Kitabı oxu: «Ehrenmord ist kein Aprilscherz»

Şrift:

Manfred Eisner

EHRENMORD IST

KEIN APRILSCHERZ

Roman

Nili Masal ermittelt (5)

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2018

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

Die Abbildung ›Veiled-unveiled muslim woman‹ des Titelumschlags wird mit freundlicher Genehmigung der Fotografin, Mme. Sylvie Bouchard, St-Bruno Lac-St-Jean, Quebec, Canada, wiedergegeben.

(www.wix.com/miragefoto/web).

Copyright (2018) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2018

www.engelsdorfer-verlag.de

»Mord ist nach islamischem Verständnis nicht nur ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, sondern auch ein Verbrechen gegen Gott …

Was im patriarchalischen Sinne als Ehre und Schande gilt, ist nicht aus dem Koran ableitbar, sondern vielmehr von bestimmten Traditionen und soziokulturellen Wertvorstellungen bestimmt … Es soll hier keinesfalls bestritten werden, dass es islamisch geprägte Familien gibt, die ihre Töchter und Söhne zwangsweise verheiraten und vor dem Hintergrund eines archaischen Ehrbegriffs Verbrechen begehen, sondern vielmehr unmissverständlich und deutlich klargestellt werden, dass der Islam weder Zwangsverheiratung noch Mord oder Selbstjustiz legitimiert. Beides ist aus islamischer Perspektive ein Verbrechen und muss entschieden bekämpft werden …«

(Auszüge aus einer Pressemitteilung der Schura Bremen e. V., 2017)

Einige der Tötungsbefehle des allvergebenden und barmherzigen Allahs aus dem Koran [Rechtleitung für die Gottesfürchtigen]:

Sure 8, Vers 12: »Da gab dein Herr den Engeln ein: »Ich bin mit euch; so festigt denn die Gläubigen. In die Herzen der Ungläubigen werde Ich Schrecken werfen. Trefft sie oberhalb des Nackens und schlagt ihnen jeden Finger ab!«

Sure 2, Vers 191: »Und tötet sie, wo immer ihr auf sie stoßt, und vertreibt sie, von wo sie euch vertrieben haben; denn die Verführung zum Unglauben ist schlimmer als Töten.«

Sure 33, Vers 61: »Verflucht seien sie! Wo immer sie gefunden werden, sollen sie ergriffen und rücksichtslos hingerichtet werden.«

Sure 47, Vers 34: »Wahrlich jene, die ungläubig sind und die sich von Allahs Weg abwenden und dann als Ungläubige sterben – ihnen wird Allah gewiss nicht verzeihen. … Und Allah ist mit euch, und Er wird euch eure Taten nicht schmälern.«

(Quelle: www.islam.de – die offizielle Homepage des Zentralrats der Muslime in Deutschland).

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

Vorwort: Lessings ehrenvolle Irrung

1. Rätselhafter Cold Case

2. Amina

3. Ein frohes Wiedersehen

4. Außergewöhnliche Lagebesprechung

5. Vielversprechende Spuren

6. … führen endlich zum Tatort

7. Habiba

8. Aus Nilis Tagebuch (und was zwischendurch auch noch geschah!)

9. Bedrohliches Unheil

10. Die Schlinge wird enger

11. Irrgarten

12. Ermittlungspuzzle

13. Wochenende

14. Indizienjagd

15. Halali

Kulinarisches

Danksagung

Der Autor

Weitere Informationen

Anmerkungen

Vorwort: Lessings ehrenvolle Irrung

In seinem 1779 entstandenen und weltbekannten dramatischen Gedicht ›Nathan der Weise‹ nutzt der namhafte Dichter der deutschen Aufklärung Gotthold Ephraim Lessing (1729–1781) ein Gleichnis, das ursprünglich aus dem ›Decamerone‹ des Italieners Giovanni Bocaccio aus dem 14. Jahrhundert stammt: die berühmt gewordene ›Parabel der drei Ringe‹. Vom osmanischen Sultan Saladin im vor Kurzem von den Kreuzrittern eroberten Jerusalem befragt, welcher denn – Islam, Christen- oder Judentum – für ihn der ›wahre Glaube‹ sei, antwortet der Jude Nathan mit der Erzählung des vermögenden Vaters dreier Söhne, die er gleicherweise liebt und deswegen beim Juwelier – anstatt des gemäß der Familientradition einzigen an den vorausbestimmten Erben – drei identisch aussehende wertvolle Ringe anfertigen lässt und jeden der Söhne gesondert damit beschenkt. Als der Vater stirbt, meint deshalb ein jeder der drei Söhne, der alleinige Erbberechtigte zu sein. Sie geraten darüber in erbitterten Streit und gehen vor Gericht. Der Richter urteilt, dass keiner der drei Ringe – da sie alle absolut gleich aussehen – als der wahre Erbring erkennbar sei und sie deswegen das Erbe gleichermaßen unter sich zu teilen haben. Den Zank der Brüder deutet der Dramatiker als den Streit um die Frage, welche der drei die einzig wahre Religion sei, und folgert, dass doch alle vom selben Gott stammen. Deswegen sei die Deutung einer einzig gültigen Wahrheit sinnlos und jeder müsste demnach seine Religion gleichwertig und ohne Präjudiz ausüben dürfen.

Ein derart hochherziger Gedanke stieß gleichwohl bereits bei seiner Veröffentlichung – und dieser Zustand hat sich bedauerlicherweise bis in unsere Tage um keinen Deut geändert – auf geharnischten Widerstand seitens der orthodoxen Eiferer der beiden missionierenden Hauptreligionen: Christentum und Islam. Im Gegensatz zu diesen zwei wird man den Israeliten nicht vorhalten können, Proselytismus zu betreiben; eher ist das Gegenteil der Fall.

Christliche Päpste, Kardinäle, Bischöfe, Metropoliten und protestantische Reformer aller Couleur sowie muslimische Sultane, Muftis, Mullas und Ayatollahs – alle, wie sie da waren, beharrten stets auf die ›einzige Wahrheit‹ des eigenen Glaubens und scherten sich nicht einmal in deren Namen, die Herzen ihrer Adepten gegen Andersgläubige aufzuhetzen und in Brand zu setzen, ja sogar sie zu den furchtbarsten Verbrechen gegen ›Heiden, Ketzer und Ungläubige‹ anzustiften. Die gewalttätige Ausbreitung des Islam durch das ›Schwert Allahs‹, Kreuzzüge, Inquisition, Dreißigjähriger Krieg, Zwangskonversion oder Austreibung, Gettozwang, brutalste Pogrome, vernichtende Judenverfolgungen sowie die Nordirland- und Jugoslawienkriege sind als die markantesten Beispiele erbarmungsloser und menschenverachtender Übergriffe auf Andersgläubige zu nennen. Aber nicht nur zwischen den drei monotheistischen Religionen gab und gibt es Zwist, Hass und Mord: Wohlwollend sah der Papst in Rom zu, als die Osmanen unter Mehmed II. anno 1453 die ungeliebte byzantinische christliche Ostkirche niederzwangen, Konstantinopel eroberten und dabei die ehemalige Sophienkathedrale als ihre Hagia Sophia Hauptmoschee etablierten. Die ›Heilige Wahrheit‹, seit 1934 zum Museum als repräsentatives Beispiel der byzantinischen Baukunst gewandelt, soll übrigens gemäß dem Willen des türkischen Präsidenten Erdogan [rückwärtsgewandter geht’s wohl nicht mehr!] wieder in eine Moschee umfunktioniert werden. Nach der Reformation durch Martin Luther lieferten sich Katholiken und Protestanten dreißig Jahre lang heftige und blutige Schlachten, wohlgemerkt im Namen desjenigen, der Nächstenliebe als das zweitwichtigste Gottesgebot predigte. Obwohl mittlerweile in Nordirland ein brüchiger Waffenstillstand herrscht, fetzen sich beide Konfessionen insgeheim immer noch. Menschen, die einer der schätzungsweise über 200 unterschiedlichen Kirchen und Sekten der christlichen Glaubensrichtung angehören (Römisch-Katholisch, Altkatholisch, Orthodox und Evangelisch-Protestantisch), sind sich meist nicht grün. Allein acht davon betrachten sich als Hüter des Heiligen Grabs Jesu in Jerusalem und geraten immer wieder in heftige Querelen. Aufgrund der allmählichen Durchsetzung des ökumenischen Gedankenguts hat sich erfreulicherweise der Status quo eines friedlicheren Nebeneinanders in der christlichen Welt in den letzten Dekaden allmählich etabliert.

Wuchs die weltweite Bekehrung von Heiden zum Christentum zunächst überwiegend dank Missionierung – die allerdings, wenn schon nicht so brutal wie bei den indigenen Völkern Lateinamerikas, nicht unbedingt zimperlich oder überall friedlich und ohne Blutvergießen erfolgte –, verhält es sich dagegen ganz anders im Islam. Wie bereits erwähnt, expandierte der Glaube Mohammeds im Mittelalter weltweit durch die arabische Besetzung und Unterwerfung der Bevölkerungen hauptsächlich in Afrika, Persien, großen Teilen Asiens und dem Nahen Osten, waren doch die Sarazenen die ertragreichsten Sklavenjäger, die die Europäer mit der Menschenware für ihre Kolonien belieferten. In Europa waren es Mauren, die bis zum Ende des 15. Jahrhunderts große Teile Spaniens und Portugals besetzt hielten. Osmanischen Eroberungstruppen gelang sogar der Vorstoß auf unseren Erdteil bis nach Wien, wo sie zweimal, im 16. und im 17. Jahrhundert, vergeblich einzudringen versuchten. Relikte dieser islamischen Expansionsbestrebungen sind im Balkan die bis heute verbliebenen muslimischen Gläubigen in Bosnien, Montenegro, Kosovo und Albanien sowie auf jenem kleinen Endzipfel des europäischen Kontinents, auf dem der westliche Teil des türkischen Istanbuls errichtet ist.

Rein historisch betrachtet entstand das Judentum schätzungsweise etwa um das Jahr 1500 v. Chr., obwohl sich bis heute die Historiker darüber streiten, wann genau Moses sein Volk aus der Sklaverei Ägyptens heraus zum Berg Sinai führte, wo sie die Zehn Gebote empfingen. Hinzu zählen 21 Jahrhunderte seit dem Wirken Jesu für das Christentum. Der Islam entstand dagegen erst anno 622 n. Chr. mit der Flucht Mohammeds aus Mekka. Mit 1.395 Jahren ist er also die jüngste der drei Konfessionen. Vergleicht man tentativ, wo sich das Christentum 14 Jahrhunderte nach seiner Entstehung befand, so könnte man räsonieren, dass die islamische Religion sich heute erst auf etwa dem Entwicklungsstand der damaligen Christianisierungskriege des Deutschen Ordens gegen Litauen befindet. Auch zu jener mittelalterlichen Epoche bestimmte ein zutiefst christlicher Glaube bei allen Ständen des Abendlandes (Könige und Adel wie auch beim Klerus und dem gemeinen Volk) deren alltägliches Leben.

Weit gefehlt ist allerdings die Auffassung, der Islam sei eine homogene Glaubensgemeinschaft. Analog zum Christentum zerfällt er doch in sehr unterschiedliche Glaubensrichtungen (hauptsächlich Sunniten und Schiiten, aber auch Aleviten, Wahhabiten, Yeziden, Ismailiten u. v. a.), die untereinander spinnefeind sind und sich seit dem Wiederaufleben des unseligen militanten Islamismus durch die Machtübernahme Irans anno 1979 seitens des schiitischen Ayatollah Chomeini samt Proklamierung seiner Islamischen Revolution aufs Blutigste bekämpfen. Im unbarmherzigen Stellvertreterkrieg in Jemen beschießen sich gegenwärtig das sunnitische Saudi-Arabien und der schiitische Iran mit gnadenlosen Bombardements und Raketen auf wehrlose Zivilisten. Aber nicht genug zu den eiskalten Serienmördern des selbst ernannten IS-Kalifats, Talibans und Al Queida: Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht vor den Moscheen der rivalisierenden Glaubensrichtungen Autobomben explodieren oder Selbstmörder sich sogar innerhalb der Gebetshäuser in die Luft sprengen und Hunderte von Betenden mit in den Tod reißen.

Die in diesem Roman geschilderten Geschehnisse sowie sämtliche darin vorkommende Namen und Positionen sind fiktiv und von mir frei erfunden. Etwaige Übereinstimmungen mit real existierenden Personen oder Begebenheiten sind rein zufällig. Dennoch, so glaube ich, würde heute kein Richter bei objektiver Betrachtung und beim besten Willen Lessings ›drei Ringe‹ als identisch rechtsprechen. Zu groß sind die Unterschiede, die sie kennzeichnen, obwohl ihr Ursprung doch dieselbe Quelle ist: jenes religiöse Gedankengut, das Moses im Hause des Pharaos Ramses II., in dem er aufwuchs, prägte und das er seiner Gefolgschaft am Berg Sinai verkündete. Hindern sollte uns all dies allerdings nicht daran, jedem die Freiheit zur Ausübung seines Glaubens zu lassen, sofern er dies für sich tut und – ohne Einschränkungen – Andersgläubigen stets die gleichen Rechte zubilligt. Dies kann allerdings nicht bedeuten, dass hierbei etwaige in unserem Rechtsstaat verbotene Handlungen und Sitten aus religiöser Motivation begangen werden. Auch bei uns gilt die alte Weisheit: ›Bist du in Rom, tu’ wie die Römer‹.

Manfred Eisner, im Sommer 2018

1. Rätselhafter Cold Case

»Ich denke, wir haben hier wieder einen interessanten Fall, der mich besonders bewegt und dem wir uns widmen sollten!« Kriminalhauptkommissarin Nili Masal hält einen Aktendeckel hoch, um die Aufmerksamkeit der Mitarbeiter ihres Teams Sonderermittlungen des Kieler LKA auf sich zu lenken. Robert Zander, Margrit Förster und Ferdinand Csmarits blicken von ihren Bildschirmen zu ihrer Teamleiterin auf.

»Was haben Sie da wieder einmal aus dem Stapel der Cold Cases ausgegraben, Nili?«, fragt Robert. Jeder von ihnen hat auf seinem Schreibtisch einen Aktenstoß von jenen etwa einhundertachtzig ›erkalteten‹ Kriminalfällen, die im Land Schleswig-Holstein aus welchen Gründen auch immer bisher nicht abgeschlossen werden konnten. Ungelöste Fälle bleiben beim LKA so lange bestehen, bis man begründet davon ausgehen kann, dass sämtliche darin involvierte Akteure nicht mehr am Leben sind. Erst dann dürfen sie endgültig geschlossen und ad acta gelegt werden.

»Es handelt sich um ein aufsehenerregendes, weil auch doppeltes Tötungsdelikt, das sich vor etwa eineinhalb Jahren in Glückstadt ereignete. Man fand die beiden Toten in einem älteren Renault Mégane mit belgischem Kennzeichen, der wohl in der Nacht zuvor unbemerkt am Parkplatz der Elbfähre nach Wischhafen abgestellt worden war. Auf dem Fahrersitz befand sich die Leiche eines jungen Mannes, der sich anscheinend mit einem Kopfschuss selbst getötet hatte und dem anschließend die Tötungswaffe aus der Hand gefallen war, die sich übrigens auf dem Beifahrersitz befand. Ein gewisser Ole Harms, Inhaber des dortigen Imbiss, entdeckte den Wagen mit dem Toten, als er um fünf Uhr in der Früh hinfuhr, um zu öffnen, und seinen Pkw direkt daneben abstellte. Er rief sofort die Glückstädter Kollegen. Es waren – lasst mich mal sehen – der Polizeistationsleiter Sönke Jürgens mit seinen Leuten Elke Brodersen und Frank Nissen, die zum Fundort gelangten und den Wagen untersuchten. Dabei fanden sie im Kofferraum die zweite, eine halb nackte weibliche Leiche. Diese war allerdings mit einem großen Messer, das ihr noch tief in der Brust steckte, getötet worden. An beiden Händen fehlten ihr die Finger und die Daumen, und das entstellte Gesicht trug deutliche Spuren einer brutalen Misshandlung. Diese wurden ihr offensichtlich vor dem Tötungsakt zugefügt.« Nili macht eine Pause. Ihre Kollegen sind von ihrem Vortrag regelrecht ergriffen.

»Ganz schö happig!«, entfährt es Fachinspektor Ferdl Csmarits, der aus dem österreichischen Burgenland stammt und der Abteilung im Rahmen des Europol-Fach-Austauschprogramms zugeordnet ist und sich als Erster dazu äußert.

»Da der Fall bis heute nicht gelöst werden konnte, darf ich wohl davon ausgehen, dass die Tat als eine Selbsttötung des Mannes inszeniert wurde, der vorher die Frau bestialisch mutiliert und erstochen hat, um sich dann selbst zu richten. Ich vermute auch, dass der Fundort nicht der Tatort gewesen sein kann«, bemerkt Kriminalkommissar Zander.

»Und wieso der belgische Wagen?«, argwöhnt seine gleichrangige Kollegin Margrit Förster. »Wie passt der ins Bild?«

»Könnt ma net a bisserl mehr erfahr’n?«, will Ferdl wissen.

»Ihr habt alle richtig vermutet«, fasst Nili zusammen, »der Fall ist viel komplizierter, als er sich auf den ersten Blick darstellt. Ich habe für euch die umfangreiche Akte scannen lassen. Ihr findet sie auf euren Bildschirmen unter dem Kennwort ›Doppelmord in Glückstadt‹. Ich denke, es ist am besten, wenn jeder von euch den Fall zunächst einmal von vorn bis hinten durcharbeitet. Weisungsgemäß gehe ich jetzt erst einmal mit unserem direkten Vorgesetzten Walter Mohr zum Chef, um den Doppelmord als unseren nächsten Bearbeitungsfall zu melden und sein Einverständnis einzuholen. Ich habe mir da einige Punkte notiert, die uns weiterführen könnten. Wir sprechen uns nach der Mittagspause wieder, okay?«

Während Nili sich auf den Weg macht, um sich vom Leiter des Dezernats 21 das Plazet für ihr Vorhaben einzuholen, studieren ihre Kollegen eifrig die Fallakte und die vielen darin enthaltenen Aussagen der dazu befragten Zeugen. So erfahren sie, dass es sich bei dem Toten am Steuer des Wagens um den achtundzwanzigjährigen Kfz-Mechaniker Uwe Wilkens handelt, gebürtig in der Gemeinde Peissen bei Itzehoe als Sohn eines inzwischen verstorbenen evangelischen Pfarrers. Er war in Wewelsfleth ansässig, wo er auch seine kleinere markenfreie Meisterwerkstatt betrieb. Er wohnte in einer kleinen Wohnung, die er sich im Obergeschoss seiner Werkstatt eingerichtet hatte. Uwe Wilkens war eine eher durchschnittliche Erscheinung. Beruflich und persönlich achteten ihn dennoch an seinem Wohnort Nachbarn und Kunden als einen sehr geschätzten Mitbürger. Da er wegen seiner Lungenschwäche – er erlitt von Jugendalter an einige ziemlich heftige asthmatische Anfälle – keinen Wehrdienst leistete, engagierte er sich ersatzweise bei der örtlichen Freiwilligen Feuerwehr, wo er mit seiner fachlichen Fertigkeit wertvolle Dienste leistete. Eine frühe junge Liebschaft mit der Tochter des Wehrführers endete tragisch, als diese bei einer Segelregatta mit ihrem Boot am Störsperrwerk kenterte und über Bord ging. Trotz intensiver Suchaktion wurde ihre Leiche nicht gefunden. Wahrscheinlich hatte die starke Ebbströmung der Elbe sie hinaus in die Nordsee getrieben.

Das weibliche Opfer im Mégane konnte, obwohl es stark entstellt war und ihm die Finger fehlten, rasch identifiziert werden. Die vierundzwanzigjährige, im marokkanischen Fes geborene Frau namens Saadet Bassir war ortsbekannt. Ursprünglich muslimischen Glaubens, bezeichnete sie sich nach Angaben der Befragten jedoch mehrfach als glaubenslos. Im Alter von fünf Jahren floh ihr Vater aus politischen Gründen aus Marokko. Ibrahim Bassir, von Beruf Schuster, hatte insgeheim gegen die autokratische Herrschaft des Könighauses aufbegehrt. Wegen der Teilnahme an einer Demonstration war er verhaftet und gefoltert worden, konnte aber fliehen und erhielt deswegen hier politisches Asyl. Er fand zunächst Arbeit bei einem Hersteller von orthopädischem Schuhwerk und holte seine Familie nach. Als sich der Inhaber aus Altersgründen zurückzog, übernahm Ibrahim Bassir Werkstatt und Geschäft. Seine Frau Fatima gebar ihm nach Saadet in Deutschland drei weitere Kinder, von denen aber nur eines – Saadets jüngerer Bruder Chalid – am Leben blieb. Als Saadet die Mittelschule beendet hatte und volljährig wurde, verließ sie das elterliche Haus und begann trotz des geharnischten Widerstands ihrer Familie eine Lehre als Restaurationsfachfrau im Oldenmoorer Elbmarschen Hof. Nachdem sie diese erfolgreich abgeschlossen hatte, wurde sie von Sören Backhus, Inhaber des Restaurants Rigmor am Glückstädter Marktplatz, als leitende Serviererin eingestellt. Sie war eine hübsche und immer dezent gekleidete junge Frau, die durch ihre aparte Schönheit und ihren weiblichen Charme auffiel. Abgesehen von ihrer Familie, mit der sie jeglichen Kontakt abgebrochen hatte, wurde sie von allen, die sie beruflich und privat kannten, als hilfsbereit, nett und höflich bezeichnet. Natürlich gab es da einige männliche Wesen, die sie insgeheim mit lüsternen Blicken begehrten, es aber wegen ihrer Herkunft nicht öffentlich wagten, sich ihr zu nähern. Andere, allzu zutraulich oder gar handgreiflich gewordene Gäste konnte Saadet jedoch geschickt abwehren, indem sie laut und für alle im Restaurant hörbar verkündete, dass das unangemessene Berühren des Bedienungspersonals nicht im Menüpreis inbegriffen sei. Einer der Gäste, der häufiger versuchte, sich ihr auch außerhalb des Gasthofes zu nähern, war der Apotheker Dr. Wilfried Heumann, ein etwa sechzigjähriger Witwer. Bei einem wiederholten Versuch verursachte er im Restaurant einen regelrechten Eklat. Er wurde des Lokals verwiesen und Sören Backhus erteilte ihm Hausverbot.

Uwe Wilkens lernte Saadet zwei Jahre nach dem Verlust seiner ersten Freundin kennen. Es war nur wenige Monate vor dem Polterabend seines besten Freundes und Feuerwehrkameraden Bruno Wittkamp. Die Feierlichkeit richtete der Vater der Braut im eigenen Restaurant Rigmor von Glückstadt aus. Silke Backhus, einzige Nachkommin, hatte Köchin gelernt und sich bereits ihre ersten Lorbeeren bei namhaften Gastronomen in Kiel und auf Sylt verdient. Sie sollte in wenigen Jahren das bestens renommierte Gasthaus im traditionellen und zünftig renovierten Kaufmannshaus aus dem Jahre 1692 in vierter Generation übernehmen. Silke und Saadet mochten sich von Anfang an gut leiden und wurden rasch Freundinnen. So geschah es wie von selbst, dass die vier jungen Leute des Öfteren zusammenkamen und ihre Freizeit gemeinsam verbrachten. Es brauchte nicht lange, bis Saadet und Uwe aneinander Gefallen fanden und sich schließlich ineinander verliebten. Allerdings war eine solche Liaison nicht allen alteingesessenen Glückstädtern genehm. Abgesehen von den argwöhnischen Blicken einiger engstirniger, selbst ernannter ›Vaterlandswächter‹, denen grundsätzlich jegliche Anwesenheit von Geflüchteten und Asylsuchenden aus fremden Ländern ein tiefer Dorn im (rechten) Auge sind, waren es nicht zuletzt auch orthodoxe Muslime, die engere Verbindungen einer der ihrigen mit hiesigen Ungläubigen kategorisch missbilligten. Saadet ließ dies jedoch kalt, war sie sowieso bei diesen Leuten wegen ihrer Abkehr von Familie und Religion bereits verdammt und verfemt.

Bei der Zeugenbefragung des Freundes Bruno Wittkamp – wie auch seitens seiner Frau Silke – wurde berichtet, dass Saadets siebzehnjähriger Bruder Chalid mehrmals seine Schwester bedrängte, sich von ihrem ungläubigen Freund Uwe Wilkens zu trennen sowie zum wahren Glauben und in den Schoß ihrer Familie zurückzukehren. Eines Tages begegnete ihr sogar der Vater in Begleitung des Imam Akim Durmaz, um sie letztmalig zu ermahnen, ihre ketzerischen Umtriebe aufzugeben und damit den Zorn Allahs abzuwenden. Der Imam sagte später aus, sie habe ihnen dabei unmissverständlich ihre endgültige Abkehr vom Islam und von der Familie erklärt, was für eine Muslima eine unverzeihliche Sünde sei. Etwa eine Woche vor der Tat habe Chalid Uwe und Saadet aufgelauert und sie mit einem Messer bedroht. Dem hinzugeeilten Bruno Wittkamp sei es jedoch gelungen, den aufgebrachten Jungen zu entwaffnen und ihn wegzuschicken. Von einer Anzeige gegen ihren Bruder sah Uwe Wilkens auf das inständige Bitten seiner Freundin ab.

Allerdings war diese Lage weder Saadet noch ihrem mit ihr inzwischen intim gewordenen Freund Uwe geheuer, wussten sie doch aus den Medien, dass außerehelicher Geschlechtsverkehr ebenso wie Abtrünnigkeit vom Islam in einigen Ländern, in denen die Sharia alleingeltendes Gesetz ist, auch heute mit dem Tode bestraft werden. Zudem waren ja bereits in ähnlichen Fällen sogar in Deutschland muslimische Frauen von ihren Vätern, Brüdern oder Ehemännern aufgrund dieser vermeintlichen Verstöße gegen religiöse Sitten getötet worden.1

Als Ermittlungsleiter für die Aufklärung des Doppelmordes war der damalige Staatsanwalt Dr. Uwe Pepperkorn (heute in Kiel tätig) sowie die Bezirkskriminalinspektion Itzehoe unter der Leitung des auch damaligen Kriminaloberrats Werner Thumann zuständig. Sowohl er als auch dessen ermittelnde Beamte KHK Jonas Gehrke und KOK Horst Neumann waren inzwischen vom Dienst ausgeschieden. Die furchtbare Tat war nach gleichlautenden Einschätzungen des Leichenbeschauers vor Ort wie auch von Professor Dr. Klamm vom Gerichtsmedizinischen Institut am Universitätskrankenhaus in Kiel, der die Obduktion beider Leichen vorgenommen hatte, in der Nacht vom achten auf den neunten des vorvorjährigen Oktobers zwischen dreiundzwanzig Uhr und Mitternacht begangen worden. An dem bislang nicht ausfindig gemachten Tatort sei zunächst die schon vorher mehrfach brutal sexuell missbrauchte Frau danach geschlagen und furchtbar misshandelt und schließlich erstochen worden. Daumen und Finger wurden ihr post mortem mit einem scharfen Schnitt – vielleicht mit einer Trennscheibe – von beiden Händen akkurat an den Gelenken abgetrennt und waren nicht aufgefunden worden. Der Täter hatte offensichtlich beim sexuellen Überfall auf das Opfer Kondome benutzt, allerdings fanden sich auf ihrem Kleid geringste Spermaspuren, die ihm wohl beim Entfernen der Präservative unbemerkt entkommen sein mussten. Die DNA-Untersuchung hatte allerdings keine bisher verwertbaren Ergebnisse erbracht, da sie weder in der Kartei vorhanden war noch bei den untersuchten männlichen Verdächtigen eine Übereinstimmung aufwies. Die Tatwaffe zeigte keinerlei brauchbare Fingerabdrücke.

Unmittelbar nach der Ermordung der Frau wurde der Mann – der an Armen und Beinen Spuren von Zwangsfixierung mittels Kunststoffkabelbinder trug – mit einem an der rechten Schläfe aufgesetzten Schuss regelrecht hingerichtet. Durch einen weiteren Abschuss mit der Tötungswaffe waren ihm Schmauchspuren an der rechten Hand beigebracht worden. Diesen hätte er allerdings nicht selbständig durchführen können, da er gemäß Obduktionsbericht zu dem Zeitpunkt bereits tot war. Bei dem auf dem Beifahrersitz neben dem Toten gefundenen Revolver handelte es sich um eine Kurzlaufwaffe der Marke Smith & Wesson Kaliber 22. Sie war nicht registriert und stammte vielleicht auch aus dem Ausland. Aus ihr waren zwei Schüsse abgefeuert worden – die leeren Patronenhülsen befanden sich noch in der Trommel. Dies erhärtete die Mutmaßung über den zweiten Abschuss zur Vortäuschung einer Selbsttötung, da sich nur eines der Projektile im Schädel des Opfers wiederfand. Auf der Waffe stellte man nur Fingerabdrücke des Opfers, aber keine auf den Munitionspatronen fest.

Die toxikologische Untersuchung seines Mageninhalts brachte ans Licht, dass das Opfer mittels starker Überdosis eines Benzodiazepins mit den Wirkstoffen Temazepam und Triazolam sediert worden war. Wilkens hatte wohl deswegen weder von der Folterung seiner Freundin noch von seinem eigenen Sterben etwas mitbekommen. Wahrscheinlich verbrachte der Täter (man mutmaßte allerdings auch, ob er all dies allein getan oder Helfer gehabt haben konnte) dann beide Leichen in den Renault mit belgischem Kennzeichen und fuhr diesen zur Fundstelle am zu dieser späten Stunde verwaisten Fähranleger.

Die Fahndung nach dem rätselhaften Auto über Europol ergab nach langwieriger Recherche, dass der alte Renault Mégane zwar tatsächlich etwa drei Monate vor der Tat vom Hof eines Autohändlers im belgischen Grenzort Bütgenbach entwendet worden war, andererseits aber die am Fahrzeug angebrachten falschen Kennzeichen von einem anderen, längst abgemeldeten Pkw aus Gent stammten. Da zunächst wegen des naheliegenden Verdachts eines sogenannten Ehrenmordes Vater und Bruder als engste Familienmitglieder als mutmaßliche Täter infrage kamen, hatte man diese eingehend vernommen. Man konnte ihnen aber weder irgendwelche Spuren an den Opfern oder am Fundort der Leichen noch anderweitig das Verbrechen nachweisen, da sie beide mit einem wasserdichten Alibi aufwarteten: Bereits vier Tage vor und drei Tage nach der Tat waren die Eltern mit dem Bruder nachgewiesenermaßen zu Besuch bei Freunden in Berlin gewesen. Allerdings war auch die festgestellte Vergewaltigung des Opfers vor der Tötung ein für sie entlastendes Indiz: kaum glaubhaft, dass weder Vater noch Sohn sich am Opfer derart vergangen hätten. Dennoch bestand immer noch die Hypothese, es könnte sich um einen Auftragsmord gehandelt haben, begangen durch einen von der Familie beauftragten Täter. Sowohl die dubiose Herkunft des Fahrzeuges, in dem Saadet aufgefunden worden war, als auch der Tötungswaffe des zweiten Opfers wären damit erklärt. Alle in diese Richtung angestellten Ermittlungen führten jedoch in eine Sackgasse. Auch intensive Suchaktionen mit Unterstützung durch die Kriminaltechniker des LKA führten nicht zur Aufdeckung des Tatortes.

Bei der Rückkehr von ihrer Berlinreise war die Familie vom Gewalttod der Tochter und Schwester zutiefst betroffen und geschockt. Sie trauerten um sie aber eher im Stillen, weil sie sich ihnen doch entfremdet hatte. Nachdem Uwes und Saadets Leichen von der Gerichtsmedizin freigegeben worden waren, hatte Vater Ibrahim Bassir sich mit Imam Durmaz beraten und bestimmt, dass Saadet keine Bestattung, weder von ihrer Seite noch nach dem muslimischen Ritual, zustehe. Es waren die Freunde Bruno und Silke Wittkamp, die für eine Trauerfeier im kleinen Kreis sowie die stille Beisetzung der beiden auf dem Wewelsflether Friedhof sorgten. Da trotz wiederholten Drängens seitens Dr. Pepperkorn keinerlei verwertbare neue Spuren gefunden wurden, erlitt der Fall allmählich das Schicksal all jener, die durch aktuelle und vor allem akute Ereignisse überlagert werden und schließlich ganz unten in der Lade ›unerledigt‹ landen. Nachdem der Staatsanwalt auch noch von Itzehoe nach Kiel versetzt und die damalig zuständigen Beamten in den Ruhestand getreten beziehungsweise verstorben waren, geriet der Fall allmählich in Vergessenheit. Und jetzt, bedingt durch eine plötzliche Laune der Kriminalhauptkommissarin Nili Masal, sollte er wieder aufgenommen werden?

»Was kann sich unsere Chefin wohl dabei gedacht haben?«, posaunt KK Margrit Förster mit skeptischer Miene in den Raum, als sie mit der Lektüre durch ist.

»Na ja, wie ich aus der Akte entnehme, hat man damals wohl eher im Kreis der direkt Betroffenen ermittelt. Wie ich unsere Nili inzwischen kennengelernt habe, hat sie in der Geschichte irgend so einen losen Faden gefunden, den sie jetzt aufnehmen will. Allerdings komme auch ich nicht darauf, welcher es gewesen sein könnte«, kommentiert KK Robert Zander, der inzwischen großen Respekt vor dem besonderen Spürsinn seiner Vorgesetzten hat.

»Am bestn frag’mas glei selbst beim Mittagsessen«, entgegnet Ferdl Csmarits. »Hab i an Hunger!«

»Ist wohl bei Ihnen ein Dauerzustand, Herr Fachinspektor?«, witzelt Zander.

»Ach was!«, antwortet dieser jovial. »Samma fesch und gemma!«

Enttäuscht wird allerdings ihre Erwartung, dass Nili und ›ihr‹ direkter Vorgesetzter Waldi Mohr, mit dem sie bereits seit einigen Monaten liiert ist, sich in der Kantine zu ihnen gesellen. Erst als sie sich nach der Mittagspause wieder im Büro versammeln, treffen sie auf ihre Teamleiterin, die bereits eifrig an ihrem PC tippt.

»Mahlzeit, Nili! Hamma was? Derf ma frag’n?«, bittet Ferdl.

»Jawohl, Ferdl, derfens!«, lächelt ihm Nili als Antwort entgegen. »Sowohl Staatsanwalt Doktor Pepperkorn als auch unser Dezernatsleiter Kriminaloberrat Heidenreich haben zugestimmt. Übrigens, unser Staatsanwalt …« Nili hält kurz inne, da gerade besagter Dr. Uwe Pepperkorn in Begleitung von Waldi Mohr den Raum betritt, und fährt dann fort: »… kommt sogar persönlich, um uns ein umfassendes Briefing über den Fall zu geben, da er damals für die Ermittlungen zuständig war. Guten Tag, Herr Doktor, immer wieder nett, Sie zu sehen!«

Die soeben Eingetretenen grüßen freundlich in die Runde.

»Meine Mitarbeiter und ich haben uns inzwischen mit der umfangreichen Fallakte vertraut gemacht«, informiert Nili den Staatsanwalt, nachdem ihre Mitarbeiter und die beiden Besucher Platz genommen haben. »Trotzdem wären wir Ihnen sehr dankbar, wenn Sie uns so viel wie möglich davon erzählen wollen. Vielleicht erfahren wir irgendetwas, was nicht aktenkundig ist.«

Doch trotz der ihm entgegengebrachten hohen Erwartungen kann auch Dr. Pepperkorn mit seinen Ausführungen nichts wahrhaftig Neues auftischen. All das, was er zu berichten weiß, war dem Team bereits bekannt.

»Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass wir damals die interessanten Bemerkungen, die Ihre Frau Kriminalhauptkommissarin Masal vorhin als Aufhänger für eine erneute Aufnahme der Ermittlungen anführte, nicht bedacht hatten. Ich muss mir dabei auch sehr wahrscheinlich vorhalten lassen, dass ich wohl dem zuständigen Kriminaloberrat Thumann zu wenig auf die Finger geschaut habe und ihn einfach habe machen lassen. Leider kam letztendlich zu wenig dabei heraus, um den Fall zu lösen. Hinzu kam, dass wohl auch die Strukturen unserer Kripo nicht mehr so schlagkräftig waren, wie sie hätten sein müssen. Ständig wurden wir von oben angewiesen zu sparen, dabei fiel natürlich so manche notwendig gewordene Neuanschaffung unter den Tisch. So wurde uns zum Beispiel eine Reise nach Belgien, wie sie Frau Masal zwecks genauerer Untersuchung der Fahrzeugherkunft vorhin anregte, aus Spargründen untersagt! Wir mussten uns deshalb mit den mageren Erkundungen der Kollegen von der belgischen Landpolizei begnügen. Und plötzlich erlitt KOR Thumann auch noch einen Herzinfarkt und starb kurz darauf. Einer nach dem anderen seiner Leute beendete seinen Dienst und ich wurde nach Kiel versetzt. Danach hat sich wohl niemand mehr um den Fall gekümmert. Tut mir leid!«

»Der Herr Staatsanwalt hat recht!«, übernimmt Nili. »Ich habe darauf hingewiesen, dass wir unbedingt bei dem belgischen Auto ansetzen müssen, damit wir in der Sache weiterkommen. Wer auch immer den Renault angeschafft hat, ist meiner Ansicht nach der verantwortliche Täter. So stammt vielleicht auch der nicht identifizierte Revolver aus Belgien. Das könnte naheliegen, oder? Wenn es denn doch ein Auftragsmord gewesen sein könnte – in einem Ortsteil von Brüssel namens Molenbeek findet man bekanntlich eine starke Ansammlung sehr traditionsbewusster Muslime, davon ist ein großer Prozentsatz Marokkaner –, kam der mutmaßliche Berufskiller vielleicht ebenfalls von dort? Einige weitere, für mich bedeutende Hinweise aus der Fallakte hat man wohl nicht gebührend beachtet und andere überhaupt nicht erwogen. Aber ich werde diesmal gemein sein und euch diese nicht verraten! Ich bin gespannt, wer von euch zuerst darauf kommt!«

Nachdem der Staatsanwalt sich verabschiedet hat und in Begleitung von Waldi Mohr hinausgegangen ist, herrscht zunächst nachdenkliches Schweigen. Ferdl ist der Erste, der einen Ton von sich gibt: »Und was ham’s jetzt vor, Frau Chefin?«

»Ich denke, diesmal wird mich Margrit begleiten, und zwar nach Bütgenbach, dort sollten wir ansetzen. Zunächst werde ich aber meine Freunde in Antwerpen anmorsen, mit Sicherheit können sie uns schneller dabei helfen, die zuständigen Kollegen der dortigen kommunalen Polizei ausfindig zu machen, als wenn wir die langwierige Ochsentour über Europol gehen. Es ist immer besser, wenn man sich jede mögliche Unterstützung herbeiholt.«

»Und woher kennens diese Leit?«, fragt Ferdl neugierig.

»Das ist eine längere Geschichte. Bei einer meiner ersten LKA-Unternehmungen begleitete ich eine junge Anwältin – übrigens die Tochter unseres Herrn Oberstaatsanwalt Harmsen – auf einer längeren Erkundungsreise auf den Spuren des Kokains, die uns auch nach Antwerpen führte.2 Dort habe ich nette Freunde unter den Kollegen gewonnen, die uns sicherlich bereitwillig erneut gute Dienste erweisen werden.«

Robert Zander meldet sich zu Wort: »Ich glaube, ich habe den ersten der von Ihnen erwähnten Links aufgeschnappt, Nili. Kann es sein, dass Sie die bei dem männlichen Toten festgestellte Sedierung meinten, die mit so einem …«, er scrollt auf seinem Monitor, um die Stelle zu finden. »Hier hab ich es, also das Schlafmittel Benzodiazepin mit den Wirkstoffen Temazepam und Triazolam, mit dem er wohl ausgeknockt worden ist? Ich meine, die Akte gibt uns keinerlei Hinweis, ob man die Herkunft des Medikaments überhaupt verfolgt hat.«

»Hab mi eh scho schlau g’macht, was des wohl für a Zeigs is!«, kolportiert Ferdl. »Hier steht’s! I les vor:

Benzodiazepine können als dämpfende Rauschmittel missbraucht werden und abhängig machen. Der Missbrauch ist gefährlich, insbesondere in Kombination mit anderen dämpfenden und atemdepressiven Arzneimitteln sowie mit Alkohol. Vielen Prominenten wird ein Benzodiazepin-(Über)gebrauch nachgesagt. So starb beispielsweise der Schauspieler Heath Ledger gemäß Autopsiebericht an einem Medikamentencocktail, der unter anderem die drei Benzodiazepine Diazepam, Temazepam und Alprazolam enthielt. Benzodiazepine werden auch als sogenannte ›Date Rape Drugs‹ – solche eher als K.O. bekannte Mittel – missbraucht und so weiter, und so weiter. Das Mittel ist zudem verschreibungspflichtig. Da hamma keine Hinweise g’fundn, ob des Deiwiszeig vom Toten selbst oder von saan Mörder g’stammt hab’n könnt!«

Nili schmunzelt. »Gut gebrüllt, ihr Löwen! Das ist eine der bedeutenden Spuren, die überhaupt nicht verfolgt wurden! Durch den Staatsanwalt erfuhr ich allerdings, dass weder die Ergebnisse der Spurensuche in Uwe Wilkens’ Wohnung noch die Befragung im Freundeskreis irgendeinen Hinweis auf einen solchen Drogenkonsum ergab. Dabei wurde es aber leider belassen. Nächste Frage: Woher also stammt das Schlafmittel, das dem Opfer vom Täter verabreicht worden sein muss, um es kampfunfähig zu machen?«

»Da das Mittel verschreibungspflichtig ist, müsste man doch die Ärzte der Umgebung befragen, wem sie es verschrieben, beziehungsweise die Apotheken, an wen sie ein solches ausgegeben haben. Aber nach mehr als eineinhalb Jahren?«, lamentiert Robert.

»Genau das ist eine der Aufgaben, mit denen ich Sie und Ferdl betrauen werde, während Margrit und ich uns in Belgien verlustieren.« Nili grinst. »Können Sie bei der Diakonie einen Betreuungsersatz für Ihre Mutter für etwa drei bis vier Tage anfordern, Margrit?«

Diese nickt und telefoniert sogleich mit ihrem Handy.

Offensichtlich genervt raunzt Robert: »Na schön, dann werden wir uns wohl oder übel auf die Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen machen müssen! Was haben Sie sonst noch für uns auf Ihrem Zettel?«

»Ich suchte in der Akte vergeblich nach Hinweisen über den Verbleib von Uwe Wilkens’ Kfz-Werkstatt in Wewelsfleth wie auch nach seinem Pkw. Inzwischen habe ich beim Verkehrszentralregister des KBA in Flensburg nachgefragt: Es war ein VW Passat Kombi, Kennzeichen IZ-WW 205, Baujahr 1999, Farbe Grün Metallic. Er wurde vor drei Monaten zwangsabgemeldet, als die KFZ-Steuer überfällig war und auch nicht mehr entrichtet wurde, und ist nach deren Aktenlage auch nirgendwo aufgetaucht. Nach dem Fahrzeug wurde wohl niemals gefahndet. Wo ist es also geblieben? Und noch etwas: Wo wohnte Saadet Bassir bis zu ihrer Ermordung und was geschah danach mit ihrer Wohnung? Bitte kontaktiert die Eltern und auch die Glückstädter Kollegen, die müssten doch darüber nähere Auskünfte geben können. Also, macht euch bitte an die Hausaufgaben, ja? So, und jetzt rufe ich erst einmal in Antwerpen an!«

»Good afternoon, you are connected with the Federal Police in Antwerp, Belgium. Aspirant Commissaire de Police Arne Svensen speaking. May I help you?«

»Hi, Arne, rat mal, wer ich bin?«

»One moment please, I… Nili, my dear! Bist du das, really! Oh man, wonderful! How are you?«

»Ja, Arne, ich bin es, die Nili! Wie schön, dich zu hören! Bist du befördert worden? Hört sich ja prima an: Polizeikommissar-Anwärter! Herzlichen Glückwunsch!«

»Oh my God! Please wait, hier kommt gerade Klaus! Klaus, I bet you don’t guess who is on the line? Du glaubst ja nicht, wer hier spricht?«

»Guten Nachmittag, ich bin Commissaire de Police Klaus Stuckert. Mit wem spreche ich?«

»Hallo, Klaus! Hier ist Nili Masal! Wie schön, dass ich euch antreffe! Höre ebenso gern, dass auch du zum Polizeikommissar befördert worden bist, herzlichen Glückwunsch!«

»Hallo, Nili, wie schön, nach so langer Zeit wieder von dir zu hören! Wie geht es dir? Und was macht Kitt? Hat sie schon ihren Doktorhut?«

Und so geht es zunächst hin und her in den gemeinsamen Erinnerungen an den Besuch Nilis und ihrer Begleiterin während der vorjährigen Erkundungstour durch die bedeutendsten Umschlaghäfen der verschleierten Drogeneinfuhr in Europa. Das Telefongespräch erfährt seinen Höhepunkt, als dann auch noch der aus Costa Rica stammende Kollege ACP Javier Espinoza dazukommt, denn von da an findet die Unterhaltung in radebrechend flottem Spanisch statt, eine Sprache, die Nili ebenfalls fließend beherrscht. Schließlich gelingt es ihr, auf den Grund ihres Anrufes zu kommen. Ausführlich berichtet sie CP Stuckert von dem Glückstädter Doppelmord und dem Renault mit belgischem Kennzeichen, in dem die Leichen aufgefunden wurden. Für ihre und Margrits für morgen geplanten Reise nach Bütgenbach bittet sie Klaus um Amtshilfe und Unterstützung.

»Selbstverständlich helfen wir dir gern, werte Kollegin! Schließlich hast du noch eine Menge gut bei uns, weil du uns geholfen hast, den Containerklau im Hafen aufzuklären! Ich rufe gleich bei den Kollegen der Police Locale in Bütgenbach an, um deinen Besuch anzukündigen, und spreche auch mit unserem Chef CDP Robbe van Dongen – der ist inzwischen zum Commissaire Divisionnaire de Police befördert worden –, um ihm vorzuschlagen, dass dich einer unserer hiesigen Leute begleitet. Also, meine liebe Nili, schön, dass du dich gemeldet hast! Vielleicht kommst du mal wieder in Antwerpen vorbei?«

»Danke, lieber Klaus, ich melde mich auf jeden Fall aus Bütgenbach! Bis bald! Au revoir!«

Nili hört noch den »Pura vida«-Ruf3, den der lustige Javier ins Telefon schmettert. Sie kann sich ein Lächeln nicht verkneifen, denn dieser wurde ihr damals vertraut, weil der quirlige Costa-Ricaner ihn bei jeder Gelegenheit ausrief.

»So, das wär’s! Robert, kann ich bitte den Schlüssel und die Papiere für den X3 haben?«

»Ist vollgetankt und steht auf dem Parkplatz vor dem Haus 10. Papiere sind im Handschuhfach!«

Nili fängt den ihr zugeworfenen Autoschlüssel. »Danke!«, sagt sie und wendet sich an Margrit: »Ist es okay, wenn ich Sie morgen früh um sieben zu Hause abhole? Ich möchte möglichst früh los, denn wir haben sechshundertfünfundzwanzig Kilometer zu bewältigen. Wenn Sie möchten, bringe ich Sie auch gleich nach Hause. Aber vorher holen wir noch die Mordwaffe, mit der der arme Uwe Wilkens hingerichtet wurde, aus der Asservatenkammer. Vielleicht helfen uns die belgischen Kollegen, auch diese zu identifizieren. Dann tschüss, ihr beiden, seid schön fleißig! Wir melden uns!« Sie winkt Ferdl und Robert zum Abschied.

Ferdl grinst. »Und net vergess’n, Madls, an Buko mitführen!« Zu viel Spaß hat ihm dieser Begriff bereitet, als man ihm zuletzt den gleichen Rat mit auf den Weg gab.

»Aber klaro, Amigo! Wie hätten wir nur dieses unverzichtbare Le Must vergessen können!« Margrit grient. »Beischlaf-Utensilienkoffer …«, murmelt Ferdl vor sich hin, als Nili und Margrit bereits den Arbeitsraum verlassen haben. »Was für an lustiger Schmarrn!«

Während Nili im Dienst-BMW auf dem Weg zu ihrer Wohnung ist, ruft sie ihren Lebensgefährten Walter Mohr an. Ein wenig enttäuscht ist sie, als ihr nur seine Mailbox antwortet.

»Hallo, mein Liebster! Ich hatte gehofft, dich persönlich zu erreichen. Margrit und ich fahren morgen früh um sieben Uhr nach Belgien. Würde mich sehr freuen, dich heute noch zu sehen, falls du auf einen kurzen Bissen bei unserem Griechen um die Ecke vorbeikommen kannst. Ich möchte allerdings früh schlafen gehen, denn uns erwartet morgen eine fast siebenhundert Kilometer lange Autofahrt. Mach dir aber keinen Stress! Ist nicht so schlimm, wenn du es nicht schaffst, dann sehen wir uns eben am Wochenende. Ich liebe dich! Großer Kuss von deiner Nili.«

2. Amina

»Besna, wo ist Amina?«, ruft die Mutter Akila ihrer Tochter aus der Küche zu. »In eurem Zimmer ist sie jedenfalls nicht!«

»Ich weiß nicht, Umm Walid4. Sie ist noch nicht von der Schule zurückgekommen.«

»Wieso, seid ihr nicht zusammen nach Hause gegangen?«

»Nein, Umm Walid. Ich ging früher, weil wir die letzten beiden Stunden Sport hatten und ich daran ja nicht teilnehmen soll!«

»Hat sie sich vielleicht wieder mit diesem Kafir5 getroffen?«

»Das weiß ich nicht, Umm Walid. Aber ich glaube kaum, dass sie es noch einmal wagt, sich dem strikten Befehl unseres Vaters zu widersetzen. Der Krach von gestern ist ihr ganz schön an die Nieren gegangen. Sie hat die ganze Nacht im Bett geweint. Sogar ich konnte deswegen kaum schlafen. Es hat mich übrigens sehr aufgeregt, dass Vater so aufgebracht war und so furchtbar mit ihr geschimpft hat.«

»Ja, mein Kind, auch ich war tieftraurig, dass unsere liebe Amina sich von unserem Glauben derart entfernt und damit den Zorn Allahs und die Verachtung der ganzen Familie auf sich zieht. Du weißt ja, sie ist Vaters jüngerem Vetter Hamid in Marrakesch versprochen und soll ihn dort sofort heiraten, nachdem sie hier mit der Schule fertig ist. Ich verstehe sowieso nicht, wozu sie eigentlich Abitur machen will und Abu Jalil ihr das überhaupt erlaubt hat. Das ist doch für unsereins nicht nötig, denn eine Frau gehört zu ihrem Mann und ihren Kinder ins Haus und braucht hierzu weder Chemie noch Physik. Eine bessere Partie als Hamid könnte sie niemals machen, denn dieser ist, ebenso wie sein älterer Bruder Hassan in Brüssel, ein schwerreicher Kaufmann. Sie besitzen mehrere Schmuckgeschäfte sowohl in der Medina von Marrakesch als auch in Belgien und Holland. Stattdessen treibt sie sich mit diesem Ungläubigen herum! Was für eine Schande für unsere Familie!«

»Aber Mutter, es ist ja nicht so, wie du sagst!«, protestiert Besna. »Amina treibt sich doch nicht herum! Ja, es ist wahr, dass Amina und Jörg sich angefreundet haben, schließlich gehen sie in dieselbe Klasse. Ich habe ihn auch kenngelernt. Er ist ein sehr netter Junge, respektiert Amina und tritt ihr niemals zu nahe. Er hilft ihr vor allem in Mathe. Soweit ich weiß, ist Hamid ein bereits fast fünfzig Jahre alter Witwer, der schon vier Söhne hat. Unsere Amina ist doch gerade erst siebzehn geworden und damit so alt wie Hamids jüngster Sohn! Was soll sie mit einem so alten Mann? Warum versteht ihr nicht, dass es hier in Deutschland nicht so ist wie bei uns und es auch nicht sein kann, denn hier leben und denken die Leute ganz anders als in Marokko. Glaubst du wirklich, dass – obwohl alle deine Kinder in diesem Land geboren wurden – man hier auch weiterhin so tun kann und muss, wie es dort für alle Menschen üblich ist? Kommt es denn wirklich einer Todsünde gleich, wenn man auch ein bisschen mit unseren neuen westlich gesinnten Nachbarn kommuniziert und mit ihnen Freundschaften schließt? Glaub mir, Mutter, in vielen Aspekten beneide ich die christlichen Deutschen, weil sie viel ungezwungener leben dürfen als unsereins. Ich fühle mich eingeengt von unseren strengen Vorschriften. Wir werden doch schon wegen des leidigen Kopftuchs auf der Straße blöd angegafft und von so manchem als Schleiereulen bezeichnet. Als wir vor zwei Jahren in Marrakesch zu Besuch waren, habe ich auf den Straßen viele Frauen und Mädchen ohne Kopftuch und in westlichen Kleidern gesehen. Wie gern würde ich am Schwimm- und Sportunterricht teilnehmen! Wäre ich deswegen gleich eine schlechte Muslima?«

»Versündige dich nicht mit diesen abwegigen Gedanken gegen Allahs Gesetze und deines Vaters Willen, Kind! Es steht uns, liebe Besna, nicht zu, dies zu beurteilen. Das müssen wir schon unserem Imam in der Moschee und deinem Vater überlassen. Wenn diese bestimmen, dass es ist, wie es ist, und weiterhin so sein soll, haben wir nicht das Recht, uns dem zu widersetzen. Der Koran lehrt uns, wie wir uns zu verhalten haben, alles andere ist Sünde. Damit musst auch du dich abfinden. Und jetzt hilf mir bitte, das Abendessen vorzubereiten.«

»Was soll ich tun, Mutter?« Besna ist keineswegs überzeugt, gibt jedoch um des lieben Hausfriedens willen der steten Demut und Unterwürfigkeit ihrer Mutter klein bei.

»Du kannst diese marinierten Zitronenschalen für die Garnitur in gezackte Streifen schneiden.« Akila hebt den farbenfroh dekorierten Deckel des traditionellen marokkanischen Tajine-Kochgefäßes ab, um nach dem darin garenden Gericht zu sehen.

»Es ist bald fertig. Ich muss jetzt nur noch die gekochte Leber in Würfeln schneiden und damit die Sauce zubereiten. Wenn du mit den Zitronenschalen fertig bist, kannst du schon mal den Tisch decken. Leg auch sechs Fladenbrote zum Aufwärmen in den Backofen. Abu El-Karim und deine Brüder werden bald vom Abendgebet zurück sein. Hoffentlich ist Amina inzwischen auch wieder da!«

»Was gibt es denn heute Gutes zu essen?«, fragt Besna, die neugierig geworden ist.

»Vorweg eine Harira und anschließend diese Hühner-Tajine6.«

»Da wird sich Amina aber freuen, die mag sie besonders!«

*

»Jörg, sag mir, was ich tun soll. Ich kann nicht mehr, ich halte es zu Hause nicht länger aus! Ich liebe und achte meinen Vater und meine Mutter sehr, aber ich kann beim bestem Willen nicht an all das glauben, was sie und meine Brüder tagein, tagaus bei jeder Gelegenheit mit dem Namen und Willen Allahs predigen und mir ewig vorhalten! Ständig werfen sie mir ›Harâm, harâm!‹7 vor, egal was ich tue oder meine. Es reicht sogar, wenn ich nur anderer Meinung bin. Nur meine kleinere Schwester Besna hält zu mir und versteht mich. Aber wir beide kommen einfach nicht gegen die anderen an! Und dann auch noch gestern dieser Riesenkrach, weil mein Vater mir strengstens verboten hat, mich mit dir weiter zu treffen! Er hat fürchterlich geschimpft, ich sei eine Abtrünnige, weil ich mich mit einem Ungläubigen versündige. Allah, so sagte er, würde mich dafür bestrafen. Und das alles nur, weil du mir mit der blöden Mathe hilfst, die einfach nicht in meinen Kopf hineinwill! Was das wohl für eine Sünde gegen den Koran sein soll! Ich sei doch seinem Vetter Hamid in Marokko versprochen, hat er mir gesagt, und müsse ihn heiraten. Was soll ich mit diesem alten Mann überhaupt? Ich hab ihn nur auf einem Foto gesehen, persönlich kenne ich ihn gar nicht! Er sieht hässlich und ekelhaft aus! Und nach Marokko will ich schon gar nicht! Was soll ich da? Ich bin hier geboren und fühle mich als Deutsche! Ich spreche nicht einmal gut Arabisch. Ich kann es einfach nicht mehr ertragen!« Die hübsche junge Frau ist total aufgelöst und ihr Gesicht tränenüberströmt. Vor Wut hat sie ihren Hijab8 heruntergerissen. Ihre dicke Mähne aus wunderschönen schwarzen Haaren weht mit jeder ihrer verzweifelten Kopfbewegungen hin und her.

Total hilflos und erschüttert von diesem heftigen Gefühlsausbruch weiß der junge Mann nicht, was er tun kann, um der Schulfreundin zu helfen. Einerseits wirkt sie stets durchaus apart und attraktiv auf ihn, andererseits ist sie ihm doch irgendwie fremd. Jetzt sieht er sie zum ersten Mal ohne dieses Kopftuch, das sie in der Schule stets um ihre Haare gewickelt trägt.

Jörg Ewers ist mit achtzehn Jahren kaum ein Jahr älter als Amina und ein sportlicher und gut aussehender, blonder junger Mann. Seit er sie gegen zwei seiner Schulkameraden, die ihr das Kopftuch gewaltsam entreißen wollten, tatkräftig verteidigt hat und diese endlich davon abbringen konnte, sind sie sich freundschaftlich nähergekommen.

Mit den anderen Mädchen ihrer Klasse hat Amina dagegen kaum engeren Kontakt, nicht nur, weil sie ihnen absonderlich erscheint, sondern wohl eher wegen des elterlichen Verbots, am Sportunterricht und an anderen Schulveranstaltungen wie beispielsweise an Klassenfahrten teilzunehmen. An Amina selbst liegt es nicht. Des Öfteren versucht sie, sich der einen oder anderen Klassenkameradin anzunähern. Das Gelingen scheitert jedoch spätestens an den strikten Halal-Speisevorschriften des Islam, wenn sie zum Beispiel in das Haus der einen oder anderen zu einem Grillfest eingeladen wird. Auch hier muss sie absagen, haben ihr doch die Eltern eine Teilnahme strikt untersagt. Zu Gegenbesuchen kommt es ebenfalls nicht, da Nicht-Muslime in ihrem Elternhaus nicht gerade willkommen sind.

Ganz anders verhalten sich allerdings der Vater und die Brüder Walid und Osman im Verkehr mit der Außenwelt. Dort geben sie sich weltlich, zeigen sich offen und höflich und behandeln ihr Gegenüber auf Augenhöhe, da möchten sie unbedingt Gleiche unter Gleichen sein. Beim zwanzigjährigen Walid reichte der Lerneifer nicht bis zum Abitur, er brach deswegen das Gymnasium ab und hilft seitdem dem Vater im Geschäft. Der jüngere Osman ist fünfzehn und hat gerade seine Lehre als Kfz-Mechatroniker bei einer KIA-Vertragswerkstatt begonnen, die einem entfernten Verwandten gehört. Hadshi Jalil El-Karim ist erfolgreicher Gemüsehändler im Stadtzentrum und ein von seiner Kundschaft hoch angesehener Kaufmann. Bereits mehrmals hat er den anfänglich kleinen Laden, mit dem sein Vater vor mehr als zwanzig Jahren anfing, vergrößert und zu dem gemacht, was er heute ist: ein kleiner Supermarkt, in dem man so ziemlich alles erstehen kann, was Muslime, aber auch alle anderen, die die orientalische und arabische Küche lieben, für die Zubereitung dieser Speisen benötigen. Frische Gemüse- und Obstsorten aus Ägypten, Tunesien, Marokko und der Türkei alternieren mit Regalen voller Halal-Konserven; Kühlvitrinen beherbergen allerlei – selbstverständlich halal-konforme – Frischfleischarten sowie typische Oliven- und Käsesorten; dazu in mannigfaltiger Auswahl getrocknete Früchte, Samenkörner und traditionelle Gewürze. Betritt man den Laden, betören einen die Düfte und Aromen des Orients. Schließt man die Augen, hat man sofort das Gefühl, im Grand Basar eines der arabischen oder türkischen Metropolen zu sein. Penibel hält sich der Kaufmann an die gesetzlichen Bestimmungen des Landes und achtet vor allem auf die vorgeschriebenen öffentlichen Abgaben. Pünktlich zahlt er seine Steuern, und nichts darf dabei unter dem Ladentisch verschwinden. Jalil El-Karim spricht fließend Deutsch, ist stadtbekannt und wird deswegen oft von lokalen Politikern und Medien als ›Musterbeispiel erfolgreicher Integration‹ dargestellt, ahnt man doch nicht, wie rückständig und islamisch-konservativ es im eigenen Haushalt zugeht. Höflich hat er bereits mehrfach die Einladung einer örtlichen Partei abgelehnt, für ein Amt im Stadtrat zu kandidieren. Er sehe sich als Geschäftsmann vor allem seiner werten Kundschaft verpflichtet und möchte bei niemandem anecken, was wohl im Amt als Stadtabgeordneter gelegentlich unvermeidbar wäre.

»Was kann ich tun, um dir zu helfen, Amina? Du kannst doch nicht einfach von zu Hause weglaufen! Wo willst du denn hin? Zudem bist du noch nicht achtzehn, also laut unserem Gesetz auch nicht volljährig. Das bedeutet doch, dass deine Eltern immer noch das Bestimmungsrecht über dich haben. Ich möchte dir so gern unter die Arme greifen, aber ich kann leider nicht! Sieh doch, ich wohne noch bei meinen Eltern in dieser Vierzimmerwohnung. Wie und wo solltest du da unterkommen? Abgesehen davon, meine Eltern sind zwar sehr verständnisvoll und liberal, würden aber nie zulassen, dass du bei uns bleibst. Wir wären schließlich nicht sicher vor dem Zorn deiner Familie, sollten sie denn von diesem Bleibeort erfahren, oder?«

»Aber das hab ich auch gar nicht von dir erwartet, Jörg! Ich meinte vielmehr, ob du eine Idee hast, wo ich mich fürs Erste verstecken könnte, damit ich vor Verfolgung geschützt bin. Ich möchte ganz bestimmt nicht wieder nach Hause, wo mein Vater und mein älterer Bruder mich tyrannisieren und meine Oma und meine Mutter nur wohlgefällig und untertänig zuschauen! Ich hab solche Angst vor ihrer wütigen Vergeltung, aber ich kann nicht anders! Wüsstest du nicht einen Ausweg oder irgendjemanden, an ich mich schutzsuchend wenden könnte?«

»Warte mal, Amina, da fällt mir etwas ein!« Jörg öffnet sein Tablet und geht ins Internet.

»Ich hab’s!«, vermeldet er kurz darauf.

»Was denn?«

»Das Frauenhaus in Itzehoe! Das ist eine gemeinnützige Organisation für Frauen, die bedroht werden und sich in Not befinden. Notiere dir die Telefonnummer. Hier findest du sie auf der Homepage, wenn du diesen Notbutton anklickst. Da steht auch, du brauchst dich nur dort zu melden, denen sagen, wo du bist, dann holen sie dich ab! Die Adresse des Frauenhauses ist geheim, also wird man dich dort nicht so schnell finden!«

»Oh Jörg, ich danke dir, du hast mir wirklich geholfen! Ich wusste, ich kann mich auf dich verlassen!«

»Ich wünsch dir viel Glück, Amina, alles Gute! Wir werden uns dann wohl für längere Zeit nicht mehr sehen!«, sagt er mit Bedauern in der Stimme, während er sie bis zur Wohnungstür begleitet. Schließlich setzt er hinzu: »Sei vorsichtig, wenn du dort anrufst. Am besten benutzt du ein öffentliches Telefon, damit niemand das Gespräch bis zu dir zurückverfolgen kann. Schalte auch dein Smartphone aus, sodass man dich nicht orten kann, und kauf dir eine dieser anonymen Prepaid-Karten. Sei versichert, von mir erfährt niemand etwas!«

Amina hat Tränen in den Augen, als sie sich Jörg zuwendet und ihm als Dankeschön einen Kuss auf die Lippen drückt. Dann dreht sie sich rasch um und entschwindet die Treppe abwärts.

Als Jörg die Tür geschlossen hat und in das Wohnzimmer zurückkehrt, sieht er Aminas schwarzen Hijab, den sie auf dem Sofa liegen gelassen hat. Rasch nimmt er das Tuch und eilt damit auf den Balkon. Gerade sieht er Amina noch unten an der Straßenecke. Er ruft ihr laut hinterher und wedelt aufgeregt mit dem Tuch. Amina blickt hoch, sieht ihn und schüttelt – ein Lächeln auf den Lippen – verneinend den Kopf. Dann winkt sie ihm kurz zu und huscht geschwind um die Ecke.

Bewegt führt Jörg das Tuch an sein Gesicht, atmet begierig Aminas Duft ein und wischt sich die Träne ab, die ihm über die Wange kullert.

*

Rasend vor Wut verflucht Vater Jalil El-Karim die Tochter. Fürchterliche Beschimpfungen und Verwünschungen auf Arabisch ertönen im sonst friedlichen Haus am Eschenweg. Es ist bereits nach zehn Uhr und die renitente junge Frau ist weder zum Abendessen erschienen noch bisher nach Hause gekommen. Die Großmutter und Mutter Akila sitzen im Wohnzimmer auf runden marokkanischen Bodenkissen aus bunt verziertem Ziegenleder und weinen. Walid und Osman sind in der Stadt unterwegs, um Amina zu suchen, während Besna bereits mehrfach auf die Mailbox von Aminas Handy gesprochen und sie angefleht hat, zurückzukommen. Auch alle Bekannten und Freunde wurden bereits angerufen und nach Aminas Verbleib befragt, doch niemand konnte Auskunft geben. Dann kommt Osman ganz aufgelöst nach Hause und berichtet, die Polizei habe soeben Walid verhaftet, weil dieser in der Wohnung der Familie Ewers deren Sohn Jörg tätlich angegriffen habe, um von ihm gewaltsam zu erfahren, wo dieser seine Schwester versteckt halte. Jörg habe gesagt, er wisse von nichts, und sich tatkräftig verteidigt, indem er Walid geschickt mit einem Karateschlag abgewehrt und schließlich die Wohnungstür vor dessen Nase geschlossen habe. Darauf hätte Walid furchtbar randaliert und versucht, die Tür mit rabiaten Tritten aufzubrechen. Der Nachbar von gegenüber alarmierte die Polizei, die Walid überwältigte und in Handschellen abführte.

Wortlos lauscht der Familienvater den Ausführungen seines Sohnes. »Wo ist der Kombi?«, fragt er nach einer längeren Pause, in der er sich sichtlich bemüht, die Fassung wiederzugewinnen.

»Vor dem Wohnhaus der Familie Ewers«, antwortet Osman kleinlaut.

Jalil El-Karim steht auf und zieht sich Schuhe an. Dann holt er seinen Führerschein und den Zweitschlüssel des Mercedes. »Komm, wir gehen!«, sagt er zu Osman. Zeig mir, wo das ist!«

*

Vater und Sohn El-Karim klingeln wenig später an der arg lädierten Wohnungstür der Familie Ewers.

»Guten Abend, ich bin der Vater von Walid, der heute bei Ihnen bedauerlicherweise großen Aufruhr verursacht hat. Ich möchte mich im Namen meiner ganzen Familie für sein unmögliches Verhalten entschuldigen. Selbstverständlich komme ich für den verursachten Schaden auf und bitte Sie inständig, meinem Sohn zu verzeihen. Meine Tochter Amina ist verschwunden, und da wir wissen, dass Ihr Sohn in dieselbe Klasse geht und ihr ziemlich nahesteht, hat Walid etwas über ihren Verbleib erfahren wollen. Er fühlt sich als ihr älterer Bruder für sie besonders verantwortlich und ist wohl deswegen unnötigerweise ausgerastet, was ich zutiefst bedaure. Darf ich dennoch Ihren Sohn fragen, ob er uns darüber etwas sagen kann?«

»Ich bezweifle, Herr El-Karim, dass Jörg Ihnen nach diesem eklatanten Vorfall überhaupt etwas sagen will!«, antwortet der Vater. »Er ist vollkommen mit den Nerven herunter! Wir haben durchaus Verständnis dafür, dass Sie bezüglich des Verbleibs Ihrer Tochter besorgt sind, aber bitte nehmen Sie zur Kenntnis, dass wir solche wüsten Gebaren in unserer Gesellschaft weder akzeptieren noch dulden! Auch ich bin Vater und nehme deshalb Ihre Entschuldigung hiermit an. Auch werde ich auf eine Anzeige unter dem Vorbehalt verzichten, dass Sie und Ihre Söhne Jörg in Zukunft in keiner Weise mehr mit dieser Sache behelligen. Die Reparaturkosten für die beschädigte Wohnungstür lasse ich Ihnen zusenden und hoffe, dass damit die Angelegenheit erledigt ist. Guten Abend!«

»Wie gesagt, dies alles tut mir sehr leid, aber ich habe volles Verständnis und danke Ihnen, Herr Ewers!« Jalil El-Karim nickt. Er und Osman wenden sich ab, um zu gehen.

Als sie auf halber Treppe auf dem Weg nach unten sind, hören sie plötzlich hinter sich eine jugendliche Stimme – wie sich herausstellt, die von Jörg Ewers: »Und hören Sie doch bitte endlich damit auf, Ihre Tochter mit Ihren mittelalterlichen Ansichten zu schikanieren! Wir sind hier in Deutschland und nicht in Arabien, begreifen Sie das doch bitte, Herr El-Karim! Amina ist eine sehr nette Schulfreundin und hat so etwas wirklich nicht verdient!« »Verfluchter Kafir!«, murmelt Jalil auf Arabisch. »Was verstehst du schon von unserem, dem einzig wahren Glauben und unseren Sitten, du Hundesohn!«

Gerade als sie in seinen Mercedes Kombi einsteigen wollen, begegnet ihnen Achmed Mansour, der den kleinen arabischen Imbiss in der Kirchenstraße betreibt und sich auf dem Nachhauseweg befindet.

»Salam Aleikum, Jalil! Sag mal, was ist bei euch los? Ismail hat mir vorher erzählt, dass dein Sohn Walid von der Polizei verhaftet wurde, weil er hier in der Straße randaliert haben soll! Ich wollte dich sowieso noch anrufen, um dir zu sagen, dass ich heute Abend beobachtet habe, wie deine Tochter Amina an der Telefonzelle am Markt in einen Kleinbus eingestiegen ist.«

Jalil wird blass. Ihn verlassen die Kräfte, der Autoschlüssel fällt ihm aus der Hand und er taumelt. Osman kann seinen Vater gerade noch festhalten und ihn gegen den Wagen lehnen.

»Was sagst du da, Achmed?«, fragt Jalil, nachdem er sich gefangen hat. »Meine Amina soll in einen fremden Wagen gestiegen sein? Das kann doch nicht sein! Du musst dich geirrt haben!«

»Ja, Jalil, das dachte ich im ersten Moment auch, weil das Mädchen kein Kopftuch trug. Als sie aber in den Wagen einstieg, blickte sie mich furchtbar erschrocken an, und da habe ich sie erkannt! Dann schob sie rasch die Tür von diesem Bus zu, und der fuhr sofort ab. Den Wagen habe ich hier in der Stadt noch nie gesehen!«

Osman hebt die Autoschlüssel auf. Geistesgegenwärtig sagt er: »Abu Achmed, begleiten Sie uns doch bitte zur Polizei. Dort werden wir melden, dass meine Schwester entführt worden ist. Und wir müssen uns ja auch um Walid kümmern!«

»Aber mein lieber Osman«, Achmed Mansour schaut auf seine Armbanduhr, »es ist schon halb elf. Glaubst du wirklich, dass wir dort noch jemanden antreffen?«

»Die halten meinen Bruder in der Zelle fest. Schon deshalb wird irgendjemand dort sein, der auf ihn aufpasst!«

»Nun gut, wie du meinst! Lass es uns wenigstens versuchen! Aber gib mir besser die Autoschlüssel. Dein Vater kann ja nicht fahren, so aufgeregt, wie er ist!«

*

Wenig später parkt Achmed Mansour den Kombi der El-Karims vor der Polizeistation in Oldenmoor.

»Da ist noch Licht und ich hab soeben einen Polizisten am Fenster gesehen!«, sagt Osman. Die beiden Männer und der Junge steigen aus. Jalil läutet an der Türklingel. Polizeihauptkommissar Boie Hansen, der Dienststellenleiter, öffnet ihnen.

»Guten Abend, meine Herren, das ging aber schnell! Sie sind meiner Streife zuvorgekommen, die ich zu Ihnen nach Hause geschickt habe. Ich vermute, Sie sind Herr El-Karim, der Vater von Walid, und du bist sein Bruder, nicht wahr? Und Sie sind …?«, fragt er den Begleiter der beiden.

»Ich heiße Mansour, Achmed Mansour. Ich bin ein Freund der Familie El-Karim und möchte eine Zeugenaussage machen.«

»Na, denn kümmt man rin!«, sagt Boie Hansen und tritt zur Seite, um ihnen Einlass zu gewähren.

Als die drei vor seinem Schreibtisch Platz genommen haben, schaut Boie Hansen nacheinander in deren Gesichter. »Also, Herr El-Karim, da hat sich Ihr Herr Sohn ganz schön was geleistet, das muss man schon sagen! Ich weiß, ich weiß«, unterbindet er mit einer Armbewegung Jalil El-Karims Versuch, eine Erklärung abzugeben, »Ihr Sohn Walid hat mir bereits alles über das unerklärliche Ausbleiben Ihrer Tochter – wie hieß sie noch? Also ja, hier hab ich’s: Ihrer Tochter Amina – erzählt. Aber deswegen darf er doch nicht die Wohnungstür eines ihrer Klassenkameraden eintreten und einen solchen Aufstand machen, dass das ganze Haus zusammenläuft! Das bringt ihm mindestens eine Anzeige wegen schweren Hausfriedensbruchs nach Paragraph 123 Strafgesetzbuch ein! Insofern hat er Glück, denn er wird erst in zwei Tagen einundzwanzig, da geht’s gerade noch vor einen Jugendrichter! Es kommt auch darauf an, ob der Geschädigte Strafantrag stellt.«

»Ja, Herr Kommissar«, erwidert Jalil El-Karim, »ist mir bekannt. Aber ich habe soeben mit Herrn Ewers gesprochen und meinen Sohn entschuldigt. Er sagte, er wolle von einer Anzeige absehen. Ich werde den von Walid angerichteten Schaden an der Tür selbstverständlich bezahlen, das habe ich ihm versprochen!«

»Na, dann ist ja für Ihren Sohn alles glimpflich abgegangen! Bläuen Sie ihm aber ein, dass er sich in Zukunft zusammenreißen muss, sonst kriegt er Ärger mit uns! Wenn er diesmal auch straflos ausgeht, ist er immerhin als Wüterich aktenkundig geworden. Dann nehmen Sie also in Gottes Namen Ihren Filius wieder mit!« Boie Hansen will sich gerade mit dem Zellenschlüssel in der Hand erheben, als Polizeiobermeister Willi Seifert und Polizeimeister Dieter Klages eintreffen. Überrascht blicken sie auf das Besuchertrio.

»Na, da pliert ju, wat?«, sagt Boie Hansen. »De Mannslüüt sind jüm al vörafkömmt.9 Dieter, holst du bitte den Jungen raus? Er darf gehen!« Er übergibt dem Polizeimeister den Schlüssel.

»Einen Moment bitte, Herr Kommissar!«, meldet sich Jalil El-Karim zu Wort. Ich muss noch etwas Wichtiges anzeigen! Meine Tochter Amina wurde ganz sicher entführt! Der Herr hier ist Zeuge!«

Die drei Polizisten spitzen die Ohren und hören aufmerksam zu, während Achmed Mansour seine Aussage zu Protokoll gibt und Willi Seifert diese simultan in den PC tippt. Boie Hansen schaltet den Drucker ein und legt wenig später die beiden ausgedruckten Blätter El-Karim und Mansour zur Unterschrift vor.

»Und Sie sind sich absolut sicher, dass es sich dabei um eine Entführung handelt?«, fragt Willi Seifert erneut.

»Absolut sicher, Herr Polizeimeister! Wir haben Amina sehr streng erzogen. Sie würde niemals freiwillig in ein fremdes Auto steigen!« Jalil El-Karim schaut kurz über das Protokoll und unterschreibt schließlich.

»Ich meine ja nur, der Zeuge hier, Herr Mansour, hat doch erzählt, dass Amina beim Einsteigen kein Kopftuch trug, was für sie ungewöhnlich ist. Könnte es deshalb nicht doch sein, dass …?«

»Vollkommen ausgeschlossen, so etwas tut meine Tochter nicht!«, lautet die radikale Erwiderung des empörten Vaters.

Der inzwischen aus der Zelle entlassene Walid will etwas sagen, ein wütender Blick des Vaters gebietet ihm jedoch zu schweigen.

»Und über den schwarzen Bus können Sie wirklich keine näheren Angaben machen, Herr Mansour? Automarke, polizeiliches Kennzeichen, irgendwelche Aufschriften? Haben Sie vielleicht den Fahrer gesehen oder gar erkannt? Denken Sie bitte nach, es ist wichtig!«, insistiert Boie Hansen.

Mansour verneint. Inzwischen hat auch er das Protokoll unterschrieben. »Tut mir wirklich leid, ich habe das wohl wahrgenommen, aber in diesem Moment nicht überlegt, was es bedeuten könnte. Erst später, als ich den Grund für Walids wütendes Verhalten erfuhr, habe ich über die Bedeutung meiner Beobachtung nachgedacht und meinem Freund El-Karim davon erzählt.«

»Gut, dann gebe ich eben die Fahndung nach Amina mit dem wenigen, was wir haben, durch! Hoffen wir, dass all dies nur ein Missverständnis ist und Ihre Tochter bald wieder zu Ihnen zurückkommt, Herr El-Karim! Sollte dies der Fall sein, dann melden Sie es uns bitte sofort!« Boie Hansen steht auf, die Besucher tun es ihm gleich.

»Dann gute Nacht, meine Herren! Wir machen für heute Ladenschluss!«

3. Ein frohes Wiedersehen

Hallo, liebes Tagebuch! Dann wollen wir mal wieder! Jetzt, wo ich endlich von der Reise zurückgekehrt bin, muss ich unbedingt die Ereignisse der letzten Tage nachtragen. Wir waren zuletzt abends immer spät im Hotel und ich selbst viel zu müde, um noch zu schreiben.

Nili nimmt sich heute erneut ihr Tagebuch vor, in dem sie die wichtigsten und interessantesten Fälle festhält. Sie tut es damit ihrer Abuelita (Oma) Clarissa gleich, die schon seit früher Jugend die bedeutenden und intimsten Gedanken ihren Tagebüchern anvertraute und gelegentlich Tochter und Enkelin auch daraus vorliest. Nili erfährt dadurch immer wieder interessante Begebenheiten aus ihrer Familiengeschichte und von den ereignisreichen Tagen der Flucht der Großeltern Heiko und Clarissa, ihrer Mutter Lissy und ihrem Onkel Oliver aus Nazi-Deutschland sowie aus ihrem langjährigen bolivianischen Exil. In ihrem ersten Gymnasialjahr in Hamburg begann sie mit den Einträgen und hielt in unregelmäßigen Abständen alle jene Erlebnisse handschriftlich fest, die ihr bedeutend erschienen. Nach Antritt ihrer polizeilichen Karriere in Hamburg und anlässlich des jähen Endes einer Liebschaft unterbrach sie die Gewohnheit für längere Zeit und begann erst Jahre später, bereits zur Kriminaloberkommissarin befördert und nach Oldenmoor zurückgekehrt, erneut mit dem Schreiben. Heute aber tippt sie ihre Aufzeichnungen auf dem Laptop und speichert diese Berichte auf einer separaten, nur für sie selbst bestimmten Festplatte.

Also, der Reihe nach: Mein Team hat einen (alten!) neuen Fall zu bearbeiten, den aufsehenerregenden Glückstädter Doppelmord vor etwa eineinhalb Jahren. Ich kann mich an die furchtbare Tat erinnern, denn ich war zu jener Zeit noch im benachbarten Oldenmoor als Kriminaloberkommissarin tätig. Allerdings hatten wir nicht direkt mit dem Fall zu tun, denn der wurde von der Bezirkskriminalinspektion in Itzehoe bearbeitet. Deren damaligen Leiter, Kriminaloberrat Thumann, habe ich nur flüchtig gekannt, Staatsanwalt Pepperkorn lernte ich dagegen zusammen mit dem heutigen Bezirksleiter, Kriminaloberrat Heinrich Stöver (von seinen Mitarbeitern hinter dem Rücken ›Hein Gröhl‹ genannt) erst Monate später anlässlich des Mordfalls an den beiden Frauen im verbrannten Bauernhaus10 kennen. Beim Durcharbeiten der sehr umfangreichen Akte haben wir bezüglich der damaligen Ermittlungen einige Lücken festgestellt, denen wir jetzt nachgehen müssen. Eine davon betrifft den mysteriösen Renault mit belgischem Kennzeichen, in dem die Leichen gefunden wurden. Unklar ist nach wie vor, wie und von wem dieses Fahrzeug zum Fundort gebracht wurde. Das wollten wir nun nachholen und im belgischen Grenzort Bütgenbach, wo dieses Fahrzeug angeblich gestohlen worden war, herausfinden.

Wie verabredet holte ich meine Mitarbeiterin, Kriminalkommissarin Margrit Förster, in ihrer Wohnung in Kiel-Ellerbek kurz nach sieben Uhr morgens ab. Margrit ließ sich Anfang dieses Jahres von Hamburg zu uns versetzen, um hier für ihre an MS erkrankte Mutter zu sorgen. Während Margrits Abwesenheit kümmert sich eine Nachbarin um die kranke Frau. Sie ist eine pensionierte Altenpflegerin.

Da ich nicht so gern auf der meist durch den Berufsverkehr verstopften Autobahn A 7 fahre, programmierten wir auf dem Navi eine alternative Route für unsere Fahrt nach Belgien, die uns hauptsächlich über Bundesstraßen führte. Wir befanden uns bereits kurz vor Itzehoe – wir wollten die Elbe mit der Fähre von Glückstadt nach Wischhafen überqueren –, als uns ein Anruf meines Waldi erreichte: Es habe in Oldenmoor gestern Abend eine Vermisstenmeldung gegeben. Ein Zeuge habe beobachtet, wie eine ihm bekannte Siebzehnjährige namens Amina El-Karim in einen fremden Wagen eingestiegen sei. Seitdem fehle von ihr jedes Lebenszeichen. Waldi meinte, wir sollten auf unserem Weg kurz in Oldenmoor Station machen und bei meinem ehemaligen Kollegen, dem Dienststellenleiter Polizeihauptkommissar Boie Hansen, nähere Informationen einholen.

Ich rief sofort zu Hause in unserem Onkel Suhls Haus an und kündigte meiner erfreuten Abuelita unser baldiges Eintreffen zum zweiten Frühstück an.

Wir wurden wie immer von meinen Kollegen der Dienststelle sehr herzlich begrüßt. Es war zudem ein freudiges Wiedersehen mit meinem ehemaligen Mitstreiter KOK Willi Seifert (sein Begrüßungskommentar – »Typisch Nili! Sie muss wohl mit ihrer berühmten Spürnase mal wieder gerochen haben, dass es bei uns etwas Brisantes zu ermitteln gibt!« – hat mir großen Spaß bereitet).

PHK Boie Hansen berichtete ausführlich von den gestrigen Ereignissen um das mysteriöse Verschwinden der siebzehnjährigen Amina El-Karim und dem furiosen Aufstand ihres jüngeren Bruders in der Wohnung ihres Klassenfreundes. Viel Neues konnten sie uns allerdings in der Dienststelle nicht erzählen, da inzwischen die Staatsanwaltschaft und Kollegen der Bezirkskriminalinspektion in der Großen Paaschburg in Itzehoe die Ermittlungen übernommen hatten und emsig nach der Vermissten suchten. Nachdem ich den Kollegen versprochen hatte, dass wir uns auf der Rückfahrt von Belgien wieder bei ihnen melden würden, fuhren wir weiter zum Onkel Suhls Haus. Abuelita und meine Ima begrüßten uns herzlichst; sie hatten Margrit ja bereits vor Kurzem kennengelernt, als wir alle gemeinsam im famosen ›Barockengel‹ des Kollegen Ferdl nach Kiel fuhren. Ich war etwas verwundert, meine Mutter im Hause anzutreffen, da sie üblicherweise um diese Zeit auf ihrem Geflügelhof beschäftigt ist. Abuelita hatte Ima sofort über meinen Anruf informiert und sie ließ es sich nicht nehmen, mich hier zu begrüßen. Es ist wirklich sehr berührend, dass wir drei uns derart gut verstehen und lieben und uns immer wieder über jede Stunde freuen, die wir miteinander verbringen können. Ima Lissy erzählte zu meiner riesigen Freude, dass sie gestern Abend durch den Anruf unserer Rechtsanwältin Kitt Harmsen erfahren habe, dass unsere Schutzbefohlene Habiba in der nächsten Woche endlich aus dem Jugendgefängnis in Schleswig entlassen werde, von wo sie sie selbst abhole. Ich sagte, ich würde sie gern begleiten, wisse aber noch nicht, ob ich zu diesem Termin freibekäme, wir haben ja im Moment alle Hände voll mit unseren zwei gleichermaßen brisanten Fällen zu tun!

Wir genossen die krossen und sehr aromatisch duftenden Huminta-Maiskuchenstücke mit Weißkäse, die Abuelita diesmal – mangels der Kolbenschalen, in denen die Teigportionen typischerweise eingewickelt und gebacken werden – direkt auf dem Blech in das Rohr geschoben hatte.11 Beim Essen kam natürlich der Grund unserer Spritztour nach Belgien zur Sprache. Auch meine Mutter und meine Großmutter konnten sich noch gut an den aufsehenerregenden Fall der beiden im Auto am Parkplatz der Elbfähre vorgefundenen Leichen entsinnen. Meine Ima bemerkte sogar, sie habe einmal ihren VW Taro in die Wewelsflether Werkstatt des Verstorbenen zum Service gebracht, weil die Vertragswerkstatt ihr hierfür keinen raschen Termin geben konnte. Sie hatte deshalb den Mechaniker Uwe Wilkens in guter Erinnerung und seinen gewaltsamen Tod sehr bedauert. Auch an die tüchtige und aparte Serviererin Saadet konnten wir uns alle ziemlich gut erinnern, waren wir doch mehrmals von ihr im Glückstädter Gasthof bedient worden.

Abuelita packte uns einige der Humintas in eine Plastikdose und gab uns eine große Thermosflasche ihres starken schwarzen Tees mit Minze mit auf dem Weg. Während Margrit unseren X3 in Richtung Fähre steuerte, simste ich meinen ziemlich mageren Bericht an Waldi nach Kiel.

Als wir Glückstadt auf der B 495 erreichten, stießen wir auf eine sehr lange, vorwiegend aus Lkws und Campern bestehende Wartekolonne. Ich befestigte kurzerhand das Blaulicht auf dem Dach unseres BMW und Margrit gab kurze Zeichen mit dem Martinshorn, als wir an der Kolonne vorbeifuhren. Ohne Wartezeit kamen wir daher gerade noch als letztes Fahrzeug auf die Fähre, die danach sofort ablegte. Nach einer halben Stunde hatten wir den Wischhafener Anleger erreicht und fuhren mit der ersten Pkw-Kolonne von der Fähre. Unsere weitere Reiseroute führte uns durch die Weser- und Emstunnel. Von da an fuhren wir auf der Autobahn über Oberhausen, Duisburg und Euskirchen.

Wir wechselten uns alle zwei Stunden am Steuer ab und stärkten uns zwischendurch an den Huminta-Häppchen und dem heißen schwarzen Tee. Dank des bei Bedarf gelegentlichen Einsatzes von Blaulicht und Martinshorn kamen wir flott voran. Über weitere Bundestraßen gelangten wir bis zum belgischen Grenzübergang Büllingen/Malmedy. Von dort aus führte uns die Route Nationale N632 bis ins Zentrum von Bütgenbach, eine Gemeinde mit etwa sechseinhalbtausend Einwohnern in der belgischen Provinz Lüttich. Neben dem französischsprachigen Wallonien und dem flämischen Flandern gehört sie zu den deutschsprachigen Regionen des Königreiches. Am Marktplatz fanden wir die Polizeidirektion des Ortes, wo uns der mir bestens bekannte belgische Polizeikommissar Klaus Stuckert bereits angemeldet hatte. Wir wurden dort vom Inspektionsleiter Commissaire de Police Raymond Lejoly sehr freundlich empfangen. Ich übergab ihm sogleich den Smith-&-Wesson-Revolver, die Tatwaffe, mit der Uwe Wilkens erschossen worden war. Er versprach, sich um die Identifizierung gleich am nächsten Morgen zu bemühen. Da es bereits nach achtzehn Uhr war, begleitete er uns persönlich im X3 über den Marktplatz zum Parking des für uns gebuchten Quartiers, den Bütgenbacher Hof. Riesengroß war die Überraschung, als wir beim Betreten der Rezeption plötzlich mit einem ohrenbetäubenden Ruf begrüßt wurden: »Pura vida, Nili! Bienvenida en Bélgica!« Dann lagen Javier Espinoza und ich uns in den Armen. Wie schön war es, meinen guten Freund und ehemaligen Mitstreiter, inzwischen zum Polizeikommissar-Anwärter befördert, wiederzusehen, genauso wie ich mich freute, seinen typischen ur-costa-ricanischen Willkommensgruß zu hören. Er war in Begleitung eines seiner neuen Kollegen, ein sympathischer und jüngerer, mir bisher nicht bekannter Inspecteur de Police namens Piter Van der Waale. Nachdem ich den beiden Margrit vorgestellt hatte, gab uns der Herr Inspektionsleiter Lejoly persönlich die Ehre, indem er uns ins noble Restaurant des Hotels hinüberführte, wo man uns mit einem üppigen und reichhaltigen Abendmahl verwöhnte.

Als Lejoly – der übrigens ebenso fließend Deutsch wie Flämisch und Französisch spricht – sich nach dem Essen verabschiedete, verbrachten wir vier noch sehr angeregte Klönstunden in der Hotelbar. Margrit und Piter verstanden sich offensichtlich sehr gut, sodass Javier und ich uns ausführlich auf Spanisch unterhalten konnten. Conchita, seine damalige Freundin, und er hatten vor zwei Monaten flugs geheiratet, als sich unerwartet Nachwuchs anmeldete. Mit einem breiten Lächeln eröffnete er mir, dass es wohl ein Mädchen werden würde. Conchita und er seien sich einig, dass das Kind auf den Namen Nili Maria getauft werden sollte und ich schon deshalb unbedingt ihre Taufpatin sein müsse. Dies berührte mich sehr und ich gab ihm gern meine Zustimmung, bemerkte allerdings, dass ich trotz meiner jüdischen Herkunft aus innerer Überzeugung keiner Konfession angehöre. Er meinte, ich brauche mir deswegen keine Sorgen zu machen, er würde das mit seinem Pfarrer schon regeln. Auch sein Teampartner und Freund Arne Svensen und dessen Frau Sybille hatten vor Kurzem einen Sohn bekommen. Übrigens solle er mich von allen, angefangen von seinem Chef Robbe van Dongen und dessen Frau Mareijke, herzlich grüßen. Es war schon fast Mitternacht, als Margrit und ich uns in unsere Zimmer zurückzogen.

Ich schlief noch sehr tief, als mein Wecker mich gnadenlos um sechs Uhr morgens aus einem beklemmenden Traum herausriss: Ich befand mich gerade mit Javier und Conchita im Baptisterium, in dem die kleine Nili Maria getauft werden sollte. Der katholische Patre aber machte eine abwehrende Geste und wies mich bitter schimpfend aus der Kirche: »Fuera de aquí, tu eres una judía!«12 Ich erwachte in dem Moment, als ich gerade die Antwort – »Hast du denn vergessen, das Jesus auch Jude war?« – auf der Zunge hatte. Es ist doch eigenartig, dass, obwohl ich mich bewusst für ein absolut religionsloses Dasein entschieden habe, dieses Zugehörigkeitsgefühl zu meinem Geburtsort niemals ganz aus meinem Unbewussten verschwindet! Ich zog rasch meinen Trainingsanzug an und joggte eine ganze Stunde lang durch das nette Städtchen. Danach duschte ich ausgiebig und saß mit Margrit um halb acht am Frühstückstisch. Pünktlich um acht erschienen Javier und Piter in Begleitung eines Polizeiinspektor-Anwärters des hiesigen Kommissariats, der sich uns kurz als Nicolaas Lindemans vorstellte.

Der Flame war een beeten droogg 13 , wie uns Piter später im Vertrauen leise zusteckte, und ziemlich wortkarg dazu. Der langgediente Unteroffizier der ehemaligen Gendarmerie war durch die Reform der belgischen Polizeikräfte zu dieser neuen Rangbezeichnung gekommen und hatte damals die Suche nach dem besagten Renault Mégane durchgeführt. Offensichtlich war er nun ziemlich gekränkt, dass man Zweifel am Ergebnis seiner Ermittlungen hegte. Ich konnte gut nachvollziehen, welche Gedanken ihn quälten: Was sollte das überhaupt? Da kämen plötzlich nach so langer Zeit zwei Polizistinnen aus Deutschland angereist, um all das nochmals zu untersuchen, was er bereits bewiesen hatte. Ich versuchte, so gut ich es vermochte, ihm unser Kommen dahin gehend zu erklären, dass wir gezielt auf der Suche nach jener Person waren, die vermutlich sowohl den besagten Wagen hier gestohlen als auch später die beiden Leichen in demselben deponiert hatte. Unter seiner Wegweisung fuhren wir gemeinsam in unserem BMW zum Autohaus Stolzen, dem Renault-Händler, bei dem der Mégane entwendet worden war. Der Inhaber, Mijnheer Jacques Stolzen, sei noch nicht im Hause, teilte uns der Verkaufsleiter Christophe Junker mit, er habe aber von diesem Anweisung erhalten, uns mit Auskünften zu dienen. Er legte uns die Verkaufsakte vor, in der dieser Pkw detailliert beschrieben war:

Renault Mégane I, Eco 1.4; Limousine, Farbe Blau Metallic; Benziner, 101 PS; Baujahr 1998; Kilometerstand: 196.208; Klimaanlage; Alufelgen. Leichte Dellen und Lackkratzer sowie etwas Rost an den Radkästen. Der Verkaufspreis war mit 1.200 Euro angegeben. Der Pkw war hier nicht polizeilich angemeldet gewesen. Ein Eintrag in der Akte erschien mir besonders brisant: Mijnheer Stolzen hatte diesen Wagen am 7. Juni vor zwei Jahren einem deutschen Autohändler namens Uwe Wilkens aus Wewelsfleth für 680 € abgekauft! Der Verkäufer hatte das Auto persönlich hier abgeliefert und den Betrag gemäß beiliegender Quittung in bar kassiert. Margrit und ich blickten uns völlig verwundert an: Uwe Wilkens wurde in genau dem Wagen tot aufgefunden, den er kurz zuvor hier eigenhändig übereignet hatte! Welch ein seltsames Schicksal! Leider befand sich kein deutscher Kraftfahrzeugbrief in der Akte, aus dem man weitere Details, vor allem über den Vorbesitzer, hätte erfahren können. Ich rief sofort Ferdl im Büro an und bat ihn, mithilfe der Fahrzeugnummer beim Kraftfahrt-Bundesamt in Flensburg nach dem möglichen Halter des Wagens zu fahnden, denn das Fahrzeug müsste ja vor dem Verkauf nach Belgien bei uns angemeldet gewesen sein.

Das Datum, an dem der Diebstahl entdeckt worden war, ist in der Akte mit dem 17. Oktober vor zwei Jahren angegeben. Junker wies allerdings darauf hin, dass das reale Datum der Entwendung auch schon früher gewesen sein könnte, denn besagtes Auto befand sich an einer Seite des Hauptgebäudes mitten im Pulk der billigeren Angebote, und diese Fahrzeuge wurden damals nicht besonders überwacht. Die wegen des Diebstals installierte Videoüberwachung des gesamten Areals sei erst zwei Monate danach in Betrieb genommen worden. Margrit checkte unsere Akte und bemerkte, dass darin der von der Itzehoer Spusi festgestellte Kilometerstand mit 196.293 vermerkt sei. Wie konnte es sein, dass der Mégane seit seiner Entwendung in Bütgenbach lediglich 95 Kilometer bis nach Glückstadt gefahren wurde? Wir hatten doch gestern für diese Strecke über sechshundert Kilometer gebraucht! Javiers prompter Einwurf, der Dieb müsse ihn auf einem Anhänger transportiert haben, klang einleuchtend. Ich bemerkte in der Akte des Händlers eine Liste mit handgeschriebenen Namen und Anschriften. Ich sah mir diese näher an und fragte Herrn Junker, ob es die Liste der Kaufinteressenten sei. Als er bejahte, fotografierte ich sie mit seiner Erlaubnis mit meinem alten ›Dampfhandy‹ (ich konnte mich immer noch nicht für ein zeitgemäßes Smartphone entscheiden, das Hin-und-her-Geschiebe mit dem Finger auf dem Display ist mir einfach zu blöd!). Dann fragte ich Herrn Junker, ob sich womöglich jemand von seinen deutschen Kollegen für den Wagen interessiert habe. Junker aber konnte sich nach so langer Zeit nicht mehr an diesbezügliche Details erinnern. Wenn es so gewesen sei, müsse ein solcher ebenfalls auf der Liste der Interessenten aufgeführt sein. Ein kurzer Blick darauf ergab, dass dies offensichtlich nicht der Fall war. Die wenigen, die sich für die alte Karre interessiert hatten, waren dem Namen nach Polen, Ukrainer oder Nordafrikaner. Als ich ihn darum bat, willigte der nette Herr Junker freundlicherweise ein, die gesamte Akte für uns zu kopieren. Ich bot an, diese später abzuholen, aber er sagte entgegenkommend, er müsse heute Nachmittag sowieso in die Stadt und würde sie für mich bei der Polizei deponieren. Wir dankten dem Verkaufsleiter für seine bereitwillige Hilfestellung und fuhren zurück in die Inspection de Police am Markt. Javier hatte eine zündende Idee, als er während der Fahrt dem Kollegen Lindemans vorschlug, die Anmelderegister sämtlicher Hotels in Bütgenbach und Umgebung nach deutschen Gästenamen, die in der Zeit um den 7. Juni und den 17. Oktober vor zwei Jahren hier übernachtet hätten, zu durchforsten. Dieser war inzwischen ein wenig lockerer geworden, als er einsah, dass wir durch den erneuten Besuch beim Händler doch auf neue und sehr interessante Indizien gestoßen waren. Er meinte, er würde sich gleich nach dem Mittagessen zusammen mit seinem Mitarbeiter, dem Agent de Police Charles Seervais, ans Werk machen. Javier schlug vor, dass auch er und Piter mitmachen würden und die vier sich für die Suche in etwa einem Dutzend der infrage kommenden Beherbergungsbetriebe aufteilen könnten. Der Inspecteur Principale de Police Stefan Breitkopf, stellvertretender Inspektionsleiter, informierte uns, dass sein Chef Mijnheer Lejoly zur föderalen Polizeizentrale nach Vottem bei Lüttich gefahren sei, um sich persönlich um die Identifizierung des Smith-&-Wesson-Revolvers zu kümmern. Man habe ihm bereits einen ersten wichtigen Hinweis über eine mögliche Herkunft der Waffe mitgeteilt und Lejoly wolle diese Spur mit Druck persönlich verfolgen. Zum Lunch gingen wir in eine typische Frietkraam, wie man in Belgien die Frittenbuden bezeichnet, mit dem Namen Le Pub, wo neben den traditionsgemäßen Pommes mit Mayonnaise ebenso leckere Burger auf der Speisekarte stehen. Dazu gab es ein lokales Muss: einen randvollen Humpen eines süffigen belgischen Bieres. Während die vier Kollegen sich auf die Pirsch nach eventuellen deutschen Besuchernamen in die Hotels der Umgebung aufmachten, studierten Margrit und ich nochmals die Kopien aus der Firmenakte, die Verkaufsleiter Junker inzwischen ins Kommissariat gebracht hatte. Wir nutzten die Zeit, um einen umfassenden Bericht über die neuen Erkenntnisse zu tippen, die wir den Daten unserer eigenen Akte gegenüberstellten. Dann mailten wir das Ganze als PDF-Anhang an Staatsanwalt Pepperkorn mit Kopien an Waldi und unser Büro. Als wir damit fertig waren, erschien Mijnheer Inspecteur Lejoly und legte uns die Tatwaffe sowie einen ausführlichen Ballistikbericht der Police Fédérale á Liège (Lüttich) vor. Anhand der Waffennummer und mittels eines damit abgeschossenen Projektils hatte die dortige Kriminaltechnik die Herkunft des Revolvers eindeutig identifiziert: Sie gehörte ursprünglich einem ehemaligen Kolonialbeamten im belgischen Congo, das 1960 unabhängig wurde. Die Waffe (Revolver Modell K-22-LR 18-3 – Combat Masterpiece; Hersteller: Smith & Wesson, USA, Seriennummer 55K22MPLR8976, Baujahr 1955) wurde 1962 auf einen der Söhne des Beamtenehepaars Van der Velde überschrieben, als dieser sich mit seinen Eltern in der Stadt Gent niederließ. Dieser Gaston Van der Velde meldete die Waffe im Jahre 1999 nach einem Einbruch in sein Haus als gestohlen. Sie trat erneut in Erscheinung, als im Juni 2002 ein Wachmann der Banque Nationále de Belqique in deren Filiale in Hasselt bei einem bewaffneten Überfall mit dieser mehrfach angeschossen und schwer verwundet wurde. Der Täter wurde zwar einige Wochen später gefasst, der Revolver galt aber seitdem als verschollen. Ich setzte eine Mail an Ferdl in Kiel mit diesen Daten ab und bat ihn, mal im Darknet nach der Waffe zu surfen. Es ist ja bekannt, dass inzwischen viele Täter sich dieser obskuren Quelle bedienen, um unbekannt an eine Mordwaffe zu gelangen.

Inzwischen war Javier von der Erkundungstour als Erster wieder zurück, allerdings ohne positives Ergebnis. Wir sahen uns gemeinsam den ballistischen Bericht noch einmal genauer an. Ich fragte, ob man vielleicht irgendwo den Namen des Schützen erfahren könne. Javier überlegte kurz und bat Lejoly um Erlaubnis, einen seiner Computer benutzen zu dürfen. Er ging auf die Suche nach der Akte des damaligen Banküberfalls. Als er fündig wurde, rief er Margrit und mich aufgeregt an den Bildschirm. Erstaunt jubelte er auf Spanisch: »Pura vida! Unglaublich, Nili, wie konntest du das ahnen?« Dabei zeigte er auf den Namen eines der drei bewaffneten Täter, die die Filiale gestürmt hatten: Mohammad ibn-Seif, ein damals fünfzigjähriger Marokkaner, als berufslos und im Brüsseler Bezirk Molenbeek wohnhaft eingetragen, war derjenige, der den Wachmann lebensgefährlich angeschossen hatte. Er war dafür zu sechs Jahren und drei Monaten Haft verurteilt worden, hatte seine Strafe abgesessen und war inzwischen entlassen worden. »Ihr werdet es kaum glauben«, sagte Javier jetzt auf Englisch, »aber ich fand zufälligerweise genau diesen Namen – und sogar zwei Mal – auf der Gästeliste des Hotels Bergerac, etwa zwei Kilometer außerhalb der Stadt. Ich habe dem natürlich keine besondere Beachtung geschenkt, suchten wir doch nach deutschen Namen. Aber jetzt erkannte ich diesen sofort wieder!«

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22 dekabr 2023
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