Kitabı oxu: «Der Roman der zweiundzwanzig Lebensläufe»
Marcel Schwob
Der Roman der zweiundzwanzig Lebensläufe
Saga
Der Roman der zweiundzwanzig Lebensläufe ÜbersetztJakob Hegner Coverbild / Illustration: Shutterstock Copyright © 1896, 2020 Marcel Schwob und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726594430
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 2.0
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DER ROMAN DER ZWEI
UND ZWANZIG LEBENSLÄUF
VORWORT
die geschichte als wissenschaft lässt uns über den Einzelmenschen im unklaren. Sie begnügt sich damit, die Umstände aufzuhellen, die ihn mit dem allgemeinen Geschehen verbinden. Sounterrichtet sie uns,daß Napoleon am Tagvon Waterloo unpäßlich war, daß die übermächtige geistige Tatkraft Newtons seiner unerschütterlichen Gefühlskargheit zuzuschreiben ist, daß Alexander betrunken war, als er den Klitus erschlug, und daß das Fistelgeschwür Ludwigs XIV. möglicherweise manche seiner Entscheidungen beeinflußt habe. Auch Pascal stellt seine Betrachtungen über die Nase der Kleopatra nur in einer Richtung an: wenn sie kleiner gewesen wäre, und ebenso über ein Sandkorn in der Harnröhre Cromwells. Alle diese Einzeltatsachen haben so viel Geltung, wie sie Einfluß auf die Ereignisse hatten oder insofern sie deren Gang vielleicht hätten abändern können. Sie sind wirkliche oder mögliche Ursachen. Sie gehören in das Gebiet der Wissenschaft.
Die Kunst widerstrebt den Allgemeinbegriffen, sie stellt nur Einzelwesen dar, will nur das Einmalige. Sie reiht nicht ein; sie reiht aus. Von uns aus gesehn, könnten unsere Allgemeinhegriffe den auf dem Mars üblichen gleichen, drei einander schneidende Gerade ergeben überall im Weltall ein Dreieck. Dagegen ein Baumblatt mit seinem eigenwilligen Nervengewebe, seinem Farbenspiel in Licht und Schatten, mit seiner Schwellung, vielleicht durch einen fallenden Regentropfen hervorgerufen, dem Andenken anden Stich eines Käfers, der silbernen Wegspur einer kleinen Schnecke, der ersten tödlichen Vergoldung, womit es der Herbst gezeichnet hat. Und nun suche man ein ihm völlig gleiches Blatt irgendwo innerhalb aller Wälder auf der Erde: ein unausführbares Unternehmen. Es gibt keine Wissenschaft von der Oberfläche eines Blattes, dem Netzwerk einer Zelle, der Schlängelung einer Ader oder etwa einer verschrobenen Gewohnheit, einer plötzlichen Umkehr des Herzens. Daß einer — und auf seine Weise — eine schiefe Nase hat, ein Auge höher als das andre, ein kräftiges Armgelenk; daß er zu einer bestimmten Stunde zu essen pflegt, und am liebsten Hühnerbrust, daß er Malvasier einem Château-Margaux vorzieht — das ist ohnegleichen in der Welt. Genau so gut wie Sokrates hätte wohl auch Thales TNΩΘΙΣEAϒTON sagen können; aber sein Bein hätte er sich im Gefängnis gewiß auf eine andre Art gekratzt, eh er den Schierlingsbecher leerte. Die Gedanken der großen Männer sind das allgemeine Erbgut der Menschheit: nur ihre Absonderlichkeiten bleiben ihr persönliches Eigentum. Ein Buch, das einen Menschen wiedergäbe mit allem, was an ihm regelwidrig ist, wäre ein Kunstwerk von der Art jener japanischen Holzschnitte, die das Bild eines ein einzigesmal zu einer einzigen Stunde erblickten Räupleins für alle Ewigkeit festhalten.
DieWerke der Geschichtschreibung schweigen über diese Dinge. In der rohen Stoffsammlung geschichtlicher Zeugnisse gibt es nicht viel einzigartige unnachahmliche Züge. Darin sind besonders die Lebensgeschichten der Alten unergiebig. Da sie nur das Gemeinwesen und die Grammatik schätzten, übermittelten sie uns von ihren großen Männern die Staatsreden und die Titel ihrer Bücher. Von keinem andern als von Aristophanes selbst erfahren wir, zu unserer Freude, daß er kahlköpfig war, und hätte die Stumpfnase des Sokrates nicht Anlaß zu literarischen Gleichnissen gegeben und seine Gewohnheit des Barfußgehns nicht zu seinen, alles Leibliche geringschätzenden Anschauungen gehört — wir besäßen auch von ihm einzig seine Untersuchungen über die Sittengesetze. Das Weibergeschwätz des Sueton ist streitsüchtige Gehässigkeit. Den Plutarch hat sein guter Geist mitunter zum Bildner gemacht; jedoch auch er verstand seine Kunst noch schlecht, er wäre sonst nicht auf seine,, vergleichenden Lebensbeschreibungen“ verfallen — als ob zwei in allen ihren Eigentümlichkeiten dargestellte Menschen einander jemals gleichen könnten! Wir sind also auf Athenäus angewiesen, auf Aulus Gellius, auf die Scholiasten und auf Diogenes Laërtius, der der Meinung war, er hätte so etwas wie eine Geschichte der Philosophie verfaßt.
In den neuern Zeiten hat sich das Gefühl für das Persönliche stärker entwickelt. Das Werk eines Boswell wäre vollkommen, hätte er nicht für notwendig erachtet, Johnsons Briefwechsel und etliche Abschweifungen über dessen Bücher darin unterzubringen. Die „Lebensläufe hervorragender Personen“ von Aubrey genügen schon eher. Aubrey hatte einen unverkennbaren Sinn für das Biographische. Es ist nur bedauerlich, daß der Stil dieses ausgezeichneten Geschichtspürers so sehr hinter seiner Auffassung zurückgeblieben ist. Andernfalls wäre sein Werk verwöhnten Leuten dauernd genießbar geblieben. Aubrey fühlt sich nirgends verpflichtet, das Eigentümliche seiner Personen den Allgemeinvorstellungen einzugliedern. Er begnügte sich damit, daß andre die von ihm behandelten Leute berühmt gemacht hatten. So und so oft weiß man lange Zeit nicht, ob er von einem Mathematiker oder einem Staatsmann, einem Dichter oder einem Uhrmacher sprieht. Dafüraber weist jeder von ihnen seine Besonderheit auf, die ihn für alle Zeiten von allen andern Menschen unterscheidet.
Der Maler Hokusai hoffte, als er hundertzehn Jahre alt war, endlich das Hochziel seiner Kunst zu erreichen. Dann, sagte er, würde jeder Punkt von seiner Hand, jede von ihm hingepinselte Linie lebendig sein. Lebendig, das heißt: einmalig. Nichts scheint einander mehr zu gleichen als Punkte und Linien: die Geometrie beruht auf dieser Voraussetzung. Dievollendete Kunst eines Hokusai aber stellt die Forderung auf, sie sollten völlig untereinander verschieden sein. So wäre auch die höchste Aufgabe des Lebensbeschreibers, das Bildnis zweier Philosophen, die ungefähr die gleiche Metaphysik vorgetragen haben, doch unendlich verschiedenartig zu gestalten. Aubrey aber, der einzig an den Menschen haftet, erreicht das Vollkommene trotzdem nicht, weil er die wunderbare Umwandlung des Ähnlichen in das Unterschiedliche, von der Hokusai träumte, nicht zu vollbringen verstand. Allerdings war Aubrey auch nicht hundertzehn Jahre alt geworden. Dabei bleibt er jedoch immer sehr schätzenswert, und er war sich der Bedeutung seines Werkes auch bewußt: „Ich entsinne mich,“ sagt er in seiner Einleitung zu Antony Wood, „eines Ausspruchs des Generals Lambert: ,Die besten Menschen sind bestenfalls nur Menschen‘—wovon man in meiner rohen und eilends geschaffenenSammlung mancherlei absonderliches Beispiel antreffen wird. Darum aber dürfen diese Verborgenheiten auch nicht eher als in etwa dreißig Jahren ans Licht der Öffentlichkeit. Wahrhaftig, der Verfasser wie auch seine Personen sollen nicht anders als wie Mispeln genossen werden, in bereits angefaultem Zustand.“
Bei Aubreys Vorgängern sind schon Spuren seiner Kunst zu entdecken. So erzählt uns zum Beispiel Diogenes Laërtius, Aristoteles habe auf dem Magen einen Lederbeutel warmen Öls getragen, und nach seinem Tode seien in seinem Haus eine Unmenge Tongefäße aufgefunden worden. Wir werden niemals erfahren, was Aristoteles mit all diesen Töpfen eigentlich gewollt hat. Das Rätselhafte daran ist nicht minder anziehend als etwa die Vermutungen, denen uns Boswell überläßt, was wohl Johnson mit den getrockneten Orangenschalen angefangen habe, die er in seinen Taschen zu tragen pflegte. In solchen Fällen übertrifft Diogenes Laërtius den unnachahmlichen Boswell um ein beträchtliches. Doch dergleichen Ergötzlichkeiten finden sich da nur selten, bei Aubrey hingegen in jeder Zeile. Milton, so berichtet er uns, „konnte das R nicht gut aussprechen“. Spenser „war ein kleiner Mann mit kurzgeschornen Haaren, einem schmalen Halskragen und kleinen Handkrausen.“ Barcley „lebte in England irgendwann ,tempore R. Jacobi‘! Er war dazumal schon ein Mann in vorgerücktem Alter, mit einem weißen Bart, und er trug einen Federhut, woran etliche Standespersonen Anstoß nahmen.“ Erasmus „aß nicht gern Fische, obzwar er aus einer Stadt des Fischhandels stammte“. Was den Bacon betrifft, so „wagte keiner der Diener, vor ihm in Stiefeln aus anderm als spanischem Leder zu erscheinen, denn er war sehr empfindlich gegen den Geruch von Kalbleder, das er nicht leiden konnte“. Der Doktor Fuller „hatte den Kopf immer so voll von Gedanken, daß er auf seinem Spazier- und Grübelgang vor dem Mittagessen ein großes Zweigroschenbrot verzehrte, ohne es auch nur zu merken“. Über Sir William Davenant äußert er sich folgendermaßen: „Ich war bei seinem Leichenbegängnis; er hatte einen Sarg aus Nußbaumholz. Sir John Denham versicherte, er habe niemals einen gleich schönen Sarg gesehn.“ Er schreibt über Ben Johnson: „Ich habe von Mister Lang, dem Schauspieler, vernommen, daß Johnson eine Art von seitlich geschlitztem Kutschermantel zu tragen pflegte.“ Das Folgende fällt ihm bei William Prynne auf: „Seine Art zu arbeiten war diese: er setzte sich eine lange spitze Mütze auf, die ihm mindestens drei oder vier Zoll über die Augen fiel und die er als Lichtschirm gebrauchte, um seine Augen gegen das Tageslicht zu schützen, und ungefähr alle drei Stunden mußte ihm sein Diener ein Brot und einen Topf Bier bringen und so seines Herrn Lebensgeister stets aufs neue stärken; derart, daß er arbeitete, trank und sein Brot kaute, und das hielt ihn aufrecht bis in die Nacht hinein, dann erst aß er ein reichliches Mahl.“ Hobbes „bekam in seinem Alter eine große Glatze; trotzdem saß er zu Hause über seinen Büchern immer barhäuptig, und er behauptete, er erkälte sich dabei niemals, bloß eines fiele ihm beschwerlich: von seiner Glatze die Fliegen fernzuhalten“.
Aubrey schweigt uns über die „Oceana“ des John Harrington, er erzählt uns aber, daß der Verfasser anno Domini 1660 als Gefangener in den Tower gebracht wurde, wo man ihn bewachte, und von dort weiterhin nach Portsey Castle. Seine Haft in diesen Verliesen (da er ein hochgemuter Herr und ein Heißsporn war) sei die Gelegenheitsursache seiner Tollheit gewesen oder besser seiner Narrheit, die ja nicht tobend war, denn er plauderte ziemlich vernünftig und war von durchaus angenehmem Umgang; nur kam ihm die Einbildung, daß aus seinem Schweiß Fliegen entstünden und bisweilen Bienen, ,ad cetera sobrius‘; er ließ in Mister Harts Garten (gegenüber von St. James Park) ein bewegliches Gartenhäuschen aus Balken zimmern, um damit seine Versuche anzustellen. Er schob das Häuschen in die Sonne und setzte sich nach vorn; dann ließ er seine Fuchsschwänze holen, um damit alle Fliegen und Bienen, die darin zu entdecken wären, zu verjagen und totzuschlagen; alsdann schloß er die Fenster. Da er nun aber den Versuch nie anders als in der Sonnenglut unternahm, waren dabei natürlich immer etliche Fliegen in den Ritzen und den Falten der Vorhänge verborgen. Nach etwa einer Viertelstunde kamen, von der Hitze getrieben, ein bis zwei Fliegen aus ihrem Versteck hervor, oder gar mehrere. Sogleich rief er seine Leute: „Da seht ihr doch, daß sie von mir stammen!“
Hier, w as wir über Meriton erfahren: „Sein wahrer Name war Head. Mister Bovey kannte ihn gut. Geboren zu ... War Buchhändler in Little Britain. Er hatte bei den Zigeunern gelebt. Mit seinen unersättlichen Augen saher wie ein Spitzbube aus. Er konnte in jeder beliebigen Gestalt auftreten. Zwei- oder dreimal machte er Bankrott. Wurde endlich Buchhändler, oder wurde es gegen sein Ende. Er verdiente sich seinen Unterhalt mit seinen Kritzeleien. Man bezahlte ihm zwanzig Schilling für die Seite. So verfaßte er mehrere Bücher: , The Englisch Rogue‘, , The Art of Wheadling‘ und so weiter. Er ertrank um 1676 auf der Rückfahrt nach Plymouth , auf hoher See, im Alter von ungefähr fünfzig Jahren.“
Zum Schluß sei Auhreys Lebensbeschreibung des Descartes mitgeteilt: „Nobilis Gallus, Perroni Dominus, summus Mathematicus et Philosophus, natus Turonum, pridie Calendas Apriles 1596. Denatus Holmiae, Calendis Februarii, 1650. (Ich finde diese Inschrift unter seinem Bildnis von C. V. Dalen). Wie er seine Jugendzeit verbrachte und auf welche Art er so gelehrt ward, dieses berichtet er selbst aller Welt in seiner Abhandlung mit dem Titel: ,Vom richtigen Vernunftgebrauch.‘ Die Gesellschaft Jesu schreibt sich die Ehre seiner Erziehung zu. Er verlebte etliche Jahre zu Egmont (nächst dem Haag), von dort aus datierte er mehrere seiner Bücher. Er war ein zu weiser Mann, um sich jemals mit einem Weibe zu beschweren; doch da er immerhin ein Mann war, waren ihm auch die Triebe und Begierden des Mannes nicht fremd; darum liebte er und hielt er sich ein schönes Weib aus gutem Stande, vondem er einige Kinder hatte (ich glaube, es waren zwei oder drei). Es wäre zu erstaunlich gewesen, wenn sie, den Lenden eines solchen Vaters entsprossen, nicht eine ausgezeichnete Erziehung genossen hätten. Er war ein so hervorragender Gelehrter, daß alle andem Gelehrten ihn aufsuchten, und viele baten ihn, sie doch mit seinen ... Apparaten bekannt zu machen (zu jener Zeit war die Wissenschaft der Mechanik noch eng verbunden mit dem Verständnis der Apparate und, wie es Sir H. S. ausgedrückt hat, mit Taschenspielerkniffen). Dann pflegte Descartes ein kleines Fach an seinem Tische herauszuziehn und den Fragern eine Magnetnadel vorzuzeigen, an der eine Hälfte des Zeigers abgebrochen war; als Lineal verwendete er übrigens ein gefaltetes Blatt Papier.“ Man sieht, wie Aubrey seinen Gegenstand beherrschte. Man denke nicht, daß er die Bedeutung von Descartes oder von Hobbes geisteswissenschaftlichen Werken verkannt hätte. Doch das lockte ihn gar nicht. Er sagt ganz richtig, daß Descartes seine Lehre schon selbst allerWelt klargelegt hat. Aubrey weiß auch, daß Harvey der Entdecker des Blutkreislaufes ist; er bucht aber lieber, wie dieser große Mann in seinen schlaflosen Nächten im bloßen Hemd in der Stube auf und ab lief, wie schlecht seine Handschrift war und daß die berühmtesten Londoner Ärzte keine sechs Groschen für seine Rezepte gegeben hätten.
Er ist überzeugt, uns über Francis Bacon genügend zu unterrichten, wenn er uns angibt, Bacon habe köstlich lebhafte, haselnußbraune Augen gehabt, aus denen er wie eine Schlange blickte. Aber Aubrey war kein großer Künstler wie etwa Holbein. Es gelingt ihm nicht, einen Menschen mit seinen besonderen Zügen zu einem Gleichnis seines Ur- und Vorbildes zu verewigen. Auge, Nase, Mund, auch das Bein seiner Personen versteht erzu beleben: die ganzeGestalt zu verlebendigen, ist ihm nicht gewährt. Der alte Hokusai sah ein, daß man so weit kommen müsse, auch das Allgemeinste persönlich darzustellen. Aubrey ist nicht entfernt so weit. Bos wells Buch wäre das geforderte Meisterwerk, wenn es höchstens zehn Seiten Umfang hätte. Zugegeben: der gesunde Menschenverstand Doktor Johnsons setzt sich aus den unmöglichsten Gemeinplätzen zusammen; in der phantastisch leidenschaftlichen Ausdrucksweise des Herausgebers Boswell wird er doch zu etwas ganz Einzigartigem. Nur leider aber gleicht der ganze schwere Wälzer allzusehr den Wörterbüchern, wie sie der Doktor selbst verfaßt hat; man müßte ihn zu einer „Scientia Johnsoniana“ verkürzen, mit angefügtem Sachund Namenverzeichnis. Boswell verfügte eben nicht über den schönen Mut zur Auswahl.
Die Kunst des Bildners besteht nun aber gerade in dieser Auswahl. Er hat sich nicht zu bemühen, wahr zu sein; er sei Schöpfer inmitten eines Wirrwarrs menschlicher Züge. Leibniz sagte, Gott habe, als er die Welt schuf, die beste unter allen möglichen gewählt. Der Biograph ist eine Art untergeordnete Gottheit: er wählt aus dem menschlich Möglichen das Einmalige aus. Er täusche sich so wenig über das, was Kunst ist, wie sich Gott nicht getäuscht hat über das, was gut ist. Beider Gefühl hat unfehlbar zu sein. Geldige Untergötter haben für den Bildner eine Menge Ansichten, Gebärden, Gesichtszüge und Ereignisse angesammelt. Ihre Arbeit liegt in den Zeitberichten vol, den Denkwürdigkeiten, den Briefen und den Anmerkungen. Aus diesem ungefügen Haufen nimmt er den Stoff zu einer Gestalt, die keiner andern gleicht. Sie braucht durchaus nicht das Ebenbild der von einer höhem Gottheit geschaffnen zu sein, aber einmalig muß sie sein, wie alles wirklich Geschaffene.
Bedauerlicherweise haben sich die Biographen für Geschichtschreiber gehalten, wodurch sie uns um viele wundervolle Bildnisse betrogen haben. Sie waren der Meinung, wir hätten ganz allein für das Leben der großen Männer etwas übrig. Der Kunst sind solche Wertungen fremd. Der Maler schätzt das Bildnis eines Unbekannten von Holbein ebenso hoch wie das Bildnis des Erasmus. Nicht, weil es den Namen des Erasmus trägt, ist dieses Die Gemälde unnachahmlich. Die Kunst des Beschreibers müßte dem Leben eines armen Schauspielers ebensoviel Gewicht verleihn wie dem eines Shakespeare. Nur aus wenig edeln Gründen betrachten wir mit besonderer Aufmerksamkeit die Verkümmerung des Brustbeins an der Büste Alexanders oder die Stirnlocke eines gemalten Napoleon. Das Lächeln der Monna Lisa, von der wir gar nichts wissen (es ist vielleicht das Gesicht eines Mannes), rührt an reinere Wunder. Auch eine von Hokusai hingebannte Grimasse entführt uns in tiefere Gedankenschichten. Wollte man sich in der Kunst versuchen, in der sich Aubrey und Boswell hervortaten, dann sollte man sich am allerwenigsten den größten Mann seiner Zeit zu genauer Beschreibung aussuchen, noch die Umrisse von Berühmtheiten der Vergangenheit aufzeichnen, nein, mit der gleichen Liebe erzähle man lieber das einmalige Leben irgendwelcher Menschen, ob sie nun göttlich waren, mittelmäßig oder verbrecherisch.
EMPEDOKLES
Ein Mann von göttlicher Natur
niemand weiss etwas über seine geburt , noch wie er auf die Erde kam. Er erschien an den goldenen Ufern des Flusses Akragas, in der schönen Stadt Agrigent, ein wenig nach der Zeit, da Xerxes das Meer mit Ketten hatte züchtigen lassen. Überliefert ist allein der Name seines Stammvaters Empedokles, einer sonst unbekannten Persönlichkeit. Damit sollte wohl bezeugt werden, daß er ein Sohn seiner selbst war, wie es einem Gotte zukommt. Doch seine Jünger belehren uns: ehe der Herrliche die sizilischen Gefilde durchstreifte, hatte er bereits vier Daseinsformen in unserer Welt abgelebt: als Pflanze, als Fisch, dann als Vogel und zuletzt als ein junges Mädchen. Er war in einen Purpurmantel gehüllt, auf den sein Haar frei niederfiel; die Stirn trug er umwunden mit einem Goldreif, an den Füßen eherne Sandalen, und in seinen Händen waren wollene lange Bänder um Lorbeerzweige geschlungen.
Er legte seine Hände den Kranken auf, und sie genasen. Von einem Wagen herunter, das Haupt zum Himmel gereckt, sprach er Verse in der Art der Homerischen, mit erhabenem Tonfall. Zahlreiches Volk zog hinter ihm her und warf sich vor ihm auf die Knie, um seinenWorten zuzuhören. Unter dem reinen Himmel, der auf die Ähren herabglänzte,kamen die Menschen von überallher mit Opferlasten auf ihren Armen. Er beglückte sie, indem er ihnen vom göttlichen, kristallen gebildeten Gewölbe sang, von dem Feuerball, den wir Sonne benennen, und von der Liebe, die alles enthält gleich einer riesigen Kugel. Ein jedes Wesen, so lehrte er, ist nur ein geringer Splitter aus diesem Himmel der Liebe, worin sich der Haß eingeschlichen hat. Und was wir Menschen Liebe nennen, ist die Sehnsucht, uns zu vereinen, uns zu verschmelzen, uns zu verbinden, so wie wir ehemals waren, ganz mit der Tiefe der rundumfassenden, von der Zwietracht zerstückten Gottheit. Empedokles beschwor in seinem Sang den Tag, wo die göttliche Kugel nach allen Umwandlungen der Einzelseelen in sich selber erfüllt sein würde. Denn die Welt, die wir kennen, ist ein Werk des Hasses, und ihre Zerstörung wird ein Werk der Liebe sein. Also sang Empedokles durch die Städte und Gefilde; seine ehernen, aus Lakonien stammenden Sandalen dröhnten an seinen Füßen, und vor ihm her erklangen die Zimbeln. Aus dem Schlunde des Ätna stieg zu gleicher Zeit eine schwarze Rauchsäule in die Höh, und sie beschattete die Insel.
In seinem Purpur und Gold glich so Empedokles einem Himmelskönig, indes die Pythagoräer in ihren bescheidenen Wollkleidern armselig einherzogen, mit Schuhzeug aus Papyrus. Er stand in dem Ruf, die Augenfäule zu heilen, Geschwülste zum Verschwinden zu bringen und die Schmerzen aus den Gliedern zu ziehn. Man flehte zu ihm auch um Vertreibung von Regen und Wirbelsturm; von einem Hügelkranz aus beschwor er die Wetter; zu Selinunt verjagte er das Fieber; er leitete zwei Ströme in ein drittes Bett; und die Bewohner von Selinunt beteten ihn an, errichteten ihm einen Tempel und prägten ihm Denkmünzen, auf denen sein Bildnis dem des Apollon gegenübergestellt war.
Andre wieder behaupten, er sei ein Wahrsager gewesen, und als Zögling der persischen Magier habe er die Schwarzkunst innegehabt und das Wissen um die irrsinnwirkenden Pflanzen. Er speiste eines Tages bei Anchitos, da stürzte mit geschwungenem Schwerte ein Rasender in den Saal. Empedokles erhob sich, streckte den Arm vor und sprach die Verse des Homer über das Zaubermittel Nepenthes, das die Sinne betäubt. Und der Rasende ward unverzüglich von der Wirkung des Nepenthes ergriffen, daß er mit seinem hocherhobenen Eisen wie ein Stock stand — nicht anders, als wäre ihm das süße Gift in den schäumenden Krug gemischt worden und er hätte daraus getrunken.
Aus den Stadttoren kamen ihm die Leidenden entgegen, er war immer von einer Menge siechen Volks umringt. Auch Weiber liefen hinter ihm her. Sie küßten den Saum seines kostbaren Talars. Eine unter ihnen, die Tochter eines Edeln von Agrigent, hieß mit Namen Panthea. Sie war für den Dienst der Artemis bestimmt worden, doch sie entfloh vor dem kalten Standbilde und weihte dem Empedokles ihre Jungfräulichkeit. Man merkte aber nichts von der Liebe der beiden, denn Empedokles blieb allezeit der fühllose Gott. Er brachte seine Worte niemals anders vor als in gebundener Rede und in jonischer Mundart, obgleich das Volk und seine Jüngerschaft sich des Dorischen bedienten. Jede Regung seines Körpers war priesterlieh. Er kam den Menschen nur im Segen und als Arzt nahe. Meistens verhielt er sich schweigend. Keiner von seinem Gefolge hat ihn jemals schlafend gefunden. Er ließ sich immer nur als Gebieter erblicken.
Panthea kleidete sich in feineWolle und in Gold. Ihr Haar trug sie nach der üppigen Sitte von Agrigent, der Stadt, darin das Leben leicht hinfloß. Ihre Brüste waren durch einen roten Gürtel gehalten, und die Sohlen ihrer Sandalen waren mit Wohlgerüchen gebeizt. In allem war sie so schön wie hochgewachsen und von begehrenswertester Hautfarbe. Ob Empedokles sie wirklich geliebt hat, ist unsicher, sicherlich aber hatte er Mitleid mit ihr. Der Hauch von Asien herüber brachte die Pest in die sizilischen Gefilde. Gar viele berührte damals der schwarze Finger dieser Geißel. Sogar Tierleichen sah man am Rain der Wiesen liegen, und da und dort räudige Lämmer, tot, und die offenen Mäuler gegen den Himmel gerichtet, die Rippen hochgebogen. Auch Panthea wurde gar elend von der Seuche. Sie sank hin und tat den letzten Seufzer vor den Füßen des Empedokles. Die Leute daneben hoben den starren Leib auf und wuschen ihn mit gewürztem Weine. Sie lösten den roten Gürtel, der die jungen Brüste umschloß, und umwickelten den Leib mit Bändern. Ihr klaffender Mund wurde durch eine Binde zusammengezogen, und ihre leeren Augensterne spiegelten nicht länger das Licht.
Empedokles blickte sie an, nahm den Goldreif von seiner Stirn und setzte ihr ihn auf. Dann legte er auf ihre Brüste den Kranz des seherischen Lorbeers, sang fremdartige Verse, die von der Seelenwanderung handelten, und gebot ihr zu dreien Malen, aufzustehn und vor ihm zu wandeln. Alle ringsum ergriff ein Schrecken. Beim dritten Anruf schied Panthea aus dem Reiche der Schatten, ihre Glieder belebten sich, und sie erhob sich auf ihren Füßen, ganz eingewickelt noch in ihren Mumienverschnürungen. Und das Volk sah: Empedokles war ein Totenbeschwörer.
Da kam Pantheas Vater, Pysianaktes, den neuen Gott zu verehren. Unter den Bäumen im freien Feld wurden Tische aufgestellt und ihm Trankopfer dargebracht. Zu Seiten des Empedokles hielten sich Sklaven mit hochlodernden Fakkein. Wie bei den Mysterien verkündeten die Herolde das feierlich festliche Schweigen. Unvermutet zu der dritten Stunde erloschen die Fackeln, und alle Anbeter standen im Dunkeln. Eine gewaltige Stimme ließ sich vernehmen, die rief: „Empedokles.“ Als es wiederum hell ward, da war Empedokles unsichtbar geworden. Kein Mensch hat ihn je wiedergesehn. Ein Sklave berichtete mit den Gebärden des Schreckens, er habe einen roten Strich geschaut, der die Finsternis durchzogen habe in der Richtung gegen den Gipfel des Ätna. Die Jünger erklommen die kahlen Hänge des Berges beim ersten trüben Morgenschein. Der Krater spie eine Flammengarbe. Auf dem löcherigen Lava-Geländer, das den brennenden Abgrund umringt, fand sich, vom Feuer geschwärzt, eine eherne Sandale.
HEROSTRAT
Ein Feind des Heiligen
ephesus, die stadt, die den herostrat hervorgebracht hat, lag weithin ausgedehnt an der Mündung des Kaistros und reichte mit ihren beiden Flußhäfen bis an die Panormischen Ausladeplätze, von wo aus man über das tiefblaue Meer den nebligen Schattenriß von Samos sichtete. Die Stadt war überreich an Goldund Wirkwaren, an Wollstoffen und an Rosen, seitdem die Magnesier mitsamt ihren Kriegshunden und ihrem Sklavenheer von Lanzenwerfern an den Ufern des Meanderstromes geschlagen waren, seitdem auch noch, von den Persern lahmgelegt, das großartige Milet hinschwand. Sie war eine wollüstige Stadt, die ihre Dirnen in dem Tempel der Aphrodite-Hetäre feierte. Die Bevölkerung kleidete sich in durchscheinende Gewänder von Amorgos, bevorzugte Mäntel aus gesponnener Wolle von Veilchen-, Purpur- und Safranfarbe, Umwürfe, grünlich wie unreife Äpfel, auch in Weiß und in Rosa, hyazinthenblaue ägyptische Stoffe, feuerflammig oder in den wechselnden Tönen des Meeres, und Gewebe persischer Herkunft, engmaschig und doch leicht, mit ihrem scharlachnen Grund, ganz übersät von Körnchen lautersten Goldes. Zwischen dem Prionenberg und einer zerklüfteten Steilküste, am Ufer des Kaistros, erhob sich das große Heiligtum der Diana von Ephesus. Zu seiner Errichtung hatte man hundertundzwanzig Jahre gebraucht. Die inneren Gemächer waren mit ungefügen Gemälden ausgestattet, das Deekengebälk war Ebenholz und Zeder. Die massigen Säulen, die es stützten, hatten eine Lasur von Mennig. Das Gemach der Göttin aber war von geringem Umfang und länglichrund. In seiner Mitte erhob sich ein schwarz glänzender Kegel, ein Wunderstein mit kleinen güldenen Monden: er stellte die leibhaftige Artemis dar. Aus dem gleichen schwarzen Basalt war auch das Dreieck des Altars gehauen. Andere Altäre, aus schwarzen Platten errichtet, waren planmäßig durchlöchert, um das Blut der Opfer hindurchzulassen. An den Wänden hingen breite Stahlklingen, goldgestielt, die dazu dienten, die Kehlen durchzuschneiden, auf dem blanken Boden lagen blutige Streifen. Der gewaltige düstere Stein hatte viele harte Brüste mit Brustwarzen. Dieses war die Diana von Ephesus. Ihre Gottheit verlor sich in der Nacht Ägyptens, jetzt aber wurde sie nach persischem Gesetz verehrt. Sie verfügte über einen Schatz, aufbewahrt in einer Art grüngestrichenem Bienenkorb: das Innere, in Pyramidengestalt, starrte von ehernen Nägeln. Darin, zwischen Ringen, Riesenmünzen und Rubinen, lag die Handschrift des Heraklit, der die Herrschaft des Feuers verkündet hat. Der Weise hatte die Schrift eigenhändig dort niedergelegt, unten auf den Grund der Pyramide, zur Zeit, als sie aufgebaut wurde.
Die Mutter des Herostrat war heftigen Gemüts und voll Hochmut. Seinen Vater kannte er nicht. Herostrat gab sich späterhin für einen Sohn des Feuers aus. Er trug unter seiner linken Brust ein Muttermal in Gestalt eines Halbmonds; als man ihn folterte, schien es in Brand zu geraten. Die Frauen in seiner Geburtsstube sagten voraus, daß er ein Sklave der Artemis sein werde. Er war jähzornig und sein Leben lang ohne Geschlechtsliebe. Sein dunkelfarbi ges Gesicht war von rätselhaften Linien wie zerrissen. Schon als Kind verweilte er am liebsten an der Küste bei dem Artemision. Er sah den Opferzügen zu, wie sie vorbeikamen. Doch wegen der Zweifel über seine Abstammung nahm man ihn nicht in die Priesterschaft der Göttin auf, für deren Geweihten er sich hielt. Die Priesterschaft mußte ihm zu wiederholten Malen den Eintritt in die innere Halle verwehren, wo er hoffte, den kostbaren gewichtigen Schleier zu lösen, der die Göttin umhüllte. Durch dieses Verbot wurde er ganz gehässig, er schwor sich zu, das Geheimnis zu brechen.
Sein Name Herostrat schien ihm unvergleichlich mit jedem andern, und er hielt dafür, daß seine eigne Person die ganze Menschheit überrage. Er gierte nach Ruhm. Zuerst schloß er sich den Philosophen aus der Schule des Heraklitan; doch diese kannten die geheime Wissenschaft selber nicht, da sie der Meister in die kleine Pyramidenzelle des Artemisschatzes versperrt hatte. Herostrat zog also nur seine eigenen eigenwilligen Schlüsse aus der Lehrmeinung des Meisters. Insbesondere verhärtete er sich gegen den rings sichtbaren Reichtum. Die willfährigen Dirnen waren ihm aufs äußerste zuwider. Man nahm an, er wolle sich für die Göttin rein bewahren. Aber Artemis erbarmte sich seiner nicht. Dem Greisenrat, der den Tempel verwaltete, schien er verdächtig. Mit Erlaubnis des persischen Statthalters wurde er in die Vorstadt verbannt. Da lebte er an den Hängen des Koressos in einer Höhle aus der Zeit der Vorfahren. Von da aus spähte er des Nachts nach den ewigen Lampen des Heiligtums. Es gibt Vermutungen, kundige Perser hätten ihn damals aufgesucht und oft lange Unterhaltungen mit ihm gepflogen. Aber es hat mehr für sich, daß ihm sein Schicksal ganz plötzlich offenbar wurde.
Er gestand auf der Folter, mit einem Schlage sei ihm der Sinn des Heraklitwortes aufgegangen, „die Bahn hinauf“, und warum der Weise gelehrt habe, daß gerade die ausgedörrteste Seele die beste, am ehesten entflammbare sei. In diesem Sinn hielt er seine eigne Seele für die vollkommenste von allen, und er habe dies kund tun wollen. Dieser Ehrgeiz, diese Freude am Anhören seines eigenen Namens hätten ihn zu seiner Tat veranlaßt, und kein andrer Beweggrund. Er sagte auch, er ganz allein wäre der wahre Selbstherrscher, da er von keinem bekannten Vater stamme, Herostrat trage seine Krone nur von Herostrat, Herostrat sei ein Kind seines eigenen Werkes, und daß sein Werk das Wesen der Welt in sich schließe: auf diese Art wäre er alles zugleich gewesen, König, Weiser und Gott, einzigartig unter den Menschen.
In der Nacht zum 21. Juli 356, als der Himmel ohne Mond war und der Trieb des Herostrat eine ganz außerordentliche Heftigkeit angenommen hatte,faßte er seinen Entschlußen der Artemis geheimes Gemach einzubrechen. Er klomm heimlich durch die Schlucht nach dem Ufer des Kaistros, dort erstieg er die Treppe zum Tempel. Die Wächter der Priester schliefen neben den heiligen Leuchtern. Herostrat ergriff eine solche Lampe und drang in die Halle ein.
Ein starker Nardenduft empfing ihn hier drinnen. Die dunkeln Querbalken der Ebenholzdecke glänzten auf. Das länglichrunde Gemach war durch einen mit Gold- und Purpurfäden bestickten Vorhang abgeteilt, dahinter war die Göttin verborgen. Herostrat, in atemberaubender Wollust, riß die Tücher zur Seite. Im Lichte der Lampe reckte sich der furchtbare Kegel mit den spitzen Brüsten. Herostrat griff an die Brüste mit beiden Händen und drückte den göttlichen Stein wild an sich. Dann ging er im Kreis um ihn herum, dabei entdeckte er die grüne Pyramide, die den Schatz enthielt. Er zerrte an den ehernen Nägeln des Verschlusses, und dieser gab nach. Da badete er seine Finger in den unberührten Schätzen. Aber er nahm bloß die Papyrusrolle heraus mit den Versen von der Hand des Heraklit. Im Lichte der ewigen Lampe las er die Verse, und nichts blieb ihm länger dunkel. „Feuer!“ rief er da, „Feuer!“
Er griff nach dem Vorhang der Artemis, zog ihn heran und brachte den flammenden Docht in die Nähe des unteren Saumes. Das Gewebe entzündete sich vorerst langsam; dann aber, von den würzigen Ölen, womit es getränkt war, genährt, stieg die Flamme bläulich hinauf in das kostbare Gebälk. Der furchtbare Kegel spiegelte den Brand wider.
Das Feuer wand sich um die Kapitäle der Säulen, verbreitete sich an den Gewölben. Die goldenen Weihetafeln der gewaltigen Artemis stürzten eine um die andre aus ihrer Höhe herunter auf die Steinfliesen, metallisch erklingend. Dann brach die Feuerblume hervor aus dem Dach und erhellte die Küste. Die ehernen Ziegel fielen ab. Herostrat stand aufrecht in dem Glanze und schrie seinen Namen in die Nacht. Das ganze Heiligtum wurde ein roter Flammenhaufen inmitten der Finsternis. Die Wachen ergriffen den Täter. Man mußte ihn knebeln, eh er es unterließ, seinen Namen auszubrüllen. Man band ihn und verwahrte ihn Während des Brandes in einem Keller.
Artaxerxes übersandte unverzüglich den Befehl zur Folter. Herostrat wollte nichts als das bereits Bekannte gestehn. Die zwölf jonischen Städte verboten bei Todesstrafe, den Namen des Herostrat der Nachwelt zu überliefern. Und doch hat ihn die Sage auf uns gebracht. In der Nacht, da Herostrat den Tempel von Ephesus verbrannte, kam Alexander zur Welt, der König von Mazedonien.
KRATES
Ein Zyniker
er kam in theben zur welt, er wurde schü -ler des Diogenes und kannte auch den Alexander. Sein Vater Askondas war begütert und hinterließ ihm zweihundert Talente. Es geschah aber, daß Krates imTheater bei einem Stück des Euripides vor der Gestalt des Myserkönigs Telephos, der als zerlumpter Bettler und mit einem Korb in der Hand auftrat, seiner Berufung inne wurde. Er erhob sich von seinem Platz und verkündete mit lauter Stimme, er werde seine Erbschaft von zweihundert Talenten verteilen; wer wolle, könne sie haben, und daß er sich von jetzt ab mit der Tracht des Telephos begnügen werde. DieThebaner lachten toll und versammelten sich vor seinem Haus; er aber lachte noch toller. Er warf Geld und Hausrat zum Fenster hinaus, nahm einen groben Mantel und einen Quersack und machte sich auf und davon.
In Athen eingetroffen, schlenderte er durch die Straßen oder setzte sich hin, den Rücken gegen die Mauer gelehnt, mitten in den Kot hinein. Er verwirklichte die Ratschläge des Diogenes. Dessen Tonne aber erschien ihm überflüssig. Denn nach Krates war der Mensch weder eine Schnekkenochein Einsiedlerkrebs. Erbehagtesichsplitternackt im Kehricht, sammelte Brotkrusten,angefaulte Oliven und Fischgräten und füllte seinen Quersack damit. Er sagte, dieser Sack sei eine reiche üppige Stadt, ohne Schmarotzer und ohne Dirnen, und sie werfe ihrem Herrn eine hin reichende Steuer ab: Thymian, Lauch, Feigen und Brot. So trug Krates sein Reich auf seinem Rücken und zog seine Nahrung daraus.
Er kümmerte sich nicht im geringsten um die Staatsangelegenheiten, nicht einmal, um sie zu bespötteln, und gab sich nicht den Anschein von Mut gegen die Gewaltherrscher. Er billigte keineswegs die Handlungsweise des Diogenes, der einesTags aufbrüllte: „Männer hierher!“ und die daraufhin Herbeieilenden mit dem Stock wieder hinwegprügelte, wobei er ihnen zuschrie: „Ich habe doch, Männer‘ gerufen und nicht,Abschaum der Menschheit‘.“ Krates ging mit den Leuten sanft um. Ihm galt alles gleich. Die Wunden waren ihm Gewohnheit geworden. Er bedauerte nur sehr, keinen so gelenken Körper zu haben, daß er sie hätte belecken können, wie es die Hunde tun. Er beklagte auch, daß man das Essen und Trinken nötig habe. Der Mensch, so dachte er, müßte eigentlich mit sich selbst auskommen, ohne jeden Beistand von außen. Zum mindesten kam er ohne Wasser zum Waschen aus. Er begnügte sich, wenn ihn der Schmutz belästigte, seinen Leib an den Hauswänden zu scheuern, da er bemerkt hatte, daß die Esel auch nicht anders handeln. Von den Göttern sprach er selten, er beunruhigte sich ihretwegen nicht: es war ihm gleich, ob es Götter gibt oder nicht, er wußte wohl, daß sie ihm nichts anhaben konnten. Höchstens warf er ihnen vor, sie hätten die Menschen absichtlich elend gemacht, da sie deren Gestalt zum Himmel hochgerichtet und sie damit der Fähigkeit beraubt haben, die den meistenTieren eignet: sich auf vier Gliedmaßen fortzubewegen. Haben die Götter schon einmal entschieden, daß man essen muß, so hätten sie auch, meinte Krates, dem Menschen das Gesicht zum Boden wenden müssen, wo die Wurzeln sprießen: man kann sich ja nicht von der Luft oder von den Sternen nähren.
Das Leben war ihm nicht gnädig. Seine Augendrüsen erkrankten unter der beständigen Einwirkung des scharfen attischen Staubes. Eine neue Hautkrankheit übersäte ihn mit Pusteln. Er kratzte sich mit seinen Nägeln, die er nie abkaute, und bemerkte, daß er zweifach gewinne, da er dabei erstens die Nägel abwetze und zweitens sich auch noch Erleichterung verschaffe. Sein langes Haupthaar wurde zu einem dicken Filz, und er schob es auf seinem Kopf zurecht, wenn er sich vor Regen oder vor Sonne schützen wollte.
Als ihn Alexander aufsuchte, erfreute ihn Krates keineswegs durch treffende Aussprüche, er sah ihn an, wie er alle andern ansah, ohne zwischen König und Nicht-König zu unterscheiden. Krates hatte keineStellungzu den Machthabern. Sie waren ihm so wenig wichtig wie die Götter. Wichtig war ihm allein der Mensch, und wie man auf eine möglichst einfache Art leben könnte. Die Mahnreden des Diogenes fand er lächerlich, nicht minder dessen Pläne zur Sittenverbesserung. Krates fühlte sich unendlich erhaben über solche wohlfeilen Sorgen. Den Leitsatz im Giebelfeld des Tempels zu Delphi veränderte er in die Worte: „Lebe dich selbst.“ Die Vorstellung, daß es irgendeine Erkenntnis gäbe, erschien ihm sinnlos. Er untersuchte nur eines: wie sich sein Leib zu den Bedürfnissen seines Leibes verhielte, und war bemüht, diese Bedürfnisse nach Möglichkeit einzuschränken. Diogenes konnte beißen wie die Hunde, Krates aber ganz so leben wie sie.
Er hatte einen Schüler, der hieß Metrokies und war ein reicher junger Mann aus Maronea. Seine Schwester Hipparchia, so schön und vornehm sie war, verliebte sich in den Krates. Es steht fest, daß sie von Liebe zu ihm ergriffen war und ihm nachlief. Die Tatsache erscheint unmöglich, ist aber gesichert. Sie ließ sich durch nichts abschrecken, durch keinen Schmutz, durch keine gänzliche Armut, nicht einmal durch den Schauder vor einem Leben in solcher völligen Öffentlichkeit. Krates warntesie: erlebe nach der Weise der Hunde auf der Gasse und stöbere nach den Knochen in den Kehrichthaufen. Er erklärte ihr, daß sich ihr Leben vor aller Augen abspielen werde und er sie besitzen würde vor allen Leuten, wann immer ihn die Lust dazu ankäme, genau so, wie die Hunde es mit den Hündinnen treiben. Das alles erwartete sich Hipparchia nicht anders. Ihre Eltern wollten ihr nicht nachgeben, da drohte sie mit Selbstmord. Sie hatten Mitleid mit ihr. Hipparchia verließ also das Städtchen Maronea, gänzlich entblößt, mit hängendem Haar, nur mit einer alten Decke versehn, und sie lebte mit Krates und trug sich wie er. Er soll auch ein Kind von ihr gehabt haben, Pasikles; doch weiß man nichts Sicheres darüber.
Die genannte Hipparchia war anscheinend gütig zu den Armen, und voll Teilnahme; sie streichelte die Kranken; sie leckte ohne jeden Ekel die blutenden Wunden der Leidenden, in dem Gefühl, diese seien für sie das, was die Schafe für die Schafe sind und die Hunde für die Hunde. War es kalt, so legten sie sich zu den Ärmsten, eng an sie gepreßt, und gaben sich Müh, ihre Leibeswärme mit ihnen zu teilen. Wortlos gewährten sie ihnen ihre Hilfe, so wie die Tiere einander helfen. Sie waren, ohne irgendeinen zu bevorzugen, gleich gut gegen alle ihre Nächsten. Wenn es nur Menschen waren.
So viel ist uns über das Weib des Krates überliefert; wir wissen nicht, wann sie starb, noch wie. Ihr Bruder Metrokies bewunderte den Krates und eiferte ihm nach. Doch fehlte ihm die Ruhe. Seine Gesundheit war gestört durch beständige Blähungen, die er nicht an sich zu halten vermochte. Er war ganz verzweifelt und beschloß, sich zu töten. Krates erfuhr von seiner unglücklichen Lage und wollte ihn trösten. Er aß eine Unmenge von Wolfsbohnen und ging zu ihm. Er stellte ihm die Frage, ob es bloß die Scham über sein Leiden sei, die ihn derart betrübe. Metrokles gab zu, daß er dieses unanständige Geschick nicht ertragen könne. Da ließ Krates, aufgebläht von den Bohnen, vor seinem Schüler einen Wind nach dem andern streichen und versicherte ihm, das Menschengeschlecht sei diesem Übel von Natur aus unterworfen. Darauf hielt er ihm vor, daß er sich vor andern geschämt habe, und verwies ihn auf sein eigenes Beispiel. Dann ließ er noch einige Winde streichen, nahm seinen Schüler bei der Hand und führte ihn mit sich fort.
Beide blieben nun lange Zeit beisammen in den Straßen von Athen, sicherlich noch mit Hipparchia. Sie wechselten kaum Worte miteinander. Es gab nichts, dessen sie sich geschämt hätten. Wenngleich die Hunde denselben Kehrichthaufen durch wühlten, wagten sich die Tiere doch nicht an sie. Man darf aber annehmen, daß sie, etwa von Hunger geplagt, mit Bissen übereinander hergefallen sind. Jedoch die Geschichtschreiber haben nichts dergleichen berichtet. Wir wissen dafür, daß Krates sehr alt wurde; daß er sich zum Schluß nicht mehr von der Stelle bewegte, hingelagert unter dem Schutzdach eines Hafenspeichers, der den Seeleuten zur V erstauung ihrer Ballen diente; daß er es unterließ, einem Knochen zum Benagen fernerhin nachzulaufen, daß er nicht einmal mehr den Arm ausstrecken wollte, und daß man ihn eines Tages ausgedörrt auffand, verhungert.
SEPTIMA
Eine Zauberin
septima war sklavin unter afrikanischer Sonne, in der Stadt Hadrumet. Und ihre Mutter war Sklavin, und die Mutter ihrer Mutter war Sklavin, und sie alle waren schön und dunkel, und die Unterirdischen hatten ihnen das Geheimnis der Liebes- und der Todestränke offenbart. Die Stadt Hadrumet erglänzte weiß, und die Mauern des Hauses, in dem Septima wohnte, schimmerten zitterig rosa. Der Sandstrand war besät mit Muscheln, wie sie die laue See an die Gestade Ägyptens heranspült, bis an das Delta, wo die sieben Mündungen in sieben verschiedenen Farben den Nilschlamm anschwemmen. In dem Haus am Meer, in dem Septima lebte, hörte man den Silbersaum des Mittelmeers verebben, und von seiner Schwelle aus entfaltete sich ein Fächer strahlend blauen Lichtes bis an den Himmelsrand. Die Innenflächen der Hände Septimas waren mit rotem Gold überzogen und die Spitzen ihrer Finger geschminkt; ihre Lippen dufteten nach Myrrhe, ihre gesalbten Augenlider wippten sanft.So schritt sie auf dem Weg nach der Vorstadt, am Arm einen Korb mit frischem Brot für die ackerbauenden Mitsklaven. Septima entbrannte in Liebe zu einem freien jungen Mann, Sextilius mit Namen, dem Sohn der Dionysia. Aber denen, die die unterweltlichen Geheimnisse kennen, ist es nicht erlaubt, sich zu verlieben: denn untertan sind sie dem Gegner der Liebe, der sich Anteros nennt. Und wie Eros dem Funkeln der Augen die Richtung gibt und die Pfeile immer wirksamer zuspitzt, so lenkt Anteros die Blicke zur Seite und stumpft die Schärfe der Liebeswaffen ab. Er ist ein wohltätiger Gott und hat seinen Sitz mitten unter den Toten. Er ist nicht grausam wie der andere. Er verfügt über das Zaubermittel Nepenthes, das Vergessen gewährt. Und da er weiß, daß die Liebe das ärgste aller irdischen Leiden ist, haßt er und heilt er die Liebe. Doch hat er nicht die Macht, Eros aus dem Herzen zu verjagen, wenn dieser es bereits innehat. Also ergreift er das andre Herz. Auf diese Art bekämpft Anteros den Eros. Und darum konnte Sextilius die Septima nicht wiederlieben. Sobald Eros seinen Brand in den Busen der Zauberkundigen versenkt hatte, bemächtigte sich der beunruhigte Anteros des jungen Mannes, den sie lieben wollte.
Doch Septima erkannte den Anteros-Einfluß an den zur Erde gewendeten Augen des Sextilius. Und als die Abendluft im Purpurschein erzitterte, verließ sie das Haus und schritt aus auf der Straße, die von Hadrumet bis ans Meer führt. Es ist eine stille Straße, auf der die Liebespaare, an die glatten Mauern der Gräber gelehnt, Dattelwein trinken. Ein leichter Ostwind durchduftet mit seinem Hauch die Totenstadt. Der Neumond, noch umwölkt, beginnt unsicher darüber hinzuhuschen. Viele eingemummte Tote herrschen in ihren Gräbern in der Umgebung von Hadrumet. Und dort auch schlief Phoinissa, Septimas Schwester, Sklavin wie sie, und sie starb in ihrem sechzehnten Jahr, eh noch ein Mann ihren Odem eingeatmet hatte. Das Grab der Phoinissa war schmal wie ihr Leib. Der Stein drückte auf ihre Brüste, die mit Bandstreifen umwunden waren. Angepreßt an ihre kleine Stirn hielt eine längliche Platte ihren hohlen Blick gefangen. Den verdunkelten Lippen entströmte noch der Aushauch der würzigen Stoffe, womit man sie durchtränkt hatte. An ihrer unwissenden Hand glänzte ein Ring von grünem Gold mit zwei fahlen trüben Rubinen. Sie träumte in die Ewigkeit hinein ihren fruchtlosen Traum von den Dingen, die ihr fremd geblieben waren.
Unter der jungfräulichen Weiße des Neumonds ließ sich Septima an dem engen Grab ihrer Schwester zu Boden fallen und lag hingestreckt auf der guten Erde. Sie weinte und rieb ihr Gesicht an dem Kranzgewinde von Stein. Und sie näherte ihren Mund der Öffnung, durch die man die Trankopfer darbringt, und ihre Leidenschaft brach also aus:
„O meine Schwester,“ sagte sie, „wende dich ab von deinem Schlaf und höre mich an. Das Lämpchen, das die ersten Stunden der Toten erhellt, ist erloschen. Du ließest das schillernde Glasfläschchen, das wir dir mitgegeben haben, aus deinen Fingern gleiten. Der Faden deiner Halskette ist zerrissen, und die Goldperlen liegen zerstreut um deinen Hals. Nichts von uns ist mehr dein, du bist im Besitz dessen, der einen Sperberkopf trägt. Höre mich, denn du hast die Fähigkeit, meine Worte zu erfassen. Such ihn auf, den Ort, den du kennst, und flehe zu Anteros. Flehe zur Göttin Hathor. Flehe zu dem, dessen zerstückter Leichnam vom Meere hingetragen wurde in einem Schrein bis nach Byblos. Meine Schwester, hab Erbarmen mit einem Weh, das du nicht erfahren hast. Im Namen der sieben Sterne der Chaldäischen Magier beschwöre ich dich. Im Namen der unterweltlichen Gewalten, die man in Charthago anruft, in Iao, Abriao, Salbaal, Bathbaal, in ihrem Namen nimm meine Beschwörung entgegen. Bewirke, daß Sextilius, der Sohn der Dionysia, sich in Liebe verzehre zu mir, der Septima, der Tochter unsrer Mutter Amoena. Er soll entbrennen in der Nacht; er soll mich suchen hier an deinem Grab, o Phoinissa! Oder zieh uns hinab alle beide in die finstere unentrinnbare Klause. Bitte Anteros, er soll unsern Atem vereisen, wenn er dem Eros verwehrt, ihn zu erhitzen. Tote, von Wohlgerüchendurchdrungen, empfange die Opferspende meiner Stimme. Achrammachalala!“ Und allsogleich regte sich die Jungfrau in ihren Wickeln und drang hinunter unter die Erde, geöffneten Mundes.
Und Septima, von Scham erfüllt, trieb sich umher zwischen den Gräbern. Bis zur zweiten Nachtwache verweilte sie in der Gesellschaft der Toten. Sie spähte nach dem schwindenden Mond. Sie öffnete ihren Busen dem salzigen Biß des Seewindes. Die ersten goldenen Strahlen des Tages liebkosten sie. Dann kehrte sie heim nach Hadrumet, und hinter ihr flatterte ihr langes blaues Untergewand.
Indessen irrte die starre Phoinissa umher in den unterweltlichen Labyrinthen. Jedoch der mit dem Sperberkopf nahm ihre Klagen nicht entgegen. Und die Göttin Hathor verharrte ungebeugt in ihrer bemalten Hülle. Und Phoinissa vermochte den Anteros nicht zu finden, da ihr die Leidenschaft unbekannt war. In ihrem verwelkten Herzen aber fühlte sie das Mitleid der Toten mit den Lebenden. Da ließ sie in der nächsten Nacht, zu der Stunde, da die Mumien sich frei machen, um den Beschwörungen Folge zu leisten, ihre entfesselten Füße durch die Straßen von Hadrumet gehn.
Sextilius zuckte von Zeit zu Zeit im Schlafe stöhnend auf, sein Gesicht war zu der mit Ranken verzierten Decke des Zimmers gekehrt. Und Phoinissa, die Tote, eingerollt in die duftenden Streifen, setzte sich neben ihn. Sie hatte weder Gehirn noch Eingeweide; nur ihr Herz hatte man ihr ausgetrocknet in die Brust gelegt. Und in diesem Augenblick begann Eros den Kampf gegen Anteros und ergriff Besitz von dem Balsam-Herzen der Phoinissa. Alsogleich begehrte sie den Leib des Sextilius und wünschte, daß er ruhen möge zwischen ihr und ihrer Schwester Septima in der unterweltlichen Klause.
Phoinissa drückte ihre farbevollen Lippen auf den lebenden Mund des Sextilius, und das Leben entwich ihm wie eine Luftblase. Dann begab sie sich in die Sklavenkammer der Septima und nahm sie bei der Hand. Und Septima, entschlafen, widerstand nicht der Hand ihrer Schwester. Und der Kuß der Phoinissa und der Händedruck der Phoinissa ließ fast zu derselben Stunde der Nacht Septima sterben und Sextilius. So düster endete der Wettstreit zwischen Eros und Anteros; die unterweltlichen Machthaber empfingen zugleich die Sklavin und den freien Mann.
Sextilius liegt begraben in der Totenstadt Hadrurnet, zwischen der Zauberin Septima und ihrer jungfräulichen Schwester Phoinissa. Der Text der Beschwörung ist in ein Bleitäfelchen geritzt, zusammengerollt und mit einem Nagel durchbohrt, so wie es die Beschwörerin durch die Öffnung für die Trankopfer hinabgesenkt hat in das Grab ihrer Schwester.
Pulsuz fraqment bitdi.