Kitabı oxu: «Makabrer Augustfund im Watt»

Şrift:

Den bewundernswerten Bundes- und Landesermittlern der Zentralen Auswertungs- und Sammelstellen für Kinderpornografie und Sexualdelikte im Netz (ZAC) der Polizei mit größter Hochachtung und Wertschätzung.

Manfred Eisner

MAKABRER

AUGUSTFUND

IM WATT

Roman

Nili Masal ermittelt (9)

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2021

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Die Abbildung auf dem Titelumschlag basiert auf einem Foto der Wattolümpiade, das mit freundlicher Genehmigung von Herrn Jens Rusch, Brunsbüttel, abgedruckt wird. Die gelungene Fotomontage des vom Autor selbst aufgenommenen farbigen Totenschädels verdankt er abermals seiner langjährigen Freundin, Frau Rachel Hirsch, Fotografin aus Ramat Gan, Israel.

www.rachelhirsch-photography.com

Copyright (2021) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

»Der größte Kriminalitätsschwerpunkt der Bundesrepublik liegt nicht in Duisburg, Köln oder Berlin. Er steckt in Hosentaschen und steht auf Schreibtischen. Er befindet sich in der Straßenbahn, am Bahnhof, im Wohnzimmer und auf der Toilette. Immer und für jeden erreichbar. Man muss sich nicht verstecken oder eine Maske aufziehen, um dorthin zu gelangen, nur das Handy oder den Computer anschalten. Ganz einfach. Für Täter ist das Internet eine Insel der Seligen. Sie können dort tun und lassen, was sie wollen. Und genau das machen sie auch.«

[Henning Rasche, deutscher Journalist]

»Missbrauch ist Menschen zertreten wie Gras.«

[Else Pannek (1932–2010), deutsche Lyrikerin]

»Beim Wort Kindesmissbrauch zuckt die Seele zweimal zusammen – das zweite Mal an der Unterstellung, es könnte einen rechten Gebrauch von Kindern geben.«

[Peter Horton (* 1941), österreichischer Musiker und Buchautor]

»Der Begriff Kinderpornografie […] verharmlost komplett das Geschehen. Es geht da wirklich um die sexualisierte Gewalt gegen Kinder. Die Brutalität des Materials ist […] nicht abzuschätzen. Die Töne sind das Schlimmste.«

[Interview von Ankea Janssen mit Polizeiseelsorger Dietrich Bredt-Dehen, SHZ Schleswig-Holstein Am Wochenende, August 2020]

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Vorwort – Lasset die Kinder zu mir kommen …

1. Nilis Geburtstagsfeier

2. Anneke

3. Aus Nilis Tagebuch

4. Mia, Pascal und Alina

5. Trauriges Licht ins Dunkel

6. Wattolümpiade

7. Unter Observation

8. Schmerzliche Gewissheit

9. Auf der Flucht …

10. … und deren arges Ende

11. Fiete

12. Des Pudels Kern

13. Die Spinne im Netz

14. Epilog

Kulinarisches

Danksagung

Der Autor

Weitere Bücher

Endnoten

Vorwort
Lasset die Kinder zu mir kommen …1

›Im Dunkeln saß verlassen ein Kind und weinte hinaus in Nacht und Wind. Und streckte empor die zitternde Hand, das blaue Auge gen Himmel gewandt.‹ Derart beklemmend beschrieb der deutsche Dramatiker und Schriftsteller Christian Friedrich Hebbel (1813–1863) in einem seiner Gedichte zum Thema ›Das Kind‹ jenes, das verzweifelt nach der ausgebliebenen Liebe und Geborgenheit der verblichenen Mutter fleht. Wie tief muss eine zarte Kinderseele in ähnlicher Weise verletzt worden sein, wenn sie sich körperlich malträtiert und voller Scham wegen eines von einer anderen Person ihr zugefügten Sexualgewaltaktes hilflos und allein gelassen fühlt? Aber nicht nur dies: Kinderschändung hat fatale Folgen für die Entwicklung und die weitere Existenz des Opfers. Medizinredakteurin Christiane Fux 2 beschreibt in einem Fachbericht umfassend die dadurch verursachten emotionalen, psychischen und körperlichen Folgen, die letztlich zu pathologischen Angstzuständen, Wachstums-, sozialen und geistigen Entwicklungsmängeln, zutiefst gestörten Beziehungen einer ebensolchen und Sexualität und nicht zuletzt zu psychischen und psychosomatischen Erkrankungen führen.

Zu diesem an sich schon bangen Sachverhalt gesellt sich die bohrende Frage der Ethik: Wie kann es sein, dass sich die Gattung Mensch derart brutal und gnadenlos an ihrer – zum Teil sogar eigenen! – Nachkommenschaft vergeht? Wo liegen die Ursachen für ein derart übles Fehlverhalten? Etwa in zügellosen Machtgelüsten von durch Minderwertigkeitsgefühlen Belasteten, in einem ungehemmten Sexualtrieb oder in grenzenlosen, von wem auch immer verursachten Rachegefühlen, die an Wehrlosen geahndet werden sollen? Zahlreiche Thesen und Lehrmeinungen finden wir in Literatur, Medienberichten und wissenschaftlichen Abhandlungen, die dieser kaum an Widerlichkeit zu übertreffenden Irrung unserer Gesellschaft anhaften.

Bigott ist, dass nach den Folgezeiten der griechischen Antike, während der institutionalisierte Knaben- und Mädchenliebe gang und gäbe war, ein solches Geschlechtsfehlverhalten von Erwachsenen gegenüber Minderjährigen und Schutzbefohlenen zwar allgemein bekannt war, in der Öffentlichkeit jedoch beflissentlich totgeschwiegen wurde, war es doch ein ›unanständiges‹ Thema, das, wenn überhaupt, nur hinter vorgehaltener Hand Erwähnung fand – denn »darüber spricht man nicht!«. Heute hingegen übertreffen sich Tageszeitungen und Boulevardpresse, aber nicht nur diese, in ihrer Berichterstattung über aktuelle Fälle von Sexualschändung Minderjähriger, über aufgeflogene Ringe von Kinderpornodealern, aber auch endlich und ausführlich über die üblen Praktiken, die von zölibatären, vermeintlichen ›Hirten‹, aber dergleichen von verehelichten Kirchenpriestern aller Ränge seit ehedem an ihren ›Schäflein‹ hemmungslos – und leider zumeist ungeahndet – begangen wurden.

Dennoch bleibt zunächst einmal grundsätzlich festzuhalten, dass jene unsittlichen Taten, die an Kindern verübt und im heutigen Sprachgebrauch mit der leidigen Bezeichnung ›Kindesmissbrauch‹3 benannt werden, keineswegs mit Pädophilie gleichzusetzen sind.4 Viele Journalisten setzen fälschlicherweise in ihrer Berichterstattung Pädophilie mit Vergewaltigung von Minderjährigen gleich: ein Irrtum, der fatale Folgen haben kann. Wissenschaftlich betrachtet handelt es sich bei dem Begriff ›Pädophilie‹ – gegenwärtig bevorzugen Fachleute anstatt diesem die angemessenere Bezeichnung ›Pädosexualität‹ – um das betonte sexuelle Interesse eines oder einer Erwachsenen an Kindern vor deren Pubertät. Medizinisch wird es eher als eine psychische Störung der Sexualpräferenz diagnostiziert. Diese Erscheinung wird von Sexualpsychologen und Medizinern als Schicksal beurteilt, nicht als freie Wahl.5 Die Wissenschaft weiß bisher nicht, woher eine solche Sexualpräferenz kommt und was sie verursacht. Sie ereilt die Betroffenen wie jede andere Vorliebe auch, nur kann man diese nicht ändern. Bestenfalls können die Betroffenen lernen, sie zu zügeln und mit ihr umzugehen. Nur gezielte psychiatrische Behandlung kann jenen von dieser Neigung betroffenen Personen dazu verhelfen, ihre folgewidrige Pädosexualpräferenz beherrschbar zu machen.

Bedauerlicherweise verschließt sich manchem Pädosexuellen diese wichtige Erkenntnis – zumeist aus Unwissenheit, unterdrückter Scham oder Schuldgefühlen – und verführt diesen sogar zu kriminellen Handlungen wie beispielsweise der Generierung, Verbreitung und dem Dealen von kinderpornografischen Fotos, Videos und Schriften. Unter diese Tätergruppe fallen jene üblen Subjekte, die unschuldige Kinder in ihrer desolaten Nacktheit benutzen, um Aktfotos oder Videos ins Netz zu stellen. Damit beabsichtigen sie entweder Profit zu machen, Gleichgesinnte zu beglücken, indem sie deren niedere Instinkte befriedigen, oder sogar beides. Hierfür bietet ihnen leider das Internet unbegrenzte Möglichkeiten, verbreitet es doch sekundenschnell und grenzenlos ungehemmt jede noch so abstruse Information ebenso wie jedes unsittliche Angebot in alle Winkel des Globus.

Erst seit dem Jahr 2015 reagiert der deutsche Gesetzgeber mit mehr Strenge, indem er zunehmend die Gesetze und Befugnisse zur erweiterten Netzüberwachung durch speziell geschulte IT-Ermittler bei Bundes- und Länderkriminalamt verschärft. Neben der Aufdeckung von Dealern kinderpornografischer Werke und Konsorten sollten Kinder vor den Betreibern zunehmender Cyber-Grooming-Net-Adressen besser geschützt werden. Hierbei handelt es sich um anfänglich harmlos erscheinende Chat-Sites, mit denen sich bösartige und meist als Jugendliche getarnte Erwachsene das Vertrauen von Minderjährigen erschleichen, um sie später mit den unredlich ergatterten Informationen unter Druck zu setzen, zu mobben und zu erpressen. Infamer geht’s wohl nicht!

Inzwischen gilt allerdings als klinisch erwiesen, dass der überwiegende Anteil von Kinderschändern nicht ›pädophil‹ ist, und ebenso, dass kein anerkannter Pädosexueller unbedingt ein derart möglicher Täter ist. Für das abartige Geschlechtsagieren von Menschen, die, wie auch immer, Kinder lediglich als Sexualobjekte benutzen, ohne unbedingt einer pädosexuellen Neigung zu unterliegen – oder ebenso die oben beschriebenen unflätigen Aktivitäten im Netz betreiben –, wäre deswegen die Bezeichnung ›pädokriminell‹ eher angebracht.

Zusammenfassend bleibt uns daher lediglich die bittere Erkenntnis, dass unsere Welt wegen dieser schändlichen menschlichen Defizite kein Garten Eden ist. Wieder habe ich ein solch schauriges Leitmotiv für diesen Roman gewählt, erscheint es mir doch unerträglich brisant: Wie zuletzt die schier unglaubliche und für Behörden und Jugendamt unverzeihliche Tatenreihe von Lügde, Münster und Bergisch Gladbach in Nordrhein-Westfalen häufen sich notorisch die pädokriminellen Skandale, die ans Licht kommen und unsere Gesellschaft zunehmend belasten. Dennoch sind wie in den vorangegangenen acht Nili-Masal-Ermittlungsfolgen auch die nachstehend geschilderten Geschehnisse sowie sämtliche darin vorkommende Namen und Positionen rein fiktiv und von mir frei erfunden. Eine etwaige Übereinstimmung mit real existierenden Personen, deren Berufen und Dienstgraden oder den geschilderten Begebenheiten wäre rein zufällig.

Manfred Eisner, im Winter 2020/21

1. Nilis Geburtstagsfeier

Dem vorangegangenen nassen und meist zu kühlen Monat Juli folgt diesjährig ein allmählich zunehmend sonniger, warmer und trockener August. Nili Masals vierzigster Geburtstag fiel in die letzte und durch angespannte Aufklärung sowie Jagd nach dem Täter gekennzeichnete Juliwoche.6 Deshalb wurde die obligate Feier mit Familie, Kollegen und Freunden – übrigens unter allseitigem Überstimmen von Nilis vehementem Vetoversuch – auf das jetzt bevorstehende Wochenende verschoben. An diesem Freitagnachmittag verfassen die Kriminalkommissare Robert Zander und Margrit Förster – Angehörige der von der Kriminalhauptkommissarin geleiteten Kieler LKA-Abteilung Sonderermittlungen – gemeinsam ihren schriftlichen Bericht von der letzten Operation. Fachinspektor Ferdinand Csmarits, Leihgabe der Polizei im österreichischen Eisenstadt, der im Rahmen des Europol-Fachaustauschs das Team mit seinem IT-Erfahrungsschatz verstärkt, teilt am Bildschirm seines PCs Erkenntnisse mit dem Jüngsten im Team, Kommissar-Anwärter Timo Bohn.

Nili sucht wieder einmal in den unzähligen Cold Cases nach ungelösten Fällen, bei denen ihr eine Wiederaufnahme sinnvoll erscheint. Dabei fällt ihr eine fast vier Jahre alte Akte in die Hände, deren Inhalt sie schaudern lässt. Es ist der Fall eines spurlos verschwundenen Kindes aus dem Kreis Steinburg. Trotz intensiver Nachforschungen und monatelanger Ermittlungen in alle Richtungen war es damals der ›SOKO Pascal‹ nicht gelungen, den Verbleib des sechsjährigen Jungen aufzuklären und ihn den todunglücklichen Eltern Eike und Magdalene Heger wiederzubringen. Seine Leiche konnte ebenfalls nicht gefunden werden. Die SOKO wurde nach einem halben Jahr unfruchtbarer Bemühungen schließlich aufgelöst und die Akte durch die Staatsanwaltschaft als ungelöst geschlossen. Sie wanderte – wie leider ebenso viele andere unaufgeklärte Fälle – in den Aktenkeller des Kieler LKA.

Während sie die zahlreichen Berichte in dem Ordner überfliegt, sinniert Nili über eine ähnlich geartete Suchmeldung, die ihr vor wenigen Tagen aus ihrem Heimatort Oldenmoor zu Ohren kam. Eine Vierzehnjährige war von einem gemeinsamen Wochenende mit einer Freundin in Friedrichskoog am letzten Sonntagabend nicht wieder heimgekehrt. Das verzweifelte Elternpaar Paul und Gitta Schrader musste zunächst von den Eltern besagter Itzehoer Schulfreundin erfahren, dass ihre Anneke diese beiden Tage nicht in deren Wochenendhaus an der Nordsee verbracht hatte. Auch deren Tochter Gesche konnte nicht angeben, wo Anneke gewesen war. Anneke hatte ihrer Freundin lediglich gesagt, dass sie ein ›super-hype cooles Weekend‹ vorhabe und ihr am darauffolgenden Montag davon erzählen werde. Ebenso ergebnislos verliefen die Nachfragen und Anrufe bei Bekannten, weiteren Schulkameraden und deren Eltern. Sämtliche Kontaktversuche auf Annekes Smartphone landeten nur immer wieder auf deren Anrufbeantworter. Nachdem die Schraders schließlich eine Vermisstenmeldung bei der Polizeidienststelle der Elbmarschen-Kleinstadt erstattet hatten, startete die Suchaktion. Beamte der Bezirkskriminalinspektion in der Großen Paaschburg in Itzehoe leiteten umgehend die Fahndung nach Anneke ein.

Nili richtet ihren Blick auf die beiden Kollegen. »Sagen Sie, Ferdl, haben wir etwas über den Fall der als vermisst gemeldeten Jugendlichen aus Oldenmoor? Wegen der turbulenten vergangenen Woche habe ich diese Meldung nur am Rande wahrgenommen.«

»Okay, Frau Chefin, mir schaun mal nach! Also, Timo, auf geht’s!«

Unter Anleitung des IT-Experten macht sich Timo eifrig an der Tastatur des PCs zu schaffen. Kurz darauf vermeldet er: »Bingo, gute Nachrichten, Frau Nili! Die Itzehoer Kollegen haben das Mädchen gefunden!« Dann berichtet er, dass man am Mittwoch in aller Frühe, nachdem ihr Handy geortet wurde, die körperlich unversehrte Jugendliche aufgefunden habe. Sie sei entführt worden, habe sich aber aus der Gefangenschaft befreien und vor ihrem Entführer fliehen können. Aus Angst, dieser könne sie verfolgen, versteckte sie sich in einer Scheune und schlief dort vollkommen erschöpft auf dem Heuboden ein. Damit sie zur Ruhe komme, habe man sie ins Itzehoer Klinikum gebracht und in der Psychiatrischen interniert. Weitere Erkenntnisse betreffend Tat und Täter gebe es derzeit noch nicht.

Nili greift zu ihrem brandneuen iPhone, das sie vor wenigen Tagen von ihren Dezernatskollegen zum Geburtstag geschenkt bekommen hat. Bevor sie wählt, überträgt sie mit einem melancholischen Seufzer die Rufnummern der Kollegen in der Bezirkskriminalinspektion Itzehoe von ihrem lieb gewonnenen alten ›Dampfhandy‹ und wählt die Nummer des dortigen Büros.

»Moin, Dörte, ich bin’s, Nili«, begrüßt sie die Kriminaloberkommissarin Westermann, die das Gespräch angenommen hat. »Ich wollte mich erkundigen, ob ihr inzwischen etwas Neues im Fall Anneke Schrader erfahren habt.«

Dörte berichtet von der Entscheidung der Ärzte, dass das Mädchen erst morgen früh befragt werden dürfe. Ihr Chef, Kriminaloberrat Stöver, habe sie und ihren Kollegen Hauke Steffens damit beauftragt.

»Darf ich euch begleiten, Dörte? Es ist meine Absicht, dass sich unsere Abteilung intensiv mit diesen und ähnlichen Misshandlungstaten an Kindern und Jugendlichen beschäftigt. Ich habe hier etliche ungelöste derartige Fälle vorliegen und möchte deshalb so viel wie möglich über die letzten einschlägigen Entwicklungen aus erster Hand erfahren.«

»Ich denke, das geht in Ordnung, vorausgesetzt, unser ›Hein Gröhl‹ hat nichts dagegen. Ich weiß, der Kriminaloberrat schätzt dich sehr, aber bei dem weiß man ja nie! Allerdings kann ich mir sein Plazet erst nachträglich am Montag einholen, denn soeben hat er uns ein gutes Wochenende gewünscht und ist gegangen. Na denn, in Gottes Namen, herzlich willkommen morgen um zehn Uhr vor dem Klinikum!«

Nili bedankt sich und beendet das Telefonat. Dann hebt sie für einen kurzen Moment die Fallakte hoch, die sie vorher durchgeblättert hat. »Okay, liebe Kollegen, dann bitte ich Sie, sämtliche Fälle von misshandelten sowie vermissten Kindern und Jugendlichen aus Ihren Cold-Case-Aktenstapeln herauszufischen. Ab sofort werden wir dieser entsetzlichen Gesellschaftspest näher rücken. Dann machen auch wir erst mal für heute Schluss! Und ich freue mich besonders, Sie alle morgen am frühen Nachmittag auf dem Holstenhof meines Onkels und meiner Tante in Oldenmoor begrüßen zu können. Ferdl, sind Sie so lieb …?«

»Aba selbstverständlich, Frau Chefin! Mir kemma alle zamma in mein Barockengel, Ehrensach!«

*

Wenig später fahren Nili und ihr Lebensgefährte und direkter Vorgesetzter, Erster Kriminalhauptkommissar Doktor Walter Mohr – von Vertrauten und nahestehenden Kollegen liebevoll ›Waldi‹ genannt –, in dessen Passat zu Nilis Heimatort. Auch Kollege Robert Zander begleitet sie, denn er ist seit einigen Monaten mit Habiba Mansour, der hübschen jungen Palästinenserin, liiert, die seit ihrer Entlassung auf Bewährung zusammen mit Nilis Großmutter Clarissa Keller und Mutter Lissy Masal im Onkel Suhls Haus wohnt und Ima Lissy bei der Arbeit auf deren Geflügelhof entlastet.7 Robert hat beim Nachbarn Friedl Jansen ein kleines möbliertes Zimmer gemietet, um mit Habiba zweisame Wochenenden verbringen zu können. An der Abfahrt Neumünster Mitte verlassen sie die A 7, um dann über Bundesstraßen zunächst die Kreisstadt Itzehoe und anschließend das Ziel am Elbdeich zu erreichen. Hocherfreut und wie immer herzlich wird das Trio von Abuelita und Ima Lissy bei ihrem Eintreffen begrüßt. Auch Habiba kann ihren Robert empfangen, sie ist bereits von ihrer Arbeit auf dem Eulenhof zurückgekehrt.

Alle umarmen Nili und beglückwünschen sie nachträglich mit »Mil felicidades para tu cumpleaños, querida!« zu ihrem besonderen Geburtstag.8 Nili ist gerührt und versucht ihre Ergriffenheit zu überspielen. »Ihr müsst mir doch nicht derart deutlich aufs Butterbrot schmieren, dass ich jetzt mit vierzig ’ne alte Schachtel bin!« Mit einem verzerrten Lächeln wischt sie sich ein paar Tränen aus den Augen. Dann fügt sie an: »Aber irgendwie freue ich mich nun doch, dass ihr mich wegen der Geburtstagsfeier umgestimmt habt. Übrigens, dazu wollte ich fragen, ob ich noch irgendetwas …«

»Darüber brauchst du dir überhaupt keinen Kopf zu machen, Nili«, unterbricht sie Habiba. »Wir haben es fest im Griff und alles ist vorbereitet. Du musst morgen nur auf dem Holstenhof erscheinen, alles andere geht dann wie von selbst. Lass dich überraschen!«

»So, und jetzt bitte ich euch zu Tisch!«, wirft Abuelita ein. »Es gibt eine leckere Süßkartoffel-Kürbis-Suppe mit Kokosmilch. Das Grundrezept habe ich mir zwar gestern von einer Fernsehsendung gemopst, aber ihr wisst ja, ohne etwas mehr Kamum geht bei mir gar nichts!«9

*

Nachdem Nili und Waldi in aller Frühe ihr gewohnheitsmäßiges Joggingprogramm absolviert und anschließend gemeinsam mit Abuelita und Ima Lissy gefrühstückt haben, machen sie sich auf den Weg nach Itzehoe. Wie üblich sind auch an diesem Samstagmorgen die begehrten Parkplätze in unmittelbarer Nähe des Klinikums belegt. Kurzerhand beschließen sie, dass nur Nili der Befragung Annekes durch Dörte Westermann und Hauke Steffens beiwohnen soll. Zudem wäre ein vierköpfiges Auftreten der Beamten eher kontraproduktiv.

Vor dem Eingang des Hauses C, in dem sich das Zentrum für Psychosoziale Medizin befindet, steigt Nili in der Robert-Koch-Straße aus und gesellt sich zu den bereits wartenden Kollegen. Diese hatten mehr Glück und konnten ihren Polizeiwagen nahe der Auffahrt abstellen. Nach einer kurzen Begrüßung und nachträglichen Glückwünschen zu Nilis Geburtstag gehen sie gemeinsam zur Anmeldung.

Wenig später kommt ihnen der Stationsarzt entgegen, der sie zu einem der Krankenzimmer führt. »Der Zustand der Patientin ist recht stabil«, berichtet er. »Trotzdem bitte ich Sie, bei der Befragung sehr behutsam vorzugehen. Das schlimme Ereignis könnte ein Trauma verursacht haben, aber wir können zurzeit noch nicht ermessen, wie tief es das Mädchen seelisch erschüttert hat. Erfreulicherweise zeigt sie bislang keine entsprechenden Symptome.«

Sie betreten das Doppelzimmer, das zurzeit nur von Anneke belegt ist. Die Eltern des Mädchens sitzen neben dem Bett. Frau Schrader weint still vor sich hin, während sie Annekes Hand hält. Dörte und Nili bleiben an der offenen Tür stehen, Hauke dahinter im Flur.

Der Stationsarzt geht voran und begrüßt das recht hübsche langhaarige, blonde und dunkelblauäugige Mädchen betont fröhlich. »Guten Morgen, Anneke! Wie geht es dir heute?« Nachdem sie ihm versichert hat, dass es ihr gut gehe, erkundigt er sich, ob sie sich imstande fühle, die Fragen der Beamten zu beantworten. Nachdem sie bejaht hat, deutet Nili ein leichtes Nicken in Richtung der Eltern an. Der Stationsarzt versteht und bittet das Ehepaar Schrader, den Beamten ihren Platz zu überlassen. Dann gibt er ihnen freundlich zu verstehen, dass es sinnvoll wäre, wenn sie das Zimmer zusammen mit ihm verlassen würden. Ihre Tochter werde dann sicherlich offen sprechen. Nachdem Paul und Gitta Schrader mit einem kurzen Gruß aufgestanden und hinausgegangen sind, treten Nili und Dörte näher an das Bett des Mädchens heran. Hauke schließt die Tür, lehnt sich von innen dagegen und zückt seinen Notizblock.

»Hallo, Anneke, ich bin Kriminaloberkommissarin Dörte Westermann von der Kripo Itzehoe. Dies hier ist meine Kollegin Nili Masal vom LKA in Kiel, und der Herr dort an der Tür ist mein Partner Hauke Steffens. Wir sind gekommen, weil wir wissen möchten, was mit dir geschehen ist. Ist es okay, wenn wir dich duzen und dir ein paar Fragen stellen?«

Nachdem sich Anneke zu allem bereit erklärt hat und auch einverstanden ist, dass ihre Aussage aufgezeichnet wird, beantwortet sie die gezielten Fragen, die ihr Dörte und Nili abwechselnd stellen, und erzählt, was ihr geschehen ist. Über die Internet-Chat-Site ›boyfriend‹ hatte sie überraschend ein gewisser Kenny kontaktiert. Er gab an, siebzehn Jahre alt zu sein. Woher dieser Kenny kam und wie er den Kontakt hatte herstellen können, wusste sie nicht. Nach und nach hatten sie Informationen über den jeweils anderen sowie Fotos ausgetauscht. Auf diese Weise erhielt Anneke Bilder eines attraktiven Teenagers, einer Zweimastsegelyacht, die in der Marina Wendtorf an der Ostsee lag, des Elternhauses in Hamburg-Winterhude und eines pompösen Reetdachhauses in Kampen auf Sylt. Der Vater sei angeblich Anlagedirektor einer renommierten Privatbank und die Mutter freischaffende Journalistin. Anneke zeigt Dörte und Nili ein auf ihrem Handy gespeichertes Foto des besagten Kenny. Ihnen blickt ein hübscher blonder und freundlich lächelnder Jüngling entgegen, der sich lässig gegen die Motorhaube eines rasanten roten Ford Mustang lehnt. Dann erzählt das Mädchen weiter: »Er schrieb mir immer ganz lieb und ich fand ihn sehr sympathisch. Nach und nach haben wir uns angefreundet und auch ich habe ihm mehrere Fotos von mir, unserem Haus und dem letzten Sommerurlaub auf Mallorca geschickt. Vor etwa einer Woche schrieb er mir, er sei in mich verliebt und wolle mich unbedingt treffen. Wir könnten doch übers Wochenende nach Sylt fahren, er wolle mich dort seinen Eltern vorstellen. Ich würde wahlweise bei ihnen im großen Haus oder in einem Hotelzimmer in Kampen übernachten. Über die Kosten müsse ich mir keine Gedanken machen. Da ich wusste, dass mir meine konservativen Eltern einen solchen Ausflug niemals erlauben würden, erfand ich die Notlüge mit dem Besuch bei Gesches Eltern in Friedrichskoog. Die beiden sind gut mit meinen Eltern bekannt und Gesche hat schon öfter bei uns übernachtet. Ich dachte, wenn Kennys Eltern ebenfalls auf Sylt sind, würde das auf dasselbe hinauslaufen. Niemals hätte ich geahnt, dass alles gefaked war! Wir verabredeten, dass ich Kenny am Freitag nach Schulschluss um vierzehn Uhr am Dithmarscher Platz in Itzehoe treffe. Von da aus würden wir gemeinsam nach Sylt fahren. Als ich dort ankam, war von Kenny keine Spur und ich wurde unruhig. Auf einmal kam ein nett aussehender älterer Mann auf mich zu und fragte mich, ob ich Anneke sei. Er zeigte mir ein Bild von Kenny und einen Ausdruck unseres letzten Chats mit dem vereinbarten Treffpunkt. Er erzählte, Kenny habe unterwegs eine Panne mit seinem Mustang gehabt. Der sei in eine Werkstatt in der Nähe von Elmshorn abgeschleppt worden und werde dort repariert. Er sei ein guter Freund des Werkstattinhabers und Kenny habe ihn gebeten, mich abzuholen und mich zu ihm zu bringen. Ich wunderte mich zwar, dass Kenny mich nicht angerufen hatte, aber da mir der Mann dessen Foto und unseren Chat zeigen konnte, stieg ich arglos in seinen Transporter. Wir fuhren auf die Autobahn in Richtung Süden, was mich weiter beruhigte, da ich ja annahm, dass Kenny von Hamburg aus zu mir auf dem Weg gewesen war. Irgendwann zeigte der Mann auf eine Wasserflasche und bemerkte, ich könne daraus trinken, falls ich Durst habe. Die Flasche war anscheinend noch nicht geöffnet worden, sodass ich ohne Bedenken daraus trank. Dann muss ich eingeschlafen sein, denn als ich wieder wach wurde, lag ich mit gefesselten Händen auf einer Matratze auf dem Boden eines halbdunklen Raumes.«

Angesichts dieser Erinnerung kullern plötzlich dicke Tränen aus Annekes Augen. Nili setzt sich zu ihr ans Bett und reicht ihr ein Papiertaschentuch. Dann greift sie nach ihrer Hand. »Ganz ruhig, Anneke! Wenn es dir zu viel wird, können wir gern eine Pause machen oder dieses Gespräch ein anderes Mal fortführen.«

Anneke wischt die Tränen fort und verneint mit einem Kopfschütteln. »Bitte nicht, Frau Kommissarin! Ich möchte jetzt alles erzählen, damit Sie dieses Schwein so schnell wie möglich finden und festnehmen!«

»Danke, das wissen wir sehr zu schätzen. Du bist wirklich ’ne tapfere Deern!«, sagt Dörte mit Bewunderung in ihrer Stimme.

Anneke macht Anstalten, nach dem Glas Wasser zu greifen, das auf dem Nachttisch steht. Nili reicht es ihr und sie trinkt daraus.

»Du kannst uns ruhig ›Nili‹ und ›Dörte‹ nennen, Anneke. Als Nächstes würden wir gern von dir erfahren, ob dieser Kenny dir seinen Familiennamen genannt hat.«

Das Mädchen denkt kurz nach, dann sagt sie: »Ich weiß es nicht mehr genau, aber ich glaube, dass er ihn beiläufig erwähnt hat. Es war irgendwas mit ›Mai‹ – ›Maywald‹ oder ›Meifort‹. Tut mir leid, mehr fällt …«

Nili quittiert das Gesagte mit einem Lächeln. »Macht nichts, ist nicht so wichtig. Wie ging’s dann weiter?«

»Meine Hände waren zwar mit einem Kabelbinder gefesselt, aber die Beine waren frei, sodass ich mich zuerst auf den Bauch legte und mich dann hochstemmte und so auf die Knie kam. Danach konnte ich langsam aufstehen. Auf einmal war mir übel und ich musste mich gleich mehrmals in einen neben der Matratze stehenden Eimer übergeben. Dazu kamen irrsinnige Kopfschmerzen. Als es mir wieder etwas besser ging, untersuchte ich mein Gefängnis. Das einzige Fenster war mit Brettern vernagelt und durch die Ritzen kam nur wenig Licht. Ich ging kreuz und quer durch den Raum, er war etwa zehn Schritte lang und acht Schritte breit. Ich bin ein Meter neunundsechzig groß und die Holzbretterdecke über mir befand sich nur etwa dreißig Zentimeter über meinem Kopf. Demnach war der Raum circa zwei Meter hoch. Die Wände waren aus unverputzten Rotsteinen, der Fußboden aus rohem Estrich. Die Luft war feucht und es roch modrig. Ich vermute daher, dass ich in einer alten Kate oder einer Scheune gefangen gehalten wurde. Eine dicke Holztür in der Wand war von außen verriegelt. Irgendwann stolperte ich gegen einen Hocker, auf dem zwei Coladosen und eine Schachtel Pizza standen. Nach der bösen Erfahrung mit der Wasserflasche wagte ich es zuerst nicht, daraus zu trinken. Ich war stinksauer auf mich selbst, weil mich mein Entführer so leicht überrumpelt hatte. Allmählich kam ich zur Ruhe und überlegte, wie ich aus meinem Gefängnis fliehen konnte. Dann hörte ich Motorengeräusche, die näher kamen, und erkannte den Van meines Entführers. Rasch legte ich mich zurück auf die Matratze und stellte mich schlafend. Wie in Zeitlupe öffnete sich kurze Zeit später die Tür und ich sah durch meine zusammengekniffenen Augen, wie der Mann mit leisen Schritten eintrat. Er hielt eine große Stablampe in der Hand und peilte die Lage. Da ich mich nicht rührte und weder die Getränke noch die Pizzaschachtel angefasst hatte, nahm er wohl an, ich sei noch immer bewusstlos. Er kam näher und leuchtete mir ins Gesicht. Ich stöhnte leise und tat so, als würde ich gerade zu mir kommen. Dann beugte er sich über mich und strich mir mit der Hand über die Haare. Er konnte ja nicht ahnen, dass ich seit zwei Jahren regelmäßig in einem Taekwondo-Studio trainiere und dort bereits den braunen Gürtel erworben habe. Als der geeignete Augenblick gekommen war, verpasste ich ihm mit beiden Händen einen harten Kantenhieb an die Kehle und stieß ihn mit angewinkelten Beinen beiseite. Wie ein Kartoffelsack fiel er zu Boden und blieb dort regungslos liegen. Ich sprang auf und floh durch die offene Tür ins Freie. Nachdem ich durch einen kleinen Wald gelaufen war, kam ich auf eine enge asphaltierte Straße und lief diese entlang, bis ich in der Ferne das inzwischen vertraute Motorengeräusch hörte. Sofort verließ ich die Straße, rannte über eine Koppel und konnte mich gerade noch rechtzeitig hinter eine Mauer ducken, als der Transporter im Schritttempo an mir vorbeifuhr. Ich hatte Glück, dass mich mein Verfolger nicht bemerkte. Dann wartete ich ungefähr eine Viertelstunde und wollte gerade aufstehen, als ich den Wagen zurückkommen hörte. Diesmal fuhr er deutlich schneller. Soweit es mir möglich war, setzte ich meinen Weg über die Felder fort. Irgendwann sah ich einige junge Kühe auf einer kleinen Koppel und entdeckte in der Nähe eine Scheune, in der ich mich auf dem Heuboden versteckte. Ich rieb so lange den Kabelbinder an einer Heugabel, bis das Material nachgab und ich mich befreien konnte. Dann muss ich sofort eingeschlafen sein, denn ich war total ausgebufft. Ich erwachte erst am nächsten Morgen wieder, als zwei Polizisten in die Scheune kamen und meinen Namen riefen. Als ich erfuhr, dass man mich über mein Handy geortet hatte, war ich glücklich, dass ich es vorsorglich in der inneren Gürteltasche meiner Jeans verstaut hatte. Das mache ich immer so, seit mir mein vorheriges iPhone im Gymnasium geklaut wurde. In meiner Panik habe ich während der ganzen Zeit nicht ein einziges Mal darüber nachgedacht, meine Eltern oder die Polizei anzurufen.« Anneke seufzte und trank noch einen Schluck Wasser.

Nili nickt anerkennend. »Das ist eine äußerst ergiebige Schilderung, die du uns da geliefert hast. Danke vielmals, Anneke, du hast uns damit sehr geholfen. Sag mal, würdest du den Mann wiedererkennen?«

»Diese fiese Fratze werde ich wohl niemals vergessen, Nili, das können Sie mir glauben! Sobald ich hier rausdarf, komme ich sofort zu Ihnen, damit wir ein Phantombild machen können. So was kenne ich von den Tatort-Krimis, die wir uns jeden Sonntagabend zu Hause ansehen!«

Hauke, der die ganze Zeit über schweigend zugehört hat, räuspert sich und sagt: »Das finden wir ganz prima von dir, danke, Anneke. Vielleicht können wir danach einen gemeinsamen Ausflug unternehmen, um nach dem Ort zu suchen, an dem dich der Täter festgehalten hat. Eine Frage hätte ich noch, dann lassen wir dich für heute in Ruhe.« Während er das sagt, betritt der Stationsarzt das Krankenzimmer und bedeutet Hauke mit einer einladenden Geste, seine Frage zu stellen. »Kannst du uns etwas über diesen Van sagen?«

Anneke grient. »Ein älterer weißer und hinten fensterloser Opel Transporter mit Pinneberger Kennzeichen, der schon ziemlich verbeult war und innen auch nicht gerade gepflegt wirkte, aber es soll ja ein Werkstattwagen gewesen sein. Ach, da erinnere ich mich noch an etwas: Am Rückspiegel hing ein kurzer Rosenkranz aus Bernsteinperlen. Daran war eine Messingplakette befestigt, auf der eine Madonna zu sehen war.«

Dörte überreicht Anneke ihre Karte mit der Bitte, sie möge sich gleich bei ihr melden, sobald sie wieder auf den Beinen sei. Dann verabschieden sie sich und gehen zum Dienstwagen. In diesem Moment kommt ihnen Waldi entgegen, der seinen Passat direkt neben ihrem Fahrzeug abgestellt hat. Kurz informieren sie ihn über Annekes Aussage.

Waldi fasst zusammen: »Also solltet ihr jetzt nach dem Halter eines älteren weißen Opel Vivaro mit Pinneberger Kennzeichen fahnden, vielleicht sogar in einer Autowerkstatt in der Umgebung Elmshorns. Der Täter könnte zudem ein orthodoxer Christ sein, denn Annekes Beschreibung des Rosenkranzes am Rückspiegel passt zu deren Gebetsketten, den sogenannten Komboskini.«

»Na ja, wenn das Kennzeichen und die Elmshorn-Geschichte nicht auch wieder Fakes sind!«, unkt Hauke.

»Trotzdem ist es einen Versuch wert! Na denn schöne Grüße an ›Hein Gröhl‹ und tschüss, liebe Kollegen. Bis heute Nachmittag im Holstenhof!« Nili winkt den Kollegen zum Abschied und steigt in Waldis Auto ein.

*

Es sind um die vierzig Personen, die auf dem Hof der Familie Keller zusammentreffen, um Nilis vierzigsten Geburtstag nachzufeiern. Man hat hierzu die große Scheune – in der sonst deren Hofladen die eigenen und andere regionale Erzeugnisse zum Verkauf anbietet – umgestellt und für die Feier entsprechend dekoriert. Vor Familienangehörigen, Kollegen aus Kiel, Oldenmoor und Itzehoe sowie Freunden und Nachbarn überbringt Bürgermeisterin Frau Brigitte Struwe die Glückwünsche des Gemeinderats sowie eine Urkunde des Kieler Innenministers, in denen Nilis Verdienste besonders hervorgehoben und gelobt werden. Die Ausrichtung der Feier ist ein vereintes Geschenk der Familie. In einer gemeinschaftlich koordinierten Aktion haben ihre Abuelita mit Habibas Hilfe sowie Tante Madde und deren Schwiegertochter Corinna unter sachkundiger Beratung von Schlachter Siemsen sechs große Rollbraten zubereitet. Unter Aufsicht von dessen Viez Bruno rösten diese nun paarweise über glühender Kohle auf den drei langsam rotierenden Spießen vor sich hin. Einige Gäste bereichern zudem mit ihren mitgebrachten Kreationen die bunte Auswahl an Salaten. Im Anschluss an den Genuss der leckeren Speisen und einer großen Auswahl an Getränken wird bis spät in die Nacht fröhlich gefeiert und getanzt. Eine Fünf-Mann-Combo aus Kiel spielt auf; es ist das gemeinsame Geschenk der Eltern von Nilis beiden besten Freundinnen Melanie Westphal – ihre Kieler Hausvermieter – und Kitt Harmsen, der Tochter des Oberstaatsanwalts. Ein lokaler Comedian erheitert die Anwesenden mit einem urigen plattdüütschen Vortrag. Darüber hinaus wird Nili mit zahlreichen Präsenten und üppigen Blumensträußen reich beschenkt.

Nachdem die letzten Gäste gegangen sind, helfen Waldi, Nili und ihre Mitarbeiter den Gastgebern tatkräftig beim Aufräumen und Wiederherrichten ihres Hofladens. Zum Lohn dürfen Ferdl und Timo im Gästezimmer auf dem Holstenhof und Margrit in Habibas Zimmer im Onkel Suhls Haus übernachten, da diese den Rest der Nacht gemeinsam mit ihrem Robert in dessen Zimmer verbringt. Froh und glücklich fallen auch Nili und Waldi in ihr Bett und genießen die sich anschließende innige Liebesnacht.

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Entgegen dem heiligen Ritual fällt nach der üppigen Feier erstmalig Onkel Olivers traditionelles sonntägliches ›Frühmittagessen‹ – sprich: Brunch – der Familie auf dem Holstenhof aus. Ebenso haben Nili und Waldi ausnahmsweise auf ihr obligates Frühjogging verzichtet und gönnen sich ein ebenso gesundes Ausschlafen. Um zehn Uhr treffen alle ihre Kollegen zum gemeinsamen Ausnüchterungsfrühstück im Onkel Suhls Haus ein. Als sie sich gesättigt vom Tisch erheben, bittet Nili Ferdl und Timo in das Arbeitszimmer im Obergeschoss. Gemeinsam surfen sie im Internet und werden zu ihrem großen Erstaunen bereits nach kurzer Zeit fündig. Es gibt ihn tatsächlich: einen gewissen Herrn Harrison P. Mainforth, wohnhaft in Hamburg-Winterhude, Investmentberater. Und ebenso eine Redakteurin bei der Frauenzeitschrift ›Maribelle‹ namens Marie-Louise Weber-Mainforth. Unter deren Namen existiert eine Adresse im Möwenweg in Kampen auf der Insel Sylt. Nili druckt die Informationen aus.

Bevor sie die Rückfahrt nach Kiel in Ferdls BMW-Oldtimer antreten, verbringen sie einen entspannten Tag. Von der gestrigen Feier sind noch ausreichend Speisen übrig, sodass selbst der sprichwörtliche ›Appetit‹ des Herrn Fachinspektor Csmarits befriedigt werden kann.

Nili und Waldi werden am Montag erst gegen Mittag in Richtung Kiel fahren, da sie im Fall Anneke Schrader von der Itzehoer Staatsanwaltschaft zur Teilnahme an einer Lagebesprechung um neun Uhr gebeten worden sind. Polizeihauptkommissar Boie Hansen, Dienststellenleiter in Oldenmoor, der samt seiner Mannschaft ebenfalls an Nilis Feier teilgenommen hat, überbrachte ihnen die gefaxte Einladung von Frau Doktor Cornelia Bach. Auch er werde mit zwei seiner Leute zugegen sein.

2. Anneke

»Guten Morgen, meine Damen und Herren! Vielen Dank, dass Sie unserer kurzfristigen Einberufung zu dieser Lagebesprechung Folge leisten konnten.« Mit diesen Worten begrüßt der kürzlich neu ernannte zweite Staatsanwalt Doktor Paul Kramer die Anwesenden am Feldschmiedekamp in Itzehoe. »Sie müssen heute mit mir vorliebnehmen, Frau Doktor Bach lässt sich wegen eines anderen wichtigen Termins entschuldigen. Auf der Tagesordnung steht der Entführungsfall der vierzehnjährigen Anneke Schrader aus Oldenmoor, die erfreulicherweise ohne größere Blessuren aus dem Krankenhaus entlassen und wieder der Obhut ihrer Eltern übergeben werden konnte. Ich darf zunächst den zuständigen Leiter der Ermittlungsbehörde, Herrn Kriminaloberrat Stöver, bitten, uns alle eingehend über den Entführungsverlauf sowie den letzten Stand der Suche nach dem Täter zu informieren. Bezüglich der Aufnahme der Vermisstenmeldung reicht Stöver zunächst das Wort an Boie Hansen und dann weiter an seine Kriminalkommissare Dörte Westermann und Hauke Steffens, die das Opfer direkt befragen konnten und abwechselnd aus ihren Berichten referieren.

Danach spricht Kramer Nili an und fragt sie nach ihrer Einschätzung. »Ich freue mich sehr, dass wir in diesem Zusammenhang wieder einmal mit Ihrer wertvollen Unterstützung rechnen dürfen, Frau Masal. Der Herr Kriminaloberrat ließ ja verlauten, dass Ihre Sonderermittlungsabteilung wegen der Aufklärung einiger bislang leider ungeklärt gebliebener Vermisstenfälle von Kindern und Jugendlichen in unserem Landesgerichtsbezirk Pinneberg, Steinburg und Dithmarschen tätig werden will und Sie deswegen bei der Befragung der Entführten anwesend waren.«

Nili bestätigt kurz das, was Dörte und Hauke berichtet haben. »Wir haben es hier eindeutig mit der bösartigen Netzkriminalität zu tun, die als ›Cyber-Grooming‹ gekennzeichnet wird. Der Modus Operandi der hier abgelaufenen Internetanbahnung – gezielter Aufbau von arglosem Vertrauen beim potenziellen Opfer – lässt vermuten, dass diese Kontaktaufnahme mit der konkreten Absicht stattfand, ein reales Treffen zwecks sexueller Schändung anzubahnen. Obwohl Anneke Schrader bereits vierzehnjährig ist, handelt es sich um eine Straftat im Sinne von Paragraf 176, Abs. 4, Nr. 3, StGB und sollte dennoch verfolgt werden, weil der Täter es mit Sicherheit erneut versuchen wird. Anneke kann sich angeblich sehr gut an das Aussehen des Täters erinnern und bot ihre Hilfe zur Erstellung eines Phantombildes an. Auch die Überprüfung der Chats auf ihrem Computer könnte zur Identifizierung der IP-Adresse des Versenders hilfreich sein. Betreffend der weiteren Ermittlung schließe ich mich der Sachbeurteilung meines Vorgesetzten Herrn Doktor Mohr an: Die Fahndung sollte auf den Halter eines vom Opfer ziemlich gut beschriebenen Fahrzeugs sowie eventuell auch auf eine Opel-Autowerkstatt in Elmshorn ausgerichtet sein. Zudem deutet ein Indiz auf die wahrscheinliche Zugehörigkeit des Täters zum christlich-orthodoxen Glaubenskreis. Allerdings ergab sich inzwischen eine unerwartete Neuigkeit in Bezug auf die Personalien von Kennys angeblich fiktiver Familie: Es scheint, dass eine solche tatsächlich in Hamburg existent ist. Mein Team konnte inzwischen deren Daten im Netz ausfindig machen und ich denke, man sollte auch diese Personen befragen.« Nili überreicht Doktor Kramer ein Blatt mit deren Namen und Adresse.

Da offensichtlich sämtliche Anwesenden mit Nilis Vorschlag einverstanden sind, bedankt sich Doktor Kramer bei den Teilnehmern und kündigt an, seine Staatsanwaltschaft werde in der Sache Familie Mainforth die Hamburger Kollegen um Amtshilfe ersuchen. Dann beauftragt er Kriminaloberrat Stöver mit der Leitung der weiteren Ermittlungen. Dieser vergewissert sich bei Waldi Mohr der erneuten Unterstützung durch Nilis Team und betraut Boie Hansens Dienststelle mit der Begleitung Anneke Schraders samt deren Computer nach Itzehoe, damit die KTU ein Phantombild erstellen und ihren Chatverlauf auswerten kann. Ebenso will er das Elmshorner Polizeirevier bei der Suche nach dem Täter und dessen Fahrzeug einbeziehen.

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Nili und Waldi verabschieden sich und begeben sich auf den Weg nach Kiel. Waldi will von Nili Genaueres über die anstehenden Ermittlungen erfahren.

»Ich bin hundertpro deiner Meinung, meine liebe Schnuggelfrau, dass es allerhöchste Zeit ist, dass wir uns dieser grausamen Fälle ernsthaft annehmen. Mittlerweile häufen sich die haarsträubenden Kriminalitätsfälle an Minderjährigen, die sich vorwiegend im Dunkelnetz abspielen. Ich will keineswegs die Meriten deiner beiden IT-Spezialisten schmälern, aber sie sollten dabei unbedingt auf die Unterstützung durch unsere Zentrale Ansprechstelle Cybercrime 10 im LKA zurückgreifen, denn dort haben sie es mit versierten Ansprechpartnern rund um die Internetkriminalität zu tun. Ich spreche nicht gern darüber, aber es steht zu befürchten, dass uns der liebenswerte Herr Fachinspektor Csmarits in nicht allzu langer Zeit wieder verlassen wird. Unser Chef erwähnte neulich, dass für ihn eine Beförderung ansteht. Das könnte bedeuten, dass man ihn ins Burgenland zurückbeordert. Auch Österreich rüstet im Kampf gegen Cyberkriminalität auf und braucht jede Menge Spezialisten wie Ferdl. Er hat Timo Bohn bisher prima angeleitet. Der wiederum hat sich in die Thematik zwar eingefuchst, jedoch fehlt es ihm noch an Erfahrung.« Waldi hält kurz inne, bevor er fortfährt: »Da ist noch etwas sehr Wichtiges. Ich muss euch ausdrücklich auf die persönlichen Gefahren für jeden – und dies gilt auch für unsere Beamten! – hinweisen, der sich in kinderpornografische Seiten im Internet einloggt, denn das ist strafbar. Sie oder er könnte dabei leicht in die Fänge von ZAC und Konsorten geraten, die nach solchen und anderen unlauteren Usern im Netz Ausschau halten. Einige Kollegen in anderen Bundesländern sind in arge Schwierigkeiten geraten, weil sie eigenmächtig versucht haben, diesen Tätern auf die Spur zu kommen. Unsere ZAC kooperiert eng mit speziell ausgebildeten und mit topaktueller Technik ausgestatteten Internetspezis. Darüber hinaus koordiniert die Ansprechstelle länderübergreifende Cybercrime-Ermittlungen im Falle von Angriffen gegen Unternehmen und Behörden. Darunter fallen beispielsweise Hacking, Datenklau und -veränderungen sowie digitale Erpressungen. Zudem besteht ein ständiger Kontakt mit den koordinierenden Experten im BKA und diese wiederum tauschen sich mit ebensolchen Abteilungen von Europol aus. Die Server der Missetäter befinden sich zumeist im Ausland, und an unseren Grenzen enden demnach leider auch unsere Möglichkeiten zur Strafverfolgung. Wir sollten also zwingend deren Unterstützung und Support nutzen. Um wie viele Cold Cases von misshandelten beziehungsweise vermissten Kindern handelt es sich denn?« Er sieht Nili fragend an.

»Das kann ich noch nicht genau sagen, Waldi. Tatsächlich habe ich Annekes Fall zum Anlass genommen, meinen Stapel zu durchforsten, und habe nur einen weiteren Fall gefunden. Daraufhin bat ich die Kollegen um Durchsicht ihrer Aktenberge. Ich denke, heute Mittag kann ich dir die genaue Zahl nennen. Würdest du bitte mit unserem Boss Heidenreich darüber sprechen, damit er das absegnet? Dann könnte ich auch die Itzehoer Kollegen darum bitten, Rücksprache mit dem Kreisjugendamt zu halten. Dort sind womöglich aktuelle Fälle von Kinderpornografie und Misshandlungen bekannt, die uns bisher nicht gemeldet wurden. Jedenfalls vielen Dank für die ausführliche Info über unsere ZAC. Ich werde mein Team entsprechend instruieren, damit sie vorsichtig sind. Du kennst ja Ferdl. Der würde sich vermutlich sofort mit Begeisterung ans Werk machen. Übrigens jammerschade, wenn es denn mit ihm so kommt, wie du gesagt hast. Er würde uns sehr fehlen, denn wir alle haben ihn wirklich lieb gewonnen!«

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Es ist bereits fünfzehn Uhr an diesem Nachmittag, als sich Nili, Waldi und KOK Otmar Krey, Fachbearbeiter Kinderpornografie in der Cyberkriminalitätszentrale, im Arbeitsraum des Leiters von LKA-Abteilung 2, Kriminaloberrat Andreas Heidenreich, versammeln. Während des Mittagessens in der Kantine hat Nili ihrem Waldi die Liste der ausgewählten Cold Cases vorgelegt, die sie und ihre Mitarbeiter unter den ungelösten Fallakten gefunden hatten. Vom Kriminaloberrat zur Berichterstattung aufgefordert, trägt Nili vor: »Wir haben erst einmal fünf Fälle herausgesucht, die den Amtsbereich der Staatsanwaltschaft Itzehoe – also die Kreise Dithmarschen, Pinneberg und Steinburg – betreffen, zumal Staatsanwalt Doktor Kramer heute Vormittag unseren Dezernatsleiter Doktor Mohr ausdrücklich darum gebeten hat. Darunter sind die seit einigen Jahren als vermisst gemeldeten Pascal Heger, sechs Jahre alt, aus Elskop, Mia Martens, ebenfalls sechs, aus Krempe, und Alina Kühl, acht, aus Herzhorn. Die ersten beiden sind seit drei, die dritte seit anderthalb Jahren aus ihren Elternhäusern verschwunden. Dann haben wir noch zwei ältere Jugendliche, beide allerdings schon seit mehr als fünf Jahren vermisst: die aus Bekmünde stammende Frisörauszubildende Saskia Bürger, damals siebzehn Jahre alt, und der Bäckerlehrling Justin Graf, damals ebenfalls siebzehn, aus Brunsbüttel. In sämtlichen Fällen führten die Ermittlungen mangels relevanter Spuren in eine Sackgasse und wurden schließlich als unerledigt abgelegt.«

Abteilungsleiter Heidenreich nickt und fragt: »Ich weiß ja, liebe Frau Masal, dass Sie dank Ihrer besonders ausgeprägten Wahrnehmungsfähigkeiten bereits einige knifflige Cold Cases erfolgreich aufdecken konnten. Dennoch würde ich gern von Ihnen erfahren, was Sie zu der konkreten Annahme veranlasst, dass es Ihrem Team gelingen könnte, gerade diese älteren Fälle zu lösen. Ich meine, soweit ich das beurteilen kann, waren doch stets kompetente Sonderkommissionen mit diesen Ermittlungen beauftragt.«

»Das ist wohl richtig, Herr Kriminaloberrat. Ohne auf die weiteren Details der hier aufgeführten Fälle eingehen zu wollen, fielen uns jedoch bei näherer Akteneinsicht einige Aspekte beziehungsweise mögliche Spuren auf, die man – warum auch immer – nicht verfolgt hat. Zuallererst der geografische Aktionsradius der drei ersten Orte, der anscheinend bisher kaum beachtet wurde, liegen doch diese nur wenige Kilometer voneinander entfernt. Da diese Fälle von drei unterschiedlich zusammengestellten SOKOs bearbeitet wurden, hat man den Zusammenhang womöglich übersehen. Wir mutmaßen, dass die Taten einem Täter oder einer Gruppe von Tätern zuzuordnen sind. Zudem verfügen wir heute über weit mehr kriminaltechnische Hilfsmittel als die Kollegen vor einigen Jahren. Ich bin zudem dankbar, dass wir mit der Unterstützung eines versierten Kollegen der ZAC rechnen können, wissen wir doch, dass sich viele dieser Delikte hinter den obskuren Kulissen der illegalen Netzwerke abspielen und dort verbreiten. Es ist vor allem dieses Ass, das es auszuspielen gilt!« »Nun gut, Frau Masal, dann gehen Sie zunächst den drei erwähnten Fällen nach. Geben Sie mir bitte eine kurze Übersicht der relevanten Daten, damit ich das Plazet der Staatsanwaltschaft einholen kann. Schließlich kam von dort der damalige Beschluss, diese Akten zu schließen. Sie können aber bereits loslegen. Ich wünsche Ihnen dabei viel Erfolg!«

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»Okay, Leute«, verkündet Nili und begrüßt ihr Team mit einem kurzen Nicken, »wir haben grünes Licht von oben, zumindest was das erste traurige Trio betrifft. Seht euch diese Akten noch einmal ganz genau an, denn ich bitte jeden von euch, die Auffälligkeiten aufzulisten. Wie viel Zeit braucht ihr?«

Robert meldet sich zu Wort. »Ich denke, wir werden zumindest den morgigen Tag benötigen, um alles gewissenhaft durchzuarbeiten. Was halten Sie davon, Nili, wenn wir uns dafür in zwei Gruppen aufteilen?«

Nili nickt. »Finde ich sehr gut, Robert. Prima Ansatz! Dann tun Sie sich bitte mit Margret zusammen, und Sie, Ferdl, bilden mit Timo ein Team.« Sie blickt fragend in die Runde und vergewissert sich, dass alle einverstanden sind. »Also legen Sie los! KOR Heidenreich bat um eine zusammenhängende Auflistung der betreffenden drei Fälle, um die Genehmigung der Staatsanwaltschaft zu deren Wiederaufnahme einzuholen. Ich bitte Sie dann auch, diese morgen Herrn Doktor Mohr zu überreichen. Ich werde in der Zwischenzeit den Itzehoern im Fall Anneke Schrader unter die Arme greifen. Wir machen jetzt für heute Feierabend, damit wir morgen alle gut ausgeschlafen sind.«

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Am nächsten Morgen läutet Nilis Telefon. Sie nimmt das Gespräch entgegen.

»Guten Tag, Frau Masal, hier spricht Frau Doktor Rafaela Hincke von der Hamburger Staatsanwaltschaft. Ich weiß nicht, ob Sie sich noch an mich erinnern?«

Nili denkt nach. Dann fällt ihr ihre Recherche über den Kokainschmuggel im Hamburger Hafen ein, die sie gemeinsam mit Kitt Harmsen unternommen hat.11 »Selbstverständlich, sehr geehrte Frau Staatsanwältin. Ich erinnere mich noch genau an unser damaliges Gespräch und Ihre freundliche Unterstützung und freue mich über den erneuten Kontakt. Könnte es sein, dass Sie mich in Verbindung mit den Ermittlungen in einer Entführungssache anrufen, in der der Name einer Hamburger Familie gefallen ist?«

»Ich bemerke mit Freude, liebe Frau Kriminalhauptkommissarin, dass der gute Ruf, der Ihnen vorauseilt, durchaus gerechtfertigt ist. Jawohl, es geht tatsächlich um die Befragung einer gewissen Familie Mainforth. Mir liegt die Aussage des Entführungsopfers vor. Die Kollegin Frau Bach aus Itzehoe bat ausdrücklich darum, Sie persönlich einzubinden. Ich möchte deshalb unsere Vorgehensweise mit Ihnen abstimmen, bevor wir in der Sache aktiv werden. Haben Sie einen Vorschlag?«

»Wenn Sie mich so fragen, Frau Doktor, denke ich, dass es eine gute Idee wäre, der Familie ohne Vorwarnung einen Besuch abzustatten und Sohn Kenny mit einer amtlichen Vorladung zur Befragung in Händen zu überraschen. Ehrlich gesagt glaube ich eher nicht, dass die Mainforths unmittelbar etwas mit der Entführung zu tun haben, andererseits werde ich das Gefühl nicht los, dass da eine Verbindung bestehen muss. Ich halte es daher für angebracht, an einem frühen Abend an deren Tür zu klingeln.«

»Ein sehr guter Vorschlag, Frau Masal! Ich kümmere mich umgehend um den Befragungsbescheid. Sie erhalten in den nächsten Stunden eine Nachricht von dem LKA-Beamten, der Sie begleiten wird. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg und noch einen schönen Tag.«

Nachdem das Telefonat beendet ist, ruft Nili KOR Stöver in Itzehoe an, um ihn ins Bild zu setzen. Wenig später empfängt sie auf ihrem neuen Smartphone ein nach Annekes Angaben gefertigtes Phantombild des Entführers. Kurz vor der Mittagspause erreicht sie die Benachrichtigung von Kriminaloberkommissar Hanno Lorenzen, dass er sie gegen fünf Uhr beim LKA in der Hamburger Polizeizentrale am Bruno-Georges-Platz erwarte. Sie informiert Waldi und er schlägt ihr vor, mit der Bahn nach Hamburg zu fahren. Er werde sie zum Bahnhof bringen und später auch wieder von dort abholen.

Im imposanten Hamburger Polizeigebäude eingetroffen, meldet sich Nili im LKA, wo sie von KOK Hanno Lorenzen empfangen wird. Ihr Begleiter entpuppt sich als ein schlanker und etwas wortkarger jüngerer, in einen seriösen Anzug und Krawatte gekleideter Kollege mit schütterem dunklem Haar – offensichtlich starker Raucher, wie Nili beim Einsteigen in seinen nach abgestandenem Tabak riechenden Dienstwagen naserümpfend bemerkt. Zu ihrem Glück dauert die gemeinsame Autofahrt bis zur Auguststraße in der Nähe der Außenalster weniger als eine halbe Stunde.

Nachdem Lorenzen am Tor der prunkvollen Villa geklingelt hat, meldet sich eine weibliche Stimme über den Lautsprecher neben der Pforte. Der Beamte hält seinen Dienstausweis in das Auge der darüber befindlichen Kamera. »Guten Tag. Wir sind vom Landeskriminalamt und würden gern Herrn Mainforth sprechen.«

Der Türsummer brummt und das Tor gleitet einen Meter seitwärts, um den Zutritt zu ermöglichen. Nili und ihr Begleiter folgen dem Aufgang bis zum Haus. Eine modisch gekleidete und gestylte blonde Frau mittleren Alters öffnet ihnen die Tür, stellt sich ihnen als Marie-Louise Weber-Mainforth vor und bittet sie herein. Sie führt die Besucher in ein mit moderner Designermöblierung eingerichtetes Wohnzimmer und zeigt auf das Ecksofa. »Nehmen Sie doch Platz!« Nachdem die beiden Beamten die ebenfalls angebotenen Getränke höflich abgelehnt haben, setzt sich die Hausherrin ihnen gegenüber auf einen zur Garnitur passenden Sessel.

»Sie wollten wohl meinen Mann sprechen«, schlussfolgert sie mit leichter Anspannung in der Stimme. »Er ist noch in der Bank und kommt vermutlich gegen achtzehn Uhr nach Hause.«

Während Nili ihren Dienstausweis zückt, um sich vorzustellen, bemerkt Lorenzen mit trockener Stimme: »Nein, Frau Mainforth, wir würden gern mit Ihrem Sohn Kenneth sprechen. Ist er im Hause?«

Die Frau lächelt, offensichtlich beruhigt.

»Da muss ich Sie leider enttäuschen. Unser Kenny befindet sich gegenwärtig in Cambridge bei Boston in den USA. Er studiert dort an der Harvard Universität und kommt erst nach dem Ende des Sommersemesters zurück. Darf ich fragen, worum es geht?«

Nili steckt ihren Dienstausweis wieder ein und holt ihr Smartphone hervor. Sie wählt die Fotodatei und wischt auf dem Display, bis sie das gesuchte Bild gefunden hat. Als sie der Frau das Foto hinhält, fragt sie: »Ist dies Ihr Sohn?«

Marie-Louise Weber-Mainforth nickt überrascht und wirkt zunehmend verunsichert. »Wo haben Sie das her? Das Foto stammt aus dem vorigen Jahr und das Auto gehört einem von Kennys Kommilitonen. Ist ihm etwas passiert? Bitte lassen Sie mich nicht so lange im Unklaren!«

»Beruhigen Sie sich, gnädige Frau!«, interveniert Nili. »Es ist nichts Schlimmes geschehen, jedenfalls nichts, was Ihren Sohn persönlich betrifft. Nur eben, dass sein Name in Verbindung mit einem Fall in Erscheinung getreten ist, den wir gerade bearbeiten. Wenn Sie nichts dagegen haben …« Nili hält inne, denn in diesem Augenblick fährt eine wuchtige Mercedes Benz Limousine auf die Auffahrt. Durch die großen Fenster des Salons sehen sie, wie der Fahrer aussteigt und die hintere Tür offen hält.

»Entschuldigen Sie bitte, da kommt mein Mann!«, krächzt die Hausherrin erleichtert. Sie springt auf und eilt zum Eingang.

Nili greift zu einer der auf dem Couchtisch liegenden Zeitschriften und blättert darin. Von der ersten Innenseite der ›Maribelle‹ lächelt ihr das Bild der Hausherrin und Redakteurin über ihrem Leitartikel entgegen, in dem sie sich – sinnigerweise – über die arg zunehmenden Fälle von sexueller Kindesmisshandlung auslässt.

Es dauert einige Minuten, bis das Ehepaar das Wohnzimmer betritt. Der Gatte, ein vierzigjähriger Glatzkopf in einem für einen Bänker üblichen Nadelstreifenanzug, tritt auf sie zu und mustert sie aus stahlgrauen Augen. »Guten Tag, ich bin Harrison Mainforth«, äußert er mit kalter Stimme und leichtem amerikanischem Akzent und setzt sich kurzerhand auf den zweiten Sessel, ohne den Besuchern die Hand zu reichen. »Was wollen Sie von meinem Sohn? Verfügen Sie überhaupt über so einen amtlichen Wisch, der Sie berechtigt, unseren Kenny zu befragen?«

»Guten Tag, Herr Mainforth«, antwortet Hanno Lorenzen im gleichen kodderigen Ton. »Frau Kriminalhauptkommissarin Masal und ich sind vom LKA und wollten eigentlich Ihren Sohn Kenneth H. Mainforth in einer Entführungssache als Zeuge befragen. Selbstverständlich haben wir die entsprechende Vorladung der Hamburger Staatsanwaltschaft vorliegen, die uns dazu berechtigt. Da wir allerdings soeben von Ihrer Frau erfahren haben, dass sich Ihr Sohn zurzeit in den USA aufhält, hat sich die Angelegenheit zunächst erledigt. Wir dürfen uns dann verabschieden!« Er steht ruckartig auf und sieht Nili mit einem zwinkernden Augenaufschlag an. Dann setzt er mit Blick auf die Mainforths hinzu: »Danke, bemühen Sie sich nicht, wir finden allein hinaus.«

»Bitte noch einen Augenblick, Herr Kommissar!« Die Hausherrin erhebt sich mit einem wütenden Seitenblick auf den Ehemann. »Bitte entschuldigen Sie seine unfreundliche Art und haben Sie die Güte, wenigstens mir zu sagen, woher Sie das Bild unseres Jungen haben und wer denn entführt worden ist.«

Nili tut so, als sei auch sie über Lorenzens ungestümes Agieren verärgert. Kurzerhand packt sie den Kollegen am Ärmel seines Sakkos und zieht ihn zurück auf das Sofa. »Es geht um die Entführung dieses vierzehnjährigen Mädchens«, sagt sie und zeigt Marie-Louise Weber-Mainforth Annekes Bild auf ihrem Handy. »Offensichtlich konnte sich der Entführer Ihre persönlichen Daten verschaffen und hat diese als Tarnung für sein Vorhaben genutzt.« Sie umreißt in wenigen Sätzen, was dem Mädchen widerfahren ist. Dann wischt sie erneut auf dem Display ihres iPhones und zeigt dem Ehepaar das Phantombild des Entführers. »Kennen Sie diesen Mann? Wir vermuten, dass er derjenige gewesen sein könnte, der sämtliche Bilder, die Kenny und Sie betreffen, dazu benutzte, das Entführungsopfer zu ködern.«

Während seine Frau umgehend verneint, sieht sich Harrison Mainforth das Bild genauer an. »Irgendwie kommt mir der Kerl bekannt vor«, sinniert er nach einer Weile, »aber ich kann sein Gesicht nicht einordnen.«

»Denken Sie bitte in Ruhe nach, Mister Mainforth«, sagt Lorenzen, nunmehr mit versöhnlicher Stimme. »Könnte es jemand sein, der Ihnen persönlich etwas anhängen möchte?«

»Mein Kollege will damit andeuten, dass es sich auch um jemanden aus Ihrem beruflichen Wirkungskreis handeln könnte«, legt Nili nach. »Wir haben dazu einen vielleicht nützlichen Hinweis, denn wir vermuten, dass es sich um einen Mitbürger mit slawischem oder griechischem Migrationshintergrund handelt.«

Der Bänker nickt und sieht sich das Foto ein weiteres Mal an. »Jetzt, wo Sie es erwähnen, Frau Kommissarin …« Seine Stimme klingt inzwischen verbindlicher. »Mmh, ich glaube, es war doch dieser Mann, ein Grieche. Ja, der könnte es gewesen sein! Ich erinnere mich leider nicht mehr an seinen Namen; ein ehemaliger Kunde unserer Bank. Er war der vormalige Besitzer des Restaurants ›Pharos‹ im Schanzenviertel, der damals – übrigens gegen meinen ausdrücklichen Rat, alles auf eine Karte zu setzen – darauf bestand, seine gesamten Ersparnisse in Lehman-Fonds anzulegen. Bei deren Pleite im Jahr 2008 verlor er alles und musste bald darauf Konkurs anmelden. Er wollte mich dafür belangen und behauptete, es sei meine Schuld gewesen – ich hätte ihn falsch beraten. Er verklagte schließlich die Bank und erlitt vor Gericht eine Niederlage, zumal wir eindeutig belegen konnten, dass wir ihn ausdrücklich auf das Risiko aufmerksam gemacht hatten. Schlimme Sache, aber es ging damals vielen anderen Anlegern genauso.«

Nili setzt ihr bestes Lächeln auf und legt ihre Karte auf den Tisch. »Das könnte passen. Danke, Herr Mainforth! Vielleicht versucht er jetzt, sich auf diese miese Art bei Ihnen zu rächen. Wir gehen der Sache nach und wären Ihnen sehr dankbar, wenn Sie gleich morgen in Ihren Unterlagen nachsehen und uns anschließend Namen und Anschrift des Mannes zumailen könnten!«

Nachdem der Bänker ihnen dies zugesagt hat, tippt Nili Lorenzen von der Seite an: »Ich glaube, wir können uns jetzt verabschieden, Herr Kollege!«

*

Als sie in Lorenzens Wagen eingestiegen sind und dieser sich in Bewegung setzt, bedankt sich Nili: »Das haben Sie gut gemacht. Mit Ihrer Vorgehensweise haben Sie den Kotzbrocken erheblich schockiert. Der affige Kerl scheint es nicht gewohnt zu sein, dass ihm jemand Paroli bietet.« Zum ersten Mal, seit sie sich getroffen haben, schmunzelt sie Lorenzen an.

»Kompliment retour, Frau Kriminalhauptkommissarin! Sie haben ebenfalls prima reagiert, indem Sie mich aufs Sofa zurückgezogen haben. So konnten wir am Ende doch noch Wesentliches in Erfahrung bringen.«

»›Böser Cop – guter Cop‹ funktioniert letztendlich immer noch am besten«, gibt Nili lächelnd zurück. »Und ja, mit dem, was wir erfahren konnten, kommen wir mit Sicherheit weiter.«

Bevor sie sich am Hamburger Hauptbahnhof voneinander verabschieden, sagt Lorenzen: »Bitte grüßen Sie meine ehemalige Partnerin, die Kollegin Förster, von mir. Sie ist doch bei Ihnen gelandet? Wie geht es ihrer Mutter?«

Nili spürt sofort, dass die beiden Kollegen über das Berufliche hinaus gut miteinander bekannt gewesen sein müssen. Deshalb berichtet sie ihm in ein paar Sätzen von ihrer Mitarbeiterin und deren MS-kranker Mutter, die seit einigen Wochen im Pflegeheim betreut wird. Zum Abschluss reicht sie ihm ihre Karte mit der Telefonnummer ihres Büros. »Hier können Sie sie jederzeit erreichen, wenn Sie mögen. Machen Sie es gut und nochmals herzlichen Dank für Ihre Unterstützung. Tschüss!«

Während sie am Hamburger Hauptbahnhof auf den nächsten DB-Regio-Zug nach Kiel wartet, setzt Nili eine SMS an Waldi ab, um ihm ihre Ankunftszeit mitzuteilen. Als der RE 70 etwas mehr als eine Stunde später im Kieler Hauptbahnhof einfährt, kommt er ihr am Bahnsteig mit der freudigen Ankündigung entgegen: »Ich habe fürs Abendessen einen Tisch bei unserem Griechen um die Ecke reserviert und auch gleich deine Teamkollegen dazu eingeladen. Wie ich deiner Nachricht entnommen habe, hast du wohl einige Neuigkeiten mitgebracht, und die sollten wir am besten gleich mit ihnen teilen!«

»Danke, Liebster, das finde ich prima! Aber bitte lass uns erst noch kurz zu mir nach Hause fahren. Ich muss unbedingt vorher duschen und diese nach Rauch stinkende Kleidung loswerden.« Während der Fahrt erzählt sie nur kurz von ihrer Begegnung mit Lorenzen. »Weitere Einzelheiten später bei Georgios! Haben dir die Kollegen die Kurzauskunft für Heidenreich übergeben?« Waldi bejaht und bestätigt, diese auch sofort ihrem Vorgesetzten persönlich überreicht zu haben.

*

Als Nili und Waldi kurz nach acht Uhr die Taverna Syrtaki betreten, sitzen bereits die Mitarbeiter des Teams an den leckeren Vorspeisen, die man hier für gewöhnlich den Stammgästen auftischt: das selbst gebackene knusprige Knobibrot, Maritas spezielles Tsatsiki, schwarze Kalamata-Oliven und die leckeren Dolmades – mit Reis gefüllte Röllchen im vergorenen Weinblättermantel. Heute werden sie ausnahmsweise von Marita begrüßt, weil Georgios wegen einer schmerzhaften Zahnbehandlung früher nach Hause gegangen ist.

»Wenn ihr damit einverstanden seid, würde ich euch heute eine neue Kreation anbieten, die Georgios und ich gemeinsam sozusagen ›verbrochen‹ haben: Auf der Insel Rhodos ist es eine althergebrachte Tradition, die Fastenzeit am Ostersonntag mit dem im Tontopf gegarten Rekiki, ein Milchzickleinbraten auf Reis, zu beenden. Ziegenfleisch ist hierzulande eher nicht so beliebt und auch nicht leicht zu bekommen, deswegen haben wir es versuchsweise durch einen Krustenbraten vom Schweinebauch ersetzt. So ein Topf reicht für sechs bis acht Portionen und ich dachte mir …« Allgemeines Nicken und lautes Klatschen unterbricht ihre Rede. Sie nickt und lächelt. »Der Topf hat bereits vier Stunden im Backrohr verbracht und ist in wenigen Minuten servierfertig. Was wollt ihr dazu trinken? Den üblichen roten Kamaro, Nili?« Alle bis auf Ferdl sind einverstanden: »Und wans für mi a kalts alkoholfreis Bia hättn, Frau Wirtin, wär a i recht happy!«, äußert er. »Zu so an Schweinernes passts eh besser und i muss euch ja a no z’hausführen!«

Während sie das Gericht mit allgemeiner Zustimmung genießen, berichtet Nili über die Neuigkeiten, die sich beim Besuch der Mainforths ergeben haben. Natürlich sorgt Ferdls sprichwörtlicher Appetit auch diesmal für die vollständige Entleerung des Tontopfinhalts.

Bevor sie sich verabschieden, übermittelt Nili, als sie und Margrit noch kurz zur Toilette gehen, Hanno Lorenzens Grüße. »Ich denke, er wird Sie bald anrufen, ich habe ihm unsere Karte gegeben.«

Margrit nickt mit einem Hauch von Traurigkeit im Blick: »Wir hatten uns sehr gern, er war ein prima und sehr verlässlicher Partner, aber irgendwie … Und dann war Schluss, denn ich musste ja wegen Mutter nach Kiel.«

»Hamburg ist nicht aus der Welt, Margrit, und wenn Sie möchten, dann wissen Sie ja, wo Sie ihn erreichen, nicht wahr?«

*

Am nächsten Vormittag tippt Nili gerade den Bericht ihres gestrigen Besuchs, als folgende Mail auf ihrem PC eintrifft:

Sehr geehrte Frau Kriminalhauptkommissarin,

wie gestern von Ihnen erwünscht, erhalten Sie nachstehend den gesuchten Namen: Herr Mihalis Marinakis – Ex-Besitzer des Restaurants ›Pharos‹ im Hamburger-Schanzenviertel. Damalige Anschrift: Steinstraße 4–6. Für Ihre weitere Info über neue Ermittlungsergebnisse den offensichtlichen Missbrauch unserer Daten betreffend danke ich bestens im Voraus. Mit freundlichen Grüßen, H. P. Mainforth.

Sie ruft sofort bei der Staatsanwaltschaft an und erreicht Doktor Uwe Pepperkorn. Nachdem sie ihm den Sachverhalt geschildert hat, bittet sie um Ausstellung eines Haftbefehls gegen den dringend Verdächtigen wegen Fluchtgefahr. Er verspricht ihr, dies umgehend in die Wege zu leiten.

Als alle von der Mittagspause zurück sind, fragt Nili in den Raum: »Haben sich inzwischen die Elmshorner Kollegen gemeldet?« Allgemeines Kopfschütteln. »Okay, dann frage ich mal dort nach. Robert, erinnern Sie sich vielleicht noch an den Namen der netten Reviervorsteherin in der Moltkestraße?«

Robert denkt kurz nach. »Leider nicht, Nili, tut mir leid!«

Ferdl ist rasch zur Stelle und deutet auf seinen Bildschirm. »Polizeihauptmeisterin Inge Mühldorf, hab i ausm Register!«

Nili lächelt. »Na denn rufen Sie die Dame gleich mal an und fragen Sie, ob sie und ihre Kollegen bei der Suche nach unserem Griechen schon etwas erreicht haben. Sollte bisher kein Ergebnis vorliegen, geben Sie ihr bitte den Namen dieses Mannes durch: Mihalis Marinakis. Vielleicht finden sie ihn damit eher.«

Wenig später meldet sich der Fachinspektor wieder: »Hallo, Kollegen, mal herhören! I stell Sie laut, Frau Mühldorf, könntens bitschön ois wiederholn, da hörn glei oi mit, okay?«

»Moin, Kollegen! Nett, mal wieder mit Ihnen zusammenzuarbeiten, Frau Masal! Trifft sich gut, denn wir waren gerade dabei, einen Bericht zu schreiben, als Ihr Anruf kam. Es gibt hier am Rande der Stadt tatsächlich eine freie Tankstelle mit Autowerkstatt, und zwar am Grenzweg in Klein Nordende. Der Betreiber ist ein gewisser Aristides Marinakis. Wir haben allerdings bisher nichts weiter unternommen.«

»Gute Arbeit, Kollegen«, lobt Nili, »vielen Dank! Warten Sie bitte auf uns, wir kommen noch heute zu Ihnen, dann können wir besprechen, wie wir es am besten angehen lassen. Tschüss, bis später!« Sie wendet sich an ihr Team: »Übrigens, wie weit sind Sie mit den drei Fallanalysen?«

Margrit hebt bedauernd die Schultern. »Wir sind noch nicht ganz fertig, Nili, sorry!«

»Mir zwoa san scho fast durch, ned wahr, Timo? Aba ois zamaschreibn müsst ma scho no!«

«Okay, Timo, übernehmen Sie bitte diese schriftliche Arbeit? Und Ferdl, ich würde Sie dann bitten, mich nach Elmshorn zu begleiten!« Sie deutet auf den vom Amtsgericht unterschriebenen Haftbefehl, den Hausbote Hugo Treumann soeben hereingebracht hat. Dann geht sie zum Waffenschrank und schnallt sich das Holster mit ihrer Dienstpistole um.

*

Der Streifenwagen mit den beiden Elmshorner Polizisten an Bord hält an der Zapfsäulenreihe an. Kurz danach folgen Nili und Ferdl im X3. Sie steigen aus und begrüßen sich; Nili kennt die beiden Beamten von einem früheren Einsatz 12 und stellt ihnen Ferdl vor. Anschließend begleitet Polizeimeisterin Lotte Hansen Nili in den Laden, während Ferdl und POM Thor Heymann zur Rückseite des Gebäudes gehen, wo sich die Werkstatt befindet. Vor deren Einfahrt parkt ein etwas ramponierter weißer Opel Transporter, im Inneren schraubt eine in einen Blaumann gehüllte Figur am Ölfilter des auf der hochgefahrenen Hebebühne stehenden VW Golf. Ferdl erkennt in ihm den Mann von dem Fahndungsfoto. Dieser hat ihr Herankommen nicht bemerkt »Des is unser Kasperl, packman?«, murmelt Ferdl dem Kollegen ins Ohr.

Polizeiobermeister Heymann nickt kurz und betritt die Werkstatt, die rechte Hand auf dem Griff seiner Dienstwaffe.

»Mihalis Marinakis? Polizei! Wir haben hier einen Haftbefehl gegen Sie. Sie sind vorübergehend festgenommen wegen des dringenden Verdachts, eine Minderjährige entführt zu haben. Bitte legen Sie das Werkzeug aus der Hand und kommen Sie mit erhobenen Armen zu uns!«

Mit überraschter Miene wendet sich Marinakis ihnen zu. Er zuckt kurz mit den Schultern und lässt den Maulschlüssel fallen. Dann kommt er der Aufforderung nach und tritt den Beamten widerstandslos entgegen. Ferdl legt ihm Handschellen an und sagt: »Gemma, Burschi, das wär’s dann für di gwesn!« Er führt den Festgenommenen zu ihrem Dienstwagen.

Im selben Moment treten Nili und Lotte Hansen aus dem Laden.

»Prima, dass Sie ihn gefasst haben!«, sagt die Polizeiobermeisterin.

Nili ergänzt: »Er ist der Bruder des Tankstelleninhabers und ist bei diesem nach seinem Konkurs untergekommen. Der arme Kerl hat alles verloren. Bis auf die nackte Haut haben die Bänker ihn gerupft!«

»Hättns bittschön die Nummer der SpuSi, Frau Chefin?« Schmunzelnd deutet Ferdl in Richtung der Werkstatt: »Sei oide Kraxn steht da vor der Garaschn!«

Nili ruft selbst an und bittet schließlich die beiden Kollegen, die Überführung des Transporters zur Itzehoer KTU durch einen lokalen Abschleppdienst in die Wege zu leiten, denn die dortige SpuSi befinde sich gerade in einem Großeinsatz.

*

Als sie später auf dem Weg nach Itzehoe sind, versucht Ferdl mit dem neben ihm im Wagenfond sitzenden Festgenommenen ins Gespräch zu kommen. Marinakis wiederholt allerdings stets nur das Wort »Anwalt«.

Nili interveniert: »Lassen Sie’s gut sein, Ferdl. Der Mann hat zwar schwere Schuld auf sich geladen, aber irgendwie kann ich ihn sogar verstehen. Bedauerlicherweise hat er sich dabei an einem vollkommen unschuldigen Mädel vergriffen. Das war eine üble Tat, für die er büßen muss. Andererseits sitzt er tief in der Scheiße und der Mitschuldige an seiner Misere sonnt sich in Saus und Braus. Sie hätten den Kotzbrocken erleben sollen!« Dann richtet sie sich an den Festgenommenen: »Hören Sie, Herr Marinakis: Ich kann Ihnen eine sehr gute Anwältin besorgen, die mit Sicherheit dazu beitragen wird, dass Ihre Bestrafung so mild wie möglich ausfällt. Sie könnte Ihnen vielleicht sogar dabei helfen, etwas von Ihrem verlorenen Geld zurückzubekommen. Sind Sie einverstanden?«

Marinakis dankt ihr mit Tränen in den Augen. »Das Ganze tut mir ja so leid, Frau Kommissarin! Ich wollte dem Mädchen nichts Böses tun, bitte glauben Sie mir!«

Über die Sprechanlage des Dienstwagens lässt sich Nili mit ihrer Freundin Kitt Harmsen verbinden. Sie erklärt ihr kurz den Sachverhalt. Kitt verspricht, die Akte anzufordern und sich am nächsten Morgen mit dem Festgenommenen zu treffen.

*

Große Genugtuung ist auf ihren Gesichtern abzulesen, als sie Mihalis Marinakis im Büro des Leiters der Bezirkskriminalinspektion persönlich abliefern. Kriminaloberrat Stöver ist hocherfreut, dass Nili und Ferdl ihnen die Arbeit abgenommen haben, seine beiden Kommissare Westermann und Steffens hätten doch gerade alle Hände voll mit einem in letzter Nacht entdeckten Tötungsfall zu tun: Ein Familienvater habe seine beiden Kinder und die von ihm getrennte Ehefrau erstochen und sich danach selbst gerichtet.

»Das war äußerst flotte und sehr gute Arbeit, Frau Masal! Ihnen und Ihrem Team herzlichen Dank!«, lobt Staatsanwältin Doktor Bach, die ein ausnahmsweise gut gelaunter ›Hein Gröhl‹ herbeigebeten hat. Da Marinakis auch ihr gegenüber bis zur Ankunft seiner Rechtsanwältin schweigen möchte, übergibt sie ihm eine schriftliche Rechtsbelehrung und lässt ihn bis zu deren Eintreffen in eine Zelle abführen. Morgen soll er dann einem Ermittlungsrichter vorgeführt werden. Dann fragt die Staatsanwältin: »Sind Sie inzwischen mit den anderen Fällen weitergekommen, Frau Masal? Doktor Kramer berichtete mir bereits, dass Sie einige Cold Cases von vermissten Minderjährigen aus unserem Gerichtsbereich wieder aufnehmen wollten.«

»Insoweit ja, als wir uns gegenwärtig der intensiven Aktenstudie widmen, um daraus weitere Aktionen ableiten zu können. Zudem läuft unser Antrag beim Oberstaatsanwalt, um die Genehmigung zur Wiedereröffnung der Akten zu erhalten. Wir halten Sie selbstverständlich auf dem Laufenden.«

*

Es ist schon etwas spät an diesem Donnerstagnachmittag, als Nili und Ferdl das Polizeihochhaus in der Großen Paaschburg verlassen. Nili verspürt überhaupt keine Lust, jetzt im Hauptverkehr nach Kiel zurückzufahren. Nachdem sie in den Dienstwagen eingestiegen sind, hat sie eine Idee. »Haben Sie an diesem Wochenende etwas Besonderes vor, Ferdl?«

»Na, i ned, Frau Chefin, warum?«

»Mein Vorschlag wäre, es hier auf dem Lande zu verbringen? Wir würden jetzt nach Oldenmoor fahren. Bestimmt können Sie wieder bei Onkel Oliver und Tante Madde auf dem Holstenhof übernachten. Morgen Vormittag unternehmen wir dann eine kleine Pirschfahrt zu den drei Orten, von denen die Kinder verschwunden sind. Wie ich Sie kenne, haben Sie längst die Fallakten auf Ihrem heiligen Notebook gespeichert. Was halten Sie davon?«

»I bin dabei, Frau Chefin! Ist mir immer wieder ein Pläsier, bei Ihrer lieben Familie zu Gast zu sein.«

Nili öffnet die Fahrertür, steigt aus, geht um den Wagen herum und öffnet die Beifahrertür: »Fahren Sie bitte? Ich muss alle anrufen, um sie vorzuwarnen.«

3. Aus Nilis Tagebuch

Donnerstagabend. Obwohl wir Polizisten fast täglich mit vermissten Personen zu tun haben, konnte ich mir niemals vorstellen, wie ein lebendiger Mensch so einfach verschwinden kann, ohne irgendwelche Spuren zu hinterlassen. Es mutet doch wie ein Science-Fiction-Film an, in dem plötzlich vor ihm ein Ufo mitten in Niemandsland landet und er, von Aliens entführt, auf Nimmerwiedersehen im Weltall entschwindet. Aber gerade so sieht es in den drei Fällen von abgängigen Kindern aus, die wir uns jetzt vorgenommen haben. Keins von ihnen hinterließ irgendeine Fährte. Und so handelte es sich eben nur um eine kärgliche Vermutung, mit der ich unseren Boss und den Oberstaatsanwalt mühsam davon überzeugen konnte, dass es vielversprechend ist, die Fälle wieder aufzunehmen. Vorhin wurde ich von Ferdl gefragt, warum ich mich überhaupt auf so zerbrechliches Eis begebe, denn auch das akribische Studium der Fallakten hätte nichts wirklich Handfestes ergeben, was man verfolgen könne. Ich sagte ihm nur, ich hätte dafür gute Gründe. Während des Abendessens im Onkel Suhls Haus ging mir aber seine berechtigte Frage nicht aus dem Sinn, ebenso wie die von mir gegebene Antwort.

Jetzt möchte ich dir, liebes Tagebuch, meine wahren Gründe anvertrauen: Wer kann schon die seelische Beklemmung und die Hilflosigkeit einer liebenden Mutter nachvollziehen, die wohlverstandene Wut des Vaters eines plötzlich abhandengekommenen Kindes, die klaffende Sehnsucht im Gemüt der Geschwister im gemeinsamen Kinderzimmer? Mitleid ist eben nur MITgefühl; das LEID kann nur jener selbst empfinden, den es trifft und der es auch selbst ertragen muss! Ich habe kein Kind in die Welt gesetzt, vielleicht weil ich mich auch nach so vielen Jahren immer noch nach meinem kleinen Bruder Hanan-Peres sehne, der jäh aus unserer Mitte entschwand. Klingt verwunderlich, habe ich ihn doch nie gekannt, denn er wurde einige Jahre vor meiner Geburt das Opfer der mörderischen Handgranate eines hinterhältigen PLO-Attentäters.

Gerade als ich diese traurigen Zeilen tippe, wird mir klar, warum ich Polizistin geworden bin. Gemäß unserem Eid sind wir gehalten, dem Recht dieser Bundesrepublik zur Geltung zu verhelfen. Ja, ich muss zugeben, dass es auch oft gerade dieses Recht ist, das im Wege der Gerechtigkeit steht, der sie nach dem Sinn eigentlich dienen sollte. Unser Grundgesetz und die Bundesrepublik Deutschland sind ein unglaubliches Wunderwerk, entstanden sie doch in der Nachfolge eines der barbarischsten Unrechts- und Verbrecherstaaten, die diese Welt je erlebt hat. Gerade deswegen fühle ich mich stets verpflichtet, diese dem Blut und der Verzweiflung von fast sechzig Millionen Opfern des Zweiten Weltkrieges gebührende Wiedergutmachung nach Kräften zu verteidigen. Denn schaue ich mich in unserer Geschichte um, ist diese demokratische Bundesrepublik Deutschland trotz all ihrer offensichtlichen Macken samt ihren utopischen linken und vor allem üblen rechten Randerscheinungen das beste Deutschland, das es je gab!

Klingt vielleicht allzu hochtrabend, aber wenn ich erneut diesen Satz lese, drückt er doch sinngemäß meine Gefühle durchaus zutreffend aus. So, jetzt geht’s mir besser. Gute Nacht!

Freitag. Als ich heute Morgen aufwachte und aus dem Fenster blickte, lachte mir wieder ein herrlicher Tag entgegen. Nach meiner üblichen Joggingtour in der frühen und noch frischen Luft genoss ich im Onkel Suhls Haus das gemütliche Frühstück mit Abuelita und Ima. Gegen neun Uhr kam Habiba, um wie an jedem Morgen Mutter zur Hege ihres geliebten Federviehs im Eulenhof abzuholen. Schön, dass sie jetzt einen Führerschein hat und sie daher Ima in vielen Aufgaben entlasten kann. Sie brachten mich zum Holstenhof, wo ich Ferdl aufsammelte, der nach dem gestrigen Abendbrot mit dem X3 zur dortigen Übernachtung gefahren war.

Ich bin mit der Umgebung Oldenmoors bestens vertraut, sodass wir uns gleich auf die B 431 begaben und uns auf in Richtung Glückstadt machten. Wir fuhren durch Brokdorf und kurz darauf entlang der mächtigen, weiß gleißenden Kuppel des Kernkraftwerks, das mit dem daneben befindlichen Schornstein vom Aussehen her einer Moschee ähnelt. Nachdem wir wenig später die Brücke am Störsperrwerk überquert hatten, bogen wir links ab und fuhren schließlich weiter, bis wir in Krempe, der zweitkleinsten Stadt Schleswig-Holsteins, eintrafen. Ferdl hatte die Adresse der Familie Martens in das Navi eingegeben, das uns direkt zu dem bescheidenden Einzelhaus Op de Wisch führte, aus dem die kleine Mia vor drei Jahren verschwunden war. Man hatte den Vorgarten offensichtlich längst dem Wildwuchs überlassen. Mit Beklemmung drückte ich mehrmals den Klingelknopf, aber niemand öffnete uns die Haustür. Eine junge Frau parkte ihren Kleinwagen auf der Garagenauffahrt des Nachbarhauses, und nachdem wir uns ausgewiesen hatten, erfuhren wir von dem Drama, das sich nach Mias Entführung abgespielt hatte. Im Verlauf der vielen Monate, in denen das Kind nicht aufgefunden worden war, wurde Alfred Martens Opfer seines Alkoholkonsums und daraufhin auch arbeitslos; zuletzt verbrachte man ihn in eine Entzugsklinik in der Holsteinischen Schweiz. Die verzweifelte und vergrämte Mutter verfiel zunehmend in Depression und erhängte sich vor etwa einem Jahr.

Wir bedankten uns bei der Frau und ich sah auch Ferdl seine Betroffenheit an. »A so an Schoaß aba ah!«, kommentierte er mit bitterer Stimme, als wir wieder im Auto saßen. »Hams scho recht ghabt, Frau Chefin, was Sie mir gestern auf mei blöde Frag gsagt ham!« Ich antwortete ihm, er habe sehr guten Grund gehabt, mir diese zu stellen, aber wie so oft im Leben käme wohl manch gute Absicht eben leider zu spät! Während er die nächste Adresse in das Navi eingab, murrte er leise vor sich hin, er hoffe, dass wir dort etwas Positiveres erfahren.

Nach wenigen Kilometern erreichten wir die kleine Gemeinde Elskop, die gerade etwas über einhundertsechzig Einwohner zählt. Schnell war die unscheinbare Nebenstraße Süshörn ausgemacht, die von der Dorfstraße abgeht. Besonders hart traf mich der Blick auf das farbige Schild an der Tür, auf dem die Namen der Familie Heger – Eike und Magdalene mit Pascal, Jule und Kevin – in kunterbunten Buchstaben gemalt waren. Frau Heger, eine nette und vollbusige blonde Frau, öffnete die Tür und bat uns herein, nachdem wir uns vorgestellt hatten. Ohne zu fragen, tischte sie uns zwei große Gläser ihres leckeren selbst gemachten Apfelsafts mit perlendem Mineralwasser auf. Ganz anders als die unter die Räder gekommene vorangegangene Familie hatten sie und ihr Ehemann sich gefasst und trotz des erlittenen schmerzlichen Verlustes des Erstgeborenen den Halt nicht verloren. Eike Heger ist Käsereimeister bei der Holstenmelk, Borsfleth. Kevin besucht noch die Volksschule, Juliane kommt demnächst zum Gymnasium. Mutter Magdalene betreibt einen kleinen Gemüsegarten hinter dem Haus und beliefert einen Hofladen im Ort. Sie zeigt uns Bilder aus einem Familienalbum. Der hübsche und aufgeweckt blickende Pascal wäre heute neun Jahre alt gewesen. Begeistert erzählt sie von ihrem geliebten Jungen, wie witzig und plietsch er gewesen sei, weit fortgeschritten für sein Alter. Obwohl damals noch im Vorschulalter, hätte er schon schreiben und lesen sowie ein wenig rechnen können. Offensichtlich hegte sie keinen Groll gegen die damaligen Ermittlungskollegen, attestierte ihnen hingegen, diese hätten alles Menschenmögliche getan, um Pascal wiederzufinden. Auf jeden Fall sei sie fest davon überzeugt, dass es ein Fremder gewesen sein musste, der ihren Jungen verschleppt habe. Von selbst wäre ihr Pascal niemals weggeblieben!

Ferdl bemühte sich, sie in seinem besten Hochdeutsch zu fragen, ob sie nach der langen Zeit darüber nachgedacht habe, wer das gewesen sein könne. Sie solle einfach ihren Einfällen freien Lauf lassen und keinerlei Hemmungen haben, auf irgendjemanden – egal wen – hinzudeuten. Frau Heger sah unseren Fachinspektor belustigt an und meinte, er sei doch bestimmt nicht von hier. Ferdl erzählte ihr, woher er komme und weshalb er mit uns zusammenarbeite. »Habe ich mir doch gedacht, Herr Fachinspektor!«, antwortete sie. »Wir haben einige Male am Neusiedler See Segelurlaub gemacht, Ihre Aussprache kam mir daher bekannt vor.« Ja, sehr oft habe sie sich darüber Gedanken gemacht, aber sie traue so etwas niemandem aus ihrer näheren Umgebung zu. Ich fragte daraufhin, ob es jemand gewesen sein könne, der regelmäßig in diese Gegend komme, etwa ein Markthändler, ein Postbote oder ein Logistikfahrer. Sie dachte kurz nach, aber ihr fiel niemand ein. Ich hinterließ ihr unsere Karte und bat sie, mich anzurufen, wenn ihr etwas einfalle. Sie bedankte sich herzlich dafür, dass wir erneut nach ihrem Pascal suchen wollen. Sie gehe nicht mehr davon aus, dass er noch am Leben sei, wäre aber schon sehr dankbar, ihn beerdigen und an seinem Grab trauern zu können. Habe ich mich getäuscht oder waren es tatsächlich zwei Tränen, die mein geschätzter Ferdl sich da ganz verstohlen aus den Augen wischte, während wir zum Dienstwagen zurückgingen. Ich habe allerdings meine eigene Traurigkeit nicht verborgen.

Unser drittes Ziel war nur etwas mehr als drei Kilometer vom aktuellen Standort entfernt. Allerdings war es inzwischen fast Mittag und wir empfanden es als unangebracht, um diese Zeit jemandem einen unerwarteten Besuch abzustatten. So fuhren Ferdl und ich zunächst nach Glückstadt und kehrten in das Restaurant Rigmor am Markt ein. Es ist jenes Lokal, in dem einst die junge und lebensfrohe Saadet Bassir ihre Gäste bediente. Erst fast drei Jahre nach ihrem tragischen Tod war es uns endlich gelungen, den Mann zu entlarven und vor Gericht zu bringen, der für die brutale Tötung der Kellnerin, ihres Geliebten sowie eines Mittäters verantwortlich gewesen war.13 Wegen dieser vorsätzlich und arglistig begangenen schweren Verbrechen verbüßt der ehemalige Apotheker nun diese für mindestens fünfzehn Jahre in der JVA Neumünster mit anschließend angeordneter Sicherheitsverwahrung.

Wirtin Silke Backhus erkannte mich sofort wieder und setzte sich kurz zu uns an den Tisch, während wir auf das bestellte Deich-Lammsteak mit grünen Bohnen und Bratkartoffeln warteten. Sie hat hier mittlerweile die Regie übernommen, während ihr Vater Sören seinen verdienten Ruhestand genießt. Nachdem wir ihr erzählt hatten, weshalb wir mal wieder in der Gegend recherchierten, sagte sie, sie kenne jemanden, der uns womöglich etwas mehr über die verschwundenen Kinder erzählen könne, und stellte uns die äußerst sympathische Lokalblattredakteurin Imke Lührsen vor. Wir baten die adrette Mittdreißigerin mit dem pfiffigen Ausdruck in den Augen an unseren Tisch. Sie konnte sich sehr gut an die damaligen traurigen Ereignisse erinnern. Da wir den Familienvater bei unserem ersten Besuch nicht angetroffen hatten, erfuhren wir nun von ihr, dass ebendieser Alfred Martens bis zu dessen Schließung bei einem Großverlag in Itzehoe als Drucker tätig gewesen war. Die Arbeitslosigkeit ereilte ihn wenige Monate vor dem Verschwinden der kleinen Mia, er fand aber eine neue Anstellung als Lagerist bei einer Meierei in Borsfleth. Diese war allerdings nur von kurzer Dauer, denn der Verlust seiner Tochter warf ihn vollkommen aus der Bahn. Der Selbstmord seiner Ehefrau gab ihm schließlich den Rest. Auch die Journalistin bescheinigte sämtlichen Polizeibehörden aus Glückstadt und Itzehoe, die sich damals auf die Suche nach Mia, kurz darauf nach Pascal und im vorletzten Jahr nach der achtjährigen Alina Kühl aus Herzhorn gemacht hatten, ihr Allerbestes gegeben zu haben. Buchstäblich jeden Stein hatten sie umgedreht, aber der arglistige Entführer habe sich stets derart gut getarnt, dass er bis zum heutigen Tag unbekannt geblieben sei. Gern werde sie uns nach Kräften bei der erneuten Fahndung unterstützen. Als Mutter von zwei Kindern sei sie selbst zutiefst betroffen angesichts der Traurigkeit, die solch ein Verlust für die unglücklichen Eltern bedeute. Ich bedankte mich und bat sie vorerst um äußerste Diskretion, um niemanden aufzuscheuchen. Im Gegenzug versprach ich, auf jedem Fall in der Sache den Kontakt mit ihr zu halten. Dann fragte sie mich, ob ich nicht zufällig jene Kommissarin sei, über die ihr Kollege Jan-Jürgen Ploog vom Oldenmoorer Courier schon mehrmals berichtet hätte. Ich bestätigte ihr, dass Jan-Jürgen mein Vetter sei und ich wisse, dass der Glückstädter Merkur demselben Kieler Verlag angehöre, sie solle sich aber darüber keinen Kopf machen, mit ihm hätte ich des Öfteren ebenso verfahren und es habe stets gut geklappt.

Nachdem wir mit Imke Lührsen die Handynummern ausgetauscht hatten, machten Ferdl und ich uns auf den Weg nach Herzhorn. Zuverlässig führte uns das Navi zum Heim von Jochen und Ellen Kühl am Schlotbohm. Als wir unseren X3 vor der Tür parkten, kam deren nunmehr sechzehnjähriger Sohn Thorben aus Richtung Glückstadt geradelt, wo er das Gymnasium besucht. Er berichtete uns, sein Vater sei in einer nahe gelegenen Ziegelbrennerei für den Versand verantwortlich und seine Mutter, eine gelernte Akustikerin, arbeite in einer Hörgerätefiliale am Glückstädter Markt. Thorben entpuppte sich als aufgeweckter und empathischer Teenager, der uns, nachdem er seine Mutter angerufen hatte, bis zu deren Eintreffen im gemütlich eingerichteten Wohnzimmer warten ließ. Er erzählte uns, dass der Verlust Alinas vor fast zwei Jahren auch heute noch schwer auf dem Gemüt der Familie liege und alle belaste.

Frau Ellen Kühl, die wenig später eintraf, war eine kleinere, untersetzte und offensichtlich sehr warmherzige Person, augenscheinlich wegen des nagenden Kummers vorzeitig gealtert. Sie äußerte ihre Freude darüber, dass wir uns erneut dem Fall widmen wollten, war sie doch fest davon überzeugt, dass ihre Alina noch am Leben sei. Sie wisse dies mit absoluter Sicherheit, eben weil sie die Mutter des Mädchens sei und Mütter so etwas fühlen! (Wie oft haben wir das schon hören müssen – wenn es denn nur ebenso oft stimmen würde!) Dann kam die obligate Frage, ob auch ich Kinder habe. Ich verneinte, versicherte ihr aber, dass ich ihre Gefühle vollkommen nachempfinden könne, habe ich doch ebenfalls den Verlust eines kleinen Bruders erleiden müssen.

Viel Neues konnten wir nicht von ihr erfahren. Wie wir bereits aus der Akte wussten, hatte die damals nur halbtags tätige Mutter ihre Tochter gegen Mittag von der Schule abgeholt und sie auf deren Wunsch für die kurze Zeit eines raschen Einkaufs im Dorfladen am neben dem Wohnhaus gelegenen Kinderspielplatz abgesetzt. Als sie Alina etwa eine Viertelstunde später wieder abholen wollte, war sie spurlos verschwunden. Nur eine Frau mit zwei kleineren Kindern war vor Ort. Sie berichtete, bei ihrer Ankunft sei niemand da gewesen, sie hätte das Mädchen nicht gesehen. Alinas Schultasche wurde etwa eine Woche später von einem Angler aus dem Herzhorner Rhin gezogen. Polizeitaucher hatten daraufhin einige Tage lang den kleinen Nebenfluss der Elbe akribisch durchsucht, aber keine weitere Spur gefunden. Auch der Blick in das Kinderzimmer verriet uns nichts Aufregendes, nur dass dieses Mädchen offensichtlich sehr gut malen konnte. Die an der Wand befestigten Bilder zeigten für eine noch nicht ganz Achtjährige bereits ungewöhnlich gut proportionierte Gegenstände, Figuren und sogar erkennbare Gesichter. Einem Impuls folgend zückte ich mein Smartphone und fotografierte jene, die mir besonders gut gelungen erschienen. Wir hinterließen unsere Karte, damit die Familie uns jederzeit anrufen könne.

Auf dem Weg zurück nach Oldenmoor machte ich einen kleinen Umweg zum neuen Fischhändler in Glückstadt, von dem ich im Restaurant Rigmor erfahren hatte, dass er gerade frische Makrelen im Angebot habe. Vor einigen Abenden hatte ich mir von einer Fernsehsendung ein afrikanisches Rezept herausnotiert, während ein sympathischer junger Mann die leckere Speise vor der Kamera zubereitete und detailliert über die Zutaten plauderte. Beim Fischhändler wählte ich zwanzig prima aussehende Filets, da ich das Gericht unbedingt zum morgigen Mittag ausprobieren wollte. Es war bereits angebracht, unser wohlverdientes Wochenende zu genießen, als wir wieder im Onkel Suhls Haus eintrafen. Wenig später tauchten auch Waldi und Robert auf, und nachdem wir einvernehmlich strikt vereinbart hatten, heute nicht mehr über die Arbeit zu reden, erlebten wir einen entspannten und unterhaltsamen Abend im kleinen Garten hinter dem Haus. Jeder trug dazu bei, indem er lustige Anekdoten und Begebenheiten aus der Jugendzeit zu Gehör brachte. Bevor wir zu Bett gingen, bereitete ich mit Habibas Unterstützung eine Marinade zu und legte darin die Makrelenfilets über Nacht ein. Wie wonnig war es, anschließend in den verlangenden Armen meines geliebten Waldi zu kuscheln und mit ihm eine bezaubernde Liebesnacht zu erleben!

Pulsuz fraqment bitdi.

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Litresdə buraxılış tarixi:
26 may 2021
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9783969405307
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