Kitabı oxu: «Hinter den Feldern»

Şrift:



Endlich wieder draußen

Der Frühling 1986 war verseucht. Da waren verseuchte Salatköpfe, die man nicht essen durfte. Da war der verseuchte Sandkasten, in dem man nicht spielen durfte. Da war die verseuchte Milch, die man nicht trinken durfte. Alles war verseucht.

Ein Atomkraftwerk in der über 1500 Kilometer weit entfernten Stadt Tschernobyl war wie ein Vulkan explodiert und hatte statt Lava jede Menge Gift ausgespuckt. Und das war mit dem Wind und Regen bis zu uns gekommen. Deswegen war alles verseucht und verboten.

»Ich möchte immer neun Jahre alt sein«, hatte ich noch im Vorjahr zu Großvater gesagt, als er mir den Korb für die Kirschen reichte. Ich hockte oben in unserem alten Baum, überglücklich und zufrieden, und teilte meine Ernte gerecht auf: eine Kirsche für mich, eine für Mas Kuchen. Ma hatte zwar protestiert, als ich ihr sagte, dass ich ihr beim Pflücken helfen wolle, aber Großvater hatte versprochen, auf mich aufzupassen. Sie war schnaubend ins Haus gegangen und hatte uns das Abzupfen überlassen.

Ma schnaubte viel. Und sie protestierte viel. Ich war nämlich ihr Sorgenkind. Mit Asthma sei nicht zu spaßen, warnte sie mich täglich. Vor allem in jenem Frühling 1986, den ich größtenteils im Haus verbrachte. »Verseuchter Regen und Asthma vertragen sich nicht gut«, hatte Ma gesagt. Und daher freute ich mich riesig, als sie mir Anfang der Sommerferien endlich erlaubte, in den Garten zu gehen. Sie meinte, das Gift sei nun nicht mehr bedrohlich. So ganz glaubte ich ihr das nicht, denn trotz der Entwarnung wollte sie in diesem Sommer keine Kirschen von unserem Baum haben. Er hing zwar voller dunkelroter Kirschen, aber Ma wollte stattdessen lieber Apfelpfannkuchen machen.

Die Äpfel für die Pfannkuchen lagerten im Keller, wo wir neben allerlei Krams alles Eingemachte aufbewahrten. Wir hatten immer genug Marmelade, Apfelmus, Sanddornsaft und Schnaps gelagert. »Falls das Dorf zu Besuch kommt«, scherzte Großvater oftmals beim Anblick der Vorräte. Die Holzregale stöhnten am Herbstanfang unter der Last der übereinander gestapelten, gut beschrifteten und sortierten Einmachgläser und Flaschen. Und im Frühling stöhnten sie noch mal. Wahrscheinlich atmeten sie da zum ersten Mal wieder richtig durch, nachdem sie vom Großteil der Last befreit waren, und husteten sich den Staub von den alten, morschen Brettern.

Den Herbst und Winter über gab es reichlich Stachelbeer-, Kirsch- und Erdbeermarmelade. Und Fliederschnaps. Den tranken aber nur Großvater und Pa. Für mich und Lissi gab es Holundersaft, den wir aus kleinen Pinnchen tranken und so taten, als wären wir erwachsen und tränken ebenfalls Schnaps. Lissi war zwar mit ihren siebzehn Jahren fast wirklich erwachsen, aber sie spielte dennoch mit, was ich ihr hoch anrechnete. Im Gegensatz zu Ma behandelte sie mich wie einen normalen Menschen und nicht wie eine Porzellanfigur. Ma schüttelte nur den Kopf, wenn wir unseren Holunderschnaps tranken und ermahnte mich, niemals mit dem Trinken anzufangen. »Alkohol und Asthma vertragen sich nicht gut«, behauptete sie. Auch wenn ich erst zehn Jahre alt war, glaubte ich ihr das nicht. Der Hustensaft, den ich manchmal nehmen musste, enthielt nämlich ziemlich viel Alkohol, und der vertrug sich wunderbar mit meinen Beschwerden.

Überhaupt unternahm Ma viel, um mich vor allen möglichen Gefahren zu schützen. Ich durfte nicht schwimmen, nicht Rad fahren, nicht Fußball spielen. »Das verträgt sich nicht gut mit deinem Asthma«, erklärte Ma mir. Dass ich der einzige Junge in Försterhausen war, der nicht am Schulsport teilnahm, schien ihr egal zu sein. Ich hatte dadurch zwar weniger Asthmaanfälle, aber auch weniger Freunde. In meiner Klasse wurde ich wegen meiner Hustenanfälle Lungenlurch genannt. Allein die Lehrer nannten mich bei meinem richtigen Namen, Leon Hupp.

Als Ma mir an jenem Tag erlaubte, in den Garten zu gehen, war ich außer mir vor Freude. Ich liebte es, draußen zu sein. Ich liebte die Düfte, die Geräusche, einfach alles.

Rasch sprang ich hinaus und nahm alles in mich auf: den süßlichen Duft der Narzissen und Schlehen, den herben Atem der Roggenfelder, das Zwitschern der Meisen und Drosseln und das Rauschen der Bäume. Ich freute mich sogar am Gegacker unserer Hühner, das wie ein hübsches, schräges Sommerlied klang.

Ich ließ meine Hand durch die Blätter des Rhododendrons streichen und befühlte seine Blüten. Ich fuhr mit der Hand über die Stämme der Obstbäume, beobachtete die Ameisen, die an ihnen emsig rauf und runter liefen, und sah den blauen, klaren Himmel über mir.

Es war die reinste Wohltat nach all den Wochen im Haus. Selbst zur Schule hatte Ma mich eine Zeitlang mit dem Auto gebracht. Sie wollte nicht, dass ich der giftigen Luft da draußen ausgesetzt war. Sie verfolgte alle Radiosendungen über den Unfall in Tschernobyl und selbst in der Schule wurde viel davon gesprochen, mehr als ich verstand. Ich fand es natürlich auch schrecklich, was da passiert war, aber nur, weil es mich dazu verdammte, im Haus zu bleiben. Denn das war die totale Langeweile.

Im Haus gab es nichts für mich zu tun. Ich machte meine Hausaufgaben, las ab und an ein Buch und sah Ma beim Kochen oder Nähen zu. Manchmal sah ich Kalle und seine Jungs mit dem Rad zum Weiher fahren, der nahe des alten Wirtshauses lag. Sie sammelten Kaulquappen, die sie mit in die Schule nahmen und stolz herumzeigten. Statt draußen zu spielen, rührte ich das Essen im Topf um oder wusch Gemüse.

In jenen Tagen lernte ich, wie sich unsere Hühner im Stall fühlten: traurig und ungeduldig. Die Hühner wollten bestimmt auch hinaus in den Garten, raus aus ihrem Bretterverhau und Maschendrahtgehege. Wer weiß, vielleicht wollten sie sogar fliegen. Mir hätte das Sitzen im Garten schon gereicht. Ich hätte mit Großvater Schmetterlinge beobachtet oder die wirren Lufttänze der Kiebitze. Wenn Ma nicht hingeguckt hätte, hätte ich ein paar Pusteblumen gepflückt und Schirmchen steigen lassen.

Am schlimmsten war aber die Zeit gewesen, als die Obstbäume blühten. Wie gerne hätte ich mich in den Blütenregen gestellt. Es war herrlich, wenn im Mai die Bäume in voller weißer Pracht standen und der Wind die kleinen, samtfeinen Blüten abzupfte. Wenn man sich dann unter die Bäume stellte, war das wie tausend kleine Berührungen von Elfen.

Als ich mich nach meinem Spaziergang durch den Garten zu Großvater gesellte, pochte mein Herz vor Freude bis zum Hals. Ich liebte es draußen – und bei Großvater zu sein. Der schnitt soeben die Rosen zurecht und ich setzte mich auf die Bank neben dem Strauch.

»Hallo, Leon«, sagte Großvater, der seine unverzichtbare grüne Gartenschürze trug und vor dem Rosenbeet kniete. Der Wind strich durch die Zweige und ließ die Blätter rascheln.

»Hallo, Großvater«, sagte ich und ließ die Beine baumeln. »Mähst du heute den Rasen?«

Großvater legte den Kopf schief und sah mich durchdringend an. Er wusste, was das für mich bedeuten würde. Sobald er den Rasenmäher herausholen würde, müsste ich zurück ins Haus. Rasenmähen und Asthma vertragen sich nämlich nicht. »Nein, der schafft es noch ein paar Tage.«

Großvaters Augen leuchteten grasgrün, was für mich logisch war, da er den Garten über alles liebte. Mas Augen glichen der Farbe von Schokolade, da sie den besten Schokoladenkuchen der Welt backte. Lissi hatte meerblaue Augen, weil sie verrückt nach dem Meer war. Pas graue Augen wirkten wie aus Beton. Er hätte nach meinem Verständnis Maurer sein oder zumindest Steine sammeln müssen. Aber er war Bankangestellter. Ich war noch auf der Suche nach dessen Bedeutung. Und meine Augen? Die schimmerten auch blau. Aber das Meer war mir egal. Vielleicht waren sie himmelblau, weil ich mir gerne die Wolken anschaute. Ich wusste es nicht.

»Wieso schneidest du die Blüten ab?«, fragte ich Großvater.

»Damit die Rosen besser gedeihen und gesund bleiben.«

»Aber die Blätter sind doch schon welk.«

»Das sind Sommerrosen. Wenn ich die Blüten stutze, blüht der Strauch bald noch einmal. Die dürren Zweige schneide ich ab, damit der Strauch gesund und kräftig bleibt.«

»Wie beim Haareschneiden?«

Großvater lachte. »Ich habe noch nie gesehen, dass dir Blüten auf dem Kopf wachsen.«

Ich überlegte. »Manchmal schon.«

Großvater pflückte eine Rosenblüte und steckte sie mir ins Haar. »Du hast Recht, da ist eine.«

Ich lächelte. Er nahm die Rosenschere und schnitt die welken Zweige über der Verästelung ab.

»Kannst du auch meine Lunge stutzen?«, fragte ich. »Vielleicht habe ich eine Sommerlunge und die wächst sich gesund.«

Großvater hielt inne. »Mit Lungen funktioniert das leider nicht, Leon.«

»Das ist doof.«

Unter Stöhnen setzte er sich zu mir auf die Bank. »Wir können uns leider nicht aussuchen, was wir für Gaben oder Gebrechen haben.« Er zeigte auf sein Knie. »Ich habe eine angeborene Knochenfehlstellung. Damit kann ich nicht laufen. Das fand ich auch doof.«

»Und was hast du dagegen gemacht?«

»Nichts. Ich habe mich entschieden, etwas daraus zu machen.«

»Und was?«

Großvater zeigte auf die Rosen und die Sonnenblumen, die weiter hinten im Wind schwankten. »Ich habe mich mit Blumen beschäftigt. Die können nicht weglaufen.«

Ich kicherte bei der Vorstellung, wie die Blumen ihre Wurzeln in die Hand nahmen und wie alte Damen mit Regenschirmen vor Großvater davonliefen.

»Und was soll ich daraus machen?«

»Wer weiß, vielleicht wirst du ein berühmter Musiker. Oder ein gefeierter Maler.«

Ich grübelte. »Das wäre was. Ich schreibe Musik zu meinen Bildern.«

Großvater lachte. »Mannomann, da wirst du viel Zeit brauchen.«

»Du hast doch auch Zeit für deine Blumen.«

»Mittlerweile, ja. Aber du musst ja auch noch nebenbei arbeiten gehen.«

Ich merkte, dass es gar nicht so einfach war, etwas aus seinen Gaben und Gebrechen zu machen. Entweder fehlte die Idee, oder die Zeit.

»Was warst du denn mal früher?«

»Ich habe bei der Bank gearbeitet, wie dein Vater.«

Ich sah ihn empört an. »Aber Pa kann doch gar nicht mit Blumen umgehen.«

»Das muss man als Bankangestellter auch nicht. Jeder hat sein eigenes Steckenpferd. Dein Pa kann dafür sehr gut kochen.«

Das stimmte. Wenn er Zeit fand, stellte er sich stundenlang in die Küche und zauberte Gerichte, die so gut aussahen und so sonderbar schmeckten, dass sie keiner so richtig essen wollte. Ihm machte das nichts aus. Er aß einfach alles selbst auf oder nahm die Reste am nächsten Tag mit zur Arbeit. Ma behauptete manchmal, er mache das absichtlich. Er bestritt das, aber ich fand, sein kugelrunder Bauch gab Ma Recht.

Großvater kniete sich wieder hin und schnitt die welken Blüten ab. Ich beobachtete indessen die Amseln im Kirschbaum. Sie wussten nichts von Tschernobyl und pickten genüsslich und ungestört alle Kirschen vom Baum. Aufgeregt flatterten sie von Ast zu Ast und versuchten sich gegenseitig zu vertreiben.

»Werden die Amseln sterben?«, fragte ich. Großvater schaute auf und zog die Augenbrauen hoch. Ich zeigte auf den Kirschbaum.

»Vielleicht, wir wissen es nicht. So eine Situation hat es noch nicht gegeben.« Er starrte auf den Baum, als erwartete er, dass die Amseln tot herunterfielen.

»Sind die Blüten auch verseucht?«

Großvater schaute auf die Blätter in seiner Hand. »Ich hoffe, der liebe Gott hat ein Nachsehen mit unserer Leichtfertigkeit und lässt alles Schöne am Leben.«

Das Gartentor quietschte und fiel im nächsten Augenblick laut krachend ins Schloss. Das musste Lissi sein, niemand sonst machte so einen Krach.

»Hat Ma dich endlich rausgelassen?«, fragte sie mich und setzte sich neben mich auf die Bank. Ich nickte und zeigte ihr die Blüte in meinem Haar. »Du bist ja ein kleiner Elfenprinz, Brüderchen.«

Lissi war immer freundlich zu mir. Nie schien sie wütend auf mich zu sein, obwohl sie allen Grund dazu gehabt hätte. Im Gegensatz zu mir musste sie Ma viel im Haushalt helfen. Staubwischen, bügeln, spülen. Anmerken ließ sie sich das aber nicht. Ich denke, sie hatte Mitleid mit mir, da sie gesund und munter war und Freunde hatte. Vielleicht hatte sie aber auch einfach nur ein großes Herz.

»Sieh mal, was ich dir mitgebracht habe«, sagte sie und reichte mir ein Buch.

»Wolfsblut von Jack London!«, rief ich begeistert. »Das habe ich noch nicht!«

»Weiß ich doch«, sagte Lissi und wuschelte meine Haare durcheinander. Das hasste ich, nahm es aber in Kauf, wenn ich dafür mit neuem Lesestoff versorgt wurde.

»Danke! Damit werde ich heute Abend noch anfangen«, sagte ich und lächelte Lissi an. Sie wusste immer, wie sie mir eine Freude machen konnte.

Ich blätterte in dem Buch. Die Geschichten von Jack London las ich für mein Leben gern. Durch sie konnte ich große Abenteuer erleben und die Welt dort draußen entdecken. Wie gerne wäre ich Jack auf seinen Fahrten gefolgt, wäre Goldgräber geworden und Hundeschlitten gefahren und hätte einen eigenen Wolfshund gehabt. Aber Asthma und Haustiere vertragen sich nicht. Asthma und Abenteuer schon gar nicht.

»Schaut mal«, flüsterte Großvater und zeigte auf den Kirschbaum, wo ein blaugrauer Vogel mit rostrotem Bauch den Stamm kopfüber runter lief.

»Das ist ja ein putziges Kerlchen«, sagte Lissi.

»Das ist ein Kleiber«, erklärte ich ihr.

»Aha«, sagte Lissi. »Und woran erkennst du das?«

»Am Gefieder. Außerdem ist er der einzige Vogel, der über Stämme läuft und nicht hüpft.«

Lissi schaute prüfend zu Großvater. Der nickte bestätigend. »Da hat er Recht.«

Lissi lachte. »Ihr seid mir zwei Vögel!«

Großvater und ich grinsten. Lissi kannte sich nicht gut aus in der Natur. Für sie gab es nur Baum, Vogel, Käfer, Blume. »Dass du Kirschen von Äpfeln unterscheiden kannst, grenzt an ein Wunder«, neckte Großvater sie gerne. »Zum Glück schmecken sie beide«, lachte Lissi dann immer.

Nachdem Lissi ins Haus gegangen war, legte ich das Buch beiseite und schlenderte durch den Garten. Ich ging am Hühnerstall vorbei, unter den Obstbäumen hindurch, wich den Gänseblümchen aus und atmete schnupperdurstig alles ein.

Mein Ziel war die Schaukel, die an der großen Ulme hinten im Garten hing. Wenn man hoch genug schaukelte, fühlte man sich für kurze Zeit wie ein Vogel.

Von Ma war weit und breit nichts zu sehen, also legte ich los. Mit viel Schwung und ohne Lungenrasseln hatte ich bald eine wunderbare Aussicht. Vor mir lagen die Roggenfelder. Die reichten bis zum alten Wirtshaus, das sich in der Ferne zwischen den flirrenden Birken zu verstecken versuchte. Leise wiegten sich die schweren Ähren im Wind, als striche eine unsichtbare Hand durch sie hindurch. Feine goldene Staubkörnchen schwebten durch die warme Sommerluft wie kleine Falter auf der Suche nach Blüten. Es war wie verzaubert. Und über allem tanzten und torkelten die Kiebitze durch den Himmel, als wären sie betrunken. Ihr meckernder Ruf vermischte sich mit dem sanften Rauschen des Windes und dem Quietschen der Schaukel. Der Duft der Ähren stieg mir in die Nase. Ich befürchtete, husten zu müssen. Meinen Lungen schien es aber zu gefallen, sie taten das, wofür sie gemacht waren: sie atmeten und ließen mich leben.

Im Gegensatz zu Ma. Die rief so laut nach mir, dass ich beinahe vor Schreck von der Schaukel fiel. »Leon, du kommst sofort da herunter!« Sie wischte ihre Hände an ihrer Schürze ab, hektisch, schier panisch – und ich erklärte ihr seelenruhig, dass alles in Ordnung sei.

»Auf der Stelle hörst du auf damit, Leon Hupp!«

Mir blieb nichts anderes übrig, als ihr zu gehorchen. Wenn Eltern einen mit Vor- und Nachnamen ansprechen, wollen sie dich am liebsten dem Storch zurückbringen.

»Was hast du dir nur dabei gedacht?«, fragte sie mich, die Hände in die Hüften gestemmt.

»Es geht mir gut«, versicherte ich ihr.

»Noch. Noch geht es dir gut. Eine Minute länger und du hättest wieder einen Hustenanfall bekommen. Und ich hätte den Notarzt rufen dürfen.«

Großvater gesellte sich zu uns. »Es ist doch nichts passiert«, sagte er und stellte sich demonstrativ auf meine Seite.

»Ich wusste nicht, dass du Arzt bist«, sagte Ma streng. »Du magst einen grünen Daumen haben, aber Blumen leiden auch nicht an Asthma.«

»Marmeladen auch nicht«, konterte Großvater und zwinkerte mir zu.

Ma holte einen Lappen aus der Schürze und wickelte ihn so fest zusammen, als wollte sie ihn erwürgen. »Das klären wir ein andermal. Jetzt möchte ich, dass der Junge ins Haus kommt. Sein Inhalator wartet auf ihn.«

Sie drehte sich um und stapfte zurück zum Haus. Großvater schaute mich mit großen Augen an. »Du hast gehört, was Frau Doktor Apfelpfannkuchen gesagt hat.«

»Jawohl«, sagte ich halb kichernd und halb enttäuscht. Gerne hätte ich noch länger geschaukelt. Manchmal konnte man nämlich Rehe am Waldrand sehen, die auf die Felder schlichen. Ich schlenderte zurück ins Haus, wo der Inhalator, ein grauer, unhandlicher Klotz, auf mich wartete – allerdings nicht ohne wieder den Gänseblümchen auszuweichen. Abrupt blieb ich stehen. Zwischen zwei Blümchen entdeckte ich ein vierblättriges Kleeblatt. Aufgeregt pflückte ich es, sprang zu Großvater und hielt es ihm wedelnd vor die Nase.

»Sieh mal, was ich gefunden habe. Jetzt bin ich ein Glückspilz!«

Großvater legte den Kopf schief und sah mich fragend an. »Ein Glückspilz?«

»Ja!«, rief ich. »Ich habe ein vierblättriges Kleeblatt gefunden. Das bringt Glück!«

»Ach so«, seufzte Großvater und kratzte sich am Kinn. »Da muss ich dich wohl leider enttäuschen.«

Verständnislos starrte ich ihn an. »Aber ein vierblättriges Kleeblatt bringt doch Glück.«

Großvater schüttelte den Kopf. »Nein, Leon. Dass du es gefunden hast, war dein Glück.«

»Das Kleeblatt war mein Glück?« Ich schluckte. »Das heißt, jetzt ist es wieder weg?«

Großvater nickte und sah mich ernst an. Als ich die Schultern hängen ließ, fing er an zu lachen. Das klang wie eine alte, schnaubende Dampflok, die aus einem Tunnel kommt. Von ganz tief unten kroch das Lachen aus seiner Kehle. »Schon gut, Leon, ich wollte dich nur veräppeln.«

Ich knurrte ihn an und lief ins Haus. Vor der Küchentür blieb ich stehen und drehte mich um. Er lachte noch immer. Ich hielt das Kleeblatt hoch und winkte ihm zu. Großvater war ein Frechdachs, wie er im Buche steht. Aber man konnte ihm nie lange böse sein.

Beim Abendbrot wurden wie jeden Abend Neuigkeiten ausgetauscht. Pa erzählte von den Bauern im Dorf, die um ihre Ernten und Tiere fürchteten. Salate waren zwar angeblich wieder genießbar, aber was war mit den Kühen? Die wuchsen nicht so einfach nach.

Lissi war ganz aufgeregt. Aber nicht wegen irgendwelcher Kühe, sondern wegen Paul. Paul war der älteste Sohn von Bürgermeister Zitterbart und seit heute ihr Freund. Pa pfiff und Ma brummte. Großvater gratulierte Lissi zu ihrem Freund und fing an, die Hochzeit zu planen. Pa stieg mit ein und Ma schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Lissi kannte Großvater gut genug, um sich nicht aufzuregen. Sie spornte ihn sogar noch an und wünschte sich ein Kleid mit meterlanger Schleppe. Ma rief die ganze Zeit dazwischen, dass sie auch noch ein Wörtchen mitzureden hätte, aber wir lachten alle durcheinander, so dass niemand ihr Wörtchen hörte.

Auch ich wusste schließlich noch etwas zu erzählen, denn die Junikäfer flogen wieder. Das schien aber niemanden zu interessieren. Ma schüttelte nur unentwegt den Kopf und Pa rechnete die Kosten für die Hochzeit aus. Einzig Lissi hörte mir zu und zusammen ahmten wir mit unseren Gabeln den wankenden Flug der Junikäfer nach. Dabei fiel ihr eine Kartoffel in die Soße. Wir kicherten und Ma schaute uns grimmig an. Sie verstand halt nichts von Junikäfern.

Kalle Zitterbart

Am nächsten Morgen ging ich in die Küche und wollte frühstücken. Das Haus roch bereits nach Mas selbstgebackenem Brot und auf dem Tisch standen verschiedene Marmeladengläser. Auch die mit Orangen, die ich so gerne mochte. Als ich mich an den Tisch setzte, kam Ma von draußen herein. Sie hielt einen Korb voll Eier in der Hand.

»Wo ist Großvater?«, fragte ich sie, da Großvater und ich in den Ferien oft gemeinsam frühstückten.

»Der arbeitet bereits am Hühnerstall«, sagte Ma und stellte den Eierkorb auf die Fensterbank neben den bunten Blumentopf, in dem ein Büschel Petersilie wuchs.

»Darf ich ihm dabei helfen?«, bat ich sie.

»Wir brauchen Butter. Die kannst du unten bei der Trude holen.«

Die Trude hatte in Försterhausen einen kleinen Laden. Sie selbst hatte ihn Tante Trudes Allerlei getauft, so stand es auf der großen Holztafel über der Eingangstür. Die Leute sagten aber immer: »Hol das mal bei der Trude« oder: »Musst du mal bei der Trude gucken«. Sie war nämlich von niemandem die Tante. Dafür hatte sie aber wirklich allerlei in ihrem Laden. Obwohl der Raum nicht größer war als unser Wohnzimmer, gab's bei Trude mehr Auswahl als in einem richtigen Kaufhaus. Kalle Zitterbart behauptete, dass der Weihnachtsmann bei der Trude seine Geschenke kaufe, weil sie einfach alles habe. Auch wenn ich Kalle nicht viel glaubte, aber das schon.

»Kann ich nicht erst frühstücken?«, fragte ich und schnupperte den herrlichen Brotduft.

»Das Brot muss erst auskühlen. Wenn du wieder da bist, darfst du gerne zulangen.«

Ma gab mir das Geld und ermahnte mich, ja langsam zu gehen. Ich versprach es ihr und machte mich auf den Weg ins Dorf. Wir wohnten am Rande von Försterhausen. Unser Haus grenzte an die Felder, hinter denen nur Wald und noch mehr Wald lag. Zur Trude ging es in die andere Richtung. Wenn man sich beeilte, schaffte man den Weg in zehn Minuten. Ich musste nur an zwei Bauernhöfen vorbei und bis zur Kreuzung runter. Dann kam die Bäckerei und daneben stand Tante Trudes Allerlei. Wir hatten auch eine Kirche und eine Sparkasse, wo mein Pa arbeitete. Die standen aber am Marktplatz eine Kreuzung weiter. Am Marktplatz war auch das windschiefe Bürgerhaus, wo Lissi ihre Ausbildung machte.

Ich ging die Straße entlang und achtete auf meine Lunge. Ich durfte mich nicht groß anstrengen, sonst würde ich wieder husten müssen. Im Sommer war es besonders gefährlich, wegen der Pollen und Gräser, die überall umherflogen. Ich hasste es, wenn ich einen Hustenanfall bekam. Meine Lunge klang dann immer wie ein zugeschnürter Dampfkessel, aus dem die Luft raus will, aber nicht kann. Nur dass es bei mir andersrum war, die Luft wollte rein, kam aber nicht durch. Manchmal machte mir das Angst, aber ich hatte ein paar Übungen gelernt, wie ich die Ruhe bewahren und meine Lunge beruhigen konnte. Außerdem inhalierte ich jeden Abend mit Hilfe des elektronischen Inhalators eine Medizin, die so übel roch und auf der Zunge kribbelte, dass sie einfach helfen musste. Jetzt war aber alles in Ordnung und so freute ich mich an den Holundersträuchern, die in voller Blüte am Straßenrand standen. Das bedeutete, Ma würde bald Holundersirup machen, und den mit Wasser gemischt trank ich so gerne wie Großvater seinen Fliederschnaps. Vielleicht ließ Ma das aber wegen Tschernobyl bleiben. Das musste ich sie unbedingt fragen, sobald ich zuhause war.

Ein Eichhörnchen huschte über die Straße und mir fiel die Geschichte vom Zapfenstreich ein, die Großvater mir vor einigen Tagen erzählt hatte. Ma hatte gerufen, dass jetzt Zapfenstreich sei und ich ins Bett gehen solle. Auf die Frage, was ein Zapfenstreich sei, meinte Großvater, dass das ein Tadel der Eichhörnchen sei. Wenn ihnen jemand quer kam, bewarfen sie ihn mit Tannenzapfen. Ma meinte, das sei Quatsch, aber eine bessere Erklärung hatte sie auch nicht.

Ich hielt also meine Hände abwehrend über meinen Kopf und rief dem Eichhörnchen hinterher, dass ich ihm nichts tun würde. Zum Glück verstand es mich. Es huschte die Fichten hinauf und spielte mir keinen Zapfenstreich.

Bei Trude angekommen, musste ich erst einmal nach der Butter suchen. Nur weil Trude alles hatte, hieß das nicht, dass man auch alles fand. Schließlich fragte ich sie danach. Bei dem Namen Trude denkt man an ein hutzeliges Weib mit Buckel. Aber unsere Trude war so alt wie meine Ma und kerzengerade gewachsen. Zielsicher ging sie durch die Regalreihen und reichte mir ein Päckchen Butter.

»Freust du dich auf die Ferien?«, fragte sie mich, als ich ihr das Geld reichte.

Ich nickte, denn Ferien bedeuteten für mich vor allem Erlösung. Erlösung von Kalle Zitterbart. Wann immer er Gelegenheit dazu hatte, verspottete er mich oder heckte etwas gegen mich aus. Er war Paul Zitterbarts jüngster Bruder. Jenes Pauls, mit dem Lissi seit gestern ging, was immer das auch bedeuten sollte. Wohin ging man miteinander und was geschah, wenn man miteinander irgendwo ankam?

»Fahrt ihr in den Urlaub?«, erkundigte sich Trude.

Ich schüttelte den Kopf. Pa hatte geplant, mit uns allen zu Großmutter Gerdi ans Meer zu fahren. Großmutter Gerdi war die Ma von Ma, und wir sahen sie nicht oft. Lissi hatte einen Luftsprung gemacht, sie liebte das Meer. Auch Ma hatte sich gefreut. Nicht nur, weil sie ihre Ma sehen würde, sondern weil die salzige Luft meiner Lunge gut tun würde. Aber dann war einer der beiden Arbeitskollegen von Pa krank geworden und so mussten wir den Besuch verschieben. Diesmal nur zur Freude von Lissi, die jetzt Paul viel lieber mochte als das Meer.

»Du bist heute aber nicht sehr gesprächig, wie?«, lachte Trude und gab mir das Wechselgeld. »Ist wohl noch zu früh.«

Mit großen Augen sah ich sie an. Sollte ich ihr von Pas Arbeitskollegen erzählen? Was hätte es genützt? Gesunde Bankangestellte konnte man bei Trude leider nicht kaufen. Also zuckte ich die Schultern und ging wortlos hinaus.

»Grüß deine Mutter von mir, ja?«, rief Trude mir hinterher.

Zehn Minuten Rückweg trennten mich von meinem Frühstück. Mit hungrigem Magen stiefelte ich los. Als ich die Kreuzung überquert hatte, ließ mich eine unverwechselbare, quäkende Lache zusammenzucken. Ich drehte mich um. Hinter mir stand Kalle Zitterbart mit zwei Jungs aus meiner Klasse, Tom und Benny.

Hastig schaute ich mich um, welche Fluchtmöglichkeiten sich mir boten. Den Weg zur Trude hatten sie mir versperrt und auf meiner Straßenseite gab es nur noch ein Restaurant, das aber erst mittags öffnete.

»Na, Lungenlurch?«, fing Kalle auch gleich an. Seine kleinen Augen passten perfekt in sein rundes Gesicht mit dem blonden Stoppelhaar und den Segelohren. Es war mir immer ein Rätsel gewesen, wie jemand, der Zitterbart heißt und aussieht wie ein Schwein, Anführer einer Bande werden konnte. Ich erklärte es mir damit, dass sein Vater der Bürgermeister war und zudem den größten Hof in Försterhausen besaß.

Kalle starrte auf das Päckchen in meiner Hand. »Hat deine Mutter keine Butter?« Er drehte sich zu seinen Jungs. »Dann gibt’s wohl heut' kein Futter.« Wieder klang seine quäkende Lache, als würde man einer Sau die Kehle durchschneiden. Als wäre diese Lache nicht schon abstoßend genug, so verschlimmerte Kalle sie noch durch seine Angewohnheit, seine Gemeinheiten in Reimen auszudrücken. Als würden sich die Schindereien dadurch besser einprägen.

»Lass mich in Ruhe«, sagte ich kleinlaut und sah ihm in die runden Augen, die vor Streitlust nur so funkelten. Wie gerne hätte ich ihm einfach eine gescheuert. Aber zum einen stand ich allein gegen die drei Jungs da, und zum anderen fehlte mir der Mut. Und selbst wenn ich ihm eine scheuerte, würde Kalle mich einfach zermatschen. Er war der größte Raufbold der Schule.

Kalle legte seinen Arm um mich. »Willst du unsere neue Sau kennenlernen?« Die Jungs lachten. »Weißt du überhaupt, was eine Sau ist?« Kalle fasste sich mit der freien Hand an die Stirn. »Stimmt ja, ihr seid ja keine Bauern. Ihr seid so feine Pinkel. Ihr habt ja keine Schweine. Und weil Lurchi Asthma hat, habt ihr noch nicht einmal einen Hund oder eine Katze.« Er hielt inne. »Aber halt, ein Haustier habt ihr ja doch: eine Gans. Die Lissi.«

Ich versuchte, mich aus seiner Umarmung zu befreien, da hörte ich Schritte.

»Was ist mit Lissi der Gans?«, fragte eine mir sehr vertraute Stimme.

Ich drehte mich um. Lissi bog mit einer Brötchentüte in der Hand um die Ecke. Belustigt sah sie auf Kalle herab. »Ich bin also eine Gans? Na, wenn das dein großer Bruder erfährt!«

Kalle ließ von mir ab und fing an zu stottern. »Nein, ähm, nein, Lissi, das hast du falsch verstanden. Ich wollte sagen, du bist eine ganz, ganz famose Freundin für Paul.«

»Das ist aber ganz, ganz freundlich von dir, Kalle. Du bist ja ein richtiger Casanova.«

Kalle lief rot an und Tom und Benny kicherten. Ich sah beschämt zu Boden. Ich war zwar heilfroh über meine Rettung, aber echte Kerle prügelten sich, hatten Gewehre oder einen Wolfshund, oder zumindest einen großen Bruder. Ich hatte eine ältere Schwester mit Brötchen in der Hand, die mir den Arsch rettete.

Kalle und Kumpanen flüchteten in Richtung Tante Trudes Allerlei. Lissi kniete sich vor mich hin und drückte mich. »Alles in Ordnung?«

Ich nickte. Es war zwar nichts in Ordnung, aber immerhin war ich ohne weitere Beleidigungen und Schubsereien davongekommen.

»Dann ab mit dir nach Hause.« Sie sah auf das Butterpäckchen in meiner Hand. »Sonst macht Ma sich wieder Sorgen.«

Lissi klopfte mir auf die Schulter und gab mir einen kleinen Schubs, damit ich mich in Bewegung setzte. Ich versuchte, sie anzulächeln, was mir aber misslang. »Schon gut«, sagte sie. »Kalle ist einfach ein Arschloch.« Damit drehte sie sich um und verschwand in Richtung Bürgerhaus.

Ich seufzte und trottete den Weg zurück nach Hause. Diesmal achtete ich nicht auf die Holundersträucher. Ich war wütend. Wütend auf mein Asthma, wütend auf Ma, die mich hierher geschickt hatte, wütend auf Kalle. Ich war so sauer, ich hätte nicht einmal bemerkt, wenn mich ein Eichhörnchen mit Zapfen beworfen hätte.

Am Hühnerstall

Nach dem Frühstück half ich Großvater beim Ausbessern des Hühnerstalls. Ein paar Bretter mussten ausgetauscht werden. Ich reichte ihm Hammer und Nägel und legte die benutzten, rostigen Nägel beiseite. Die Hühner waren in heller Aufregung. Sie gackerten wild umher, scharrten im Boden, pickten nervös hier und da ein Maiskorn auf und schauten immer wieder zu uns herüber. Sie mochten es nicht, wenn man zu lange am Stall herumlungerte. Wir sahen nicht aus wie Füchse, dennoch hielten sie uns für verdächtig.

»Was ist denn heute los mit dir?«, fragte Großvater mich nach einer Weile. »Du siehst aus wie sieben Tage Regenwetter. Ich dachte, du freust dich, endlich wieder draußen zu sein.«

Ich zuckte mit den Schultern. Ich wollte nicht von Kalle sprechen. Großvater konnte mir ohnehin nicht helfen.

»Na, spuck's schon aus.«

Ich schob mit dem Schuh die alten Nägel, die auf dem Boden lagen, zusammen. »Das ist nicht fair«, sagte ich schließlich und verschränkte die Arme.

»Was genau ist nicht fair?«

»Ach, Kalle und die anderen blöden Jungs machen sich immer über mich lustig.«

»Weil du anders bist«, sagte Großvater.

»Weil ich klein und schwach bin«, sagte ich trotzig.

»Weil du anders bist.« Er setzte sich auf den Werkzeugkoffer. »Siehst du, mein Knie hat mich früher auch zum Gespött in der Klasse gemacht.« Ich schaute zu den Hühnern, ich wollte jetzt nichts davon wissen. »Sie nannten mich immer Krücke. Sie nahmen mir meinen Schulranzen oder meinen Apfel und liefen damit weg. Ich konnte nichts dagegen machen. Manchmal hängten sie den Ranzen in einen Baum, so dass ich nicht herankam. Oder sie warfen den Apfel hin und her, so dass ich hätte springen müssen, um ihn zu fangen. Aber das konnte ich nicht. Ich war stinkwütend auf sie.«

Ich horchte auf, stinkwütend war ich auch. »Und was hast du gemacht?«

»Ich habe zwei Äpfel mit in die Schule genommen. Den ersten überließ ich ihnen und den zweiten versteckte ich in der Hosentasche.«

»Und den Ranzen?«

»Den ließ ich im Baum hängen.«

Mit großen Augen sah ich Großvater an. »Hat der Lehrer nichts gesagt?«

»Und ob der was gesagt hat! Die Jungs mussten sofort los und ihn holen.«

Das freute mich, aber meine Laune wurde nicht besser. Kalle nahm mir nichts weg, außer vielleicht meine Ruhe. Er machte sich lustig über mich, und ich wollte doch nichts mehr als auch laufen und schwimmen und Rad fahren. Ich wollte so sein wie sie: frei. Großvater merkte, dass ich grummelte. »Was genau ärgert dich? Dass die Jungs dich aufs Korn nehmen, oder dass du krank bist?«

Ich wusste nicht, was mich mehr ärgerte, also schwieg ich.

»Die Jungs können dich nur so lange ärgern, wie du dich selbst ärgerst. Lass sie reden. Sie hören auf, wenn du sie nicht beachtest. Ich nahm genau eine Woche zwei Äpfel mit zur Schule. Danach hatten die Jungs keine Lust mehr, mir den Apfel wegzunehmen.«

Ich dachte darüber nach. Es war einen Versuch wert. Vielleicht würde es Kalle zu langweilig werden, wenn ich mich nicht mehr aufregte oder jammerte.

Großvater reichte mir den Hammer und einen Nagel. »Du musst übernehmen, meine Pumpe macht mir heute zu schaffen.«

Er blieb sitzen und massierte sich die Brust. Ich hielt den Nagel ans Brett und vergewisserte mich, dass Ma nicht sah, was ich tat. Hämmern und Asthma vertragen sich nämlich nicht gut. Von Ma war keine Spur zu sehen, also legte ich los. Mit drei Schlägen verschwand der Nagel im Brett. Und bei jedem dachte ich an Kalle. Großvater reichte mir weitere Nägel und ratzfatz war die Latte befestigt.

Großvater nickte anerkennend. »Du bist ja ein richtiger Zimmermann.«

Er reichte mir das nächste Brett und ich hämmerte weiter. Es machte richtig Spaß, mal was anderes zu machen, als Gemüse zu waschen und zu schälen. Vor allem, weil ich mir Kalles runden Kopf vorstellte. Als auch dieses Brett hing, setzte ich mich auf den Baumstumpf, auf dem Großvater immer das Brennholz für den Kamin hackte.

»Wieso macht Kalle das?«, fragte ich Großvater.

Er überlegte kurz. »Weißt du, Hunde jaulen, wenn man sie alleine lässt. Und Menschen fangen an zu keifen und gemein zu werden, wenn man sie alleine lässt.«

»Aber Kalle ist doch nicht alleine. Die Jungs scharen sich um ihn wie die Hühner.«

Großvater nickte. »Tief im Innern ist Kalle alleine. Er würde es nur nicht zugeben.«

Das leuchtete mir nicht ein. Wie kann man in einer Gruppe alleine sein?

Großvater schien meine Gedanken zu lesen. »Stell dir vor, wenn Ma sich nicht um dich sorgen würde, wenn Lissi dir keine Bücher mitbringen würde, wenn Pa nicht so merkwürdige Sachen für dich kochen würde. Wäre das nicht komisch?«

Ich stellte mir all diese Dinge vor und nickte. Das wäre ganz seltsam.

»Ma, Pa, Lissi, sie alle wären da, doch es wäre alles sonderbar, nicht? Du wärst inmitten all der Menschen alleine, oder?«

Ich staunte. Großvater hatte Recht, man konnte alleine in einer Gruppe sein.

Jäh wurde unser Gespräch unterbrochen. Aus unserer Buchenhecke drang ein Zetern und Zanken wie von einer Elster oder Dohle. Großvater und ich standen auf und wollten nachsehen, was da los war. Wir waren keine drei Schritte gegangen, da stieg eine Elster aus der Hecke auf. Sie trug ein Ei im Schnabel. Hinter ihr her stürmte eine Amsel. Sie versuchte, die Elster aufzuhalten. Wahrscheinlich hatte die Elster ihr das Ei gestohlen. Ein Flügelschlagen und Gekeife, ein Schimpfen und Geschnäbel, Federn wirbelten auf, doch die Elster flog weiter.

Ehe ich überlegte, was ich tat, lief ich der Elster hinterher und schrie sie an. Vor Schreck ließ sie das Ei fallen und verschwand über den Feldern. Die Amsel flog in den Kirschbaum und schimpfte lauthals weiter. Ich rannte zu der Stelle, wo ich das Ei herunterfallen gesehen hatte und erschrak: es war auf dem Rasen gelandet und aufgeplatzt. Das Küken, das wahrscheinlich kurz vorm Schlüpfen gewesen war, schaute nackt und hilflos aus der Schale. Ich bückte mich und wollte es aufheben, um es ins Nest zu setzen. Da sah ich das Blut.

Großvater schaute mir über die Schulter. »Da können wir nichts mehr machen.«

Ich wollte protestieren. Ich hatte schon oft nackte Amselküken unter einer Hecke gefunden und sie wieder ins Nest gesetzt. Die Eltern hatten sie weiter gefüttert, als wäre nichts passiert. Aber hier kam jede Hilfe zu spät.

Ich spürte Tränen in den Augen und drehte mich zu Großvater. »Es wird sterben.«

Er seufzte. Im Baum schimpfte die Amsel. Wie gerne hätte ich ihr das Küken zurückgebracht. Stattdessen würde es bald sterben, entweder an den Verletzungen oder wenn ein Fuchs heute Nacht kam. Das war nicht fair. Das ganze Leben war nicht fair.

Ich nahm das aufgesprungene Ei und stapfte wütend zur Hecke. Dort suchte ich das Nest und legte das Küken hinein. Es sollte wenigstens bei seinen Eltern sein, wenn es stirbt.

Großvater legte seine Hand auf meine Schulter. Tränen liefen mir die Wange hinab. »Das ist nicht gerecht.«

»Ist es gerecht, dass die Amsel die Würmer frisst?«, fragte Großvater mich. »Dass die Elster die Küken frisst? Und der Fuchs die Elster? Ist es gerecht, dass der Jäger den Fuchs schießt?« Er machte eine ausladende Bewegung mit der Hand. »Es ist alles ein Kreislauf.«

»Den Jäger frisst niemand«, schluchzte ich.

»Der wird vom Baum erschlagen, den die Insekten aushöhlen.«

Ich schmollte. »Das hat er auch verdient.«

»Leon, Gerechtigkeit ist eine seltene Pflanze. Wer sie findet, kann sich glücklich schätzen. Mir ist sie nicht oft begegnet.«

Ich wischte mir die Tränen vom Gesicht und ging zurück zum Hühnerstall, um das letzte Brett festzunageln. Kalle war vergessen, ich schlug alle Ungerechtigkeiten dieser Welt an die Wand und brauchte für jeden Nagel nur zwei Schläge.

So manche Blumenmär

Nach dem Abendessen flüchteten Pa, Großvater und ich in den Garten. Es war Freitag und Ma wollte Krimis gucken. Oder wie wir es nannten Krimis kommentieren. Sie sprach ständig mit den Schauspielern oder dem Kameramann. »Das muss dem Mörder doch auffallen!« oder »Schwenk die Kamera mal rüber, ich seh die Leiche gar nicht!«. Das machte alle wahnsinnig.

Lissi war, wie üblich, mit Paul irgendwohin gegangen und noch nicht wieder nach Hause gekommen. Also saßen wir Männer alleine im Garten, wie wir es letzten Sommer jeden Freitag getan hatten. Pa trank Fliederschnaps, ich trank Holunderschorle und Großvater schaute aufmerksam über seine Blumen, als wolle er sicher sein, dass es ihnen gut ging. Ich hoffte, er würde wieder Geschichten von früher erzählen. Oder Märchen. Er kannte die besten Märchen der Welt. Aber nicht die von Hänsel und Gretel oder Schneewittchen, sondern welche von Riesen, Irrlichtern und verzauberten Felsen und Bäumen.

Pa nippte an seinem Fliederschnaps und hielt ihn gegen die untergehende Sonne. »Das ist ein angemessenes Ende für eine anstrengende Woche.«

Großvater nickte verständnisvoll. »Sich den ganzen Tag den Hintern plattsitzen und Geld verteilen, das einem nicht gehört, ist wirklich beschwerlich.«

Ich kicherte. Pa schaute über den Glasrand zu uns. »Auf jeden Fall mühseliger, als den ganzen Tag faul in der Sonne zu sitzen und die Zeit totzuschlagen.«

»Gar nicht«, protestierte ich. »Wir haben beim Hühnerstall die morschen Bretter ausgetauscht.«

»Das kannst du schon?«, fragte Pa.

»Ja, Großvater sagt, ich sei ein Zimmermann.«

»Wenn das so ist, kannst du mir ja neue Möbel für mein Büro bauen.«

Ich ließ mich in den Stuhl fallen und schmollte.

Pa lachte. »Die Ferien haben eben erst begonnen. Und da wir nicht in den Urlaub fahren, schaffst du das locker bis zum Schulanfang.«

Großvater massierte seine Finger. Das tat er immer, wenn abends die kühle Abendluft aus den Wäldern über die Felder bis in unseren Garten und in seine Knochen kroch. »Ich merke, Leon bräuchte jetzt ein wenig Farnsamen.«

Ich sah ihn fragend an, davon hatte ich noch nichts gehört.

»Wer Farnsamen in einer Vollmondnacht sammelt und sie sich in den Schuh legt, wird unsichtbar.«

Pa nahm einen weiteren Schluck. »Fall mir ruhig in den Rücken. Ich hatte ihn fast soweit.«

»Und wo findet man Farnsamen?«, fragte ich ihn und hoffte auf ein neues Märchen.

»Natürlich dort, wo Farn wächst. In schattigen Wäldern, am Bachrand oder in der Nähe von Felsen. Aber es muss bei Vollmond geschehen. Und um Mitternacht. Nimmt man sie eine Minute zu früh oder legt sie einen Augenblick zu spät in den Schuh, verlieren sie ihre Wirkung.«

»Hast du schon mal Farnsamen gefunden?«, fragte ich aufgeregt.

»Ja«, sagte Großvater geheimnisvoll. »Leider hatte ich immerzu Löcher im Schuh. Der Zauber wirkte nicht lange.«

Pa lachte. »Und wobei hat man dich dann erwischt?«

»Das bleibt mein Geheimnis«, sagte Großvater und zwinkerte mir zu. »Nur so viel sei gesagt, ich brauchte einen neuen Plan. Und dazu benötigte ich die Springwurz.«

Pa horchte auf. »Wurz wie Wurzel? Kann man die essen? Schmeckt die gut?«

Großvater verzog die Mundwinkel und schüttelte den Kopf. »Du und dein Magen!«

Ich klatschte in die Hände. »Musstest du irgendwo draufspringen?«

»Nein, mit der Springwurz springt man nicht. Sie ist kein Trampolin.« Großvater trank einen Schluck vom Fliederschnaps. »Mit Hilfe der Springwurz springen Türen auf.«

»So, so«, sagte Pa. »Hattest du eine geheime Freundin?«

»Ach was«, winkte Großvater ab. »Passt auf. Um in den Besitz der Springwurz zu gelangen, muss man das Nest eines Schwarzspechts verkeilen. Man muss seine Baumhöhle versperren. Wenn der Specht dann hinein möchte und nicht kann, fliegt er wieder fort und holt die Springwurz. Nur er kennt die verborgenen Plätze im tiefen Wald, wo sie wächst. Und hat er sein Nest geöffnet, lässt er die Springwurz fallen, und man kann sie mitnehmen. Wenn man nicht so lange warten will, kann man ihn auch erschrecken. Er lässt die Wurz dann vor Schreck fallen. Natürlich kommt er dann nicht mehr in seine Höhle. Und das ist nicht nett.«

Pa machte eine abschätzige Handbewegung. »Das ist mir alles viel zu kompliziert. Da rufe ich doch lieber den Schlüsseldienst an.«

»Du Leichtfuß«, mahnte Großvater ihn. »Ich rede nicht von solchen Türen. Ich wollte das Herz einer hübschen jungen Frau für mich öffnen.«

»Hast du es geschafft?«, fragte ich.

»Und ob ich das habe!«, sagte Großvater stolz. »Ihr beide seid der Beweis.«

Pa schüttelte lächelnd den Kopf. »Brauchte es erst Zauberei, um Mutter von dir zu überzeugen?«

»Du hast Großmutter verzaubert?«, fragte ich entgeistert.

»Großvater macht doch nur Scherze«, sagte Pa.

»Richtig«, sagte Großvater und lehnte sich zurück. »Es brauchte keinerlei Zauberei, um deine Mutter für mich zu gewinnen. Qualität erkennt Qualität.«

Ich verstand nicht alles, was sie sagten. Ich ahnte nur, dass Großmutter eine tolle Frau gewesen sein musste, wenn Großvater so viel auf sich genommen hatte, um sie für sich zu gewinnen. Leider war sie kurz vor meiner Geburt gestorben, und so hatte ich sie nie kennengelernt. Bestimmt war sie aber eine wundervolle Frau gewesen, sonst hätte Großvater sie nicht geheiratet.

»Was wächst denn noch an den verborgenen Plätzen im tiefen Wald?«, fragte ich Großvater in der Hoffnung, er sei in Erzähllaune.

»Nun, da wächst so allerhand. Mancher Pilzkreis, in dem die Hexen tanzen, manches Kraut, das einen in die Irre führt. Aber auch das wunderbarste Blümchen von allen.«

Erwartungsvoll sah ich ihn an. Auch Pa lehnte sich nach vorn und schaute ihn an. Im fernen Wald rief ein Kauz, als wollte er verhindern, dass das Geheimnis preisgegeben wird.

»Das wunderbarste Blümchen von allen ist das Flüsterchen.«

Pa und ich tauschten verwirrte Blicke aus. Das Wort hatte ich noch nie gehört, und Pa anscheinend auch nicht.

Großvater nahm noch einen Schluck Schnaps und räusperte sich. »Hört also her und lauscht der Mär vom Flüsterchen:

Ich kenn' ein Blümchen, das blüht weiß,

schneeflockenweiß und wunderhell.

Verborgen steht's und murmelt leis,

im tiefen Tann, am frischen Quell.

Und wer ihm lauscht, erkennt ganz klar,

was vorher ihm verschleiert blieb.

Dem scheint jäh alles sonderbar,

vom Wipfel bis zum Pflanzentrieb.

Denn wer ihm lauscht, versteht bald all

das Zwitschern, Rauschen, jedes Wort

von Kraut und Kröte, Nachtigall –

dem wird der Wald zum Märchenort.

Und jedes Wort macht ihn gesund,

vergehen werden Last und Leid.

Von jedem Schmerz, von jeder Wund',

von aller Pein wird er befreit.

Doch wehe, wer zu lange lauscht,

der findet nicht den Weg hinaus.

Der bleibt dort stehen, still, berauscht,

und kehrt nie mehr zurück nach Haus.

Drum gib fein acht, du Wandersmann,

auf deinem Weg vom Tal zum Quell.

Es steht verborgen, tief im Tann,

ein Blümchen, weiß und wunderhell.«

Für einen Moment breitete sich Schweigen über den Garten aus und ich dachte nur: Wow, eine Zauberblume! Eine Zauberblume, die einem die Sprache der Bäume und Tiere enthüllt! Eine Zauberblume mit heilenden Kräften!

Auch Pa schien verzaubert zu sein. Verträumt blickte er über die Felder und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. »Kann man das Flüsterchen essen?«, durchbrach er die Stille.

»Pa!«, empörte ich mich bei dem Gedanken, eine Zauberblume wie ein Radieschen aufzumampfen.

Großvater verzog die Mundwinkel. »Du denkst auch wirklich immer nur ans Futtern.«

»Was denn?«, grinste Pa und streichelte seinen dicken Bauch. »Fragen wird man jawohl noch dürfen.«

Großvater schüttelte den Kopf. Mir fiel etwas auf: »Was nützt eine Wunderblume, wenn sie so gefährlich ist? Es ist nicht gerecht, dass man nicht mehr nach Hause findet, wenn man sie gefunden hat.«

»Die meisten Wunder sind nur auf gefährlichem Wege zu erlangen«, sagte Großvater.

»Aber dann kann die Blume ja niemandem helfen«, sagte ich.

»Oh, das Blümchen vermag sehr wohl zu helfen. Du musst nur ein bisschen Watte für die Ohren mitnehmen.« Großvater zwinkerte mir zu. »Du darfst ja nicht dem Flüstern erliegen und musst rechtzeitig den Weg nach Hause einschlagen.«

»Würde das Flüsterchen auch mir helfen?«

Hinter uns näherten sich Schritte. »Was erzählt Großvater wieder für Märchen?«, fragte Ma gereizt.

Großvater räusperte sich. »Ich erzählte nur die Mär vom Flüsterchen.«

»Ja«, sagte ich aufgeregt. »Das Blümchen kann mein Asthma heilen.«

Ma stemmte die Hände in die Hüften. »Hörst du, was du dem Jungen für Flausen in den Kopf setzt?« Sie wandte sich zu mir. »Leon, Liebling, es gibt keine Blume namens Flüsterchen. Das sind alles nur alte Geschichten und Märchen.«

»Gar nicht! Großvater hat das alles selbst gesehen!« Ich ließ mich in den Stuhl fallen.

Ma schaute Großvater an. Den Blick kannte ich. Er besagte, dass man ihr jetzt besser aus dem Weg gehen oder sich am besten schnell in Luft auflösen sollte.

»Leon, du kommst jetzt mit mir rein und inhalierst noch einmal.« Und mit einem Seitenblick auf Großvater: »Das wird dir helfen.«

»Anna«, versuchte Pa sein Glück, »es war doch nur ein Märchen.«

Auch ihn traf ein wütender Blick. »Ein Märchen, das unserem Sohn falsche Hoffnungen macht.« Sie nahm meine Hand. »Komm, wir gehen.«

Wie ein getretener Hund folgte ich ihr ins Haus. Das Leben war wirklich nicht fair, egal ob der Jäger vom Baum erschlagen wurde oder nicht.

Regengedanken

Als alle schon fest schliefen, lag ich noch wach in meinem Bett. Ich war mir sicher, dass sie schliefen, ich erkannte es an den Schnarchgeräuschen. Selbst Lissi schnarchte, was ich ihr aber nie verraten hätte.

Noch am Abend hatte es angefangen zu regnen, und nun prasselte der Regen stetig an meine Fensterscheiben. Pa fand das Geräusch nervig, wie er mir einmal gesagt hatte. Ich mochte es. Das Prasseln der Abermillionen kleinen Tropfen hat etwas beruhigendes, wie ein feuchter Gruß des Himmels. Manchmal stellte ich mir vor: wer immer das Wetter machte, schickte solch einen Regen absichtlich abends, damit man besser schlafen kann.

Das konnte ich allerdings nicht. Zu viele Gedanken kreisten in meinem Kopf. Also blätterte ich in meinem neuen Buch, das Lissi mir mitgebracht hatte. Wolfsblut von Jack London. Ich las ein paar Zeilen und musste mir dann eingestehen, dass ich mich nicht darauf konzentrieren konnte. Ich musste an all das denken, was passiert war. Da war das verletzte Amselküken, das bestimmt mittlerweile gestorben war. Ich fragte mich, ob Vögel weinen können. Wenn ja, mischten sich die Tränen der Amselmama nun mit dem Regen. Vielleicht weinte der Himmel ja auch.

Aber auch an Kalle musste ich denken. Und an Großvaters Worte. Vielleicht gelang es mir, mich nicht mehr aufzuregen und Kalle so die Lust zu nehmen, mich zu ärgern. Ich nahm es mir ganz fest vor. Natürlich würde ich mich trotzdem über meine Krankheit ärgern, aber ein Problem wäre ich dann immerhin los gewesen.

Großvater sagte, man müsse lernen, etwas aus seinem Gebrechen zu machen. Sein Steckenpferd entdecken, wie er es nannte. Wegen seines kaputten Knies beschäftigte er sich mit Blumen. Nur, was sollte ich machen? Ich mochte Pflanzen, aber ich spürte keine Lust dazu, sie zu beschneiden und zu pflegen. Ich erfreute mich mehr an den Wildblumen, die so wuchsen, wie sie wollten. Was also sollte mein Steckenpferd werden? Irgendeine Sportart? Ich dachte an meine Lunge und sah in Gedanken Ma das Trockentuch erwürgen: »Sport und Asthma vertragen sich nicht gut.« Also kein Sport. Vielleicht ein Musikinstrument, wie Großvater vorgeschlagen hatte? Meine Familie war so musikalisch wie die Hühner im Stall und ich stellte keine Ausnahme dar. Ich bezweifelte, dass ich die Geduld aufbringen würde, daran etwas zu ändern. Vielleicht könnte ich malen lernen. Meine bisherigen Werke, die am Kühlschrank hingen, ließen mich jedoch auch daran zweifeln. So sehr ich auch nachdachte, mir wollte nichts Tolles einfallen. Schach spielen? Öde. Modellflugzeuge bauen? Öde. Immerzu lesen? Öde. Am besten wäre es, so stellte ich frustriert fest, mein Asthma loszuwerden.

Das Flüsterchen! Das würde mir helfen! Ich würde gesund werden und machen können, was ich wollte. Kalle würde mich nicht mehr auslachen und Ma hätte keinen Grund mehr, besorgt zu sein und mir alles zu verbieten.

Ma behauptete zwar, das Blümchen sei nur ein Märchen, aber stimmte das? Woher wollte sie das wissen? Vielleicht wuchs es in den Wäldern hinter unserem Haus. Ma war bestimmt noch nie durch den ganzen Wald gelaufen. Es gab dort eine Menge verborgener Stellen. Also, wieso sollte es nicht dort blühen? Wer kennt schon einen ganzen Wald mit all seinen Geheimnissen?

Der Gedanke an das Flüsterchen ließ mich nicht mehr los, er wucherte wie Unkraut in meinem Kopf. Ich musste versuchen, es zu finden. So wie Jack London damals versucht hatte, Gold in den Bergen von Alaska zu finden.

Das Märchen warnte, dass man seinen Heimweg vergessen würde, wenn man dem Blümchen zu lange lauschte, aber davor fürchtete ich mich nicht. Erstens brauchte ich nicht lange zu lauschen, zweitens würde ich Watte für die Ohren mitnehmen, so, wie Großvater gesagt hatte, und drittens grenzte der Wald direkt an die Felder, und von da aus konnte ich unser Haus sehen. Selbst wenn ich tiefer in den Wald gehen würde, wäre da immer noch das alte Wirtshaus. Ich konnte mich also nicht verlaufen.

Ich rieb mir die Hände und drehte mich auf die Seite. In Gedanken sah ich mich Fahrrad fahren, schwimmen, Berge besteigen, Fußball spielen. Es war herrlich! Dazu murmelte der Regen ein Lied. Ein Lied vom Flüsterchen. Ich lächelte, lauschte ihm und schlief ein …

Pulsuz fraqment bitdi.

9,44 ₼
Yaş həddi:
0+
Litresdə buraxılış tarixi:
14 oktyabr 2025
Həcm:
133 səh. 6 illustrasiyalar
ISBN:
9783969697641
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
Yükləmə formatı:

Oxşar kitablar