden ihm schon die wichtigen Überlegungen zu Beeken wieder einfallen. Und außerdem gab es die Tonaufzeichnung.

In Gedanken legte er sich Fragen für das Gespräch mit der Justizvollzugsbeamtin Lüttmann zurecht. Nur für den Fall, dass ihm nichts spontan einfallen sollte. Aber das kam sehr selten vor.

Das Warten fiel ihm schwer.

Um 14:15 Uhr hörte er endlich ein Schlüsselklappern. Kurz darauf betrat die Bedienstete den Raum. Sie trug die blaue Dienstkleidung mit den vorgeschriebenen schwarzen Schuhen. Venske schätzte sie auf knapp über vierzig. Dunkle, graublaue Augen sahen ihn direkt an. Er meinte etwas Verschlagenes, Lauerndes in ihnen zu entdecken. Wahrnehmen, aber nicht überbewerten, ermahnte er sich.

Die kleine, mollige Frau erinnerte ihn an eine seiner Tanten, die ihm nie Süßigkeiten mitgebracht hatte. Sie zog den Stuhl, auf dem vorher Beeken gesessen hatte, ein gutes Stück vom Tisch zurück, setzte sich und verschränkte die Arme unter ihrer Brust. »Sie wollten mich sprechen.«

»Danke, dass Sie gekommen sind.«

»Worum geht es?«

»Können wir erst die Formalitäten hinter uns bringen?«

Ruhig zog Venske ein Diktiergerät aus der Tasche. »Sie sind doch einverstanden, dass wir das Gespräch aufzeichnen.«

»Wozu?«

»Es geht beim Ablauf der Ereignisse auf der B2 möglicherweise um Minuten. Da möchte ich mich nicht nur auf mein Gedächtnis verlassen müssen. Sie verstehen? Das sichert außerdem auch Sie ab.«

Er nannte ihren Namen, Tag und Uhrzeit.

»Also, was wollen Sie wissen?«

»Das können Sie sich doch denken. Wahrscheinlich haben Sie Sascha Knieling als Letzte lebend gesehen.«

»Auf jeden Fall lebte er, als ich seinen Haftraum verschlossen habe. Das ist für mich die Hauptsache.«

»Das kann man so sehen.«

»Kann man? So muss man es sehen.«

»Schildern Sie mir einfach die Zeit zwischen 15 Uhr und 16:30 Uhr, wie Sie sie in Erinnerung haben.«

»Nun denn. Für die Inhaftierten, die nicht arbeiten und nicht am Unterricht teilnehmen, ist um 15:30 Uhr Nachteinschluss. Gegen 15 Uhr hat der Stationsarbeiter das Abendessen in Knielings Haftraum gebracht.«

»Waren Sie dabei?«, unterbrach Venske.

»Natürlich.«

»Dann weiter.«

»Kurz vor 15:30 Uhr, vielleicht eine oder zwei Minuten vorher, habe ich in seinen Haftraum hineingeschaut. Eine Leselampe auf dem Tisch gab genügend Licht ab, um Knieling zu sehen. Er lag im Bett, mit dem Gesicht zur Wand, und schlief. Er war ja krankgemeldet. Ich habe ihn schlafen lassen und den Haftraum vorschriftsmäßig verschlossen.«

»Aufgefallen ist Ihnen bei Knieling nichts?«

»Was hätte mir schon auffallen sollen. Ein kranker Mann liegt in seinem Bett und schläft.«

»Sie sollen länger als üblich in der Zelle gewesen sein. Was haben Sie in der Zeit gemacht?«

»Ich habe das Fenster geschlossen. Ich habe es Ihnen doch schon gesagt. Knieling war krank. Da ist es besser, wenn in einer Winternacht das Fenster zu ist.«

Unterdrückte Aggression war zu spüren. Oder war es Angst?

»Was war danach auf der Station los?«

»Nichts. Die Männer haben gekocht, Billard gespielt, telefoniert oder ferngesehen. Was sie so am Spätnachmittag machen. Um 19:30 Uhr war dann Zählkontrolle und Nachteinschluss. Keiner fehlte. Ich habe die Zahlen in den Computer eingegeben und an die Sicherheitszentrale gemeldet. Um 20 Uhr hatte ich Dienstschluss und habe meinen Arbeitsplatz verlassen. Das war’s.«

»Ich hörte, Sie seien an dem Tag nicht besonders gut drauf gewesen. Stimmt das?«

»Das hat Beeken Ihnen gesteckt, oder? Glauben Sie ihm kein Wort. Ein Inhaftierter lügt, wenn er den Mund aufmacht.«

»Ihnen ging es also gut?«

»Auf jeden Fall nicht schlecht.«

»Gab es am Wochenende oder am Montag besondere Vorfälle auf Ihrer Station?«

»Nein. Das können Sie auch in meinem Bericht nachlesen.«

»Inhaftierte sagten aus, Sie hätten Knieling trotz seines vorbildlichen Verhaltens schikaniert. Es sei immer wieder zu Wortwechseln zwischen ihm und Ihnen gekommen. Meistens hatten Sie zähneknirschend klein beigeben müssen.« Dass er diese Information nur von einem, von Beeken, hatte, buchte Venske unter erlaubtem Lügen ab.

»Vielleicht ist das tatsächlich einmal vorgekommen. Aber das passiert jedem Beamten hier irgendwann mit jedem Insassen.«

»Ist das so?«

»Ja, so ist das. Sie haben es hier überwiegend mit Männern zu tun, die schnell einen erhöhten Adrenalinspiegel haben und gesteigertes Gewaltpotenzial mitbringen. Was meinen Sie wohl, wie oft sich hier zwei Inhaftierte Nase an Nase stehen. Wir sind kein Mädchenpensionat, wenn Sie verstehen, was ich meine.«

Venske verkniff sich die Bemerkung, die ihm auf der Zunge lag, dass er es in seinem Beruf auch mit Kriminellen zu tun hatte. Stattdessen sagte er: »Aber Knieling doch nicht.«

»Ich habe ihn wie alle anderen behandelt.«

»Und als Sie ihn am Dienstag eingeschlossen haben, da lebte er noch.«

»Das habe ich doch schon gesagt. Ja, er lebte noch!«

»Wie können Sie sich da so sicher sein. Sie haben doch nicht nachgeprüft, ob er lebt.«

»Das musste ich auch nicht. Vorschrift ist, die Anwesenheit festzustellen. Das habe ich getan. Lebendkontrolle ist am Morgen. Ich habe mich vorschriftsmäßig verhalten. Sie hängen mir nichts an.«

»Das habe ich auch nicht vor. Aber eine Frage hätte ich noch.«

Sie grinste. »Natürlich, Kommissar. Wie im Fernsehen. Eine Frage hätte ich noch.«

»Ich wüsste gern, wie das Verhältnis Knielings zu Otten war.«

»Sie galten als schwul. Das ist nicht gerade förderlich für das Zusammenleben mit anderen Inhaftierten.«

»Wie hat Otten den Tod Knielings aufgenommen?«

»Er gibt sich Mühe, normal zu erscheinen. Ich glaube aber, dass es ihn sehr mitgenommen hat. Er hat sich mehrfach übergeben und war einen Tag lang bettlägerig. Jetzt tut er so, als sei er drüber weg. Das nehme ich ihm nicht ab.«

***

Zurück in der Polizeiinspektion bekam Konnert einen Anruf seiner Tochter. »Wo steckst du? Ich versuche, dich seit zwölf Uhr zu erreichen. Du wolltest zu uns zum Mittagessen kommen. Du änderst dich auch nicht mehr. Du könntest wenigstens Bescheid sagen, wenn du verhindert bist.«

Konnert ließ sie reden. Als sie endlich schwieg, sagte er: »Entschuldigung. Ich war im Gefängnis. Es tut mir leid.«

Während seine Tochter weiterredete, erinnerte er sich an Vorwürfe seiner verstorbenen Frau. Ich werde wieder kontrolliert und muss mich rechtfertigen, ärgerte er sich und beendete das Gespräch mit dem Hinweis, dass er weiterarbeiten müsse.

Der Anruf von Dr. Landmann erreichte Konnert, als er sich gerade zurücklehnen wollte, um den bisherigen Verlauf des Tages zu durchdenken.

»Zwei Fakten sind vielleicht schon jetzt für euch von Bedeutung. Der Todeszeitpunkt liegt am Dienstagnachmittag zwischen 15 Uhr und 17 Uhr, plus/minus einer Stunde. Und Herzversagen ist definitiv auszuschließen.«

Nach dem Telefonat stopfte er eine Pfeife, zündete sie an, blies Qualmwolken an die Zimmerdecke und betrachtete sein Büro. Dabei kam ihm Lurtz-Brämisch in den Sinn. Wie stur hatte sie sich bei ihrem Amtsantritt im Frühjahr vor einem Jahr gegeben. Und das ausgerechnet in einer Phase, in der er sich müde und ausgebrannt gefühlt hatte.

Dann war er im Sommer mehr als zwei Monate im Urlaub gewesen und hatte obendrein noch Überstunden abgebummelt. Er hatte die Zeit genutzt, um jeden Tag zweimal eine halbe Stunde zu üben, mit zehn Fingern zu tippen.

Als er wieder ins Kommissariat zurückgekommen war, hatte man ihm einen neuen Computer hingestellt und auch ein Programm zur Spracherkennung installiert. Kilian hatte für die Anschaffung gesorgt. Tippen war out. Angesagt war nur noch das Korrigieren der falsch verstandenen Wörter. Natürlich lag die Fehlerquote nicht am Programm, sondern an Konnerts undeutlicher Aussprache, hatte Kilian behauptet.

Auch die Staatsanwältin war wie ausgewechselt gewesen. Sie zeigte sich zugänglich für Vorschläge und selbst bei der einen oder anderen Aktion am Rande der Legalität hatte sie ihnen den Rücken freigehalten.

Er blickte nachdenklich hinüber zu den Grünpflanzen auf der Fensterbank. Wie sich Situationen doch ändern können, stellte er fest und paffte.

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