Kitabı oxu: «Ich bin Vera»

Şrift:

Inhalt

Impressum 2

Vorwort 3

Einleitung 4

Kapitel 1 18

Kapitel 2 34

Kapitel 3 53

Kapitel 4 70

Kapitel 5 85

Kapitel 6 101

Kapitel 7 118

Kapitel 8 131

Kapitel 9 139

Kapitel 10 149

Kapitel 11 155

Kapitel 12 163

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2021 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99107-789-3

ISBN e-book: 978-3-99107-790-9

Lektorat: Thomas Ladits

Umschlagfoto: Diegoc, Releon8211 | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

Innenabbildungen: Innocenzo Pizzardi

www.novumverlag.com

Vorwort

Ich hätte ein Zehn-Schritte-Handbuch schreiben können darüber, wie man Trauer, Depression und PTSD überwinden kann. Das ging jedoch nicht. Ich habe dieses Buch verfasst, weil Gefühle meine Sprache sind und ich mit der Macht der Fiktion einen Einblick in sehr reale Probleme schaffen wollte. Da ich selbst mit posttraumatischer Belastungsstörung und bipolarer affektiver Störung lebe, musste ich einen Weg finden, diese Dinge zu verarbeiten. Vieles in dieser Geschichte ist überspitzt und sehr graphisch dargestellt (Wahrung Trigger), doch nur, weil es sich hier um Fiktion handelt, bedeutet es nicht, dass es solche Szenarien nicht in Wirklichkeit gibt (leider). Es gibt sie, auch wenn ich mir die künstlerische Freiheit genommen habe, Sachen wie z. B. Therapiemethoden dramatischer darzustellen, als sie in der Realität sind. Ich habe hier nicht nur meine Lebensgeschichte als Inspirationsquelle genommen, sondern auch fremde Geschichten und Lebenssituationen. Ich wollte einfach gesagt ein Licht ins Dunkel werfen. Außerdem, wie der afroamerikansich-jüdische Autor Walter Mosely sagt: „Wenn deine Leute nicht in der Literatur repräsentiert sind, existieren sie nicht.“ Es gibt zu wenig Literatur über LGBTQ-Mitglieder, dies will ich ändern. „Ich bin Vera“ ist keine fluffige Geschichte, doch ich hoffe von tiefstem Herzen, dass du, wenn du den Blick ins Dunkle wagst, erkennst, wo dein Licht scheint.

Ich danke meiner Familie, meinen Freunden, meinen Therapeuten, meinem deutschsprachigen Verlag Novum und dem Leben selbst für die Gelegenheit, kreativ sein zu dürfen. Viel Spaß beim Lesen.

Einleitung

Was wäre, wenn die Flüsse rückwärts fließen würden? Und was, wenn die Vögel im Wasser und die Fische am Himmel lebten? Was wäre, wenn die Uhr rückwärts liefe und alle sich mit den Füßen statt den Händen grüßten? Wir würden es Normalität nennen und einfach weiterleben. Oder wir würden Fragen stellen, Fragen, die kein Ende nehmen. Es muss nicht alles endlich sein, vielleicht besteht ja die Unendlichkeit aus vielen kleinen endlichen Dingen. Und wer weiß, vielleicht liegt zwischen diesen kleinen, limitierten Konzepten ein gemeinsamer Sinn. Etwas, was auch die unterschiedlichsten Sachen, die widersprüchlichsten Konzepte und alle Polaritäten zusammenhält.

Ich weiß nicht, wieso, aber der Gedanke weckt Gefühle der Hoffnung in mir? Aber worauf hoffe ich denn? Dass es doch eine höhere Macht gibt über und in jedem Leben? Hoffe ich, dass es etwas außerhalb der Gewohnheit gibt? Ist es das, was ich will? Wenn ja, wieso?

Ich denke, ich sehne mich nach Bedeutung und Größerem, weil ich das Gegenteil in meinem Leben spüre. Keine Stimme, die mich leitet, kein Antrieb, etwas Großes zu bewirken und ja keine Leidenschaft für die kleinen, endlichen Banalitäten des menschlichen Daseins, sind in mir noch vorhanden.

Der Bus hält an und ich beende die endlose Kette an Fragen, denn ich muss arbeiten. Ich muss Geld verdienen, damit ich mir Sachen kaufen kann. Ich muss mir Sachen kaufen, damit ich am Leben bleiben kann und so weiter. Es ist egal, ob die Flüsse rückwärts fließen und wo die Vögel sind. Es ist egal, ob mein Leben mit dem einer Schnecke in Peru in Zusammenhang steht. Es spielt keine Rolle, nicht, weil das Universum um mich herum unwichtig ist, sondern weil ich dem Ganzen keine Bedeutung schenke. Was für mich Bedeutung hat, ist, was ich tun muss. Ich komme im Büro an, schalte den PC ein und erfülle meine Pflicht. Ich beantworte E-Mails und telefoniere mit Kollegen, um die einzelnen Prozeduren zu besprechen. Meine Chefin kommt vorbei und gibt mir Anweisungen, ihre Vagina riecht intensiv, aber ich kommentiere das nicht und arbeite weiter. 17:30 Uhr, es ist Zeit, aufzuhören. Ich schalte den PC aus, schiebe den Stuhl an den Schreibtisch und fange an zu denken. Was wäre, wenn ich morgen meiner Chefin sagen würde, dass der Geruch ihrer Vagina mich geil macht und dass wir es treiben sollten wie die Tiere, hier und jetzt vor allen? Was wäre, wenn die Wände aus Butter bestünden und wir uns mit der Butter einrieben? Wie würde dieses Leben aussehen, wenn wir uns all unseren Instinkten hingäben und völlig hemmungslos würden? Würde ich nackt durch die Straßen tanzen? Würde ich mit all den Obdachlosen in der Stadt über die Bedeutung der menschlichen Existenz reden? Würde ich Sandra aus der 5. Klasse anrufen und sagen, dass ich heute noch an unseren ersten Kuss denken muss?

Diese Gedanken begleiten mich bis zu der Haustür, wo ich meine Vermieterin im Flur antreffe. Sie ist fett, ihr Busen hängt tief und die Warzen auf ihrer Nase lassen sie aussehen wie eine Hexe aus den Märchen. Sie raucht sehr viel und ihre Stimme ist tief und rau. Sie nimmt einen Zug ihrer Zigarette, bläst mir ins Gesicht und teilt mir mit: „Schätzelein, du wirst hier noch als Junggeselle alt, wenn du nicht mal in die Welt hinausgehst.“ Sie lacht sehr laut und könnte damit auch Geister beschwören. Sie wünscht mir noch einen schönen Abend, sie müsse jetzt ihren Hund spazieren führen. Ich bedanke mich, wünsche ebenso einen schönen Abend und gelange zu meiner Wohnung. Ich wohne seit fünf Jahren in diesem Block, im obersten Stock eines Hochhauses, und das ist ganz praktisch, falls ich mich doch noch umbringen will. Ich kenne meine Nachbarn nicht und ihre Namen sind mir auch egal, so wie ich ihnen egal bin. Sie sind mir gleichgültig und dennoch bin ich amüsiert, wie meine Nachbarin ihren Mann betrügt und bei Zalando ihren Frust wegkauft. Ich finde es toll, wie die junge Frau, die direkt unter mir lebt, Internetpornos dreht, um jede Menge Geld zu verdienen. Ich liebe es, dass meine schwulen Nachbarn jedes Wochenende eine Sex-Party mit vielen Drogen veranstalten und ich von meiner Wohnung aus alles hören kann. Ich weiß, dass sie Drogen nehmen, weil wir den gleichen Dealer haben. Michel, 27 Jahre, 1,90 groß, verkauft mir schon seit Jahren Speed, Koks, LSD, MDMA, Mushrooms und alles andere, was das Herz begehrt. Er hat einen großen Kundenkreis und ist trotzdem nie erwischt worden. Diesen Mut, dem eigenen Profit zu folgen, hätte ich auch gern. Hätten wir, glaube ich, alle gern. Mein Dealer sollte um 20:30 Uhr hier bei mir ankommen, um mir all die schönen Sachen bescheren, die mich von der öden Leere in mir ablenken sollten. Das allgemeine Bild, das man von Junkies hat, die dysfunktionale Hartz-4-Darstellung, entspricht nicht der Realität. Die meisten Drogenabhängigen funktionieren sehr gut, sogar zu gut. Wir führen alle ein Doppelleben irgendwie, wie oft sagen wir denn schon, es ginge uns gut, obwohl das nicht stimmt, nur damit wir uns nicht mit der lästigen Fragerei auseinandersetzen müssen. Wir entziehen uns den mitleidigen Blicken, dem Unverständnis und der Verurteilung, die garantiert folgen auf die Ehrlichkeit, die niemand wirklich aussprechen will. Ich entziehe mich, ich will es nicht aussprechen, dass etwas sich nicht gut anfühlt.

Es klingelt an der Tür, ich gehe und mache auf. Mein Dealer steht vor mir und fragt: „Geht’s gut?“ – „Ja, danke, dir?“ Als würde ich aus Interesse fragen statt sozialer Konvention. Meine Ladung an Muntermacher wird mir auf den Tisch präsentiert. Hasch, MDMA, Speed, alles von feinster Qualität. Ich bezahle, mein Dealer geht und somit herrscht wieder Stille. Ich zerquetsche das Speed und das MDMA, damit ich sie als Pulver vermischen kann. Mit der Zunge schlecke ich die erste Portion des befleckten Glastisches ab, wie das Tier, das ich eigentlich auch bin. Der bittere Geschmack verteilt sich auf der Zunge, ein halbes Lachen breitet sich auf meinem Gesicht aus. Denn ich weiß, gleich werde ich mich anders fühlen. Ich werde überhaupt fühlen. Für ein paar Stunden habe ich mentalen Sex mit meiner Traurigkeit, ich darf mich in ihr suhlen und in meinen Tränen baden. 15 Minuten sind vergangen und die ersten Effekte machen sich bereits bemerkbar. Ich esse meistens wenig, somit gelange ich schneller an den gewünschten Zustand zwischen Euphorie und Selbstmitleid. Während ich mir eine Zigarette anzünde, kommt das Verlangen nach Musik in mir hoch. Beats, die tief und laut über die Kopfhörer erklingen, lassen sich bis in die Eier spüren. Ich atme den Rauch der Zigarette tief ein, durch das MDMA fühlt sich das Gift an wie purer Genuss. Unter meinen Fußsohlen höre ich die Erde vibrieren, sie atmet mit mir und ich mit ihr. Wir lassen uns nicht mehr los und die Luft mischt sich mit der Schwerkraft, sie drehen sich. Endlich bin ich an einem anderen Ort, ohne dass ich mich einen Millimeter bewegen musste. Ich bin da, wo mein Herz geboren ist, bevor es die schweren Enttäuschungen dieses Leben kennen lernen musste. Dieser Ort heißt HIER. HIER ist ein kontinuierliches Vakuum, ohne Urteil, ohne Leiden. In diese unendliche Leere spreche ich ein paar Worte hinein. Es tut mir leid, Tina, dass ich dich nicht vom Schmerz bewahren konnte, der dich zum Selbstmord getrieben haben. Ich denke nie an dich, spreche deinen Namen nicht aus, ich sage niemandem, dass du in meinem Leben gewesen bist, denn ich denke, ich war nie vollkommen in deinem. Ich wage es nie, an dein Grab zu gehen und dir Blumen zu bringen, um die gemeinsamen Momente zu zelebrieren, denn ich kann sie nicht mehr spüren. Sie sind weg, wie das Seil, mit dem du dich aufgehängt hast. Ich habe es entsorgt mit all deinen Sachen, die nie wirklich dein waren und nie wirklich mein. Meine Worte haben nun das Loch gefüllt und ich lasse mich weinen. 15 weitere Minuten sind vergangen und ich steige auf die erste große Welle des Drogenkarussells. Meine Tränen geben nach. Es ist der perfekte Augenblick, um einen Joint vorzubereiten und mir Wasser in die Wanne einzulassen. Die Tüte ist bereit, das Wasser dampft und mein Körper sinkt langsam herab. Ich bade gerne im Dunkeln, es ist alles schön still, so stelle ich mir den Tod vor. Ich schließe meine Augen, zünde den Joint an und lasse das THC teilhaben an meiner Stille. In diesem Moment ist mir Gott nahe, er urteilt nicht drüber, wie ich mein Leben lebe oder eben nicht lebe. Er ist einfach da und beobachtet. Zusammen starren wir in die Dunkelheit, Gott und ich. Wir lachen über alles, über Tinas Tod, den Krieg im Iran, den Corona-Virus, über AIDS, wir finden es witzig, wie wir zugeschaut haben, wie meine Mutter im Keller eingesperrt wurde, als ich 16 Jahre alt war. Wir amüsieren uns am Motorradunfall meiner Schwester, der sie auf den Rollstuhl verbannte. Wir lachen. Wir lachen, weil Gelächter eine bessere Brutstätte für Trauer ist als Geheule jemals sein könnte. Lachen versteckt die Trauer so gut, dass ich es schaffe, mich jeden Tag selbst anzulügen. Gäbe es diese Lüge nicht, so könnte ich dieses Kartenhaus nicht länger aufrechterhalten. Man könnte sehen, wer ich wirklich bin, wie es mir wirklich geht und was ich wahrhaftig will. Mein echter Name ist Trauer und ich will wirklich nicht mehr leben. Ich atme weiter aus Schuldgefühlen gegenüber denen, die ich hier zurücklassen würde, wenn ich mich entscheiden würde, mir selbst nachzugehen. Ich lebe weiter aus Angst, nochmals geboren zu werden in einem anderen Leben, das noch viel schrecklicher ist als meins. Ich lache, weil MDMA einfach geil wirkt. Manchmal lösche ich Zigaretten und Joints auf meinem Arm aus, wenn ich nass bin. Dieser Zwick, der von der Wundstelle ins Gehirn geleitet wird, macht mich geil. Lust, Gelüste nach menschlichem Fleisch, ist auch ein exzellenter Rausch. Ich steige aus der Badewanne raus und debattiere mit mir selbst, ob ich eine Prostituierte bestellen soll oder einfach mich mit Pornos vergnügen kann. Pornos sind günstiger, aber Geld habe ich genug, denn ich funktioniere, egal, wie ich mich fühle. Warum soll ich denn wählen? Ich bestelle, wen ich mag und lasse im Hintergrund die Pornos laufen. Nach meiner Einzel-Debatte schalte ich meinen Computer an, gehe auf die gewohnte Escort-Seite und schaue, wer zur Verfügung steht, als würde ich Schuhe aus einem Katalog bestellen. In gewisser Weise sind sie das für mich auch, diese Menschen dienen meiner Befriedigung und sonst nichts. Mann oder Frau? Mann … mir ist nach Daddy-Spielchen, wie jedes Klischee habe ich auch Vaterkomplexe und kompensiere mit meinem Sexualleben dementsprechend. Der Prostituierte, sagt man das so? Jedenfalls ist er gut gebaut, charmantes Lächeln auf den Bildern. Ich chatte ihn an, er antwortet rasch. Ich erzähle ihm, was ich mir vorstelle, er nennt seinen Preis. Ich verhandle nie, stimme zu und in 30 Minuten fängt der Spaß an. Ich kaufe Menschen wie Red-Bull-Dosen und entsorge nicht umweltgerecht in der Hinterkammer meiner Emotionalität. Sex, Drogen, Arbeit, so zelebriere ich die Dekadenz menschlicher Beziehungen, die mir einst so wichtig waren. Ich sitze nackt auf dem Klo und zünde meinen Joint wieder an. Die besten Ideen kommen unter der Dusche oder während man sich körperlich entlastet, von der wortwörtlichen halbverdauten Scheiße, die in einem steckt. Ich könnte mich, kurz bevor der Escort kommt, umbringen, einfach so spontan. Ihm die Tür aufmachen und mir daraufhin die Pulsadern aufschneiden, überall mein Blut verteilen und seinen Gesichtsausdruck als letzten Anblick genießen. Dieses Entsetzen, das entsteht, wenn man plötzlich doch aufwacht und sieht, dass der Tod existiert. Die natürlichste Sache der Welt, schockierend, darum leben wir so, als müssten wir uns nie auflösen. Seit Tinas Tod mir diesen Schock hinter die Augenlider gebrannt hat, lebe ich immer so, als müsste ich gleich aufwachen. Aufwachen und neben ihr sitzen, merken, dass ich den Film verschlafen habe, aufwachen und merken, dass sie einen Teil von sich mir nicht preisgibt aus Angst, sie könne mich nur noch mehr belasten, aufwachen und sie für immer festhalten. Aber ich sterbe einfach nicht, ich schlafe weiter hier im Albtraum meiner Wirklichkeit. Ich nehme einen Zug Hasch, mein Anus entspannt sich und es klingelt an der Tür. Wenn du von deinen unterdrückten Gefühlen geknallt wirst, schickt dir das Universum noch einen Escort vorbei. Wie praktisch, ein Fick im Doppelpack. Er lächelt mich an, streckt seine Hand aus und erwähnt, dass er John heißt, er würde sich freuen. Ich freu mich auch, dass ich dich bezahle. Wir lassen den Smalltalk und gehen gleich an die Sache. Wir ziehen uns aus, er packt mich von hinten, er soll ruhig aggressiv sein, mich anspucken und schlagen. Je wilder, desto besser. Ich langweile mich aber schnell, wie ein Junge, der nach einem Spielzeug schreit und es fallen lässt, sobald er es bekommt. Das ist ein interessantes Gefühl von Leere. Während mein Kopf gegen die Wand hämmert und John mich durchbohrt, bahnt sich ein taubes Gefühl durch meine Arme. Bekomme ich einen Herzinfarkt? Das wäre schön, im Drogenexzess als dekadenter Freier gestorben. Doch das ist kein Herzbaracker, meine Arme sind einfach zu lange in der gleichen Position. Ich habe keine Lust mehr und stoppe das Gemetzel zwischen mir und John. Er scheint verwirrt und fragt, ob er was falsch gemacht habe. Ich verneine und sage, dass ich doch nicht in der Stimmung bin. Das Geld habe ich auf den Tisch gelegt. Er darf sich verpissen. Das mit dem Verpissen sage ich ihm aber nicht ins Gesicht. Als würde ich jemals wirklich sagen, was ich denke. Er zieht sich an und geht, sagt brav „Auf Wiedersehen“ und schließt die Tür.

Ich habe alles. Die Freiheit, mein Geld zu verplempern, die Macht, mich zu betäuben und weiter zu leben und die Arroganz eines 18-Jährigen, der zum ersten Mal Alkohol kaufen darf und sich wie Gott fühlt. Eines fehlt mir doch, in mir gibt es keine Zeit. Keine Zeit, Reue zu spüren, keine Zeit, nach wahrer Intimität zu suchen, keine Zeit, sich selbst zu hinterfragen, dafür habe ich keinen Raum. Darum entscheide ich spontan, dass ich Karussell fahren will, so schnell, dass ich mich übergeben muss. Ich ziehe mich an, nehme etwas mehr meiner köstlichen giftigen Substanzen und stürme hinaus. Es ist 00:30 Uhr und der Jahrmarkt nebenan vibriert vor Leben. Geschrei, Gelächter und Assifamilien mit Kindern sind überall, alle tragen noch Schutzmasken und mir fällt auf, dass ich keine habe. Die lassen mich nicht mit den Bahnen fahren, wenn ich keine trage, ich möchte am liebsten alle anhusten. Siehe da, ein Eimer steht neben mir und in dem Eimer eine gründlich gebrauchte Maske. Ich fische sie heraus, es ist egal, wer mich anstarrt, in diesem Zustand zählt nur, was ich will. In der Warteschlange kann ich alles beobachten, was ich sonst ignoriere, wie dick der Hintern der Frau vor mir ist, wie viele Pickel der Teenager vor mir hat und so weiter. Schon komisch, dass wir alles Negative sehen und bemerken. Hat, glaub ich, mit Überlebens-Modus zu tun oder so. Wenn wir uns auf positive Dinge konzentrieren würden, wäre es einfacher, angegriffen zu werden und wir könnten somit weniger schnell reagieren. Macht Sinn, wenn wir in der Wildnis ausgesetzt sind, wie wir es für Jahrtausende auch waren. Auch wenn wir heute nicht mehr nach Futter jagen, ist der Überlebenskampf nicht vorbei. Er geht weiter in uns drin, ständig auf der Hut. Nur wenn wir uns berauschen ist all dies egal. Wir überleben, bis wir sterben, mit kleinen Pausen dazwischen. Endlich bin ich an der Reihe, die Bahn, die ich ausgesucht habe, macht Riesenspaß. Wir sitzen alle in Stühlen und werden geschleudert, ganz viele Meter hoch in der Luft. Ich freue mich wie ein Kind, ein degeneriertes, unverantwortliches Kind. Siehst du mich, Stadt? Ich tanze über dir, siehst du mich, Himmel? Ich bin nah bei dir. Siehst du mich, Leben? Jetzt bin ich in dir. Adrenalin, Schweiß, Genuss, alles dreht sich und für einen Augenblick ist alles in Ordnung. Einen Moment lang kann ich frei sein. Aber nur einen einzigen, denn was zu viel ist zu viel, selbst wenn es guttut. Ich ahne schon, dass die Fahrt bald vorüber sein wird, also kann ich auch jetzt aufhören, mich zu freuen. Das sagte meine Mutter stets, es ist besser, zu wissen, wann man aufhört, sich für Sachen zu interessieren, die vergänglich sind, bevor sie dich verlassen. Es ist besser, schon vorher aufzuhören als enttäuscht zu sein. Es ist vorbei, ich tanz nicht über der Stadt, meine Füße sind am Boden. Dem Himmel sag ich auf Wiedersehen, das Leben lebe ich wieder neben mir. Siehe da, ich bin doch enttäuscht. Ich steh nun in der Menschenmenge und starre in die Luft. Spürbar macht sich die sorgenfreie Entspannung der Leute um mich herum. So nahe, die Nähe zwischen ihnen, so greifbar ist sie, dass ich meine Hand ausstrecke und nichts davon halten kann. Alles um mich bewegt sich, nur ich bleibe stehen mit nichts zwischen meinen Händen, nichts zu sagen und nichts zu denken. Es gibt eine Art Einsamkeit auf dieser Welt, die kann man nicht mit Menschenmengen füllen. Wir haben sie alle schon irgendwann erlebt. Wir alle waren schon so verletzt, dass wir dachten, nur wir selbst allein können verstehen, was es heißt, so viel Leid zu ertragen. Und es stimmt, niemand kann wissen, was Schmerz für dich bedeutet, was er mit dir macht, wie er sich für dich anfühlt und wohin er dich trägt. Ich ziehe meine Maske aus, kotze auf den Boden und entscheide zu gehen. Ich laufe ziellos durch die Straßen, die Nachtlichter sind mein Kompass. Ich laufe kilometerweit, ohne irgendwo jemals anzukommen, bis ich einen Spielplatz sehe. Die Schaukel macht mich an, ich sitz auf ihr. Als Kind hatte ich keine Freunde, was heißt als Kind? Ich hatte nie welche. Die unbelebte Natur wurde meine Gefährtin. Schaukeln, Steine, Rutschen waren meine Brüder und Schwestern. Sie können mich nicht verletzen, egal, wie und wann ich mich mit ihnen abgebe. Sie können nicht einfach sterben und mich wundernd zurücklassen. Egal was, liebe Welt, versprich es mir, lass mich nicht gehen. Lass mich nicht sterben mit dem Gefühl der Reue in meinen Magen. Bitte bleib bei mir, für immer und ewig, lass mich nie mehr los. Tina, ich vermisse dich. Ich vermisse deine nervige Stimme am frühen Morgen, ich vermisse deinen Gesang unter der Dusche, der schräger war als alle Kurven auf der Welt. Ich vermisse deine Angst vor dem Dunkeln, darum hab ich dein Nachtlicht behalten und als einzige Erinnerung. Das Flackern des Lichtes bist du, die vom Jenseits hustet nach der X-ten Marlboro-rot-Zigarette. Es ist aus. Ich kann nicht mehr. Zweieinhalb Jahre sind nun vergangen, keinen Tag davon war ich nüchtern, zufrieden oder lebendig. Kein Arbeitstag ist mir entgangen, kein „mein Beileid“ habe ich ertragen. Wieso bin ich noch hier? Meinen Liebenden kann ich gestohlen bleiben. Wir leben eh aneinander vorbei. Meine Mutter wird morgen wie jeden Sonntag anrufen und mir die gleichen Fragen wie immer stellen und ich werde schön nach Skript dieselben Antworten liefern. Ich schaue auf die Uhr und stelle fest, dass morgen schon lange heute ist. 3 Uhr, ich verlasse den Spielplatz, zünde den Restjoint an, rauch ihn fertig und mache ihn aus, indem ich den Stümmel gegen meinen Arm presse. Wenn etwas so weh tut, dass du dich mit weiterem Schmerz ablenken musst, wärst du eigentlich reif für die Klapse. Als würden die helfen. Ich habe gesehen, was sie mit Tina gemacht haben. Sechs Jahre Therapie, Medikamente, Ärzte, Kliniken, wofür?

Ich laufe an einem Wohnblock vorbei mit einer Notfalltreppe. Da muss ich rauf. Wenn ich erst mal oben angekommen bin, geht es nur noch bergab. Wie viel Frische hier oben herrscht. Hast du die auch gespürt, kurz bevor du dich aufgehängt hast? Die Frische und Leichtigkeit, die einen packen, wenn man weiß, dass es gleich zu Ende ist. Das Hupen der Autos ist mein Abschiedslied, auf dem Rand des Daches, auf dem ich stehe, ziehe ich meine Maske ab, als stünde ich auf einer Bühne. Applaus für die Show, die nun vorüber geht. Und der Oscar für den besten Möchtegern-Helden geht an mich. Ich danke allen Menschen, die mir nie geholfen haben und nie für mich da waren. Ich danke meiner Mutter für ihre miserable Erziehung, ich danke meinem Vater für seine Absenz. Ohne euch hätte ich dieses Meisterwerk des Versagens nie hinbekommen. Ich dreh mich mit dem Rücken zur Straße, strecke die Arme aus wie die Jesusstatue in Rio, lasse mich fallen. Ich muss halluzinieren, denn meinen letzten Moment erlebe ich in Zeitlupe, sodass ich meine Tränen in der Luft beobachten kann. Sie hängen mit mir in diesem Zeitraum-Zirkus. Auf Wiedersehen Weinen, leider darf ich dich nicht mitnehmen ins Grab, denn Kummer ist für die Lebenden. Mir kommen Bilder meiner Vergangenheit hoch, wie in jeder Nahtod-Erfahrung klischeehaft beschrieben, löse ich mich auf, indem alles sich ein letztes Mal wiederholt. Wie schön diese Tragödie doch war, wie sehr habe ich bereut, dass ich einem Mädchen in der Primarschule den Zopf mit der Schere abgeschnitten hab. Wie oft habe ich aus dem Fenster geschaut, als es regnete, wie viele Schläge habe ich kassiert, wie viele Küsse habe ich geteilt. Ich sehe alles, bis zu meiner Geburt. Wie viele Male habe ich dieses Leben gewählt, um meine Entscheidung doch noch zu ändern. Der Boden rückt näher und näher. Ich darf gehen und nie wiederkommen und falls ich doch zurückkehre, sehe ich dieses Mal ein, dass ich kein Held sein muss. Ehrlich, offen über meine Gefühle und den Menschen nahe, wirklich nahe, wäre ich in einem hypothetischen zweiten Leben. Nur nicht in diesem. Mein Körper prallt schlussendlich am Boden auf. Die Knochenbrüche geben einen hohlen Klang, mein Blut fließt aus dem Kopf heraus und bemalt den Straßenrand in feurigem Rot. Mein Leid ist zu Ende und der Schrei einer Passantin fängt damit an. Nun kannst du mich sehen, Welt, wie niemals zuvor, ich war der Schmerz, den niemand dir anmerkt, niemand anspricht, niemand anfasst und niemand sieht. Ich war die Trauer, die in einem herrscht und dich immer besiegt. Ich bin das Leid, das unausweichliche, das jeder von uns versucht auszutricksen. Die Ambulanz kommt, die Sirenen rufen nach mir, doch ich bin schon fast ganz weg, darf von oben alles noch mitansehen. Das Grauen in den Gesichtern der Leute ist das gleiche Grauen, das ich vor mir selbst hatte. Der Lärm, der sich bildet, ist der Lärm meiner inneren Stimme, die nach Gnade suchte. Die Leere, die ich in mir trug, ist die Leere, die ich hinterlasse. Sieh mich an, Welt, jetzt gehöre ich dir, jetzt gehöre ich mir. Mein Körper wird von der Ambulanz ins Spital gefahren, mein Geist schwingt zwischen Leben und Tod. Irgendetwas hängt noch fest. Trotz des Sturzes klebt ein Teil von mir immer noch an diesem Dasein. Ich komme in der Notaufnahme an, tatsächlich schaffen es diese Schwachköpfe, mich zu reanimieren und in ein Koma zu versetzen. Oder ich verfalle ganz von allein ins Koma, keine Ahnung, bin ja kein Arzt. Schön ist es hier, ich meine nicht das Krankenhaus, sondern die Dimension, in welcher ich mich befinde. Ruhe herrscht hier, kein Kampf gegen mich selbst. Es ist fast so, als könne ich all die Trauer und den Schmerz von hier aus akzeptieren, ja sogar sehen, wie er eine Funktion erfüllt. Ach du meine Scheiße, mein Leid hat ja Bedeutung. Und was jetzt?

Eine warme, ruhige Präsenz begegnet mir. Die Stimme einer Frau erklingt: „Na du, schon lange nicht gesehen.“ Es ist Tina. Ich bleib fassungslos vor ihr und sage nichts. „Willkommen am Choicepoint, von hier aus kannst du verschiedene Wege gehen.“, sagt sie, als wäre keine Sekunde vergangen, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. Ich bleibe stumm und starre sie an. Sie strahlt eine Ruhe aus, die ich zu ihren Lebzeiten nie gesehen hatte.

„Du warst schon immer ein tiefes Gewässer, sehr still.“ – „Tina, wieso … wieso hast du dich umgebracht?“ – „Aus dem gleichen Grund, aus dem sich alle Menschen umbringen, so wie du auch. Schmerz, Leid und die Einsamkeit, die dein Kummer dir bereitet.“

„Wieso haben wir nie über solche Sachen miteinander geredet?“ – „Weil wir nie gelernt haben, dass eine Beziehung impliziert, dass wir über Sachen reden, die unangenehm sind. Wir dämonisieren Unannehmlichkeiten bis zu dem Punkt, an dem wir vergessen, dass Leid und Tod Bestandteil dieser Welt sind. Ich habe mich jeden Tag geschämt für meine Unfähigkeit, Glück zu empfinden. Du hast alles dafür getan, mich glücklich zu machen, selbst wenn es dich selbst zerstörte. Nur die eine Sache ist uns nie eingefallen, wir wussten einfach nicht, wie man mit Leid präsent sein soll.“ – „Was meinst du damit? Präsent mit dem Leid? Was bedeutet dies?“ – „Alles, was wir wirklich wollen, ist angenommen werden in jedem Moment, so wie wir sind. Wir machen eine Menge Sachen, um uns abzulenken, nicht, dass es falsch ist, sich gut fühlen zu wollen, jedoch begehen wir einen Fehler, wenn wir meinten, dass wir jedem Leid auf der Welt entkommen könnten. Wir können verdrängen, lügen, schauspielern, Drogen nehmen, Geld anschaufeln, so wie wir es gemacht haben. Nichts davon ist falsch, dennoch ist nichts davon auch wirklich richtig.“ – „Du klingst wie ein buddhistisches Hörbuch.“ – „Du hast selbst gesagt, dass von hier aus dein Leid irgendeine Bedeutung hat. Wie lautet jene?“

„Nun ja, von hier aus kann ich sehen, dass ich mehr litt aufgrund der Sachen, die nicht passiert sind. Ich hatte keine tiefe Auseinandersetzung mit dir. Ich dachte stets, dass ich eine selbsterfundene Heldenrolle spielte wie im Theater. Ich gewann einen Sinn der Großartigkeit dadurch und wer Großartigkeit ist, wird belohnt.“ – „Und wieso wolltest du belohnt werden?“ – „Dumme Frage, weil es sich gut anfühlt.“ – „Und wieso fühlt es sich gut an?“

Stille zwischen uns. „Weil wir etwas näher an uns heranlassen, wenn es sich gut anfühlt. Wir werden berührt, es entsteht eine Verbindung. Der Sinn des Leidens soll uns unter anderem lehren, wie wir Dinge an uns heranlassen können. Wo unsere Grenzen sind wird damit gezeigt und ob wir uns bereit erklären wollen, diese Grenzen zu durchbrechen oder zu erhalten. Aber kehren wir zu deinem Leid zurück. Wieso hast du lieber Theater gespielt?“ – „Ich dachte die ganze Zeit, es gäbe keinen Sinn in meinem Leben. Wenn ich nicht stark genug bin, um dieser Welt standzuhalten, was bin ich dann?“

„Wie hätte dein Leben ausgesehen, wenn du dich tragen ließest? Welche ist die größte Stärke von allen?“

„Sich in jeder Situation anpassen zu können, wie es Wasser macht.“ – „Tina, jetzt bitte! Was soll dieser ganzer Weisheitskram … Ich will ja nur sterben und bei dir sein.“ – „Ich bin schon lange weiter gegangen. Ich bin wiedergeboren im Klang der Kirchenglocken am Morgen, als kleiner Junge, der mal Architekt werden will, als Mönch, der seine Rituale täglich wiederholt, als Mörder, der aus Einsamkeit und Angst seine Opfer an sich nagelt. Du bist aber stehen geblieben. Du bist stehen geblieben und steckst fest, so fest, dass du nicht mehr weißt, dass du frei geboren bist. Also gut, du willst sterben und mit mir weiter gehen? Auch du wirst neue Formen annehmen, dich verwandeln und die gleichen oder ähnlichen Situationen auswählen. Immer und immer wieder, bis an den Tag, an dem du die Bedeutung deines Leidens nicht nur erkennst, sondern auch durchlebst.“

Wieder diese Stille. „Wieso spielen wir eigentlich dieses Sauspiel? Wieso um alles in der Welt entscheiden wir uns willkürlich, Schreckliches zu erleben? Das kann doch nicht sein.“

„Vor einem Augenblick erkanntest du noch die Bedeutung deines Leidens und jetzt ziehst du dich zurück?“ – „Wieso bist du nicht geblieben? Wieso hast du dich entschieden, weiter zu gehen und neue Formen anzunehmen und so?“ – „Weil mein Leiden etwas anderes bedeutete als deines.“ – „Und was soll das sein?“ – „Die meisten Menschen, die sich umbringen, leiden an einer Art innerlicher Einsamkeit, die unbeschreiblich ist, dies ist dir bewusst.“ – „Ja, und?“ – „Ich habe mich im Glauben, nicht genug zu sein, isoliert. Egal, was ich für Fortschritte vollbrachte, egal, wie viele Drogenentzüge ich durchmachte, alles wurde aus dem Blickwinkel vollzogen: Ich bin nicht genug. Egal, wie viel Liebe ich erhielt und von wem auch immer, es würde nie genügen.“ – „Also hätte man dir nur das Gefühl geben sollen, gut genug zu sein?“ – „Nein, selbst das wäre nie genug gewesen. Meine Identität basierte darauf, nicht genug zu sein. Dies aufzugeben bedeutete, mich aufzugeben. Wenn ich meine Perspektive hätte ändern können, wäre es anders abgelaufen. Wir möchten stets ein Happy End wie es in Hollywood gezeigt wird, doch die Wahrheit ist, dass es nicht jeder schafft. Nicht alle werden glücklich und zufrieden, aber Menschen wehren sich irgendwie dagegen. Wie würde dein Leben aussehen, wenn du akzeptieren könntest, dass es für uns kein glückliches Ende geben konnte?“ – „Will ich das wirklich wissen?“

In mir steigt das eiskalte Gefühl von Trauer auf.

Trauer, dies ist das zentrale Thema meiner Geschichte. Ich kann entweder sterben oder mein Leid durchleben, um zu sehen, was auf der anderen Seite dieses Prozesses liegt, falls es überhaupt eine andere Seite gibt. Tina löst sich langsam auf, ihre Konturen verblassen langsam im warmen, angenehmen Licht. Mir ist warm, Frieden herrscht in mir, sterbe ich jetzt? Ist es schon vorbei? Kann ich bitte noch mein Leben im Flashback sehen? Die Küsse meiner Eltern, als ich ein Baby war, möchte ich noch einmal spüren dürfen. Bevor sie sich scheiden ließen war alles in Ordnung. Zumindest mein eigenes Alles war intakt. Ich möchte nochmals diese Wut spüren dürfen, als ich erfahren habe, dass wir keine Familie sein werden, den Zorn, der mich dazu gebracht hat, alles und jeden an mich zu klammern, bevor es mir entwischt. Egal, wie das Feuer in mir die Menschen um mich herum verbrennt, sie brennen nicht nach Leben, so wie ich es gerade tue. Ich will nochmals leben, auch als Brandopfer meiner eigenen Gefühle und ich will alles mit mir zu Asche vernichten.

Kapitel 1

Schock

Mein Hals ist zu und das Atmen fühlt sich an wie eine Strafe. Alles in meinem Körper pulsiert und schmerzt. Aber ich atme. Ich lebe noch. Wie der Schrei einer Mutter, die ihr Kind zur Welt bringt, bohrt sich das Gefühl von Achtsamkeit durch meinen Schädel. Ich achte auf meine Beine, eines davon spüre ich weniger, ist es überhaupt noch da? Bin ich noch da? Und wo befinde ich mich jetzt? Hier riecht es nach Desinfektionsmittel, Klänge sind hörbar, Menschen, die sprechen, ich bin nicht allein. Wage ich es, die Augen aufzumachen? Das ist egal, denn irgendwann starren wir der Realität ins Gesicht. Ich bin in einem Krankenhaus, natürlich bin ich das, ich Idiot habe versucht, mich umzubringen. Ein Plastikrohr steckt in meinem Hals und ich kann mich kaum bewegen. Hier stinkt es. Hier stinkt es nach Tod und ich liege hier, wie eine Fliege in der Suppe. Welcher Tag ist heute? Dieses Rohr ist unerträglich, aber ich kann mich nun mal nicht bewegen. In welchem Krankenhaus bin ich eigentlich? Wie lange war ich weg? Wo war ich? Habe ich zuhause abgeschlossen? Wenn nicht sind bestimmt Leute rein und haben die gebrauchten Kondome und das restliche Chaos in der Wohnung gesehen. Sie haben mich gesehen. Oh Gott, meine Nachbarn wissen bestimmt schon, dass ich versucht habe, mich umzubringen. Ist das Wasser zuhause zugedreht? Ich muss mich waschen. Plötzlich bleibt mein Geist stehen, die Decke starrt mich an und ich starre zurück. Stunden vergehen, ohne dass ich irgendwohin kann, mit irgendjemand sprechen dürfte oder diesen Gestank von mir waschen könnte. Ich glaube, ich habe mich vollgeschissen und nun liege ich hier. Gibt es so etwas wie Krankenschwestern hier? Verdammt, ich möchte schreien, aber der Schrei erstickt in mir drin, so tief in mir drin, dass eine Träne meine Augen verlässt. Meine Tränen sind freier als ich selbst. Stille herrscht, doch diese Stille bewegt sich. Sie pumpt Adrenalin durch meinen Körper, mein Herz rast, ich will hier weg, doch ich kann nicht. Habe ich jetzt eine Panikattacke? Mein Gestöhne wird vom Beatmungsrohr in meinem Rachen abgedämpft. Was, wenn ich für immer so liegen muss? Warum wollte ich denn zurück zu diesem Scherbenhaufen? Mein Herz springt gleich aus meiner Brust, so stark schlägt es, dass es mein Gejammer wie eine Trommel begleitet. Und auf einmal nichts mehr, mein inneres Ausrasten verlässt mich schlagartig. Auf einmal wird mir klar, dass ich lebe, wenn auch regungslos an ein Bett gebunden. Dennoch lebe ich. Ich lache hysterisch, Tränen fließen und verdunsten, meine Angst verflüchtigt sich mit ihnen. Die Tür vor mir öffnet sich, endlich eine Menschenseele, die mich hier rausholen kann, einen Seufzer der Erlösung gebe ich von mir. Der Seufzer wird zu Schock, sobald ich sehe, wer den Raum betreten hat. Ein älterer Mann im schwarzen Mantel, ich weiß, wer das ist, tue so, als läge ich noch im Koma, denn wenn man nicht flüchten oder kämpfen kann, soll man sich künstlich belebt stellen. Er kommt auf mich zu, wenn man lange genug mit einer Person gelebt hat, erkennt man diejenige an ihrem Gang. Meine Brust wird hart und Schweiß staut sich genau an dieser Stelle an. Ich tropfe vor Angst. Er setzt sich neben mich, ich kann noch spüren, wie er meine Hand nimmt. Ich weiß nicht, ob ich mich freuen soll, DASS ich noch etwas spüren kann oder vor Ekel sterben soll aufgrund dessen, was ich spüre. Ruhig bleiben, ich muss nicht mal atmen, die Maschine macht das für mich, ich bin eine Maschine, meine Funktion ist es, Ruhe zu bewahren. „Du warst so ein süßes Kind, bis du mich verpfiffen hast. Kinder sollten gesehen werden und nicht gehört und siehe da, jetzt bist du still. Nächste Woche schalten wir dich komplett aus, tja so spielt das Schicksal. Zuerst schreist du Wolf und dann wirst du gefressen, denn es gibt niemanden, der dich hört.“ Er streichelt mein Bein entlang, das Bein, welches weniger beschädigt ist. Natürlich genau das Bein, das sich nicht regen darf. Er geht immer höher und höher, stoppt, sobald er meinen Kot riecht. Ich stecke wortwörtlich in der Scheiße und genau das rettet mich vor einem Übergriff. Oder geht er jetzt weiter? Dieses Biest könnte problemlos Scheiße fressen, er kennt keine Limits. Was passiert jetzt? Durch meine geschlossenen Augenlider kann ich seinen Gesichtsausdruck nicht sehen. Ist er angeregt? Angewidert? Ich spüre seinen Atem auf meiner Stirn. „Leider kann ich nicht dabei sein, wenn sie dir den Stecker rausziehen, also verabschiede ich mich jetzt schon bei dir und bedanke mich für den Spaß, den wir in den letzten zwei Jahren hatten. Du warst schön willig, so hättest du als Kind auch bleiben sollen. Still.“ Er setzt sich wieder hin, ich spüre, wie seine Körperwärme weniger intensiv wird. Er drückt auf einen Knopf, der Piepston soll wahrscheinlich eine Krankenschwester rufen.

Jetzt bloß nicht die Augen öffnen, du hast es bald geschafft, bloß still bleiben. Nur noch einen winzigen Moment. Ich höre Schritte, er ist bald weg. Die nackte Hand der Schwester berührt mein Gesicht und ich schreie auf wie ein Huhn, das gerupft wird. Mist, ich wäre fast in Sicherheit gewesen. Fast. Meine Augen sind weit auf, niemand spricht. Die beiden bleiben fassungslos stehen, als stünde Hitler Ukulele spielend im Zimmer. Die Schwester befreit sich aus ihrer Erstarrung und rennt aus dem Zimmer, um einen Vorgesetzten zu holen. Ich bin allein mit meinem Stiefvater im Zimmer. Stille herrscht, nichts wird gesagt, nicht mal die Vergangenheit wird ausgesprochen. Als stünde ein Fremder vor mir und kein Vergewaltiger. Auch wenn ich schreien wollte, würde kein Ton rauskommen. Er könnte ganz einfach über mich herfallen, mich erwürgen, doch wir sind in einem öffentlichen Krankenhaus und er tut es nicht. Stattdessen lächelt er mich an, lange und unangenehm, bis er Schritte hört. Da beschließt er, sich umzudrehen und zu gehen. Die Schwester und der Arzt, die ins Zimmer fast hineinstürmen, werden von ihm ignoriert. Wie ein Geist schlendert er den Spitalflur entlang, zwischen den Kranken verabschieden sich seine Schritte. Ob er wiederkommt? Das tun Schatten immer.

Das Beatmungsgerät wird aus meinem Hals entfernt, ich kann atmen. Grelles Sonnenlicht scheint mir ins Gesicht, seine Wärme taut mich langsam auf. Ich werde gesäubert, bevor man mir Fragen stellt und meine Reaktionsfähigkeit testet. Wie heiße ich? Wo sind wir? Weiß ich noch, was passiert ist? Die Stimme des Arztes ist beruhigend tief, er spricht langsam wie mit einem Kind. Wie ein Mensch, der Hilfe braucht, werde ich zwar behandelt, wie ein kaputtes Spielzeug fühle ich mich aber an. Ich kann auf keine der Fragen Antwort geben, nicht, weil ich nicht mehr weiß, dass wir in Berlin sind oder dass ich versucht habe, mich umzubringen, sondern weil ich nicht mehr weiß, wer ich bin. Ich kenne diesen Körper nicht mehr und bin nicht mehr der Sprache mächtig. Auch wenn ich wollte, könnte ich den Leuten, die vor mir stehen, nichts mitteilen. Eine Wand aus Eis hat sich zwischen mir und meiner Umwelt gebaut, ich kann die Figuren hinter dieser Wand erkennen und doch nichts mit ihnen anfangen. Bin ich ganzkörperparalysiert? Ja, wahrscheinlich auch geistig. Ich beobachte, wie der Arzt jemanden per Telefon benachrichtigt. Wird er meiner Mutter sagen, dass ich noch lebe? Und wenn sie herkommt, was dann? Soll sie in Tränen ausbrechen vor Freude, dass ihr Kind einen Körper halbwegs noch bewohnt? „Können Sie mich hören, wenn ja, dann blinzeln Sie einmal.“, sagt der Arzt zu mir, nachdem er sein Telefonat beendet hat. Kann ich die Wand zum Schmelzen bringen? Was, wenn sie mich mehr fragen, sobald ich Antwort geben kann? Sie könnten mich nach meinem Stiefvater fragen und ich wüsste nicht, was ich sagen soll. Doch ich blinzle aus Reflex, der Drang nach Verbundenheit mit der Außenwelt ist jetzt wichtiger als meine Angst vor dem Ungewissen.

„Gut, Sie reagieren. Ihre Mutter ist auf dem Weg ins Krankenhaus, wir werden einige Tests mit Ihnen durchführen müssen. Sie sind jetzt in Sicherheit, haben Sie mich verstanden?“ Ich starre ihn an, blinzle einmal, denn sagen, dass es nicht so ist, bringt mir nichts.

Allein in einem leeren Zimmer, regungslos in falscher Sicherheit warte ich ab, welcher schlechte Scherz als Nächstes kommt. Wie kann eine Mutter reagieren auf ein Kind, das jenes Leben nicht wollte, das ihm geschenkt wurde? Wird sie entsetzt sein, gar schockiert, so wie ich es bin? Wird Freude durch ihren Körper strömen angesichts der Tatsache, dass nicht beide ihrer Kinder tot sind?

Ich tauche lieber in die Stille des Krankenzimmers mit meinen Gedanken, die Antwort ist auf dem Weg und ich gehe nirgendwo hin. Wie friedlich der Klang der Stille doch ist, regungslos gehen Qualen doch am ehesten vorbei. Ob Eric, mein Stiefvater, mich deswegen besucht hat? Damit mein Leid bittersüß über mich ergehen soll? Diese Gedanken stören schon wieder meinen Frieden, doch was will man tun, wenn der eigene Geist alles ist, was einem zur Verfügung steht? Man bleibt unter Schock, zählt die vielen runden Bällchen am Verputz und verzählt sich dann wieder.

Hier war kein Vergewaltiger, das hast du dir nur ausgedacht, weil du einen Gehirnschaden vom Sturz trägst, hier ist kein böser Mann, Mama, die haben nur gespielt. Hier gibt es keine Monster, nur Patienten, die lügen, sie sind ja krank und kranke Blicke trügen.

Summend balanciere ich mich zwischen Schlaf und Wachsein. Eins, zwei, drei, hier kommt die Polizei, vier, fünf, sechs, sieben, Flucht den Dieben, acht, neun, zehn, Papa sagt, er will mich sehen. Die Dunkelheit hinter meinen Augenlidern kann mich in Sicherheit wiegen, solange ich mag.

Zu früh gefreut, ich höre Schritte. Mutter ist da.

Sie sagt nichts, starrt mich nur an, fassungslos, als stünde sie vor einem Wunder. Ihr Herzschlag ist von meinem Bett aus spürbar. So verbunden waren wir zuletzt bei meiner Geburt. Sie muss mich nicht mal berühren, muss kein Wort sagen, dennoch fühle ich dieses uralte Gefühl von Heimlichkeit.

Ich sehe dich. Deine Taten und alles, was du mir sagen möchtest. Ich sehne mich nach deiner Hand auf meiner Wange, die mir Trost und Mut schenken soll. Mutter, mach nun Schritte auf mich zu und erlöse mich meines Leidens, verzeih den Hass, den ich einst hatte, ich mach es auch nie wieder.

„Frau Stätter, ich lasse Sie nun etwas allein, der Arzt wird später vorbeikommen, um mit Ihnen zu sprechen.“ Die Krankenschwester verlässt den Raum. Ich werde lang umarmt, die Tränen meiner Mutter befeuchten mein Haar, sie reinigen mich. Mutter seufzt ganz stark, ihr warmer Atem riecht nach Zimt, wie an Weihnachten.

„Ich kann nicht glauben, dass du aufgewacht bist, ich weiß nicht, was ich sagen soll, oh mein Gott, wir hätten fast, wir hätten fast … die Hoffnung aufgegeben.“ Ihre Tränen färben ihre Worte, während Mutter spricht. Was für ein sinnliches Bild die Liebe abgibt. Grell, intensiv, tiefgehend ist jeder Atemzug, den wir nehmen, weil wir jetzt beieinander sind, Mutter und Kind. Ich möchte wieder in der sicheren Gebärmutter sitzen. Warm, dunkel in den Verbunden zu einem anderen Lebewesen, zwei Körper in einem und dieses Mal werde ich richtig geboren.

Du wirst mich nicht mit einem fremden Mann betrügen, meine Sicherheit für deine Geilheit und Abenteuerlust auf Spiel setzen. Und ich werde im Gegenzug mit dem richtigen Geschlecht zur Welt kommen. Es wird keinen Streit zwischen dir und Vater geben und jeder Festtag kann gemeinsam gefeiert werden. Wir feiern weder Jesus noch die anderen Heiligen, sondern unsere Einigkeit.

„Frau Stätter, wir müssen einige Untersuchungen durchführen, tut mir leid, dass ich Sie unterbrechen muss, aber es geht jetzt gleich los, könnten Sie ins Wartezimmer gehen? Ich zeige Ihnen, wo es ist.“

„Natürlich, ist gut, ich komme gleich wieder.“ Mutter küsst meine Hand und sagt, dass sie bald wiederkommt. Das tut sie oft. Solange ich denken kann, verspricht sie mir, dass sie da sein wird. Mein Geist wehrt sich gegen die Vorstellung, sie könnte lügen und noch einmal gehen. Spannung staut sich im Magen an und klettert zu den Stimmbändern hoch, doch zum Schreien bin ich zu müde. Also schenke ich dir Glauben, Mutter, vielleicht aus Erschöpfung, vielleicht, weil du es verdienst, vielleicht, weil es leichter ist, so von dir getrennt zu werden.

Der Gestank von Desinfektionsmittel liegt zwischen uns, die Distanz wird immer größer. Die Fachleute schauen mich bemitleidend an und repetieren mir, dass wir das schon hinbekommen. Ich frage mich, was wir hinbekommen wollen. Werden wir meinen Körper wieder funktionstüchtig machen? Werde ich springen? Werde ich lachen? Können wir Eis essen gehen und wieder Karussell fahren? Dieses Mal springe ich nicht davon und breche mir auch nichts, ich verspreche. Ob Vater sich wundert, wo ich bin? Wenn er mich findet, verliere ich das Versteckspiel. Er gewinnt meistens, denn er weiß, wie sein Kind tickt. Er weiß es bestimmt. Er weiß, dass ich unglücklich bin, hier mit Mutter und Eric, telepathisch, ganz magisch. Ganz bestimmt, bestimmt. Vater kommt gleich und holt mich ab, er nimmt Mama mit und Eric lassen wir hier, der darf mit dem anderen Pfleger weiterarbeiten.

Wir fahren ans Meer und verbuddeln mich im Sand. In der kühlen Dunkelheit wird mein Körper zu Wasser und die Zellen bilden sich neu. Ein neues Gesicht, neue Haare, bessere Augen, ein größeres Lächeln, das meine Eltern zusammenhalten wird. Erstmal ausgebuddelt werden sie mich lieben.

Ganz bestimmt.

Ich werde bis zum Oberkörper in ein Rohr gesteckt, das Geräusch der Untersuchungsmaschine klingt wie eine sterbende Meerjungfrau, zumindest stelle ich mir das so vor. Ich muss meine Fantasie über die Realität stellen, um es hier auszuhalten. Wegrennen kann ich nicht, doch mein Geist kann mich forttragen. Eins, zwei, drei, atmen – eins, zwei, drei, atmen – eins, zwei, drei, atmen. Liegend auf meinem imaginären Meer, atme ich tiefer und tiefer in die Minuten hinein.

Tiefes, kraftvolles Blau umhüllt mich. Darf ich dieses Mal versinken, Mutter? Ganz sanft wird mir dann die Luft aus den Lungen entzogen, aber es kommt keine Panik auf. Hier im Reich der Fantasie gibt es keine Angst, keine Furcht und keinen Grund, sich Sorgen zu machen. Ich kann mit Haien schwimmen, ohne dass sie mich beißen, mit Kraken reden, ohne dass sie nach mir greifen. Ich kann hier das Kind sein, das ich nie sein durfte. Endlich darf ich auch krank sein.

Zwischen dem Geräusch der Untersuchungsmaschine – keine Ahnung, wie das Ding heißt, ist mir auch egal – und meiner idealen Welt kommen Erinnerungen auf. Wie viele Stunden habe ich damit verbracht, in einem Büro zu sitzen? Stundenlang habe ich auf der Tastatur gehämmert und mit jedem Schlag habe ich mich geweigert, in mich hinein zu hören. Doch die Schläge sind jetzt nach innen gerichtet. Ich kann eh nicht entkommen, also gebe ich mich hin. Der Hässlichkeit meiner Lebenserfahrung stehe ich gegenüber, denn ich wollte leben, stimmt.

Überraschenderweise sind nur die Erinnerungen an die Realität hässlich, den Rest meiner Gedanken mag ich, auch wenn sie lügen. Sie lügen für mich.

Komm, erzähl mir weitere Geschichten von schönen Landschaften, befehle ich meinem Gehirn. Spalte mich so oft, bis ich nur das Schöne in mir sehe. Lebensweisheit? Die ist egal. Erwachsen und selbstständig sein? Wollte ich denn das jemals wirklich? Ich erinnere mich an das Vorstellungsbüro der Anwaltskanzlei, in der ich gearbeitet habe, wie fest ich gelogen habe über meine Pläne und Ziele. Ich hatte nie vor, einen Fonds für arme Kinder zu errichten, es klingt so edel, wenn wir sagen, dass wir helfen wollen, als wären wir dann ein kostbares Mitglied der Gesellschaft. So kostbar und unentbehrlich, ja, solche Leute müssen wir einfach fördern, indem wir ihnen einen guten Job mit hohem Gehalt geben. Es ist völlig wurst, aus welchen Gründen wir Menschen wirklich helfen wollen, keiner kann meinen egoistischen Durst nach Ansehen und Anerkennung kennen. Nur ich kann es wissen, wie oft ich nur an mich selbst denke.

Die sterbende Meerjungfrau meiner Fantasie bringt den falschen Helden in mir um. Der Kopf wird abgebissen und ausgespuckt. Herrlich, diese Freiheit, die dir Wahnsinn gibt. Ich kann kein edler Ritter mehr sein, also bin ich es auch nicht. Nun darf ich das verdorbene Wesen sein, das ich immer schon war, denn ich bin krank – sieht man doch. Nur wissen die anderen nicht, was genau mit mir nicht stimmt, ob es der Körper oder die Seele ist. Um ehrlich zu sein macht’s mir keinen Unterschied, als ich mich noch bewegen konnte, war die Seele schon in Trümmern.

Der erste große Riss passierte, als mein Stiefvater bei uns eingezogen ist. Den Platz meines Vaters wollte er einnehmen, mir sagen, was gut und böse war und wieso Linkshänder in die Hölle kommen. Eines Tages war ich allein zuhause und beschloss, mich in Mutters Kleiderschrank auszutoben. Ich probierte die Pelzmäntel, den Schmuck, einfach alles, einmal an. Ich war Whitney Houston in Bodyguard, Glamours und in Gefahr. Eric kam von der Arbeit im Spital früher nachhause und schickte die Nanny nachhause. Er ertappte mich. Der Blick, der mich traf, war schärfer als eine Peitsche, doch die Taten, die folgten, brannten umso mehr.

„Ab in den Keller mit dir!“

Er zog mich aus und sperrte mich ein im Dunkeln. Im finsteren, kalten Keller drohte er mir, meiner Mutter zu sagen, was ich getan hatte und mich wegzugeben oder für immer im Keller einzusperren. Verrotten könne ich, falls ich es jemals wieder wagen würde, mich wie eine Schwuchtel aufzuführen.

Stunden vergingen und kamen mir vor wie Tage. Nackt und verzweifelt verfluchte ich meine Mutter, meinen Körper und jeden Augenblick mit diesem Manne. Ich trat aus Versehen in eine Pfütze am Boden und blieb dort stehen. In der Panik stellte ich mir vor, das sei der Ozean und ich ein Delfin, der drin schwimmt. Eine kleine Ewigkeit verbrachte ich Zeit mit den Meeresschildkröten und tanzte mit den Fischen.

Irgendwann kam er wieder, gab mir Kleidung und sagte: „Zieh dich an, deine Mutter kommt gleich. Ein Wort und du bist weg.“

Nun tanze ich wieder mit den Fischen im Netz, nur dieses Mal kann ich nicht weg.

Ein Pfleger kommt auf mich zu und sagt, die erste Untersuchung sei jetzt vorbei.

Blutentnahme, Röntgenbilder, Blutdruckmessungen, alles wird arrangiert für den braven Patienten. Wie dieses Wunder entstanden ist, mein Aufwachen meine ich, kann sich keiner der Experten erklären. Es ist schon mal klar, dass ich eingeschränkt bin, keinen Ton und keine Bewegung gebe ich von mir. Als würden die Ärzte einen Eiszapfen kontrollieren. Einen Eiszapfen, den sie fast zum Schmelzen gebracht und dann den Abfluss runtergespült hätten. Doch jetzt, da ich selbst atmen und zwinkern kann, geht das nicht. Herrlich, das Minimum an Affront und schon dem Tode entwichen. Und das zum zweiten Mal.

Ich bin wieder in meinem Krankenzimmer, die Vorhänge sind zu, damit kein starkes Licht hineinströmt und uns blendet. Der Arzt redet mit Mutter, er erklärt ihr, dass dieses plötzliche Aufwachen ein Wunder sei und sie sich selbst nicht erklären können, wie das geschehen konnte. Siehst du, Mutter, nun bin ich ein Wunderkind.

„Wir müssen abklären, wo und wie Ihr Sohn in Zukunft gepflegt werden soll. Es ist klar, dass er das Leben lang beeinträchtigt sein wird. Seine Werte liegen zwar gut, doch das Knochenmark ist völlig abgezweigt. Ob die betroffenen Gehirnregionen sich jemals völlig erholen, ist sehr fraglich.“

Sie reden, als wäre ich nicht da und in gewisser Weise bin ich es auch nicht. Wie ein Neugeborenes fühle ich einfach um mich herum. Die Sorge meiner Mutter, ihr verzweifeltes Alleinsein mit dieser Situation und das distanzierte Mitgefühl der Ärztin liegen auf mir wie Beton. Wehren tue ich mich kein bisschen, wie denn auch? Atemzug für Atemzug lasse ich diese Stimmung auf mir weilen.

Ich kann nur zusehen, wie schwer dieses Leben ist, wie eine Fliege an der Wand. Werten will ich aber nicht, denn schlussendlich wollte ich es. Ich wollte leben, sage ich mir immer und immer wieder. Schau, sie sorgen sich um dich. Du wirst gefüttert und gewaschen, gehegt und gepflegt. Alles hier dreht sich um dich, sei doch dankbar. Schlussendlich könnte ich tot sein und nichts von alledem mitbekommen. Wie sehr meine Mutter mich braucht, für ihr eigenes Glück, auch wenn ich ihr nichts dafür geben kann. Ich bin wahrlich nochmals geboren, und dass die Ärztin mich Sohn genannt hat, macht mir nichts aus. Es ist nicht wichtig, welchen Körper ich für dieses zweite Leben gewählt habe, ich kann ihn eh nicht spüren. Einen zweiten Namen? Egal.

Sie haben nun fertig geredet und Mutter schenkt mir endlich ihre Aufmerksamkeit. „Tom, wir werden uns gut um dich kümmern, ich verspreche es dir. Wir werden alles daransetzen, dass es dir so gut wie möglich geht. Ich weiß nicht, wie, aber ich weiß, dass es so sein wird.“

Ihre Stimme ist so sanft wie damals, nachdem ich zur Polizei gegangen bin. Sie versprach, nachdem die Autoritäten Eric mitnahmen, das gleiche. Dass ich für meinen Mut belohnt werden solle und niemand mehr uns schaden könne und dass es uns gut gehen würde. Von diesem Moment an sollte ich häufiger auf das Märchen der Sicherheit reinfallen. Immer und immer wieder kam es dazu, dass sie die Schatten um uns herum einfach ignorierte, auch nachdem wir vom Gericht aus von Eric sicher waren. Ich war es stets, der Behutsame, der Aufpasser, der Beschützer. Ich allein, wird es dieses Mal anders sein?

Kann ich es mir leisten, daran zu zweifeln, dass Hilfe kommen wird? Bin ich geistig reich genug, um daran zu denken, hilflos zu sein? Wie sehr möchte ich meine Ängste jetzt mitteilen, selbst ein Säugling kann schreien, doch mir bleibt nur das Zwinkern. Also, Mutter, hier hast du mich, mein volles Vertrauen, entweder das oder ich spalte mich in tausend Stücke vor Angst.

Mir kullern die Tränen von den Wangen, Mutter wischt sie mir ab, bevor sie zu Boden fallen, und sagt mit sanfter Stimme: „Weine ruhig, mein Kind, weine, lass alles raus. Ich bin hier.“

Welch Erlösung, weinen zu dürfen, ich möchte nie mehr aufhören. Das ganze Zimmer soll überflutet werden, bis wir alle drin schwimmen können. Ein kleiner Ozean, in dem wir alle sicher uns treiben lassen dürfen und wenn wir genug haben, ertrinken wir einfach.

Irgendwann hört man auf zu weinen und schwimmt an der Oberfläche der eigenen Gedanken. Ganz still und friedlich, denn man spürt nichts mehr, was einen aufhält, einfach zu sein.

Meine Mutter spricht nicht, sie streichelt mir einfach über das Haar. Mein Haar, das viel zu kurz ist, empfängt all die Wärme, die ich in diesem Moment brauche. All die Zuneigung, die ich mir erhofft hatte, wird mir gegeben. Also trinke ich sie Schluck für Schluck, als wäre sie Milch von der Brust.

Keine Ahnung, wie viel Zeit vergeht, ist mir auch egal, wenn ich mich damit ablenke, wie schnell mir meine Sicherheit genommen wird, schwelge ich wieder in Kummer und Not. Klammere dich fest an diesen einen Moment, erlaube ihn voll und ganz, so hast du Reserve, sobald der Richter der Zeit entschieden hat, dass es nun vorbei ist.

Und siehe da, der Hammer wurde geschlagen, die Zeit der Besuche nähert sich dem Ende. Wenn ich doch bloß schreien könnte, um meine Mutter an mich zu fesseln. Doch ich kann nicht, sie wird gebeten, zu gehen, ich müsse die nächsten paar Tage hier bleiben zur Beobachtung. Ein wenig wie ein Tier im Zoo oder ein Experiment, das Daten liefern soll. Es gibt organisatorisch viel zu tun, wo ich hinkommen werde, wer sich um mich kümmern soll, wie oft, Zeitmanagement, Kosten und so weiter. Das alles liegt jedoch außerhalb meines Einflusses. Ich werde keine Entscheidungen mehr treffen und nichts mitbestimmen. Ein Zeuge der Ereignisse, die um mich geschehen, das bin ich geworden und mehr kann ich nicht.

„Morgen komme ich wieder.“, sagt Mutter, mein Herz kann nicht anders als vor Panik zu rasen. Morgen? Wie lange geht das? Toben müsste ich jetzt, aber nein, meine Lage verbietet mir einfach jegliche Form des Ausdrucks. Bin ich eigentlich noch ein Mensch? Was bringt mir dieses neue Leben, wenn ich nicht antworten kann und reagieren? Was bedeutet es, zu sprechen, wenn niemand dir eine Antwort geben kann? Wieso wollte ich nochmals zurück, gefangen in einer Situation, in der ich gefangen bin. Noch gefangener in einem Körper, den ich nie wollte.

Mutter verlässt das Zimmer und ich stehe vor einem Entscheid. Ich kann mich gefangen fühlen oder aufgehoben, gefesselt oder befreit. Denn schlussendlich bin ich befreit von jeglicher Verantwortung und Druck, irgendwie oder irgendwas zu müssen? Ja, dieser Gedanke fühlt sich gut an, halte dich daran fest. Ich bitte die Engel der Vernunft, mir mehr davon zu schicken und mich auf diesem Weg zu bewahren. Einem Teil von mir sind die guten Gedanken aber völlig egal. Dieser Teil rennt durch meinen Schädel und schreit, tobt und bebt. Diese Emotion, die durch die Reibung meiner Gedanken generiert wird, kann ich einfach nicht aufhalten. Ich benenne dieses Gefühl Panik, keine Ahnung, ob es der richtige Begriff ist, Worte sind zu limitiert, um diese interne Bewegung der Psyche festzuhalten.

Atmen, das kann ich, die Angst aus mir hinaus atmen, das muss ich. Aus allen Poren, mit jeder Faser meines Wesens. Der Raum um mich herum wird kleiner und kleiner, bis er meine Stirn erreicht, er berührt meine nassen Hände, umarmt jeden Schweißtropfen, der mir auf der Haut entlang hinunter kullert.

Ein, aus, ein, aus, ein und aus. Dieser Mechanismus, den kann ich noch beeinflussen, so stelle ich mir ein wenig die Geburt vor. Die Schmerzen sind so stark, dass du es nicht aushältst, also bleibt dir nichts anderes übrig als zu atmen und mit dem Schmerz mitzugehen. Weiter geht’s, alles dreht sich, die Erde bebt so stark, dass die Wände gleich einstürzen, als wären sie aus Sand gemacht.

Mitten in meinem Sumpf der Ängste höre ich eine Stimme. „Gib dich hin, voll und ganz. Lasse dich toben und schreien, du verletzt niemanden damit. Lasse deiner Not freien Ausdruck, deine Stimme wird erhört. Geh weiter in die Panik hinein, immer tiefer und tiefer, du hast nichts mehr zu verlieren.“

Ich folge diesen sanften Worten und lasse mich im mentalen Treibsand versinken. Stück für Stück werde ich verschlungen. So viele Teile meines Wesens werden abgeschliffen, alle, die diesen Weg nicht gehen wollen, sterben hinweg. Ich staune, wie nahe Tod und Leben sind, als würden diese Gegensätze gerade tanzen. Die Führung wechselt ab, mal du, mal ich. Zusehen kann ich nur diesem Spektakel an Verzweiflung und Erlösung, das in mir stattfindet.

Immer weiter, immer tiefer, immer präziser gebe ich mich dem Gefühl meiner Furcht hin. Ich hasse diesen Körper seit meiner Geburt. Er ist mir kein Spiegel, sondern ein Fischernetz, das mich zappeln lässt. Seit ich sechs bin, denke ich: „Ach, dürfte ich bloß ein Mädchen sein und eines Tages Leben in mir gebären.“ Ich hasse diesen Körper, weil er mir die Freiheit nimmt, das, was ich bin, auszudrücken. Ich hasse diesen Körper, der wie eine zu enge Schale meinen Geist umschließt. Ich hasse ihn, weil er mir weh tut, auch wenn ich ans Bett gebunden nichts mehr spüre.

Dieser Hass, er brennt wie Feuer und zum ersten Mal darf ich alles niederbrennen, statt es zu unterdrücken. In diesem Gefängnis aus Fleisch und Blut erlebe ich die Freiheit, zu hassen, mit voller Wucht. Keine Predigt der Liebe kann mich aufhalten, niemand soll mir sagen, ich solle nicht so empfinden, kein Gott, kein Staat, kein Nachbar. Verbrenne mich, wandle mich zu Asche, bereinige mich, du Zorn in mir. Alle Stimmen, die mich bis dahin aufgehalten haben, sind jetzt still. Sie wurden im Treibsand erstickt.

Pulsuz fraqment bitdi.

28,36 ₼

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191 səh. 2 illustrasiyalar
ISBN:
9783991077909
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Bookwire
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