Kitabı oxu: «Cantata Bolivia»
Manfred Eisner
Cantata Bolivia
Dritter Roman
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2015
Bildnachweis: Das Titelbild wurde mit freundlicher Genehmigung von Frau Rachel Hirsch, Fotografin in Ramat Gan, Israel, abgedruckt. Es entstand im April 2003 anlässlich der Weltpremiere der „Cantata Bolivia“ von Prof. Erich Eisner (1897–1956) in Rishon LeZion, Israel.
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Copyright (2015) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Vorwort
1. Ferrocarril Arica – La Paz
2. La Casa Azul
3. Geschichtliches
4. Berches, Coca und Kaffee
5. Hacienda Guayrapata
6. Kinderparadies
7. Weihnukka
8. Brief aus der Heimat
9. Aus Clarissas Tagebuch
10. Bäckerei La Favorita
11. Sammelsurium
12. Traumhafte Ferien
13. Osterkringel und Salteñas
14. Deutscher sein
15. Neue Freunde
16. Aktuelles
17. Die Autostraße
18. Albtraumende
19. Identitätsfragen
20. Hatikwah
21. Aufsplitterung
22. Imamblaya
23. Überraschung
24. Lebewohl
25. Da capo
26. Adiós, querida Bolivia!
27. Epilog
Cantata Bolivia
Bildernachweis
Der Autor
Danksagung
Jede Darstellung der Schoah, selbst das Zeugnis der überlebenden Opfer, beinhaltet deshalb Lücken.
Sie lässt sich nur mit Imagination zum Ausdruck bringen.
Imre Kertész, ungarischer Schriftsteller und Nobelpreisträger
* Budapest, 9. November 1929
Für das noble Bolivien, dem unser ewiger Dank gebührt, meine lieben Eltern, „Onkel“ Semi und „Tante“ Bell sowie all unsere guten Freunde und Begleiter aus jener bolivianischen Zeitperiode.
Brokdorf, im Winter 2014/2015
Vorwort
Liebe Leserinnen und Leser,
in diesem dritten Roman begleiten wir unsere Freunde aus der Kleinstadt Oldenmoor in den Elbmarschen Schleswig-Holsteins in ihr Exil in Bolivien, jenes Land, das sie nach ihrer in letzter Minute noch geglückten, abenteuerlichen Flucht aus den Fängen ihrer nationalsozialistischen Häscher edelmutig aufgenommen hat. Zusammen mit ihnen erleben wir die ersten Begegnungen und die dabei gewonnenen Eindrücke in der für sie bis dahin unbekannten und bizarren, neuen Welt. Viele der geschilderten Begebenheiten haben sich entweder wirklich oder wenigstens so ähnlich abgespielt; einige sind aber auch frei erfunden, um Ihnen die wahren Orte und die Landesszenerie etwas näher zu bringen.
Nach und nach gelingt unseren Protagonisten, ebenso wie den zahlreichen mit ihnen geflüchteten Immigranten, eine allmähliche Annäherung an die fremde Sprache, die Umgebung und die Einheimischen mit einer ihnen so fremd erscheinenden Kultur. Übrigens sind neben manchen fiktiven auch mehrere Personen, von denen hier die Rede ist, real und aus der damaligen Zeit gegriffen, manche mit imaginärem, andere mit ihrem tatsächlichen Namen. Sollte heute noch jemand von denen am Leben sein, mögen sie ihr Mitwirken in diesem Roman freundlicherweise dem Autor nicht nachtragen.
1. Ferrocarril Arica – La Paz
Während Clarissa Keller in der ersten Maihälfte 1940 mit ihren beiden Kleinkindern Oliver und Elisabeth an Bord der MN Conte Biancamano ihrem Kurs mit Ziel Arica in Chile folgt, tobt in Europa und Nordafrika längst der grausame Zweite Weltkrieg. Die infame Rechnung Adolf Hitlers, der zunächst Polen vernichtend geschlagen und besetzt und Anfang des Jahres zur vollständigen Beherrschung Europas aufgerufen hat, scheint aufzugehen. Deutsche Truppen sind bereits am 7. April in Norwegen eingefallen und am 9. April in Dänemark einmarschiert. Am 10. Mai überfällt Hitlers Wehrmacht Belgien, die Niederlande und Luxemburg, die sich einer nach dem anderen wegen der deutschen Übermacht nach kurzen Kämpfen geschlagen geben müssen und kapitulieren. Schließlich beginnt Hitler auch den Blitzkrieg gegen Frankreich. Deutsche Truppen überqueren die bis dahin für unpassierbar gehaltenen Ardennen und sind auch an der Maas nicht mehr aufzuhalten. Die mörderische nationalsozialistische Gewaltwalze rollt über Europa hinweg und Himmlers SS-Schergen verbreiten den Terror unter den Besiegten.
* * *
Auch Oldenmoor, die kleine, zwischen Elbmarsch und Geest gelegene schleswig-holsteinische Stadt, bleibt von der Ausbreitung des Krieges nicht unberührt. Zahlreiche Männer, vorwiegend die jüngeren, sind aus dem Stadtbild verschwunden, weil sie von den Streitkräften eingezogen wurden. Der Mangel an Arbeitskräften macht sich bald allseitig deutlich bemerkbar und es werden immer mehr Kriegsgefangene ins Deutsche Reich verschleppt, um die fehlenden Männer zu ersetzen. In dem am Rande Oldenmoors gelegenen „Jammertal“, das vormals vorwiegend von armen Leuten bewohnte Elendsquartier, haben Stadtverwaltung und NSDAP-Ortsgruppe die meisten Bauruinen abgerissen und durch einfachste Baracken ersetzt, die als Notunterkünfte von und für die Zwangsarbeiter errichtet wurden.
* * *
Im Büro der Marschländer Backwarenfabrik berät gerade der jetzige Firmenchef und Clarissas Vater, Hans-Peter von Steinberg, mit seinem Geschäftsführer und dem leitenden Bäckermeister die schwierige Lage. Beide Männer, sowohl Thorsten Steenfahrt als auch Heino Tiedemann, haben in diesen Tagen ihren Einzugsbefehl zur Wehrmacht erhalten. Hinnerck Reimers, der treue Fuhrparkmeister, wurde bereits vor zwei Wochen als Mechaniker nach Neumünster zum dortigen Fliegerhorst beordert. Auch einige der jüngeren Bäckergesellen und sogar der junge Bote, Volker Thies, der bisher wegen körperlicher Schwäche vom Militärdienst zurückgestellt wurde, sind eingezogen worden. Es wird eng für die Aufrechterhaltung des ordentlichen Funktionierens der Bäckerei. Da offensichtlich in der ganzen Umgebung Oldenmoors ähnliche Bedingungen herrschen, schlägt der getreue NSDAP-Parteigenosse Tiedemann vor, sich sowohl bei seinem Ortsgruppenleiter Straßner als auch beim Orts-Handwerksführer Voss für die Zuteilung von Ersatz-Arbeitskräften – sprich: ausländischen Kriegsgefangenen – einzusetzen. Hans-Peter hat ein ungutes Gefühl, die in seinen Augen bedauernswerten Opfer und widerrechtlich deportierten Menschen zur Zwangsarbeit in seinem Betrieb beschäftigen zu müssen, aber eine andere Wahl bleibt wohl auch ihm nicht. Er kann sich vorstellen, was sein Schwiegersohn Heiko Keller und dessen Freund Josef Rembowski, die ins Exil gegangenen, eigentlichen Inhaber der Backwarenfabrik, zu einer solchen Maßnahme sagen würden. Mit der deutschen Besetzung Hollands ist allerdings auch die bisherige Deckanschrift des Bäckermeisters van der Merwe in Amsterdam, über die bisher noch ein Briefkontakt mit Heiko und Josef in Bolivien möglich war, verloren gegangen.
* * *
Nach der dreiundzwanzigtägigen Schifffahrt von Genua aus – über das Mittelmeer und durch die Enge von Gibraltar, dann über den Atlantischen Ozean sowie durch den Panamakanal und schließlich entlang der Ostküste Südamerikas – gelangt endlich die Conte Biancamano samt den 1.700 Flüchtlingen an Bord heil und mit Glück in die Bucht vor Arica, wo sie in den aufgewühlten hohen Wellen des Pazifischen Ozeans ihren Anker setzt. Das große Schiff ist zu mächtig, um an der viel zu kurzen Pier des kleinen chilenischen Hafens festmachen zu können.
Heute – es ist der 18. Mai 1940 – ist just der Tag, an dem die kleine Lissy Keller ihren fünften Geburtstag feiert. Während Oliver und Lissy noch im tiefen Schlaf in ihren Kojen versunken sind, ist Clarissa schon beim ersten Morgenlicht, das durch die Bullaugen in die Kabine drang, ganz leise aufgestanden.
Sie schaut hinaus über das raue Meer und erblickt trotz des hin und her rollenden Schiffes die etwas entfernte Küste, Frachtschiffe, Kräne und die Hafengebäude Aricas. Dann unterzieht sie sich einer schnellen Katzenwäsche – die muss für heute genügen! Nachdem sie sich angezogen hat, packt sie mit gezieltem Griff die restlichen noch im Spind befindlichen Kleidungsstücke in den offen liegenden Handkoffer. Behutsam legt sie die Tageskleidung bereit, die ihre Kinder bei der Ausschiffung anziehen sollen. Darunter auch ein neues Kleid, eine kleine niedliche Puppe und einige Süßigkeiten als Geburtstagsgeschenke.
Oliver ist währenddessen erwacht und hat die Augen geöffnet. Lautlos beobachtet er das Hin- und Hergehen der Mutter, bis diese bemerkt, dass der Junge wach ist. Mit einem Lächeln geht sie an seine Koje, umschließt ihn mit den Armen und küsst ihn. „Guten Morgen, mein Liebling“, flüstert sie ihm ins Ohr. „Stell dir vor, das Schiff ist endlich angekommen, und heute gehen wir von Bord.“ Erfreut erwidert Oliver die liebevolle Umarmung der Mutter. Diese legt dem Kind den Zeigefinger auf die Lippen: „Pst, mein Schatz, leise! Lass Lissy noch etwas schlafen. Du könntest jetzt aufstehen, dir die Zähne putzen und dich ein wenig waschen. Dann zieh dich an, deine Sachen liegen schon auf dem Stuhl bereit.“
Während Oliver sich wäscht, packt Clarissa seinen Pyjama in den Koffer. Dann schaut sie zu Elisabeths Koje und bemerkt, dass diese im Begriff ist aufzuwachen. Sie eilt zu ihrem Mädchen, nimmt es in die Arme und küsst es liebevoll. „Herzliche Glückwünsche zu deinem Geburtstag, liebste Lissy! Alles, alles Gute, bleib gesund, mein liebes Kind!“ Auch Oliver ist herbeigeeilt, küsst und beglückwünscht seine Schwester. Besonders erfreut sich Lissy an ihrer neuen kleinen, blonden Puppe und an dem neuen Kleidchen, das Clarissa ihr anzieht. Kurz darauf beklagt sie jedoch, dass irgendetwas sie am Rücken kratzt. Clarissa geht dem nach und entdeckt, dass im Futter des Kleides etwas mit einer winzig kleinen Sicherheitsnadel befestigt ist. Überrascht holt sie den Fünfzig-Reichsmark-Schein hervor, den sie damals, vor den Argusaugen des strengen Zollbeamten verborgen, samt dem Kleidchen in den Koffer gepackt hatte. Erfreut über den unerwarteten Fund gehen die drei zum letzten Mal in den Speisesaal des Schiffes, um zu frühstücken.
Die Matrosen der Conte Biancamano haben die Rettungsboote von den Davits in die rauen Pazifikwellen herabgelassen, wo sie nun an ihren Festmacherleinen wild hin und her schwojen. Auch die seitlich von der Bordwand heruntergelassene Gangway schwankt meterhoch im Wellengang auf und ab. Trotz der redlichen Bemühungen des Schiffspersonals, die länglichen Ruderkähne einigermaßen ruhig zu halten, gelingt den meist verängstigten Passagieren nur mit großen Schwierigkeiten der rechtzeitige und gezielte Sprung in die Boote. Vor Schreck steht Clarissa wie versteinert im letzten unteren Viertel der mächtig wogenden Gangway und hält sich krampfartig an dem Seitenreep fest. Ein beherzter Matrose nimmt sie wie eine Feder in die Arme und springt mit ihr hinüber in das wankende Boot. Zwei seiner Kollegen tun das Gleiche mit Lissy und Oliver. Als das Boot komplett ist, greifen sechs Matrosen zu den Riemen und rudern mit geballten Kräften gegen die starke Dünung gen Hafenpier.
Mit den eigenen Lastkränen des Schiffes werden Koffer, Kisten und Gepäck der Passagiere auf größere Lastkähne verladen. Gerade als Oliver zum Schiff zurückblickt, sieht er deutlich, wie einer ihrer Seekoffer aus dem Hebenetz schlüpft, über Bord geht und auf nimmer Wiedersehen im Stillen Ozean versinkt. „Mami, da, da sieh mal, unser Koffer ist ins Wasser gefallen!“, meldet er aufgeregt. Clarissa ist zu angespannt, um in diesem Augenblick von Olivers Meldung Notiz zu nehmen. Mit einer Hand hält sie sich am Boot fest, mit der anderen klammert sie Lissy an sich, bis sie schließlich heil an der Hafenpier angelangt sind und hilfreiche Hände ihnen auf das feste Land unter den Füßen helfen.
Nach dieser derart aufreibenden Anlandung versammeln sich zunächst alle Passagiere in einer sehr geräumigen Zollhalle am Bahnhof von Arica, wo sie nach Erledigung der Einreiseformalitäten Ausschau nach ihrer Habe halten. Clarissa sucht aus der gewaltigen Anhäufung von Gepäckstücken die eigenen Schiffs- und Handkoffer heraus und lässt diese mit Hilfe von mit Handkarren bewaffneten Gepäckträgern an einer Sammelstelle deponieren. Lissy und Oliver sitzen geduldig auf einem der Schiffskoffer, bis die drei Handkoffer und die nunmehr nur noch zwölf großen Gepäckstücke eingesammelt sind: Oliver hatte sich nicht getäuscht, einer ihrer Schiffskoffer ist tatsächlich verloren gegangen.
Während sich die Zollhalle nach und nach leert, sucht Clarissa händeringend nach einem Zollbeamten, der ihre Koffer zur Beladung in den Zug freigeben soll. Sie ist sehr aufgeregt, ihr Gepäck steht fast als Letztes noch ohne Abfertigung da und die ungeduldig lauten Pfeifsignale der Lokomotive, die zur Abfahrt mahnen, sind nicht zu überhören. Schließlich klappt auch dies:
„Keine Angst, Señora, Ihr Zug fährt erst dann ab, wenn das gesamte Gepäck aufgeladen worden ist“, versichert ihr der freundlich lächelnde Zollbeamte in fließendem Deutsch. Dann signalisiert er einem der Träger, die drei Handkoffer auf seine Karre aufzuladen, nimmt die beiden Kinder an die Hand und begleitet sie und Clarissa zum Bahnsteig. Mit einem Blick vergewissert sie sich, dass inzwischen auch ihre Seekoffer dort angelangt sind und in einen der Frachtwaggons am vorderen Ende des Zuges verladen werden. Mit einem zackigen Gruß an den Schirm seiner Dienstmütze verabschiedet sich der nette Zollbeamte und wenig später rollt der mit lauter Immigranten hoffnungslos überfüllte Zug langsam aus dem Bahnhof von Arica.
Glücklicherweise finden Clarissa und die Kinder das für sie reservierte Schlafwagenabteil, das sie sich mit zwei älteren Damen teilen. Eine der beiden stellt sich als Fräulein Roth vor und nimmt sich besonders nett der kleinen Lissy an.
Die 486 Kilometer lange, eingleisige Engspur-Bahnstrecke zwischen dem chilenischen Meereshafen Arica und Boliviens größter Stadt, La Paz, bedarf normalerweise einer Fahrzeit von zweieinhalb Tagen und zwei Nächten. Sie läuft zunächst kilometerweit quer durch die Atacama-Wüstenebene und entlang einiger endloser Salzseen. Später klettert sie mühsam hinauf bis zu dem 4.000 Meter über Meereshöhe gelegenen Pass, mitten durch die mit ewigem Schnee bedeckten Fünftausender der mächtigen Anden. Danach führt sie entlang der Altiplano-Hochebene und schließlich etwa 400 Meter in die Talsenke hinab, in der die Stadt La Paz zu Füßen des mächtigen und wunderschönen, mit ewigem Schnee bedeckten Berges Illimani liegt.
In den Frühstunden des nächsten Reisetages, irgendwo inmitten der bereits aufgeheizten und trockenen Geröllwüste, passiert es: Ein heftiger Ruck erschüttert den gesamten Zug, ein lautes Quietschen auf den Schienen, dann stehen die Waggons still. Durch den Bruch eines der Vorderräder der altersgestressten Dampflok ist diese entgleist und in eine tiefe Kuhle hinabgeglitten. Nun liegt sie rechts neben dem Bahndamm auf der Seite. Der beim Entgleisen tödlich verunglückte Lokführer ist das einzige Opfer, das zu beklagen ist, denn – Glück im Unglück – beim Sturz der Lok bricht deren Kupplungszapfen zum ersten Waggon, sodass der Rest des Zuges aufrecht auf den Gleisen stehen bleibt.
Die meisten Reisenden, so auch Clarissa und Oliver, so plötzlich aus dem Schlaf gerissen, springen erschrocken aus den Waggons auf den recht viel tiefer gelegenen Bahndamm. Jene wenigen Erlesenen, welche die besondere Gunst eines Schlafwagens genießen, sind meist barfuß und im Schlafanzug oder Nachthemd. So rasch, wie sie vom Waggon heruntergesprungen sind, klettern sie mühsam auch wieder hinauf, denn der sandige Boden des Bahndammes ist von den unbarmherzigen Sonnenstrahlen bereits gleißend erhitzt. Eilig hebt Clarissa Oliver wieder in den Waggon und klettert selbst hinterher. Sie gehen in ihr Abteil zurück. Lissy hat von alledem nichts bemerkt und schläft noch friedlich in ihrer Koje.
Während des Tages steigt die Temperatur auf über 40 Grad Celsius und in den Waggons wird es sowohl für die Passagiere als auch für das Bahnpersonal unerträglich heiß. Nach kurzer Zeit sind Getränke und auch das Trinkwasser versiegt, weit und breit ist in der immensen Wüstenei kein Schatten zu entdecken. Auch die Speisereserven im Restaurantwaggon sind wegen des Ansturms bald erschöpft. Erst als sich die Sonne gegen Nachmittag dem Horizont nähert, unternehmen zwei Schaffner den weiten, mühevollen Fußmarsch zur nächstgelegenen Station, um Hilfe anzufordern. Eine brauchbare telegraphische Verbindung gibt es hier nicht mehr, denn immer wieder werden die Kabel entlang der Bahnstrecke von Dieben geklaut. Die große Hoffnung einiger Passagiere auf rasche Abhilfe wird vom Zugführer jäh gedämpft: Es wird wohl mindestens noch einen weiteren Tag dauern, bis eine neue Lok aus dem über 300 Kilometer entfernten La Paz zu Hilfe herankommt.
Gegen Abend, als Clarissa die Kinder wieder ins Bett bringt, bemerkt sie, dass Olivers Kopf ungewöhnlich heiß ist. Etwas später wacht er auf und klagt über heftige Bauchschmerzen. Zudem hat er starken Durchfall. Gerade noch schafft es Clarissa, ihn zur bereits sehr übel stinkenden Toilette zu bringen. Aus ihrem Köfferchen holt sie ein Thermometer, das kurz darauf fast 39 Grad Fieber anzeigt. Sie erfährt, dass im dritten Schlafwagen ein Arzt sei, und holt diesen – sein Name ist Dr. Blumberger – herbei. Er untersucht Oliver und tastet Bauch und Magen ab. „Die ganze Abdominalgegend ist irgendwie verhärtet, Sie sollten baldmöglichst einen Arzt aufsuchen. Ich gebe Ihnen ein Schmerzmittel, damit der Junge erst mal zur Ruhe kommt.“ Dr. Blumberger überreicht Clarissa ein kleines Fläschchen. „Geben Sie ihm, solange er wach ist, stündlich zehn Tropfen.“
Die bittere Medizin verhilft Oliver zu einem ruhigen Schlaf. Auch die übrigen Passagiere im Abteil verbringen eine erholsame Nacht, denn der nächtliche Temperatursturz in dieser Gegend ist beachtlich und bringt endlich die ersehnte Abkühlung. Unbemerkt von den Passagieren macht sich die Zugbesatzung in der kühlen Dunkelheit an die Bergung der Leiche des verunglückten Lokführers. Sie wird in eine Plane gehüllt und in einen der Frachtwaggons verbracht.
Am nächsten Morgen gibt es für alle nur ein karges Frühstück: einen Becher Tee und ein halbes, vertrocknetes Stück Weißbrot – wohl die letzten schäbigen Reste aus dem Bordrestaurant. Bald brennt die Sonne wieder gnadenlos vom azurblauen, wolkenlosen Himmel herab und verbreitet abermals eine schier unerträgliche Hitze. In Clarissas Abteil hat man sich darauf geeinigt, Fenster und Tür mit sämtlichen vorhandenen Handtüchern zu verhängen und abzudichten. Nur die Tür zum Gang wird einen Spalt offen gehalten, um wenigstens ein wenig Luftaustausch zu gewährleisten. Trotz leichtester Bekleidung liegen alle schwitzend in ihren Kojen und dösen vor sich hin. Mittags bringen die Schaffner jedem Passagier eine Tasse mit gekochtem Reis. Dazu einen kleinen Becher mit einer roten, sehr scharfen Soße. Diejenigen, die diese probieren, erleben zum ersten Mal das Ají-Feuer auf ihren europäischen Geschmackspapillen, denn so werden diese äußerst scharfen Schoten in Bolivien genannt, die man in Deutschland als Chili oder Peperoni kennt und die sich üblicherweise in mehr oder weniger konzentrierter Form in nahezu allen Nationalgerichten Boliviens wiederfinden.
Nur langsam vergehen die Stunden. Das Warten auf die Ersatzlok wird immer verzweifelter. Eine Frau mittleren Alters ist offensichtlich mit ihren Nerven am Ende und schreit laut umher: „Wozu habe ich mich vor den Nazis gerettet, um hier, inmitten dieser verfluchten Einöde, elendig zu verrecken?“ Dr. Blumberger gibt ihr eine Beruhigungsspritze.
Mehrmals am Tage muss Oliver sich von seinem Durchfall erleichtern. Gegen Abend erhöht sich seine Temperatur abermals und Clarissa gibt ihm wieder die vom Arzt erhaltenen Tropfen. Zum Abendmahl „servieren“ die Schaffner diesmal jedem eine Tasse Nudelsuppe – man hat noch etwas sauberes Trinkwasser aus dem Tank der verunglückten Lokomotive abzapfen können –, die von allen gierig verschlungen wird. Gekocht wurde im Freien, auf dem offenen Feuer, das mit den Kohlen aus dem Tender gespeist wurde. Früh legen sich alle zur Ruhe. Es gibt nicht einmal mehr elektrisches Licht – die Batterien sind leer.
Kurz nach Mitternacht wacht Clarissa von dem lauten Pfeifen einer Lokomotive auf. Die lang ersehnte Rettung ist endlich da! Langsam schiebt sich die Lok an den ersten Waggon des Zuges heran. Die gebrochene Kupplung wird notdürftig repariert und nach ungefähr einer weiteren Stunde setzt sich der Zug sanft in Bewegung.
Gegen Morgen, während die ersten Passagiere in dem an der letzten Haltestelle mit neuem Proviant versehenen Bordrestaurant frische Frühstücksbrötchen sowie gebratenen Schinken mit Rührei zusammen mit dem frisch gebrühten Kaffee genießen, schnauft sich die Lok langsam zu den hoch gelegenen Anden hinauf.
* * *
Als Josef Rembowski seinen Freund und Geschäftspartner Heiko Keller etwa ein halbes Jahr vor der soeben geschilderten abenteuerlichen See- und Bahnreise Clarissas bereits am Bahnhof von Viacha, zwei Stationen vor La Paz, überraschend in dessen Schlafwagenabteil des Zuges, der ihn aus Buenos Aires herangebracht hat, aufgetaucht war, hatten die beiden natürlich unendlich viel Gesprächsbedarf, um sich gegenseitig, wenigstens mit dem Wichtigsten, auf den neuesten Stand zu bringen. Die beiden sind von ihrer frühen Kindheit an zusammen in Oldenmoor aufgewachsen und im Laufe der Jahre enge Freunde geworden. Es war schließlich auch Josef, der Heiko, Clarissa und deren Kinder die Einreise nach Bolivien ermöglicht hat.
Seit seiner Geburt in Polen leidet Josef körperlich und seelisch wegen seines verwachsenen Fußes. Als er in Oldenmoor um die Holstenhof-Tochter Frauke Eggers warb, wurde ihm die Verbindung mit seiner Geliebten seitens deren Eltern, vorwiegend durch den extrem nationalsozialistisch eingestellten Vater, sowohl wegen der „undeutschen“ Herkunft als auch seines körperlichen Makels in übelster Art und Weise verwehrt. Deshalb ist Josef zusammen mit seiner Verlobten bereits vor eineinhalb Jahren zunächst nach Saarbrücken und von dort aus nach Paris verzogen, wo sie bei der Hutmacherin Françoise, Fraukes Cousine, untergekommen sind. Josef hat eine überraschend größere Erbschaft seiner Tante, eine gut gehende Bäckerei im polnischen Lodz, gewinnbringend verkauft und den Erlös in amerikanische Dollar umgewandelt. Diese wurden auf einem Konto in den USA deponiert. Mit diesem soliden finanziellen Guthaben gab es für Josef und Frauke keine Hindernisse, an ein bolivianisches Einreisevisum heranzukommen. Die einzige Auflage war, dass sie sich nach ihrer Ankunft der Landwirtschaft zu widmen hätten. Eine Sondergenehmigung zur Errichtung einer Bäckerei hat Josef gegen Zahlung eines Sonderbonus dem bolivianischen Konsul in Bordeaux auch noch abgerungen.
In La Paz angekommen, haben Frauke und Josef zunächst standesamtlich geheiratet. Mit Glück fanden sie ein großes Haus mit mehreren Zimmern, Innenhof, Küche und Bad in einer kleinen Sackgasse, die von der Avenida Ecuador im Nobelviertel Sopocachi abgeht. Josef und Frauke mieteten es und tauften es wegen seiner Außenfarbe auf den Namen „Casa Azul“ – „Blaues Haus“. Sie nahmen sich vor, darin einigen der so zahlreich in Bolivien eintreffenden Flüchtlinge eine erste Bleibe zu bieten. Durch Zufall wurden sie kurz darauf fündig und erwarben eine Hacienda, ein landwirtschaftliches Gut, das zum Verkauf stand. Es befindet sich in der subtropischen Region der Yungas, etwa 80 Kilometer von La Paz entfernt. Dort sind auch einige der von den Rembowskis unterstützten Flüchtlinge untergekommen, die noch dazu ihre Erfahrung in der Landwirtschaft einbringen konnten, etwas, woran es Josef in der ersten Zeit mangelte. Die Flüchtlinge verdienten sich ihren Lebensunterhalt auf der Hacienda, indem sie emsig beim Aufbau eines langsam, aber sicher Ertrag bringenden Agrarunternehmens mithalfen.
Etwa ein Jahr später zogen Frauke und Josef hinüber in eine kleine, möblierte Villa direkt gegenüber der Casa Azul. Sie gehörte einer französischen Dame, Madame Isabel, Ehefrau von Señor René Adrian senior, ein erfolgreicher Warenimporteur, der ständig auf Geschäftsreise war. Madame Isabel wohnte mit ihrem Mann und dem Söhnchen René junior, den sie liebevoll „Pirulo“ nennen, in einem größeren Einfamilienhaus nebenan, in dem auch ihr Atelier untergebracht war. Sie war Hutmacherin und konnte Fraukes Hilfe in ihrem kleineren stilvollen Salon sehr gut gebrauchen, da diese beim Parisaufenthalt bei ihrer Cousine Françoise von dieser gründlich in die ersten Schritte dieses Metiers eingeführt worden war. So entwickelte sich nach und nach „Maison Isabel“ zu einer bekannten Adresse für jene gehobene Schicht der modebewussten La Pazer Damenwelt.
* * *
Nachdem Heikos Zug von El Alto in ausgedehnten Schleifen langsam den Abhang bis zur Estación de Trenes in La Paz überwunden hat und dort endlich im Bahnhof eingefahren und zum Halten gekommen ist, steigen er und Josef aus. Heiko verabschiedet sich von seinem Abteilgefährten, dem sympathischen Herrn Aaron Levy, mit dem er während der viertägigen Überfahrt sehr angenehme und interessante Gespräche führen konnte. Nachdem Heiko von Josef seine neue Adresse erfahren hat, tauschen die beiden Herren ihre Anschriften aus und verabreden ein baldiges Wiedersehen.
„Langsam, langsam, lieber Amigo, du befindest dich hier immer noch auf 3.800 Meter über dem Meer. Hier ist die Luft sehr dünn und du und dein Körper müssen sich erst allmählich darauf einstellen“, mahnt Josef den voreiligen Heiko, der geschwind nach seinem Gepäck sehen will. „Außerdem ist es hier nicht üblich, sein Gepäck selbst zu tragen, dafür sind die Cargadores da. Sieh mal, dort.“ Er deutet auf einen bizarr in weißes Rohleinenhemd und Hose gekleideten, dunkelhäutigen Einheimischen – ein Indio mit einem bunten Poncho und einer mit Ohrenklappen versehenen Zipfelmütze aus braun-weiß gefärbter Lamawolle auf dem Kopf. Er trägt einen riesigen Schiffskoffer huckepack, den er mit einem grob gegerbten, rauen Rindlederseil befestigt hat, welches über seiner Brust straff verknotet ist. In raschen kleinen Schritten auf seinen mit ausgedienten Autoreifen besohlten Sandalen folgt der Lastenträger einer in einem weiten, ausladenden Faltenrock gekleideten, ebenso dunkelhäutigen Frau, die sich einen fein gewebten Umhang über die Schultern geworfen hat und einen eigenwillig geformten, festen Filzhut trägt. „Dies ist eine der hiesigen Mischlingsfrauen, eine Chola“, erklärt Josef. „Du wirst dich noch auf so manche Eigenart der heimischen Bevölkerung einstellen müssen. Aber nun lass uns erst einmal dein Gepäck holen.“
Nachdem der Träger Heikos beide Handkoffer in dem Kofferraum von Josefs Auto – es war ein schmucker Packard Sedan Modell 1933 – verstaut und Josef ihm ein paar Münzen in die Hand gedrückt hat, fahren sie hinunter in die Stadt.
Im Vorbeifahren gewinnt Heiko die ersten Eindrücke von seiner neuen Heimat. Verwundert nimmt er das für ihn ungewöhnliche Straßenbild wahr. Sie fahren entlang der meist ein- bis zweistöckigen Gebäude mit in allen Farben gestrichenen Wänden und er sieht eine unendliche Schar von dunkelhäutigen Passanten in ihrer außergewöhnlichen Kleidung. Fasziniert betrachtet Heiko eine asthmatisch anmutende elektrische Straßenbahn, die mühevoll eine steile Straße emporklimmt.
Zutiefst gerührt von der Wiedersehensfreude umarmen sich kurz darauf Frauke und Heiko mit feuchten Augen. Frauke erwartet sie zur Begrüßung mit einem schmackhaften Mittagessen. Danach begleiten sie und Josef Heiko über die enge Straße hinüber in die Casa Azul, wo sie für ihn und die hoffentlich bald nachkommende Clarissa samt Kindern bereits eines der Zimmer eingerichtet haben.
* * *
Als der Zug in einer Höhe von etwa 4.000 Metern über Meereshöhe die Grenze zwischen Chile und Bolivien bei Charaña überschreitet, erfolgt hier die Passkontrolle. Bei mehreren Reisenden stellen sich bereits Atembeschwerden ein. Die Schaffner verteilen ein probates Mittel der Einheimischen gegen dieses Unwohlsein, den sogenannten Soroche, einen heißen Mate de Coca, ein Aufguss aus jenen Cocablättern, die von den andinen Indios ständig gekaut werden. Auch auf Oliver übt der Trunk vorübergehend eine die quälenden Bauchschmerzen lindernde Wirkung aus. Dennoch ist sein Fieber bereits auf besorgniserregende 39,7 Grad gestiegen und Dr. Blumberger greift zur Notbremse, indem er dem Jungen Chinintabletten verabreicht.
Als der Zug gegen Abend des nicht enden wollenden vierten Reisetages in die Station von Viacha einfährt, überraschen plötzlich Heiko und Josef Clarissa und die Kinder in ihrem Schlafwagenabteil. Unendlich groß ist die Wiedersehensfreude, viele Küsse und Umarmungen folgen. Der arme Oliver kriegt in seiner Fiebertrance kaum etwas mit. Er wackelt mit dem Kopf auf dem Kissen hin und her und murmelt: „Papilein, mein lieber Papilein ist wieder da!“ Während Heiko bei seiner Familie bleibt, steigt Josef gerade noch rechtzeitig aus dem Zug und fährt mit seinem Auto geradewegs nach La Paz voraus, um für die ärztliche Versorgung Olivers zu sorgen.
Als der Zug dann endlich im Bahnhof von La Paz einfährt, ist Josef mit der geräumigen Limousine zur Stelle. Rasch sind Handgepäck und Reisende eingeladen. Während sie hinunter in die Stadt fahren, beruhigt Josef Clarissa und Heiko, die sich um den stöhnenden Oliver Sorgen machen. „Ich habe Dr. Salomon, einen Emigranten, benachrichtigen lassen, er wird morgen früh kommen, um Oliver zu behandeln. Und um euer großes Gepäck kümmere ich mich ebenfalls gleich morgen früh, ihr müsst mir dafür aber die Frachtpapiere geben.“ Es ist schon spät in der Nacht, als die Kinder in der Casa Azul in ihren Betten liegen und Heiko und Clarissa in ihrer neuen Heimat endlich ein wenig zur Ruhe kommen. „Träume etwas Schönes, Prinzessin“, murmelt Heiko seiner Frau leise ins Ohr. „Du weißt ja: Was man in der ersten Nacht in seinem neuen Bett träumt, wird wahr.“ Clarissa hört diese Worte nicht mehr. Erschöpft ist sie in Heikos Arm eingeschlafen.
2. La Casa Azul
Zwei Monate später, im Juli 1940
Clarissa, die inzwischen das Küchenregiment in dem mit sechzehn Personen voll belegten Haus führt, hat zusammen mit ihren beiden Gehilfinnen, Sara Kahn und Ruth Kovacs, den umfangreichen Abwasch bewältigt. Sie cremt die von der ihr noch ungewohnten, harten Küchenarbeit geröteten und etwas wund gewordenen Hände mit Melkfett ein. Dann setzt sie sich an den großen Tisch im Esszimmer, an dem sonst alle Bewohner der Casa Azul gemeinsam ihre Mahlzeiten einnehmen.
Seit ihrer Ankunft in La Paz hatte sie noch keine Gelegenheit, ihre sonst übliche Unterhaltung mit dem geliebten Tagebuch zu führen. Zu viele Ereignisse sind in dieser Zeit auf sie eingestürzt und sie hat nun allerhand nachzuholen. Clarissa legt sich das Tagebuch zurecht, zieht den inzwischen vertrockneten Füllfederhalter mit der von Heiko gestern mitgebrachten Tinte auf und legt in freudiger Erwartung auf das, was sie nun zu Papier bringen wird, los:
Liebes Tagebuch, es ist so viel passiert, seit ich die vorangehenden Seiten geschrieben habe. Es war Lissys fünfter Geburtstag, der Tag, an dem wir endlich in Arica von Bord der MN Conte Biancamano gingen, oder, besser gesagt, von starken Matrosenarmen in die wild umhertanzenden Ruderboote getragen wurden. Ich war erstarrt vor Schrecken und Angst. All das kommt mir auch heute noch wie ein aufbrausender Traum vor, von dem ich erst wieder allmählich erwachte, als wir endlich an Land waren. Dann kam die Aufregung wegen der Verladung des ganzen Gepäcks. Oliver hatte zwar bemerkt und mir zugerufen, dass einer unserer Schiffskoffer ins Wasser gefallen sei, doch ich nahm das erst in der Zollhalle wahr. Zur Besinnung kam ich erst wieder, als wir endlich im fahrenden Zug waren.
Dann, mitten in der Nacht, das entsetzliche Entgleisen der Lokomotive. Der arme Lokführer kam dabei ums Leben. Schließlich die schlimmen, endlosen Wartestunden in der Wüstenhitze, ohne Wasser und ordentliches Essen! Ich kann mir nicht helfen, mir kam doch der Gedanke, dass die bösen Geister, vor denen wir aus Deutschland geflohen waren, uns noch weiter verfolgten. Offensichtlich hat Klein Lissy, Gott sei Dank, die Strapazen ohne seelische und körperliche Kratzer überstanden, leider aber nicht unser lieber Oliver, der unterwegs ganz plötzlich von starken Bauchschmerzen, Durchfall und hohem Fieber befallen wurde. Ich bin Dr. Blumberger ewig dankbar dafür, dass er uns in der Not half. Er riskierte dabei so manches, da er ja hier noch nicht als Arzt zugelassen ist! Ich kann nur hoffen, dass niemand ihn verpetzt.
Jedenfalls besuchte uns schon am Morgen nach der Ankunft der Arzt Dr. Salomon – von dem ich etwas später erfuhr, dass er zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls noch keine bolivianische Zulassung hatte. Dieser untersuchte Oliver und stellte die Diagnose, der Junge leide unter akuter Blinddarmentzündung und müsse umgehend operiert werden. Er verständigte daraufhin sofort die Klinik des Chirurgen Dr. Aparicio in der Avenida Arce. Heiko und Josef, der inzwischen auch schon etwas Spanisch spricht, verhandelten mit der Klinik, in die Oliver zwei Tage später eingeliefert wurde, wo er am darauf folgenden Tag seinen Blinddarm nebst zwei weiteren Drüsen, die den Operateuren auffällig erschienen, opferte. Mein armer Liebling litt noch während einer weiteren Woche unter den Operationsschmerzen, aber wenigstens waren sowohl das Fieber als auch der hartnäckige Durchfall besiegt.
Nachdem Oliver vom Krankenhaus zurück nach Hause gekommen war, brauchte er noch etwa zwei Wochen, um sich von dem schweren Eingriff zu erholen. Er war vollkommen abgemagert und musste erst wieder zu Kräften kommen. Langsam kehrte auch etwas Farbe in seine blassen Wangen zurück. Lissy und er verstehen sich prima und spielen unbeschwert miteinander. Die Sackgasse, der Callejón Ecuador, in der sich unsere Casa Azul befindet, wird kaum von Autos befahren, und so sind die Kinder an der Luft und unter der zumeist scheinenden Sonne ungefährdet. Inzwischen haben Frau Adriáns Sohn, der ein Jahr jüngere Pirulo, Lissy und Oliver nähere Bekanntschaft gemacht und Freundschaft geschlossen und die drei Kinder spielen auch öfter im Garten des Hauses. Erstaunlich ist, dass Oliver und Lissy jeden Tag mit neuen spanischen Wörtern nach Hause kommen – erfreulich, wie sie diese im Fluge aufnehmen.
Unser jetziges Zuhause teilen wir mit einem Dutzend weiteren, ebenso wie wir hier gestrandeten Leuten. Dieses geräumige Blaue Haus, das Josef uns so großzügig kostenlos zur Verfügung stellt, umfasst acht unterschiedlich große Zimmer, wovon der größte und zentrale Raum, der einerseits direkt mit der Küche verbunden ist und dessen lang gezogene Front zum Innenhof zeigt, uns allen als Speisesaal dient. Unsere Mitbewohner sind durchweg von Hitlers Rachsucht kunterbunt zerstreute Menschen, von denen wir als einzige die ungarische Familie Samuel, Ruth und Moses Kovacs bereits aus Oldenmoor kennen. Auch ihnen half letztlich Josef, aus Nazi-Deutschland zu entkommen, und bot ihnen hier als Erstes diese Unterkunft.
Inzwischen ist es Schuhmacher Kovacs gelungen, eine Arbeitsstelle an der Ledernähmaschine beim Koffermacher Freudenthal zu bekommen, worüber er natürlich sehr glücklich ist. Mein ehemaliger Grundschüler, sein Sohn Moses, ist jetzt sechzehn Jahre alt, besucht die Tertia an einem staatlichen Gymnasium, hat ziemlich rasch Spanisch gelernt und kommt gut im Unterricht mit. Er ist zu einem hübschen jungen Mann herangewachsen und die Eltern können stolz auf ihn sein. Auch seinen besonders geliebten Geigenunterricht durfte er dank einer glanzvoll bestandenen Aufnahmeprüfung am Conservatorio Nacional de Música, das ihm daraufhin ein Stipendium gab, wieder aufnehmen. Wir hören ihm gern zu, wenn er auf dem Hof stundenlang seine Etüden übt.
Dann ist da das Ehepaar Sturm aus Nürnberg. Max ist Jude, seine Ehefrau Elfriede katholisch. Sie folgte ihm freiwillig ins Exil, als man von ihr verlangte, sie solle sich doch „von dem Juden scheiden lassen“. Man merkt ihr aber an, dass sie unter den jetzigen Umständen seelisch leidet. Bis wir hier eintrafen, hat sie in der Küche gewirkt, angeblich war man aber mit den von ihr zubereiteten Speisen nicht sehr zufrieden. Obwohl ein wenig polterig, ist der ziemlich korpulente Max doch eigentlich sympathisch, wären da nicht die übel riechenden Zigarrenstumpen, die er gelegentlich raucht. Wir mussten ihn deshalb bitten, dies entweder auf dem Hof oder auf der Straße vor dem Hause zu tun.
Ehepaar Jakob und Sara Kahn mit den beiden Kindern Thea (13) und Alfred (ebenso alt wie Oliver) sind aus Gera in Thüringen geflüchtet und bewohnen zwei Zimmer. Beide Kinder besuchen die hiesige jüdische Schule. Herr Kahn ist für Josef als fleißiger Vertreter tätig und verkauft in der Stadt die landwirtschaftlichen Erzeugnisse der Hacienda, denn gut sortierte Lebensmittelläden wie bei uns in Deutschland gibt es hier nicht. Die benötigten Esswaren kauft man hier entweder auf dem Mercado – Markt – oder in kleinsten, dunklen Tiendas, das sind Gewölbe, in denen Indiofrauen nebst einigen wenigen Konservenbüchsen nur die hier üblicherweise vorhandenen Erzeugnisse feilhalten. Die Immigranten sind froh, wenigstens ab und zu ihnen von zu Hause bekannte Gemüsearten wie Rot- und Weißkohl, grünen Salat, Gurken, Radieschen, Schnittlauch und Rote Beete, aber auch frische Butter und Eier sowie Weißkäse, Quark und Buttermilch angeboten zu bekommen. Gelegentlich gibt es bei Herrn Kahn sogar frisch geschlachtetes Kaninchen- oder Kalbfleisch zu kaufen.
Ein kleineres Einzelzimmer wird von dem pausenlos Zigaretten rauchenden Herrn Ullmann bewohnt, ein kauziger Mathematiker aus Marburg, der felsenfest davon überzeugt ist, das Rätsel der Quadratur des Zirkels lösen zu können. Heiko sagt, es könne sich nur um einen großen, netten Fantasten handeln, denn es sei allseits bekannt, dass es für diese Scheinaufgabe keine Lösung gäbe. Irgendwie erinnert mich dieser nett daherschauende alte Mann an unseren lieben Onkel Suhl.
Ungefähr einen Monat vor meiner Ankunft mit den Kindern belegten Fritz und Fritzie Grünbach, ein jüdisches Wiener Paar, das einzige bis dahin noch freie Zimmer. Sie wohnten zunächst in Boliviens Hauptstadt, Sucre, zogen aber gern her, nachdem man Frau Fritzie eine Stellung als Biologie-Laborantin beim hiesigen Servicio de Sanidad, dem staatlichen Gesundheitsdienst, angetragen hatte. Sie nahmen dankend an, denn bisher konnten weder Fritz als Architekt noch sie in Sucre entsprechende Arbeit finden. Beide sind sehr lustige Leute, Fritz erzählt immerzu Witze. Es ist gut, dass sie im Hause sind, denn die meisten von uns müssen das herzhafte Lachen erst wieder lernen.
Und schließlich bewohnen wir, die vier Kellers, gemeinsam das verbliebene der acht Zimmer. Hier haben wir den besonderen Luxus, über ein eigenes Waschbecken zu verfügen, müssen uns also nicht alltäglich mit den anderen vor der Tür zum Badezimmer anstellen. Allerdings verfügen wir alle zusammen nur über ein einziges Spülklosett, das erfahrungsgemäß immer dann gerade besetzt ist, wenn man besonders dringend muss. Wir schlafen auf vier einfachen Eisenbetten, haben dazu noch zwei Nachtkästchen und einen mittelgroßen Schrank, in dem naturgemäß nur sehr wenig Raum für die von vier Personen benötigte Kleidung ist. Deswegen haben wir unsere gesamte Habe aus den zwölf Schiffskoffern derart umgepackt, dass sich das alltäglich Nötige in zwei dieser Koffer befindet, die aufeinandergestapelt in einer Zimmerecke stehen. Unser erstes apartes „Möbelstück“ habe ich mit einem bunt gewebten, großen Indioteppich drapiert, den ich auf dem Markt erstanden habe. Die restlichen zehn Koffer lagern zusammen mit dem vielen Gepäck unserer Mitbewohner in einem Schuppen hinter Josefs Villa. Im Haus ist dafür einfach kein Platz.
Es gibt einen Wochenplan, nach dem die Nutzung der Wanne im Badezimmer für jede Partie genau eingeteilt ist. Hierfür wird ein gefährliches Ungetüm, genannt „Calefón“, in die bereits mit Wasser gefüllte Wanne gestellt. Dieser Tauchsieder ist ein Holzgestell, das mit einer mit mehreren Löchern versehenen Linoleumhülle bespannt ist. In dem Gestell glühen fünf Elektro-Heizspiralen, sobald man den ungeschützten, zweipoligen Steckschalter an der Wand betätigt, der mittels eines Verbindungskabels mit dem Gerät verbunden ist. Nur darf man dann nicht ins Wasser greifen, denn das gibt einen augenblicklichen, den Tod bringenden Stromschlag! Mir ist jedes Mal unheimlich, wenn ich in die Wanne steige, und das, obwohl dieses Monstrum bereits abgeschaltet und aus dem Wasser entfernt worden ist. Übrigens müssen, damit das Gerät auch die volle Leistung bringen kann, gleichzeitig sämtliche Lampen im Hause ausgeschaltet sein, sonst brennt beim Einschalten des Calefóns auf der Stelle eine Hauptsicherung durch!
Wie schon angedeutet, hat mir bald nach der Ankunft Josef hier die Regie in der Küche übertragen, denn das, was die einfältige Elfriede Sturm den Bewohnern vorgesetzt hat, war in der Tat nicht immer genießbar. So gab es hier für mich zunächst wirklich viel Neues zu lernen!
Erst einmal Grundsätzliches: Hier, auf einer Höhe von 3.800 Metern, kocht Wasser nicht erst bei 100 °C wie auf Meereshöhe, sondern bereits bei 84 °C! Dies ist bedingt durch den verminderten atmosphärischen Druck in dieser Höhe. Das hatte ich ja auch irgendwann im Flensburger Lehrerseminar gelernt, aber natürlich längst wieder vergessen! Das bedeutet, dass man viel mehr Zeit als bei uns zu Hause braucht, um Speisen zu garen. Besonders schwierig ist es beim Fleisch – dies muss endlos lange kochen und ist dann meistens total ausgelaugt und faserig. Zudem sind alle Speisen, wenn sie auf den Tisch kommen, höchstens noch lauwarm, aber daran kann man sich schnell gewöhnen. Es soll ja auch nicht so gesund sein, immer so heiß zu essen, hat Fritzie Grünbach uns kürzlich verkündet. Sie muss es ja wissen, als Biologin.
Da ich soeben das Thema „Wasser“ erwähnte: Leitungswasser aus dem Hahn ist hier keineswegs gleichzusetzen mit gesundem Trinkwasser. Das ursprünglich reine Wasser stammt aus der Schneeschmelze in den hohen Bergen, fließt aber zunächst über offene Kanäle und Rohrleitungen in die Stadt und wird auf diesem Wege durch Tier und Mensch verunreinigt. Wir dürfen deshalb niemals ungekochtes und ungefiltertes Wasser trinken oder zum Waschen von roh essbaren Lebensmitteln verwenden. Auf dem Innenhof wurden zwei große Berkefield-Filter aufgestellt, die mit dem vorab mindestens zehn Minuten lang abgekochten Wasser nach dem Abkühlen befüllt werden. Das Wasser dringt durch die Keramikpatronen und wird dabei von Schwebestoffen befreit und gereinigt.
Viele Immigranten waren bereits von den im Leitungswasser mitgeführten Krankheitserregern, vor allem Typhusbakterien, befallen und erkrankten schwer. Etliche von ihnen sind sogar daran gestorben. Josef hat uns deshalb, wie auch alle anderen Hausbewohner, zur Typhusimpfung zum Amerikanischen Gesundheitsdienst gebracht, wo wir eine sehr schmerhafte Spritze erhielten. Fast alle hatten an den nachfolgenden zwei bis drei Tagen erhöhte Temperatur und der Oberarm war um die Einstichstelle herum stark gerötet und tat recht stark weh. Einige Wochen danach mussten wir noch einmal dorthin und wir wurden gegen Viruela, die schwarzen Pocken, geimpft, die hier ebenfalls überall grassieren. Beide Impfungen müssen alljährlich wiederholt werden.
Ebenso bedeutend: In dieser Höhe hat die Luft beachtlich weniger Sauerstoff, deshalb geht einem beim schnelleren Gehen oder gar bei einer der vielen steil ansteigenden Straßen in dieser Stadt rasch die Puste aus. Aus gleichem Grunde ist das Anzünden der primitiven, einflammigen „Primus“-Petroleumkocher, auf denen wir die Mahlzeiten zubereiten, schwierig und etwas langwierig: Zunächst wird ein Stück zusammengedrehtes Zeitungspapier mit einem Streichholz angezündet und in die Düsenwanne des Primus hineingesteckt, damit sich diese Stelle erwärmt. Man könnte das auch mit leichter entzündlichem Brennspiritus tun, denn dafür ist eigentlich die kleine Wanne am Kocher vorgesehen, aber dies ist umständlich und auch gefährlicher, weil der Spiritus leicht überläuft und dann beim Anzünden ein wildes Feuer entfachen kann. Brandflecken am Küchentisch bezeugen, dass so etwas schon passiert ist! Also: Wenn das Papier fast abgebrannt ist, dreht man die Verschlussschraube am Petroleumtank dicht und setzt diesen mittels Kolbenpumpe unter Druck, damit das Petroleumgas aus der Düse in die Brennkammer des Primus strömt. Hat man seltenes Glück, entzündet sich ein Kranz mit vielen kleinen blauen Flämmchen. Oder es ragt eine giftgelbe Flammfahne empor, die wild rußt und erbärmlich stinkt! Wir verfügen über zwei kleinere und ein großes dieser Ungeheuer.
Noch eine unliebsame Begleiterscheinung beim Kochen auf den Primuskochern ist, dass die Töpfe von dem Petroleum stark verrußen. Dieser klebrige, schwarze Belag lässt sich nur durch starkes Scheuern mit einem Naturkalksteinpulver entfernen, das die Indios uns als „Pockhe“ an der Tür verkaufen. Entsprechend gerötet und wund sehen unsere armen, geschundenen Hände nach dieser Operation aus.
Wie bereits beim Anheizen des Badewassers erwähnt, haben wir im Hause zwar elektrischen Strom, aber die geringe Leistung, die jedem Haushalt von der Bolivian Power Co. zugeteilt wird – so heißt hier die Firma, die den Strom liefert –, reicht gerade einmal für die etwa fünfzehn 25-Watt-Funzeln für unsere Zimmerbeleuchtung. Und auch das ist oft ein Glücksspiel, denn Stromausfälle sind hier an der Tagesordnung.
Nicht zu vergessen der obligate tägliche Gang zum Einkaufen in dem fünfzehn Minuten Fußmarsch entfernten Frischmarkt, dem Mercado Sopocachi. Obwohl ich mich in Begleitung von Frau Kahn befand, wurde mein dortiger erster Besuch zum Kulturschock. Abgesehen von den unbeschreiblichen Gerüchen, die einem beim Betreten des geschlossenen Gebäudes entgegenwehen, trifft man darin auf etwa drei Reihen von etwa einem Meter vom Boden erhöhten Betonpodesten, auf denen die mit bunten Polleras und den typischen steifen Filzhüten bekleideten Marktcholas inmitten ihrer Waren thronen. Meistens tragen sie auch noch ein in ein buntes Tuch stramm eingewickeltes Kleinkind auf dem Rücken.
Die Indios nennen ihre Neugeborenen „Guaguas“.
Ich musste erst einmal hinausgehen und tief Luft holen. Dann wagte ich mich wieder hinein und folgte meiner Begleiterin, die nach und nach die auf dem Einkaufszettel auf Spanisch gelisteten Lebensmitteln bei den Marktfrauen anfragte und versuchte, die natürlich für uns vorab schamlos erhöhten Preise herunterzuhandeln. „Gringos“ haben Geld und müssen mehr zahlen als die Einheimischen. So wenigstens denken hier viele Indios und Mischlinge, die Cholos und Cholas. Wir notieren uns vorweg die Maximalpreise, die wir bereit sind, für die benötigten Artikel zu zahlen. Das Feilschen überlasse ich liebend gern Frau Kahn, denn sie spricht besser Spanisch als ich und ist dabei auch hartnäckiger. Dann ist da noch eine typische Eigenart dieser Marktfrauen: Mögen sie den Käufer nicht oder versucht man sie zu weit herunterzuhandeln, dann verweigern sie kategorisch den Verkauf mit einem krassen „No hay!“, was so viel bedeutet wie: „Habe ich nicht!“, und das, obwohl vor ihnen ein Haufen der gewünschten Ware liegt. Eigenartig. Mit der Zeit aber lernst du deine vertrauten Lieferantinnen kennen, es entwickelt sich eine besondere Verbundenheit, und schon rufen sie, sobald sie dich kommen sehen: „Niñita, venga, venga!“ – „Mädelchen, komm, komm, ich habe heute für dich besonders schöne Ware!“ Dann auch noch: „Comprame, pues“, was bedeuten soll, dass man ihnen doch bitte endlich etwas abkaufen soll. Alltäglich eine witzige Zeremonie, die, wenn man sich daran gewöhnt hat, irgendwann auch Spaß macht!
Weniger spaßig ist schließlich der Weg zurück nach Hause, der jetzt bergan verläuft. Mit den schweren Einkaufstaschen beladen, quält man sich zu zweit schnaufend die lange Avenida Ecuador hinauf und sieht wehmütig den vorbeifahrenden blauen Colectivos (Kleinbusse) oder der Straßenbahn Nr. 2 hinterher. Wie schön wäre es, die drei Haltestellen mit der Bahn zu fahren, aber das Geld ist knapp und es muss an allen Ecken und Enden gespart werden. Ab und zu, wenn wir wirklich schwer beladen sind, spendiert Frau Kahn die Fahrkarten für die Straßenbahn. Heiko hat noch keine bezahlte Arbeit, und meine Tätigkeit in der Küche ist das Entgelt für unsere Unterkunft und Verpflegung. Nicht alle Bewohner der Casa Azul tragen mit ihrem Obolus zu den allgemeinen Kosten bei, denn sie sind praktisch mittellos.
Ach ja, und nicht zuletzt: Hier, auf der südlichen Erdhalbkugel, steht auch so manches auf dem Kopf: die vier Jahreszeiten zum Beispiel. Jetzt, im Juli, haben wir Winter. Winter hier, hoch in den Anden, bedeutet meist trockene, sonnige Tage bei tiefblauem Himmel. Die Tagestemperaturen betragen in der Sonne bis zu 20 °C, im Schatten ist es jedoch kühl. Sobald die Sonne gegen fünf Uhr nachmittags hinter den hohen, verschneiten Bergen verschwindet, kühlt es rapide ab, die Nachttemperaturen können sogar auf +1 bis 2 °C sinken. Somit sind die Nächte bitterkalt, Kamin oder Heizung gibt es in den Häusern aber nicht. Gut, dass wir über die Daunendecken verfügen, die ich mitgebracht habe. Ansonsten schläft man hier üblicherweise in mit Betttüchern eingehüllten, einfachen Wolldecken. Dies bedeutet auch, dass wir Weihnachten und Silvester jetzt immer im Hochsommer feiern werden – wahrlich etwas ungewohnt, nicht wahr?
Der nächtliche Sternenhimmel gestaltet sich hier ebenfalls anders und für uns anfänglich fremd. Am schönsten finde ich das hell leuchtende Kreuz des Südens, dessen vier Gestirne tatsächlich nach der Windrose ausgerichtet sind. Die Sonne dreht sich im Tagesverlauft von Osten über Norden nach Westen – verkehrte Welt! Ach ja, auch nicht zu vergessen: Der Mond scheint hier ebenfalls verkehrt herum, dies ist natürlich nur bei Viertel- oder Halbmond sichtbar. Und zuletzt: Der Wasserstrudel im Waschbecken dreht sich genau anders herum, als wir es von zu Hause gewohnt waren. Mit Frauke, die ja tagsüber im Hutsalon von Madame Isabel voll beschäftigt ist, treffen wir uns des Öfteren an den Abenden in der von Josef und ihr bewohnten Villa. Josef ist meistens entweder geschäftlich oder aber auf dem Haciendagut unterwegs, sodass sie sich freut, uns, nachdem wir die Kinder zu Bett gebracht haben, als Gesprächspartner bei sich zu haben. Natürlich haben wir uns gegenseitig sehr viel zu erzählen. Frauke hat eine ihrer Kundinnen, Señora Esperanza de Bach, eine von einem Deutschen geschiedene Bolivianerin, vergattert, uns beiden zwei Mal wöchentlich Spanischunterricht zu erteilen. Auch ich muss endlich die neue Sprache lernen. Ich beneide Heiko, denn er spricht perfektes Spanisch und kann sich mühelos verständigen. Manches Mal ist er schon Josef zur Hand gegangen, wenn dieser mit Behörden zu tun hatte.
Josef und Heiko beraten noch, wie und wo sie mit einer Bäckerei anfangen sollen. Hier gibt es üblicherweise nur einfaches, weißes Weizenbrot in Form von etwa 30 Zentimeter langen, krossen Marraquetas – oder die dunkleren und weichen, runden Brötchen, die Sarnitas. Heiko erzählte, dass das Rezept des Weizenbrotes einfach sei. Es bestehe lediglich aus fein gemahlenem Weizenmehl, ein wenig Hefe, lauwarmem Wasser und je einer Prise Salz und Zucker. Die Sorten Laugen-, Roggen-, Grau- oder Schwarzbrot kennt man hier überhaupt nicht. Die beiden rechnen also mit einem regen Absatz bei den inzwischen zahlreichen Neuankömmlingen aus Europa. Das größte Problem dürfte zunächst aber die Rohwarenbeschaffung sein, denn der Müllereibetrieb Molinera Nacional verarbeitet bislang ausschließlich importierten Weizen aus Argentinien und Uruguay. Von diesen Ländern, aber auch aus den USA kommend, erreichen ebenfalls viele Tonnen Weizenmehl das Land.
Es wird höchste Zeit, dass Oliver in die Schule kommt. Ich habe ja in den letzten beiden Jahren zu Hause regelmäßig mit ihm Schreiben und Rechnen geübt, weil wir nicht wollten, dass er in Oldenmoor in dem NS-infizierten Kindergarten indoktriniert wird. In diesem Jahr hätte er zu Ostern eingeschult werden müssen, durch unsere Ausreise blieb ihm dies jedoch erspart. Heiko hat sich umgehört. Es ist jetzt schon mitten im Schuljahr, denn dies fängt hier üblicherweise bereits Ende Februar, Anfang März an und geht bis zu den Sommerferien am Jahresende. Die öffentlichen Grundschulen sollen sehr primitiv und dürftig sein, für eine Privatschule fehlt uns allerdings das Geld, denn die sind unverhältnismäßig teuer. Außerdem kann Oliver ja noch nicht genügend Spanisch sprechen.
Zufällig trafen sich eines Tages Heiko und sein einstiger Zugabteilgefährte, Herr Levy, mittags am Prado, wo viele Emigranten den Zwölf-Uhr-Nachrichten aus aller Welt lauschen, die das Regierungsradio Illimani täglich über Lautsprechern sendet. Als bei der darauf folgenden Unterhaltung Olivers Schulproblem zur Sprache kam, bemerkte Herr Levy: „Sehen Sie dort hinüber, auf die andere Straßenseite, Herr Keller. Dort, das gelbe Eckhaus. Darin befindet sich neben unserer Synagoge auch die jüdische Schule, die öffentlich anerkannte Escuela Boliviano-Israelita. Ich habe mich nach meiner Ankunft sofort bei der jüdischen Gemeinde gemeldet und bin dort bereits in der Verwaltung tätig geworden. Wenn Sie möchten, könnte ich Sie mit dem Schuldirektor, Herrn Dr. Arthur Bamberger, bekannt machen, vielleicht kann er Ihnen behilflich sein. Wissen Sie, viele jüdische Kinder, die hier eingetroffen sind, befinden sich in der gleichen oder in einer ähnlichen Lage wie Ihr Oliver.“ Heiko bedankte sich und sicherte ihm zu, ihn nach Rücksprache mit mir wieder darauf anzusprechen.
Ich mache mir Sorgen um unsere Lieben zu Hause. Die Nachrichten über den furchtbaren Krieg, die uns tagtäglich hier erreichen, sind von Mal zu Mal erschreckender. Auch Frankreich wurde von der Wehrmacht besiegt, Paris ist in deutscher Hand und Hitler soll auch dort gewesen sein. Die französischen Generäle haben schon im letzten Monat kapituliert. Die dem Land zu Hilfe gekommenen britischen Streitkräfte wurden über Belgien bis ans Meer gejagt und konnten noch in letzter Minute von eigenen Schiffen aus Dünkirchen evakuiert werden.
Aus Oldenmoor selbst erfahren wir aber so gut wie nichts. Bolivien verhält sich zwar bis jetzt noch neutral, man hat, wohl wegen der vielen Deutschen, die hier leben und ziemlich großen Einfluss in der Wirtschaft und Politik haben, es von Regierungsseite vermieden, bisher in diesem Weltkonflikt Partei zu ergreifen. Dennoch existiert der Postverkehr mit Europa praktisch nicht mehr. Wir haben mehrfach versucht, Briefe an die Eltern zu schicken. Bisher haben wir aber nie eine Antwort erhalten. Wie mag es ihnen gehen? Ich bin jedes Mal furchtbar traurig, wenn ich an zu Hause denke.
Ich mache für heute Schluss, meine Hand ist schon ganz steif vom langen Schreiben.
Heute brachte Heiko zwei guten Nachrichten mit nach Hause: Oliver darf ab Montag zur Schule gehen und besucht die erste Klasse der Escuela Boliviano-Israelita. Nachdem das von Herrn Levy vermittelte Gespräch mit dem Rektor, Dr. Arthur Bamberger, stattgefunden hat, muss Oliver das gesamte bisher gelehrte Pensum – in Spanisch schreiben und lesen sowie rechnen – möglichst rasch nachholen. Heiko wird mit ihm das Sprachliche und ich das Rechnen üben, am besten gleich nach der Schule und an den Wochenenden. Armer Junge! Ihm stehen harte Zeiten bevor, aber er könnte es mit unserer Unterstützung schaffen. Das alltägliche Spanisch mit Pirulo geht ihm ja schon leicht von den Lippen. Sollte er allerdings das Jahrespensum nicht schaffen, müsste er das Jahr wiederholen, doch das wäre nicht so schlimm! Übrigens, die Schulen hier sind ganztägig, die Kinder kommen aber zum Mittagessen nach Hause. Also von Montag bis Freitag zwei Mal täglich zur Schule und zurück. Arme Kinder!
Und noch etwas Besonderes haben wir erfahren: Der jüdische Religionsunterricht findet in deutscher Sprache statt, da der Lehrer, Synagogenkantor Leopold Bremer, fast kein Spanisch, sondern nur Deutsch spricht. Er erteilt den Kindern auch Musikunterricht. Heiko fragte mich, ob ich denn etwas dagegen hätte, wenn Oliver am jüdischen Religionsunterricht teilnähme. Ich bin selbstverständlich damit einverstanden, schließlich kann es nicht schaden, wenn der Junge von Anfang an mit dem Alten Testament vertraut ist – ich wünschte, ich hätte auch eine solche Gelegenheit gehabt. Obwohl Heiko nach wie vor die Zugehörigkeit zu einer Religion kategorisch ablehnt, hat er ebenfalls nichts dagegen, denn er meint, auch dies gehöre unbedingt zur Allgemeinbildung.
Übrigens, für Lissy haben wir mit Frau Adrians Hilfe einen Platz in einem Kindergarten bekommen. Dieser gehört zu einem Waisenheim. Sinnigerweise trägt es den Namen „La Gota de Leche“ – „Der Milchtropfen“. Allerdings ist es etwas weit von unserer Casa Azul entfernt, befindet sich aber gleich neben der Endstation der Straßenbahnlinie Nr. 2, die zudem direkt an unserer Hauptstraßenecke hält. Ich habe erfahren, dass man hier für Kleinkinder vergünstigte Zehnerkarten erhält. In den ersten Wochen werde ich Lissy aber persönlich begleiten.
Die zweite gute Nachricht betrifft Heikos Arbeit. Da das Vorhaben mit dem eigenen Betrieb nur schleppend voranschreitet, hat Heiko mit dem bolivianischen Patrón einer hiesigen, mittelgroßen Bäckerei, Señor Espinoza, vereinbart, bei diesem als angestellter Bäckervorarbeiter anzufangen. Nach und nach will er dann mit dem Backen von deutschen Brotsorten beginnen und erst einmal sehen, wie diese einschlagen, bevor er und Josef in ein teureres, eigenes Unternehmen investieren. Die Bezahlung ist alles andere als üppig, denn die hiesigen Arbeitslöhne sind eher Hungerlöhne, aber es macht ihm nichts aus, sagt Heiko, es ist wenigstens ein Einstieg und bringt zumindest ein wenig Taschengeld.
Um die unter der hiesigen Bevölkerung bestehenden, sehr krassen Einkommensunterschiede wenigstens optisch ein wenig zu kaschieren, müssen alle Schülerinnen und Schüler an den öffentlichen Primarschulen im Unterricht einfache, weiße Kittel tragen. Also sind auch wir verpflichtet, unsere Kinder hiermit ausstatten.
Frauke machte den Vorschlag, Josef solle Oliver, Lissy und mich mit dem Auto zum Bekleidungsladen des Herrn Simon Dziubeck fahren. Er ist ein polnischer Jude, mit dem sie kurz nach der Ankunft in La Paz Bekanntschaft gemacht haben. Zum großen Spaß der Kinder fuhren wir also in Josefs Limousine in die Stadt. Als wir die Flaniermeile, den Prado, passierten, sagte Josef zu Oliver: „Sieh, dort, das gelbe Haus, darin befindet sich deine Schule.“ Im Vorbeifahren fielen mir das emporragende Gebäude der Tageszeitung „La Razón“ sowie das beachtenswerte Kolumbus-Monument aus weißem Marmor auf, das Heiko neulich bei einem Gespräch erwähnte.
Am Ende des Prados fuhren wir noch etwa 800 Meter weiter geradeaus, dann kamen wir an der mächtigen Barockkirche San Francisco an und bogen nach links ab in die steil ansteigende Calle Sagárnaga, die inmitten eines Viertels liegt, das fast ausschließlich von Indios bewohnt wird. Josef musste im Schritttempo fahren, weil die große Zahl Fußgänger nicht nur auf den Gehwegen, sondern vorwiegend mitten auf der Fahrbahn lief, offensichtlich total unbekümmert – der Autoverkehr habe gefälligst zu warten!
Herr Dziubeck empfing uns sehr freundlich am Eingang seines Geschäftes, ein unendlich langer Gang, an dessen beiden Seiten Unmengen von Anzügen und anderen Kleidungstücken an Garderobenhaken und Bügeln hingen. Josef und der Ladeninhaber unterhielten sich angeregt auf Polnisch, was den Kindern sonderbar vorkam. Ich musste ihnen den Grund erklären. Dann wandte sich der nette Herr Dziubeck Oliver und Lissy zu und meinte: „Dann woll’n wir mal seihen, ob wir ebbes für die siessen Kinderlach finden.“ Wir folgten ihm bis ans Ende seines Gewölbes, wo er einem Regal einen Stapel weißer Schulkittel entnahm. Die Kinder probierten herum, bis beide je zwei passende Stücke gefunden hatten. Als ich diese bezahlen wollte – Heiko hatte mir Geld mitgegeben –, sagte Herr Dziubeck: „Nein, nein, behalten Sie nur Ihr Geld. Is far mir a Mitzwe. Es soll sein mit Masel, damit die siessen Kinderlach a gite Shul’ haben werden.“
Ich dankte ihm sehr gerührt. Auch die Kinder bedankten sich, Lissy drückte ihm sogar einen Kuss auf die Wange. Ich habe mich auch redlich bemüht, hier die halb deutsch, halb jiddische Ausdrucksweise des Herrn Dziubeck wiederzugeben.
* * *
Als sie sich im Auto auf dem Nachhauseweg befinden, fragt Clarissa Josef, ob er wüsste, was Herr Dziubeck mit dem ihr unbekannten Wort „Mitzwe“ gemeint habe. „Ich bin mir ja auch nicht so sicher, aber sinngemäß, muss es eine religiöse Vorschrift der Juden sein, etwas Gutes zu tun – oder so ähnlich. Simon ist ein sehr religiöser Mensch, und er ist stark in der jüdischen Gemeinde engagiert. Ach ja, ich muss noch mit Heiko sprechen. Dziubeck hat mich nämlich heute gefragt, ob die Bäckerei Espinoza nicht vielleicht die La Pazer Juden an jedem Freitagnachmittag mit Schabbesberches, den rituellen, mit Mohnsamen bestreuten Sabbat-Brotzöpfen, beliefern kann. Er würde ihm hierfür das entsprechende Backrezept beschaffen. Ich denke, daraus könnte ein erträgliches Zusatzgeschäft für die Bäckerei werden. Wenn Heiko es richtig anstellt, müsste er an diesem neuen Umsatz finanziell beteiligt werden.“
Am nächsten Montag begleitet Heiko seinen Sohn auf dessen ersten Schulweg. Sein „Onkel“ Josef hat Oliver zur Einschulung einen schönen Lederranzen geschenkt, den er stolz auf dem Rücken trägt. Die in Deutschland zu dieser Gelegenheit üblichen großen, bunten Schultüten sind in Bolivien leider unbekannt. Von da an gehen Oliver und Mitbewohner Alfred Kahn gemeinsam zwei Mal täglich zu Fuß zur Schule und wieder nach Hause. Die kleine Lissy hat es da besser, sie darf mit der Straßenbahn zum Kindergarten und von dort wieder nach Hause fahren.
3. Geschichtliches
Allabendlich, nachdem sie ihr bescheidenes Abendbrot verzehrt haben, sitzen die älteren Bewohner der Casa Azul beisammen und unterhalten sich über die Themen des Tages. Vor allem natürlich über den schlimmen Kriegsalltag in Europa und Afrika. Mit tiefem Erschrecken hören sie die Berichte über die furchtbare Lage der verfolgten Juden, nunmehr auch in den besetzten Gebieten, sowie die unendlich scheinende Siegeskette Nazi-Deutschlands gegen den gesamten Rest der zivilisierten Welt. Dabei ist es meistens Heiko, der, wenn die Kinder im Bett sind, dem Rest der Anwesenden die tristen Neuheiten aus den Zeitungen „La Razón“ und „El Diario“ in Übersetzung vorträgt. Um Heiko ein wenig mehr Licht für das Zeitunglesen zu schaffen, wurde anstelle der 25-Watt-Funzel über seinem Platz am Esstisch eine 40-Watt-Leuchte in die Fassung eingeschraubt.
Im Laufe einer der auf Heikos Nachrichtenvortrag folgenden angeregten und oft heiß ausgetragenen Diskussionen, die sich nicht zuletzt mit den tagtäglichen Unannehmlichkeiten und den unerklärlichen Zuständen befassen, die man hierzulande zu erleiden glaubt, stellt plötzlich Herr Ullmann, dem die Hausgenossen hinter dem Rücken wegen seiner unbeirrbaren Suche nach einer Lösung für eine Berechnung der Kreis-Quadratur insgeheim den Beinamen „el Judío matemático“ (der mathematische Jude) verliehen haben, die folgende Frage: „Was wissen wir überhaupt über Bolivien, dieses Land, in dem wir in der größten Not Aufnahme fanden und an dem die meisten von euch so viel auszusetzen haben und sich beklagen? Warum ist hier so vieles anders, so ungewohnt für uns Mitteleuropäer?“
Darauf folgt langes Schweigen.
Schließlich bemerkt Max Sturm: „Sie haben recht, Herr Ullmann, Sie haben ja so recht. Überhaupt nichts habe ich von diesem Land gewusst, bevor wir hier ankamen, und viel mehr habe ich seitdem auch nicht erfahren. Uns ist doch vieles, über das wir uns jeden Tag wundern, unbekannt und unverständlich, von der uns bisher fremden Sprache dieser stets Coca kauenden Indios ganz abzusehen. Viele sprechen ja nicht einmal Spanisch, sondern ihre Aymara-Ursprache. Wieso eigentlich?“
„Nun ja, vieles wäre uns sicher etwas verständlicher, gingen wir den Ursachen ein wenig auf den Grund“, meint darauf Heiko.
„Herr Keller, Sie sind doch von uns allen der am meisten belesene Bewohner“, stellt Herr Kahn kurz darauf fest. „Könnten Sie uns vielleicht in einigen Vorträgen die Geschichte des Landes etwas näherbringen?“
„Oh, ja, Heiko, tue das bitte!“, fällt Clarissa mit Begeisterung ein. „Dafür bist du wie geschaffen, mein Lieber!“ Heiko überlegt ein wenig, dann stimmt er zu: „Also gut, ich bin einverstanden. Wenn Sie alle dies möchten, bin ich gern dazu bereit. Aber geben Sie mir ein wenig Zeit, um mich darauf vorzubereiten, in Ordnung?“
Wenig später sitzt Heiko, nachdem er seine Arbeit in der Bäckerei vollendet hat, einige Nachmittage in der Biblioteca Municipal und schreibt eifrig Wissenswertes aus diversen Geschichtsbüchern ab, die er entliehen hat. Besonders beeindrucken ihn die hanebüchenen Berichte des Dominikanermönchs Bartolomeo de las Casas über das Massaker, das die spanischen Conquistadores unter der Inka-Urbevölkerung bei und nach der Eroberung ihres Reiches verübten, dem Territorium, auf dem die heutigen Länder Kolumbien, Ecuador, Perú und Bolivien liegen.
Ein paar Wochen später ist Heiko dann bereit, mit seiner Vortragsreihe zu beginnen. Aufmerksam verfolgen seine Zuhörer, zu denen sich auch Frauke und gelegentlich Josef gesellen, sofern dieser gerade in La Paz und nicht auf der Hacienda weilt, seine Ausführungen. Um seine Zuhörer nicht mit zu vielen Details zu überfordern, beschränkt er sich auf das Wesentliche.
„Nun, für unser Verständnis fing hier wohl alles im Jahre 1492 mit der zufälligen Entdeckung Amerikas durch Cristóbal Colón an. Ich nenne ihn bewusst bei seinem spanischen Namen, damit euch die hiesigen Ausdrücke geläufiger werden. Übrigens, ihr habt vermutlich bereits seine beeindruckende Statue aus weißem Marmor am Prado bewundern können. Es war eine Spende der hiesigen italienischen Kolonie.“
Erwartungsvoll blickt Heiko in die Runde seiner Zuhörer und erntet Zustimmung durch allgemeines Kopfnicken.
„Es ist bekannt, dass Colón im Auftrag der spanischen Krone mit seinen drei kleinen Karavellen – Santa Maria, Pinta und Niña – eigentlich auf der Suche nach einem direkten und kürzeren Seeweg nach Indien war. Da kam ihm doch unerwartet der amerikanische Kontinent sozusagen in die Quere. Weil er anfänglich dachte, er sei tatsächlich in Indien angelandet, nannte Colón die Eingeborenen Indios, und seine damalige Fehleinschätzung hat bis heute Bestand. Jedenfalls kniete er auf jener Insel, die er ‚La Española‘ taufte (und die sich heute die Dominikanische Republik und Haiti teilen), nieder und nahm damit ebenfalls den riesigen Kontinent im Namen seiner katholischen Majestäten von Castilla, Isabel und Fernando II, in Besitz.
Aber es ist nicht so, dass hier, auf diesem Erdteil, alles mit dem Eintreffen der Spanier begann, nein, durchaus nicht. Es existierte auf dem amerikanischen Kontinent schon seit vielen Jahrhunderten die sogenannte Präkolumbianische Ära. Während die Europäer sich noch im dunkelsten Mittelalter befanden, waren es die Inkas, unter deren Herrschaft bereits die umfangreiche Zivilisation Südamerikas in den für uns bedeutsamen, hiesigen Gebieten der Anden entstand. Deren gesamtes Reichs-Territorium, das sogenannte Tahuantinsuyo, umfasste vier Suyos oder Teilgebiete im Norden, Osten, Süden und Westen. Die unsere, die südliche Region, nannte sich Collasuyo.
Der bedeutendste Gebieter oder Inka war nicht unbedingt ein erstgeborener Nachkomme des vorherigen Herrschers, sondern wurde wegen seiner besonderen Eigenschaften als Regent gewählt. Nach seiner Wahl hielt er sich stets fernab von seinen Untertanen. Alles, was mit ihm in Berührung kam, betrachtete man als heilig. Getragen wurde er in einer Sänfte, denn eine Bodenberührung hätte, bedingt durch seine Heiligkeit, unweigerliche Katastrophen auf der Erde verursacht. Neben dem Inka gab es noch einen ihm beigeordneten Landesverweser, der sich um die üblichen Regierungsgeschäfte zu kümmern hatte.
Gemäß der Legende wurde das Imperium durch den ersten Inka, Manco Cápac, ein vom Sonnengott Inti Entsandter, begründet. Er entstieg dem Lago Titicaca in Begleitung seiner Ehefrau, Mama Ocllo, und gründete die Reichshauptstadt Cuzco, heute in Perú. Ungefähr ein Dutzend Inkas regierten schließlich nacheinander das Imperium bis zur Ankunft der spanischen Conquistadores Francisco Pizarro und Diego de Almagro im Jahre 1532. Der Krieger Atahualpa hatte seinen Bruder Huascar durch einen militärischen Coup aus dem Amt verdrängt und sich selbst als Inka inthronisiert. Später ließ er den Bruder sogar ermorden.
Die von Atahualpa ausgesandten Späher überwachten die 168 mit Pizarro in Tumbes angelandeten Soldaten, von denen 37 beritten waren, bei ihrem Vormarsch. Sie berichteten ihrem Herrscher, dass es sich wohl um weiße Götter handelte, die in Eisen gekleidet seien, auf wilden Monstern ritten und sehr laute, feuerspuckende Stäbe mit sich führten. Der Inka hielt dies für ein gutes Omen und sandte ihnen Emissäre entgegen, um die Götter zu sich einzuladen. Diese falschen Götter waren aber zunächst von Reichtum und Kultur der Ureinwohner stark beeindruckt, ebenso wie von deren offensichtlich zahlreichen Streitkräften, über die ihr Herrscher verfügte. Allerdings war die primitive Bewaffnung der Inka-Armee mit Schleudern, Speeren und Piken derer der Spanier stark unterlegen. Diese zählten zudem auf die psychologische Wirkung, die ihre wild wiehernden und sich aufbäumenden Pferde sowie das ohrenbetäubende Krachen der Musketen unter den verschüchterten Indios verursachen würde.
Nach einer ersten Begegnung der Emissäre, bei der beiderseitig Geschenke ausgetauscht wurden, luden die Spanier den arglosen Inka Atahualpa zu einer Feier ein. Seine Präsente, darunter zwei wertvolle, große und massive Goldbecher, hatten die Gier der Eroberer nach noch mehr Reichtum geweckt. Man nahm den Inka gefangen und sperrte ihn kurzerhand in einem großen, dunklen Raum ein. Als ein Pfarrer ihm Bibel und Kruzifix hinhielt, nahm Atahualpa wortlos zunächst das eine, dann das andere in die Hand, schüttelte beides, hielt die Gegenstände an sein Ohr, und als er nichts wahrnahm, warf er sie despektierlich zu Boden. Seine ahnungslosen Gesten – in den Augen der Conquistadores ein unverzeihlicher Frevel – brachten ihre Wut zum Lodern und man wollte ihn auf der Stelle töten. Aber Pizarro gebot seinen Leuten Einhalt. Ein eilig einberufenes Inquisitionsgericht verurteilte den Monarchen wegen Brudermordes, Häresie, Beleidigung und Schändung von Heiligtümern der katholischen Kirche, wegen Irrglaubens und noch weiterer abstruser Beschuldigungen zum Tode auf dem Scheiterhaufen.
Über einen Dolmetscher, der sowohl etwas von der geläufigen Inka-Sprache – bis heute sind sich die Gelehrten nicht einig geworden, ob diese nun Aymara oder aber Quechua war – verstand als auch schlechtes Castilianisch sprach, bot Atahualpa den Eroberern als Lösegaben für sein Leben, seinen Gefängnisraum mit Gold bis zu jener Höhe zu füllen, die er auf Zehenspitzen erreichen konnte. Man schätzt den heutigen Gegenwert des angebotenen Lösegeldes auf etwa 600 Millionen US-Dollar.
Die Spanier gingen zunächst zum Schein auf das Angebot ein. Aus dem ganzen Tahuantinsuyo machten sich Abertausende von Trägern auf den Weg, die alle zusammengetragenen Goldgegenstände nach Cajamarca, dem Ort, an dem der Inka gefangen gehalten wurde, bringen sollten. Ein Feind Atahualpas verbreitete die Lüge, dass der Inka die ihm gewährte Frist für eine Rebellion gegen die Spanier nutzen wolle. Als ihm dies zu Ohren kam, ordnete Pizarro an, die Todesstrafe sofort zu vollstrecken. Da der Inka wegen der körperlichen Unversehrtheit seines Leichnams – gemäß seines Glaubens, die Bedingung für sein auf dem Tode folgendes, ewiges Leben – schließlich einwilligte, sich taufen zu lassen, wurde am 26. Juli 1533 die Todesstrafe anstatt auf dem Scheiterhaufen durch Strangulation mittels Knebel vollstreckt. Als den Trägern des Goldschatzes die Nachricht vom Tod ihres Inkas überbracht wurde, änderten sie schlagartig ihre Route. Wohin sie den sagenhaften Goldschatz verbrachten und wie und wo sie ihn versteckten, ist bis heute ein großes Geheimnis.
Unzählige Expeditionen aus allen Ländern der Erde suchen noch heute diesen immensen Goldschatz, der den geheimnisträchtigen Namen ‚El Dorado‘ trägt.
Ich glaube, fürs Erste dürften die geschilderten Grausamkeiten genügen, nicht wahr?“, versucht Heiko seine Zuhörerschaft aufzumuntern. „Hoffentlich könnt ihr dennoch in der heutigen Nacht ohne schlimme Träume gut schlafen. Das nächste Mal mehr von der Eroberung des Landes und der Plünderung der Indios durch die spanischen Conquistadores. Ich wünsche euch allen eine gute Nacht!“
Für seinen ersten Teil des geschichtlichen Vortrages erntet Heiko einen wohlverdienten Applaus.
* * *
Während die Familie Keller sowie die übrigen Immigranten mehr schlecht als recht versuchen, sich mit ihrer neuen Heimat allmählich vertrauter zu machen, wohnen in ihnen allen die stete Unruhe und das Entsetzen über das Kriegsgeschehen in ihren ehemaligen Ursprungsländern. Mangels eigener Radioempfänger versammeln sich die Menschen täglich kurz vor zwölf Uhr mittags an der Pracht-Avenida 16. de Julio, allgemein als Prado bekannt, um den über Lautsprecher verbreiteten Weltnachrichten des Staatssenders Radio Illimani zu lauschen.
So erfahren sie nach und nach von den letzten furchtbaren Geschehnissen: die Teilung Frankreichs, Hitlers Befehl zum verstärkten Angriff auf Großbritannien durch Marine und Luftwaffe, der darauf folgende mörderische Luftkrieg über England, die Battle of Britain, die in dem Abschuss von achtundfünfzig Luftwaffen-Bombern gipfelt, die gezielte Zerstörung der deutschen See-Transportflotte durch die RAF-Flieger, die dadurch Hitlers geplante „Operation Seelöwe“ zum Landangriff auf England erfolgreich zunichtemachen, der Dreimächtepakt zwischen Deutschland, Italien und dem kaiserlichen Japan, die barbarische Auslöschung der Stadt Coventry durch die Bomben der Nazi-Luftwaffe und nicht zuletzt die bestialischen Massendeportationen der inzwischen völlig entrechteten jüdischen Bevölkerung aus allen von Deutschland besetzten Gebieten und deren systematische Ermordung in den dafür besonders eingerichteten „Endlösungs“-Konzentrationslagern.
Gelegentlich kommt es anlässlich der Nachrichten zu unangenehmen Begleitszenen. Offensichtlich haben es einige nazistisch eingestellte Deutsche darauf angelegt, die meist jüdischen Zuhörer zu provozieren und zu verhöhnen. Bei der Verkündigung deutscher Siege brechen sie in Jubelgeschrei aus und brüllen: „Sieg Heil, Sieg Heil! Juda, verrecke! Fuera con los Judíos (Raus mit den Juden)!“ Als sich dieses einige Male wiederholt und die so verunglimpften Juden, mit Schlagstöcken bewaffnet, die Provokateure schlagartig in die Flucht treiben, enden diese Szenen so rasch, wie sie begonnen haben.
Viele Deutsche sind bereits nach dem Ersten Weltkrieg in Bolivien eingewandert und haben sich hier eingerichtet. Einige von ihnen konnten rasch Fuß fassen und etablierten sich als erfolgreiche Importeure oder Geschäftsinhaber, vorwiegend in La Paz, aber auch in Cochabamba und Oruro sowie im Osten der Republik in der an Argentinien angrenzenden Provinz Santa Cruz, wo große Landwirtschaftsgüter mit vorwiegend Viehwirtschaft entstanden.
Ebenso wie zahlreiche, aus dem Libanon eingereiste arabische Geschäftsleute integrieren sich diese ausländischen Personenkreise meist durch Heirat mit kreolischen Nachkommen aus den hiesigen Oberschichten rasch in die bolivianische „alta sociedad“, allein maßgeblich für Politik und Wirtschaft des Landes. Für die Indio- oder Mestizen-(Cholo-)Schichten, die ja eigentlich die Bevölkerungsmehrheit darstellen, ist darin kein Platz vorgesehen. Gemessen an der Einwohnerzahl von 3,5 Millionen Bolivianern zählt diese Oberschicht gerade mal 200.000 Menschen, sogenannte „blancos“ (Weiße). Die 2,5 Millionen Indios vegetieren am Rande und leben zumeist auf dem Lande in ihren armseligen, mit Stroh gedeckten einfachen Adobehäusern fast ausschließlich von ihrer Eigenversorgung, sofern sie nicht durch Fronarbeit in den Zinnminen oder Großlatifundien erbarmungslos von ihren Patrones ausgebeutet werden. Gemäß den amtlichen Verlautbarungen nehmen sie keinen Anteil an der Gesellschaft, sie tragen ja nicht einmal zum Bruttosozialprodukt des Landes bei – weder produzieren noch konsumieren sie. Und das war’s.
Aber zurück zu den Deutschen und deutschstämmigen Bolivianern. Naturgemäß sind die meisten von ihnen, schon durch die Verbundenheit mit der Heimat, besonders deutschnational eingestellt. Frenetisch bejubeln sie jeden militärischen Erfolg Nazi-Deutschlands, ihren Antisemitismus haben viele von ihnen bereits über die Meere mit hergebracht. Auch sind sie sehr aktiv für den Proselitismus des neuen nationalsozialistischen Gedankengutes, gründeten sogar schon 1934 eine bolivianische NSDAP und missbrauchten die von ihnen mit deutschen Lehrkräften betriebenen Schulen, wie das Colegio Alemán in La Paz und Cochabamba, zur Indoktrinierung der dort lernenden deutschen wie auch der bolivianischen Kinder und Jugendlichen mit ihrer betont nazistischen und antisemitischen Propaganda.
Der Wahrheit zuliebe muss erwähnt werden, dass dankenswerterweise nicht alle Deutschen im Lande diese menschenverachtende Einstellung haben. Zahlreiche ehrbare deutsche Demokraten, die ebenfalls vor der Naziverfolgung geflüchtet sind, naturgemäß vorwiegend links oder liberal eingestellte Personen, sind nicht gewillt, dieser unsäglichen Einstellung der Nazianhänger Folge zu leisten. Als Gegengewicht gründen sie, analog zum österreichischen D.A.Ö., den D.A.D.-Verein – „Das Andere Deutschland“ – in Anlehnung an eine ähnliche Bewegung und Wochenzeitung, die für „entschieden republikanische Politik“ eintrat, 1925 in Berlin gegründet, aber bereits nach der Machtergreifung von den Nazis verboten und damit im Deutschen Reich mundtot gemacht.
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„Nach der Eroberung Mittel- und Südamerikas erließ der spanische König Carlos V um das Jahr 1540 die Gesetze ‚Leyes de Indias‘ und gründete in dieser Region sein Vizekönigreich Perú.“ Mit diesen Worten setzt Heiko eine Woche später seine Vortragsreihe für die Bewohner der Casa Azul fort.
„Jahre später errichtete König Felipe II als Berufungsgerichtsbarkeit die Real Audiencia de Charcas mit Sitz in La Plata, dem heutigen Sucre, ein riesiges Gebiet von ‚500 leguas a la redonda‘, ein Umfang, der heute etwa 5,8 Millionen Quadratkilometern entspricht und ursprünglich auch jenes Gebiet war, das Bolivien bei der Republikgründung für sich beanspruchte. Es erstreckte sich vom peruanischen Cuzco im Norden über das argentinische Tucumán und das heutige Paraguay bis nach Buenos Aires im Süden. Im Westen wurde es auf Höhe der Atacamawüste in Chile – die einige von Ihnen bei Ihrer Herreise wohl oder übel erleben durften – durch den Pazifischen Ozean begrenzt, während es im Osten bis an die Grenze zu Brasilien reichte. Später wurden die Regionen von Tucumán und Paraguay durch Gründung der Königlichen Audienz von Buenos Aires wieder davon abgetrennt.
Nach und nach erforschten zahlreiche spanische Expeditionen das Territorium, hier und dort wurden Siedlungen errichtet und Städte wie Oruro und Santa Cruz gegründet. Vor allem waren es aber die riesigen, 1545 entdeckten Silbervorkommen im Cerro Rico, dem reichen Berg von Potosí, die die größte Bedeutung in der lateinamerikanischen Ökonomie spielten und zur Gründung der gleichnamigen Stadt führten. Sie zählte bereits 1611 ca. 160.000 Einwohner und war damit die fünftgrößte Großstadt der damaligen Welt. Die benachbarte kleinere politische Hauptstadt Charcas, klimatisch weit günstiger, weil fast 1.800 Meter tiefer gelegen, beherbergte zu jener Zeit vorzugsweise die reichen Silberbarone und firmierte deshalb sinngemäß bald in ‚La Plata‘ (‚Das Silber‘) um.
Die spanische Krone verdankte im 16. und 17. Jahrhundert dieser skrupellosen Ausplünderung Potosís den größten Teil ihres jährlichen Staatseinkommens. Das Silber, das die versklavten Indios mühevoll und mit blutigen Händen aus den Bergwänden kratzten, nährte Europas Geldwirtschaft. Hunderttausende Indios kamen wegen der ihnen aufgezwungenen inhumanen Fronarbeit in dem fast 5.000 Meter hoch gelegenen Bergwerk ums Leben, während die Kolonialelite in La Plata in Saus und Braus lebte. Auf den Rücken von Mulas, den Mauleseln, beförderte man Abertausende von ein Kilogramm schweren, grob gegossenen Silberbarren bis zum Hafen von Callao. Die vollgeladenen Schiffe transportieren diese entlang der pazifischen Küste bis nach Panamá. Muli- und Eselkaravanen durchquerten dann mit der kostbaren Ladung den Isthmus – hinüber bis zu den Häfen von Portobello oder Nombre de Diós, von denen aus dann die Seereise der Beute nach Spanien folgte. Hiermit konnten Felipe II und alle seine Nachfolger ihre europäischen Kriegskampagnen finanzieren.
Als der Conquistador und bis dahin amtierende Gouverneur des Vizekönigreiches, Franciso Pizarro, in Lima verstarb, entfachte zwischen dessen nächsten Verwandten und der konkurrierenden Familie Almagros eine blutige Nachfolgefehde. Pizarro hatte einige Jahre vorher seinen ehemaligen Mitstreiter, Diego de Almagro, wegen Ungehorsams und Befehlsverweigerung köpfen lassen. Um dem langen, sinnlosen Bandenkrieg ein Ende zu setzen, wurde der Hauptmann Alonso de Mendoza beauftragt, einen neuen Ort der Versöhnung als Verbindung zwischen den sich bekriegenden Städten Oruro und Lima zu schaffen. So gründete der Hauptmann am 20. Oktober 1548 Nuestra Señora de La Paz – Unsere Liebe Frau des Friedens – als Symbol der Befriedung zwischen Pizarristen und Almagristen. Da aber der ursprüngliche Gründungsort in Laja wegen der dort ständig wehenden, kalten Andenwinde zu ungemütlich war, verlagerte Alonso de Mendoza wenig später die neue Stadt in eine mildere, windgeschützte und zudem fruchtbare Talsenke am Ufer des – damals noch sauberen – Flusses Choqueyapu.
Das Wappen dieser Stadt trägt eine Sentenz in Versform, die sinngemäß lautet: ‚Die Zwieträchtigen vereinten sich in Eintracht und gründeten ein Dorf des Friedens (Paz) als ewige Erinnerung.‘ Während der Kolonialzeit wuchs die Stadt und entwickelte sich nach und nach zum größten und wichtigsten Handelszentrum der südlichen Region des ‚Alto-Perú‘, wie die ursprüngliche Audienz Charcas und etwa das heutige Bolivien im letzten Jahrhundert der spanischen Herrschaft genannt wurden, während sie sich auch von Lima politisch und wirtschaftlich immer mehr entfernte.
Seit den Anfängen des 17. Jahrhunderts begannen jedoch die unter dem gnadenlosen spanischen Kolonialjoch leidenden Indios und Cholos hier und dort zu rebellieren und sich gegen die unmenschliche Behandlung sowie die saftigen Steuern und Tribute, die ihnen auferlegt worden waren, aufzulehnen. Die Aufstände waren zunächst überwiegend örtlich begrenzt und konnten deshalb auch mühelos von den herrschenden Militärkräften brachial niedergeschlagen und geahndet werden. Meist wurden die Anstifter gefangen genommen und kurzerhand geköpft oder gehängt. Lediglich größere Rebellionen, wie die des Mestizen Juan Santos Atahualpa von 1742 bis 1756 sowie jene des Indios Condorcanqui, der sich Tupac Amaru II nannte (1780–1782), hielten die Spanier während ihrer Dauer in Atem. Aber es waren regional und auch zeitlich begrenzte Scharmützel, welche die Spanier meist schadlos überstanden.
Es ist verbrieft, dass der erste Ausruf zur Unabhängigkeit von Spanien am 25. Mai 1809 in La Plata, dem heutigen Sucre, erfolgte. Man hatte zwar geglaubt, dass dies wegen der damaligen Invasion Spaniens durch die napoleonischen Kräfte und die Absetzung des verhassten Königs Fernando VII gelingen könnte, aber dies erwies sich als naiv, denn die spanischen Kräfte im Lande reagierten sofort, erstickten diese Revolte im Keim und setzten das von den Aufständischen ernannte Regierungstriumvirat fest. Am 16. Juli 1810 wurde Pedro Domingo Murillo samt weiteren seiner Kameraden am Hauptplatz dieser Stadt, die heute seinen Namen trägt, am Galgen hingerichtet. Seine letzten Worte erwiesen sich als Prophezeiung: ‚Die Fackel, die ich entzündet hinterlasse, kann niemand erlöschen.‘
In der Tat, angeregt durch diese Beispiele, folgten ähnliche Manifestationen überall in Lateinamerika: am 10. August 1809 in Quito, Ecuador; am 25. Mai 1810 in Buenos Aires, gefolgt von Kolumbien, Mexico und Chile. Im Jahr 1811 in Uruguay sowie in El Salvador in Mittelamerika. Aber es sollten noch viele Jahre vergehen, ungezählte Schlachten geschlagen werden mit Tausenden von Opfern, bis die Spanier endlich ihren wertvollsten Schatz aufgaben.
Die eigentliche Befreiung Lateinamerikas von der spanischen Gewaltherrschaft konnte aber erst mit der Geburt des Sohnes eines wohlhabenden spanischen Obersts in Caracas, Venezuela, am 24. Juli 1783 seinen Lauf nehmen. Der jugendliche Simón Bolivar genoss eine außerordentlich gute Erziehung und beendete seinen Militärdienst mit dem Rang eines Fähnrichs. Während seiner ersten Spanienreise begegnete er in Madrid seiner zukünftigen Ehefrau María Teresa, mit der er nach Caracas zurückkehrte, wo sie aber bereits nach achtmonatiger Ehe verstarb. Wiederum reiste er nach Europa, erst Spanien, dann Paris, wo er durch einen seiner früheren Lehrer, Simón Rodriguez, auf die Losungsworte der Französischen Revolution – ‚Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit‘ – aufmerksam und zugleich Zeuge der Krönung Napoleons zum Kaiser der Franzosen wurde. Dort, auf dem Sacre-Coeur, leistete er seinen Schwur, sich und sein ganzes Leben für die Befreiung des Kontinents vom spanischen Joch zu widmen und nicht zu ruhen, bis dieses Ziel erfüllt sei.
So, das war’s dann für heute. Das nächste Mal erzähle ich mehr über den Verlauf der Freiheitsbestrebungen und des Unabhängigkeitskrieges.“
* * *
Clarissa empfängt den strahlenden Oliver mit einem Kuss und er überreicht ihr stolz sein erstes Monatszeugnis, das ihm in der Schule ausgehändigt wurde. Schon seit zwei Monaten geht er eifrig zum Unterricht und arbeitet auch fleißig mit seinen Eltern zu Hause, um das fehlende Pensum nachzuholen. Gut, dass Mitschüler Alfred Kahn auch in der Casa Azul wohnt. Von ihm kann sich Oliver die Hefte ausleihen. Betroffen schaut die ehemalige Grundschullehrerin aus Oldenmoor auf das Zeugnis des Sohnes: lauter Dreier, Vierer und sogar Fünfer! Wie kann das angehen? Zu Hause ist sie doch mit seinen Leistungen durchaus zufrieden. Heiko, der heute ausnahmsweise zum Mittagessen in der Casa Azul erscheint, umarmt seinen Jungen begeistert und belächelt die Enttäuschung seiner Frau.
„Wie kannst du dich nur über dieses Zeugnis freuen? Ich hatte doch wirklich ein besseres Ergebnis erwartet!“, sagt sie entrüstet.
„Liebe Prinzessin“, kontert Heiko belustigt, „du weißt doch längst, dass hier die Uhren anders herum ticken, nicht wahr? Dies trifft ebenfalls auf die Schulnoten zu. Im Gegensatz zu unserem Benotungssystem geht es hier von 1 – das ist die schlechteste Note – bis 5 – sehr gut – und du kannst deshalb unserem wackeren Oliver zu seinem ersten Durchschnitt von 3,6 – also tendenziell eher gut als befriedigend – durchaus gratulieren, oder?“ Eine erleichterte Clarissa schließt nun den Jungen in die Arme. Um ihre Verwirrung zu vertuschen, versteckt sie ihr Gesicht an seiner Schulter.
Oliver scherzt vergnügt: „Aber Mami, wie konntest du nur glauben, dass ich in der Schule so schlecht bin?“
Oliver hat sich sehr rasch im Schulunterricht eingefügt. Mit seinen Klassenkameraden hat er bald Freundschaften geschlossen, so auch mit Mitbewohner Alfred, aber vor allem mit Werner Weinheber. Bei Rektor Bamberger erhalten sie spanischen Unterricht: In Rechtschreibung, beim Lesen, in Grammatik und beim Diktatschreiben hat Oliver durchweg eine 4; ebenso gut benotet ihn Kantor Bremer in Musik und Chorsingen. Beim Rechnen gibt ihm Dr. Ascher eine sehr gute 4,5. Religion und Sport dagegen interessieren den Jungen nicht so sehr, deshalb hat er jeweils eine 3 bekommen. Die jeweilige 5 in Zeichnen, Basteln und Betragen haben wohl seinen Durchschnitt angehoben. Klassenlehrer Bremer hat am Zeugnisrand bemerkt: „Der Schüler ist etwas verspielt und lässt sich gelegentlich vom Unterricht ablenken.“
Auch die kleine Lissy geht gern in den Kindergarten, dort hat sie bereits mit der gleichaltrigen Marion Freundschaft geschlossen – zufälligerweise Werner Weinhebers Schwester. Rasch vergehen die restlichen Monate des Schuljahres 1940: Am 25. Oktober bringt ein strahlender Oliver sein Versetzungszeugnis mit einer glatten 4 als Durchschnittsnote nach Hause. In der Casa Azul gibt es zu diesem Anlass eine kleine Kakao- und Kuchenfeier. Auch Alfred ist mit einem guten Ergebnis versetzt worden. „Onkel“ Josef und „Tante“ Frauke sind ebenfalls zugegen und es herrscht große Begeisterung, als Josef den beiden Buben verkündet, dass sie als Prämie für ihre guten Leistungen die Sommerferien auf der Hacienda Guayrapata verbringen dürfen. Auch Thea Kahn und Moses Kovacs dürfen sich freuen, denn sie sind ebenfalls eingeladen, ihre Ferien auf der Hacienda zu verbringen.
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„Liebe Mitbewohner, heute will ich euch den Rest von Boliviens Geschichte erzählen.“ Heiko macht sich bereit.
„Beim letzten Mal erwähnte ich Simón Bolivars Bedeutung für die Befreiung und Unabhängigkeit Lateinamerikas von Spanien. In der Tat war sein ganzes Lebenswerk dieser Aufgabe gewidmet. Zunächst gelang es ihm und seinen Mitstreitern, sein Geburtsland, Venezuela, im April 1810 für unabhängig zu erklären. Kurzerhand nahmen sie alle spanischen Funktionäre gefangen und schickten sie auf einem Schiff zurück nach Hause.
Spanien reagierte mit einer Seeblockade der venezolanischen Küste, wurde aber durch eine starke Flotte der Engländer, die sich ja im Krieg mit Napoleon befanden, in Schach gehalten. Dennoch gelang es den Aufständischen zunächst nicht, die royalistisch gesinnten Kräfte im eigenen Lande zu bezwingen. Es bedurfte noch zahlreicher blutiger Schlachten und schließlich eines allgemeinen Volksaufstandes, um das Land endgültig von den Spaniern zu befreien. Diese Rebellion kam immer mehr ins Rollen, gerade wegen der Grausamkeit, mit der die Spanier sie mit allen Kräften verhindern wollten. Als Anerkennung für seine Verdienste verlieh man dem inzwischen zum Oberst aufgestiegenen Bolivar im Jahre 1813 den Ehrentitel ‚El Libertador‘, der Befreier.
Leider erfuhren die weiteren Befreiungsbemühungen Bolivars immer wieder herbe Rückschläge durch endlose Querelen und Rivalitäten zwischen den Anhängern verschiedener Interessengruppen, so dass Venezuela erst nach der entscheidenden Schlacht von Carabobo im Jahr 1821 endgültig zur befreiten Nation wurde. Mit den inzwischen ebenfalls befreiten Colombia, Panamá, Ecuador und Venezuela gründete Bolivar seinen großen Traum: das vereinigte ‚Gran Colombia‘, eine Utopie, die leider schon wenig später an den unterschiedlichen und egoistischen Interessen der einzelnen Länder scheiterte.
Im Süden hatte inzwischen General José de San Martin die beiden Länder Argentinien und, mit Hilfe von General O’Higgins, auch Chile befreit. San Martín und Bolivar trafen sich 1822 in Guayaquil, Ecuador, und führten dort ein sehr langes Gespräch, über das man nie Näheres erfahren hat. San Martin jedenfalls zog sich mit seinem Heer zurück und überließ es Bolivar, den Rest des Kontinents zu befreien.
Mit Unterstützung des inzwischen zu ihm gestoßenen Generals Antonio José de Sucre, ebenfalls ein Venezolaner, gewannen die Befreiungskräfte die letzten entscheidenden Schlachten von Pichincha, Ayacucho und Junin. Die Spanier gaben sich endgültig geschlagen. Bolivien, das Land, in dem der erste Schrei nach Unabhängigkeit 1809 ertönt war, war das letzte, das am 6. August 1825 zur freien Republik ausgerufen wurde.
Sein erster Präsident, Simón Bolivar, war nur kurze sechs Monate im Amt und übergab es an Antonio José de Sucre, Mariscal de Ayacucho. Bolivar zog sich, enttäuscht vom Zerfall seines ‚Gran Colombia‘-Traumes und wegen des Vorwurfes der ihm angedichteten gesteigerten Ehrgeizsucht und Diktaturambitionen und letztlich sogar wegen eines Mordversuches nach Santa Marta in Kolumbien zurück. Dort starb er 1830 im Alter von nur 47 Jahren an den Folgen seiner Tuberkulose.
Von den ursprünglichen etwa 5,8 Millionen Quadratkilometern der Audiencia de Charcas waren dem Vizekönigreich des Alto Peru, aus dem Bolivien entsprang, anfängliche 3,5 Millionen Quadratkilometer verblieben. Diese territoriale Integrität Boliviens währte jedoch nicht lange: Sämtliche Nachbarländer bedienten sich großzügig von diesem Kuchen und knöpften für sich nacheinander riesige Areale ab. Zwei Drittel davon gingen verloren, entweder durch Drohung oder Kriege: Argentinien kassierte die Provinzen Salta und Jujuy ein, während sich Brasilien das riesige Acre-Territorium anmaßte. Perú gewann Antofagasta und Chile eroberte die gesamte Pazifikküste und damit Boliviens freien Meereszugang. Im Chacokrieg (1932–1935) verlor Bolivien – wahrscheinlich nicht zuletzt als Ergebnis der Militärberatung durch den ‚genialen‘ deutschen Strategen Ernst Röhm (ja, ja, in der Tat, jener heldenhafte SA-Führer, den Hitler selbst als homosexuellen Verräter schließlich ermorden ließ) – am Ende auch noch eine beachtliche Landfläche an das kleine Paraguay, das dadurch mehr als die Hälfte von dessen heutigem Territorium hinzugewinnen konnte. Unserem jetzigen Bolivien verblieben danach gerade noch 1,1 Millionen Quadratkilometer nebst den durch derartige Verluste tief verwurzelten Wiedergutmachungsgelüsten, vor allem gegen Chile.
Trotz deren Gewährung des Freihafens in Arica und dem im Friedensvertrag vereinbarten Bau der Verbindungsbahnlinie nach La Paz hat man hier niemals den Traum von der ‚salida al mar‘, dem eigenen, freien Zugang zum Pazifischen Ozean, aufgegeben.
In den 115 Jahren seit der Unabhängigkeit haben bis heute insgesamt 38 Präsidenten dieses Land regiert, oder sollte man besser sagen, sie haben versucht, es zu regieren, die meisten allerdings eher schlecht als recht. Aber vergesst bitte niemals: Wir alle haben es vor allem unserem jetzigen Präsidenten, General Enrique Peñaranda, zu verdanken, dass Bolivien uns in der höchsten Not unseres Lebens als einziges und letztes Land der Erde Asyl gewährt und damit unser Leben gerettet hat.“
4. Berches, Coca und Kaffee
Inzwischen hat Heiko sich in der Bäckerei des Señor Elias Espinoza Barrientos sehr gut eingebracht und sich rasch zum Capataz, zum Vorarbeiter, hochgearbeitet. Unter ihm wirken fünf Gesellen und zwei Gehilfen. Die Tagesproduktion besteht hauptsächlich aus den bereits erwähnten krossen Marraqueta-Weißbroten. Zudem beliefert die Bäckerei die beiden öffentlichen Schulen in der Nachbarschaft mit den runden, bräunlichen und weichen Sarnitas aus Mischmehl mit Kleie, die zusammen mit einem heißen Trunk aus violetten, fein gemahlenen Maiskörnern, genannt „Api“, den Kindern täglich als „desayuno escolar“, als Schulfrühstück, gereicht werden, damit – das betrifft die meisten von ihnen – sie wenigstens eine Mahlzeit am Tage erhalten.
Heiko beeindruckt seinen Chef zum einen wegen der fundierten Fachkenntnisse, zum anderen aber auch durch seinen fleißigen Einsatz. Er ist der Erste, der um fünf Uhr morgens die Bäckerei betritt, und der Letzte, der nachmittags gegen vier Uhr, nachdem er kontrolliert hat, dass alles wieder ordentlich gereinigt ist und sich an seinem vorgesehenen Platz befindet, das kleine Bäckereigebäude verlässt und dessen Tor verschließt. Er hat aber vorab noch Satanás, den Rottweiler, aus dem Zwinger geholt und ihn an die lange Laufkette gelegt – eine leider aufgrund zweimaligen Einbruchs notwendig gewordene Vorsichtsmaßnahme.
In der Anfangszeit spricht Heiko den Inhaber noch mit „Señor Barrientos“ an, bis dieser ihm klarmacht, dass „Barrientos“ der Nachname seiner Mutter und nicht sein Familienname sei, der sich ja väterlicherseits ableitet und Espinoza lautet. Dann belehrt er Heiko, dass seine Mutter, Señora Berta Inés Barrientos Sanz, seit der Heirat mit seinem Vater den Namen „Señora Barrientos de Espinoza“ trägt – alles ziemlich kompliziert für einen nicht eingeweihten Mitteleuropäer. Schließlich aber ermuntert der Inhaber der Bäckerei seinen tüchtigsten Angestellten, ihn der Einfachheit halber mit „Don Elías“ anzusprechen.
Nach einigen Wochen fragt Heiko ihn, was er davon halte, gegebenenfalls das Backsortiment um einige europäische Brotsorten zu erweitern. Zudem, so bringt er vor, habe er bereits eine Anfrage der jüdischen Gemeinde, an jedem Freitag zunächst fünfzig Mohnzöpfe für den Sabbat zu liefern. Aaron Levy hat ihm inzwischen das versprochene Grundrezept für die sogenannte „Challah“ – oder „Berches“, wie das Backwerk üblicherweise auf Jiddisch genannt wird – zukommen lassen. Don Elías ist allerdings bezüglich einiger der für ihn unüblichen Zutaten für diese Brotsorte – Honig, Pflanzenöl, Eier und Mohnsamen, die neben Weizenmehl, Hefe und Salz erforderlich sind – überrascht. Dann meint er: „Also, Heiko, grundsätzlich finde ich die Idee gut, aber du müsstest dafür eine eigene, zusätzliche Arbeitskraft besorgen, die Übung im Zopfflechten mitbringt. Bei der Beschaffung von Honig und Maiskeimöl sehe ich kein größeres Problem, allerdings bin ich mir nicht sicher, woher du die vielen frischen Eier und die Mohnsamen nehmen willst. Die wenigsten Eier, die es von den Cholitas auf den Mercados zu kaufen gibt, sind frisch, manche sind sogar bereits verdorben.“
„Machen Sie sich bitte keine Sorgen wegen der Eier, Don Elías, die kann ich mit verbürgter Frische von der Hacienda meines Freundes José Rembowski beschaffen. Und zwecks der Mohnsamen werde ich meinen Mitbewohner, Señor Kahn, beauftragen, eine Quelle ausfindig zu machen. Er kennt sich hier schon bestens aus. Die Frage ist nur: Sind Sie prinzipiell einverstanden? Als Arbeitskraft werde ich schon ein oder zwei geübte Zopfflechterinnen unter den vielen jüdischen Hausfrauen auftreiben, die uns jeden Freitagmorgen unter die Arme greifen.“
„Welchen Verkaufspreis, denkst du, könnte man denn für eines dieser etwa ein Kilogramm schweren Brote, erzielen? Der Rohwareneinsatz und die Art und Weise der Herstellung sind ja um etliches aufwendiger als bei unseren einfachen Marraquetas und Sarnitas, nicht wahr? Du müsstest erst einmal alles zusammenrechnen, auch den Lohn für die Zopfflechterinnen, und dazu unsere allgemeinen Kosten. Wenn du mir die Summe vorlegen kannst, sprechen wir noch einmal darüber, in Ordnung, Heiko?“
Am nächsten Tag macht sich Heiko eifrig auf die Suche, um Lieferanten für die Zutaten seiner Sabbatzöpfe zu finden und deren Preise zu ermitteln. Mit Herrn Levy berät er sich über einen angemessenen Preis, zu dem man die Gemeindemitglieder beliefern könnte. In einem Gespräch mit Rabbiner Akiba Süßkind verabreden sie, hierfür eine Umfrage in einem repräsentativen Verbraucherkreis durchzuführen.
Aus Heikos ursprünglichem Einfall, geübte Zopfflechterinnen zu rekrutieren, wird allerdings nichts. Der Rabbi gibt zu bedenken, dass, obwohl diese Brotart eigentlich „parve“ sei – also weder Fleisch noch Milch enthält –, die Challah aber, die für den allgemeinen Verzehr der Gemeindemitglieder bestimmt sein würde, vorzugsweise von jüdischen Männerhänden hergestellt werden müsse, um den Speise-Reinheitsvorschriften voll zu entsprechen. Es gäbe da in seiner Gemeinde einen ehemaligen Bäcker aus Posen, den solle man fragen, ob er vielleicht hierzu bereit sei.
Heiko fahndet also nach jenem Fränkel Gottlieb, den er schließlich in einem Altenheim ausmacht. Dieser ist schon fast siebzig Jahre alt, hat aber lange Zeit bei einem jüdischen Bäcker in Kurmik gerade diese Schabbes-Mohnzöpfe gedreht und gebacken. Gern ist er bereit, einmal wöchentlich einzuspringen und sich dabei ein Taschengeld – viel mehr kann ihm Heiko ja nicht bieten – zu verdienen. „Was Sei mir werden geben können, wird seien git“, bemerkt er mit einem freundlichen Lächeln, und die beiden schlagen ein.
Zwei Wochen später erhält Heiko von Aaron Levy Bescheid, dass man sich im Abnehmerkreis auf einen Abgabepreis von bis zu 6,00 Bolivianos pro Mohnzopf von je einem Kilogramm geeinigt habe. Eine Umfrage hat zudem ergeben, dass anfänglich vierzig Gemeindemitglieder sich verpflichten würden, allwöchentlich je eines der Zopfbrote abzunehmen, weitere fünf mehrköpfige Familien sogar je zwei. Die Menge, die Aaron Levy anfänglich genannt hat, war also realistisch. Mit diesen Angaben rechnet Heiko noch einmal alle Herstellungskosten zusammen. Damit spricht er seinen Chef abermals an: „Also, Don Elías, hier ist meine Kostenaufstellung. Wir sollten den Preisvorschlag von 6,00 Bolivianos annehmen, wobei ich einen Gesamtpreis von 11,00 Bolivianos für die Abnehmer von zwei Broten vorschlage. Die 50 Stück kosten uns summa summarum nicht ganz 200,00 und wir könnten wöchentlich 295,00 Bolivianos durch den Verkauf erzielen. Davon bitte ich Sie, mir eine Vermittlerprovision von 30,00 Bolivianos zuzugestehen, dann verbleiben der Firma immer noch satte 65,00 Bolivianos Reingewinn. Das wäre prozentual doch reichlich mehr, als wir heute an den einfachen Marraquetas und Sarnitas verdienen, nicht wahr? Übrigens glaube ich, dass wir noch viel mehr Zöpfe bei weiteren Brotläden in der Stadt absetzen könnten, würden wir sie dort anbieten.“
Don Elías’ tiefe Stirnfalten ziehen sich bei Heikos Erwähnung der beanspruchten Provision bedrohlich zusammen, entspannen sich aber ebenso rasch, als er von dem guten Erlös erfährt, den der Verkauf der Sabbatzöpfe verspricht. Es folgt eine längere Denkpause, dann mustert er Heiko und sagt: „De acuerdo, einverstanden! Aber sagen wir zunächst einmal für zwei Monate zur Probe. Dann erfahren wir, ob deine Berechnungen auch stimmen.“ Im Gegensatz zu Heiko, der die Warenkalkulation noch aus seiner Marschländer Backwarenfabrik in Oldenmoor aus dem Effeff beherrscht, hat Don Elías kaum Erfahrung in dieser Materie, denn sowohl Rezeptur und Abgabegewicht als auch Verkaufspreise für die gängigen Brote sind amtlich vorgeschrieben. Wenn es wegen der Inflation mit dem Erlös der Bäcker enger wird, reagieren diese zunächst stets mit dem Knapsen am Gewicht der Backwaren. Werden schließlich die Marraquetas allmählich kleiner und ist die Regierung nicht bereit, den Verkaufspreis des Brotes dem Währungswertverfall anzupassen, nimmt üblicherweise die Bevölkerung diese Erscheinung als Omen dafür wahr, es könne wohl bald wieder zu einer Revolution mit Umsturz von Präsident und Regierung kommen.
Als es Jakob Kahn tatsächlich gelungen ist, einen Mohnsamenlieferanten unter den libanesischen Kaufleuten der Stadt aufzutreiben, der zudem Sesamkörner, Datteln und ähnliche Waren aus dem Nahen Osten im Angebot führt, machen sich Heiko und Fränkel Gottlieb mit einem der Gehilfen am nächsten Freitagmorgen gemeinsam an die Arbeit. Unter Fränkels Regie wird zunächst das Wasser auf etwa 40 Grad Celsius erwärmt und in den Kessel der museumsreifen AlexanderwerkHubknetmaschine gefüllt. Laut ächzend setzt dessen Motor Kessel und Rührwerk in Bewegung. Nach der zerbröselten Hefe werden Honig, Maisöl, verquirlte Eier und Salz nacheinander im Wasser untergeschlagen. Schließlich wird das Mehl portionsweise hinzugegeben und untergemischt. Dann wird der Teig so lange geknetet und der Rest des Mehls zugefügt, bis dieser elastisch und nicht mehr klebrig ist. Die Teigmasse wird schließlich in größere Holzmollen überführt und mit feuchten Tüchern abgedeckt. Während der folgenden 90-minütigen Ruhezeit verdoppelt sich das Teigvolumen.
Dann knetet Fränkel noch einmal tüchtig den Teig mit den Händen und portioniert anschließend mit geübtem Griff die Teigmengen. Er rollt anschließend die Portionen zu Strängen von eineinhalb Zentimetern Durchmesser. Aus je drei dieser Stränge dreht er geschickt die Zöpfe, die alle gleichmäßig groß sind. Sie werden auf geölte Bleche gelegt und ruhen erneut eine Stunde unter feuchten Tüchern, wobei sie abermals aufgehen. Dann bepinselt Heiko die Zöpfe mit verquirltem Ei und bestreut sie gleichmäßig mit Mohnsamen. Das Thermometer am inzwischen mit Holz vorgeheizten, typischen irdenen Backofen zeigt die vorgeschriebenen 190 Grad Celsius an, als der Gehilfe die Backbleche mit den Berches für etwa 40 Minuten einschiebt.
Gespannt warten der inzwischen hinzugekommene Don Elías sowie die gesamte Mannschaft auf das Ergebnis. Mit begeisterten Ausrufen und Applaus bestaunen sie die goldgelben und stark duftenden Brote, als diese nach dem Backen wieder zum Vorschein kommen. „Vorsicht“, mahnt Fränkel, „die müssen erst eine Stunde abkühlen, bevor wir sie anschneiden, sonst fallen sie zusammen!“ Behutsam überträgt er die Zöpfe auf Drahtroste. Schließlich, als sie abgekühlt sind, gebührt es Fränkel Gottlieb, eine Challah anzuschneiden, nachdem er die gebotene Bracha – den Segen über das Brot – auf Hebräisch heruntergemurmelt hat. Gerührt und freudig probieren Don Elías, seine Ehefrau Doña Silvia und die ganze Belegschaft die gut schmeckenden Zopfbrotscheiben. Sie gratulieren Heiko und Fränkel zu dem gelungenen Experiment. Dann laden sie die Mohnzöpfe in mit Pergamentpapier ausgeschlagene Holzkisten um und verladen diese auf die klapprige Chevrolet-Camioneta. Heiko, der inzwischen auch den hiesigen Führerschein gemacht hat, bekommt den Schlüssel für den Pickup und fährt zusammen mit Fränkel rasch zur Synagoge, denn es ist schon fast vier Uhr nachmittags und die Sabbatbrote müssen vor Beginn des Vorabends abgeliefert worden sein. Man hat vereinbart, dass die Bezahlung dieser Lieferung am darauf folgenden Mittwoch erfolgen soll, wenn alle Abnehmer bezahlt hätten, denn am Shabbes dürfe man kein Geld berühren, geschweige denn welches mitführen.
Tatsächlich erscheint am Mittwoch Jankele Bauchwitz, der Shammes – Synagogendiener – mit einem Umschlag, in dem sich die vereinbarten 295,00 Bolivianos befinden, für die er an der Kasse von Doña Silvia eine Quittung erhält. Dann meldet er Heiko, der „Rebbe sugt“, man möge bitte zum nächsten Shabbes 53 Berches liefern, da einige Gemeindemitglieder erst nachträglich von dieser Gelegenheit erfahren hätten. Heiko übersetzt seinem Chef die frohe Botschaft. Darauf zählt Don Elías die vereinbarten 35 Bolivianos ab und überreicht sie mit den Worten: „Alle Achtung, lieber Heiko, die hast du dir wahrlich verdient!“
* * *
Als Josef und Frauke das etwa 280 Hektar große Anwesen ihrer Hacienda Guayrapata erwerben, wird auch diese – wie in 95 Prozent der in Latifundien aufgeteilten Landwirtschaftsflächen Boliviens üblich – noch mit dem aus der Zeit der spanischen Kolonialzeit stammenden „pongueaje“-System bewirtschaftet. Die Pongos, völlig mittellose, in der Agrarwirtschaft tätige Indios werden gnadenlos ausgebeutet und sind durch sklavenähnliche Verhältnisse nahezu lebenslang an ihre herzlosen Patrones gebunden. Gnädig überlassen die Landeigentümer jeder Pongofamilie ein kleines Stück Land, auf dem sie sich selbst die karge, strohgedeckte und irdene Adobehütte errichten und etwas Gemüse und Coca für den Eigenbedarf anbauen dürfen. Etwaige Überschüsse werden vom Patrón zum miserablen, niedrigsten Preis übernommen, während den Pongos ergänzende Lebensmittel und Bedarfsgegenstände überteuert zur Verfügung gestellt werden, so dass die armen Teufel stets tief verschuldet bleiben. Drei Tage in der Woche leisten diese Männer jeweils bis zu zwölf Stunden lang den unbezahlten Frondienst für den Herrn als Gegenwert für das ihnen überlassene Stückchen Land.
Als Frauke und Josef an ihrem vom Vorbesitzer übernommenen Personal diese menschenverachtenden und für ihren Geschmack absolut unzumutbaren Zustände wahrnehmen, überlegen sie, wie sie dies umgehend ändern können. Sie hören sich um und erfahren, dass es in Huatajata, am Ufer des Titicacasees, seit 1911 einen von einer Mission der kanadischen Baptistenkirche realisierten Versuch gibt, eine traditionelle Hacienda in ein menschliches Unternehmen zu verwandeln. Sie fahren nach Huatajata und treffen dort auf Bruder Abelardo, einen einheimischen Missionsmitarbeiter, der an der Umgestaltung des Anwesens maßgeblich beteiligt ist.
„Ich finde es sehr löblich von Ihnen, Señor und Señora Rembowski, dass Sie sich für ein so nobles Vorhaben engagieren, nämlich eine Vermenschlichung der Arbeitsbedingungen für die armen Pongos in Angriff zu nehmen. Bedenken Sie dabei aber bitte, dass Sie mit Ihrer Aktion ein archaisches und bei allen Betroffenen tief verwurzeltes System angreifen. Es wird Ihnen schwerfallen, vor allem das Vertrauen der inzwischen von den Weißen über Jahrhunderte geschundenen und gedemütigten Indios zu gewinnen. Insbesondere machen Sie sich damit Ihre Nachbarn, die Hacenderos der Umgebung, ganz sicher zu erbitterten Feinden. In deren Augen verletzen Sie ein heiliges Tabu und begehen einen unverzeihlichen Frevel, müssen Ihre Nachbarn doch befürchten, dass die neu gewährte Freiheit für ihre Peones – ihre eigenen Pongos – ein schlechtes Beispiel sei. Ich weiß, wovon ich rede. Nicht nur einmal versuchte man, uns mit übelsten Mitteln – einmal wurde sogar ein Feuer gelegt – von unserem Vorhaben abzubringen. Glauben Sie mir, machen Sie sich auf alles gefasst!“
Während Josef noch über das soeben Erfahrene nachdenkt, fragt Frauke: „Hermano Abelardo, würden Sie uns helfen? Wir sprechen kein Aymara und die meisten unserer Leute haben keine Spanischkenntnisse. Wären Sie bereit, zu uns zu kommen, um ihnen das, was wir vorhaben, zu erklären?“
„Wenn ich Ihnen damit helfen kann, liebend gern, geschätzte Señora!“
Im Anschluss an das Gespräch führt Bruder Abelardo Josef und Frauke in seiner Modellfinca herum, erklärt alles und gibt ihnen viele Ratschläge. Tief beeindruckt von dem, was sie an diesem Tag gehört und gesehen haben, kehren die beiden beseelt und fest entschlossen, die erforderlichen Veränderungen auf ihrem Landgut unverzüglich in Angriff zu nehmen, spät in der Nacht nach La Paz zurück. „Du hattest den besten Einfall des Jahrhunderts, geliebte Frauke.“ Josef sah sie liebevoll an.
„Ohne die Hilfe des Hermano Abelardo stünden wir wie der Prediger in der Wüste da, nicht wahr?“
* * *
Kurze Zeit nach ihrem Ausflug nach Huatajata besucht Bruder Abelardo Josef und Frauke in La Paz. Von ihm erhalten sie weitere wertvolle Ratschläge für die beabsichtigte Umstellung der Arbeitsverhältnisse und die zukünftige Entlohnung ihrer dann eigenständigen Landarbeiter oder Peones, wie man sie von nun an nennen wird.
Am nächsten Tag begleitet Abelardo Josef nach Guayrapata. Alle dort ansässigen Indios und ihre Familien werden zu einer abendlichen Versammlung in die Casa Vieja eingeladen. Hermano Abelardo hält eine längere Ansprache auf Aymara und erklärt den Landarbeitern, dass sie ab sofort von ihren sämtlichen Altschulden an den vorherigen Patrón befreit seien. Wenn sie es wünschten, könnten sie schon am Monatsende ihre Arbeit auf der Hacienda ohne Behinderung beenden und beliebig wegziehen. Jene, die es dennoch vorzögen zu bleiben und weiterarbeiten wollten, könnten dies unter ab sofort erheblich verbesserten Bedingungen tun. Sie erhielten nunmehr einen schriftlichen Arbeitsvertrag für jeweils ein Jahr, der aber beliebig verlängert werden könne, solange Patrón und Peón dies für wünschenswert und angebracht hielten. In Zukunft werde jede von den Beschäftigten geleistete Arbeitsstunde gerecht entlohnt und jedem der angesammelte Lohn zweimal monatlich in bar ausbezahlt. Die je nach Bedarf vom Verwalter angeordnete Arbeitszeit betrage ab sofort maximal acht Stunden täglich an bis zu sechs Tagen in der Woche. Sonntage und Nationalfeiertage blieben grundsätzlich arbeitsfrei. Allerdings könne der Patrón jene Peones jeweils zum übernächsten Monatsende entlassen, die ihre Obliegenheiten nicht zufriedenstellend erfüllten. Sie dürften aber selbst dann noch zwei bis drei Monate in ihren Häusern wohnen, bis sie eine neue Bleibe gefunden hätten.
Die Zuhörer sind zunächst fassungslos. Doch schon bald kommt eine große Unruhe in der Zuhörerschaft auf und unter den Beteiligten erhebt sich eine lebhafte Diskussion.
Josef lässt sie eine Weile gewähren, dann ergreift er das Wort: „Mein liebes Personal! Wie ihr wisst, komme ich aus dem fernen Europa und bin hier, in eurem Land Bolivien, mit meiner Frau und meinen vielen Freunden sesshaft geworden. Wir haben erfahren, dass ihr mit den hiesigen Arbeitsbedingungen sehr unzufrieden, ja sogar sehr unglücklich seid. Auch wir finden eure bisherigen Lebens- und Arbeitsverhältnisse menschenunwürdig und wollen diese deswegen ab sofort verbessern. Bitte, Hermano Abelardo, übersetzen Sie.“
Danach fährt Josef fort: „Aus diesem Grund möchten wir auch einiges auf der Hacienda umstellen. Neben den von Hermano Abelardo angekündigten Änderungen werden wir vor allem aber die bisherige Coca-Anpflanzung beenden. Wir wissen, welche Bedeutung diese Pflanze für Sie hat, aber wir müssen zukünftig andere Produkte erzeugen, die sich besser verkaufen lassen. Der Cocapreis ist so niedrig, weil alle Haciendas in den Yungas nur diese Blätter erzeugen. Um euch aber in Zukunft für eure Arbeit besser bezahlen zu können, werden wir schon bald unsere Hauptproduktion auf Kaffee umstellen. Unsere ersten Versuche waren sehr vielversprechend. Es besteht hier auf der Hacienda ja schon ein zwar noch bescheidener Cafetal, dessen Kaffeebäume uns jedoch bereits sehr ordentliche Ernten geliefert haben. Hiervon konnten wir uns sowohl selbst versorgen als auch eine gewisse Menge nach La Paz verkaufen. Für den Kaffee haben wir dort viel bessere Preise erzielt als für die Coca.“
Großes Palaver brandet auf, nachdem Bruder Abelardo übersetzt hat. Als er Bruchstücke davon aufgefangen hat, spricht er einige Worte in Josefs Ohr.
Der reagiert sofort: „Machen Sie sich aber um Ihren eigenen Bedarf an Cocablättern keine Sorgen: Wir lassen ein Cocal mit genügend Pflanzen bestehen, damit Sie sich versorgen können. Allerdings wird es Ihre Aufgabe sein, diese ab sofort in Ihrer Freizeit selbst zu pflegen und auch abzuernten. Der Schieferplattenhof vor der Casa Vieja steht Ihnen dafür allerdings nicht mehr zur Verfügung, denn er wird zukünftig für die Trocknung unserer Kaffeebohnen benötigt. Schaffen Sie sich also vor Ihren Häusern eine eigene Trocknungsfläche. Da wir also den Handel mit Coca einstellen, können wir nicht mehr wie bisher Ihre Überschüsse übernehmen und vergüten. Das gilt selbstverständlich nicht für Ihre anderen Erzeugnisse. Gern werden wir Ihnen Bohnen, Maiskolben, Yuca, Chirimoyas, Guayabas, Mangos, Bananenstauden und andere Früchte, die Sie selbst nicht benötigen, zu gerechten Marktpreisen abnehmen und diese unverzüglich in bar bezahlen.“
Santiago erhebt sich und fragt auf Spanisch, ob er das Wort ergreifen dürfe. Als es ihm gewährt wird, sagt er: „Ist ja alles sehr schön und gut, aber bisher durften wir mit unseren Familien bis ans Lebensende in unseren Ranchos wohnen bleiben, auch wenn wir zu alt waren, um noch für den Patrón zu arbeiten. Wie wird es jetzt sein, wenn wir alt sind und nicht mehr arbeiten können? Wo gehen wir dann hin und wovon sollen wir leben?“ Er wiederholt das soeben Gesagte auf Aymara und erntet damit großes Zustimmungsgemurmel.
„Hermano Abelardo“, antwortet Josef, „der aus Huatajata stammt, wo genau dieselben Arbeitsbedingungen eingeführt und erfolgreich angewendet werden, berichtet uns, dass von jenen freien Peones, die dies ausdrücklich wünschen, ein kleiner Betrag des Gehaltes einbehalten und auf ein Sparkonto bei der Bank einbezahlt wird, damit die Arbeiter für ihr Alter vorsorgen. Deren Arbeitsverträge gelten bis zum 65. Lebensjahr. Danach dürfen sie das ihnen vertraglich zugeteilte Haus mit Landstück weiterhin unentgeltlich bis zu ihrem Tode sowie dem der Witwe weiter bewohnen und wie bisher nutzen.“
Nachdem Bruder Abelardo auch diese Neuigkeiten auf Aymara verkündet hat, bittet er die Anwesenden, eine Nacht über das Angebot zu schlafen. Am nächsten Tag sollen die Landarbeiter zu Einzelgesprächen wiederkommen. Es werden ihnen sämtliche Fragen beantwortet und auch die neuen Arbeitsverträge vorgelesen und übersetzt. Sie könnten diese dann auch mitnehmen und sich mit einem Rechtsanwalt oder Notar beraten. Wenn genügend Kandidaten dies wollten, werde der Patrón einen Rechtsbeistand aus Chulumani herbestellen, damit er ihnen behilflich sei.
Abschließend kündigt Josef an: „Wir werden das Angebot unserer Pulpería, in der Sie wie bisher zu amtlichen Marktpreisen einkaufen können, weiterführen und nach Ihren Anregungen erweitern. Sie können dort, wann immer Sie wollen, Ihre Sonderbestellungen aufgeben. Diese werden ausgeliefert, sobald sie eingetroffen sind. Ich darf auch ankündigen, dass, sobald unser Backofen instandgesetzt ist, wir zweimal wöchentlich backen werden und Ihnen frisches Brot anbieten. Zuletzt habe ich noch eine große Bitte: Seien Sie so gütig und behalten Sie unser heutiges Angebot für sich. Sie können sich vorstellen, dass die Pongos der benachbarten Haciendas sehr neidisch sein werden, wenn sie von den anstehenden Neuerungen erfahren. Es bleibt sicher nicht aus, dass ihre Patrones davon hören und uns deswegen Schwierigkeiten bereiten könnten. Dies möchten wir, solange es nur möglich ist, vermeiden. Also, bitte seien Sie diskret und reden Sie nicht mit Fremden über das, was Sie heute erfahren haben. Hermano Abelardo wird Sie jetzt der Reihe nach auf die Liste für die morgigen Einzelgespräche setzen. Muchas gracias y vayan con Diós!“
Etwa eine Woche später haben bis auf eine Ausnahme alle bisherigen Landarbeiter, Iraya, Santiago, Manuel und Jaime dem Vorschlag des Patrón Don José Rembowski zugestimmt und im Beisein des Notars, Don Fidelio Ramos Mejía, ihre neuen Verträge als sesshafte Peones der Hacienda Guayrapata unterschrieben. Auch sämtliche Saavedramädchen sowie Miguel haben Einzelverträge als Festangestellte erhalten. Der alte Agustín ist ein fast siebzigjähriger Witwer und braucht keinen neuen Vertrag, um in seinem bescheidenen Rancho bis zum Lebensende weiter wohnen zu bleiben. Die 25 Bananos auf seinem Altenteil, die stets volle Stauden der kleinen, sehr aromatisch-süßen Enanos – Zwergbananen – erzeugen, pflegt er dennoch weiterhin sorgfältig und beliefert damit regelmäßig den Don José-Patrón.
* * *
Josef war nicht von ungefähr auf die Idee mit der Kaffeeplantage gekommen. Als er die Hacienda kaufte, war in einer Terrassenecke ein zwar geringer, dennoch nicht unbedeutender Anteil bereits mit Arabica-Kaffeebäumen bepflanzt. Da diese fast ständig in Blüte waren, konnte man über das ganze Jahr hinweg die roten Kirschen ernten. Deren geschälte Bohnen, die eigentlich Kerne waren, ergaben nach Trocknung und Röstung einen sehr aromatischen Aufguss.
Vater Schloß hatte schon vorweg auf einem abgezäunten Feld und angeleitet durch einen brasilianischen Kaffeespezialisten mit der Aussaat neuer Pflanzen begonnen. Nach dem Keimen hatten sie die Aufzucht neuer Setzlinge erfolgreich vorangetrieben. Ademir Pereira dos Santos hatte eine noble deutsche Schule in São Paulo besucht und dort sein Abitur gemacht, bevor sein Vater, ein reicher Kaffeebaron, ihn zu sich in die eigene Plantage holte. Ademir, ein sympathischer junger Mann, hatte sich irgendwann wegen einer sich anbahnenden Beziehung zu einer einfachen Pflückerin mit seinem Vater gestritten und war kurzerhand von zu Hause abgehauen. Er wanderte zunächst in Brasilien umher, dann überschritt er die Grenze nach Bolivien. Eines Tages kam er nach La Paz und lungerte des Öfteren bei einem Landsmann herum, der eine bescheidene Kaffeerösterei betrieb. Dort lernte er zufällig Josef Rembowski kennen, der bei diesem und anderen potenziellen Kunden wichtige Informationen für seine zukünftige Plantage einholte. Schließlich engagierte ihn Josef für jene Zeit, die Ademir benötigen würde, um die Guayrapata Kaffeeplantage in Gange zu bringen. Vater Schloß war jedenfalls ungemein stolz auf seinen „Kaffeekindergarten“ und beäugte misstrauisch jeden fremden pflanzlichen oder tierischen Eindringling, der seinen Schützlingen irgendeinen Schaden würde zufügen können.
* * *
Schon kurze Zeit nach Josefs Ankündigung beginnen die Peones mit der Rodung der Cocasträucher, die auf den lang gezogenen Terrassenanlagen wachsen. Man hat ihnen vorab eine Woche Freizeit gewährt, damit sie samt ihren Familien die Blätter von den Pflanzen abernten. Sie dürfen diese letztmalig auf dem Schieferplattenhof vor der Casa Vieja ausbreiten. Drei Mal täglich kommen ihre Frauen, um die trocknenden Blätter mit Reisigbesen zu wenden. Nach etwa einer Woche sind die Blätter trocken und werden in Jutesäcke gepresst.
Nachdem die Stufen eines Terrassensegmentes von den Cocapflanzen befreit sind, wird unter Ademirs Leitung zunächst die restlos ausgelaugte Erde mit gemischtem Muli- und Rinderstalldung gedüngt und mit reichlich frischem Wasser begossen. Erst eine Woche später werden die Beete mit neuer Muttererde, die man aus dem oben gelegenen Wald geholt hat, vermischt und untergegraben. Nach einer weiteren Woche werden die Kaffeesetzlinge eingepflanzt. Dank der optimalen Klima- und Umgebungsbedingungen werden sie in etwa drei Jahren eine üppige Blütenpracht entfalten und eine reiche Kaffeeernte liefern.
Wie von Geisterhand verschwinden indessen sämtliche während des Tages entfernten Cocapflanzen. Nach dem Arbeitsende der Peones befördern allabendlich Ademir, Urs Brunner und Josef Schloß unauffällig das unheilbringende Krautzeug auf Schubkarren davon. Später brennt lichterloh, hinter dem Hühnerstall verborgen, ein großer Scheiterhaufen. Seltsam geformte Rauschschwaden, die oft ungeheuren Tieren oder übernatürlichen Geschöpfen ähneln, winden sich hinauf und verlieren sich schließlich am Himmel.
5. Hacienda Guayrapata
Die Sommer-Schulferien haben also begonnen. Ehepaar Kahn war vorab schon einmal in den Yungas. Sie fahren nun mit ihren beiden Kindern Thea und Alfred sowie mit Moses Kovacs in der ersten Ferienwoche voraus.
Dann kann es auch für die anderen endlich losgehen! Heiko, Josef und Frauke bringen zunächst Clarissa und die beiden Kinder zur Calle Caiconi, jene Straße, von der aus sämtliche Fahrzeuge in die Yungas-Region abfahren. Clarissa, Oliver und Lissy besteigen den Colectivo, einen Kleinbus, der zufälligerweise heute eine Sonderfahrt mit Sommergästen für das in den Südyungas gelegene Hotel Chulumani durchführt und noch ein paar Plätze frei hat. Josef bezahlt die Fahrt und instruiert den Fahrer, er möge bitte die drei Passagiere bis zum Ort Puente Villa bringen und sie dort an der Casa Blanca – dem weißen Haus – absetzen. Clarissa hat von Josef erfahren, dass sie dort ein gewisser Herr Adler erwartet, der ihnen weiterhelfen wird. Für Josef, Frauke und Heiko, die ebenfalls mitreisen sollen, ist in dem Colectivo kein Platz mehr, also werden sie mit der nächsten Fahrgelegenheit folgen.
Die abenteuerliche Fahrt im Colectivo beginnt in einer Höhe von 3.652 Metern in La Paz. Beim Erreichen der Stadtgrenze passieren sie einen Kontrollposten der Verkehrspolizei. Wegen der großen Gefährlichkeit des Camino de los Yungas gilt für diese Straße ein strenges Nachtfahrverbot. Die Zufahrt ist deshalb mit einem Schlagbaum versehen, der um drei Uhr nachmittags niedergeht und bis zum Sonnenaufgang am nächsten Morgen kein Fahrzeug mehr durchlässt. An einem neben der Straße gelegenen Parkstreifen halten bis über die genehmigte Höhe voll beladene Lastwagen, um den Schalldämpfer vom Auspuff zu trennen. Diese Maßnahme vermindert den Rückstau der Auspuffgase und verhilft so dem Fahrzeug zu etwas mehr „Puste“ beim bevorstehenden, sehr strapaziösen Aufstieg.
In lang gezogenen Serpentinen windet sich die steile, einspurige und kurvenreiche, mit losem Schotter bepflasterte Autostraße den Hang hinauf. Mühevoll kriecht der Kleinbus die fünfundzwanzig endlos scheinenden Kilometer bis zur Cumbre hinauf, dem auf etwa 4.200 Metern Höhe gelegenen Pass. Fühlbare Kälte dringt in den unbeheizten Fahrgastraum des Colectivos, abgestrahlt von den mächtigen, mit ewigem Schnee bedeckten Fünf- und Sechstausendern. Der Beifahrer, ein Indiojüngling, verteilt Pappbecher an die Reisenden, die er daraufhin mit Mate de Coca aus Thermosflaschen befüllt. Wie ihnen bereits von der Bahnfahrt von Arica nach La Paz bekannt ist, ist der heiße Aufguss nicht nur ein probates Mittel gegen das Unwohlsein in dieser Höhe, sondern er wärmt zugleich die frierenden Hände. Oliver und Lissy bekommen zusammen einen Becher, aber Lissy verweigert den bitteren Trunk. Dennoch achtet Clarissa darauf, dass Oliver nicht mehr als die Hälfte des Bechers leer trinkt.
Im weiteren Streckenverlauf schlängelt sich die Autostraße im Angesicht der imposanten Anden in ebenso engen Haarnadelkurven sechzig Kilometer bis auf 1.200 Meter über Meereshöhe steil hinab in jene feuchte und subtropische Gegend, in der die Malaria als unbesiegte Herrscherin thront. Treffen hier zwei entgegenkommende Camiones – Lkws – aufeinander, muss der talwärts Fahrende bis zur nächsten Ausweichstelle rückwärts kriechen.
Nach einer weiteren Fahrstunde befinden sie sich etwa 800 Meter tiefer und der Fahrer des Colectivos macht zur Mittagspause Halt in der kleinen Ortschaft Unduavi. Hier befindet sich ein weiterer polizeilicher Kontrollpunkt und hier ist die Aduana de la Coca ansässig, die amtliche Zollstelle, an der für die aus den Yungas heraustransportierten Cocablätter der entsprechende Impuesto – Tribut – zu leisten ist.
Während der Pause knabbert Oliver genüsslich an einer mit pikanter Ajísauce gewürzten Hühnerkeule; Clarissa und Lissy hingegen verzichten auf das scharfe Essen und begnügen sich mit den mitgebrachten Butterbroten und den hart gekochten Eiern.
An diesem Ort gabelt sich die Straße in die beiden Routen zu dem Nord- und dem Südyungas, welchem unser Colectivo nun folgt. Weiter geht die Reise durch eine beeindruckende Szenerie in immer tiefer gelegene und zunehmend bewaldete Regionen. Hier und dort stürzen aus den weiter oben gelegenen Felsen anmutende Wasserfälle wie silberne Pfeile. Diese münden in die einige Hundert Meter tiefer in engen Tälern gelegenen wild rauschenden Flüsse.
Dann, plötzlich – eine abrupte Vollbremsung in unmittelbarer Nähe des Kühlers eines entgegenkommenden Lastwagens. Der junge Beifahrer springt aus dem Fahrzeug und weist dem Busfahrer die sicherste Spur bis zur nächsten Ausweichstelle, zu der sie im Schritttempo rückwärtsfahren. Erschreckt blickt Clarissa aus dem Fenster in den direkt neben dem Colectivo beginnenden, endlos tief erscheinenden Abgrund. Im Zeitlupentempo schleicht der entgegenkommende Lastwagen vorbei, bis die Gefahr gebannt ist.
Schon fast sieben Stunden lang dauert die Fahrt und die Kinder werden immer ungeduldiger. „Wann sind wir endlich da, Mami?“, fragt Lissy alle paar Minuten.
Zunehmend unruhiger geworden, verfolgen auch Oliver und Clarissa mit den Augen jedes neben der Autostraße stehende weiße Haus. „Hat uns der Fahrer vielleicht vergessen?“, fragt Oliver seine Mutter besorgt.
„Geh doch hin und frag ihn“, antwortet Clarissa, denn auch sie ist verunsichert.
„Señor, por favor, la casa blanca?“, fragt Oliver den Chauffeur.
„En 10 minutos, más o menos.“
Immer wieder dieses „más o menos“, sinniert Clarissa amüsiert. Man hört es hier ständig. Es bedeutet so viel wie „mehr oder weniger“ aber eher „Nichts genaues weiß man nicht“, wie wir bei uns sagen würden.
Kurz darauf verlangsamt der Kleinbus die Fahrt und überquert sehr behutsam die ächzende Holzbrücke über einem darunter munter strömenden Fluss. Nachdem sie an der anderen Talseite noch etwa 500 Meter gefahren sind, kommt das Fahrzeug zum Stehen. Der Chauffeur blickt in den Rückspiegel und meldet zur Erlösung Clarissas und der Kinder: „Puente Villa, Señora, la casa blanca.“
Erleichtert und mit steifen Gliedern steigen die drei aus. Feuchte Hitze schwebt ihnen wie ein Hauch entgegen. Agil klettert der Indiojüngling auf das Dach des Colectivos und reicht Clarissa das Gepäck herunter. Clarissa bedankt sich beim Fahrer, drückt ihm 5 Bolivianos in die Hand und gibt schließlich auch dem „chico“ 2 Bolivianos.
Mit einem strahlenden Lächeln kommt ihnen Hans Adler, ein strahlender, robust und jugendlich wirkender Vierziger, entgegen. „Bienvenidos, willkommen in unserem schönen Yungas, junge Frau, und auch ihr seid willkommen, liebe Kinder.“ Er begleitet sie zur weiß getünchten, im Schatten liegenden kleinen Hütte, wo sie von einem bereits etwas älter wirkenden Indio ebenfalls freundlich begrüßt werden. „Mariano ist zwar erst fünfunddreißig Jahre alt“, erläutert Herr Adler und antwortet damit auf die in Clarissas Miene liegende stumme Frage, „jedoch ist er wegen der tückischen Terciana, eine hier grassierende, besonders schwere Abart der Malaria, die bei ihm regelmäßig alle drei Tage starke Fieberanfälle auslöst, derart auffällig gealtert. Zudem sind seine Pupillenränder gelb anstatt, wie üblich, weiß gefärbt.“
Ziemlich erschüttert von dieser Aussage sieht sich Clarissa im Miniladen um: Offene Säcke mit getrockneten Cocablättern, gelben Erbsen, Saubohnen, Reis und Nudeln stehen am Boden; Sardinenkonserven, Getränkeflaschen und Zigaretten füllen die Regale. Neben dem Eingang fallen ihr die dort lagernden grünen Bananenstauden auf.
Marianos Frau öffnet Bier- und Coca-Cola-Flaschen und serviert Clarissa und den Kindern die lauwarmen Getränke in emaillierten Blechbechern. Für die Kinder gibt es Kekse dazu.
„Tja, liebe Frau Keller“, sagt Hans Adler, nachdem sie getrunken haben, „wir müssen uns wohl oder übel noch so lange gedulden, bis Ihr Mann und der Patrón mit seiner Frau ebenfalls hier eintreffen.“ Dann geht er mit ihnen an die Tür der Hütte und deutet auf die gegenüberliegende Straßenseite. „Dort drüben stehen unsere treuen Mulas, die uns nachher zur Hacienda bringen werden.“
In freudiger Erwartung blickt Oliver auf die zehn in einer Reihe angeleinten Maultiere, die mit regelmäßigem Stampfen der Hufe und rundum schlagendem Schweif wiederholt versuchen, lästige Fliegen und Mücken loszuwerden, die sie umschwärmen. Skeptisch beäugen dagegen Clarissa und die kleine Lissy diese Tiere. Die Ankündigung Herrn Adlers will ihnen gar nicht so recht gefallen.
Einige Stunden sind inzwischen vergangen. Zahlreiche bis oberhalb des Gitterrandes mit Waren beladene und mit einheimischen Fahrgästen besetzte Camiones sind bereits an der Casa Blanca vorbeigefahren, ohne jedoch die erwarteten Nachkommenden abzusetzen. Als Clarissa diesen hiesigen, offenbar allgemein üblichen Reisemodus beobachtet, ist sie im Nachhinein sehr froh, wenigstens bis hierher mit dem Colectivo gefahren zu sein.
Hans Adler hält einen der Lastwagen an und erkundigt sich beim Fahrer, ob er irgendetwas von den drei Gringos bemerkt oder sie gar gesehen habe. Dieser bejaht, er habe besagte Ausländer, zwei Männer und eine Frau, bei der Abfahrt aus La Paz gesehen, als sie mit einem Kollegen verhandelten. Er wisse aber, dass dieser noch nicht seine gesamte Ladung beisammen hatte und deswegen wohl erst später kommen werde.
Und tatsächlich vergeht die Zeit, ohne dass sich etwas tut. Die Sonne neigt sich bald bis zu den Berggipfeln herab. „Ich werde auf die anderen warten“, entscheidet Herr Adler plötzlich. „Aber Sie sollten unbedingt mit den Kindern noch vor Sonnenuntergang von hier weg, weil sehr bald die Malariamosquitos ausschwärmen werden.“ Er führt sie zu zwei der Mulis und verstaut einen Teil ihres Gepäcks in den Seitenfächern der „alforjas“, das sind auf beiden Sattelseiten herunterhän-gende Satteltaschen. „Haben Sie keine Angst, Chiquita und Bonita kennen ihren Weg nach Hause. Machen Sie sich also keine Sorgen, sie werden Sie sicher hinaufbringen.“
Nachdem er die Haltegurte der Sättel an beiden Maultieren fest angezogen hat, hilft Hans Adler zunächst Clarissa in den breiten Sattel auf Chiquitas Rücken und setzt dann die eingeschüchterte Lissy davor. Oliver stellt sich auf einen Stein und kann von da aus selbst in Bonitas Sattel steigen. Hans Adler passt die Steigbügelriemen der Beinlänge der Reitenden an und reicht ihnen die Zügel. Dann bindet er die Tiere los, gibt ihnen einen leichten Klaps auf die Kruppen, und unter seinem lauten ‚Vamos, vamos!‘-Ruf setzen sich die Mulis gemächlich entlang der Autostraße in Bewegung. Den drei Reitern ist zunächst, gelinde gesagt, sehr sonderbar zumute. Nach einer Kurve verschwinden hinter ihnen die Casa Blanca und der mitten auf der Straße stehende und ihnen hinterherwinkende Hans Adler.
Zunächst führt sie ihr Weg in gemächlichem Gang entlang der Autostraße, bis auf einmal hinter einer scharfen Rechtskurve beide Tiere abrupt vor einer kleinen Holzbrücke stehen bleiben. Die vorangehende Chiquita richtet die langen Ohren spitz nach vorn, stutzt, verlässt kurzerhand die Straße und watet, sehr zum Schrecken ihrer beiden Amazonen, vorsichtig durch das sprudelnde Wasser des kleinen Flusses. Lissy quittiert das Unternehmen mit einem gellenden Schrei. Beherzter als die Vorreiterinnen drückt Oliver seiner Bonita die Hacken in die Flanken, so wie Herr Adler ihn instruiert hat. Auf seinen „Vamos!“-Ruf folgt Bonita brav seiner Anordnung. Diese Begebenheit hat vor allem bei der Weiblichkeit wahrliches Herzklopfen ausgelöst!
Nach Durchqueren des Flusses gelangen beide Maultiere zurück auf die Landstraße und traben einige Hundert Meter weiter, bis sie plötzlich scharf nach rechts abbiegen, um ruckartig einem steilen, engen Pfad schrittweise den Berg empor zu folgen. Der Trampelweg der Mulis schlängelt sich am Berghang entlang und führt an manchen Stellen für eine kurze Wegstrecke über ebene Pfade, doch dann folgen wieder steile Anstiege. Gelegentlich bleiben die Tiere kurz stehen, um am Wegrand saftiges Gras abzubeißen. Schließlich setzen sie, genüsslich kauend, ihren Weg fort.
Schon bald beginnen sich die für die Reitbewegungen völlig untrainierten Sitzflächen schmerzhaft zu melden. „Mami, Mami, ich will runter!“, klagt als Erste die genervte Lissy.
Clarissa zieht an den Zügeln, woraufhin Chiquita artig stehen bleibt. „Oliver, bitte, hilf ihr doch!“
Auf den Ruf seiner Mutter steigt Oliver von Bonita ab und hilft der Schwester aus dem Sattel. Lissy und Oliver gehen nun für einige Minuten langsam den Mauleseln hinterher. Dann wechseln sie immer wieder zwischen Gehen und Reiten, denn das Bergangehen treibt ihnen bald den Schweiß aus den Poren, aber auch der schmerzende Popo meldet sich abermals, als sie wieder im Sattel sitzen.
Die Sonne versteckt sich schon bald hinter den Bergen und macht einer kurzen Dämmerung Platz. Wunderschöne, tiefrot gefärbte Schleierwolken sind am Himmel zu sehen, und wenig später changieren sie in eine graublaue Färbung. Den dreien wird es zunehmend unheimlich und sie bleiben nun trotz aller Beschwerlichkeiten doch lieber im Sattel. Plötzlich ist es dunkle Nacht. Unbeirrt setzen die Mulis mit sicherem Gang ihre Route fort. Wie schlafwandlerisch folgen sie dem Weg selbst in dieser fast totalen Finsternis, die nur seicht durch die große Anzahl Sterne am Firmament erhellt wird. Nach dem unendlich anmutenden, zweieinhalbstündigen Ritt bleiben Chiquita und Bonita unerwartet vor der Tranquera, einer aus drei quer ausgerichteten Baumstämmen bestehenden Pforte, abrupt stehen.
Aus der Dunkelheit kommend, nähert sich eine weibliche Gestalt mit einer Petroleumleuchte in der Hand. „Da sind Sie ja endlich!“, hören sie die ermunternden Worte, die ihnen Rosa Adler zur Begrüßung entgegenbringt, während sie die Baumholme zur Seite zieht, um den Einlass zu öffnen. Die beiden Mulis trotten in den Hof. Frau Adler kann gerade noch Lissy auffangen, die total übermüdet vom Sattel rutscht und auf der Stelle einschläft.
Erst viele Stunden später, mitten in der Nacht, trifft die Maultierkarawane mit den restlichen Reisenden auf Guayrapata ein. Alles, was hier oben auf angenehmen 1.700 Metern über Meereshöhe benötigt wird, wird auf diesem soeben beschriebenen „camino de mulas“ heraufbefördert. Ebenso werden alle Erzeugnisse, die auf der Hacienda produziert und zum Verkauf nach La Paz befördert werden sollen, dreimal in der Woche auf Mulikruppen hinunter zur Casa Blanca gebracht.
Am nächsten Morgen sitzen die Kellers mit Josef und seiner Frauke sowie den Familien Kahn und Kovacs fröhlich beim zünftigen Frühstück am großen Esstisch. Alle anderen sind längst an ihre Arbeit gegangen. Aus den beiden großen Fenstern blickt man auf den mit glatten, dunklen Schieferplatten gepflasterten und in dieser Gegend allgegenwärtigem Hof hinaus. Dieser läuft an der gesamten Hausfront entlang und diente bislang zur Trocknung der Coca-Blätter. Eine fast zwei Meter hohe Mauer, von deren Zinnen spitze Glasscherben bedrohlich emporragen, umrahmt die Trocknungsfläche.
Vom Personal bekommen sie zunächst nur Violeta zu Gesicht, eines der Küchenmädchen, das ihnen die Kannen mit frischem Kaffee, Milch und Kakao an den Tisch bringt. Dazu gibt es große Schüsseln mit Schnittkäse, Quark, Butter sowie Tomaten, Radieschen, Gurken, Brombeer- und Guayabamarmelade – alles Eigenprodukte der Hacienda – zur Auswahl. Heiko blickt allerdings skeptisch auf die bereits angetrockneten Marraqueta-Brotscheiben.
Josef bemerkt es sofort und erklärt mit einem bedauernden Lächeln: „Ja, es tut mir leid, lieber Heiko. Zum Backen sind wir auf Guayrapata bedauerlicherweise noch nicht gekommen, weil der uralte Backofen total hinüber ist. Könntest du vielleicht ...“
„Aber logisch, Josef, ich schaue mir den Ofen sofort an. Kann doch nicht angehen, dass hier, wo es zwei gestandene Bäcker gibt, kein frischeres Brot auf den Tisch kommt als dieses, nicht wahr?“
Nachdem alle gesättigt sind, verlassen sie gemeinsam das alte Gebäude. Heiko, Josef und Jakob Kahn gehen, von zwei Schäferhunden begleitet, um den lang gezogenen L-förmigen Bau herum. Sie kommen an einem leeren Schwimmbecken vorbei, das durch die riesige Krone eines mächtigen Chirimoyabaumes fast voll überdeckt wird. Daneben befindet sich auf einer kleinen Lichtung der ruinöse, irdene Horno. Dessen marode Lehmkuppel ist längst in sich zusammengestürzt, die rostige Ofentür hängt kläglich nur an einer Angel herab. Zusammen mit dem inzwischen hinzugeeilten Iraya, einem groß gewachsenen, sympathischen Indio-Landarbeiter, der Pike und Schaufel mitgebracht hat, machen sie sich ans Werk. Josef hat inzwischen eine Schubkarre herbeigeholt, in die die Reste der nach und nach bis zur Grundmauer abgetragenen Lehmglocke auf einem daneben liegenden Haufen abgeladen werden. Zufrieden stellen sie fest, dass sowohl Fundament als auch Backfläche des Ofens, die aus gebrannten Ziegelsteinen bestehen, fast unversehrt und noch durchaus brauchbar sind. Jakob Kahn trägt die demontierte eiserne Ofentür samt Zarge und Aufhängung ins Magazin. In der kleinen Werkstatt wird er versuchen, alles zu reinigen und wieder instand zu setzen.
Inzwischen steht Iraya ein Helfer namens Santiago zur Seite. Er ist von kleiner Statur, wirkt aber sehr robust. Er bringt neben seinem Werkzeug noch ein Bündel trockener Strohhalme sowie eine hölzerne Schablone für Adobes – jene irdenen, sonnengetrockneten Bausteine – mit. Beide machen sich nun daran, den abgetragenen Erdhaufen mit Piken und Schaufeln zu zerstoßen. Die zerkleinerten Erdbrocken werden durch ein Maschendrahtgestell gesiebt und abermals zerkleinert, bis sie die geeignete Korngröße aufweisen. In dem Haufen zerkleinerter Erde formen sie ein Loch, in das sie Wasser hineingießen. Zu Heikos Verwunderung stampfen die beiden Indios mit nackten Füßen die Erdmasse kräftig zu einem schlammigen Brei zusammen, in dem dann gebrochenes kurzes Stroh untergemischt wird. Der so angemachte Lehm wird ebenfalls mit den Füßen in die doppelte Schablone fest hineingestampft. Schließlich wird die Oberfläche mit wenig Wasser geglättet. Während der eine Indio vorsichtig die Schablone anhebt und beiseite legt, portioniert der andere die nächste Füllung mit der Schaufel. Am Ende liegen etwa achtzig Stück dieser Adobes reihenweise nebeneinander.
„Jetzt müssen wir warten, bis der Lehm getrocknet ist, erst dann können sie gewendet werden“, erklärt Josef. „In etwa drei bis vier Tagen können wir mit dem Mauern des Ofens beginnen.“ Er wendet sich an Iraya und Santiago, sagt: „Buen trabajo“ – gute Arbeit – und reicht jedem ein paar Scheine, die sie mit einem breiten Lächeln und ihrem „Muchas gracias, patrón“ quittieren. Für ihre Verhältnisse haben sie sich gerade ein kleines Vermögen zuverdient.
Während die Männer mit dem Wiederaufbau des Backofens beschäftigt sind, führen Frauke, Moses, Alfred und Thea die Neulinge Clarissa, Oliver und Lissy herum und erkunden gemeinsam das Anwesen. In der Casa Vieja – dem alten Haciendahauptgebäude – befindet sich neben dem großen Speiseraum auch die Küche. Hier wird auf dem mit Holz befeuerten und aus Ziegeln und Lehm gemauerten, mehrflammigen Herd gekocht. Neben größeren eisernen Töpfen benutzt man auch kleineres Kochgeschirr aus gebranntem Ton. Besonderen Spaß verursachen Clarissa der Anblick der vielen, offensichtlich selbst grob geschnitzten hölzernen Kochlöffel und vor allem der stark verrußten Töpfe, die – im Gegensatz zu ihrer Küche in der Casa Azul – hier wohl niemals gescheuert werden. „Muss ich mir unbedingt merken“, sagt sie sich leise lächelnd.
Im Hause befinden sich neben dem geräumigen Magazin mit integrierter Werkstatt, in dem Vorräte, aber auch Saat, Werkzeug und Sattelwerk gelagert werden, mehrere Stuben im Obergeschoß. Hier haben sowohl ein Teil der Belegschaft als auch die Ferienkinder ihre Schlafräume. An der Rückseite des Gebäudes, diskret hinter einem dicken Vorhang verborgen, befindet sich das Plumpsklo – „unser geräumiger Mehrsitzer“, wie es spaßig genannt wird. Das ebenso geräumige Wasch- und Duschhaus für die Bewohner ist in einem getrennten Bau untergebracht. Im kleineren, daneben liegenden Raum hat man die Pulpería, einen kleinen Kaufladen, eingerichtet. Er öffnet nur mittwochs und samstags jeweils von 17:00 bis 19:00 Uhr. Hier erhalten sowohl die eigenen Landarbeiter als auch die der benachbarten Haciendas die benötigten Grundlebensmittel und Bedarfsgegenstände: Charque, das platte, steinharte, luftgetrocknete Rindfleisch, Milchpulver, Schweineschmalz, Mehl, Zucker, getrocknete Erbsen und Bohnen, Reis und Nudeln. Darüber hinaus gibt es hier Macheten, Zündhölzer, Zigaretten, Kerzen, Petroleum und Brennspiritus – alles zu sehr günstigen Preisen. Viele Indios nehmen regelmäßig einen Fußmarsch von bis zu drei Stunden in Kauf, um sich hier einzudecken, da sie sonst diese Artikel nur vom eigenen Patrón zu exorbitant überhöhten Preisen erstehen können. Freunde hat sich Josef unter den benachbarten Hacenderos mit seiner preiswerten Pulpería allerdings nicht gemacht, da diesen dadurch ein bisher einträgliches Einkommen abhandengekommen ist. Sein Glück ist es, dass diese fünf oder sechs stinkreichen Hofeigentümer sich kaum oder überhaupt nicht um ihre Ländereien kümmern. Jedenfalls hat Josef seit dem Kauf seines Anwesens bisher auch nicht einen von ihnen zu Gesicht bekommen.
Die Rembowskis und ihre erwachsenen Besucher haben in der einen fünf Minuten entfernten Fußmarsch und etwas oberhalb gelegenen Casa Nueva – dem neuen, komfortableren Gästehaus – übernachtet. Josef hat es erst kürzlich erbauen lassen. Rund um einen größeren Gesellschaftsraum befinden sich die acht weiß getünchten Doppel- und zwei kleinere Einzelzimmer sowie zwei Duschbäder und eine Toilette – sogar mit Wasserspülung. Eine ergiebige Quelle, viel weiter oben auf dem Berg gelegen, versorgt die gesamte Hacienda mit reichlich frischem, kristallinem Wasser. Durch die landesüblichen Rohrleitungen aus dickeren durchstochenen Bambusstämmen rinnt das kostbare Nass und sammelt sich zunächst in einer sehr umfangreichen, aus Beton gemauerten Zisterne, von der aus die Versorgung für die beiden Häuser und den Kuhstall über getrennte Leitungen stattfindet. Eine Wohltat für alle, die hier wohnen: Sie können unbedenklich frisches Wasser direkt aus dem Wasserhahn trinken, ohne es vorher, wie in La Paz unbedingt geboten, abkochen zu müssen.
Die Besichtigungskolonne wandert an den mit dem Backofenbau beschäftigten Männern vorbei. Einige Hundert Meter entfernt steht der groß angelegte Hühnerstall. Hier sind gerade einige Landarbeiter unter der Leitung von Samuel Kovacs mit der Errichtung eines tief in den Grund eingebetteten, engen Maschendrahtzaunes beschäftigt. „Kezét csókolom – küss die Hand, liebe Damen“, grüßt er freundlich, als er Frauke und Clarissa bemerkt. „Müssen Zaun ganz tief eingraben, sonst kommt Marder wieder und tötet unsere Hühner.“
Als die Kinder das umzäunte Gelände betreten, krähen die beiden Hähne aufgeregt, zahlreiche Hühner laufen erschrocken davon, andere flattern zum Vergnügen der jungen Besucher wild gackernd umher. Lissy hält sich die Hände schützend vor das Gesicht, ist aber nicht bange. Durch die Geräusche hellhörig geworden, kommt ein blondes, etwa zwölfjähriges Mädchen, das mit einem viel zu großen Overall und Gummistiefeln bekleidet ist, aus Richtung des Stallungstors auf sie zu. Überrascht blicken Lissy und Oliver die Erscheinung an. „Hallo, ihr müsst Oliver und Lissy sein, nicht wahr? Ich heiße Bärbel und bin die Tochter von Hans und Rosa Adler – die habt ihr ja schon gestern kennengelernt.“
„Hallo, guten Morgen, Bärbel“, antworten die Kinder einer nach dem anderen. Moses geht zu ihr und drückt ihr einen Kuss auf die Wange. Bärbel errötet und versucht abzulenken: „Wollt ihr mir beim Eiersammeln helfen? Dann kommt doch mit herein.“
Gespannt folgen Alfred, Oliver und Lissy der Aufforderung, nachdem die beiden Letzteren ein zustimmendes Nicken von Clarissa vernommen haben. Im großzügig angelegten Stallraum befinden sich Wandregale, die fast bis an die Decke reichen. In diesen stehen unzählige mit Stroh ausgelegte Holzkisten, in denen die Hühner ihre Eier ablegen. Bärbel und Alfred steigen die Leitern hinauf, woraufhin die Hennen aufgeregt gackernd umherflattern und lautstark gegen die Eindringlinge protestieren. Bärbel und Alfred reichen Oliver die eingesammelten Eier herunter, der sie vorsichtig in die dafür bereitstehenden Strohkörbe legt. Lissy stöbert inzwischen in den unteren Legekisten und hält kurz darauf Oliver mit perplexem Gesichtsausdruck ein weißes, hölzernes Ei vor die Nase. Alfred hat es bemerkt und erklärt, dass diese Schummeleier die Hühner täuschen und sie dazu animieren sollen, dem Gelege weitere Eier hinzuzufügen.
„Warum macht ihr das denn?“, fragt Lissy.
Alfred wendet sich hilfesuchend an Bärbel.
„Sieh mal, Lissy, wenn man alle Eier im Nest lassen würde“, erklärt diese, „dann setzen sich die Hühner darauf und bebrüten sie mit ihrem Körper einige Tage lang, und zwar so lange, bis die kleinen Küken aus den Schalen schlüpfen. Wir wollen aber die Eier entweder selbst essen oder sie verkaufen. Deswegen müssen wir sie den Hühnern wegnehmen, bevor sie mit dem Brüten anfangen.“
„Habt ihr denn gar keine Küken hier?“, fragt Oliver.
„Doch, da kommt mal mit.“
Alfred und Bärbel klettern wieder herunter. Dann betreten sie alle zusammen durch eine kleine Tür den ebenfalls kleinen Nebenraum. Dort laufen zu Lissys größtem Entzücken zwei Hennen auf dem Boden herum, denen je ein Dutzend schwach piepsender, goldgelber Küken hinterhereilen.
Während sich die Jüngeren mit Bärbel erneut auf Eierpirsch begeben, meint Thea zu Moses: „Ich hab keine Lust, nochmals den Hühnern unter den Popo zu fassen. Wollen wir nicht lieber wieder zurückgehen? Außerdem hatte ich Frau Schloß ja versprochen, ihr bei den Vorbereitungen für das Mittagessen zu helfen.“
Etwas verunsichert antwortet Moses: „Ja, ist vielleicht auch besser so. Ich muss noch meine heutige Geigenübung absolvieren und habe einiges nachzuholen. Also gut, gehen wir!“
Die beiden holen Frauke und Clarissa, die bereits vorgegangen sind, auf dem Weg zur Casa Vieja ein.
Neben dem Hauptgebäude treffen sie auf Josef Schloß, den tüchtigen schwäbischen Gärtner aus Waiblingen, der in seinem Gemüseeden gerade dabei ist, Zwiebeln, Karotten und Yuca, eine hier gut gedeihende einheimische Maniokknolle, die als Kartoffelersatz dient, für das Mittagessen zu ernten. Die kleine, schrullige, immer lustige und gut aufgelegte Gestalt, stets mit dem kalten Pfeifferl im Mund, grient die beiden Damen freundlich an und hält ihnen die von dunkler Gartenerde beschmutzten Hände entgegen. „Heute gibt’s frische Zwiebele, Kohlrabiles, Möhreles und das vermaledeite Yuca zum Fraß. Gute Kartoffeles mögen ja in dieser ruchlosen Gegend nicht gedeihen! Maledetto, maledetto!“, grunzt er. Dann wendet er sich, ein Lied vor sich her summend, wieder seiner Arbeit zu.
Neben ihrer Arbeit im Gemüsegarten und in der Küche greift das Ehepaar Josef und Martha Schloß jeweils in der Früh und am Abend den Adlers beim Melken tüchtig unter die Arme, denn mehr als fünfzig Milchkühe bevölkern den großen Kuhstall. Der Corral befindet sich abseits und etwa 200 Meter tiefer gelegen als die Casa Nueva. Ober- und unterhalb des lang gezogenen Stallgebäudes erstrecken sich weite, eingezäunte Stallungen und Koppeln an den sanften Hängen, in denen Jungbullen und Färsen getrennt die Nächte verbringen. Die Kälber werden in einem vom Stall seitlich abgetrennten Abteil gehalten. In einem Nebengebäude ist sowohl die kleine Käserei als auch die Wohnung der Familie Adler untergebracht.
Martha Schloß, die unterstützt von Luisa und Violeta in der Küche agiert, tritt heraus und begrüßt Frauke und Clarissa freundlich. Gerade geht Thea Kahn der Gehilfin Violeta beim Rösten von Kaffeebohnen zur Hand. In einem verrußten, schrägen Tontopf auf der offenen Holzflamme am Herd befinden sich die bereits gebräunten Bohnen, die mit einem Holzstab ständig in Bewegung gehalten werden. Dicker Rauch und ein herbes Aroma nach gebranntem Kaffee erfüllen den Küchenraum. Luisa weicht das luftgetrocknete dunkle Rindfleisch, die flachen Charque-Platten, in einer mit Wasser gefüllten Wanne ein, damit es aufquillt und wieder essbar wird. Frisches Fleisch gibt es hier nur, wenn Hühner, Kaninchen oder bisweilen gar ein Kalb geschlachtet werden. Schweinefleisch von den Indios aus der Umgebung gäbe es zur Genüge, aber man verzichtet darauf, aus Rücksicht sowohl auf die hier wohnenden und die als Gäste bewirteten Juden. Die gelegentlich auf den Tisch kommenden Wurstwaren stammen ausschließlich von Isaak Goldfarb, dem einzigen jüdischen Schlachter in La Paz. Darüber hinaus werden keine besonderen rituellen Vorschriften bei den Speisen eingehalten.
Luisa, Violeta und Rosita gehören der achtköpfigen Landarbeiterfamilie Saavedra an. Diese ist schon seit Generationen im Dienst Guayrapatas und wird auch weiterhin von Josef beschäftigt. Die Familie bewohnt ein kleineres weißes, mit Wellblech bedachtes Haus unterhalb der Casa Vieja inmitten eines zumeist mit Mais bepflanzten Ackers. Señor Saavedra ist bereits seit Langem verstorben, aber sieht man sich die sechs weiblichen und den einzigen männlichen Nachkommen der ziemlich korpulenten Señora Maria näher an, ist es wahrscheinlich, dass es nach ihm noch weitere Señores als deren Erzeuger gegeben haben muss.
Josef Schloß tritt vor die Küche, voll beladen mit zwei großen Körben Gemüse. Zum ersten Mal vernimmt Clarissa amüsiert seinen stets wiederkehrenden Singsang: „Si señor, no señor, wie kommst du mir denn vor?“
Unterhalb des großen Patios der Casa Vieja steht rechts neben den Stammholmen der Eingangspforte die kleine Kapelle der Hacienda. Daraus ertönen leise die Tonleitern und Etüden, die Moses gerade auf seiner Geige erzeugt.
Während Martha und ihre beiden Gehilfinnen emsig mit den Vorbereitungen für das Mittagessen beschäftigt sind, decken Clarissa und Frauke den Tisch für die zwanzig hungrigen Münder, die wohl bald eintreffen werden. Pünktlich um 12:00 Uhr erscheint Rosa Adler und betätigt kräftig den Klöppel der Glocke, die vor dem Magazin hängt. Die drei Glockenschläge und dazu der laute Ausruf: „Akuli!“ signalisieren den Landarbeitern in der Aymarasprache, dass jetzt Pause sei. Für die anderen ist es der Ruf zum Mittagsessen. Zu all jenen, die sich inzwischen miteinander bekannt gemacht haben, gesellt sich jetzt auch das Schweizer Urgestein Urs Brunner, der hauptsächlich den Adlers im Kuhstall assistiert.
Schon ganz früh am Morgen, sobald es hell wird, treibt Hans Adler mit Hilfe von Urs Brunner die Maulesel von der Koppel hinauf in den Vorhof der Casa Vieja und schließt hinter ihnen die Holme in der Pforte. Mit geübtem Griff wirft Hans den Tieren, die an diesem Tag dran sind, ein Seil um den Kopf und bindet sie an einem Balken fest. Dann prüfen die beiden die Rückenpartien der Mulas, denn einige weisen Bisswunden auf, die ihnen während der Nacht von Vampir-Fledermäusen zugefügt wurden. Mit einem in Desinfektionsmittel getränkten Tampon geht Urs von Muli zu Muli, um sie alle zu verarzten, denn in diesem tropischen Klima infizieren sich die Wunden rasch. Zudem legen bösartige Fliegen ihre Eier darin ab. Diese Behandlung ist für die Tiere wenig angenehm. Ärgerlich stampfen sie mit den Hufen. Einige schlagen rabiat mit den Hinterläufen aus oder versuchen gar den Aggressor zu beißen. Die beiden Männer sind jedoch routiniert und lassen sich von diesem Drohgehabe nicht einschüchtern.
Zum Schutz der verletzten Matas wird den verarzteten Mulis ein sauberes Leinentuch aufgelegt. Darauf legen Urs und Hans nacheinander zahlreiche Decken – auch eine mit Hinterzeug. Dessen breite Borte wird unter dem Schwanz des Tieres platziert, damit Sattelzeug und Ladung im abschüssigen Gelände nicht verrutschen. Zuoberst kommen bei Reittieren der Sattel und bei Lasttieren breite, flache Ledergurte. Mit einem sehr kräftigen Zug müssen nun gegen den Widerstand der trotzig aufgepumpten Leiber der Tiere die Befestigungsriemen angezogen werden. Dieser Trick hat schon manch unerfahrenen Mulatero überlistet, der die festgezurrt geglaubte Carona plötzlich am Bauch des Tieres hängend und seine Ladung am Boden wiederfand. Als die Riemen tatsächlich fest sind, öffnet Urs die Tranquera und entlässt die freien Mulis auf ihre Koppel.
Rosa Adler und Martha Schloß kochen inzwischen Eier und bereiten belegte Butterbrote für die Abreisenden vor. Nach diesem schönen verlängerten Wochenende auf Guayrapata heißt es für die erwachsenen Besucher Abschied nehmen, denn sie alle müssen an ihr Tagewerk zurück. Die Kinder haben es besser, sie dürfen während der gesamten Ferien hierbleiben, allerdings unter Rosa Adlers strenger Obhut.
Da die Adobeziegel für den Backofenbau noch nicht ausreichend getrocknet sind, haben Josef und Heiko den spanisch sprechenden Santiago instruiert, wie er und Iraya beim Aufbau des Ofendomes vorgehen sollen. Herr Kahn hat inzwischen die eiserne Ofentür wieder instand gesetzt. Mit der Hilfe von Hans Adler haben sie die abgebrochenen durch neu geschmiedete Scharniere ersetzt und diese angeschweißt.
Bedripst stehen die Jüngeren, vor allem Lissy, bei dem Gedanken an die vorübergehende Trennung vor ihren Eltern auf dem Hof. Bitter weinend vergräbt das Mädchen sein Gesicht in Theas Schulter, während die berittene Maulesel-Karawane das Gut durch die offene Tranquera verlässt. Hans Adler und Urs Brunner, der ihn heute nach Puente Villa begleitet, bilden zu Fuß die Nachhut.
Auch diesmal gestaltet sich die Rückfahrt nach La Paz für die Damen der Gruppe vorteilhaft, denn wiederum sind für sie im Colectivo des Hotels Chulumani Sitzplätze frei. Die Männer müssen es sich dagegen so gut es geht auf den hölzernen Eier- und Käse-Transportkisten eines voll beladenen Camión bequem machen.
Sobald die letzten Maulesel außer Sichtweite sind, erfolgt der aufmunternde Ruf Rosa Adlers: „Also, bitte kein Trübsal blasen. Ihr kommt alle mit mir in den Kuhstall, dort haben wir heute noch viel zu tun und ihr könnt euch dabei nützlich machen. Jetzt los, alle folgen mir!“
6. Kinderparadies
Etwa eine Viertelstunde braucht die Gruppe, um bis zum Kuhstall zu gelangen. Begleitet werden sie von den beiden Schäferhunden Chiquita und Dickusch. Zunächst wandern sie entlang der schattigen Allee mit den hohen und früchtebeladenen Mispel- und Limabäumen sowie den Bäumen, von denen saftige – leider bittere! – Orangen leuchten. Danach führt sie der Weg an einem seichten Hang entlang. Weiter unten, inmitten des Maisfelds der Saavedras, vernehmen die Kinder ein seltsames Trommeln. Dieses wird hervorgerufen durch den sehr hageren jungen Miguel, der mit einem Holzklöppel rhythmisch auf einen alten Topfdeckel schlägt und mit seinem Singsang – „Huayko, Huayko, Huayko“ – bestrebt ist, die Schnepfen und Rebhühner von den vielen bereits heranreifenden Maiskolben zu verscheuchen.
Am Abhang wächst ein undurchdringliches Dickicht stacheliger Brombeerbüsche. Ein Blick nach rechts oben verrät etwas weiter vorn, inmitten von hochgewachsenen Eukalyptusbäumen, die Dachkontur der Casa Nueva. Endlich erspäht man weiter unten, halb versteckt unter üppigen Bananenblättern, das lang gezogene Wellblechdach des Corral. An den beiden großen Tränken vorbei führt dann der Weg hinunter zu den Stallungen. Rechts eine Koppel, auf der der mächtige Holstein-Bulle Hans mit einem Ring durch die Nase bedrohlich die vorbeiziehende Kinderschar beäugt. „Vor dem müsst ihr euch in Acht nehmen“, rät Bärbel. „Nur mein Vater traut sich näher an ihn heran, und das auch immer mit großer Vorsicht.“
Josef und Martha Schloß waren zusammen mit Rosita und Juanita Saavedra zum Stall vorgeeilt. Die beiden jungen Frauen helfen immer dann beim Melken aus, wenn, so wie heute, Hans und Urs anderweitig beschäftigt sind. Die Kühe stehen sich, an den Längswänden angebunden, in zwei Reihen gegenüber, jede unter einer Schiefertafel. Neben „Martha“, „Anna“ und „Lieselotte“ sind darauf auch „Meikuh“, „Meikalb“, „Faßele“, „Einhörnle“, „Sturkopp“, „Stößerin“ und andere mehr oder weniger ausgefallene Namen zu lesen.
Ehrfürchtig betreten die Kinder die Stallung. Auf den ein- oder dreibeinigen Schemeln sitzen die melkenden Frauen. Den Eimer zwischen den Knien festgeklemmt, bearbeiten sie fleißig die mageren Euter. Martha redet leise auf ihre Kuh ein, sie möge doch ihre Milch hergeben.
Lediglich karges Grünfutter finden die Rinder an den oberen Berghängen Guayrapatas, auf die sie nach dem Melken getrieben und dort für den Rest des Tages sich selbst überlassen werden. Deswegen erhält jede Kuh beim Melken einen Eimer mit angemachtem Afrecho als Ergänzungsfutter, damit wenigstens eine Tagesleistung von zwei bis drei Litern Milch je Kuh erreicht werden kann. Erfreulich hoch ist dagegen deren Rahmgehalt, der zwischen sechs und sieben Prozent liegt.
Vater Schloß, der gerade das Afrecho – Weizenkleie mit Wasser – knetet, bekommt Hilfe von Bärbel und Alfred, die diese Prozedur schon kennen. Moses und Oliver erhalten die Anweisung, einige große Lecksalzwürfel mit einem Hammer zu zerkleinern, um einige Brocken dem Futter hinzuzufügen. Die beiden Jungs schleppen dann die gefüllten Futtereimer in den Stall, damit die Melkerinnen sie ihren Kühen hinstellen können.
Rosa Adler hat sich Eimer und Schemel genommen und melkt ein Muttertier, das während der letzten Nacht gekalbt hat. Hans wurde um ein Uhr morgens von lautem Muhen geweckt und kam gerade rechtzeitig dazu. Das Neugeborene lag bereits auf dem Streu und er konnte die Nabelschnur durchtrennen, sie abbinden und desinfizieren. Er ist erfreut über den Zuwachs für die Herde, denn es ist ein Weibchen. Hans trägt es vorsichtig in den benachbarten Kälberstall. Mühelos gewinnt nun Rosa die gelbliche Biestmilch, die aus dem prall gefüllten Euter der gekalbten Kuh fließt und reich an wertvollen Inhalts- und Abwehrstoffen ist. Diese werden ihrem Kälbchen gleich zugutekommen.
„Ay, caramba!“, schreit Rosita wütend, denn sie hat soeben einen Schlag mit dem Kuhschwanz mitten ins Gesicht bekommen. Ihre Kuh stampft mit den Hufen und schnauft heftig in ihren Afrechoeimer hinein, um die lästige Fliegenschar zu vertreiben, die ihr beim Fressen um den Kopf herumschwirrt. Gerade noch kann Rosita den schon zu einem Viertel vollen Melkeimer retten.
Vorsichtig trägt Vater Schloß die Eimer mit der frischen Milch zu einer besonderen Schubkarre, auf der ein Tank fest montiert ist. Hier hinein gießt er die Milch und bringt dann das Leergut zurück in den Stall. Die Karre mit dem vollen Milchtank wird rasch in die Käserei gebracht. Dort werden Hans Adler und Urs Brunner am Abend die Morgenmilch zusammen mit der am Nachmittag gemolkenen verarbeiten.
Rosa Adler ist fertig mit dem Melken ihrer Kuh und trägt den fast vollen Melkeimer. Dann ruft sie: „Wollt ihr jetzt zu den Kälbchen? Dann kommt mit mir!“ Die Kinder lassen sich das nicht zweimal sagen und folgen Rosa. Alfred, Thea und Moses tragen ebenfalls volle Milcheimer, die ihnen Vater Schloß bereitgestellt hat.
Fünf Kälber kommen ihnen neugierig entgegen, als Bärbel die Türe öffnet. Noch etwas schwach steht der Neuankömmling auf zittrigen Beinen. Rosa gießt etwa die Hälfte der wertvollen Muttermilch in einen hölzernen Eimer, den Alfred ihr hinhält.
Oliver und Lissy sehen fasziniert zu. „Wie süß, darf ich es streicheln?“, fragt sie entzückt.
„Warte noch ein bisschen, mein Kind, erst muss das Kleine gefüttert werden.“ Dann fragt Rosa: „Wer will? Aber Vorsicht, es wird sicher stark mit dem Kopf in den Eimer stoßen!“
Thea hält das Kälbchen fest, während Moses ihm schräg den Eimer vor die Schnute hält und ihm drei Finger der zuvor in die Milch getauchten Hand zeigt. Bärbel hilft nach und steckt dem Säugling den Kopf in den Eimer. Dieser begreift sofort und macht sich gierig an seine Mahlzeit. Wie von Rosa vorausgesagt, muss Moses einige Kopfstöße des Kälbchens auffangen, aber alles läuft gut, bis es den Behälter leergesogen hat. Auch danach lutscht es noch kräftig an Moses’ Finger. Dann erinnert sich Moses plötzlich daran, dass er doch mit den Fingern sehr vorsichtig sein muss – er darf sich nicht verletzen. Das wäre schlimm für seine größte Leidenschaft, das Violinenspiel. Für ihn steht die Berufswahl schon seit seiner Kindheit fest: Er will unbedingt Musiker werden. Er ist tatsächlich sehr begabt, übt fleißig mehrere Stunden am Tag und ist der beste Schüler von Señor Osvaldo D’Amore, der sein Geigenlehrer am Konservatorium ist.
Inzwischen versorgen die anderen Kinder die restlichen Kälber, die alle durstig nach ihrer Milch lechzen, in gleicher Weise, wie Moses es getan hat. Oliver steht unentschlossen dazwischen und hätte auch große Lust, ein Kalb zu füttern, aber noch fehlt ihm dazu der Mut. Lissy schaut verträumt umher und ist gefesselt von diesem Bild.
„Was meint ihr, Kinder, wie wollen wir das neue Kälbchen nennen?“, fragt Rosa. Alle auf Guayrapata geborenen Kälber bekommen üblicherweise die Namen der gerade anwesenden Ferienkinder. So stehen da natürlich schon eine „Bärbel“ und eine „Thea“ in der Gruppe. Auch „Moisés“ und „Alfredo“ sind dazwischen, allerdings sind die kleinen Stiere weit weniger begünstigt als die Weibchen, denn ihnen droht schon nach wenigen Monaten der Weg zum schnöden Schlachter.
„Meint ihr nicht, wir sollten sie Lissy nennen?“, schlägt Thea vor. „Und da ist auch der kleine Stier, der noch keinen Namen hat, den nennen wir Oliver.“
Durch einstimmige, laute Akklamation wird der Vorschlag angenommen. So hat nun jedes der Kälbchen seinen Taufpaten und Lissy darf endlich ihr Patenkind streicheln. Schüchtern streicht sie mit ihrer Hand über das weiche, schwarz-weiß gefleckte Fell. Mit frohem Lachen quittiert sie die feuchte Schnauze, die ihr das Tier plötzlich unter den Rock steckt und diesen zur Belustigung aller hochhebt.
Glücklich und zufrieden verlassen die Kinder wenig später den Kälberstall. Bärbel verriegelt vorsichtig die Tür.
Als alle Kühe gemolken sind, werden sie losgebunden. Nach und nach verlassen sie den Stall. Meikuh und Faßele tragen kleine Kuhglocken um den Hals. Auch die Färsen, die noch nicht gekalbt haben und keine Milch geben, werden ins Freie gelassen. Nach labendem Aufenthalt an den Tränken trotten sie gemächlich auf den Berg, um hier und dort auf das begehrte Grünfutter zu stoßen. Stetig fressend steigen sie allmählich den Hang empor, bis man sie schließlich inmitten des dichten, grünen Gebüschs aus den Augen verliert. Nur ab und zu verrät ein Läuten, wo sie sich gerade aufhalten.
Martha Schloß macht sich rasch auf den Weg zurück in die Casa Vieja, um dort für das Mittagessen zu sorgen. Für die anderen ist es an der Zeit, den Stall auszumisten. Alle ziehen Gummistiefel an. Kräftig schieben die beiden Saavedra-Mädchen gemeinsam mit Vater Schloß die nächtliche Fladen-Hinterlassenschaft der Rinder auf dem Betonboden des Stalls zusammen. Alfred und Moses helfen tatkräftig mit, auch Oliver versucht sich an der Schaufel und die drei füllen Schubkarre für Schubkarre mit den Kuhfladen. Vater Schloß fährt die voll beladenen Karren durch die hintere Stalltür hinaus, wo der Dung auf einen Haufen am Hang hinabgeschoben wird. Dann spritzt er im Stall die Dungreste mit einem Wasserschlauch vom geriffelten Estrichboden. Das grünliche Abwasser fließt zur Stallmitte und unter der mit Gitterrosten abgedeckten Abflussrinne ins Freie.
Rasch vergehen die Stunden, dann müssen sich alle sputen – es ist Mittagszeit. Schon während des gehetzten Händewaschens vernehmen sie das Läuten der Mittagsglocke und den durchdringenden „Akuli“-Ruf Rosa Adlers. Höchste Eisenbahn also, um zu Tisch zu eilen!
Zur Freude der Kinder gibt es heute nach der unweigerlichen Gemüsesuppe Rindswürstchen vom Schlachter Goldfarb aus La Paz, dazu Kartoffelsalat. Zum Nachtisch hat Luisa einen Grießbrei vorbereitet, der mit dem selbst gemachten Brombeersirup übergossen wird. Nach dem Essen heißt es: Siesta bis um halb drei Uhr. Alle ziehen sich zurück. Da draußen die Sonne brennt und es sehr heiß ist, ist man froh, sich im Haus etwas abkühlen und dabei ausruhen zu können. Die Hunde Chiquita und Dickusch dösen im Schatten vor dem Magazin. Nur die beiden Saavedramädchen sind noch da: Sie decken den Tisch ab, waschen Geschirr und Kochtöpfe ab und säubern schließlich Esszimmer und Küche. Dann gehen auch sie hinunter in ihr Häuschen.
Pünktlich um halb drei läutet nochmals die Glocke. Diesmal ist es Vater Schloß, der ein lautes „Akuli listo!“ in die Luft schmettert. Damit ist für alle die Mittagspause beendet. Dann stimmt er vergnügt sein immer wiederkehrendes „Si señor, no señor, wie kommst du mir denn vor?“ an und wendet sich seiner Arbeit im Gemüsegarten zu.
Luisa hat bereits große Kannen mit duftendem Kaffee für die Erwachsenen und kalte Milch für die jungen Leute auf den Tisch gestellt. Dazu stehen große Stücke Gugelhupf bereit, den Heiko zusammen mit Ruth Kovacs am Vortag im kleinen Backofen der Küche gebacken hat. Miguel Saavedra, mit einem übergroßen Sombrero aus Stroh auf dem Kopf und einem langen Hirtenstab in der Hand, stößt jetzt auf die Gruppe. Er wird von allen begrüßt und mit Oliver und Lissy bekannt gemacht. Auch er bedient sich an Kaffee und Kuchen, denn er leitet das allnachmittägliche Heimholen der Rinder von den Feldern und Wäldern, wohin die Tiere während ihrer Tageswanderschaft auf der Suche nach Futter geraten sind. Dem geschickten Späher gelingt es stets, auch die hinterlistigsten versteckten Kühe zu finden und sie aus ihrem Schlupfloch herauszutreiben. Bei ihm kann man sicher sein, dass alle Rinder vollzählig in den Corral zurückkehren.
„Wer trommelt jetzt bei dir auf dem Maisfeld, während du weg bist?“, fragt Oliver neugierig.
Miguel antwortet belustigt: „Meine Mutter, Doña María, aber die kann nicht so laut rufen wie ich, deswegen haben es nun die Rebhühner für drei Stunden leichter, an ihr Futter zu herankommen. Aber es macht nichts, die müssen ja auch leben, und außerdem, wenn sie schön fett sind, schießen wir gern einige von ihnen zum Essen ab. Gebraten schmecken nämlich Perdices und Becasinas wirklich sehr gut!“
Nachdem sie sich gestärkt haben, macht sich die Gruppe aus Bärbel, Alfred und Thea unter Miguels Führung auf den Weg, um die Rinderherde hereinzuholen. Die beiden Schäferhunde laufen ihnen freudig hinterher. Moses kann nicht mitkommen, er geht hinunter zur Kapelle. Da er den ganzen Vormittag im Corral verbracht hat, muss er jetzt seine Übungsstunden nachholen. Bald darauf ertönen leise Geigentöne aus dem kleinen Bethaus.
Rosa Adler schlägt Oliver und Lissy vor, mit ihr wieder in den Kuhstall zu gehen, um sich dort an das Käsewenden zu machen. „Hans und Urs müssten mit den Mulas bald wieder hier sein. Sobald sie abgeladen sind, könnt ihr zur Casa Vieja zurückreiten.“
Die beiden Kinder folgen der flott vorausgehenden Rosa bis in den Corral. Dort angelangt, gehen sie um den Stall herum bis zur dahinter gelegenen Käserei. Hans Adler hat eine ehemals neben diesem Gebäude in den Berg geschlagene Grotte erweitert, deren Wände mit Mörtel geglättet und dann weiß gekalkt. Anschließend wurden Holzregale an die Wände gebracht, auf denen jetzt viele etwa dreißig Zentimeter große, runde Käselaibe jeweils zwei bis drei Monate lagern, um zu reifen. Ein schweres, mit einer dicken Kette und einem Schloss versehenes hölzernes Tor sichert den Eingang zum dunklen und kühlen Gewölbe. Unter Rosas Anleitung werden nun alle Käselaibe nacheinander auf einen Tisch gelegt, mit trockenen Leinentüchern abgewischt, mit Salzlake bepinselt und schließlich mit der zuvor unteren Seite nach oben wieder ins Regal gelegt. „Dies machen wir alle zwei Tage, damit der Käse trocknen, sich aber kein Grünschimmel an der Oberfläche bilden kann, denn der ist gesundheitsschädlich“, werden die Kinder belehrt.
„Aber Onkel Josef hat uns einmal einen Käse mit nach Hause gebracht, der innen voll mit grünem Schimmel war“, meint Oliver erstaunt. „Er hat gesagt, dass dies in Frankreich eine beliebte Käsesorte sei. Aber er schmeckte sehr streng, ich habe ihn nicht gemocht.“
Rosa lächelt. „Du hast recht, Oliver, du meinst sicherlich den Bleu-Roquefort-Käse. Ja, der hat einen grünblauen Schimmel im Inneren, aber dabei handelt es sich um eine essbare Schimmelart, die nicht schädlich für den Menschen ist. Außerdem ist dieser Käse aus Schaf- und nicht aus Kuhmilch. Sieh, mal hier“, sie zeigt auf einen grünen Schimmelrand, der sich auf einem der Regalbretter gebildet hat, auf dem sich jetzt gerade kein Käselaib befindet, „dies ist der Grünschimmel, den ich meine, der sieht doch ganz anders aus als der im Käse, nicht wahr?“ Sie wischt den Schmarotzer mit einem in Essig getränkten Lappen weg.
Während sie die letzten Käselaibe behandeln, vernehmen sie draußen laute „Vamos, vamos!“-Rufe. „Ach, ja“, meint Rosa erfreut, „da sind sie, unsere Männer! Danke für die Hilfe, wir sind hier ja fertig, lasst uns rausgehen!“
Erwartungsvoll laufen die Kinder voran, während Rosa das Tor mit der Kette sichert. Von Urs und Hans angetrieben, kommen nach und nach die voll beladenen Maulesel mit behutsamem Schritt den abschüssigen Weg herunter. Die durstigsten unter ihnen halten an den Wassertränken, um zu saufen.
„Hallo, Kinder! Wie geht es euch?“, fragt Hans.
„Prima, Herr Adler“, antwortet Oliver.
Lissy steht etwas schüchtern hinter dem Bruder, die Mulas sind ihr immer noch nicht ganz geheuer.
Rosa reicht den beiden Männern große emaillierte Becher mit Kaffee und eine deftige, mit einer dicken Käsescheibe belegte Butterstulle. Nachdem Urs und Hans gegessen und getrunken haben, machen sie sich sofort daran, die sechs Maultiere zu entladen. Die restlichen Mulas wurden bereits an der Casa Vieja von ihrer Last befreit. Als die festgezurrten Halteseile gelöst sind, werden die Tiere von den drei Jutesäcken mit Weizenkleie erleichtert, indem diese einfach zu Boden geschubst werden. Mit der Sackkarre werden sie anschließend in das kleine Magazin neben dem Corral gebracht. Plötzlich packt Urs ohne Vorwarnung Oliver und setzt ihn auf eines der Maultiere. Ehe Lissy protestieren kann, sitzt sie auch schon vor Oliver, der sie fürsorglich festhält.
Dann ruft Urs den anderen Mulis laut „Vamos, vamos!“ zu und nimmt das Tier, das die beiden Kinder trägt, an die Leine. Die Karawane zieht langsam den Hang empor, zurück zum alten Haciendahaus. Bald ist auch Lissy froh, dass ihr diesmal der Gang zu Fuß erspart bleibt.
Nachdem sie ihr Ziel erreicht haben, werden die Mulis vom Sattelzeug befreit. Urs besieht sich eines der Tiere, dessen Rückenwunde durch die heute getragene Last böse aufgescheuert wurde. Er bindet das Tier an den Balken. Dann holt er aus dem Magazin ein mit einer Desinfektionstinktur getränktes Leinentuch. Damit nähert er sich vorsichtig der nervös gewordenen Mula, die ihn misstrauisch beäugt. Offensichtlich hat das Tier mit der nun folgenden, recht schmerzhaften Behandlung bereits früher Bekanntschaft gemacht, denn es tänzelt unruhig hin und her. Urs packt es kurz an der Mähne und behandelt die offene Wunde mit dem mitgebrachten Tuch. Das Maultier schlägt mehrfach mit den Hinterläufen aus, aber Urs hält es eisern fest. Dann, ganz langsam, beruhigt es sich wieder und lässt brav den Schweizer gewähren, der nun die Wunde sanft mit einer lindernden Salbe bestreicht und sie danach mit einem sauberen Leinentuch bedeckt. „Darfscht di nu ine Wochlang uf de Matte usruhe!“, flüstert er in das lange Ohr des Tieres. Dann löst er vorsichtig den Griff an der Mähne und krault das Tier liebevoll an Kopf und Ohren, schließlich befreit er es von der Leine. Durch die geöffnete Tranquera galoppiert es eilig seinen Artgenossen auf die Koppel hinterher.
Kurz darauf kommen auch schon die ersten Rinder durch die Pforte, gefolgt von den japsenden Chiquita und Dikusch, die sofort gierig an ihrem Wassernapf schlabbern. Vater Schloß dirigiert das Vieh gleich weiter auf den Weg zum Kuhstall. Weiter unten ist das Rufen der Treiber zu hören, die eine hier oder dort zum Fressen stehen gebliebene Kuh zum Weitergehen auffordern. Fruchtet der „Vamos, vamos!“-Ruf nicht, greift Miguel zum probaten Mittel seiner Indio-Schleuder. Er ist ein treffsicherer Schütze, der die runden kleinen Steine, die er in einem Ledersäckchen am Gürtel trägt, zielgerecht den zögernden Tieren auf den Rücken schießt.
Den Tieren, die sich jetzt alle auf den sicheren Weg in den Rindercorral machen, folgen die wackeren, aber durch und durch verschwitzen Treiber, die erst einmal ihren Durst mit einem mit Wasser verdünnten Limasaft stillen. Lima, diese leicht bitter-sauer-süß schmeckende Zitrusfrucht, ist wohl aus einer Kreuzung von Limonen und Orangen entstanden und gedeiht hier auf Guayrapata im Überfluss. Unter deren grünlich-gelben, hauchdünnen Schale und einer ebenso zarten weißen Albedoschicht zeigen sich die saftigen, hellgelblichen Fruchtsegmente, die man sowohl als Frucht als auch zu einem erfrischenden Trunk gepresst genießen kann.
Nachdem die Herde ihren Durst an den Stalltränken gelöscht hat, sondert Miguel geschickt die Färsen aus dem Pulk aus und treibt sie auf ihre Koppel. Die Milchkühe finden selbstständig den Weg hinunter in den Stall und jede steuert ihren unter der jeweiligen Namenstafel angestammten Platz an. Dort werden sie von Hans, Bärbel und Urs angeleint und auf etwaige Verletzungen untersucht. Bärbel sagt zu Urs: „Sieh mal, die Lieselotte hat zwei große Garrapatas am Hals.“ Urs holt eine Zeckenpinzette aus seiner Weste und entfernt damit die mit Blut vollgesogenen Schmarotzer. Diese werden in einer verschließbaren Dose gesammelt. Wenn die voll ist, werden die Zecken an die Hühner verfüttert, die sich diese Delikatesse nicht entgehen lassen. „Morgen früh werden wir die Kühe nach dem Melken mal wieder mit Auto-Altöl einschmieren“, sagt Hans. Diese bewährte Methode wird schon seit Langem gegen die Zecken eingesetzt. „Das Altöl reicht nicht mehr für alle“, antwortet Urs. „Patrón Rembowski muss für Nachschub sorgen.“
„Na gut, dann eben soweit der Vorrat reicht.“
Hans bittet Miguel, der sich nach getaner Arbeit gerade verabschiedet, auch morgen früh zu kommen, um beim Einschmieren zu helfen. „Muy bien, Don Hans, hasta mañana!“, bestätigt Miguel mit einem Lächeln und lüftet dabei seinen breiten Sombrero.
Hans, Rosa, Urs, Bärbel und auch Vater Schloß machen sich jetzt eifrig ans Melken.
Flugs und ereignisreich ist dieser Nachmittag vorübergegangen. Die Hitze lässt langsam nach, die Sonne neigt sich allmählich dem gegenüber gelegenen Bergkamm zu. Alle Kinder haben sich inzwischen an der Casa Vieja versammelt. Martha Schloß scheucht sie auf: „Rasch ausziehen, und dann ab zum Duschen ins Badehaus! Nehmt euch aber vorher aus eurem Zimmer Handtücher und saubere Wäsche mit. Schmutzige Sachen kommen in den Korb!“
Thea und Bärbel nehmen Lissy mit in das Damenabteil, während sich Oliver zu Alfred und Moses in den daneben gelegenen Duschraum gesellt. An dessen Tür steht in schwarzen Buchstaben: „Hombres“ – Männer. Oliver will sogleich den Wasserhahn einer Dusche aufdrehen, doch Moses hält ihn mit einem vielsagenden Grinsen davon ab. Von nebenan vernehmen die Buben genüsslich das Juchzen der Weiblichkeit unter dem aus der Rohrleitung strömenden, zunächst noch kühlen Wasser, das erst allmählich in eine angenehme, warme Temperatur übergeht. Jetzt erst öffnet Moses den Duschhahn. Während sich die Jungen einseifen, beobachtet Oliver verwundert die Geschlechtsteile seiner Kameraden, die, im Gegensatz zu seinem Penis, keine Vorhaut haben. Auch Moses und Alfred bemerken irgendwann ebenfalls Olivers „kleinen Unterschied“. Keiner von ihnen wagt etwas zu sagen, sie sehen sich nur gegenseitig stumm an. Wortlos stehen sie noch eine Weile unter den Duschköpfen, dann trocknen sie sich ab und ziehen ihre frischen Sachen an. Moses verlässt, gefolgt von Alfred, als Erster den Duschraum. Oliver bleibt zunächst zurück und weiß nicht, was er denken soll. Völlig konfus über die soeben gemachte Entdeckung, sitzt er auf der Holzbank und hält den Kopf zwischen seinen Händen. Irgendwie rollen plötzlich dicke Tränen über seine Wangen.
Moses, der ja um einiges älter ist als Oliver, hat dessen Ratlosigkeit bemerkt. Vertrauensvoll wendet er sich an Vater Schloß und erzählt ihm, was sich soeben zugetragen hat. Dieser nickt nur kurz, gibt Moses einen freundschaftlichen Klaps auf die Schulter und geht unverzüglich ins Duschhaus.
Schweigend setzt er sich neben Oliver auf die Bank, reicht ihm ein Taschentuch und legt den Arm über seine Schulter. „Du musst dir keine Sorgen machen, mein lieber Junge. Das, was du soeben gesehen hast, ist ganz natürlich und normal. Du bist kein Sonderling, weil du da unten ein wenig anders aussiehst als die anderen Jungs. Wenn wir Männer geboren werden, sehen wir alle genauso aus wie du, weißt du? Bei uns Juden ist es nur so, dass wir von Gott ein Gebot erhalten haben, dieses Stückchen Haut an der Spitze des Gliedes zu entfernen, um mit Ihm den Bund zu schließen. Das passiert schon am siebten Tag nach unserer Geburt, und es wird von einem dafür besonders geschulten Mann, dem Mohel, durchgeführt. Danach gibt es ein großes Familienfest – so ähnlich wie bei der Taufe der Christen, bei denen du aufgewachsen bist. Bist du getauft worden?“
„Nein, Vater Schloß“, schluchzt Oliver, den die sachliche Erzählung ein wenig beruhigt hat. „Ich glaube, meine Mami ja, aber Papi und Lissy auch nicht. Ich habe schon im Religionsunterricht bei Herrn Bremer vieles erfahren, aber das, was Sie mir jetzt gesagt haben, hab ich nicht gewusst.“
Die Glocke läutet. Es ist der Ruf zum Abendbrot. „Komm, Buberle, wir müssen. Mach dir keine Sorgen mehr, ich erkläre es den anderen Jungs. Aber eins sollst du ruhig wissen: Seit Langem habe ich nicht mehr so viel geredet wie soeben.“ Dann drückt er Oliver nur kurz und beide gehen Hand in Hand hinüber zum Speisezimmer.
Die Jungen haben das gerade Erlebte offensichtlich gut weggesteckt, denn alle unterhalten sich fröhlich beim Vertilgen der dicken Scheiben des frischen Bauernbrotes aus Heikos Bäckerei, das die Mulis heute mit heraufgebracht haben. Als sie satt sind, schlägt Bärbel vor: „Wollen wir nicht in den Kuhstall gehen, um meinem Vater und Urs beim Milchentrahmen zuzusehen?“ Oliver, Alfred und Lissy nicken eifrig, während Thea mit einem leicht verführerischen Blick versucht, Moses dazu zu bewegen, doch lieber mit ihr in der Casa Vieja zu bleiben. Dieser tut so, als hätte er Theas Augenspiel nicht bemerkt, und steht auf, um gemeinsam mit der Gruppe in den Corral zu gehen. Enttäuscht wendet sich Thea ab und geht hinauf auf ihr Zimmer, um sich ein Buch zu holen.
Pulsuz fraqment bitdi.