Kitabı oxu: «Im Bann der bitteren Blätter»

Şrift:

Manfred Eisner

IM BANN DER BITTEREN BLÄTTER

Roman

Nili Masal ermittelt

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2015

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Die Abbildung „Yungas“ auf dem Titelblatt ist Bestandteil einer Lithographie-Kollektion, die ein geschätzter Familienfreund des Autors, der Münchner Maler und Graphiker Walter Sanden († 1954), während des gemeinsamen Exils in Bolivien unter dem Namen „Bolivia Pintoresca“ – „Malerisches Bolivien“ – herausgab. Es zeigt indigene Erntefrauen beim Einsammeln von Cocablättern in jener subtropischen Region, etwa 80 Straßenkilometer von La Paz entfernt.

Copyright (2015) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015

www.engelsdorfer-verlag.de

Alle Gründe, die man erfindet, um die Sucht zu entschuldigen,

können sich literarisch sehr gut machen. Konkret ist es eine

Schweinerei. Denn man ruiniert sein Leben damit.

Friedrich Glauser, einer der ersten Kriminalautoren

* 1896, Wien

† 1938, Nervi bei Genua (an den Folgen der eigenen Sucht)

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Zitat

Vorwort

1. Böses Schicksal

2. Nili

3. Wochenende

4. Vernehmung

5. Strukturreform

6. Aus Nilis Tagebuch

7. Reiseplanung

8. Das Abenteuer beginnt

9. Containerklau

10. Rotterdam

11. Operation „Torpedo“

12. Erste Bilanz

13. Verschnaufpause

14. Die Kanaren

15. Bogotá, Colombia

16. Im Tal des Schneekönigs

17. Paco-Pepe

18. Im peruanischen Wald der Akronyme

19. Heilende Cocablätter – tausendjähriger Fluch

20. Los Yungas

21. Verhängnisvoller Chapare

22. Letzte Zeilen aus Nilis Tagebuch

Kulinarisches

Danksagung

Der Autor

Fußnoten

Vorwort

Liebe Leserinnen und Leser,

dieser ist ein vom Autor frei erdachter Roman und kein Tatsachenbericht. Allerdings basieren so manche der darin vorkommenden Geschehnisse und Szenarien auf realen Ereignissen, die vorwiegend während dieses Jahrzehnts entweder tatsächlich so oder zumindest sehr ähnlich geschahen. Dennoch mussten sie gelegentlich dem Ablauf unserer Geschichte entsprechend angepasst werden. Vor allem ist es die leidliche und immer wieder neu auflebende Diskussion über die Legalisierung von sogenannten „weichen“ Drogen, die den Autor veranlasste, dieses Leitmotiv für seinen ersten Roman der „Nili Masal“-Serie aufzugreifen. Der Gebrauch von Drogen aller Art ist so alt wie die Menschheit. Schon seit der Steinzeit kannte man die Wirkung mancher Substanzen aus der Natur, die vorwiegend zur Linderung von Leiden und Schmerzen Verwendung fanden. Jedoch haben diese, bei vernünftiger Dosierung und zielgerechtem Einsatz, überhaupt nichts mit dem willkürlichen und später zwangsweisen Überkonsum jener sinnesbetäubenden Gifte zu tun, von denen hier die Rede ist. Eigene Erfahrungen während der überwiegenden Reisen auf den fünf Kontinenten unseres Planeten haben beim Autor die Gewissheit geschaffen, dass es wahnwitzig und unverantwortlich wäre, die bestehenden Beschränkungen aufzuheben. Der Gebrauch von weichen Drogen bedeutet für labile Geschöpfe doch nur den Einstieg in weitaus Schlimmeres. Man argumentiert, dieser verursache eine ungerechte „Kriminalisierung“ jener, die ihnen bedauerlicherweise verfallen sind.

Fälschlicherweise, so glaubt man, werde mit der Legalisierung des Drogenhandels den finsteren Mächten, die dahinterstehen, die Luft aus den Segeln genommen. Weit gefehlt, denn man unterschätzt die enorme kriminelle Energie und die unendliche Geldgier jener, die mit ihrem makabren Tun und immer raffinierteren Vertriebsmethoden für den Verfall der geistigen und leiblichen Gesundheit von Millionen Menschen auf dieser Welt die Verantwortung tragen.

Sämtliche in diesem Roman vorkommende Namen der – „guten“ oder auch „bösen“ – Akteure sind frei erfunden. Etwaige Übereinstimmungen mit real existierenden Personen oder deren Position und Beruf sind nicht beabsichtigt und daher rein zufällig.

Manfred Eisner, im Sommer 2015

1. Böses Schicksal

„Ralph!“

Der angsterfüllte Ruf der Frau Ende dreißig hallt von den Wänden des menschenleeren Großraumbüros wider, was diesem Nachdruck verleiht.

Ungeduldig und von einer schrecklichen Vorahnung gepeinigt, rüttelt Melanie immer heftiger an der Klinke der verschlossenen Tür zur Herrentoilette, hinter der sie ihren Begleiter weiß, während sie wiederholt seinen Namen ruft. „Mensch, Ralph, Junge, mach doch keinen Unsinn und komm endlich da raus! Es ist höchste Zeit, nach Hause zu gehen!“

Verzweifelt trommelt Melanie mit beiden Fäusten an die Tür, während Tränen der Hilflosigkeit aus ihren blauen Augen quellen, an ihren Wangen herunterlaufen und auf dem Make-up bizarre Flussläufe hinterlassen. Das zunehmend wütende Gezerre an der Tür, die ihren Bemühungen scheinbar ungerührt zu trotzen scheint, hat ihr rotblondes, gewelltes Haar arg durcheinandergebracht.

„Ralph, bitte, bitte, um alles, was dir lieb ist, bitte, bitte, tu mir das nicht an und komm raus!“

Melanies recht hübsches und apartes Gesicht ist von der Anstrengung und vor allem von der Angst gezeichnet. Ihr Herz pocht wild in ihrer Brust und ihr Busen hebt und senkt sich rasch, während sie aufgeregt mit ihrem Atem ringt.

Es ist ein schöner und lauer Samstagnachmittag. Auch in diesem Jahr hat sich wieder eine frühlingsähnliche Luft an dem vom Kalender vorgezeichneten Rhythmus vorbeigewagt und beschert gerade an diesem Wochenende den aufgrund der langen, ungemütlichen Wintermonate besonders sonnenhungrig gewordenen Kielern ein herrliches Spazierwetter. Eigentlich würde Melanie Westphal an einem so schönen Tag viel lieber in dem Golf Cabrio nach Laboe fahren, um dort mit ihrem Joker, einem quirligen Jack Russel, spazieren zu gehen. Da ihre Eltern aber für zwei Wochen auf den Bahamas Urlaub machen, hat sie ihnen versprochen, an beiden Wochenenden für ein paar Stunden in deren Steuerberaterbüro zu gehen, um dort nach dem Rechten zu sehen und die eilige Korrespondenz zu erledigen.

Ihr um viele Jahre jüngerer Halbbruder aus der zweiten Ehe ihres Vaters, Ralph, hat sie an diesem Tage begleitet. Sie hat ihn darum gebeten, weil sie sich bei dem Gedanken, sich wieder einmal allein ein paar Stunden lang in diesen menschenleeren Büroräumen aufhalten zu müssen, nicht gerade wohlgefühlt hatte. Am vorangegangenen Wochenende war sie schon einmal hier gewesen und es war ihr unheimlich vorgekommen.

Außerdem ist es ihr wohler, wenn sie Ralph bei sich weiß, denn so kann sie besser auf ihn aufpassen, als wenn er allein zu Hause geblieben wäre. Es schien ihr sicherer, ihren labilen Bruder, der erst im Herbst vorigen Jahres von einer monatelangen und qualvollen Drogen-Entziehungskur wieder heimgekommen war, nicht allzu lange aus den Augen zu lassen. Allem Anschein nach ist Ralph von seiner Sucht endgültig geheilt – also clean, wie man heute zu sagen pflegt. Er hat kurz nach seinem Entzug sein für fast zwei Jahre unterbrochenes Architekturstudium, diesmal jedoch in Lübeck, also so nahe wie möglich an Kiel, wieder aufgenommen.

Ironie des Schicksals – hatten es doch die Eltern mit ihm besonders gut gemeint! Nachdem ans Licht gekommen war, dass Ralph schon während seiner Gymnasialzeit mit der Neigung, Haschisch zu rauchen, seine arge Mühe gehabt hatte, beschlossen sie ihn nach seinem doch noch mit Ach und Krach geschafften Abitur zum Architekturstudium in eine kleinere Stadt zu schicken, wo die Drogengefahr augenscheinlich geringer war. Und gerade dort, in Konstanz am Bodensee, war es dann passiert. Von dem sogenannten „weichen“ Gift war für Ralph, wie für viele andere, der Schritt zum harten Kokain nur ein sehr kleiner gewesen, als ihm die Versuchung dazu eine Gelegenheit bot.

Ralph war von frühem Kindesalter an schon immer ein in sich gekehrter, stiller Junge gewesen. Mit den Jahren hatten sich seine musischen Neigungen – allen voran die für Poesie und Musik – in besonders ausgeprägter Manier ausgebildet, eine Entwicklung übrigens, für die bei dem bodenständigen, praktisch und kaufmännisch veranlagten Vater trotz langwieriger und ausführlich geführter Diskussionen keinerlei Verständnis aufgekommen war.

Ralph beherrschte das Spielen der spanischen Gitarre besonders gut. Bei einem Sommerurlaub im spanischen Torremolinos hatte ihm seine Mutter aufgrund seines nicht enden wollendes Bettelns ein schönes und teures Instrument gekauft. Schon bald fand der damals Zwölfjährige in einer dunklen Bodega einen bereitwilligen Lehrer, der ihm mit Freuden die ersten Grundgriffe beibrachte. Lange Übungsstunden im Hause eines gleichgesinnten Freundes – wobei die beiden sich das meiste gegenseitig beibrachten – und später auch das gelegentliche Musizieren in einer Schülerband ließen Ralphs Musikalität und Fingerfertigkeit zu einer gewissen Spielkunst heranreifen.

All dies geschah hinter dem Rücken des strengen Vaters. Überhaupt, bei Mutter und Schwester hatten seine künstlerischen Bestrebungen weit mehr positiven Widerhall, aber deren Ehrfurcht vor der väterlichen Abneigung gegen alles Musische ließ in ihnen die aufkommende Bewunderung für Ralphs Musizieren gegenüber dem Familienoberhaupt verhehlen. Nach dem Stimmbruch wandelte sich zudem Ralphs piepsiger Kindersopran in eine weiche, harmonische Tenorstimme, mit der er bekannte Lieder und eigene Chansontexte sang. Unter Freunden und Kommilitonen war seine Begabung durchaus gefragt und nicht selten verhalf ihm seine Musik zu einer ansehnlichen Aufbesserung des sonst nicht allzu üppigen Taschengeldes.

Allerdings, und dies scheint wiederum den Kreis des Verderbens um den jungen Mann zu schließen, waren es augenscheinlich gerade jene musische Umgebung und einige jener Menschen, für die er oft spielte und denen er vorsang, die ihn entsprechend beeinflussten. Hier fühlte er sich besonders wohl, da er voll akzeptiert wurde, jedoch war bei diesen Menschen die Schwäche für den Drogenkonsum bereits unterlegt. So war es eine unausweichliche Folge, dass deren Verlangen nach Drogen auch ihn wie eine schleichende und ansteckende Seuche befiel. Und so kam es, wie es kommen musste: Ralph verfiel den süßen Träumen und vernachlässigte allmählich das Studium. Immer seltener besuchte er die Vorlesungen, was dazu führte, dass er die geforderten Leistungsnachweise nicht erbringen konnte.

Mit tiefer Besorgnis nahm der Vater die erschütternde Nachricht entgegen, die ihm die um ihre Mietzahlungen arg vernachlässigte Wirtin über Ralphs traurigen Zustand zukommen ließ. Es muss dem rechtschaffenen und schwer betroffenen Heinz Westphal zugutegehalten werden, dass er dieser bösen und für ihn besonders peinlichen Situation voll gewachsen war: Er setzte sich sofort in den Wagen und fuhr nach Konstanz, um seinem hilflosen Sohn beizustehen. Er begegnete Ralph ohne ein Wort des Vorwurfes oder der Enttäuschung und umarmte ihn, während beide von Weinkrämpfen geschüttelt wurden.

„Du bist erkrankt, mein Sohn, aber das kriegen wir schon wieder hin!“

Eiligst hatte Vater Heinz Westphal noch vor seiner Abreise bei seinem Hausarzt fachlichen Rat eingeholt. Dieser hatte ihm ein Schweizer Sanatorium in der Nähe von Bern genannt, das eine besonders hohe Erfolgsquote bei der Entwöhnung solcher Fälle – und allerdings auch dementsprechend hoch angesetzte Arzthonorare – aufzuweisen hatte. Nachdem Ralphs Koffer gepackt und seine zahlreichen offenen Rechnungen beglichen worden waren, fuhren Vater und Sohn in das besagte Heilinstitut im Berner Oberland, wo sie nach der Anmeldung von Klinikleiter Dr. Reto Buri bereits erwartet wurden. Nach einer durchaus gründlichen, drei Tage andauernden physischen und psychischen Untersuchung des Patienten eröffnete Dr. Buri dem besorgten Vater eine für diesen ziemlich argen Fall etwas ambivalente Prognose: Die beabsichtigte und ungefähr zwei bis drei Monate dauernde Drogenentzugsbehandlung zur Entgiftung, Stabilisierung und sozialen Wiederintegration würde in Form von medizinischen, psychologischen und psychosozialen Behandlungen sowohl in Einzel- als auch in Gruppentherapie erfolgen und mit neunzigprozentiger Wahrscheinlichkeit zum gewünschten restlosen Entzugserfolg führen. Ein zehnprozentiges Rückfallrisiko, so die Aussage von Dr. Buri, könne er allerdings aufgrund der etwas labilen Psyche Ralphs nicht ausschließen. Diesem Restrisiko sei nur mit konsequenter Begleitung des Patienten durch Familie und wohlgesinnte Freunde zu begegnen; allerdings dürfe man ihm keine für ihn merkbaren Freiheitsbeschränkungen auferlegen, denn diese könnten in unerwünschte Trotzreaktionen entarten.

Nach dem Ende der Untersuchung und wider die zwiespältige ärztliche Voraussage berieten Vater und Sohn ausführlich darüber. Natürlich ließ dabei Heinz Westphal jegliche Erwähnung des möglichen Rückfallrisikos beflissen aus. „Mein lieber Junge, du siehst einer wochenlangen, ziemlich schwierigen und äußerst unangenehmen – und sehr wahrscheinlich sogar schmerzhaften – Behandlungszeit entgegen. Lass dir aber sagen, es ist diesmal wirklich deine letzte Chance, wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Ich weiß, es ist schwierig für dich, mir ein Versprechen zu geben, dass du nach dieser Behandlung nie wieder irgendwelche Drogen, in welcher Form auch immer, zu dir nehmen wirst. Trotzdem bitte ich dich jetzt, dich dazu zu äußern. Es ist nicht nur der enorme finanzielle Aufwand, der damit einhergeht, es ist vor allem die Verzweiflung deiner Mutter und Schwester, die so sehr darunter leiden. Möchtest du mir irgendetwas dazu sagen?“

Ralph blickte zunächst still auf den Fußboden. Dann, ohne den Kopf zu erheben, antwortete er: „Vater, ich weiß wirklich nicht, was ich sagen soll. In meinem Kopf schwirrt es, als ob tausend Wespen sich darin befänden. Ich habe einen Aal, der sich in meinem Bauch windet, und mir ist furchtbar schlecht, ich glaube, ich muss mich gleich wieder übergeben!“ Dann warf er abrupt die Bettdecke zur Seite, sprang aus dem Bett und rannte würgend ins Badezimmer, in das er sich sogleich einsperrte. Nach einigen Minuten kam er wieder zurück, noch blasser als zuvor und mit stark geröteten Augen. Obwohl er sich sofort wieder hinlegte und ganz zudeckte, schüttelt es ihn heftig. „Entschuldige bitte, Vater!“, stieß er reumütig hervor.

„Ist schon in Ordnung, Ralph. Soll ich den Arzt rufen?“

„Nein, lass nur. Das geht schon so, seit ich hier bin. Man gibt mir regelmäßig Tabletten zur Beruhigung, aber diese Anfälle kommen alle paar Stunden wieder. Sie machen einen ganz kaputt. Für dich muss es unfassbar sein, aber Attacken wie diese wurden zunehmend schlimmer und deswegen brauchte ich jedes Mal eine größere Menge Kokain, um mich einigermaßen zu fühlen. Es ist nicht so, dass ich euch nicht liebe, dich, die Mami und Melanie. Ich habe ein furchtbar schlechtes Gewissen, dass ich euch das angetan habe, aber ich kann doch nicht anders, es ist stärker als ich!“ Ralph brach in bitteren Tränen aus. Heinz Westphal beugte sich über das Bett, umarmte seinen Sohn, um ihn zu wärmen, und versuchte ihn mit sanften Worten zu beruhigen. Dann drückte er auf die Klingel, um Hilfe herbeizurufen. Nachdem die Krankenschwester Ralph eine Beruhigungsspritze verabreicht hatte, murmelte er, bevor er in einen Schlummer versank: „Ich verspreche es dir, Vater, ich gebe mir alle Mühe.“

Zweieinhalb Monate später holte Heinz Westphal seinen Sohn aus dem Sanatorium ab. Dr. Buri meinte, der junge Mann sei gründlich geheilt und wieder voll integrationsfähig, zumindest ließen alle seine abschließenden Tests ein solches Resultat erwarten. Als Vademekum gab er Ralph ermunternde Ratschläge mit auf dem Weg, vor allem aber die ernste Ermahnung, jeden Drogenkonsum und vor allem den Umgang mit der entsprechenden Szene unbedingt streng zu meiden. Ralph war offensichtlich ruhig und gelassen und verhielt sich während der ersten Wochen in Kiel absolut unauffällig. Es gelang Heinz Westphal dank seiner guten Beziehungen, ihn an der Fachhochschule Lübeck bereits für den nächsten Lehrgang unterzubringen. Gemeinsam besichtigten sie den Campus der Fachhochschule und waren von diesem Besuch sehr beeindruckt. Erleichtert vernahmen Ralphs Eltern danach seinen Wunsch, zunächst einmal zu Hause wohnen zu bleiben und tagtäglich nach Lübeck und zurück zu pendeln. So könne er auch die etwas mehr als eine Stunde dauernde Bahnfahrt zum Lernen nutzen.

Zum Semesterbeginn machte sich also Ralph an den Wochentagen sehr früh am Morgen auf den Weg zum Bahnhof. Er hatte bei seiner ersten Fahrt sein Fahrrad mit nach Lübeck gebracht, das ihn jetzt am dortigen Bahnhof erwartete und mit dem er anschließend die Weiterfahrt zu seinem Studienplatz unternahm. Von seinen früher geleisteten – oder besser gesagt eher nicht geleisteten – vier Semestern in Konstanz waren ihm lediglich die beiden ersten vollständig testiert worden, sodass er an der hiesigen Fachhochschule den Neueinstieg in das dritte Semester mit gutem Gewissen angehen konnte. Zunächst lief auch alles anstandslos. Ralph hörte aufmerksam alle ihm vorgeschriebenen Vorlesungen und machte die wichtigsten Kurznotizen auf seinem Laptop. Später, meistens schon während der Bahnfahrt nach Kiel, arbeitete er diese in entsprechende Kollegdateien ein. Die ersten Prüfungen bestand er mit guten, manche sogar mit sehr guten Noten. Von seinen Dozenten und Kommilitonen wurde er durchaus geschätzt, auch wenn er dieses Mal, entgegen seiner früheren Konstanzepisode, auf jegliche Auftritte mit Gitarre und Gesang von vornherein verzichtete. Er mied jeden Kontakt zu seinen früheren Mitschülern aus der Gymnasialzeit und widmete sich konsequent seinem Studium. Seine wenigen freien Stunden verbrachte er meist zu Hause im Kreise der Familie. Gemeinsam mit der Mutter und gelegentlich auch mit Schwester Melanie besuchte er Theater- und Konzertveranstaltungen, manches Mal wurden es auch gemeinsame Kinoabende.

Unauffällig beobachtete während der Bahnfahrten ein ungleiches Pärchen die Mitreisenden. Vor allem die zahlreichen Jugendlichen, Schüler und Studenten, die alltäglich auf der Strecke zwischen Kiel und Lübeck pendelten, waren das ausgemachte, jedoch verkappte Ziel ihrer besonderen Aufmerksamkeit. Habiba Massud war ein bildhübsches, noch nicht ganz achtzehnjähriges junges Mädchen, versteckte jedoch ihre besonders aparten orientalischen Züge unter einem derben Parka mit meist über den Kopf gestülpter Kapuze und kaschierte geschickt ihre betont weiblichen Rundungen mit einer für sie unvorteilhaften, massigen Kleidung. Sie verhielt sich sehr unauffällig und trug eine mittelgroße lederne Umhängetasche, sodass man durchaus meinen könnte, sie sei eine der pendelnden Studentinnen. Ihr Begleiter, ein Mittdreißiger, der stets bemüht war, so zu tun, als gehöre er nicht zu Habiba, war ein kahlköpfiger und magerer, in Lederjacke und Jeans gekleideter, äußerst unsympathisch wirkender Geselle namens Mathias Lohse, in seinen Kreisen als Matti bekannt. Mit wachem Auge und geübtem Blick taxierte er seine zukünftigen Opfer und sonderte jene heraus, von denen er sich am ehesten einen Erfolg versprach. Bedeutungsvolle Blicke wanderten dann zu seiner Komplizin, um Habiba zu signalisieren, wen er als ahnungsloses Opfer ausgewählt hatte. Sobald Habiba die Person ebenfalls anvisiert hatte und dann zu Matti zurückschaute, nickte dieser fast unmerklich und verschwand daraufhin verstohlen in dem nächsten Waggon. Während der folgenden Tage gingen die Jäger auf die Pirsch und beobachteten abwechselnd das Tagesverhalten der anvisierten, fast ausschließlich männlichen Personen. Derart erhielten sie Aufschluss über deren alltägliche Ziele und Gewohnheiten. Gelegentlich gesellte sich ein dunkelhäutiger Afrikaner zu den Spähern. Mustafa Mbili tarnte sich meist als Sonnenbrillen- und Billigschmuckverkäufer, womit er von seinem eigentlichen Vorhaben erfolgreich ablenkte.

Eines Tages bemerkte Ralph das attraktive Mädchen, das ihm anscheinend zufällig, aber zunehmend öfter hier und dort begegnete, manches Mal auf seinem Radweg zum und zurück vom Unterricht, gelegentlich am Lübecker Bahnhof oder auch in der Mensa. Irgendwann begannen sie sich im Vorbeigehen zu grüßen. Eines Tages, beim Mittagessen, trat Habiba an Ralphs Tisch und fragte mit einem verführerischen Lächeln: „Ist hier noch frei?“ Sie kamen ins Gespräch, trafen sich bald häufiger, gingen zusammen aus, wurden vertrauter im Umgang miteinander. Und schließlich verführte Habiba den ahnungslosen Ralph zunächst sexuell, aber kurz darauf auch zum erneuten Kokainkonsum.

***

Vollkommen entnervt und geschockt, weil der Bruder weder auf ihre verzweifelten Rufe noch auf das laute Trommeln an der Toilettentür reagiert, versucht Melanie zunächst, den Hausmeister herbeizurufen. Dieser ist aber offensichtlich nicht in seiner Wohnung. Dann wählt sie hektisch die 112 und alarmiert die Feuerwehr.

„Hier Melanie Westphal. Ich benötige dringend Hilfe. Mein Bruder hat sich im Büro in der Toilette eingeschlossen und antwortet nicht. Ich habe Angst, dass er sich etwas angetan hat. Bitte kommen Sie sofort, bitte, bitte!“ Auf Rückfrage der Stimme am Nottelefon nennt sie die Anschrift. Keine fünf Minuten später kündigt sich mit lautem Martinshorn der Rettungsdienst an. Melanie blickt aus dem Fenster und beobachtet mit Erleichterung die Feuerwehrleute und das Notarztteam, die jetzt zum Gebäudeeingang eilen. Als sie ihnen die Tür zum Büroraum öffnet, kommen sie bereits die Treppe hoch. Wortlos deutet sie dem ersten Feuerwehrmann die Richtung zur Herrentoilette. Da das erneute Rufen und Klopfen ebenfalls wirkungslos ist, setzt einer der Männer eine kleine Ramme an das Türschloss und stößt zu. Mit lautem Krachen spaltet sich das Holz. Als man danach versucht, die Tür zu öffnen, hindert sie ein schwerer Gegenstand, der nur mit vereintem Kräfteaufwand beiseitegeschoben werden kann.

Einer der Sanitäter stützt die verzweifelt schluchzende Melanie und führt sie weg, um ihr den Anblick des leblosen Körpers ihres Bruders zu ersparen. Langsam bringt er sie zu einem der entfernteren Schreibtische und schiebt ihr gerade noch rechtzeitig einen Stuhl unter, bevor sie kraftlos zusammensackt. Die sofort eingeleiteten Reanimierungsversuche sind vergebens. Traurig schüttelt der Notarzt nach einigen Minuten den Kopf. „Exitus. Wir sind leider zu spät gekommen!“ Einsatzleiter Meno Hansen telefoniert mit der Kriminalpolizei und berichtet kurz über das Vorgefallene.

„Wir haben einen Toten!“, verkündet Kriminalhauptkommissar Harald Sierck, leitender Beamter der Kieler Bezirkskriminalinspektion Blumenstraße, seinen beiden Mitarbeitern, Oberkommissar Sascha Breiholz und Oberkommissarin Steffi Hink. Er überreicht ihnen einen Zettel mit der Anschrift des Tatorts. „Seht euch dort bitte um. Oberbrandmeister Meno Hansen rief soeben an und meldete den Fall. Es scheint sich um einen ‚goldenen Schuss‘ zu handeln, aber man weiß ja nie …“

„Wer fährt?“, fragt Oberkommissar Breiholz seine Kollegin.

„Darf ich?“, erwidert Oberkommissarin Hink mit einem Lächeln. Geschickt fängt sie den Autoschlüssel, den Oberkommissar Breiholz ihr über das Dach des VW Passat Kombi zuwirft, auf und setzt sich ans Steuer. „Ich weiß, wo es ist“, sagt sie, während sie den Motor startet und das Blaulicht einschaltet. Gelegentlich lässt sie auch kurz das Martinshorn ertönen, denn es ist schon fast Mittag und der Wochenendverkehr ist dichter geworden.

Als sie wenig später die Treppe des Bürogebäudes emporsteigen, begegnen ihnen die Sargträger, die Ralphs Leichnam hinunterbringen. Oben empfängt sie der Chef des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Kiel, Prof. Dr. Christoff Klamm. Da der Pathologe gerade an einer Studie für die Landesregierung über den Drogenkonsum und seine Folgen arbeitet, hat er es sich nicht nehmen lassen, persönlich am Tatort zu erscheinen, um den Fall zu untersuchen.

„Guten Tag, Herr Professor. Können Sie uns schon etwas sagen?“

„Hallo, Frau Oberkommissarin, lange nicht gesehen, und auch Ihnen guten Tag, Breiholz. Ja, offensichtlicher Tod durch eine Überdosis Kokain. Allerdings ziemlich unübliche Umstände, behauptet doch die Schwester des Toten, dieser sei nach einer längeren Entwöhnungskur in der Schweiz clean gewesen und habe sich anschließend, so auch während der ganzen letzten Zeit, absolut unauffällig verhalten. Sie kann sich dieses Malheur überhaupt nicht erklären. Ich werde also den Fall näher untersuchen. Sobald ich den Leichnam seziert habe, gebe ich Ihnen Bescheid.“

Sascha Breiholz unterhält sich zunächst mit Feuerwehr-Einsatzleiter Hansen und lässt sich alles genau berichten. Steffi Hink geht an den Schreibtisch zu Melanie Westphal, die vollkommen apathisch ins Leere blickt. Der Notarzt hat ihr eine Beruhigungstablette verabreicht. „Guten Tag, Frau Westphal, ich bin Oberkommissarin Steffi Hink, Bezirkskriminalinspektion Kiel. Das da vorn ist mein Kollege, Oberkommissar Breiholz.“ Sie deutet auf Sascha, der inzwischen hinzugekommen ist. „Gemeinsam ermitteln wir im Todesfall Ihres Bruders – Ralph, nicht wahr? Zunächst unser allerherzlichstes Beileid zu diesem tragischen Vorfall.“

Professor Klamm, die Feuerwehr und der Notarztwagen sind inzwischen abgefahren. Stattdessen sind die hinzugerufenen Mitarbeiter der Spurensicherung und zwei Streifenpolizisten anwesend.

Sascha fragt: „Ich weiß, es muss furchtbar für Sie sein, aber wären Sie dennoch in der Lage, uns einige Fragen zu beantworten?“

Melanie nickt.

„Würden Sie uns bitte erzählen, was geschehen ist?“, sagt Steffi.

Melanie berichtet ausführlich über die Vorgeschichte. „Ich kann mir einfach nicht erklären, wie es plötzlich zu diesem bösen Rückfall gekommen ist. Ralph hat sich doch absolut unauffällig verhalten, und ich bin sicher, ich hätte es bemerkt.“

Lars Kruse, ein Mitarbeiter der Spurensicherungsmannschaft, erscheint in seiner weißen Montur mit einem kleinen Plastikbeutel in der Hand. „Kokain, kein Zweifel, anscheinend sehr rein. Geht ins Labor, okay?“

Sascha nickt. „Haben Sie eine Ahnung, wo Ihr Bruder sich das Kokain beschafft haben könnte?“, fragt er Melanie.

„Ich weiß es nicht, aber ich vermute, es kann nur in Lübeck gewesen sein, und zwar an der Fachhochschule. Dorthin ist Ralph täglich gefahren. Wer weiß, wem er dort alles begegnet ist.“

Die beiden Oberkommissare sehen sich vielsagend an. „Wir müssen Waldi informieren“, sagt Steffi. Dann klärt sie Melanie auf: „Kommissar Walter Mohr ist unser Spezialist von der Drogenfahndung. Er wird sich um alles Weitere kümmern. Dürfen wir Sie jetzt nach Hause bringen?“

„Vielen Dank, aber ich habe meinen Wagen in der Tiefgarage stehen.“

„Sie sollten jetzt nicht selbst fahren, da Sie die Beruhigungstabletten genommen haben. Kommen Sie bitte mit.“ Saschas Tonfall lässt keine Widerrede zu. „Ach, mein Gott, ich muss ja noch die Eltern anrufen. Wie soll ich ihnen nur das Furchtbare erklären?“ Melanie verfällt wieder in Panik.

Steffi versucht sie zu beruhigen: „Wann wollten sie denn zurückreisen?“

„Am Mittwoch gegen Mittag. Ich soll sie am Hamburger Flughafen abholen. Oh Gott, oh Gott, was mache ich nur?“

„Also, wenn Sie meine Meinung hören möchten“, sagt Sascha, „ist es wenig sinnvoll, Ihre Eltern schon jetzt mit der Todesnachricht Ihres Bruders in Aufruhr und Trauer zu versetzen. Es sind ja nur vier Tage bis zu ihrer geplanten Rückkehr. Viel früher könnten sie sowieso nicht zurückkommen, und damit wäre auch nichts gewonnen. Haben Sie eine gute Freundin oder einen Freund, der Sie zum Flughafen begleiten könnte? Allein sollten Sie keineswegs dorthin fahren.“

Melanie denkt nach. „Ja, ich habe eine sehr gute Freundin aus meiner Hamburger Gymnasialzeit, die Nili. Mit ihr treffe ich mich sehr oft. Übrigens eine Ihrer Kolleginnen, sie ist Oberkommissarin in Oldenmoor.“

„Dürfen wir bitte den Büroschlüssel haben?“ Sascha nimmt den Schlüssel entgegen und übergibt ihn an einen der Streifenpolizisten. „Wenn die Spusi hier fertig ist, verschließen Sie bitte das Büro und versiegeln die Tür.“

Dann gehen Sascha und Melanie gemeinsam in die Tiefgarage. Sascha lenkt Melanies Cabrio, gefolgt von Steffi im schwarzen Kombi. Sie bringen die immer noch von Weinkrämpfen geschüttelte junge Frau nach Hause.

Als die beiden Oberkommissare gemeinsam auf dem Weg zurück in die Bezirksinspektion sind, verkündet Steffi: „Ich werde sofort Waldi anrufen, er muss diesem Fall auf die Spur kommen. Die arme Frau Westphal tut mir so leid!“

Sascha pflichtet ihr bei: „Eine bodenlose Gemeinheit! Wenn schon mal einer von der Sucht loskommt – und dann das! Manches Mal verzweifle ich an unserer Justiz. Man ist viel zu nachlässig mit der Bestrafung dieser gewissenlosen Kanaille. Die Erpresser, Entführer und Drogenhändler gehören doch alle …“

„Genug, Sascha!“, unterbricht ihn Steffi. „Ich weiß, was du fühlst, und manches Mal bin auch ich geneigt, aus Frust über unsere Ohnmacht gegenüber diesen Verbrechern alles hinzuwerfen. Wir geben uns die beste Mühe, sie ausfindig und dingfest zu machen, damit sie ihre gerechte Strafe erhalten. Und dann schaffen es oftmals die gewieften Herren Verteidiger, unter Ausnutzung sämtlicher Gesetzeslücken und Tricks, diesen miesen Übeltätern zu milden Urteilen oder sogar zu einem Freispruch zu verhelfen. Trotzdem, ich bin froh, in einem Staat zu leben und diesem zu dienen, in dem das Gesetz regiert und nicht die Willkür. Und das solltest auch du, lieber Herr Kollege Oberkommissar!“

2. Nili

Kriminaloberkommissarin Nili Masal legt betroffen den Telefonhörer auf. Sie ist erschüttert über das, was sie soeben von ihrer Freundin Melanie erfahren hat. Sie kennen sich seit ihren gemeinsamen Pennezeiten am Heilweg-Gymnasium in Hamburg, wo sie beide ihr Abitur bestanden haben. Auch in den Jahren danach ist ihr Kontakt nicht abgebrochen. Während Nili – so hatten ihre Eltern sie genannt, zu Ehren jener jüdischen NILI1-Untergrundorganisation, die schon während der türkischen Besatzungszeit bestrebt war, im Heiligen Land wieder einen eigenständigen Verbleib für Juden zu gestalten – ihre sechs Semester an der Fachhochschule für Verwaltung und Dienstleistung in Altenhof bei Eckernförde sowie danach das Praktikum an der Polizeischule in Eutin absolvierte, trafen sie sich regelmäßig. Melanie machte zwischenzeitlich ihre Ausbildung als Finanzwirtin beim Finanzamt Kiel-Nord. Deswegen verbrachten die beiden Freundinnen die gemeinsamen Stunden meistens in Kiel, wo Nili auch gelegentlich im Hause der Westphals übernachtete und dabei die Bekanntschaft mit Melanies Halbbruder Ralph machte. Sie mochte den verträumten, netten jungen Mann und war auch ab und zu bei seinen gelegentlichen musikalischen Auftritten zugegen. Melanie hatte ihr später von der Entziehungskur berichtet und ebenso, äußerst erleichtert und froh, von Ralphs Wiederaufnahme des Studiums in Lübeck. Und jetzt diese furchtbare Nachricht!

Nili geht in den Toilettenraum der kleinen Polizeidienststelle in Oldenmoor, um sich die Tränen abzuwischen und das Gesicht zu waschen. Das Bild, das ihr oberhalb des Waschbeckens aus dem Spiegel entgegenblickt, ist das noch recht jugendliche, faltenlose Gesicht einer hübschen Enddreißigerin mit kurz gestylten, brünetten Haaren, freundlich blickenden dunkelbraunen Augen und einem sehr schön geformtem Mund. Der eng sitzende Rollkragenpulli verrät einen wohlproportionierten Busen, die blaue Uniformhose vermag es nicht vollständig, ihre weiblichen Rundungen zu kaschieren. Trotz der offensichtlich seelischen Belastung wegen des soeben Erfahrenen eine aparte und sympathische junge Frau. Ein wenig erholt von dem Schreck kehrt sie wenig später an ihren Arbeitsplatz zurück.

Ihrem wohlbeleibten Vorgesetzten, Hauptkommissar Boie Hansen, Leiter der Polizeidienststelle Oldenmoor, ist die Aufruhr, die das Telefonat bei seiner tüchtigen Mitarbeiterin verursacht hat, nicht entgangen. In seiner ihm eigenen, stets kurz gehaltenen Ausdrucksweise fragt er sie: „Nun vertell, mien Deern, wat hesst du op’m Haarten?“ Der umfangreiche Kahlkopf grient sie freundlich an. Auch der Kollege, Oberkommissar Hauke Steffens, hebt neugierig den Kopf.

Nili berichtet kurz von dem, was sie soeben erfahren hat. Dabei muss sie sich zusammenreißen, damit nicht wieder Tränen fließen.

„Ist wohl kein Einzelfall“, kommentiert Hauke Steffens. „Ich traf neulich durch Zufall auf Waldi Mohr, den Kieler Drogenfahnder. Er erzählte mir, es gäbe da neuerdings eine gemeine Bande, die es besonders auf jüngere Schüler und Studenten, die mit der Bahn zwischen Kiel und Lübeck pendeln, abgesehen hat.“

Nili reagiert spontan: „Könnte passen. Der Tote wohnte in Kiel und fuhr täglich mit der Bahn nach Lübeck. Melanie, seine Schwester, hat mir soeben erzählt, dass er vom Bahnhof aus immer mit seinem Fahrrad zur Hochschule fuhr.“ Sie überlegt einen Augenblick. „Er verstarb aber im elterlichen Steuerbüro in Kiel. Demnach müsste sein Drahtesel noch am Lübecker Bahnhof sein, oder?“

Boie Hansen greift zum Telefonhörer. „Dann wollen wir doch mal sehen, ob wir diesem Waldi einen nützlichen Tipp geben können. Ich rufe das Kieler Drogendezernat an.“

„Ach, Chef, ich muss Sie um einen Gefallen bitten. Dürfte ich mir den Mittwoch freinehmen? Melanie bat mich, sie zu begleiten, um ihre Eltern vom Hamburger Flughafen abzuholen. Sie kommen an dem Tag aus dem Urlaub zurück und wissen noch gar nichts von dem Unglück.“

Boie Hansen grient abermals: „Dann fier man een paar Överstundn af, geiht in Ordnung!“ Anschließend spricht er in den Hörer: „Hier Hauptkommissar Boie Hansen, Polizeidienststelle Oldenmoor. Kann ich bitte Ihren – wie heißt der Waldi wirklich? –, also Ihren Kommissar Walter Mohr sprechen? Habe einen wichtigen Hinweis für ihn.“

Polizeimeister Willi Seifert betritt das Büro. Seine Ledermontur ist völlig durchnässt und an der linken Seite mit dem dunklen Schlamm der Marscherde verschmiert. „So’n Shiet aber ok!“ Wütend wirft er seinen Motorradhelm auf den Stuhl. „Beinahe hätte ich die Golfdiebe erwischt, da kommt mir doch so ein blödes Rehkitz in die Quere! Ich musste so stark bremsen, dass ich auf der nassen Fahrbahn mit meinem Krad inne Grippe geschliddert bin. Hatte noch Glück im Unglück, ist nichts Schlimmes passiert, aber die Kerle sind mir durch die Lappen gegangen. Ich habe die Kollegen in Wilster, Sankt Margarethen und Glückstadt per Funk alarmiert, aber ich glaube nicht, dass wir sie kriegen. Ganz schön dreiste Hunde! Brechen doch heute in aller Früh im Autohaus Scholz ein, holen sich den Schlüssel aus dem Laden und klauen einen nagelneuen schwarzen VW Golf GTI vom Hof!“

„Ja, wir haben Ihren Funkruf gehört, Seifert. Na, wir werden die Kerle schon fassen – früher oder später. Jetzt gehen Sie man erst mal nach Hause und ziehen sich um, in so einer Aufmachung können Sie ja hier keinen Staat machen.“ Diese Worte sind Boie Hansens Art, Trost zu spenden. „Dann bringen Sie Ihr Motorrad sicherheitshalber zur Inspektion nach Heiligenstedten, dort soll man sicherstellen, dass alles okay ist. Am besten, Sie fahren mit dem Transporter gleich mit, Seifert, und bringen ihn dann wieder her.“

Nili wirft ein: „Und auf der Rückfahrt fahrt ihr bitte beim Autohaus Scholz vorbei und holt euch die Bänder von der Überwachungskamera ab, ja? Wir sehen uns genau an, wer da alles in den letzten Tagen in den Geschäftsräumen war und den Laden ausbaldowert haben könnte. Sagen Sie mal, Seifert, Sie waren doch ziemlich nah dran am Golf. Wie haben Sie überhaupt bemerkt, dass es sich um den gestohlenen Wagen handelt?“

„Ich kam gerade von der Streifenfahrt zurück, da bemerkte ich im Rückspiegel, wie der schwarze VW plötzlich aus der Ausfahrt vom Jammertalweg kam. Ich wendete und nahm die Verfolgung auf. Die Typen gaben Gas und versuchten, in Richtung Brokdorf davonzujagen. Muss ein verdammt geübter Fahrer sein, er nahm die engen Kurven mit mindestens 120 Sachen, obwohl sie ja nur für 70 Stundenkilometer zugelassen sind. Beim Überholen eines Pkws drängten sie sogar einen entgegenkommenden Lieferwagen von der Straße, einen Sprinter. Ich hielt kurz an. Der Fahrer war okay und machte mir deutliche Zeichen, ich solle weiterfahren. Ich gab wieder Vollgas und kam allmählich ziemlich nahe ran, sie hatten ein Lübecker Kennzeichen, KS 727, am Heck. Irgendwann kam eine Kurve, ich musste runter vom Gas, und dann schoss plötzlich das verdammte Rehkitz quer auf die Fahrbahn.“

„Das Nummernschild ist ganz sicher gestohlen, aber wir checken es trotzdem.“ Nili greift nach dem Telefonhörer. „Und nun ab mit euch!“

***

Nili wartet schon vor ihrer Haustür, als Melanie in dem Mercedes Kombi ihres Vaters in die Theodor-Heuss-Straße einbiegt und neben ihr anhält. Sobald sie eingestiegen ist, fahren sie los.

„Vielen Dank, liebe Nili, dass du mich bei meiner so schweren Mission begleitest“, sagt Melanie und drückt ihrer Freundin fest die Hand.

„Ist doch selbstverständlich, wozu sonst hat man denn Freunde? Nochmals mein allerherzlichstes Beileid.“ Nili blickt auf ihre ganz in Schwarz gekleidete ehemalige Schulkameradin, die nur wortlos nicken kann. Sie selbst hat einen grauen Pulli und eine schwarze Hose angezogen.

„Wie geht es deiner Mutter?“, fragt Melanie etwas später.

„Ach, eigentlich wieder ganz gut!“ Nach einer kurzen Pause setzt Nili fort: „Seit sie auf dem Eulenhof der Familie Carstens ihre freilaufenden Hühner betreut, ist sie wieder ganz in ihrem Element.“

Danach schweigen sie. Während sie entlang der Bundesstraße in Richtung Autobahn und dann weiter nach Hamburg fahren, versinkt jede in ihren eigenen Gedanken.

Nachdem Nilis Großeltern, Heiko und Clarissa Keller, Anfang der fünfziger Jahre aus dem langjährigen Exil in Bolivien nach Oldenmoor zurückgekehrt waren, hatte ihre Mutter, Elisabeth Keller, damals noch Teenager, ihre beiden letzten Jahre bis zum Abitur in Hamburg verbracht. Danach machte sie aber ihren bereits in Bolivien gefassten Entschluss wahr, nach Israel auszuwandern. Eigentlich meinte Lissy, wie sie von allen genannt wurde, sie sei ja gewissermaßen nur „eine vierteljüdische Deutsche“, jedoch hatten sie die schwerwiegenden Begleiterscheinungen der argen nationalsozialistischen Ära, die sie, ihren Bruder Oliver und ihre Eltern zur Auswanderung genötigt hatten, derart geprägt, dass sie sich innerlich uneingeschränkt ihrem Judentum verbunden fühlte. Dies allerdings in einer absolut konfessionslosen Manier, denn ebenso wie ihr Vater und auch ihr Bruder hielt sie absolut nichts von irgendeinem Glauben und dessen Religionsausübung.2

In Israel eingetroffen, trat Lissy in den Kibutz Halonim in Galiläa ein, am Fuße der Golanhöhen ganz in der Nähe der damaligen Grenze zu Syrien gelegen, und gesellte sich dort zu den vielen Vereinskameraden ihrer vormaligen La Pazer jüdischen Jugendbewegung. Schon während der Kindheit war sie betont naturverbunden gewesen. In den zumeist auf der Hacienda ihrer Nennonkel und -tante verbrachten Schulferien hatte sie sich immer schon besonders für die Aufzucht und Hege von Federvieh interessiert. Diese Vorliebe brachte sie auch bald dazu, hauptsächlich im großen Hühnerstall des Kibutz, dem Lul, beschäftigt zu werden. In der La Pazer Jüdischen Primärschule, die sie sechs Jahre lang besuchte, hatte sie im einschlägigen Religionsunterricht eine solide Grundlage der alttestamentarischen hebräischen Sprache mitbekommen, die es ihr jetzt ziemlich erleichterte, sich rasch der neujüdischen Sprache, dem Iwrith, zu bemächtigen. Es dauerte dann auch nicht lange, bis sie bei der Kibutzleitung den Antrag stellte, Geflügelzucht wissenschaftlich zu studieren, wie ihre „Tante“ Frauke ihr in deren Nachlassbrief ans Herz gelegt hatte. Der Kibutz war erst kurz vor der Staatsgründung Israels von den aus mehreren südamerikanischen Ländern eingewanderten jungen Chalutzim3 gegründet worden und deshalb auch noch nicht besonders wohlhabend. Wegen seiner risikoreichen Grenzlage wurde er zudem von der syrischen Seite aus häufiger von marodierenden Eindringlingen heimgesucht und man stand deswegen stets in angespannter Wachsamkeit bereit. Dennoch rechnete man sich gute Zugewinnmöglichkeiten durch eine Erweiterung der Eier- und Geflügelwirtschaft aus und beschloss, neben Lissy auch ihren Mitarbeiter Iakov an eine spezialisierte Ausbildungsstelle zu entsenden und die dadurch entstehenden Kosten zu tragen. Mit ihrem Freund Ruben Masal, den Lissy noch aus ihrer La Pazer Zeit so gut kannte, weil er in der Bäckerei ihres Vaters gelernt und danach dort als tüchtiger Geselle gearbeitet hatte, war sie erst vor einigen Wochen eine engere Beziehung eingegangen. Ruben war deshalb auch überhaupt nicht begeistert von ihrer ganzwöchentlichen Abwesenheit im Internat, die sich voraussichtlich über die nächsten zwei Jahre erstrecken würde. Sie konnten sich ab jetzt nur an den Wochenenden sehen. Mit großem Eifer widmeten sich alsdann die beiden Ausgewählten ihrem Studium an der Landwirtschaftlichen Ruppin-Akademie in Hefer nordöstlich von Netanya, zwischen Tel Aviv und Haifa gelegen. Lissy war natürlich durch ihr Abitur im Vorteil und konnte ihrem Kollegen in den Fächern Mathematik, Chemie, Physik, Biologie und Englisch erfolgreich unter die Arme greifen. Bei der besonderen Ernährungslehre und den im zweiten Studienjahr schwerpunktmäßig gelehrten Fächern Tierheilkunde und Anatomie sowie Futterlehre traf sie aber ebenso auf Neuland wie Iakov. Dieser revanchierte sich jedoch, indem er anfänglich manche bei Lissy noch vorhandene Sprachlücke überbrückte, denn das Studium stellte nicht alltägliche Forderungen an die Eleven.

Liliths – wie Lissys neuer hebräischer Name in Israel lautete – Liebesbeziehung zu Ruben blieb nicht lange ohne Folgen und so brachte sie ihren Sohn fast gleichzeitig mit der erfolgreichen Beendigung des Studiums zur Welt. Beide hatten anlässlich der Anwesenheit eines Rabbi im Kibutz noch vor der Geburt geheiratet und durften nun gemeinsam mit dem Neugeborenen von den bisherigen Junggesellen-Schlafgemächern in ihren bescheidenen Shikun – eine kleine Behausung für Ehepaare – umziehen.

Zur Erinnerung an Lissys so sehr verehrten Großvater Hans-Peter von Steinberg gaben sie dem Jungen den Namen Hanan-Peres, damit wenigstens die Anfangsbuchstaben übereinstimmten. Kurz nach der Geburt und dem Einzug in ihr neues Zuhause konnten sich beide Eltern wieder ihren Aufgaben – Ruben in der Bäckerei, Lilith mit ihren Hühnern – voll widmen. Ebenso wie alle anderen Neugeborenen im Kibutz umsorgten tagsüber geschulte Kleinkinderbetreuerinnen ihren Sprössling im Hort. Gemeinsam mit ihrem Fachkollegen Iakov und einigen weiteren Kameraden machte Lilith den Ausbau des Luls zu ihrer Lebensaufgabe. Die Stallungen wurden erweitert und den neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen angepasst. Allerdings hatte man sich gleich zu Beginn für eine artgerechte Bodenhaltung der Tiere entschieden, anstatt sie in jene engen Legebatterien zu pferchen, die gerade damals überall als State of the Art in Mode gekommen waren. Lilith sah ihre Schützlinge immer noch eher als Geschöpfe und nicht nur als nackte Brathändelspießkost oder Eierlegemaschinen an. Dennoch war ihre Arbeit und die des Teams erfolgreich, und schon bald konnte das landwirtschaftliche Gemeinschaftsunternehmen einen guten Gewinn aus der Hühnerzucht und der Eierproduktion erwirtschaften.

Alles wäre so schön gewesen, wäre da nicht immer wieder zwischendurch die grausame Gegenwärtigkeit des Krieges aufgetaucht. Seit der Staatsgründung war Israel der Bedrohung durch die umliegenden feindlichen Nachbarn ausgesetzt, zu der sich nun auch der Terror der Palästinensischen Befreiungsorganisation PLO unter Jassir Arafat summierte. Die während des Befreiungskrieges teils geflüchteten, teils verjagten Araber hatten zwar in den umliegenden Ländern ungeliebte Zuflucht, aber keinerlei Integration oder gar eine neue Heimat gefunden. Sie wurden von deren Regierenden wohlweislich in elenden Flüchtlingscamps zusammengedrängt und lebten dort unter sehr prekären Bedingungen – eine probate Methode, um ihren Hass auf Israel zu wahren und weiter zu schüren. Neben den immer wieder vorkommenden militärischen Kriegsscharmützel, die meist von der israelischen Armee erfolgreich abgewehrt werden konnten, waren es die oft vorkommenden Kommandoaktionen von PLO-Attentätern, die alle Grenz-Kibutzim und -städte zur kontinuierlichen und erhöhten Wachsamkeit zwangen. Auch Halonim befand sich in einer dieser unmittelbaren Gefahrenzonen und blieb nicht von solchen hinterhältigen Attacken verschont, die von meist im Schutz der Dunkelheit heranrobbenden, mordlüsternen Tätern durchgeführt wurden.

Ständig waren deswegen Wachen an den strategisch relevanten Posten aufgestellt und inspizierten aufmerksam das umliegende Gelände. Dennoch geschah es eines Tages, dass es einem dieser Täter gelang, sich während der sengenden Mittagshitze unbemerkt bis in die Nähe des Kinderhorts heranzuschleichen und zwei Handgranaten durch ein Fenster auf die wehrlosen Kleinen zu werfen. Eine der Betreuerinnen schaffte es noch, sich zu opfern, indem sie versuchte, mit ihrem Körper die Granatenexplosion von den Kindern abzuschirmen, die andere Granate explodierte jedoch ungehindert im Raum und verursachte ein Massaker: Sieben Kinder, darunter auch der gerade einjährige Hanan-Peres Masal, waren auf der Stelle tot, vierzehn andere teils schwer verwundet. Leider eine halbe Minute zu spät entdeckte man den Attentäter vom Wachturm aus und tötete ihn mit gezielten Schüssen. Der Schock traf die ganze Gemeinschaft zutiefst. Mit einem Schlag hatte der Mörder fast zwei Drittel der Kibutz-Nachkommenschaft vernichtet oder schwer verletzt. Untröstlich die Eltern der Getöteten, schwer traumatisiert jene der Verletzten. Verständliche Rachegefühle wurden geweckt. Während eines nächtlichen bewaffneten Überfalls auf ein unweit gelegenes syrisches Dorf auf dem Golan, in dem sich auch ein PLO-Stützpunkt versteckte, gelang es, fünf weitere dieser Terroristen unschädlich zu machen. Aber auch dies konnte das junge verblutete Leben nicht wiederbringen. Lilith musste drei Monate in einem Nervensanatorium verbringen, um über ihre schwere Depression hinwegzukommen. Als begleitende Therapie begann sie wieder mit dem Flötenspielen, das ihr schon damals in Bolivien und danach auch in ihrer Hamburger Gymnasialzeit so viel Freude bereitet hatte. Das geliebte Instrument hatte sie zwar während ihrer Auswanderung nach Israel begleitet, doch sie war seitdem nicht dazu gekommen, ihr vormals so geschätztes Hobby weiter zu betreiben.

Erst allmählich schwand der tiefe Schmerz beider Eltern über den grausamen Verlust und es stellte sich mit dem Ablauf der Jahre wieder ein gewissermaßen normaler Alltag ein. Als dann 1972 Lilith schon fast 38 Jahre alt war, schenkte sie Ruben eine Tochter, die sie Nili nannten. Bald danach schlug bei den Masals abermals und unerbittlich das grausame Schicksal zu: Israel war nach den vergangenen, für sie erfolgreich beendeten Kriegen bedauerlicherweise gegenüber den Arabern zu hochmütig geworden und wog sich in einer fatalen, falschen Sicherheit. Während des Jom-Kippur-Krieges im Herbst 1973, der den Staat für einen Moment an den Rand des Untergangs brachte, fiel Ruben bei einem der schweren Artillerie-Angriffe der Syrer, die danach trachteten, ihre im Sechstagekrieg von 1967 eingebüßten Golanhöhen zurückzuerobern. Der simultan ausgeführte ägyptisch-syrische Überfall, der gerade am heiligsten jüdischen Feiertag begann, wurde nach tagelangen Kämpfen im Sinai und am Golan mit äußerst hohem und bitterem Blutzoll zurückgeschlagen und endete dann allerdings abermals mit der militärischen Niederlage der hinterlistigen Angreifer. Der Kibutz Halonim jedoch wurde schwer getroffen, Liliths langjähriges Aufbauwerk, ihre Hühnerstallungen im Lul, Opfer der feindlichen Granateneinschläge. Ihr Bruder Oliver holte kurz danach seine abermals traumatisierte und nun verwitwete Schwester samt der gerade einjährigen Nili zu sich nach Oldenmoor, wo sie von da an verblieben.

***

Abrupt werden Nilis Reminiszenzen bei der Einfahrt des Mercedes in die Ankunft-Parkgarage am Fuhlsbütteler Flughafen unterbrochen. Da die Ankunftstafel eine zwanzigminütige Verspätung der Lufthansamaschine aus Frankfurt meldet, lädt Melanie Nili zu einer Tasse Kaffee an der kleinen Bar in der Ankunftshalle ein.

„Wie soll ich es ihnen nur beibringen?“ Melanie bricht verzweifelt in Tränen aus.

Nili legt einen Arm um sie. „Mach dir keinen Kopf, Melanie, überlasse es einfach deiner momentanen Eingebung. So etwas lässt sich nicht planen, es ergibt sich von selbst.“ Jedenfalls eilt Nili rasch voran, als das Ehepaar Westphal an der Ausganstür erscheint, und kann gerade noch Antje Westphal unter die Arme greifen, als diese beim Anblick der schluchzenden Melanie in den Armen des Vaters instinktiv das geschehene Unglück erahnt und sie die Kräfte verlassen.

Nachdem das erheblich mitgenommene Ehepaar sich ein wenig vom ersten Schock erholen konnte, fahren sie zurück nach Kiel. Nili lenkt den Wagen, neben ihr sitzt der mit steinerner Miene vorausstierende Vater. Im Fond hält Melanie tröstend ihre weinende Stiefmutter in den Armen. Nili berichtet ihnen in knappen Worten, was sich bezüglich Ralph zugetragen hat, und auch ein wenig von dem, was die bisherigen Ermittlungen ergeben haben. Nachdem sie den Wagen in der Kieler Garage der Westphals abgestellt hat, verabschiedet sie sich. „Nein, du brauchst mich nicht zurückzufahren, Melanie, ich komme schon zurecht. Du solltest jetzt vielmehr bei deinen Eltern bleiben, das ist wichtiger!“

Der halbstündige Fußweg bis zur Bezirkskriminalinspektion in der Blumenstraße tut ihr gut, um ein wenig von der Anspannung der letzten Stunden herunterzukommen. In all den Jahren als Polizistin konnte sie immer noch nicht jenes tiefe Mitleid von sich abschütteln, das sie stets gegenüber den von schlimmen Schicksalsschlägen betroffenen Hinterbliebenen empfindet. Wie leichtfüßig raten ihr immer wieder Psychologen und seelische Betreuer bei solchen Geschehnissen, sie solle möglichst Distanz zu den Opfern wahren und sich mit deren Leid nicht allzu sehr identifizieren. „Leicht gesagt, aber überwinden Sie zunächst einmal selbst die eigenen Gefühle nach dem herben Verlust des ermordeten kleinen Bruders, den ich nie kennenlernen konnte, und des geliebten, von feindlichen Granaten getöteten Vaters!“ Gerade als Nili das massive Backsteinpolizeigebäude betreten will, kommen ihr die Kollegen, die Oberkommissare Steffi Hink und Sascha Breiholz, entgegen.

„Mensch, Nili, was machst du hier? Wolltest du uns besuchen?“

Sie kennen sich von früheren gelegentlichen Zusammentreffen und Fortbildungskursen. Einige Male haben sie auch schon wirksam bei der Bildung von ortsübergreifenden Soko-Einsätzen zusammengearbeitet. Nachdem Nili von der Ankunft des Ehepaars Westphal berichtet hat, fragt sie, ob sich inzwischen in dem Fall etwa Neues ergeben hat.

„Du kommst gerade richtig, wir sind auf dem Weg zum Pathologen im Institut für Rechtsmedizin der Universität Kiel. Professor Klamm rief soeben an, er hat den Bericht fertig. Möchtest du uns begleiten? Dann erfährst du alles aus erster Hand.“

Prof. Dr. Christoff Klamm, ein noch jugendlich wirkender Mittvierziger, begrüßt sie im grünen Kittel an der Tür zum Obduktionssaal. Vier vollständig zugedeckte Leichenkörper liegen auf den rostfrei-stählernen Seziertischen unter Leinentüchern, ein jeder mit einem Identifikationsetikett, das am großen Zeh von einem Band herunterhängt. Nili kann den kalten Schauer, der ihr den Rücken herunterfährt, nicht unterdrücken. Er befällt sie immer wieder beim Betreten solch makabrer Stätten.

„Ralph Westphal, männlich, Alter 25 Jahre, Statur 1 Meter, 80 Zentimeter, Gewicht 79 Kilogramm.“ Der Professor deckt das Tuch über dem Kopf der Leiche auf. Ralphs Gesichtszüge zeigen eine leichte Anspannung. Als ob er einen starken Schmerz empfände, denkt Nili. „Der Tod trat am vorigen Sonnabend gegen Mittag ein. Er wurde verursacht von einem akuten Herzinfarkt als unmittelbare Folge einer überstarken Dosis Kokain, die der Betroffene sich selbst kurz davor durch die Nase zugeführt hat. Da er sich dazu eigens in einer Toilette eingeschlossen hatte, ist Fremdeinwirkung auszuschließen. Das ist das Ergebnis der ebenfalls durchgeführten forensischen toxikologischen Untersuchung. Kokain ist bei Weitem tückischer, als viele glauben. Es ist sogar eine sehr gefährliche Droge, die nicht nur innerhalb kürzester Zeit zur Abhängigkeit führt, sondern lebensbedrohliche Schäden am Herzen verursachen kann. Der Verstorbene galt zwar als von seiner vormaligen Kokainsucht geheilt, hatte sich aber als deren Folge bereits eine Angina Pectoris, also eine Herzmuskelschwäche, zugezogen. Deswegen wurde ihm der Konsum dieses Mal zum Verhängnis. Aufgrund der plötzlichen Zufuhr des starken Gifts verkrampften sich die geschwächten Herzgefäße schlagartig und der akute Sauerstoffmangel verursachte schließlich den Herzstillstand. Es ist bedauerlich, dass nur sehr wenige Kokainschnupfer über die Gefährlichkeit ihres leichtsinnigen Tuns Bescheid wissen. Koksen gilt ja sogar bis in die hohen gesellschaftlichen Kreise als ungemein schick!“ Nach einer Pause setzt Prof. Dr. Klamm hinzu: „Übrigens, was bei der toxikologischen Untersuchung besonders auffiel, war die ungewöhnliche Reinheit des Stoffes. Entgegen des üblicherweise für den Konsum mit anderen Zutaten wie Puderzucker oder Stärke gestreckten Pulvers, das dann nur etwa 34 bis 36 Prozent der Droge enthält, handelt es sich bei den neben der Leiche gefundenen Spuren und geringfügigen Restmengen seltsamerweise um 95-prozentig reines Kokain. Dies bewirkte wohl auch das fast sofortige Auslösen des Herzinfarktes.“

„Könnte man aus diesem doch nicht alltäglichen Drogenbefund vielleicht den Verdacht auf eine arglistig beabsichtigte Herbeiführung oder zumindest Inkaufnahme der wahrscheinlichen Todesfolge ableiten?“

Auf Nilis Frage folgt eine Denkpause aller Beteiligten.

„Sie denken an Totschlag oder Körperverletzung mit Todesfolge? Ausschließen möchte ich dies nicht, es kann durchaus sein, dass jener, der diesem Verstorbenen eine derart hoch letal dosierte Droge vermittelt hat, in einer solchen Absicht gehandelt haben könnte.“ Prof. Dr. Klamm zuckt mit den Schultern. „Dürfte allerdings schwer zu beweisen sein, denke ich mal. Aber vielleicht hilft Ihnen dies ein wenig weiter: Uns ist noch etwas Wesentliches an der Kleidung des Toten aufgefallen: Er muss, wenn vielleicht nicht gerade am Tage seines Todes, dann zumindest am Vortage, Geschlechtsverkehr gehabt haben. Wir haben fremde DNA von seiner Kleidung isoliert, diese wird noch untersucht. Schriftlicher Bericht folgt auf dem Amtswege.“

Die drei Oberkommissare danken und verabschieden sich von dem Pathologen. Beim Herausgehen bemerkt Sascha Breiholz: „Und um nochmals auf deine Frage, liebe Nili, zurückzukommen: Wir müssten erst einmal den Übeltäter eindeutig ausmachen.“

„Ich befürchte auch, dass in diesem dubiosen Fall der Staatsanwalt die Akte mit dem Vermerk ‚Versehentliche Selbsttötung durch Drogenkonsum‘ schließen wird.“

Steffi Hink setzt fort: „Aber dies bedeutet keineswegs, dass wir nicht weiterhin mit allen verfügbaren Kräften nach der Pendlerdrogenbande fahnden, die wir auch hierfür verantwortlich halten. Kollege Waldi hat jedenfalls dank deines klugen Hinweises auf Ralph Westphals Fahrrad am Lübecker Bahnhof schon einen Kandidaten ins Visier genommen.“

Während sie zum Wagen gehen, bittet Steffi: „Nili, könntest du deine Freundin, Frau Westphal, fragen, ob ihr Bruder vielleicht eine weibliche Beziehung hatte? Ich meine, wegen der Einordnung der DNA, die Prof. Klamm soeben erwähnte.“

„Ich frage nach und lasse es euch wissen, okay?“ Nili fährt fort: „Ich danke euch. Übrigens, ich würde gern euren berühmten Waldi kennenlernen. Könnt ihr mir bitte seine Handynummer geben?“

***

Wenige Tage später sitzt Walter Mohr alias Waldi an einem Tisch im Restaurant des Lübecker Hauptbahnhofs vor dem halb vollen Glas Latte macchiato und zieht gelegentlich ganz in Gedanken versunken an seiner kalten Pfeife, während er, so scheint es, in die Lektüre der Lübecker Nachrichten vertieft ist. Dem uneingeweihten Beobachter erscheint der in einem edlen Harris Tweedanzug gekleidete stramme Vierziger mit seiner leicht ergrauten lockigen Haarmähne, der altmodischen vernickelten Brille und dem gepflegten Kinnbärtchen wohl eher wie ein Gelehrter als ein Zivilfahnder des Drogendezernats. Unauffällig, jedoch aufmerksam beobachtet er das ungleiche Paar, das in der Ecke des Lokals sitzt und sich angeregt unterhält. Der Mann, offensichtlich ein aus Afrika stammender schwarzer Migrant, redet eindringlich auf sein Gegenüber ein, eine recht hübsche und zierliche weibliche Person mit langem schwarzem Haar und orientalischen Zügen. Den Afrikaner hat er schon vor einigen Tagen am Hauptbahnhof ausgemacht, als dieser sich unbeobachtet glaubte und mit einer Klauenzange die Sicherungskette an Ralph Westphals Fahrrad durchtrennte, um sich danach geschwind auf diesem aus dem Staub zu machen. Anhand der von Waldi heimlich geschossenen Fotos hatte man den Fahrraddieb mit Hilfe der Ausländerbehörde als den dort registrierten Asylantragsteller Mustafa Mbili, 23 Jahre alt, aus Uganda stammend, identifiziert, der sich gelegentlich und meist heimlich, da unerlaubt, als Sonnenbrillen- und Billigschmuckverkäufer in der Stadt herumtrieb und dabei schon einige Male aufgegriffen worden war. Dagegen ist es den Behörden bisher nicht gelungen, die Identität seiner gelegentlich mit ihm beobachteten Begleiterin auszumachen, weil die von ihnen gemachten Fotos zu keinem Ergebnis führten.

Nachdem Mbili gezahlt hat, brechen die beiden auf. Unauffällig werden sie von einem Zivilfahnder, der am Zeitungsstand gewartet hat, bis zu dem Bahnsteig verfolgt, von dem aus in wenigen Minuten der Pendlerzug nach Kiel abfahren wird. Nach einem kurzen Blick auf die Armbanduhr trinkt Waldi seinen Milchkaffee aus und legt ein paar Euromünzen auf den Tisch. Dann steckt er die Pfeife in die Tasche, faltet seine Zeitung zusammen und schlendert gemächlich aus dem Restaurant in die gleiche Richtung wie seine beiden Vorgänger. Zahlreiche jugendliche Gymnasiasten und Studenten warten inzwischen am Bahnsteig auf die Einfahrt des Zuges. Als dieser kurz drauf zum Stillstand kommt, huschen sie eiligst durch die Waggontüren auf der Suche nach ihren bevorzugten Sitzplätzen. Mit Blickkontakt zum Kollegen, der am Zuganfang einsteigt, geht Waldi gemächlich bis zum letzten Waggon, nachdem er sich vergewissert hat, dass sowohl der Afrikaner als auch seine Begleiterin in getrennte Zugabteile eingestiegen sind. Unauffällig setzt er sich in die hinterste Abteilreihe und bemerkt sogleich sehr zufrieden, dass der kahlköpfige und berüchtigte Dealer Drogenmatti soeben an ihm vorbeikommt und in den nächsten Waggon weitergeht. Ihm folgt auf dem Fuß ein Waldi bisher unbekannter dunkelhaariger Mann mittleren Alters, sehr dünn und von kleinerer Statur. Als sich der Zug in Bewegung setzt und aus dem Bahnhof fährt, greift Waldi in die Jackentasche, holt sein Handy heraus und sendet eine vorbereitete SMS. Dann wählt er eine Nummer und spricht rasch einige kurze Worte in den Apparat. Schließlich beobachtet er befriedigt, dass die Antennenanzeige auf seinem Display verschwindet und kein verfügbares Netz mehr angezeigt wird.

„So ’ne Scheiße!“, lässt ein frustrierter Tablet-User verlauten, als nahezu gleichzeitig sein Bild einfriert und dann die Ankündigung „Sie sind mit keinem Netzwerk verbunden“ auf dem Display erscheint. Noch bevor der Zug an der nächsten Haltestelle in Bad Schwartau ankommt, quietschen plötzlich die Bremsen und er hält abrupt auf offener Strecke. Als wären sie vom Himmel herabgefallen, postieren sich schwer bewaffnete Polizisten des Sondereinsatzkommandos an sämtlichen Waggontüren. Eine Stimme ertönt durch die Lautsprecher: „Achtung, Achtung. Hier spricht die Polizei. Dies ist eine Personenkontrolle. Bitte bewahren Sie Ruhe und bleiben Sie unbedingt auf Ihren Plätzen sitzen. Halten Sie Ihre Fahrkarten und Ausweispapiere zur Kontrolle durch unsere Beamten bereit. Ich wiederhole.“ Eine weibliche Stimme wiederholt die Ansage nun auch in englischer und französischer Sprache. Je drei Beamte in schusssicheren Westen mit der weißen Aufschrift „POLIZEI“ kommen in jeden Waggon, der jeweils erste mit einer Maschinenpistole im Anschlag. Die beiden anderen kontrollieren die Ausweise der Reisenden. Ihnen folgt ein Kontrolleur der Deutschen Bahn, der die Fahrkarten überprüft. Diejenigen Personen, die sich nicht ausweisen oder keinen gültigen Fahrausweis vorweisen können – und es sind einige davon betroffen –, werden höflich, aber bestimmt gebeten, zur vorderen Waggonplattform zu gehen. Dort verlassen die Schwarzfahrer den Zug durch die linke Tür und werden in einem improvisierten, auf dem Nebengleis stehenden Bürowaggon registriert. Jene, die sich nicht ausweisen können, verlassen den Zug durch die rechte Waggontür. Letztere, davon einige bereits in Handschellen, steigen in die neben dem Gleis stehenden Polizeibusse und werden unter scharfer Bewachung ins Polizeipräsidium nach Kiel gebracht. Die ganze Operation hat keine zehn Minuten gedauert und der Zug kann schließlich seine Fahrt fortsetzen. Mit Genugtuung beobachtet Waldi von seinem Fenster aus, dass sich alle „seine“ Zielpersonen unter den Abgeführten befinden. Während der Aktion ist er auf seinem Platz sitzen geblieben. Als er sieht, dass sein Handy wieder am Netz ist, wählt er erneut eine Nummer an. „Hat alles wie am Schnürchen geklappt, diesmal haben wir die schrägen Vögel im Käfig!“

Als der Zug im Bad Schwartauer Bahnhof anhält, steigt er aus und schlendert zum Parkplatz, wo sein unauffälliger alter Variant Kombi schon seit einigen Stunden geduldig auf ihn wartet. Belustigt steckt er das Knöllchen, das ihm unter dem Scheibenwischer im Wind entgegenflattert, in die Tasche. „Geht auf Geschäftsspesen“, ulkt er und fährt los.

3. Wochenende

Hauptkommissar Boie Hansen ruft alle Mitarbeiter seiner Dienststelle in Oldenmoor zusammen. Er hat den Lautsprecher seines Telefons auf volle Lautstärke gestellt, denn Waldi Mohr ist gerade an der Strippe und berichtet ausführlich von der gestrigen so erfolgreich abgelaufenen Aktion: „Also, liebe Kollegen, Ihr ahnt ja gar nicht, wer uns da alles ins Netz geraten ist. Aufgrund eures wertvollen Hinweises auf den letzten Standort von Ralph Westphals Fahrrad hatten wir dieses Tag und Nacht observiert. Nachdem es tatsächlich von einem der Bandenmitglieder entwendet wurde, konnten wir diesen Typen verfolgen und haben nach und nach herausgefunden, wer alles zu dem Drogenvertriebsring gehört, wie sie operieren und wo sie sich eingenistet haben. Neben den beiden Dealern, dem aus Uganda stammenden Mustafa Mbili und seiner reizenden – wahrscheinlich palästinensischen – Komplizin Habiba Massud, die sich übrigens hier schon fast zwei Jahre lang illegal aufhält, konnten wir in einer konzertierten Aktion von LKA und SEK gleichzeitig mit der Verhaftungsaktion in der Bahn deren Räuberhöhle stürmen und ausräuchern: Satte 40 Kilo reines Kokain, dazu fast noch einmal so viel bereits gestreckte Koksportionsbriefchen, mehrere Plastikbeutel voller Chrystal- und Extasypillen und weiß der Geier was noch für’n Düwelstüch haben wir da gefunden und sichergestellt. Dazu ein Arsenal an Waffen und Munition. Schließlich sage und schreibe fast 200.000 Euro in bar! Macht einen Schwarzmarktwert von summa summarum etwa 10 Millionen Euro. Unglaublich! Aber nicht nur das: Im Zug verhaftete das SEK neben den beiden Dealern und einigen anderen bereits gesuchten dunklen Gestalten deren Boss Matti Lohse, alias Drogenmatti, zusammen mit einem Lateinamerikaner, wir vermuten zwar aus Kolumbien, der aber bis dato das Maul nicht aufmacht, vorgibt, weder Englisch noch Deutsch zu verstehen, und so tut, als wisse er von nichts. Nur eigenartig, dass wir in seinem Zimmer im Eurotel seinen – wie eine Eilanfrage bei den spanischen Kollegen heute ergab – gefälschten spanischen Pass auf den Namen Alejandro Vazques, dazu rund 10.800 US-Dollar und einen geladenen achtunddreißiger Colt – selbstredend ohne dazugehörigen Waffenschein – vorfanden. Und im sogenannten Labor der Drogenhütte konnten wir als Gratisbeigabe zwei üble Galgenvögel festnehmen, die uns bisher immer wieder entwischt sind: Juri Wolkow und Alexei Shirjajev. Nach dem Letzteren wird wegen Totschlags in einer Disco in Travemünde gefahndet. Die gesamte Bande wurde dem Untersuchungsrichter vorgeführt und befindet sich in Untersuchungshaft. Ach ja, auch für euch wohl eine gute Nachricht: In einer der Garagen der Gangstervilla stand ein nagelneuer schwarzer Golf GTI – diesmal mit einem niederländischen Kennzeichen. Die KTU untersucht ihn gerade, aber ich bin mir ziemlich sicher, es handelt sich um den neulich sicherlich von diesen beiden Russen aus dem Autohaus Scholz entwendeten Wagen. Ich habe euch schon die Fotos der beiden Tunichtgute gemailt, vielleicht kann euer wackerer Motorrad-Willi sie identifizieren. Freut mich, war ’n toller Erfolg, und nochmals vielen Dank für das Mitdenken. Hab zum Schluss noch ’ne Frage: Neulich, bei einem Telefonat mit der Kollegin Masal, erfuhr ich nebenbei, dass sie perfekt Spanisch und auch Iwrith spricht. Wir könnten wieder einmal ihre Hilfe gut gebrauchen, um diesen Vazques zum Reden zu bringen. Auch müssen wir noch von Frau Massud einiges mehr erfahren, sicher ginge dies auf Hebräisch flotter. Wäre nett, wenn Kollegin Masal uns helfen und mich bald zurückrufen könnte. Also, das war’s dann auch für heute. Ende der Durchsage.“

Boie Hansen legt auf. „’ne ganze Menge auf einmal!“, meint er trocken.

Dann herrscht für eine kurze Weile betretene Stille im Raum, alle denken erst einmal über die Informationsflut nach, die soeben über sie hereingebrochen ist.

Das schrille Läuten des Telefons lässt sie aufhorchen. Auf ein Kopfzeichen Boie Hansens geht Hauke an den Apparat. „Polizeikommissariat Oldenmoor, Oberkommissar Steffens, wie kann ich Ihnen helfen?“

„Moin! Hier spricht Oberbrandmeister Per Petersen von der Feuerwehr Leitstelle Elmshorn. Wie ihr ja wisst, hatten wir in der vorigen Woche im Kreis Steinburg, ganz in der Nähe von Oldenmoor, einen Feuereinsatz. Ein Autofahrer entdeckte von der B5 aus eine große Rauchfahne und alarmierte uns. Es handelte sich um einen ziemlich abseits und allein stehenden Bauernhof in einer Abzweigung von eurer Kommunalstraße 17. Der Brand wurde zwar gelöscht, aber die Kate und der angrenzende Stall brannten total nieder und stürzten ein. Die zwei Kühe und ein Kalb waren glücklicherweise auf der Weide, aber die beiden Bewohnerinnen waren wohl nicht anwesend, wenigstens dachten dies die sich im Einsatz befindlichen Feuerwehrkollegen. Man vermutete zwar Brandstiftung, aber Kripo und Spusi waren mit anderen wichtigen Einsätzen beschäftigt und kamen deswegen erst heute hinzu, gerade als wir dabei waren, die Ruinenreste mit Hilfe eines Baggers abzuräumen. Dabei wurden in den Trümmern des Kellers zwei völlig verkohlte Leichen gefunden. Da die ganze Bude durch das Feuer zusammengebrochen war, konnten wir nicht schon früher herankommen. Macht euch mal schön auf die Socken, liebe Kollegen. Die Kripo in Itzehoe habe ich auch schon informiert. Schönen Tag noch!“

„Ich weiß, wo das ist!“ Willi Seifert greift nach seinem Motorradhelm und eilt hinaus, gefolgt von Hauke und Nili. Nach kurzer Fahrt erreichen sie den Tatort. Dort tummeln sich bereits die Itzehoer Kollegen und die Mannschaft der Spurensicherung. Einsatzleiter vor Ort ist Kriminaloberrat Heinrich Stöver, ein etwas korpulenter Endfünfziger, in Wintermantel, Schal und Pudelmütze eingehüllt. Der offensichtlich recht erkältete Kripochef treibt mit heiserer Stimme und äußerst missgelaunt seine Mannschaft an. „Macht hinne, Leute, ich muss mir hier in dieser feuchten Kälte doch nicht noch die Beine erfrieren und den Tod holen! Habt ihr wenigstens schon was Brauchbares?“

Als sie sich dem Trümmerhaufen nähern, begrüßt sie Staatsanwalt Uwe Pepperkorn mit einem breiten Grinsen. „Hein Gröhl ist stark verschnupft und heute wieder in Hochform“, bemerkt er, während er ihnen freundlich die Hand schüttelt. „Wir können erst an den Fundort der Leichen heran, wenn die Spusi und der Doktor damit durch sind. Warten wir also lieber im Einsatzwagen, bis es so weit ist. Hier draußen ist es zu ungemütlich.“ Pepperkorn ist, anders als viele seiner Kollegen, ein jovialer und netter Jurist, der den Mitarbeitern der Polizei eher freundliche Achtung als Geringschätzung und harsche Kritik für ihre doch nicht allzu leichte Arbeit entgegenbringt, auch wenn diese nicht immer so erfolgreich verläuft, wie er es sich erhofft. Nachsichtig sieht er über so manchen Fehler hinweg, toleriert es jedoch keineswegs, sollte dessen Wiederholung aus Nachlässigkeit oder Schlampigkeit erfolgen. „Fehler erkannt, Wiederholung gebannt!“, ist seine Devise, gegen die man besser nicht verstoßen sollte, denn dann kommt ein ganz anderer Pepperkorn zum Vorschein.

Laut keuchend öffnet Kriminaloberrat Stöver die Schiebetür des Einsatzwagens und steigt ein. „Gemütlich macht man es sich hier beim Tee, während wir uns draußen in der Kälte mit den Leichen herumschlagen müssen!“

„Mensch, Stöver, hören Sie auf zu rüffeln! Wir hier können ja nichts für Ihren Schnupfen. Also, was gibt’s?“ Kriminaloberrat Stöver ist pikiert und muss erst einmal seine angelaufene Brille putzen, um sich wieder Durchblick zu verschaffen. Pepperkorn gießt ihm inzwischen versöhnlich aus seiner Thermoskanne Tee in einen Plastikbecher. „Hier, nehmen Sie erst einmal einen heißen Trunk.“

Stöver nimmt einen Schluck. „Also, die Spusi ist durch, jetzt sind die Pathologen dran. Ihr könnt in den Keller, wenn ihr wollt. Viel ist da allerdings nicht zu sehen, meine ich. Natürlich außer den beiden vollkommen verkohlten Frauen. Wie bereits vermutet, handelt es sich wohl um die Bewohnerinnen des Hauses, die Mutter Karin Vogt, achtzig Jahre alt, und ihre dreiundfünfzigjährige Tochter Regina. Was von denen noch übrig ist, wird nach Kiel zur Obduktion gebracht, damit die Identifizierung auch amtlich ist. Wie wir von den ziemlich entfernt wohnenden Hofnachbarn erfahren konnten, sind die beiden Frauen vor etwa acht Jahren aus Wilster in diesen Resthof eingezogen, nachdem Bauer Andreas Kruse seine Landwirtschaft aufgab und die Ländereien an die angrenzenden Kollegen verpachtete. Viel mehr konnte man nicht erfahren. Nur ab und zu sah man die Jüngere mit ihrem Fahrrad ins Dorf fahren, wo sie im kleinen Supermarkt einkaufte. Ansonsten lebten die beiden Frauen vollkommen zurückgezogen.“ Er trinkt den Teebecher leer und schnäuzt sich geräuschvoll in ein Papiertaschentuch.

„Danke, Herr Kriminaloberrat Stöver“, meint Nili mit einem freundlichen Blick zu dem gestressten Beamten. Sie nickt Pepperkorn zu. „Wir gehen jetzt wohl erst einmal selbst in den Keller, um uns umzusehen, wenn Sie nichts dagegen haben.“

„Ist schon okay, gehen Sie nur.“

Nili, Willi und Hauke trotten hinüber zur Bauernhofruine, von der nur noch zwei halbhohe Ziegelmauerreste stehen. Willi bemerkt trocken: „Den Anblick der beiden verbrutzelten Damen muss ich mir doch nicht antun, oder? Ich sehe gerade, eine Spusigestalt geht just in Richtung der dort hinten gelegenen Scheune. Wenn ihr nichts dagegen habt, schaue ich mich mal lieber dort um, okay?“ Ohne auf eine Antwort zu warten, spurtet Willi in die angekündigte Richtung.

Hauke schüttelt lachend den Kopf: „Dieser Willi is ’n richtiger Dithmarscher Sturkopp!“

„Lass man, geschätzter Kollege, unser Polizeimeister ist schon in Ordnung. Nehmen wir erst einmal die beiden ‚Verbrutzelten‘ in Augenschein und befragen dabei den Onkel Prof, ob ihm vielleicht etwas Besonderes aufgefallen ist.“

Sehr eng ist es im Kellerverlies, es wurde nur ein Teil von dessen Decke freigelegt. Nili und Hauke können deshalb nur von oben einen Blick auf die makabre Szenerie werfen. Die quirlige Blondine Hannelore Siemsen, die ebenso wie ihr Chef in einen weißen Schutzanzug gehüllt ist, assistiert gerade Prof. Dr. Klamm im starken Lichtschein der beiden batteriebetriebenen Halogenscheinwerfer bei der ersten Untersuchung der beiden Opferreste.

„Hallo, Herr Professor!“, grüßt Nili den Pathologen.

„Nett, Sie wiederzusehen, Frau Masal, Herr Steffens“, sagt dieser, nachdem er und Hannelore Siemsen über eine Leiter aus dem Keller emporgestiegen sind. „Na ja, viel ist natürlich von den beiden Damen nach dem gehörigen Brand nicht übrig geblieben. Die fast vollständige Verkohlung lässt vermuten, dass man die beiden bereits getöteten Frauen mit mehreren Litern Benzin übergossen haben muss, bevor man sie und danach ebenso diese Hütte angezündet hat. Trotz deren starker Verkohlung sind an beiden Schädeln Einschüsse deutlich zu erkennen, sehr wahrscheinlich von ein und derselben Waffe. Die Frauen müssten aber bereits einige Stunden vorher oder vielleicht sogar schon am Tag vor der Brandstiftung regelrecht hingerichtet worden sein; Genaueres kann ich vermutlich sagen, wenn ich sie auf dem Tisch habe.“ An die drei bereitstehenden Männer des Bestattungsunternehmens gerichtet fährt er fort: „Bitte in diesem heiklen Fall besondere Sorgfalt walten lassen, damit wir die beiden Damen möglichst vollständig in die Pathologie bekommen. Achten Sie auch auf eventuell abgefallene oder liegen gebliebene Körperteile, damit die auch mitgehen, ja?“ Er winkt den beiden Kommissaren zu. „Also dann, tschüss, auf bald!“

„Guck mal, Nili, Willi winkt uns gerade hektisch zu, er hat wohl etwas entdeckt. Gehen wir rüber, hier gibt’s für uns eh nichts mehr zu erfahren.“

Willi eilt ihnen entgegen. „Ratet mal, was wir soeben in der Scheune entdeckt haben!“

Alle drei gehen zur Scheune. Diese ist vollgestopft mit Heu- und Strohballen sowie altem Gerümpel. „Vorsicht, bitte nur am Rand gehen, es gibt wichtige Spuren! Seht mal, hier!“ Willi deutet auf den matschigen Scheunenboden. Da das Dach nicht mehr ganz dicht und die Bodenfläche von dem heruntertropfenden Regenwasser aufgeweicht ist, zeichnen sich auf dieser deutliche Reifenabdrücke sowie zwei komplette Fußspuren ab. „’n Auto hatten die beiden doch nie, oder?“

„Das Profil zeichnet sich perfekt und tief ab, müssen ganz neue Reifen gewesen sein“, meint Hauke.

„Und dann auch dies noch!“ Stolz deutet Willi auf ein im Heu halb verstecktes Knäuel Plastikfolie. „Das da sind sicher die Reste einer Plastikhülle, mit der man ein neues Fahrzeug beim Transport zum Händler schützt.“

„Du meinst …“ Nili lässt die Frage unvollendet.

„Yes, my lady! Das waren ganz bestimmt unsere beiden Galgenvögel, wie Waldi sie nannte. Die zwei Russen haben wohl den Golf gestohlen und sich nach meiner Verfolgungsjagd hier ein paar Tage verkrochen, während wir sie überall in der Umgebung vergeblich suchten. Dann haben sie die beiden armen Frauen einfach erschossen, das Haus angezündet und sich aus dem Staub gemacht.“

„Deine Vermutung könnte stimmen. Gute Arbeit, Willi, prima!“ Nili ist begeistert und auch Hauke geht freudig auf Willi zu: „Give me five, Kumpel! Lass mal die Spusi Abdrücke von den Reifenspuren und denen der Schuhsohlen machen, und auch das Plastikzeug muss zur KTU. Wenn du recht haben solltest, dann sind da sicherlich ihre Fingerabdrücke drauf, und dann haben wir sie!“

Nili und Hauke gehen zurück zum Einsatzwagen, wo Prof. Dr. Kramm gerade Staatsanwalt Pepperkorn von seinem ersten Befund berichtet hat. Dann kommen die beiden Kriminaloberkommissare an die Reihe und erzählen von den heißen Spuren, die Polizeimeister Seifert in der Scheune gefunden hat.

„Na also, lieber Stöver, da haben wir ja ’ne Menge ordentliche Ansätze. Ich schlage vor, Frau Masal und Steffens machen sich auf den Weg nach Kiel, sobald die KTU-Untersuchungsergebnisse vorliegen. Jedenfalls rufe ich sofort das Oberkommissariat und auch den Oberstaatsanwalt in Kiel an, damit da ja nichts schiefgeht und die ganze Bande noch so lange festgenagelt bleibt.“

Nili berichtet, dass sie sowieso von Waldi Mohr angefordert worden sei, bei der Vernehmung der beiden festgenommenen Drogendealer mit ihren Sprachkenntnissen behilflich zu sein.

„Umso besser, verehrte KOK Masal, dann fahren Sie bitte gleich am Montagmorgen nach Kiel, ich informiere Ihren Boss Boie Hansen in Oldenmoor. Gute Arbeit, Leute, wirklich verdammt gute Arbeit! Und nun wollen wir unter der da draußen lauernden Pressemeute ein wenig Futter verteilen. Die lassen einem sonst überhaupt keine Ruhe! Dann sage ich erst einmal herzlichen Dank und wünsche Ihnen noch ein schönes und geruhsames Wochenende!“

***

Nachdem Hauke Steffens und Nili Masal am späten Nachmittag mit ihrem Dienstwagen zurück im eigenen Kommissariat eingetroffen sind, machen sie Feierabend. Nili wünscht dem Kollegen ein schönes Wochenende, steigt in ihren grünen Cross Polo um und fährt nach Hause. Sie parkt den Wagen direkt vor Onkel Suhls Haus in der Theodor-Heuss-Straße. Nach der Wiedervereinigung von DDR und BRD im Oktober 1990 hat man auch in der Kleinstadt einige Straßen umbenannt. Die vormalige Kaiserstraße – während der Nazizeit schnöderweise vorübergehend Adolf-Hitler-Straße – bekam gleich nach Kriegsende wieder den ursprünglichen Namen zurück, wurde aber nun zu Ehren des allseits beliebten ersten Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland umgewidmet. Nili öffnet die Tür des Hauses, das sie seit der Ankunft aus Israel gemeinsam mit ihrer Mutter, Lissy Masal, und ihrer inzwischen sechsundneunzigjährigen Oma, Clarissa Keller, bewohnt. Ihr Großvater, Heiko Keller, war nach dem vierzehnjährigen Exil seiner Familie in Bolivien im Jahre 1952 gleich wieder in dieses Haus gezogen und hatte die ihm zurückerstattete Marschländer Backwarenfabrik bis wenige Jahre vor seinem plötzlichen Tod geleitet. Das noch bis zur politischen Wende in der DDR florierende Unternehmen konnte dem unlauteren Preiskampf mit den Billigbroten der Discounter- und Supermarktketten sowie den anderen, überall wuchernden neuen Bäckereiverkaufsstellen irgendwann nicht mehr standhalten. Der redliche Bäckergeselle und Kaufmann Heiko Keller weigerte sich, die stets hohe Qualität seiner Erzeugnisse den ruinösen Preispraktiken des Wettbewerbs zu opfern. Schweren Herzens gab er endlich auf: Die traditionsreiche Marschländer Backwarenfabrik (Tadeusz Rembowski Nachfolger – gegr. 1905) wechselte in die Hände eines Düsseldorfer Großbäckereikonzerns. Es dauerte nicht lange, bis dieser die gesamte Fabrikation aus Oldenmoor nach Thüringen verlagerte und die altehrwürdigen Fabrikgebäude abgerissen wurden. Auf dem umfangreichen Gelände in der Deichstraße entstanden danach neue Wohn- und Geschäftshäuser.

„Nili, eres tú? – Bist du es?“ Mit ihrer Großmutter Clarissa, die gerade fragend an der Küchentür erscheint, ebenso wie mit ihrer Mutter spricht Nili immer Spanisch, um ihre Kenntnisse in dieser Sprache aufrechtzuerhalten. Wenn ihre Mutter Lissy sich mit ihr allein unterhält, tun sie dies allerdings meistens auf Iwrith. Liebevoll betrachtet Nili ihre Großmama. Sie gehört zu jenen selten begnadeten Menschen, deren Gene trotz einiger Gesichtsfalten ihre in der Jugend gewesene Schönheit bis ins hohe Alter erahnen lassen. „Sí, abuelita, soy yo!“, bestätigt Nili, geht auf die alte Dame zu und umarmt sie liebevoll. „Ist die Mami noch nicht zu Hause?“, fragt sie und blickt auf die Armbanduhr. „Es ist ja schon fast halb sieben.“ In diesem Augenblick hören sie den Dieselmotor des Taro Pickup, den Lissy gerade hinter Nilis Polo abstellt.

Nili öffnet ihrer Mutter die Tür. „Shalom, Habibi, willkommen zu Hause!“

Mutter und Tochter fallen sich in die Arme. „Puh, Ima, welch ein apartes Hühnerparfüm!“ Nili rümpft die Nase und macht eine ulkige Grimasse.

„Schon gut, schon gut, ich geh ja gleich unter die Dusche! Was gibt es Gutes zum Abendessen?“, fragt Lissy. „Es duftet so verdächtig verführerisch aus der Küche.“ Sie nimmt auch Oma Clarissa liebevoll in die Arme.

„Überraschung! Wird nicht verraten!“

Wenig später sitzen die drei Generationen gemeinsam am Esszimmertisch und verspeisen genüsslich einige der heiß duftenden Humintas, die Clarissa aus dem Backofen gezaubert hat. Die beliebten Kuchen aus Maisbrei und Frischkäse, in Deckblätter von Maiskolben gewickelt und gebacken – das Rezept hat Clarissa aus Bolivien mitgebracht –, sind ein immer wieder willkommener Menüklassiker des Hauses.

„Als ich heute beim Einkaufen im Rewe-Markt die verlockend frischen Maiskolben in ihre grünen Chalas eingewickelt sah, konnte ich nicht an mich halten. Ich musste an unsere liebe Köchin Panchita denken, die uns doch so oft mit dieser Köstlichkeit verwöhnt hat. Erinnerst du dich noch, Lissy? Was wohl aus ihr und unserer schönen Villa in Sopocachi geworden sein mag?“ Es folgt ein tiefer Seufzer.

„Lass man, Mami, wollen wir hoffen, es geht ihr gut, ja?“

Sehr oft, vor allem seit sie ihren geliebten Ehemann Heiko, den sie alle den Deichkater genannt hatten, vor einigen Jahren verlor, schwelgt Clarissa meist in ihren Erinnerungen. Viel Zeit verbringt sie neuerdings beim Lesen ihrer ihr so teuren Tagebücher, inzwischen etwa dreißig an der Zahl, in denen sie akkurat die Geschehnisse und die intimsten Gedanken seit ihrer frühen Jugend festgehalten hat.

„Heute hatten wir einen ziemlich schaurigen Einsatztag“, bemerkt Nili, um ihre Omi von ihrem trübseligen Nachsinnen abzulenken. Sie skizziert in groben Umrissen, was auf dem weit abgelegenen Bauernhof vorgefallen ist. Ihre beiden Zuhörerinnen sind entsetzt. „Wie furchtbar, die armen Frauen! Wer tut nur so etwas?“

Nili wälzt sich unruhig von der einen zur anderen Seite. Während der gesamten Nacht hat sie schlimme Träume gehabt und immer wieder kommen ihr die verkohlten Leichen in den Sinn. Eigentlich ist ja heute Samstag, sie könnte doch länger schlafen. Sie schaut zum Wecker: sieben Uhr! Dennoch beschließt sie aufzustehen, geht ins Badezimmer, putzt sich die Zähne. Nach einer kurzen Katzenwäsche fasst sie die Haare mit einem Gummiband zum Pferdeschwanz zusammen und schlüpft in ihren Jogginganzug. Als sie ihre Laufschuhe angezogen hat, schleicht sie sich leise aus der Haustür und trottet die noch menschenleere Straße entlang. Die frische Morgenluft tut ihr gut und die körperliche Anstrengung vertreibt schon bald den finsteren Nachtnebel aus ihren Gedanken. Nach etwa einer Viertelstunde erreicht sie eine der Landstraßen, die aus Oldenmoor hinausführen, und läuft gleichmäßig auf dem Fahrradweg neben der zu dieser frühen Morgenstunde fast unbefahrenen Autostraße. Als sie an der Auffahrt zum Holstenhof angelangt ist, biegt sie in diese ein, verlangsamt das Lauftempo und macht gleichzeitig tiefe Atemübungen mit weit kreisenden Armen. Kurz bevor sie an das Haus kommt, öffnet sich die Tür und ihr Onkel Oliver, der Bruder ihrer Mutter, kommt ihr mit einem freudigen Lächeln entgegen. „Hola, Nili, que sorpresa tan linda“, begrüßt er sie. „Welch schöne Überraschung schon zu so früher Stunde! Du kommst gerade recht zum Frühstück!“

„Hi, Onkel Oliver, prima! Darf ich aber erst einmal kurz unter die Dusche, ich bin total verschwitzt!“

Wenig später sitzt die Großfamilie in der geräumigen Wohnküche. Das sind zum einen der mit seinen siebenundsiebzig Jahren noch sehr kernig erscheinende Onkel und seine daneben sitzende Gattin, Tante Emma-Martha – auch Madde genannt. Sie ist, ebenso wie Nilis Mutter Lissy, zwei Jahre jünger als er, im Gegensatz zu Lissy allerdings ziemlich korpulent. Zum anderen sind das zwei ihrer drei Kinder: Hans-Peter und der Nachkömmling Oskar, den Onkel Oliver spaßig als seinen „selbstgemachten Enkel“ bezeichnet. Die Tochter, Annette, ist schon vor Jahren ausgezogen und wohnt in Berlin. Nilis Onkel Oliver hat sich vor zwei Jahren auf das Altenteil zurückgezogen. Sein ältester Sohn Hans-Peter, der ihm sehr ähnlich sieht, bewirtschaftet seitdem den Holstenhof zusammen mit seiner Ehefrau Corinna. Auch sie haben drei Kinder: Steffan, Carola und Sophie. Natürlich sind alle mächtig stolz auf ihre Nichte-Cousine-Großcousine Nili, die ja so einen spannenden Beruf hat.

Oliver schneidet gerade eines der von Corinna im Backrohr aufgekrossten Brötchen auf. „Mensch Meyer, was sind dies doch für armselige Krüppel! Kein Vergleich mit unseren frischen Brötchen aus Opas Backwarenfabrik!“

„Aber wenigstens unsere eigene Butter und Käse und Oma Clarissas selbst eingekochte Erdbeermarmelade schmecken doch prima darauf, oder?“, kontert Emma-Martha lächelnd.

„Hast ja recht, Madde, dennoch, ich vermisse sie eben! Es tut mir so leid, dass mein Vater seine Backwarenfabrik wider Willen abgeben musste. Ich glaube, das hat ihn auch vorzeitig zu Tode gequält. Sonst war er doch noch fit.“

„Und da sind ja auch die leckeren Eier von Tante Lissys Hühnerhof“, kolportiert der jüngere Oskar, der gerade eines davon geköpft hat und genüsslich den knallgelben Dotterrest von seinem Messer abschleckt.

Nili greift in die Tasche ihrer Jogginghose und holt das dumpf brummende Handy hervor. „Entschuldigt, es ist Lissy!“, sagt sie, steht auf und geht zur Küchentür. „Boker tov, Ima!“, sagt sie – Guten Morgen, Mutter. Dann geht es auf Iwrith weiter. „Ja, ich bin bis zum Holstenhof gejoggt, wir sitzen alle am Frühstückstisch.“ Sie wendet sich der Gesellschaft zu: „Mutter umarmt euch alle!“

„Sag ihr, sie soll Oma Clarissa zum Mittagessen mitbringen, wir haben heute reichlich frisch gebratene Kalbsleber mit vielen Äpfeln, roten Zwiebeln und Kartoffelmus“, schlägt Madde vor.

Und Oliver meint vielsagend dazu: „Sie braucht keine Angst zu haben, es gibt davor auch ganz sicher kein Lungenhaschee!“

Schmunzelnd gibt Nili die Information weiter. „Also gut, dann bis um zwölf, wie bi de Buurn gang un geev is! Und bring mir bitte frische Unterwäsche mit! Bis dann, großer Kuss! Wiedersehen!“

„Opa, was sollte das mit dem Lungenhaschee?“, fragt Carola neugierig. „Ach, liebes Kind, das ist ’ne längere Geschichte. Als Lissy und ich noch Kinder waren und auf dem Landgut Guayrapata in Bolivien, von dem ich ja schon so oft erzählt habe, unsere Schulferien verbrachten, wurde auch ab und zu eines der Kälber geschlachtet. An einem solchen Tag gab es unweigerlich das uns verhasste Lungenhaschee, eine Speise, die ihr gottlob nicht kennt – da habt ihr auch wirklich nichts versäumt! Jedenfalls mussten wir immer erst diesen ekligen Brei verdrücken, denn sonst gab es keine gebratene Leber, die wir doch so sehr mochten.“

Als alle satt sind, erhebt sich allmählich einer nach dem anderen vom Frühstückstisch, ein jeder hilft ein wenig beim Abräumen. Oliver und Nili bleiben mit ihren noch halb vollen Kaffeebechern sitzen.

„Und? Alles in Ordnung auf dem Holstenhof?“, fragt Nili.

„Ach ja, eigentlich schon. Die Milchquoten, die uns aus Brüssel vorgeschrieben werden, machen uns allerdings zu schaffen. Wir haben deshalb vor einem halben Jahr angefangen, die Überschüsse, die uns die Meierei nicht abnimmt, selbst zu verarbeiten und hier im Umkreis direkt zu vermarkten. Klappt eigentlich bestens, denn es hat sich rasch herumgesprochen, und Stefan und Carola wollen hier bald ihren eigenen Hofladen eröffnen, wir bauen dafür gerade eine der beiden Scheunen an der Auffahrt entsprechend um.“

Nili nickt zustimmend. „Finde ich ’ne prima Idee, Milch frisch von der Kuh direkt an den Verbraucher!“

„Na ja, ebenso Sahne, Butter, Frischkäse und Quark.“

„Und auch die frischen Eier aus der Bodenhaltung von Lissys Eulenhof könntet ihr verkaufen!“

So schwelgen sie eine Weile in ihren Plänen.

Plötzlich stürmt Oskar in die Wohnküche. Er hält ihnen seinen aufgeklappten Laptop hin. „Seht mal, hier ist die Nili auf der ersten Seite des Courier!“

Unter dem Titel „ZWEI FRAUEN NACH FEUER AUF EINEM BAUERNHOF TOT AUFGE-FUNDEN“ erscheint ein großes Farbfoto, auf dem hinter dem weiß-roten Polizeiabsperrband tatsächlich Nili deutlich inmitten der Einsatzleute vor dem Bauernhof zu sehen ist.

„Ach, sieh mal, hat mich also Jochen Ploog mit seinem Teleobjektiv doch noch erwischt!“ Sie hatte den Journalisten des Courier bereits bei der Anfahrt zum Tatort unter den vielen davor postierten Presseleuten bemerkt und ihm auch zugewinkt. Als sie aber später bemerkte, dass die Presseleute anfingen, Fotos zu machen, versuchte sie sich so gut es ging abzuwenden. Das war ihr wohl nicht ganz gelungen! Unter dem Foto ist ein magerer Bericht über das wenige zu lesen, das der zuständige Staatsanwalt Pepperkorn gegenüber der Presse verlauten ließ, nämlich dass die Polizei mehrere viel versprechende, heiße Spuren verfolge.

Die Nachricht über Nilis Foto in der Zeitung breitet sich wie ein Lauffeuer im Holstenhof aus. Bald sind alle wieder in der Wohnküche versammelt und bedrängen Nili, ihnen doch alles zu erzählen, was sie weiß.

„Tut mir ja so leid, ihr Lieben, aber viel mehr als das, was in der Zeitung steht, darf ich nicht erzählen, sonst krieg ich ’nen riesigen Zoff mit meinem Chef, okay?“

„Weißt du schon, wer der böse Mörder ist?“, fragt Sophie, die Jüngste im Kreise.

„Nein, leider noch nicht, aber wir haben so viele gute Hinweise auf die Täter und können deswegen hoffen, sie bald auszumachen.“

„Ach, dann sind es wohl mehrere, nicht wahr?“, folgert Oskar.

„Bist ganz schoin plietsch, mien Jung!“, bewundert ihn Nili und streicht liebevoll über seine strohblonden Haare.

4. Vernehmung

Die ganze vergangene Woche, die ich in Kiel verbringen musste, war sehr anstrengend, und es war mühsam, aus den beiden festgenommenen – der Vorschriften halber muss man hierzulande bis zur endgültigen Überführung etwaiger Delinquenten unbedingt die drollige Bezeichnung „mutmaßlichen“ voranfügen – Drogendealern und der Mörderbande etwas Brauchbares herauszubekommen, vermerkt Nili in ihrem Tagebuch. Nachdem Oma Clarissa früher häufiger aus ihren Tagebüchern vorgelesen und Nili so viele interessante Begebenheiten aus der Familiengeschichte, aber auch von den ereignisreichen Tagen der Flucht aus Nazi-Deutschland und aus dem bolivianischen Exil der Großeltern, ihrer Mutter Lissy und Onkel Oliver erfahren hatte, regte sie dies ungemein an, diesem Beispiel Folge zu leisten. So begann sie in ihrem ersten Jahr am Hamburger Gymnasium damit und hielt in unregelmäßigen Abständen immer diejenigen Erlebnisse fest, die ihr bedeutend und erwähnenswert erschienen. Nach Antritt ihrer polizeilichen Karriere in Hamburg und vor allem wegen ihres unglücklich verlaufenen und abrupt beendeten Liebesverhältnisses mit einem vielversprechenden Pianisten hatte sie dies für längere Zeit unterbrochen. Als sie vor drei Jahren zur Kriminaloberkommissarin befördert worden und dann auch nach Oldenmoor zurückgekommen war, nahm sie sich fest vor, das Tagebuchschreiben wieder mit größerer Regelmäßigkeit aufzunehmen. Seitdem hält sie vor allem jene interessantesten Fälle schriftlich fest, mit denen sie in Berührung kommt. Allerdings tut sie dies nicht handschriftlich wie früher, sondern tippt ihre Aufzeichnungen auf der Tastatur ihres Laptops und speichert die Texte auf einer eigens dafür bestimmten und zur sicheren Aufbewahrung getrennten Festplatte.

Als Hauke und ich uns im Gebäude der Bezirkskriminalinspektion Blumenstraße beim Dienststellenleiter, dem Ersten Kriminalhauptkommissar Harald Sierck, und seinen beiden Mitarbeitern, den Kriminaloberkommissaren Sascha Breiholz und Steffi Hink, meldeten, war auch der Kieler Oberstaatsanwalt, Dr. Hinrich Harmsen, zugegen. Nachdem sich alle gegenseitig vorgestellt hatten, gab es eine umfassende Lagebesprechung, die von Waldi Mohr, der ein wenig später dazugestoßen war, geleitet wurde. Jeder Anwesende trug sein Teilwissen zu dem umfangreichen und sehr verzwickten Fall vor. Sascha und Steffi berichteten von dem tot aufgefundenen Ralph Westphal. Der Obduktionsbericht von Professor Kramm wurde vorgelesen; daraus ergab sich definitiv eine erhöhte Kokaindosis mit ungewöhnlich hoher Reinheit der Droge als Ursache für dessen Tod durch Herzversagen. Außerdem gab es deutliche DNA-Spuren auf der Kleidung des Toten, die auf wenige Stunden zuvor stattgefundenen Geschlechtsverkehr hinweisen. Wäre da nicht die kurz darauf erfolgte Festnahme der als hochgradig verdächtig eingestuften Drogenbande erfolgt und eine sehr wahrscheinliche Verwicklung wegen des Kontakts von mindestens zwei ihrer Dealer mit dem Toten gegeben, hätte man keine Handhabe zur Verfolgung eines vermeintlichen Tötungsdeliktes gehabt. Es war mein Hinweis über den Abstellort von Ralphs Fahrrad am Lübecker Hauptbahnhof, der die Spur zu der Drogenbande und letztendlich zu ihrer Festnahme führte. Die DNA wurde inzwischen identifiziert und wies eindeutig auf die festgenommene junge Palästinenserin hin. Hauke Steffens und ich berichteten von dem erfolgten Einbruch mit Fahrzeugdiebstahl, der nach Auffinden der beiden ermordeten und danach verbrannten Frauen in der Nähe Oldenmoors zufälligerweise zwei anderen Mitgliedern derselben Bande aufgrund der an diesem Tatort gesicherten Reifenspuren und Fingerabdrücke zweifelsfrei zugeordnet werden konnten. Auch die beiden Morde und die Brandlegung auf dem Bauernhof gingen auf das Konto der zwei Russen, denn die danach anlässlich der Kieler Razzia gefundene Makarov-Pistole trug die Fingerabdrücke des einen und konnte von der Ballistik zweifelsfrei dem in einem der Totenschädel gefundenen 9 mm-Geschoss zugeordnet werden. Schmauchspuren auf seiner Kleidung verdichteten dieses Indiz. Auch eindeutige Spuren von Superbenzin, das als Brandbeschleuniger verwendet wurde, hafteten an der Kleidung beider Verdächtigen. Oberstaatsanwalt Harmsen dankte uns allen für die gute Arbeit und äußerte sich über das zustande gekommene Resümee sehr zufrieden. Die zusammengetragenen Indizien reichten wohl für eine Anklage der beiden Russen wegen Einbruchs, Autodiebstahls und Mordes aus. Natürlich konnten auch die von Waldi Mohr aufgelisteten Funde an Drogen, Geld und Waffen im Versteck der Drogenbande zweifelsfrei all deren Mitgliedern zur Last gelegt werden. Schwieriger sei es allerdings – ohne eindeutige Geständnisse der Täter –, deren Verwicklung in einen willig herbeigeführten Tod des Ralph Westphal nachzuweisen. „Das ist wohl Ihre nächste Aufgabe, Frau Oberkommissarin Masal. Wie ich höre, besitzen Sie wertvolle Sprachkenntnisse, um vielleicht zwei der Festgenommenen zum Reden zu bringen. Vor allem wollen wir auch herausfinden, wer der festgenommene Lateinamerikaner wirklich ist und wie er in die Angelegenheit verwickelt ist. Fangen Sie am besten mit diesem Kerl an, lassen wir die Frau noch ein wenig schmoren. Sie dürften an diese schon wegen ihrer sie belastenden DNA an Westphals Kleidung sowieso leichter herankommen. Versuchen Sie es, viel Glück dabei!“

***

„Buenos días, Señor impostor4 Alejandro Vazques!“

Nili ist gleich nach dem Mittagessen zusammen mit Hauke Steffens in die Untersuchungshaftanstalt in der Faeschstraße gefahren. Sie haben dort ihre Berechtigungsformulare zur Vernehmung der zwei Festgenommenen vorgezeigt. Jetzt sitzen beide Oberkommissare erst einmal jenem sogenannten Alejandro Vazques gegenüber. „Sabemos que tu no te llamas así y que tu pasaporte español es falso!“ Nili konfrontiert ihn mit ihren Erkenntnissen über seinen falschen Namen und Pass. Der derart Angesprochene ist von Nilis Frontalangriff in fließendem Spanisch offensichtlich überrascht. „Damit du es weißt“, fährt Nili fort, „wir wurden inzwischen von der Guardia Civil in Las Palmas de Gran Canaria über eure letzten drei gescheiterten Operationen umfassend informiert. Im Oktober, November und Dezember letzten Jahres wurden eure Drogen-Transportsegler Liberty Belle, Meguem und Pericles von Zoll und Polizei in den kanarischen Hoheitsgewässern aufgebracht und dabei insgesamt etwas mehr als zweieinviertel Tonnen Kokain gesichert. Was für’n Pech aber auch, nicht wahr? So viele Millionen Euro futschifutschi! Deine Bosse haben sicher vor lauter Freude Luftsprünge gemacht. Dabei wurden auch sieben deiner Kumpane – Serben, Tschechen, Ukrainer und Spanier – festgenommen, der achte, nämlich du, konnte sich allerdings offensichtlich unbemerkt von Bord der Meguem abseilen und war seitdem verschwunden. Die Guardia Civil untersucht zurzeit noch, wen du auf der Kanarischen Insel Hierro bestochen hast, um dir diesen Pass zu beschaffen, denn der wurde dort ausgestellt. Also sag schon: Wer bist du und wo kommst du wirklich her? Wenn du brav mit uns kooperierst, kann dies nur zu deinem Vorteil sein, dann gibt’s Knastrabatt!“

Der Angesprochene verzieht keine Miene und wendet stumm den Blick von Nili ab.

„Na denn, auch gut, wenn du nicht reden willst! Dein Pech ist allerdings, dass wir es schon längst wissen!“ Nili wirft einen kurzen Blick auf ein Fax, auf dem auch ein Foto ihres Gegenübers zu erkennen ist. „Du bist also Francisco José Villegas, geboren in Cali, Colombia, am 24. Dezember 1982, bei deinen intimen Amigos besser bekannt als Paco-Pepe. Diesmal aber gelang es uns durch einen riesen Zufall, jenen allseitig gesuchten, berüchtigten Transportstrategen und einfallsreichen Organisator für den Versand und Kokainhandel in Europa zu fangen. In deinen Kreisen wirst du nicht zuletzt auch ‚El Genio‘5 genannt, weil du trotz beharrlicher Verfolgung immer wieder wie ein Geist entkommen bist und dich wie in Rauch aufgelöst hast. Du bist also jenes sagenhafte Phantom, das uns endlich ins Netz gegangen ist. Wie in Aladins Märchen geschehen, wird nun dieser Geist in eine Flasche mit dichtem Korken gesteckt, aus der er für sehr, sehr lange Zeit nicht mehr entkommen kann! Wunderst dich wohl, Don Paco-Pepe, woher wir das alles wissen? Nun, die spanischen Kollegen haben in deiner Koje auf der Meguem so viel aufschlussreiches Material, darunter auch deinen richtigen Pass, gefunden. Dies alles reicht bei uns, um dich für mindestens fünfzehn Jahre ins Kittchen zu stecken, vielleicht aber schieben wir dich schon nach drei Jahren in die USA ab, wo dir weitere fünfzig oder sechzig Jahre blühen, weil die Amis ja ganz besonders scharf auf dich sind. Oder vielleicht doch lieber nach Kolumbien? Was dich dort erwarten mag, kannst du dir selbst am besten ausmalen!“

Villegas gibt sich noch immer ungerührt. Nili steht vom Vernehmungstisch auf und macht eine Geste in Richtung Hauke. „Komm, wir gehen! Ciao, du Genie Paco-Pepe. Süße Träume!“ Bevor Nili dazu kommt, an die Tür zu klopfen, um aus dem verschlossenen Sicherheitsraum herausgelassen zu werden, verlautet es sehr leise: „Un momentito, por favor, Señorita Comisaria!“

Als hätte er sich plötzlich verwandelt, sprudelte es geradezu aus Villegas heraus, so als wollte er jetzt mit einem Mal seine gesamte Last an Missetaten loswerden. Ich gebot ihm kurz Halt und schaltete den Bandrecorder ein, um seine allumfassende Beichte festzuhalten. Er sprach zweieinhalb Stunden ohne Pause und ich brauchte danach fast zwei ganze Tage, um seine Aussage ins Deutsche zu übersetzen. Er gestand so ziemlich alles, was wir schon, und noch vieles mehr, das wir bisher nicht wussten. Dennoch hatte ich irgendwie so ein Gefühl, er halte eine ganz besonders wichtige Information zurück, die er keineswegs preisgeben wolle. Nachdem wir mit ihm fertig waren und seine Aussage fein säuberlich in beiden Sprachen nebeneinander protokolliert war, unterschrieb er sie, wobei er mich zum ersten Mal sonderbar anlächelte. Am nächsten Tag nahmen wir uns dann das Mädchen vor.

„Wie wollen wir uns unterhalten, Frau Massud? Auf Deutsch? Do you speak English? At medaberet Iwrith? Oder wollen Sie lieber eine arabische Dolmetscherin?“ Mit einiger Sympathie betrachtet Nili die verschüchterte junge Frau, die ihr am Vernehmungstisch in einem Jogginganzug gegenübersitzt. Die Kieler Kollegin Steffi Hink hält sich unauffällig im Hintergrund. „Deutsch is okay, so weit ich kann“, antwortet Habiba kleinlaut. Dann fragt sie plötzlich auf Iwrith: „Wieso sprichst du Iwrith? Bist du Jüdin?“

„Ja, ich bin in einem Kibutz in Israel geboren, ich heiße Nili. Und du, wo kommst du her?“

Nach einer kurzen Pause antwortet Habiba mit sehr lauter Stimme: „Ich komme ursprünglich aus Ramallah. Ich habe dort bis zur Intifada gewohnt, bis deine Polizisten meine beiden Eltern erschossen haben!“ Ihre Stimme ist voller Hass.

Mit leiser Stimme antwortet Nili: „Und ich habe am Fuße der Golanhöhen gelebt, bis deine PLO-Banditen zuerst meinen kleinen Bruder ermordet – er war erst ein Jahr alt – und später auch meinen Vater im Jom-Kippur-Krieg getötet haben. Sind wir also quitt?“

Für eine Weile herrscht Stille im Raum.

„Was kannst du mir über Ralph Westphal erzählen, den hast du doch gut gekannt?“

Bei der Erwähnung von Ralphs Namen zuckt Habiba Massud zusammen und fängt an zu schluchzen. „Ich habe ihn geliebt, habe ihn wirklich so sehr gern gehabt, das musst du mir glauben!“

Nili schiebt ihr eine Packung Papiertaschentücher hin. „Wo hast du ihn kennengelernt?“

„Im Zug, auf der Fahrt von Lübeck nach Kiel. Da hat uns, also dem Mustafa und mir, der Matti angedeutet, an wen wir uns heranmachen sollten, um erst einmal Kontakt aufzunehmen. Dann habe ich mich mit Ralph ab und zu getroffen und wir sind uns nähergekommen.“

Ein erneuter Weinkrampf schüttelt sie. „Ich wollte doch nicht, dass er stirbt, ich habe wirklich nicht gewusst, dass der Matti mir das Briefchen mit reinem Kokain untergeschoben hat, das schwöre ich bei allen Heiligen! Ich habe ihn sehr gemocht, wir hatten so schöne Stunden miteinander. Er war für mich der erste Mensch seit dem Tod meiner Familie, dem ich so nah war. Er war sehr gut zu mir, ich hätte so etwas niemals getan!“

„Du bist also keine Muslima, Habiba?“

„Nein, wir sind maronitische Christen, aber ich mache mir gar nicht viel aus der Religion. Schau doch, Nili, was bei uns zu Hause los ist! Moslems morden Juden und Christen, diese wiederum erschießen Juden und Moslems, und ihr Juden tötet Christliche und muslimische Palästinenser! Das alles im sogenannten Heiligen Land und im ehrwürdigen Namen Allahs, Jesus und weiß der Teufel, wie euer jüdischer Gott sich nennt!“

„Du hast wohl in diesem Punkt nicht ganz unrecht, Habiba, auch ich bin deswegen seit jeher konfessionslos.“ Nach einer Pause setzt Nili nach: „Was glaubst du, warum hat Matti dir eine tödliche Dosis Kokain für Ralph zugesteckt? Kann es ein Irrtum gewesen sein oder glaubst du, er hat es mit Absicht getan?“

Habiba antwortet nicht gleich. „Er darf niemals erfahren, dass ich das überhaupt gesagt habe, er würde mich von dem Russen erschießen lassen!“

„Du brauchst dir deswegen keine Sorgen zu machen, Habiba, die gesamte Bande verschwindet mit Sicherheit für viele Jahre hinter Gittern.“

„Ach, Nili, du ahnst ja nicht, wie dieses ganze Spinnenwerk organsiert ist. Da sind noch so viele andere, die ich auch nicht kenne, aber ich weiß ganz genau, dass es sie gibt!“

Es ist wohl wie die Hydra der griechischen Mythologie, denkt Nili im Stillen. Schlägst du dem Ungeheuer einen Kopf ab, wachsen ihm drei neue nach! Da schafft es heute auch kein Herakles mehr, sie zu besiegen.

„Also Irrtum oder Absicht?“

„Von Anfang an, als ich zur Bande stieß, war der Matti scharf auf mich. Er versuchte einige Male, mir an die Wäsche zu gehen. Ich möchte diesen widerlichen Kerl nicht, habe mich auch dagegen gewehrt, aber er war nun mal der Boss und ich hatte keine andere Möglichkeit, als mich in seiner Gang einzuordnen, weil ich doch hier illegal war. Er hat vielleicht mitgekriegt, dass ich etwas mit Ralph angefangen hatte, und war eifersüchtig, kann sein. Als ich dann Nachschub holte, gab er mir jenes Briefchen mit dem ausdrücklichen Hinweis, er sei nur für Ralph bestimmt. ‚Für niemand anderen, verstehst du, Habiba?‘, hat er betont. Also ja, ich muss deshalb glauben, dass er es mit Absicht getan hat!“

„Wärst du bereit, dies auch vor Gericht auszusagen?“, fragt Nili mit einem vielsagenden Blick in die Kamera in der Ecke des Verhörraumes, die diese Vernehmung unauffällig in den Monitorraum überträgt, wo sie aufgezeichnet wird.

Habiba ist unsicher und fragt: „Wie könnt ihr mich denn schützen und was passiert jetzt mit mir? Werde ich angeklagt und verurteilt und muss ins Gefängnis? Ich bin doch unschuldig an Ralphs Tod! Oder werde ich einfach abgeschoben – was wird aus mir?“

„Ich werde für dich bei unserem Oberstaatsanwalt ein gutes Wort einlegen, Habiba. Wenn du bereit bist, all dies, was du mir jetzt erzählt hast, bei der Gerichtsverhandlung gegenüber dem Richter zu wiederholen, bin ich sicher, dass dich ein mildes Urteil erwartet. Du solltest aber auf jedem Fall sofort einen Asylantrag stellen, dann gibt es vielleicht für dich eine Chance auf Duldung und Bleiberecht.“

„Beseder – in Ordnung, Nili, ich vertraue dir, werde aber nur dann etwas erzählen, wenn du dabei bist und dem Richter alles genau übersetzt. Kannst du mir das versprechen?“

„Ich gebe dir mein Wort, sei beruhigt. Aber noch etwas möchte ich gern von dir erfahren: Wie bist du überhaupt hierhergekommen?“

„Nach dem Tod meiner Eltern wohnte ich zunächst bei meiner Tante, die ist Libanesin. Dann zogen wir nach Beirut und blieben einige Wochen bei ihren Angehörigen. Plötzlich ging der Krieg auch dort wieder los. Wie ich schon sagte, Christen schießen auf Moslems und diese zurück auf die Christen. Einer meiner Cousins schlug vor, nach Europa zu fliehen, damit wir endlich aus dieser Scheiße herauskommen. Er bezahlte achttausend Euro an eine Schlepperbande, die uns in einem verrosteten Kahn über das Mittelmeer in fast drei Wochen Fahrt bei Sturm, Hunger und Durst hinüber nach Spanien brachte. Es grenzt an ein Wunder, dass das marode Schiff nicht untergegangen ist. Als die spanische Guardia Civil unser Boot aufbrachte, sprangen einige Flüchtlinge über Bord, darunter auch mein Vetter, der dabei ertrank. Als wir an Land kamen, wurden wir eingesperrt. Im Camp lernte ich einen algerischen Typen namens Jussuf kennen. Der hatte wohl Verbindung zu Mattis Bande, denn er organsierte meine Flucht aus dem Lager sowie meine Weiterreise in einem Früchtetransport-Lastzug von Murcia bis nach Hamburg. Ich war zusammen mit einer Kokainsendung hinter einigen Apfelsinenkisten versteckt. Der eine Russe, Jiri, holte mich am Hamburger Großmarkt ab und brachte mich nach Kiel. Matti nahm mir sofort meinen Dschawatz safar – meinen palästinensischen Reisepass – weg. Man brachte mir einige Worte auf Deutsch bei, dann wurde ich mit Mustafa losgeschickt und musste Drogenkunden unter den Jugendlichen an den Schulen suchen und sie – wie auch immer – zum Kauf animieren. Später begann Matti mit der gezielten Suche nach potenziellen Opfern in den Regionalzügen, in denen man gleichzeitig Schüler und Studenten traf. Den Rest kennt ihr ja bereits.“

„Ja, Habiba. Auch deinen Pass haben wir bei der Razzia sichergestellt, daraus erfuhren wir deinen Namen.“

***

Es war eine sehr erschütternde Geschichte, die wir von Habiba zu hören bekamen. Sie hat mich tief berührt.

Auch ihre Aussage habe ich wörtlich ins Deutsche übersetzt, dann konnte sie diese unterzeichnen. Viele Menschen hier beklagen, dass immer mehr Flüchtlinge zu uns nach Europa kommen, wider alle Hindernisse, die man ihnen in den Weg stellt. Wenn diese missbilligenden Wesen nur ein paar Tage lang am eigenen Leib all das fühlen würden, was diese vom Schicksal schwer geschlagenen Menschen in ihrer Heimat erdulden und durchmachen mussten, hätten sie vielleicht ein Quäntchen mehr Verständnis und Mitgefühl für deren hoffnungslose Lage. Uns hier geht es so verdammt gut, aber ich weiß ja, wir können nicht die ganze arme Welt bei uns aufnehmen! Dennoch, eine immer stärker zunehmende Anzahl dieser Verzweifelten und Verfolgten rollt unaufhaltsam auf uns zu! Zu verlieren haben die unglücklichen Habenichtse ja nicht viel mehr als nur noch ihr nacktes Leben!

Wie gelobt, bat ich um ein Gespräch mit Oberstaatsanwalt Harmsen, um für Habiba Massud ein gutes Wort einzulegen. Er versprach, mir einen kurzfristigen Termin anzuberaumen. Schon am folgenden Montag wurde die gesamte Mannschaft unserer Dienststelle zur Staatsanwaltschaft nach Kiel beordert. Kollegen aus den umliegenden Revieren übernahmen während unserer Abwesenheit den Bereitschaftsdienst.

Oberstaatsanwalt Hinrich Harmsen begrüßt alle Anwesenden aus Kiel, darunter Oberkriminalrat Bruno Westermann vom LKA und den Einsatzleiter der 5. Abteilung des SEK – dessen Name stets offiziell verschwiegen und der deshalb unter Kollegen „Kommando-Heini“ genannt wird –, Drogen-Dezernatsleiter Kriminalhauptkommissar Walter Mohr, die Kollegen der Bezirkskriminalinspektion Blumenstraße, Kriminalhauptkommissar Harald Sierck und seine beiden Mitarbeiter, die Oberkommissare Steffi Hink und Hauke Steffens. Aus Oldenmoor hinzugekommen sind Boie Hansen, Nili Masal, Sascha Breiholz und Willi Seifert.

„Herzlich willkommen, liebe Leute!“ Harms gibt sich jovial. „Zunächst herzlichen Dank an Sie alle und Glückwunsch für die hervorragende Arbeit! Durch die Verzahnung und Koordinierung unserer Einsatzkräfte mit denen von Interpol und der spanischen Guardia Civil gelang ein entscheidender Erfolg in der Bekämpfung des illegalen Drogenschmuggels und Drogenhandels, nicht nur bei uns, sondern in ganz Westeuropa. Nicht zuletzt konnten wir zudem gleichzeitig einen Dealerring hier, unmittelbar vor unserer Tür, zerschlagen! Jeder von Ihnen hat einen erheblichen Anteil an diesem Erfolg, gratuliere! Ich fasse jetzt also die wichtigsten Ergebnisse dieses Einsatzes unserer Soko zusammen:

1 Aufklärung des Einbruchs und Fahrzeugdiebstahls im Autohaus Scholz in Oldenmoor. Überführt werden durch eindeutige Indizien konnten die beiden russischen Staatsbürger Juri Wolkow und Alexei Shirjajev, wobei gegen den Zweitgenannten sogleich ein Verfahren wegen Körperverletzung anhängig ist. Besonderen Dank an Polizeimeister Breiholz, gut gemacht!

2 Aufklärung des zweifachen, heimtückischen und in Gemeinschaft ausgeführten Mordes an der achtzigjährigen Frau Karin Vogt und ihrer dreiundfünfzigjährigen Tochter Regina sowie der Brandlegung an deren Bauernhof. Auch hierfür zeichnen die beiden oben genannten Täter Juri Wolkow und Alexei Shirjajev gemäß den sie eindeutig belastenden Indizien als voll verantwortlich. Gegen die beiden genannten Personen erhebe ich, sobald die Anklageschrift vervollständigt ist, Anklage wegen der erwähnten Untaten vor dem Schwurgericht. An diesem Erfolg war die gesamte Mannschaft samt den Kollegen aus Itzehoe beteiligt.

3 Die Kieler Drogenhändlerbande um Mathias Lohse, alias Drogenmatti, wurde observiert und konnte letztendlich – dank Ihres gemeinsamen Einsatzes – mit einem Schlag dingfest gemacht werden. Auch gemessen am beachtlichen Drogen-, Geld und Waffenfund war es ein riesiger Erfolg, für den ich Ihnen allen auch im Namen unseres Innenministers sowie des Polizeipräsidenten verbindlichen Dank und Anerkennung aussprechen darf. Besonderen Dank an unseren geschätzten Leiter des Drogendezernats, Hauptkommissar Dr. Walter Mohr. Vorbildliche Arbeit, Waldi!

4 Dabei ging uns zufällig einer der meistgesuchten kolumbianischen Logistiker und Spiritus Rektor des europäischen Kokainhandels ins Netz, der Interpol bis dato immer wieder entwischen konnte: Francisco José Villegas, alias Paco-Pepe oder auch El Genio. Dieses spukende Phantom weigerte sich zunächst eisern, uns seinen echten Namen zu nennen, den wir schließlich mit Hilfe der spanischen Kollegen erfuhren. Zudem aber gebührt unserem Sprachgenie, Frau Masal, ein besonderes Lob, diesen Kerl mit viel Geschick letztendlich zum ausführlichen Geständnis in seiner eigenen spanischen Sprache gebracht zu haben. Sehr gute Arbeit, Frau Kriminaloberkommissarin!

5 Schließlich, aber dennoch besonders bedeutend: Der tragische Tod durch eine Überdosis reinen Kokains, welcher der junge Ralph Westphal zum Opfer fiel, konnte ebenfalls rein zufällig in Zusammenhang mit einer der bereits oben geschilderten Festnahmen geklärt werden. Wir standen vor dem Dilemma: War dieser Tod durch Eigenverschulden des Verstorbenen eingetreten oder hatte jemand im Hintergrund daran ‚gedreht‘? Durch ein umfassendes Geständnis der festgenommenen und noch jugendlichen Illegalen Habiba Massud aus Ramallah, das wir ebenfalls sowohl dem sprachlichen Geschick als auch dem Einfühlungsvermögen unserer geschätzten Kollegin Frau Masal zu verdanken haben, erfuhren wir die wahren Gründe dieser Tragödie. Ich habe mich beim hiesigen Rabbiner Dr. Mendel informiert und erfuhr von ihm den hierfür angebrachten Satz: ‚Kol Hakavot, giveret Masal.‘6 Als Auftraggeber des Mordes konnte durch die Aussage der unwissenden und unfreiwilligen Täterin Habiba eindeutig Mathias Lohse ausgemacht werden, der sich nun zusätzlich vor dem Schwurgericht wegen heimtückischen Mordes aus niederen Motiven zu verantworten hat. Für ihn bedeutet das sehr wahrscheinlich lebenslänglich mit einer besonderen Schwere der Schuld.“

Nachdem Hinrich Harmsen die Versammlung beendet hatte, lud er uns noch zu einem Glas Sekt ein und zu einigen Appetithäppchen, die – wie konnte es hier auch anders sein – mit Kieler Sprotten belegt waren. Bevor wir uns auf den Nachhauseweg machten, bat er mich kurz in sein Arbeitszimmer und fragte, was ich denn Besonderes auf dem Herzen habe. Ich erzählte, dass ich Habiba versprochen hatte, ihr bei der Gerichtsverhandlung beizustehen und ihre Aussage zu übersetzen. Und fragte ihn, ob er sich für sie verwenden könne, damit sie nicht abgeschoben werde. Harmsen wollte das Erste auf Zulässigkeit bei Gericht prüfen. „Machen Sie sich aber bitte keine größere Hoffnung auf ein Bleiberecht. Bis zur Gerichtsverhandlung besitzt sie selbstverständlich Zeugenschutz. Wegen ihrer willigen Kooperation und Aussage werde ich als Ankläger dem Gericht vorschlagen, gegen sie nur ein mildes Urteil wegen Drogenhandels zu verhängen, da sie offensichtlich dazu gezwungen wurde. Ernster sieht es natürlich im Falle des Totschlags an Ralph Westphal aus. Ich kann für sie nur hoffen, dass sie einen geschickten Verteidiger bekommt, der das Gericht milde stimmt. Ich persönlich hätte nichts dagegen. Aber ob ihr nach Verbüßung ihrer eventuellen Haftstrafe hier eine Aufenthaltsgenehmigung erteilt werden kann, halte ich für äußerst fraglich. Selbst wenn, was soll hier aus ihr werden, ohne Ausbildung und Verwandte? Machen wir uns nichts vor: Wenn sie wieder frei herumläuft, geht sie sicherlich den Übeltätern erneut ins Netz!“

„Ich hätte da eine Idee, Herr Oberstaatsanwalt: Meine Mutter bewirtschaftet in Oldenmoor einen größeren Geflügelhof und könnte sehr gut eine Helferin gebrauchen. Auch sie spricht perfekt Iwrith. Wir könnten sie als Bewährungshelferin gewinnen. Und meine Oma, obwohl schon 96 Jahre alt, war Lehrerin und würde Habiba sicherlich gern die deutsche Sprache beibringen, wenn ich sie darum bitte.“

Er könne mir jetzt nichts versprechen, man müsse zunächst einmal das Ergebnis der Gerichtsverhandlung abwarten. Jedenfalls hielt er meine Vorschläge für akzeptabel, man werde sehen. Auch er habe noch ein besonderes Anliegen an mich, er käme aber erst in Kürze darauf zurück, sobald es spruchreif sei. Um was es sich dabei genau handelt, wollte er mir jetzt noch nicht verraten. Danach fuhr ich nicht mit meinen Kollegen zurück nach Oldenmoor, sondern ließ mich vor Melanie Westphals Haus absetzen und konnte ihr und ihren Eltern alles umfassend berichten.

Tage später findet in aller Stille die Beisetzung von Ralph Westphals sterblichen Resten auf dem Urnenfriedhof am Eichhof statt. Außer den engsten Familienmitgliedern sind nur Nili und Walter Mohr anwesend. Nachdem die Urne in der Erde versenkt wurde und die Trauernden den Eltern und der Schwester noch einmal die Hände gedrückt haben, gehen sie gemächlich auseinander. Auf ein Trauermahl hat man absichtlich verzichtet.

Als Nili gedankenversunken neben Waldi zum Auto geht, fasst er sie plötzlich an der Hand und zeigt mit dem Kopf in Richtung einer nahe gelegenen, dichten Hecke. Schemenhaft dahinter verborgen kann sie Habiba Massud ausmachen, die zwischen zwei Justizbeamten in Zivil schluchzend das verweinte Gesicht mit ihren Händen bedeckt, die beidseitig an ihre Bewacher gefesselt sind.

5. Strukturreform

Nach den vorangegangenen sehr turbulenten und ereignisreichen Wochen ist im meist verträumten Idyll Oldenmoors wieder jene an Langeweile grenzende Ruhe eingekehrt, die den kleineren Städten im norddeutschen Flachland so eigen ist, diese aber deswegen nicht weniger liebenswert und charmant macht. Die braven Leute gehen ihrem gemütlichen, gewohnten Alltag nach. Auch die kriminellen Handlungen befinden sich wieder auf einem niedrigen Niveau. Hier mal ein gestohlenes Fahrrad, dort der Einbruch im Casino des Sportvereins, bei dem einem der Täter das Portmonee mit seinem Führerschein aus der Tasche fiel, sodass beide Ganoven schon am nächsten Tag dingfest gemacht werden konnten. Hüben eine Prügelei zwischen zwei angetrunkenen Zechern in einer der Dorfkneipen, drüben ein Verkehrsunfall mit Fahrerflucht, bei dem der drogensüchtige Verursacher noch am selben Abend in seinem Bett verhaftet werden konnte. Viel Schwerwiegenderes jedoch verursacht seit zwei Monaten Unruhe und böse Ahnungen beim Dienststellenleiter Kriminaloberkommissar Boie Hansen. Aufgeschreckt von den vom Bundestag und der Bundesregierung in Berlin ausgesprochenen Mahnungen zum Sparen und zur Schuldenminderung in der Haushaltsführung, machen nun auch das Landesparlament und der Rechnungshof gemeinsam Druck auf die Regierenden in Kiel, ihren Haushalt endlich auszugleichen, also so bald wie möglich das zu tun, was übrigens ebenso für jeden braven Bürger gilt, nämlich nicht mehr auszugeben, als sie voraussichtlich einnehmen werden. Also müssen alle Mitglieder des Kabinetts – so auch der Innenminister – sich darauf einstellen, in den nächsten Jahren mit erheblichen Etatkürzungen zu leben, aber trotzdem funktionieren zu müssen. Dies betrifft schmerzlich alle öffentlichen Einrichtungen und Dienststellen, so auch die Landespolizei, die jetzt vom Innenminister eine Strukturreform verordnet bekommen hat.

„So’n Shiet aber ock! Bedüht toon End, mannig mehr Arbeit för weniger Lüüt!“, stöhnt Hansen laut vor sich hin beim Lesen dessen, was ihm heute die interne Post aus dem Ministerium auf dem Dienstwege beschert. Polizeimeister Willi Seifert sitzt am Schreibtisch der Telefonzentrale. Im Hintergrund ist ganz leise gelegentlich der monotone Wortwechsel des Polizeifunks zu hören. „Wat is’n los, Chef?“

„Mannomannomann! Is tom rammdösig warn, all dat, wat heer unser Dienstherr mit sien pupsigen Strukturreform uns da verklamüstern deit!“

„Ach so, Chef, ich habe auch schon etwas darüber in der Zeitung gelesen, aber ist es denn so schlimm?“

Wortlos reicht Hansen seinem Mitarbeiter den zehn Seiten langen Text. Dieser liest ihn sehr aufmerksam durch. „Is ja wirklich ein Katalog der Grausamkeiten, wie soll da noch ordentliche Polizeiarbeit nah am Bürger geleistet werden?“

Boie Hansen mokiert sich: „Wie heit dat noch bi uns so schoin? ‚Wer Dag för Dag sien Arbeit deit un jümmers op’n Posten steiht, un deit dat goot un deit dat geern, de dröfft sik ok mal amüseern!‘7 Wer shall sick mit soon Shiet aber ok amüseern? Ick nich!“

Nach einer Weile meint Willi Seifert: „Nun, aber viel Genaues steht nun wieder nicht in dem ganzen Palaver! Zum Beispiel, was genau passiert jetzt mit uns hier in Oldenmoor?“

„Da kann ich dir etwas verraten, Kumpel!“ Oberkommissar Hauke Steffens betritt soeben den Raum. „Ich habe mich gerade mit den Itzehoer Kollegen Steenfatt und Wildemann unterhalten. Die wurden von ihrem Chef Hein Gröhl – Verzeihung, ich meine natürlich Oberkriminalrat Stöver – beauftragt, im Kreis Steinburg herumzufahren und in sämtlichen Dienststellen – wie heißt es noch mal“, er blickt rasch auf einen Zettel, den er aus der Tasche herausfischt, „hab ich mir notiert. Hier steht’s: den genauen gegenwärtigen Personal- und Ausrüstungsbestand aufzunehmen. Die sollen bei uns alles durchwühlen, damit es dann von gehobener Stelle irgendwie neu zusammengewürfelt beziehungsweise entsorgt wird.“

„Ja, so steht’s auch sinngemäß in diesem Memo des Innenministeriums“, kolportiert seufzend Boie Hansen. „Heißt auf gut Deutsch, Dienststellen auseinanderreißen oder zusammenfügen, einige schließen. Die jüngeren Mitarbeiter werden hier- und dorthin verteilt, offene Planstellen werden nicht mehr besetzt, und wir, die Alten, dürfen in den wohlverdienten Ruhestand. Amen!“

„Was anderes“, sagt Steffens. „Wo ist eigentlich unsere Nili?“

Oberstaatsanwalt Hinrich Harmsen begrüßt die Besucherin am Eingang seines Amtszimmers betont höflich und bittet sie einzutreten. „Danke, dass Sie so schnell meiner Einladung folgen konnten, Frau Kriminaloberkommissarin. Nehmen Sie doch bitte dort drüben Platz. Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten, einen Kaffee oder ein Wasser?“

Nili folgt Harmsens Andeutung und setzt sich an den länglichen Besprechungstisch, an dessen Stirnseite sich ebenso der Oberstaatsanwalt an seinem Arbeitsplatz niederlässt. „Sehr freundlich, Herr Oberstaatsanwalt, ich nehme gern einen Milchkaffee und ein Glas Wasser, wenn es keine Umstände macht.“

Harmsen bestellt die Getränke am Telefon. „Ich habe Sie aus zwei Gründen hergebeten, verehrte Frau Masal“, lässt Harmsen verlauten, nachdem seine Vorzimmerdame die Bestellung hereingebracht hat. „Zunächst wäre da zu besprechen, wie es mit Ihrer persönlichen Karriere weitergehen soll, da ja in Kürze größere Strukturveränderungen des gesamten Landespolizeiapparates bevorstehen.“

„Ja, Herr Harmsen, natürlich habe ich davon in der Presse gelesen, bisher konnte ich aber noch nichts Genaueres erfahren. Können Sie mir vielleicht etwas mehr darüber mitteilen?“

„Nun ja, so, wie es im Moment aussieht, werden – wie im ganzen Land Schleswig-Holstein – auch im Kreis Steinburg einige Polizeidienststellen entweder an einem Ort zusammengefügt oder verkleinert. Dabei sollen die oberen Dienstgrade, soweit sie nicht in absehbarer Zeit sowieso aus Altersgründen in den Ruhestand gehen, an einem zentralen Ort zu effektiveren Einheiten gebündelt werden. So wird zum Beispiel die gesamte Kriminalpolizei in Ihrem Landkreis am Standort Itzehoe zusammengefasst werden, anstatt wie bisher vereinzelt von den einzelnen Polizeistationen aus zu operieren.“

„Mit anderen Worten, unsere Oldenmoorer Polizeistation wird wohl verschwinden, oder?“

Harmsen wirft einen Blick auf den Monitor seines Computers. „Nicht ganz, nicht ganz.“ Er dreht den Bildschirm herum, sodass auch Nili einen Blick darauf werfen kann. „Diese Dienststelle wird aber verkleinert. KHK Boie Hansen bleibt noch bis zu seiner Pensionierung Ende des nächsten Jahres zusammen mit zwei Polizeimeistern mit einem Streifenwagen sowie einem Beamtenanwärter vor Ort. Kriminaloberkommissar Willi Seifert und Sie sollen gemäß der Planung zur Kripo nach Itzehoe versetzt werden.“

Nili fühlt eine plötzliche Leere im Leib. Darfst also deinem geliebten Motorrad Adieu sagen, Kollege Willi, sinniert sie nebenbei. Der Gedanke, ihren lieb gewonnenen und wohnungsnahen Arbeitsplatz auf einmal von Oldenmoor nach Itzehoe verlagern zu müssen, bereitet ihr ein unwohles Gefühl. Zudem ist ihr – und nicht nur ihr – der dortige Leiter, Kriminaloberrat Heinrich Stöver, außerordentlich unsympathisch. Nicht umsonst nennen ihn seine Untergebenen wegen seiner stets üblen Laune und der cholerischen Ausbrüche hinterrücks „Hein Gröhl“.

Harmsen hat sie während der kurzen Denkpause aufmerksam beobachtet. Ihm ist Nilis offensichtliche Missstimmung als Reaktion auf seine Ausführungen nicht entgangen. „Also, Frau Masal, Sie brauchen keine Trübsal zu blasen. Was Sie persönlich betrifft, haben wir Ihnen einen besonderen Vorschlag für Ihre zukünftige Tätigkeit zu machen. Ihre wertvolle Mitarbeit bei der Aufklärung des Falles Westphal und vor allem Ihr besonderes Geschick beim Verhör der beiden Schlüsselverdächtigen, natürlich verbunden mit Ihren vortrefflichen Sprachfähigkeiten, sind bis in die obersten Kreise mit besonderer Anerkennung zur Kenntnis genommen worden. Soweit uns bekannt“, er blickt wieder auf seinen Bildschirm und betätigt die Tastatur, „sprechen Sie, natürlich neben Deutsch, auch fließend Spanisch, Neuhebräisch und Englisch, nicht wahr?“

Nili nickt.

„Deswegen wollen wir Ihre diesbezüglichen Begabungen nicht einfach im Dunklen verblühen lassen, sondern effektiver nutzen. Wir schlagen Ihnen deshalb vor, eine offene Planstelle als Hauptkommissarin in unserem Kieler Landeskriminalamt zu übernehmen. Wegen der zunehmenden Globalisierung brauchen wir dringend tüchtige Mitarbeiter, die in allen Richtungen kommunizieren und ermitteln können. Was meinen Sie dazu?“

Nili blickt ihn überrascht an. „Das kommt wirklich total unverhofft, Herr Oberstaatsanwalt. Ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll. Ja, selbstverständlich ist es für mich sehr schmeichelhaft, solch ein Angebot zu erhalten und dazu sogar noch eine Beförderung in Aussicht gestellt zu bekommen. Bedeutet es aber wohl auch, dass ich hier nach Kiel umziehen müsste?“

Harmsen schmunzelt. „Natürlich ist mir schon klar, dass dies eine große Überraschung für Sie ist. Wenn Sie grundsätzlich interessiert sein sollten – und ich hoffe dies sehr –, würde Ihr zuständiger Vorgesetzter, Kriminaldirektor Rüdiger Voss, als Leiter der Abteilung ‚Ermittlung und Auswertung‘ im Landeskriminalamt und auch stellvertretender LKA-Direktor, gern mit Ihnen weitere Einzelheiten besprechen. Wie ich hieraus ersehe, wäre für Sie eine Planstelle im Dezernat 2, SG212 – Organisierte und Rauschgiftkriminalität – vorgesehen. Das beinhaltet gleichzeitig Ihre Beförderung in absehbarer Zeit.“

Nili kann nur noch nicken, denn sie ist sprachlos.

„Machen Sie sich jetzt keinen Kopf, fahren Sie erst einmal nach Hause und überlegen Sie sich alles in Ruhe. Es werden sowieso noch einige Monate ins Land gehen, bevor diese Strukturreform greift.“

Nili will aufstehen und sich verabschieden, jedoch unterbricht sie Harmsen mit einer Geste. „Dürfte ich Sie noch um ein wenig Geduld bitten? Da ist noch etwas Wichtiges, das ich mit Ihnen besprechen wollte, liebe Frau Masal. Einen Augenblick, bitte.“ Harmsen telefoniert kurz, legt dann den Hörer auf und geht zur Tür, um eine junge Dame hereinzulassen. „Darf ich vorstellen? Meine Tochter Kathja, frisch gebackene Juristin. Frau Kriminaloberkommissarin Masal, von der ich dir bereits erzählt habe.“

Die beiden jungen Frauen geben sich freundlich lächelnd die Hand. Die Ende zwanzigjährige Kathja Harmsen ist eine äußerst sympathisch wirkende, schlanke und brünette Erscheinung mit einem jugendlichen und erfrischenden Ausdruck im Gesicht.

„Auch etwas zu trinken, Kitt? Und darf es noch etwas für Sie sein, Frau Masal?“

Nili verneint dankend, Kathja bekommt ein Glas Orangensaft.

„Also, in medias res!“ Harmsen blickt von der einen zur anderen Dame, die links und rechts an seinem Arbeitstisch sitzen. „Meine Tochter hat vor Kurzem ihr erstes Staatsexamen an der hiesigen Rechtswissenschaftlichen Fakultät sehr erfolgreich abgelegt. Sie möchte gern gleich anschließend ihre Promotion in Angriff nehmen. Ihr Doktorvater, der renommierte Jurist Professor Doktor Traube, schlug ihr als Thema für ihre Dissertation – berichtige mich bitte, Kitt, wenn ich etwas Falsches sage – Folgendes vor: ‚Der Schmugglerweg des Kokains bis in die EU‘. Stimmt’s?“

„Na ja, Papi, so in etwa“, bestätigt seine Tochter. „Darf ich weiter erzählen?“

Harmsen nickt ihr zu.

Kann seinen Vaterstolz nicht verhehlen, denkt sich Nili amüsiert.

„Also, es ist so“, führt Kathja fort. „Mein Prof ist seit etwa einem Monat der erste Vorsitzende einer neu gegründeten NGO8, die tatkräftig den Kampf gegen Drogenmissbrauch unterstützen will. Er hat diese unter anderem gemeinsam mit dem Steuerberater Heinz Westphal ins Leben gerufen. Die tragische Geschichte von dessen Sohn Ralph haben Sie ja persönlich aus nächster Nähe erlebt, nicht wahr, Frau Masal? Auch andere private und offizielle Persönlichkeiten unterstützen dieses Vorhaben und haben sich der Bewegung angeschlossen. Professor Traube möchte deswegen, dass ich meine Doktorarbeit zielgerecht auf die Art und Weise ausrichte, wie das Kokain nach der Gewinnung der Cocablätter und deren Verarbeitung in Kolumbien, Bolivien und Perú seinen unsäglichen Weg bis zu uns nimmt. Natürlich gibt es zahlreiche Literaturquellen, die ich zur Recherche heranziehen könnte, aber – und da sind wir uns mit meinem Vater einig – ich möchte keineswegs eine Dissertationsarbeit vorlegen, die lediglich aus Zitaten von Arbeiten anderer Leute besteht und keinerlei eigene Forschungsergebnisse enthält. Ich muss deshalb persönlich und vor Ort Näheres erkunden.“

Nili hat verstanden. „Also werden Sie wohl eine längere Reise unternehmen müssen, um bis an die Quelle des Bösen heranzukommen. Meine Mutter ist in Bolivien aufgewachsen und hat mir einiges darüber erzählt. Aber ich denke, für eine alleinreisende junge Dame dürfte es ziemlich waghalsig sein, sich auf diesen ihr nicht im Geringsten geläufigen und noch dazu sehr obskuren Pfaden zu bewegen. Zudem sind die Leute, die sich in diesem Metier herumtreiben, ganz rüde Machos und nicht gerade zimperlich. Glauben Sie ja nicht daran, dass diese Kerle so einfach begeistert oder bereit sein werden, ihre intimsten Geschäftsgeheimnisse der ersten Person, die sie danach befragt, preiszugeben, auch wenn diese eine so charmante Erscheinung wie die Ihre ist.“

„Darf ich unterbrechen?“, lässt der Oberstaatsanwalt verlauten. „Eben dies ist, was meiner Frau und auch mir die größte Sorge an Kitts Vorhaben bereitet. Deswegen hatte ich gerade an Sie gedacht. Wie wäre es, wenn Sie meine Tochter auf dieser Reise begleiten?“

Nili ist baff. Sie atmet erst einmal tief ein. „Wie haben Sie sich das denn vorgestellt, Herr Oberstaatsanwalt? Bei allem Respekt, selbst wenn ich mich dazu bereit erklärte, ich kann doch hier nicht einfach meine Arbeit liegen lassen, um zwei oder gar drei Monate – denn so lange würde man gewiss benötigen, um genügend Daten und Erkenntnisse zu sammeln – in Südamerika herumzufahren.“

„Brrr, liebe Frau Kriminaloberkommissarin, ziehen Sie mal die Leine und bringen Sie Ihre Pferde zum Stehen!“ Nili sieht Harmsen mit Erstaunen an.

„Lassen Sie mich Ihnen doch bitte erst einmal erklären, wie ich mir das Ganze vorstelle. Darf ich?“ Als Nili nach kurzer Bedenkzeit stumm nickt, setzt Harmsen fort: „Also, angenommen – ich wiederhole ausdrücklich angenommen –, Sie wären überhaupt bereit, meine Tochter auf dieser Erkundungsreise zu begleiten, sähe diese Aktion in etwa folgendermaßen aus:

Erstens, was Sie persönlich betrifft. Folgen Sie unserem Vorschlag zum Überwechseln in das LKA, würden Sie erst einmal im Zweiten Dezernat und dort gezielt in der Bekämpfung von organisierter und Rauschgiftkriminalität eingesetzt werden. Hierfür ist eine Sonderausbildung erforderlich, und diese Gelegenheit wäre für Sie genau die richtige, um zum Beispiel dem Zufluss einer der Hauptdrogen, dem Kokain, auf die Spur zu kommen. Jedenfalls hat mir Ihr Vorgesetzter in spe, KD Voss, durchaus sein Placet für ein solches Vorhaben angekündigt und würde Ihnen ebenso den hierzu benötigten Sonderurlaub genehmigen.

Zweitens: Ihre Reise- und Hotelkosten sowie ein Tagegeld von täglich fünfundzwanzig Euro würden teils aus dem Fortbildungstopf des LKA, teils durch einen Zuschuss des von Professor Traubes neu gegründeten Vereins No-to-Drugs e. V. gedeckt, der ebenso die Hälfte der Reisekosten meiner Tochter übernimmt. Ihre Dissertation soll dann als Grundlage für die zukünftigen PR-Aktivitäten des Vereins Verwendung finden. Selbstverständlich werden diese Erkenntnisse auch vom LKA für weitere Maßnahmen zur Drogenbekämpfung eingehend genutzt werden.

Drittens: Begründung für die Wahl Ihrer Person für dieses Vorhaben: Sie sind eine hervorragend ausgebildete Polizistin, beherrschen die erforderlichen Sprachen für diesen Sondereinsatz, besitzen zudem ein gutes Einfühlungsvermögen sowie den schwarzen Judogürtel des dritten Dan-Grades – also sind Sie besonders gut in der Selbstverteidigung ausgebildet. Dies wird wahrscheinlich besonders wichtig, weil Sie diesmal im Auslandseinsatz üblicherweise keine Waffen tragen dürfen.

Und letztendlich, viertens: Sie werden selbstverständlich in die gesamte Planung und Vorbereitung als leitende Ausführende mit einbezogen und erhalten seitens Interpol Unterstützung an sämtlichen Einsatzorten. Ich weiß, die Effektivität – und vor allem die ehrliche Staatstreue – der Polizeikräfte in den betroffenen Regionen in Lateinamerika dürfte vielleicht nicht ganz den Erwartungen entsprechen, die wir an solche Kollegen stellen, jedoch halte ich Sie für erfahren genug, um auf die richtigen Karten zu setzen. Ihre Großmutter und auch Ihre Mutter haben meines Wissen lange in Bolivien gelebt und werden Ihnen sicherlich viel Nützliches erzählen und berichten können, von dem sonst nirgendwo aus Fachbüchern zu erfahren ist.

So, und nun entlasse ich Sie, meine Damen, damit Sie sich noch ein wenig unterhalten und gegenseitig etwas besser kennenlernen können.“ Mit diesen Worten steht der Oberstaatsanwalt auf und begleitet seine Besucherinnen zur Tür. „Überlegen Sie bitte alles in Ruhe, sehr geehrte Frau Kriminaloberkommissarin. Es wäre sicherlich eine einmalige Gelegenheit für Sie, anlässlich einer spannenden, wenn auch nicht risikolosen Reise auch wertvolle Erfahrungen und Erkenntnisse für unsere hiesige Polizeiarbeit zu sammeln und mit nach Hause zu bringen. Bitte geben Sie Ihren Bescheid zunächst an Kriminaldirektor Voss, ob Sie überhaupt ins LKA kommen möchten. Und wegen Kitts Begleitung, na ja, darüber können wir später noch sprechen. In Ordnung?“

„Stellt euch vor, Abuelita und Ima“, berichtet Nili ihrer Oma und der Mutter auf Spanisch beim Abendessen, „was für ein spannendes Gespräch ich heute mit dem Oberstaatsanwalt in Kiel geführt habe!“ Sie berichtet fast wortgetreu von dem Treffen mit Harmsen und seiner Tochter Kathja. „Danach haben Kitt und ich uns beim Mittagessen und auch noch ein paar weitere Stunden ausführlich unterhalten. Sie ist eine sehr interessante und unheimlich gebildete junge Frau, eigentlich viel zu ernst für ihr Alter. Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden. Nun, was meint ihr zunächst einmal zu meinem Bomben-Angebot für das LKA? Es klingt ja sehr verlockend, zumal die hiesige Polizeidienststelle in absehbarer Zeit verkleinert wird und ich wohl dann zur Kripo in Itzehoe wechseln müsste. Das Hin- und Herfahren wäre das geringste damit verbundene Übel. Allein schon der Gedanke, täglich den unausstehlichen Kriminaloberrat Heinrich Stöver erdulden zu müssen, bereitet mir Magenbeschwerden! ‚Oberkommissarin im Landeskriminalamt Schleswig-Holstein‘ klingt doch ganz anders als Kripo Steinburg in Itzehoe – ohne die Bedeutung und Leistung dieser Kollegen mindern zu wollen. Und obendrein winkt mir in Kiel auch eine baldige Beförderung zur Hauptkommissarin, die in der höher gelegenen Besoldungsgruppe 11 eingestuft ist. Diese Gehaltserhöhung ist auch nicht von der Hand zu weisen.“

„Müsstest du hierzu nicht nach Kiel umziehen?“, fragt Mutter Lissy mit besorgter Miene. „Wäre mir gar nicht so recht, aber ich befürchte, es würde so kommen!“

Nili fügt hinzu: „Da mein Einsatzgebiet sich dann auf ganz Schleswig-Holstein erstreckt, könnte ich vielleicht erreichen, dass ich normalerweise von hier aus – ein viel zentraler gelegener Standort als Kiel – operiere, wenn auch meine Dienststelle sich dort befindet. Ich würde mir vor Ort nur eine kleine Notübernachtungsstelle organisieren. Könnte vielleicht klappen, wenn mein zukünftiger Chef – dem ich allerdings noch nicht begegnet bin – zustimmt.“

Nilis Oma Clarissa bemerkt nach einer längeren Pause: „Nili, mein liebes Kind, das mit dem LKA finde ich prima, weil du endlich eine Aufstiegschance hättest, die du hier in Oldenmoor niemals bekommen würdest. Der zweite Teil deiner Erzählung gefällt mir dafür umso weniger!“

„Ach, Abuelita, darüber bin auch ich mir bei Weitem noch nicht im Klaren, glaube mir!“

Lissy wirft ein: „Der gute Herr Staatsanwalt und seine Tochter ahnen ja nicht, in welch gefährliches Abenteuer sich das Mädchen da einlassen würde, und dann auch noch dich mit hineinzuziehen, ist im Grunde eine Zumutung!“

„Das glaube ich aber so nicht ganz, Ima“, antwortet Nili beherzt. „Die möglichen Risiken sind durchaus bekannt, aber auch ich halte sie für kalkulierbar, für beherrschbar – gründliche Konzeption und entsprechend vorsichtige Vorgehensweise vorausgesetzt. Sorgfältige Planung ist ja das Alpha und Omega jeglicher Polizeiarbeit, und dies wird voraussichtlich eine meiner hauptsächlichen und zukünftigen Aufgaben im Kieler Amt sein. Die größte Frage, die sich mir dabei aber stellt, ist Kitts Belastbarkeit bei einem solch diffizilen Unterfangen. Was ich unbedingt vorab von euch beiden als wichtigste Entscheidungshilfe benötige, sind alles umfassende Informationen über Bolivien, das naturgemäß wohl eines der Hauptziele unserer Ermittlungen sein wird.“

Während der nächsten beiden Wochen verbringen die drei Frauen Abend für Abend mit ausführlichen Berichten und Erzählungen aus ihrer zwölfjährigen Exilzeit in Bolivien. Sehr oft liest Clarissa aus ihren damaligen Tagebüchern vor. So zum Beispiel:

So gab es hier für mich zunächst wirklich viel Neues zu lernen!

Erst einmal Grundsätzliches: Hier, auf einer Höhe von 3.800 Metern, kocht Wasser nicht erst bei 100 °C wie auf Meereshöhe, sondern bereits bei 84 °C! Dies ist bedingt durch den verminderten atmosphärischen Druck in dieser Höhe. Das hatte ich ja auch irgendwann im Flensburger Lehrerseminar gelernt, aber natürlich längst wieder vergessen! Das bedeutet, dass man viel mehr Zeit als bei uns zu Hause braucht, um Speisen zu garen. Besonders schwierig ist es beim Fleisch – dies muss endlos lange kochen und ist dann meistens total ausgelaugt und faserig. Zudem sind alle Speisen, wenn sie auf den Tisch kommen, höchstens noch lauwarm, aber daran kann man sich schnell gewöhnen. Es soll ja auch nicht so gesund sein, immer so heiß zu essen, hat Fritzie Grünbach uns kürzlich verkündet. Sie muss es ja wissen, als Biologin.

Da ich soeben das Thema „Wasser“ erwähnte: Leitungswasser aus dem Hahn ist hier keineswegs gleichzusetzen mit gesundem Trinkwasser. Das ursprünglich reine Wasser stammt aus der Schneeschmelze in den hohen Bergen, fließt aber zunächst über offene Kanäle und Rohrleitungen in die Stadt und wird auf diesem Wege durch Tier und Mensch verunreinigt. Wir dürfen deshalb niemals ungekochtes und ungefiltertes Wasser trinken oder zum Waschen von roh essbaren Lebensmitteln verwenden. Auf dem Innenhof wurden zwei große Berkefield-Filter aufgestellt, die mit dem vorab mindestens zehn Minuten lang abgekochten Wasser nach dem Abkühlen befüllt werden. Das Wasser dringt durch die Keramikpatronen und wird dabei von Schwebestoffen befreit und gereinigt.

Viele Immigranten waren bereits von den im Leitungswasser mitgeführten Krankheitserregern, vor allem Typhusbakterien, befallen und erkrankten schwer. Etliche von ihnen sind sogar daran gestorben. Josef hat uns deshalb, wie auch alle anderen Hausbewohner, zur Typhusimpfung zum Amerikanischen Gesundheitsdienst gebracht, wo wir eine sehr schmerhafte Spritze erhielten. Fast alle hatten an den nachfolgenden zwei bis drei Tagen erhöhte Temperatur und der Oberarm war um die Einstichstelle herum stark gerötet und tat recht stark weh. Einige Wochen danach mussten wir noch einmal dorthin und wir wurden gegen Viruela, die schwarzen Pocken, geimpft, die hier ebenfalls überall grassieren. Beide Impfungen müssen alljährlich wiederholt werden.

Ebenso bedeutend: In dieser Höhe hat die Luft beachtlich weniger Sauerstoff, deshalb geht einem beim schnelleren Gehen oder gar bei einer der vielen steil ansteigenden Straßen in dieser Stadt rasch die Puste aus.

Oder auch:

Nicht, dass ich mich beklagen will, uns geht es ja gut in diesem Land, das uns das Leben gerettet hat. Wir haben ein Dach über dem Kopf, sind von netten Menschen umgeben, mit denen wir uns gut verstehen und wo gegenseitige Hilfe großgeschrieben wird. Zudem leiden wir keinerlei Not! Dennoch ist mir dieses doch immer noch fremd gebliebene Bolivien – vorwiegend sind es die Einheimischen – nicht ganz geheuer. Man ist sich fremd und bleibt es auch, beäugt sich gegenseitig stets mit Misstrauen. Nicht dass wir besonders kultiviert wären, aber hierzulande herrschen ganz andere, für uns ungewohnte Sitten und sonderliche Gebräuche. Außerdem sind da meine Sprachhemmnisse. Ich habe mir zwar inzwischen einen ausreichenden Wortschatz angeeignet, um im täglichen Leben gut bestehen zu können, jedoch beherrsche ich das Spanische noch lange nicht. Und die Umgangssprache der Indios, das Aymara, klingt nach wie vor ungemein fremd in meinen Ohren.

Wenn ich täglich zum Einkaufen in den Mercado gehe und an so mancher Straßenecke die Cholas dabei beobachte, wie sie unter ihren weiten Polleras hocken und ungeniert ihre Notdurft verrichten, muss ich immer wieder angeekelt wegschauen! Ich wundere mich auch darüber, wie sie gelegentlich zu zweit am Boden hocken und gegenseitig die Haare nach Läusen absuchen. Besonders unappetitlich ist aber, dass sie, wenn sie so ein Insekt ausgemacht haben, es zwischen ihren Zähnen totbeißen. Pfui!

Leider sind auch die Männer ungemein aggressiv. Jeder kleine Rempler, wenn man aneinander vorbeigeht, wird sehr schnell zur haltlosen Prügelei! Die Kerle gehen sich wie wütende Kampfhähne an die Gurgel, vor allem dann, wenn sie Alkohol getrunken haben – was oft der Fall ist. Nachts hört man sie, wenn sie laut grölend und fluchend die Avenida Ecuador entlangtorkeln und wiederholt „Viva Bolivia, carajo!“ brüllen. Oft werden dabei auch obszöne Schimpfworte gegen Politiker, Ausländer oder Judíos – Juden – ausgerufen. Dabei kommt immer häufiger zum Ausdruck, die bösen Ausländer seien nur ins Land gekommen, um ihnen, den Einheimischen, das Brot aus dem Munde zu stehlen! Jedenfalls ist einem dabei nicht ganz wohl unter der Haut!

Auch Lissy trägt einiges bei, denn sie erzählt von Erfahrungen und Erlebnissen aus ihrer Kindheit und Jugendzeit.

„Was ich daraus insgesamt entnehme, ist, dass die von den sogenannten Weißen seit der spanischen Kolonialzeit geschundenen und über zwei Jahrhunderte bewusst niedrig gehaltenen Indios und Cholos verständlicherweise einen starken Groll und Rochus gegenüber allen Hellhäutigen In- oder Ausländern hegen“, fasst Nili als Fazit dieser Berichte zusammen. „Das dürfte nicht nur in Bolivien, sondern auch in Perú und Colombia nicht anders sein. Die dort nach wie vor bestehenden krassen Vermögensunterschiede zwischen Arm und Reich – ohne dazwischen eine ausreichende und gewachsene Mittelklasse als Balance – schüren gleichwohl Ablehnung und Antipathie der ‚Nichthabenden‘ gegen den oft protzigen Wohlstand der ‚Habenden‘. Deswegen ist es auch nicht verwunderlich, dass nun auch in Bolivien, wie zunächst Castro in Cuba, danach Chavez in Venezuela und seit einigen Jahren Boliviens Evo Morales’ sogenannte ‚Demokratiebewegung‘ eine solche Beliebtheit bei der indigenen Bevölkerung genießt. Aber gerade der Letztgenannte ist es doch, der sich hauptsächlich deren Rückhalt und Unterstützung mit der Legalisierung und Förderung des Coca-Anbaus erkauft hat. Nicht genug, dass die Gesundheit der eigenen Bevölkerung durch das regelmäßige Kauen der Blätter erheblich beeinträchtigt wird, verseuchen sie auch noch ihre eigene Umwelt durch die unsachgemäßen chemischen Manipulationen, um aus diesen Blättern das Kokain zu extrahieren! Und dieses Gift wird dann tonnenweise zu uns verfrachtet. Denke ich darüber nach, komme ich mir langsam wie ein Don Quijote im Kampf gegen die Windmühlen vor, denn solange bei uns ein Markt für diesen Schmutz vorhanden ist, werden sie ihn weiterhin liebend gern beliefern!“

Nili recherchiert fleißig aus sämtlichen ihr zur Verfügung stehenden Quellen. Sie hat sich dafür nach Feierabend und an den Wochenenden im früheren Arbeitszimmer ihres verstorbenen Großvaters Heiko eingenistet, das dieser samt dem Haus des ehemaligen Familienfreundes der Urgroßeltern von Steinberg – Onkel Harald Suhl – auch nach der Rückkehr der Kellers nach Oldenmoor wieder bewohnt und dessen ursprüngliche Bibliothek er erheblich erweitert hatte. Eine Menge Artikel erforscht sie aus Presse und Broschüren, zahlreiche Bücher hat sie im Buchhandel erworben oder als E-Book aus dem Internet heruntergeladen. So T. Jägers und A. Dauns „Die Tragödie Kolumbiens“, J. Webers „Kolumbien als Zentrum der globalen Kokaindustrie“, „Drogenpolitik im Fall Perú“, von A. Kaufmann, R. Lessmans Bericht über Bolivien unter Evo Morales und nicht zuletzt auch den spannenden Bericht des Stefan Liebert über seine atemberaubende Drogendealer-Karriere in Deutschland. Nachdem sie all dieses umfassende Wissen in sich hineingefressen hat, hält sie inne. „Ich lasse jetzt erst einmal die weiteren Ereignisse auf mich zukommen“, berichtet sie eines Tages ihrer Mutter und Großmutter. „Danach werden wir sehen!“

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23 dekabr 2023
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9783960081708
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