Kitabı oxu: «Die unverhoffte Genesung der Schildkröte»

© 2019 Carpathia Verlag GmbH, Berlin
Umschlagillustration: Cordelia Sommhammer unter Verwendung eines Fotos von Adobe Stock / »Elena«
ISBN 978-3-943709-70-4 (Print)
ISBN 978-3-943709-71-1 (EPUB)
ISBN 978-3-943709-72-8 (MOBI)
ISBN 978-3-943709-73-5 (PDF)
www.carpathia-verlag.de
Unseren Vätern gewidmet
Inhalt
1 Kapitel null
2 Kapitel eins
3 Kapitel zwei
4 Kapitel drei
5 Kapitel vier
6 Kapitel fünf
7 Kapitel sechs
8 Kapitel sieben
9 Kapitel acht
10 Kapitel neun
11 Kapitel zehn
12 Kapitel elf
13 Kapitel zwölf
14 Kapitel dreizehn
15 Kapitel vierzehn
16 Kapitel fünfzehn
17 Kapitel sechzehn
18 Kapitel siebzehn
19 Kapitel achtzehn
20 Kapitel neunzehn
21 Kapitel zwanzig
22 Kapitel einundzwanzig
23 Kapitel zweiundzwanzig
24 Kapitel dreiundzwanzig
25 Kapitel vierundzwanzig
26 Kapitel fünfundzwanzig
27 Epilog
28 Danksagung
Kapitel null
Von außen drang kaum Licht durch die Scheiben der verlassenen Lagerhalle. Die einen waren verdreckt, die anderen abgeklebt. Über den drei Männern im Innern flackerten die Neonleuchten. Dann gingen sie aus.
Alle gleichzeitig.
»Was ist los? Was soll das?«, jaulte der Schnüffler und griff nach seiner Waffe.
»Ruhig«, mahnte der Schmierfink.
Der Lächler sagte nichts. Er knirschte mit den Zähnen.
Der Spuk dauerte nur ein paar Atemzüge. Dann sah man wieder.
Sah die Männer, wie sie warteten, zusammen und doch jeder für sich, ihre Gefühle krampfhaft verschleiernd.
Sah vergessene Fetzen einer Plastikplane neben einem rostenden Stahlträger.
Sah den Staub, der hier lagerte.
Und sah den Campingtisch mit den wackligen Beinen. Dazu vier jämmerliche Plastikstühle, drei auf einer Seite, einer auf der anderen. Herangeschafft für ein Treffen, ein Verhandlungsgespräch.
Vier Stühle, nicht fünf!
Die Drei hatten keinen Schimmer, was sie erwartete.
Der Schnüffler klammerte sich an die SIG Sauer P225 und schritt zwischen Tisch und Fenstern hin und her.
Der Schmierfink stand mit verschränkten Armen neben dem Tisch und kaute Kaugummi, gab dann seine Position ruckartig auf und ging auf den Schnüffler zu. »Das mit der Knarre ist möglicherweise keine so gute Idee. Ist dir selbst klar, oder? Denk mal drüber nach«, sagte er und legte eine Hand auf den Arm des unfreiwilligen Verbündeten.
Es war der Lächler, der antwortete, den finsteren Blick starr gen Eingang gerichtet, die zittrigen Hände über dem Tisch wie zum Gebet gefaltet. »Wir werden ihn nicht abknallen. Natürlich nicht. Aber wenn er uns nicht gibt, was wir wollen, soll er leiden. Leiden wie wir.«
Der Schnüffler stockte, betrachtete die Waffe, als fiele ihm erst da auf, dass er sie in der Hand hielt. Er nickte, schob die Pistole zurück in die Halterung und kehrte zu dem einzigen Fenster zurück, das ihm nach draußen zu spähen erlaubte.
Wolken schoben sich vor die Sonne. Ein Sturm zog auf.
»Was machen wir, wenn er nicht auftaucht?«, fragte er und seine Stimme vibrierte.
»Oh, er wird auftauchen. Er wird ganz sicher auftauchen«, antwortete der Schmierfink. Und fügte, die Faust gen Himmel gereckt, als spräche er mit einem Gott, noch einmal etwas polternder, geradezu bedrohlich, hinzu: »Nicht wahr?«
Er lag damit richtig. Ausnahmsweise.
Ich weiß, du denkst, du hättest mit all dem nichts zu tun. Dass dies nur eine Geschichte sei, die dich nicht betrifft.
Aber du täuschst dich. Du bist ein Teil dieser Geschichte. Ob du es willst oder nicht. Du bist sogar ein ganz wesentlicher Teil dieser Geschichte. Denn du bist der einzige, der die Katastrophe abwenden kann.
Und ja, ich spreche mit dir.
Kapitel eins
Düsternis kroch durch Konstantin von Kornwegs Büro. Sie war sein Dauergast. Denn Konstantin von Kornwegs Büro war das einzige mit Vorhängen in der Firma, die seinen Namen trug, aber nur in den seltensten Fällen seine Handschrift. Und diese Vorhänge, in einem gewiss freundlichen, aber eben kaum Helligkeit spendenden Orange gehalten, hatten in Anwesenheit des Finanzbuchhalters stets geschlossen zu sein. Und da Konstantin von Kornweg einer sehr exakten Vorstellung von Tagesabläufen folgte, es nur ganz und gar unvorhersehbaren Ereignissen zähneknirschend erlaubte, sie zu torpedieren, wusste seine Sekretärin stets, wann sie die Vorhänge öffnen durfte und wann sie sie zu schließen hatte. Denn dass die Vorhänge und sogar die Fenster dahinter gelegentlich geöffnet werden mussten, billigte selbst Konstantin von Kornweg, der gegen kohlenstoffdioxidgetränkte Luft immun zu sein schien, insgeheim aber sehr wohl froh darüber war, morgens frischen Sauerstoff einzuatmen.
Die einzige Lichtquelle um ihn herum war eine Tischleuchte mit geschwungenem Hals. Ihr schmaler Kegel erhellte eine Handvoll Akten inmitten penibel geordneter Stapel aus Belegen und Protokollen. Der Schreibtisch war ein Monstrum. Er nahm den halben Raum ein, und der Mann, der an diesem Freitagnachmittag um 17:58 Uhr mit gekrümmtem Rücken über ihm und den Akten saß, wirkte vergleichsweise zwergenhaft. Das wirkte er von Natur aus, hatte die ihm doch einen knochigen Körper und eine zerbrechliche Statur beschert. Das Monstrum verschärfte den Effekt nur noch.
Konstantin von Kornweg saß im Halbdunkel und befand sich im Tunnel. Die Quartalsabrechnung verlangte seine vollste Konzentration. Die Zahlen waren nicht gut. Sie waren überhaupt nicht gut. Sie waren annähernd verheerend. Konstantin von Kornweg aber lächelte. Er grinste regelrecht.
Wer in diesem Moment mit diesem Wissen in den Raum getreten wäre und ihn gesehen hätte, wäre unweigerlich zu dem Schluss kommen, der Buchhalter hecke einen teuflischen Plan aus und müsse der Bösewicht in dieser Geschichte sein. Nichts aber läge weiter entfernt von der Wahrheit als eine solche Schlussfolgerung.
Beim Arbeiten versorgte ihn das Pendel der Standuhr mit Rhythmus und Ruhe. Ein dröhnender Gong war nun für ihn das Zeichen, dass sein Tagwerk für diese Woche beendet war. Während des zweiten Gongs blickte er auf und vergewisserte sich, dass er nicht irrte. Während des dritten trank er den letzten Schluck des erkalteten Kaffees. Während des vierten, fünften und sechsten sammelte er die Akten zusammen und verstaute sie im Regal links des Tisches. Er tat das mit aller gebotenen Sorgfalt, ganz ohne Eile. Als alles an seinem Platz war, schlenderte er zu dem eisernen Kleiderständer mit Krone, der vor langer Zeit bereits seinem Großvater gedient hatte. Konstantin von Kornweg nahm Mantel und Hut, zog sich an, warf einen Blick auf seine Armbanduhr und harrte exakt siebzehn Sekunden aus, bevor er zur Bürotür hinausging.
Seine Sekretärin, eine früh gealterte Endfünfzigerin mit Nickelbrille, weißen Haaren und einem immensen Bauch voll Gutmütigkeit, besaß keine Armbanduhr. Aber ihr Computer lief nach der Atomuhr, also wusste sie genau, wann ihr Chef heraustreten würde und sie dieses Lächeln sehen würde, das im ersten Moment durchaus ansteckend war – wobei sie um Gottes willen niemandem wünschte, er möge sich anstecken. Das Schicksal ihres Chefs war eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, ein Drama!
Sie wünschte Konstantin von Kornweg viel Glück im Spiel und ein angenehmes Wochenende. Er erwiderte natürlich nichts, huschte nur vorbei und lupfte wie gewohnt seinen Hut. Doch als sie sich schon in sein Büro aufmachen wollte, um Vorhänge und Fenster aufzureißen und den schrecklichen Mief darin zu verjagen, kehrte er, völlig unerwartet, noch einmal zurück.
»Verzeihen Sie«, sagte er in dem ihm eigenen Flüsterton. »Dieses Buch, das brauchen Sie doch gerade nicht, oder?«
Er deutete auf einen der Romane, die sie in der jüngeren Vergangenheit verschlungen und noch nicht wieder mit nach Hause genommen hatte. Sie war eine Leseratte und frönte ihrer Leidenschaft auch während der Arbeitszeit – mit seinem stillen Einverständnis. Er griff nicht allzu häufig auf ihre Assistenz zurück, überließ ihr einzig die Entgegennahme von Anrufen, den Kontakt mit der Außenwelt, und erledigte ansonsten das, wozu er imstande war, selbst. Nicht, weil er ihr nicht vertraute, sondern weil er sich mehr vertraute.
»Nein, Herr von Kornweg«, sagte sie irritiert, da sie ihn noch nie einen Roman in die Hand hatte nehmen sehen. »Sie dürfen es sich gern ausleihen.«
»Danke«, flüsterte er, drückte das Buch an seine Brust und verschwand in Richtung Hinterausgang.
Konstantin von Kornweg trat hinaus in die Seitengasse, in der normalerweise sein Wagen stand, lief aber nicht nach rechts zu seinem Stellplatz, sondern nach links. Den Hut zog er sich tief ins Gesicht.
Natürlich gab es einen Grund für sein Verhalten. Die ungewöhnliche Bitte um das Buch, der ungewohnte Heimweg und das zermürbende Gefühl der Bedrücktheit, das ihn malträtierte, hingen einzig und allein mit dem ganz und gar unvorhersehbaren Ereignis des Morgens zusammen. Es war auf halbem Weg in die Firma geschehen. Sein Wagen hatte mit einem Mal zu ruckeln begonnen, stärker und regelmäßiger noch als in den Tagen zuvor. An denen hatte Konstantin von Kornweg das Problem samt der höhnisch funkelnden Warnleuchte aus Furcht vor den Konsequenzen noch erfolgreich ignoriert. An diesem Morgen hatte sich das Problem nicht mehr ignorieren lassen, weil zum Ruckeln eine starke Rauchentwicklung dazugekommen war. Er rollte in Schrittgeschwindigkeit dahin und krallte seine Hände am Steuer fest – bis am Straßenrand eine Werkstatt auftauchte und er an einen Gnadenakt des Schicksals glaubte.
Die Hoffnung freilich, er habe Glück im Unglück gehabt, erstarb rasch. In der Werkstatt saß er zitternd und verärgert über die Umstände und über das Zittern in einem winzigen Warteraum, leerte einen Becher mit labbrigem Kaffee, hielt sich die aufgeblätterte Tageszeitung vom Vortag vors Gesicht, las aber keine Zeile, sondern richtete seine alleinige Aufmerksamkeit auf die Geräusche in seiner Umgebung. Schlagschrauber schnurrten, Hebebühnen surrten, Motorhauben knallten, Mechaniker lärmten. Sie warfen sich derbe Sprüche an den Kopf und lachten.
Einer von ihnen, ein Meister Mitte vierzig mit Schmerbauch im übergroßen Blaumann, kam schließlich in den Warteraum.
»Herr von Kornweg?«, fragte er, damit sein Kunde die Zeitung zusammenfalten und ihm zuhören möge. Der Mechaniker wischte sich die öligen Finger an einem Tuch ab, das vor langer Zeit einmal weiß gewesen war, und befreite mit dem Arm seine Stirn vom Schweiß.
Konstantin von Kornweg blickte auf, ohne zu antworten. Der Meister nahm nur dieses irritierende Lächeln wahr, das ihm schon bei der Auftragsannahme aufgefallen war.
»Also, es ist folgendermaßen: Ihre Einspritzpumpe ist defekt. Da lässt sich auf die Schnelle nichts machen.«
Konstantin von Kornweg blieb stumm. Und lächelte.
»Ist Ihnen denn die Warnleuchte nicht aufgefallen? Wenn Sie sofort zu uns gekommen wären, hätte ich Ihnen vielleicht einfacher helfen können. Jetzt werden wir an einem Austausch nicht vorbeikommen. Ihnen ist klar, dass Sie das mindestens tausend Euro kosten wird, möglicherweise auch doppelt so viel?«
Konstantin von Kornweg schaute zu Boden. Und lächelte.
»Finden Sie das lustig? Finden Sie mich lustig?«
Konstantin von Kornweg schüttelte den Kopf. Und lächelte. »Tun Sie, was nötig ist. Und machen Sie sich bitte keine Gedanken um das«, sagte er und zeigte auf sein Gesicht. »Eine lange Geschichte. Hat nichts mit Ihnen zu tun.«
Er war es so müde, sich zu erklären.
Die Reaktionen anderer auf Konstantin von Kornwegs Problem ähnelten sich häufig.
»Was gibt’s denn da zu grinsen?« Diesen Spruch hörte er immer wieder.
Fast jeder freute sich über ein Lächeln. Fast jeder lächelte zurück. Zunächst. Irgendwann schlug die Freude in Verwirrung um, weil der Fremde nicht aufhörte zu lächeln. Weil dieses beständige Lächeln Zweifel an der Freundlichkeit des Unbekannten hervorrief.
Lächelte der etwa gar nicht, sondern lachte? Lachte einen aus, wegen eines gigantischen Popels im Gesicht oder aus irgendeinem anderen Grund?
Wenn Konstantin von Kornweg Glück hatte, ignorierten ihn die Leute nach einer gewissen Zeit.
Wenn er Pech hatte, beschimpften sie ihn.
Wenn er großes Pech hatte, wurden sie handgreiflich.
Er gab sein Bestes, es gar nicht erst so weit kommen zu lassen. Er gab sein Bestes, unsichtbar zu sein.
Konstantin von Kornweg lebte seit achtzehn Jahren unter einer Glocke. Drei Wochen nach dem rauschenden Fest seines fünfundzwanzigsten Geburtstags war er wild entschlossen in einen Squash-Court marschiert, in das Finale eines Ranglistenturniers, in das er es dank eines fabelhaften Laufs geschafft hatte, der ihm selbst unerklärlich war. Mitte des zweiten Satzes war er, komfortabel in Führung liegend, gepackt von schlagartig auftretenden heftigen Kopfschmerzen und von Schwindel, in sich zusammengesackt.
»Schlaganfälle kommen auch bei kerngesunden jungen Menschen wie Ihnen häufiger vor, als man gemeinhin annimmt«, erklärte ihm ein Neurologe hinterher und versuchte ihn zu beruhigen. »Nach der nötigen Reha kommen Sie sicher wieder vollständig auf die Beine. Sofern es keine weiteren unvorhersehbaren Ereignisse gibt.«
Zu dem, was sie Fazialisparese nannten, hatten die Spezialisten wenig zu sagen, nur dass ihnen eine solche Art der Gesichtslähmung noch nie untergekommen sei. Dass sie allem widerspreche, was man über den menschlichen Körper wisse. Dass die Mundwinkel, wenn überhaupt, auf einer Seite hängen müssten. Nicht wie bei ihm permanent auf beiden Seiten nach oben gerichtet sein.
»Das dürfte es eigentlich gar nicht geben. Aber sicher handelt es sich nur um ein vorübergehendes Phänomen«, prognostizierte sein Neurologe. »Das legt sich wieder.«
Eine Erklärung für das vorübergehende Phänomen und warum es sich nicht legte, konnte er auch nach achtzehn Jahren nicht anbieten, eine Therapie genauso wenig. »Mit beschädigten Nerven ist das nun mal so eine Sache. Die regenerieren sich nicht ohne Weiteres, die lassen sich nicht stimulieren«, schwadronierte er schulterzuckend und wischte seine früheren Aussagen weg. Und keiner der anderen Ärzte, bei denen sich Konstantin von Kornweg vorstellte, widersprach dem Kollegen.
Dabei gab es durchaus Therapieansätze, heftig umstrittene allerdings, deren Effekte nicht ausreichend belegt waren, doch je mehr Schulmediziner vor ihnen warnten, desto attraktiver wirkten sie auf Konstantin von Kornweg. Aber seine Krankenkasse sah diese Art der Behandlung durch seine Police nicht abgedeckt.
So blieb dem Buchhalter nur, zu sparen und zu warten und zu hoffen und jedes Jahr im Winter für drei Wochen in ein südliches Land zu flüchten, in dem Menschen, die beständig lächelten, nicht so sehr auffielen und schon gar keine ablehnenden Reaktionen hervorriefen. In seiner natürlichen Umgebung ging er, so gut es ging, allem und jedem aus dem Weg.
Ähnlich wie ich dich durch diese Geschichte zu navigieren gedenke – behutsam, einen Schritt nach dem anderen – lässt er sich von einer unerschütterlichen Devise leiten: Meide alles, worüber du keine Kontrolle hast.
Die Fahrt von der Werkstatt ins Büro mit einem Taxi, dessen Fahrer unentwegt über andere Verkehrsteilnehmer grummelte und Konstantin von Kornweg nach einiger Zeit skeptisch durch den Rückspiegel beäugte, hatte ihn größte Überwindung gekostet. Er war nur eingestiegen, weil ihm in diesem Moment keine bessere Option eingefallen war. Sich zum Feierabend erneut eines zu bestellen, kam überhaupt nicht infrage.
Ebenso wenig wollte er jemanden aus der Firma behelligen, am allerwenigsten seine Schwester.
Und so gelangte Konstantin von Kornweg, so absurd das angesichts seiner Lebensphilosophie erscheinen mochte, zu dem Entschluss, es bliebe ihm nur die Fahrt mit der Straßenbahn. Eine Fahrt, die einen probaten Schutzschild erforderlich machte: das Buch seiner Sekretärin, über dessen Inhalt doch zu lächeln erlaubt sein musste.
Die Haltestelle lag nur einen Katzensprung vom Firmensitz im Gewerbegebiet entfernt. In die Innenstadt aber tuckerte die Tram fünfundzwanzig quälende Minuten lang. Zu seinem Glück fand er einen Platz ganz hinten im Wagen, mit dem Rücken zu fast allen Mitfahrern. Das beruhigte sein trampelndes Herz. Vom Hauptbahnhof aus waren es noch einmal zehn Minuten zu Fuß zu seiner Kellerkneipe, in der er, endlich angekommen, durchatmete.
Sein Thekenplatz ganz links ganz hinten an der U-förmigen Bar war frei, darauf konnte er sich verlassen. An zwei der kleinen Tische kauerten fahrige Vagabunden mit glasigen Augen. Bei seinem Eintreten mussten sie allein für einen kurzen, furchtvollen Blick zur Tür viel Kraft aufbringen. Am anderen Ende der Theke standen der übergewichtige Chef einer Fahrschule, der auf einer kubanischen Zigarre herumkaute, ein gedrungener Steuerfahnder mit hängenden Schultern und ein Schriftsteller im weißen Jackett. Seinen Hut, ebenfalls weiß, setzte er selbst dort nicht ab, wo die Sonne niemals schien.
»Das hat sie nicht getan. Das erfindest du doch«, gackerte der Steuerfahnder und schüttelte sich vor Lachen.
»Ich schwör’s euch«, antwortete der Fahrlehrer und bekräftigte die just erzählte Zote über eine seiner Schülerinnen.
»Formidabel«, posaunte der Schriftsteller. »Das hat das Zeug zu einer Kurzgeschichte.«
In den riesigen Aschenbechern vor den Kneipenbrüdern türmten sich Kippen. Einige glimmten noch. Die Schwaden hingen im ganzen Raum. Konstantin von Kornweg mochte den beißenden Qualm eigentlich nicht. Selbst wäre er nie auf die Idee gekommen zu rauchen. Aber er schätzte die Ruhe dieses Etablissements, das den Menschen schon oben an der Eingangstür neben der zerbrochenen Laterne, dem verschmutzten Putz und den hingeschmierten Graffiti entgegenbrüllte, dass dies ein Club der Eingeweihten war. Das Passivrauchen war ein Preis, den er gewillt war zu zahlen – auch auf die Gefahr hin, an Passivlungenkrebs zu erkranken. Im Laufe der Zeit war er mangels Alternativen zu der Überzeugung gelangt, dass alles, was passierte, einem tieferen Sinn folgte.
Eine Antwort darauf, welchen Sinn seine Gesichtslähmung hatte oder welchen er selbst, suchte er noch.
Der Wirt hatte Oberarme wie andere Menschen Schenkel. Auf ihnen gab es immer wieder ein neues Tattoo zu entdecken. Sein vollrasierter Kopf über dem Stiernacken glich einer Bowlingkugel. Er guckte permanent grimmig, doch wenn er seine Stammgäste mit groben Beleidigungen bedachte, wenn er sie »Saukerle« schimpfte, garnierte er das meist mit einem brüllenden Lachen. In Wirklichkeit war er lammfromm – und er besaß die seltene Gabe der Sensibilität. Nach einem krachend gescheiterten Anlauf beim ersten Besuch hatte er nie wieder versucht, Konstantin von Kornweg ein Gespräch aufzuzwingen. Wann immer der Buchhalter reinschneite, also an jedem Montag, Mittwoch und Freitag, sofern keine ganz und gar unvorhersehbaren Ereignisse dazwischenfunkten, standen sofort eine Halbe und ein Kräuterlikör vor dem Gast, und der Wirt drehte ihm wieder den Rücken zu.
Konstantin von Kornweg kippte den Schnaps in einem hektischen Zug, ließ sich beim Bier etwas mehr Zeit und beobachtete die anderen aus der Ferne. Gelegentlich fragte er sich, ob auch er, wenn alles anders gekommen wäre, heute mit zwei, drei Kameraden in einer Kneipe wie dieser säße, mit ihnen söffe, nach zwei bis fünf Stunden anschreiben ließe und Arm in Arm mit einem Kumpan, sich gegenseitig stützend, die Stufen in die Wirklichkeit hinaufstürzte. Nur an Freitagen blieb für solche Gedanken kein Platz. Da füllte ihn ein Gefühl der Hoffnung aus. Immer so lange, bis er sich auf seiner Armbanduhr versicherte, dass es an der Zeit war, das Smartphone zu zücken und die Gewinnzahlen zu überprüfen.
Er wusste stets sofort, dass es wieder nicht hingehauen hatte mit dem Jackpot, weil er selbstverständlich jedes Mal mit denselben Zahlen spielte.
Und so steckte er sein Smartphone wieder ein, was dem Wirt als Zeichen galt, einen neuen Kräuterlikör hinzustellen, den Konstantin von Kornweg erneut in einem Zug kippte, diesmal weniger hektisch als resigniert. Für die zweite Halbe ließ er sich exakt eine Viertelstunde Zeit, klopfte auf die Theke, ließ die Scheine und Münzen für Rechnung und haargenau zehn Prozent Trinkgeld liegen und ging langsam zur Treppe.
Daheim wartete Chronos.
Das Schicksal liebt die Ironie. Du hast das vermutlich auch schon mal erfahren oder wenigstens bei einem Nahestehenden erlebt. Im Falle des Lächlers besteht die Ironie darin, dass jemand, der allem Ärger aus dem Weg geht, in eine Geschichte wie diese hineinstolpert. Dass er, der doch niemandem wehtun möchte, weil er sich selbst so sehnlichst das Ende seiner Schmerzen wünscht, darüber spricht, jemanden leiden zu lassen.
Nun, lass mich dir berichten, wie es zu der Szene mit dem blasierten Schmierfinken und dem bewaffneten Schnüffler in der heruntergekommenen Lagerhalle kommen konnte. Lass mich dir erklären, warum deine Hilfe gefragt ist und was von dir erwartet wird.
Keine Sorge, es ist kein Hexenwerk.
Zunächst musst du die weiteren Figuren in diesem Stück kennenlernen, musst etwas über Ursache und Wirkung erfahren. Damit du verstehst, wie sich aus einer Reihe mal mehr, mal weniger glücklicher Umstände diese Geschichte entwickelte.
Erster glücklicher Umstand, vorgefallen vor ein paar Monaten: Eine Frau, Mitarbeiterin in der Presseabteilung eines stolzen Traditionsunternehmens des hiesigen Mittelstands, ist schwanger. Ihre Wangen glänzen schon, ihr Bauch wächst mehr und mehr zur Kugel heran. Sie teilt ihrer Chefin mit, dass sie ihren Posten für ein Jahr räumen will, um sich ganz auf die Mutterrolle konzentrieren zu können. Die Firma muss einen Ersatz finden.
Da wittert ein Mann mit ambitioniertem Ziel seine Chance.
Kapitel zwei
Sie erwartete ihn im vierten Stock, dem obersten, Reich der Krawattenbinder und Kostümträgerinnen. Die Snobs schenkten ihm Lächeln oder Willkommensgrüße oder gar beides. Er staunte über die Wirkung seiner Verkleidung. Unter normalen Umständen hätten sie ihn selbst mit dem Arsch nicht angeguckt. Die Leiterin der Presseabteilung stellte ihm jeden Kollegen vor, der nicht gerade telefonierte, und er präsentierte je nach Bedarf einen starken Händedruck, einen einstudierten, selbstironischen Spruch oder einfach nur ein Augenzwinkern und den Hauch eines Mundwinkelzuckens. Dann widmeten sich die Krawattenbinder und Kostümträgerinnen wieder ihrer Arbeit. Die Zahnräder mussten weiterlaufen.
Die Männer studierte er genau, bestaunte Einstecktücher, Manschettenknöpfe und andere Accessoires, plante, sie zu kopieren. Auch ihre Körpersprache interessierte ihn. Wie sie sich aus ihren Stühlen erhoben, wie sie auf ihn zuschritten. Die Pressesprecherin und er gingen von Platz zu Platz. Nur der wuchtigen Doppelflügeltür hinter den schwarzen Designerstühlen und den Grünpflanzenkübeln näherten sie sich nicht. Sie war geschlossen.
Aber den Mann dahinter kannte er ja bereits.
Stattdessen führte sie ihn zu seinem Büro. Es war kaum so breit wie die Tür des Bosses. Sie blieb davor stehen und ließ ihm feierlich den Vortritt. »So, da wären wir. Es ist kein Königreich, ich weiß, aber es geht nach hinten raus. Und das gilt hier als Privileg der VIPs.«
Tatsächlich verhinderte einzig das Fenster, dass man von einem besseren Kabuff sprechen musste. Darum steuerte er es auch sofort an, vorbei an einem aufgeräumten Schreibtisch mit einigen Mappen und einem Laptop darauf, das Kabel der externen Tastatur und Maus akkurat zusammengewickelt. Öffnen ließ sich das Fenster nicht. Kaum realisiert, erschien ihm der Geruch nach frischer Farbe äußerst penetrant.
Der Ausblick entschädigte für das Ungemach. Schräg unter ihm erhob sich inmitten einer kleinen Rasenfläche ein mächtiger Ahornbaum mit rot-gelb verfärbten Blättern. Ein Mann mit grüner Latzhose und schief sitzender Mütze rechte Laub zusammen. Auf einer Parkbank lehnten sich zwei Männer zurück und rauchten.
Mit solch einem Bild hatte er in einem Gewerbegebiet nicht gerechnet. Aber bei näherer Betrachtung ergab es einen Sinn. Der quaderförmige Neubau des Verwaltungsgebäudes mit seiner architektonisch verspielten Fassade machte insgesamt einen sehr modernen Eindruck. Und was wäre moderner für ein Industrieunternehmen, als seine Zuneigung zur Natur zu bekunden?
Sein Blick fiel auf das Nachbargebäude, genauer: auf das Büro ihm direkt gegenüber. Dort sah er eine junge Frau in Hosenanzug und weißer Bluse am Fenster stehen, die Haare zu einem Dutt gebunden. Obwohl sie zu weit entfernt stand, um das zu erkennen, glaubte er sofort zu wissen, dass ihre tief in den Augenhöhlen liegenden Kulleraugen betörend waren – und dass sie ihn direkt anstarrte. Er fragte sich, ob sie dort schon lange stünde und ob sie ihn an- oder auslachte. Ihre spitz zulaufende Nase verstärkte seine Assoziation einer Gazelle. Er widerstand der Versuchung, die Hand zu heben.
»Und, werden Sie es hier aushalten?«, erkundigte sich die Pressesprecherin in seinem Rücken. Als er sich umdrehte und sie ansah, hatte er das Gefühl, als halte allein die Höflichkeit sie in seiner Nähe, als dränge es sie zu gehen, weil sie eigentlich ganz andere Dinge zu tun hatte, als dem Neuen beim Ankommen zuzusehen.
»Selbstverständlich«, antwortete er und vollführte eine Probefahrt in seinem Bürostuhl.
Dabei stellte sich die Frage für ihn gar nicht. Die Bedingungen dieser Mutterschutzvertretung spielten für ihn nicht die geringste Rolle. Wichtig war nur, was am Ende heraussprang – je früher, desto besser.
»Wundervoll.« Sie schnappte sich die Mappen vom Tisch. »Am besten, Sie lesen sich erst mal ein. Die Kollegin hat Ihnen ein Übergabeprotokoll geschrieben und ein paar Artikel ausgedruckt. Themen, die demnächst relevant werden könnten.«
Er unterdrückte ein Lächeln, weil sie plötzlich wieder so schnell redete, und nahm Mappe eins entgegen. Sofort hielt sie ihm Mappe zwei hin. »Hier drin finden Sie alle wichtigen Informationen zu Ihrem Unternehmenseintritt: Compliance-Bestimmungen, Social-Media-Richtlinien, Zugangsdaten. Da müssen Sie unserer HR-Abteilung noch ein paar Dokumente unterzeichnen. Lästig, ich weiß, aber es muss sein.« Es folgte Mappe Nummer drei. »Der aktuelle Geschäftsbericht dürfte Sie interessieren. Und wenn Sie mit allem fertig sind, klicken Sie sich ein wenig durchs Intranet, machen Sie sich mit allem vertraut. Ich habe gleich noch einen Termin. Wir möchten gern ein Thema lancieren, und der freundliche Herr, der uns das ermöglichen soll, will uns im Gegenzug eine Anzeige in seinem Magazin verkaufen. Sie wissen ja, wie das läuft.«
Er nickte wissend. Als wüsste er es tatsächlich.
»Gut, Herr Mayer, was meinen Sie: Wollen wir später zu Mittag gemeinsam in die Kantine gehen? Oder haben Sie sich etwas mitgebracht?«
»Nein, gern gemeinsam in die Kantine.«
»In Ordnung, ich hole Sie gegen zwölf ab.« Sie lächelte, blickte sich noch einmal um, rümpfte die Nase, griff nach einer Fernbedienung, regulierte die Lüftung, zeigte ihm, wie es funktionierte. »Vielleicht lassen Sie Ihre Tür heute besser offen. Den Geruch müssen Sie entschuldigen, aber Sie merken schon: Wir haben uns für Sie hübsch gemacht.«
Als sie davonging, blickte er ihr hinterher, mit seinen großen, runden, schwarzen Augen, den Augen eines hungrigen Wolfs. Dann stieß er sich mit den Füßen vom Boden ab, um zurückzurollen. Ein Rad des Stuhls blockierte, das Gefährt driftete nach links ab und transportierte ihn genau in die Mitte des Schreibtisches.
Er hatte es geschafft. Unleugbar. Er war drin.
Wenn ihm jemand vor drei oder fünf oder acht Jahren erzählt hätte, dass er es einmal zum Mitarbeiter der Presseabteilung von Liebenich Acoustics bringen würde, er hätte ihn nach seinem Dealer gefragt, weil der hervorragende Drogen im Sortiment haben musste.
Und doch saß er jetzt hier, in einem geborgten Anzug, der schon leicht abgewetzt war und eigentlich zu eng für seinen durchtrainierten Körper. Offenbar fiel das aber niemandem auf. Die neuen Kollegen hatten bei der Willkommensrunde nicht den Eindruck gemacht, als guckten sie ihn schief an oder als belächelten sie ihn für sein Outfit. Das, so versicherte er sich, hätte er ja sofort registriert, dafür, so meinte er, besaß er Antennen. Sie hatten also auch nicht bemerkt, wie ungewohnt dieser Zwirn für ihn war. Genauso gut hätte er ein Superheldenkostüm anziehen können, das Gefühl wäre dasselbe gewesen. Aber er würde sich daran gewöhnen, genau wie an die Frisur, die sich »Out of bed« nannte.
»Voll lässig, total hip« war die laut der Frau mit der wirbelnden Schere, die ihm, einmal bei der Arbeit, gleich die Haare dunkel gefärbt hatte. »Wenn schon Typveränderung, dann richtig.«
Immerhin vertrug sich die neue Haarfarbe gar nicht mal so übel mit seiner Solariumsbräune. Die Frisur nahm seinem eckigen Gesicht außerdem einiges von seiner Verschlagenheit.
Die Typveränderung wirkte. Er nahm sie sich fast selbst ab.
Sein Leben lang hatten ihm die Menschen eingetrichtert, er werde es niemals zu etwas bringen. Die Mutigen schleuderten ihm das direkt ins Gesicht, die Feigen gaben ihm nur das Gefühl.
So interpretierte er das zumindest.
Nun hatte er es zu etwas gebracht. Er hatte alle Lügen gestraft. Allen voran seinen inneren Zweifler, diesen gehässigen Halunken. »Sie werden dich durchschauen«, hatte der einige Wochen zuvor, unmittelbar vor dem Bewerbungsgespräch, geflüstert, halb ängstlich, halb höhnisch.
Er hätte ihm fast geglaubt, ungeachtet seiner sorgfältigen Vorbereitung auf das Treffen, seiner detaillierten Planung und seiner tiefgreifenden Recherche, die aus ihm fast so etwas wie einen richtigen Medienmenschen machten.
Dann aber hatte sich die zweite Stimme in seinem Kopf gemeldet, die des Zorns und der Entschlossenheit, hatte geschimpft und ihn zurechtgeschüttelt. »Du erbärmlicher Schisser. Wie soll das funktionieren, wenn du dir jetzt schon ins Höschen machst?«
Dennoch: Niemals hatte er erwartet, dass alles so glatt gehen würde.
Anstandslos an der Empfangsdame von Liebenich Acoustics vorbeizukommen, war ein erster Mutmacher gewesen. Er redete sich sogar ein, sie flirte beim Gang durch die Eingangshalle mit ihm.
Er missinterpretierte allerdings nur ihre geschäftsmäßige Freundlichkeit.
Sie führte ihn in einen Raum mit ovalem Tisch; einen übersehenen Kaffeetassenfleck wischte er reflexartig weg. Die Multimedia-Anlage beeindruckte ihn, aber sie passte natürlich zu einem Unternehmen, das seine Kohle mit Lautsprechern und Mikrofonen scheffelte.
Lange allein blieb er nicht. Die Pressesprecherin stürmte ins Zimmer und auf ihn zu, bombardierte ihn mit einem wahren Wortschwall. »Herr Mayer, schön Sie endlich persönlich kennenzulernen«, beteuerte sie. »Haben Sie gut zu uns gefunden? In der Stadt ist ja wieder die Hölle los«, bedauerte sie. »Nehmen Sie sich doch etwas zu trinken«, bat sie. »Oder soll ich Ihnen etwas anderes bringen lassen? Einen Cappuccino vielleicht? Wäre überhaupt kein Problem, wirklich nicht.«
Er verzichtete, fühlte sich überrumpelt durch ihre Art. Dem Bild, das er sich anhand ihres Fotos auf der Unternehmenswebseite gebildet hatte, widersprach sie radikal. Im Internet wirkte sie mit ihrem streng gebundenen roten Haar und dem ernsten Blick wie eine Domina. Nun war sie mehr die Unschuld vom Lande. Ihr Verzicht auf Haarbänder verlieh ihren Sommersprossen und Lachfalten den passenden Rahmen.
Was er nicht weiß, was für dich als Information aber vielleicht ganz interessant ist, um die Pressesprecherin besser einschätzen zu können: Diese Offenheit spiegelt ihr Naturell ziemlich akkurat wider.
Was er wahrscheinlich nie erfahren wird: An ihrem Schlüsselbein trägt sie ein verstecktes Delfintattoo, das sie, sofern ihre Kinder es zulassen und nicht brüllend nach ihr verlangen, morgens im Bad gelegentlich minutenlang streichelt, um ganz ohne Wehmut in vergangene stürmische Zeiten zurückzukehren.
Kurz nach ihr schleppte sich die Personalleiterin ins Zimmer, die das komplette Gegenteil der Pressesprecherin darstellte. Sie war dicklich und zugeknöpft, sah mit ihrem strähnigen Haar und dem vergrämten Gesicht aus wie das Musterbeispiel einer alternden Gouvernante.
»Guten Tag«, presste sie zwischen schmalen Lippen hervor, stellte sich in aller Kürze vor und überließ die Gesprächsführung ihrer plauderfreudigen Kollegin.
Seine Verwirrung war komplett. Das retuschierte Foto der Personalleiterin im Internet ließ sie weitaus sympathischer erscheinen. Er war davon ausgegangen, sie im Sturm zu erobern, dass vielmehr die Pressesprecherin härter zu knacken sei.
Was er nicht weiß: Die scheinbar so mürrische kinder- und partnerlose Dame hat nur einen miesen Tag. In Wirklichkeit ist sie die Lebenslust in Person, lässt keinen Schlagermove aus und singt unter der Dusche aus voller Kehle.
Was er wahrscheinlich nie erfahren wird: Wann immer sie ihn sieht, stellt sie sich vor, ihm diesen kümmerlichen alten Anzug und alles darunter vom Leib zu reißen.
Was ihm im Nachhinein egal sein kann: Die beiden Frauen, die sich als die einzigen weiblichen Abteilungsleiter der Firma bestens verstehen, haben die anfängliche Verunsicherung ihres Bewerbers durchaus registriert. Jede für sich verfügt über eine hervorragende Menschenkenntnis, was wiederum eine krachende Ironie in sich birgt, haben sie doch nicht den blassesten Schimmer, wer ihnen da wirklich gegenübersitzt.
»Na, bricht dein Kartenhaus schon zusammen?«, meldete sich sein innerer Zweifler wieder zu Wort.
Er ignorierte die Häme. Und beschloss, sich zu fangen. Wenn die zwei Good Cop, Bad Cop spielen wollten, sollten sie es tun. Er hatte nicht die ersten Hürden seiner Mission genommen, um so kurz vor dem Zwischenziel wie ein scheues Reh vor dem Gewehr zu erstarren.
Die Selbstgeißelung war erfolgreich. Er riss sich nicht nur zusammen. Er ging regelrecht in seiner Rolle auf. Beim Sprechen bewegte er sich in seinem Stuhl, um nicht steif zu wirken, seine Ausführungen unterfütterte er mit Gestik und Mimik, er philosophierte über Schall und Klang, er lobte den Verkaufsschlager des Unternehmens, obwohl er ihn für üblen Schrott hielt, und er griff, weil er glaubte, das mache einen lockeren, unbesorgten Eindruck, nach einer bereitgestellten Schale mit Schokoladentäfelchen.
Er verzog nicht einmal die Mundwinkel, als er beim Kauen feststellte, dass er sich eines mit Marzipan geangelt hatte.
Eigentlich vertraute Hermann Liebenich der Pressesprecherin und der Personalleiterin vollkommen. Seine Mädels, wie er sie liebevoll und ein wenig chauvinistisch nannte, würden den jungen Mann und die anderen Kandidaten für die vakante Vertretungsstelle einem Stresstest unterziehen, der zeigen würde, ob die Naseweise dem Druck hartnäckiger Journalisten gewachsen wären, einer sensations- und internetklickgeilen Meute, die ein immer distanzierteres Verhältnis zu Wahrheit und Sorgfalt pflegte. Seine Mädels würden sicherstellen, den Job nicht einem zögerlichen Schwächling oder Haderer zu geben, einem Menschenschlag, mit dem Hermann Liebenich nichts anzufangen wusste, der ihn regelrecht aggressiv machte. Es gab für ihn an und für sich also keinerlei Anlass, sich mit dem Bewerbungsprozedere auseinanderzusetzen. Zumal er sich als Vorsitzender der Geschäftsführung und Hauptanteilseigner um existenziellere Dinge zu kümmern hatte.
Hermann Liebenich, Dr.-Ing. Hermann Liebenich, um ganz genau zu sein, war ein Mann von sechsundsechzig Jahren, der längst nicht daran dachte, dass es nun auch mal genug war, er seine Schuldigkeit getan hatte und bedenkenlos in Rente gehen konnte. Er konnte nicht. Weil es niemandem gab, der in seine Fußstapfen treten konnte. Oder wollte. Sein Vater und sein Großvater hatten das Familienunternehmen nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet und gemeinsam am ersten Mikrofon geschraubt, er hatte aus Liebenich Acoustics in den vergangenen drei Jahrzehnten einen Global Player geformt. Und durch Zurücklehnen oder Zurückziehen formte man keinen Global Player, sondern durch Anpassungsfähigkeit und eisernen Willen.
Man könnte sich Hermann Liebenich hervorragend als Charakterdarsteller auf einer Bühne vorstellen, zum Beispiel in der Rolle des Julius Caesar. Oder in einem Hollywood-Film als Gangster des zwanzigsten Jahrhunderts, ein würdiger Nachfolger Marlon Brandos. Der Boss von Liebenich Acoustics besaß einen Wohlstandsbauch und ein von Furchen durchzogenes Gesicht. Das ließ ihn, anders als sein ergrauter Schopf, aber weniger alt, sondern vielmehr kampferprobt aussehen.
Das passte. Hermann Liebenich hatte weder Zeit noch Muße, Julius Caesar oder einen Mafioso zu spielen. Er hatte ein Mittelstandsunternehmen zu führen. Er verlangte von jedem, der am Erfolg seiner Firma partizipieren wollte, dieselbe Aufopferungsbereitschaft und Kompromisslosigkeit zum Wohle des Kollektivs. Menschen, die sich ihm in den Weg stellten, egal ob absichtlich oder aus Versehen, mussten damit rechnen, dass er sich vor ihnen aufbaute, dem Begriff Zornesröte eine neue Bedeutung verlieh, seine Augen zu Schlitzen verengte und mit seiner tiefen Stimme polternd Antworten verlangte.
Solltest du ihm jemals begegnen, was durchaus passieren kann, dann erinnere dich an meine Worte. Schreib sie dir hinter die Ohren. Lass dich nicht von ihm einschüchtern. Bleib standhaft. Antworte ihm mit völliger Ruhe und ohne zu stottern. Sonst verliert er jeglichen Respekt vor dir, sonst nimmt er dich nicht ernst.
Und das wäre fatal.
Für den Vormittag der Bewerbungsgespräche hatte Hermann Liebenich ursprünglich geplant, sich eine Strategie zurechtzulegen. Für ein anstehendes Treffen mit politischen Verbündeten und solchen, die es werden sollten, benötigte er einen Schlachtplan, der alle Eventualitäten berücksichtigte. Doch dann waren drei Umstände zusammengekommen, die dafür sorgten, dass er – und das geschah äußerst selten – sich ablenken ließ. Erst hatte er erfahren, dass ein Bürgermeister den Termin kurzfristig abgesagt hatte. Dann war ihm in der Eingangshalle dieser Bewerber über den Weg gelaufen, der ihn, ein Affront erster Güte, nicht gegrüßt, ja nicht einmal wahrgenommen hatte, weil er in eine Plauderei mit der Empfangsdame vertieft gewesen war. Und schließlich hatte an ihm das dumpfe Gefühl genagt, mit dem jungen Mann irgendwann irgendwo schon einmal konfrontiert gewesen zu sein, ohne zu wissen, zu welchem Anlass.
Stirnrunzelnd hatte er ihm hinterhergeschaut, war – auch das kam äußerst selten vor – inmitten der Halle stehen geblieben und dann in sein Büro zurückgeeilt. Nicht, um sich wieder an die Arbeit zu machen, von der es immer genug gab, sondern um alles stehen und liegen zu lassen.
Der Boss hatte das Bewerbungsgespräch zunächst mithilfe der versteckten Überwachungskameras und Mikrofone im Konferenzraum von seinem Computer aus verfolgt, war aber ums Verrecken nicht darauf gekommen, woher er diesen Ludwig Mayer kannte, auch nicht mithilfe der kopierten Bewerbungsmappe.
»Herrgottsakrament«, hatte er geschimpft, verärgert auf seine Schenkel geklopft – und sich aus seinem Chefsessel gehievt.
Die Personalleiterin und die Pressesprecherin zuckten auf das unerschütterlich selbstsichere Klopfen hin gleichzeitig zusammen. Der Bewerber, der das sah, zuckte nicht. Er ärgerte sich über die Störung seines Flows. Als die Tür aufging, ohne dass jemand »herein« gerufen hatte, wich der Ärger. Der Boss erschien, und im Körper des Mannes, dessentwegen sich Hermann Liebenich herunterbemüht hatte, machte sich eine siedende Hitze breit. Die Hand, die eben noch geschmeidig seine aktuellen Ausführungen dirigiert hatte, begann zu zittern. Er legte sie auf den Tisch und die andere darauf.
»Herr Dr. Liebenich, ist etwas passiert?«, erkundigte sich die Pressesprecherin und stand auf.
»Nein, nein, meine Liebe«, antwortete der Eindringling. »Ich hatte nur ein wenig Zeit und dachte mir, ich mache mir ein persönliches Bild von unserem Bewerber.« Der Boss ging um den Tisch herum und streckte seine Hand aus. »Liebenich, angenehm.«
»Ludwig Mayer«, sagte Sebastian Vogt und hätte um ein Haar Sebastian Vogt gesagt.
Er musste sich erst daran gewöhnen, Ludwig Mayer genannt zu werden, musste aufpassen, sich auch selbst immer schön als Ludwig Mayer vorzustellen – und bei niemandem so sehr wie bei Hermann Liebenich, dem zu begegnen er an diesem Tag niemals gehofft, niemals erwartet hätte.
Sebastian Vogt hatte Ludwig gewählt, weil er sich keinen grundsolideren deutschen Vornamen vorstellen konnte, und Mayer, weil es Zehntausende mit diesem Nachnamen gab. Es war nicht sonderlich schwer gewesen, einen Lebenslauf zu fälschen und passende Urkunden zu beschaffen, die seine angebliche Eignung für die Stelle untermauerten. Egal, in welcher Welt man lebte, nichts ging über Kontakte; die einen waren eben glänzend, die anderen schmierig.
Aber nichts und niemand hätte ihn auf den Moment vorbereiten können, in dem Hermann Liebenich vor ihm stand.
»Jetzt gilt’s«, riefen Sebastian Vogts innerer Zweifler und der Zornige im Chor.
Ludwig Mayer stand auf, schnappte nach der ausgestreckten Hand und packte seinen härtesten Händedruck aus. Er sah dem Boss tief in die Augen.
Alles oder nichts.
»Schön«, sagte Hermann Liebenich, schüttelte, lächelte, ging weiter. »Ich wollte Sie nicht unterbrechen. Sie waren gerade dabei, etwas auszuführen?«
Der Boss nahm neben der Personalleiterin Platz, und Sebastian Vogt glaubte zu erkennen, dass die sich fragte, was dieses Spiel solle. Er tat das auch, ließ es sich aber nicht anmerken.
»Ich war gerade dabei zu skizzieren, worauf wir bei einer möglichen neuen Pressekampagne meiner Ansicht nach den Fokus legen sollten. Völlig aus dem Bauch heraus, versteht sich, ich kenne Ihr Unternehmen schließlich bislang nur aus der Außenperspektive.«
»Ah ja, sehr interessant«, erwiderte Hermann Liebenich, lehnte sich zurück, nickte, schnellte vor, stützte sich mit den Ellenbogen auf die Tischplatte und beugte seinen Oberkörper nach vorn. »Darauf kommen wir gleich zurück. Aber erlauben Sie mir vorher ein, zwei kurze Fragen?«
»Selbstverständlich.«
Sebastian Vogt kopierte Liebenichs Haltung.
Hätte einer von ihnen zum Mittagessen Knoblauch gespeist, der andere hätte es garantiert gerochen.
»Wie viele Giraffen auf der Welt quälen sich aktuell mit einer Bindehautentzündung herum?«
Sebastian Vogt verzog keine Miene. »Da müsste ich mich erst schlau machen.«
»Was glauben Sie denn?«
»Dass Ihnen niemand diese Frage korrekt beantworten kann. Aber war Ihnen bewusst, dass fast alle Giraffen bisexuell sind?«
Hermann Liebenich verzog keine Miene. »Warum, glauben Sie, haben unsere Liebx3-Lautsprecher so häufig Störungen und generell eine so kurze Lebensdauer?«
»Haben sie das?«
»Lesen Sie denn keine Produktbewertungen im Internet? Wir produzieren praktisch Schrott. Unbrauchbaren Klump.«
»Wir wissen doch beide, was von Bewertungen im Internet zu halten ist. Und wenn einer der renommiertesten Autobauer weltweit seit Jahren auf Ihre Freisprecheinrichtungen und Lautsprecher vertraut, spricht das doch für sich.«
»Wir wissen doch beide, wie schnell auch das Renommee des renommiertesten Autobauers verblassen kann.«
»Und genau deswegen ruhen Sie sich ja auch nicht auf Ihren Lorbeeren aus, sondern investieren in Innovation. Glauben Sie mir, würde ich mir Sorgen um Ihr Renommee machen, ich hätte mich nicht bei Ihnen beworben.«
Hermann Liebenich lehnte sich zurück. Sein Lächeln war für Sebastian Vogt nicht zu deuten, aber er lächelte mit. »Ihnen ist bewusst, dass es sich bei Ihrer Stelle um eine befristete handelt, Herr Mayer?«
»Ein Jahr ist eine lange Zeit, Herr Dr. Liebenich. Da kann sehr vieles passieren.«
»Sie täuschen sich. Ein Jahr verfliegt. Aber diese Naivität schreibe ich Ihrer Jugend zu. Und nun erzählen Sie mir«, er blickte über seine rechte Schulter, »erzählen Sie uns, Herr Mayer, mit welcher Pressekampagnen-Idee Sie unser lahmendes Geschäft wieder in Galopp bringen möchten.«
Sebastian Vogt alias Ludwig Mayer erzählte.
Sebastian Vogt alias Ludwig Mayer bekam den Job, obwohl die Pressesprecherin und die Personalleiterin beide eine andere Kandidatin für geeigneter hielten, den Wunsch des Bosses aber akzeptierten – ohne zu ahnen, dass der einfach nur herausfinden wollte, woher er den jungen Mann kannte, ohne ihn fragen zu müssen.
Sebastian Vogt alias Ludwig Mayer kehrte einige Wochen später an den Ort seines Verbrechens zurück, bezog sein winziges Büro, blätterte in Compliance-Richtlinien, klickte sich durchs Intranet, saugte Informationen auf und malte sich währenddessen nur eines aus: Wie es sich anfühlen würde, die Existenz von Hermann Liebenich unwiederbringlich zu zerstören.
Kapitel drei
Die Polizeireporterin gähnte. Es hatte einen Mord gegeben. Eine halbe Stunde nach Redaktionsschluss. Oder fünfzehn Minuten vor Chopsuey, wie sie quäkend lamentierte. »Ich stand schon vor der verdammten Theke, als dieses Scheißdiensthandy meinte, bimmeln zu müssen.«
Paul Gram unterdrückte ein Schmunzeln. Er lümmelte in seinem Stuhl, die langen Haxen unter dem Konferenztisch ausgestreckt, wirbelte seinen Lieblingsstift von Finger zu Finger und starrte die Sitznachbarin ununterbrochen an, um herauszufinden, ob er sie, die Motzende, irgendwie aus dem Konzept bringen könnte, vielleicht sogar zum Lachen.
Kampfzwerg lautete in der Redaktion der heimliche Spitzname der sehr kleinen, sehr zierlichen Gestalt Ende vierzig, die rumpeln konnte wie eine Dampflok. Ihre dunklen Locken schleuderten dann hin und her wie Pogotänzer im Drogenrausch. Die Vorstellung, ausgerechnet dieses Fräulein berichte über böse, schwere Buben, amüsierte die Menschen. Allerdings längstens so lange, bis sie ihnen entgegentrat. Die Wenigen, die wie Paul Gram ihr wahres Ich kannten, zogen sie für ihre Attitüde gelegentlich auf.
»Dafür ist ein freier Tag fällig, ich sag’s dir«, raunte sie in Richtung des Ressortleiters.
Paul Gram pikste sie unbemerkt von den anderen unterm Tisch in die Hüfte. Sie revanchierte sich mit einem zielsicheren Tritt gegen sein Schienbein, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Stattdessen funkelte sie weiter den Ressortleiter an.
Der aber ging nicht auf die Forderung ein. Er hielt sich an seinem Tablet fest und tat so, als würde er ein weiteres Mal ihren Bericht studieren, der seit halb sechs online stand, mit heißer Nadel gestrickt für die Frühaufsteher unter den Lesern und diejenigen, deren erste Tat des Tages der Griff zum Smartphone war.
Auf dem Tisch lagen frisch gedruckte Ausgaben der Zeitung, fast alle unberührt. Paul Gram konnte es nicht ertragen. Er schnappte sich eine, ließ es rascheln, schlug das Blatt auf und faltete es sich zurecht. Er hatte den Sportteil ohnehin noch nicht gelesen.
Wie jeden Morgen kamen die Lokalredakteure der auflagenstärksten Tageszeitung im Umkreis von hundert Kilometern zur Besprechung und Blattplanung in einem fensterlosen Raum zusammen, den jeder nur »das Loch« nannte – jeder bis auf den Ressortleiter. Zu viel Ablenkung schade der Produktivität, pflegte der zu posaunen, wenn er irritierten neuen Mitarbeitern ganz ernsthaft zu erklären versuchte, warum er die kurz nach der Jahrtausendwende ausrangierte Dunkelkammer als Konferenzzimmer so schätzte. Ein paar gerahmte Titelseiten glorreicher Tage und zwei einsame Urkunden errungener Journalistenpreise zierten die ansonsten kahlen Wände. Wer wie Paul Gram zumindest die letzten Ausläufer der alten Zeiten erlebt hatte und sich anstrengte, dem stieg die Erinnerung an Chemie und die gespannte Ungewissheit des Entwickelns in die Nase und zu Kopf. Alle anderen mussten mit dem überbordenden Karamellduft Vorlieb nehmen, den die miesepetrige Redaktionsassistentin versprühte.
»Gute Arbeit, vielen Dank für deinen Einsatz«, nuschelte der Ressortleiter schließlich und versuchte es mit einem Lächeln, gegen das sich die Polizeireporterin immun zeigte.
»Ich finde, wir sollten über den Tatverdächtigen sprechen«, mischte sich der Volontär ein. »Wir haben jetzt schon ein Dutzend Leserkommentare, weil wir angeblich Informationen unterschlagen. Der Typ, den sie festgenommen haben, ist ja wohl ein Flüchtling.«
Die Polizeireporterin seufzte. »Vernommen haben sie ihn, nicht festgenommen. Er ist offiziell kein Beschuldigter.«
»Aber die Konkurrenz hat …«, setzte der Volontär erneut an. Er war ein Kerl mit langen, schwarzen Haaren, die ständig sein halbes Gesicht verdeckten, ohne dass sie seine geisterhafte Blässe oder sein unkontrollierbares Akne-Problem verschleiern konnten. Paul Gram vermutete, der Volo zähle zu der Art Mensch, die es liebte, gehasst zu werden, weil er darin ein untrügliches Zeichen sah, in den Augen der anderen eine Bedrohung darzustellen. Dabei war er einfach nur furchtbar altklug und überheblich.
Die Polizeireporterin ließ ihn nicht aussprechen. »Ich bin vielleicht altmodisch, aber ich halte mich an Fakten. Punkt. Und jetzt muss ich los zur PK.«
»Gut, du schaffst doch die Online-Aktualisierung bis um zwei, oder? Und die Aufmacher-Reportage morgen, ja?«
Der Ressortleiter war ein Meister darin, Fragen wie Aufforderungen klingen zu lassen. Seine rasende Reporterin ließ die Tür zum Loch ins Schloss krachen, ohne vorher eine Antwort zu geben.
Kaum war sie draußen, schmückte ein Grinsen sein Gesicht. »So oder so. Die neuesten Klickzahlen sind fantastisch.« Das gesagt, schnappte er sich eine Zeitung und blätterte rasch. »Okay, hat noch jemand was zur heutigen Ausgabe? Nicht? Gut. Was machen wir morgen sonst noch?«
Einige schläfrige Kollegen zuckten hoch, als die schrille Stimme der Lifestyle-Beauftragten den Raum erfüllte.
»Im Zoo stellen sie heute die neuen Löwenbabys vor«, rief das Redaktionsnesthäkchen. Seit mittlerweile eineinhalb Jahren vernachlässigte die dauerbeschäftigte freie Mitarbeiterin ihre Magisterarbeit zugunsten ständiger Spät- und Wochenendschichten. Die Aussicht auf ein Volontariat hatte das bislang nicht verbessert. Eine flotte Schreibe und ihre quietschfidele Art zeichneten sie aus. An diesem Vormittag jedoch hatte Paul Gram den Eindruck, als sei sie unsicher und nervös. Immer wieder suchte sie den Augenkontakt mit dem Ressortleiter, der das genauso konsequent ignorierte wie Forderungen von Polizeireporterinnen nach einem freien Tag. Ob es da wohl einen Zusammenhang mit der Tatsache gab, dass sie dieselben Klamotten wie am Tag zuvor trug?
»Großartig. Das ist unsere zweite große Geschichte«, rief der Ressortleiter und schaute sie nur ganz kurz an.
»Was ist mit meiner Wohnungsnotstory? Die schieben wir jetzt schon seit Tagen«, erkundigte sich der Mann für die sozialen Themen und brachte beim Vorlehnen seinen tapferen Stuhl zum Ächzen. Mit Mitte fünfzig zählte er zu denen, die zu alt für den Wandel und zu jung für die Rente waren.
»Schieben wir noch mal. Das musst du doch verstehen. Wir haben schon den Mord und die Tierbabys. Wir sollten nicht alles auf einmal verbraten.«
»Das muss aber bald mal mit. Sonst ist das kalter Kaffee.«
Es war ein halbherziger Protest, und Paul Gram kam nicht umhin, Mitleid zu hegen für den Kollegen, dessen Aura er einst bewundert hatte. Damals, vor fast zwanzig Jahren, als die träumerische Jungversion von Paul Gram mit einem Abischnitt von 3,2 und einer Überdosis an Selbstvertrauen in die Redaktionsstube gestiefelt war, um fortan das zu tun, wofür er sich geschaffen wähnte: Geschichten zu erzählen.
Paul Gram nahm in jüngster Zeit nur noch selten an den Blattkonferenzen teil, und wann immer er es tat, wusste er wieder, warum er es sonst vermied. Doch das vorangegangene Wochenende hatte ihn in einer derart blendenden Laune hinterlassen, dass er beschlossen hatte, es sei mal wieder an der Zeit für eine Stippvisite. Entzückt vom dichten Nebel und vom Nieselregen hinterm Fenster war er am Sonntag früh aus dem Haus gegangen und in das Auto gestiegen, das er sonst nie benutzte, weil er den Kontakt zu Menschen in öffentlichen Verkehrsmitteln schätzte. Sie inspirierten ihn zu neuen Ideen.
An diesem Morgen jedoch hatte er sich nach totaler Einsamkeit gesehnt und deshalb das vermeintlich schlechte Wetter gepriesen, das laut Vorhersage noch ein paar Tage in dieser Form anhalten sollte. Er war an den Fuß einer Bergkuppe eine halbe Stunde außerhalb der Stadt gefahren und hatte sich bepackt mit einem Rucksack auf gen Gipfel gemacht, zu den eingestürzten Gemäuern einer mittelalterlichen Burg. Dort hatte er sich niedergelassen, eine Packung Paprikachips herausgeholt und genossen, dass das einzige Geräusch in seiner Nähe dem Mahlen seiner Zähne entsprang. Nach einer halben Stunde war er den Berg wieder hinuntergestiegen und nach Hause gefahren, zu zwei Cheeseburgern mit extra Bacon und Fritten vom Lieferservice.
Stille, fand Paul Gram, konnte wundervoll sein. Er musste sich ab und zu von dieser sonderlichen Welt absondern, um nicht Gefahr zu laufen, dem allgemeinen Wahnsinn zu verfallen.
Deshalb wollte er nach der Redaktionskonferenz auch schnellstens in seine drei mal zwei Meter große Bürozelle fliehen, die er als Luxus empfand, weil er sie mit niemandem teilen musste. Doch als die mürrische Runde auseinanderging, hielt ihn der Ressortleiter auf.
»Du Paul, ich hab’ da was mit dir zu besprechen. Muss zwar gleich weiter zur Sitzung des Digitalen Arbeitskreises, aber ein paar Minuten habe ich. Du auch?«
Er hätte so gern nein gesagt.
»Für dich habe ich immer Zeit.«
Paul Gram musterte den Ressortleiter aus seinen tiefblauen Augen heraus und fragte sich nicht zum ersten Mal, ob der eigentlich die leiseste Ahnung hatte, für was für einen Schaumschläger er ihn hielt.
Es war ihm noch immer unbegreiflich, warum der Schaumschläger so vielen als Wunderknabe galt, vor allem jenen, die es aus zuweilen unersichtlichen Gründen zu Entscheidungsträgern gebracht hatten. Sie vergötterten den Jungen, der mit vierundzwanzig sein eigenes Onlineportal mit lokalen News gegründet hatte und seitdem wie ein Derwisch durch die Branche fegte. Dabei hatten die großen Verleger ihn anfangs noch belächelt und erst reagiert, als aus dem Zwergenmogul ein ernsthafter Konkurrent geworden war. Zu viele Leser hatten ihr Zeitungsabo mit dem Hinweis gekündigt, sie würden von nun an lieber auf unabhängige (und obendrein kostenlose) Nachrichten vertrauen. Der Verlag hatte das Portal daraufhin aufgekauft, zum Szeneguide erklärt, ein paar überforderte und unterbezahlte Studenten drangesetzt und den Gründer zum stellvertretenden Lokalchef seines Flaggschiffs ernannt. Da war der gerade achtundzwanzig geworden und fortan in grellen Klamotten und mit einem umgedrehten Basecap auf dem Schädel durch die Redaktion gestiefelt, um jedem zu erklären, dass er nicht der Feind sei. Dass er die gedruckte Zeitung liebe, es aber neuer Konzepte bedürfe, um gemeinsam dieses wunderbar traditionsreiche Medium wieder groß zu machen.
Wenige Monate später kippte Paul Grams Mentor, der damalige Ressortleiter und Herzinfarkthochrisikopatient, in einer Stadtratssitzung um – im Dienst gefallen während der Haushaltsberatungen. Und sein Vize, der schon damals nicht und auch seitdem nie im Leben auf die Idee gekommen wäre, für die Zeitung Termine dieser Art wahrzunehmen, stieg diskussionslos zum Nachfolger auf.
Seit drei Jahren trug er nun weiße Hemden anstelle bunter Shirts und auf dem Kopf statt eines Basecaps eine halbe Tube Haargel. Am lebendigsten wirkte er während gut besuchter Leserevents, bei denen er dem Oberbürgermeister vorher abgesprochene freche Fragen stellte.
»Wir haben uns schon eine Weile nicht gesprochen. Ich wollte mal hören, was es Neues gibt.«
Das Büro des Ressortleiters bestach durch seine breiten Fensterfronten zur Süd- und zur Westseite hin. Er wühlte in Unterlagen, während er zu Paul Gram sprach. Der saß ihm gegenüber – zurückgelehnt und mit vor dem Bauch gefalteten Händen. Dem Bauch, den sein Vater bei seinem jüngsten Besuch fies grinsend getätschelt und dabei gefragt hatte, wie es sich anfühle, wenn das Alter an einem nage. Es war eine Unverschämtheit sondergleichen gewesen, die Paul Gram ausgerechnet jetzt wieder einfiel und die ihn, väterlicher Scherz hin oder her, massiv verunsicherte, was er freilich nie im Leben zugegeben hätte. Seine Erscheinung war unverzichtbarer Bestandteil seines Kapitals in der Welt außerhalb seiner hochgeschätzten Intimität. Deswegen achtete er tunlichst auf Harmonie und Symmetrie, angefangen beim immer gleich kurzen Haarschnitt und dem ewigen Drei-Tage-Bart, der seinem Gesicht mit den feinen Zügen Charakter verleihen sollte.
Du musst wissen: Paul Gram ist niemand, der sich häufig hinterfragt. Aber wenn er es täte, müsste es ihm absurd vorkommen, wie sehr jemand, der davon überzeugt ist, dass jeder in seiner eigenen Welt lebt, darauf erpicht ist, einen bleibenden Eindruck bei anderen zu hinterlassen. Aber es funktioniert, du wirst das bald selbst erfahren. Was ihn auszeichnet, ist diese explosive Mischung aus Stolz und Selbstgefälligkeit, die vielen Journalisten eigen ist und die ihnen, wenn sie nicht aufpassen, gewaltig um die Ohren fliegt.
Ein Bauchansatz, so fand er jedenfalls, war das letzte, was er gebrauchen konnte.
»Geht’s dir gut, Paul?«
»Ich kann nicht klagen.«
»Gut, das ist gut«, erwiderte der Ressortleiter, hob den linken Zeigefinger, sagte »kleinen Moment, bitte« und überflog zwei Ausdrucke, die von der anderen Seite des Tisches wie Protokolle aussahen.
Zehn Sekunden lang herrschte Stille, dann legte er die Unterlagen beiseite. »Habe ich dir schon gesagt, dass diese Geschichte mit dem IS-Vater großartig war? Ein Meisterstück.«
Zu loben war für ihn die antrainierte Methode, hinterher zu verlangen. Paul Gram wusste also genau, was kommen würde.
Aber es stimmte. Das Porträt des von Kummer erfüllten Gastarbeiterkinds mittleren Alters, das seinen Sohn als IS-Kämpfer in Syrien vermutet und loszieht, um ihn zurückzuholen, war ein feuchter Reportertraum. Eine Story über die Perspektivlosigkeit und Wut der heimatlosen dritten Generation, die weder in dem Land, in das sie hineingeboren worden war, noch in jenem, aus dem ihre Großeltern stammten, als erwünscht gilt, geschweige denn als akzeptiert. Das Ganze gewürzt mit der hilflosen Stimme der Eltern, die nicht verstehen, was da geschieht mit der Welt, woher der plötzliche Fanatismus ihres früher kaum religiösen Sohns kommt, dem einzigen Sprössling, den Allah ihnen geschenkt hat. Es war eine Geschichte, die eigentlich zu gut war, um wahr zu sein.
Und uneigentlich auch.
»Danke, danke. Hast du schon. Aber deine Wertschätzung freut mich sehr.«
»Gibt’s was Neues? Ist ja jetzt schon wieder zwei Wochen her. Kannst du irgendwas weiterdrehen?«
»Leider nicht. Ich habe versucht, ihn zu kontaktieren, aber niemand weiß, wo er steckt, auch seine Frau nicht.«
Der Ressortleiter nickte und bemühte sich vergeblich darum, betrübt dreinzublicken. »Und sonst? Der Chef hat sich nämlich bei mir erkundigt, was unser emsiger Investigativmann so treibt. Das waren seine exakten Worte.«
Paul Gram kannte das Spielchen. Er besaß große Freiheiten in der Redaktion, war von allen ungeliebten Wochenend- oder Blattmacherdiensten befreit, bekam nur in äußersten Notfällen Termine aufs Auge gedrückt, musste nicht an den Konferenzen teilnehmen. Im Gegenzug verlangte man von ihm regelmäßig einen Scoop. Einen Kracher, bei dem sich jeder, ob Kollege, Konkurrent oder Leser, fragte, wie dieses Schlitzohr da schon wieder an Informationen gekommen war, die sonst keiner hatte.
Es war nicht so, dass diese Begünstigungen nicht von Zeit zu Zeit infrage gestellt wurden, dass ihn alle mochten und seine Verdienste schätzten. Aber die meisten taten es, und er war froh darüber, dass es vor allem die Entscheidungsträger taten, die er so leidenschaftlich verachtete.
»Also gut, dir kann ich’s ja sagen. Ich bin da an einer ganz heißen Sache dran, aber ich brauche noch ein paar Tage. Es geht um Tarifflucht, Scheinselbstständigkeit, ausgebeutete Mitarbeiter.«
»Geil, wo?«
»Bei uns«, sagte Paul Gram mit ausdrucksloser Miene.
»Haha, sehr witzig«, antwortete der Ressortleiter und konnte es trotzdem nicht vermeiden, bleich zu werden.
»Keine Sorge«, beruhigte ihn sein Gegenüber. »Es geht um etwas anderes. Ich kann noch nicht darüber sprechen, aber es ist groß. Sehr groß.«
Kapitel vier
Matthias Caspar war wie sein Auto: voller sichtbarer und unsichtbarer Makel. Die altersschwache Karre hatte ihre beste Zeit längst hinter sich. Sie zählte dreizehn Jahre, ihr Besitzer dreimal so viel. Am Gefährt knabberte der Rost, am Steuermann der Zweifel. Er wartete noch immer darauf, dass seine beste Zeit endlich begann.
In diesen Samstagmittagsstunden wartete er in seinem Auto. Nicht auf beste oder auch nur bessere Zeiten. Sondern darauf, dass etwas passierte. Das war sein Job. Oder der Teil seines Jobs, der ihn am heftigsten anödete. Erst recht, wenn wie heute einfach nichts passierte. Und er nur dasitzen konnte, ein Hörbuch hören und Pistazien im Akkord essen, die er aus dem viel zu kleinen Loch einer Mammutpackung pulte, die Schale öffnete, die eine Hälfte im Fußraum der Beifahrerseite verschwinden ließ, den Kern in den Mund warf und die zweite Hälfte der Umhüllung zu den anderen bugsierte.
Zu warten kostete Kraft. Egal, ob man auf jemand anderen wartete, eine Zielperson etwa, oder auf sich selbst.
Matthias Caspar sah müde aus. Er sah mittlerweile sogar dann müde aus, wenn er hellwach war. Hinter den riesigen Gläsern seiner altmodischen Brille verkrochen sich winzige Augen, er war chronisch blass, kämmte sich selten und bewegte sich häufig wie in Zeitlupe. Einiges, vor allem die ungeordnete Frisur und das apathische Auftreten, war zwar Maskerade – es gehörte zu seiner Strategie, unterschätzt zu werden, weil es ihm dann einfacher fiel, seine Kontrahenten zu überrumpeln.
Aber das Problem mit Maskeraden ist: Wer sie zu lange aufrechterhält, vergisst sein eigenes Gesicht.
An diesem Tag war Matthias Caspar exakt so müde, wie er aussah. Dick eingepackt in einen Wintermantel saß er hinter dem Lenkrad seines Wagens, mit dem er sich zu Beginn seiner Schicht vier Stunden zuvor an einer strategisch klugen Stelle des Parkplatzes positioniert hatte. Er wollte den Hinterausgang des Wohnkomplexes jederzeit im Blick haben, damit er, sobald etwas passierte, blitzschnell reagieren konnte.
Falls die Zielperson herauskäme zum Beispiel.
Oder falls es nötig wäre, das Handy ans Ohr zu pressen und die Lippen zu bewegen. Damit niemand Verdacht schöpfte, weil er an einem gottverdammten Herbstdepressionstag lethargisch in seinem Auto hockte, während es draußen beständig nieselte und ein nasser Nebel die Stadtlandschaft umhüllte.
Oder falls er dem Kollegen, der den Vordereingang nicht aus den Augen ließ, per Funk Bescheid geben musste, Bescheid geben durfte, dass sich etwas tat – endlich.
Aber nichts Derartiges passierte. Immer noch nicht.
Also starrte Matthias Caspar weiter auf den Hinterausgang, steckte gleichzeitig aber so tief in seinen Erinnerungen, dass er begann, den Erzähler seines Hörbuchs zu missachten. Und aß weiter Pistazien.
Die, so hatte er im Internet gelesen, seien gesund und würden beim Abnehmen helfen. Das war zwar nicht der erste Grund, warum er sie bei Observationen wie dieser manisch in sich hineinschaufelte – tatsächlich half es gegen das völlige Wegdämmern und er brauchte das Gefühl, etwas zu tun zu haben, wenn er stundenlang nichts Produktives tat. Aber es war eine angenehme Vorstellung, wenn diese eine Tat seinem Körper zugutekam. Denn seit er aufgehört hatte, regelmäßig Sport zu treiben, also seit dem Ende seiner Laufbahn als Polizist vor drei Jahren, war er zum eigenen Entsetzen mehr und mehr in die Breite gegangen, ein Vorgang, dem er hilf- und tatenlos zusah. Hilflos, weil er neuerdings tatenlos blieb. Und tatenlos, weil ihm alle früheren Versuche, dagegen anzukämpfen, bald sinnlos vorgekommen waren und ihm nun der Wille zur kontinuierlichen Anstrengung fehlte.
Es war ein schwacher Trost, dass jetzt, anders als früher, sein riesiger Kopf wenigstens nicht mehr zu groß für seinen Torso war. Seine Problemzonen hatten sich lediglich nach unten verlagert. Dorthin, wo alte Muskeln verkümmerten und sich neues Fett breitmachte.
Sein neues Leben, zurück in der alten Heimat, fern der missglückten Karriere, hatte er sich anders vorgestellt.
Als Kind hatte Matthias Caspar zunächst Rennfahrer werden wollen. Und dann, da war er schon etwas älter, das Gegenteil seines Vaters. Er hätte sich vielleicht damit anfreunden können, wie der Großvater zu werden, aber nicht wie der Vater. Dummerweise hätte er nicht wie sein Großvater werden können, ohne auch ein bisschen wie sein Vater zu sein.
Die Alternative offenbarte sich ihm an einem brüllend heißen Ferientag im August. Matthias, der es kaum erwarten konnte, vierzehn zu werden, war mit zwei Internatsfreunden mit dem Fahrrad auf dem Weg ins Freibad, dem einzigen Ort, an dem sich die Hitze ertragen ließ. Da kamen ihnen kurz vor dem Ziel zwei Polizeiautos mit Blaulicht und Sirene entgegen.
»Los, hinterher«, rief Matthias und machte kehrt. Er raste den eben bezwungenen Anstieg wieder hinab. Schneller als seine mühevoll hinterherstrampelnden Kumpels kam er am Tatort an, einer überfallenen Bank, an der es eigentlich nichts mehr zu sehen gab, nicht für ihn und erst recht nicht für die japsenden Kameraden. Der Täter war mit der Beute geflohen, sie schnappten ihn ein paar Tage später. Doch für Matthias zählte nur die Erinnerung an sein Herzklopfen beim Verfolgen des Polizeiwagens, die Erinnerung an den Fahrtwind auf seinem verschwitzten, nackten Oberkörper. Niemals zuvor hatte er sich so wach und so berauscht gefühlt – und Räusche hatte es in diesen Ferien durchaus gegeben, sofern es sich einrichten ließ, bei einem Freund zu übernachten.
Dieses Gefühl blieb. Von diesem Zeitpunkt an stand für ihn fest, was aus ihm werden sollte.
In einem Moment höchster Dramatik der Hörbuch-Geschichte, die Matthias Caspar nicht hörte, weil er woanders war, legte der Erzähler alles in die Waagschale, was seine Stimme hergab – und drang durch. Matthias Caspar kehrte in die Gegenwart zurück. Der Regen draußen hatte zugenommen. Ein paar Kinder mit überdimensionierten Schulranzen huschten an ihm vorbei und sprangen – mit Anlauf – in Pfützen. Wenig später sah er ein Großmütterchen im Regenponcho, wie es mit gekrümmtem Rücken zwei Einkaufstüten nach Hause schleppte. Und schon zum zweiten Mal während seiner Observation geriet ein Typ im Jogginganzug in sein Blickfeld, der sich zum Rauchen an die Briefkästen lehnte und mit geschlossenen Augen inhalierte. Die Zielperson aber zeigte sich noch immer nicht.
Seinen Vorsatz, Polizist zu werden, hatte er zunächst für sich behalten. Erst Jahre später erzählte er, aus einer Laune heraus und weil er ihn ärgern wollte, seinem Vater davon.
»Du willst Polizist werden? Dass ich nicht lache!«, höhnte der.
Der Verhöhnte aber ließ sich nicht von seinem Weg abbringen. Auch nicht von seinem Großvater, der ihn auf sanftere Weise zu überzeugen versuchte, einem Einstieg ins Familienunternehmen doch eine faire Chance zu geben und die Tradition fortzuführen. »Dein Vater wird nicht ewig am Ruder stehen. Dann kommt deine Zeit.«
Er wollte aber nicht warten, bis seine Zeit käme. Schon früh übte er sich darin, Gefühle zu unterdrücken, weil er glaubte, das sei eine wichtige Voraussetzung für einen Job bei der Polizei. Zu seinem eigenen Stolz gelang ihm das wunderbar. Bestärkt bewarb er sich für die Ausbildung zum gehobenen Dienst in der Hauptstadt, die weit genug von seinem Elternhaus entfernt lag und obendrein der Ort sein musste, an dem die Arbeit am spannendsten war. Auf den Eignungstest bereitete er sich mit eiserner Disziplin vor.
Wenige Wochen später wedelte er seinem verdutzten Vater mit der Zulassung vorm Gesicht herum. »Lachst du jetzt immer noch?«
Es war der glücklichste Tag seines Lebens.
Den glücklichsten Tag seines Lebens aber hinter sich zu wähnen, wurde für ihn zur Qual. Vergeblich wartete er darauf, dass ein noch glücklicherer kam und den alten ablöste. Er wartete immer panischer, der Mensch zehrt schließlich von der Hoffnung auf mehr. Gern hätte er behauptet, der Tag seiner Hochzeit sei der glücklichste seines Lebens gewesen. Schließlich hob man gemeinhin diesen Tag auf ein Podest, was viel über das Nachfolgende aussagte: die Ehe also. In der konnte es demnach ja nur noch bergab gehen – was in seinem Fall auch zutraf. An seinem Hochzeitstag war er erfüllt von Liebe zu der Frau, deren Namen er sogar annahm. Freilich war das vor allem ein Seitenhieb, nein: ein Schwinger, gegen seinen Vater, dessen Familiennamen er nicht mehr tragen wollte und auch nach der Scheidung nicht zurücknahm. Doch der glücklichste Tag seines Lebens ? Nein, dieses Prädikat erreichte der Hochzeitstag nicht. Und auch nicht der Geburtstag seiner Tochter, deren Nabelschnur er durchschneiden durfte. Noch so ein Kandidat, noch so eine Enttäuschung, denn beide Tage und die vielen anderen, die das Potenzial besaßen, als glücklichster in seinem Leben zu gelten, hatten alle nur eines gemeinsam: den deprimierenden Gedanken, sich das noch eine Spur emotionaler vorgestellt zu haben.
All das kam ihm in den Sinn, während er den Hinterausgang des Wohnhauses anstarrte und Pistazien in sich hineinstopfte, bis auch seine zweite Großpackung verbraucht war und die Überbleibsel der vernichteten Kerne im Fußraum rechts neben ihm einen Hügel beträchtlichen Ausmaßes bildeten.
Drei Stunden später wartete Matthias Caspar noch immer vergebens, mittlerweile nicht nur allein auf die Zielperson, sondern auch auf seine Ablösung, die ihn ebenfalls hängen ließ. Er saß in seinem Wagen und kontrollierte alle sechzig Sekunden sein Handy, ohne eine Nachricht vom säumigen Kollegen zu finden. Seine rechte Hand steckte in seiner Hose und er wackelte hin und her, bis er es irgendwann nicht mehr aushielt. Er schnappte sich die leergetrunkene Wasserflasche neben dem Pistazienhügel und gab sein Bestes, nicht daneben zu pinkeln.
Hinterher fühlte sich Matthias Caspar zwar erleichtert, glaubte nun aber, das Autodach seines Autos müsse ihm jede Sekunde auf den Schädel fallen. Erneut, zum dritten Mal, sah er den Jogginghosenträger eine qualmen. Von der Zielperson fehlte nach wie vor jede Spur.
Es war ausgeschlossen, dass sie ihre Wohnung verlassen hatte, also saß sie wohl tatsächlich drin, lag womöglich sogar im Bett, ausnahmsweise wirklich krank. Der Chef des Elektrikers hatte Matthias Caspars Detektei beauftragt. Mehrfach hatte sich sein Arbeitnehmer krankgemeldet und war am dritten Tag wieder putzmunter in den Betrieb marschiert, gerade rechtzeitig also, um kein Attest wegen Arbeitsunfähigkeit abliefern zu müssen. Dann war dem Handwerksmeister auch noch zu Ohren gekommen, sein Mitarbeiter arbeite auf eigene Rechnung bei den Kunden, die sich nach einem Kostenvoranschlag nicht wieder gemeldet hatten. Ihn auf frischer Tat beim Blaumachen oder bei der Schwarzarbeit zu erwischen, im besten Fall bei beidem, so lautete die Aufgabe für Matthias Caspar und seine Mitstreiter.
Nun deutete vieles darauf hin, dass der Auftraggeber eine Fehlinvestition getätigt hatte.
Früher, als Leiter von Einsätzen zur Beweissicherung bei der Polizei, hatte er jedes Mittel des Gesetzes ausgeschöpft und war manchmal, wenn sich mit Gefahr im Verzug argumentieren ließ, auch einen winzigen Schritt weitergegangen, um einen Verdacht zu erhärten. Als Detektiv, so war seine Annahme gewesen, spielten diese rechtlichen Korsetts eine untergeordnete Rolle, gehörte es doch für einen Schnüffler zum guten Ton, sich im Schatten der Legalität zu bewegen.
Das Gegenteil aber war der Fall. Matthias Caspars Chef ließ keine Gelegenheit aus, seinen Untergebenen einzubläuen, Persönlichkeitsrechte der Zielpersonen ja zu beachten und bloß keine krummen Dinger mit GPS und dergleichen zu drehen. Der gute Ruf der Detektei stünde schließlich auf dem Spiel.
Ja wirklich, das Leben als Privatdetektiv hatte sich Matthias Caspar anders vorgestellt.
Um seinen Observationsbericht zu schreiben, fuhr er nach einer weiteren ereignislosen Stunde in die Detektei. Sie lag in einem vollverglasten Businesscenter in der Innenstadt. »Transparenz ist gut fürs Geschäft«, wurde der Chef nicht müde zu betonen, ein drahtiger Endfünfziger, den man selten lächeln sah und der noch seltener in diesem transparenten Büro anzutreffen war, weil er entweder selbst einem Fall nachging oder auf einen neuen Ultramarathon trainierte.
Wenigstens verfügte das Businesscenter über eine Tiefgarage. Das ersparte Matthias Caspar die Mühe, sich im Regen aus seinem Auto zu schälen. Er nahm den Aufzug in die siebte Etage, die komplett der Detektei vorbehalten war. Wie üblich an einem Samstagabend war sie die einzige, auf der Menschen arbeiteten, die keinem Reinigungsunternehmen angehörten. Oben angekommen bog er links ab und durchquerte einen Gang, an dessen Seiten nicht wenige der von schmalen Lichtkegeln erhellten Kojen besetzt waren. Die Kollegen überboten sich gegenseitig in der Geschwindigkeit des Tastaturhackens. Viele drängte es nach Hause, zu Partner und Kind. Oder zumindest weg von diesem Ort, an dem es bestialisch stank, weil irgendein Depp wieder Essen vom Asiaten um die Ecke eingeschmuggelt hatte.
Matthias Caspar kam nicht bis zu seinem Arbeitsplatz. Die Assistentin des Chefs hielt ihn auf.
»Matthias, warte mal bitte.«
Er drehte sich um. Überrascht. Erwartungsfroh. Sie war Ende zwanzig und überragte ihn um wenige Zentimeter. Das bedeutete, dass er, wenn er geradeaus schaute, praktisch immer genau auf die beiden winzigen Muttermale in ihrem Gesicht blickte, die er zu gern küssen wollte, eines unter ihrem linken Mundwinkel, das zweite rechts neben ihrem Nasenflügel. Die Schönheitsflecke verliehen ihr in seinen Augen einen besonderen Anreiz, aber er mochte eigentlich alles an ihr.
Er mochte es, wenn sie auf den Spitzen ihres schulterlangen Haares herumkaute, sobald sie glaubte, unbeobachtet zu sein – unbeobachtet! In einer Detektei!
Er mochte es, wenn sie beim Mittagsessen im Pausenraum den Mund verzog, weil sie wieder eine neue Diät ausprobierte, die sie schon am ersten Tag ankotzte. Sie hielt ihren Hintern für zu fett. Wenn sie von ihm davonlief und dieser Arsch in ihrer Jeans rhythmisch hin und her wogte, stellte er sich träumerisch vor, in ihn hineinzukneifen oder ihn sanft zu versohlen, ihr Einverständnis vorausgesetzt, versteht sich.
Er mochte sogar ihre schnippische Art.
»Was glotzt du denn so?«
»Du hast doch mich gerufen.«
»Ja, dein Vater hat angerufen. Du sollst dich melden, unverzüglich, egal zu welcher Uhrzeit.«
Sie hielt ihm einen Zettel hin.
Jetzt glotzte er wirklich. »Mein Vater? Bist du sicher?«
Sie verdrehte die Augen. Wedelte mit dem Zettel. »Du bist der Privatdetektiv, nicht ich. Finde es heraus.«
Und als sie davonlief, vergaß er völlig, ihr auf den Arsch
zu starren.
Gehe ich recht in der Annahme, dass du erraten hast, wer der Vater von Matthias Caspar ist?
Ich hätte dir natürlich von Anfang an erzählen können, dass er ein Liebenich ist, aber ich wollte, dass du selbst dahinterkommst. Wo bliebe sonst der Spaß? Und außerdem: Wenn sich ein Mosaik Steinchen für Steinchen zusammensetzt, erkennen wir nicht nur die Schönheit des Ganzen, sondern auch die der Einzelteile. Und dir Schönheit, ja Wahrheit zu zeigen, ist meine Verpflichtung.
Ich weiß, ich schulde dir eine Erklärung, wer ich bin und warum ich zu dir spreche. Ich sagte dir ja schon, dass ich dich durch diese Geschichte navigieren soll. Meine Aufgabe ist es, sicherzustellen, dass du gut informiert und sicher an den Punkt kommst, an dem es für dich, für mich, für uns alle ernst wird.
Ich habe dir von Anfang an gesagt, dass du ein Teil dieser Geschichte bist. Du kannst also nicht auf die vierte Wand zählen, weil sie hinter dir liegt. Du bist aber nicht nur wichtig für diese Geschichte, sondern für unser aller Existenz, unser aller Wohlbefinden. Das macht meine Aufgabe so bedeutsam. Denn ich bin dein Diener.
Ja wirklich, ich schmiere dir keinen Honig ums Maul, ich sage die Wahrheit. Unsere Welt braucht dich.
Nun könntest du das natürlich für Blödsinn halten. Oder es könnte dich überfordern und den Wunsch in dir wecken, dich aus der Verantwortung zu stehlen, indem du dieses Buch zuklappst und mich zum Teufel jagst.
Aber lass dir gesagt sein: Es würde nichts ändern. Die einzige Konsequenz wäre, dass du in Ungewissheit verharren würdest.
Wirst du mir also weiter folgen? Glaubst du mir, dass ich dir wohlgesonnen bin?
Falls ja, hast du jetzt einen ersten Eindruck von unseren wichtigsten Figuren bekommen. Du weißt, dass Sebastian Vogt – oder Ludwig Mayer, wie er sich nennt – für Hermann Liebenich arbeitet und einen Hass auf ihn pflegt. Den Grund kennst du noch nicht, wirst ihn aber bald erfahren. Du weißt auch, dass Matthias Caspar und sein Vater nicht das beste Verhältnis zueinander haben.
Du weißt noch nicht, wie Paul Gram und Konstantin von Kornweg in all das hineinpassen. Dazu komme ich nun nach und nach. Der erste Dominostein ist bereits gekippt. Weitere werden folgen.
Du erinnerst dich: Mosaik! Schönheit! Wahrheit!
Wir haben es hier mit einer tragischen Geschichte zu tun, aber sie ist auch ein bisschen komisch und absurd.
Sie ist wie das Leben selbst.
Kapitel fünf
Die Straße seiner Kindheit hatte sich nur unmerklich verändert. Matthias Caspar kam sie dennoch fremd vor. Seit seinem Auszug war er nicht mehr hier gewesen, nicht mal zur Trauerfeier nach der Beerdigung. Ob es seine Mutter nun verstanden hätte oder nicht – er vermutete, sie hätte es nicht –, aber er konnte nicht einfach so tun, als wäre nichts gewesen. Auch der Tod änderte daran nichts.
Als er die penibel gesäuberte Allee mit den leicht im Wind wiegenden Kastanienbäumen entlangfuhr – in einem Fahrzeug, das bei sämtlichen hinter ihren Vorhängen hervorlinsenden Nachbarn die Alarmglocken schrillen lassen musste, seinem verbeulten und verrosteten Fahrzeug, das er trotz aller Makel liebte, weil es ihn nie im Stich ließ, wenn es darauf ankam –, war es ihm, als säße sie auf dem Beifahrersitz und rede wieder auf ihn ein. Vergnügt diesmal, weil er endlich, endlich heimkehrte und diese lächerliche Fehde beendete. Jahrelang hatte er sich mit seiner Mutter nur an neutralen Orten getroffen und selbst dann keinen Schritt in das Geisterhaus gesetzt, wenn der Vater auf Geschäftsreise war und ein Ozean zwischen ihnen lag. Nun flog die Vergangenheit vorbei wie die Daumenkinos mit den fliegenden Pferden und rasenden Rennautos, die ihn als kleiner Junge so fasziniert hatten.
Eine entscheidende Sache war diesmal anders. Sein Vater hatte »bitte« gesagt.
Matthias Caspar legte die letzten fünfhundert Meter im Schritttempo zurück. Im Vorbeirollen spähte er in die Einfahrten. Je weiter er der Straße folgte und sich dem höchsten Punkt der Anhöhe näherte, desto herrschaftlicher waren die Häuser und desto größer war der Abstand zwischen ihnen. Obwohl sich die Sonne pünktlich zum Sonntag zu scheinen erbarmte, wenngleich nur mit schwachen Strahlen, sah er nirgendwo Menschen, schon gar keine Kinder.
Auch das hatte sich also nicht verändert.
Vor der Villa seines Vaters parkte er den Wagen – genau davor, die besorgten Nachbarn sollten das Schauspiel mit dem verlorenen Sohn ruhig mitbekommen. Er stellte seine Füße auf den Asphalt, schaute einmal an sich herunter, zupfte eine Fluse von der Hose, atmete tief durch und hievte den Rest seines Körpers ins Freie.
Eine der Nachbarinnen, früher stets akut besorgt, hörte er durch ein offenes Fenster. Mit krächzender Stimme sang sie eine Arie, völlig talentlos, unterbrochen von einer leiseren Männerstimme, ihrem Gesangslehrer, wie Matthias Caspar ganz richtig vermutete. Er gönnte dem Mann ein großzügiges Schmerzensgeld.
An Briefkasten und Klingelschild der Liebenich-Residenz standen keine Namen mehr, sondern Initialen, die seines Vaters und noch immer die seiner Mutter. Das Gartentor fand er angelehnt vor – ein Lieferjunge oder der Gärtner mussten vergessen haben, es ordnungsgemäß zu schließen. Er war schon durchmarschiert, mit einem strammen Salut zur alten Überwachungskamera und mit knirschenden Schritten auf dem Kiesweg, da stockte er, blieb stehen, überlegte, machte noch einmal kehrt und griff in seine Hosentasche.
Es war eigentlich nicht wichtig, aber es interessierte ihn trotzdem: Der alte Schlüssel passte nicht mehr.
Als er sich umdrehte, sah er seinen Vater zwischen der mittleren und der rechten Steinsäule vor dem Hauseingang stehen, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Er trug seinen Sonntagsanzug.
»Guten Tag, Sohn«, sagte er. Mehr nicht.
Matthias Caspar ging auf ihn zu, den Schlüsselbund noch in der Hand. Er hielt ihn seinem Vater unter die Nase. »Du hast also die Schlösser austauschen lassen, was?«
»Herrje, du beziehst das doch nicht etwa auf dich? Ich hatte Schwierigkeiten mit zwei unverschämten Bediensteten, die ich entfernen musste. Der Austausch war eine reine Vorsichtsmaßnahme.«
»Na, wenn das so ist …«
Es sollte provozierend klingen. Doch Hermann Liebenich ließ es ihm durchgehen. Matthias Caspar wertete das als untrügliches Zeichen dafür, dass der Alte tatsächlich ein massives Problem hatte, für dessen Lösung er seine Hilfe benötigte. Sein Vater ließ ansonsten nicht unwidersprochen in einem solchen Ton mit sich reden.
Der Privatdetektiv besaß durchaus Kombinationsgabe. Hermann Liebenich hatte ein massives Problem. Und verfügte – das war das Schlimmste – über keinerlei Erklärung. Weder dafür, wie dieses Problem überhaupt hatte entstehen können, noch, warum er es nicht vorhergesehen hatte.
Es hatte eigentlich ein gemächliches Wochenende werden sollen – einmal im Monat gönnte sich Hermann Liebenich einen freien Samstag und Sonntag. Zwar pflegte er selbst an freien Samstagen und Sonntagen vor dem Morgengrauen aufzustehen, um es sich noch im Schlafrock bei einer Tasse Filterkaffee von stählerner Stärke auf einer rückgratschonenden Wellnessliege im Wintergarten gemütlich zu machen und die Zeitung zu studieren, erst den Wirtschafts-, dann den Lokalteil. Doch tat er das, anders als an den üblichen Tagen, weniger, um sich zu informieren, sondern zuvorderst, um sich zu entspannen.
Normalerweise gelang ihm das. An diesem Samstag jedoch hatte er sich bei der Lektüre beinahe an seinem Morgentrunk verschluckt. Um ein Haar wäre ihm seine Tasse aus der Hand gerutscht – Aufschrift: Wenn der Keks spricht, haben die Krümel Pause, ein spätes Geschenk seiner vor zwei Jahren verstorbenen Frau. Der Aufmacher im Lokalteil lautete: Korruptionsgerüchte erschüttern Rathausspitze, Untertitel: Bei der Vergabe von Aufträgen soll es zu Mauscheleien zwischen politischen Entscheidungsträgern und Vertretern der lokalen Wirtschaft gekommen sein.
Hermann Liebenich wusste sofort, dass er den Namen seiner Firma nicht in dem Artikel finden würde, die Zeitung hätte angerufen und um eine Stellungnahme gebeten. Und dennoch fürchtete er zu wissen, worauf der Text anspielte. Er las die Zeilen wie elektrisiert.
Es dauerte ein paar Minuten, bis sich sein Herzschlag wieder etwas beruhigt hatte, aber er entsprach längst nicht den Werten eines freien Samstages. Die Zeilen bargen wenig Handfestes, stützten sich ganz auf eine namentlich nicht genannte Quelle, die Belege für einen besonders schweren Fall von Unregelmäßigkeiten bei einem öffentlichen Auftrag zu besitzen vorgab. Ein gleichermaßen nicht genanntes ranghohes Mitglied der Rathausspitze sei unmittelbar verwickelt. Offenbar war sich der Autor selbst nicht sicher, wie vertrauenswürdig sein Informant war. Er hielt sich merklich zurück, war darauf bedacht, sich nicht an den Karren fahren zu lassen, sollte sich alles als gemeine Verleumdung herausstellen. Sein Fokus lag vielmehr darauf, über die Wellen zu berichten, die die Nachricht innerhalb der Stadtverwaltung ausgelöst hatte. Einen Sprecher zitierte er mit den Worten, es handele sich um eine »unvorstellbare Anschuldigung«. Aber solange keine eindeutigen Belege für ein schuldhaftes Verhalten vorlägen, stünde der Oberbürgermeister selbstverständlich felsenfest hinter seinen Referatsleitern und Verwaltungsmitarbeitern.
Hermann Liebenich schaute auf die Uhr. Es war kurz vor sieben. Alles in ihm drängte danach, den Bürgermeister für Allgemeine Verwaltung anzurufen, aber er wusste, dass der an Freitagabenden gern mal einen über den Durst trank. Erst recht, wenn er gestresst war. Und wenn die vierte Gewalt das Rathaus mit Vorwürfen konfrontierte, die einzig auf ihn zurückfallen konnten, steckte er das sicher nicht leichtfertig weg. Zumal: Besonders nervenstark war ihm dieser Politbubi bislang nicht erschienen. Ein Anruf versprach demnach wenig Ertragreiches und wahrscheinlich war es sowieso sinnvoller, dem Bürgermeister von Angesicht zu Angesicht entgegenzutreten.
Also sprang Hermann Liebenich auf und eilte ins Bad. Zu langes Grübeln galt ihm als Zeichen von Schwäche.
Es war ein Jahr her, dass dem Boss von Liebenich Acoustics die Ausschreibung für die lukrative Neuausstattung aller Sitzungsräume des Rathauses und einiger Bezirksämter mit zeitgemäßer digitaler Technik auf den Tisch geflattert war und er beschlossen hatte, dass er sich einen solchen Auftrag nicht entgehen lassen konnte. Und wenn ein Hermann Liebenich beschloss, sich einen Auftrag nicht entgehen zu lassen, dann entging er ihm nicht.
Es war in der Vergangenheit immer mal wieder notwendig gewesen, sich gewisser Mittel zu bedienen, die manche nicht gutheißen würden, aber diese Moralapostel waren entweder Versager oder Ahnungslose, im schlimmsten Fall beides. Jeder Macher von Rang wusste, dass man fraß oder gefressen wurde, immer wieder aufs Neue.
Warum also sollte er, ein Leistungsträger, der Hunderte von Jobs geschaffen und erhalten hatte, der dafür sorgte, dass diese Menschen sich keine Sorgen um Nahrung, Kleidung und die Heizung im Winter für sich und ihre Familien machen mussten, sich dafür rechtfertigen, wenn er hin und wieder in gewisse Graubereiche abtauchte?
Wirtschaftsspionage betrieben alle, die einen im Kleinen, die anderen im Großen. Und dass sich mit unschuldigen Geschenken oder kleinen Gefälligkeiten manchmal vieles erreichen ließ, war unter Geschäftsleuten seines Kalibers kein Geheimnis. Moralische Bedenken waren ein Luxus derer, die keine Verantwortung trugen.
Schon in ihrem ersten Gespräch über die Sache hatte er dem Bürgermeister klargemacht, dass dieser Auftrag unbedingt an ein renommiertes Unternehmen in der Region zu gehen habe, auf keinen Fall an eines aus einer anderen Stadt oder gar dem Ausland. Es ginge schließlich auch um eine Koalition zugunsten des Wirtschaftsstandorts, für dessen Stärke er, Hermann Liebenich, jederzeit bereit sei zu kämpfen, zum Wohle aller Bürger ihrer schönen Region.
Er kannte den Bürgermeister, einen für sein Amt sehr jungen und sehr blassen Schlacks mit völlig indiskutabler Minipli-Frisur, aus dem Tennisverein und von Veranstaltungen des Lions Clubs und hatte ihn – trotz dieser unsäglichen Blässe, die Hermann Liebenich als Manifestation mangelnder Durchsetzungskraft galt – als einen vernunftbegabten Menschen erlebt, der Win-win-Situationen erkannte. Einen Menschen, der keine Zweifel daran aufkommen ließ, in der Lage zu sein, Strippen gewinnbringend zu ziehen. Der aufsehenerregende Prozess seiner Berufung ins Amt, bei dem einige Vertreter des politischen Gegners das Zünglein an der Waage gespielt hatten, belegte das.
Nur: Wie vorsichtig war der Bürgermeister bei ihrem gemeinsamen Projekt vorgegangen?
Falls der Artikel auf ihren Deal anspielte, woran Hermann Liebenich wenig Zweifel hegte, konnte er mit felsenfester Sicherheit ausschließen, dass die undichte Stelle aus seinem Umfeld kam. In diesem Fall hatte es, anders als bei früheren Interventionen, bei denen Aktionen größeren Aufwands nötig gewesen waren, keine Eingeweihten bei Liebenich Acoustics gegeben. Das war seine Herzensangelegenheit, und er hatte sehr gründlich darauf geachtet, keine Spuren zu hinterlassen.
Wie das auf Seiten des Bürgermeisters aussah, wusste er nicht – lag etwas außerhalb seines Einflussbereichs, pflegte er von den Verantwortlichen Resultate zu erwarten, nicht deren Lösungsweg zu hinterfragen. Womöglich hatten im Auswahlverfahren eindringliche Worte allein nicht ausgereicht, die anderen Jurymitglieder davon zu überzeugen, dass Liebenich Acoustics das wirtschaftlichste Angebot abgegeben hatte. Womöglich hatte der Bürgermeister Nebendeals laufen, für die er nun büßte – und Hermann Liebenich gleich dazu.
Es führte kein Weg daran vorbei, dem Mann einen Besuch abzustatten und ihn zur Rede zu stellen. Also setzte sich Hermann Liebenich entgegen seiner eigentlichen Pläne in seinen Zweitwagen, fuhr ans andere Ende der Stadt und besorgte auf dem Weg beim Bäcker Brötchen, die noch so heiß waren, dass ihm die Verkäuferin empfahl, die Tüte offen zu lassen. Um ziemlich genau acht Uhr klingelte er an der Haustür seines Mitverschwörers.
Es dauerte eine halbe Minute, bis der Hausherr auftauchte, in fleckiger Schlafanzughose und schlabberndem T-Shirt. Sein Kopf war leicht nach links gekippt, seine Augen klein. Doch die riss er in Sekundenschnelle auf, als er sah, wer vor ihm stand.
Der Bürgermeister trat zur Seite, ließ Hermann Liebenich eintreten und unterschätzte beim Zuschlagen der Tür seine Kraft. Das Geräusch, als sie ins Schloss krachte, ließ den Hausherrn zusammenzucken.
»Haben Sie den Verstand verloren, hier einfach so aufzutauchen?«, flüsterte er, als fürchte er, irgendjemand könnte sie belauschen.
Seine Frau jedenfalls war nicht da, das war bekannt, die weilte seit zwei Wochen an der Küste, offiziell aus Kurgründen. Bei einem Zusammentreffen im Lions Club, der liebsten Gelegenheit erfolgreicher Männer, ihren Neid auf die noch erfolgreicheren und ihre Schadenfreude über Missgeschicke derselben zur Schau zu tragen, hatte man sich hinter vorgehaltener Hand über den wahren Grund der Abwesenheit ausgetauscht. Es hatte da einen Ausrutscher des Bürgermeisters mit einer aufstrebenden Parteigenossin gegeben, der die werte Gattin dazu bewogen hatte, fürs Erste bei ihrer Schwester abzutauchen.
»Jetzt werden Sie mal nicht paranoid. Das hier ist kein Agentenfilm«, antwortete Hermann Liebenich und präsentierte die Brötchentüte. »Ich besuche einen Vereinskameraden und Strohwitwer und bringe ihm Frühstück vorbei. Eine völlig harmlose Sache.«
»Ich nehme an, Sie haben heute schon Zeitung gelesen. Sonst wären Sie nicht hier. Also wissen Sie genau, dass Ihr Besuch alles andere als eine harmlose Sache ist.«
Hermann Liebenich hielt sein Lächeln aufrecht. Einer musste ja einen kühlen Kopf bewahren. Er war etwa zehn Zentimeter kleiner als sein Gegenüber, doch der fahrige Politiker ließ seine Schultern derart hängen, dass sie sich praktisch auf Augenhöhe begegneten, rein körperlich gesehen. In jeder anderen Beziehung bestand für Hermann Liebenich keinerlei Zweifel, wer über wem thronte.
»Lassen Sie uns doch erst einmal diesen unwirtlichen Flur verlassen und ins Esszimmer gehen«, schlug er vor und wartete die Antwort gar nicht erst ab, sondern verließ den unwirtlichen Flur. »Haben Sie Marmelade im Haus?«
Der Zustand des Bürgermeisters besserte sich auch in der darauffolgenden Stunde kaum, was Hermann Liebenich im Sinne der Stadt darauf hoffen ließ, dass er nicht regelmäßig einer Krise wie dieser ausgesetzt war.
Ja, er könne mit an hundert Prozent grenzender Wahrscheinlichkeit ausschließen, dass es in der jüngeren Vergangenheit einen zweiten vergleichbaren Fall gegeben habe, der Artikel müsse also auf ihre Vereinbarung abzielen.
Und nein, er könne sich nicht erklären, wie der Journalist an seine Informationen gekommen sei, er zermartere sich schon die ganze Zeit den Kopf. Von der Minute an, in der er zunächst über den Flurfunk im Rathaus von den Vorwürfen erfahren habe, noch bevor der persönliche Referent des Oberbürgermeisters in sein Büro marschiert sei, um ihn offiziell zu unterrichten und sich strengen Blickes zu erkundigen, wie er sich eine solche Presseanfrage erkläre.
Er konnte sie nicht erklären. Gegenüber dem Referenten nicht und sich selbst gegenüber noch weniger. Er habe eigentlich alle nötigen Vorsichtsmaßnahmen walten lassen.
»Eigentlich! Und uneigentlich?«
»Uneigentlich eigentlich auch«, stotterte der Bürgermeister und massierte sich die Stirn. »Ich kann mir wirklich nicht erklären, wie das passieren konnte. Das müssen Sie mir glauben.«
Es war offensichtlich, dass sich Hermann Liebenich selbst der Sache würde annehmen müssen, dass es an ihm hängenbliebe herauszufinden, wie viel der Schreiberling wusste. Ob er ein kleiner Wichtigtuer war, der ohne fundierten Hintergrund eine Story raushaute, die ihm mehr zufällig in den Schoß gefallen war, ohne dass er ihre Dimension einzuschätzen wusste, oder ob er die große Enthüllung nur Schritt für Schritt vorbereitete, weil sich Skandale besser verkauften, wenn man immer noch einen draufsetzte.
Fakt war, dass es zu der großen Enthüllung nicht kommen durfte. Dass eher die Hölle zufrieren würde, bevor der Name Hermann Liebenich durch den Schmutz gezogen wurde.
Fakt war aber auch, dass er Hilfe brauchte, erst recht, nachdem seine Recherchen ergeben hatten, dass der Journalist tatsächlich über ein gewisses Renommee verfügte.
Fakt wurde, nach intensivem Abwägen, intensiver, als er es sich sonst erlaubte, dass diese Hilfe nur von einer einzigen Person kommen konnte. Selbst wenn das bedeutete, dass er, Hermann Liebenich, so tun müsste, als bereue er etwas.
Hermann Liebenich hatte noch nie ein Problem damit gehabt, über seinen Schatten zu springen, wenn es die Lage verlangte. Nur Holzköpfe glaubten, der einzige Weg durch die Wand führe mit dem Schädel voraus.
Also schritt er zum Telefon, rief die Auskunft an, ließ sich verbinden und hinterließ eine Nachricht.
Matthias Caspar hatte an diesem Samstagabend lange gezögert, bis er sich zu dem verlangten Rückruf durchrang. Er hatte sogar kurz erwogen, den Befehl zu ignorieren, aber dann doch nicht riskieren wollen, die ganze Nacht kein Auge zuzutun, weil er sich fragte, was der Alte plötzlich wollte. Nach Verfassen seines erwartungsgemäß kurzen Observationsberichts fehlten ihm weitere Ausreden. Noch in der Detektei griff er zum Hörer – die Kollegen hinter sich zu wissen, gab ihm ein irrationales Gefühl von Sicherheit, obwohl sie ihm bei einem Telefonat mit seinem Vater in keiner Weise helfen konnten. Seine Furcht wich einem lauten Lachen, so laut, dass einige der Kollegen ihm halb verwunderte und halb böse Blicke zuwarfen, als ihm sein Vater, der sich wie gewohnt nicht lange mit Nebensächlichkeiten aufhielt, offenbarte, dass er seine Hilfe brauche.
Restlos sprachlos war Matthias Caspar, als der Alte dieses Wort nachschob, von dem er sich nicht erinnern konnte, es jemals aus seinem Mund gehört zu haben: »Bitte.«
Doch das ganze Gefühl von Überlegenheit war passé, als er im Wohnzimmer seines Elternhauses stand, in dem sich ein neuer Fernseher, eine neue Sofagarnitur und verdammt viele Erinnerungen fanden. Matthias Caspar ging ans Fenster und starrte hinaus, starrte hinunter auf die Stadt, in der Hoffnung, sein Vater durchschaue nicht, dass er sich plötzlich wieder klein fühlte, dass ihn das Gefühl beschlich, in eine Falle getappt zu sein.
Dann drang Essensgeruch in seine Nase. Er schnupperte, drehte sich um, erblickte den Vater, der seine Neugierde registrierte.
»Du hast hoffentlich Hunger mitgebracht? Ich habe Bœuf Stroganoff kommen lassen. Spezialität meines Lieblingsküchenmeisters.«
Matthias Caspars Magen begann erwartungsfroh zu knurren. »Was soll das? Willst du auf Sonntagstisch machen? Sind wir plötzlich wieder eine Familie?«
»Nein, ich pflege bei meinen Geschäftsessen einen gewissen Stil. Ganz abgesehen davon glaube ich nicht, dass jemand, der seine Frau und seine kleine Tochter sitzen gelassen hat, in der Position ist, mir Vorträge über Familientraditionen zu machen. Oder, Herr Caspar?«, antwortete Hermann Liebenich.
Matthias Caspar schnaubte, schließlich hatte der Vater seine Enkelin nur ein einziges Mal besucht, zur Taufe, und danach nie wieder Anläufe unternommen, sie wiederzusehen – Anläufe, die Matthias Caspar selbstverständlich mit aller Macht torpediert hätte. Er schnaubte, aber er erwiderte nichts. Er war solcher Diskussionen mit seinem Vater vor langer Zeit müde geworden.
Die Zeitung lag schon auf dem Tisch bereit. Hermann Liebenich nahm zwei Bissen des Essens. Dann tupfte er sich mit der Serviette den Mund ab, trank einen Schluck Wein und warf seinem Sohn die Ausgabe hin. »Hast du gestern Zeitung gelesen?«
Matthias Caspar ließ seine Gabel erst noch ein drittes und viertes Mal in seinem Mund verschwinden, bevor er das Besteck weglegte. Eines musste er seinem Vater lassen: Geschmack besaß er.
»Seite vierundzwanzig oben«, befahl der.
Matthias Caspar las, ohne erkennen zu lassen, was in seinem Kopf vorging. Als er fertig war, legte er die Zeitung beiseite und aß weiter, trank seinerseits einen großen Schluck Wein, betrachtete Glas und Inhalt, schwenkte, trank einen weiteren Schluck und nickte anerkennend.
»Du steckst also in Schwierigkeiten? Hast die Kontrolle verloren? Passiert dir doch sonst nicht«, spottete er schließlich.
Hermann Liebenich ging nicht darauf ein. »Ich möchte, dass du herausfindest, was dieser Journalist weiß und von wem er es weiß. Und wie du dir vorstellen kannst, ist es eilig. Deswegen nutze ruhig alle Möglichkeiten, die dir zur Verfügung stehen, wenn du verstehst, was ich meine.«
Matthias Caspar lächelte. Schwieg wieder für ein paar Sekunden. »Also ich habe das richtig verstanden: Du bittest mich um Hilfe. Mich. Es ist dir also auf einmal nicht mehr unsäglich peinlich, dass ich Privatdetektiv bin?«
»Siehst du, mein Sohn, du gehst da von falschen Annahmen aus. Es war mir nie peinlich, was du gemacht hast. Alles, was ich getan habe, diente nur einem Ziel: dich anzuspornen, etwas aus deinem Leben zu machen.«
Findest du das nicht auch amüsant: Wie Menschen, die sich nahestehen oder nahestehen sollten, einander die dreistesten Lügen an den Kopf werfen? Lügen, die ihnen im Umgang mit Fremden niemals in den Sinn kämen? Sei es, weil sie den anderen nicht verletzen wollen. Oder weil sie just das bezwecken. Oder sei es, weil sie nicht in die Verlegenheit kommen wollen, etwas erklären zu müssen.
Es dürfte dir bewusst sein, dass Hermann Liebenich ein geübter Lügner ist, wobei er sich eher als Wahrheitsbeuger oder Wahrheitserneuerer sieht. In der Regel jedenfalls. Denn ihm ist schmerzhaft bewusst, dass seine Beteuerungen meilenweit von jeder Wahrheit entfernt liegen. Die Tatsache, dass sich sein Sohn mit Händen und Füßen dagegen gewehrt hat, in seine Fußstapfen zu treten, ist die bitterste Enttäuschung seines Lebens gewesen. Zugeben würde er das niemals.
Und dann lacht ihn Matthias Caspar aus. Weil er seinem Vater natürlich kein Wort glaubt. Kannst du dir vorstellen, wie sehr er deswegen kocht?
»Warum ich? Hast du nicht irgendwelche Schergen, die sich um Probleme wie diese normalerweise kümmern?«
»Ich brauche jemanden, dem ich absolut vertrauen kann.«
Matthias Caspar lachte erneut. »Und das bin ich?«
»Ja, weil es um die Familienehre geht. Und letztlich um dein Erbe. Außerdem könnte ich mir vorstellen, dass du bei deinem Gehalt und bei der Höhe deiner Unterhaltszahlungen ein kleines Zusatzhonorar ganz gut gebrauchen könntest.«
Diesmal lachte Matthias Caspar nicht. »Dir ist aber schon klar, dass ich nicht einfach einen Nebenjob annehmen kann. Ich müsste mir das von meinem Chef genehmigen lassen.«
»Lass das mal meine Sorge sein«, erwiderte Hermann Liebenich und schenkte Wein nach.
Seinen Sohn wunderte die Antwort kein bisschen. »Ich muss mal auf die Toilette«, log er und ging davon, den Torkelnden mimend.
Den Weg kannte er, das renovierte Bad noch nicht. Er setzte sich auf die Schüssel, schloss für eine halbe Minute die Augen, schlug sich zweimal kräftig auf die Wangen, atmete wie schon vorhin in seinem Auto tief durch und kehrte an den Esstisch zurück, an dem sein Vater die ganze Zeit über regungslos dagesessen hatte und dies noch immer tat, als sein Sohn in sein Blickfeld zurückgekehrt war.
»Na gut. Dann weih mich mal ein. Und lass kein Detail aus.«
Sie saßen danach noch eine Stunde zusammen, Matthias Caspar hatte irgendwann darauf bestehen müssen, keinen Wein mehr nachgeschenkt zu bekommen. Er erbat sich Bedenkzeit und bekam sie bis zum nächsten Morgen.
Dabei wusste er längst, dass er zusagen würde. Er wusste es, weil dieser Auftrag genau dem entsprach, was der Job des Privatdetektivs ihm verheißen hatte, als er sich entschied, das Angebot auszuschlagen, stellvertretender Leiter seines Hauptstadtreviers zu werden, als er beschloss, den Polizeidienst mit all seiner Ödnis und Routine zu verlassen. Nichtsahnend, dass eine neue Ödnis und Routine, eine sehr ähnliche, nur auf ihn wartete. Und nun offenbarte ihm ausgerechnet sein Vater einen Ausweg, selbst wenn es nur ein temporärer war.
Er war schon fast zur Haustür hinaus, da drehte er sich noch einmal um. »Ich möchte mein altes Kinderzimmer sehen.«
Hermann Liebenich zögerte, machte dann aber den Weg frei. Er ließ seinen Sohn die Treppen hinauf ins Dachgeschoss vorgehen.
Dort, wo früher Sportlerposter gehangen hatten, stand jetzt eine kleine Bar vor einer holzvertäfelten Wand. Gegenüber hing eine elektronische Dartscheibe, in der Mitte des Raumes stand ein Pool-Billard-Tisch. Matthias Caspar guckte sich um, ohne ein Wort zu sagen.
Stattdessen durchbrach sein Vater die Stille. »Was hast du erwartet? Ein Museum? Dein altes Zeug steht unten im Keller, wenn du es haben möchtest. Aber du hast dich ja bislang nicht dafür interessiert.«
Matthias Caspar nahm die weiße Kugel in die Hand und ließ sie in Richtung Loch rollen. Sie blieb an der Kante hängen.
Er verließ sein altes Reich eilig und drehte sich nicht mehr um, auch nicht, als er auf der Treppe im Gehen doch noch einmal den Mund öffnete. »Sag Vater, wie viele ungenutzte Räume hast du in diesem Haus?«
Pulsuz fraqment bitdi.