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Kitabı oxu: «Deportiert auf Lebenszeit»

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Buch 1

Prolog

Am Abend des dritten Mai 1827 ereignete sich in dem Garten des großen, rothen Hauses mit Bogenfenstern, das »Nordend-Haus« genannt wird und von ausgedehnten Gärten und Parks umgeben, aus der östlichen Erhöhung der Hampstead-Heide zwischen dem Finchley-Wege und der Kastanien-Allee liegt – eine jener Familien-Tragödien, die den Dramatikern Stoff zu einem Trauerspiel und den Schriftstellern Stoff zu einem Roman liefern. Drei Personen standen auf dem Rasenplatz. Die Eine war ein alter Mann, dessen weißes Haar und gefurchtes Gesicht Zeugniß gab, daß er wenigstens sechzig Jahre alt war. Er stand hochaufgerichtet da, mit dem Rücken gegen die Mauer, welche den Garten von der Heide trennt, in der Stellung eines Mannes, der plötzlich in Leidenschaft gerathen ist. Er hielt seinen Ebenholzstock, auf den er sich sonst stützte, hoch erhoben. Ihm gegenüber stand ein junger Mann von zweiundzwanzig Jahren, ungewöhnlich groß und stark von Gestalt, der, in grobe Seemannstracht gekleidet, in Seinen Armen, wie beschützend, eine Dame in mittleren Jahren hielt. Das Gesicht des jungen Mannes trug einen Ausdruck von staunendem Entsetzen und die zarte Gestalt der grauhaarigen Dame war von Schluchzen erschüttert. Diese drei Personen waren Sir Richard Devine, seine Frau Lady Devine und sein einziger Sohn Richard, der erst diesen Morgen aus der Ferne nach Hause zurückgekehrt war.

»So, Madame,« sagte Sir Richard in jenem hohen Tone, der selbst den Gefaßtesten unter uns in Augenblicken großer Gemüthsaufregung eigen ist, – »so sind Sie also zwanzig Jahre lang eine lebende Lüge gewesen! Zwanzig Jahre lang haben Sie mich betrogen und verspottet. Zwanzig Jahre lang haben Sie in Gesellschaft eines vornehmen Schurken, dessen Name ein Ausdruck für Alles Liederliche und Gemeine ist, über mich gelacht und mich für einen leichtgläubigen, gehörnten Narren gehalten! Und jetzt, nun ich meine Hand erhebe gegen diesen leichtsinnigen Burschen, jetzt bekennen Sie Ihre Schande und rühmen sich dieses Geständnisses!«

»Mutter, Mutter, liebe Mutter,« rief der junge Mann in leidenschaftlichen Schmerz, »sage, daß Deine Worte nicht wahr sind , sage, daß Du sie nur im Zorn sprachst! Sieh, jetzt bin ich ruhig und er kann mich schlagen, wenn er will.«

Lady Devine schauerte zusammen und suchte sich an der breiten Brust ihres Sohnes zu verbergen. Der alte Mann fuhr fort: »Ich heirathete Dich, Ellinor Wade, wegen Deiner Schönheit, Du heirathetest mich wegen meines Vermögens. Ich war ein Plebejer, ein Schiffszimmermeister, was Du willst. Du warst edelgeboren; Dein Vater war ein Mann nach der Mode, ein Spieler, ein Freund von liederlichen Menschen und Verschwendern. Ich war reich. Man hat mich zum Ritter geschlagen. Ich war bei Hofe in Gunst. Er brauchte Geld und verkaufte Dich. Ich bezahlte den Preis den er forderte, aber es stand nichts von dem Vetter, dem Lord Bellasis und Wotton in dem Vertrage.«

»Schonen Sie meiner, schonen Sie meiner,« sagte Lady Ellinor leise.

»Sie schonen! Ach, haben Sie mich geschont? Hören Sie,« schrie er in plötzlicher Wuth, »ich lasse mich nicht so leicht zum Narren halten. Ihre Familie ist stolz. Oberst Wade hat noch mehr Töchter. Ihr Liebhaber, Lord Bellasis denkt jetzt gerade daran, sein zerrüttetes Vermögen durch eine vortheilhafte Heirath wieder herzustellen. Sie haben Ihre Schande gestanden. Gut. Morgen soll Ihr Vater, sollen Ihre Schwester, die Welt soll die Geschichte hören, die Sie mir so eben erzählt haben!«

»Beim Himmel, Herr, das wird nicht geschehen!« rief der junge Mann.

»Schweig, Bastard!« schrie Sir Richard. »Ha, beiße nur auf Deine Lippen, das Wort hat Deine kostbare Mutter erfunden.«

Lady Ellinor glitt aus ihres Sohnes Armen und fiel aus ihre Knie zu ihres Gatten Füßen.

»Thue das nicht, Richard. Ich bin Dir zweiundzwanzig Jahre lang treu gewesen. Ich habe alle Beleidigungen und Kränkungen ertragen, die Du auf mich gehäuft hast. Das schmachvolle Geheimniß meiner jungen Liebe verrieth sich, als Du in Deiner Wuth ihn bedrohtest. Laß mich von Dir gehen. Laß Dich von mir scheiden, tödte mich, aber belaste mich nicht mit der Schande.«

Sir Richard, der sich schon zum Gehen gewandt hatte, hielt plötzlich an und seine großen, weißen Augenbrauen zogen sich wild über dem rothen Gesicht zusammen. Er lachte und in diesem Lachen schien seine Wuth in kalten, grausamen Haß überzugehen.

»Sie wollen Ihren guten Namen bewahren, Sie wollen Ihre Schande vor der Welt verbergen. Ihr Wunsch soll erfüllt werden, aber nur unter einer Bedingung.«

»Welche Sir?« fragte sie zitternd vor dem unbestimmten, entsetzlichen Etwas, halb erhoben, die Arme herunterhängend und die Augen weit geöffnet.

Der alte Mann blickte sie einen Augenblick an und sagte dann langsam: »Daß dieser Betrüger, der fälschlicherweise so lange meinen Namen getragen mein Geld ungerechter Weise verschwendet und mein Brod ohne ein Recht darauf zu haben, gegessen, – daß er sich packe! Daß er für immer diesen angemaßten Namen ablege, aus meinen Augen gehe und nie wieder einen Fuß in mein Haus setze!«

»Du wirst mich doch nicht trennen von meinem einzigen Sohne!« rief das unglückliche Weib.

»So nimm ihn denn mit zu seinem Vater!«

Richard Devine löste sanft die Arme seiner Mutter, die um seinen Nacken geschlungen waren, küßte das bleiche Gesicht und wandte sein eigenes, nicht weniger bleich, zu dem alten Manne.

»Ich schulde Ihnen nichts,« sagte er, ,denn Sie haben mich immer gehaßt und zurückgestoßen. Als Sie mich durch Ihre Heftigkeit aus dem Hause trieben, hielten Sie sich Spione, die das von mir gewählte Leben bewachten. Ich habe nichts mit Ihnen gemein, das habe ich lange gefühlt. Jetzt, nun ich zum ersten Mal höre, wessen Sohn ich bin, freue ich mich, daß ich Ihnen noch weniger Dank schuldig bin, als ich glaubte. Ich nehme die Bedingungen an, die Sie anbieten. Ich will gehen. – Nein – Mutter, denke an Deinen guten Ruf.«

Sir Richard Devine lachte auf. »Ich freue mich, daß Du so gut gesinnt bist. Jetzt höre. Heute noch lasse ich Quaid holen, um mein Testament zu ändern. Meiner Schwester Sohn Maurice Frere soll an Deiner Stelle mein Erbe sein. Ich gebe Dir nichts. Du verlässest dies Haus binnen einer Stunde. Du änderst Deinen Namen; Du machst niemals durch Wort oder That einen Anspruch an mich oder die Meinigen. Unter keinem Vorwande der Noth oder der Armuth darfst Du es thun, selbst wenn Leben und Tod davon abhängen. In dem Augenblick, da ich höre, daß Jemand auf Erden lebt, der sich Richard Devine nennt, soll Deiner Mutter Schande öffentlich werden. Du kennst mich. Ich halte mein Wort. In einer Stunde kehre ich zurück, dann muß er gegangen sein, Madame.«

Und aufrecht, von Leidenschaft durchbebt, schritt er an ihnen vorüber, hinaus aus dem Garten, mit der Kraft, welche der Zorn verleiht. Er nahm den Weg nach; der Stadt.

»Richard,« rief die arme Mutter, »vergieb mir, mein Sohn, ich habe Dich in’s Verderben gestürzt.«

Richard Devine warf sein schwarzes Haar von seiner Stirn zurück, in leidenschaftlichem Kummer und zärtlicher Liebe.

»Mutter, liebe Mutter, weine nicht,« sagte er.

»Ich bin Deiner Thränen nicht werth. Vergieb! Ich, bin ungestüm und so undankbar während all dieser Jahre Deines Kummers, – ich brauche Vergebung. Laß mich Deine Bürde mittragen, damit sie Dir leichter werde. Er hat Recht. Ich muß gehen. Ich kann mir einen Namen erwerben, den ich ohne erröthen tragen kann und den Du ohne Erröthen hören sollst. Ich bin stark, ich kann arbeiten. Die Welt ist weit. Lebe wohl, meine theure Mutter!«

»Noch nicht! Ach sieh, er hat den Weg nach Belsize eingeschlagen. O Richard, bitte Gott, daß sie einander nicht begegnen.«

»Still, sie werden sich nicht begegnen. Du bist blaß und so schwach.«

»Ein Schrecken vor künftigem Unheil erfaßt mich. Ich zittere um der Zukunft willen. Richard, Richard, vergieb mir! Bete für mich!«

»Still, Liebste. Komm, laß mich Dich hineinführen. Ich werde schreiben. Ich werde Nachricht senden, ehe ich abreise. – Jetzt bist Du ruhiger, Mutter!«

* * *

Sir Richard Devine, Ritter, Schiffsbauer, Bau-Unternehmer und Millionär, war der Sohn eines Schiffszimmermeisters von Harwich. Er wurde früh zur Weise und hatte eine Schwester zu unterhalten. Sein einziger Lebenszweck wurde bald das Anhäufen von Geld. Unter dem Harwicher Bootschuppen hatte er vor fast fünfzig Jahren den Contrakt geschlossen, trotz des von allen Seiten ihm prophezeiten Mißlingens, eine Kriegschaluppe Hastings für die Lords von der Admiralität einer Majestät des Königs Georg des Dritten zu bauen. Dieser Contrakt war die scharfe Schneide, welche endlich den mächtigen Eichblock der Regierungs-Protektion in Dreidecker und Linienschiffe ; zerschnitt, welche gute Dienste thaten unter Pellew, Parker, Nelson und Hood. Weiter breitete Devine seine Thätigkeit aus und gelangte in die ungeheuren Docks zu Plymouth, Portsmouth und Sheerneß und die Früchte seiner Arbeit schiffte er in Gestalt von zahllosen Tonnen sinnigen Schweinefleisches und madigen Zwiebackes ein.

Der einzige Zweck des rohen, arbeitenden, hartköpfigen Sohnes von Dick Devine war, Geld zu machen. Er hatte zusammengekratzt und gescharrt, hatte gestrebt und sich geplagt, hatte den Staub geleckt von den Schuhen der großen Männer und sich in den Vorzimmern der Vornehmen herumgedrückt. Nichts war ihm zu niedrig, nichts war ihm zu hoch. Ein scharfer Geschäftsmann, ein vollendeter Meister in seinem Gewerbe, wenig beunruhigt von Bedenken der Ehre oder des Zartgefühls, machte er rasch Geld und sparte es, so wie er es gewann. Der erste Wink, der über seinen Reichthum in die Oeffentlichkeit drang wurde im Jahre 1796 gegeben, als es hieß, daß ein Mr. Devine, einer der Schiffscontraktoren der Regierung, ein verhältnißmäßig junger Mann von etwa vierundvierzig Jahren, fünftausend Pfund für die patriotische Anleihe unterschrieben hatte, welche erhoben wurde, um den französischen Krieg fortzusetzen. Im Jahre 1805, nachdem er gute und wie es hieß, nicht unvortheilhafte Dienste in dem Prozeß des Lord Melville, des Schatzkanzlers der Marine, geleistet hatte, verheiratete er seine Schwester an einen reichen Kaufmann von Bristol, einen gewissen Anthony Frere, und sich selbst verband er mit Ellinor Wade, der ältesten Tochter des Oberst Wotton Wade, eines Gefährten des Regenten und eines Onkels (durch Heirath) des als Verschwender und Gecken bekannten Lord Bellasis. Zu jener Zeit durch glückliche Spekulationen in Papieren, man flüsterte auch etwas von geheimen Nachrichten aus Frankreich während der stürmischen Jahre 13, 14 und 15 und durch rechtlichen Gewinn aus seinen Contrakten mit der Regierung, hatte er ein fürstliches Vermögen gesammelt und konnte in fürstlicher Pracht leben. Aber der alte Seemannsgeiz konnte nicht wieder so leicht abgeschüttelt werden und die einzige Art, wie er seinen Reichthum zeigte, war, daß er, als er geadelt war, das große aber behagliche Haus in Hampstead kaufte und sich öffentlich von den Geschäften zurückzog.

Seine Zurückgezogenheit war keine glückliche. Er war ein strenger Vater und ein eiserner Herr. Seine Diener haßten ihn und seine Frau fürchtete ihn. Sein einziger Sohn Richard schien des Vaters starren Willen und hochmüthige Art geerbt zu haben. Unter sorgfältiger Leitung und gerechter Hand hätte er wohl zum Guten geführt werden können. Da er aber draußen in der Welt sich selbst überlassen blieb und zu Hause durch das eiserne Joch des väterlichen Willens verbittert war, wurde er leichtsinnig und verschwenderisch. Die Mutter, die arme, schüchterne Ellinor, welche ihrer einzigen Liebe, ihrem Vetter Bellasis rauh entrissen war, versuchte, ihn zu ziehen, aber der eigensinnige Knabe, der zwar eine warme Liebe zu seiner Mutter besaß, wie sie solchen heftigen Naturen oft eigen ist, war nicht zu regieren und nach drei Jahren häuslichen Unfriedens war er auf den Continent gegangen, um dort das leichtfertige Leben fortzusetzen, das in London den geldscharrenden Vater so schwer beleidigt hatte. Darauf hatte Sir Richard nach Maurice Frere geschickt, seiner Schwester Sohn. Abschaffung des Sklavenhandels hatte das Bristol-Haus-Frere gänzlich ruiniert. Sir Richard kaufte seinem Neffen ein Patent in einem Linienregiment und ließ Winke fallen von künftigen Gunstbezeugungen. Diese offene Bevorzugung des Neffen hatte seine empfindliche Frau auf’s Lebhafteste gekränkt. Mit tiefem Schmerz verglich sie die vornehme Großmuth und Verschwendung ihres Vaters mit der genauen Sparsamkeit ihres Mannes. Zwischen den Häusern des Emporkömmlings Devine und des vornehmen Wotton Wade herrschte wenig Liebe. Sir Richard fühlte, daß der feine Edelmann ihn als einen Ritter der Handelsstadt verachtete und er wußte recht gut, daß bei dem Claret und bei den Karten Lord Bellasis und seine Freunde oft das harte Schicksal anklagten, das die schöne Ellinor einem so niedrigen Bräutigam überliefert hatte.

Armigell Esmé Wade, Viscount Bellasis und Wotton, war ein Geschöpf seiner Zeit. Von guter Familie (sein Ahnherr Armigell sollte in Amerika vor Gilbert oder Raleigh gelandet sein), hatte er den Herrensitz Bellasis oder Belsize von einem Sir Esmé Wade geerbt, der seiner Zeit Gesandter der Königin Elisabeth an den König von Spanien in der Angelegenheit des Mendoza gewesen und später Rath Jakobs des Ersten und Befehlshaber des Towers. Dieser Esmé war ein Mann von dunkeln Plänen. Er war es, der für Elisabeth mit Marie von Schottland unterhandelte ; er war es, der aus Cobham das Zeugniß gegen den großen Raleigh herausbrachte. Er wurde reich und seine Schwester (die Wittwe Heinrichs von Kirkhaven, Lord von Hemfleet) heirathete in die Familie der Wottons.

Der Reichthum des Hauses wurde ferner vermehrt durch eine Verbindung ihrer Tochter Sybille mit Marmaduke Wade. Derselbe war ein Lord der Admiralität und ein Patron von Pepys, der in seinem Tagebuche vom 17. Juli 1668 davon spricht, daß er ihn in Belsize besucht habe.

Er wurde im Jahre 1667 unter dem Titel eines Lord Bellasis und Wotton zum Pair erhoben und heirathete in weiter Ehe Anna, Tochter von Philipp Stanhope, zweitem Grasen von Chesterfield. Mit diesem mächtigen Hause verbunden, wuchs und blühte der Familienbaum der Wotton-Wade. Im Jahre 1784 heirathete Philipp, dritter Viscount, die berühmte Schönheit Miß Forvey und es stammte aus dieser Ehe Armigell Esmé, mit dessen Person die Familien-Klugheit ein Ende erreicht zu haben schien. Der vierte Lord Bellasis schien die Kühnheit des Abenteurers Armigell mit den üblen Anlagen des Tower-Kommandanten Esmé zu vereinigen. Kaum war er Herr des Vermögens geworden, so begann er zu würfeln, zu trinken und ausschweifend zu leben, wie immer nur das ausschweifende Jahrhundert es gestatten. Er war der Erste in allen Raufereien und der Bekannteste unter den Berüchtigten des Tages. Horace Walpole führt in einem Briefe an Selwyn von 1785 eine Thatsache an, die hier stehen mag – »Der junge Wade,« sagt er »soll in einer Nacht tausend Guineen an den gemeinsten aller Bourbonen, den Herzog von Chartres, verloren haben und der junge Narr ist noch nicht neunzehn Jahre alt.« Aus der Taube wurde ein Habicht und als Armigell Wade außer seinem Vermögen auch die Hoffnung auf den Besitz der einzigen Frau, die ihn hätte retten können, seiner Cousine Ellinor – verloren hatte, wurde er der unglücklichste aller Sterblichen, ein vornehmer Schuft. Als ihm Kapitain Wade mit seinen dünnen Lippen und kaltem Lächeln erzählte, daß der reiche Schiffbauer Sir Richard Devine eine Verbindung mit seiner schönen, blonden Ellinor begehre, schwor er mit zusammengezogenen Brauen, daß kein Gesetz im Himmel und auf der Erde ihn nun von seiner Verschwender-Laufbahn zurückhalten solle. »Sie haben Ihre Tochter verkauft und mich ruiniert,« sagte er. »Schreiben Sie sich selbst die Folgen davon zu.« Kapitain Wade spottete über seinen zornigen Verwandten. »Sie werden Sir Richards Haus sehr angenehm finden und für einen so erfahrenen Spieler wie Sie ist solch’ ein Haus ein ganzes Einkommen werth.« Lord Bellasis besuchte Sir Richards Haus während des ersten Jahres nach der Heirath seiner Cousine; als aber der Sohn geboren wurde, welcher der Held unsrer Geschichte ist, gab er vor, mit dem Handelsritter Streit gehabt zu haben, fluchte ihm vor dem Regenten und Poins als einem alten, elenden Geizknüppel, der weder würfeln noch trinken könne, wie es einem Edelmanne zukäme und suchte nun von Neuem seine alten, beliebten Plätze auf, stets im Kampfe mit dem Leben.

Im Jahre 1827 war er ein verhärteter, hoffnungsloser alter Mann von sechzig Jahren, gebrochen in seiner Gesundheit – und ruiniert in seinen Verhältnissen. Mit Hilfe von allerlei Toilettenkünsten aber und einigem Muth zeigte er der Welt noch dreist seine Stirn und speiste fröhlich in dem überschuldeten Belsize wie er es früher an der Tafel des Regenten gethan. Von allen Besitzungen des Hauses Wotton-Wade blieb ihm nur noch dies kahle Haus, von keinem Walde mehr umgeben, das er, als Herr, auch nur selten besuchte.

Am Abend des 3. Mai 1827 hatte Viscount Bellasis einem Tauben Wettflug in Hornsey beigewohnt und dem Vorschlage seines jungen Gefährten, Sir Lionel Crofton, eines leichtsinnigen Menschen, dessen Ruf bei den Wettrennen u.s.w. nicht der sicherste war, in die Stadt zu gehen, sich widersetzend, hatte er die Absicht geäußert quer über die Hampstead-Heide nach Belsize zu geben. »Denn,« sagte er, »ich habe eine Verabredung getroffen, bei den Tannen auf der Heide zu sein.«

»Mit einer Frau?« fragte Mr. Crofton.

»Durchaus nicht. Mit einem Prediger.«

»Einem Prediger!«

»Sie staunen. Nun, er ist gerade ordiniert. Ich habe ihn voriges Jahr in Bath getroffen, wohin er von Cambridge in den Ferien gekommen war. Er war so freundlich, einiges Geld an mich zu verlieren.«

»Und nun will er es Seiner Lordschaft aus seinem ersten Pfarrergehalt bezahlen. Ich wünsche von ganzem Herzen Glück dazu. Dann müssen wir uns daran halten. Es wird spät.«

»Danke für das »wir,« mein Lieber. Aber ich muß allein gehen,« sagte Viscount Bellasis trocken. »Morgen können Sie mit mir wegen der letzten Woche abrechnen. Horch, die Uhr schlägt neun. Gute Nacht.«

* * *

Um halb zehn Uhr verließ Richard Devine seiner Mutter Haus, um das neue Leben zu beginnen, das er gewählt hatte und so zu einander geführt durch die wunderbaren Schicksalsfäden, welche oft die Ereignisse verbinden, näherten sich Vater und Sohn.

* * *

Als der junge Mann ungefähr die Mitte des Weges erreichte, welcher nach der Heide führt, begegnete er Sir Richard, der von dem Dorfe zurückkehrte. Es lag nicht in seinem Plan, noch eine Unterredung mit dem Manne in suchen, dem seine Mutter so schweres Unrecht gethan und er wollte in den Schatten der Bäume treten, aber, da er ihn so allein sah, in das verödete Haus zurückkehrend, fühlte sich der verlorene Sohn versucht, einige Worte des Abschiedes und des Bedauerns auszusprechen. Doch zu seinem Erstaunen schritt Sir Richard schnell weiter, den Körper vorgebeugt, wie Einer, der im Begriff ist, zu fallen und mit Augen, welche in die Ferne starrend, nicht sahen, was in der Nähe vorging. Entsetzt über diese sonderbare Erscheinung, eilte Richard weiter und bei einer Biegung des Pfades stolperte er über Etwas, das wohl das sonderbare Benehmen des alten Mannes erklären mußte. Ein todter Körper lag im Haidekraut auf dem Gesicht; daneben eine schwere Reitpeitsche, deren Griff voll Blut war und ein offenes Taschenbuch. Richard hob das Buch auf und las aus dem Deckel unter dem goldnen Wappen »Viscount Bellasis.« Der unglückliche junge Mann warf sich neben dem Körper nieder und hob ihn auf.

Der Schädel war durch einen Schlag gespalten, aber es schien, als ob noch Leben in dem Körper sei. Von Entsetzen erfaßt, – denn er konnte nicht zweifeln, daß seiner Mutter schrecklichste Ahnung zur Gewißheit geworden, kniete er nieder und hielt seinen gemordeten Vater in seinen Armen. Er wartete bis der Mörder, dessen Namen er ja trug, in Sicherheit war. Es schien ihm fast eine Stunde zu vergehen in seiner Aufregung, ehe er ein Licht hinter den Fenstern des Hauses sich bewegen sah, das er so eben verlassen. Jetzt wußte er, daß Sir Richard sicher in seinen Zimmern war. Mit der undeutlichen Absicht Hilfe herbeizuholen, verließ er jetzt den Körper und schlug den Weg nach der Stadt ein. Als er auf dem Pfade weiter ging, hörte er Stimmen und in demselben Augenblicke stürzten ich etwa ein Dutzend Männer, von denen Einer ein Pferd hielt, auf ihn, ergriffen ihn wüthend und schlugen ihn zu Boden. Zuerst begriff der junge Mann, der so plötzlich angegriffen wurde, seine eigene Gefahr gar nicht. Seine Gedanken beschäftigten sich nur mit der einen schrecklichen Lösung des Verbrechens und wandten sich nicht derjenigen zu, die dem Wirth von den »Drei Spaniern« schon so schnell in den Sinn gekommen war.

»Gott schütze mich,« rief Mr. Mogford, indem er bei dem bleichen Lichte des Mondes die Züge des ermordeten Mannes prüfte; »es ist Lord Bellasis! O Du blutgieriger Schurke! Jem, bringe ihn heran, vielleicht erkennt ihn der Lord noch.«

»Ich war es nicht,« rief Richard Devine. »Um’s Himmels willen, Mylord, sagen Sie« – — er schwieg plötzlich und starrte, da ihn die Männer auf die Knie zwangen, den sterbenden Mann in haarsträubender Furcht an.

Die Menschen, deren Blut in Augenblicken der Erregung in schnelleren Lauf geräth, urtheilen rasch in der Gefahr und – so hatte Richard Devine in dem schrecklichen Augenblick, als seine Augen denen des Lord Bellasis begegneten, ganz und voll die Gefahr erkannt, in der er sich persönlich befand und die Wechselfälle seiner Zukunft ahnend vorausgesehen. Das fortgelaufene Pferd hatte die Leute beunruhigt. Die trinkenden Gäste in den Drei Spaniern waren ausgebrochen, um die Heide abzusuchen und hatten einen Menschen in gewöhnlicher Kleidung entdeckt, der ihnen unbekannt war und der eiligst einen Platz verließ, auf welchem neben einem geplünderten Taschenbuch und einer blutbefleckten Reitpeitsche der Körper eines sterbenden Mannes lag.

Ein Gewebe von anklagenden Umständen umspann ihn. Eine Stunde zuvor wäre das Entkommen leicht gewesen. Er hätte nur zu sagen brauchen: »Ich bin der Sohn von Sir Richard Devine. Kommt mit mir in jenes Haus und ich will Euch beweisen, daß ich es nur so eben verlassen habe.«

So hätte er seine Unschuld für den Augenblick beweisen können. Das war jetzt unmöglich geworden. So wie er Sir Richard kannte und da er überdies glaubte, daß der alte Mann in wüthender Leidenschaft dem Zerstörer seiner Ehre begegnet sei und denselben gemordet habe, sah sich der Sohn von Lord Bellasis und Lady Ellinor Devine in einer Lage, die ihm nur gestattete, sich schweigend zu opfern. Oder er hätte sich eine zweifelhafte Sicherheit erkaufen können durch ein Geständniß, das seiner Mutter Ehre bloßgestellt und dem Manne den Tod bereitet hätte, den seine Mutter betrogen. Wenn der verstoßene Sohn als Gefangener nach Nordend-Haus gebracht wäre, so würde Sir Richard, durch sein Schicksal jetzt doppelt niedergedrückt, ihn sicher verleugnet haben und er würde in seiner Selbstvertheidigung gezwungen gewesen sein, seine Mutter der öffentlichen Schande auszusetzen und den Mann an den Galgen zu bringen, der zwanzig Jahre lang betrogen wurde und dessen Güte er doch seine Erziehung und seinen Unterhalt bis jetzt verdankte. Er kniete noch immer, unfähig zu sprechen, oder sich zu bewegen.

»Hier, Mylord,« rief Mogford, »Mylord, sprechen Sie, ist dies der Schurke ?«

Lord Bellasis sammelte noch einmal seine schwindenden Sinne, öffnete die glasigen Augen, starrte mit angstvollem Eifer in seines Sohnes Antlitz, schüttelte den Kopf, hob den schwachen Arm, als ob er anderswohin zeigen wollte und fiel todt zurück.

»Wenn er ihn nicht gemordet hat, so hat er ihn doch beraubt,« murrte Mogford ärgerlich, »und er soll diese Nacht in Bowstreet schlafen. Tom, laufe nach der Wache und sage, sie sollen am Thor melden, daß ich Einen für die Kutsche habe. Bringe ihn jetzt mit, Jack! Wie heißt Ihr, he ?«

Er wie erholte die rauhe Frage zwei Mal, ehe der Gefangene antwortete. Endlich hob Richard Devine sein bleiches Antlitz, dem ein fester Entschluß den Ausdruck trotziger harter Männlichkeit ausgeprägt hatte und sagte,

»Dawes – Rufus Dawes.«

* * *

Sein neues Leben hatte jetzt begonnen; denn in dieser Nacht lag ein gewisser Rufus Dawes wachend im Gefängnis und wartete auf die Ereignisse des nächsten Tages. Er war des Mordes und des Raubes angeklagt.

Zwei andere Männer warteten auch ängstlich. Der Eine Mr. Lionel Crofton, der Andere jener Reiter, welcher mit dem ermordeten Lord Bellasis eine Zusammenkunft unter den Tannenbäumen auf der Hampstead-Heide verabredet hatte.

Was Sir Richard Devine anbetraf, so erwartete er Niemand. Als er sein Zimmer erreichte, war er besinnungslos niedergestürzt, von einem Schlaganfall getroffen.

Erstes Capitel.
Das Gefangenenschiff

Es herrschte eine Stille an diesem tropischen Nachmittage, die kein Hauch störte. Die Luft war heiß und schwer, der Himmel bleiern und wolkenlos und nur der Schatten des Malabar lag auf der Oberfläche des großen glänzenden Meeresspiegels.

Die Sonne, welche jeden Morgen zur linken Hand wie eine glühende Kugel aufging, um langsam durch das stets unveränderte Blau nach Rechts hinüber zu wandern, bis sie flammend Himmel und Ocean im Untergehen verband, war gerade tief genug gesunken, um unter das Zelt zu streifen, das auf dem Hinterdeck befestigt war. Sie weckte hier einen jungen Mann, der, in Interims-Uniform gekleidet, auf einem zusammengerollten Seile geschlummert hatte.

»Verdammt,« sagte er, erhob und streckte sich mit dem müden Seufzer der Leute die nichts zu thun haben. »Ich muß geschlafen haben.« Dann hielt er sich an einer Leiter und blickte hinab in das Schiff. Außer dem Mann am Ruder und der Wache an der Ouarterreeling war er allein auf Deck. Einige Vögel flogen um das Schiff herum und schienen unter den Sternfeuern nur zu verschwinden, um am Bug wieder zu erscheinen. Ein fauler Albatroß, von dessen Flügeln noch das Wasser tropfte, schwang sich leewärts auf, mit einem plätschernden Ton und an der Stelle, von wo er aufgeflogen, glitt die scheußliche Flosse eines leise schwimmenden Hai’s dahin. Die Ritzen des wohlgescheuerten Decks klebten von dein geschmolzenen Theer und die Messingplatte des Compaßhäuschens blitzte in der Sonne wie ein Edelstein. Es ging kein Wind und sobald das ungeschickte Schiff aus den sich hebenden und senkenden Wellen hin und her rollte , schlugen die schlaffen Segel mit regelmäßig wiederkehrendem Geräusch an die Masten und das Bugspriet hob sich mit den Wellen höher und höher und tauchte dann mit einem Stoß wieder ein, daß jedes Tau zitterte und ächste.

Auf dem Vorderkastell lungerten ein halbes Dutzend Soldaten herum, in der verschiedensten Art beinahe halb entkleidet. Sie spielten Karten, tauchten oder beobachteten die Angelleinen, die sie über die Katzenköpfe ausgehängt hatten.

So weit war das Aussehen des Schiffes in keiner Weise von dem eines gewöhnlichen Transportschiffes unterschieden. Aber aus dem Mitteldeck zeigte sich ein merkwürdiger Anblick. Es war, als ob man dort eine Viehhürde gebaut hätte. Am Fuß des Vordermastes und am Quarterdeck lief eine starke, mit Schießscharten versehene Barrikade von einem Bollwerk zum andern quer über das Deck. Es waren Thüren darin zum Eingang und Ausgang. Außerhalb stand eine bewaffnete Schildwache.

Innerhalb standen, saßen oder wanderten unablässig auf und ab, stets im Bereich der glänzenden Flintenläufe auf dem Hinterdeck, ungefähr sechzig Männer und Knaben, Alle in einförmiges Grau gekleidet. Diese Männer und Knaben waren Gefangene der Krone und die Viehhürde war ihr Platz, wo sie sich bewegen durften.

Ihr Gefängnis war unten im Zwischendeck. Die Barrikade bildete dort unten fortgesetzt die Seitenwände. Es ging gegen das Ende der zwei Stunden, die Seine Majestät Georg der Vierte alle Nachmittag gnädigst den Gefangenen der Krone als Erholung gestattet hatte und dieselben genossen diese Vergünstigung. Es war freilich nicht so angenehm wie unter dem Zelt des Hinterdecks, aber dieser heilige Schatten war nur für so hohe Personen bestimmt wie der Kapitain und seine Offiziere, Wundarzt Pine, Lieutnant Maurice Frere und der größte Stern unter Allen, Kapitain Vickers und Gemahlin.

Gewiß wäre der Deportierte, der jetzt dort an der Schanzkleidung lehnte, gern seinen Feind, die Sonne, los geworden, wenn auch nur für einen Augenblick. Seine Kameraden saßen an den Luken oder lagen und hockten gleichgültig in den verschiedensten Stellungen auf der schattigen Seite der Barrikade. Sie lachten und plauderten mit einer widerwärtigen und unanständigen Lustigkeit, die gräulich anzuhören war. Der einsame Gefangene aber hatte seine Kappe bis tief in die Augen gedrückt, seine Hände in dir Taschen seiner groben, grauen Kleider gesteckt und hielt sich fern von ihrer störenden Fröhlichkeit. Die Sonne sendete ihre heißesten Strahlen auf seinen Kopf. Er achtete nicht darauf und obgleich jede Spalte und Ritze im Schiff glühend heiß und ausgedorrt war, so stand er doch düster und bewegungslos da und starrte in die stille See. So hatte er da gestanden, bald hier, bald dort, seit das ächzende Schiff den großen Wogen des biskaischen Meeres entgangen und seit die elenden hundertundachtzig Geschöpfe, zu denen er gehörte, von ihren Ketten befreit worden waren und ihnen erlaubt wurde, zwei Mal täglich frische Luft zu schöpfen.

Die rohen Verbrecher mit niedriger Stirn und groben Zügen, welche auf dem Deck umherstanden, warfen manchen Blick schweigender Verachtung auf ihn, doch machten sie ihre Bemerkungen bisher nur durch Bewegungen kund. Auch unter den Verbrechern gibt es Abstufungen und Rufus Dawes, der Deportierte Uebelthäter, der dem Galgen nur entgangen war, um sein Leben in Ketten hinzubringen, war ein Mann von einiger Bedeutung.

Er war des Raubes und des Mordes an Lord Bellasis angeklagt. Dem unbekannten Vagabunden glaubte man die Geschichte nicht, daß er den Sterbenden auf der Heide aufgefunden, aber das Zeugniß des Wirths zu den drei Spaniern sprach für ihn. Der Mann sagte aus, daß der ermordete Edelmann den Kopf geschüttelt, als man ihn gefragt, ob dieser der Mörder sei. So wurde er von der Anklage des Mordes freigesprochen, aber wegen des Raubes zum Tode verurtheilt. London interessierte sich für seinen Prozeß und pries ihn glücklich, daß sein Urtheil in Deportotion auf »Lebenslänglich« verwandelt wurde. Es war Sitte an Bord dieser schwimmenden Gefängnisse, jedes Mannes Verbrechen vor seinen Gefährten geheim zu halten, so daß, wenn er wollte und seine Gefangenenwärter es gestatteten, er ein neues Leben in dem neuen Lande beginnen konnte, ohne wegen feiner früheren Unthaten beleidigt zu werden.

Aber dies blieb nur wie viele ähnliche Dinge eine gute Absicht und Wenige nur von den Hundertundachtzigen gab es, welche nicht die Thaten ihrer Gefährten kannten. Die Schuldigsten rühmten sich ihrer Verbrechen; die weniger Schuldigen schworen laut, daß ihre Schuld viel größer sei, als sie erscheine. Der Name von Rufus Dawes hatte einen entsetzlichen Ruf erlangt, denn seine vermeintliche That schien so scheußlich und so unerklärlich, gerade weil er eine höhere, geistige Ausbildung hatte. Auch fein hochmüthiger Sinn und seine mächtige Gestalt trugen dazu bei, ihn auszuzeichnen. Er, ein junger Mann von zweiundzwanzig Jahren, ohne Verwandte und Freunde, lebte unter ihnen nur, weil er ein Verbrechen begangen und wurde geachtet und bewundert. Der niedrigste unter den Niedrigsten dieser Horde lachte wohl hinter seinem Rücken über die vornehme Art, die er hatte, beugte sich aber vor ihm und unterwarf sich ihm, wenn er ihn von Angesicht zu Angesicht traf. Auf einem Gefangenenschiff ist der größte Schurke der größte Held und der einzige Adel, der von dieser entsetzlichen Gemeinschaft anerkannt wird, ist der des Ordens vom Strick, den der Henker austheilt.

Der junge Mann auf dem Hinterdeck erblickte jetzt die stattliche Gestalt von Rufus Dawes am Schanzbord und fand darin eine Gelegenheit, die Einförmigkeit seines Amtes ein wenig zu unterbrechen.

»Ihr da,« rief er fluchend, »fort da aus dem Gange!«

Rufus stand gar nicht im Gange, war wohl zwei Fuß davon ab, aber bei dem Ton von Lieutnant Frere’s Stimme fuhr er auf und ging gehorsam nach der Mitte.

»Wird der Hund grüßen,« schrie Frere und kam bis an die Quarterreeling. »Wird er grüßen. Hört er!«

Rufus Dawes berührte seine Mütze in militairischer Weise.

»Ich werde die Kerls Höflichkeit lehren, wenn sie sich nicht in Acht nehmen,« brummte der ärgerliche Frere, halb für sich, halb laut sprechend. »Unverschämte Buben!«

Da gab das Geräusch, das die Wache auf dem Quarterdeck beim Präsentiren machte, seinen Gedanken eine andre Richtung. Ein magerer, großer Mann, von militairischem Aeußeren, mit kaltem, blauem Auge und knappen Zügen kam aus der Kajüte von unten und führte eine blonde, gezierte, ängstliche Dame mittleren Alters hinauf. Kapitain Vickers von Frere’s Regiment, der nach Van Diemens Land kommandiert war, brachte seine Gemahlin auf Deck, damit dieselbe Appetit zum Mittag bekäme.

Mrs. Vickers war zweiundvierzig Jahre alt, – sie gestand nur dreiunddreißig zu und war elf Jahre lang eine Garnison-Schönheit gewesen, ehe sie Kapitain Vickers heirathete. Die Ehe war nicht glücklich. Vickers fand seine Frau eitel, verschwenderisch und bissig. Sie fand ihn hart, gewöhnlich und prosaisch. Eine Tochter, nach zweijähriger Ehe geboren, war das einzige Kind, das diese unpassende Ehe zusammenhielt. Vickers vergötterte die kleine Sylvia und als ihm seiner Gesundheit wegen eine lange Seereise angerathen wurde und er sich deshalb in das —ten Regiment versetzen ließ und darauf bestand, das Kind mitzunehmen, machte seine Frau sehr viele Einwendungen ihrer Erziehung wegen.

»Er würde sie selbst erziehen,« sagte er, »sie solle nicht zu Hause bleiben.«

So gab denn Mrs. Vickers nach langem Sträuben ihre Träume von Bath u.s.w. auf und folgte ihrem Manne mit so guter Miene, als sie nur irgend machen konnte. Einmal auf hoher See, versöhnte sie sich mit ihrem Schicksal und wandte ihre Zeit dazu an, ihre Tochter zu schelten, ihr Mädchen zu quälen und den bäurischen jungen Lieutnant Maurice Frere zu bezaubern.

Koketterie gehörte zu Julia Vickers Natur; sie lebte nur, um bewundert zu werden. Selbst auf einem Gefangenenschiff, neben ihrem Gatten mußte sie kokettieren, oder umkommen in der Langeweile ihres geistigen Lebens.

Es war in ihr grade nichts Böses. Sie war nur ein eitles Weib in mittleren Jahren und Frere nahm ihre Aufmerksamkeiten noch dem Werth derselben auf. Ueberdies war ihre Freundlichkeit gegen ihn ihm nützlich aus Gründen, die bald an den Tag treten werden. Er lief die Treppe hinab, seine Mütze in der Hand haltend und bot seinen Beistand an.

»Danke, Mr. Frere. Diese abscheulichen Treppen! Ich zittre wirklich immer davor. Heiß! Ja, es ist erdrückend. John, den Feldstuhl. Bitte, Mr. Frere, oh, danke sehr. Sylvia! Sylvia!l John, hast Du mein Riechsalz? Noch immer Windstille, nicht wahr? Diese schrecklichen Windstillen.«

Dieses halb elegante Geschwätz zwanzig Schritt von der Hürde der wilden Thiere, auf der andern Seite der Barrikade, klang sonderbar. Mr. Frere dachte sich nichts dabei. Vertrautheit mit einer Sache nimmt ihr alle Schrecken und die unheilbare Kokette breitete ihre Mullröcke aus und zeigte ihre verbrauchte Anmuth vor den Augen der grinsenden Gefangenen mit eben so viel Selbstgefälligkeit, als ob sie in einem Ballzimmer in Chatham gewesen wäre. Ja, gewiß, wenn Niemand sonst da gewesen wäre, ist es nicht unwahrscheinlich, daß sie selbst das Zwischendeck mit ihrer Aufmerksamkeit beglückt und dem Stattlichsten unter den Gefangenen Blicke zugeworfen hätte.

Vickers mit einer Verbeugung gegen Frere begleitete seine Frau bis auf’s Deck und ging dann, um seine Tochter zu holen.

Sie war ein zartes Kind von sechs Jahren mit blauen Augen und lichtem Haar. Obgleich sie von ihrem Vater verwöhnt war und von ihrer Mutter verzogen, so hatte ihre natürliche Liebenswürdigkeit sie bisher davor beschützt, unangenehm zu werden und die Wirkung ihrer Erziehung zeigte sich nur in tausend kleinen, launischen Zierlichkeiten, die sie zum Liebling des ganzen Schiffes machten. Die kleine Miß Sylvia satte die Erlaubniß, überall hinzugehen und Alles zu thun. Selbst die Verbrecher wagten kein schlechtes Wort in ihrer Gegenwart.

Das Kind lief zu seinem Vater, schwatzte mit der Geläufigkeit geschmeichelter Selbstgefälligkeit, lief hierhin und dahin, fragte, erfand Antworten, lachte, sang, sprang, guckte in das Compaßhäuschen, befühlte die Taschen des Mannes am Ruder, steckte ihre kleine Hand in die große Tasche des wachthabenden Offiziers und lief selbst aus das Quarterdeck um die Schöße der Schildwache zu zupfen.

Endlich, des Umherlaufens müde, nahm sie einen kleinen, gestreiften Lederball aus ihrer Rocktasche, rief ihrem Vater zu und warf ihm den Ball hin, als er auf dem Hinterdeck stand. Der Vater warf den Ball zurück und das Kind fing ihn auf und war unermüdlich in dem Spiel, wobei sie glückselig lachte und in die Hände klatschte.

Die Gefangenen, deren Zeit in frischer Luft zu Ende ging, verfolgten eifrig mit ihren Blicken diese neue Quelle des Vergnügens. Unschuldiges Lachen und kindisches Plaudern waren ihnen ganz fremd. Einige lächelten und nickten voller Interesse bei den Glücksfällen des Spieles.

Ein junger Bursche konnte sich kaum enthalten, in die Hände zu klatschen. Es war, als ob in der drückenden Hitze ein erfrischender Hauch über das Schiff gezogen war. Mitten in dieser Lustigkeit blickte der wachthabende Offizier nach dem glühendrothen Horizont, fuhr plötzlich zusammen, legte seine Hand über die Augen und blickte gespannt nach Westen. Frere, der Mrs. Vickers Unterhaltung etwas langweilig fand, sah öfter nach seinem Kameraden hin, als ob er irgend eine Unterbrechung erwartete und bemerkte dessen Bewegung.

»Was gibt es, Mr. Best?«

»Ich weiß es nicht genau. Es sieht aus wie eine Rauchwolke.«

Und das Glas aufhebend, blickte er wieder nach dem Horizont. »Lassen Sie mich sehen!« sagte Frere und blickte auch hin.

Am äußersten Horizont, gerade links neben der sinkenden Sonne, ruhte oder schien eine ganz kleine schwarze Wolke zu ruhen. Das rothglühende Gold des Himmels überfluthete Alles und machte eine sichere Aussicht ganz unmöglich.

»Ich kann nichts ausfindig machen,« sagte Frere und gab das Teleskop zurück. »Wenn die Sonne unter ist, können wir genau sehen, was es ist.«

Dann mußte Mrs. Vickers natürlich auch durchsehen und war sehr bedenklich wegen des Focus und sah endlich mit vielem Kichern durch das Glas, hielt ein Auge zu und konnte doch schließlich »nichts als Himmel« sehen, so daß sie glaubte, dieser böse Mr. Frere »thäte es mit Absicht.«

Nun kam auch Kapitän Blunt herbei, nahm das Glas von dem Offizier und sah lange und sorgfältig hindurch. Dann wurde der Mann auf dem Mast angerufen, aber er erklärte, er könne nichts sehen. Endlich ging die Sonne mit einem plötzlichen Sprung unter, als ob sie durch einen Riß in das Meer versunken sei und der schwarze Fleck verschwand in dem aufziehenden Dunst und war nicht mehr zu sehen.

Als die Sonne gesunken war, kam die Ablösung durch die Hinterdeckluken herauf und die abgelöste Wache schickte sich an, die Gefangenen hinab zu begleiten.

In diesem Augenblicke vermißte Sylvia ihren Ball, welcher bei einem plötzlichen Schwanken des Schiffes über die Barrikade gesprungen war. Hier rollte er vor die Füße von Rufus Dawes, der noch, in Gedanken versunken, seitwärts stand. Der helle bunte Ball, wie er über das weiße Deck rollte, fesselte seinen Blick und sich fast mechanisch bückend nahm er ihn auf und trat vor, um ihn zurück zu geben. Die Thür der Barrikade stand offen und die Schildwache, ein junger Soldat, der nach der Ablösung hinblickte, bemerkte nicht, wie der Gefangene hindurchschritt. Im nächsten Augenblick stand dieser auf dem geheiligten Quarterdeck.

Erhitzt vom Spiel, mit glühenden Wangen und blitzenden Augen, ihr goldenes Haar lang herabflatternd, wandte sich Sylvia, um ihrem Schatze nachzueilen, als aus dem Schatten der Kajütsthür ein runder weißer Arm und eine feine Hand auftauchte und das Kind am Gürtel zurückzog.

Im nächsten Augenblick legte der junge Mann in der grauen Kleidung den Ball in Sylvia’s Hand.

Maurice Frere, der gerade die Hinterdeckleiter hinabstieg, hatte dies nicht gesehen, bemerkte aber, als er auf das Deck trat, die ihm unerklärliche Gegenwart des Gefangenen.

»Danke,« sagte eine Stimme, als Rufus Dawes vor der kleinen schmollenden Sylvia stand.

Der Gefangene hob seinen Blick und sah ein junges Mädchen von achtzehn bis neunzehn Jahren, groß, wohlgebildet, die in ein Kleid von weißem Stoffe, mit großen, offenen Aermeln gekleidet, vor ihm stand. Sie hatte schwarzes Haar, das um ihren kleinen Kopf geschlungen war , einen kleinen Fuß, weiße Haut, schön geformte Hände und große, braune Augen. Als sie ihn jetzt anlächelte, ließen ihre frischen, rothen Lippen die schönen, weißen Zähne sehen. Er kannte sie sogleich. Es war Sara Purfoy, Mrs. Vickers’ Mädchen, aber er war ihn noch nie so nahe gewesen und sie erschien ihm wie eine herrliche, tropische Blume, die einen betäubenden Geruch ausströmt.

Einen Augenblick blickten Beide einander an, dann fühlte Rufus sich von hinten im Genick gepackt und heftig zu Boden geworfen. Wieder auf seine Füße springend, war sein erster Gedanke, sich auf seinen Angreifer zu stürzen, aber er sah das gefällte Bajonett der Schildwache blitzen und beherrschte sich. Sein Angreifer war Mr. Maurice Frere.

»Was zum Teufel habt hier zu suchen,« brüllte dieser Herr mit vielen Flüchen. »Er fauler, schleichender Hund, was macht er hier ? Wenn ich ihn noch ein Mal treffe, wenn er einen Fuß auf das Quarterdeck setzt, so kriegt er eine Woche in Eisen.«

Rufus Dawes, bloß vor Wuth und Aerger, wollte sich rechtfertigen, aber die Worte erstarben auf seinen Lippen. Wozu?

»Hinunter mit Euch und denkt an das, was ich gesagt habe,« rief Frere und begreifend, was vorgefallen, prägte er sich den Namen der schuldigen Schildwache fest in sein Gedächtnis.

Der Gefangene wischte sich das Blut vom Gesicht, drehte sich ohne ein Wort zu sprechen um und ging durch die schwere Eichenthür wieder hinein in seine Höhle.

Frere beugte sich vor und nahm des Mädchens weiße Hand in die seine, aber sie entzog sie ihm schnell mit einem Blitz aus ihren schwarzen Augen.

»Sie Feigling,« sagte sie.

Der Soldat in ihrer Nähe hörte das und seine Augen lachten.

Frere biß sich im Aerger auf die dicken Lippen und folgte dem Mädchen in die Kajüte. Aber das Mädchen nahm die Hand der erstaunten Sylvia und glitt mit verächtlichem Lachen an ihm vorüber, hinein in ihrer Herrin Kajüte, deren Thür sie hinter sich schloß.

Zweites Capitel.
Sara Purfoy

Die Deportierten waren sicher wieder eingesperrt und gingen zu Bett, wozu die Regierung dem Manne sechzehn Zoll Raum gestattete, der allerdings wegen verschiedener Verhältnisse aus dem Schiffe noch etwas verkürzt wurde.

Die Kajüte brachte ihre Abende mitunter recht vergnügt zu. Mrs. Vickers war poetisch und besaß eine Guitarre und da sie auch musikalisch war, sang sie dazu. Kapitain Blunt war ein lustiger, etwas gewöhnlicher Herr; Sergeant Pine hatte eine wahre Wuth, Geschichten zu erzählen und wenn Vickers auch meist langweilig erschien, so war Frere doch fröhlich. Ueberdies war die Tafel gut bedient und mit Mittagessen, Tabak, Whist, Musik und Branntwein und Wasser gingen die Abende mit einer Schnelligkeit vorüber, von der die wilden Thiere dort unter dem Deck, die zu Sechsen in einem Raume von fünf Fuß drei Zoll zusammen gedrängt waren, keine Vorstellung hatten.

An diesem Abend aber war die Kajüte etwas verstimmt. Das Mittagessen ging still vorüber und die Unterhaltung war ohne Lebhaftigkeit.

»Kein Anzeichen von Wind, Mr. Best? « fragte Blunt als der erste Offizier hereinkam und sich setzte.

»Mein Herr.«

»Diese – ach diese abscheulichen Windstillen,« sagte Mrs. Vickers. »Schon eine Woche, nicht wahr, Kapitain Blunt?«

»Dreizehn Tage, Madame,«s brummte Blum.

»Ich erinnere mich, daß wir auf der Höhe der Koromandel-Küste, als wir die Pest in der »Klapperschlange« hatten —«

»Kapitain Vickers, noch ein Glas Wein?« rief Blunt, um die Erzählung abzuschneiden.

– »Danke, nicht mehr. Ich habe Kopfweh.«

»Kopfweh – ja, das wundert mich nicht, wenn man zu den Kerls hinuntergeht. Es ist schändlich, wie diese Schiffe überfüllt werden. Wir haben über zwei hundert Seelen an Bord und nur Platz für die Hälfte.«

»Zweihundert Seelen! Gewiß nicht,« sagte Vickers. »Noch den königlichen Verordnungen —«

»Hundertundachtzig Gefangene, fünfzig Soldaten, dreißig Mann Schiffsbedienung, Alles in Allem und wie viele? – eins zwei, drei, sieben in der Kajüte. Wie viel macht das ?«

»Wir sind ein wenig beengt,« sagte Best.

»Es i sehr Unrecht,« sagte Vickers feierlich. »Seht Unrecht, nach den königlichen Verordnungen.« – Aber die königlichen Verordnungen waren in der Kajüte noch unbeliebter als Pine’s unendliche Anekdoten und Mrs. Vickers gab der Unterhaltung schnell eine andere Wendung.

»Sind Sie nicht dieses Lebens gänzlich müde, Mr. Frere?«

»Nun, es ist nicht gerade ein Leben, wie ich es zu führen wünschte,« sagte Frere und strich mit der von Sommerflecken gesprenkelten Hand durch sein hartes, rothes Haar, »aber man muß aus Allem das Beste ziehen.«

»Ja,« sagte die Dame in jenem leisen, mitleidigen Ton, in dem man von irgend einem Unfall spricht, »es muß ein harter Schlag für Sie gewesen sein, so plötzlich eines großen Vermögens beraubt zu werden.«

»Nicht das allein, sondern auch noch ausfindig zu machen, daß das schwarze Schaf, welches Alles bekommt, eine Woche vor meines Onkels Tode noch Indien abgesegelt ist. Lady Devine erhielt am Begräbnißtage einen Brief, worin ihr Sohn ihr anzeigte, daß er im Hydaspes nach Calcutta gegangen sei und nie wiederkommen wolle!«

»Sir Richard Devine hinterließ keine andern Kinder ?«

»Nein, nur diesen geheimnißvollen Richard, den ich nie gesehen habe, der mich aber gehaßt haben muß.«

»So so. O diese Familienzwistigkeiten sind schrecklich. Die arme Lady Devine, sie verlor an einem Tage den Gatten und den Sohn!«

»Ja und am nächsten Morgen hörte sie von dem Morde, der an ihrem Vetter, dem Lord Bellasis begangen war! Sie wissen, daß wir mit den Bellasis verwandt sind. Meiner Tante Vater heirathete eine Schwester des zweiten Viscounts.«

»Wirklich. Das ist ein schrecklicher Mord. Und Sie glauben, daß der schreckliche Mann, den Sie mir neulich zeigten, es gethan hat?«

»Die Geschworenen haben es verneint,« sagte Mr. Frere lachend. »Aber ich begreife nicht, wie sonst irgend Jemand einen Beweggrund dazu haben konnte. Ich will aber jetzt auf Deck gehen und rauchen.«

»Warum nur der alte Geizhals von Schiffsbauer seinen einzigen Sohn zu Gunsten dieses Burschen enterben wollte,« sagte Sergeant Pine zu Kapitain Vickers, als der breite Rücken von Maurice Frere auf der Kajütstreppe verschwand.

»Wahrscheinlich leichtsinnige Streiche, die der Sohn auf dem Continent gemacht; solche Emporkömmlinge haben nie Geduld mit den Verschwendern. Aber es ist hart für Frere. Er ist bei aller seiner Rauhheit kein schlechter Mensch und wenn ein junger Mann die Erfahrung macht, daß ein Zufall ihm die Aussicht auf eine Viertel Million raubt und er nichts hat als sein Patent in einem dienstthuenden Regiment, das in eine Strafkolonie kommandiert ist, so hat er wirklich Grund, gegen das Schicksal zu murren.«

»Wie kam es denn, daß der Sohn nun doch das ganze Vermögen erhielt?«

»Ja, es scheint, daß der alte Devine gerade, als er noch seinem Advokaten geschickt hatte, um sein Testament zu ändern, einen Schlaganfall bekam, vermuthlich eine Folge seiner Wuth. Als sie am Morgen in sein Zimmer kamen, fanden sie ihn todt.«

»Und der Sohn ist fort zur See,« sagte Mrs. Vickers, »und weiß nichts von Allem. Es ist ganz romantisch.«

»Es freut mich, daß Frere das Geld nicht bekam,« sagte Pine, an seinem üblen Vorurtheil festhaltend. »Ich habe selten ein Gesicht gesehen, das ich weniger leiden mochte, selbst unter meinen Gelbjacken unten.«

»O Mr. Pine, wie können Sie so sprechen?« rief Mrs. Vickers.

»Bei meiner Seele, Madame, Einige von ihnen sind in guter Gesellschaft gewesen, – das kann ich Ihnen sagen. Da unten sind Taschendiebe und Schwindler, die sich in der besten Gesellschaft bewegt haben.«

»Schreckliche Menschen,« rief Mrs. Vickers und legte ihre Kleider zurecht. »John, ich will auf Deck gehen.«

Die ganze Gesellschaft erhob sich bei diesem Signal.

»Nun, Pine,« sagte Kapitain Blunt, als er allein mit demselben blieb, »wir Beide treten ihr stets auf die Schleppe!«

»Weiber sind immer im Wege an Bord,« erwiderte Pine.

»Ach Doktor, das meinen Sie doch nicht im Ernst, das weiß ich,« sagte eine weiche, volle Stimme hinter ihm.

Es war Sara Purfoy, welche so eben aus ihrer Kajüte trat.

»Hier ist das Mädchen,« rief Blunt. »Wir sprachen gerade von Ihren Augen, meine Liebe.«

»Nun sie werden es wohl vertragen, daß man von ihnen spricht,« sagte sie und richtete ihre Blicke gerade auf ihn.

»Beim Himmel, das können sie,« rief Blunt und schlug mit der Hand auf den Tisch. »Es sind die schönsten Augen, die ich je in meinem Leben gesehen habe und darunter die rothesten Lippen —«

»Lassen Sie mich vorüber, Kapitain Blunt, bitte sehr. Ich danke Ihnen, Doktor.«

Und ehe der sie bewundernde Kapitain es verhindern konnte, war sie bescheiden aus der Kajüte gewichen.

»Ein schönes Stück Waare, – nicht?« fragte Blunt, ihr nachblickend. »Aber es sitzt ein Stück Teufel in ihr.«

Der alte Pine nahm eine mächtige Prise.

»Teufel! Ich will Ihnen etwas sagen, Blunt. Ich weiß nicht, wo Vickers sie aufgetrieben hat, aber das weiß ich, daß ich mein Leben lieber dem schlimmsten Schurken dort unten anvertrauen möchte, als ihr, wenn ich sie beleidigt hätte.

Blunt lachte herzlich.

»Nun, ich glaube doch nicht, daß sie es versteht, einem Manne das Messer in den Leib zu rennen,« sagte er, aufstehend. »Aber ich muß auf Deck, Doktor.«

Pine folgte ihm langsam.

»Ich will nicht behaupten , daß ich mich sehr gut auf die Weiber verstehe,« sagte er vor sich hin, »aber wenn das Frauenzimmer nicht eine ganz besondere Geschichte hat, so müßte ich mich sehr irren. Was hat sie hier an Bord als Kammerjungfer zu thun, das begreife ich nicht.«

Er steckte sich die Pfeife zwischen die Zähne und ging auf dem nun verlassenen Deck bis zur Hauptluke auf und ab. Oefter wandte er sich, um Sara’s weiße Gestalt auf dem Hinterdeck auf und ab schreiten zu sehen. Dann sah er wie eine andere, dunklere Gestalt sich zu ihr gesellte und er murmelte: »Sie hat nichts Gutes vor, darauf möchte ich schwören.«

In demselben Augenblick berührte ein Soldat im Interimsrock seinen Arm. Er war von unten gekommen.

»Was gibt es ?«

Der Mann richtete sich auf und grüßte.

»Verzeihen Sie, Doktor, einer der Gefangenen ist krank geworden und da der Mittag vorüber ist und er immer schlechter wird, habe ich gewagt, Euer Ehren zu stören.«

»Du Esel,« brummte Pine, der wie alle groben Leute ein gutes Herz unter der rauhe Schaale barg – »warum hast Du mir das nicht früher gesagt?« Er klopfte die Asche ans seiner kaum angezündeten Pfeife, stopfte Papier hinein und folgte dem Manne hinab.

Inzwischen genoß das Frauenzimmer, welches der Gegenstand von Pine’s Verdacht war, die frische Kühle der Nacht. Ihre Herrin und die Tochter ihrer Herrin bedurften ihrer nicht und die Herren hatten ihre Abendpfeife noch nicht beendet. Das Zelt war aufgerollt, die Sterne standen am mondlosen Himmel, die Hinterdeckswache war auf das Ouarterdeck gekommen und Fräulein Sara wanderte auf und ab mit keiner geringeren Person als Kapitain Blunt selbst. Sie war an ihm vorüber gegangen und wieder vorüber gegangen bis beim dritten Mal der alte Bursche, ganz unsicher in das Zwielicht starrend, dem Schimmer ihrer Augen folgte und sich ihr näherte.

»Sie waren doch nicht böse, mein Kind, über das was ich unten sagte ?«

Sie that ganz überrascht.

»Was meinen Sie ?«

»Nun, ich meine, ich war etwas – etwas dreist und unhöflich.«

»O nein, Sie waren nicht unhöflich.«

»Freut mich, daß Sie so denken,« erwiderte Phineas Blunt, ein wenig beschämt über seine gebeichtete Schwäche.

»Sie würden unhöflich gewesen sein, wenn ich es gestattet hätte.«

»Woher wissen Sie das ?«

»Ich sah es in Ihrem Gesicht. Denken Sie nicht, eine Frau kann es einem Mann am Gesicht ansehen, wenn er sie beleidigen will ?«

»Beleidigen! Auf mein Wort —«

»Ja, mich beleidigen. Sie sind alt genug , um mein Vater zu sein, Kapitain Blunt, aber Sie haben kein Recht mich zu küssen, wenn ich Ihnen nicht das Recht dazu gebe.«

»Ha, ha,« lachte Blunt, das mag ich leiden. Mir das Recht dazu geben, – ich wünschte, das thätest Du, Du Hexe, Du schwarzäugige.«

»Das wünschen andre Leute auch, – ohne Zweifel.«

»Zum Beispiel, der Offizier. Hu, Fräulein Bescheidenheit? Ich habe gesehen, wie er Sie anblickte, als ob er es auch versuchen wollte.«

Das Mädchen blitzte ihn von der Seite an.

»Sie meinen Lieutnant Frere. Sind Sie eifersüchtig auf ihn ?«

»Eifersüchtig! Was, der Bursche hat kaum seine ersten Hosen angezogen. Eifersüchtig!«

»Ich glaube, Sie sind es und Sie brauchen es nicht zu sein. Er ist ein dummer Tölpel, obgleich er Lieutnant Frere ist.«

»Das ist er. Da haben Sie Recht, beim Himmel.«

Sara Purfoy lachte leise und doch in so vollem Ton, daß dem mittelalterlichen Blunt der Puls schneller ging, und das Blut ihm bis in die Fingerspitzen schlug.

»Kapitain Blunt,« sagte sie, »Sie wollen etwas sehr Törichtes thun.«

Er kam dicht an sie heran und nahm ihre Hand.

»Was ?«

Sie antwortete mit einer andern Frage.

»Wie alt sind Sie?«

»Zweiundvierzig, wenn Sie es denn wissen wollen.«

»O, – und Sie wollen sich in ein Mädchen von neunzehn verlieben?«

»Wer ist das ?«

»Ich,« sagte sie und gab ihm die Hand und lächelte ihn mit ihren vollen, rothen Lippen an.

Der Besanmast verbarg sie dem Mann am Ruder und das Zwielicht der tropischen Sterne lag auf dem Hauptdeck.

Blunt fühlte den gesunden Hauch dieses sonderbaren Mädchens auf seiner Wange; ihre Augen schienen größer und kleiner zu werden und ihre feste, kleine Hand brannte in der seinen wie Feuer.

»Ich glaube, Sie haben Recht,« rief er. »Ich bin schon halb in Sie verliebt.«

Sie blickte ihn an und senkte fast verächtlich ihre Augenlider mit den langen, dunkeln Wimpern. Darm entzog sie ihm ihre Hand.

»Dann hüten Sie sich vor der andern Hälfte, oder Sie werden es bereuen.«

»Werde ich das ?« sagte Blunt. »Nun, das ist meine Sache; komm, kleine Hexe , gib mir den Kuß, zu dem Du mir das Recht geben willst.«

Und er nahm sie in seine Arme. In demselben Augen- blick hatte sie sich frei gemacht und stand ihm mit blitzenden Augen gegenüber.

»Sie wagen es,« rief sie. »Mich mit Gewalt küssen wollen! Ha, sie betragen sich wie ein Schulbube. Wenn Sie es zu Stande bringen, daß ich Sie liebe, dann will ich Sie küssen, so oft Sie wollen. Wenn Sie das nicht können, dann bitte, bleiben Sie mir fern!«

Blunt wußte nicht, ob er lachen sollte oder ärgerlich sein über diese Zurückweisung. Er fühlte, daß er sich in einer ziemlich unbequemen Lage befand und entschloß sich deshalb zu lachen. »Sie sind ein Sprühteufel. Was muß ich thun, damit Sie mich lieben?«

Sie machte ihm einen Knicks. »Das ist Ihre Sache,« sagte sie. Und da der Kopf von Mr. Frere gerade in der Kajütsthür erschien, so ging Blunt davon, ganz verwirrt und doch nicht unwillig.

»Sie ist ein Prachtmädchen, bei Jingo,« sagte er und drückte sich seine Mütze fest. »Ich will mich hängen lassen, wenn sie nicht verliebt in mich ist.«

Und dann fing er an zu pfeifen und das Deck entlang zu schreiten. Hin und wieder blickte er auf den Mann, der seine Stelle eingenommen hatte, freilich nicht mit freundlichen Augen. Aber eine Art von Scham hielt ihn zurück, und er blieb in der Entfernung.

Maurice Frere’s Gruß war sehr kurz.

»Nun, Sara,« sagte er »Sind Sie noch übler Laune?«

Sie runzelte die Stirn.

»Warum schlugen Sie den Mann? Er that kein Unrecht.«

»Er war, wo er nicht hingehörte. Was hatte er dahin zu kommen ? Man muß die Schufte niederhalten, mein Kind.«

»Oder Sie werden Ihnen über den Kopf wachsen? Glauben Sie , daß ein Mann ein Schiff einnehmen kann, Maurice?«

»Nein, aber hundert können es.«

»Unsinn! Was können Sie gegen die Soldaten thun? Da sind fünfzig Soldaten.«

»Ja. – aber —«

»Was ?«

»Nichts. Es ist gegen die Gesetze und ich will es nicht sagen.«

»Nicht nach den »königlichen Befehlen,« wie Kapitain Vickers zu sagen pflegt.«

Frere lachte über ihr Nachahmen des pathetischen Kapitains.

»Sie sind ein sonderbares Mädchen. Ich kann nicht klug aus Ihnen werden. Kommen Sie,« und er nahm ihre Hand, »sagen Sie, was Sie wirklich sind?«

»Wollen Sie mir versprechen, es nicht weiter zu sagen?«

»Natürlich.«

»Auf ihr Wort?«

»Auf mein Wort.«

» Nun denn, – aber Sie werden es weiter sagen?«

»Gewiß nicht! Schnell, sagen Sie.«

»Kammerjungfer in der Familie eines Herrn, der über See geht.«

»Sara, können Sie nicht ernsthaft sein?«

»Ich bin ernsthaft. Das war die Anfrage, die ich beantwortete.«

»Aber ich meine, was Sie gewesen sind. Sie waren nicht immer eine Kammerjungfer.«

Sie zog ihren Shawl dichter um ihre Schultern und fröstelte.

»Die Menschen sind natürlich keine geborenen Kammerjungfern.«

»Nun, wer sind Sie denn? Haben Sie keine Freunde? Was sind Sie denn gewesen?«

Sie blickte den jungen Mann in’s Gesicht, das in diesem Augenblick vielleicht einen weniger harten Ausdruck hatte, als gewöhnlich und trat ihm näher.

»Maurice, lieben Sie mich?«

Er hob eine ihrer kleinen Hände, die auf der Reeling lagen, in die Höhe und küßte sie unter dem Schutze der Finsterniß.

»Sie wissen, daß ich Sie liebe,« sagte er. »Sie mögen eine Kammerjungfer gewesen sein oder was Sie wollen, aber Sie sind das liebreizendste Weib, das ich je gesehen.«

Sie lächelte über seine Heftigkeit. »Also, wenn Sie mich lieben, was hat es dann auf sich?«

»Wenn Sie mich liebten, würden Sie es mir sagen,« sagte er mit einem Eifer, der ihn selbst überraschte.

»Aber ich habe Ihnen nichts zu sagen und ich liebe Sie – noch nicht!«

Er ließ ihre Hand mit ungeduldiger Geberde fallen und in dem Augenblick kam Blunt, der sich nicht länger halten konnte, herbei.

»Eine schöne Nacht, Mr. Frere ?«

»Ja, ziemlich schön.«

»Noch kein Zeichen von Wind?«

»Nein, noch nicht.«

Grade in diesem Augenblick schien ein lichter Schein aus dem tief violetten Streifen der über dem Horizont hing, hervorzubrechen.

»Hallo,« rief Frere, »sahen Sie das?«

Alle hatten es gesehen, aber warteten vergeblich auf eine Wiederholung.

Blunt rieb sich die Augen.

»Ich sah es deutlich,« sagte er, »ein Blitz.«

Sie strengten ihre Augen an, um die Dunkelheit zu durchdringen.

»Best sah etwas Aehnliches vor dem Essen. Es muß ein Gewitter in der Luft sein.«

Da schien ein lichter Streifen plötzlich in die Höhe zu fahren, dann sank er wieder hinab.

Jetzt war keine Täuschung mehr möglich und ein einstimmiger Ruf ertönte von dem Deck. Aus dem düsteren Horizont schoß eine Flammensäule auf, welche die Nacht einen Augenblick völlig erhellte. Dann sank sie wieder und ließ nur einen rothen Schein auf dem Wasser zurück.

»Ein Schiff brennt!« rief Frere.

Drittes Capitel.
Die Einförmigkeit wird unterbrochen

Sie blickten wieder hin; der kleine Funke brannte fort und unmittelbar darüber aus der Dunkelheit brach ein feuerrother Fleck hervor, der wie ein glühender Stern am Himmel stand.

Die Soldaten und Matrosen auf dem Vorderkastell hatten es auch bemerkt und sogleich war das ganze Schiff lebendig.

Mrs. Vickers mit er kleinen Sylvia, die ach an der Mutter Kleid festhielt, erschien, um diese neue Aufregung zu genießen und beim Anblick ihrer Herrin zog sich die bescheidene Kammerjungfer schnell von Frere’s Seite zurück. Sie hätte es kaum nöthig gehabt, denn Niemand achtete auf sie. Blunt hatte in seinem Amtseifer fast schon ihre Gegenwart vergessen und Frere selbst war in ernster Unterhaltung mit Vickers begriffen.

»Ein Boot nehmen,« sagte dieser Herr. »Gewiß, unter allen Umständen. Das heißt, wenn der Kapitain nichts dagegen hat und wenn es nicht den königlichen Verordnungen zuwider ist —«

»Kapitain, wollen Sie mir ein Boot geben? Wir könnten vielleicht Einige von den armen Teufeln retten,« rief Frere und sein Mut wuchs bei der Aussicht auf diese aufregende Fahrt.

»Boot«t« sagte Blunt, – »das Schiff ist zwölf Meilen entfernt und es ist kein Windhauch in der Luft!«

»Aber wir können sie doch nicht braten lassen, wie Kastanien!« rief der Andere, als die Gluth am Himmel sich immer mehr ausbreitete und tiefer und tiefer wurde.

»Was nützt ein Boot?« sagte Pine. »Das Langboot hält nur dreißig Mann und das dort ist ein großes Schiff.«

»Nun so nehmt zwei, drei Boote,« Beim Himmel, Ihr werdet sie doch nicht lebendig verbrennen lassen, ohne einen Finger zu rühren.«

»Sie haben ihre eignen Boote,« sagte Blunt, dessen Ruhe einen starken Gegensatz zu dem Ungestüm des jungen Offiziers bildete; »wenn das Feuer um sich greift, so werden sie sich in die Boote retten, darauf können Sie sich verlassen. In der Zwischenzeit wollen wir ihnen zeigen, daß Jemand in der Nähe ist.« Während er noch sprach, schoß ein blaues Licht zischend in die Luft.

»Da, das werden sie sehen, glaube ich,« sagte er, als die bleiche Flamme auffuhr und für einen Augenblick die Sterne verschwinden ließ, damit sie dann an dem wiederum verdunkelten Himmel nur um so lichter erschienen.

»Mr. Best, lassen Sie die Ouarterboote hinab und bemannen Sie dieselben! Mr. Frere, Sie können in dem Einen mitgehen und einen oder zwei Freiwillige von Ihren Graujacken unten mitnehmen. Ich brauche alle Hände, die ich missen kann, um das Langboot und den Kutter zu bemannen, im Fall wir dieselben nöthig haben. Schnell daran, Kinder, flink!« Als die ersten acht Mann, welche das Deck erreichten, sich theils nach dem Steuerbordboot, theils nach dem Backbordboot wandten, lief Frere hinab in das Zwischendeck.

Mrs. Vickers war natürlich im Wege und schrie ein wenig auf, als Blunt ohne Weiteres mit kaum verständlicher Entschuldigung an ihr vorübereilte; aber ihr Mädchen stand aufrecht und bewegungslos an der Ouarterreeling und als der Kapitain eine Sekunde still stand, um sich umzublicken, sah er ihre dunkeln Augen nicht ohne Bewunderung auf sich gerichtet. Er war über zweiundvierzig stark und grauhaarig aber er erröthete wie ein Mädchen unter diesem bewundernden Blicke. Doch sagte er nur für sich: »Das Mädchen ist ein Staatsmädchen!« und fluchte ein wenig dabei.

Frere war an der Wache vorüber in’s Zwischendeck hinab geeilt. Auf seinen Wink wurde die Thür des Gefängnisses geöffnet. Die Luft war heiß und jener eigenthümliche, entsetzliche Geruch von zu eng eingeschlossenen Menschen erfüllte den ganzen Raum. Es war grade, als ob man in einen angefüllten Stall käme.

Sein Blick lief die doppelte Reihe der Kojen entlang, welche an der Seite des Schiffes befestigt waren und hielt bei der vorderen an. Es schien hier etwas vorgefallen zu sein, denn statt der sechs Paar Füße, welche heraushängen sollten, sah man nur vier Paar bei dem schwachen Licht der Kugellampe.

»Was ist hier geschehen?« fragte er die Wache.

»Ein Gefangener ist krank. Wer Doktor hat ihn in’s Hospital geschickt.«

»Aber es fehlen zwei?«

Der Andre kam Hinter den Kojen vor. Es war Rufus Dawes. Er hielt sich etwas zur Seite und grüßte.

»Ich fühlte mich krank, Herr, und versuchte, das Fenster zu öffnen.«

Die Köpfe erhoben sich alle und Augen und Ohren strebten zu sehen und zu hören, was vorfiel.

Maurice Frere stampfte ungeduldig mit dem Fuß.

»Krank, weshalb seid Ihr krank? Ich werde Euch zu thun geben, damit Ihr die Krankheit ausschwitzt. Steht hier auf dieser Seite zurück.«

Rufus Dawes gehorchte staunend. Er schien bedrückt und leidend zu sein, strich wiederholt mit der Hand über die Stirn, als ob er einen Schmerz bannen wollte.

»Welcher von Euch Burschen kann ein Ruder führen ?« fuhr Frere fort.

»Verdammt, ich brauche nicht fünfzig. Drei ist genug. Heran, schnell!«

Die schwere Thür schlug wieder zu und im nächsten Augenblick waren die vier Freiwilligen auf Deck. Die rothe Gluth verwandelte sich jetzt in gelb und breitete sich weiter über den Himmel aus.«

»Zwei in jedem Boot!« rief Blunt. »Ich werde jede Stunde ein blaues Licht für Sie abbrennen, Mr. Best und nehmen Sie sich in Acht, daß Ihr Boot nicht sinkt. Fort, Burschen!«

Als der zweite Gefangene in Frere’s Boot zum Ruder griff, stieß er einen schwachen Schrei aus, fiel vornüber, erholte sich aber wieder. Sara Purfoy, welche über die Reeling sah bemerkte es.

»Was ist’s mit dem Mann?« fragte sie. »Ist er krank?«

Pine war in ihrer Nähe, hörte sie und blickte hinab. »Das ist der große Bursche aus Nr. 10. Hier Frere!«

Aber Frere hörte ihn nicht. Er blickte nur nach dem Feuerzeichen, das in der Entfernung noch hell schimmerte.

« »Fort, Kinder!« schrie er. Und unter dem Hurrah des Schiffsvolkes schossen die beiden Boote aus dem fahlen blauen Licht hinaus in die Dunkelheit. Sara Purfoy blickte Pine an, wie um eine Erklärung fragend. Aber er wandte sich kurz ab. Einen Augenblick zögerte das Mädchen, dann aber, ehe er sich wieder umkehrte, warf sie einen schnellen Blick um sich schlüpfte die Leiter hinab und ging in das Zwischendeck. Die eisenbeschlagene Eichenthür der Barrikade, die mit Schießlöchern und mit starken Fallthüren für besondere Gelegenheiten versehen war und welche die Soldaten von den Gefangenen trennte, lag zu ihrer Linken. Die Wache an der Thür sah sie fragend an. Sie legte ihre kleine Hand auf seine große, rauhe Hand – eine Wache ist auch menschlich – und sah ihn mit ihren großen, braunen Augen an.

»Zum Hospital,« sagte sie. »Der Doktor schickt mich.« Und ehe er noch antworten konnte, war sie schon in der Luke verschwunden und ging um den Bretterverschlag herum, hinter welchem der kranke Mann lag.

Viertes Capitel.
Das Hospital

Das Hospital war nichts mehr oder weniger als ein Theil des unteren Decks und war von dem Platz abgenommen, der eigentlich den Soldaten zukam. Es ging bis an die Sternfenster und war, so zu sagen, eine künstliche Sternkajüte. Allerhöchstens konnte es ein Dutzend Menschen aufnehmen.

Obgleich es hier nicht so heiß war, wie in dem Gefängnis, so war die Atmosphäre doch ungesund und dick und das Mädchen, das still stand, um der summenden Unterhaltung der Soldaten in ihren Kajüten zu lauschen, fühlte sich ganz schwindlig und übel. Doch nahm sie sich zusammen und reichte ihre Hand einem Manne hin, der schnell bei dem unsichern Lichte und durch die unheimlichen Schatten, welche die hin- und herschwingende Laterne warf, auf sie zuschritt. Es war der junge Soldat, welcher an demselben Tage bei den Gefangenen Wache gestanden hatte.

»Nun, Fräulein,« sagte er. »Hier bin ich und warte auf Sie.«

Sie sind ein guter Junge, Miles, aber ich bin doch des Wartens werth?«

Miles grinste von einem Ohr zum andern.

»Gewiß sind Sie das ,« sagte er. Sara Purfoy runzelte die Stirn, dann lachte sie.

»Kommen Sie her, Miles, ich habe etwas für Sie.«

Miles kam näher und grinste noch mehr. Sie nahm etwas aus ihrer Tasche. Wenn Mrs. Vickers es gesehen hätte, würde sie sehr ungehalten gewesen sein, denn es war nichts Geringeres als des Kapitains Branntweinflasche.

»Trinken Sie. Es ist derselbe, den sie oben trinken, es wird Ihnen nichts schaden.«

Der Bursche ließ sich nicht nöthigen. Er trank die Hälfte auf einen Zug, holte dann tief Athem und starrte sie an.

»Das ist vorzüglich.«

»So. Das glaube ich.« Sie hatte ihm mit unverhaltenem Ekel zugesehen, als er trank.

»Branntwein ist das Einzige, wovon Ihr Männer etwas versteht.«

Miles, seinen Athem anhaltend, kam ihr einen Schritt näher. »So,« sagte er mit einem lachenden Blick in seinen kleinen Schweinsaugen, – »so ? Aber ich verstehe noch etwas mehr, Fräulein.«

Sein Ton schien sie aus ihren Gedanken zu wecken und sie an etwas fast Vergessenes zu erinnern. Sie lachte so laut und fröhlich, wie sie an diesem Ort zu lachen wagte und legte ihre Hand auf des Sprechers Arm.

Der Knabe erröthete heftig, – er war fast noch ein Knabe, einer von diesen schlecht berathenen Burschen, welche den Pflug verlassen um eines Schillings täglich, der Muskete und des »Pompes« und ruhmreichen Kriegswerks willen.

»Das ist nahe genug, Miles. Sie sind nur ein gewöhnlicher Soldat und müssen nicht mit mir liebeln.«

»Nicht mit Ihnen liebeln? Und wozu sollte ich Sie denn hier treffen ?«

Sie lachte auf.

»Was für ein praktischer Mensch. Wenn ich Ihnen nun etwas zu sagen hätte?«

Miles verzehrte sie fast mit seinen Blicken.

»Es ist schwer, einen Soldaten zu heirathen,« sagte Miles. »Aber Sie könnten auch noch schlechter ankommen und ich will für Sie arbeiten wie ein Sklave.«

Sie sah ihn neugierig und mit Wohlgefallen an. Es schien als ob sie, wenn auch ihre Zeit nur gemessen war, als Versuchung nicht widerstehen konnte, ihr eignes Lob anzuhören.

»Ich weiß, Sie stehen weit über mir, Fräulein Sara. Sie sind eine Dame, aber ich liebe Sie und Sie machen mich ganz wild mit Ihrem Spiel.«

»Thue ich das?«

»Ja, das thun Sie. Warum fingen Sie mit mir an und dann geben Sie sich wieder mit den Andern ab ?«

»Was für Andern?«

»Nun mit denen in der Kajüte und mit dem Pastor und dem – Frere. Ich sehe Sie spät Abends mit ihm auf dem Deck gehen. Ich möchte ihm lieber eine Kugel durch den rothen Kopf jagen, als Sie mit ihm gehen sehen.«

»Still, Miles, lieber Miles, sie werden Dich hören.«

Ihr Gesicht glühte und ihre Nasenlöcher öffneten sich weiter. Schön war sie, aber sie hatte in diesem Augenblick einen wahren Tigerblick.

Ermuthigt durch ihre Worte legte Miles den Arm um sie, gerade wie Blunt gethan, aber sie wurde nicht so böse darüber. Miles hatte ihr noch etwas versprochen.

»Still,« flüsterte sie mit wohl gespielter Ueberraschung – »ich höre ein Geräusch!«

Der Soldat fuhr auf und sie strich ihr Kleid zurecht.

»Es ist Niemand da!« rief er.

»Nicht. Dann irrte ich mich.«

»Jetzt komm her, Miles.«

Miles gehorchte.

»Wer ist in dem Hospital?«

»Ich weiß nicht.«

»Ich will hinein gehen.«

Miles kratzte sich den Kopf und lachte.

»Sie können nicht.«

»Warum nicht? Du hast mich doch früher hinein gelassen?«

»Es ist gegen des Doktors Befehl. Er hat mir ganz besonders gesagt, Niemand als ihn allein hinein zu lassen.«

»Unsinn.«

»Es ist kein Unsinn. Es ist ein Gefangener heute Abend hinein gebracht und Niemand soll zu ihm.«

»Ein Gefangener?« Sie wurde immer dringender. »Was fehlt ihm ?« »Ich weiß nicht. Aber er soll ganz ruhig gehalten werden, bis der alte Pine wieder herunter kommt.«

Sie nahm jetzt eine hochmüthige Miene an.

»Miles, laß mich hinein.«

»Bitten Sie mich nicht darum, Fräulein. Es ist gegen die Befehle und – «

»Gegen die Befehle? Was und Du wolltest gewisse Leute sogar niederschießen ?«

Der gequälte Miles wurde böse.

»Wollte ich? So, – gut, ob oder ob nicht, – Sie gehen nicht hinein.« Sie wandte sich wie zum Gehen.

»Sehr gut. Das ist also der Dank dafür, daß ich meine Zeit hier mit Dir verschwende. Ich werde wieder aus Deck gehen.«

Miles wurde unruhig.

»Da sind genug angenehme Leute.« Miles ging ihr einen Schritt nach. »Mr. Frere läßt mich gleich hinein, wenn ich ihn bitte.«

Miles stieß zwischen seinen Zähnen einen Fluch aus.

»Der verdammte Frere! Gehen Sie hinein, wenn Sie mögen,« sagte er. »Ich will Sie nicht aushalten, aber denken Sie daran, was ich für Sie thue.«

Sie wandte ich am Fuß der Treppe um und kam zurück.

»Du bist ein guter Schelm. Ich wußte wohl, daß Du es mir nicht abschlagen würdest.« Und dem armen Tropf zulächelnd, den sie so bethörte, ging sie in die Kajüte.

Es war keine Laterne darin und durch die halb zugesetzten Sternfenster drang nur ein sehr schwaches Licht. Das einförmige Anschlagen des Wassers an das Schiff, das sanft auf den langsamen Wellen hin- und hergeschaukelt wurde, gab einen recht melancholischen Ton und das schwere Athmen des kranken Mannes schien den ganzen Raum mit seinem Geräusch zu erfüllen. Das leise Geräusch des Oeffnens der Thür schien ihn zu erwecken. Er erhob sich, stützte sich auf seinen Ellenbogen und begann zu murmeln. Sara stand in der Thür still, um zu lauschen, aber sie konnte nichts von dem undeutlichen Murmeln verstehen. Ihren Arm erhebend, der, seines weißen Aermels wegen, leicht zu sehen – war, winkte sie Miles. »Die Laterne,« flüsterte sie. »Bringen Sie die Laterne.« Er nahm sie von dem Haken ab, an dem sie hing, und brachte sie ihr. In dem Augenblick richtete sich der kranke Mann auf und wandte sich gegen das Licht. »Sara,« rief er in scharfem Ton, »Sara!« Mit seinem schwachen Arm griff er in die Luft, als ob er sie fassen wollte.

Das Mädchen sprang wie ein Panther aus der Kajüte, riß ihrem Liebhaber die Laterne aus der Hand und war sogleich wieder neben dem Lager des Kranken. Der Gefangene war ein junger Mann von etwa vierundzwanzig Jahren. Seine Hände, krampfhaft gefaltet, waren wohlgeformt und klein und das unrasierte Kinn zeigte den Ansatz zu einem starken Barte. Seine wilden, schwarzen Augen blitzten im Feuer des Deliriums und während er nach Luft schnappte, stand der Schweiß in hellen Tropfen auf seiner bleichen Stirn.

Der Anblick des Mannes war erschreckend genug und Miles zog sich fluchend zurück und war nicht sehr erstaunt, daß Mrs. Vickers Mädchen ganz starr vor Entsetzen war.

Mit offenem Munde und todtenbleichem Gesicht stand sie mit der Laterne in der Hand mitten in der Kajüte, wie versteinert und starrte auf den Mann im Bett.

»Ja, das ist ein Anblick,« sagte Miles endlich. »Kommen Sie fort, Fräulein und machen sie die Thür zu. Er redet irre, sage ich Ihnen.«

Der Ton einer Stimme rief sie wieder zu sich.

Sie ließ die Laterne fallen und stürzte zu dem Lager.

»Du Narr! Er erstickt ja. Kannst Du das nicht sehen. Bringe Wasser herbei! Wasser! gib mir Wasser!«

Und die Arme um des Mannes Hals schlingend, legte sie seinen Kopf an ihre Brust und schaukelte ihn ganz außer sich hin und her.

Zum Gehorsam gezwungen durch ihre Stimme, tauchte Miles einen Becher in ein kleines, von ihr unbemerkt gebliebenes Faß in der Ecke der Kajüte und gab ihn ihr. Ohne zu danken, hielt sie den Becher an die heißen Lippen des Gefangenen. Er trank gierig und schloß dann seine Augen mit einem dankbaren Seufzer.

Da hörten die scharfen Ohren von Miles das Geräusch des Gewehr Präsentierens. »Da kommt der Doctor, Fräulein,« rief er. Ich höre wie die Wache präsentiert. Schnell fort!«

Sie ergriff die Laterne, öffnete sie und löschte sie schnell aus.

»Sage, sie ging aus,« sagte sie in befehlendem Tone flüsternd zu ihm, »und halte Deinen Mund. Laß mich nur machen.« Sie beugte sich über den Gefangenen, um seine Kissen zu ordnen und glitt aus der Kajüte, gerade als Pine den Gang herabkam.

»Hallo,« schrie er, als er ein wenig stolperte, »wo ist das Licht?«

»Hier, Herr,« rief Miles und machte sich mit der Laterne zu thun. »Alles in Ordnung, Herr, sie ging nur aus.«

»Ging aus! Wozu hast Du sie ausgehen lassen, Du Esel,« brummte Pine ganz ohne Verdacht. »Das ist Euch Schafsköpfen recht ähnlich. Wozu dient ein Licht, wenn man es ausgehen läßt, – was?«

Und während er mit ausgestreckten Armen seinen Weg im Dunkeln suchte, schlüpfte Sara Purfoy unbemerkt an ihm vorüber und gelangte glücklich auf das Deck.

Fünftes Capitel.
Die Baracken

Im Zwischendeck in dem Gefängnis herrschte tief Dunkelheit, unter deren Schutze sich ein summendes Geräusch von Stimmen hören ließ. Die Schildwache am Eingang hatte Befehl, »die Gefangenen an jedem Lärmen zu verhindern.« Dieser Befehl wurde auf die weitherzigste Weise befolgt. So lange die Gefangenen nicht brüllten , schrien und sich prügelten – lauter Dinge die zuweilen vorfielen, – störte man sie nicht. Diese Behandlung war ebenso durch die Klugheit geboten wie durch die Bequemlichkeit. Wurden sie zu streng gehalten, so begannen sie ein so thierisches Geschrei, in das Alle einstimmten und das, wenn es auch Lärm genug machte, doch jede Möglichkeit der Einzelbestrafung ausschloß. Man konnte nicht hundertundachtzig Mann aushauen und es war völlig unmöglich die Hauptthäter herauszufinden. So hatten die Gefangenen, dieses letzten Umstandes wegen, das stillschweigend anerkannte Recht sich angemaßt, im Flüsterton zu sprechen und innerhalb des eichenen Käfigs sich zu bewegen.

Für Einen, der von außen herein kam, herrschte eine undurchdringliche Finsterniß in dem Raum, aber das Auge des Gefangenen, an dies düstere Zwielicht gewöhnt, war im Stande, die ihn umgebenden Gegenstände mit ziemlicher Deutlichkeit zu unterscheiden. Das Gefängnis war ungefähr fünfzig Fuß lang und hatte die volle Höhe des Zwischendecks, also fünf Fuß, zehn Zoll. Die Barrikade war hier und da mit Schießscharten versehen und durch die Zwischenräume der Planken konnte auch leicht ein Flintenlauf gesteckt werden. Aus der Hinterseite dicht bei den Kajüten der Soldaten, war eine Fallthür angebracht, ähnlich dem Feuerloch eines Ofens. Beim ersten Blick glaubte man, sie sei zu dem menschlichen Zweck der Ventilation angebracht, aber bei einem zweiten Blick wurde man eines besseren belehrt. Die Oeffnung war gerade groß genug für den Lauf einer kleinen Haubitze, die im unteren Deck aufbewahrt wurde.

Im Fall einer Meuterei konnten die Soldaten das Gefängnis vollkommen mit Kartätschen bestreichen. So viel frische Lust, als das Gefängnis erhielt, kam theils durch die Schießscharten, theils wurde sie in etwas größerer Menge durch ein Windsegel zugeführt, das von dem Hauptgange aus in das Gefängnis eingesetzt war. Da aber das Windsegel nothwendiger Weise nur an einem Ende des Gefängnisses angebracht werden konnte, so wurde die Luft, welche es verbreitete, von den zwanzig oder dreißig glücklichen Burschen verbraucht, welche in der Nähe schliefen und die andern hundertundfünfzig kamen ganz schlecht dabei fort. Die Fenster waren freilich offen, aber da die Kojen davor gebaut waren, so kam die Luft nur denjenigen zu Gute, deren Schlafstellen grade davor lagen. Es gab achtundzwanzig solcher Kojen, jede enthielt sechs Mann. Sie liefen in einer doppelten Reihe um drei Seiten des Gefängnisses herum, auf jeder Seite zwanzig, und acht lagen auf der Seite der vorderen Barrikade, die der Thür gegenüber lag. Jede Lagerstätte sollte fünf Fuß sechs Zoll im Ouadrat haben, aber die Ladung hatte noch sechs oll davon gebraucht und selbst jetzt mußten noch zwölf Mann auf Deck schlafen.

Pine übertrieb nicht, als er von dem Ueberfüllen der Deportiertenschiffe sprach und da er für jeden Mann, den er lebendig nach Hobart Town brachte, eine halbe Guinee erhielt, so hatte er wohl Grund, sich zu beklagen.

Als Frere vor einer Stunde heruntergekommen war, lagen die Gefangenen Alle ruhig unter ihre Decken. Jetzt war es anders; freilich bei dem ersten Geräusch der Riegel wären sie wieder in ihren alten Stellungen gewesen und dem Anschein nach fest schlafend. Jetzt zeigte sich, wenn sich das Auge an die dicke Atmosphäre gewöhnt hatte, ein ganz anderes Bild.

Gruppen in allen möglichen Stellungen lagen, standen, – saßen oder schritten auf, und nieder. Es war die Scene vom Hinterdeck, nur daß die wilden Thiere sich hier ein wenig freier bewegten, da sie keine Furcht vor den wachsamen Wärtern zu haben brauchten. Es ist unmöglich in Worten eine Idee von der gräulichen Erscheinung dieser Glieder und Gesichter zu geben, welche sich in dem Zwielicht dieses entsetzlichen, übelriechenden Gefängnisses hin und her bewegten. Callot hätte vielleicht ein Bild davon gezeichnet, Dante hätte Einiges davon angedeutet, aber der Versuch einer genauen und richtigen Schilderung würde nur Ekel erregen. Es gibt Tiefen in der Menschheit, die man nicht aufdecken sollte, so wie es mephitische Höhlen gibt, in die man nicht einzudringen wagt.

Alte Männer, junge Männer und Knaben, kräftige Einbrecher und Straßenräuber schliefen Seite an Seite mit ausgedörrten Taschendieben und schlauen Betrügern. Der Fälscher lag in einer Koje oder Hängematte mit dem verbrecherischen Plünderer. Der gebildete Mann lernte merkwürdige Geheimnisse der Einbrecherkunst und der gemeine Schurke von St. Giles hatte ein gutes Beispiel an der Selbstbeherrschung, das ihm der schärfere Verstand des professionsmäßigen Schwindlers gab.

Der betrügerische Schreiber und der prahlerische Gauner tauschten Erfahrungen aus. Die Geschichten des Schmugglers, der von glücklichen Abenteuern und von gelungenen Fahrten sprach, wurden von den Erinnerungen des Straßenräubers abgelöst, der von nebeligen Nächten und von gestohlenen Uhren erzählte. Der Wilddieb, der in düsterem Grimm an sein krankes Weib und an seine verwaisten Kinder dachte, fuhr zusammen, als ihm der Diebskerl neben ihm einen Schlag auf die Schulter gab und ihm zuredete, er solle fröhlich und ein ganzer Mann sein.

Der feine Handlungsdiener dessen Vorliebe für vornehme Gesellschaft und gutes Leben ihn so weit gebracht, hatte bald die erste Scham abgelegt und horchte eifrig auf die Erzählungen der lasterhaften Erfolge, welche seinen älteren Gefährten so glatt von den Lippen gingen. Deportiert zu werden, war gar nicht solch’ ein ungewöhnliches Los. Die alten Kerle lachten und schüttelten ihre grauen Köpfe mit der Zufriedenheit langer Erfahrung und die aufhorchende Jugend sehnte sich nach der Zeit, da sie es ebenso machen würde. Die menschliche Gesellschaft war ihr gemeinsamer Feind und die Richter, Kerkermeister und Prediger waren das Wild, das alle vernünftigen Bursche hetzen mußten. Nur Narren waren ehrlich, nur Feiglinge küßten die Ruthe und übten nicht Rache an der hochachtbaren Welt, die so großes Unrecht ihnen gethan. Jeder Neue war ein Rekrut wehrt in den Reihen der Schurkerei und Keiner, der einmal m diese Höhle der Schmach einzog, ging daraus hervor, ohne ein geschworener Verächter des Gesetzes, der Ordnung und der »freien« Leute draußen zu werden. Was er vorher gewesen sein mochte, darauf kam es nicht an. Er war jetzt ein Gefangener, der mit in der stinkenden Baracke lebte, der ein Gefährte des Auswurfs der Menschheit geworden, dessen Auge und Ohr täglich und stündlich alle möglichen Scheußlichkeiten , Lästerungen und Unanständigkeiten sah und hörte. Er verlor bald seine Selbstachtung und wurde das, wofür ihn seine Kerkermeister von vornherein hielten – ein wildes Thier, das unter Schloß und Riegel gehalten werden mußte, damit er nicht ausbreche und sie zerreiße.

Die Unterhaltung drehte sich um die plötzliche Abholung der vier Leute.

Wozu brauchte man sie zu dieser Stunde?

»Ich sage Euch, es ist etwas auf Deck los,« sagte Einer aus der nächsten Gruppe. »Hört Ihr nicht das Rollen und den Lärm ?«

»Warum haben sie die Boote in See gelassen? Ich hörte das Einschlagen der Ruder.«

»Ich weiß nicht, Kamerad. Vielleicht ein Begräbniß,« sagte ein kurzer, kleiner Kerl als eine glücklich gefundene Erklärung.

»Einer aus der Kajüte!« sagte ein Anderer und Alle lachten.

»Solch’ Glück gibts nicht. Ihr werdet noch lange nicht Euren Klüver ihretwegen herunterlassen. Vielleicht ist der Schiffer fischen gegangen.«

»Der Schiffer fischt nicht, Du Narr. Was sollte er fischen, mitten in der Nacht?«

»Das wäre ja wie der alte Dovery,« sagte ein Fünfter und spielte auf einen alten, grauhaarigen Burschen an, der, ein rückfälliger Deportierter, wegen Plünderei verurtheilt war.

»Ja,« fügte ein junger Mann hinzu, der den Ruf des feinsten Spions der Einbrecher in London hatte, »Menschenfischer, wie der Pfaffe sagt.«

Die näselnde Stimme eines Methodistenpredigers wurde so gut von ihm nachgemacht, daß es ein großes Gelächter gab. In diesem Augenblick grade fiel ein elender kleiner Cockney-Taschendieb, der sich nach der Thür hin fühlte, mitten in den Kreis.

Eine Fluth von Schimpfreden und Flüchen empfing ihn.

»Ich bitte um Vergebung, meine Herren,« rief der erbärmliche Kerl, »aber ich muß Luft haben.«

»Dann laß Dich rasieren und Dir den Hals aufschneiden,« schrie der Kerl, welcher vorhin schon mit seinem Witz einigen Erfolg gehabt hatte.

»O Herr, mein Nacken!«

»Steht auf,« ächzte Jemand in der Dunkelheit.

Der Sprecher verbarg seinen Kopf unter der Decke, als ob er zu bescheiden sei, sich sehen zu lassen.

Während dieser ganzen Zeit war der Cockney , ein Schneider seines Zeichens, von den Andern unter die Füße getreten.

»Laßt mich auf, ihr Herren, laßt mich auf! Ich glaube, ich bin am Sterben, – o sicher!«

»Laßt den Herrn aufstehen,« sagte der Spaßmacher aus seiner Koje. Hört Ihr nicht, sein Wagen wartet schon, um ihn in die Oper zu fahren.«

Die Unterhaltung war etwas laut geworden und aus der nächsten, obersten Koje streckte sich jetzt ein Bullkopf heraus.

»Kann man denn hier nicht mal schlafen ?« schrie eine rauhe Stimme. »Bei meinem Blut, wenn ich aufstehe, schlage ich ein paar von Euren Strohköpfen zusammen!«

Es schien, als ob der Sprecher ein gutes Gewicht bei den Leuten hatte, denn der Lärm hörte sogleich auf und in der Stille, die nun folgte, ertönte ein durchdringender Schrei, den der elende Schneider ausstieß.

»Hilfe! Sie tödten mich! Ach, ach!«

»Was gibts?« brüllte der Mann, der eben Schweigen geboten hatte, sprang aus seiner Koje und warf die Kerls nach rechts und links auseinander.

»Laßt ihn in Ruhe, hört Ihr?«

»Luft!« schrie der arme Teufel, »Luft, ich sterbe!«

Da stöhnte der Mann in der nächsten Koje grade ganz schrecklich.

»Na, Gott soll mich segnen,« rief der Riese, als er den nach Luft schnappenden Schneider in die Höhe hielt und sich umblickte, »alle die Kücken hier haben den Kroup bekommen!«

Das Stöhnen des Mannes in seiner Koje wurde immer stärker.

»Sagt’s der Wache,« meinte Einer, der menschlicher fühlte als die Andern.

»Ja,« rief der Witzbold, »laßt ihn hinaus, wir wollen lieber Einen leeren Platz als ihn selbst haben.«

»Wache, ein Mann ist krank.«

Aber die Wache kannte ihre Pflicht besser, als daß sie geantwortet hätte. Es war ein junger Soldat, aber er war wohl vor den Listen und Ränken der Gefangenen gewarnt worden und überdies hatte ihm Kapitain Vickers auseinandergesetzt, »daß nach den Königlichen Befehlen er weder auf eine Frage noch auf eine Anrede eines Gefangenen antworten dürfe, sondern in solchem Falle dem Offizier, der das Kommando habe, Anzeige machen müsse.« Obgleich nun der Posten leicht die Wache auf dem Quarterdeck hätte anrufen können, so fühlte er doch eine sehr natürliche Abneigung, solches zu thun, – nur um eines kranken Deportierten willen – weil in wenigen Minuten die Ablösung kommen mußte. So beschloß er, zu warten. Der Schneider befand sich ebenfalls immer schlechter und fing jämmerlich an zu stöhnen.

»He, hallo,« schrie sein Beschützer unruhig werdend, »halt ich aufrecht. Was ist mit Dir? Da stehen ihm die großen Tropfen auf der Stirn. Laßt ihn hinaus, Ihr da!«

Der Bursche wurde bis an die Thür geschleppt.

»Vater,« stöhnte er und schlug schwach mit seiner Hand an die dicke Eichenthür. »Gebt Einem zu trinken, Herr, um Gottes Willen, zu trinken!«

Aber die kluge Schildwache antwortete nicht, bis endlich die Schiffsuhr die Ablösung ankündigte und da kam auch der alte, ehrliche Pine und erkundigte sich besorgt nach den Leuten. Man sagte ihm, daß noch ein Gefangener krank sei! Er ließ die Thüre aufschließen und sogleich war auch der Schneider draußen. Ein Blick auf das verstörte, glühende Gesicht sagte ihm genug.

»Wer stöhnt dort ?« fragte er. Es war der Mann, der schon seit einer Stunde nach der Wache gerufen hatte und Pine ließ ihn auch hinaus kommen.

»Führt Beide nach hinten in’s Hospital,« sagte er, »und Jenkins, wenn noch irgend ein Mann krank wird, so muß ich gleich gerufen werden. Ich bleibe auf Deck.«

»Wir haben das Fieber an Bord.«

»Bei Gott, Pine, ist das wahr«?«

Pine schüttelte traurig seinen grauen Kopf.

»Das ist die verdammte Windstille! Ich habe es zwar immer erwartet, denn das Schiff ist zu voll. Als ich in der Hekuba war —«

»Wer ist der Kranke ?«

Pine lachte halb mitleidig, halb ärgerlich:

»Natürlich, nur ein Gefangener. Wer sollte es sonst sein? Sie dampfen wie die Ochsen in ihren Ställen in Smithsield. Hundertundachtzig Mann in einen Raum gesperrt, der fünfzig Fuß lang ist und eine Luft hat wie ein Ofen. Was kann man anders erwarten?«

Der arme Blunt stampfte mit dem Fuß.

»Es ist nicht mein Fehler,« rief er. »Die Soldaten sind nach hinten gebracht. Wenn die Regierung die Schiffe überladen will, so kann ich nichts machen.«

»Die Regierung, ja die Regierung, die schläft nicht zu sechzig Mann in einer Kajüte, die nur sechs Fuß hoch ist. Die Regierung bekommt nicht den Typhus in den Tropen.«

»Nein – aber —«

»Aber woran denkt denn die Regierung?«

Blunt wischte sich die Stirn.

»Wer wurde zuerst krank ?«

»Kajüte Nr. 97. Zehn in der unteren Reihe. Er heißt John Rex.«

»Sind Sie sicher, daß es das Fieber ist ?«

»So sicher, wie daß ich hier stehe. Der Kopf wie eine Feuerkugel, die Zunge wie Leder! Ich soll es nicht wissen? He?« Pine grinste dabei. »Ich habe ihn in’s Hospital geschickt. Ein schönes Hospital! Dunkel wie ein Wolfsrachen. Ich habe schon Hundeställe gesehen, die besser waren.«

Blunt zeigte nach der leuchtenden Rauchsäule am Horizont: »Und wenn da eine ganze Schiffsladung von armen Teufeln herkommt, so muß ich sie aufnehmen.«

»Ja,« sagte Pine düster »das muß geschehen. Wir müssen sie wegstauen. Dann müssen wir mit dem ersten Wind das Kap anlaufen, – wenn sie kommen, – das ist das Einzige, was wir thun können.« Er wandte sich ab, um nach dem brennenden Schiff zu sehen.

Sechstes Kapitel.
Das Schicksal des Hydaspes

Indessen waren die beiden Boote grade auf den rothen Schein zu gerudert, der wie eine mächtige Fackel über dem Meer aufstieg.

Wie Blunt gesagt hatte, war das brennende Schiff gute zwölf Meilen entfernt von dem Malabar und der Weg war lang und ermüdend. Nachdem sie erst ganz die schützende Seite des Schiffes verlassen halten, das sie so weitaus ihrer unheilvollen Reise gebracht hatte, schienen die Abenteurer in eine ganz neue Welt zu kommen. Die Unendlichkeit des Oceans, über welchen sie sich langsam fortbewegten, offenbarte sich ihnen jetzt zum ersten Mal. An Bord des Gefangenenschiffes, umgeben von den Erinnerungen, wenn auch nicht von der Bequemlichkeit des Lebens an Land, hatten sie bis jetzt noch gar nicht ganz und voll begriffen, wie weit sie entfernt waren von der Civilisation, in der sie groß geworden. Die wohlerleuchtete und gut ausgestattete Kajüte, die einfache Fröhlichkeit auf dem Vorderkastell, die Ablösung der Wachen, ja selbst der Schrecken und die Finsterniß des fest geschlossenen Gefängnisses – Alles dies gab den Reisenden noch immer ein Gefühl der Sicherheit gegen die unbekannten Gefahren der See. Der Widerstand gegen die Elemente, der besonders stark ist wenn Menschen in Gesellschaft ihresgleichen sind, hatte sie bis dahin aufrecht erhalten und so fühlten sie auch jetzt, obgleich sie allein auf der ungeheuren Wasserfläche waren, daß die Gefahren, die Einer von ihnen zu bestehen haben würde auch von den Kameraden getheilt und vielleicht erfolgreich überwunden würden.

Jetzt aber – da das eine Schiff immer kleiner hinter ihnen wurde und das Andre vor ihnen, ein brennendes Wrack in der dunkeln Ferne, Schrecken und Grauen menschlicher Noth und Todesangst einschließend, – jetzt erst fühlten sie ihre eigne Schwäche und Ohnmacht recht. Der Malabar, das riesige Seeungeheuer, in dessen Innerem so viele Geschöpfe lebten und litten, war zu der Größe einer Walnussschale zusammengeschrumpft und wie war doch ihr eigenes Boot so verschwindend klein daneben erschienen, als es unter dein haushohen Stern hervorgeschossen war. Der schwarze Rumpf war für sie ein wahrer Riese an Stärke gewesen, der jede Macht von Wind und Wetter zu besiegen im Stande – jetzt war das Schiff nichts als ein Stück Holz, das über der grundlosen, schwarzen Tiefe schwamm. Das blaue Licht, das zuerst, über den Ocean blitzend, der Sterne Schein durch seinen Glanz erbleichen ließ, war jetzt nur noch ein heller glänzender, deutlicher Punkt, der aber durch seinen Glanz selbst das Schiff zwerghaft erscheinen ließ. Der Malabar lag auf dem Wasser wie ein Glühwurm auf einem schwimmenden Blatt und die Signalfeuer machten nicht mehr Eindruck in der Dunkelheit als das Licht eines einsamen Bergmannes in dem Abgrunde einer Kohlenmine.

Und doch enthielt der Malabar zweihundert Seelen, Menschen wie sie selbst waren!

Das Wasser, über das die Boote hinglitten, war schwarz und glatt, nur in ungeheuren schaumlosen Wogen sich hinwälzend, die um so schrecklicher waren wegen der völligen Stille. Wenn die See braust, so scheint sie zu sprechen und die Sprache unterbricht die Schrecken der Stille ; wenn die See unbeweglich ist, so ist sie stumm und scheint über allerlei Unheil zu brüten. Der Ocean in einer Windstille ist wie ein böser Riese; man fürchtet sein Brüten über neuen Plänen. Ueberdies sieht das aufgewühlte Meer nicht so ungeheuer groß aus, wie ein stilles Meer. Die steigenden Wellen bringen den Horizont näher und man sieht nicht, wie viele, viele Meilen die unbarmherzigen Wellen sich wiederholen. Um die entsetzliche Ausdehnung des Oceans zu erkennen, muß man ihn in der Ruhe sehen.

Der Himmel stieg ohne Wolken über dem stillen Meere auf. Die Sterne schienen so niedrig in dem ungeheuren Raum zu stehen und strahlten in einer Art von violettem Glanz. Kein Laut ertönte und jeder Schlag der Ruder hallte leise wieder in dem unendlichen Raum. Wenn die Ruder eintauchten, spritzten Funken auf und die Boote ließen zwei Streifen zurück, die wie ungeheure Schlangen auf einem Meer von Quecksilber sich zu bewegen schienen.

Bis jetzt hatte eine Art von Wettfahrt zwischen den beiden Booten stattgefunden; die Ruderer hatten mit zusammengebissenen Zähnen und fest geschlossenen Lippen Schlag auf Schlag gethan. Da hielt das vordere Boot plötzlich ein wenig an. Best ließ ein fröhliches Hurrah hören und schoß an ihm vorüber grade hinein in den rothen Lichtstreifen, der von dem brennenden Schiff aus sich über die See breitete. »Was gibts?« rief er.

Er hörte einen unterdrückten Fluch von Frere und dann machte Frere’s Boot eine ganz besondere Anstrengung, um ihn wieder zu überholen.

»Es war wirklich nichts von Bedeutung; nur ein Gefangener der nicht weiter konnte.«

»Verdammt,« murmelte Frere »was ist mit Euch ? O, es ist Dawes, natürlich Dawes. Von solchem schleichenden Hunde kann man auch nichts Besseres erwarten. Solch’ Unsinn gilt bei mir nicht. Es ist freilich nicht so angenehm, als sich am Schanzbord herumzutreiben, aber immer weiter, – fort.«

»Er ist krank Herr,« sagte ein mitleidiger Kamerad.

»Krank, – er! Alles Verstellung. Voran, voran, – legt Euch aus.«

Der Gefangene hatte sein Ruder wieder aufgenommen und das Boot schoß weiter.

Aber es half Frere nichts; er konnte die verlorene Strecke nicht wieder gewinnen und Best erreichte zuerst die schwarze Wolke, die über den roth schimmernden Wasser hing.

Auf sein Zeichen glitt das zweite Boot an seine Seite.

»Haltet zurück,« sagte er. »Wenn noch Viele an Bord sind, werden ihrer zu viele kommen, und ich glaube, es müssen noch viele da sein, denn wir sind keinen Booten begegnet.« Und während die erschöpften Ruderer zurücklehnten, erhob er seine Stimme und rief das Schiff an.

Es war ein sehr großes, schwerfällig gebautes Schiff von bedeutender Breite und sehr hohem Hinterdeck. Sonderbar genug war es, obgleich sie erst sehr kurze Zeit den Brand gesehen, ein vollständiges Wrack und gänzlich verlassen. Der Hauptherd des Feuers war in der Mitte und das Zwischendeck war eine Feuermasse.

Hier und da klafften schon Risse und Spalten in der Seite und das Feuer glühte furchtbar im Innern. Der große Mast war auf der Steuerbordseite in’s Wasser gesunken und die schwarzen überhängenden Trümmer hatten das Schiff stark auf die Seite gelegt. Das Feuer prasselte wie ein Wasserfall und ungeheure Wolken feurigen Rauches wälzten sich hervor und legen sich dicht über die ganze Umgebung.

Als Frere’s Boot langsam um den Stern des Schiffes ratterte, rief er es wiederholt an.

Doch kam keine Antwort und obgleich die Lichtfluth, welche das Wasser ringsum blutroth färbte und jedes Tau und jeden Sparren taghell erleuchtete, so konnte sein spähendes kluge doch kein lebendes Wesen entdecken.

Sobald sie näher kamen, konnten sie die vergoldeten Buchstaben des Namens unterscheiden.

»Wie heißt es,« rief Frere, dessen Stimme fast von dem Geräusch der prasselnden Flammen erstickt wurde. »Könnt ihr es lesen ?«

Rufus Dawes stand von Neugierde getrieben, hoch auf und beschattete seine Augen mit der Hand. Plötzlich schrie er auf.

»Nun, könnt Ihr nicht sprechen? Wie heißt es?«

»Der Hydaspes!«

Frere athmete schwer.

«Der Hydaspes! Das Schiff, in dem sein Vetter Richard Devine gesegelt war. Das Schiff, von dem er mit größter Angst auf Nachricht wartete. Das Schiff von dem er nirgends etwas gehört hatte, als über seinen verschwundenen Vetter gesprochen wurde.

»Zurück, ihr Männer! Fort! Rudert um Euer Leben!«

Best’s Boot näherte sich.

»Könnt ihr den Namen lesen ?«

Frere, todtenbleich vor Schrecken, brüllte eine Antwort:

»Der Hydaspes «! – »Ich kenne es. Es hat nach Calcutta geladen, hat fünf Tonnen Pulver an Bord!«

Es brauchte weiter keiner Worte. Das einzige Wort erklärte das ganze Geheimniß der Verlassenheit. Die Schiffsmannschaft war bei dem Ausbruch des Feuers in die Boote geflüchtet und hatte das todbringende Schiff seinem Schicksal überlassen. Sie waren wohl schon viele Meilen entfernt und hatten unglücklicher Weise eine andere Richtung eingeschlagen, als die, in welcher für sie Rettung zu finden war.

Die Boote flogen durch das Wasser. So eifrig sie vorher gewesen waren, um so eifriger waren sie jetzt, um zu entkommen. Die Flammen hatten gerade jetzt das Hintertheil erreicht. In wenigen Minuten wäre es zu spät für sie gewesen.

Zehn Minuten lang sprach Niemand ein Wort. Mit angestrengten Muskeln und keuchender Brust arbeiteten die Männer an ihren Rudern, ihre Augen auf die feurige Masse gerichtet, von der sie sich schnell entfernten. Frere und Best, den Blick ebenfalls auf den Gegenstand des Schreckens gerichtet, feuerten die Leute zu größerer Eile an. Schon leckten die Flammen an der Flagge und hatten die Verzierungen am Stern erreicht.

Noch ein Augenblick und Alles wird vorüber sein! Jetzt ist es so weit.

Ein dumpfes Rollen; das brennende Schiff barst auseinander. Eine Feuersäule, von schwarzen Massen unterbrochen, die aus Planken und Stangen bestanden, hob sich hoch über den Ocean. Es gab einen Furchtbaren Krach, als ob Himmel und Erde einstürzten. Dann stieg ein mächtiger Wasserberg auf, fiel zusammen, erreichte die Boote, wogte vorüber und sie waren allein – betäubt, entsetzt, athemlos in der fürchterlichen Finsterniß und in dem Todesschweigen.

Das Zusammenstoßen der letzten Ueberreste im Wasser erweckte sie aus ihrer Erstarrung. Da fuhr das blaue Licht vom Malabar in die Höhe und bezeichnete ihnen den Weg. Jetzt wußten sie, daß sie in Sicherheit waren.

* * *

Auf dem Deck des Malabar gingen zwei Männer unruhig auf und nieder und erwarteten den Tagesanbruch.

Endlich kam er. Der Himmel wurde licht, der Nebel zerging und ein bleicher Streifen zeigte sich am Horizont.

Bald blitzte das Wasser, die See veränderte die Farbe, aus schwarz wurde gelb, aus gelb ein leuchtendes Grün. Der Mann im Mastkorb rief die Männer auf Deck. Die Boote waren in Sicht, und wie sie sich nun langsam dem Schiffe näherten und das Wasser unter den im Takt sich bewegenden Rudern aufleuchtete, wurden sie von den eifrig ausschauenden Schiffsleuten mit Hurrah und Mützenschwenken begrüßt.

»Keine Seele,« rief Blunt. »Niemand als sie allein. Nun ich bin froh, daß sie glücklich wieder da sind.«

Die Boote legten bei, und in wenigen Sekunden war Frere auf Deck.

»Nun, Mr. Frere?«

»Nichts,« sagte Frere, sich schauernd. »Wir hatten gerade Zeit genug, um wieder abzukommen. Um ein Haar hätten wir daran glauben müssen, Sir.«

»Sahen Sie Niemand?«

»Keine Seele. Sie müssen sich in die Boote gerettet haben.«

»Dann können sie nicht weit gekommen sein,« rief Blunt und bestrich den Horizont mit seinem Glas.

»Sie müssen die ganze Zeit gerudert haben, denn es ist nicht genug Wind gewesen, um einen hohlen Zahn damit zu füllen.«

»Vielleicht haben sie eine falsche Richtung genommen, « sagte Frere. »Sie waren uns wohl vier Stunden voraus.«

Dann kam Best und erzählte den begierigen Zuhörern die ganze Geschichte. Die Matrosen hatten die Boote aufgehißt und festgemacht und eilten auf das Vorderkastell, um zu essen und zu trinken und dazwischen erzählten sie ihre Erlebnisse. Die vier Gefangenen wurden hinabgebracht und wieder eingesperrt.

»Sie sollten lieber hinuntergehen, Frere,« sagte Pine ärgerlich. »Es hilft nichts, hier den ganzen Tag zu stehen und nach Wind zu pfeifen.«

Frere lachte lustig. »Ja, das will ich. Ich bin hundemüde und so schläfrig wie eine Eule.« Damit stieg er in seine Kajüte hinab.

Pine ging noch einige Male auf dem Deck auf und ab, dann Blunt’s Blick auffangend, stand er gerade vor Vickers still.

»Vielleicht erscheint es Ihnen hart, Kapitain Vickers, wenn ich es sage, – aber es ist recht gut, wenn wir diese armen Teufel nicht finden. Wir haben genug mit uns selbst zu tun.«

»Was meinen Sie damit, Pine?« sagte Vickers und seine menschlichen Gefühle gewannen die Oberhand über seine Förmlichkeit. »Wir werden doch die Unglücklichen nicht ihrem Schicksal überlassen ?«

»Vielleicht,« erwiderte der Andere, »würden Sie es uns nicht danken, wenn wir sie aufnähmen.«

»Ich verstehe Sie nicht.«

»Das Fieber ist ausgebrochen.«

Vickers zog seine Augenbrauen in die Höhe. Er hatte keine Erfahrung in solchen Dingen und obgleich die Nachricht recht unangenehm war, so erklärte sich die Sache doch durch die Ueberfüllung an Bord. An Gefahr für sich und die Seinen dachte er nicht.

»Das ist ein großes Unglück , aber Sie werden doch solche Maßregeln treffen —«

»Bis jetzt ist es nur im Gefängnis,« sagte Pine mit besonderem Ausdruck, »aber wer kann sagen, wie lange es sich darauf beschränkt. Drei Männer sind schon unten.«

»Gut, Herr. Die Sache liegt ganz in Ihren Händen. Alles, was Sie wünschen, soll geschehen. Ich will thun, was ich kann.«

»Danke. Vorerst muß ich mehr Raum für das Hospital haben. Die Soldaten müssen sich behelfen.«

»Ich will sehen, was geschehen kann.«

»Sie sollten Ihre Frau und Ihr kleines Mädchen so viel wie möglich auf Deck bleiben lassen.«

Vickers erbleichte, als Pine seines Töchterchens erwähnte.

»Himmel, glauben Sie, daß es Gefahr gibt?«

»Natürlich ist Gefahr für uns Alle vorhanden, aber mit Achtsamkeit kann man ihr entgehen. Da ist das Mädchen. Sagen Sie ihr, sie soll mehr für sich bleiben. Sie treibt sich überall im Schiff herum. Das gefällt mir nicht. Ansteckung verbreitet sich leicht und Kinder sind ihr mehr ausgesetzt, als Erwachsene.«

Vickers biß die Lippen zusammen. Dieser alte Mann mit seiner harten Stimme und seiner fürchterlichen Klarheit erschien ihm wie ein Vogel von böser Vorbedeutung.

Blunt, der sich bisher schweigend verhalten hatte, wagte jetzt ein Wort zur Vertheidigung der Abwesenden.

»Das Mädchen thut nichts Unrechtes, Pine. Was ist’s mit ihr.«

»O mit ihr ist nichts, sicher nicht. Sie wird nicht angesteckt werden, weniger als Einer von uns. Man kann ihr die Lebensfähigkeit am Gesicht ansehen. Sie hat neun Leben wie die Katzen. Aber sie kann die Ansteckung leichter verbreiten, als irgend ein Anderer.«

»Ich gehe, – ich will gleich zu ihr,« rief Vickers und wandte sich ab.

Das Mädchen, von dein sie so eben gesprochen, begegnete ihm an der Kajütstreppe. Ihr Gesicht war bleicher als gewöhnlich und dunkle Ränder um die Augen sprachen von schlaflos verbrachter Nacht. Sie öffnete ihre Lippen, um zu sprechen, hielt aber zurück, als sie Vickers sah.

»Was gibts ?«

Sie blickte von ihm zu den Andern.

»Ich wollte zu Dr. Pine.«

Vickers errieth mit dem schnellen Verständnis der Liebe ihr Vorhaben.

»Jemand ist krank ?«

»Ja, Herr; Fräulein Sylvia. Ich glaube, es ist nichts. Sie hat etwas Fieber und ist sehr heiß und Mrs. Vickers —«

Vickers eilte mit verstörtem Gesicht die Treppe hinab.

Pine faßte des Mädchens Arm hart an. »Wo sind Sie gewesen?«

Zwei feuerrothe Flecken zeigten sich auf ihren bleichen Wangen und sie blickte Blunt ärgerlich an.

»Pine, lassen Sie das Mädchen zufrieden.«

»Sind Sie gestern Abend bei dem Kinde gewesen?« fuhr Pine fort, ohne seinen Blick von ihr abzuwenden.

»Nein, ich bin seit gestern Mittag nicht in der Kajüte gewesen. Mrs. Vickers rief mich gerade jetzt herein. Lassen Sie meinen Arm los, Herr, Sie thun mir weh.«

Pine ließ sie los und schien mit ihrer Antwort Zufrieden zu sein. »Ich bitte um Verzeihung,« sagte er bereuend; »ich wollte Ihnen nicht weh thun. Aber das Fieber ist auf dem Schiff ausgebrochen und das Kind ist angesteckt. Sie müssen acht geben, wohin Sie gehen.«

Mit sorgenvollem Gesicht folgte er jetzt Vickers nach unten. Sara stand einen Augenblick ganz bewegungslos da, wie in tödtlicher Angst. Ihre Lippen waren offen, ihre Augen funkelten und sie machte eine Bewegung, als wenn sie sich zurückwerfen wollte.

»Arme Seele,« dachte der ehrliche Blunt, »wie sie sich um das Kind sorgt! Der verdammte ungeschickte Pflasterkasten hat ihr weh gethan! – Lassen Sie es gut sein,« sagte er laut zu dem Mädchen.

Es war helles Tageslicht und er hatte keinen Muth, mit ihr schön zu thun wie im Dunkeln.

»Fürchten Sie nichts. Ich bin schon früher auf Schiffen gewesen, auf denen das Fieber herrschte.«

Bei dem Ton seiner Stimme raffte sie sich zusammen und kam ihm näher.

»Aber Schiffsfieber,« sagte sie. »Davon habe ich gehört. Daran sterben die Leute wie die Schafe auf überfüllten Schiffen.«

»Still, – doch nicht. Fürchten Sie sich nicht. Sylvia wird nicht sterben und Sie auch nicht.« Er nahm ihre Hand. »Vielleicht gehen ein Dutzend Gefangene drauf, denn sie sind sehr enge da unten eingepackt, – aber —«

Sie entriß ihm heftig ihre Hand, dann aber sich fassend, gab sie sie ihm wieder.

»Was haben Sie ?«

»Nichts – einen plötzlichen Schmerz. Ich schlief vorige Nacht nicht.«

»Ja, ja, Sie sind übermüdet, das sehe ich. Gehen Sie und schlafen Sie.«

Sie starrte an ihm vorbei auf die See, wie in Gedanken verloren. So fest blickte sie hinaus, daß auch er unwillkürlich seinen Blick wandte. Dies brachte sie wieder zu sich selbst. Sie zog ihre schönen, geraden Brauen zusammen und dann in die Höhe wie ein Denker, der sich für irgend etwas entschieden hat.

»Ich habe Zahnweh,« sagte sie und hielt ihre Hand an ihre Wange.

»Nehmen Sie etwas Laudanum,« sagte er und dachte daran, wie seine Mutter solche Leiden kuriert hatte. »Der alte Pine kann Ihnen etwas geben.«

Zu seinem Erstaunen brach sie in Thränen aus.

»Was ist das? Weinen Sie nicht, meine Liebe. Verdammt, – ach weinen Sie nicht. Warum weinen Sie denn ?«

Sie wischte die glänzenden Tropfen fort und blickte ihn lächelnd mit Vertrauen an.

»Nichts. Ich bin so allein, so fern von Hause und – Dr. Pine that mir weh am Arme. Sehen Sie.«

Sie entblößte den schönen Arm, während sie sprach und wirklich waren drei kleine, rothe Flecke in dem weißen, festen Fleisch zu sehen.

»Der Bube,« rief Blunt. »Das ist zu arg.« Und nach einem schnellen Blick, ob Jemand ihn sähe, küßte der verliebte alte Bursche die Stelle auf dem Arm.

»Ich will Ihnen das Laudanum geben,« sagte er. »Sie sollen den alten Bären nicht darum bitten. kommen Sie in meine Kajüte.«

Blunts Kajüte war aus der Steuerbordseite des Schiffes, grade unter dein Zelt des Hinterdecks und hatte drei Fenster, eins an der Seite und zwei gingen auf Deck. Die Kajüte auf der andern Seite gehörte Frere. Er ging an die Thür und nahm einen Medizinkasten herunter, der grade über seinem Teleskop aufgehängt war.

»Hier,« sagte er und öffnete ihn. »Ich habe diesen kleinen Kasten schon seit Jahren mit herumgeschleppt, aber Gott sei Dank, benutze ich ihn nicht oft. Da, davon nehmen Sie in den Mund und halten es eine Weile darin.«

»Gott im Himmel, Kapitain Blunt, Sie wollen mich vergiften. Geben Sie mir die Flasche. Ich will mir selbst davon nehmen.«

»Nehmen Sie nicht zu viel,« sagte Blunt. »Es ist gefährliches Zeug, wissen Sie.«

»Ich weiß. Ich habe es schon früher gebraucht.«

Die Thür war zu und als sie die Flasche in die Tasche steckte, nahm sie der verliebte Kapitain in seine Arme.

»Nun, jetzt verdiene ich doch einen Kuß ?«

Ihre Thränen waren schon lange getrocknet und hatten ihr nur etwas Farbe gegeben. Dies liebenswürdige Frauenzimmer weinte niemals lange genug, um sich unangenehm zu machen. Sie hob ihre großen dunkeln Augen einen Augenblick zu ihm auf und blickte ihn mit schelmischem Lächeln an.

»Später,« sagte sie und entschlüpfte in ihre Kajüte. Dieselbe war dicht neben derjenigen ihrer Herrin und sie konnte das kranke Kind stöhnen hören. Ihre Augen füllten sich mit Thränen, – dies Mal mit wirklichen Thränen.

»Armes, kleines Ding,« sagte sie. »Ich hoffe, sie wird nicht sterben.«

Dann warf sie sich auf ihr Bett und verbarg ihr heißes Gesicht in ihre Kissen. Die Nachricht von dem Fieber schien sie furchtbar erschreckt zu haben, ja sie fast zum Entsetzen zu bringen. Es war, als ob diese Nachricht einen lange, sorgfältig bedachten Plan gestört hätte. Vielleicht hatte sie sich schon fast am Ziel geglaubt und nun vernichtete dies plötzliche Auftreten der Krankheit alle ihre sorgfältigen Berechnungen und legte ein fast unübersteigliches Hinderniß in ihren Weg.

»Wenn sie stürbe und durch mich! Wie konnte ich wissen, daß er das Fieber hat? Vielleicht bin ich selbst angesteckt. Ich fühle mich so krank.« Sie wälzte sich unruhig auf ihrem Lager, wie in Schmerzen, dann fuhr sie in die Höhe, wie von einem Schreckbild gepeinigt.

»Wenn er nun stürbe! Das Fieber verbreitet sich schnell und wenn das ist, so sind alle Pläne umsonst. Es muß sogleich geschehen. Jetzt darf ich nicht unterliegen.«

Sie nahm das Fläschchen aus ihrer Tasche, um zu sehen, wie viel darin war. Es war drei Viertel voll. »Genug für Beide,« murmelte sie zwischen den Zähnen. Das Fläschchen erinnerte sie an den verliebten Blunt und sie lächelte.

»Eine sonderbare Art, einem Mann seine Liebe zu zeigen,« flüsterte sie. »Aber er macht sich nichts daraus und mir ist jetzt Alles gleich. Ich will durch und wenn es zum Schlimmsten kommt, kann ich mich immer an Maurice halten.«

Sie löste den Korken des Fläschchens ein wenig, so daß sie ihn ganz ohne Geräusch herausnehmen konnte ; dann steckte sie es wieder in ihren Busen.

»Ich will ein wenig schlafen,« sagte sie. »Sie haben den Brief bekommen und es muß diese Nacht geschehen!«

Siebentes Capitel.
Der Typhus

Der Verbrecher Rufus Dawes hatte sich in seine Koje niedergelegt und versuchte zu schlafen. Aber obgleich er müde und erschöpft war und sein Kopf schwer wie Blei, so blieb er doch wach. Der lange Aufenthalt in der frischen Luft hatte ihm gut gethan und ihn gekräftigt, so daß er sich belebter fühlte, aber die schreckliche Krankheit hatte ihn einmal gefaßt, sein Puls ging schwer und sein Kopf glühte. In dem halb dunkeln engen Raum wälzte er sich umher und schloß seine Augen ; vergebens – es kam kein Schlaf. Mit der äußersten Anstrengung brachte er es nur dahin, daß er seine Gedanken ausruhen ließ von ihrem quälenden Umherschweifen, aber immer sah er vor seinen Augen das brennende Schiff glühen, – den Hydaspes, mit dessen Untergang nun auch jede Spur von dem unglücklichen Richard Devine verschwunden war.

Für ihn traf es sich glücklich, daß der Mann, welcher mit ihm draußen gewesen, etwas gesprächiger Natur war, denn derselbe mußte den Gefangenen die Geschichte ihrer Expedition wohl zwölf Mal wiederholen und Rufus selbst war aus seinem Halbschlummer aufgeweckt worden, um den Namen des Schiffes mit seinen eigenen Lippen zu nennen. Wenn die Leute nicht eine gewisse Achtung vor ihm gehabt hätten, so würde ihn wahrscheinlich nichts davon befreit haben, auch seinerseits die Sache zu schildern und sich an der lebhaft geführten Streitfrage zu betheiligen, ob und wie sich die Schiffsmannschaft des verbrannten Schiffes gerettet habe. So aber ließen sie ihn in Frieden ; er lag unbemerkt da und versuchte zu schlafen.

Eine Abtheilung von fünfzig Mann war auf Deck, um die Luft zu genießen und das Gefängnis war demzufolge nicht so heiß wie des Nachts. Viele der Gefangenen benutzten die leeren Kojen, um inzwischen auszuschlafen und die vier freiwilligen Ruderer durften, was sie versäumt, nachholen.

Noch hatte sich keine Unruhe wegen des Fiebers verbreitet. Die drei Fälle waren wohl besprochen worden, aber der Vorfall mit dem brennenden Schiffe hatte alles Interesse in Anspruch genommen, so das Pine’s Vorsichtsmaßregeln selbst vielleicht nicht genau beobachtet wurden. Die »Alten,« welche schon solche Reise mitgemacht hatten, waren aufmerksam geworden und hatten Verdacht, sagten aber nichts, denn wahrscheinlich würden doch die Schwächlichen und Kränklichen zuerst ergriffen und dann war ja für sie mehr Raum. So waren sie ganz zufrieden.

Drei von diesen Alten sprachen zusammen gerade hinter der Abtheilung der Koje, in der Dawes lag. Wie vorher gesagt wurde, waren die Kajüten fünf Fuß im Quadrat und enthielten jede sechs Mann. Nummer zehn, in welcher Dawes schlief, lag gerade in der Ecke, die von dem Steuerbord und den Mittelkojen gebildet wird und dahinter war ein kleiner Raum, in welchem sich das Fenster befand. Er hatte gerade jetzt nur drei Kameraden, denn John Rex und der Cockney-Schneider waren in das Hospital gebracht. Die drei Uebriggebliebenen waren die drei Männer, welche in diesem Augenblicke, in tiefe Unterhaltung versunken, in dem kleinen Fensterraum steckten. Der Riese, derselbe, der gestern die Ruhe wieder hergestellt hatte, schien das Haupt zu sein. Sein Name war Gabbett. Er war ein rückfälliger Sträfling, der jetzt auf dem Wege war, seine zweite Strafe wegen Straßenraubs anzutreten. Die andern Beiden waren ein Mann, Namens Sanders, der bekannt war als der Schnüffler und Jemmy Vetch, »die Krähe«. Sie flüsterten mit einander, doch konnte Rufus, der mit seinem Kopf dicht an der Holzwand lag, viel von dem verstehen, was sie sagten.

Zuerst war die Rede von dem brennenden Schiff und von der Möglichkeit der Rettung der Schiffsmannschaft. Dann erzählten sie Erlebnisse und Abenteuer von Schiffsbrüchen und endlich sagte Gabbett etwas, das den Horcher aus seinem halben Träumen und Schlafen zu klar bewußtem Wachen aufschreckte.

Sein eigener Name wurde genannt und zwar mit dem der Frau zusammen, welche er gestern auf dem Quarterdeck getroffen hatte.

»Ich sah sie mit Dawes gestern sprechen,« sagte der Riese mit einem Fluch. »Wir wollen Keinen mehr dabei haben. Ich will meinen Hals nicht wegen der Narrheiten von Rexens Weib wagen und das werd’ ich ihr sagen.«

»Es war nur etwas wegen des Kindes,« sagte die Krähe in ihrer eleganten Weise. »Ich glaube, sie hat ihn früher nie gesehen. Sie hält fest an Jack und läßt sich so leicht nicht mit einem Andern ein.«

»Wenn ich wüßte, daß sie uns verrathen wollte, ich würde ihr den Hals abschneiden, je eher, desto lieber,« brummte Gabbett ärgerlich.

»Da würde Jack auch ein Wort mitsprechen,« näselte der Schnüffler, »und der ist ein schlimmer Geselle, um mit ihm zu zanken.«

»Na, halte Deinen Rachen,« brummte Gabbett, »und schwatzt nicht weiter. Wenn wir von Geschäften sprechen wollen, so laßt es auch Geschäfte sein.«

»Was sollen wir thun,« fragte der Schnüffler jetzt, »Jack ist krank und das Mädchen wird ohne ihn sich nicht rühren.«

»Ja,« sagte Gabbett, »das ist schlimm.«

»Lieben, Leuten Freunde,« sagte die Krähe, – »meine verehrten und christlichen Freunde; es ist sehr zu beklagen, daß die Natur, als sie Euch solche dicken Schädel ab, nicht mehr hinein that. Ich sage Euch, – jetzt ist es Zeit. Jack ist im Hospital, – was schadet das. Es macht die Sache für ihn nicht besser. – Ganz und gar nicht, und wenn er Messer und Gabel niederlegt, so wird das Mädchen, glaube ich, sich nicht mehr rühren. Sie thut es doch nur um seinetwillen he?«

»Ja,« sagte Gabbett, wie Jemand, der nur halb überzeugt ist, »das glaube ich wohl.«

»Um so mehr Grund es schnell abzumachen. Noch eins, wenn die Burschen erst wissen, daß das Fieber ausgebrochen ist, dann sollt Ihr sehen, was es für einen Lärm gibt. Dann werden Alle bereit sein, zu uns zu stoßen. Wenn wir nur erst das Ding, den Schießprügel haben, dann sind wir zehn Mal so viel werth.«

Diese Unterhaltung die von Flüchen unterbrochen und mit Ausdrücken der Diebssprache gemischt war, hatte ein brennendes Interesse für Rufus. Bisher hatte er sich zurückgehalten von den Schurken, die ihn umgaben und hatte ihre ihm gräuliche Zuvorkommenheit zurückgewiesen, weil seine Verzweiflung und seine finstere Stimmung über sein unglückliches Schicksal, und die schnelle Verurtheilung, die ihn in’s Gefängnis gebracht, ihn schwer niederdrückten. Bon dem Tode seines Vaters und seinen dadurch veränderten Glücksumständen wußte er ja nichts.

Jetzt sah er seinen Irrthum ein. Er wußte, daß welchen Namen er auch früher getragen, derselbe jetzt gänzlich ausgelöscht war, daß von dem alten Leben jede Spur durch das Feuer des Hydaspes verzehrt worden war. Das Geheimniß, um dessentwillen Richard Devine seinen Namen aufgegeben und sich einem fürchterlichen und schmählichen Tode ausgesetzt hatte, war nun für immer gesichert. Richard Devine war todt; verloren gegangen auf der See mit der Mannschaft des unglücklichen Schiffes, in welchem seine Mutter ihn in Folge eines von ihm geschickt verfaßten Briefes auf der Reise nach Indien glaubte. Richard Devine war todt und das Geheimniß seiner Geburt war mit ihm begraben. Rufus Dawes, der Deportierte Verbrecher, der im Verdacht des Mordes stand, lebte, um sich seine Freiheit wieder zu verschaffen, um seine Rache zu üben. Mächtig durch die schrecklichen Erfahrungen in dem Gefängnis, mochte es ihm vielleicht gelingen Beides zu erreichen, trotz Kerker und Kerkermeister.

Mit glühendem Hirn und schwerem Kopfe horchte er eifrig auf das fernere Gespräch. Es schien, als ob das Fieber, das in ihm raste, seine gröberen Sinne gefangen hielt und ihm dafür das feinste Gehör gegeben.

Er war sich bewußt, krank zu sein. Seine Knochen schmerzten, seine Hände brannten, sein Kopf hämmerte, aber er konnte deutlich hören und er konnte über das, was er hörte, nachdenken.

»Aber wir können ohne das Mädchen nichts machen,« sagte Gabbett. »Sie muß die Wache besorgen und uns das Wort geben.«

Die bleichen Züge der Krähe belebten sich etwas und er grinste schlau. »Alter Handelsmann! Hört wie der Kaperer spricht,« sagte er. »Als ob er die Weisheit Salomons geschluckt hätte. Seht hier.« Damit zeigte er ein schmutziges Stückchen Papier, über das seine Gefährten eifrig die Köpfe beugten.

»Wo hast Du es her?«

»Gestern Nachmittag stand Sara aus dem Hinterdeck und warf den Möwen Brotkrumen hin. Da sah ich, daß sie scharf nach mir blickte. Endlich kam sie ganz nahe an die Barrikade und warf Krumen nach unserer Seite in die Höhe. Nach einer Weile kam ein ziemlich dickes Stück herüber, rund gedrückt und fiel gerade vor meine Füße. Das steckte ich ein. Inwendig war dieser Zettel.«

»Ach,« sagte Gabbett, – »das ist vernünftig. Lies es Jemmy.«

Die Handschrift war, wenn auch weiblich, so doch fest und deutlich. Sara hatte augenscheinlich an den Bildungsgrad ihrer Freunde gedacht und so geschrieben, um ihnen nicht zu viel Mühe beim Lesen zu verursachen.

»Alles ist in Ordnung. Paßt auf, wenn ich morgen Abend beim dritten Glas heraufkomme. Wenn ich mein Taschentuch fallen lasse, so geht an’s Werk zu der Stunde, die bestimmt ist. Die Wache wird in Sicherheit sein.«

Rufus Dawes, dessen Augenlider zufielen und dessen Glieder von fürchterlicher Müdigkeit fast gelähmt waren, horchte begierig auf jedes Wort. Sara Purfoy war im Bündniß mit den Gefangenen, war selbst die Frau oder die Geliebte Eines derselben. Sie war mit dem Plan an Bord gekommen ihn zu befreien, und dieser Plan sollte jetzt in’s Werk gesetzt werden. Er hatte von den Gräueln gehört, welche Meuterer begangen, die vom Erfolg begünstigt waren.

Eine Geschichte dieser Art nach der andern hatte oft die entsetzlichste Lustigkeit in dem Gefängnisse hervorgerufen. Er kannte den Charakter der drei Schurken, die, nur durch eine zweizöllige Planke von ihm getrennt, über ihre Aussicht auf Befreiung und Rache scherzten. Obgleich er sich wenig mit seinen Gefährten zu schaffen machte, so wußte er doch, was diese, seine Kajütskameraden, ausrichten würden, wenn sie ihre Rache an den Kerkermeistern ausließen.

Zwar war das Haupt dieses schrecklichen Bundes, John Rex, der Fälscher, nicht dabei, aber seine beiden Gehilfen, der Straßenräuber und der Ausbrecher, waren da und der schmächtige Mann, Krähe genannt, der freilich nicht den Kopf seines Meisters hatte, ersetzte seinen Mangel an starken Muskeln und an Kraft durch eine katzenartige Schlauheit und durch eine teuflische Behendigkeit und Geschicklichkeit, der nichts gleich kam. Und mit einem so mächtigen Verbündeten draußen, wie dies falsche Kammermädchen, war die Aussicht aus Erfolg sehr bedeutend. Es waren ihrer hundertundachtzig Deportierte und nur fünfzig Soldaten. Wenn der erste Schlag Erfolg hatte – und Sara’s Vorsichtsmaßregeln ließen das erwarten, so war das Schiff in ihrer Gewalt.

Rufus Dawes dachte an das kleine, blonde Mädchen, das ihm so voller Vertrauen entgegen gelaufen war und schauderte.

»Nun,« sagte die Krähe, spöttisch lachend, »sieht das nun danach aus, als ob das Mädchen uns eine Nase dreht?«

»Nein,« sagte der Riese und streckte seine Arme aus, wie man sich wohl in der Sonne zu dehnen pflegt. »Das ist recht, das ist gut. Das ist eine Sache!«

»England! – Heimath! – Schönheit,« rief Vetch mit pathetischer Geberde, die so lächerlich wenig zu der Sache paßte, von der die Rede war.

»Du möchtest wohl wieder nach Hause, – nicht so, alter Herr, wie?«

Gabbett wandte sich ärgerlich zu ihm. Seine niedrige Stirn gerunzelt, wie in wüsten Erinnerungen.

»Du,« sagte er.

»Du denkst wohl die Kette ist ein Vergnügen? Aber ich bin da gewesen; ich kenne die Geschichte und weiß, was es heißt.«

Sie waren einige Minuten still. Der Riese schien in düstere Gedanken versunken zu sein und die beiden Andern tauschten bezeichnende Blicke. Gabbett war zehn Jahre in der Strafkolonie von Macquarie Harbour gewesen und er theilte Keinem seiner Gefährten seine Erfahrungen mit. Wenn er sich in solche Erinnerungen vertiefte, so überließen ihn seine Freunde gewöhnlich sich selbst. Rufus Dawes verstand das plötzliche Schweigen nicht. Er horchte angestrengt, alle seine Sinne waren auf’s Aeußerste angespannt, so ergriff ihn diese plötzliche Unterbrechung der Unterhaltung. Alte Artilleristen sagen, daß wenn sie Tage lang in den Schanzgräben an das fortwährende Donnern der Kanonen sich gewöhnt haben, sie bei einer plötzlichen Pause im Feuern fast einen Schmerz empfinden. Etwas Aehnliches empfand Rufus jetzt. Seine Fähigkeit zu hören und zu denken, auf’s Höchste gespannt, versagte jetzt den Dienst. Es war, als ob ihm jede Stütze plötzlich genommen wäre. Die Anregung von außen fehlte plötzlich und so versagten ihm seine Sinne. Er fühlte, wie das Blut ihm in die Augen und in die Ohren schoß. Er machte irgend eine übernatürliche Anstrengung, um sein Bewußtsein zu bewahren, aber mit einem schwachen Schrei, den er nicht unterdrücken konnte, fiel er zurück und schlug mit dem Kopf gegen die Ecke der Koje.

Das Geräusch war von dem Straßenräuber vernommen worden. Es war Jemand in der Koje. Die Drei sahen einander in die Augen mit der Angst der Schuldigen, dann stürzte Gabbett um die Bohlenwand herum.

»Es ist Dawes,« sagte der Schnüffler. »Wir hatten ihn vergessen.« »Er wird zu uns gehören, Kamerad, – gewiß,« rief Vetch, der Blutvergießen fürchtete. Gabbett stieß einen fürchterlichen Fluch aus, stürzte sich auf den Unglücklichen und zog ihn mit dem Kopf voran auf den Boden. Der plötzliche Schwindel, der Rufus erfaßt hatte, rettete sein Leben. Der Räuber faßte mit einer sehnigen Hand in sein Hemde und die Knöchel ihm in den Puls drückend, wollte er eben einen Schlag führen, der ihn für immer still gemacht hätte, als Vetch ihm in den Arm fiel. »Er hat geschlafen. Schlage ihn nicht. Er ist noch nicht aufgewacht!« Andre sammelten sich im Kreise. Der Riese ließ los, eher der Deportierte stöhnte nur ein wenig und dann fiel sein Kopf wie leblos auf die Schulter.

»Du hast ihn todt gemacht,« schrie Einer.

Gabbett blickte noch ein Mal in das dunkelrothe Gesicht und auf die Stirn voller Schweißtropfen, dann sprang er plötzlich auf und rieb seine rechte Hand, als wenn etwas daran klebte.

»Er hat das Fieber!« brüllte er mit entsetztem Gesicht.

»Was?« schrieen zwanzig Stimmen.

»Das Fieber ihr, grinsenden Narren,« rief Gabbett. »Ich habe das schon früher gesehen. Der Typhus ist an Bord und er ist der vierte Mann, der ihn hat.«

Der Kreis der wilden Gesichter, die eifrig auf die zu erwartende Schlägerei geblickt hatten , wurde größer und größer, als dies Allen etwas unverständliche, aber entsetzliche Wort gesprochen wurde. Es war, als ob eine Bombe zwischen sie gefallen wäre. Rufus Dawes lag schwer athmend, aber ganz bewegungslos auf dem Boden. Die wüsten Gesellen starrten den Körper an. Das Gerücht verbreitete sich schnell durch das Gefängnis und Jeder beugte sich zu ihm nieder, um ihn prüfend zu betrachten. Plötzlich stieß Rufus einen tiefen Seufzer aus, drehte sich um, richtete sich etwas auf, indem er sich auf seine Arme stützte und versuchte zu sprechen. Aber kein Laut kam aus seinen krampfhaft verzogenen Lippen hervor.

»Es ist vorbei mit ihm,« sagte der Schnüffler roh. »Er hat nichts gehört, darauf will ich wetten. Das Geräusch der schweren Riegel, welche zurückgeschoben wurden, unterbrach die Leute. Die erste Abtheilung kam vom Deck herunter. Die Thüre wurde ausgerissen und die in der Sonne blitzende Waffe der Schildwache warf einen Schein bis in das Gefängnis. Dieser Sonnenstrahl, der bis in stinkende, stickige Gefängnis drang, erschien wie ein Spott auf das Elend derer, die dort sich aufhielten. Es war alt ob der Himmel sie angelacht hätte.

Die Menge, plötzlich erregt durch einen Gedanken, wie oft Massen belebt und zu Handlungen antreibt, stürzten sich wie ein Mann nach der Thür. Das Innere des Gefängnisses hatte in diesem Augenblick mit allen den nach der Thür gewandten Gesichtern ein ganz andres Ansehen. Die Dunkelheit wurde so zu sagen plötzlich erhellt durch alle die hochgehobenen Hände.

»Luft! Luft! Gebt uns Luft!«

»Seht Ihr,« sagte Sanders zu seinen Gefährten. »Ich dachte wohl, daß diese Nachricht sie aufregen würde.«

Gabbett, dessen Blut beim Anblick der wilden Gesichter und der blitzenden Augen hoch aufwallte, wollte sich schon mit den Leuten nach vorn stürzen, als Vetch ihn zurückhielt.

»Es wird sogleich vorüber sein,« sagte er. »Das ist nur ein Anfall!« Er sprach wahr. Durch den Lärm hindurch hörte man das Klirren der Waffen ; die Wachen fällten das Gewehr. Da drückten sich die Graujacken bei Seite, denn sie sahen die Flintenläufe. Es entstand eine augenblickliche Pause, dann schritt der alte Pine das Gefängnis hinab zu Rufus und kniete neben ihm nieder. Der Anblick des ihnen Allen so bekannten Mannes, der ruhig seine gewohnte Pflicht that, stellte schnell die Unterwürfigkeit wieder her, welche das Resultat enger Disziplin ist. Die Deportierten krochen zurück in ihre Kojen, oder liefen, um dem ,Doktor zu helfen, wobei sie sich ganz ungewöhnlich gehorsam anstellten. Das Gefängnis war wie ein Schulzimmer in das plötzlich der Schullehrer eingetreten.

»Zurück, Ihr Jungen! Hebt ihn auf, zwei von Euch, und tragt ihn an die Thür. Der arme Kerl thut Euch keinen Schaden!«

Seine Befehle wurden erfüllt und der alte Mann wartete, bis sein Patient draußen in Empfang genommen war, dann hob er die Hand, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und sagte: »Ich sehe, daß Ihr schon wißt, was ich Euch sagen wollte. Das Fieber ist ausgebrochen. Der Mann hat es bekommen. Es wäre dumm, wenn man dächte, daß es sonst Niemand bekommen würde. Ich kann es vielleicht selbst bekommen. Ihr liegt hier sehr eng, das weiß ich, – aber Kinder, ich kann es nicht ändern. Ich habe das Schiff nicht gemacht, das wißt Ihr.«

»Hört, hört!«

»Es ist sehr schlimm, aber Ihr müßt Euch ordentlich und ruhig verhalten und es wie Männer tragen. Ihr wißt, was Disziplin bedeutet, und daß es nicht in meiner Macht steht, sie zu ändern. Ich werde zu Eurem Besten thun was ich kann, und ich hoffe nur, Ihr werdet mir beistehen.«

Und sein graues Haupt stolz erhebend, ging der brave, alte Mann durch die Reihen entlang aus der Thür hinaus, ohne nach rechts oder links zu blicken.

Er hatte grade genug gesagt und erreichte die Thüre, während die Leute ihm zuriefen: »Hört, hört! Bravo! Hoch dem Doktor!« u.s.w. Als er hinaus war, athmete er tief auf. Er hatte eine heiklige Aufgabe gelöst, das wußte er.

»Hör’ nur,« brummte der Schnüffler aus seinem Winkel, »sie geben dem Blutsauger ein Hurrah!«

»Warte nur,« erwiderte der klügere Jemmy. »Gib ihnen nur Zeit. Ehe die Nacht vorüber ist, haben’s noch drei oder vier in den Knochen und dann wollen wir sehen!«

Achtes Capitel.
Eine gefährliche Krisis

Spät am Nachmittage erwachte Sara Purfoy von ihrem unruhigen Schlummer.

Sie hatte von der That geträumt, die sie ausführen wollte und war glühend heiß und fieberte. Sie dachte wohl an die Folgen, welche der Erfolg oder das Fehlschlagen ihres Unternehmens haben würde und sie faßte sich zusammen, wusch ihr Gesicht und ihre Hände und ging so ruhig, wie es ihr nur irgend möglich war, auf das Hinterdeck hinauf. Nichts hatte sich seit gestern verändert. Die Waffen der Schildwachen blitzten ebenso in dem erbarmungslosen Sonnenschein, das Schiff rollte und knarrte, auf den breiten Wogen sich schaukelnd und die Hürde der Gefangenen auf dem unteren Vorderdeck war eben so belebt wie sonst. Dieselben matten, traurigen Gestalten saßen und standen dort wieder in denselben verschiedenen Stellungen. Selbst Mr. Maurice Frere, der sich von seinen nächtlichen Anstrengungen ausgeruht hatte, lag grade wieder in derselben Stellung auf dem zusammengerollten Tau.

Und doch hatte das Auge eines scharfen Beobachters einen Unterschied entdecken können in dieser äußerlichen Gleichheit. Der Mann am Ruder blickte eifriger als sonst auf den Horizont und spie in das rauschende, ungesund düster aussehende Wasser mit niedergeschlagenerer Miene als sonst. Die Angelleinen hingen noch eben so von den Katzenköpfen herunter, aber Niemand sah danach. Die Soldaten und Matrosen, welche zu Zweien und Dreien auf dem Vorder-Kastell beisammen saßen, schienen nicht einmal Lust zum Rauchen zu haben, sondern starrten einander düster und verstimmt an. Vickers saß in der Kajüte und schrieb; Blunt war in seiner Kajüte und Pine war unter ihm mit zwei Tischlern beschäftigt, einige Verbesserungen für das Hospital zu treffen. Das Geräusch von Axt und Hammer klang düster in die Kajüte der Soldaten hinüber. Es war, als ob sie einen Sarg machten.

Im Gefängnis war es auffallend ruhig; es herrschte die Stille dort, die dem Gewitter vorangeht und die Deportierten auf Deck erzählten sich keine Geschichten heute, lachten nicht über zweideutige Witze, sondern saßen düster und schweigsam bei einander, als ob sie auf etwas warteten. Drei Mann waren krank geworden: zwei Gefangene und ein Soldat waren der Krankheit verfallen, seit Rufus Dawes in’s Hospital gebracht worden. Obgleich sich bis jetzt noch grade kein panischer Schrecken verbreitet hatte, so war doch dem Gesicht jedes Einzelnen – Soldaten, Matrosen oder Gefangenen ein eigenthümlicher Ausdruck der Erwartung ausgeprägt, als ob Alle daran dächten, wer nun zunächst an der Reihe sein würde. Ein fürchterlicher Schatten war auf das Schiff gefallen, das wie ein verwundetes Thier ruhelos von einer Seite zur andern schwankte über der durchsichtigen Tiefe des stillen, weiten Meeres.

Der Malabar war wie in eine elektrische Wolke eingehüllt, deren düstere Schwere durch einen einzigen Funken in ein Feuermeer verwandelt werden konnte.

Die Frau, welche in ihrer Hand die beiden Enden der Kette hielt, welche den Funken hervorbringen sollte, kam auf das Deck und nachdem sie sich umgeblickt hatte, lehnte sie sich gegen das Schanzbord und blickte hinunter in die Barrikade. Wie schon gesagt wurde, standen und saßen die Gefangenen zu Vieren und Fünfen beisammen und ihr Blick lenkte sich auf eine besondere Gruppe. Drei Männer, nachlässig gegen die Schanzkleidung gelehnt, bewachten jede ihrer Bewegungen.

»Da ist sie; – ganz richtig,« sagte der praktische Schnüffler.

»Geduld ist eine Tugend, mein sehr edler Knöchler,« sagte die Krähe mit einer Gleichgültigkeit, die nur geheuchelt war. »Gebt dem Mädchen Zeit.«

»Verdammt, wenn ich noch länger warte,« sagte der Riese und biß sich in seine dicken, blauen Lippen. Hier wird man so Tag für Tag hingehalten und muß nach der Pfeife der Dirne tanzen, wie ein abgerichteter Hund. Das Fieber ist an Bord und wir haben Alles bereit. Wozu noch warten? Zeichen oder keine Zeichen, – ich bin dafür, das Geschäft anzufassen! – Da seht,« fügte er hinzu, als die Gestalt von Maurice Frere an der Seite des Kammermädchens erschien und die Beiden auf dem Deck zusammen umkehrten.

»Es ist Alles in Ordnung, Du verdammter Kerl ,« schrie die Krähe, die Geduld verlierend über seinen hartnäckigen, dummen Kameraden. »Wie kann sie uns das Zeichen geben, wenn sie den Kerl neben sich hat?« Gabbett‘s einzige Antwort auf diese Frage war ein wildes Grunzen und eine erhobene, geballte Faust, die Mr. Vetch in großer Eile in die Flucht schlug. Der Riese folgte ihm nicht und Vetch, seine Arme übereinander schlagend, nahm eine Stellung verächtlicher Ueberlegenheit an und wandte Sara Purfoy seine Aufmerksamkeit zu. Sie schien ein Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit zu sein, denn in diesem Augenblick lief ein junger Soldat die Vorderkastelltreppe hinauf und richtete gespannt seinen Blick auf sie. Maurice Frere war hinter ihr her gegangen und hatte ihre Schulter berührt. Seit ihrer Unterhaltung am vorigen Abend, hatte er sich vorgenommen, er wolle sich nicht länger narren lassen. Das Mädchen spielte augenscheinlich mit ihm und er wollte ihr zeigen, daß er das nicht länger duldete.

»Nun Sara?«

»Nun, Mr. Frere?« sagte sie, ließ ihre Hand herunter hängen und wandte sich lächelnd zu ihm.

»Wie gut sehen Sie heute aus, ganz reizend!«

»Das haben Sie mir schon recht oft gesagt,« sprach sie und schmollte. »Haben sie mir gar nichts Neues zu sagen?«

»Nur, daß ich Sie liebe.« Dies wurde sehr leidenschaftlich herausgestoßen.

»Das ist auch nichts Neues. Das weiß ich.«

»Verdammt, Sara, was soll ich denn thun?« Seine Verderbtheit ließ ihn ganz im Stich. »Wozu spielen Sie immer Versteck mit mir ?«

»Sie sollten sich besser helfen können in solcher Lage, Mr. Frere. Ich habe Sie nicht gebeten, sich in mich zu verlieben. Wenn Sie mir nicht gefallen, ist das etwa nicht Ihr Fehler ?«

»Was meinen Sie ?«

»Sie Soldaten, Sie haben an so viele andre Dinge zu denken, an Wachen und Inspektion und Schildwachen und Andres und haben gar keine Zeit für unsereins übrig.«

»Keine Zeit übrig,« rief Frere. »Verdammt, Sie haben nichts für mich übrig. Ich wäre schnell genug dabei, wenn das Alles ist ?«

Sie senkte ihre Blicke und ein bescheidenes Erröthen flog über ihre Wangen. »Ich habe so viel zu thun,« sagte sie. »So viele Augen sehen auf mich; ich kann mich nicht rühren, ohne daß es bemerkt wird,« flüsterte sie.

Sie hob ihr Gesicht und um ihren Worten mehr Nachdruck zu geben, blickte sie rings auf dem Deck umher. Ihr Blick traf den des jungen Soldaten auf dem Vorderkastell und wenn die Entfernung auch zu groß war, um die Züge zu unterscheiden, so erkannte sie doch, daß es Miles und daß er eifersüchtig war.

Frere lächelte entzückt über ihre veränderte Manier und näherte sich ihr mehr und mehr und flüsterte etwas in ihr Ohr. Sie that, als ob sie erschrecke und wechselte bei der Gelegenheit einen Blick mit der Krähe.

»Ich will um acht kommen,« sagte sie mit bescheiden abgewandtem Gesicht.

»Um acht Uhr ist Ablösung,« sagte er mahnend.

Sie warf ihren Kopf zurück . . . »Gut, dann sehen Sie nach Ihrer Ablösung; ich mache mir nichts daraus.«

»Aber Sara, bedenke —«

»Als wenn man bedenkt, wenn man liebt.« rief sie und warf ihm einen brennenden Blick zu, der in der That auch kältere Männer als Frere erweicht hätte.

– Also sie liebte ihn! Was für ein Narr, wenn er sie jetzt zurückwiese. Das Erste war doch, daß sie einwilligte zu kommen. Wie seine Pflicht mit seinem Vergnügen in Einklang zu bringen wäre, das konnte er ja noch immer überlegen.

Ueberdies konnte die Ablösung auch dies eine Mal ohne seine Revision fertig werden.

»Gut, also um acht, Liebste.«

»Still,« sagte sie.

»Hier kommt der dumme Kapitain.«

Und da Frere sie verließ, wandte sie sich um und ihre Augen fest au die Barrikade der Deportierten gerichtet, ließ sie ihr Taschentuch, das sie in der Hand hielt, grade über die Hinterdeckreeling fallen. Es fiel genau vor die Füße des verliebten Kapitains und mit schnellem Blick auf sie, hob es der würdige Herr auf und brachte es ihr.

»O danke, Kapitain Blunt,« sagte sie und ihre Augen sagten mehr, als ihre Zunge.

»Haben Sie das Laudanum genommen ?« flüsterte Blunt mit Augenblinken.

»Etwas,« sagte sie. »Ich will heute Abend die Flasche zurückbringen.«

Blunt ging davon, lustig pfeifend und begrüßte Frere mit einem Schlag auf den Nacken. Die Beiden lachten, Jeder über seine eignen Gedanken, aber ihr Gelächter ließ ihre ganze Umgebung noch trostloser erscheinen als vorher.

Sara Purfoy blickte nach der Barrikade und sah, daß die drei Männer ihre Stellung verändert hatten. Sie waren wieder zusammen, aber die Krähe hatte ihre Mütze abgenommen und hielt dieselbe mit einer Hand in Armeslänge von sich fort, während er seine Stirn mit der andern Hand wischte. Ihr Zeichen war gesehen worden. Während dieser Zeit lag Rufus Dawes, der in’s Hospital gebracht war, flach auf seinem Rücken und starrte auf die Decke über sich und versuchte, sich an etwas zu erinnern, das er sagen wollte. Als die plötzliche Ohnmacht, welche der Anfang seiner Krankheit war, ihn überfiel, erinnerte er sich, aus seiner Koje gerissen zu sein. Wütende Gesichter hatten ihn angesehen und irgend eine Gefahr hatte ihm gedroht.

Er erinnerte sich, daß, als er so da gelegen im halben Fiebertraum, er irgend etwas gehört habe, das von der größten Wichtigkeit für ihn und das Schiff, – aber was es gewesen, war ihm gänzlich entschwunden. Vergebens versuchte er, es sich zurückzurufen, vergebens suchte er sich, vermöge seines Willens, im heftigsten Kampfe mit dem Delirium, das seine Sinne fesselte, Worte oder Gedanken zurückzurufen. Alles entschlüpfte ihm wieder, sowie er es zu fassen glaubte. Er fühlte sich wie erdrückt von dem Gewicht dieser halben Erinnerungen.

Er wußte, daß eine schreckliche Gefahr ihn bedrohe; er wußte, daß wenn er nur zehn Minuten hinter einander klar denken könne, er solche Auskunft geben würde, die ihn und das Schiff aus dieser Gefahr erretten sollte. Aber er lag da mit heißem Kopfe, trocknen Lippen und schwachem Körper und fühlte sich wie verzaubert. Er konnte weder Hand noch Fuß bewegen. Der Platz, wo er lag, war nur schwach erleuchtet. Pine hatte eine Art von Leinwandzelt erfunden, das vor der Thür hing, so daß die Sonne nicht in die Kabine scheinen konnte. Dies Zelt nahm fast alles Licht fort. Er konnte nur grade die Decke über seinem Kopf sehen und drei andre Kojen unterscheiden, die der Seinen ähnlich waren. Das einzige Geräusch, das die Stille unterbrach, war der gurgelnde Ton des Wassers unter dem Schiff und das Klopfen von Pine, der neue Krankenabtheilungen zurecht zimmerte. Bald hörte auch das Klopfen auf und Rufus unterschied jetzt das Stöhnen und Aechzen der andern Kranken, die mit ihm in derselben Kajüte lagen, – ein Zeichen, daß seine Gefährten noch lebten.

Plötzlich rief eine Stimme: »Freilich sind seine Wechsel vierhundert Pfund werth; aber lieber Herr, vierhundert sind für einen Mann in meiner Lage nichts nutze. Ich habe vierhundert Pfund für eine Laune von meiner Sara ausgegeben. Ist das Recht, Du Jezabel? Sie ist ein gutes Mädchen, ein sehr gutes Mädchen. Mrs. Lionel Crofton von Croft von Seven-Oaks-Kent-Seven-Oaks-Kent-Seven-Oaks.«

Ein Lichtstrahl brach in Rufus gequältes Gehirn. Der Mann war John Rex, sein Gefährte. Mit Anstrengung rief er:

»Rex!«

»Ja, ja, ich komme; seid nur nicht so eilig. Die Schildwache ist ganz sicher und die Haubitze steht nur fünf Schritte von der Thür. Ein Sturm auf Deck und das Schiff ist unser – Burschen! Nein meines ist es, mein und meiner Frau gehört’s. Mrs. Crofton von Seven-Oaks, nein – Croft von Oaks, nein Sara Purfoy, Kammermädchen und Wärterin – ha – ha – Kammermädchen, – Wärterin!«

Dieser letzte Satz war der Schlüssel zu dem Labyrinth, in dem Rufus in seinem vom Fieber gequälten Zustande umhergewandert war. »Sara Purfoy.« Jetzt war ihm plötzlich jedes Wort der Unterhaltung gegenwärtig, die er belauscht hatte und wie dringend war es, daß er augenblicklich die Verschwörung entdeckte, die das Schiff bedrohte.

Wie diese Verschwörung in’s Werk gesetzt werden sollte, daran dachte er weiter nicht. Er war sich nur bewußt, daß er an dem Rande des Deliriums schwebte, und daß er seine Mittheilung machen mußte, ehe sein Bewußtsein ganz verloren ging.

Er machte einen Versuch aufzustehen, aber seine Glieder versagten ihm vollständig den Dienst. Er wollte sprechen, aber seine Zunge klebte am Gaumen und seine Kinnladen waren nicht zu öffnen. Er konnte keinen Finger rühren und keinen Ton hervorbringen. Die Bretter über seinem Kopf schienen hin und her zu schwanken und die ganze Kajüte, wirbelte im Kreise herum, während der Lichtschein zu seinen Füßen auf und nieder flackerte wie das Licht einer Kerze. Er schloß seine Augen mit einem tiefen Seufzer der Verzweiflung und er ab sich in sein Schicksal. In diesem Augenblick hörte das Zaudern auf und die Thür öffnete sich. Es war sechs Uhr und Pine war gekommen, um noch einen Blick aus seine Patienten zu werfen. Es war noch Jemand bei ihm, denn eine freundliche, etwas gemessene Stimme sprach von der mangelhaften Einrichtung und der »Nothwendigkeit, der absoluten Nothwendigkeit, sich nach den Königlichen Anordnungen zu richten.«

Der ehrliche Vickers, obgleich er in Todesangst wegen seines Kindes schwebte, wollte in nichts seine Pflicht versäumen und war gekommen, um die Kranken zu besuchen. Freilich wußte er, daß er dieses Besuches wegen, sein eigenes krankes Kind nicht sehen durfte. Mr. Vickers hatte oft in den Garnisonsgesellschaften sich selbst beklagt und bedauert, weil »der gute John solch ein Sklave der Disziplin und des Dienstes sei.«

»Hier sind sie,« sagte Pine. »Ihrer sechs. Dieser Mann,« dabei ging er zu Rex heran, »ist am schwersten krank. Wenn er nicht eine Constitution wie ein Pferd hätte, würde er diese Nacht nicht mehr überleben.« »Drei, achtzehn, sieben, vier,« murmelte Rex, »trage Einen. Ist das eine Beschäftigung für einen Herrn? Nein Herr. Gute Nacht mein Lord, gute Nacht! Höre es schlägt neun, fünf sechs, acht! Ihr habt Eure Vergnügen gehabt und könnt Euch nicht beklagen.« »Ein gefährlicher Kerl,« sagte Pine, mit der hochgehobenen Laterne. »Ein sehr gefährlicher Kerl, – das heißt – das war er. Sehen Sie sich den Platz an; es ist ein wahres Rattenloch. Was soll man aber machen?« »Lassen Sie uns auf Deck gehen,« sagte Vickers schaudernd. Rufus Dawes fühlte den Angstschweiß in großen Tropfen auf seiner Stirn stehen. Sie ahnten nichts. Sie gingen wieder fort. Er muß sie warnen. Und mit übermäßiger Anstrengung wendet er sich in seine Koje herum und streckt die Hand weit aus seiner Decke heraus. »Hallo, was ist das?« ruft Pine und bringt ihm die Laterne näher. »Liegt still, Mann. Wasser, – ja – ja; da nehmt!« Und er hält den Becher an die trockenen, schwarzen Lippen. Der kühle Trunk befeuchtete ihm den trockenen Gaumen und der Deportierte machte eine letzte Anstrengung, um zu sprechen. »Sara Purfoy – heute Nacht – Gefängnis – Meuterei!!« Das letzte Wort, in der verzweifelnden Anstrengung des Unglücklichen fast herausgeschrieen, bringt John Rex wieder etwas zum Bewußtsein. »Still,« ruft er. »Bist Du es Jemmy? Sara hat Recht. Wartet bis sie das Zeichen gibt?«

»Er phantasiert,« sagt Vickers. Pine schüttelt den Deportierten an den Schultern. »Was sagst Du mein Mann? Eine Meuterei unter den Gefangenen?«

Rufus Dawes machte mit festgeschlossenen Händen und offenem Munde da liegend eine neue Anstrengung um wenigstens bejahend zu nicken, denn er war unfähig zu sprechen, – aber sein Kopf fiel auf seine Brust. Im nächsten Augenblicke schon schwanden das flackernde Licht, das düstere Gefängnis, das angstvolle Gesicht des Doktors und das erstaunte Gesicht von Vickers vor seinen umnachteten Sinnen. Er sah, wie die beiden Männer sich anstarrten in Unruhe und Zweifel, und dann schwamm er dahin auf dem kühlen, dunklen Strom seiner Kindheit und wollte mit Sara Purfoy und Lieutnant Frere zusammen eine Meuterei anstiften, um sich des Hydaspes zu bemächtigen, der im alten Hause zu Hampstead lag.

Neuntes Capitel.
Die Waffen einer Frau

Die Beiden, welche das schreckliche Geheimnis entdeckt hatten, hielten Rath mit einander. Vickers wollte die Wachen aufrufen und den Gefangenen ankündigen, daß eine Verschwörung entdeckt sei, aber Pine, der sich besser auf Deportiertenschiffe verstand, verwarf dies gänzlich. »Sie kennen die Burschen nicht so gut, wie ich sie kenne,« sagte er.

»Zuerst ist es auch möglich, daß gar keine Meuterei beabsichtigt ist. Vielleicht ist die ganze Geschichte eine Albernheit von dem Burschen, dem Dawes und wenn wir erst den Kerls den Gedanken an eine Meuterei in den Kopf setzen, so ist gar nicht zu sagen, was noch geschieht.«

»Aber der Mann schien ganz fest und seiner Sache sicher zu sein,« sagte der Andre. »Er erwähnte auch meiner Frau Mädchen.«

»Und wenn er es that? Ich glaube, daß er wahr gesprochen hat. Ich konnte niemals den Blick des Mädchens leiden. Aber wenn wir ihnen sagen, daß wir dies Mal ihr Vorhaben entdeckt haben, so wird sie das nächste Mal nicht abhalten, es wieder zu versuchen. Wir kennen ja auch ihren Plan nicht.« Wenn es eine Meuterei ist, so kann das halbe Schiff dabei betheiligt sein. Nein, Kapitain Vickers, ich habe als Oberarzt unser Handeln zu bestimmen. Sie wissen, daß – — «

»Daß den Königlichen Befehlen gemäß, Sie mit der vollen Macht betraut sind,« unterbrach ihn Vickers, der in solchen Fällen stets der Disziplin dachte. »Natürlich ich erlaubte mir nur anzudeuten. Ich weiß nichts von dem Mädchen, als daß sie ein gutes Zeugniß von ihrer letzten Herrschaft brachte – einer Mrs. Crofton, glaube ich – so war der Name. Wir waren froh, überhaupt Jemand für die Reise zu bekommen.«

»Gut,« sagte Pine. »Hören Sie. Voraus gesetzt, wir sagen diesen Schurken, daß ihre Absicht, wie sie auch gewesen sein mag, uns bekannt ist. Gut. Sie werden völlige Unwissenheit heucheln und ein andres Mal dasselbe wieder versuchen, wovon wir dann vielleicht nichts wissen. Auf alle Fälle wissen wir bis jetzt gar nichts von der Art der Verschwörung und kennen die Anführer nicht. Lassen Sie die Wachen verdoppeln und die Soldaten ruhig antreten. Lassen Sie Fräulein Sara thun was ihr gefällt, und wen n die Meuterei ausbricht, ersticken wir sie in der Knospe! Stecken alle Kerls, die dabei sind, in Eisen und übergeben sie den Behörden in Hobart-Town, sobald wir ankommen. Ich bin nicht grausam, Herr, aber wir haben eine Ladung wilder Thiere an Bord und wir müssen vorsichtig sein.«

»Aber Mr. Pine, haben Sie auch den Verlust an Menschenleben dabei in Anschlag gebracht? Ich möchte wirklich – in der That, – ein menschlicheres Verfahren. – Vorbeugen, – wissen Sie. – «

Pine wandte ich mit der grimmigen, kalten Art an ihn, die ihm zur Natur geworden »Haben sie denn die Sicherheit des Schiffes gedacht, Kapitain Vickers? Sie wissen oder haben wenigstens davon gehört, was für unerhörte Dinge bei diesen Meutereien vorfallen. Haben Sie daran gedacht, was das Schicksal der Soldatenfrauen sein wird? Haben Sie an Ihre eigene Frau und an Ihr Kind gedacht.«

Vickers schauderte.

»Machen Sie, wie Sie denken, Mr. Pine. Sie verstehen es besser. Aber schonen Sie so viele Leben wie möglich.«

»Sein Sie ruhig, Sir,« sagte der alte Pine. »Ich thue es zum Besten Aller, – bei meiner Seele! Sie wissen nicht, was für Leute Deportierte sind oder vielmehr, wozu sie das Gesetz gemacht hat, – doch – « .

»Arme Menschen,« sagte Vickers, der gleich manchen Kriegshelden ein zartfühlendes Herz hatte. »Güte vermöchte viel bei ihnen, immerhin sind sie unsre Mitmenschen.«

»Ja das sind sie. Aber wenn Sie das Argument brauchen wollen, wenn die Leute das Schiff genommen haben, dann werden Sie nicht weit damit kommen. Lassen Sie mich machen, Herr und um’s Himmelswillen, sagen Sie Niemand etwas. Unser Leben hängt vielleicht an einem Wort.«

Vickers versprach es und hielt sein Versprechen. – Er speiste mit Blunt und Frere und plauderte fröhlich mit ihnen, schrieb aber einen Zettel an seine Frau, daß, was sie auch immer hören möge, sie nicht aus ihrer Kajüte gehen solle, bis er zu ihr käme. Er wußte, daß sie, trotz ihrer Thorheiten, einem so gefaßten Befehl von ihm nicht ungehorsam sein würde. Nach der Gewohnheit auf den Gefangenenschiffen, wurden die Wachen alle zwei Stunden abgelöst und um sechs Uhr Abends wurde die Hinterdeckwache auf dem Quarterdeck aufgestellt, und die Waffen, welche bei Tage oben auf den Waffenkisten lagen wurden Nachts auf einem Reck aufgestellt, das auf dem Quarterdeck angebracht war. Frere erhielt keine Mittheilung und Vickers selbst befahl, daß sämmtliche Soldaten mit Ausnahme derer, die am Tage auf Wache gewesen waren, antreten sollten und verbot jede Mittheilung nach dem oberen Deck hin. An die Thür der Barracke stellte er als Schildwache seinen eignen alten Diener, einen Soldaten, auf dessen Treue er sich vollkommen verlassen konnte. Dann verdoppelte er die Wachen, nahm selbst die Schlüssel des Gefängnisses von dem Offizier in Verwahrung, der sie sonst aufzubewahren hatte und ließ die Haubitze auf dem unteren Deck mit Kartätschen laden. Um drei Viertel aus sieben faßten er und Pine Posten an dem Weg zur großen Luke und waren Beide entschlossen, bis zum Morgen zu wachen.

Ein Viertel nach Sieben hätte Jeder, der in Kapitain Blunts Kajüte hineinblickte, ein sehr sonderbares Schauspiel gehabt. Der tapfere Kommandeur saß auf seinem Bett mit einem Glas Rum und Wasser in der Hand und Mr. Vickers hübsches Kammermädchen saß auf einem niedrigen Stuhl an seiner Seite. Auf den ersten Blick konnte man bemerken, daß der Kapitain ganz betrunken war. Sein graues Haar hing nach allen Richtungen hin in Strähnen über sein rothes Gesicht und er blinkte und nickte wie eine Eule im Sonnenschein. Er hatte bei Tisch mehr Wein als gewöhnlich getrunken und hatte jetzt sogar die Rumflasche vor sich, um nach Tische noch einen ruhigen Schluck zu nehmen, als der Gegenstand seiner Liebe, das Opfer seiner Reize durch die nur angelehnte Thür schlüpfte und ihn bald dazu bewog, weiter zu trinken.

»Komm, Sara,« stammelte er. »Das ist Alles recht schön, aber Du brauchst nicht so stolz zu sein, mein Herz. Ich bin nur ein einfacher Seemann.sehr – sehr einfach Sara. Phineas Blunt, Kommandeur des Malabar. – Das ist doch gesprochen – he?« Sara lachte ein wenig und schob ihren hübschen Fuß vor. Der verliebte Phineas bog sich vor und versuchte ihre Hand zu nehmen.

»Du liebst mich und ich – ich liebe Dich, Sara. Und ein liebes süßes Geschöpf bist Du, gib einen Kuß Sara.«

Sara stand auf und ging nach der Thür.

»Was ist das? Fortgehen? Sara gehe nicht.« Und er richtete sich stramm in die Höhe und mit dem Glas Grog in der Hand, fürchterlich hin und herfuchtelnd, näherte er sich ihr.

Die Schiffsglocke schlug sieben. Jetzt oder nie war es Zeit. Blunt umfaßte Sie mit einem Arm und von Liebe und von Rum erhitzt, versuchte er, den begehrten Kuß zu rauben. Sie erfaßte den Augenblick und sich seiner Zärtlichkeit überlassend, zog sie aus ihrer Tasche das Laudanumfläschchen und ihre Hand über seine Schulter legend, goß sie die Hälfte des Inhalts in sein Glas.

»Du denkst, ich bin betrunken, nein, mein Liebchen.«

»Aber Sie werden es sein, wenn Sie noch mehr trinken. Jetzt trinken Sie das schnell aus und dann lassen Sie es gut sein oder ich gehe!«

Sie warf ihm einen herausfordernden Blick zu, der ihre Worte Lügen strafte und der das verdüsterte Gehirn von Blunt etwas aufhellte. Sich einen Augenblick aus seinen Hacken drehend, wobei er sich an einen Kajütsbalken festhielt, starrte er sie mit seligem, trunkenem Lächeln der Bewunderung an, dann sah er in sein Glas und von dem plötzlichen Gefühl unerfüllter Pflicht durchdrungen, stürzte er den ganzen Inhalt des Glases auf ein Mal herunter. Die Wirkung war fast augenblicklich. Er ließ das Glas fallen, wankte auf Sara zu und dann mit dem Schwanken des Schiffes selbst den Halt verlierend, fiel er auf sein Bett und schnarchte sogleich wie ein Wallfisch.

Sara Purfoy beobachtete ihn einige Augenblicke, dann blies sie das Licht aus, schritt aus der Kajüte und schloß die Thür recht fest hinter sich zu. Dieselbe düstere Finsterniß, welche in der vorigen Nacht aus dem Schiff geherrscht hatte, hüllte auch jetzt wieder das Deck ein. Eine Laterne hing am Vorderkastell und folgte den Bewegungen des Schiffes. Das Licht an der Gefängnistür warf einen Schein durch die Luke hinauf und zu ihrer rechten brannten in der Kajüte da Oellampen. Sie blickte mechanisch hinein, ob Vickers da sei, der immer zu dieser Stunde dort zu finden, aber die Kajüte war leer. Um so besser, und ihren dunklen Mantel fester um sich ziehend, klopfte sie an Freres Thür.

Indem sie es that, schoß ein heftiger Schmerz durch ihre Stirn und ihre Knie zitterten. Mit großer Anstrengung schüttelte sie den Schwindel ab, der sie zu umfangen schien und hielt sich aufrecht. Jetzt war keine Zeit zu unterliegen.

Die Thür öffnete sich und Maurice Frere zog sie herein, »So, sind Sie da?« sagte er.

»Ja, ach, wenn mich aber Jemand gesehen hätte!«

»Gesehen. Unsinn! Wer sollte Sie gesehen haben ?«

»Kapitain Vickers, Doktor Pine, irgend Jemand.«

»Ach die. Beide sind seit Mittag schon in Doktor Pine’s Kajüte. Die sind sicher.«

»In Doktor Pine’s Kajüte! Diese Nachricht erfüllte sie mit einer unbestimmten Angst. Was für eine Ursache zu diesem ungewöhnlichen Verfahren. Wenn sie nun etwas argwöhnten. »Was machen sie da,« fragte sie. Maurice Frere war nicht in der Stimmung, Wahrscheinlichkeiten und Möglichkeiten zu erwägen. »Wer weiß? Ich nicht. Verdammt sollen sie sein,« fügte er hinzu. »Was geht es uns an? Wir brauchen sie doch hier nicht, Sara?« Sie schien auf etwas zu horchen und antwortete nicht.

Ihr ganzes Nervensystem war auf’s Aeußerste angespannt. Der Erfolg der Verschwörung hing von den nächsten fünf Minuten ab.

»Wonach blickst Du so starr? Sieh mich doch an? Was hast Du für Augen – und was für Haar!«

In demselben Augenblick unterbrach ein Flintenschuß die Stille. Die Meuterei hatte begonnen. Dieser Ton weckte in dem Soldaten das Plichtgefühl. Er sprang auf und die Arme lösend, die sich um seinen Hals geschlungen hatten, stürzte er nach der Thür. Der Augenblick, auf den die Mitschuldige der Deportierten gewartet, war gekommen. Sie hing sich mit aller acht an ihn. Ihr langes Haar berührte sein Gesicht, ihr warmer Atem strich über seine Wange, ihr herabgerissenes Kleid ließ die bebende Schulter sehen. Er wandte sich zurück, halb besiegt, halb trunken von Leidenschaft, als plötzlich die reiche Gluth ihres Antlitzes erbleichte; die Lippen wurden weiß und eine aschgraue Farbe überzog ihr Gesicht. Ihre Augen schlossen sich in Todesangst und ihn loslassend, schwankte sie auf ihren Füßen und ihre Hände ; aus die Brust drückend, stieß sie einen scharfen Angstschrei aus. Das Fieber, das sie seit zwei Tagen gepackt hatte, und das sie mit ihrem starken Willen und durch die große Aufregung in der sie sich befand, bisher niedergehalten hatte, brach in diesem wichtigen Augenblick plötzlich mit neuer Gewalt aus. Todtenbleich und krank taumelte sie an die Seite.

Ein zweiter Schuß fiel und ein heftiges Klirren von Waffen ließ sich hören. Frere überließ das unglückliche Weib , seinem Schicksal und sprang aus der Kajüte auf Deck.

Zehntes Capitel.
Das achte Glas

Um sieben Uhr war eine ungewöhnliche Bewegung ich dem Gefängnis gewesen. Die Nachricht von dem Ausbruch des Fiebers hatte in den Deportierten die Liebe zur Freiheit die während der einförmigen, langen Reise etwas geschlummert hatte, von Neuem wieder geweckt. Jetzt, nun der Tod sie bedrohte, sehnten sie sich heftig nach dein Entkommen aus dieser Gefahr, wie es doch freien Leuten möglich war. »Wir wollen hinaus,« sagten sie unter einander, »wir müssen hier sterben wie Schafe.« Düstere Gesichter und verzweifelte Blicke begegneten jedem Auge und nur zuweilen schoß ein wildes Feuer hervor, das die Nacht ein wenig aufhellte, wie wenn ein Blitz durch eine dunkelblaue Gewitterwolke fährt. Nach und nach kam Jedem, der mit seinem Kameraden sprach, der Gedanke, daß etwas gethan werden könne. Es war eine Verschwörung im Werk. Auf eine unbegreifliche Weise war die Nachricht verbreitet, daß sie von ihren Banden befreit werden sollten und daß Einige unter ihnen ihre Freiheit gewinnen wollten. Das Zwischendeck war sehr schweigsam über diese Sachen, aber in Bewunderung und Sorge versunken. Der Einfluß dieser vorherrschenden Idee zeigte sich in einer merkwürdigen Wendung der Dinge. Die Masse, welche aus Schurkerei, Unwissenheit und vielleicht auch Unschuld zusammen gesetzt war, wurde jetzt durch eine fast gemeinsame Bewegung belebt. Wahlverwandtschaften zeigten sich und Gleiches gesellte sich zu gleichem wie die bunten Glasstücke und Perlen in einem Kaleidoskop stets beim Zusammenfallen eine mathematische Figur geben.

Um sieben war das Gefängnis in drei Parteien getheilt: die Verzweifelten, die Furchtsamen und die Vorsichtigen. Diese drei Parteien hatten sich in natürlicher Folge entwickelt.

Die Meuterer von Gabbett, Vetch und dem Schnüffler angeführt hielten sich nächst der Thür; die Furchtsamen, – Knaben – alte Männer, unschuldige, elende Menschen, die auf Verdacht hin verurtheilt waren oder Landleute, welche als Diebe galten, weil sie eine Rübe ausgezogen hatten, hielten sich am hinteren Ende, in großer Furcht dicht zusammen gedrängt.

Die Vorsichtigen, das heißt, alle Uebrigen waren bereit , zu kämpfen oder zurückzuweichen, den Gefährten oder der Autorität beizustehen, je nachdem das Schicksal des Tages entscheiden würde. Sie nahmen die Mitte ein.

Die Meuterer zählten etwa dreißig und von diesen wußten kaum die Hälfte was geschehen sollte.

Die Schiffsglocke schlägt halb und als der Ruf der drei Schildwachen, die sich bis zum Quarterdeck hin anrufen, verhallt, stößt Gabbett, der mit seinem Rücken gegen die Thür lehnt, Jemmy Vetch an.

»Nun, Jemmy,« flüstert er. »Sage es ihnen.«

Das Flüstern, das die Nächststehenden gehört, verursachte tiefes Schweigen, welches sich immer weiter verbreitet, wie die gekräuselte Welle an dem See, so daß es selbst die letzten Kojen erreicht.

»Meine Herren,« sagt Jemmy Vetch, ein wenig sarkastisch in seiner Galgenmarnier, »ich und meine Freunde wollen das Schiff für Euch nehmen. Diejenigen, welche sich uns anschließen wollen, müssen sich erklären, denn in einer halben Stunde ist keine Gelegenheit mehr dazu.«

Er hält an und sieht mit einer so unverschämt sicheren Miene umher, daß Drei, welche noch schwankten aus der Mittel Partei zu ihm stoßen.

»Ihr braucht Euch nicht zu fürchten,« fügt Vetch hinzu. »Wir haben es Alles für Euch zurecht gelegt. Freunde wachen draußen für uns und die Thür wird sogleich geöffnet werden.

Alles, was wir brauchen, ist Ihre Stimme und Ihr Interesse meine Herren, – ich meine« —

»Das verdammte Geschwätz,« unterbrach ihn der Riese ärgerlich. »Zur Sache, kannst Du nicht zur Sache kommen. Sage ihnen, daß, ob sie wollen oder nicht, wir wollen das Schiff haben und die nicht dabei sein wollen, werden über Bord spedirt. Das ist deutlich gesprochen.«

Diese praktische Art, die Sache auseinander zu sehen, machte Aufsehen und die conservative Partei am andern Ende gerieth in große Unruhe. Ein wildes Murren läßt sich hören und Jemand in Gabbett’s Nähe lacht so wüst und gehässig, daß die Furchtsamen sich dadurch nicht beruhigt fühlen.

»Was hat’s auf sich mit den Soldaten,« schreit der Schnüffler, als ob er eine plötzliche Inspiration hätte. »Sie können uns ja nur erschießen und das ist mindestens eben so gut als am Typhus sterben.«

Jetzt war der richtige Ton angeschlagen und mit unterdrücktem Gelächter erkannte das Gefängnis die Wahrheit dieses Gedankens an. »Weiter, alter Herr,« ruft Jemmy Vetch dem Riesen zu und reibt sich die Hände in teuflischem Vergnügen. »Alles in Ordnung!« Sein feines Ohr hört fest das Klirren der Waffen und er fügt hinzu: »Jetzt fest an der Thür, – ein Sturm und es ist gethan!« Das achte Glas war abgelaufen und die Ablösung kam von dem Hinterdeck. Die Gefangenen, in der Nähe der Thür hielten fast ihren Athem an.

»Es ist Alles abgemacht,« murmelte Gabbett. »Wenn die Thür aufgeht, stürzen wir Alle hinaus und sind mitten in der Wache, ehe sie sich besinnen können. Schleppt sie schnell in’s Gefängnis, plündert den Waffenständer und Alles ist fertig.«

»Sie sind so sehr ruhig,« sagte die Krähe argwöhnisch. »Ich hoffe, Alles ist in Richtigkeit!«

»Laß mich herein, Miles,« hörte man jetzt Pine’s Stimme draußen, in seiner gewöhnlichen, ruhigen Art.

Die Krähe fühlte sich erleichtert. Der Ton war sein gewöhnlicher und Miles war der Soldat, welchen Sara bestochen hatte, daß er nicht schießen solle. Alles ging gut.

Die Schlüssel wurden in’s Schloß gesteckt und umgedreht und der Tapferste von der Partei der Vorsichtigen, der den Gedanken verfolgt hatte, ob er sein Leben wagen solle und im rechten Augenblick vorspringen, um die Wache zu warnen, hielt den Aufschrei zurück, der schon auf seiner Zunge schwebte, als er sah, wie die Männer an der Thür ein wenig zurück traten, um bereit zu sein und als er einen Blick auf des Riesen sich sträubendes Haar und seine gefletschten Zähne warf.

»Jetzt,« schrie Jemmy Vetch, als die eisenbeschlagene Eichenthür zurück schlug und mit dem tiefen Kehlton, den der wilde Eber ausstößt, sprang Gabbett aus dem Gefängnis hinaus.

Das rothe Licht, das einen Augenblick durch die geöffnete Thür gefallen, wurde schnell durch die Leiber verfinstert, die sich hinaus drängten. Das ganze Gefängnis stürzte vor und ehe das Auge blicken konnte, waren fünf, zehn, ja zwanzig der Wüthendsten draußen.

Es war, als ob die See, welche gegen einen Steinwall tobt, plötzlich eine Oeffnung gefunden durch welche das Wasser abfließt. Die Kampfeswuth steckte an. Die Vorsicht war vergessen und selbst die Letzten, als sie sahen, wie Jemmy Vetch auf dieser Welle von menschlichen Körpern, die so zu sagen, sich auf dem undeutlichen, fernliegenden Ufer brach, emporgehoben wurde, antworteten auf seinen Ermunterungsruf damit, daß sie wüthend vorwärts drängten. Plötzlich hätte man ein fürchterliches Gebrüll, wie das eines wilden Thieres, das gefangen ist. Der Strom stockte in der Thür und aus dem hellen Raum draußen, in den der Riese hinein gestürzt war, brach ein Feuerstrom, dem unmittelbar ein furchtbares Stöhnen folgte und die treulose Schildwache stürzte nieder, tödtlich durch die Brust geschossen. Die Menge in der Thür stockte unentschlossen und dann, durch das Gewicht der Nachfolgenden gedrängt, stürzten sie wieder ein wenig vor und als sie vorgingen, ächzten die schweren Thüren in ihren Angeln und sie flogen zu, da gerade eine Abtheilung hinaus gedrängt war und die Riegel schlossen sich.

Alles dies geschah fast gleichzeitig und zwar in dem Grade schnell als es langsam geschildert werden kann. In einem Augenblick wurde die Thür des Gefängnisses geöffnet, im nächsten war sie schon wieder geschlossen. Das Bild, das sich den Augen der Gefangenen zeigte, war nur ein »Augenblicksbild.« Die Zeit zwischen dem Oeffnen und dem Schließen der Thür war nur durch den Schuß bezeichnet.

Das Abfeuern eines weiten Schusses, ein Lärm von wirren Stimmen, untermischt mit dem Klang der Waffen ließ die Gefangenen merken, daß das Schiff alarmiert sei. Wie würde es nun den Kameraden auf Deck ergehen? Haben sie die Wachen überwältigt oder sind sie zurückgeschlagen? Bald werden sie es wissen und in dem heißen, dunkeln Raum strengten sie die Augen an, um einander zu sehen , während sie auf den Ausgang warteten. Plötzlich hörte der Lärm auf und ein sonderbares, rollendes Geräusch drang an die Ohren der Horcher.

* * *

Was war geschehen?

Dies: – der Strom der Männer, die aus der Dunkelheit in das Licht hinaus eilten, stürzte wild auf das Deck. Miles, treu seinem Versprechen, feuerte nicht, aber im nächsten Augenblick hatte Vickers das Gewehr ergriffen und mitten unter die Leute springend, schoß er in der Richtung des Gefängnisses ab.

Der Angriff war viel plötzlicher gewesen, als er erwartet hatte, aber er verlor seine Geistesgegenwart nicht. Der Schuß hatte einen doppelten Zweck. Er sollte die Männer in der Barracke bedrohen und den Strom in der Thür vielleicht durch den Fall eines Mannes aufhalten. Zurückgestoßen, kämpfend, wüthend gemacht, mitten unter den gräßlichen Gesichtern, schwand seine Menschenfreundlichkeit und er zielte gerade aus den Kopf von Jemmy Vetch; doch der Schuß ging fehl und tödtete den unglücklichen Miles.

Gabbett und seine Gefährten hatten mittlerweile den Fuß der Treppe erreicht, um dort die Flintenläufe der doppelten Wachen auf sich gerichtet zu sehen, die in dem Licht der Laternen ihnen entgegen leuchteten.

Ein Blick die Luke hinauf zeigte dem Riesen, daß die Waffen, deren sie sich bemächtigen wollten, von zehn Feuerwaffen vertheidigt wurden, während hinter der Abtheilung, welche am Besanmast entlang stand, die übrigen Soldaten in Reih und Glied aufgestellt waren. Selbst sein schwaches Hirn mußte jetzt begreifen, daß die Sache fehlgeschlagen und daß sie verrathen waren. Mit einem Gebrüll der Verzweiflung wandte er sich zurück, grade um zu sehen, wie die Leute vor dem Schuß aus Vickers Flinte zurückwichen und wie Pine und zwei Soldaten den Augenblick benützten, um bei dem momentanen Aufhören des Andrängens die Thür zu schließen, die Riegel vorzuschieben und so das Gefängnis wieder in Sicherheit zu haben. Die Meuterer waren in eine Falle gegangen.

Der enge Raum zwischen der Barracke und der Barrikade war mit kämpfenden Gestalten angefüllt. Einige zwanzig Deportierte und halb so viele Soldaten hieben und stießen im Gedränge aufeinander. Es war kaum Platz genug um Faustkampf und die Angreifer und die Angegriffenen wußten wenig auf wen sie losschlugen. Gabbett riß einem Soldaten den Säbel fort, schüttelte sein riesiges Haupt, rief dem Schnüffler zu, ihm zu folgen und sprang die Treppe hinauf, entschlossen der Gefahr des Schießens sich auszusetzen.

Der Schnüffler, dem Riesen folgend, warf sich auf den nächsten Soldaten und versuchte, denselben den Säbel zu entreißen. Ein starker, stiernackiger Kerl hieb mit geballter Faust den Soldaten grade in’s Gesicht, so daß dieser, halb betäubt, den Säbel losließ, aber seine Pistolen zog und seinen Angreifer grade durch den Kopf schoß. Der Knall dieses zweiten Schusses hatte Maurice Frere aufgerüttelt.

Als der junge Lieutnant auf Deck eilte, sah er an der Aufstellung der Wachen, daß Andre besser an die Sicherheit des Schiffes gedacht hatten, als er. Doch war keine Zeit zu Erklärungen, denn als er an die Luke kam, traf er auf den Riesen, der beim Anblick dieses unerwarteten Gegners einen fürchterlichen Fluch ausstieß und denselben, da er zu nahe war, um ihn niederzuschlagen, fest in seine Arme faste, um mit ihm zu ringen. Beide stürzten so nieder. Die Wache auf dem Quarterdeck wagte nicht auf die beiden Körper zu feuern, die ineinander geschlungen, auf dem Deck rollten und einen Augenblick hing Frere’s Leben wirklich nur an einem sehr dünnen Faden.

Der Schnüffler, bespritzt mit dem Blut und Hirn seines unglücklichen Kameraden, hatte schon den Fuß auf die unterste Stufe der Treppe gesetzt, als ihm der Säbel durch einen Flintenkolben aus der Hand geschlagen und er zurückgezogen wurde. Als er hinfiel, sah er, wie die Krähe aus der Masse der Gefangenen, die so eben noch mit den Wachen gerungen hatten, heraus sprang und da er den offen gelassenen Raum am Fuß der Treppe erreichte, seine Hände in die Höhe hielt, wie um sich vor einem Schlage zu schützen. Die Verwirrung war in diesem Augenblick etwas gehoben und in der Gruppe vor der Barrikade verbreitete sich ein gewisses geheimnißvolles Schweigen, das die Leute innerhalb des Gefängnisses sehr in Unruhe versetzte.

Sie blieben nicht lange in Ungewißheit. Die zwei Soldaten, welche mit Pine die große Thür so schnell im rechten Augenblick geschlossen hatten , öffneten jetzt eilig jene Art Fallthür in der Barrikade , von er schon gesprochen wurde und auf ein Zeichen von Vickers rollten drei Mann die geladene Haubitze aus dem düsteren Winkel an die Barrikade hervor und richteten die todtbringende Mündung grade auf die Oeffnung.

Dann standen sie zum Feuern bereit.

»Ergebt Euch!« rief Vickers, mit einer Stimme, aus der alle Menschenfreundlichkeit gewichen war. »Ergebt Euch und liefert die Anführer aus, oder ich will Euch in Stücke schießen.«

Es war keine Spur von Unsicherheit in seiner Stimme und wie er so neben der Kanone an Pines Seite stand, begriffen die Meuterer mit der Schärfe des Verstandes, welche die drohende Gefahr noch erhöht, daß sollten sie auch nur einen Augenblick zögern, er ein Wort wahr machen würde.

Ein fürchterlicher Augenblick des Schweigens, nur durch im eigenthümliches Geräusch innerhalb des Gefängnisses unterbrochen, das sich anhörte, als wenn Ratten im Mehlkasten gestört wären und nun sich in die Winkel flüchteten.

Dies Geräusch wurde dadurch verursacht, daß die Gefangenen sich so eilig wie möglich in ihre Kojen flüchteten, um sich einiger Maßen vor dem Geschoß zu schützen. Dies Geräusch sprach, zu den zwanzig Desperados, die gerade vor der Mündung er Haubitze standen, deutlicher als alle Worte.

Der Zauber war gebrochen. Niemand wollte sich jetzt ihnen anschließen.

Die Lage der Dinge in dieser Krise war eine sehr sonderbare. Aus der geöffneten Fallthür kam ein Geräusch, das sich dem Geräusch vergleichen läßt, wie man es in einer großen Seemuschel hört, aber in dem dunkeln Raum au den diese Thür führte, war nichts sichtbar. Die Fallthür könnte eben so gut ein Fenster gewesen sein das in einen Tunnel führte. Auf den Seiten dieses schrecklichen Fensters standen Pine, Vickers und die Wache. Vor dieser kleinen Gruppe lag der Körper des unglücklichen Burschen, den Sara Purfoy in’s Verderben gestürzt hatte und dicht vor der Haubitze , zurückweichend vor dem blutigen Körper, lagen und standen die wüthenden und entsetzten Meuterer, wohl zwanzig an der Zahl. Die Haubitze drohte Verderben, denn die Hand des treuen Dieners von Vickers hielt die brennende Lunte und hinter ihm drohten wohl zwanzig Flintenläufe. Die eingeschlossenen Leute sahen, daß die Wache den Weg zur Lunte wohl besetzt hielt und daß hinter denen sogar noch die Schiffsmannschaft bereit stand. Entkommen war einfach unmöglich.

»Eine Minute,« rief Vickers, überzeugt, daß eine Sekunde sogar genügte, – »eine Minute noch und dann —«

»Ergebt Euch, Kameraden, um’s Himmelswillen,« rief eine unbekannte Stimme aus der Finsterniß. »Wollt Ihr uns Alle in den Tod schicken?«

Jemmy Vetch fühlte, wie ja oft nervöse Naturen dergleichen fühlen , daß seine Kameraden von ihm erwarteten, daß er den Sprecher mache, und so erhob er seine schrille Stimme: »Wir ergeben uns,« sagte er. »Es nützt nichts , uns das Hirn ausblasen zu lassen.« Und seine Hände erhebend, folgte er einem Wink von Vickers und wandte sich nach der Thür der Barracke.

»Bringt die Eisen herbei,« rief,Vickers, seine gefährliche Stellung verlassend und fast ehe noch der letzte Mann an der rauchenden Lunte vorüber war, kündete der Hammerschlag an, daß der Krähe die Ketten wieder an ihre zarten Glieder angelegt waren, die ihr erst vor einem Monat in der Bai von Biskaya abgenommen waren.

Im nächsten Augenblick war die Fallthür wieder geschlossen, die Haubitze rollte zurück auf ihren Stand und das Gefängnis athmete wieder auf.

Indeß hatte eine andre Scene auf dem oberen Deck sich abgespielt, fast ebenso aufregend. Gabbett, der vor Wirth schäumte, wie alle solche rohen Naturen, wenn sie fühlen, daß ihnen ihr Unternehmen gänzlich mißglückt, packte Frere an der Kehle, entschlossen, wenigstens einen seiner Feinde zu verderben. Aber so verzweifelt er auch war, so viele Vortheile an Kraft und Stärke auch auf seiner Seite sich fanden, so wies sich doch der junge Lieutnant als ein viel furchtbarerer Gegner aus, als er vermuthet hatte.

Maurice Frere war kein Feigling. Wenn er auch roh und selbstsüchtig war, so hatten ihn seine Feinde selbst doch nie des Mangels an physischem Muth angeklagt. Er war früher in seinen lustigen Tagen selbst zu einer gewissen Berühmtheit gelangt in allen körperlichen Uebungen. Er war stolz auf manche Erfolge seiner Muskelkraft, die in Wirthshausschlägereien und bei mitternächtlichen Streitigkeiten sich gezeigt hatten und das Sprichwort, daß jedes Großmaul ein Feigling sei, bewies sich bei ihm als falsch. Er besaß die Hartnäckigkeit eines Bulldogs und wenn er ein Mal die Hände eingesetzt hatte, so hielt er fest bis in den Tod. In der That war er, soweit persönliche Stärke reichte, ein Gabbett mit der Erziehung eines Preiskämpfers und in einem Kampf dieser Beiden miteinander, die sich wohl gleich an Muth waren, trugen Kenntnisse den Sieg über die Stärke davon.

Doch war in ihrem jetzigem Kampfe davon bis jetzt wenig zu spüren, dem unerfahrenen Auge kam es so vor, als ob der wüthende Riese, der den unter ihm Liegenden an der Kehle gepackt hatte, als Sieger aus dem Kampfe hervorgehen müsse.

Rohe Kraft war Alles, was nöthig war ; es war weder Raum , noch, Zeit, noch Platz vorhanden, um irgend welche Künste beim Kampf in Anwendung zur bringen.

Doch gibt Wissen, wenn auch nicht oft, so doch Ueberlegung. Maurice Frere war zwar überrascht worden, verlor aber nicht seine Geistesgegenwart. Der Deportierte lag so dicht an ihm, daß er nicht schlagen konnte, aber als er heruntergerissen wurde, gelang es ihm, sein Knie um den Schenkel des Angreifenden zu schlingen und mit der einen Hand in seine Halsbinde zu greifen. Sie rollten über einander hin und die erschreckte Schildwache wagte nicht zu schießen. Da brachte ein plötzliches Rollen des Schiffes Frere oben auf. Er fühlte, daß Gabbett unter ihm lag und ihn mit aller Kraft seiner Muskeln niederdrückend, widerstand er dem Versuch des Riesen, ihn zurückzudrängen. Aber es war grade, als ob er gegen eine Steinmauer kämpfte. Die Augen fast herausquellend, die Muskeln aufs Aeußerste angestrengt, drückte ihn Gabbett langsam herum. Da fühlte Frere, daß Gabbett ein wenig los ließ, wahrscheinlich, um einen letzten Streich zu führen, Frere konnte eine linke Hand lösen, ließ sich plötzlich zurück fallen und sein rechtes Knie hinaufziehend, stieß er Gabbett heftig unter die Kinnlade. Der mächtige Kopf des Riesen fiel ein wenig zurück, dies nahm Frere wahr und schlug seine Faust dem Gabbett mit aller Gewalt gegen die Kehle. Der Riese taumelte zurück und auf seine Hände und Knie fallend, wurde er sofort von den Matrosen umringt.

Nun begann und endete in weit kürzerer Zeit als gebraucht wird, um die Sache zu schildern , einer dieser homerischen Kämpfe eines Mannes gegen zwanzig, der aber nicht weniger heroisch ist weil der Ajax nur ein Deportierter und die Trojaner nur gewöhnliche Matrosen sind. Die Matrosen von sich schüttelnd, wie ein wilder Eber die Hunde abschüttelt, die ihn packen, sprang er wieder auf seine Füße, ergriff einen Säbel und hielt sie Alle mit fürchterlichen Streichen von sich ab. Vier Mal hoben die Soldaten von der Wache ihre Flinten und vier Mal setzten sie wieder ab, aus Furcht, ihre Kameraden, welche sich auf den Wüthenden geworfen hatten, zu verwunden. Gabbett, sein wüstes Haar gesträubt, seine blutunterlaufenen Augen vor Wuth sprühend, seine großen Hände mit dem Säbel in der Luft umherfahrend, wandte sich von einer Seite zur Andern, brüllend wie ein verwundeter Stier. Sein grobes Hemde, das von der Schulter zur Hüfte ausgerissen war, zeigte die ungeheuer entwickelten Muskeln seines Körpers. Er blutete von einem Hiebe in die Stirn und das Blut, sein ganzes Gesicht entlang fließend, mischte sich mit dem Schaum auf seinen Lippen und träufelte schließlich auf die breite, behaarte Brust. Jedes Mal, wenn ein neuer Angreifer in seinen Bereich kam, überfiel ihn die fürchterlichste Wuth von Neuem und seine ganze Gestalt hob und dehnte sich, von Leidenschaft bewegt. Einen Augenblick war er fast erstickt von Gegnern; sie hingen sich an seine Arme, Beine, Schultern, – überall menschliche Körper; – im nächsten Augenblick stand er frei und allein da, mitten unter seinen Feinden, sein scheußliches Gesicht verzerrt von Haß und Wuth. Er schien kaum noch ein Mensch zu sein, sondern glich einem Teufel, oder vielmehr einem dieser wilden, ungeheuerlichen Affen, welche in den Wäldern Inner-Afrika’s leben. Den Haufen zurücktreibend, der ihn umgab, stürzte er sich von Neuem auf seinen erstandenen Gegner und holte zu einem Schlage gegen ihn aus, der dessen Tyrannei für immer ein Ende machen sollte. Ein unbestimmtes Gefühl, daß Sara Purfoy sie betrogen und daß dieser feine Soldat mit daran Schuld sei, hatte sich in seinem Kopf festgesetzt und deshalb war seine Wuth vorzugsweise gegen Frere gerichtet. Der Anblick des Schurken war so scheußlich, daß Frere, das Schwingen des Säbels bemerkend, seine Augen vor Entsetzen schloß und sich seinem Schicksal befahl. Als Gabbett den Säbel schwang, gab das Schiff, das bisher ganz langsam hin und her rollte, einen plötzlichen, heftigen Stoß, – der Deportierte verlor das Gleichgewicht , wankte und fiel. Ehe er sich rühren konnte, war er schon von zwanzig Händen festgehalten.

Die Autorität hatte fast gleichzeitig auf dem oberen wie auf dem unteren Deck gesiegt. Die Meuterei war vorüber.

Elftes Capitel.
Entdeckungen und Bekenntnisse

Der Stoß hatte sich im ganzen Schiffe fühlbar gemacht und Pine, der eben dem letzten Meuterer die Eisen hatte umlegen lassen, errieth sogleich die Ursache.

»Gott sei Dank,« rief er, »da ist endlich eine Brise.«

Als der überwältigte Gabbett, blutend, geschunden und gebunden herunter gebracht wurde, eilte der Doktor auf Deck und sah, daß der Malabar durch schäumende Wellen mit einer Geschwindigkeit von fünfzehn Knoten die Stunde lief.

»Rafft die Topsegel! Zieht das große ein!« schrie Best vom Quarterdeck und mitten in der freudigen Bewegung erzählte Frere, was er erlebt, ohne daß er aber seiner kurzen Pflichtvergessenheit gedachte. Pine runzelte die Stirn. »Glauben Sie, daß sie mit in der Verschwörung war?«

»Nein, – « rief Frere eifrig und dachte daran, wie eine Nachforschung zu verhüten sei. »Wie kann sie dabei gewesen sein? Verschwörung! Sie liegt krank am Fieber, oder ich müßte mich sehr irren.«

Als sie in die Kajüte traten, fanden sie Sara noch auf derselben Stelle, wohin sie vor einer Viertelstunde gefallen.« Das Rasseln der Säbel, das Schießen, – nichts hatte sie erweckt.

»Wir müssen irgendwo eine Krankenstation machen,« sagte Pine und warf keinen freundlichen Blick auf die geschmeidige Gestalt. »Aber ich glaube nicht, daß sie sehr krank werden wird. Verdammt, sie ist doch die Ursache von Allem. Ich will es ausfindig machen, ehe einige Stunden vergangen sind. Den Kerls unten habe ich schon gesagt, wenn sie nicht Alles vor morgen früh gestehen, bekommen sie jeder sechs aufgezählt, ehe wir nach Hobart-Town kommen. Ich will es , wirklich thun, ehe wir Anker werfen. Fassen Sie sie am Kopf, Frere und wir wollen sie hinausbringen, ehe Vickers herauf kommt. Was für ein Narr sind Sie , Frere. Ich wußte, daß es solchen Unsinn geben würde, mit Weibern an Bord. Obwohl Mrs. Vickers schon früher eine Reise gemacht hat. – Halt, – jetzt durch die Thür. Was, Mann, man sollte denken, Sie hätten noch nie ein Mädchen im Arme gehabt. Sehen Sie nicht so entsetzt aus, ich will nichts weiter sagen. Schnell, schnell, ehe der kleine Pastor kommt. Die Pfarrer klatschen grade wie alte Weiber.«

So. vor sich hin murmelnd, trug Pine mit Frere’s Hilfe Mrs. Vickers’ Kammermädchen in ihre Kajüte.

»Bei George, sie ist ein schönes Geschöpf; sagte er und sah den leblosen Körper mit den Augen eines Wundarztes an. »Ich wundre mich nicht, daß Sie sich ihretwegen zum Narren machen. – Vielleicht sind Sie auch schon angesteckt vom Fieber, aber dieser Wind wird uns darüber forthelfen. Der alte Schafskopf der Blunt auch. Er sollte sich schämen in seinem Alter.«

»Was meinen Sie,« fragte Frere eifrig, denn er hörte , Jemand kommen. »Was sagt Blunt von ihr?«

»O, ich weiß nicht,« erwiderte Pine. »Er war auch verliebt, wie viele Andre.«

»Viele Andre?« wiederholte Frere mit affektierter Gleichgültigkeit.«

»Ja,« lachte Pine. »Nun, sie liebäugelte mit Jedem Mann auf dem Schiff. Ein Mal traf ich sie, wie sie einen Soldaten küßte.«

Maurice Frere’s Wangen glühten. Er, der erfahrene Wüstling, war betrogen, vielleicht verlacht und verspottet von ihr. Die ganze Zeit über hätte er sich mit dem Gedanken – geschmeichelt, daß er das schwarzäugige Mädchen bezaubert hätte und nun mußte er erfahren, daß sie ihn um den Finger gewickelt und ihn vielleicht zum Spaß für ihren Soldaten-Liebhaber noch geäfft hatte. Das war kein angenehmer Gedanke und doch, so merkwürdig es klingt, der Gedanke an Sara’s Verrätherei brachte ihn nicht zum Haß gegen sie. Es gibt eine Art von Liebe, wenn man es Liebe nennen will, die unter übler Behandlung noch wächst. Indeß fluchte er ihr doch mit einer Art von Empörung.

Vickers traf sie an der Thür.

»Pine, Blunt hat das Fieber. Mr. Best fand ihn stöhnend in seiner Kajüte. Kommen Sie und sehen Sie nach ihm.«

Der Kommandeur des Malabar lag in seiner Koje in der unglücklichen Lage, in die Männer gerathen, wenn sie in ihren Kleidern schlafen. Der Doktor schüttelte ihn, beugte sich über ihn und machte ihm den Kragen auf. »Er ist nicht krank,« sagte er. »Er ist betrunken! Blunt, wachen Sie auf, Blunt.«

Aber Blunt rührte sich nicht.

»Hallo, rief Pine, als er an dem erbrochenen Glase gerochen. »Was ist das ? Das riecht sonderbar. Rum? nein, – Laudanum! Bei Gott, man hat ihm einen Trunk gemischt.«

»Unsinn!«

»Ich verstehe,« rief er und schlug sich auf die Seite. »Das ist das Teufelsweib gewesen. Sie hat’s ihm gegeben und hat es wollen noch andern geben (hier traf ihn ein flehender Blick von Frere), wenn Andre Narren genug waren, sich von ihr bethören zu lassen. Dawes hat Recht, Herr. Sie ist mit in der Verschwörung. Ich will darauf schwören.«

»Was , meiner Frau Kammerjungfer? Unsinn!« sagte Vickers.

»Unsinn,« wiederholte Frere.

»Es ist kein Unsinn. Der Soldat, welcher erschossen ist, – wie heißt er gleich – Mi – Miles, er, – doch das ist ganz gleich. Es ist Alles jetzt vorüber.«

»Die Männer werden vor morgen früh gestehen,« sagte Vickers. »Dann wollen wir sehen.« Und damit ging er zu seiner Frau hinein.

Seine Frau öffnete ihm die Thür. Sie hatte an des Kindes Bett gesessen, hatte auf die Schüsse gelauscht und ohne zu murren, auf ihres Gatten Rückkehr gewartet. Leichtsinnig, oberflächlich und widerspänstig wie Julia Vickers war, hatte sie doch schon oft in Zeiten der Noth einen Muth gezeigt, der die Bewunderung Aller erregte. Obgleich sie bei jedem Buche gähnte, das über eine gewöhnliche Liebesgeschichte hinausging, jeden jungen Menschen zu bezaubern suchte, der fast ihr Sohn sein konnte, bei dem Anblicke eines Frosches kreischte und über eine Spinne aufschrie, so konnte sie doch Stunden lang in solcher Ungewißheit zubringen und dabei einen Muth entwickeln, wie ihn nur je ein starker Geist aufzuweisen hat.

»Ist Alles vorüber?« fragte sie.

»Ja, Gott sei Dank,« sagte Vickers, auf der Schwelle stehen bleibend. »Alles ist jetzt sicher, obgleich wir nur mit genauer Noth davon gekommen sind. Wie geht es mit Sylvia?«

Das Kind lag in seinem Bett, das blonde Haar über die Kissen hängend und die Hände ruhelos hin und her bewegend.

»Ein wenig besser, glaube ich. Aber sie hat viel gesprochen.«

Die rothen Lippen standen offen und die hellen blauen Augen starrten ohne Bewußtsein herum. Ihres Vaters Stimme schien sie etwas erregt zu haben, denn sie fing ein kleines Gebet an zu sprechen: »Gott segne Papa und Mama und Gott segne Alle auf dem Schiff. Gott segne mich und mache mich zu einem guten, kleinen Mädchen, um Christi willen, unseres Herren; – Amen!«

Der Ton der unschuldigen, betenden Kinderstimme, hatte etwas Rührendes und John Vickers, der noch vor zehn Minuten sein eigenes Todesurtheil unterschrieben hatte, um das Schiff zu retten, fühlte seine Augen sich mit Thränen füllen.

Der Gegensatz war merkwürdig. Mitten auf dem unendlichen Ocean, aus dem Gefängnis, worin Fieber herrschte, unter Dieben und Mördern hervor, weit weit vom Lande entfernt, wandte sich ein unschuldiges Kind voll Vertrauen an den Himmel.

* * *

Zwei Stunden später, als der Malabar, der soeben einer großen Gefahr entgangen, kräftig durch die schäumenden Wellen segelte gestanden die Meuterer durch ihren Sprecher James Vetch Folgendes:

»Es thue ihnen sehr leid und sie hofften, daß man ihnen das Vergehen gegen die Disziplin vergeben werde. Die Furcht vor dem Typhus habe sie dazu gebracht. Sie hätten keine Mitschuldigen, weder innerhalb noch außerhalb des Gefängnisses, aber sie fühlten sich doch bewogen, zu gestehen, daß derjenige, welcher die Meuterei geplant habe, Rufus Dawes ist.«

Der boshafte Krüppel hatte richtig geahnt, von wem die Anzeige, die zu dem Scheitern der Verschwörung geführt hatte, gekommen war und dies war seine sehr charakteristische Rache.

Zwölftes Capitel.
Ein Zeitungs-Paragraph

Auszug aus dem Hobart Town Courier vom 12. November 1827: —

Das Verhör der Deportierten, welche bei dem Angriff auf den Malabar betheiligt waren, ist am letzten Dienstag geschlossen.

Die vier Aufrührer: Dawes, Gabbett, Vetch und Sanders wurden zum Tode verurtheilt, aber wir hören, daß durch die Gnade Seiner Excellenz des Gouverneurs dieser Urtheilsspruch in sechs Jahre Arbeit in der Straf-Kolonie von Macquarie Harbour verwandelt worden ist.

Buch 2

Erstes Capitel.
Topographie von Van Diemens Land

Die Südostküste von Van Diemens Land, von dem einsamen Mewstone bis zu den Basaltklippen von Tasman’s Head, von Tasman’s Head bis zu Cape-Pillar und von Cape-Pillar bis zu der zerrissenen, großartigen Küste der Piratenbai gleicht einem Zwieback, an dem die Mäuse genagt haben. Von der fortwährenden Bewegung des Meeres ausgespült, das immer von Osten nach Westen strömt, ist die Halbinsel von dem Festlande des australischen Continents abgerissen und das Meer hat mit Van Diemens Land das gethan, was es mit der Insel Wight gemacht, – die Küste ist vollständig eingeschnitten und gebrochen. Wenn man die Karte ansieht, so gleichen die phantastischen Formen der Inseln und der Vorgebirge, welche zwischen dem Südwestkap und dem größeren Swan-Port liegen, den sonderbaren Formen, die geschmolzenes Blei annimmt, wenn es in Wasser geworfen wird. Wenn der Vergleich nicht zu übertrieben wäre, so mochte man glauben, daß, als der australische Continent aus dem Schmelztiegel gegossen war, ein Riese den Schmelztiegel nahm und den Rest in die See goß und so Van Diemens Land entstand.

Die Küstenschifffahrt ist eben so gefährlich wie die des Mittelländischen Meeres. Wenn der Schiffer von Cap Bougainville nach dem Osten von Maria Island fährt, und zwischen die zahlreichen Felsen und Untiefen geräth, die zwischen den drei Höhen »Three Thumbs« liegen, so baut sich plötzlich Tasman’s Halbinsel vor ihm auf, die wie ein doppelter Ohrring von dem Festlande aus in die See hineinhängt. Wenn man um den Pillar Rock durch die Stormbay nach Storing Island fährt, so hat man das Italien dieses kleinen Adriatischen Meeres vor sich. Zwischen Hobart Town und Sorrell, Pittwater und dem Derwent, einer wunderlich geformten Landspitze, streckt sich der italienische Stiefel mit aufwärts gewandten Zehen in die Bai hinein. Ein enger Kanal, der diese Landzunge von dem Ausläufer trennt, ist mit Felsen wie besäet und bildet längs des Bruny Island’s zwischen dessen Westseite und den Klippen von Mount Royal die gefährliche Durchfahrt, welche unter dem Namen D’Encastreaux Kanal bekannt ist. An dem südlichen Eingang des D’Encastreaux Kanals liegt eine Reihe von Felsen unter dem Wasser, die unter dem allgemeinen Namen »Actaeon Riff« bekannt sind und die beweisen, daß Bruny Head einst mit der Küste der Recherche Bai verbunden war. Vom Südkap bis zu dem Eingang von Macquarie Harbour warnen die Brandungen der tief liegenden Felsen, oder auch die zerrissenen Spitzen der einzelnen Felsen, die ganz plötzlich mitten aus der See aufsteigen, den Schiffer, daß er sich von der Küste fern hält.

Es scheint, als ob die Natur, eifersüchtig auf die Schönheiten des silbernen Derwent, die Annäherung habe erschweren wollen. Ist man aber ein Mal durch den gefährlichen D’Encastreaux Kanal gelangt oder hat man die weniger gefährliche östliche Fahrt durch die Stormbay gemacht, so ist die Fahrt den Strom hinauf ganz köstlich. Von der tiefen Einsamkeit von Iron Port an bis zu den lachenden Ufern von New Norfolk hin, windet sich der Fluß fortwährend aufs Lieblichste, bis er sich wiederholt zwischen hohen, zerissenen Klippen verengt. Eine Linie vor der Quelle des Derwent nach Norden gezogen trifft einen andern Fluß, der sich nach dem nördlichen Zeit der Insel wendet gerade wie der Derwent nach Süden. Die Kraft der Wogen, welche wahrscheinlich den Isthmus zerstört hat, der vor zweitausend Jahren noch Van Diemens Land mit dem Continent von Australien verband, ist hier weniger stark gewesen. Die rollenden Wogen des Südmeeres, die an der Mündung des Tamar sich trafen, rollten über den Isthmus fort, den sie verschlangen und gegen die Südküste von Victoria drängend höhlten sie hier die Binnensee aus, welche Port Philipp Bai genannt wird. Wenn die Wogen die Südküste von Van Diemens Land ausgezackt haben, so haben sie ebenfalls ein Stück aus der Küste von Victoria gerissen. Die Bai gleicht einem Mühlenteich, mit einem Umfang von neun hundert Quadratmeilen und einem Ausfluß zwischen den »Heads«, der zwei Meilen breit ist.

Ungefähr ein hundert und siebzig Meilen südlich von diesen »Heads« liegt Van Diemens Land, fruchtbar schön und reich, bewässert von den fruchtbringenden Wolken, die sich um Frenchmans Kap, Wyld’s Cray oder um die hohen Spitzen von Mount Wellington und Dromedary zusammen ziehen. Kein glühend heißer Wind, die Qual auch der Gassenkehrer des Continents, dörrt das Korn und versengt die Ernten. Der kühle Südwind kräuselt sanft die Gewässer des Derwent und fächelt die Vorhänge in den offnen Fenstern der Stadt, die sich im breiten Schatten von Mount Wellington angesiedelt hat. Der heiße Wind, welcher in den glühenden Sandebenen des großen australischen Continents entsteht, weht über die verbrannten ausgedörrten Ebenen, um die Ströme aufzusaugen und das Gras zu versengen, bis er auf die Wogen der großen Südbai stößt. In seiner Wanderung über die Meerenge aber wird er seiner Gluth beraubt und sinkt zu den Füßen des bergansteigenden Launceston nieder.

Das Klima von Van Diemens Land ist eins der lieblichsten in der ganzen Welt.

Launceston ist warm geschützt und feucht und Hobart-Town, das durch Brany-Island und den Archipel vom D’Encastreaux Kanal und Storm-Bai vor den riesigen Wellen des Südmeeres geschützt ist, hat die mittlere Temperatur von Smyrna; der Distrikt aber zwischen diesen beiden Städten umfaßt eine Menge von schönen Thälern, durch welche klare, blitzende Ströme fließen. Aber an der Westküste von den Steeple Rocks von Kap Grim bis zu dem von dichtem Gebüschen umfaßten Sandy Kap und dem düstern Eingang von Macquarie Harbour ändert sich die Natur der ganzen Gegend. Längs der eisenfesten Küste, von Pyramid- Island und der tiefen Waldeinsamkeit von Rocky Point bis zu dem großen Ram Head und dem bewegten Hafen Port Davey ist Alles düster und trostlos. An dieser rauhen Küste vollenden die ungeheuren Wogen des Südmeeres ihren Umlauf um die Welt und der Sturm, der das Kap hier verwüstet hat und sich im östlichen Lauf mit den eisigen Winden vereinigt, die aus den unbekannte Breiten des Südpols nordwärts brausen, stürzt sich hier ungehindert auf die Huonfichtenwälder und wäscht mit strömendem Regen die Abhänge von Monat Direction.

Wüthende Orkane und plötzliche Windstöße erschrecken die Eingeborenen an dieser Küste. Die Schiffahrt ist gefährlich und die Hinfahrt in das »Höllenthor« von Macquarie Harbour, das zu der Zeit von der wir schreiben (1833) auf der Höhe seines schrecklichen Rufes als Deportierten-Ansiedlung stand, nur bei ruhigem Wetter möglich.

Die Rhede ist mit Wracks bezeichnet. Die unterseeischen Felsen tragen die Namen der Schiffe, die an ihnen gescheitert. Die Luft ist feucht und kühl, der Boden fruchtbar an hornigem Gebüsch und schädlichen Pflanzen, während die fauligen Dünste, die Sumpf und Moor aushauchen, dicht über dem schwammigen, nassen Boden hinziehen. Alles rings umher athmet Verlassenheit und auf dem Antlitze der Natur ruht ein ewiges Düster. Der schiffbrüchige Matrose, der mühsam auf die Basaltklippen sich rettet, oder der gefesselte Deportierte, der seinen Baumstumpf mit sich bis auf eine Höhe zieht, blicken nur hinab auf ein Meer von Nebel, aus dem einzelne Bergspitzen sich wie Inseln erheben, oder sie erblicken durch den beißenden Dunst nur eine Wüste von Buschwerk und Felsspitzen zu den Füßen von Mount Heemskirk und Mount Zeehan, die gleich zwei Schildwachen über die Seeküste Wache halten.

Zweites Capitel.
Der Einsame am Höllenthor

Das Höllenthor wird von einer Felsspitze gebildet, die plötzlich nach Norden vorspringt und auf der Ostseite fast eine Landzunge berührt, welche den Eingang zum »King’s river« beschützt. In der Mitte des Thores liegt ein natürlicher Riegel, nämlich eine Insel, welche von einer Sandbank gebildet, gerade mitten in dem Strom liegt und so einen Wirbel verursacht, der es bei rauhem Wetter unmöglich macht, hier einzufahren. Einmal am Thor vorüber erblickt der Deportierte, welcher auf dem Deck des einfahrenden Schiffes angekettet ist, vor sich den kahlen Gipfel von Frenchmans Kap, welcher die feuchte Luft in der Höhe von fünf tausend Fuß durchbricht, während die schwarzen Ufer, noch mehr verdüstert durch die überhängenden Felsen und die ungeheuren Wälder, sich an der Mündung des Gordon immer mehr verengen.

Der schäumende Strom hat eine tiefblaue Farbe und wird genährt durch viele kleine Zuflüsse, die sich alle ihren Weg durch faulende, vegetabilische Massen suchen und dadurch wird das Wasser nicht nur untrinkbar, sondern tödtet sogar die Fische, welche von der See bei stürmischem Wetter hineingetrieben werden. Wie man sich denken kann, haben die wüthenden Stürme, denen diese Wüste ausgesetzt ist, eine starke Brandungslinie gebildet. Wenn der Nordwestwind einige Tage geweht hat, so ist das Wasser des Gordon zwölf Meilen weit aufwärts noch salzig. Das Hauptquartier her Ansiedlung lag auf einer Insel, unweit der Mündung dieses ungastlichen Flusses, genannt Sara-Insel. Obgleich jetzt der ganze Platz verlassen ist und einige wenige Pfähle und Pfosten nur noch als stumme Zeugen vorhanden sind von Scenen der Todesqualen, die hoffentlich nie sich erneuern werden, so waren die Gebäude im Jahre 1833 doch sehr zahlreich und ausgedehnt. Auf Philipps Island an der Nordseite des Hafens, lag eine kleine Meierei, auf der Gemüse für die Offiziere der Ansiedlung gezogen wurden und auf Sara-Island waren Sägemühlen, Schmieden, Werfte, Gefängnis, Wachthaus, Barracken und der Hafendamm. Die militairische Gewalt bestand aus sechzig Mann, welche mit den Aufsehern und den Constablern zusammen mehr als dreihundertfünfzig Gefangene bewachten. Diese Elenden, welche jeder Hoffnung beraubt waren, wurden zu der niedriger Arbeit gebraucht. Kein Lastthier wurde in der Ansiedlung gebraucht; Alles wurde von Menschen gezogen und geschleppt. Ungefähr hundert Mann, die sich durch gutes Betragen ausgezeichnet hatten, durften die leichtere Arbeit verrichten, Holz nach der Werft bringen und beim Schiffbau helfen. Die Uebrigen fällten die Bäume, welche das Festland begrenzten und brachten dieselben auf ihren Schultern bis an die Küste. Die Dichtigkeit des Buschwerks und der Sträucher machte es nothwendig, daß ein Weg gebaut wurde, ungefähr eine Viertel Meile lang. Die Stämme der Bäume von Aesten und Zweigen befreit, wurden neben einander gerollt und dann wurde eine Schleife gebaut, um die schweren Stämme bis um Hafen zu bringen. Das Holz, das man so aufsammelte, wurde zu Flößen verbunden, in die Schuppen geschafft oder zum Transport nach Hobart Town zugerüstet. Die Deportierten wohnten auf er Sara-Insel in Barracken, die an ein zweistöckiges Gefängnis stießen, dessen Zellen der Schrecken selbst der verhärtesten Bösewichter war. Jeden Morgen erhielten sie zum Frühstück Mehlsuppe, Wasser und Salz. Dann wurden sie unter Bewachung auf die Holzfäll-Stationen gebracht, wo sie ohne Nahrung bis zum Abend arbeiteten. Das Fällen und Behauen der Bäume zwang sie, oft bis unter die Arme im Wasser stehend zu arbeiten. Manche von ihnen waren mit schweren Ketten belastet. Wenn sie starben, wurden sie auf einem kleinen Platz begraben, der Halliday Insel hieß, nach dem ersten Mann, der dort begraben war. Ein Brett mit den Anfangsbuchstaben ihrer Namen versehen, wurde in die Erde gesteckt und das war Alles, was an sie noch erinnerte.

Die Sara-Insel im Südostwinkel des Hafens gelegen, ist lang und niedrig.

Das Haus des Kommandanten lag in der Mitte. Das Haus des Pfarrers und die Baracken lagen zwischen der Kommandantur und dem Gefängnis. Das Hospital lag auf der Westküste und in einer Linie damit standen die beiden Zuchthäuser.

Reihen von hohen Palisaden umgaben die Ansiedlung und gaben ihr fast das Ansehen einer befestigten Stadt. Die Palisaden waren gebaut, um vor der Wuth des Sturmes ein wenig zu schützen, der durch die lange, enge Bay wie durch das Schlüsselloch einer Thür pfeifend, in früherer Zeit oft Dächer abgedeckt und Brotschuppen zerstört hatte. Die kleine Stadt war so zu sagen im Kampf mit der Natur gebaut, – auf der äußersten Grenze der Civilisation und die Bewohner lebten in fortdauerndem Kriege mit Wind und Wellen.

Aber das Gefängnis von Sara-Island war nicht das Einzige in dieser Region.

In einer kleinen Entfernung von dem Festlande ist ein Felsen, über dessen Westseite bei rauhem Wetter die Wogen sich brechen.

Am Abend des dritten December 1833, als die Sonne hinter den Baumspitzen auf der linken Seite des Hafens sank, erschien ein Mann auf der Spitze dieses Felsens. Er war in die grobe Kleidung der Deportierten gehüllt und trug an seinen beiden Knöcheln zwei Eisenringe, durch die eine kurze schwere Kette lief. An der Mitte der Kette war ein lederner Riemen befestigt, der sich theilend um seine Taille befestigt war und vermittelst dessen er die Kette so hoch ziehen konnte, daß er nicht beim Gehen darüber stolperte. Sein Kopf war bloß und sein grobes, blaugestreiftes Hemde am Halse offen, zeigte seinen braunen, muskulösen Nacken. Aus einer Art von Zelle oder Höhle heraustretend welche Natur oder Kunst an der Seite der Klippe gebildet hatte, legte er auf ein schwaches Feuer, das zwischen zwei Felsstücken brannte, ein kleines Stück Holz auf und dann brachte er aus seiner Höhle einen eisernen Topf, der anscheinend Wasser enthielt und mit seinen harten, verarbeiteten Händen stellte er ihn in die Asche oder setzte ihn auf das brennende Scheit. Augenscheinlich war die Höhle zugleich sein Vorrathshaus und seine Speisekammer und die beiden Felsstücke waren seine Küche.

Nachdem er so seine Vorbereitungen zu einem Mahle getroffen, stieg er einen Pfad hinauf, der zu dem höchsten Punkte des Felsens führte. Seine Fesseln gestatteten ihm nur kurze Schritte und wenn er ging, so zuckte er schmerzlich zusammen. Wahrscheinlich schnitten die Ringe in seine Beine ein. Bei genauerer Prüfung konnte man auch sehen, daß ein Tuch oder ein Lappen zwischen den Ring und den Knöchel gesteckt war, als ob ihn der Ring schon wund gerieben hatte. Mühsam und langsam erreichte er sein Ziel und sich niederwerfend blickte er um sich. Der Nachmittag war stürmisch gewesen und die Strahlen der untergehenden Sonne fielen roth auf die bewegten, schäumenden Wellen der Bai. Zur Rechten lag Sara-Island, zur Linken das schwarze Ufer der jenseitigen Küste und die hohe Spitze von Frenchman’s Kap. Ueber den kahlen Hügeln des Ostens hingen noch die dunkeln Wolken des letzten Sturmes. Unter ihm war das einzige Zeichen von Leben zu bemerken. Eine Brigg wurde in den Hafen hineingezogen von zwei Booten, die mit Deportierten bemannt waren.

Der Anblick der Brigg schien in dem Einsamen auf dem Felsen eine ganze Kette von Erinnerungen wach zu rufen. Er stützte sein Kinn in die Hand und blickte stark auf das hereinkommende Schiff, tief in Gedanken versunken. Mehr als eine Stunde verging, er bewegte sich nicht. Das Schiff ging vor Anker, die Boote verließen es, die Sonne sank und die Bai tauchte in nächtliche Dunkelheit. Lichter fingen längs der Küste an zu blinken. Das kleine Feuer ging aus und das Wasser im eisernen Topf wurde kalt; doch der Wachende auf dem Felsen bewegte sich nicht. Seine Augen starrten in die Finsterniß und seine Blicke verließen das Schiff nicht. Er lag neben dem kahlen Felsen seines einsamen Gefängnisses ebenso bewegunslos wie der Felsen selbst, auf dem er sich ausgestreckt hatte.

Dieser Mann war Rufus Dawes.

Drittes Capitel.
Ein geselliger Abend

Im Hause des Major Vickers, Kommandant von Macquarie Harbour, herrschte heute am Abend des dritten December eine ungewöhnliche Heiterkeit. Leutnant Maurice Frere, der zuletzt ein Kommando auf Maria Island gehabt hatte, war ganz unerwartet mit Nachrichten aus dem Hauptquartier gekommen. Das Schiff Ladybird, ein Regierungsschooner, besuchte die Ansiedlung gewöhnlich zweimal im Jahr und die Ansiedler erwarteten diesen Besuch mit nicht geringer Unruhe. Für die Deportierten bedeutete die Ankunft des Ladybird die Ankunft von neuen Gesichtern, Nachricht von alten Kameraden, Neuigkeiten aus der ewig fortschreitenden Welt, aus der sie nun verbannt waren. Wenn der Ladybird kam, dann fühlten die Gefangenen selbst, die arbeitsmüden, gefesselten Verbrecher, daß sie noch Menschen waren, daß der Horizont des Weltalls nicht von den düsteren Wäldern begrenzt wurde, die ihr Gefängnis umgaben, sondern daß es draußen noch eine Welt gab, in der Menschen wie sie, welche tauchten, tranken, lachten und ruhten – und frei waren. Wenn der Ladybird kam, dann hörten sie Nachrichten, die Interesse hatten für sie, das heißt, nicht allein übertriebene Gerüchte von Kriegen oder von der Ankunft von Schiffen oder Stadtklatsch, sondern Sachen, die aus ihrer eigenen Welt kamen – wie Tom jetzt bei den Wegearbeiten war, daß Dick einen Urlaubsschein hatte, Barth sich in den Busch geflüchtet und Jack im Hobart Down Gefängnis aufgehängt worden. Solche Dinge waren das Einzige, was ihnen wichtig war und die neuen Ankömmlinge wußten gut Bescheid darin. Für die Deportierten war der Ladybird Stadtgeschwätz, Theater, Börsennachrichten und neueste Telegramme. Das Schiff war ihre Zeitung und ihr Postamt die einzige Unterhaltung in ihrem trostlosen, traurigen Leben, das einzige Band zwischen ihrem eigenen Elend und dem Glück und Wohlstande ihrer Mitmenschen. Für den Kommandanten und die freien Leute war dieser Bote aus der Außenwelt nicht weniger willkommen. Es war Niemand auf der ganzen Insel, dessen Herz nicht schwerer wurde, wenn die weißen Segel wieder hinter den Hügeln verschwanden.

Bei dieser Gelegenheit war das Geschäftliche der Neuigkeiten für Kapitain Vickers von so großer Wichtigkeit, daß es ihn aufs Angenehmste berührte. Es war von Gouverneur Arthur beschlossen worden, die Niederlassung aufzulösen. Wiederholte Mordanfälle und Fluchtversuche hatten die öffentliche Aufmerksamkeit auf Macquarie Harbour gezogen. Die große Entfernung von Hobart Town machten es unbequem und sehr theuer. Arthur hatte die Tasman Halbinsel, der Ohrring, von dem wir gesprochen haben – als künftige Deportierten-Niederlassung ausersehen und sie Port Arthur, sich selbst zu Ehren genannt. Er hatte Leutnant Maurice Frere mit Instructionen an Vickers gesandt, der die Gefangenen von Macquarie Harbour überführen sollte.

Um die Größe und Wichtigkeit eines solchen Befehls gehört zu würdigen, müssen wir einen Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse der Strafkolonie zur Zeit unserer Geschichte werfen. Neun Jahre zuvor war Oberst Arthur, der frühere Gouverneur von Honduras, in einem sehr kritischen Augenblick angekommen. Der frühere Gouverneur, Oberst Sorrell, war ein Mann von freundlichem Sinne, aber von geringer Charakterstärke. Er war überdies sehr liederlich in seinem Privatleben und seine Offiziere, durch sein Beispiel ermuthigt, verletzten jede Regel gesellschaftlichen Anstandes. Es war ganz gewöhnlich, daß jeder der Offiziere einen der weiblichen Deportierten als Geliebte hatte. Ihrerseits erlangten diese Frauen durch Gefälligkeiten manche Vortheile, waren aber auch häufig üblen Verfolgungen ausgesetzt, wenn sie sich einfallen ließen, sich ihre Liebhaber selbst zu wählen. Diesen Ausschweifungen ein Ende zu machen, war Arthur’s erste Sorge und indem er die strengste Zucht in Beziehung auf Etiquette und Achtbarkeit einführte, fehlte er vielleicht wieder, was Güte und Nachsicht betraf. Während er rechtschaffen, brav und hochgesinnt sich zeigte, war er zugleich kalt und geizig und die geflissentliche Freundlichkeit der Kolonisten traf bei ihm nur auf höfliche Gleichgültigkeit.

Der offiziellen Gesellschaft, welche Oberst Arthur geschaffen, stand diejenige der freien Ansiedler und der beurlaubten gegenüber. Diese Letzteren waren viel zahlreicher, als man glauben sollte. Am 29. November 1829 standen achtunddreißig Freie, – Begnadigte – und sechsundfünfzig bedingungsweise Freigelassene in den Listen verzeichnet. Am 26. September desselben Jahres war die Zahl der Personen, die auf Urlaub waren, auf siebenhundertundfünfundvierzig gestiegen.

Von der gesellschaftlichen Stellung der Leute zu dieser Zeit ist es kaum möglich, ohne Erstaunen zu sprechen. Nach dem beglaubigten Zeugniß vieler achtbaren Leute, Regierungsbeamte, Offiziere und freie Ansiedler, war die Liederlichkeit der Kolonisten ganz bekannt, Trunkenheit war das Hauptlaster. Selbst Kinder fand man betrunken in den Straßen. An Sonntagen sah man Männer und Frauen vor den Thüren der Wirthshäuser stehen, wo sie das Ende der Gottesdienst-Stunden abwarteten, um dann sogleich ihr Trinken wieder beginnen zu können. Die Lage der Gefangenen-Bevölkerung ist in der That unbeschreiblich. Obgleich der geheime Grog-Verkauf hart bestraft wurde, so betrieb man denselben doch in ungeheurer Ausdehnung, Männer und Frauen wurden betrunken bei einander gefunden und eine Flasche Branntwein wurde als billig erstanden erachtet, wenn sie durch zwanzig Hiebe erkauft war. In der Faktorei – einem Gefängnisse für Frauen, wurden die scheußlichsten Dinge vollbracht und die Niederträchtigkeiten, welche als selbstverständlich unter den Kettengefangenen und in den Straf-Abtheilungen getrieben wurden, sind zu entsetzlicher Natur, als daß sie hier mehr als nur angedeutet werden können. Alles, was die niedrigsten und bestialischsten menschlichen Wesen nur erfinden und ausüben können, wurde in diesem unglücklichen Lande ohne Rückhalt und Scham erfunden und verübt.

Im Jahre 1826 wurden die Verbrecher in sieben Klassen eingetheilt, als man die neuen Barracken für die Gefangenen in Hobart Town beendet hatte. Der ersten Klasse war erlaubt, außerhalb der Barracken zu schlafen und Sonnabends für eigene Rechnung zu arbeiten; die zweite Klasse genoß nur das letztere Vorrecht; der dritten wurde nur der Sonnabend Nachmittag gewährt; die vierte und fünfte Klasse bestand aus den »Widerspänstigen und Unordentlichen, welche in Ketten arbeiteten;« die sechste waren »Männer von ganz schlechtem und unverbesserlichem Charakter,« welche in Ketten arbeiteten und ganz getrennt von den anderen Gefangenen gehalten wurden. Die siebente Klasse endlich bestand aus dem Auswurf des Auswurfs – den Mördern, Banditen, Schuften, welche weder durch Ketten noch durch Hiebe gezähmt werden konnten und die man als gesellschaftlich todt betrachtete. Sie wurden nach dem Höllenthor oder Maria-Island gebracht. Das Höllenthor war von allen Strafplätzen der gefürchteste. Die Disziplin war dort so streng und das Leben so schrecklich, daß die Gefangenen Alles wagten um zu entkommen. In einem Jahre starben von fünfundachtzig Leuten dort nur dreißig eines natürlichen Todes. Von den Uebrigen ertranken siebenundzwanzig acht kamen durch Unfälle um’s Leben, drei wurden von den Soldaten erschossen und zwölf von ihren Kameraden ermordet.

Im Jahre 1822 wurden hundertundneunundsechzig Mann aus hundertzweiundachtzig mit zweitausend Hieben bestraft. Während der zwölf Jahre, da diese Strafstationen bestanden, entflohen hundert und zwölf Mann, von denen nur zweiundsechzig wieder aufgefunden wurden und zwar – todt. Die Gefangenen tödteten sich, um nur nicht länger so zu leben und wenn sie so glücklich gewesen waren, die Wildniß von Gebüsch, Haide und Sumpf, welche zwischen ihrem Aufenthalt und den angebauten Distrikten lag; zu durchdringen, so zogen sie doch fast stets den Tod dem Wiederergreifen vor.

Die Reste dieser verzweifelten, wüsten Bande sicher nach der neuen Gefangenenstation Port Arthur zu bringen, war Maurice Frere’s Aufgabe.

Er saß an dem leeren Kamm, die Beine über einander geschlagen und unterhielt die Gesellschaft mit seiner gewöhnlichen Gleichgültigkeit. Die sechs Jahre, welche seit seiner Abreise von England vergangen waren, hatten ihn stärker und voller gemacht. Sein Haar erschien jetzt noch Höhen sein Gesicht röther und sein Auge härter, aber sein Benehmen war um nichts verändert. Vielleicht war er etwas ruhiger geworden, aber seine Stimme hatte jenen entschiedenen Ton angenommen, den solche Stimmen haben, die immer gewöhnt sind, zu kommandieren und seine schlechten Eigenschaften waren dieselben wie früher. Der fünfjährige Aufenthalt auf Maria-Island hatte seine Rohheit in Gedanken und Thaten und sein hochmüthiges Selbstvertrauen noch erhöht, hatte ihm aber auch zugleich eine Sicherheit gegeben, die manches Ueble in seinem Charakter verdeckte. Er wurde von den Gefangenen verabscheut.

Wie er sagte war »Wort und Schlag dasselbe bei ihm.«

Bei seinen Vorgesetzten galt er für einen Offizier der rechtschaffen und eifrig war, wenn auch rauh und streng.

»Nun, Mrs. Vickers,« sagte er, als er eine Tasse Thee aus den Händen der Dame nahm, »Sie werden auch sehr zufrieden sein, hier fortzukommen, wie? Vickers, bitte, den Toast!«

»Ja,« sagte Mrs. Vickers mit ihrer alten Jugendlichkeit, die allerdings sechs Jahre älter geworden war; »ich werde nur zu froh sein. Ein schrecklicher Ort! Aber Johns Pflichten gehen vor. Freilich dieser Wind hier! Lieber Mr. Frere, Sie können nicht glauben, wie sehr ich wünschte, Sylvia nach Hobart-Town zu schicken, doch wollte John nichts davon hören.

»O, wie geht es denn Fräulein Sylvia?« fragte Frere mit der erhabenen Miene, die Männer seiner Art immer annehmen, wenn sie von Kindern sprechen.

»Nicht sehr gut,« sagte Vickers.

»Sie sehen, es ist hier sehr einsam für sie. Es sind keine Kinder ihres Alters hier mit Ausnahme der kleinen Tochter des Lootsen und mit der kann sie doch nicht umgehen. Aber ich mochte sie nicht fortlassen und habe versucht, sie selbst zu unterrichten.«

»Hm, – da war doch eine Gouvernante oder dergleichen bei Ihnen,« sagte Frere, in seine Theetasse starrend. »Das Mädchen, – wie hieß sie doch?«

»Miß Purfoy,« sagte Mrs. Vickers, etwas ernst, »Ja, das arme Ding. Das ist eine traurige Geschichte, Mr. Frere.«

Frere’s Augen blitzten.«

»So. Sie wissen, ich reiste gleich nach der Verurtheilung der Meuterer ab und hörte niemals alle Einzelheiten.« Er sagte das wie Jemand, der Näheres zu hören wünscht, aber besonders auf die Art der Antwort begierig ist.

»Eine traurige Geschichte,« sagte Mrs. Vickers. »Sie war die Frau von dem elenden Menschen, dem John Rex und kam als mein Mädchen mit, um in seiner Nähe zu sein. Sie wollte mir niemals ihre Geschichte erzählen, obgleich ich sie, nach allen den Anklagen, die der schreckliche Doktor gegen sie richtete, – ich konnte den Mann niemals leiden – fast auf meinen Knieen darum bat. Sie wissen, wie sie die Sylvia und John pflegte. Wirklich ein ausgezeichnetes Wesen. Ich glaube, sie muß Gouvernante gewesen sein.«

Mr. Frere zog die Augenbrauen in die Höhe, als ob er sagen wollte: »Gouvernante, – wirklich. Das ist eine glückliche Idee. Merkwürdig, daß es mir vorher niemals einfiel.«

»Indeß war ihr Betragen ganz musterhaft, – wirklich durchaus musterhaft und während der sechs Monate, die wir in Hobart Town zubrachten, lehrte sie Sylvia sehr viel. Natürlich konnte sie ihrem elenden Gatten nicht helfen, nicht war?«

»Natürlich nicht,« sagte Frere zustimmend: »Ich hörte irgend etwas über ihn. Er gerieth in eine Widerwärtigkeit, ist nicht so? – Bitte eine halbe Tasse!«

»Miß Purfoy oder vielmehr Mrs. Rex, wie sie heißt, – obgleich ich glaube, das ist auch nicht ihr wirklicher Name, machte eine kleine Erbschaft von einer alten Tante in England. – Zucker und Milch, sagten Sie? —«

»Ja von einer alten Tante.«

Frere nickte, als ob er das gar nicht anders erwartet hätte.

»Dann verließ sie meinen Dienst. Sie miethete ein kleines Haus an dem Neuen Wege und Rex wurde ihr als Diener zugetheilt.«

»Ja, a, die alte Geschichte,« sagte Frere, roth werdend.

»Und nun?«

»Nun, der Bursche versuchte zu entfliehen und sie half ihm dabei. Er wollte nach Launceston kommen und von da zu Schiff nach Sydney, aber sie griffen den Mann und er wurde hierher geschickt. Sie hatte Strafe zu bezahlen, wurde aber ganz ruiniert.«

»Wieso ruiniert?«

»Ja, sehen Sie, wenige Leute nur konnten vorher ihr Verhältniß zu Rex und sie war ziemlich geachtet. Natürlich, als das bekannt wurde, wurde es mit der schrecklichen Untersuchung zusammen gehalten und allen den Anschuldigungen von Dr. Pine – ich konnte den Mann wirklich nie leiden – und sie war bald ganz verlassen. Sie bat sehr, ich möchte sie mit hierher nehmen, um Sylvia zu unterrichten, aber John meinte, daß sei nur, um in der Nähe ihres Mannes zu sein und wollte es nicht.«

»Natürlich war das der Grund,« sagte Vickers aufstehend.

»Frere, wenn Sie rauchen wollen, gehen wir auf die Varanda. Sie wird nie ruhen, bis sie den Schurken frei gemacht hat.«

»Er taugt nichts, wie?«, sagte Frere und öffnete die Glasthür, um in den sandigen Garten hinaus zu treten.

»Verzeihen Sie diese Gewohnheit, Mrs. Vickers, aber ich bin ein Sklave meiner Pfeife geworden. Sie ist Weib und Kind für mich.«

»O, er taugt gar nichts,« sagte Vickers. Er ist still und ruhig, aber bereit zu allen Schandthaten. Er ist Einer der schlechtesten Kerle, den wir haben. Mit Ausnahme von Einem oder zwei Anderen ist er der Allerschlechteste.«

»Warum werden sie nicht gepeitscht,« sagte Frere und steckte seine Pfeife an. »Beim Himmel, Herr, ich lasse meinen Kerls die Haut abreißen, wenn sie Unsinn machen.«

»Ich mache mir nichts aus dem zu vielen Peitschen. Barton, der früher hier war, ließ sie fürchterlich peitschen, aber es that nicht gut. Sie machten mehrere Versuche, ihn zu morden. Sie erinnern sich der zwölf Kerls, die gefangen wurden? Ach nein, Sie waren damals nicht hier.«

»Was fangen Sie denn mit ihnen an?«

»O ich lasse den Schlimmsten peitschen, aber ich peitsche nicht mehr als einen Mann wöchentlich, das ist Regel und dann nicht über fünfzig Streiche. Sie werden jetzt ruhiger. Dann legen wir sie in Eisen, sperren sie in Einzelzellen und schließlich setzen wir sie aus.«

»Was thun Sie?«

»Wir geben ihnen einsame Gefangenschaft auf Grummelt Island. Wenn ein Mann sehr schlecht wird, setzen wir ihn in ein Boot mit Lebensmitteln für eine Woche und bringen ihn nach Grummelt hinüber. Da sind Höhlen im Felsen und der Bursche, der seine Kette hinter ich herzieht, lebt da einen Monat oder noch länger ganz allein. Das zähmt sie merkwürdig.«

»So,« sagte Frere. »Bei Gott, das ist ein guter Gedanke, Ich wünschte, ich hätte solchen Platz auf Maria Island.«

»Ich habe jetzt einen Kerl da,« sagte Vickers. »Dawes, Sie erinnern sich natürlich seiner. Er war der Anführer bei der Meuterei auf dem Malabar. Ein fürchterlicher Mensch. Das erste Jahr hier war er sehr wild. Barton pflegte fürchterlich peitschen zu lassen und Dawes hatte eine kindische Furcht vor der Katze. Als ich hier ankam, wann war es – 29 – ja da bat er, daß man ihn in die Ansiedlung nähme. Er sagte, daß er unschuldig an der Meuterei gewesen und daß die Anklage falsch war.«

»Der alte Streich,« sagte Frere wieder. »Ein Streichholz bitte.«

»Natürlich konnte ich ihn nicht fortlassen, aber ich setzte ihn auf den Osprey. Sie sahen ihn im Deck als Sie herein kamen. Da arbeitete er eine Zeit lang sehr gut und dann versuchte er wieder, zu entfliehen.«

»Ha, ha, der alte Streich! Das wußte ich vorher,« sagte Frere und blies eine fürchterliche Rauchwolke in die Luft, womit er jedenfalls eine übernatürliche Weisheit ausdrücken wollte.

»Nun, wir griffen ihn und er bekam fünfzig Hiebe. Dann wurde er unter die Kettensträflinge geschickt, die Holz fällen. Dann brachten wir ihn in die Boote, aber er hatte Streit mit dem Bootsmann und wir brachten ihn wieder zur Arbeit beim Fällen. Vor sechs Wochen entfloh er mit Gabbett, dem Mann, der Sie beinahe getödtet hätte damals – aber sein Bein war von der Kette wund geworden und er wurde gefaßt. Gabbett und drei Andere entkamen.«

»Und Sie haben sie nicht gefunden?« fragte Frere, Wolken aus seiner Pfeife blasend.

»Nein, aber sie werden dasselbe Schicksal haben als alle Uebrigen, denke ich, »sagte Vickers mit einer Art von traurigem Stolz. »Noch nie entkam ein Mann aus Macquarie Harbour.«

Frere lachte: »Nun, es wird schlimm für sie sein, wenn sie nicht vor Ablauf des Monats kommen.«

»O,« sagte Vickers, »sie kommen sicher; doch wenn sich Jemand ein Mal im Busch verirrt hat, so hat er nicht mehr viel Hoffnung, länger zu leben.«

»Wann denken Sie bereit zu sein, abzugehen?« fragte Frere.

»So bald Sie es wünschen. Ich mag keinen Augen- blick länger hier bleiben, als ich muß. Es ist ein schreckliches Leben hier.«

»Finden Sie?« fragte sein Gefährte mit ungeheucheltem Erstaunen. »Ich mag es leiden. Freilich langweilig. Als ich zuerst nach Maria Island kam, langweilte ich mich fürchterlich, aber man gewöhnt sich bald daran. Ich finde eine Art Genugthuung darin, die Kerls in Ordnung zu halten. Ich mag gern die Augen der Burschen auf mich schielen sehen, wenn ich vorbei komme. Sie möchten mich in Stücke reißen, wenn sie könnten.« Er lachte wild, als ob er auf den Haß, den er einflößte, stolz war.

»Wie sollen wir die Reife machen? Sind darüber Bestimmungen getroffen?« fragte Vickers.

»Nein,« sagte Frere. Das ist Ihnen ganz überlassen. Bringen Sie sie so gut Sie können fort, sagte Arthur und schleppen Sie sie nach der neuen Halbinsel. Er meint Sie seien hier zu weit ab, – er will Sie in der Nähe haben.«

»Es ist sehr gefährlich, so Viele auf ein Mal zu transportieren,« meinte Vickers.

»Durchaus nicht. Schmieden Sie sie zusammen, stellen Sie Wachen genug hin und sie werden nichts unternehmen.«

»Aber Mrs. Vickers und das Kind?«

»Daran habe ich auch gedacht. Sie nehmen den Ladybird und die Gefangenen und ich komme mit Mrs. Vickers und Sylvia nach im Osprey.«

»Ja, das könnten wir thun. Das ist das Beste. Ich mag nicht, daß Sylvia unter den Schurken ist und doch mag ich sie nicht zurücklassen.«

»Gut,« sagte Frere, voller Vertrauen in seine eigene Geschicklichkeit. »Dann will ich den Ladybird nehmen und Sie kommen im Osprey mit Mrs. Vickers nach.«

»Nein, nein,« zagte Vickers mit seinem alten pomphaften Ton. »Nach den königlichen Anordnungen —«

»Ja, ja, ganz Recht,« unterbrach ihn Frere. »Sie brauchen sie nicht anzuführen.«

»Der kommandierende Offizier ist verpflichtet sich – — «

»Ganz Recht, lieber gern Ich habe nichts dagegen.«

»Ich achte nur an Sylvia dabei,« sagte Vickers.

»Gut,« rief der Andere, als die Thür, die in’s Zimmer führte, sich öffnete und eine kleine, weiße Figur auf die Veranda trat.

»Da ist sie selbst; fragen Sie sie selbst. Nun, Miß Sylvia, wollen Sie einem alten Freunde die Hand eben?« Das blonde Kind von Malabar war ein blondes Mädchen von etwa elf Jahren geworden und als es so dastand im weißen Kleidchen, im röthlichen Schimmer des Lampenlichtes, war selbst das unästhetische Gemüth Frere’s von ihrer Schönheit betroffen. Ihre hellen blauen Augen waren blauer und strahlender denn je. Ihre kleine Gestalt war gerade und biegsam wie eine Weidenruthe und ihr süßes, unschuldiges Gesicht war in den Glorienschein des goldenen Haares eingehüllt, das so fein und elektrisch war und von dem jedes einzelne Haar einen goldenen Glanz hatte. Mit solchem Haar malten die Maler des Mittelalters ihre Engel.

»Kommen Sie und geben Sie mir einen Kuß, Fräulein Sylvia!« rief Frere. »Sie haben mich doch nicht vergessen, he?«

Aber das Kind, das eine Hand leicht aus das Knie des Vaters stützte betrachtete Frere von Kopf bis zu Füßen mit der reizenden Unverschämtheit der Kinder. Dann schüttelte Sylvia den Kopf und sagte: »Wer ist’s, Papa?«

»Mr. Frere, mein Liebling. Erinnerst u Dich nicht an Mr. Frere, der mit Dir aus dem Schiffe Ball spielte und der so gütig gegen Dich war, als Du wieder wohl wurdest? schäme Dich, Sylvia.«

Der Ton, in dem diese Scheltworte gesagt wurden, enthielt so viel Zärtlichkeit, daß Sylvia nicht sehr bekümmert darum war. »Ich erinnere mich an Sie,« sagte Sylvia, die Haare zurückwerfend, aber damals sahen Sie besser aus als jetzt. Ich mag Sie gar nicht.«

»Sie erinnern sich nicht mehr an mich,« sagte Frere etwas in Verlegenheit und doch eine völlige Gleichgültigkeit heuchelnd. »Gewiß nicht. Wie heiße ich denn?«

»Leutnant Frere. Sie schlugen einen Gefangenen zu Boden, weil er meinen Ball aufhob. Ich mag Sie nicht leiden.«

»Sie sind eine sehr dreiste, kleine Dame, das muß wahr sein,« sagte Frere lachend. »Ha, ha, ja, das that ich, jetzt weiß ich’s auch. Was für ein Gedächtniß sie hat!«

»Er ist jetzt hier, Papa, nicht wahr?« fuhr Sylvia fort, ohne sich an die Unterbrechung zu kehren. »Rufus Dawes ist sein Name und er ist so sehr unglücklich. Der arme Mann, er thut mir so leid. Danny sagt, er wäre ein wenig sonderbar.«

»Und wer ist Danny?« fragte Frere unter erneutem Lachen.

»Der Koch,« sagte Vickers. »Ein alter Mann, den ich aus dem Hospital nahm. Sylvia, Du sprichst zu viel mit den Gefangenen. Ich habe es Dir schon einige Male verboten.«

»Aber Danny ist kein Gefangener, Danny ist ein Koch,« sagte Sylvia, um nichts eingeschüchtert. »Er ist ein sehr kluger Mann. Er hat mir Alles von London erzählt, wo der Lord Mayor in einer Glaskutsche fährt und alle Arbeit von freien Leuten gethan wird. Er sagt, dort sähe man nie Ketten! Ich möchte London sehen, Papa.«

»Das möchte Mr. Danny gewiß auch,« sagte Frere.

»O nein, das hat er nicht gesagt. Aber er möchte gern seine alte Mutter wiedersehen, sagte er! Denkt nur, Danny’s alte Mutter! Was für eine häßliche alte Frau sie sein muß. Er sagt, er wird sie im Himmel wiedersehen. Wird er das Papa?«

»Ich hoffe es, mein Kind.«

»Papa.«

»Ja.«

»Wird Danny im Himmel seine gelbe Jacke tragen oder wird er als ein freier Mann dort sein?«

Frere brach in ein schallendes Gelächter aus.

»Sie sind unverschämt, mein Herr,« rief Sylvia mit blitzenden Augen. »Wie können Sie so über mich lachen? Wenn ich Papa wäre, würde ich Ihnen eine halbe Stunde in den Triangeln geben. O, Sie Unverschämter!« Und roth vor Aerger, rannte die verwöhnte kleine Schönheit aus dem Zimmer. Vickers sah sehr ernst aus, aber Frere barst fast vor Lachen. »Gut, auf Ehre, sehr gut! Ha, ha, ha! Die kleine Hexe. Eine halbe Stunde Triangel.«

»Sie ist ein sonderbares Kind,« sagte Vickers und spricht merkwürdig für ihr Alter, – aber Sie müssen sich nicht daran kehren. Sie ist nicht mehr Kind und noch nicht Mädchen und ihre Erziehung ist vernachlässigt. Und diese düstere Umgebung und alle diese Menschen! Was können Sie von einem Kinde erwarten, das in einer Strafkolonie ausgewachsen ist?«

»Mein lieber Herr,« sagte der Andre, »sie ist entzückend. Ihre Unkenntnis der Welt ist bezaubernd.

»Sie muß drei oder vier Jahre in eine gute Schule nach Sydney. So Gott will, soll sie dahin, wenn wir zurückkommen, oder ich schicke sie nach England, wenn ich kann. Sie ist ein gutes Herz, aber sie bedarf der Erziehung.«

In diesem Augenblick kam Jemand den Gartenpfad herauf und grüßte.

»Was gibts, Troke?«

»Gefangener hat sich gestellt, Sir.«

»Welcher?«

»Gabbett. Er kam gestern Abend zurück.«

»Allein?«

»Ja, Herr. Die Andern sind gestorben, sagt er.«

»Wovon ist die Rede«, fragte Frere plötzlich aufmerksam geworden.

»Der Ausreißer, von dein ich Ihnen erzählte, – Gabbett Ihr alter Freund. Er ist zurückgekommen.«

»Wie lange war er fort?«

»Beinahe sechs Wochen, Herr,« sagte der Constabler an seine Mütze fassend.

»Nun, er muß so mit genauer Noth davon gekommen sein.

Ich möchte ihn wohl sehen.«

»Er ist noch unten im Schuppen,« sagte der gefällige Trocke. Einer von den »Gebesserten,« die für ihr gutes Betragen Vorrechte genossen. »Sie können ihn gleich sehen, meine Herren, wenn Sie mögen.«

»Was meinen Sie, Vickers.«

Gewiß, wenn es Ihnen genehm ist.«

Viertes Capitel.
Der Ausreißer

Es war nicht sehr weit bis zu den Schuppen und nach wenigen Minuten Weges durch die hölzernen Palisaden, erreichten sie ein langes Steingebäude, zwei Stockwerk hoch, aus dem ein gräuliches Brüllen hervor drang, untermischt mit schrillem, kreischendem Gesang. Bei dem Tone der Flintenkolben, die auf dem hölzernen Fußboden niedergesetzt wurden, hörte der Lärm auf und ein Schweigen, das unheimlicher war, als der frühere Lärm herrschte an dem Orte.

Zwischen zwei Reihen von Wärtern hindurch traten die beiden Offiziere in eine Art Vorzimmer vor dem Gefängnis, in dessen Mitte ein großer Block von Holz stand, auf dem irgend etwas lag. Auf einem rohen Stuhl neben dem Block saß ein Mann in der grauen Jacke (als Gegensatz zu der gelben Jacke) der Gebesserten. Der Mann hielt zwischen den Knieen eine Schüssel mit Suppe und versuchte augenscheinlich die Masse auf dem Blocke zu füttern.

»Will er nicht essen, Steve«? fragte Vickers.

Bei dem Ton der Stimme des Kommandanten stand Steve auf. »Ich weiß nicht, was mit ihm ist,« sagte er und legte den Finger an die Stirn. »Er scheint ganz dumm geworden zu sein. Ich kann nichts mit ihm machen.«

»Gabbett«

Der aufmerksame Troke, der sehr genau auf die Wünsche seiner Vorgesetzten achtete, brachte den Mann in eine sitzende Stellung und schüttelte ihn.

Gabbett, denn dieser war es, strich mit der Hand über das Gesicht und in der Stellung beharrend, in die ihn Troke gebracht hatte, starrte er die Besucher ganz verwirrt an.

»Nun, Gabbett, nun seid Ihr doch endlich zurück gekommen. Wann werdet Ihr denn Vernunft annehmen? Wo sind Eure Gefährten?«

Der Riese antwortete nicht.

»Hört Ihr mich? Wo sind Eure Gefährten?«

»Wo sind Eure Gefährten?« wiederholte Troke.

»Todt,« sagte Gabbett.

»Alle drei?«

»Ja.«

»Und wie kamt Ihr zurück?«

Gabbett hielt in beredtem Schweigen seinen Fuß ein wenig in die Höhe.

»Wir fanden ihn auf der Spitze drüben und brachten ihn im Boot zurück,« erklärte Troke. »Er hat Suppe bekommen, aber er scheint nicht hungrig zu sein.«

»Seid Ihr hungrig?«

»Warum eßt Ihr nicht Eure Suppe?«

Gabbett warf seine dicken Lippen auf.

»Ich habe sie gegessen. Könnt Ihr denn nichts Besseres thun, als einen Mann auspeitschen? Ihr seid gemeines Pack. Wie viel gibt es dies Mal, Major? Fünfzig?«

Und lachend warf er sich auf den Block zurück.

»Eine gute Sorte.« sagte Vickers, mit hoffnungslosem Lächeln. »Was kann man mit solchem Kerl thun?«

»Ich würde ihm die Seele aus dem Leibe peitschen lassen,« sagte Frere, »wenn er so zu mir spräche.«

Troke und die Andern, als sie dies hörten, bekamen gleich eine bedeutende Scheu vor dem neuen Herrn. Er sah aus, als ob er sein Wort halten würde.

Der Riese hob seinen großen Kopf etwas in die Höhe und sah den Sprecher an, ohne ihn indeß zu erkennen. Er sah nur ein fremdes Gesicht – einen Besucher vermuthlich.

»Sie können peitschen lassen und fallen bedankt sein, wenn Sie mir nur etwas Tabak geben wollten.« Frere lachte. Die rohe Gleichgültigkeit seiner Antworten gefiel ihm und mit einem Blick auf Vickers nahm er ein Stück Cavendish aus der Tasche seiner Schiffsjacke und gab es dem Gefangenen. Gabbett griff danach, wie ein Hund nach dem Knochen führt und steckte das ganze Stück in den Mund.

»Wie viele Gefährten hatte er?» fragte Maurice, indem er die fürchterlichen, kauenden Kinnladen betrachtet, wie man wohl ein wildes Thier betrachtet und fragte grade so, als ob ein »Gefährte« ein Ding sei, mit dem ein Deportierter geboren war, etwa wie mit einem Maal.

»Drei, Herr.«

»Drei; nun dann lassen Sie ihm dreißig Streiche geben, Vickers.«

»Wenn ich noch drei gehabt hatte,« brummte Gabbett,seinen Tabak kauend, – »hättet Ihr mich nicht wieder gekriegt.«

»Was sagt er?«

Aber Troke hatte ihn nicht verstanden und der »Gebesserte« der sich gern von dem Gefangenen zurückhielt, sagte, er habe nichts gehört.

Der Elende, der eifrig an seinem Tabak kaute, war wieder in sein voriges Schweigen zurückgefallen und that so, als ob er nie ein Wort gesprochen.

Wie er so da saß, kauend und kauend, bot er einen scheußlichen Anblick. Nicht grade wegen seiner natürlichen, abschreckenden Häßlichkeit, die tausendfach erhöht wurde durch die zerrissenen, schmutzigen Lumpen, mit denen er bedeckt war. Nicht grade wegen seines unrasierten Bartes, seiner Hasenscharte, seiner wunden, blutenden Füße, seiner hohlen Augen und seiner ganzen eingefallenen Gestalt. Nicht allein, weil er etwas Thierisches an sich hatte, wie er so da saß, ein Fuß über den andern geschlagen und der eine haarige Arm zwischen den Knien hängend. Er sah so wenig menschlich aus, daß man schauderte, wenn man daran dachte, daß zarte Frauen und schöne Kinder zu derselben Art gehörten, wie dies Ungeheuer. Nein er bot solchen scheußlichen Anblick, weil in diesem sich fortwährend bewegenden Munde, diesen zumalmenden Kinnladen, diesen ruhelosen Fingern, diesen blutunterlaufenen, unruhigen Augen, ein Etwas zu leben schien, das an entsetzlichere Dinge mahnte als an Verhungern, das, eine Tragödie ahnen ließ, die in den düsteren Tiefen der Wälder sich abgespielt hatte, die ihn jetzt wieder ausgespien hatten. Der Schatten dieses unbekannten Grauens hing über ihm und ekelte Jeden an und stieß Alle zurück. Es war als ob ihm ein Geruch von Blut anklebte.

»Kommen Sie,« sagte Vickers, »wir wollen zurückgehen. Ich werde ihn wohl wieder peitschen lassen müssen. O, dieser Ort! Kein Wunder, wenn sie es Höllenthor nennen.«

»Sie sind zu gutherzig, mein lieber Herr,« sagte Frere auf halbem Wege durch die Palisaden. »Man muß Bestien wie Bestien behandeln.«

Major Vickers, der diese Ansichten kannte, seufzte. »Es kommt mir nicht zu,« sagte er, »das System zu tadeln.« Er wollte, in seiner Hochachtung vor den Gesetzen seine Gedanken nicht äußern. »Zuweilen denke ich aber, ob Güte nicht mehr thun würde, als die Peitsche und die Kette.«

»Ihre alten Ideen,« lachte Frere. »Denken Sie daran, daß uns das auf dem Malabar beinahe unser Leben kostete. Nein, nein, ich habe genug von den Deportierten gesehen, obgleich meine Kerls nicht so schlimm sind, wie die Ihren; – aber es gibt nur einen Weg, um mit ihnen fertig zu werden. Sie niederhalten! Sie müssen fühlen, wer sie sind, – sie sind hier, um zu arbeiten und wenn sie nicht arbeiten, müssen sie gepeitscht werden, bis sie es thun. Wenn sie gut arbeiten, müssen sie zuweilen mal die Peitsche kosten, damit sie sich erinnern, was ihrer wartet wenn sie faul werden.«

Sie hatten jetzt die Veranda erreicht und der aufgehende Mond schien glänzend auf die Bucht unter ihnen und erleuchtete mit seinem weißen Licht auch die Spitze der Grummet Felsen.

»Das ist die allgemeine Meinung,« sagte Vickers, »das weiß ich. Aber bedenken Sie das Leben, das sie führen. Guter Gott,« fügte er mit plötzlicher Heftigkeit hinzu, als Frere still stand, um auf die Bai zu blicken, »ich in kein grausamer Mann und habe niemals unverdiente Strafe ertheilt, aber seit ich hier bin, haben sich zehn Gefangene von jenem Felsen aus ertränkt, – lieber als daß sie das elende Leben länger getragen hätten. Vor drei Wochen erst haben zwei Mann, die beim Holzfällen beschäftigt waren, den Leuten die Hand gegeben und sich dann an in Hand von dem Felsen da hinabgestürzt. Es ist schrecklich, daran zu denken.«

»Sie sollten sich nicht so betragen, daß sie hierher geschickt werden mußten,« sagte der praktische Frere. »Sie wissen, was sie zu erwarten haben. Es geschieht ihnen schon Recht.«

»Aber denken Sie nur, wenn ein Unschuldiger dazu verurtheilt ist.«

»Das kann ich nicht denken,« sagte Frere lachend. »Verdammt die Unschuldigen! Sie sind Alle unschuldig, wenn man ihrer Geschichte glaubt.«

»Hallo, was ist da oben für ein rothes Licht?«

»Das ist Dawes’ Feuer auf dem Grummet Felsen,« sagte Vickers und ging hinein.

»Das ist der Mann, von dem ich Ihnen erzählte. Kommen Sie herein und lassen Sie uns ein Glas trinken. Wir wollen die Thür nach außen schließen!«

Fünftes Capitel.
Miß Sylvia

»Nun,« sagte Frere, als sie hinein gingen, »Sie werden bald fort sein. Sie können Alles bis Ende des Monats zur Abreise bereit haben und ich will dann Mrs. Vickers begleiten.«

»Was sprechen Sie da von mir?« fragte die eifrige Mrs. Vickers von innen. »Sie sind recht böse Menschen, daß Sie mich so lange allein gelassen!«

»Mr. Frere ist so gütig gewesen, uns anzubieten, daß er Dich und Sylvia im Osprey mitnehmen will. Ich muß natürlich mit dem Ladybird gehen.«

»Sie sind sehr gütig, Mr. Frere, wirklich sehr gütig,« sagte Mrs. Vickers, sich an die kleine Courmacherei vor sechs Jahren erinnernd und im Gedanken daran erröthend. »Es ist wirklich äußerst liebenswürdig. Wird es nicht hübsch sein, Sylvia, wenn Du mit Mama und Mr. Frere nach Hobart Town gehen kannst?«

»Bitte, Mr. Frere,« sagte Sylvia, aus einer Ecke des Zimmers hervorkommend. »Es thut mir sehr leid, daß ich das gesagt habe. Bitte, vergeben Sie mir.«

Sie sagte das in so steifer, altväterischer Weise, wie sie so vor ihm stand, – die goldnen Haare über die Schultern hängend und ihre Hände über ihrer schwarz seidenen Schürze gefaltet, (Julia Vickers hatte ihre besondere Art, ihre Tochter zu kleiden,) daß Frere versucht war, wieder zu lachen.

»Natürlich will ich Ihnen vergeben, mein Kind,« sagte er. »Sie meinten es wohl nicht so schlimm?«

»O ja, ich meinte es wirklich so, deshalb thut es mir so leid. Ich bin zuweilen sehr unartig, obgleich Sie das vielleicht gar nicht glauben, (dies sagte sie im Bewußtsein ihrer Schönheit) besonders bei der Römischen Geschichte. Ich halte die Römer für lange nicht so tapfer wie die Karthager. Was meinen Sie, Mr. Frere?«

Maurice, etwas beunruhigt durch diese Frage, sagte nur: »Warum nicht?«

»Nun, ich mag sie nicht halb so gern,« sagte Sylvia mit weiblicher Verachtung aller Gründe. »Sie hatten immer so viele Soldaten, wenn auch die Andern so sehr grausam waren, wenn sie siegten.«

»Waren sie das?« fragte Frere.

»Waren sie das? Mein Gott, ja! Haben sie nicht dem armen Regulus die Augenlider abgeschnitten und haben ihn dann in einem Faß mit Nägeln herum gerollt? Wie nennen Sie das, das möchte ich wissen?«

Mr. Frere, sein rothes Haupt schüttelnd und eine ausgebreitete Kenntnis des Alterthums heuchelnd meinte nur, daß das allerdings nicht hübsch von den Karthagern gewesen sei.

»Sie sind sehr gelehrt, Miß Silvia,« bemerkte er und fühlte, daß dies selbstbewußte Mädchen ihn sehr bald ausgeforscht haben würde.

»Lesen Sie gern?«

»Sehr gern.«

»Was für Bücher lesen Sie?«

»O, eine Menge! »Paul und Virginia« »Das verlorene Paradies« »Shakspeares Schauspiele,« »Robinson Crusoe« »Blairs Predigten«, »Den Tasmania Kalender« und »das Buch der Schönheiten« und »Tom Jones.«

»Eine etwas gemischte Sammlung, fürchte ich,« sagte s Mrs. Vickers mit schwachem Lächeln. Sie machte sich aus; allen diesen Dingen nichts. »Aber unsre Bibliothek ist sehr beschränkt und ich bin kein großer Leser. John, Mr. Frere trinkt gewiß noch ein Glas Brandy und Wasser. O, lassen Sie nur, ich bin eines Soldaten Frau. Sylvia, sage Mr. Frere gute Nacht und gehe zu Bett.«

»Gute Nacht, Fräulein Sylvia, wollen Sie mir einen Kuß geben?«

»Nein.«

»Silvia, sei nicht unhöflich.«

»Ich bin nicht unhöflich,« rief Silvia noch ärgerlich über die Gleichgültigkeit, mit der ihre literarischen Mitheilungen aufgenommen worden. »Er ist unhöflich. Ich will Sie nicht küssen. Sie küssen, das fehlte noch!«

»Willst Du nicht, Du kleine Schönheit,« rief Frere, plötzlich vorspringend und seinen Arm um das Kind schlingend. »Dann muß ich Dich küssen!«

Zu ihrem größten Erstaunen war Miß Silvia in seinen Armen und wurde gegen ihren Willen geküßt. Sie wurde dunkelroth und ihre kleine Faust aufhebend, schlug sie ihn mit aller Kraft auf die Backe.

Der Schlag war so plötzlich und der augenblickliche Schmerz so groß daß Maurice in seiner natürlichen Rohheit einen derben Fluch ausstieß.

»Liebe Sylvia,« rief Vickers vorwurfsvoll.

Aber Frere lachte, faßte beide Hände des Kindes in eine der Seinen und küßte sie wieder und wieder trotz ihres Sträubens. »Da,« sagte er mit einer Art von kindischem Triumph »Du hast nichts dadurch erreicht, – siehst Du?«

Vickers stand auf, sehr ungehalten, was deutlich in seinem Gesicht zu lesen war und zog das Kind fort und als er das that, machte sie, schluchzend vor Wuth und ganz athemlos ihre Hand los und in einem Anfall kindischer Leidenschaft schlug sie ihren Quäler wieder und wieder.

»Mann,« schrie sie mit blitzenden Augen, »lassen Sie mich gehen. Ich hasse Sie, ich hasse Sie!«

»Das thut mir sehr leid, Frere,« sagte Vickers, als die Thür hinter ihr geschlossen war. »Ich hoffe, sie hat Ihnen nicht weh gethan.«

»Nein, nein, ich mag solche Wuth. So sind die Weiber auf der ganzen Welt. Man muß ihnen nur zeigen, daß man ihr Herr ist.«

Vickers änderte schnell den Gegenstand der Unterhaltung und unter allen Erinnerungen und Plänen für die Zukunft war bald der kleine Vorfall vergessen. Aber als Frere eine Stunde später über den Gang ging, der zu seinem Zimmer führte wurde er von einer kleinen Gestalt aufgehalten, die in ein großes Shawl gewickelt war. Es war sein kindlicher Feind.

»Ich habe auf Sie gewartet, Mr. Frere,« sagte sie. »Ich bitte sie um Verzeihung. Ich hätte Sie nicht schlagen sollen, ich bin ein schlechtes Mädchen. Sagen Sie nicht nein, denn es ist so und wenn ich nicht besser werde, kann ich nie in den Himmel kommen.«

Indem sie sprach, nahm sie ein Papier heraus, wie ein Brief zusammen gefaltet und übergab es ihm.

»Was ist das?« fragte er ganz bestürzt. »Geh zu Bett, Kind, du wirst Dich erkälten.«

Es ist eine geschriebene Entschuldigung und ich erkälte mich nicht, denn ich habe meine Strümpfe an. »Wenn Sie es nicht annehmen,« fügte sie hinzu und zog ihre Brauen ein wenig zusammen, »ist es nicht mein Fehler. Ich habe Sie geschlagen, aber ich bitte um Verzeihung. Da ich eine Frau bin, kann ich keine andre Genugthuung geben.«

Mr. Frere unterdrückte den Wunsch in lautes Gelächter auszubrechen und machte seinem höflichen Gegner eine tiefe Verbeugung.

»Ich nehme ihre Entschuldigung an, Miß Sylvia,« sagte er.

»Dann,« sagte Sylvia sehr förmlich, »habe ich also nichts mehr zu sagen und ich habe die Ehre, Ihnen gute Nacht zu wünschen, mein Herr.«

Sie zog ihr Shawl fester um ihre Schultern und ging mit solcher Würde und Ruhe den Gang hinab als ob sie Amadis von Gallien selbst gewesen wäre.

Frere eilte auf sein Zimmer, fast erstickt von Lachen, öffnete das Papier beim Licht seiner Talgkerze und las in steifer, kindischer Schrift geschrieben Folgendes:

»Mein Herr, ich habe Sie geschlagen. Ich bitte schriftlich um Verzeihung.

Ihre ergebene und dienstfertige Dienerin

Sylvia Vickers.«

»Aus welchem Buch mag sie das abgeschrieben haben?« sagte er. »Bei meiner Seele, sie muß ein wenig verdreht sein. Es ist ein sonderbares Leben für ein Kind hier. Das ist gewiß.«

Sechstes Capitel.
Ein Sprung im Dunklen

Zwei oder drei Tage nach der Ankunft des Ladybird bemerkte der Gefangene auf dem Grummet Felsen ungewohnte Bewegung längs der Küste der Insel. Die Gefangenenboote, welche jeden Morgen bei Sonnenaufgang unterhalb der gezimmerten Ladebrücken auf die andre Seite des Hafens gebracht waren, waren gar nicht zu sehen. Der Bau einer Art von Landungsbrücke, welche von dem westlichen Punkt nach der Ansiedlung hin führte, wurde unterbrochen und alle Hände schienen mit dem neu gebauten Osprey, der noch auf Land lag, beschäftigt zu sein. Abtheilungen von Soldaten kamen täglich von dem Ladybird und halfen bei der geheimnißvollen Arbeit. Rufus Dawes, er täglich seine kleine Runde machte, zerbrach sich den Kopf, was wohl diese ungewöhnliche Bewegung bedeute. Unglücklicher Weise kam Niemand in seine Nähe, um ihn aufzuklären.

Ungefähr vierzehn Tage später, etwa am 15. Dezember bemerkte er eine andre sonderbare Thatsache. Alle Boote der Insel gingen eines Morgens nach der andern Seite des Hafens hinüber und im Laufe des Tages erhob sich ein furchtbarer Rauch längs der Hügel. Am nächsten Tage wiederholte sich dieselbe geheimnisvolle Sache und am vierten Tage kehrten die Boote zurück und schleppten hinter sich etwas her, das wie ein ungeheures Floß aussah. Dieses Floß wurde an der Seite des Ladybird befestigt und war, wie er bald sah, aus Planken, Bäumen, Stangen u.s.w. zusammengesetzt, die alle an Bord gehißt und in der Brigg weggesteuert wurden.

Dies gab Rufus Dawes viel zu denken. Wahrscheinlich gab man das Holzfällen auf und die Regierung hatte etwas Anderes ausfindig gemacht, um die Arbeit der Deportierten auszunützen. – Er hatte schon Bäume gefällt, Boote gebaut, Felle gegerbt und Schuhe gemacht. War es möglich, daß er jetzt wieder ein andres Handwerk lernen sollte? Ehe er noch über diesen Punkt mit sich in’s Reine kommen konnte, setzte ihn schon wieder eine neue Bootfahrt in Erstaunen. Drei Boote gingen die Bai hinab und kamen, nachdem sie einen Tag fortgeblieben, mit zahlreicher Bemannung zurück, brachten vier Fremde, eine Menge Vorräthe und Ackergeräthe mit. Da Rufus Dawes diese sah, schloß er, daß die Boote nach Philips Island, wo der Garten sich befand, gewesen waren und die Gärtner und Gartenprodukte abgeholt hatten. Rufus Dawes entschied, daß der Ladybird einen neuen Kommandanten gebracht hatte, Seine Augen, die durch das halb wilde Leben unendlich geschärft waren, hatten schon Mr. Maurice Frere erkannt und nun glaubte er zu verstehen, daß alle diese Veränderungen mit zu den Neuerungen gehörten. Als er mit seinen Folgerungen so weit gekommen, ging er auch noch weiter und kam zu einem Schluß, der, wenn die Voraussetzung richtig, auch natürlicher Weise sich ergeben mußte.

Leutnant Frere wird ein viel strengerer Kammandant sein, als Major Vickers.

Nun hatte die Strenge, was ihn selbst anbetraf, schon das allerhöchste Maß erreicht und der Unglückliche faßte den Entschluß sich das Leben zu nehmen.

Ehe wir gegen die Sünde solchen Entschlusses angehen, wollen wir auseinander zu setzen versuchen, was der Sünder gelitten haben muß während der letzten sechs Jahre.

Wir haben schon eine schwache Vorstellung bekommen von dem Leben auf einem Deportiertenschiffe und wir haben gesehen, durch welch’ ein Fegefeuer Rufus Dawes schon gegangen war, ehe er noch einen Fuß auf die andern Felsen des Höllemthors gesetzt hatte. Doch um die volle Pein seiner Qualen zu verstehen, müssen wir das Grauen des Zwischendecklebens auf dem Malabar noch steigern. In jenem Gefängnis war wenigstens noch ein Lichtstrahl. Alle waren doch nicht verabscheuenswerth; Alle waren doch nicht der Scham und der Menschlichkeit ledig. So drückend auch die Gefängnisluft, so niederträchtig die Gesellschaft, so traurig die Erinnerung an vergangenes Glück, – so lebte man doch in Unwissenheit der Zukunft, – in der Hoffnung.

Aber hier in Macquarie Harbour mußten die Hefen des Bechers aller Leiden getrunken werden. Dies war das Schlimmste und dies Schlimmste blieb für immer, unverändert. Der Abgrund dieser Qualen war so tief, daß man den Himmel nicht mehr erblicken konnte. Keine Hoffnung so lange das Leben überhaupt dauerte. Der Tod allein hielt die Schlüssel zu diesem Gefängniseilande in Verwahrung. Kann man sich überhaupt nur eine Vorstellung davon machen, was ein unschuldiger Mann voller Ehrgeiz und Widerwillen gegen alles Gemeine, voll Sehnsucht nach Liebe und Achtung während einer einzigen Woche solchen Lebens erduldet haben muß? Wir gewöhnlichen Menschenkinder, die wir ein gewöhnliches Leben führen, die wir gehen, reiten, lachen, heirathen und verheirathet werden, können das Elend eines solchen Daseins nicht fassen. Vielleicht haben wir eine schwache Idee davon wie süß Freiheit ist und wie scheußlich die schlechteste Gesellschaft, – aber das ist auch Alles. Wir wissen, daß wenn wir mit Ketten beladen und erniedrigt wären, gefüttert wie Hunde, gebraucht als Lastthiere, mit Flüchen und Schlägen zu unsrer täglichen Arbeit getrieben; – wenn wir mit Elenden zusammen leben müßten, unter denen Alles was nach Anstand oder Menschlichkeit aussah, nur verspottet oder verhöhnt wurde, – dann würden wir – ja – was? Wahnsinnig werden oder sterben! Aber wir wissen nicht und können nicht wissen, wie unaussprechlich abschreckend das Leben für Jemand werden muß, der es mit Wesen zu theilen hat, wie diejenigen waren, welche die Baumstämme nach den Ufern des Gordon schleppten oder fluchend und Gott lästernd ihre Ketten in den trostlosen Sandgruben von Sara Island hinschleppten. Kein menschliches Wesen kann ermessen, zu welcher persönlichen Erniedrigung, zu welchem Abscheu vor sich selbst eine Woche dieses Lebens es bringen würde. Selbst, wenn der Mann die Kraft hätte, dies zu schildern, – er würde es nicht wagen. Wie Jemand, der in einer Wüste nach einem menschlichen Antlitz ausschaut und auf einen Blutpfuhl stoßend, sein eigenes Gesicht darin abgespiegelt sieht – entflieht, so würde auch Jeder die Schilderung seiner eigenen Todesqualen fliehen., Und nun denke man sich, daß diese Qualen schon sechs Jahre dauerten! Unbekannt damit, daß die Zeichen und Töne unter ihm die Symptome der gänzlichen Auflösung der Ansiedlungwaren und daß der Ladybird gekommen war, um die Gefangenen abzuholen, beschloß Rufus Dawes die Last des Lebens von sich zu werfen, welche so schwer auf ihm ruhte. Sechs Jahre lang hatte er Holz gehauen und Wasser getragen; sechs Jahre lang hatte er gehofft wider alle Hoffnung und sechs Jahre lang hatte er im Thal der Todesschatten gelebt. Er wagte sich nicht alle Leiden zurückzurufen, die er durchgemacht. Seine Sinne waren abgestumpft und getödtet durch alle diese Qualen. Er dachte nur noch an Eins: daß er gefangen war, – lebenslänglich gefangen! Sein erster Traum von Freiheit war vergeblich gewesen. Er hatte sein Bestes gethan, um sich durch gutes Betragen, Urlaub zu erwerben, aber die Schurkerei von Vetch und Rex hatte ihn der Frucht aller seiner Anstrengungen beraubt. Statt sich Lob zu erwerben dadurch, daß er die Verschwörung auf dem Malabar zur Anzeige brachte, wurde er selbst für schuldig gehalten und trotz aller seiner Betheurungen verurtheilt. Seine »Verrätherei«, wie seine Gefährten es nannten, brachte ihm nichts ein bei den Vorgesetzten, wohl aber haßten und verachteten ihn nun die Ungeheuer, unter denen er lebte. Bei seiner Ankunft am Höllenthor war er ein Gezeichneter, ein Ausgestoßener unter den Ausgestoßenen, 1 ein Paria unter denen, welche in der ganzen Welt als Parias da standen.

Drei Mal wurden Angriffe auf sein Leben gemacht, aber damals war er noch seines Lebens nicht ganz müde und vertheidigte es. Diese Vertheidigung wurde von einem Aufseher als Ruhestörung angezeigt und die Ketten, die ihm schon abgenommen waren, wurden ihm wieder angelegt. Seine Stärke, diese rohe Eigenschaft, die ihm allein nützte, verschaffte ihm jetzt Achtung und man ließ ihn in Frieden. Niemand sprach mit ihm. Zuerst war ihm diese Behandlung sehr genehm, aber nach und nach ärgerte sie ihn, dann schmerzte es ihn und zuletzt wurde es ihm ganz unerträglich.

Wenn er am Ruder saß, oder wenn er bis Brust im Schlamm arbeitete, oder fast erlag unter seiner Holzlast, schaute er begierig nach einem Vorwande um, mit Jemand zu reden. Er nahm die doppelte Last auf sich, wenn er ein Glied dieser Menschenraupe bildete, auf deren Rücken ein Baum fortgeschleppt wurde, wenn er nur ein Wort von einem Kameraden hörte. Er arbeitete das Doppelte für ein freundliches Wort. In seiner entsetzlichen Verlassenheit schmachtete er nach der Freundschaft von Räubern und Mördern. Dann kam der Rückschlag und er haßte selbst den Ton ihrer Stimmen. Er sprach nicht und weigerte sich selbst zu antworten. Er aß sogar sein ärmliches Abendbrot allein, wenn die Kette es ihm gestattete. Er kam in den Ruf eines finsteren, gefährlichen, halbverrückten Burschen. Kapitain Bartow, der Oberaufseher hatte Mitleiden mit ihm; und machte ihn zu seinem Gärtner. Er nahm dies an, aber nach etwa einer Woche, als Bartow des Morgens herab kam, fand er alle Sträucher ausgerissen, die Beete zertreten und Rufus Dawes mitten unter den zerbrochenen Gartengeräthen sitzend. Für diese rohe That wurde er gepeitscht. Sein Benehmen auf dem Triangel war sonderbar. Er weinte und flehte, man möge ihn loslassen, fiel dann vor Bartow auf die Knie und bat um Verzeihung. Bartow wollte nichts hören und der Gefangene wurde still. Von der Zeit an, wurde er düsterer denn je, und zuweilen bemerkte man, daß er, wenn er allein war, sich auf die Erde, warf und weinte wie ein Kind. Allgemein glaubte man, daß sein Gehirn etwas gelitten.

Als Vickers kam, bat Dawes um eine Unterredung und flehte, man möge ihn nach Hobart Town zurücksenden. Dies wurde ihm natürlich abgeschlagen, aber er wurde zur Arbeit auf dem Osprey kommandiert. Nachdem er einige Zeit dort gearbeitet und man ihm die Eisen abgenommen hatte, verbarg er sich eines Abends auf dem Schiff und schwamm quer durch den Hafen. Er wurde verfolgt, gefaßt und gepeitscht. Nun fing für ihn die ganze Runde der Strafen an. Er brannte Kalk, zog Balken und ruderte. Die schwerste und niedrigste Arbeit wurde ihm immer aufgebürdet. Vermieden und gehaßt von seinen Gefährten, gefürchtet von den Gefangenenwärtern und mit Unfreundlichkeit von den Vorgesetzten angesehen war Rufus Dawes jetzt völlig in den Abgrund des Elends gesunken, in den er sich theilweise allerdings freiwillig geworfen hatte. Von seinen eigenen Gedanken fast zur Verzweiflung getrieben hatte er sich mit Gabbett und den drei andern Unglücklichen vereinigt, – um zu entfliehen, aber wie Vickers gesagt, war er sogleich wieder gefangen worden. Die schweren Eisen, welche er trug, hatten ihn lahm gemacht und obgleich Gabbett, aus Gründen, die sich später erklären werden, eifrig darauf bestanden, er könne weiter kommen, so fiel der Aermste doch nach den ersten hundert Schritten des schrecklichen Wettrennens und wurde von zwei Freiwilligen ergriffen, ehe er sich noch wieder erheben konnte. Seine Ergreifung gab den Anderen die kurze Freiheit, denn Troke, der mit einem Gefangenen zufrieden war gab die Verfolgung auf dem ziemlich beschwerlichen und selbst gefahrvollen Boden auf und brachte im Triumph Dawes nach der Niederlassung zurück. Er brachte ihn gleichsam als Friedensboten zurück, damit die Nachlässigkeit in der Beaufsichtigung der Entflohenen nicht zu scharf bemerkt würde. Dieses wahnsinnigen Unternehmens wegen war der Deportierte nun zu der einsamen Haft auf dem Grummetfelsen verurtheilt.

In dieser fürchterlichen Einsamkeit war sein Geist, der fortwährend über seinem furchtbaren Schicksal brütete, fast gestört. Er sah Gesichter und träumte wachend. Er lag Stunden lang bewegunslos da und starrte in die Sonne oder in die See. Er sprach mit eingebildeten Wesen. Er lebte die Scene mit seiner Mutter wieder durch. Er redete die Felsen an und rief die Steine als Zeugen auf, daß er unschuldig geopfert. Die Schatten seiner früheren Freunde umgaben ihn und oft hielt er sein gegenwärtiges Leben nur für einen Traum. Aber, wenn er erwachte, befahl ihm stets eine Stimme, in die Wogen zu springen, welche an den Wänden des Felsens sich brachen und diese traurigen Träume für immer aufzugeben.

Mitten in dieser Erstarrung seines Körpers und seiner Seele weckten die sonderbaren Ereignisse längs der Küste der Ansiedlung in ihm einen noch wilderen Haß gegen das Leben. Er sah darin etwas Unverständliches und Unbegreifliches und schloß nur daraus, daß sein Elend wahrscheinlich noch größer werden würde. Hatte er gewußt, daß der Ladybird sich seefertig machte und daß schon der Befehl gegeben, ihn abzuholen, um ihn mit den Andern nach Hobart Town einzuschiffen, er hätte wohl mit der Ausführung seines Entschlusses gezögert, – aber er wußte nichts, als daß die Lebenslast nachgerade unerträglich geworden und daß die Zeit gekommen, wo er diese Last von sich werfen müsse.

Inzwischen war die ganze Niederlassung in großer Aufregung. In weniger als drei Wochen von der ersten Ankündigung an, war Alles zur Abreise in Bereitschaft gesetzt worden. Der Kommandant hatte mit Frere Alles endgültig festgesetzt. Er selbst wollte die Ladybird mit dem Haupttheil der Gefangenen übernehmen. Seine Frau und Tochter sollten zurückbleiben, bis der Osprey segelte, den Frere, sobald er Alles Zurückgelassene zerstört hatte führte.

»Ich will Ihnen eine Korporalswache und zehn Gefangene zurücklassen,« sagte Vickers.

»Sie können ihn mit solcher Zahl leicht regieren.« Worauf Frere, Mrs. Vickers einen lächelnden Blick zuwerfend, erwiderte, daß er, wenn es nothwendig wäre, auch mit fünf Gefangenen genug habe, denn er wisse, wie man die faulen Kerls zur Arbeit anhielte.

Unter den Vorfällen, welche sich während des Aufbruchs ereigneten, ist Einer, der nothwendig berichtet werden muß. Nahe Philips Island, auf der Nordseite des Hafens, liegt Coal Head, wo eine Abtheilung in der letzten Zeit gearbeitet hatte. Diese Abtheilung, welche von Vickers eiligst zurückgerufen war, um bei dem Werk der Zerstörung zu helfen, hatte Holz und Werkzeuge dort zurückgelassen und in der elften Stunde wurde noch ein Boot abgelassen, um diese Reste abzuholen. Die Werkzeuge wurden sorgfältig gesammelt und die Stämme, deren Jeder in Hobart Town fünfundzwanzig Schillinge werth war, zusammengekettet um als Floß eingeschifft zu werden. Die Deportierten ruderten Abends dem Osprey zu, das Floß hinter sich herziehend. Nun er ab es sich, daß in der allgemeinen Unruhe und Eile das Floß nicht gehörig befestigt war, so daß, als der starke Strom dagegen trieb, die Nachlässigkeit der Arbeit sich bestrafte. Die Männer lösten sich und obgleich die Bewegung des Bootes nach vorwärts die Ketten noch stramm hielt, so theilte sich doch die Masse etwas und in dem Augenblick als Troke an der Seite der Ladybird anlegte, sah er, wie ein ungeheurer Stamm sich von den Andern löste und in der Dunkelheit verschwand. Mit ärgerlichem Blick sah er ihm nach, als ob es ein widerspänstiger Gefangener gewesen, dem er nun gern zwei Tage einsame Haft gegeben hätte. Da glaubte er einen Schrei zu hören, der aus der Richtung des verschwundenen Stammes kam. Aber er war viel zu beschäftigt, das übrige Holz zu retten und zu verhindern, daß es dem Boote schaden brächte, als daß er darauf achten konnte.

Den Schrei hatte Rufus Dawes ausgestoßen. Von seinem einsamen Felsen aus hatte er gesehen, wie das Boot der Ladybird zusteuerte und er hatte mit kindischer Wunderlichten, die oft in solchen Augenblicken den Menschen erfaßt, beschlossen, daß wenn das Boot gänzlich für ihn in der Dunkelheit verschwände, er sich in die Tiefe stürzen wolle. Das schwer arbeitende Boot wurde undeutlich und immer undeutlicher, sowie die Ruderschläge es weiter führten. Nur die Gestalt von Troke auf der Hinterbank war noch sichtbar. Auch diese verschwand und als das Floß auf die nächste Welle gehoben, ebenfalls für ihn unsichtbar wurde, stürzte sich Rufus Dawes in die See. Schwer mit Ketten beladen, wie er war, sank er wie ein Stein. Er hatte beschlossen, nicht zu schwimmen und im ersten Augenblick hielt er seine Arme hoch über den Kopf, um schneller zu sinken. Aber als die kurze, scharfe Angst des Erschreckens ihn faßte, als der Schauer des eisig kalten Wassers den geistigen Nebel zerstreute, der ihn umfangen hielt, da griff er verzweifelt aus und gelangte, trotz des Gewichtes seiner Ketten schnell an die Oberfläche. Als das geschah, bemerkte er trotz der Verwirrung, in der er sich befand, daß eine ungeheure, schwarze Masse gerade auf ihn losschwamm. Einen Augenblick kämpfte er gegen den Strom, einen Moment versuchte er, dem Zusammenstoß zu entgehen, – dann fühlte er, daß das Gewicht an seinen Füßen ihn hinunter zog und daß der große Stamm ihn unfehlbar mit seinen rauhen, zerrissenen Seiten zerquetschen würde. Da verschwand in diesem höchsten Augenblick der Gefahr jeder Gedanke an Selbstmord und mit jenem schwachen Schrei, den Troke gehört hatte, breitete er die Arme aus, um sich an dem Ungethüm festzuhalten, das ihn sonst in den Tod stoßen würde.

Der Stamm ging ganz über ihm fort, ihn tief in das Wasser hinab drückend, aber seine Hand, an dem Holz entlang fahrend, griff in das Ende Tau, das noch an dem Stamme befestigt hing und er hielt sich mit Todesangst daran fest. Im nächsten Augenblick war sein Kopf wieder über dem Wasser und es gelang ihm, mit ungeheurer Anstrengung sich auf den Stamm zu schwingen. Einen Moment sah er in der Entfernung die hellen Fenster der Stern Kajüte in dem Schiff das vor Anker lag, dann verschwand der Grummet Felsen zu seiner Linken und erschöpft und athemlos schloß er die Augen. Der treibende Stamm führte ihn schnell und still in die tiefe Finsterniß hinaus.

* * *

Bei Tagesanbruch am nächsten Morgen, als Troke an dem Felsen des Gefangenen landete, fand er denselben verlassen. Die Mütze des Gefangenen lag am Strande der Klippe, aber der Gefangene selbst war verschwunden. Nach der Ladybird zurück rudernd, dachte der kluge Troke darüber nach, wie er dem Kapitain Vickers diese Nachricht überbringen sollte. Er erwähnte des sonderbaren Schrei’s, den er am Abend vorher gehört und sagte:

»Ich glaube, Sir, daß er sich durch Schwimmen hat retten wollen, aber er muß untergegangen sein, denn er hätte nicht fünf Ellen weit mit den Eisen schwimmen können.«

Vickers der sehr beschäftigt war, um auszulaufen, nahm diese anscheinend sehr natürliche Erklärung der Sache ohne Weiteres an. Der Gefangene hatte den Tod, entweder durch einen Unfall oder durch eigene Schuld gefunden. Es war entweder Selbstmord oder Fluchtversuch und das frühere Betragen des Rufus Dawes rechtfertigte die letztere Vermuthung durchaus. In jedem Falle war er todt. Wie Troke ganz richtig meinte, konnte Niemand mit den Ketten belastet, durch die Bai schwimmen und als die Ladybird eine Stunde später am Grummet Felsen vorüber kam, glaubten Alle an Bord, daß der Körper eines letzten Bewohners tief unter den Wellen läge, die seinen Fuß bespülten.

Siebentes Kapitel.
Das letzte von Macquarie Harbour

Rufus Dawes wurde von denen, die auf der Ladybird ausgingen, für todt gehalten; sein wunderbares Entkommen war denen die noch auf Sara-Island zurückgeblieben waren, ebenso unbekannt geblieben. Wenn Maurice Frere überhaupt au den Gefangenen auf dem Felsen dachte, so glaubte er, ihn längst mit der Ladybird auf dem Wege nach Hobart-Town. Die achtzehn Personen an Bord des Osprey wußten nichts davon, daß das abgesandte Boot ohne den Gefangenen zurückgekehrt sei. Auch hatten Alle keine Zeit, über dergleichen nachzudenken. Mr. Frere, dem es sehr darum zu thun war, seine Geschicklichkeit und seine Thatkraft zu zeigen, hielt seine zehn Leute so streng an der Arbeit, daß eine Woche schon nach dem Abgange der Ladybird der Osprey bereit war, in See zu stechen. Mrs. Vickers und ihr Kind hatten fast mit Bedauern die Zerstörung der alten Heimath mit angesehen. Sie hatten sich in der kleinen Kajüte der Brigg eingerichtet und am Abend des elften Januar theilte Mr. Bates, der Lootse, welcher als Kapitain handelte, der Mannschaft mit, daß Leutnant Frere Befehl gegeben, den nächsten Morgen den Anker zu lichten.

Bei Tagesanbruch wurden die Anker gelichtet und mit einer leichten Brise von Südwesten ging sie hinaus und ankerte um drei Uhr Nachmittags sicher außerhalb des Höllenthors. Unglücklicher Weise schlug der Wind nach Nordwesten um, so daß aus der Rhede die See sehr hoch stand. Der vorsichtige Mr. Bates, in Rücksicht auf Mrs. Vickers und das Kind ging zehn Meilen in die Wellington Bai zurück und ankerte dort um sieben Uhr Abends. Die Flut war sehr bedeutend und das Schiff rollte stark. Mrs. Vickers blieb in der Kajüte und schickte Sylvia zu Frere, um denselben zu unterhalten. Sylvia ging, aber unterhielt ihn nicht. Sylvia hatte eine ganz besondere Antipathie gegen Frere gefaßt, wie Kinder sie so oft ohne Grund hegen und seit jener Entschuldigung war sie kaum mehr höflich gegen ihn. Vergebens verwöhnte er sie und schmeichelte ihr; er konnte sie nicht dazu bringen, ihn gern zu haben. »Ich kann Sie nicht leiden, Herr,« sagte sie in ihrer steifen Art, »aber das kann Ihnen ja ganz gleich sein. Sie beschäftigen sich mit Ihren Gefangenen und ich amüsiere mich ohne Sie.«

»Ganz recht« sagte Frere, »ich will mich nicht aufdrängen.« Aber er fühlte sich doch etwas beleidigt. An diesem Abend war nun die junge Dame etwas herablassender. Ihr Vater war fort und ihre Mutter krank, so fühlte sie sich etwas einsam und folgte ihrer Mutter Gebot und ging zu Frere. Er ging rauchend auf dem Deck spazieren,

»Mr. Frere, Mama schickt mich, damit ich mit Ihnen sprechen soll.«

»So? Nun denn sangen Sie an.«

»O nein, es ist des Herren Aufgabe, zu unterhalten. Thun Sie das.«

»Dann kommen Sie und setzen sich zu mir,« sagte Frere, der in guter Laune war, weil er Alles in Ordnung hatte. »Wovon wollen wir sprechen?«

»Sie dummer Mensch! Als ob ich das wüßte. Sie müssen sprechen. Erzählen Sie mir ein Mährchen.«

»Jack und die Bohnenstange,« sagte Frere.

»Jack und seine Großmutter! Unsinn! Erfinden Sie eine Geschichte aus Ihrem Kopf.«

Frere gähnte.

»Das kann ich nicht,« sagte er. »Das that ich nie in meinem Leben.«

»Dann können Sie ja anfangen. Sonst gehe ich fort.« – Frere rieb sich die Stirn. »Gut, haben Sie Robinson Crusoe gelesen?« – Als ob dies ein ganz neuer Gedanke wäre.«

»Natürlich habe ich es gelesen,« sagte Sylvia ärgerlich. »Gelesen? Jeder Mensch hat Robinson Crusoe gelesen.«

»So haben Sie? Daß wußte ich nicht, Nun lassen Sie uns sehen.« Und stark an seiner Pfeife ziehend, versenkte er sich in literarische Erinnerungen. Sylvia saß maulend neben ihm und wartete auf den guten Gedanken, der niemals kam. »Was für ein dummer, dummer Mensch Sie sind! Ich werde froh sein, wenn ich wieder bei Papa bin. Er weiß so viele Geschichten, beinahe so viele wie der alte Danny.«

»Also Danny weiß welche?« »Danny!« Das sagte sie mit solchem Erstaunen, als wenn man sagen würde »Walter Scott?« »Natürlich weiß er Geschichten. Ich glaube wirklich,« und damit sah sie ihn mit sehr überlegener Miene an, »Sie haben niemals von der Geschichte der irischen Banshee gehört?«

»Nein niemals.«

»Auch nicht von dem weißen Pferde von Peppers?«

»Nein.«

»Auch nicht von dem Wechselbalg?«

»Nein.«

Sylvia stand von dem Kajütenfenster auf, worauf sie gesessen und blickte das rauchende Geschöpf neben sich mit tiefer Verachtung an. »Mr. Frere, Sie sind wirklich furchtbar unwissend. Verzeihen Sie, wenn ich Ihre Gefühle verletze, aber für Ihr Alter sind Sie wirklich entsetzlich unwissend.«

Maurice Frere wurde etwas ärgerlich-: »Sie sind sehr impertinent, Sylvia.«

»Miß Vickers ist mein Name, Leutnant Frere. Ich werde jetzt mit Mr. Bates sprechen.«

Diese Drohung machte sie sogleich wahr und Mr. Bates, der das gefährliche Amt eines Lootsen lange Zeit verwaltet hatte, erzählte ihr von Tauchern, von Korallenriffen und, von etwas apokryphen Abenteuern in dem chinesischen Meere.

Frere rauchte weiter, halb ärgerlich auf die kleine Fee, die ihn hartnäckig angriff. Er gestand sich, daß dies kleine, elfenhafte Geschöpf einen Zauber auf ihn ausübte, den er sich kaum zu erklären wußte. Indeß sah er sie an diesem Abend ] nicht wieder und beim Frühstück am nächsten Morgen empfing sie ihn mit einigem Hochmuth.

»Wann werden wir fertig sein zum Absegeln? – Mr. Frere, bitte um etwas Marmelade.«

»Ich weiß nicht, Fräulein,« sagte Bates. »Es weht noch? sehr stark draußen. Ich und Mr. Frere haben heute Morgen ausgeschaut und finden es noch nicht sicher.«

»Nun,« sagte Sylvia, »ich hoffe, wir werden nicht scheitern und dann gezwungen sein, Meilen weit zu schwimmen, um unser Leben zu retten.«

»Ha, ha,« lachte Frere, »haben Sie nur keine Angst, ich will für Sie sorgen.«

»Können Sie schwimmen, Mr. Bates,« fragte Sylvia.

»Ja, Miß, ich kann schwimmen.«

»Gut, dann können Sie mich nehmen. Mr. Frere kann für Mama sorgen. Wir wollen auf einer wüsten Insel leben, Mr. Bates und Kokosnüsse und Brodbäume pflanzen und, – ach was für abscheuliche, harte Zwiebäcke! – Ich will Robinson Crusoe sein und Sie sollen mein Mann Freitag sein. Ich möchte wohl auf einer wüsten Insel leben, wenn nur keine Wilde da wären und es immer genug zu essen gäbe.«

»Dann wäre es ganz gut, meine Liebe, aber solche Inseln findet man so leicht nicht.«

»Dann,« sagte Sylvia, mit sehr entschiedenem Ton, »wollen wir lieber nicht scheitern.«

»Ich hoffe, es wird nicht geschehen.«

»Stecken Sie einen Zwieback in Ihre Tasche, Sylvia, im Falle eines Unfalles,« meinte Frere, grinsend.

»O, Sie kennen schon meine Ansicht über Sie, mein Herr. Sprechen Sie nicht, ich brauche Ihre Meinung nicht.«

»So, das ist recht.«

»Mr. Frere,« sagte Sylvia und stand ernsthaft vor der Thür still, die zu ihrer Mutter Kajüte führte.

»Wenn ich Richard der Dritte wäre, wissen Sie, was ich dann mit Ihnen thun würde?«

»Nein,« sagte Frere, behaglich weiter essend, »was würden Sie thun?«

»Nun, ich würde Sie an der Thür der Kathedrale stehen lassen, im weißen Betttuch mit einer brennenden Kerze in der stand, bis Sie Ihre abscheuliche Art ablegten, – Sie – Mann!«

Das Bild von Frere, im weißen Betttuch mit einer brennenden Kerze in der Hand an der Thür der Pauls Kathedrale stehend war zu viel für Mr. Bates’ Ernst und er brach in ein schallendes Gelächter aus.

»Sie ist ein merkwürdiges Kind, nicht wahr, Sir? Sehr merkwürdig, aber doch sehr gutherzig.«

»Wann werden wir im Stande sein, zu segeln, Mr. Bates,« fragte Frere, dessen Würde sich durch die Lustigkeit des Lootsen verletzt fühlte.

Bates merkte den veränderten Ton und paßte sich schnell der Stimmung des Offiziers an.

»Ich hoffe, noch heute Abend, Sir,« sagte er. »Wenn die Fluth zurück geht, will ich es versuchen, aber jetzt können wir unmöglich segeln.«

»Die Leute wollten gern an Land gehen, um ihre Sachen zu waschen, sagte Frere. »Wenn wir noch bis Abend bleiben, können Sie die Leute nach Tische gehen lassen.«

»Ganz recht, Herr,« sagte Bates.

Der Nachmittag verlief günstig. Die zehn Gefangenen gingen an Land und wuschen ihre Sachen. Ihre Namen waren James Barker, James Lesley, John Lyon, Benjamin Riley, William Cheshire, Henry Shires, William Russen, James Porter, John Fair und John Rex.

Dieser letztere Schuft war noch ganz spät an Bord gekommen. Er hatte sich in der letzten Zeit etwas besser betragen und hatte sich während der Arbeit, die der Abreise der Ladybird voranging außerordentlich nützlich gezeigt. Sein Verstand und der Einfluß, den er auf seine Gefährten hatte, machten ihn zu einer ziemlich wichtigen Persönlichkeit und Vickers hatte ihm einige Vorrechte eingeräumt, die ihm früher versagt waren.

Mr. Frere, der das Einschiffen der Vorräthe überwachte, machte sich den guten Willen zu nutze, den Rex bei der Arbeit zeigte. Frere hörte nicht auf, ihn anzufeuern oder ihn zu tadeln. Er nannte ihn faul, mürrisch und unverschämt. Fortwährend hieß es: »Rex, hierher! Thut dies; thut das!« Die Gefangenen sagten sich, daß Mr. Frere augenscheinlich etwas gegen Rex habe. Am Tage vor der Abfahrt der Ladybird hatte Rex in der freudigen Hoffnung auf die baldige Abreise sich erlaubt, auf eine der bitteren Bemerkungen zu antworten und Mr. Frere hatte sich bei Vickers beklagt. »Der Kerl will gern fort,« sagte er. »Lassen Sie ihn zurückbleiben, bis der Osprey abgeht. Das wird eine Lehre für ihn sein.«

Vickers willigte ein und John Rex wurde benachrichtigt, daß er nicht mit er ersten Abtheilung segeln würde. Seine Kameraden schworen, daß dies die reine Tyrannei sei, aber Rex selbst sagte nichts. Er verdoppelte seinen Fleiß und trotzdem er das Gegentheil wünschte, konnte Frere nichts an ihm zu tadeln finden. Er schrieb sich das Verdienst zu, den Deportierten etwas gezähmt zu haben und führte Rex, der schweigend gehorchte als Beispiel an, wie vorzüglich sein System der Strenge wirke. Die Deportierten aber, welche John Rex besser kannten, sahen in diesem Schweigen nur eine Drohung.

Er kehrte 13. Abends mit den Uebrigen in anscheinend fröhlicher Stimmung zurück.

Mr. Frere, welcher das Boot, in dem die Gefangenen zurückkamen, nahm, um noch vor Tisch einige Fische zu angeln, sah, wie er mit den Andern lachte und beglückwünschte sich wiederum selbst zu seinem Erfolge.

Die Zeit verging. Die Dunkelheit kam und Mr. Bates, der aus dem Deck spazierte, fing an, nach dem Boot auszuschauen da er die Absicht hatte, den Anker zu lichten und auszugehen.

Alles war in Sicherheit. Mrs. Vickers und das Kind waren unten, die beiden zurückgebliebenen Soldaten (zwei waren mit Frere gegangen) waren auf Deck und die Gefangenen sangen auf dem Vorderkastell. Der Wind war gut und die See war ruhiger. In weniger als einer Stunde mußte der Osprey sicher draußen sein.

Achtes Capitel.
Die Macht der Wildniß

Der Stamm, welcher ans so merkwürdige Weise zur Rettung von Rufus Dawes gedient hatte, schwamm mit dem Strom aus der Bai hinaus. Einige Zeit lang war die Last, die er trug, ganz ohne Bewußtsein. Erschöpft von dem verzweifelten Kampf um das Leben, lag der Deportierte auf dem rauhen Rücken seines gottgesandten Floßes ohne Bewegung, ja fast ohne zu athmen. Endlich weckte ihn ein heftiger Stoß und gab ihm seine Besinnung wieder und er bemerkte, daß der Stamm auf einer sandigen Landzunge gestrandet, deren Fortsetzung völlig in Dunkelheit gehüllt war. Sich mühsam aus seiner unbehaglichen Stellung erhebend, stellte er sich auf seine Füße und den Strand ein wenig hinauf kriechend, warf er sich in den Sand und schlief ein.

Als der Morgen dämmerte, übersah er seine Lage. Der Stamm war an Philips Island vorüber schwimmend an der Südküste von Coals Head gelandet und einige hundert Ellen von ihm entfernt, lagen die zerstörten Schuppen der Kohlenarbeiter. Eine Weile lag er ganz still und wärmte sich in den Strahlen der aufgehenden Sonne. Er konnte kaum seine geschlagenen und gequetschten Glieder bewegen. Das Gefühl der Ruhe war so wundervoll, daß es alle andern Bedenken verscheuchte und er dachte gar nicht daran, über den Grund zu grübeln, weshalb wohl die Hütten in seiner Nähe verlassen waren. Wenn Niemand da war, so war es auch gut. Wenn die Leute nicht fort waren, so würden sie ihn wohl nach wenigen Augenblicken entdecken und ihn auf sein Insel-Gefängnis zurückbringen. In seiner Erschöpfung und in seinem Elend nahm er sein Schicksal auf sich, wie es kommen mochte und schlief wieder ein.

Als er seinen brennenden Kopf niederlegte, berichtete Troke gerade an Vickers über seinen Tod und während er noch schlief, ging die Ladybird aus und kam so nahe an ihm vorüber, daß Jeder an Bord mit einem guten Glas seine schlafende Gestalt auf dem Sande hätte sehen können.

Als er erwachte, war Mittag vorüber und die Sonne sandte ihre vollen Strahlen auf ihn herab. Seine Kleider waren überall trocken, nur nicht auf der Seite, auf der er lag und er erhob sich, erfrischt durch den langen Schlaf. Bis jetzt begriff er noch nicht seine wahre Lage. Er war freilich entkommen, aber wie lange konnte das dauern. Er kannte die Geschichte jeder Flucht und wußte, daß ein Mann, der allein an diese Küste verschlagen war, nichts vor sich hatte, als wieder eingefangen zu werden oder den Hungertod. Zur Sonne aufblickend, wunderte er sich, daß er so lange frei geblieben. Darm fiel sein Auge auf die Kohlenschuppen und er bemerkte daß sie verlassen waren. Dies setzte ihn in großes Erstaunen und er zitterte vor unbestimmter Furcht. Er trat hinein und sah sich um, immer erwartend, daß irgend ein aufpassender Constabler oder ein bewaffneter Soldat sich sehen lassen würde. Plötzlich fiel sein Auge auf die Brode, welche die Deportierten am Abend vorher in die Ecke geworfen hatten. In diesem Augenblick war eine solche Entdeckung für ihn eine wahre Himmelsoffenbarung. Er würde sich nicht gewundert haben, wenn sie wieder verschwunden wären. Hätte er in einem anderen Zeitalter gelebt, so würde er sich nach den Engeln umgesehen haben, die sie gebracht.

Nach und nach, da er von diesem Wunder-Vorrath gegessen hatte, fing der Aermste mit seinem Gefangenen-Instinkt an zu begreifen, was sich zugetragen hatte. Die Kohlenarbeit war verlassen; wahrscheinlich hatte der neue Kommandant andere Arbeit in Aussicht für seine Lastthiere und ein Flüchtling war wenigstens einige Stunden lang hier sicher. Aber er durfte nicht hier bleiben. Für ihn gab es keine Rast. Wenn er entkommen wollte, mußte er seine Reise sobald wie möglich antreten. Als er das Fleisch und Brod betrachtete, fiel plötzlich ein Hoffnungsstrahl in seine Seele. Hier war Vorrath für seine Bedürfnisse. Die Nahrungsmittel vor ihm bestanden in den Rationen für sechs Mann. War es nicht möglich, die Wüste zu durchwandern mit diesen Lebensmitteln? Der Gedanke daran ließ sein Herz schneller schlagen. Es war wirklich möglich. Er mußte seine Hilfsquellen schonen; – viel gehen und wenig essen, die Nahrung eines Tages auf drei Tage vertheilen. Hier waren die Rationen von sechs Mann für einen Tag, – also für einen Mann ans sechs Tage. Wenn er an einem Drittel genug hatte, konnte er achtzehn Tage leben. Achtzehn Tage-! Das konnte man nicht in achtzehn Tagen thun? Er konnte dreißig Meilen täglich, – ja vierzig Meilen machen, – das würde sechshundert Meilen und mehr ausmachen. Doch – halt, – er darf nicht zu sanguinisch sein; der Weg ist schwer zu finden, der Busch oft undurchdringlich. Er mußte gewiß Umwege machen, wieder zurückgehen, kostbare Zeit verlieren. Er wollte mäßig sein und sagen – zwanzig Meilen täglich. Zwanzig Meilen täglich waren leicht zu machen. Er nahm einen Stock auf und machte die Rechnung im Sande. Achtzehn Tage und zwanzig Meilen täglich machte dreihundertundsechzig Meilen! Das war mehr als genug, um ihn zur Freiheit zu führen. Es konnte geschehen. Mit Klugheit konnte es ausgeführt werden. Doch mußte er enthaltsam und sorgfältig sein. Enthaltsam! Er hatte schon zu viel gegessen. Schnell nahm er ein Stück Fleisch, das er eben in den Mund gesteckt hatte, wieder heraus und legte es zu dem Andern – eine Handlung, die sonst wohl ekelhaft gewesen wäre, war bei diesem Unglücklichen nur rührend.

Nun er zu diesem Entschluß gekommen, war das Erste, daß er sich seiner Eisen entledigte. Dies war leichter geschehen, als er erwartet hatte. Er fand in dem Schuppen eine Eisenstange und mit dieser und einem Steine schlug er die Ringe ab. Die Ringe waren zu stark, um oval gehämmert zu werden, sonst wäre er sie längst los gewesen. Er packte das Brod und Fleisch zusammen, steckte die Stange in seinen Gürtel, – er konnte sie vielleicht noch als Vertheidigungswaffe brauchen und machte sich aus die Reise.

Seine Absicht war, um die Ansiedlung herum nach der Küste zu kommen und dann von dort die bewohnten Gegenden zu erreichen, um dort unter dem Vorgeben, ein Schiffbrüchiger zu sein, Hilfe zu finden. Was er wirklich beginnen wollte, wenn er erst einmal unter freien Leuten sich befand, darüber dachte er noch nicht nach. Zu der Zeit schien es ihm, würden alle Schwierigkeiten, die jetzt kaum begonnen, ihr Ende erreicht haben. Wenn er nur erst die Wüste hinter sich hatte, dann würde er gewiß ganz leicht mit Glück oder Geschicklichkeit allen Verdacht und Entdeckung zu Schanden machen. Die Gefahr der augenblicklichen Entdeckung war so dringend, daß jede andere Furcht vor dieser in Nichts versank. Vor Tagesanbruch hatte er am nächsten Morgen schon zehn Meilen gemacht und stets seine Lebensmittel schonend, hatte er, als die Nacht des vierten Tages anbrach, an demselben schon vierzig Meilen gemacht. Wund an den Füßen und übermüde lag er in einem Dickicht des dornigen Melaleuca, und fühlte, daß er jetzt sicher vor allen Verfolgungen war. Am nächsten Morgen marschierte er langsamer. Der Busch war unheilvoll. Dichtes Gesträuch und wilde Dornen versperrten ihm den Pfad; kahle, steinige Berge stiegen vor ihm auf. Er verlor sich in Schluchten, steckte fest in dem Dickicht, konnte sich nicht herausfinden aus den Morästen. Die See, welche ihm bisher so salzig, blitzend und hungrig auf Beute zu seiner Rechten geleuchtet hatte, lag jetzt zu seiner Linken. Er hatte die Richtung verloren und mußte wieder umkehren.

Zwei Tage dauerte dieses Umherirren und am dritten Tage traf er auf eine mächtige Klippe, welche mit ihrer stumpfen Spitze aus dem dichten Busch hervorragte. Er mußte sie übersteigen oder ihren Fuß umgehen. Eine Art von natürlichem Weg lief um den Fuß des Felsens. Hier und da waren Zweige abgebrochen und es schien ihm, als ob sein Fuß nicht der Erste, der diesen Platz betreten.

Der arme Schelm, fast erliegend unter seiner Bürde, die allerdings täglich leichter wurde, schwankte vorwärts, bis der Pfad sich auf einem etwas freieren Platze verlor. Hier lag etwas, das die Luft bewegte. Rufus Dawes schritt vor, und stolperte fast über einen Leichnam. In der fürchterlichen Stille dieses einsamen Ortes war es ihm plötzlich, als ob eine Stimme ihn riefe. Alle die entsetzlichen, phantastischen Mordgeschichten, die er gehört oder gelesen, standen jetzt sichtbar in der Form dieses scheußlichen Leichnams vor ihm. Er war in die gelbe Jacke der Deportierten gekleidet und lag zusammengeballt auf dem Boden, als ob er niedergeschlagen wäre. Sich darüberbeugend, wie durch einen unwiderstehlichen Instinkt gezogen, sah er daß der Körper verstümmelt war. Ein Arm fehlte und der Schädel war augenscheinlich mit einem stumpfen Instrument eingeschlagen. Der erste Gedanke, daß dieser Haufen Lumpen und Knochen: ein stummer Zeuge gegen sein eigenes, thörichtes Fluchtunternehmen sei, gab plötzlich einem zweiten, viel schrecklicheren Argwohne Raum. Er erkannte die Nummer, welche auf den groben Kleidern gedruckt war, als diejenige, des jüngeren Gefährten, mit dem Gabbett entflohen war. Er stand an, einer Stelle, wo ein Mord begangen war – ein Mord und was weiter? – Er dankte Gott, daß seine Lebensmittel noch nicht erschöpft waren! Er wandte sich und floh, ängstlich von Zeit zu Zeit zurückblickend. Er konnte in dem Schatten dieses schrecklichen Berges nicht Athem holen.

Durch Gebüsch und Dornen sich durchwindend, zerrissen, blutend und fast verzweifelt vor Entsetzen, erreichte er einen Einschnitt in der Bergkette und sah sich jetzt um.

Ueber ihm stiegen die Eisenberge auf, – unter ihm lag der Busch. Der weiße Gipfel von Frenchman’s Kap lag zu seiner Rechten; zu seiner Linken schien ein langer Bergzug weiteres Vordringen unmöglich zu machen. Im Osten glänzte es wie von Wasser. Riesenhafte Fichten hoben ihre anmuthigen Häupter gegen den durchsichtigen Abendhimmel und unter ihnen breitete sich ohne Unterbrechung das dichte Gebüsch aus, durch das er so mühsam gedrungen war. Es schien, als ob er von seinem Standtpunkte aus auf eine feste Masse springen könnte, so dicht standen die Bäume. Er hob seine Augen und gerade vor ihm, wie ein langer, gebogener Säbel lag der schmale, tiefst stahlblaue Hafen, von wo er entflohen war. Ein dunkler leck bewegte sich auf dem Wasser. Es war der Osprey, der hinausging. Es schien ihm, als könne er einen Stein an das Deck werfen. Er stieß einen leisen Schrei der Wuth aus. Während der letzten drei Tage im Busch hatte er sich rückwärts gewandt und war so im Kreise herumgewandert, daß er wieder aus seinen Ausgangspunkt zurückgekommen war. Mehr als seine halbe Zeit war vergangen und er war erst dreißig Meilen entfernt. Der Tod schien nur auf ihn zu warten, um ihn in dieser schrecklichen Wildniß zu überfallen. Wie eine Katze der Maus gestattet, eine Weile aus ihren Fängen zu schlüpfen, so hatte ihm das Schicksal erlaubt, sich eine kurze Frist mit süßer Hoffnungen zu schmeicheln. Jetzt war ein Entfliehen hoffnungslos. Er konnte niemals entkommen. Und wie der unglückliche Mann nach dem Himmel blickte, sah er, wie soeben die Sonne sank und einen letzten blutrothen Strahl auf die Stelle, die er soeben geflohen, sandte. Es war, als ob ein blutiger Finger auf den todten Körper zeige. Ein Schauder ergriff Rufus und er wandte sich ab und versenkte sich von Neuem in die Tiefe der Wälder.

Vier Tage lang wanderte er ziellos durch den Busch. Er hatte alle Hoffnung aufgegeben, die Reise durch das Innere hin machen und doch konnte er sich nicht entschließen, in die Nähe der Ansiedlung zurückzukehren, ehe nicht sein geringer Vorrath von Lebensmitteln aufgezehrt war. Unfähig, dem Hunger zu widerstehen, hatte er seine täglichen Portionen vergrößert und obgleich das Salzfleisch, der Hitze und dem Regen ausgesetzt, anfing schlecht zu werden, so durfte er es nur anblicken, um von dem unwiderstehlichen Wunsch erfüllt zu werden, davon zu essen. Die schlechten Stücke Fleisch und das harte Roggenbrod waren für ihn so kostbare Bissen, wie sie nur die Tafel eines Kaisers aufwies. Ein oder zwei Mal pflückte er die seinen Spitzen des Theebaumes und des Pfefferminzstrauches und aß sie. Sie hatten einen sehr aromatischen Geschmack und stillten für kurze Zeit den quälenden Hunger. Aber sie veranlaßten auch einen verzehrenden Durst, den er an den eisigen Bergquellen stillte. Wenn er diese Bäche nicht häufig gefunden hätte, würde er wahrscheinlich in wenigen Tagen gestorben ein. Endlich am zwölften Tage nach seiner Abreise von Coal Head, fand er sich am Fuß des Mount Direction, oberhalb der Halbinsel, welche die Westseite des Hafens bildet. Seine schreckliche Wanderung war völlig im Kreise um die Ansiedlung herumgegangen und in der nächsten Nacht gelangte er bis an die Küste von Birches Inlet, dem Landungsplatz an der Sara Insel gerade gegenüber. Seine Lebensmittel waren seit zwei Tagen zu Ende gekommen und er hatte rasenden Hunger. Er dachte nicht weiter an Selbstmord. Sein einziger Gedanke war jetzt nur der, Nahrung zu bekommen. Er wollte das thun, was Viele vor ihm schon gethan hatten, er wollte sich ausliefern und gepeitscht aber gespeist werden. Als er den Landungsplatz erreichte, fand er jedoch das Wachthaus leer. Er sah hinüber nach dem Gefängnis und sah, daß Alles leer war. Die Niederlassung war verlassen!

Der Schreck über diese Entdeckung raubte ihm fast die Besinnung. Tage lang, die ihm wie Jahrhunderte vorgekommen waren, hatte er diesen elenden Körper nur erhalten und fortgeschleppt mit dem festen Entschluß, die Niederlassung zu erreichen, und nun er sie erreicht hatte, nach einer Reihe voll unvergeßlicher Schrecken, fand er sie verlassen. Er schlug sich, um zu wissen ob er träume. Er wollte seinen Augen nicht trauen. Er schrie, rief, brüllte und ließ seine zerrissenen Kleider in der Luft wehen als Zeichen. Ganz erschöpft von diesem Paroxysmus sagte er sich, die Sonne habe sein Gehirn verwirrt und bald werde er die wohlbekannten Boote herankommen sehen, um ihn hinüber zu holen. Dann, als kein Boot kam, meinte er, er täusche sich in dem Platz; dies sei gewiß eine andere, ähnliche Insel und in der nächsten Sekunde schon werde er den Unterschied bemerken. Aber die unerbittlichen Felsen, die ihm sechs lange Jahre so entsetzlich vertraut gewesen, gaben ihm ihre stumme Antwort und die See, zu seinen Füßen schwellend schien ihn mit ihren hungrigen Wellen zu verspotten. Doch war das Verlassensein der Niederlassung ihm so völlig unerklärlich, daß er sich gar nicht darin finden konnte. Er hatte das Gefühl des Wanderers in den verzauberten Bergen, der am Morgen nah seinen Gefährten sucht und sie versteinert findet. Endlich dämmerte die schreckliche Wahrheit in ihm. Er ging ein paar Schritte rückwärts und dann stürzte er mit einem Aufschrei der Verzweiflung nach dem Ufer hin. Gerade als er im Begriff war, sich zum zweiten Mal in das Wasser zu stürzen, erblickten seine Augen, als sie noch einmal die Runde um die Bai machten, etwas sehr Merkwürdiges auf der linken Spitze der Seebucht. Ein dünner blauer Streifen stieg hinter dem westlichen Arm der Bucht gen Himmel. Es war Rauch von einem Feuer.

Der sterbende Unglückliche schöpfte neue Hoffnung. Es war ihm, als gebe Gott selbst ein Zeichen vom Himmel gesandt. Die schwache Rauchsäule war für ihn eben so herrlich als die Rauchsäule, welche die Israeliten führte. Es waren noch menschliche Wesen in seiner Nähe! Und sein Gesicht von der See abwendend, schwankte er mit Aufbietung seiner letzten Kräfte dem gesegneten Zeichen ihrer Gegenwart zu!

Neuntes Capitel.
Die Einnahme des Osprey

Frere’s Ausflug zum Fischen war nicht glücklich gewesen und hatte sich deshalb verlängert. Die Hartnäckigkeit seines Charakters verleugnete sich auch hierbei nicht und obgleich ihn die schnell eintretende Dunkelheit eines australischen Abends zur Rückkehr antrieb, so zögerte er doch, weil er nicht mit leeren Landen kommen wollte. Endlich bestimmte ihn ein letztes Signal. An Bord der Brigg wurde ein Schuß abgefeuert. Gewiß war Mr. Bates ungeduldig geworden und mit Murren zog Frere seine Angeln ein und befahl den beiden Soldaten, nach dem Schiff zurückzurudern. Doch lag der Osprey noch ganz bewegungslos auf dem Wasser und kein Segel deutete an, daß es ausgehen wolle. Den Soldaten, welche, mit dem Rücken nach der Brigg gewandt ruderten, war ein Flintenschuß das aller gewöhnlichste Ereignis der Welt. Sie sehnten sich, die Niederlassung endlich zu verlassen und hatten Frere’s verlängerte Fischerei mit großem Unwillen angesehen und schon nach dem Signal aufgeschaut, das ihre Rückkehr beschleunigen sollte. Plötzlich bemerkten sie eine eigenthümliche Veränderung in dem Gesicht ihres Befehlshabers. Frere, der hinten saß mit dem Gesicht nach dem Osprey gewendet hatte allerlei Merkwürdiges auf dem Deck des Osprey bemerkt. Ueber dem Schanzbord zeigten sich hin und wieder fremde Köpfe, die schnell wieder verschwanden und ein schwaches Murmeln wie von vielen Stimmen drang über die See zu ihm hinüber. Plötzlich hörte man einen zweiten Flintenschuß, dessen Echo von den Felsen zurücktönte und etwas Dunkles fiel vom Schiff hinunter in das Wasser. Frere von Unruhe und Schreck ergriffen, sprang auf, beschattete seine Augen mit den Händen und blickte scharf nach dem Schiff. Die Soldaten, erschreckt, thaten dasselbe und das Boot so ohne Führung hin und her geworfen, gerieth in ein sehr gefährliches Schwanken. Eine ängstliche Pause, dann fiel wieder ein Schuß und der Angstschrei einer Frau ertönte. Alles erklärte sich. Die Gefangenen hatten sich der Brigg bemächtigt.

»Fort!« schrie Frere, bleich vor Wuth und die Soldaten, die plötzlich ihre furchtbare Lage begriffen, zwangen das schwere Boot so schnell durch die Wogen, als zwei Paar elender Ruder es vermochten.

* * *

Mr. Bates, dem die anscheinende Ruhe ein gewisses Sicherheitsgefühl gegeben hatte, ging zu seiner kleinen Spielgefährtin hinab und erzählte ihr, daß sie nun bald nach Hobart-Town absegeln würden, wovon sie so viel gehört hätte. Der Soldat, der gerade nicht Wache stand, benutzte seine Abwesenheit und ging auf das Vorderkastell, wo die Gefangenen sangen. Er fand die Zehn zusammen und in sehr guter Laune, denn Drei von ihnen sangen einen Wechselgesang. Die Stimmen waren recht melodisch und die Worte des Gesanges, die oft und oft schon auf dem Deck von Schiffen gesungen worden, waren wohl geeignet, einem Soldaten zu gefallen. Der gute Grimes vergaß ganz den unbewachten Zustand des Decks und setzte sich um zuzuhören.

Während er zuhörte, entfernten sich James Lesley, William Cheshire, William Russen, John Fair und James Barker unbemerkt, schlüpften den Gang hinauf und gelangten auf Deck. Barker erreichte gerade die große Luke, als der Soldat auf Wache eben den Rücken wandte und seinen Weg nach der andern Richtung wieder antrat. Er schlang seinen Arm ihm so schnell um den Hals und drückte ihn nieder, daß der Soldat nicht Zeit hatte, einen Schrei auszustoßen. In der Verwirrung des Augenblickes ließ der Soldat sein Gewehr los, um mit dem unsichtbaren Gegner zu ringen. Fair faßte schnell nach der Flinte und schwor, ihn durch den Kopf zu schießen, wenn er einen Finger rührte. Da die Wache so in Sicherheit war, sprang Cheshire, wie es schien nach völlig festgesetztem Plan die Treppe hinab und reichte die Flinten von dem Waffenstand an Lesley und Russen. Es waren drei Flinten da außer der, die sie der Schildwache abgenommen hatten und Barker, der den Gefangenen unter Fairs Obhut ließ, ergriff eine Flinte und lief auf Deck. Russen unbewaffnet gelassen, schien seine Rolle genau zu kennen. Er ging zurück auf’s Vorderkastell und von hinten kommend, klopfte er dem gehorchenden Soldaten auf die Schulter. Dies war ein verabredetes Zeichen. John Rex beendete seinen Gesang mit lautem Lachen und hielt dem erstaunten Grimes seine Faust vor die Nase. »Keinen Laut,« rief er. »Die Brigg ist unser.« Ehe Grimes noch antworten konnte, ergriffen ihn Lyon und Riley und banden ihn.

»Nun, Burschen,«« rief Rex, »schafft den Gefangenen hinunter. Dies Mal haben wir das Schiff sicher, dafür stehe ich ein.« Gehorsam diesem Befehl wurde der gebundene Soldat durch die Vorderluke hinuntergeworfen und diese geschlossen. »An die Luke, Porter,« rief Rex, »und wenn die andern Kerls herauf kommen, schlagt sie mit der Handspeiche zu Boden. Lesley und Russen, jetzt nach der Kajütstreppe. Lyon sieh nach dem Boot aus und wenn es zu nahe kommt, schieße drauf los. Während er so sprach, fiel der erste Schuß. Barker hatte augenscheinlich die Kajütstreppe hinab gefeuert.

* * *

Als Mr. Bates hinabging, fand er Sylvia auf einem Sopha der großen Kajüte lesend. »Nun, Missy,« sagte er, »Jetzt sind wir bald auf dem Wege zu Papa.«

Sylvia antwortete mit einer Frage, die dem Gegenstand völlig fremd war. »Mr. Bates,« sagte sie und strich das Haar aus ihren blauen Augen, »was ist ein Korakel?«

»Was für ein Ding fragte Bates.

»Ein Korakel?—K—o—r—a—k—e—l«– buchstabierte sie ganz langsam. »Ich möchte es gern wissen.«

Der erstaunte Bates schüttelte den Kopf. »Habe nie davon gehört,« sagte er und beugte sich über ihr Buch. »Was sieht da?«

»Die alten Briten,« las Sylvia ernsthaft, »waren wenig besser als Barbaren. Sie malten ihre Körper mit Weid, – das der blaue Stoff, Mr. Bates Sie wissen wohl, – und aßen in ihren leichten Korakels von Haut, die auf seine, hölzerne Rahmen gezogen war. So boten sie einen wilden und wüsten Anblick.«

»Ach,« sagte Bates, als sie ihm dies vorgelesen, »das ist wirklich fest merkwürdig, ein Korrikel – « ihm schien ein Licht aufzugehen. »Ein Kurrikel vielleicht, das ein Wagen. Ich habe dergleichen in Hyde Park gesehen, die von jungem Blut geführt wurden.«

»Von jungem Blut?« fragte Sylvia erstaunt. »Was ist das?«

»O Gecken! Feine Leute,« erwiderte der arme Bates, »Junge, reiche Männer, die sich groß thun.«

»Hm, ja, ich verstehe,« sagte Sylvia, ihre kleine und anmuthig ausstreckend. »Edeleute und Fürsten und solche Menschen. – Aber was ist’s mit dem Korakel?«

»Nun,« sagte der demüthige Bates, »ich denke es ist ein Wagen, eine Art Phaeton, Mihty, wie man es so nennt.«

Sylvia war nicht ganz zufrieden gestellt und versenkte sich wieder in ihr Buch: »Des Kindes Geschichte von England,« und nachdem sie eine Weile mit ganz finsterem Gesicht darin gelesen, brach sie plötzlich in lautes, kindliches lachen aus.

»O, Mr. Bates,« rief sie und schwang das Buch im Triumph, »was sind wir für Gänse gewesen. Ein Wagen, o Sie alter, thörichter Mann – ein Boot!«

»Wirklich,« sagte Bates in großer Bewunderung vor dem Verstande seiner kleinen Gefährtin. Wer hätte das gedacht? Warum nennen sie es denn nicht gleich ein Boot und damit holla!«

Er wollte auch eben in Lachen ausbrechen, da sah er, als er aufblickte die Gestalt von Barker in der Thür stehen, eine Flinte in der Hand.

»Holla, was ist das? Was wollen Sie hier?«

»Thut mir leid, Sie zu stören,« sagte der Deportierte grinsend, »aber Sie müssen mit mir kommen, Mr. Bates.«

Bates begriff, daß etwas Schreckliches geschehen, verlor aber nicht seine Geistesgegenwart. Eins der Sophakissen lag gerade unter seiner Hand. Er warf es blitzschnell mit wohlgezieltem Wurf dem Gefangenen gerade in’s Gesicht. Die weiche Masse traf den Mann doch mit so voller Kraft, daß er einen Augenblick geblendet war. Seine Flinte ging in die Luft los und ehe der erstaunte Barker sich erholen konnte, hatte Bates ihn schon gefaßt, aus der Thür hinausgedrängt, Meuterei geschrien und die Thür von innen verriegelt.

Der Lärm lockte Mrs. Vickers aus ihrer Kajüte und die arme kleine Geschichtsgelehrte lief ihr in die Arme.

»Gott im Himmel, Mr. Bates, was gibt es?«

Bates, halb rasend vor Wuth, vergaß sich so weit, daß er fluchte. »Es ist eine Meuterei, Madam! Gehen Sie zurück in Ihre Kajüte und schließen Sie die Thür. Diese Schurken haben sich gegen uns erhoben.« Julia Vickers fühlte ihr Herz fast still stehen. Sollte sie diesem entsetzlichen Leben niemals entgehen? »Gehen Sie nur in Ihre Kajüte und rühren Sie einen Finger, bis ich komme. Vielleicht ist es nicht so schlimm. Ich habe meine Pistolen bei mir, Gott sei Dank und Mr. Frere wird den Schuß; schon gehört haben. Meuterei! Alle auf Deck!« schrie er mit seiner kräftigen Stimme. Aber seine Stirn wurde feucht vor Entsetzen, als er keine andere Antwort hörte, als ein spöttisches Lachen vom Deck.

Die entsetzte Frau und das Kind in Sicherheit bringend, zog der Lootse eine Pistole, spannte sie und einen Säbel ergreifend, der in dem Mast hing, welcher durch die Kajüte ging, stieß er mit dem Fuß die Thür auf und stürzte die Treppe hinauf. Im ersten Augenblick hielt er den Weg für rein, aber Lesley und Russen stießen ihn mit ihren Flintenläufen zurück. Er hieb mit dem Säbel nach Russen, verfehlte ihn aber und da er die Hoffnungslosigkeit des Angriffes einsah, zog er sich ein wenig zurück.

Indessen hatten Grimes und der andre Soldat sich ihrer Bande entledigt und durch die Schüsse ermuthigt, die ihnen bewiesen, daß noch nicht Alles verloren war, versuchten sie, die Vorderluke zu öffnen, um auf Deck zu gelangen. Porter, dessen Muth durch die jahrelange schreckliche Disziplin ziemlich gebrochen war, widerstand nicht lange, als Jones, die Schildwache ihm die Handspeiche entriß und dem Lootsen zu Hilfe eilte.

Aber als; er das Deck erreichte, schoß ihn Cheshire, ein kaltblütiger Mann todt nieder. Grimes fiel über den Körper hin und Cheshire, die Flinte umkehrend, – hätte er noch ein geladenes Gewehr gehabt, hätte er gefeuert, – bearbeitete seinen Kopf, als er am Boden lag, mit dem Kolben. Dann nahm er den unglücklichen Jones in die Höhe und warf ihn in‘s Meer. »Porter, Du Faulpelz,« schrie er, etwas außer Athem durch die Anstrengung den Körper so hoch zu heben, – hilf anfassen, den Andern!« Porter näherte sich ganz bleich; da wurde die Aufmerksamkeit des Schurken durch ein neues Ereignis abgelenkt und das Leben des armen Grimes blieb für einige Zeit noch verschont.

Rex, in Wuth über den unerwarteten Widerstand von Seiten des Lootsen, stürzte auf das Deckfenster der Kajüte und zertrümmerte es eiligst. Als er das gethan, feuerte Barker, der sein Gewehr: inzwischen wieder geladen, in die Kajüte hinein. Die Kugel ging durch die Thür der Staatskajüte und das Holz zersplittern ging sie fort neben Sylvias blonden Locken in die Wand. Diese Rettung aus der furchtbaren Gefahr entriß der geängstigten Mutter jenen Schrei, welcher durch die offenen Kajütsfenster hinaus bis zu Frere und den Soldaten drang.

Rex, der bei seiner Geckenhaftigkeit noch einigen Abscheu vor unnöthigem Verbrechen besaß, glaubte, daß dies ein Schmerzensschrei gewesen und daß Barkers Kugel eine tödtliche Wirkung gehabt. »Du hast das Kind getödtet, Du Schurke,« schrie er.

»Was thut’s,« sagte Barker mürrisch. »Sie muß doch sterben, früher oder später.«

Rex steckte den Kopf in das Deckfenster und forderte Bates auf, sich zu ergeben, aber Bates zog als Antwort sein zweites Pistol. »Wollt ihr einen Mord begehen?« fragte er sich verzweifelnd umblickend.

»Nein nein,« rief einer der Leute, der gern den Tod des armen Jones verhehlen wollte; »es ist nicht nöthig, die Dinge noch schlimmer zu machen, als sie schon sind. Laßt ihn heraufkommen und es soll ihm kein Leid geschehen.«

»Kommen Sie herauf, Mr. Bates, und es soll Ihnen kein Leid geschehen,« rief Rex.

»Wollt Ihr die Frau des Kommandanten und das Kind an Land bringen? fragte Bates die wüthenden Gesichter oben fest anblickend.

»Ja.«

»Ohne ihnen Böses zu thun?« fuhr der Andre fort, buchstäblich vor der Mündung der Flinten unterhandelnd.

»Ja, ja, Alles in Ordnung,« antwortete Russen. »Wir wollen nur unsre Freiheit, das ist Alles.« Bates, der noch immer auf die Rückkehr des Bootes wartete, suchte Zeit zu gewinnen. »So schließt das Deckfenster,« sagte er mit dem letzten Schatten,von Autorität in seiner Stimme, »bis ich mit der Dame gesprochen habe.« Dies verweigerte John Rex jedoch. »Sie können mit ihr auch so sprechen,« sagte er.

Aber Bates hatte nicht nöthig Mrs. Vickers zu fragen. Ihre Kajütsthüre öffnete sich und sie erschien, zitternd mit Sylvia an ihrer Seite. »Nehmen Sie Alles an, Bates,« sagte sie, weil es doch nicht anders ist. Wir würden nichts gewinnen, wenn wir es verweigerten. Wir sind in ihrer Macht – Gott helfe uns.«

»Amen,« sagte Bates leise und dann laut: »Wir nehmen an.«

»So legen Sie die Pistolen auf den Tisch und kommen Sie herauf,« sagte Rex, seine Flinte gerade auf Bates, der am Tisch stand, richtend. »Niemand soll Sie anrühren.«

Zehntes Capitel.
Die Rache von Jahn Rex

Mrs. Vickers, bleich und schwach vor Entsetzen, aber doch aufrecht erhalten von jenem Muth, der ihr eigen war ging schnell unter dem offenen Deckfenster fort und wollte hinauf. Sylvia, deren Romantik von der furchtbaren Wirklichkeit zerstört war, hielt sich mit einer Hand an ihrer Mutter fest und mit der Andern drückte sie ihre »Englische Geschichte« fest an ihr Herz. In ihrer entsetzlichen Furcht, hatte sie ganz vergessen, das Buch fortzulegen.

»Nehmen Sie einen Shawl mit und einen Hut für Missy,« erinnerte Bates.

Mrs. Vickers sah zurück in den Raum, der unter dem offenen Deckfenster lag und schüttelte schaudernd den Kopf. Die Männer oben fluchten ungeduldig über die Verzögerung und die Drei eilten auf Deck.

»Wer wird die Brigg nun kommandieren?« fragte der uneingeschüchterte Bates, als sie hinauf kamen.

»Ich,« sagte John Rex und mit diesen braven Burschen will ich sie rund um die Welt bringen.«

Dieser Bombast war wohl angebracht und gefiel den Deportierten so wohl, daß sie einen schwachen Beifallsruf hören ließen, worüber Sylvia die Stirn runzelte. So erschreckt sie auch war, so staunte doch das unter Gefangenen aufgewachsene Kind ebenso über einen Beifallsruf den die Deportierten ausstießen, wie eine elegante junge Dame über den Diener gestaunt haben würde, der ihr ein Gedicht citirt hätte. Doch Bates, praktisch und ruhig sah die Sache anders an. Der kühne Plan, so kühn gestanden war für ihn eine völlige Abgeschmacktheit. Der »Dandy« und neun Deportierte wollten eine Brigg rund um die Erde steuern! Wie albern! Kein einziger konnte eine Berechnung machen. Seine nautische Phantasie stellte sich das gute Schiff vor, wie es hilflos auf den großen Wogen des Südmeeres hin und her rollte, oder in das Eis der Antarktischen See eingeschlossen lag. Er sah das trostlose Schicksal der verführten Leute im Geist vor sich. Selbst wenn sie sicher in einen Hafen gelangten, war ihre Aussicht auf Entkommen nur sehr gering, denn was für Auskunft konnten sie über sich geben? Ueberwältigt von diesen Gedanken machte der ehrliche Bursche noch einen letzten Versuch, seine Feinde andern Sinnes zu machen.

»Ihr Narren,« rief er. »Wißt Ihr, was Ihr thut? Ihr werdet niemals Eurem Schicksal entgehen. Gebt die Brigg zurück und ich will erklären, – vor Gott und auf die Bibel will ich’s schwören, – daß ich nichts sagen will, sondern Allen ein gutes Zeugniß geben!« Lesley und ein Anderer brachen bei diesem ungeheuerlichen Vorschlag in lautes Lachen aus, aber Rex, der alle Dinge wohl erwogen hatte, fühlte wie richtig des Lootsen Worte und antwortete ernsthaft:

»Es hilft nichts, weiter darüber zu sprechen,« sagte er, seinen hübschen Kopf schüttelnd. »Wir haben die Brigg jetzt in unserm Besitz und wir denken, sie zu behalten. Ich kann sie steuern, wenn ich auch kein Seemann bin. Sie brauchen nichts weiter zu sagen, Mr. Bates. Wir wollen Freiheit!«

»Was wollt Ihr mit uns machen?« fragte Bates.

»Sie zurücklassen.«

Bates erbleichte.

»Wie! Hier?«

»Ja. Es ist nicht schön hier und doch habe ich hier Jahre gelebt,« sagte er mit höhnischem Grinsen. Bates schwieg. Die Logik dieses Grinsens war unumstößlich.

»Nun,« rief der Dandy Rex, seinen augenblicklichen Trübsinn abstreifend, – »nun seht nur heiter aus. – Laßt das kleine Boot hinab. Mrs. Vickers gehen Sie in Ihre Kajüte und holen Sie, was Sie brauchen. Ich bin genöthigt, Sie an Land zu bringen, aber ich will Sie nicht ohne Kleider gehen lassen.« Bates horchte auf in ärgerlicher Bewunderung des höflichen Deportierten. Er hätte nicht so sprechen können und wenn sein Leben davon abgehangen hätte. »Nun, mein kleines Fräulein,« sagte Rex, »laufen Sie mit der Mama hinunter und fürchten Sie sich nicht.«

Sylvia wurde glühend roth über diese Beleidigung. »Mich fürchten!« rief sie. »Wenn irgend Jemand außer Weibern an Bord gewesen wäre, so hättet Ihr die Brigg nicht genommen! Lasset mich vorbei, Gefangener!«

Das ganze Deck brach in lautes Gelächter aus und die arme Mrs. Vickers hielt an, erschreckt wegen der Folgen dieser Kühnheit. Es war reiner Wahnsinn, den wilden Deportierten, der ihr Leben in seiner Hand hielt, so zu beleidigen. Doch in der Kühnheit ihrer Sprache gerade lag Sylvia’s Sicherheit. Rex, dessen Höflichkeit nur Prahlerei war, fühlte sich tief beleidigt durch die Anspielung auf seinen Muth und der bittere Ton, mit dem sie das Wort »Gefangener« ausgesprochen hatte, (die allgemeine Bezeichnung für die Deportierten) brachte ihn so in Wuth, daß er auf seine Lippen biß. Hätte er seinem Wunsch gefolgt, so hätte er die Kleine zu Boden geschlagen, aber das tolle Lachen seiner Gefährten warnte vor solcher That. Selbst unter Deportierten gibt es eine öffentliche Meinung und Rex wagte nicht, seine Wuth an einem so hilflosen Wesen auszulassen.

Wie Männer in solchen Fällen immer thun, verbarg er seinen Aerger unter der Maske der Lustigkeit, um zu zeigen, daß ihn der Spott nicht beleidigt, lächelte er die Kleine noch freundlicher an.

»Ihre Tochter hat des Vaters Geist, Madam,« sagte er mit einer Verbeugung zu Mrs. Vickers. Bates öffnete seinen Mund, als er dies hörte. Seine Ohren waren nicht groß genug, um Alles aufzufassen, was dieser höfliche Deportierte sagte. Er glaubte wirklich, Alles sei nur ein Traum. In diesem Augenblick kam es ihm sogar vor, als wenn John Rex ein größerer Mann wäre als John Bates. Als Mrs. Vickers hinunterging, kam das Boot mit Frere und den Soldaten gerade in Schußweite und Lesley feuerte auf Befehl seine Flinte über ihre Köpfe ab, ihnen zurufend, abzuhalten. Aber Frere vor Wuth schäumend über die Art, in der sich das Blatt gewandt, war entschlossen, seine Herrschaft nicht ohne Kampf aufzugeben. Die Warnung unbeachtet lassend, kam er gerade auf das Schiff zu, die Augen urverwandt darauf gerichtet. Es war fast dunkel geworden und die Gestalten auf dem Deck nicht mehr zu unterscheiden.

Der empörte Leutnant konnte den Stand der Dinge nur errathen. Plötzlich rief ihn aus der Dunkelheit eine Stimme an: »Haltet ab, haltet ab,« rief die Stimme und wurde vermuthlich dem Sprecher das Reden sogleich gelegt. Die Stimme war die von Bates. An der Seite stehend hatte er bemerkt, wie Rex und Fair eine große Eisenbarre herbeischleppten, die mit zum Ballast der Brigg gehörte und sie auf die Seite des Schiffs hinauslegten. Die Absicht war zu augenscheinlich und der ehrliche Bates bellte wie ein alter, treuer Hund um seinen Herrn zu warnen. Der blutdürstige Cheshire packte ihn an der Kehle und Frere, auf die Warnung nicht achtend, lief mit dem Boot an das Schiff, gerade unter die Nase des rachsüchtigen Rex.

Die Eisenmasse fiel hinab, streifte das Boot und zersplitterte eine Planke.

»Ihr Schurken,« schrie Frere, »wollt Ihr uns ersäufen?«

»Freilich,« lachte Rex »und noch ein Dutzend Euresgleichen. Die Brigg gehört uns und wir sind Eure Herren!«

Frere, einen Wuthausbruch unterdrückend, befahl das Boot anzulegen, aber der Stoß hatte es zurückgetrieben und es war schon über Armes Länge vom Schiff entfernt. Aufblickend sah er Cheshire’s wildes Gesicht und hörte das Knacken des Gewehrhahnes, als dieser seine Flinte anlegte. Die beiden Soldaten, erschöpft vom Rudern, machten keine Miene, das Abtreiben des Bootes aufzuhalten und fast ehe das von dem Fall der schweren Eisenmasse bewegte Wasser sich wieder beruhigt hatte, verschwand das Deck des Osprey schon in der Dunkelheit. Frere schlug mit der Faust auf die Bank, wüthend über seine völlige Ohnmacht. »Die Schurken,« murmelte er zwischen den Zähnen, »sie haben uns ganz untergekriegt. Was werden Sie nun weiter thun?«

Die Antwort folgte der Frage. Von dem dunkeln Körper der Brigg ging ein Blitz und ein Knall aus und eine Flintenkugel sauste dicht neben ihnen über das Wasser mit ihrem eigentümlich pfeifenden Tone. Zwischen der undeutlichen, schwarzen Masse der Brigg und dem schimmernden Wasser dicht neben ihnen, zeigte sich ein weißer Fleck, der sich ihnen allmählich näherte.

»Kommt heran,« rief eine Stimme sie an, »oder es wird Euer Schaden sein.«

»Sie wollen uns morden,« sagte Frere. »Fort, Leute!«

Aber die beiden Soldaten wechselten einen bezeichneten Blick miteinander und wandten den Kopf, um nach dem Schiff zu rudern. »Es hilft nichts, Mr. Frere,« sagte der Mann, der ihm zunächst saß. 1 »Wir können nichts machen und sie werden uns nichts thun.«

»Ihr Hunde, Ihr seid mit ihnen im Bündnis:« wüthete Frere, »seid Ihr auch Meuterer?«

»Still, still, Sir,« sagte der Soldat mürrisch, »jetzt ist’s nicht Zeit einen Mann niederträchtig zu machen und was die Meuterei anbetrifft – nun jetzt ist ein Mann hier so gut wie der Andere.«

Diese Worte von den Lippen eines Mannes, der noch vor wenigen Minuten sein Leben ans Befehl seines Offiziers gewagt hätte, überzeugte Maurice Frere mehr als Alles Andere von der Hoffnungslosigkeit jedes Widerstandes. Seine Autorität, die ihm durch Umstände zugefallen und durch vortheilhafte Verhältnisse bisher gesichert war, war dahin! Der eine Flintenschuß hatte ihn in die Reihen der Andern gestellt. Er war jetzt nicht mehr als jeder Andre; nein er war weniger als mancher Andre, denn diejenigen, welche die Feuerwaffen besaßen, hatten die Macht in Händen. Mit einem tiefen Seufzer ergab er sich in sein Schicksal und als er seine Uniform anblickte, war es ihm, als wenn jede Tapferkeit von ihm gewichen sei.

Als sie die Brigg erreichten, sahen sie daß die Jolle herabgelassen und längs lag. Es waren elf Personen darin: Bates, mit einem Hieb über der Stirn und gebundenen Händen, der fast bewußtlose Grimes, Russen und Fair an den Rudern, Lyon, Riley, Cheshire und Lesley mit Flinten und John Rex am Stern mit Bates geladener Flinte über die Knie gelegt. Der weiße Gegenstand, den die Männer im großen Boot gesehen hatten, war ein großer, weißer Shawl, in den Mrs. Vickers und Sylvia eingehüllt waren. Frere fluchte für sich und fühlte sich erleichtert, als er dies weiße Bündel sah. Er hatte gefürchtet, daß man das Kind mißhandelt habe. Auf Befehl von Rex wurde das große Boot an das kleine herangebracht und Cheshire und Lesley stiegen hinein. Lesley gab seine Flinte an Rex und band Freres Hände ihm auf den Rücken, ebenso wie bei Bates. Frere wollte das nicht dulden, aber Cheshire hielt die Mündung seiner Flinte ihm dicht an’s Ohr und schwor, er werde ihm den Schädel auseinander sprengen, wenn er noch eine Silbe äußere. Frere sah an dem boshaft blinkenden Auge von Rex, daß nicht viel dazu gehöre, um die alte Rechnung, welche diese Kerls mit ihm hatten, abzuschließen und – schwieg. »Treten Sie herein, Sir,« sagte Rex mit höflicher Ironie. »Es thut mir leid, daß ich genöthigt bin, Sie zu binden, aber ich muß meine Sicherheit eben so wohl bedenken wie Ihre Bequemlichkeit.« Frere machte ein mürrisches Gesicht, trat hinüber in das Boot und fiel. Mit den gebundenen Händen konnte er sich nicht allein aufhelfen und Russen riß ihn roh in die Höhe, höhnisch lachend. In seiner jetzigen Stimmung erbitterte ihn dieses Lachen mehr als seine Fesseln. Die arme Mrs. Vickers sah dies und mit dem Instinkt der Frau, wußte sie, selbst in tiefen Leiden, Trost für ihn zu finden.

»Die Elenden,« murmelte sie, als Frere neben ihr niedergeworfen wurde, »Sie solcher Schmach auszusetzen!«

Sylvia sagte nichts, zog sich aber etwas von Frere zurück. Ja in ihrer kindischen Phantasie hatte sie sich vielleicht vorgestellt, daß Frere von Kopf bis zu den Füßen bewaffnet zu ihrer Befreiung kommen müsse, oder wenigstens als starker Held die Rache durch persönlichen Muth ausfechten würde. Die Wirklichkeit mußte allerdings kalt auf solche Träume fallen.

Mr. Frere, dunkelroth, schwerfällig und gebunden erschien durchaus nicht herrisch.«

»Nun, Burschen,« sagte Rex, der mit Frere’s verlorener Autorität bekleidet zu sein schien zu den Soldaten, – »wir lassen Euch jetzt die Wahl: bleibt am Höllenthor oder kommt mit uns.«

Die Soldaten schwiegen unentschlossen. Sich mit den Meuterern verbinden hieß, harter Arbeit entgegengehen und schließlich gehängt werden. Mit den Gefangenen zurückbleiben, hieß dem unvermeidlichen Hungertode auf der öden Küste verfallen. – Wie oft in solchen Fallen, entschied eine Kleinigkeit. Der verwundete Grimes, der sich allmählich von seiner Betäubung erholte, begriff jetzt den Sinn der Frage und dachte in seiner etwas undeutlichen Vorstellung von der Sache, daß er seine Meinung abgeben müsse.

»Geht mit ihm, ihr Bettler,« sagte er, – »verlaßt uns ehrliche Leute! O, Ihr werdet noch mal angebunden werden dafür!«

Das Wort »angebunden« erinnerte die Beiden an die schlimmste Seite der militärischen Disziplin, an die Katze und weckte in ihnen, die schon sehr geneigt waren, das harte Joch abzuwerfen, eine Reihe von unangenehmen Erinnerungen. Das Leben eines Soldaten in einer Deportierten Station war damals ein äußerst hartes. Er wurde oft in seinen Rationen sehr knapp gehalten und nothwendiger Weise aller Erholung beraubt, während die Strafe für jede Art von Vergehen streng und schnell war. Die Compagnien, welche in die Strafkolonien geschickt wurden, waren nicht aus den besten Elementen zusammen gesetzt und die Beiden hatten manches Beispiel von ähnlichem Vergehen anführen hören.

»Nun,« sagte Rex, »ich kann hier nicht die ganze Nacht warten. Der Wind ist gut und wir müssen über das Riff. – Was wollt Ihr thun?«

»Wir wollen mit Euch gehen,« sagte der Mann, der im großen Boot nächst Frere gesessen hatte und spie mit abgewandtem Antlitz in die See. Die Deportierten brachen lachend in allerlei Flüche aus und die Beiden wurden mit vielem Handschlagen aufgenommen. Dann stiegen Rex mit Lyon und Riley als Wachen, in das große Boot, lösten die Bande der zwei Soldaten und sie mußten die Plätze von Russen und Fair einnehmen. Das große Boot wurde nun mit den sieben Meuterern bemannt: Rex steuerte, Fair, Russen und die zwei Soldaten ruderten und die andern vier standen da, die Flinten auf die Jolle gerichtet. Ihre lange Sklaverei hatte ihnen solche Scheu vor der Autorität gegeben, daß diese, selbst unter dem drohenden Feuer von vier Flinten ihnen noch Furcht einflößte.

»Haltet Euch weit ab,« rief Cheshire, als Frere und Bates den Befehlen gehorchend und gelöst von ihren Fesseln die Jolle nach der Küste hin ruderten. So wurde die unglückliche kleine Gesellschaft auf’s Festland gebracht.

Es war Nacht, als sie landeten, aber der klare Himmel leuchtete im Schein des ihnen noch unsichtbaren Mondes und die Wellen brachen sich sanft an der Küste und schimmerten so hell als ob die Bewegung selbst ihnen ein eigenes Licht gäbe. Frere und Bates an Land springend, halfen Mrs. Vickers und Sylvia und dem verwundeten Grimes heraus. Dies geschah unter den Mündungen der Musketen und Rex gab nun Befehl, daß Frere und Bates die Jolle so weit wie möglich in’s Wasser stoßen sollten. Das geschah und Riley faßte sie mit einem Bootshacken und dann wurde sie in’s Schlepptau genommen.

»Nun, Burschen,« rief Cheshire mit wilder Freude, »drei Hurrahs für Alt England und die Freiheit!«

Ein großes Geschrei entstand, das die Hügel, die soviel Elend gesehen, als Echo zurücksandten.

Den unglücklichen Fünfen klang dies Geschrei wie Todtengeläute. »Großer Gott,« rief Bates, bis an die Knie in’s Wasser laufend »wollt Ihr uns hier verhungern lassen?« Aber die einzige Antwort war das Plätschern der sich entfernenden Ruder.

Elftes Capitel.
Am Höllenthor zurückgelassen

Es ist nicht nöthig bei den Qualen dieser Nacht zu verweilen. Vielleicht war von Allen Mrs. Vickers am wenigstens geeignet, Leiden zu ertragen; sie war aber diejenige, welche durch den Gedanken an das künftige Leiden am meisten litt. Sie war Frau und in dieser doppelten Eigenschaft besaß sie auch eine vermehrte Leidensfähigkeit. Ihre Einbildungskraft führte ihr alle Qualen des künftigen Hungertodes vor und nachdem sie sich die eigenen Leiden vorgestellt hatte, durchlebte sie noch ein Mal die Leiden ihres Kindes. Sie wies Bates Anerbieten seiner Jacke und Frere’s unbestimmtes Hilfsanerbieten zurück und suchte sich hinter einem kleinen Felsen eine geschützte Stelle auf, nahm ihr Kind in ihre Arme und überließ sich ihren quälenden Gedanken. Sylvia, die sich von ihrem ersten Schreck erholt hatte, schlief ganz zufrieden, in ihrer Mutter Shawl gewickelt ein. Diese mitternächtliche Romantik mit Booten und Flinten hatte für ihre kleine Seele etwas sehr Anziehendes. Mit Bates, Frere und ihrer Mutter so nahe bei ihr, brauchte sie sich gar nicht zu fürchten. Es war ja auch ganz sicher zu erwarten, das Papa – das höchste Wesen der Niederlassung bald zurückkommen und dann die Gefangenen strafen würde, welche gewagt hatten, seine Frau und sein Kind zu beleidigen. Als Sylvia einschlief, war ihr letzter Gedanke ein Mitleidsgefühl für die armen Gefangenen, die in eine so fürchterliche Lage mit offenen Augen gegangen waren. Wie würden sie gepeitscht werden, wenn Papa zurück kam! – Uebrhigens war diese Nacht unter freiem Himmel ganz angenehm.

Der ehrliche Bates brachte ein Stück Zwieback zum Vorschein und mit natürlicher Großmuth bestimmte er, daß dies nur für die beiden Frauen aufbewahrt werden sollte. Davon wollte aber Mrs. Vickers nichts hören.

»Wir müssen es Alle miteinander theilen,« sagte sie in dem Geist, den ihr Mann wohl bei dieser Gelegenheit entwickelt hätte und Frere konnte nicht umhin, ihre augenscheinliche Geisteskraft zu bewundern. Hätte er mehr Beobachtungsgabe gehabt, so würde er sich nicht gewundert haben, denn wenn Gefahren einer von zwei Personen zustoßen, die zusammen gelebt haben, so macht sich immer der Einfluß des edleren Geistes geltend. Frere hatte eine Zunderbüchse in seiner Tasche und machte ein Feuer von trocknen Aesten und Blättern. Grimes schlief ein und die beiden Männer, am Feuer sitzend, besprachen die Möglichkeit ihrer Rettung. Keiner von ihnen wollte klar die Möglichkeit beleuchten, daß sie vollständig verlassen waren. Sie kamen dahin überein, daß wenn die Brigg nicht noch diese Nacht segelte – und der aufgehende Mond zeigte ihnen, daß sie noch fest vor Anker lag, so würden die Deportierten wohl kommen und ihnen Nahrungsmittel bringen. Diese Voraussetzung war richtig, denn etwa eine Stunde nach Tagesanbruch sahen sie das große Boot abstoßen und zu ihnen herüberrudern.

Unter den Meuterern war eifrigst besprochen worden, ob sie sogleich in See gehen sollten oder nicht. Barker, der bei dem Lootsenkommando gearbeitet hatte und die Gefahren des Riffs kannte, schwur, daß er es nicht unternehmen würde, die Brigg vor Tage durch das Thor zu bringen. So wurden denn die Boote in Sicherheit gebracht und eine Wache ausgestellt, damit der hilflose Bates nicht etwa einen Versuch machte, die Brigg wieder zu erobern. Bald legte sich die Aufregung über die vollbrachte That und die Größe ihrer Aufgabe stellte sich ihnen in ihrer ganzen Schwierigkeit dar. Bald wurde ein Gefühl des Mitleids gegen die armen Ausgesetzten in ihnen rege. Es war ja sehr möglich, daß der Osprey wieder genommen würde und dann hätte man fünf ganz überflüssige Morde begangen. Wie grausam und kalt auch die Meisten von ihnen waren, Keiner dachte ohne Gewissensbisse an den möglichen Tod des unschuldigen Kindes. John Rex, der schon merkte, wohin die Gedanken sich wandten, machte sich den Gedanken an Barmherzigkeit wieder zu Nutzen. Er herrschte und hatte immer über die Leute geherrscht, nicht gerade dadurch, daß er sie unbedingt seinen Willen ausführen ließ, sondern vielmehr dadurch, daß er sie auf dem Wege führte, den sie schon eingeschlagen hatten.

»Ich schlage vor,« sagte er, »daß wir die Lebensmittel theilen. Wir sind zehn, sie sind fünf, dann kann uns Niemand einen Vorwurf machen.

»Ja,« sagte der schüchterne Porter, und dachte an eine ähnliche Geschichte. »Wenn wir wieder gefangen werden, können sie sagen, was wir gethan haben. Last uns nicht so handeln, wie die von der Cypresse, die Alle verhungern ließen.«

»Ganz recht,« sagte Barker. »Als Fergusson in Hobart Town geköpft wurde, hörte ich den alten Troke sagen, daß wenn er sich nicht geweigert hätte, Nahrung an Land mitzuschicken, er noch mit heiler Haut davon gekommen wäre.«

So von Selbstsucht mehr als von Mitleiden getrieben brachten sie bei Tagesanbruch alle Vorräthe auf Deck und machten eine Art Theilung. Die Soldaten, durch Gewissensbisse getrieben, wollten die Hälfte von Allem an die Ausgesetzten geben, aber Barker sprach sich dagegen aus. »Wenn der Schooner merkt, daß sie nicht nach kommen, wird er zurückkommen und sie holen und wir brauchen alles Futter selbst, denn wer kann wissen, wann wir Land sehen.«

Dem stimmten Alle bei und danach wurde gehandelt. Es waren in den Pökeltonnen etwa fünfzig Pfund Salzfleisch. Davon nahmen sie ein Drittel, ebenso einen kleinen Sack Mehl, etwas Thee und Zucker, so wie einen eisernen Kessel und einen Becher. Dies wurde in das große Boot hinabgelassen und Rex, der Ausschweifungen seiner Leute fürchtete, fügte noch eines der kleinen Fässer Rum hinzu, die sich im Vorrathsraum vorfanden. Cheshire wollte davon nichts wissen, aber Rex ließ nicht ab und als Cheshire gerade über eine Ziege stolperte, die von Philipps Island mit an Bord gekommen war, faßte er das Thier lachend bei einem Bein und warf es mit einem Spaß in die See, Rex zurufend, er möge das auch noch mit zur Ladung einnehmen. Rex zog das arme Geschöpf in das Boot und mit dieser bunten Ladung ruderte er der Küste zu.

Die arme Ziege, welche fror, fing an, jämmerlich zu blöken und die Männer lachten. Dem Fremden hätte es so vorkommen können, als ob glückliche Fischer oder Küsten-Ansiedler vom Markte zurückkehrten.

Rex legte an der seichten Küste an und rief Bates zu, die Ladung in Empfang zu nehmen. Drei Mann standen mit ihren geladenen Flinten auf, um jeden Versuch einer Wiedereinnahme zurückzuweisen. Die Vorräthe, Ziege und Alles wurden an Land geschafft. »Da,« rief Rex, »jetzt könnt Ihr nicht sagen, daß wir Euch schlecht behandelt haben, denn wir haben die Vorräthe getheilt.« Der Anblick dieser fast unerwarteten Hilfe, belebte den Muth der Fünf und sie fühlten wahre Dankbarkeit. Nach der schrecklichen Nacht, welche sie durchlebt, sahen sie die Männer welche ihnen nun beistanden mit freundlichen Augen an. »Männer,« sagte Bates mit etwas gerührter Stimme, »das erwartete ich nicht. Ihr seid gute Kerls, denn an Bord gibt’s nicht viel zu essen, das weiß ich.«

»Ja,« sagte Frere, »Ihr seid gute Kerls.«

Rex brach in ein wildes Gelächter aus, »Halte Dein Maul, u Tyrann,« rief er und vergaß in der Erinnerung an seine früheren Leiden seine Geckenhaftigkeit. »Es geschieht nicht für Euch; Sie haben der Dame und dem Kinde dafür zu danken.« Julia Vickers beeilte sich, den zu versöhnen, der ihrer Tochter Schicksal in Händen hielt. »Wir sind Ihnen sehr dankbar,« sagte sie nicht ohne Würde, die sie von ihrem Manne angenommen hatte, »und wenn ich je zurückkomme, will ich dafür sorgen, daß Ihre Güte bekannt werde.«

Der Schwindler und Fälscher nahm seine lederne Mütze mit Achtung ab. Seit fünf Jahren hatte keine Dame mit ihm gesprochen und die alte Zeit, da er noch »Mr. Lionel Crofton« war, kam ihm wieder in Erinnerung. In diesem Augenblick, – Freiheit und Glück vor sich – fand er seine Selbstachtung wieder und er sah der Dame ohne Verlegenheit in die Augen.

»Ich hoffe aufrichtig, Madame, daß Sie sicher zurückkommen werden. Kann ich auf Ihre guten Wünsche für mich und meine Gefährten rechnen?«

Der horchende Bates brach in laute Bewunderung aus.

»Was für ein Hund das ist,« schrie er. »John Rex, John Rex, Du warst nie dazu gemacht, ein Deportierter zu ein.«

Rex lächelte: »Leben Sie wohl, Mr. Bates. Gott beschütze Sie!«

»Lebt wohl!« sagte Bates und riß auch seinen Hut vom Kopf. »Ich hoffe, Ihr werdet sicher frei kommen, denn die Freiheit ist für Jedermann süß.«

»Lebt wohl, Gefangene!« sagte Sylvia und schwenkte ihr Taschentuch. »Ich hoffe, daß sie Euch nicht greifen!«

So stieß das Boot unter Hurrahrufen und Tücherschwenken ab.

In der Aufregung, welche das anscheinend großmüthige Betragen von John Rex bei den Ausgesetzten hervorgerufen hatte, war jeder ernste Gedanke an die eigene Lage zurückgetreten und merkwürdiger Weise herrschte der Gedanke an das Schicksal der Meuterer vor. Aber als das Boot den Blicken mehr und mehr entschwand, wurde das Bewußtsein des eigenen Schicksals wieder deutlicher und als endlich das Boot ganz in dem Schatten der Brigg verschlungen war, fuhren Alle wie aus einem Traume auf zu der vollen Klarheit des eigenen Zustandes.

Eine Art Kriegsrath wurde unter dem Vorsitz von Frere gehalten und alle Besitzthümer der kleinen Gesellschaft zusammen geworfen. Das Salzfleisch, Mehl und Thee wurden in einem ausgehöhlten Felsen, in einiger Entfernung von der Küste untergebracht und Mr. Bates zum Verwalter ernannt. Er sollte Jedem ohne Furcht und Gunst den bestimmten Antheil zumessen. Die Ziege wurde an einer Angelleine festgemacht, ihr aber genügend Raum zum Grasen gelassen. Das Fäßchen Rum wurde im hintersten Raum der Felsenhöhle untergebracht und es wurde ausgemacht, daß sein Inhalt nur in Krankheitsfällen oder in er äußersten Noth angegriffen werden sollte. Es war kein Mangel an Wasser, denn ein Bächlein floß in der Entfernung von etwa hundert Ellen von den Felsen herab. Sie berechneten, daß mit Vorsicht, ihre Vorräthe etwa vier Wochen dauern würden.

Man fand als Eigenthum bei der Durchsicht drei Taschenmesser, eine Rolle Bindfaden, zwei Pfeifen, ein Ende Tabak, einen Rest Angelleine mit Haken und ein starkes Einschlagmesser, das Frere eingesteckt hatte, um die Fische abzufangen, die er etwa tödten würde. Aber sie sahen mit Unruhe, daß sie nichts besaßen, was die Dienste einer Axt hätte versehen können. Mrs. Vickers hatte ihr Shawl und Bates eine große Jacke, Frere und Grimes aber hatten keine Kleidungsstücke weiter. Man kam überein, daß Jeder sein Eigenthum behalten sollte, mit Ausnahme der Angelleinen, die gemeinsames Eigenthum wurden. Als man mit diesen Besprechungen fertig war, füllte man den Kessel mit Wasser aus dem Bach und er wurde an drei grünen Stöcken über ein Feuer gehängt. Ein Becher schwachen Thee’s mit einem Zwieback wurde Jedem gereicht, ausgenommen Grimes, der erklärte, er sei nicht im Stande, etwas zu genießen. Als das Frühstück vorüber war, machte Bates einen Mehlkuchen, der in der Asche gebacken werden sollte und dann wurde wieder ein Rath gehalten, um zu bestimmen, wie man künftig wohnen wolle. Es war klar, daß sie nicht unter freiem Himmel schlafen konnten. Sie hatten jetzt Sommer und es war gerade kein Regen zu erwarten, aber die Hitze war Mittags erdrückend. Ueberdies war es ganz nothwendig, daß Mrs. Vickers und das Kind ein Plätzchen für sich haben mußten. In einer kleinen Entfernung von der Bucht erhob sich ein sandiger Zügel, welcher zu der Klippe hinauf führte und auf der Ostseite dieses Hügels stand ein Gehölz von jungen Bäumen. Frere schlug vor, diese Bäume nieder zu hauen und eine Hütte davon zu bauen. Doch fand sich bald, daß ihre Messer ganz ungenügend waren, um diese Bäume abzuschneiden. Nun knickten sie wenigstens die Aeste ein, brachen sie herunter und es gelang ihnen nach einigen Stunden der Arbeit, so viel Aeste und Zweige zu sammeln, daß sie eine Art Dach flechten konnten, das von dem hohlen Felsen, in dem ihre Lebensmittel lagen, bis zu einem andern kleinen Felsen, fünf Ellen entfernt, reichte. Dies sollte Mrs. Vickers und Sylvia’s Ruheplatz sein und Frere und Bates wollten vor dem hohlen Felsen liegen, um die Lebensmittel und die Frauen zugleich zu beschützen. Grimes indeß sollte für sich selbst später eine kleine Hütte bauen.

Als sie zum Mittagessen zurückkehrten, ganz belebt von ihren Entschlüssen, fanden sie die arme Mrs. Vickers in großer Unruhe. Grimes, der wegen seiner Kopfwunde zurückgeblieben war, ging längs der Bai am Ufer entlang, geheimnißvoll sprechend und seine Fäuste gegen einen eingebildeten Feind drohend ausstreckend. Als sie sich ihm näherten fanden sie, daß er irre redete und daß der Schlag augenscheinlich sein Gehirn erschüttert hatte. Frere versuchte vergeblich ihn zu beruhigen, endlich auf den Rath von Bates tauchten sie ihn in das Wasser. Das kalte Bad beruhigte seine Raserei etwas und als sie ihn in den Schatten eines Felsens legten, fiel er in große Erschöpfung und schlief ein.

Der Mehlkuchen wurde nun vertheilt und bildete mit einem Stückchen Fleisch ihr Mittagessen. Mrs. Vickers berichtete, daß sie viel Bewegung an Bord der Brigg bemerkt hätte und glaubte, daß die Gefangenen viele Stücke der Ladung über Bord geworfen hätten, um sie zu erleichtern. Dies erklärte Bates für sehr richtig gehandelt und beobachtete nun auch seinerseits, daß sie einen Bugsiranker ausgeworfen, und daß sie nun mittelst der Busirleine sich allmählich aus der Bucht holten. Ehe noch das Mittag vorüber war, sprang eine leichte Brise auf und vom Osprey, der die umgekehrte britische Flagge aufgezogen, wurde ein Schuß abgefeuert, zum Lebewohl oder als Triumph. Dann setzten sie Segel und bald verwand das Schiff hinter dem westlichen Horn der Bai.

Mrs. Vickers nahm Sylvia an die Hand und ging einige Schritte weit fort, lehnte sich gegen die rauhe Felswand ihrer künftigen Wohnung und weinte bitterlich. Bates und Frere heuchelten Heiterkeit, aber jeder von ihnen fühlte, daß er bis jetzt die Anwesenheit der Brigg als eine Art von Schutz betrachtet hatte und nun erst die absolute Verlassenheit fühlte. Die Nothwendigkeit der Arbeit indeß ließ ihnen keine Muße, eitler Sorge nachzuhängen und die Beiden arbeiteten so hart, daß sie vor Anbruch der Nacht genug Astholz herbeigeschleppt hatten, um Mrs. Vickers Wohnung fertig zu bauen. Während des Fortschrittes ihrer Arbeit wurden sie oft von Grimes unterbrochen, der sich auf sie stürzte und laut über ihre Verrätherei schalt, die ihn der Gnade der Meuterer überlassen hätte.

Bates klagte auch über Schmerz in seiner Wunde und fühlte zuweilen einen Anfall von Schwindel, den er sich gar nicht erklären konnte. Er badete häufig den Kopf und hielt sich so aufrecht, bis die Arbeit des Zusammenholens der Zweige fertig war, dann warf er sich nieder und erklärte, er könne nicht mehr aufstehen.

Frere wandte bei ihm das Mittel an, das sie so erfolgreich bei Grimes angewandt hatten, aber das Salzwasser entzündete die Wunde und verschlimmerte sein Befinden. Mrs. Vickers meinte, die Wunde müsse mit etwas Rum und Wasser gewaschen werden und so wurde das Fäßchen vor-geholt, geöffnet und zu dem Zwecke angebrochen.

Thee und Mehlkuchen bildete ihr Abendessen und bei dem Lichte eines guten Feuers sah sich ihre Lage nicht mehr ganz so verzweifelt an. Mrs. Vickers hatte den Becher auf einen flachen Stein gesetzt und theilte den Thee mit einer Würde aus, die etwas Geziertes gehabt hätte, wenn sie nicht so ergreifend unter diesen Umständen gewesen wäre. Sie hatte ihr Haar geglättet und das weiße Shawl kokett umgeschlungen. Sie klagte schon gegen Mr. Frere, daß sie nicht mehr Kleidungsstücke mitgenommen. Sylvia war sehr aufgeräumt wollte aber nicht bekennen, daß sie Hunger hatte.

Als der Thee getrunken war, holte sie Wasser mit dem Kessel aus dem Bach und kühlte Bates Kopf. Man beschloß, daß am nächsten Morgen ein Platz ausgesucht werden sollte, von wo man die Angelleinen aushängen könnte und daß dann täglich Einer fischen sollte.

Das Befinden des unglücklichen Grimes gab jetzt zu der größten Besorgnis Veranlassung. Er sprach nicht nur Unsinn, sondern war ganz wild und rasend geworden und Frere mußte ihn fortwährend bewachen. Nach vielem Schreien und toben schlief der arme Kerl endlich ein und Frere, der Bates geholfen hatte, nach seiner Schlafstelle vor dem Felsen zu gelangen und ihn dort auf einen Haufen grüner Blätter gebettet hatte, bereitete sich jetzt selbst, einiger Stunden Schlafs zu genießen. Müde von der Aufregung und Arbeit des Tages schlief er sehr fest, bis er gegen Morgen von einem sonderbaren Lärm erweckt wurde. Grimes, dessen Irrereden augenscheinlich in Wahnsinn übergegangen war, hatte sich durch das rohe Astholz, das den Schlafplatz umzäunte, einen Weg gebahnt und sich wie ein Rasender auf Bates geworfen. Stöhnend und ächzend hatte er den Lootsen bei der Kehle gepackt. Dieser von dem Fieber, eine Folge seiner Kopfwunde sehr geschwächt, war fast unfähig, sich seinem Gegner zu widersetzen und mit schwacher Stimme nach Frere um Hilfe rufend, war es ihm gelungen, das große Messer, von dem wir gesprochen, in seiner Hand zu verbergen. Frere, aufspringend, eilte dem Lootsen zu Hilfe, aber Grimes, das Messer während des Ringens zu Gesicht bekommend, entriß es Bates und ehe Frere ihm in den Arm fallen konnte, stieß er es zwei Mal tief in die Brust von Bates.

»Es ist vorbei mit mir,« rief Bates sterbend.

Der Anblick des Blutes, so wie der Ausruf seines Opfers ab Grimes die Besinnung wieder. Er blickte entsetzt auf das blutige Messer und dann, es von sich werfend, stürzte er nach dem Ufer und warf sich kopfüber in das Wasser.

Frere ganz versteinert von dein Anblick dieser furchtbaren Tragödie blickte ihm nach. Er sah aus dem stillen Wasser die Arme mit hochgehobenen Händen auftauchen; ein schwarzer Kopf erschien dazwischen auf der Oberfläche und dann verschwand Alles mit einem schrecklichen Schrei und das blitzende Wasser war so ruhig wie zuvor. Die Augen des entsetzten Frere wandten sich von dem Wasserspiegel zu dem blutigen Messer zurück und sahen auf dem Sande einen Gegenstand, der wohl geeignet war, den plötzlichen Wuthausbruch des Wahnsinnigen zu erklären. Das Rumfäßchen lag auf der Seite neben den Resten des gestrigen Feuers und dicht dabei ein Tuch, mit dem der Kopf des Verwundeten verbunden gewesen. Augenscheinlich war der Unglückliche in seinem Delirium auf das Rumfaß gestoßen und hatte ihn dies Getränk ganz wahnsinnig gemacht.

Frere eilte zu Bates, hob ihn auf und versuchte das Blut zu stillen, das aus der Brustwunde floß. Es schien, als ob, auf dem linken Ellenbogen ruhen, Grimes ihm das Messer aus der rechten Hand gerissen und ihn zweimal in die rechte Brust gestoßen hatte. Er war blaß und bewußtlos und Frere fürchtete, daß die Wunde tödlich war. Sein Halstuch abreißend, versuchte er die Wunde zu verbinden, aber das kleine seidene Tuch reichte nicht aus. Mrs. Vickers, durch den Lärm geweckt und ihr Grauen unterdrückend, riß etwas von ihrer Kleidung in Streifen und so gelang es ihnen, Bandagen von genügender Länge anzulegen. Frere ging nun, um zu sehen, ob in dem Fäßchen noch etwas Rum zurückgelassen, damit er die Lippen des Sterbenden damit befeuchten konnte und denselben vielleicht in’s Leben zurückrufen.

Aber Grimes hatte, nachdem er getrunken, das Fäßchen umgekehrt und der gierige Sand hatte jeden Tropfen des kostbaren Getränks aufgesogen. Sylvia holte Wasser aus einem Bach und nachdem Mrs. Vickers Bates Kopf damit gebadet lebte er wieder auf. Mrs. Vickers melkte die Ziege, eine Arbeit, die sie nie zuvor in ihrem Leben gethan und Bates trank die Milch gierig aus dem Becher, spie aber Alles gleich wieder aus. Augenscheinlich war er innerlich stark verletzt und es ging schnell mit ihm zu Ende.

Niemand von der Gesellschaft spürte Appetit zum Frühstück, doch aß Frere, dessen Empfindsamkeit nicht ganz so hoch gespannt war, ein Stück Fleisch und Brod. Es fiel ihm in grausamer Selbstsucht ein, daß, nun Grimes fort war, die Vorräthe länger vorhalten würden und sollte Bates auch sterben, so würde sich der Antheil eines Jeden noch vergrößern. Doch sprach er seine Gedanken nicht aus, sondern saß still da, hielt den Kopf des Verwundeten aus seinen Knieen und wehrte ihm die Fliegen ab. Er hoffte, daß der Lootse nicht sterben möchte, denn dann blieb er ja ganz allein zurück, um für die Frauen zu sorgen. Vielleicht durchfuhr dasselbe auch Mrs. Vickers Kopf. Nur Sylvia hielt nicht zurück mit dieser Sorge.

»Sterben Sie nicht, Mr. Bates, sterben Sie nicht!« sagte sie und stand jammernd neben dem Körper, den sie zu berühren fürchtete.

»Lassen Sie mich und Mama nicht allein an diesem schrecklichen Ort!i«

Der arme Bates sagte natürlich nichts, aber Frere runzelte die Stirn und Mrs. Vickers sagte tadelnd:

»Sylvia!« gerade, als ob sie noch in dem alten Hause in Sara Island wären.

Nachmittags ging Frere fort, um Holz zum Feuer zusammen zu tragen und als er zurück kam, fand er Bates im Sterben. Mrs. Vickers sagte, daß er schon Stunden lang so ohne Bewegung und auch fast ohne Athem dagelegen habe.

Des Major’s Frau, die schon an mehr als einem Sterbebett gestanden, war ruhig genug, aber Sylvia, die in der Nähe auf einem Stein saß, zitterte vor Angst. Sie bildete sich ein, daß der Tod von irgend etwas Schrecklichem begleitet sei. Als die Sonne unterging, schien es, als ob Bates sich von Neuem belebe, aber die beiden Wächter wußten, daß es nur das letzte Aufflackern war.

»Jetzt ist es vorbei,« flüsterte Frere, als ob er die schlummernde Seele nicht wieder wecken wolle. Mrs. Vickers hob mit strömenden Thränen den guten, ehrlichen Kopf in die Höhe und befeuchtete die trocknen Lippen mit ihrem nassen Tuche. Ein Zittern ging durch den einst starken Körper und der Sterbende öffnete die Augen. Einen Augenblick schien er verwirrt, dann kehrte Bewußtsein in seinen Blick zurück, als er von Einem zum Andern blickte und es war klar, daß er Alle erkannte. Sein Blick ruhte auf Sylvia’s schreckensbleichem Antlitz und wandte sich dann zu Frere. Man konnte die stumme Bitte der beredeten Augen nicht mißverstehen.

»Ja ich will für sie sorgen,« sagte Frere.

Bates lächelte. Dann bemerkte er, daß das Blut aus seiner Wunde Mrs. Vickers Shawl befleckt hatte und machte eine Anstrengung, seinen Kopf zu bewegen. Es paßte sich doch nicht, daß der Shawl einer Dame von dem Blute eines so geringen Mannes, wie er befleckt werden sollte. Die Modedame verstand mit schnellem Blick seine Bewegung und zog seinen Kopf wieder an ihre Brust. In Gegenwart des Todes ist das Weib nur weiblich. Einen Augenblick war Alles still und sie dachten er sei todt. Aber plötzlich öffnete er wieder keine Augen und blickte nach der See.

»Wendet mein Gesicht dahin,« flüsterte er und als sie ihn ausrichteten, wandte er sein Ohr wie um zu horchen.

»Hier ist es ruhig genug, Gott sei Dank,« sagte er, – aber ich kann die Wogen hören draußen am Riff!«

Und sein Kopf fiel zurück und er starb.

Als Frere Mrs. Vickers den Körper abnahm, lief Sylvia zu ihrer Mutter.

»O Mutter, Mutter, warum ließ Gott ihn sterben, da wir ihn doch so nöthig brauchten?«

Ehe es dunkel wurde, brachte Frere den Körper in den Schutz eines Felsens, deckte die Jacke über das Gesicht und legte Steine auf ihn um ihn zu sichern. Der Gang der Ereignisse war so unglaublich schnell gewesen, daß er kaum sich daraus besinnen konnte, daß von den fünf Personen die in der Wildniß zurückgelassen seit dem vorigen Abend nun schon zwei gestorben waren. Und als er sich diese Wirklichkeit recht vorstellte, dachte er daran, an wen nun wohl die Reihe käme.

Mrs. Vickers, völlig erschöpft von der Aufregung und Ermüdung des Tages zog sich früh zur Ruhe zurück. Sylvia, die nicht mit Frere sprechen wollte, folgte ihrer Mutter.

Dieser Beweis ganz unerklärlichen Widerwillens gegen ihn von Seiten des Kindes verletzte Maurice mehr, als« er sich gestehen wollte. Er war ihr böse, daß sie ihn nicht leiden mochte und that doch nichts, um sie sich zu versöhnen.

Mit eigenthümlicher Befriedigung dachte er daran, daß sie nun bald auf ihn als ihren einzigen Beschützer blicken müsse.

Wenn Sylvia einige Jahre älter gewesen wäre, so hätte er wirklich geglaubt, in sie verliebt zu sein.

Der folgende Tag verging in düsterer Trauer. Es war heiß, schwül und ein dichter Dunst hing über den Bergen.

Frere brachte den Morgen damit zu, im Sande ein Grab für den armen Bates zu machen. Praktisch bedacht auf sein eigenes Wohl nahm er dem Körper alle die Kleider ab, die für ihn brauchbar sein konnten, versteckte sie aber unter einigen Steinen, denn er wünschte nicht, daß Mrs. Vickers sähe, was er gethan. Auf Mittag hatte er das Grab fertig, legte den Körper hinein und rollte so viele Steine als möglich auf den Hügel.

Am Nachmittag warf er die Angelleinen von einem Felsenvorsprung aus, den er sich am Vormittag ausgewählt, aber er fing nichts. Als er am Grabe vorüber ging, sah er, daß Mrs Vickers ein rohes Kreuz an das Kopfende gesteckt hatte, das sie mittelst zweier sich kreuzender Stäbe gebildet hatte.

Nach dem Abendessen, wie immer Salzfleisch und Mehlkuchen, steckte er sich eine Pfeife an und versuchte, mit Sylvia zu plaudern. »Warum wollen wir nicht Freunde sein, Missy?« fragte er. »Ich mag Sie, nicht,« sagte Sylvia. »Ich fürchte mich vor Ihnen.«

»Warum?«

»Sie sind nicht gut. Ich meine nicht, daß Sie grausame Dinge thun, – aber Sie sind —. Ach, ich wünschte, Papa wäre hier!«

»Wünschen bringt ihn nicht her!« sagte Frere und drückte vorsichtig seinen aufgesparten Tabak zusammen.

»Da! Das ist’s was ich meine! Ist das gut? »Wünschen bringt ihn nicht her!« O, wenn es das nur thäte!«

»Ich meinte das nicht unfreundlich,« sagte Frere. »Was für ein sonderbares Kind Du bist!«

»Es gibt Personen, welche keine Anziehungskraft für einander haben. Das las ich in einem Buch von Papa und das ist es. Sie haben keine Anziehungskraft für mich. Ich kann nichts dafür.«

»Unsinn!« antwortete Frere. »Komm her, ich will Dir eine Geschichte erzählen.« Mrs. Vickers war in ihre Hütte zurück gegangen und die Beiden waren allein am Feuer, neben welchem der Kessel stand und das frischgebackene Brod lagt. Das Kind kam zögernd zu ihm heran und er nahm es und setzte es auf seine Knie. Der Mond war noch nicht aufgegangen und die Schatten, die das flackernde Feuer warf, erschienen ungeheuer und phantastisch. Frere kam plötzlich der abscheuliche Gedanke, das arme Kind zu ängstigen. »Es war ein Mal ein Schloß in einem Walde,« begann Frere, »und in dem Schlosse lebte ein Menschenfresser mit furchtbaren Glotzaugen.« »Sie abscheulicher Mann. Sie wollen mich nur erschrecken,« sagte Sylvia und versuchte sich frei zu machen.

»Und dieser Menschenfresser lebte nur von den Knochen von kleinen Mädchen. Eines Tages ging ein kleines Mädchen durch den Wald und sie hörte den Menschenfresser kommen. Hau, hau, hau!«

Mr. Frere lassen Sie mich herunter!«

»Sie fürchtete sich sehr und lief fort und lief bis sie endlich – — —

Die Kleine stieß einen durchdringenden Schrei aus. »O, o, was ist das?« und sie drängte sich näher an ihren Quäler.

Auf der andern Seite des Feuers stand ein Mann. Er schwankte vorwärts dann fiel er auf die Knie, streckte die Hände aus und mit heftiger Anstrengung brachte er nur das Wort »Essen« heraus. Es war Rufus Dawes. Dies Wort beruhigte Sylvia’s Entsetzen und bei dem Anblick der zerrissenen gelben Jacke errieth sie die ganze Geschichte. Nicht so Maurice Frere. Er sah eine neue Gefahr vor sich, einen neuen Mund, der Anspruch an ihre Vorräthe machte und schnell einen Brand aus dem Feuer ergreifend, hielt er denselben dem Deportierten entgegen. Aber Rufus Dawes, der mit gierigen Blicken sich umgesehen, sah den Mehlkuchen, der neben dem Feuer lag und griff danach. Frere schwang den Brand vor seinem Gesicht. »Zurück,« schrie er. »Wir haben kein Essen übrig.«

Der Deportierte stieß einen fürchterlichen Schrei aus und seine Eisenstange erhebend, sprang er vor um in der Verzweiflung diesen neuen Feind niederzuschlagen.

Aber das Kind, schnell wie ein Gedanke, glitt plötzlich zwischen die Beiden, nahm das Brod und legte es in die Hand des Verhungerten. »Hier, iß, armer Gefangener!« Dann wandte sie sich zu Frere und warf ihm einen Blick zu, so voll Empörung, Schrecken, und Ueberraschung, daß der Mann beschämt die Augen senkend, den Brand zu Boden warf.

Rufus Dawes schien durch die plötzliche Erscheinung des goldhaarigen Kindes ganz umgewandelt zu sein. Er ließ das Brod aus seinen Fingern gleiten, starrte mit geisterhaftem Blick dem sich entfernenden Kinde nach und als es aus dem Bereiche des Feuerscheines in die Dunkelheit trat, sank der unglückliche Mann mit dem Gesicht zur Erde und brach in Thränen aus.

Zwölftes Capitel
Mr. Dawes

Der rauhe Ton von Mr. Freres Stimme brachte ihn wieder zu sich.

»Was wollen Sie?« fragte dieser. Rufus Dawes hob seinen Kopf, betrachtete den Mann vor sich und ihn erkennend sagte er langsam: »Sie sind es?«

»Was meinen Sie? Kennen Sie mich?« fragte Frere ein wenig zurücktretend. Aber der Deportierte antwortete nicht. Seine augenblickliche Bewegung war vorüber, die Qualen des Hungers stellten sich wieder ein und gierig nach dem Mehlkuchen greifend, aß er schweigend.

»Hört Ihr, Mann?« wiederholte Frere endlich. Wer seid Ihr?«

»Ein entflohener Gefangener. Sie können mich morgen abliefern. Ich habe mein möglichstes gethan und kann nicht mehr.«

Diese Worte erfüllten Frere mit Unbehagen. Der Mann wußte also nicht daß die Niederlassung verlassen war!

»Ich kann Euch nicht ausliefern. Es ist niemand hier als ich und die Frau und das Kind.«

Rufus Dawes hielt in seinem Essen inne und starrte Frere ganz verwirrt an. »Die Gefangenen sind mit dem Schooner fort. Wenn Ihr frei bleiben wollt, so könnt Ihr es thun, – meinetwegen gewiß. Ich bin eben so hilflos wie Ihr.«

»Aber wie kommen Sie hierher?«

Frere lachte bitter. Einem Deportierten eine Aufklärung geben zu müssen, war ihm bis jetzt noch nicht vorgekommen und er liebte die Sache grade nicht. Doch konnte er m diesem Fall nicht anders handeln. »Die Gefangenen machten Meuterei und nahmen die Brigg.«

»Welche Brigg?«

»Den Osprey.«

Ein schreckliches Verständnis öffnete sich ihm jetzt und Rufus Dawes begriff daß er diese Gelegenheit versäumt habe. »Wer nahm sie?«

»Der vielfarbige Schurke John Rex,« sagte Frere und ließ seiner Leidenschaft freien Lauf. »Mag das Schiff sinken, verbrennen und – —«

»So sind sie fort?« schrie der Unglückliche und griff mit verzweiflungsvollen Geberden in sein Haar.

»Ja, seit zwei Tagen und sie haben uns hier zurückgelassen, um zu verhungern.«

Rufus Dawes brach in ein so entsetzliches Gelächter ans, daß selbst Frere davor schauderte.

»Dann wollen wir zusammen verhungern, Maurice Frere,« sagte er, »denn so lange Sie eine Brodkruste haben, will ich sie theilen. Wenn ich nicht meine Freiheit haben kann, will ich doch meine Rache haben.«

Der unheimliche Anblick dieses wilden Menschen, der mit dem Kinn auf seine mit Lumpen bedeckten Knie gestützt, sich an dem Feuer hin und herwiegte, verursachte ihm eine eigenthümliche Empfindung. Solch Gefühl mochte wohl der afrikanische Jäger gaben, der zu seinem Lagerfeuer zurückkehrt und einen Löwen dabei findet. »Elender,« rief er, sich ein wenig zurückziehend, »warum wünscht Ihr, Euch zu rächen?«

Der Deportierte sah ihn höhnisch an. »Nehmen Sie sich in Acht, so sprechen! »Ich will keine harten Worte hören. Elender! Wenn ich ein Elender bin, wer machte mich dazu? Ich war frei geboren, so frei wie Sie. Warum hat man mich mit wilden Thieren eingesperrt und zu dieser Sklaverei verurtheilt, die schlimmer ist als der Tod? Das sagt mir, – Maurice Frere, das sagen Sie mir?«

»Ich habe die Gesetze nicht gemacht,« sagte Frere. »Warum greift Ihr mich an?«

»Weil Sie sind, was ich war. Sie sind frei!l Sie können thun, was Ihnen gefällt. Sie können lieben, arbeiten, – denken! Ich kann nur hassen!« Er hielt an, selbst erstaunt über sich, dann fuhr er mit leisem Lachen fort: »Schöne Worte für einen Deportierten, he? Aber es schadet nichts, Mr. Frere, wir sind jetzt gleich und ich werde keine Stunde früher sterben als Sie, obgleich Sie ein freier Mann sind.«

Frere dachte, daß er es nun vielleicht mit einem zweiten Wahnsinnigen zuthun habe. »Sterben! Man braucht grade noch nicht von Sterben zu sprechen,« sagte er so beruhigend wie möglich. »Dazu ist immer noch Zeit.«

»Das spricht der »Freie.« Wir Deportierten haben einen Vortheil vor Euch Herren voraus. Sie fürchten den Tod, – wir beten darum. Es ist das Beste, das uns geschehen kann. Sterben! Ein Mal wollte man mich hängen. Ich wünschte, es wäre geschehen. Mein Gott, hätten sie es doch gethan!«

In diesem schrecklichen Wort lag eine solche Tiefe der Qual und Verzweiflung, daß Frere ganz erschüttert war.

»Seht und schlaft, Mann,« sagte er. »Ihr seid ganz erschöpft. Wir wollen morgen weiter sprechen.«

»Halt,« schrie Rufus Dawes plötzlich mit einer Rohheit im Ton, wie sie mit seiner bisherigen Art in keinem Einklang stand. »Wer ist mit Euch zusammen?«

»Die Frau und die Tochter des Kommandanten,« antwortete Frere, der nicht wagte, auf eine so gestellte Frage hin zu schweigen.

»Niemand sonst?«

»Nein.«

»Die armen Geschöpfe,« sagte der Deportierte. »Sie thun mir leid.« Dann streckte er sich wie ein Hund am Feuer hin und schien sogleich einzuschlafen. Maurice Frere blickte die lange Gestalt an, ein Zuwachs zur Gesellschaft, der ihn in Verlegenheit brachte, wie er zu handeln habe. Solch’ ein Charakter war bis jetzt noch nicht in den Bereich seiner Kenntnisse gekommen. Er wußte nicht, was er aus diesem wilden, zerlumpten, verzweifelten Manne machen sollte, der abwechselnd weinte und drohte, der jetzt im widerlichsten Jargon der Deportierten tobte und dann den Himmel in Tönen anrief, die an wahre Beredtsamkeit streiften.

Zuerst dachte er daran, sich auf den Schlafenden zu stürzen und ihn unschädlich zu machen, dann aber als er die zwar abgemagerten, aber doch muskulösen Gliedmaßen schärfer anblickte, schien es ihm doch Tollheit zu sein, diesem Einfall zu folgen. Eine entsetzliche Gedankenverbindung, aus seiner früheren Feigheit entstanden, ließ ihn nach dem großen Messer fühlen, mit dem schon ein Mord begangen worden war. Die Lebensmittel-Vorräthe waren so sehr knapp und das Leben der Frau und des Kindes waren schließlich doch mehr werth als das dieses unbekannten Schurken. Aber, um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, so war dieser Gedanke nicht so bald entstanden, als er auch schon wieder schwand. »Wir wollen bis morgen warten und sehen, wie er sich macht.« Dann ging er leise bis au das Astwerk, hinter dem Mutter und Tochter umschlungen ruhten und flüsterte ihnen zu, daß er Wache hielte, und daß der Flüchtling schliefe. Aber als der Morgen kam, sah er, daß keine Ursache zur Sorge vorhanden war. Der Deportierte lag fast noch in derselben Stellung wie am Abend zuvor und hatte die Augen noch geschlossen. Sein drohender Ausbruch am vorigen Abend war nur durch die Aufregung verursacht und er war jetzt unfähig zu jeder Gewaltthat. Frere näherte sich ihm und schüttelte ihn an der Schulter.

»Nicht lebend,« schrie der arme Kerl und holte zum Schlage aus, »zurück!«

»Alles gut,« rief Frere. »Niemand will Euch etwas thun. Wacht auf!«

Rufus Dawes sah sich ganz betäubt um, dann schien er sich daran zu erinnern, was geschehen war und richtete sich mühsam auf seine Füße.

»Ich dachte, sie hätten mich gefaßt,« sagte Rufus, – »aber es ist nichts. Wir müssen frühstücken, Mr. Frere, ich bin hungrig.«

»Ihr müßt warten« sagte Frere. »Denkt Ihr, Ihr seid allein hier?«

Rufus Dawes schwankte vor Schwäche und wischte sich mit dem Rest seines Aermels über sein Gesicht. »Ich weiß nichts, als daß ich hungrig bin.«

Frere überlegte. Jetzt oder nie war der Augenblick gekommen, ihre Beziehungen zueinander festzustellen. Da er in der Nacht wachend lag, die Hand an dem Messer, hatte er sein künftiges Handeln überdacht. Der Deportierte sollte seinen Antheil haben, aber nicht mehr. Wenn er sich dagegen auflehnte, mußte die Gewalt zwischen ihnen entscheiden.

»Seht,« sagte er, »wir haben kaum genug Lebensmittel, um durchzukommen, bis Hilfe gebracht wird, wenn sie überhaupt kommt. Ich mußt für die arme Frau und das Kind sorgen. Also reines Spiel, um ihretwillen. Ihr sollt mit uns unsern letzten Bissen theilen, aber beim Himmel, nicht mehr bekommen.«

Der Deportierte streckte seine abgezehrten Arme aus und blickte mit dem unsicheren Blick eines Trunkenen darauf. »Ich bin jetzt schwach,« sagte er. »Sie haben die Macht.« Dann sank er plötzlich völlig erschöpft zu Boden. »Gebt mir zu trinken,« sagte er und machte eine schwache Bewegung mit der Hand.

Frere brachte ihm Wasser in dem Becher und als er es getrunken hatte, lächelte er und schlief wieder ein. Mrs. Vickers und Sylvia kamen heraus, während er schlief und erkannten in ihm den Gefürchtetsten der ganzen Kolonie.

»Er war der Wildeste von Allen, die wir hatten,« sagte Mrs. Vickers, sich mit ihrem Manne eins wähnend; »o, was sollen wir thun ?«

»Er wird nicht viel Böses thun,« sagte Frere und sah auf diesen allbekannten Schurken mit Neugier nieder. »Er ist mehr todt als lebendig.«

Sylvia sah ihn mit ihren klaren Kinderaugen an. »Wir müssen ihn nicht sterben lassen, – das wäre Mord!«

»Nein, nein,« sagte Frere heftig. Niemand will, daß er sterbe. Aber was können wir thun?«

»Ich will ihn pflegen,« rief Sylvia. Frere brach in rohes Lachen aus, das erste, das er sich seit der Meuterei erlaubte.

»Du ihn pflegen! Das ist gut, bei George!« Das arme kleine Mädchen, schwach und erregbar, fühlte die Verachtung in seinem Ton und brach in leidenschaftliches Schluchzen aus. »Warum beleidigen Sie mich, Sie böser Mann? Der arme Mensch ist krank und er wird sterben wie Mr. Bates. O Mama, Mama, wir wollen Beide allein fortgehen!«

Frere fluchte laut und ging fort. Er ging in den kleinen Wald unterhalb der Klippe und setzte sich dort nieder. Sonderbare Gedanken, die er kaum hätte ausdrücken können; und die er nie zuvor gehabt, durchkreuzten sein Hirn. Der Widerwille, den das Kind gegen ihn hatte, machte ihn ganz elend und doch machte es ihm Freude, es zu quälen. Er war sich bewußt, daß er wie ein Feigling gehandelt hatte, als er am vorigen Abend versucht hatte, sie zu ängstigen. Die Verachtung, die sie ihn fühlen ließ, war wohl verdient; aber er war ganz fest entschlossen, sein Leben für sie hinzugeben, wenn der Wilde, der sich so zu ihnen gesellt hatte, Gewalt ausüben sollte und er war ganz unvernünftig eifersüchtig auf das Mitleiden, das sie dem Deportierten gezollt. Es war nicht Recht, ihn so mißzuverstehen. Aber er war auch im Unrecht gewesen, daß er geflucht hatte und sie so plötzlich verlassen. Doch das Bewußtsein seines Unrechtes bestärkte ihn nur noch darin. Seine natürliche Hartnäckigkeit erlaubte ihm nicht, zurückzunehmen, was er ein Mal gesagt. Entlang wandernd kam er zu dem Grabe von Bates und zu dem Kreuz darauf. Hier war wieder ein Zeugniß der schlechten Behandlung, die sie ihm hatte angedeihen lassen. Sie hatte immer Bates vorgezogen. Nun Bates todt war, mußte sie gleich ihre kindische Neigung auf einen Deportierten übertragen. »O,« sagte Frere in angenehmer Erinnerung an manchen: rohen Triumph in der Liebe, »wenn Du ein Weib wärest, Du kleine Hexe, dann solltest Du mich schon lieben.« Als Frere das gesagt hatte, lachte er über seine Thorheit. Er wurde ganz romantisch. Als er zurückkam, fand er Dawes auf den abgehauenen Zweigen sitzend, Sylvia neben sich.

»Er ist besser. « sagte Mrs. Vickers, nicht an die frühere Scene erinnern wollend. »Sehen Sie sich und essen Sie etwas, Mr. Frere.« »Sind Sie besser?« fragte Frere kurz.

Zu seinem Erstaunen antwortete der Deportierte ganz höflich: »Ich werde in ein bis zwei Tagen ganz wohl sein, dann will ich Ihnen helfen, Sir.«

»Helfen, wobei?«

»Eine Hütte zu bauen für die Damen. Und wir wollen hier unser ganzes Leben lang bleiben und nie in die Häuser zurück kehren.«

»Er redet etwas irre,« sagte Mrs. Vickers leise. »Der arme Mensch, er beträgt sich sehr gut.«

Der Deportierte fing jetzt ein altes deutsches Lied an zu singen und schlug den Takt dazu mit den Händen. Frere sah ihn mit Erstaunen an. »Ich möchte wissen, was der Mann für eine Geschichte hat,« dachte er, »gewiß eine sehr merkwürdige.«

Die pflegende Sylvia sah ihn jetzt ganz versöhnlich an. »Ich will ihn fragen, wenn er wohl ist,« sagte sie, »und wenn Sie gut sind, erzähle ich sie Ihnen, Mr. Frere.

Frere nahm die angebotene Freundschaft an. »Ich bin ein rechter Grobian zuweilen, Miß Sylvia nicht wahr?« sagte er. »Aber ich meine es nicht so schlimm.«

»Ja das sind Sie,« erwiderte Sylvia freimüthig; »aber lassen Sie uns die Hände schütteln und wieder Freunde sein. Wir müssen nicht streiten da wir nur vier sind.«

Und so wurde Rufus Dawes im Familienkreise aufgenommen.

Eine Woche, nachdem er den Rauch von Freres Feuer gesehen, hatte der Deportierte seine alten Kräfte wieder gewonnen und wurde nun eine sehr wichtige Person. Das Mißtrauen, mit dem er zuerst angeblickt worden, verschwand nach und nach und er war nicht länger ein Ausgestoßener, den man scheute und nach dem man zeigte oder von dem man nur in Flüstertönen sprach. Er hatte seine rauhe Art gänzlich abgelegt und drohte nie mehr, auch beklagte er sich nicht. Er schien ganz heiter zu sein und obgleich ihn zuweilen eine tiefe Melancholie ergriff und bedrückte, so war seine Stimmung doch meist gleichmäßiger als die Frere’s, der sich oft mürrisch, ärgerlich und anspruchsvoll zeigte.

Rufus Dawes war nicht länger jener rohe Elende, der sich in die dunkeln Wasser der Bai gestürzt hatte, um dem Leben zu entgehen, das er verabscheute oder der in der Waldeinsamkeit abwechselnd geflucht und geweint hatte. Er war jetzt ein thätiges Mitglied der Gesellschaft, – einer Gesellschaft von Vieren und er fing an, eine gewisse Unabhängigkeit und Autorität zu gewinnen. Diese Veränderung war durch den Einfluß der kleinen Sylvia hervorgerufen. Als er sich von seiner großen Schwäche nach jener schrecklichen Reise erholte, hatte Rufus Dawes seit sechs Jahren zum ersten Mal gütige Behandlung erfahren. Er hatte jetzt einen Gegenstand, für den er leben konnte. Er nützte jetzt Jemand und wäre er gestorben, so würde er beweint worden sein. Uns erscheint das wenig, aber dem Unglücklichen war es viel, ja Alles. Er fand zu seinem Erstaunen, daß er nicht verachtet wurde, und daß durch ein wunderbares Zusammenwirken von Umständen gerade seine Erfahrungen als Deportierter ihm Autorität verschafften. Er war geschickt in allen Geheimnissen der Künste der Gefangenen. Er verstand das Leben bei ganz geringer Nahrung zu erhalten. Er konnte Bäume fällen ohne Axt, konnte Brot backen, ohne Ofen, konnte eine Hütte zum Schutz gegen das Wetter bauen, ohne Steine und Mörtel. Aus dem Patienten wurde er zum Rathgeber, aus dem Rathgeber zum Befehlshaber. In dem halb wilden Zustande, in welchem diese vier Menschen lebten, fand er, daß die Kenntnisse der Wilden den meisten Werth hatten. Macht war Recht und Maurice Freres Standes-Autorität mußte bald der Wissens-Autorität von Rufus Dawes weichen.

Als die Zeit verging und der knappe Vorrath von Lebensmitteln bedeutend abnahm, fand er, daß seine Autorität immer mehr zunahm. Wenn es sich um die Eigenschaft einer wilden Pflanze handelte, so mußte Dawes darüber entscheiden. Sollten Fische gefangen werden, so mußte Rufus sie fangen. Beklagte sich Mrs. Vickers über die Unhaltbarkeit ihrer Hütte, so war es Dawes, der ein Flechtwerk von Ruthen machte, es mit Thon dichtete und so eine Schutzwand herstellte, durch die selbst der schärfste Wind nicht drang. Er machte Tassen aus Tannenzweigknoten, Teller aus Rindenstreifen. Er arbeitete mehr als drei Mann arbeiten können. Nichts schreckte ihn ab, nichts entmuthigte ihn. Als Mrs. Vickers vor Angst und aus Mangel an genügender Nahrung krank wurde, war er es wiederum, der frische Blätter für ihr Lager sammelte, der sie mit freundlichen Worten tröstete der freiwillig seine halbe Fleischration aufgab, damit sie mehr hätte und sich wieder kräftigen könne.

Die arme Frau und ihr Kind nannten ihn stets »Mr. Dawes.«

Frere sah dies Alles mit einer Unzufriedenheit an, die oft bis zum Hasse stieg. Aber er konnte nichts sagen, denn er mußte sich gestehen, daß er neben Dawes ganz unfähig war. Er geruhte selbst Befehle von dem Entflohenen Deportierten anzunehmen, denn es war zu augenscheinlich, daß dieser Alles besser wußte, als er.

Sylvia fing an, Dawes für einen zweiten Bates anzusehen. Er gehörte überdies ganz ihr. Sie hatte eine Art von besonderem Interesse an ihm, denn sie hatte ihn gepflegt und beschützt. Nur ihr verdankte dieser wunderbare Mann, daß er lebte. Er fühlte für sie eine so grenzenlose Zuneigung, daß sie fast an Leidenschaft grenzte. Sie war sein guter Engel, seine Beschützerin, sein Himmelsblick. Sie hatte ihm Nahrung gegeben, als er vor Hunger verschmachtete und sie hatte an ihn geglaubt, als die Welt – diese Welt von drei Menschen ihn kalt anblickte. Er würde auch für sie sterben und aus Liebe zu ihr sehnte er das Schiff herbei, das ihr die Freiheit und ihm seine Fesseln wieder geben würde. Aber die Tage vergingen und kein Schiff kam. Jeden Tag prüften sie genau den Horizont; jeden Tag zitterten sie in der Hoffnung, das Bugspriet der Ladybird hinter den Felsen der Bai hervorgleiten zu sehen, aber vergebens. Mrs. Vickers wurde kränker und die Vorräthe gingen zu Ende. Dawes sprach davon, sich und Frere auf halbe Ration zu setzen. Es war augenscheinlich, daß wenn nicht bald Hilfe kam, sie sterben mußten.

Frere machte alle möglichen Pläne um Nahrung zu verschaffen. Er wollte eine Reise nach der verlassenen Kolonie machen, über die Bai schwimmen und sehen, ob nicht einige Kisten mit Zwieback zurückgeblieben wären. Er wollte Fallen legen für die Möwen und die Tauben bei Liberty Point fangen. Aber alle diese Pläne wiesen sich als unpraktisch aus und sie sahen mit langen Gesichtern ihren Sack Mehl kleiner und kleiner werden. Dann wurde der Gedanke an ein Entkommen beleuchtet. Konnten sie ein Floß bauen? Unmöglich ohne Nägel und Stricke. Konnten sie ein Boot bauen? Ebenso unmöglich aus denselben Gründen. Konnten sie ein Feuer anbrennen, das hoch genug wäre, um einem Schiffe ein Zeichen zu geben? Leicht genug.

Aber würde je ein Schiff in die Nähe dieses doppelt verlassenen Ortes kommen? Nichts konnte gethan werden als auf ein Schiff zu warten, das doch sicher früher oder später nach ihnen aussehen würde. Tag für Tag schwächer werdend, warteten sie immer länger.

Eines Tages saß Sylvia in der Sonne und las in ihrer »Englischen Geschichte«, welche sie in ihrer Angst in jener Nacht mitgebracht hatte. »Mr. Frere,« sagte sie plötzlich, »was ist ein Alchemist?«

»Ein Mann, der Gold macht,« war Freres nicht allzu genaue Erklärung.

»Kennen Sie Einen?«

»Nein.«

»Sie, Mr. Dawes?«

»Ich kannte mal einen Mann, der sich dafür hielt.«

»Wie, einen Mann, der Gold machte?«

»In gewisser Art.«

»Aber machte er Gold?« fragte Sylvia nachdrücklich.

»Nein, er machte es nicht geradezu. Aber er war in seiner Anbetung des Goldes gewissermaßen ein Alchemist.«

»Was wurde aus ihm?«

»Ich weiß nicht,« sagte Dawes in so kurzer Weise, daß das Kind sich instinktmäßig zu andern Gegenständen wandte.

»Also Alchemie ist eine sehr alte Kunst?«

»O ja.«

»Kannten die alten Briten sie?«

»Nein, so alt ist sie nicht.«

Sylvia schrie plötzlich auf, als sie von den alten Briten las und Bates stand so lebhaft in ihrem Gedächtniß vor ihren Augen. Sie hatte die Stelle, um die es sich damals handelte, wohl hundert Mal gelesen, aber nie ihre volle Bedeutung so verstanden wie jetzt. Schnell die viel gelesenen Seiten umwenden, las sie laut diese Stelle, welche damals so viele Bemerkungen hervorgerufen.

»Die alten Briten waren wenig besser als Barbaren. Sie bemalten ihre Körper mit Waid und in ihren leichten Korakels stehend, die von Häuten gemacht waren, über schwache hölzerne Rahmen gezogen, müssen sie einen wilden Anblick gewährt haben.«

»Ein Korakel! Das ist ein Boot! Können wir kein Korakel machen, Mr. Dawes?«

Dreizehntes Capitel.
Was der Seetang erzählte

Diese Frage erregte in den Ausgesetzten neue Hoffnungen. Maurice Frere erklärte mit seinem gewöhnlichen Ungestüm, daß die Sache leicht ausführbar sei, und wunderte sich, – wie es solche Menschen zu thun pflegen, – daß es ihm nicht früher eingefallen sei. »Es ist das einfachste Ding von der Welt. Sylvia hat uns gerettet,« rief er. Aber als sie die Sache genauer überlegten, sahen sie doch ein, daß sie recht weit entfernt davon waren, sie wirklich in’s Werk zu setzen. Einen Korakel von Häuten zu machen, war vielleicht nicht so schwer, aber woher die Häute nehmen?

Die eine elende Laut von ihrer Ziege war gänzlich ungenügend zu diesem Zweck.

Sylvia, deren Gesicht von Hoffnung und Entzücken strahlte, daß sie diese Idee aufgebracht, beobachtete ängstlich das Gesicht von Rufus Dawes und fühlte ihr kleines Herz fast still stehen, als sie keine Freude in dem Blick seiner niedergeschlagenen Augen sah. »Kann es nicht geschehen, Mr. Dawes?« fragte sie, zitternd auf die Antwort wartend.

Der Deportierte zog seine Brauen düster zusammen.

»Nun, Dawes,« rief Frere seine Feindschaft einen Augenblick in der Freude der neuen Hoffnung vergessend, »können Sie nichts ausfindig machen?«

Rufus Dawes, so als das Haupt der kleinen Gesellschaft anerkannt, fühlte eine gewisse Befriedigung.«

»Ich weiß nicht,« sagte er. »Ist muß darüber nachdenken. Es sieht so leicht aus – aber – .«

Er hielt einen Augenblick inne, als etwas im Wasser seinen Blick fesselte.

Es war eine Masse losen Seetangs, den die Fluth langsam an’s Ufer schwemmte.

Dieser Umstand, der sonst unbeachtet vorüber gegangen wäre, brachte Rufus auf einen neuen Gedanken.

»Ja,« sagte er langsam und nachdenklich, mit verändertem Tone, »es kann geschehen. Ich glaube ich weiß jetzt wie.«

Die Andern beobachteten ein achtendes Schweigen, und warteten bis er wieder sprechen würde.

»Wie weit ist es wohl über die Bai?« fragte er Frere.

»Was? Bis Sara Island?«

»Nein, bis zur Lootsen Station.«

»Ungefähr vier Meilen.«

Der Deportierte seufzte. »Zu weit für mich zu schwimmen; früher hätte ich es gekonnt. Aber diese Art von Leben macht einen Menschen schwach. Doch es muß geschehen.«

»Was denken Sie zu thun?« fragte Frere.

»Die Ziege zu tödten.«

Sylvia schrie auf; sie liebte den armen stummen Gefährten. »Nanny tödten! O Mr. Dawes! Wozu?«

»Ich will ein Boot für Sie machen,« sagte er. »Ich brauche Häute und Faden und Talg.«

Vor wenigen Wochen hätte Maurice Frere über diese Worte gelacht, aber er hatte jetzt begriffen und verstanden, daß dieser entflohene Deportierte kein Mann zum Auslachen war und obgleich er ihn seiner Ueberlegenheit wegen haßte, so mußte er diese doch anerkennen.

»Aber Mann, Sie können doch nur eine Haut von der Ziege abziehen? sagte er in fragendem Tone, als ob es auch wohl möglich wäre, daß ein so wunderbares Wesen wie Dawes eine zweite Haut abziehen könnte in Folge irgend eines geheimnißvollen Prozesses, den er allein nur kannte.

»Ich will noch mehr Ziegen fangen.«

»Wo?«

»Auf der Lootsen Station.«

»Aber wie wollen Sie dahin gelangen?«

»Mich hinüber flößen. Aber es ist jetzt keine Zeit zum Fragen. Gehen Sie und schneiden junge Bäume ab, und dann wollen wir anfangen.«

Der Leutnant sah den Deportierten mit Erstaunen an, unterwarf sich aber dann dem besseren Wissen und that, wie ihm geheißen. Vor Sonnenuntergang hing der Körper der armen Nanny in verschiedene sehr wenig kunstgerechte Stücke geschnitten an dem nächsten Baum.

Als Frere mit so vielen jungen Stämmen, als er nur immer hinter sich her ziehen konnte, zurückkam, fand er Dawes bei einer sehr sonderbaren Beschäftigung.«

Er hatte die Ziege getödtet und nachdem er den Kopf dicht an der Kehle und die Füße am Kniegelenk abgeschnitten, hatte er den Körper durch einen Schnitt herausgezogen, den er am unteren Bauche angebracht. Diesen Schlitz hatte er mit Bindfaden wieder zusammen genäht. So hatte er sich einen rohen Sack geschaffen und er war gerade geschäftig, den Sack mit so viel Gras zu füllen, als er nur immer sammeln konnte. Frere bemerkte auch, daß das Fett des Thieres sorgfältig gesammelt, und daß die Eingeweide in eine Pfütze Wasser gelegt waren.

Der Deportierte verweigerte indeß jede Auskunft über seine Absichten. »Es ist so meine Idee,« sagte er, »lassen Sie mich nur zufrieden. Vielleicht – mißlingt es mir.« Frere, von Sylvia befragt, that so, als sei er ganz eingeweiht, habe sich aber selbst Schweigen auferlegt. Er war ärgerlich, daß ein Deportiertengehirn ein Geheimniß barg, das er nicht theilen durfte.

Am nächsten Tage mußte Frere, auf die Anordnung von Dawes Schilf schneiden, das eine Meile von ihrer Hütte wuchs und mußte es auf seinem Rücken herbeischleppen. Dazu brauchte er beinahe einen halben Tag. Die knappen Rationen hatten seine Kräfte schon bedeutend herunter gebracht. Der Deportierte dagegen, der durch harte Arbeit besser gestählt war, hatte fast seine früheren Kräfte wieder gewonnen.

»Wozu soll es dienen?« fragte Frere, als er sein Bündel zur Erde warf. Sein Herr geruhte dies Mal zu antworten.

»Um ein Floß zu machen.«

»Und dann?«

Der Andere zog seine breiten Schultern in die Höhe.

»Sie sind sehr unvernehmlich, Mr. Frere. Ich will nach der Lootsenstation schwimmen und einige Ziegen fangen. Ich kann mit Hilfe des ausgestopften Felles hinüber schwimmen, aber ich muß sie auf dem Schilffloß zurück bringen.«

»Wie zum Teufel denken Sie denn, sie zu fangen?« fragte Frere und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Der Deportierte winkte ihm, näher heran zu treten. Frere that es und sah, daß sein Gefährte die Eingeweide der Ziege reinigte. Die äußere Haut war abgekratzt und Rufus Dawes kehrte nun das Innere nach außen. Das that er, indem er ein kleines Stück umdrehte wie man einen Rockärmel umkehrt. Dann tauchte er das umgekehrte Ende in’s Wasser. Das Gewicht des Wassers, das zwischen das umgekehrte Ende und den Rest des Eingeweides drückte, arbeitete weiter und kehrte Alles um, so daß durch wiederholtes Eintauchen die ganze Länge bald umgekehrt war. Die innere Haut wurde ebenfalls abgekratzt und es blieb eine feine durchsichtige Röhre, welche fest gedreht und in der Sonne getrocknet wurde.

»Da ist der Darm für die Schlinge,« sagte Dawes. »Ich lernte den Spaß in der Kolonie. Jetzt kommen Sie her.«

Frere folgte ihm und sah ein Feuer, das zwischen zwei Steinen gemacht war! daneben stand der Kessel ein wenig in den Boden gesunken. Als Frere sich dem Kessel näherte, sah er, daß derselbe ganz voll glatter Kiesel war.

»Nehmen Sie die Steine heraus,« sagte Dawes.

Frere ganz bestürzt, gehorchte und sah, daß auf dem Boden des Kessels eine Menge weißen Pulvers lag, während die Seiten des Kessels mit derselben weißen Masse wie überzogen war.

»Was ist das?« fragte er.

»Salz.«

»Wie bekamen Sie es?«

»Ich füllte den Kessel mit Meerwasser und dann erhitzte ich die Kiesel im Feuer bis sie roth waren und warf sie hinein. Wir hätten den Dampf in einem Tuch auffangen können und süßes Wasser auswringen, hätten wir es gebraucht.« Aber Gott sei Dank, wir haben Wasser genug.«

Frere fuhr zurück. »Haben Sie das auch in der Kolonie gelernt? « fragte er.

Rufus Dawes lachte mit bitterem Ton. »Denken Sie, ich bin mein ganzes Leben lang in der Kolonie gewesen? Die Sache ist sehr einfach. Es ist nur Verdampfung.«

Frere brach in plötzliche, fast ärgerliche Bewunderung aus. »Was für ein Kerl Sie sind, Dawes; Was sind Sie, ich meine, was waren Sie früher?«

Ein triumphierendes Lächeln glitt über des Andren Gesicht und einen Augenblick schien es, als wolle er mit einem sehr merkwürdigen Bekenntnis antworten. Aber das Lächeln verging und eine schmerzliche Bewegung zog über sein Gesicht.

»Ich bin ein Deportierter. Es kommt nicht darauf an, was ich gewesen bin. Ein Schiffer, ein Schiffszimmermeister, ein Verschwender, ein Vagabund, was thut’s. Es wird mein Schicksal nicht ändern, oder sollte es?«

»Wenn wir sicher zurückkommen, will ich um freien »Urlaub für Sie bitten,« sagte Frere, »Sie verdienen es.«

»Ach,« lachte Dawes höhnisch, »zuerst lassen Sie uns nur sicher zurückkommen.«

»Sie glauben mir nicht?«

»Ich will keine Gunst von Ihnen,« sagte er mit der alten stolzen Wildheit. »Lassen Sie uns an die Arbeit gehen. Bringen Sie das Schilf her und binden Sie es mit den Angelleinen zusammen.«

In diesem Augenblick kam Sylvia herbei.

»Guten Tag, Mr. Dawes: Harte Arbeit? O, was ist da in dem Kessel?«

Die Stimme des Kindes wirkte wie ein Zauber auf Rufus Dawes. Er lächelte ganz glücklich. »Salz, Fräulein. Damit will ich Ziegen fangen.«

»Ziegen fangen! Wie Wollen Sie ihnen Salz auf den Schwanz streuen?« rief sie fröhlich.

»Ziegen lieben das Salz und wenn ich nach der Lootseninsel hinüber komme, will ich Schlingen aufstellen, mit Salz als Lockspeise. Wenn sie kommen, es zu lecken, werde ich Dornenschlingen bereit halten, um sie damit zu fangen. Verstehen Sie?«

»Aber wie wollen Sie hinüber kommen?«

»Das werden wir morgen sehen.«

Vierzehntes Capitel.
Ein wunderbares Tagewerk

Am nächsten Morgen rührte sich Dawes schon bei Sonnenaufgang. Er wickelte zuerst seine Darmsaiten auf einen Stock, dann brachte er seine schwachen Flöße nach dem kleinen Felsen hin, der eine Art von Landungsbrücke bildete. Nun nahm er einen größeren Stock und eine Angelleine und zeichnete in den Sand eine Art von Diagramm. Dies Diagramm stellte, als es fertig war, den rohen Umriß einer Art von Fahrzeug dar, acht Fuß lang und drei Fuß breit. In gewissen Entfernungen waren auf dem Diagramm acht Punkte gemacht, vier an jeder Seite, an welchen Stellen kleine Weidenruthen in den Sand getrieben waren. Dann weckte er Frere und zeigte ihm das.

»Holen Sie acht Stämme von der Selleri-fichte. Sie können sie abbrennen, wenn Sie sie nicht schneiden können und stecken Sie sie an die Stelle dieser Weidenruthen in den Sand. Wenn Sie das gethan haben, sammeln Sie so viele Weiden wie möglich. Ich werde nicht vor Abends spät zurück sein. – Nun helfen Sie mir, die Flöße ins Wasser bringen.«

Frere sah am Ufer, daß Dawes sich auskleidete, seine Kleider auf den ausgestopften Ziegenbalg legte, sich selbst auf die Rohrbündel ausstreckte und nun mit den Händen Schwimmbewegungen machend, von der Küste abstieß. Die Kleider schwammen hoch und trocken, aber das Schilf, von dem Gewicht des Körpers niedergedrückt, sank so, daß nur der Kopf des Deportierten über Wasser blieb. In dieser Art erreichte er die Mitte des Stromes und abnehmende Fluth nahm ihn hinab nach der Mündung der Bai.

Frere bewunderte das Alles höchst widerwillig und ging zurück, um das Frühstück zu bereiten. Sie waren jetzt, auf halbe Rationen gesetzt. Dawes hatte ausdrücklich untersagt, daß die geschlachtete Ziege gegessen werden sollte, wenn etwa sein Unternehmen ohne Erfolg sein sollte.

Frere dachte über die merkwürdige Fügung nach, die ihnen diesen Deportierten zugeführt hatte.

»Die Pfaffen würden es ein Werk der Vorsehung nennen,« sagte er zu sich selbst. »Denn, wenn er nicht gewesen wäre, so hätten wir nie so weit kommen können. Wenn sein Boot gelingt, dann kommt Alles zurecht. Er ist ein kluger Kerl! Ich möchte nur wissen, wer er ist.«

Dann ließ ihn sein Geschäft als Deportierten-Kommandeur darüber nachdenken, wie gefährlich es sein möge diesen Menschen auf seiner Station zu haben. Es mußte schwer sein, einen Menschen zu beaufsichtigen, der so viele Hilfsquellen besaß.

»Sie werden ihm tüchtig aufpassen müssen, wenn sie ihn wieder fassen,« dachte er. »Ich werde schöne Geschichten von seiner Geschicklichkeit zu erzählen haben.«

Dann kam ihm die Unterhaltung vom vorigen Abend wieder in den Sinn. »Ich versprach, um freien Urlaub für ihn zu bitten, aber er wollte nichts davon hören. Zu stolz, um ihn aus meinen Händen anzunehmen. Wie niederträchtig unverschämt diese Kerls gleich durch einige Freiheit werden. Warten Sie, bis wir zurück sind! Ich werde ihn seine Stellung kennen lehren, – denn er arbeitet doch eben so gut für seine Freiheit wie für die meine – für die unsre, meine ich.« – Dann fuhr ihm ein Gedanke durch den Kopf, der seiner würdig war.

»Wenn wir nun das Boot nähmen, und ihn zurückließen!« Dieser Gedanke schien so fürchterlich schlecht, daß er unwillkürlich lachte.

»Was gibt’s, Mr. Frere?«

»O, bist Du es, Sylvia? Ha, ha, ich dachte an etwas sehr Lustiges.«

»So,« sagte Sylvia, »das freut mich. Wo ist Mr. Dawes?«

Frere war ärgerlich über den Eifer, mit dein sie diese Frage stellte.

»Du denkst immer an diesen Menschen. Man hört nichts als Dawes, Dawes, Dawes, den ganzen Tag lang. Er ist fort.«

»Ach,« sagte sie traurig. »Mama wollte ihn sprechen.«

»Weshalb?« fragte Frere rauh.

»Mama ist krank, Mr. Frere.«

»Dawes ist kein Doktor. Was fehlt ihr?«

»Sie befindet sich schlechter als gestern. Ich weiß nicht, was ihr fehlt.«

Frere, etwas beunruhigt, ging nach der kleinen Hütte.

Die Frau des Kommandanten war in sonderbarer Lage. Die Hütte oder Höhle war hoch, aber schmal. Die Form war dreieckig und zwei Seiten waren offen. Die Erfindungsgabe von Rufus Dawes aber hatte diese Seiten mit Korbgeflecht geschützt, das fest mit Thon verklebt war. Eine Art von Thür aus geflochtenen Zweigen hing an der einen Seite. Diese Thür aufstoßend, trat Frere ein. Die arme Frau lag auf einem Lager von Schilf, das über Blätter und junge Zweige gestreut war und stöhnte leise. Von Anfang an hatte sie die Entbehrungen, denen sie unterworfen war, sehr schwer getragen und die geistige Aufregung, in der sie lebte, vermehrte natürlich ihre physischen Leiden. Die Erschöpfung, die sich bald nach der Ankunft von Dawes zeitweise bei ihr einstellte, hatte sie jetzt so vollständig ergriffen, daß sie gänzlich unfähig war, aufzustehen.

»Ermannen Sie sich, Mrs. Vickers,« sagte Frere mit angenommener Heiterkeit, – »in ein oder zwei Tagen ist Alles überwunden.«

»O, Sie sind es! Ich schickte nach Mr. Dawes.«

»Er ist fort. Ich mache jetzt ein Boot. Hat Sylvia es Ihnen nicht erzählt?«

»Sie sagte mir, daß er es mache.«

»Ja, ich – das heißt – wir machen es. Er wird heute Abend noch zurückkehren. Kann ich etwas für Sie thun?«

»Nein, ich danke sehr. Ich wollte nur hören, wie er damit weiter käme. Ich muß bald fort, wenn ich überhaupt noch fortkommen soll. – Danke, Mr. Frere, Sie sind sehr gütig. Dies ist ein schrecklicher Platz, um Besuche zu empfangen, nicht wahr?«

»Das ist ganz gleich,« sagte Mr. Frere, »Sie werden in wenigen Tagen in Hobart Town zurück sein. Wir werden sicher von einem Schiff aufgefunden werden. Aber Sie müssen heiter werden. Wollen Sie etwas Thee trinken, oder irgend etwas genießen?«

»Nein ich danke. Ich bin nicht wohl genug, um essen zu können. Ich bin so müde.«

Sylvia fing an zu weinen.

»Weine nicht, Liebe, ich werde bald besser sein. O, ich wünschte, Mr. Dawes wäre zurück!«

Maurice Frere ging empört hinaus. Dieser Mr. Dawes war Alles und er war Nichts. Sie können immer ein wenig warten. Den ganzen Tag lang, dachte er bei der harten Arbeit, die er nach des Deportierten Anordnung that, nach, wie er den Spieß umkehren könne. Er wollte Dawes der Gewaltthat anklagen. Er wollte fordern, daß man ihn als einen Ausreißer behandle. Er wollte darauf bestehen, daß er nach dem Buchstaben des Gesetzes gerichtet werde und daß er den Tod erleiden müsse, der Allen, welche sich von einer Strafkolonie entfernten, bevorstand. Doch; wenn sie wirklich richtig zurückkämen, so würde doch er bewundernswerthe Muth und die Klugheit und Erfindungsgabe des Gefangenen sehr stark zu dessen Gunsten sprechen. Die Frau und das Kind würden Zeugniß geben von seinem Zartgefühl und seinem Geschick und sich für ihn verwenden. Wie er selbst gesagt hatte, verdiente der Deportierte die Begnadigung. So brütete der niedrige, schlechte Mensch in verwundeter Eitelkeit und unbestimmter Eifersucht über den Mitteln, um dem Gefangenen das Verdienst des Entkommens zu entreißen und sich zuzuwenden, denn dieser Mann hatte gewagt, sein Nebenbuhler zu sein und so wollte er ihm jede Hoffnung auf Befreiung nehmen.

Rufus Dawes, der sich mit dem Strom hatte treiben lassen, landete auf der Ostküste der Bat, da wo die Lootsenstation auf der jenseitigen Küste in Sicht kam. Er landete in einer kleinen, sandigen Bucht, zog sein Floß an Land und packte aus seinen Kleidern ein Stück Brod aus. Nachdem er sehr bescheiden davon gegessen hatte, trocknete er sich in der Sonne, steckte die Ueberreste seines Frühstücks fort und brachte sein Floß wieder in’s Wasser. Die Lootsenstation lag in einiger Entfernung unterhalb an der jenseitigen Küste. Er hatte absichtlich diesen Punkt gewählt, der ihm eine so vortheilhafte Lage gewährte, denn wäre er im rechten Winkel herübergeschwommen, so hätte er dem Strom nicht widerstehen können, der ihn wohl in die See geschwemmt hätte. Schwach wie er war, verlor er auch jetzt fast seinen Halt auf dem Schilfbündel. Das dicke Bündel zeigte dem Strom eine zu große Breitseite, wirbelte vielmals herum und ein oder zwei Mal ging es beinahe unter. Endlich erreichte er athemlos und erschöpft das jenseitige Ufer, jedoch wohl eine halbe Meile unterhalb des Punktes, den er versucht hatte zu erreichen. Er brachte schnell seine Flöße außerhalb des Bereiches der Fluth und machte sich nun auf, um über den Hügel zu wandern und die Lootsenstation zu erreichen. Um Mittag kam er dort an und machte sich an’s Werk, seine Schlingen zu legen. Die Ziegen, mit deren Häuten er den Korakel zu bekleiden dachte, waren zahlreich und ziemlich zahm, so daß er zu allen Anstrengungen von Neuem sich ermuthigt fühlte. Er prüfte sorgfältig die Spuren der Thiere und fand, daß sie alle an derselben Stelle zusammen kamen, in der Nähe des Wassers. Mit vieler Mühe schnitt er Büsche ab, so daß er den Weg nach dem Wasserloch von allen Seiten versperrte und nur an der Seite offen ließ, wo die Spuren zusammentrafen. Dicht am Wasser und längs der Spuren streute er in ungleichen Zwischenräumen das Salz aus, das er aus seiner einfachen Seewasser Destillation gewonnen hatte. Zwischen diesem ausgestreuten Salz und den Punkten, auf denen er erwartete, daß die Thiere herankommen würden, legte er seine Schlingen, die auf folgende Weise gemacht Waren.

Er nahm mehrere biegsame Aeste von jungen Bäumen, pflückte die Blätter und kleinen Aeste ab, grub mit seinem Messer und dem rohen Ruder, das er sich für die Reise über den Seearm gemacht hatte, eine Reihe von Löchern, ungefähr einen Fuß tief. Am dickeren Ende der Ruthen befestigte er mit einem Ende Angelleine ein kleines Kreuz, das lose daran hing, etwa wie der Griff, den ein Schuljunge an keinem Kreiselbindfaden befestigt. Die Enden der Ruthe zog er nun in die Löcher und stampfte die Erde ringsum fest. Die Ruthen, die so an den kleinen Kreuzen eingeankert waren, standen ganz fest und konnte er sie nicht herausziehen. An die dünnen Enden der Ruthen band er sehr fest die Dornenschlingen, welche er mitgebracht hatte. Nun wurden die Ruthen doppelt gebogen und die Oberenden ebenso in der Erde befestigt, wie die dicken Enden. Dies war der schwierigste Theil der Arbeit, denn es war nöthig, ganz genau das Gewicht des Druckes ausfindig zu machen, das die gebogene Ruthe trotz ihrer Elasticität in der Stellung erhielt und doch bei starker Berührung der Drahtschlinge sie abspringen ließ. Nach vielen Versuchen wurde endlich dieses glückliche Mittel entdeckt und Rufus Dawes, nachdem er seine Schlingen durch Zweige verdeckt hatte, ebnete den vertretenen Sand mit einem Zweige und zog sich zurück, um die Wirkung seiner Anstrengungen zu beobachten.

Etwa zwei Stunden nachher kamen die Ziegen, um zu trinken. Es waren fünf Alte und zwei Junge und sie trabten ruhig dem Wasser zu. Rufus, der in seinem Versteck aufpaßte, sah bald, daß ein Theil seiner Mühe verloren war. Die Leitziege ging ganz ernsthaft in die Schlinge hinein, die sich ihr um den Hals legte und die gebogene Ruthe in die Höhe zog, welche zwischen ihren Beinen in die Luft sprang. Die Ziege stieß ein komisches Blöken aus und obgleich Leben und Tod an dem Erfolge hing, mußte Rufus doch lachen über die drolligen Bewegungen des verängstigen Thieres. Die andern Ziegen sprangen bei dieser plötzlichen Aufhebung ihres Führers eilig davon und in einer kleinen Entfernung fingen sich noch drei Ziegen. Rufus Dawes glaubte, da es nun Zeit sei, sich seines Preises zu versichern, obgleich noch drei seiner Schlingen unbesetzt waren. Er lief schnell zu der alten Ziege, das Messer in der Hand, aber ehe er sie erreichen konnte, riß die Schlinge, der alte Bursche schüttelte den bärtigen Kopf und machte sich in vollster Eile davon. Die Anderen indeß waren sicher gefangen und wurden getödtet. Der Verlust der Schlinge war zu verschmerzen, denn drei blieben unberührt und vor Sonnenuntergang hatte Rufus noch vier Ziegen gefangen. Die Schlingen sorgfältig ablösend und bewahrend, denn sie hatten guten Dienst gethan, zog er die Körper jetzt nach der Küste und begann, sie aus seine Flöße zu packen. Doch entdeckte er, daß das Gewicht zu groß war und daß das Wasser durch die Entfernungen zwischen den Reihen eindringend, das Schilfgras völlig durchnäßt hatte, so daß das Floß nicht mehr über Wasser blieb. Er war genöthigt, zwei Stunden damit zuzubringen, um die Haut mit solchem Material zu füllen wie er es finden konnte. Leichtes, krauses Seegras, welches das Wasser wie Heubündel an’s Ufer geschwemmt hatte, diente als vortrefflicher Ersatz für Gras. Er band nun seine Schilfbündel längs des Ziegenfellsackes fest und so gelang es ihm, eine Art von rauhem Kanoe zu machen, auf welchem die Körper sicher schwammen.

Er hatte seit dem Morgen nichts gegessen und die Anstrengung der Arbeit hatte ihn ganz erschöpft. Doch wies er jeden Gedanken an Ruhe zurück, aufrecht gehalten durch die Aufregung seiner Aufgabe. Er schleppte seine müden Glieder längs er Bai hin und suchte die Müdigkeit durch neue Anstrengung zu verscheuchen. Die Fluth strömte jetzt herein und er wußte, daß es nothwendig war, die ferne Küste zu erreichen, während der Strom ihn begünstigte. Nach der Lootsen Station bei der Ebbe zu gelangen war ganz unmöglich. Wenn er jetzt bis zur Ebbe wartete, so mußte er noch einen ganzen Tag weiter auf dieser Küste zubringen und er konnte keinen Tag verlieren. Er schnitt einen langen, jungen Stamm ab und befestigte an das eine Ende das schwimmende Bündel. So zog er es bis zu einer Stelle, an der das Wasser der Bai gleich in große Tiefe abfiel. Es war eine klare Nacht und der aufsteigende Mond warf einen silbernen glitzernden Streifen über die See. Auf der andern Seite des Wassers lag Alles in tiefen violetten Hauch getaucht, welcher den kleinen Arm, von dem er diesen Morgen ausgegangen, ganz verbarg. Das Feuer der Ausgesetzten, welches hinter einem Felsen verborgen war, warf einen rothen Schein in die Luft. Die großen Wellen des Oceans, welche an die Klippen auf der Rhede sich brachen, füllten die Luft mit heiserem, dumpfen Murmeln und die steigende Fluth rieselte und klatschte mit melodischem Klange auf dem Sand. Er berührte das kalte Wasser und zog sich zurück. In dem Augenblick beschloß er zu warten, bis die ersten Morgenstrahlen jene schöne aber verrätherische See beleuchten würden. Aber da fiel ihm das hilflose Kind ein, das ohne Zweifel auf ihn wartete und nach ihm an der Küste ausschaute. Dieser Gedanke gab seinem erschöpften Körper neue Kraft. Er richtete seine Augen auf den Widerschein des Feuers, der über den dunkeln Baumgipfeln zu sehen war und ihre Gegenwart bezeichnete und stieß schnell das Floß vor sich in die See.

Die Schilfbündel unterstützten ihn vortrefflich, aber die Stärke des Stromes zog ihn fast unter das Wasser und einige Sekunden lang mußte er fürchten, genöthigt zu sein, seine Schatze aufzugeben. Aber seine Muskeln, gestählt in der harten Arbeit der Deportierten hielten diesen letzten Anprall aus und halb erstickt, mit keuchender Brust und erstarrten Fingern, behauptete er seine Lage.

Endlich trieb die Masse, aus den kleinen Strömungen an der Küste befreit, ruhig in dem Strome, der im silbernen Mondlicht hinüber führte. Noch einige Augenblicke, eine letzte Anstrengung und er näherte seine Ladung der Küste.

Rudernd und stoßend gelang es ihm die kleine Halbinsel zu umschiffen, die ihn noch von dem Feuer trennte und endlich, als seine steifen Glieder ihm schon fast den Dienst versagten und er mit der Fluth weiter getrieben wurde, fühlte er plötzlich festen Grund unter seinen Füßen. Die Augen öffnend, die er in der letzten verzweifelten Anstrengung geschlossen hatte, sah er, daß er grade unter dem Felsen gelandet war, hinter welchem das Feuer brannte. Es schien, als ob die Wellen, müde, ihn zu verfolgen, ihn grade da ans Ufer geworfen hatten, wo das Ziel seiner Wünsche lag. Zurückblickend, bemerkte er zum ersten Mal, wie groß wirklich die Gefahr gewesen, in der er sich befunden und er zitterte. Dann aber durchzuckte ihn ein Empfinden des Triumphes. »Warum war er so lange hier geblieben, da das Entkommen doch so leicht?« – Er zog die Körper der Ziegen über die höchste Wasserlinie auf den Strand und schritt nun dem Feuer zu. Die Erinnerung an die Nacht, da er sich zuerst dem Feuer genähert, beschäftigte ihn lebhaft und erhöhte seine freudige Stimmung. Was für ein andrer Mann war er jetzt. Als er das Ufer hinauf ging, sah er die Stäbe im Mondschein glänzen, die Frere auf sein Geheiß hatte schneiden müssen. Sein Offizier arbeitete für ihn! In einem Kopf allein lag das Geheimniß ihres Entkommens. Er, Rufus Dawes, der Gezeichnete, Entehrte, er allein konnte diese drei Menschen der Civilisation zurückgeben. Wenn er seine Hilfe verweigerte, mußten sie für immer in dem Gefängnis zurück bleiben, wo er so lange gelitten hatte. Jetzt war der Spieß umgekehrt. – Er war der Gefangenenwärter geworden. Er hatte das Feuer erreicht, ehe noch der einsam Wachende dort seine Fußtritte vernommen hatte. Rufus hielt seine Hände, sich wärmend vor das Feuer. Er verachtete fast den Mann, der ruhig zurück geblieben war. So hätte Frere gefühlt, wäre ihre Lage die umgekehrte gewesen.

Frere sprang erschreckt auf und rief: »Seid Ihr es! Ist Alles gelungen?«

Rufus Dawes nickte.

»Wie? Habt Ihr welche gefangen?«

»Dort unten am Felsen liegen sechs Ziegen. Morgen können Sie Fleisch essen zum Frühstück.« Das Kind kam bei dem Ton seiner Stimme aus der Hütte gelaufen. »O, Mr. Dawes! Ich bin ganz glücklich. Wir waren schon so verzweifelt, Mama und ich. Dawes hob sie auf und in ein fröhliches Lachen ausbrechend, ließ er sie hoch in die Luft springen. »Sage mir,« rief er, das Kind mit seinen noch nassen Armen hoch haltend, »was willst Du mir geben, wenn ich Dich und Mama sicher zurück bringe?«

»O freien Urlaub und Papa soll sie zu seinem Diener machen,« sagte Sylvia. Frere brach bei dieser Antwort in Lachen aus und Dawes setzte mit einem Gefühl des Erstickens das Kind auf die Erde und ging weiter. Das war in der That Alles, worauf er hoffen konnte. All sein Planen, all sein Muth und Trotzen der Gefahr würde ihm nichts weiter einbringen als den Schutz des hohen Herren, des Major Vickers. Sein Herz, das so voll von Liebe, von Selbstverläugnung, von Hoffnung auf eine schöne Zukunft war, mußte diese Gnade dafür hinnehmen. Er hatte ein Wunder von Geschicklichkeit und Kühnheit vollbracht und zu seiner Belohnung sollte er zum Diener gemacht werden, zum Diener derjenigen, die er gerettet. Aber was konnte ein Deportierter denn mehr erwarten? Sylvia sah, wie tief ihre unschuldige Hand das Eisen in die Wunde getrieben, die sie geschlagen.

»O Mr. Dawes, denken Sie daran, daß ich Sie immer lieben werde!« Doch der Deportierte, dessen augenblickliche Aufregung wohl vorüber, winkte ihr, zu gehen und sie sah wie er sich müde im Schatten eines Felsens in den Sand streckte.

Fünfzehntes Capitel.
Das Korakel

Am Morgen war Rufus Dawes zuerst bei der Arbeit und machte keine Anspielung auf die Scene des vorigen Abends. Er hatte schon eine der Ziegen abgehäutet und zeigte Frere, wie er bei der Andern zu Werke gehen müsse, »Schulden Sie den Leib auf bis zum Schlunde und am Bein herab bis zum Knie,« sagte er. »Ich brauche die Häute so viereckig wie möglich.« Nach anstrengender Arbeit hatten sie bis zur Frühstückszeit vier Ziegen gehäutet, die Eingeweide gereinigt und etwas von dem Fleisch gekocht. So hielten sie fast ein fröhliches Mahl. Da Mrs. Vickers noch leidend war, ging Dawes in die Hütte, um sie zu besuchen und schien wieder mit Sylvia Freundschaft geschlossen zu haben, denn als er heraus kam, hielt er des Kindes Hand in der seinen. Frere, der grade das Fleisch in lange Streifen schnitt, um es in der Sonne zu trocknen, sah dies und es ab seinem Haß und Aerger frische Nahrung. Doch ließ er sich nichts merken, denn er kannte das Geheimniß des Bootbaues noch nicht. Doch vor Mittag war er in das Geheimniß eingeweiht, das übrigens ein sehr einfaches war.

Rufus Dawes nahm zwei von den gradesten und längsten Selleri-Pinien, die Frere am vorigen Tage hatte schneiden müssen und splißte sie fest zusammen, die starken Enden nach außen. So stellte er einen gesplißten Stamm von etwa zwölf Fuß Länge her. Ungefähr zwei Fuß von jedem Ende schnitt er die jungen Bäume ein wenig ein, bis er die Enden aufwärts biegen konnte und da er sie so umgebogen hatte, befestigte er diese Enden durch Schlingen von Ziegenhaut. Die zusammengesplißten Bäume stellten jetzt einen heil eines Bootes da, Vordertheil, Kiel und Hintertheil eines Bootes in einem Stück. Dies wurde nun längs zwischen die Stäbe gelegt und dann vier junge Stämme, an zwei Stellen eingekerbt, von Stab zu Stab geführt, kreuzweise nach dem Kiel zugehend. Sie bildeten die Knie. Vier Stämme wurden jetzt von dem einen umgebogenen Ende des Kieles, das den Vordersteven vorstellte bis zu dem Hintersteven gelegt und befestigt. Zwei von ihnen lagen oben als Bord und zwei unten als Seitenquerhölzer. Jede Abtheilung wurde sehr fest mit Angelleinen zusammengebunden. Als das ganze Gerippe fertig war, wurden die ersten Stücke herausgezogen und da lag das Skelett eines Bootes auf dem Boden, acht Fuß lang und drei Fuß breit.

Frere, dessen Hände voll Blasen und wund waren hätte gern geruht, aber Dawes wollte nichts davon hören. »Wir müssen fertig werden,« sagte er, ohne an seine eigne Ermüdung zu denken, »die Häute werden trocken sein, wenn wir aufhören.«

»Ich kann nicht mehr arbeiten,« sagte Frere mürrisch. »Ich kann es nicht aushalten. Sie haben Muskeln von Eisen, – ich nicht.«

»Ich mußte arbeiten, wenn ich nicht mehr stehen konnte, Maurice Frere. Es ist wunderbar, was die Katze Einem für Kraft gibt. »Nichts als Arbeit ist gut, wenn die Muskeln schmerzen,« das sagten sie uns immer.«

»Gut, was soll jetzt geschehen?«

»Das Boot bekleiden. Da, setzen Sie das Fett auf zum Schmelzen und nähen Sie die Häute zusammen. Zwei und zwei, sehen Sie und dann jedes Paar am Halse. Da ist jetzt genug Darmseite.«

»Sprechen Sie nicht mit mir, als wäre ich ein Hund!« sagte Frere plötzlich. »Können Sie nicht höflich sein?«

Aber der Andre, der geschäftig an dem Boot arbeitete und die vorstehenden Enden abschnitt, antwortete nicht. Es ist möglich, daß er den ermüdeten Leutnant seiner Beachtung unwerth hielt. Eine Stunde vor Sonnenuntergang waren die Häute bereit und Rufus Dawes, der die Zwischenräume der Bootsrippen mit Akazienzweigen ausgeflochten hatte, zog die Felle jetzt darüber, die haarige Seite nach innen. Längs der Ränder bohrte er Löcher in die Felle und gedrehte Enden Haut hindurch ziehend, holte er die Häute bis aus den Bord. Jetzt blieb noch eine letzte Arbeit übrig. Den Becher in das geschmolzene Talg tauchend, verpichte er damit reichlich die Nähte der Häute. Das Boot, das umgekehrt da lag, sah aus wie eine ungeheure Walnussschale, mit rother, rauchender Thierhaut bedeckt oder wie der skalpierte Schädel eines Titanen.

»Da,« rief Dawes triumphierend, »nun zwölf Standen in der Sonne, um die Häute zu trocknen und das Boot schwimmt wie eine Ente.«

Der nächste Tag verging in kleineren Vorbereitungen. Das getrocknete Ziegenfleisch wurde so klein wie möglich zusammen gepackt. Das Rumfäßchen wurde mit Wasser gefüllt und Wassereimer wurden aus Theilen der Eingeweide gemacht. Rufus Dawes steckte, nachdem er sie mit Wasser gefüllt hatte, einen Spliß oben durch und drehte denselben um, wie ein Tourniquet. Auch schnitt er cylinderförmige Stücke Rinde ab, gab ihnen einen Boden von ähnlichen Material und verpichte die Nähte mit Gummi und Harz. So erlangte er vier ziemlich gute Eimer. Ein Ziegenfell war noch übrig und es wurde beschlossen, daraus ein Segel zu machen.

»Die Strömungen sind stark und wir können nicht viel mit den Rudern machen, die wir haben. Wenn wir Wind bekommen, kann das Segel unser Leben retten.« Es war unmöglich in das schwache Boot einen Mast einzusetzen, aber diese Schwierigkeit wurde durch eine sehr einfache Einrichtung überwunden. Quer durch das Schiff wurden zwei Hölzer gelegt und der Mast dazwischen mit Schlingen von roher Haut befestigt und noch mit vielen Knoten von Angelleinen versichert. Große Stücke Rinde wurden auf den Boden des Bootes gelegt und so ein fester Fußboden gebildet. Es war spät am Nachmittage des vierten Tages, als alle diese Vorbereitungen zu Ende waren und es wurde bestimmt, daß man den nächsten Morgen die Abfahrt wagen wolle. »Wir wollen bis zum Riff an der Küste entlang rudern und dann auf das Nachlassen der Fluth warten,« sagte Rufus Dawes. »Ich kann jetzt nichts mehr thun.«

Sylvia, welche auf einem kleinen Felsen in einiger Entfernung saß, rief sie jetzt an. Ihre Kräfte waren durch die frische Fleischnahrung wieder etwas gehoben und ihre kindliche Fröhlichkeit durch die Hoffnung auf Rettung neu belebt.

Das kleine, lebhafte Mädchen hatte sich Seetang um den Kopf geflochten und eine lange Ruthe als Zauberstab in der Hand haltend, an deren Ende sie einen Tuff Blätter gebunden hatte, stellte sie eine der Heldinnen ihrer Bücher dar.

»Ich bin die Königin der Insel,« sagte sie fröhlich, »und Sie sind meine gehorsamen Diener. Bitte, Sir Eglamour, ist das Boot fertig?«

»Ja, Eure Majestät,« antwortete Dawes.

»Dann wollen wir es ansehen. So, gehen Sie voran. Ich will von Ihnen nicht fordern, daß Sie Ihre Nase auf dem Boden reiben wie der Mann Freitag, denn das würde sehr unbequem sein. Mr. Frere, wollen Sie nicht mit- spielen?«

»O ja,« sagte Frere, der dem reizenden Blick nicht widerstehen konnte, der diese Worte begleitete. »Ich will spielen, was soll ich thun?«

»Sie müssen an dieser Seite gehen und sehr ergeben sein. Natürlich thun wir nur so, wissen Sie,« sagte sie mit schnellem Verständnis von Frere’s Hochmuth. »So, jetzt geht die Königin, umgeben von ihren Seenymphen an die Küste. Sie brauchen nicht zu lachen, Mr. Frere; natürlich sind Nymphen sehr verschieden von Ihnen, aber wir können das nicht ändern.«

So in dieser pathetisch lächerlichen Weise an den Strand marschierend, hielten sie bei dem Boot an.

»Also, das ist das Boot,« sagte die Königin, die so überrascht war, daß sie ganz ihre Würde vergaß.

»Sie sind ein wunderbarer Mann, Mr. Dawes!«

Rufus Dawes lächelte traurig.

»Es ist sehr einfach.«

»Nennen Sie das einfach?« sagte Frere, der in der allgemeinen Freude etwas von seinem mürrischen Wesen abgelegt hatte. »Bei Georg, ich nicht. Das heißt Schiffbauen!«

»Da ist kein großer Plan; Alles die reine, harte Arbeit!«

»Ja,« sagte Sylvia, »die reine, harte Arbeit, Alles von dem guten Mr. Dawes gethan!«

Und sie fing an, eine Art kindischen Triumphgesang zu singen und zeichnete dabei Linien und Buchstaben in den Sand, immer mit ihrem Scepter:

 
»Guter Mr. Dawes
Guter Mr. Dawes
Dies Alles hat gethan
Der gute Mr. Dawes!«
 

Maurice konnte seinen Spott nicht zurückhalten.

 
»He ho, Margret Doh
Verkauft ihr Bett und liegt auf Stroh!«
 

sang er.

»Guter Mr. Dawes!« wiederholte Sylvia. »Guter Mr. Dawes! Warum soll ich nicht so sagen? Sie sind recht häßlich, Sir. Ich will nicht mehr mit Ihnen spielen.«

Und sie ging längs des Strandes fort.

»Armes Kind!« sagte Rufus Dawes.

»Sie sprechen zu hart mit ihr.«

Frere hatte, seit das Boot fertig war, viel von seinem Selbstvertrauen wieder gewonnen. Die Civilisation war jetzt wieder in erreichbarer Nähe und er mußte nun die Autorität wieder gewinnen, zu der ihn seine gesellschaftliche Stellung berechtigte.

»Wenn man Sie sprechen hört,« sagte er, »sollte man denken, es sei nie zuvor ein Boot gebaut worden. Wenn dieser Waschkorb einer von meines Onkels alten Dreideckern wäre, könnte man nicht mehr davon machen. Beim Himmel,« fügte er mit rohem Lachen hinzu, ich müßte eigentlich ein natürliches Talent für’s Schiffbauen haben, denn wenn der alte Schuft nicht gestorben wäre, als er starb, dann wäre ich jetzt selbst ein Schiffbauer.«

Rufus Dawes wandte ihm den Rücken zu, als er sagte »starb« und schien sich mit dem Festmachen von irgend Etwas zu beschäftigen. Hätte der Andere sein Gesicht gesehen, so würde ihm dessen plötzliche Blässe ausgefallen sein.

»Ach,« fuhr Frere fort, halb zu sich selbst, halb zu seinem Gefährten, »das heißt Geld verlieren, nicht wahr?«

»Was meinen Sie?« sagte der Deportierte, ohne sich umzuwenden.

»Was ich meine? Nun, mein guter Kerl, ich hätte eine Viertel Million bekommen, aber der alte Rumpf, der sie mir hinterlassen wollte, starb, ehe er sein Testament ändern konnte und jeder Schilling kam an seinen ungerathenen Sohn, der seit Jahren nicht zu Hause gewesen war. So gehts zu in der Welt!«

Rufus Dawes, immer noch sein Gesicht verbergend, stöhnte auf wie in großem Erstaunen und sich dann fassend, sagte er mit harter Stimme: »Ein glücklicher Kerl – der Sohn!«

»Glücklich,« rief Frere mit einem Fluche. »Ja, er war glücklich. Aber er ist verbrannt im Hydaspes oder umgekommen und hat nie etwas von seinem Glück gehört. Nun hat seine Mutter das ganze Geld bekommen. Ich habe keinen Schilling davon gesehen.« Dann, wahrscheinlich ärgerlich, daß er so seiner Würde vergessen, ging er an’s Feuer und dachte vielleicht über den Unterschied nach, der zwischen Maurice Frere, dem Besitzer einer Viertel Million läge, der sich in der bestmöglichen Gesellschaft bewegte, Wagen und Pferde besäße, Preis-Fechten und Hahnenkampf mitmachen könnte – und dem Leutnant Frere, ohne einen Pfennig, ausgesetzt auf der öden Küste von Macquarie Harbour und als Schiffbauer einem fortgelaufenen Deportierten dienend.

Rufus Dawes war auch in Träume verloren. Er lehnte auf dem Bord des Bootes und blickte auf die See, die im Abendsonnengold funkelte. Aber er war sich dessen nicht bewußt, was er vor sich sah. Ganz ergriffen von dem, was er so eben über sein Vermögen gehört, flogen seine Gedanken ungefesselt zu den Scenen hin, die er vergebens zu vergessen zugesucht hatte. Er blickte weit, weit hinaus über das blitzende Meer, hinaus bis an das alte Haus in Hampstead, mit seinem wohlbekannten, düsteren Garten. Er malte sich aus, wie es sein würde wenn er die Freiheit wieder gewonnen hätte und diesem fürchterlichen Drucke entronnen, der nun schon so lange auf ihm lag. Er sah sich zurückkehren unter irgend einem wahrscheinlichen Grunde für eine langen Reisen, – er sah sich im Besitz der Reichthümer, welche sein waren, frei, reich, geachtet in der Welt, aus der er so lange verstoßen gewesen. Er sah seiner Mutter süßes, bleiches Gesicht, die Sonne des Hauses. Er sah sich selbst, empfangen mit Thränen der Freude und der lebe, in die Heimath einziehend, erstanden vom Tode. Ein neues Leben öffnete sich ihm strahlend und er war völlig verloren in der Betrachtung seines eigenen Glückes. So tief war er in Nachdenken versunken, daß er den leichten Tritt des Kindes auf dem Sande nicht hörte. Mrs. Vickers, die von dem Resultat gehört, das des Deportierten Arbeit endlich gekrönt hatte, überwand ihre große Schwäche und schleppte sich nach dem Strande herunter, um das Boot zu sehen. Sylvia ging voran und Mrs. Vickers lehnte sich auf Maurice Freres Arm.

»Mama will das Boot sehen, Mr. Dawes,« rief Sylvia.

Aber Dawes hörte nicht.

Das Kind wiederholte die Worte, aber der stille Mann rührte sich nicht.

»Mr. Dawes!« rief sie wieder und zog ihn am Aermel. Die Berührung erweckte ihn aus seinen Träumen. Er sah das süße, kleine Gesicht vor sich und immer noch dem Gedankengange folgend, der ihn frei, reich und geachtet darstellte, nahm er das Kind in seine Arme und küßte es, wie er wohl seine eigene Tochter geküßt hätte. Sylvia sagte nichts, aber Frere zog in seinem Sinn ganz andre Schlüsse über den Stand der Angelegenheiten und war empört über die Anmaßung des Mannes. Der Leutnant sah sich jetzt fast wieder eingesetzt in seine alte Stellung und mit Mrs. Vickers am Arm, fuhr er Dawes an über dessen anscheinende Unverschämtheit, wie er gethan haben würde, wären sie Beide in ihrer alten Stellung noch auf Maria Island gewesen. »Ihr unverschämter Bettler!« rief er. »Wie könnt Ihr Euch das unterstehen! Bleibt an Eurem Platze!«

Dies rief Rufus Dawes in die Wirklichkeit zurück. Seine Stellung war die eines Deportierten. Wie konnte er zärtlich sein gegen die Tochter seines Herren. Und doch war dies Wort nach Allem, was er gethan und was er noch zu thun Willens war. Er sah, wie die Beiden das Boot betrachteten, das er gebaut. Er bemerkte die Erregung der Hoffnung auf der bleichen Wange der armen Dame und sah wie die wieder beanspruchte Autorität Maurice Freres Blick härter gemacht. Da begriff er mit einem Male, wie Alles für ihn enden würde. Er hatte sich, durch seine eigene That wieder in Fesseln geschlagen. So lange das Entkommen unmöglich, war er nützlich, ja mächtig gewesen.– Nun er die Mittel zur Rettung geliefert, wurde er wieder zum Lastthier, wie zuvor. In der Wüste war er »Mr. Dawes, der Retter; im zivilisierten Leben wurde er wieder Rufus Dawes, der Schuft, der Gefangene, der Ausreißer. Er stand stumm da, als Frere das Boot nebst Inhalt erklärte und den wenigen Dankesworten der Dame fühlte er an, daß sie durch die Unzufriedenheit mit der Freiheit, die er sich gegen Sylvia genommen, beeinflußt waren. Er wandte sich kurz ab und ging hinauf in den Busch.

»Ein sonderbarer Kerl,« sagte Frere, als Mrs. Vickers dem Abgehenden mit den Augen folgte. »Immer übler Laune.«

»Der arme Mensch! Er hat sich gut gegen uns betragen,« sagte Mrs. Vickers. Aber auch sie fühlte die Veränderung in den Umständen und fühlte, daß ihr blindes Vertrauen in den Deportierten, der ihrer Aller Leben gerettet, in patronisirende Freundlichkeit sich gewandelt hatte, die nicht mit Achtung oder Zuneigung zu verwechseln war.

»Kommen Sie jetzt zum Abendbrot,« sagte Frere. »Das Letzte hoffe ich, das wir hier essen werden. Er wird wohl zurückkommen, wenn sein Anfall vorüber ist.«

Aber er kam nicht zurück und nach einigen Bemerkungen über seine Abwesenheit, vergaßen Mrs. Vickers und Sylvia fast in der Freude über die nahen Aussichten zur Rettung, daß er sie verlassen. Mit wunderbarer Leichtgäubigkeit heilten sie das Ziel fast schon für erreicht. Der Besitz des Bootes selbst war solch’ ein Wunder, daß die Gefahren der Reise fast ihrem Blicke verschwanden. Maurice Frere war fast glücklich, daß der Deportierte verschwunden. Er wünschte, derselbe möchte nie wiederkommen.

Sechzehntes Capitel.
Die Schrift im Sande

Als Rufus Dawes außer Sicht der undankbaren Geschöpfe war, die er beschützt und bewahrt hatte, warf er sich in Wuth und Kummer auf den Boden. Zum ersten Mal seit sechs Jahren hatte er das Glück genossen, Gutes zu thun und Selbstverleugnung zu üben. Zum ersten Mal seit sechs Jahren hatte er den Menschenhaß abgelegt, den er sich selbst gelehrt. Zum ersten Mal seit der Zeit hatte er seine eignen Wünsche denen Anderer untergeordnet. Und dies war seine Belohnung. Er hatte seine Leidenschaften im Zügel gehalten, um Andere nicht zu beleidigen. Er hatte die bittere Erinnerung an seine Erniedrigung verbannt, damit kein Schatten davon auf das schöne Kind fallen sollte, dessen Schicksal so merkwürdig mit dem Seinen verbunden war. Er hatte seine Qualen unterdrückt, damit die Andern, welche Mitgefühl für ihn zu haben schienen, nicht schmerzlich davon berührt würden. r hatte sich jeder Wiedervergeltung enthalten, als Wiedervergeltung süß für ihn gewesen wäre. Seit Jahren und Jahren hatte er auf eine Gelegenheit gewartet, seine Verfolger zu strafen und als ein ganz unerwarteter Zufall ihm die Waffe der Vernichtung in die Hand gegeben, da hielt er die Hand davon zurück. Er hatte sein Leben gewagt, seine Feindschaft begraben, seine Natur fast geändert und nun wurde ihm der Dank in Form von kalten Blicken und harten Worten in dem Augenblick, als sein Geschick und sein Muth ihnen den Weg zur Freiheit gebahnt hatten. Und diese Einsicht war ihm in dem Augenblick geworden, als er die Nachricht von seinem Vermögen erhielt, als diese staunenswerthe Neuigkeit noch in ihm nachklang. Er knirschte mit den Zähnen vor Wuth über sein furchtbares Schicksal. Durch das Band der reinsten und heiligsten Neigung, – der Liebe des Sohnes zur Mutter – gebunden, hatte er sich selbst zu einem socialen Tode verdammt, anstatt seine Freiheit und sein Leben durch ein Bekenntnis zu erkaufen, das Schande und Unheil über das sanfte Wesen bringen würde, das er liebte. Durch eine merkwürdige Reihe von Zufällen hatte das Geschick ihm geholfen, die Täuschung aufrecht zu erhalten, die er ausübte. Sein Vetter hatte ihn nicht erkannt. Das Schiff, in dem man ihn abgereist glaubte, war mit jeder Seele an Bord verloren gegangen. Seine Identität war völlig zerstört, – kein Glied blieb, das Rufus Dawes, den Deportierten mit Richard Devine, dem verschwundenen Erben der Reichthümer des verstorbenen Schiffbauers verbunden hätte.

O, wenn er nur Alles gewußt hätte. Wenn er nur in dem düsteren Gefängnis, in angstvoller Furcht verzweifelnd, durch die Gewalt der ihn bezichtigenden Umstände erdrückt, geahnt hätte, daß der Tod zwischen Sir Richard und seine Rache getreten! Dann hätte er sich nicht zu opfern brauchen. Er war vor Gericht gestellt und verurtheilt als ein namenloser Schiffer, der keine Zeugen zu seiner Vertheidigung aufrufen, keine Einzelheiten über seine frühere Lebensgeschichte vorbringen konnte. Es war ihm jetzt klar, daß er hätte dabeibleiben sollen, nichts von dem Morde zu wissen, daß er den Namen des Mörders verschweigen konnte und so frei bleiben. Richter sind gerecht, aber die Volksmeinung ist mächtig und es wäre wohl möglich, daß Richard Devine, der Millionär dem Schicksal entgangen wäre, das Rufus Dawes, den Schiffer getroffen hatte. In seine wilden Berechnungen im Gefängnis, als er dort halb wahnsinnig vor Liebe, Schmerz und Verzweiflung gelegen, hatte der Gedanke nie eine Stelle gefunden, daß er gerade damals alle Reichthümer des Vaters geerbt, der ihn verstoßen hatte. Die Kenntnis dieser einen Thatsache würde seinen ganzen Lebenslauf geändert haben und nun sie zu seinen Ohren kam, war es – zu spät.

Jetzt lag er bewegungslos auf dem Sande, – dann wanderte er ziel- und zwecklos auf und ab unter den niedrigen Bäumen, die hell in dem von Nebelwolken umgebenen Monde glänzten. Er saß, wie er so oft im Gefängnis gesessen hatte, den Kopf in die Hände gelehnt und seinen Körper hin und herwiegend. So dachte er über das fürchterliche Loos seines Lebens nach. Die Erbschaft, die ihm zugefallen, war ihm von wenig Nutzen. Ein Flüchtling, dessen Sünde durch hatte Arbeit schwielig geworden, dessen Rücken die Narben der Peitschenhiebe trugen, konnte nicht mehr unter den fein Erzogenen leben. Wie, wenn er nun seine Rechte und seinen Namen beanspruchte? Er war ein Deportierter Verbrecher, dem das Gesetz Name und Rechte genommen. Wenn nun Maurice Frere erzählte, daß er sein verlorener Vetter sei. Er würde verlacht werden! Wenn er laut seine Geburt und Unschuld verkündete, würden die Deportierten nur grinsen und die Aufseher ihn nur zu härterer Arbeit anhalten. Und selbst wenn man schließlich seine unwahrscheinliche Geschichte glaubte, «– was würde geschehen? Wenn man nun in England nach Jahren hörte, daß ein Deportierter in Ketten aus Macquarie Harbour, ein Mann, der für einen Mörder galt und dessen ganzes Leben in der Strafkolonie eine lange Reihe von Meuterei und Bestrafung aufwies, jetzt Anspruch machte, der Erbe eines englischen Vermögens zu sein und nun dies Recht geltend zu machen, würdige und angesehene Engländer aus Rang und Vermögen zu entfernen, wie endlich würde man solche Ankündigung aufnehmen? Gewiß nicht mit dem Wunsch, diesen Schuft aus einen Banden zu erlösen und ihn auf den Ehrenplatz seines verstorbenen Vaters zu setzen. Solche Nachricht würde als ein Unheil, als ein Flecken auf gutem Ruf, eine Unehre für einen reinen und geehrten Namen angesehen werden. Wenn es ihm nun Alles gelänge, wenn er zurückkehrte zu der Mutter, die sich jetzt vielleicht schon an den Verlust gewöhnt hatte, so würde er doch für sie nur eine lebende Schmach gewesen sein, kaum weniger schwer zu tragen, als die, welche sie zu fürchten gehabt.

Ein Erfolg war fast unmöglich. Er wagte nicht den Weg zurückzugehen, den er, ein scheußliches Labyrinth, bis hierher gegangen war. Sollte er seine narbigen Schultern eigen als Beweis, daß er unschuldig und ein Gentleman sei? Sollte er die Scheußlichkeiten von Macquarie Harbour aufdecken als Grund dafür, daß er einen Anspruch hätte, als geachteter Gast an den Tischen vornehmer Leute zu sitzen. Sollte er die fürchterliche Sprache und die schmutzigen Späße anführen, die in den Schuppen und an der Kette gebraucht wurden, um sich als passender Gefährte für reine Frauen und unschuldige Kinder zu zeigen?

Und selbst vorausgesetzt, daß es ihm gelingen sollte, sich für schuldlos an dem Verbrechen auszuweisen und doch den Namen des wirklichen Verbrechers zu verbergen, so würde doch aller Reichthum der Welt ihm die gesegnete Unkenntnis des Bösen nicht zurückkaufen, die er einst besessen. Aller Reichthum der Welt würde nicht die Selbstachtung ihm wieder verschaffen, welche die Peitsche ihm genommen oder aus seinem Gedächtnis die Erinnerung an seine Erniedrigung verwischen. Stundenlang verfolgten ihn diese Gedanken. Er schrie auf, wie im Schmerz oder lag da, wie betäubt von heftigen Leiden. Es war hoffnungslos an Freiheit und Ehre zu denken. Er mußte schweigen und das Leben weiter erdulden, wie es das Schicksal ihm vorgezeichnet hatte. Er wollte in die Knechtschaft zurückkehren. Das Gesetz würde ihn als Ausreißer behandeln und ihm dafür die passende Strafe zuschreiben. Vielleicht würde man ihm die schwerste Strafe erlassen, dafür, daß er sich bemüht hatte, das Kind zu retten. Er konnte sich glücklich preisen, daß ihm Solches gestattet,war. Glücklich! —

Wenn er« nun gar nicht zurückginge, sondern in die Wildniß wanderte und stürbe? Besser noch immerhin der Tod als solch’ ein Schicksal. Doch mußte er sterben? Er hatte Ziegen gefangen, er konnte Fische fangen, er konnte eine Hütte bauen. Vielleicht war auf der verlassenen Niederlassung noch etwas Saatkorn zu finden, das er säen konnte und das ihm später Brot geben würde. Er hat ein Boot gebaut, einen Ofen und eine Hütte! Gewiß konnte er allein leben, ein wildes, aber freies Leben. Allein! Er hatte alle diese Wunder allein vollbracht. Lag nicht das Boot, das er gebaut, unten an der Küste? Konnte er nicht darin entkommen und die elenden Geschöpfe, die ihn so undankbar behandelten, ihrem Schicksal überlassen?

Dieser Gedanke durchflog plötzlich seinen Kopf, als wenn Jemand ihm diese Worte in’s Ohr geflüstert hätte. Zwanzig Schritte und er konnte sich im Besitz des Bootes setzen und eine halbe Stunde Treiben mit dem Strome so wäre er sicher vor jeder Verfolgung. Einmal außerhalb des Riffs wollte er nach Westen halten, um einem Wallfischfahrer zu begegnen. Unzweifelhaft würde er einen antreffen ; auch war er ja wohl versehen mit Lebensmitteln und Wasser. Eine Erzählung vom Schiffbruch würde die Schiffer ja befriedigen, – doch – er hielt an – die Lumpen, welche er trug, würden ihn verraten. Mit einem Ausruf der Verzweiflung sprang er auf. Er streckte seine Hände aus und seine Finger berührten etwas Weiches. Er hatte neben einigen losen Steinen gelegen die neben einem Busch aufeinander gehäuft waren. Der Gegenstand, welchen er berührte, ragte etwas unter den Steinen hervor. Er faßte es und zog es heraus. Es war das Hemde von dem armen Bates. Mit zitternden Händen packte er die Steine ab und fand die andern Kleider von Bates. Es schien, als ob sie besonders für ihn dort hingelegt seien. So hatte ihm der Himmel auch gerade die Verkleidung gesandt, deren er bedurfte.

Die Nacht war während seiner Träumereien vergangen und die ersten Streifen des Tageslichts zeigten sich am Himmel. Eingefallen und blaß erhob er sich und kaum wagend, an sein Vorhaben zu denken, lief er nach dem Boot.

Als er so lief, sprach die Stimme, die er schon früher zu hören meinte, ermutigend zu ihm: »Dein Leben ist wichtiger als das Ihre. Sie werden sterben, aber sie sind undankbar und haben es verdient. Du wirst diese Hölle verlassen und an das liebevolle Herz zurückkehren, das Dich betrauert. Du kannst der Menschheit mehr Gutes thun, als daß Du das Leben der Leute rettest, die Dich verachten. Uederdies sterben sie vielleicht nicht. Gewiß werden sie abgeholt. Denke daran, was Dich erwartet, wenn Du zurückkehrst, als ein entflohener Sträfling!« Er war nur noch drei Fuß von dem Boot entfernt, als er plötzlich inne hielt und bewegungslos da stand, auf den Sand starrend, als ob er die Schrift sähe, die das Schicksal Belsazars vorher verkündigte! Sein Auge traf die Worte, die Sylvia am vorhergehenden Abend in den Sand geschrieben. Die so eben aufgehende Sonne warf helle Strahlen auf den Sand und es war ihm, als hätte sie die Worte, die er las, plötzlich gebildet.

»Guter Mr. Dawes.«

Guter Mr. Dawes! Was für ein fürchterlicher Vorwurf für ihn in diesen drei Worten! Was für Grausamkeit, Feigheit und Niedrigkeit zeigten ihm plötzlich diese zwölf Buchstaben! Er schien die Stimme es Kindes zu hören, das ihn gepflegt hatte und ihn jetzt anrief, sie zu retten. Es war ihm, als ob Sylvia zwischen ihm und dem Boot stände, – gerade wie in jener Nacht, da sie ihm das Brot am Feuer reichte.

Er schwankte nach dem Felsen hin, wo Frere schlief, schüttelte ihn an der Schulter und schrie: »Auf, auf; – wir wollen fort!«

Frere aufspringend sah das weiße Gesicht und die blutunterlaufenen Augen des Unglücklichen vor sich mit stummen Erstaunen an.

»Was fehlt Euch, Mann?« sagte er. »Ihr seht ja aus, als hättet Ihr einen Geist gesehen!«

Bei dem Ton seiner Stimme, seufzte Rufus Dawes tief auf und wischte sich die Hand über die Augen.

»Komm Sylvia,« rief Frere, »es ist Zeit aufzustehen. Wir sind bereit!«

Das Opfer war vollständig.

Der Deportierte wandte sich ab und zwei große Thränen flossen über seine Wangen und fielen in den Sand.

Siebzehntes Capitel.
Auf See

Eine Stunde nach Sonnenaufgang trieb das schwache Boot, die einzige Hoffnung der vier menschlichen Wesen mit dem Strome hinaus nach der Mündung der Bai. Als das Boot in’s Wasser gelassen wurde, ging es beinahe unter, weil es zu stark geladen hatte und man mußte einen großen Theil des getrockneten Fleisches zurück lassen. Mit welchem Schmerz dies geschah, kann man sich denken, denn jedes Atom Nahrung stellte eine Stunde längeren Lebens für sie dar. Doch half es nichts. Wie Frere sagte, ging es um Kopf und Kragen. Sie mußten auf alle Fälle fort.

Am Abend hielten sie an der Mündung der Bai, denn Dawes fürchtete, über das Riff zu gehen, ehe die Fluth anfing zu sinken und etwa um zehn Uhr Abends gingen sie über das Riff.

Die Nacht war lieblich und die See ruhig. Es schien, als ob die Vorsehung selbst Mitleid mit ihnen habe, denn trotz der Unsicherheit des Bootes und der Heftigkeit der Wellen, kamen sie sicher hinaus. Ein Mal, als sie grade in der Brandung waren, wogte eine mächtige Welle hoch fast über ihnen auf und drohte sie in die Tiefe zu versenken. Aber Rufus Dawes hielt das Boot geschickt gegen die See und während Frere mit seinem Hute das Wasser ausschöpfte, kamen sie glücklich in ruhiges Wasser. Doch geschah ein großes Unglück. Zwei von den Rindeneimern, die aus unverzeihlichem Versehen nicht befestigt waren, wurden über Bord gewaschen und mit ihnen beinahe ein Fünftel von ihrem schmalen Wasservorrath. Angesichts der größeren Gefahr schien dieser Unfall nur gering zu ein und als sie, durchnäßt und frierend die offene See erreichten, konnten sie sich nur gestehen, daß sie fast wunderbar behütet worden waren. Mit ihren Rudern hatten sie nur mühsam eine geringe Entfernung zurückgelegt, da sprang eine leichte Brise auf und sie konnten das Ziegenfellsegel ausziehen und nun die Küste entlang fahren. Es war beschlossen worden, daß die Männer abwechselnd wachen sollten und Frere ließ seine Autorität zum zweiten Mal merken, als er Rufus Dawes befahl, jetzt Wache zu halten, denn er sei müde und wolle schlafen. Rufus hatte seit zwei Nächten nicht geschlafen und hatte all die schwere Arbeit gethan, aber er sagte nichts. Er hatte seit den letzten zwei Tagen so viel gelitten, daß er fast unempfindlich geworden war.

Frere schlief bis spät in den Nachmittag und als er erwachte, fand er das Boot noch auf offener See treibend, und Sylvia und ihre Mutter seekrank. Er war darüber ganz verwundert, denn Seekrankheit war etwas, das der Civilisation angehörte. Die großen grünen Wogen betrachtend, welche zwischen ihnen an dem Horizont ausstiegen, dachte er daran, wie wunderbar alle Ereignisse gekommen waren. Ein Blatt war aus seiner Lebensgeschichte ausgerissen. Es schien ihm ein ganzes Menschenalter zu sein, seit er nichts gethan hatte, als die Küste und die Wellen beobachten. Aber am Morgen, ehe sie die Niederlassung verlassen, hatte er die Kerben an seinem Kalenderstock gezählt und zu seinem Erstaunen ausfindig gemacht, daß nur zweiundzwanzig Tage vergangen waren. Er zog sein Messer und machte zwei Kerben in den Bord des Bootes, – das machte vier und zwanzig Tage. Die Meuterei hatte stattgefunden am 13. Januar. Jetzt war also der 6. Februar. »Gewiß,« dachte er bei sich, »könnte jetzt schon die Ladybird zurück sein.« Unglücklicher Weise konnte ihm Niemand sagen, daß die Ladybird durch schlechtes Wetter nach Port Davey verschlagen und dort siebzehn Tage zurückgehalten war.

In der Nacht ließ der Wind nach und sie mußten zu den Rudern greifen. Nachdem sie die ganze Nacht gerudert hatten, fanden sie, daß ihr Fortschritt nur sehr gering gewesen und Rufus Dawes schlug vor, sie wollten landen und an der Küste eine Brise abwarten. Als sie aber unter Lee vor einer langen Reihe Basaltfelsen kamen, die steil aus der See ausstiegen, fanden sie, daß die Wellen sich so wüthend über einem Riff von fünf bis sechs Meilen Länge brachen, daß ihnen nichts übrig blieb, als in See zu bleiben und längs der Küste hinzufahren.

Sie fuhren so zwei Tage lang, ohne ein Segel zu sehen. Am dritten Tage hob sich ein starker Wind aus Südosten und sie wurden dreißig Meilen zurückgetrieben. Das Boot begann zu lecken und mußte fortwährend ausgeschöpft werden. Das Schlimmste war, daß das Rumfäßchen auch leck geworden und sie so den größten Theil ihres Wasservorrathes verloren hatten. Es war halb leer. Sie besserten es aus, indem sie das Leck ausschnitten und mit Linnen verstopften.

»Es ist ein Glück, daß wir nicht in den Tropen sind,« sagte Frere mit einer Art von verzweifeltem Trost.

Die arme Mrs. Vickers, die im Boot lag, in ihr nasses Shawl eingehüllt und in dem kalten Winde zitternd, hatte nicht den Muth, zu antworten. Gewiß konnte die erstickende Windstille der Tropen nicht schlimmer sein als diese düstere, öde See.

Die Lage der armen Menschen fing an, verzweifelt zu werden. Mrs. Vickers schien ganz erschöpft zu sein und es war augenscheinlich, daß wenn nicht bald Hilfe käme, sie nicht mehr lange den Widrigkeiten des Wetters Stand halten würde. Das Kind war etwas besser darein. Rufus Dawes hatte ihr noch sein wollenes Hemde angezogen und ohne daß es Frere bemerkt ihr die Hälfte seiner Fleischration gegeben. Sie lag Nachts in seinen Armen und nistete sich am Tage dicht bei ihm ein, um Schutz zu haben. So lang sie bei ihm war, kam sie sich ganz sicher vor. Sie sprachen wenig mit einander, aber wenn Rufus den Druck ihrer kleinen Hand fühlte oder das Gewicht ihres Kopfes auf seiner Schulter, so vergaß er die Kälte, die ihn durchschauerte und den Hunger, der an ihm nagte.

So vergingen zwei Tage und noch immer kein Segel. Am zehnten Tage nach ihrer Abreise von Macquarie Harbour; waren ihre Vorräthe zu Ende. Das Salzwasser hatte das Ziegenfleisch ganz verdorben und das Brot in einen ekelhaften Teig verwandelt. Der Wind war ziemlich stark, hatte sich nach Norden gedreht und blies mit erneuter Heftigkeit. Die lange, niedrige Küstenlinie, welche sich zu ihrer Linken ausdehnte, war zuweilen ganz von blauem Nebel verdeckt. Das Wasser hatte eine Schmutzfarbe und der Himmel drohte Regen. Das elende Boot, dem sie sich anvertraut, leckte an vier Stellen. Wenn einer der Stürme sie überfallen, wie er so oft an dieser eisenumgürteten Küste herrschte, so hätten sie keine Stunde mehr leben können. Die beiden Männer, müde, hungrig und erfroren, hofften fest auf das Ende. Um ihren Kummer zu erhöhen, wurde Sylvia von Fieber ergriffen. Sie war bald heiß, bald kalt und in der Zwischenzeit stöhnte sie und redete irre. Rufus Dawes, der sie in seinen Armen hielt, bewachte ihr Leiden, das er nicht lindern konnte, mit Verzweiflung in seinem Herzen. Sollte sie dennoch sterben?

So vergingen wieder ein Tag und eine Nacht und der elfte Morgen fand das Boot immer noch auf der See. Die vier Unglücklichen lagen völlig erschöpft darin. Plötzlich stieß Dawes einen Schrei aus und das Segel ergreifend, gab er dem Boot die Richtung nach See zu. »Ein Segel, ein Segel!« schrie er. Sehen Sie es nicht!« Frere’s gieriger Blick prüfte den Horizont.

»Es ist kein Segel zu sehen, Ihr Narr,« sagte Frere. »Ihr spottet!«

Das Boot lief jetzt gerade nach Süden hinaus in das große Südmeer. Frere versuchte, das Steuer aus der Hand des Sträflings zu winden und das Boot auf seinen alten Curs zu bringen. »Seid Ihr toll, uns in die See hinaus zu nehmen?«

»Seht Euch nieder,« sagte der Andere mit wildem Blick und drohender Geberde und ließ die Augen dann wieder über den Ocean schweifen. »Ich sage Euch, ich sehe ein Segel!«

Frere, eingeschüchtert durch das wilde Licht im Auge seines Gefährten, ging mürrisch auf seinen Platz zurück.

»Thut, wie Ihr wollt, Ihr Tollkopf. Mir ist recht geschehen, daß ich mich in solchem Teufelsboot auf See wagte.

Uebrigens war es ja ganz gleichgültig. Ebenso gut konnte man mitten in der See als an der Küste ertrinken.

Der lange Tag ging zu Ende und kein Segel war zu sehen. Der Wind wurde frischer gegen Abend und das schwerfällige Boot schwankte wie trunken von dem vielen Wasser, das es schluckte, hin und her. Die Küste war verschwunden und der endlose Ocean, stürmisch und drohend, wogte und brauste um sie herum. Es schien unmöglich für sie, noch bis zum nächsten Morgen zu leben. Aber Rufus Dawes, seine Augen starr in die Ferne gerichtet, als ob er etwas sähe, das allein für ihn sichtbar war, schaukelte das Kind in seinen Armen und steuerte das Boot immer tiefer hinein in Nacht und Graus. Für Frere war der Anblick dieses grimmigen, unbeweglichen Mannes, mit den schwarzen, fliegenden Haaren und den starren Augen etwas übernatürlich Schreckliches. Er glaubte, daß Entbehrung und Angst ihn wahnsinnig gemacht hatten.

Ueber sein Schicksal nachdenkend und schaudernd, fiel er, wie es ihm schien, in einen kurzen Schlaf aus dem er durch einen Ruf wieder geweckt wurde. Er fuhr in die Höhe mit zitternden Knien und gesträubten Haaren. Der Tag war angebrochen und der Morgenhimmel, ein langer, gelber Streifen lag zu ihrer Linken. Doch zwischen diesem gelben Streifen und dem Boot schimmerte ein weißer Fleck.

»Ein Segel, ein Segel!« schrie Rufus Dawes mit wildem Entzücken in den Augen und Zittern in der Stimme. »Sagte ich es nicht, daß ich ein Segel sah?«

Frere völlig bestürzt, blickte von Neuem hin und sah wieder den weißen Fleck.

Einen Augenblick fühlte er sich fast gerettet und dann erfaßte ihn grenzenlose Verzweiflung. Von der Entfernung, in der sich das Schiff befand, konnte es unmöglich das Boot bemerken.

»Sie werden uns niemals sehen,« rief er. »Dawes, Dawes! Hört Ihr? Sie werden uns nicht sehen!«

Rufus Dawes fuhr wie aus einem Traum auf. Das Segel an dem Stock befestigend, der als Mast diente, legte er das schlafende Kind neben seine Mutter und riß das Stück Rinde von dem Sitz ab, worauf er gesessen. Dann ging er hinten in’s Boot.

»Das müssen sie sehen! Reißt Alles ab. Nun legt es über die Stangen. Hackt die Enden ab! Nun das trockene Stück Weide! Denkt nicht an das Boot, Mann, – wir müssen es jetzt aufgeben. So reißt das Stück Haut ab. Das Holz darunter ist trocken. Schnell, Ihr seid so langsam.«

»Was thut Ihr,« schrie Frere entsetzt, als der Deportierte alles trockne Holz, das er finden konnte, abriß und auf dem Stück Rinde aufhäufte, das er auf die Spieren gelegt hatte.

»Ein Feuer machen! Seht!« Frere begann zu verstehen.

»Ich habe noch drei Schwefelhölzer,« sagte er, in seiner Tasche suchend. »Ich wickelte sie in ein Blatt von dem Buche, um sie trocken zu halten.«

Das Wort »Buch« war wie eine Eingebung. Rufus Dawes ergriff die »Englische Geschichte,« die schon so viel gedient hatte, riß die trockenen Blätter in der Mitte des Bandes heraus und fügte sie sorgfältig dem Scheiterhaufen zu.

»Nun weiter.«

Die Schwefelhölzer wurden angezündet und brannten. Das Papier fing Feuer und Frere, der tüchtig hineinblies, fachte es so an, daß auch die Rinde brannte. Er häufte auf das Feuer Alles was brennbar war, die Häute schrumpften zusammen und eine dicke Säule schwarzen Rauches stieg über dem Meer auf.

»Sylvia, Sylvia,« rief Rufus Dawes, »mein Liebling, Du bist gerettet.«

Sie öffnete ihre blauen Augen sah ihn an, gab aber kein Zeichen von Bewußtsein. Delirium war dem Fieber gefolgt und in der Stunde der Rettung hatte sie ihren Retter vergessen. Rufus Dawes, ganz überwältigt von diesem neuen Unglück, setzte sich hinten in das Boot, nahm das Kind in seine Arme und blieb sprachlos. Frere, der das Feuer unterhielt, dachte, daß der Augenblick, auf den er so lange gehofft, endlich gekommen war. Die Mutter am Rande des Grabes, das Kind im Delirium, wer sollte für die Geschicklichkeit des Deportierten zeugen? Niemand als Maurice Frere und Maurice Frere als Kommandant einer Deportierten Station mußte dem Gesetz einen entsprungenen Sträfling überliefern.

Das Schiff änderte den Kurs und näherte sich dem merkwürdigen Feuer, mitten auf dem Ocean. Das Boot, dessen Vordertheil fast in Flammen stand, konnte keine Stunde mehr zusammen halten. Die kleine Gruppe des Deportierten mit dem Kinde blieb völlig bewegungslos. Mrs. Vickers lag bewußtlos da und wußte nichts von der nahen Rettung.

Das Schiff, eine Brig mit fliegender amerikanischer Flagge, kam auf Rufwette dran. Frere konnte fast schon die Gesichter auf Deck unterscheiden. Er ging nach hinten, wo Dawes fast bewußtlos mit dem Kinde in dem Arm saß, stieß ihn rauh mit dem Fuß an und rief im Tone des Befehls: »Vorwärts! Gebt mir das Kind!«

Rufus Dawes hob seinen Kopf und das sich nahende Schiff sehend, wurde er sich seiner Pflicht bewußt. Mit leisem lachen voll unendlicher Bitterkeit, legte er die Last, die er so zärtlich getragen in die Arme des Lieutnants und ging nach vorn zu dem Feuer.

* * *

Die Brigg war dicht bei ihnen. Ihre Segel breiteten sich weit aus und beschatteten das Meer. Ihr nasses Deck glänzte in der Morgensonne. Von Bord herab blickten bärtige, eifrige Gesichter mit Erstaunen auf das brennende Boot und seine elende Bemannung, das so allein auf dem großen Ocean schwamm. Frere mit Sylvia in den Armen wartete.

Buch 3

Erstes Capitel.
Ein Arbeiter im Weinberge

»Die Gesellschaft in Hobart Town ist in diesem Jahr der Gnade 1838, mein verehrter Lord, aus sehr merkwürdigen Elementen zusammengesetzt.« So lautete ein Satz in dem sehr geistreichen Briefe, den der Ehrwürdige Mr. Meekin, neu ernannter Kaplan und seit sieben Tagen Bewohner von Van Diemens Land, auf die Post trug, um ihn an seinen hohen Patron in England zu senden. Wie der Ehrwürdige Herr so zierlich die Sommerstraße entlang trippelte, die sich zwischen dem blauen Flusse und den tief violetten Bergen hinzog, warf er seine Blicke rechts und links aus die Vorübergehenden und der Satz, den er so eben verfaßt, erschien ihm wohl begründet.

Gut gekleidete Offiziere der Garnison drängten an ihm vorüber, elegante Damen wurden gegrüßt, schlecht gekleidete, übelriechende Beurlaubte vermieden; – ja er eilte sogar auf die andere Seite der Straße, um nicht von den kleinen Handwagen angestoßen zu werden, die, von Graujacken gezogen, plötzlich um die Ecke rasselten. Gewiß war diese Gesellschaft aus sehr sonderbaren Elementen zusammengesetzt. Jetzt gerade ging mit hochmüthig gehobener Nase ein frisch angekommener Regierungsbeamter vorüber, einen Augenblick sein steifes Betragen vergessend, um dem neuen Kaplan, den Sir John Franklin beschützte, herablassend zuzulächeln. Jetzt schwankte ohne Ansprüche auf Feinheit oder Protektion ein früherer Gefangener vorüber, der durch Rumverkauf sich reich gemacht hatte.

Gewiß gewährte die Bevölkerung, welche an diesem sonnigen Dezembernachmittag auf den Füßen war, dem kürzlich von London angekommenen zierlichen Prediger einen sehr bunten und gemischten Eindruck. Zum ersten Mal in seinem schlaffen, leichten Leben vermißte er jene sozialen Schutzwände, die in der Londoner Civilisation die Schwächen und Laster der menschlichen Natur so passend verdecken.

In glänzendes Schwarz gekleidet, von modernstem, geistlichem Schnitt, mit Glanzstiefeln, lavendelfarbenen Handschuhen und einem hellseidenen Ueberzieher, der leise andeutete, daß der Träger desselben nicht ganz frei von menschlicher Schwäche in Betreff der Hitze und der Sonne sei, ging der Pfarrer in die Post hinein, um seinen Brief abzugeben. Zwei Damen begegneten ihm, als er sich umwandte.

»Mr. Meekin!«

Mr. Meekins eleganter Hut hob sich von seinem geistvollen Kopfe und schwebte wie ein großer, schwarzer Vogel einen Augenblick in der Luft. »Mrs. Jellicoe! Mrs. Protherick! Meine verehrten Damen, welch’ unerwartetes Vergnügen! Und bitte, wohin gehen Sie an diesem lieblichen Nachmittag? Im Hause zu bleiben, ist wirklich Sünde. Ach, was für ein Klima, – aber der Schweif der Schlange – meine liebe Mrs. Protherick, – ja der Schweif der Schlange —« und er seufzte.

»Es muß eine große Prüfung für Sie sein, in die Kolonie zu kommen,« sagte Mrs. Jellicoe mit einem sympathischen Seufzer.

Meekin lächelte, wie eben ein eleganter Märtyrer lächelt. »Des Herren Werk, meine Damen, es Herren Werk. Ich bin nur ein armer Arbeiter im Weinberge, der des Tages Last und Hitze durchmacht.«

Sein Aussehen mit seiner tadellosen Kravatte, seinem leichten Rock, seinen blanken Stiefeln und seiner selbstbewußten christlichen Miene war einem Arbeiter, der des Tages Last und Hitze trägt, so unähnlich, daß die gute Mrs. Jellicoe, die Frau eines orthodoxen Oberaufsehers der Gefangenen-Magazine, eine plötzliche Anwandlung von Ketzerei fühlte.

»Ich würde lieber in England geblieben sein,« fuhr Mr. Meekin fort, indem er den einen lavendelfarbigen Finger mit dem andern glättete und seine feinen Augenbrauen in die Höhe zog, um jedes Lob über seine Selbstaufopferung zurückzuweisen, »aber ich fühlte, es war meine Pflicht, das verbieten, das mir die Güte Seiner Lordschaft machte, nicht zurückzuweisen. Hier ist ein Feld, meine Damen, – ein Feld für den christlichen Pastor. Sie schreien nach mir, meine Damen, diese Schafe unserer Heerde, diese verlorenen und verstoßenen Schafe unserer Kirche!«

Mrs. Jellicoe schüttelte ihre bunten Hutbänder mit freundlichem Lächeln. »Sie kennen unsere Deportierten nicht,« sagte sie. (Nach dem Ton ihrer fröhlichen Stimme zu urtheilen, hätte sie auch sagen können, »unsere Ochsen«). »Sie sind schreckliche Geschöpfe. Und gar die Dienstboten – meine Güte! Jede Woche habe ich neue! Wenn Sie erst etwas länger hier sind, werden Sie besser Bescheid wissen, Mr. Meekin.«

»Sie sind zuweilen ganz unerträglich,« sagte Mrs. Protherick, die Wittwe eines Inspektors der Gefangenenkasernen, und ihre Wange röthete sich von edler Entrüstung. »Ich bin für gewöhnlich das geduldigste Geschöpf der Welt, aber ich muß gestehen, daß die dummen, lasterhaften Geschöpfe, welche man hier bekommt, einen Heiligen außer Fassung bringen könnten.«

»Wir müssen Alle unser Kreuz tragen, verehrte Damen, Alle!« sagte Mr. Meekin in frommem Ton. »Der Himmel; sende uns Kraft dazu! Guten Morgen!«

»Sie haben ja denselben Weg,« sagte Mrs. Jellicoe. »Wir können zusammen gehen.«

»Herrlich! Ich wollte Major Vickers meinen Besuch machen.«

»Ich wohne dicht dabei,« erwiderte Mrs. Protherick. »Was für ein reizendes Wesen sie ist, nicht wahr?«

»Wer?« fragte Meekin sanft.

»Sylvia. Sie kennen sie nicht. O, ein liebes, herziges Geschöpf.«

»Ich habe Major Vickers nur beim Gouverneur getroffen,« sagte Meekin. »Ich hatte noch nicht das Vergnügen, die Tochter zu sehen.«

»Eine traurige Geschichte,« sagte Mrs. Jellicoe, »ein wahrer Roman, wenn er nicht so traurig wäre. Seine Frau, die arme Mrs. Vickers!«

»So, was ist mit ihr? Krank?« fragte Mr. Meekin und machte einem Vorübergehenden eine sehr herablassende Verbeugung.

»Sie ist todt, die arme Seele,« sagte die fröhliche Mrs. Jellicoe mit einem tiefen Seufzer. »Sie haben doch die Geschichte schon gehört, Mr. Meekin?«

»Meine Damen, Sie vergessen, daß ich erst seit einer Woche in Hobart Town bin und die Geschichte nie gehört habe.«

»Von der Meuterei, wissen Sie die Meuterei in Macquarie Harbour. Die Meuterer nahmen das Schiff und setzten Mrs. Vickers und Sylvia irgendwo an der Küste aus. Doch war Kapitain Frere bei ihnen.

Die Aermsten durchlebten eine schreckliche Zeit und starben beinahe. Kapitain Frere machte endlich ein Boot und sie wurden von einem Schiff aufgenommen. Die arme Mrs. Vickers lebte nur noch einige stunden und die kleine Sylvia, sie war damals zwölf Jahre alt, war etwas gestört, die arme Seele. Man dachte, sie würde nicht wieder besser werden.«

»Wie schrecklich! Und ist sie hergestellt?«

»O ja, sie ist wieder ganz gesund, aber sie hat ihr Gedächtniß verloren.«

»Ihr Gedächtniß?«

»Ja,« fiel Mrs. Protherick ein, um auch einen Antheil an der Geschichte zu haben. »Sie erinnert sich der Dinge gar nicht, die während der drei oder vier Wochen geschahen, welche sie dort an der Küste zugebracht hat, – wenigstens nicht deutlich.«

»Das ist eine große Gnade-l« unterbrach sie Mrs.

Jellicoe, die entschlossen war, den Hauptantheil beim Erzählen zu behalten. »Warum sollte sie auch alles Schreckliche behalten? Was Kapitain Frere erzählt, ist wirklich entsetzlich.«

»Wirklich,« sagte Mr. Meekin und tupfte sein Gesicht mit seinem seinen Taschentuch.

»Ein Ausreißer von den Deportierten, Mr. Meekin, war auch zurückgelassen, und er fand sie und bestand daraus, ihre Vorräthe zu theilen, – der Elende! Kapitain Frere war genöthigt, ihn fortwährend zu überwachen, aus Angst, daß er sie morden könnte. Selbst als sie im Boot waren, versuchte er noch, sie in die See hinauszutreiben und so zu entkommen. Er war einer der Schlimmsten von Macquarie Harbour, sagen sie. Aber Sie sollten sich das von Kapitain Frere erzählen lassen.«

»Und wo ist er jetzt?« fragte Meekin mit Interesse.

»Kapitain Frere?«

»Nein der Gefangene.«

»O du liebe Güte, in Port Arthur oder sonst wo. Er wurde verurtheilt wegen Entspringens und würde gehangen sein, wenn sich Kapitain Frere nicht für ihn verwandt hätte.«

»Was für eine merkwürdige Geschichte,« sagte Meekin. »Und die junge Dame weiß also gar nichts davon?«

»Nur, was man ihr gesagt hat, glaube ich. Sie ist verlobt mit Kapitain Frere.«

»Wirklich? Mit dem Mann, der sie rettete. Wie reizend, – ganz romantisch!«.

»Nicht wahr? Jeder sagt das. Und Kapitain Frere ist so viel älter als sie.«

»Aber ihre mädchenhafte Liebe wendet sich dem heldenmüthigen Retter zu,« sagte Meekin mit poetischem Ansatz. »Merkwürdig und schön. Gerade wie – ja – wie der Epheu und die Eiche, verehrte Damen. Ach, in unserer verirrten Welt, welch’ ein reiner Fleck! – Ich glaube, hier ist das Haus.«

Ein feiner Sträfling, zu seiner Zeit ein bekannter Taschendieb, führte den Geistlichen in ein hübsches Besuchszimmer, durch dessen halb geschlossene Jalousien ein lichter, bunter Garten zu sehen war, und ging, um Miß Vickers zu rufen. Der Major war nicht zu Hause. Seine Pflichten als Ober-Inspektor der Deportierten machten solche Abwesenheiten häufig nothwendig, aber Miß Vickers war im Garten und konnte gleich gerufen werden. Der Ehrwürdige Meekin wischte seine heiße Stirn, zog seine schneeweißen Manschetten zurecht und legte sich zurück in das weiche Sopha, sehr wohlthuend berührt von der Eleganz und der kühlen Luft im Zimmer. Da ihm kein besserer Vergleich einfiel, so stellte er dies schöne Zimmer mit seinen sanften Kissen, herrlichen Blumen, offenem Piano in Gedanken neben das Haus eines westindischen Pflanzers, bei dem draußen Alles nur Hitze, Gluth und Barbarei war und drinnen Alles sanft, kühl und behaglich. Er war so entzückt von diesem Vergleich, daß er sich einen neuen Brief für den Bischof vornahm und ihm darin eine beredte Beschreibung von der Oase in der Wildniß seines Weinberges liefern wollte. Während seine Gedanken sich noch damit beschäftigten, wurde er durch den Ton von Stimmen im Garten unterbrochen, und es schien ihm, als ob Jemand ganz in der Nähe weinte und schluchste. Leise auf die breite Veranda hinaustretend, sah er auf dem Grasplatz zwei Personen, einen alten Mann und ein junges Mädchen. Das Schluchzen ging von dem alten Manne aus.

»Ja, Fräulein, das ist wohl wahr, bei meiner Seele. Ich bin erst heute Morgen zurückgekommen. O, es ist ein grausamer Streich gegen so einen alten Mann.« Er war ein weißhaariger Mann in der grauen Jacke der Deportierten und stand da und lehnte sich mit einer abgezehrten Hand auf eine Vase mit Rosen.

»Aber es ist Dein eigener Fehler, Danny, – wir haben Dich Alle vor der Frau gewarnt,« sagte das junge Mädchen sanft.

»Gewiß thaten Sie das! Aber, wie konnte ich so etwas denken, Fräulein? Es ist das zweite Mal, daß sie mich so behandelt.«

»Wie lange war es dies Mal, Danny?«

»Sechs Monate, Fräulein. Sie sagte, daß ich ein Trunkenbold wäre und sie geschlagen hätte. – Sie schlagen, Gott siehe mir bei!« Dabei streckte er zwei zitternde Hände aus. »Und sie haben ihr geglaubt. Als ich jetzt zurückkam, war mein kleines Feld ganz herunter getreten und sie hat sich davongemacht mit einem Schiffskapitain, – verzeihen Sie, Miß, und trinkt mit ihm im Georg der Vierte. Ach, ach, es ist hart für einen alten Mann.« Und er fing wieder bitterlich an zu schluchsen.

Das Mädchen seufzte. »Ich kann nichts für Dich thun, Danny. Doch kannst Du im Garten arbeiten, wie früher. Ich will mit Major Vickers sprechen, wenn er nach Hause kommt.«

Danny, welcher seine blöden Augen zu ihr erhob, um ihr zu danken, erblickte Mr. Meekin und grüßte kurz. Das Mädchen wandte sich um, und Mr. Meekin, sich mit vielen Entschuldigungen einführend, bemerkte, daß sie etwa siebzehn Jahre alt war, daß ihre Augen groß und sanft, ihr Haar voll und glänzend und ihre Hand, in der sie ein Buch hielt, worin sie soeben gelesen, klein und weiß war.

»Ich glaube, ich habe die Ehre, Miß Vickers zu sehen. Mein Name ist Meekin, der Ehrwürdige Arthur Meekin.«

»Wie geht es Ihnen, Mr. Meekin,« sagte Sylvia und hielt ihm eine ihrer kleinen Hände hin. »Papa wird gleich zurück sein.«

»Seine Tochter ersetzt eine Abwesenheit völlig, verehrte Miß Vickers.«

»O, ich mag keine Schmeicheleien, Mr. Meekin, wenigstens —« fügte sie mit entzückender Offenheit hinzu, die ihre Schönheit noch erhöhte, – »nicht solche Art von Schmeichelei. Natürlich lieben junge Mädchen Schmeichelei. Glauben Sie nicht auch?«

Dieser schnelle Angriff brachte Mr. Meekin ganz aus der Fassung und er verbeugte sich nur und lächelte die junge Dame an.

»Geh’ in die Küche, Danny,« und sage, sie sollen Dir etwas Tabak geben. Sage, ich schickte Dich. Mr. Meekin, bitte, treten Sie ein.«

»Ein sonderbarer alter Herr, Miß Vickers. Ein treuer, alter Diener, nicht wahr?«

»Ein alter Sträfling und früherer Diener von uns,« sagte Sylvia. »Er war vor vielen Jahren bei Papa. Er ist in große Noth gekommen in der letzten Zeit, der arme, alte Mann.«

»In Noth?« fragte Mr. Meekin, als Sylvia ihren Hut abnahm.

»Auf der Straße. Das heißt, so nennen sie es. Er heirathete eine Freie, die viel jünger war, als er, und sie gibt ihm zu trinken und dann zeigt sie ihn an wegen Insubordination.«

»Wegen Insubordination? Verzeihung, mein Fräulein, aber verstand ich recht?«

»Ja, Insubordination. Er ist ihr zugetheilter Diener, wissen Sie,« sagte Sylvia, als ob solche Einrichtung das Gewöhnlichste in der Welt wäre, »und wenn er sich schlecht beträgt, so schickt sie ihn wieder zur Straßenarbeit zurück.«

Der Ehrwürdige Mr. Meekin öffnete seine sanften Augen ganz weit. »Was für eine außerordentliche Anomalie! Ich fange an, meine liebe Miß Vickers, mich wirklich bei den Antipoden zu fühlen.«

»Die Gesellschaft hier ist sehr verschieden von der in England,« sagte Sylvia ruhig. »Wenigstens sagen das alle Neuangekommenen.«

»Aber eine Frau, die ihren Mann einsperren läßt, meine liebe, junge Dame!«

»Sie kann ihn peitschen lassen, wenn sie will. Danny ist gepeitscht worden. Aber seine Frau ist eine schlechte Frau. Er war sehr thöricht, sie zu heirathen; aber man kann einem alten Manne, der verliebt ist, keine Vernunft predigen.«

Mr. Meekins christliche Stirn wurde von tiefer Röthe bedeckt und sein wohlerzogenes Blut prickelte ihm in den Fingern. Eine junge Dame so offen in dieser Art sprechen zu hören, war schrecklich. Er pflegte immer vor dem Altar ein unpassendes Gebot ganz leise zu sprechen, damit die weiblichen, zarten Seelen unter seinen Zuhörern nicht beleidigt würden. Er wandte schnell das Gespräch von dem gefährlichen Thema ab, ohne noch einen Augenblick seine erstaunten Gedanken bei der Macht verweilen zu lassen, welche den »freien« Frauen in Hobart Town bewilligt war.

»Sie gaben gelesen?«

»Ja, Paul und Virginie. Ich habe es früher schon englisch gelesen.«

»Ah, Sie lesen französisch, verehrtes Fräulein?«

»Ja, aber nicht sehr gut. Ich hatte einige Monate einen französischen Lehrer, aber Papa mußte ihn wieder in’s Gefängnis zurückschicken. Er stahl einen silbernen Becher aus dem Eßzimmer.«

»Ein französischer Lehrer – stahl —«

»O, er war ein Deportierter, wissen Sie. Ein gescheiter Mann. Er schrieb für das »London Magazin.« Ich habe seine Bücher gelesen. Einige davon stehen wirklich sehr hoch.«

»Aber weshalb wurde er transportiert?« fragte Mr. Meekin, der schon fühlte, daß sein Weinberg größer wurde, als er geglaubt hatte.

»O, ich glaube, er vergiftete seine Nichte, aber ich vergaß die Einzelheiten. Er war aus guter Familie, aber er war solch’ Trunkenbold.«

Mr. Meekin gerieth immer mehr in Erstaunen über ein Land, in welchem schöne, junge Damen von Vergiften und Peitschen sprachen, als ob das gar nichts Besonderes sei, wo Frauen ihre Männer in’s Gefängnis sperren ließen und Mörder Französisch lehrten! In wachsender Angst wehte er sich mit seinem duftenden Londoner Taschentuche Luft zu.

»Sie sind noch nicht lange hier, Mr. Meekin?« fragte Sylvia nach einer Pause.

»Nein, erst seit einer Woche,« sagte Meekin, »und ich gestehe, ich bin sehr erstaunt. Ein herrliches Klima, aber, wie ich soeben zu Mrs. Jellicoe sagte, der Schweif der Schlange, – der Schweif der Schlange – meine liebe, junge Dame.«

»Wenn Sie alle Schurken von England hierher schicken, müssen Sie auch auf den Schweif der Schlange gefaßt sein,« sagte Sylvia. »Es ist nicht der Fehler der Kolonie.«

»O nein, gewiß nicht,« erwiderte Meekin, schnell vorbeugend. »Aber es ist sehr auffallend.«

»Nun, so sollten Sie Herren es bessern. Ich weiß nicht, wie es in den Strafkolonien zugeht, aber die Gefangenen in der Stadt haben nicht viel Veranlassung, besser zu werden.«

»Sie haben die schöne Liturgie unserer heiligen Kirche, die ihnen zwei Mal in der Woche vorgelesen wird, mein verehrtes Fräulein,« sagte Mr. Meekin, als ob er feierlich damit sagen wollte: wenn sie das nicht bessert, was soll sie denn bessern?«

»O ja,« sagte Sylvia. »Das haben sie freilich, aber das ist doch nur Sonntags. Aber wir wollen nicht davon sprechen, Mr. Meekin,« fügte sie hinzu und strich eine rebellische goldene Locke von der Stirn. »Papa sagt, ich solle nicht von diesen Dingen sprechen, denn sie seien alle nach den Regeln des Dienstes eingerichtet, wie er es nennt.«

»Ein bewundernswerthes Wort von Papa,« sagt Meekin, wie von einer Last befreit, als sich die Thür öffnet und Vickers und Frere eintraten.

Vickers Haar war weiß geworden, aber Frere sah bei seinen dreißig Jahren so aus, als sei er zweiundzwanzig.

»Liebe Sylvia, etwas sehr Merkwürdiges!« Er hielt an, als er die Gegenwart des Fremden bemerkte.

»Du kennst Mr. Meekin, Papa?« sagte Sylvia.

»Mr. Meekin, Kapitain Frere.«

»Ich habe das Vergnügen-« sagte Vickers. »Sehr erfreut, Sie zu sehen. Bitte, nehmen Sie Platz.«

Worauf Mr. Meekin bemerkt, daß Sylvia beide Herren ohne Ziererei küßt, doch scheint es ihm, als ob der Kuß, den sie dem Vater gibt, weit wärmer sei, als der, mit dem sie den Verlobten begrüßt.

»Warmes Wetter, Mr. Meekin,« sagt Frere. »Sylvia, meine Liebe, ich hoffe, Du bist nicht in der Hitze ausgegangen? – Doch! – Aber ich bat Dich – «

»O, es ist gar nicht heiß,« sagte Sylvia empfindlich, »ich bin ja nicht von Butter und schmelze nicht gleich. Ich danke Dir, aber Du brauchst nicht die Laden zu schließen.« Und dann, als ob Sie ärgerlich war über ihren Aerger fügte sie hinzu: »Du denkst immer an mich, Maurice,« und damit gab sie ihm ihre kleine Hand.

»E s ist sehr drückend, Kapitain Frere,« sagte Meekin »und für einen Fremden ganz entnervend.«

»Trinken Sie ein Glas Wein,« sagte Frere als ob das Haus ihm gehörte. Man muß bei solchem Wetter sich kräftigen.«

»Ja, ja gewiß,« sagte Vickers.

»Ein Glas Wein. Bitte, Sylvia, etwas Sherry. Ich hoffe sie hat Ihnen ihre sonderbaren Theorien nicht mitgetheilt, Mr. Meekin?«

»O nein, durchaus nicht,« sagte Meekin, der jetzt schon begriff, daß dies reizende junge Mädchen als ein Geschöpf anzusehen war, das nicht nach den gewöhnlichen Regeln beurtheilt werden konnte. »Wir sind sehr gut mit einander fertig geworden, sehr gut.«

»Das ist Recht,« sagte Vickers. »Sie ist sehr geradezu, mein kleines Mädchen und Fremde verstehen sie manchmal nicht, – nicht wahr Poppet?«

Sylvia schüttelte schelmisch ihren Kopf. »Ich weiß nicht,« sagte sie.

»Warum sollten sie nicht?«

»Aber Du wolltest etwas sagen, als Du herein kamst. Was war es, Lieber?«

»Ach,« sagte Vickers mit ernstem Gesicht. »Ja, eine sehr merkwürdige Sache. Man hat die Schurken gefangen.«

»Was, – Du meinst doch nicht?« sagte Sylvia und wandte sich aufgeregt um.

In diesem kleinen Familienkreise war in der Unterhaltung nur von bestimmten Schurken die Rede, von den Meuterern des Osprey.

»Sie Haben vier von ihnen in diesem Augenblick in der Bai: Rex, Barker, Shires und Lesley. Sie sind an Bord der Lady Jane. Die merkwürdigste Geschichte, die ich in meinem Leben gehört habe. Die Kerls kamen bis China und gaben sich für schiffbrüchige Seeleute aus. Die Kaufleute in Canton brachten Geld zusammen und schickten sie nach London. Dort wurden sie vom alten Pine erkannt, der an Bord des Schiffes, in dem sie herkamen, Arzt war.«

Sylvia setzte sich mit rothen Wangen auf den nächsten Stuhl.

»Und wo sind die Andern?«

»Zwei sind in England hingerichtet. Die andern sechs sind nicht gefangen. Diese Kerls sind der Untersuchung wegen hergeschickt.«

»Was meinen Sie, mein Herr?« fragte Meekin, den Sherry mit den Augen eines fastenden Heiligen anblickend.

»Die Piraten von einer Deportierten Brigg – vor fünf Jahren,« sagte Vickers. »Die Schurken setzten meine arme Frau und Sylvia auf einer Küste aus und ließen sie dort, um da umzukommen. Wenn Frere nicht gewesen wäre, Gott segne ihn! – so wären sie gestorben. Sie schossen den Lootsen und einen Soldaten todt; doch es ist eine lange Geschichte.«

»Ich habe schon davon gehört,« sagte Meekin und schlürfte den Sherry, welchen ein andrer Sträfling ihm gebracht hatte, – und von Ihrem edlen Betragen, Kapitain Frere.«

»O, das ist nichts. Wir waren Alle in demselben Boot.«

»Poppet nimm ein Glas Wein.«

»Nein, ich mag nicht,« sagte Sylvia.

Sie starrte aus den hellen Lichtstrahl, der zwischen der Veranda und den Fenster-Jalousien sich hinzog, als ob das Licht ihr helfen könne; sich an etwas zu erinnern. »Was gibts?« fragte Frere, sich über sie beugend.

»Ich möchte mich gern an etwas erinnern, Maurice, aber ich kann nicht. Es ist Alles so verwirrt. Ich erinnere mich nur einer großen Küste und einer großen See und an zwei Männer. – Einer davon warst Du, – Lieber – Du trugst mich in Deinen Armen!«

»O Gott, o Gott,« seufzte Meekin.

»Sie war noch ein Kind,« sagte Vickers hastig, als ob er nicht zugeben wolle, daß nur ihre Krankheit Ursache ihrer Vergeßlichkeit war.

»O nein, ich war zwölf Jahre alt,« sagte Sylvia, – »das nennt man doch kein Kind. Aber das Fieber machte mich so dumm.«

Frere, sie unruhig anblickend, rutschte auf feinem Stuhl hin und her. »Ach denke nicht weiter daran,« sagte er.

»Maurice;« fragte sie plötzlich, »Was ist aus dem andern Mann geworden?«

»Welchem andern Mann?«

»Dem Mann, der mit uns zusammen war; dem Andern, Du weißt.«

»Dem armen Bates?«

»Nein, nicht Bates. Dem Gefangenen. Wie hieß er?«

»O, der Gefangene,« sagte Frere, als ob er selbst den Namen auch vergessen hätte. »Nun, Du weißt ja, Liebste, er ist nach Port Arthur geschickt worden.«

»Ach,« sagte Sylvia schaudernd, »ist er noch dort?«

»Ich glaube,« meinte Frere mit gerunzelter Stirn, als ob ihm der Gegenstand unangenehm wäre.

»Uebrigens,« sagte Vickers, »ich glaube, wir werden den Burschen zum Verhör herkommen lassen müssen. Wir müssen die Burschen Identifizieren lassen.«

»Können Sie und ich das nicht thun?« fragte Frere sichtlich unruhig.

»Ich glaube nicht. Ich möchte nach fünf Jahren nicht auf einen Mann schwören.«

»Bei George,« rief Frere, »ich würde auf ihn schwören! Wenn ich ein Mal eines Mannes Gesicht gesehen, – das ist genug für mich.«

»Es wäre besser, einige Gefangene herbeizuschaffen, die zu der Zeit in Macquarie Harbour waren,« sagte Vickers, der die Sache zu Ende bringen wollte. »Ich möchte um keinen Preis die Schurken mir durch die Finger schlüpfen lassen.«

»Sind die Leute in Port Arthur alte Männer?« fragte Meekin.

»Alte Deportierte,« erwiderte Vickers. »Es ist unser Platz für die in der Kolonie Bestraften. Die Schlimmsten sind dort. Es hat die Stelle von Macquarie Harbour eingenommen. Was für eine Aufregung wird dort herrschen, wenn der Schooner am Montag hingeht.«

»Aufregung! So – wie interessant! Und warum?« fragte Meekin.

»Um die Zeugen herzubringen, mein lieber Herr. Die meisten der Gefangenen dort, sind auf lebenslänglich verurtheilt und eine Fahrt nach Hobart Town ist für sie ein wahrer Festtag.«

»Und verlassen sie nie ihren Platz, wenn sie für’s ganze Leben verurtheilt sind?« fragte Meekin, einen Biskuit essend. »Wie schrecklich!«

»Niemals außer wenn sie sterben,« sagte Frere lachend. »Und dann werden sie auf einer Insel begraben. O, das ist ein schöner Platz! Sie sollten mit herunter kommen und sich Alles ansehen, Mr. Meekin. Sehr malerisch, kann ich Sie versichern.«

»Lieber Maurice,« sagte Sylvia an das Piano gehend, als ob sie gegen die Art der Unterhaltung sich auflehnen wollte, »wie kannst Du so sprechen?«

»Ich möchte es sehr gern sehen,« sagte Meekin, weiter essend, »denn Sir John sagte etwas von einer Kaplanstelle dort und ich glaube, das Klima ist dort erträglich.«

Der Sträflingsdiener trat wieder ein und indem er dein Major einige offizielle Papiere einhändigte starrte er auf den zierlichen Geistlichen. Der rohe Maurice Frere lachte wieder.

»O, das ist ein erdrückendes Klima und nichts dort zu thun. Gerade eine gute Stelle für Sie. Da ist eine ordentliche kleine Kolonie unten. Aller Skandal von Van Diemens Land wird dort in Port Arthur zerhackt.«

Dies angenehme Geschwätz über Skandal und Klima bildete einen fürchterlichen Vordergrund zu dem Bilde des einsamen Eilandes, wo sie begraben wurden die unglücklichen Gefangenen auf Lebenszeit. Vielleicht dachte das auch Sylvia, denn sie schlug einige Töne an, welche die Gesellschaft zwangen, wenigstens aus Höflichkeit einige Augenblicke zu schweigen und Mr. Meekin erinnerten, das es Zeit seit sei, sich zu empfehlen.

»Guten Tag, Miß Vickers,« sagte er mit seinem süßesten Lächeln.

»Ich danke Ihnen für Ihre entzückende Musik. Des Stück ist ein alter, alter Bekannter von mir. Es war Lady Janes Lieblingsstück beim Bischof. Bitte verzeihen Sie mir, mein theurer Kapitain Frere, aber dies merkwürdige Ereignis – die Gefangennahme der Meuterer – ist meine Entschuldigung wenn ich einen zarten Gegenstand berühre. Wie reizend, Sie zu betrachten! Sie und die junge Dame! Der Retter und die Gerettete! Theurer Major! »Mir der Tapfere, Sie wissen nur der Tapfere, – nur der Tapfere verdient die Schöne! Sie kennen den alten John! Ja, – guten Abend! «

»Es ist freilich noch lange hin,« sagte Vickers, immer freundlich gegen Jeden gesinnt, der seine Tochter lobte, »aber wenn Sie nichts Besseres zu thun haben, kommen Sie und essen Sie am Weihnachtstage mit uns, Mr. Meekin. Wir haben gewöhnlich eine kleine Gesellschaft hier.«

»Entzückt,« sagte Mr. Meekin, – entzückt. Es ist so erquickend Personen in dieser Kolonie zu treffen, die mit dem eigenen Geschmack so übereinstimmen. »Weiche Seelen finden sich,« Sie wissen Miß Vickers, – ja, ja. Noch ein Mal guten Abend.«

Die lebhafte Sylvia brach in ein Gelächter aus, als die Thür sich hinter ihm schloß.

»Was für ein lächerliches Geschöpf!« sagte sie. »O dieser Mann mit feinen Handschuhen, seinem Sonnenschirm, seinen Locken, seinem Riechwasser! Denkt nur, daß dieser zierige Affe mir den Weg zum Himmel zeigen soll! Lieber habe ich doch den alten Bowes, Papa, obgleich er so blind ist wie ein Maulwurf und sich immer seine Trumpfe aufhebt.«

»Meine liebe Sylvia, sagte Vickers ernst, »Du weißt, Mr. Meekin ist ein Geistlicher!«

»O ich weiß!« sagte Sylvia, »aber ein Geistlicher muß doch sprechen, wie ein Mann, kann er das nicht? Warum schicken sie solche Leute her? Die sollten lieber zu Hause bleiben! O übrigens, Papa, der arme, alte Danny ist wieder zurück gekommen. Ich habe ihm gesagt er könnte in die Küche gehen. Kann er, Papa?«

»Du wirst bald das ganze Haus voll von diesen Vagabunden haben, Du kleine Katze,« sagte Vickers und küßte sie. »Ich denke ich muß ihn hier lassen. Was hat er jetzt gethan?«

»Seine Frau,« sagte Silvia, hat ihn einsperren lassen, weil er betrunken war. Frau! Ich möchte wissen, wozu die Männer die Frauen nöthig haben?«

»Frage Maurice,« sagte Vickers lächelnd.

Sylvia sprang fort und schüttelte den Kopf.

»Was weiß er davon? Maurice Du bist ein großer Bär, und wenn Du mir nicht das Leben gerettet hättest, würde ich Dich nicht ein bisschen lieb haben. Da, jetzt kannst Du mich küssen (ihre Stimme wurde etwas sanfter). Diese Gefangenen Angelegenheit hat mich wieder daran erinnert und ich würde ja sehr undankbar sein, wenn ich Dich nicht liebte, Lieber!«

Maurice Frere wurde plötzlich sehr roth, nahm die erlaubte Liebkosung an und wandte sich dann zum Fenster. Ein Mann in graute Jacke arbeitete im Garten und pfiff dabei.

»Sie sind gar nicht so schlecht dran,« sagte Frere leise.

»Was ist’s « fragte Sylvia.

»Daß ich nicht halb gut genug für Dich hin,« sagte Freie heftig.

»Ich – ich – «

»An mein Glück sollen Sie denken, Kapitain Braun, « sagte das Mädchen. »Sie haben mein Leben gerettet, nicht wahr, und ich sollte so gottlos sein und sie nicht lieben? – Nein, nein, keine Küsse mehr.«

Sie streckte ihre Hand gegen ihn aus. »Komm Papa, Liebster. Jetzt ist es kühl. Wir wollen in den Garten gehen und Maurice kann über seine eigne Unwürdigkeit nachdenken.«

Maurice beobachtete das abgehende Paar. »Sie verläßt mich immer und geht mit ihrem Vater,« sagte er zu sich selbst. »Ich möchte wissen, ob sie mich wirklich liebt, oder ob es nur Dankbarkeit ist?«

Er hatte sich oft diese Frage vorgelegt, seit den fünf Jahren, daß er um sie warb, aber er hatte sich nie eine genügende Antwort darauf geben können.

Zweites Capitel.
Sara Purfoy‘s Bitte

Der Abend ging vorüber wie hundert andre Abende und nachdem Frere in der Kaserne noch eine Pfeife geraucht hatte, ging er nach Hause. Seine Heimath war ein Haus an dem neuen Stadtwege, das er bewohnte, seit er zum Polizei-Richter ernannt war, eine Stelle, die ihm als Belohnung für seine Auszeichnung bei Gelegenheit der Osprey-Meuterei gegeben war. Kapitain Maurice Frere war im Leben gestiegen. In Hobart Town hatte er eine gewisse Stellung in der Gesellschaft erreicht, nachdem er verschiedene Aemter verwaltet, die damals im Jahre 1834 häufig den Offizieren der Garnison übertragen wurden. Er war Ober-Inspector der Arbeiten von Bridgewater gewesen, dann, als er Kapitain wurde, Assistent des Polizei-Richters in Bothwell. Die Angelegenheit mit dem Osprey machte viel Aufsehen und man beschloß, daß die erste, gute Stelle, welche erledigt wäre, Kapitain Frere als Belohnung für seine Tapferkeit haben sollte, mit der er Major Vickers’ Kind gerettet hatte.

Major Vickers ging es auch gut.

Er war immer ein sorgfältiger Mann gewesen und da er einiges Geld gespart, hatte er Land unter sehr günstigen Bedingungen gekauft. Das Assignement-System setzte ihn in den Stand, Theile davon mit sehr geringen Kosten bearbeiten zu lassen und er hielt Vieh und Schafe auf seinen Stationen. Er hatte sein Patent verkauft und war jetzt ein verhältnißmäßig reicher Mann. Er besaß ein schönes Eigenthum; das Haus, worin er wohnte, war sein eigen. Er stand in gutem Ansehen bei der Regierung und seine Stellung als Ober-Aufseher (Superintendent) der Deportierten ließ ihn einen sehr thätigen Antheil an der Regierung nehmen und verursachte, das er fortwährend sich in der Oeffentlichkeit bewegte. Major Vickers, ein Kolonist gegen seinen Willen, war durch die Macht der Umstände ein Führer im Lande geworden. Seine Tochter war eine gute Partie für jeden jungen Mann und mancher Fähnrich und Lieutnant, der sein hartes Loos in den Landgarnisonen verfluchte, mancher Ansiedler, der auf der väterlichen Station in den Bergen wohnte, mancher elegante junge Beamte im Civil-Departement beneidete Maurice Frere um sein Glück. Einige gingen so weit, zu behaupten, daß die schöne Tochter von Major Vickers viel zu schade sei für den rohen, rothgesichtigen Frere, dessen vergangenes Leben nicht sehr moralisch gewesen und der bekannt war wegen seiner Liebe zu gemeiner Gesellschaft und seines fast brutalen Benehmens. Niemand bestritt, daß er ein tüchtiger Offizier sei. Man sagte, daß er, in Folge seiner Liebhabereien, viel mehr von den Streichen der Sträflinge verstand, als irgend ein andrer Mensch im Lande. Man sagte auch, daß er sich verkleidet unter die Beurlaubten und Dienstboten mische, um ihre Zeichen und Geheimnisse zu lernen. Als er in seinem Amt in Bridgewater stand, war es sein Vergnügen, die Kettensträflinge in ihrer eignen, scheußlichen Sprache anzureden und einen neuen Ankömmling durch Kenntnis seiner Vorgeschichte in Erstaunen zu setzen. Die Deportierten haßten ihn und hielten doch zu ihm, denn bei aller Brutalität und Gewaltthätigkeit besaß er einen rohen Humor und kam es ihm zuweilen nicht gerade daraus an, den Buchstaben des Gesetzes zu erfüllen. Doch wie die Deportierten sagten, »war man nie sicher mit dem Kapitain«, denn wenn er mit ihnen getrunken und gespaßt hatte, wie das Orakel der Kneipe, deren Wirthin er mit seiner Gegenwart beehrte, so verschwand er plötzlich durch eine Seitenthür, gerade in dem Augenblick als die Constabler durch die andre Thür hereinkamen. Am nächsten Morgen zeigte er sich dann bei der Verurtheilung der Aufgegriffenen so schonungslos, als ob er selbst nie in einem Trink immer gewesen wäre. Seine Vorgesetzten nannten das: Eifer, seine Untergebenen: Verrätherei. Er selbst lachte darüber. Er pflegte zu sagen: »Alles ist erlaubt mit diesen Schuften.«

Als die Zeit seiner Heirath sich nahte, hatte er gewissermaßen diese Dinge aufgegeben und versuchte durch ein Betragen gewisse unangenehme Skandalgeschichten seines Privatlebens unter seinen Bekannten vergessen zu machen. Früher war es ihm gleich gewesen, ob sie bekannt wurden oder nicht.

Als Kommandant von Maria Island und in den ersten zwei Jahren nach seiner Rückkehr von Macquarie Harbour hatte keine Furcht vor der Meinung der Gesellschaft seiner natürlichen Rohheit Zügel angelegt. Als aber seine Neigung zu dem reinen, jungen Mädchen, das aus ihn als ihren Befreier von einem schrecklichen Tode blickte, an Rechtschaffenheit und Innigkeit zunahm, beschloß er, diese dunklen Blätter seines Kolonielebens zu schließen und sie nicht wieder aufzuschlagen. Er bereute nicht; er hatte keine Gewissensbisses er war auch nicht übersättigt. Er kam nur u dem Schluß, daß, wenn ein Mann heirathet, er gewisse Extravaganzen, die dem Junggesellenleben ankleben, fallen lassen müsse. Er hatte sich seine Hörner abgelaufen, wie alle jungen Männer thun; vielleicht hatte er auch eben so thöricht gehandelt wie viele Andre, aber keine vorwurfsvolle Erinnerung übler Thaten verfolgte ihn. Seine Natur war viel zu prosaisch, um solchen Phantomen Spielraum zu lassen. Sylvias stand in ihrer Reinheit und Vortrefflichkeit so hoch über ihm, daß, als er seine Augen zu ihr erhob, alle die Geschöpfe, zu denen er sich sonst herab gelassen hatte, seinem Blicke völlig verschwanden. Er war zu der Idee gekommen, daß alle die Sünden, die er vor seiner Erlösung durch die Liebe zu diesem reinen, jungen Geschöpfe, begangen, einem ganz anders bedingten Dasein angehörten und aß er für deren Folgen gar nicht mehr verantwortlich gemacht werden könnte. Doch war eine dieser Folgen in diesem Augenblick sehr nahe bei der Hand.

Sein Sträflingsdiener übergab ihm, als er in’s Haus trat einen Brief, dessen Adresse von weiblicher Hand geschrieben war.

»Wer brachte dies?« fragte Frere, ihn schnell ausreißend.

»Ein Diener, Herr. Er sagte, der Herr sei im Georg der Vierte und wünsche, Sie zu sehen.«

Frere lächelte bewundern wegen der Schlauheit, die solche Botschaft gesandt hatte und dann runzelte er die Stirn wegen des Inhalts des Schreibens.

»Du brauchst nicht zu warten,« sagte er zu dem Manne. »Ich muß noch einmal zurück gehen.«

Er vertauschte seine Militairmütze gegen einen weichen gut und einen Stock aus einer ganzen Sammlung von Stöcken auswählend, ging er hinaus. »Was mag sie nur wollen?« fragte er sich ärgerlich, als er den mondbeleuchteten Weg hinab ging. Doch bei allem Aerger fühlte er, daß, was sie auch immer von ihm verlangen möge, sie volles Recht habe, die Gewährung zu erwarten.

Der Georg der Vierte war ein langes, niedriges Haus, das in der Elisabeth Straße lag.

Die Vorderwand war matt rot gemalt und die kleinen Glasscheiben in den Fenstern, die absichtlich gewählten rothen Vorhänge und die heimische Behaglichkeit gaben dem Hause einen Anstrich von alter, englischer Heiterkeit. Ein Haufe Männer in der Thür wurde unsichtbar, als Frere sich näherte, denn es war schon nach elf Uhr und alle Personen, die nach elf Uhr in den Straßen gefunden wurden, mußten ihren Paß vorzeigen oder sich über ihre Geschäfte anweisen. Die Constabler waren nicht zu gewissenhaft in Ausübung ihrer Pflichten und die starke Gestalt von Frere in dunkelblau gekleidet, das er als Sommerkostüm trug, sah der eines Constablers nicht unähnlich.

Frere stieß eine Seitenthür mit der Miene eines Mannes auf, der im Hause wohlbekannt ist und ging dann einen engen Gang bis zu einer Glasthür hinauf. Ein Klopfen an diese Thür brachte ein bleiches, pockennarbiges, irisches Mädchen heraus, welches ihn die Treppe hinauf führte. Das Zimmer, in das er trat, war recht groß. Es hatte drei Fenster nach der Straße hinaus und war sehr hübsch eingerichtet. Der Teppich war weich, die Lichter brannten hell und das Abendbrod stand einladend auf einem Tisch zwischen den Fenstern.

Als Frere eintrat lief ihm ein kleiner Rattenfänger bellend zwischen die Füße. Augenscheinlich war er kein häufiger Besucher. Das Rauschen eines seidenen Kleides verrieth die Gegenwart einer Dame und als Frere um die Ottomane herum ging, stand er Sara Purfoy gegenüber.

»Danke, daß Sie kommen,« sagte sie. »Bitte setzen Sie sich.«

Dies war der einzige Gruß, welcher zwischen ihnen gewechselt wurde und Frere setzte sich auf einen Wink der beringten, runden Hand.

Die elf Jahre, seit wir diese Frau gesehen, waren sanft an ihr vorübergegangen. Ihr Fuß war so klein, ihre Hand so weiß wie sonst. Ihr Haar, dicht am Kopf in die Höhe gebunden war voll und glänzend und ihre Augen hatten nichts von ihrem gefährlichen Glanz verloren. Ihre Gestalt war freilich bedeutend stärker und ihren weißen Arm, der durch den Mull des Aermels schimmerte, hätte ein anspruchsvolles Künstlerauge dünner gewünscht.

Die größte Veränderung war in ihrem Gesicht vorgegangen. Der Wange fehlte jene zarte Reinheit, die sie sonst besessen und es zeigten sich feine rothe Streifen, – als ob das Blut zu heftig in den Nerven klopfte, – das erste Zeichen des Verfalles der Schönheit. Mit dem mittleren Alter war jene Fülle der Gestalt gekommen, welcher Frauen ihres Temperaments meist unterworfen sind und damit auch eine Rohheit der Sprache, welche in dem gänzlich fehlenden moralischen Halt ihren Grund hat.

Maurice Frere sprach zuerst, als ob ihm daran gelegen wäre, die Unterhaltung bald zu Ende zu bringen.

»Was wollen Sie von mir?« fragte er.

Sara Purfoy lachte. Es war ein gezwungenes Lachen, das so unnatürlich klang, daß Frere sich zu ihr umwandte.

»Sie sollen mir eine Gunst erweisen, eine große Gunst; das heißt, wenn es Ihnen nicht gar zu unbequem ist.«

»Was meinen Sie?« fragte Frere rauh, seine Lippen aufwerfend. »Gunst! Wie nennst Du das?« Und damit schlug er auf das Sopha. »Ist das nicht eine Gunst? Und was ist Dein kostbares Haus und Alles darin? Ist das nicht auch eine Gunst? Was willst Du?«

Zu seinem höchsten Erstaunen, antwortete das Weib damit, daß es Thränen vergoß. Eine Weile sah er sie schweigend an, als ob er nicht Willens sei, durch solche alberne Verstellung sich besiegen zu lassen. Endlich fühlte er sich doch gezwungen, etwas zu sagen. »Hast Du wieder getrunken?« fragte er, »oder was fehlt Dir? Sage mir, was Du willst und dann laß es gut sein. Ich weiß nicht, was mich besessen hat, daß ich überhaupt hierher gekommen.«

Sara richtete sich auf und wischte mit leidenschaftlicher Geberde die Thränen fort. »Ich bin krank, kannst Du das nicht sehen, Du Narr,« sagte sie. »Die Nachricht hat mich ganz herunter gebracht. Und wenn ich getrunken habe, was dann? Das geht Dich doch nichts an, was?«

»O nein,« antwortete der Andre, »es geht mich nichts an. Dabei bist Du die Hauptperson. Wenn Du Dich mit Branntwein vollfüllen willst, so magst Du es thun.«

»Jedenfalls bezahlst Du nicht dafür,« sagte sie mit einer Schnelligkeit, die andeutete, daß dies wohl nicht ihr erster Streit war.

»Nun,« sagte Frere mit ungeduldiger Rohheit, – »weiter! Ich kann nicht die ganze Nacht hier bleiben.«

Sie stand plötzlich auf und ging zu ihm. »Maurice, Du hattest mich sehr gern!«

»Einst,« sagte Maurice.

»Es sind noch nicht viele Jahre her.«

»Verdammt,« sagte er und zog seinen Arm unter ihrer Hand fort. »Wir wollen die ganze Geschichte nicht noch ein Mal hören. Das war, ehe Du trankest und fluchtest und rasend wurdest vor Leidenschaft.«

»Nun, Liebster,« sagte sie und die funkelnden Augen straften ihre sanfte Stimme Lügen. »Habe ich nicht dafür leiden müssen? Hast Du mich nicht auf die Straße gejagt? Hast Du mich nicht gepeitscht wie einen Hund? Hast Du mich nicht in’s Gefängnis gesteckt? Es ist schwer gegen Dich anzukämpfen, Moritz.«

Die Schmeichelei über seine Kraft schien ihm zu gefallen, – vielleicht wollte das die schlaue Person. Er lächelte. »Gut, laß alte Zeiten alte Zeiten sein, Sara. Es ist Dir nicht schlecht gegangen,« und er sah das wohleingerichtete Zimmer an. »Was willst Du?«

»Gestern ist ein Gefangenenschiff angekommen.«

»Nun?«

»Du weißt, wer an Bord ist, Maurice.«

Maurice schlug mit rohem Lachen die eine Hand in die andere. »O, das ist es, das ist es! Wie einfältig! Daran nicht eher zu denken. Du willst ihn sehen, nicht wahr?«

Sie drängte sich dicht an ihn und nahm in ihrem Eifer eine seiner Hände: »Ich will sein Leben retten.«

»O, verdammt; sein Leben retten, das kann nicht geschehen.«

»Du kannst es thun, Maurice.«

»Ich! das Leben von John Rex retten!« rief Frere. »Du mußt toll sein.«

»Er i der einzige Mensch, der mich liebt, Maurice, der einzige Mensch, der um mich sorgt. Er hat kein Unrecht gethan. Er wollte nur frei sein, das ist natürlich. Du kannst ihn retten, wenn Du willst. Ich bitte nur um sein Leben. Was geht das Dich an? Ein elender Gefangener, – sein Tod nützt Niemand. Laß ihn leben Maurice!«

Maurice lachte. »Was habe ich damit zu thun?«

»Du bist der Hauptzeuge gegen ihn. wenn Du sagst, daß er sich gut betragen hat, – Du weißt, – Viele hätten – Euch verhungern lassen, – dann werden sie ihn nicht hängen.«

»So, werden sie nicht? Das wird keinen großen Unterschied machen.«

»O Maurice, sei barmherzig!«

Sie neigte sich zu ihm und versuchte, seine Hand zu nehmen, aber er entzog sie ihr. »Eine nette Art Frau, die mich bittet, ihrem Geliebten zu helfen, der mich auf der verfluchten Küste aussetzte, um dort zu verhungern,« sagte er, in bitterer Erinnerung der Demüthigung, die er vor fünf Jahren erlitten. »John retten, – Gott verdamme ihn!«

»Ach, Maurice, Du wirst es thun.« Sie sprach mit unterdrücktem Schluchzen. »Was ist es für Dich? Du kümmerst Dich nicht mehr um mich. Du hast mich geschlagen und aus der Thür geworfen, obgleich ich Dir nichts Böses that. Dieser Mann war mein Ehemann, lange ehe ich Dich traf. Er hat Dir nie etwas zu Leide gethan und wird es auch nie thun. Er wird Dich segnen, wenn Du ihn rettest, Maurice.«

Frere schüttelte ungeduldig den Kopf. »Mich segnen,« sagte er. »Ich brauche seinen Segen nicht. Laß ihn hängen. Wen geht‘s etwas an?«

Doch fuhr sie fort mit strömenden Augen, mit erhabenen, weißen Armen, auf ihren Knieen, seinen Rock fassend ihn in gebrochenen Tönen anzuflehen. In ihrer wilden Schönheit und in ihrer leidenschaftlichen Verzweiflung hätte man sie für eine verlassene Ariadne halten können, für eine flehende Medea, eher als für ein liederliches Weib, das halb von Sinnen war und um Verzeihung für ihren verurtheilten Gatten bat. Maurice Frere stieß sie jetzt mit einem Fluche zurück.

»Steh’ auf,« brüllte er ganz wüthend, »und höre mit dem Unsinn auf. Ich sage Dir, der Mann ist so gut wie todt, ich wenigstens rette ihn nicht.«

Da brach ihre lang verhaltene Leidenschaft aus. Sie sprang auf ihre Füße, strich die Haare aus ihrem Gesicht, die während ihres Flehens sich gelöst hatten und überschüttete ihn mit einer Fluth von Beleidigungen. »Du! Wer bist Du, daß Du so mit mir zu sprechen wagst? Sein kleiner Finger ist mehr werth als Dein ganzer Körper. Er ist ein Mann, ein tapferer Mann, nicht ein Feigling wie Du! Ein Feigling – ja ein Feigling! Du bist sehr tapfer schutzlosen rauen und Kindern gegenüber. Du hast mich geschlagen bis mein Rücken schwarz war, Du Hund, aber Männer hast Du nur angegriffen, wenn sie in Ketten oder gebunden waren. Weiß ich es nicht? Habe ich nicht gesehen, wie Du einen Mann auf den Triangeln geplagt hast, bis ich wünschte, der Unglückliche möchte aufspringen und Dich morden, wie Du es verdientest. Sie werden Dich noch eines Tages morden Maurice Frere, – darauf gebe ich Dir mein Wort. Menschen sind von Fleisch und Blut und Fleisch und Blut will solche Qualen, wie Du sie auferlegst nicht erdulden.«

»So, nun ist’s genug,« sagte Frere, blaß werdend. »Rege Dich nicht auf.« – Er hätte eben so gut zu dem Stuhl sprechen können, an den sie sich anhielt, um eine Antwort zu bekommen.

»Ich kenne Dich, Du roher Feigling. Ich bin nicht Deine Geliebte gewesen – Gott vergebe mir – ohne Dich aus und inwendig zu kennen. Ich habe Deine Unwissenheit und Deine Eingebildetheit kennen gelernt. Ich habe gesehen, wie die Männer, die Deinen Wein tranken, Dich auslachten. Ich habe gehört, was Deine Freunde sagten, – habe die Vergleiche gehört, die sie anstellten. Einer Deiner Hunde hat mehr Verstand als Du und zwei Mal so viel Herz. Und dies sind die Männer, die man herschickt, um uns zu regieren. O Himmel, solch ein Thier hält Leben und Tod in seinen Händen! Er mag hängen, mag er? Dann will ich mit ihm hängen und Gott möge mir den Mord vergeben; ich will Dich tödten!«

Frere war bei diesem Wuthausbruch in sich zusammengesunken, aber bei ihren letzten, fast mit einem Schrei ausgestoßenen Worten, sprang er vor, um sie zu fassen. In der Verzweiflung warf sie sich ihm entgegen.

»Schlage mich; Du wagst es nicht. Ich fordere Dich heraus. Rufe die Elenden herbei, welche in diesem verfluchten Hause den Weg zur Hölle kennen lernen wollen und laß sie sehen, wie Du es verstehst. Rufe sie. Sie sind alte Freunde von Dir! Sie kennen Alle Kapitain Maurice Frere.«

»Frere, Du erinnerst Dich an Lucy Barnes, – die arme, kleine Lucy Barnes, welche für ein paar Groschen Kattun gestohlen hatte. Sie ist unten. Du würdest sie nicht kennen, wenn Du sie sähest! Sie ist nicht mehr das rosige Kind, das sie war, als sie hierher geschickt wurde, um »gebessert« zu werden und als Lieutnant Frere ein neues Hausmädchen aus der Factorei brauchte. Rufe sie, rufe sie, – hörst Du! Frage doch eine von den Bestien, die Du peitschen läßt und in Ketten legen, nach Lucy Barnes. Sie können Dir Alles über sie sagen und noch über viele Andere, viele arme Seelen, die jedem Betrunkenen, der eine Fünf-Pfundnote gestohlen hat, aufwarten müssen.«

»O Gott im Himmel, willst Du diesen Mann nicht richten?«

Frere zitterte. Er hatte oft die Stürme der Leidenschaften bei diesem Geschöpf erlebt, aber nie hatte er sie so heftig gesehen. Ihre Raserei brachte ihn in Furcht.

»Um’s Himmelswillen, Sara, sei ruhig. Was willst Du denn? Was soll ich thun.«

»Ich werde zu dem Mädchen gehen, das Du heirathen willst und ihr Alles erzählen, was ich von Dir weiß. Ich habe sie auf der Straße gesehen, habe gesehen, wie sie nach der anderen Seite blickte, wenn ich vorüber kam, wie sie ihr Sommerkleid zusammenfaßte, wenn ich in Seide rauschte. Ich, die ich sie pflegte und sie ihre Gebete sagen ließ – (o Jesus, habe Erbarmen mit mir l) – Ja, ich weiß, was sie von Frauen wie ich bin, denkt. Sie ist gut und tugendhaft – und kalt. Sie würde schaudern, wenn sie wüßte, was ich weiß. – Schaudern! – Sie würde Dich hassen! Und ich werde ihr Alles erzählen, – ja das will ich. Du willst gern anständig und angesehen sein? Ein Muster-Gatte! – Warte, bis ich meine Geschichte erzählt habe, – bis ich einige von diesen armen Frauen hinschicke, damit sie ihre Geschichte erzählen. Du tödtest meine Liebe, – nun will ich Deine zerstören und verderben!«

Frere faßte sie an beiden Handgelenken und zwang sie mit aller Kraft auf die Knie.

»Nenne nicht ihren Namen,« sagte er mit heiserer Stimme, – »oder ich thue Dir ein Leid‘s. Ich weiß Alles, was Du thun willst, ich bin nicht solch Narr, das nicht zu verstehen. Sei ruhig! Männer haben Frauen, wie Du eine bist, gemordet und jetzt weiß ich, wie sie dazu kommen.«

Es entstand ein augenblickliches Schweigen und endlich ließ Frere ihre Hände los und trat zurück.

»Ich will thun, was Du verlangst, unter einer Bedingung.«

»Welche?«

»Daß Du diesen Orte verlässest.«

»Wohin zu gehen?«

»Irgend wohin, je weiter, desto besser! Ich will Deine Reise nach Sydney bezahlen und Du kannst da bleiben oder fortgehen, wie Du magst.«

Sie war ruhiger geworden, als sie ihn nachgeben sah.

»Aber dies Haus, Maurice?«

»Du hast keine Schulden?«

»Nein!«

»Nun, so verlaß es. Das ist Deine Sache, nicht meine. Wenn ich helfe mußt Du fort.«

»Kann ich ihn sehen Maurice!«

»Nein!«

»Ach Maurice!«

»Du kannst ihn ja in den Docks sehen, wenn Du magst,« sagte Frere mit einem Lachen, das ein Blitz ihrer Augen abschnitt.

»Nun, ich wollte Dich nicht beleidigen.«

»Mich beleidigen? – Fahre fort.«

»Höre,« sagte er mürrisch. Wenn Du fortgehen willst und mir versprechen, niemals Dich in irgend etwas zu mischen, was mich oder die Meinigen angeht, niemals mit Wort oder That, so will ich thun, was Du verlangst.«

»Was willst Du thun?« fragte sie, unfähig ein Lächeln über den Sieg zu unterdrücken, den sie gewonnen.

»Ich will nicht Alles sagen, was ich von dem Manne weiß. Ich will sagen, daß er mir Gutes erwies. Ich will Alles thun, um sein Leben zu retten.«

»Du kannst es retten, wenn Du willst.«

»Gut, ich will versuchen. Bei meiner Ehre, ich will es versuchen.«

»Ich muß Dir glauben, denke ich?« sagte sie zweifelnd und dann fügte sie plötzlich kläglich bittend in merkwürdigem Gegensatz zu ihrer früheren Heftigkeit hinzu: »Du betrügst mich nicht, Maurice?«

»Nein, – warum sollte ich? Du hältst dein Versprechen und ich halte das meine. Es ist ein Vertrag?«

»Ja.«

Er blickte sie einige Augenblicke fest an und drehte sich dann auf dem Absatz herum.

Als er die Thür erreichte, rief sie ihn zurück. Sie wußte, daß er, so weit sie ihn kannte, sein Wort halten wurde, und ihre weibliche Natur konnte einen Abschiedshieb nicht unterdrücken.

»Nichts in dem Vertrage hindert mich, ihm zur Flucht zu verhelfen?« sagte sie mit einem Lächeln.

»Flucht! Er wird nicht wieder fliehen, – dafür will ich bürgen. Einmal in Port Arthur in doppelten Eisen und er ist sicher.«

Das Lächeln auf ihrem Gesicht schien ansteckend, denn auch seine Züge erheiterten sich.

»Gute Nacht, Sara,« sagte er.

Sie hielt ihm ihre Hand hin, als ob nichts vorgefallen wäre.

»Gute Nacht, Kapitain Frere. Also wir halten den Vertrag?«

»Gewiß.«

»Sie haben einen langen Weg nach Hause. Wollen Sie etwas Branntwein mitnehmen?«

»Es ist mir gleich,« sagte er, ging an den Tisch und füllte sich ein Glas. »Glückliche Reise für Dich, Sara.«

Sara Purfoy die ihn beobachtete, brach in Gelächter aus.

»Die Menschen sind sonderbare Geschöpfe,« sagte sie. »Wer könnte denken, daß wir uns eben erst häßliche Namen beigelegt haben. Ja, ja, ich bin schlimm, wenn ich gereizt werde, nicht wahr, Maurice?«

»Denke daran, was Du versprochen hast,« sagte er mit einem etwas drohenden Ton in der Stimme, als er nach der Thür ging, Du mußt mit dem nächsten Schiff von hier fort sein.

»Fürchte nichts, ich gehe.«

Als er in die kühle Straße kam und die Sterne so still scheinen und das Wasser in tiefem Frieden ruhen sah, von welchem Frieden nichts in ihm zu finden war, suchte er die nervöse Angst, die ihn gepackt, von sich abzuschütteln. Die Unterredung hatte ihn geängstigt, denn sie gab ihm zu denken. Es war hart, daß gerade jetzt, als er ein neues Blatt in seinem Lebensbuche aufschlagen wollte, ihm dieser Fleck seine neue Seite beschmutzen sollte. Es war grausam, daß, da er Alles so bequem vergessen hatte, er auf‘s Neue so rauh daran erinnert werden mußte.

Drittes Capitel.
Die Geschichte von zwei Raubvögeln

Der Leser der vorhergehenden Capitel hat sich gewiß schon gefragt: »Welches Band mag John Rex und Sara Purfoy vereinigen?«

Im Jahre 1825 lebte in St. Heliers auf Jersey ein Uhrmacher, Namens Urban Purfoy. Er war ein hart arbeitender Mann, und hatte etwas Geld erspart, das hinreichte, um seiner Enkelin eine Erziehung zu geben, welche in jenen Tagen über das Gewöhnliche hinausging. Mit sechzehn Jahren war Sara Purfoy ein hohlköpfiges, eigensinniges Mädchen mit großen, braunen Augen und sehr entwickelten – Formen. Sie hatte eine schlechte Meinung von ihrem eigenen Geschlecht und eine ungeheure Meinung von dem andern, wenn es jung und hübsch war. Die Nachbarn sagten, daß sie sich zu hoch hielt für ihre Stellung im Leben. Ihr Großvater sagte, sie sei eine Schönheit und ihrer armen Mutter sehr ähnlich. Sie selbst dachte ziemlich gering von ihren persönlichen Eigenschaften und ziemlich hoch von ihren geistigen. Sie war voller Leben und Leidenschaft, und hatte wenig religiöses Gefühl. Sie hatte keine große Achtung vor moralischem Mute, denn sie verstand ihn nicht, bewunderte aber auf‘s Aeßerste persönliche Tapferkeit. Ihre Verachtung des alltäglichen Lebens zeigte sie durch Rebellion gegen alle Gebräuche. Sie wollte ausfallen durch besondere Kleidung und war nie glücklicher, als wenn man sie mißverstand. Sie war solch ein Mädchen, von dein die Frauen sagen: »Wie schade, daß sie keine Mutter hat; und die Männer: »wie schade, daß sie keinen Mann bekommt« und das zu sich selbst sagt: »Wann werde ich einen Liebhaber haben?« Es war gerade kein Mangel von dieser letzteren Klasse unter den Offizieren der Garnison von Fort Henry; aber die weibliche Bevölkerung der Insel war zahlreich und von ziemlich freien Sitten und so wurde in ein Ueberfluß Sara übersehen. Obgleich sie das Militair anbetete, war ihr erster Liebhaber doch ein Civilist. Eines Tages spazierte sie am Strande und traf einen jungen Mann. Er war groß, hübsch und gut gekleidet. Sein Name war Lemoine. Er war der Sohn eines wohlhabenden Einwohners der Insel und war von London gekommen, um seine Familie zu sehen und seine Gesundheit wieder herzustellen. Sara war seine Erscheinung aufgefallen und sie sah sich nach ihm um. Er folgte ihr und sprach sie an – machte irgend eine gleichgültige Bemerkung über Wind und Wetter und sie hielt seine Stimme für himmlisch. Sie plauderten weiter, über die Aussicht, einsame Spaziergänge, und die Langeweile von St. Heliers. »Ob sie oft dort spazieren ginge?« »Zuweilen.« »Ob sie morgen wieder da sein würde?« »Sie könnte.« Mr. Lemoine zog seinen Hut und ging zu seinem Mittagessen ziemlich vergnügt nach Hause.

Sie trafen sich den nächsten Tag und den Tag nachher wieder. Lemoine war kein Gentleman, aber er hatte unter solchen gelebt und hatte ihre Manieren einigermaßen angenommen. Er sagte, daß Tugend nur ein Name sei und die Reichen und Mächtigen mehr in der Welt geachtet seien, als die Armen und Rechtschaffenen. Sara stimmte ihm bei. Ihr Großvater war arm und rechtschaffen und Niemand bewies ihm Hochachtung, wenigstens nicht solche, an der ihr gelegen war.

Außer diesem Talent zu argumentiren war Lemoine auch hübsch und hatte Geld, das heißt, er zeigte ihr einer Tages eine Hand voll Banknoten. Er erzählte ihr von London und den großen Damen dort und deutete an, daß sie nicht immer tugendhaft seien und reckte sich mit einer Miene, als wenn er sagen wollte, daß er unglücklicher Weise oft die Veranlassung gewesen, daß sie den Weg der Tugend verlassen. Darüber wunderte sich Sara nicht im Geringsten. Wenn sie eine große Dame wäre, würde sie es eben so machen. Sie fing an, mit dem verführerischen Menschen zu kokettieren und ließ ihn merken, daß sie zu viel Weltkenntnis habe, um einen eingebildeten Werth aus Tugend zu setzen. Er hielt ihre Schlauheit für Unschuld und glaubte eine Eroberung gemacht zu haben. Uebrigens war das Mädchen hübsch und wenn sie passend gekleidet war, so konnte sie sehr gut aussehen. Es stand nur ein Hinderniß ihrer unerlaubten Liebe im Wege. Der unordentliche junge Mann hatte kein Geld. Er hatte in London über seine Mittel gelebt und sein Vater war nicht geneigt, ihm weitere Mittel zu gewähren.

Sara mochte ihn lieber leiden, als irgend Jemand, aber es waren bei der Sache doch zwei Seiten. Sara mußte nach London gehen. Vergebens seufzte und schwur ihr Liebhaber. Wenn er nicht versprach, sie mit nach London zu nehmen, blieb sie keusch wie Diana. Je tugendhafter sie wurde, desto lasterhafter wurde er. Sein Wunsch, sie zu besitzen wuchs in dem Maße, als sie ihm widerstand und endlich borgte er zweihundert Pfund von dem ersten Buchhalter seines Vaters (die Lemoine’s waren Kaufleute) und gab ihren Wünschen nach. Auf keiner Seite war Liebe; Eitelkeit war die Haupttriebfeder ihrer Handlungen. Lemoine wollte nicht zurückgewiesen werden und Sara verkaufte sich für eine Reise nach England und eine Einführung in die große Welt.

Wir brauchen ihre Laufbahn in dieser Zeit nicht genau zu verfolgen. Genug, sie entdeckte, daß das Laster nicht immer mit Glück in dieser Welt verbunden ist, und daß es nicht immer belohnt wird, wenn es auch mit allem Eifer ausgeübt wird. Uebersättigt und enttäuscht, mit müdem Körper und verderbter Seele wurde sie bald dieses Lebens überdrüssig und sehnte sich, aus diesem wüsten Treiben loszukommen In dieser Zeit verliebte sie sich.

Der Gegenstand ihrer Neigung war ein Herr Leopold Crofton. Crofton war groß, wohlgebaut und von einschmeichelnden Manieren. Seine Züge waren zu stark, um schön zu sein. Seine Augen waren der beste Theil seines Gesichtes und eben so wie sein Haar waren sie kohlschwarz. Er hatte breite Schultern, sehnige Glieder und kleine Hände und Füße. Sein Kopf war rund und anscheinend wohl gebildet, stand aber über den Ohren etwas zu weit vor und diese, welche auffallend klein waren, lagen dicht am Kopfe an. In diesem Mann, der kaum vier Jahre älter war, als sie selbst, verliebte sich Sara, siebzehn Jahre alt, aus das Heftigste. Dies war um so merkwürdiger, als er, obgleich er sie liebte, keine Launen duldete, eine unbezähmbare Heftigkeit besaß und dieser jetzt oft in Flächen, ja in Schlägen Luft machte. Er schien keinen Stand oder kein Geschäft zu haben und obgleich er in guter Gegend lebte, so war er doch noch weniger ein Gentleman, als Lemoine. Doch Sara, von einer ganz wunderbaren Sympathie zu ihm hingezogen, wie sie öfter in dem Leben solcher Frauen vorkommt, war ihm sehr ergeben. Von ihrer Zuneigung gerührt, und ihren Verstand und ihre Gewissenlosigkeit nach Gebühr schätzend, sagte er ihr, wer er sei. Er war ein Schwindler, ein Fälscher und ein Dieb. – Sein Name war John Rex. Als sie dies hörte, empfand sie eine Art von finsterer Freude. Er erzählte ihr von seinen Plänen, seinen Streichen, seinem Entkommen, seinen Schurkereien und als sie erfuhr, wie dieser junge Mann seit Jahren die Welt betrogen und beschwindelt hatte, die sie verließ und verleugnete, da schlug ihr Herz ihm entgegen. »Ich bin froh, daß Du mich gefunden hast. sagte sie. »Zwei Köpfe sind besser als Einer. Wir wollen zusammen arbeiten.«

John Rex, der unter seinen nächsten Freunden unter dem Namen Dandy Jack bekannt war, war der vermeintliche Sohn eines Mannes, der Jahre lang Diener bei Lord: Bellasis gewesen und der den Dienst es ausschweifenden Herren mit einer Frau und einer Summe Geldes verlassen hatte. John Rex wurde in eine sehr gute Schule geschickt und mit sechzehn Jahren erhielt er durch seiner Mutter Empfehlung bei seines Vaters altem Herren, eine Stelle als Clerk in einer Bank. Rex Senior sprach oft und gern von »Gentleman« und vornehmer Gesellschaft. Mrs. Rex liebte ihren Sohn zärtlich und flößte ihm den Wunsch ein, in aristokratischen Kreisen zu glänzen. Er war ein kluger Mensch, ohne Grundsatze, der ohne Erröthen log und so oft stahl, als er es sicher und ohne Sorge vor Entdeckung thun konnte. Er war vorsichtig, erwerbsgierig, lebhafter Einbildung, selbstbewußt und besaß den Zerstörungssinn in hohem Grade. Er hatte viel Beobachtungsgabe, Erfindung und Gewandtheit, aber ihm ging jeder Sinn für Moral ab. Er fand, daß seine Gefährten in der Bank nicht von der Sorte waren, deren Umgang seine Mutter für ihn erwünschte und verachtete sie deshalb. Er wäre wohl gern in die Armee eingetreten, denn er war athletisch und zeichnete sich in allen Uebungen aus, zu denen Muskelkraft erforderlich war. Den ganzen Tag an ein Schreibpult geschmiedet zu sein, war nicht zu ertragen. Aber Rex Senior rieth ihm, abzuwarten, wie sich Alles für ihn gestalten würde. Das that er, aber gewöhnte sich an späte Stunden, gerieth in schlechte Gesellschaft und fälschte den Namen eines Kunden der Bank auf einer Anweisung von zwanzig Pfund. Die Fälschung war sehr ungeschickt und wurde nach vier und zwanzig Stunden entdeckt. Fälschungen der Clerks pflegen eicht entdeckt zu werden, aber den Credit eines Bankhauses nicht zu erhöhen und so wurde John Rex nicht angeklagt, sondern einfach von dem Bankier entlassen. Der frühere Diener, der seinen legitimierten Sohn niemals geliebt hatte, wollte ihn zuerst aus dem Hause werfen, aber auf Bitten seiner Frau, brachte er ihn in einer Modewaaren Handlung unter. Diese Stellung gefiel ihm nicht und John Rex faßte den Plan, sie zu verlassen. Er wohnte zu Hause er hatte sein Gehalt – dreißig Schillinge wöchentlich als Taschengeld. Obgleich er ziemlich geschickt beim Billardspiel war und ziemlich häufig gewann und zwar für Jemand in seiner Stellung recht beträchtliche Summen, so überstiegen seine Ausgaben doch seine Einnahmen. Ueberall wo er konnte, hatte er schon geborgt, war aber wieder in Schwierigkeiten gerathen. Doch hatte ihm sein genaues Entkommen eine gute Lehre gegeben und er beschloß, Alles seiner Mutter zu eichten und künftig vorsichtiger zu sein. Da gerade ereignete sich einer jener Vorfälle, wie sie so manches Leben für immer verderben. Der Laden-Aufseher starb und die Herren Baffaty u. Co. machten den eleganten Rex auf einige Tage dazu. Die Aufseher haben viel mehr Gelegenheit, wie Andre, zum Stehlen und am Abend des dritten Tages schon ging Rex mit einem Päckchen Spitzen nach Hause. Unglücklicher Weise war er mehr schuldig, als dieser kleine Diebstahl werth war und er war genöthigt, wieder zu stehlen. Dies Mal wurde er entdeckt. Gerade, als er ein Stück Seide verbergen wollte, um es zum Mitnehmen bereit zu haben, ertappte ihn Einer der andern Angestellten und rief: »Halb Part!«

Rex spielte den tugendhaft Entrüsteten, doch sah er bald, daß solch Vorgeben unnütz war, sein Kamerad zu schlau und gewiegt, um sich so abspeisen zu lassen. »Ich sah, wie Du es nahmst und wenn Du mir nicht die Hälfte gibst, sage ich es dem alten Baffaty. Dies Argument war unwiderstehlich und sie theilten. So waren sie gute Freunde geworden und der neue Theilhaber an Johns Geschäft half ihm, den Raub unterzubringen und führte ihn bei einem Käufer ein. Der Käufer verletzte alle Regeln der Hehlerei, denn er war kein Jude, sondern ein sehr rechtgläubiger Christ. Er hatte ein Geschäft mit getragenen Kleidern und man glaubte, daß er Zweiggeschäfte über ganz London habe.

Mr. Blicks kaufte das gestohlene Gut zu einem Drittel seines Werthes. Er schien erstaunt über die Erscheinung von Rex. »Ich hielt Sie für einen feinen Mann,« sagte er. Dies war eine große Schmeichelei, da sie von einem so erfahrenen Manne kam. Durch den Erfolg ermuthigt bemächtigten sich Rex und sein Gefährte noch andrer Waaren von Werth. John Rex bezahlte seine Schulden und fühlte sich ganz wie ein Gentleman. Gerade, als er sich in diesem angenehmen Zustand befand, entdeckte Baffaty die Plünderung. Da er nichts von der Bankgeschichte wußte, fiel sein Argwohn nicht auf Rex, der solch anständiger, junger Mann war, sondern da er schon immer Argwohn auf dessen Theilnehmer gehabt hatte, der gemein aussah und schielte, so ließ er ihn kommen. Derselbe leugnete standhaft und der alte Baffaty, der gütigen Sinnes war und ohne sich zu ruinieren, fünfzig Pfund verlieren konnte, ließ ihm Bedenkzeit. Er Elle sich bis zum nächsten Morgen besinnen, wohin die Waaren gekommen wären, wenn nicht, dann müsse ein Constabler gerufen werden. Der junge Mann, Thränen in seinen unschuldigen Augen kam zu Rex und sagte ihm, daß Alles verloren sei. Er wollte natürlich nicht bekennen, weil er seinen Freund Rex dann auch beschuldigen müsse, doch wenn er nicht bekannte, wurde er eingesteckt. Flucht war unmöglich, denn Keiner von ihnen hatte Geld. In diesem Dilemma, erinnerte sich John Rex an des alten Blick Schmeichelei und brannte, dieselbe zu verdienen. Wenn er sich zurück ziehen mußte, so wollte er vorher noch des Feindes Land verwüsten. Sein Auszug sollte dem der Israeliten gleichen, – er wollte die Egypter verderben.

John Rex hatte eine halbe Stunde des Mittags frei, um Zum Frühstück zu gehen. Er nahm ein Cab und fuhr zu Blick. Dieser würdige Mann empfing ihn sehr herzlich, denn er sah wohl, daß Rex große Dinge vor hatte.

John Rex legte ihm seinen Plan vor. Die Thüren- der Waarenlager wurden von innen durch Federn befestigt. John Rex wollte zurückbleiben Abends und sie auf Zeichen öffnen. Ein leichter Wagen oder ein Cab sollte an er Querstraße hinter dem Hause halten und drei Männer konnten den Wagen in kurzer Zeit mit den werthvollsten Waaren füllen. Konnte Blick drei solche Männer herbeischaffen? Blicks eines Auge blitzte. Ja, er glaubte wohl. Um halb zwölf Uhr sollten sie da sein. Ob das Alles sei? Mr. John Rex wollte natürlich solche gute Sache nicht umsonst thun. Die Beute war wenigstens fünf tausend Pfund werth. Er mußte hundert Pfund bar ausgezahlt bekommen, wenn der Wagen an Blicks Thür hielt. Blick verweigerte das entschieden. Die Summe sollte getheilt werden, denn er wolle keine Katze im Sack kaufen. Doch war Rex fest, es war die einzige Aussicht, die er hatte und sie einigten sich endlich über achtzig Pfund. In derselben Nacht wurde, was die Londoner Polizei-Annalen den großen »Seidendiebstahl« nannten, ausgeführt und zwei Tage nachher saßen Rex und sein Gefährte behaglich in Birmingham beim Mittagessen und lasen einen Bericht über den Diebstahl, der natürlich ganz falsch war, in einer Londoner Zeitung.

John Rex hatte nun aller Achtbarkeit entsagt, hatte seiner Heimath den Rücken gewandt und fing an, seiner Mutter Wünschen nachzuleben. Er war in seiner Art ein Gentleman. So lange die achtzig Pfund vorhielten, lebte er fast in Luxus und als sie ausgegeben waren, hatte er sich in seiner Profession ganz festgesetzt. Diese Profession war eine sehr unerträgliche. Es war die eines Schwindlers. Mit einer hübschen Persönlichkeit, leichter Manier, ziemlichem Witz hatte er sich dazu eine gewisse Geschicklichkeit beim Billard erworben, einige Kenntnis von Spielerstreichen und das sehr nützliche Bewußtsein, daß er entweder betrügen müsse oder sich betrügen lasse. John Rex war kein gewöhnlicher Schwindler. Sein Naturell bewahrte ihn vor gemeinen Irrthümern. Er begriff, daß man, um die Menschen zu beschwindeln, nicht nur verhältnißmäßig, sondern absolut schlau und erfinderisch sein müsse. Derjenige, welcher damit zufrieden ist, klüger zu sein als die Majorität, wird zuletzt doch überlistet werden, und wenn dies ein Mal nur geschehen, so ist ein Schwindler ruiniert. Wenn er die Erzählungen von entdeckten Diebereien u.s.w. durchging, so, sah er, daß bei allen Betrügereien und Diebereien immer irgend ein Glücklicher den Vortheil davon gehabt, auf Kosten der Helfershelfer. Das brachte ihn auf einen Gedanken. Wenn er nun nicht allein sein eigenes Talent verwerthete, sondern auch das Andrer sich nützlich machte!

Die Verbrecher stufen sich außerordentlich ab. Er wollte auf der Höhe sein! Warum sollte er die Menschen verachten, die niedriger standen. Seine Beschäftigung war Schwindeln, Kartenspielen, Billardspielen, Geldborgen und Waaren entnehmen. Er hatte aber nie mehr als zwei bis drei große Unternehmungen jährlich vor. Aber Andre plünderten Häuser, stahlen Armbänder, Uhren, Diamanten, – verdienten in einer Nacht so viel, wie er in sechs Monaten, – nur war ihre Beschäftigung viel gefährlicher. – Die Frage war – warum gefährlicher? Weil diese Männer bloße Klötze waren, kühn genug, geschickt in ihrer Art, aber keine ebenbürtigen Gegner des Gesetzes mit seinen Argus-Augen und Dornensünden.

Sie waren gut genug für die gröbere Arbeit: sie erbrachen Thüren, machten Schlösser auf und betrogen die Constabler, aber in der feineren Kunst des Planes, des Angriffes und des Entkommens waren sie wenig bewandert. Gut. Diese Männer sollten seine Gehilfen sein, er wollte das Haupt sein. Er wollte die Räubereien planen, – sie sollten sie ausführen.

So in vielen Kanälen arbeitend und nie sich weigernd, einem Gefährten in der Noth beizustehen, wurde John Rex in wenigen Jahren das Haupt einer ausgedehnten Bande von Schurken. Er ging mit eleganten jungen Clerks um, mit unbedachten jungen Leuten aus der Mittelklasse und hörte von ihnen, wenn die Häuser schlecht bewacht und die Laden nicht genügend gesichert waren. Dann stellte er Blicks Männer an und ließ sie die gefährliche Arbeit thun. In seinen verschiedenen Verkleidungen unter falschem Namen, den er oft wechselte, fand er auch Eingang in die oberen Kreise der modischen Gesellschaft, in der Thiere zu Vögeln werden, wo ein Wolf eine Krähe wird und ein Lamm eine Taube. Reiche Verschwender, welche gern Männergesellschaft um sich sahen, luden ihn zu ihren Mittagessen ein und Mr. Anthony Crostonbury, Kapitain James Craven und Mr. Leopold Crofton waren Namen, die mit Vergnügen, aber viel öfter von ruinierten Leuten mit Verdruß wiederholt wurden. Doch hatte John Rex eine Eigenschaft, welche für Leute seiner Art unschätzbar ist, – er war vorsichtig und wußte sich zu beherrschen. Wenn er einen guten Erfolg gehabt, oder eine Sendung Edelsteine erwischt, die an seine »Gemahlin« nach Gloucestershire gesandt wurden, – wenn er eine gute Summe von Blicks herausgepreßt oder einen spielenden Jüngling wie Lemoine gerupft, so verschwand er eine Zeit lang. Er liebte Behaglichkeit und vor Allem Sicherheit und Ansehen. So hatte er drei Jahre lang gelebt, als er Sara Purfoy begegnete und so beabsichtigte er, noch recht lange zu leben. Mit dieser Frau als Gehilfin, dachte er gewiß, dem Gesetze Trotz bieten zu können. Sie sollte das Netz sein, das er seinen »Tauben« aufstellte; sie war die fein gekleidete Dame, welche Waaren in London bestellte – für ihren Gatten in Canterbury und den halben Preis dafür einzahlte, – wozu »sein Brief sie unterrichtete.« Einer weniger schlauen und weniger schönen Frau wäre das nicht gelungen. Ihr Mann sah sein Glück vor sich und meinte, daß mit gewöhnlicher Klugheit er sein einträgliches Geschäft als »Gentleman« fortsetzen könne, bis es ihm gefiel, es aufzugeben. – Ach, – wie groß ist die menschliche Schwäche! Er that eines Tages etwas Thörichtes und das Gesetz, das er so erfolgreich umgangen, faßte ihn auf die einfachste Weise. Unter dem Namen Mr. und Mrs. Skinner, lebten Sara Purfoy und John Rex in einigen ruhigen Zimmern in der Nachbarschaft von Bloomsbury. Ihre Wirthin war eine achtbare, arme Frau, deren Sohn Constabler war. Dieser Sohn war etwas redseliger Natur und eines Abends erzählte er seiner Mutter, daß in der nächsten Nacht ein Angriff aus eine Falschmünzerbande in Old Street gemacht werden solle. Die Mutter träumte die ganze Nacht von allen möglichen Schrecken und ging am nächsten Tage zu Mrs. Skinner auf deren Zimmer und erzählte ihr unter dein Siegel der Verschwiegenheit von der schrecklichen Expedition, die ihr Sohn vor hatte.

John Rex war mit Lord Bellasis zu einem Tauben-Wettflug ausgegangen und als er um neun Uhr zurückkehrte, erzählte ihm Sara, was sie gehört.

Nun war Nummer 4. Bankplatz in der Old Street die Wohnung eines gewissen Green, der seit einiger Zeit das einträgliche, aber gefährliche Geschäft der Falschmünzerei betrieben hatte. Dieser Mann war Einer der kühnsten jener Bande, deren Hauptschatzmeister Blick war und seine Freiheit war für Alle werthvoll. John Rex war sehr aufgeregt bei seinem Mittagessen und überlegte, was zu thun sei. Er glaubte, es sei recht, Green von der Gefahr zu unterrichten. Nicht, daß er sich persönlich um Green bemühte, aber es wäre schlechte Politik gewesen, einem solchen Kameraden nicht zu helfen und überdies konnte Green ja plaudern, wenn er gefaßt wurde. Aber was sollte er thun? Wenn er zu Blicks ging, war es zu spät. Er wollte selbst gehen. So ging er und wurde festgenommen. Als Sara das hörte, machte sie sich an’s Werk um zu helfen. Sie raffte alles Geld und alle Juwelen zusammen, bezahlte Mrs. Skinners Miethe, besuchte John und sorgte für seine Vertheidigung. Blicks war voller Hoffnung, aber Green, der nahe am Hängen stand, bekannte, daß der Mann sein Genosse sei und da der Staatsanwalt in strenger Laune war, wurde John Rex zu sieben Jahren Deportation verurtheilt.

Sara Purfoy schwor, sie wolle ihm folgen. Sie wollte als Passagier, als Auswanderer als irgend etwas sich einschiffen. Da erblickte sie die Anzeige von Mrs Vickers, welche ein Mädchen suchte und meldete sich. Merkwürdiger Weise wurde John Rex im Malabar weggeschickt und Sara, welche dies erfuhr, ehe der Malabar eine Woche auf See war, faßte den kühnen Plan der Meuterei, um ihren Geliebten zu befreien. Wirr kennen das Ende dieses Unternehmens und die Geschichte der Flucht dieses Schurken von Macquarie Harbour.

Viertes Capitel.
Der »bekannte« Dawes

Die Meuterer vom Osprey waren seit langer Zeit für todt gehalten, und die Geschichte ihrer verzweifelten Flucht schon in der Oeffentlichkeit fast vergessen. Nun sie wieder gefangen waren, schrieb ihnen die Volksmeinung die wunderbarsten Thaten zu. Sie waren nach den Berichten – Könige über fremde Inseln gewesen, Anführer von wilden Piraten, achtbare verheirathete Männer in Java, Kaufleute in Singapore und Schwindler in Hongkong. Ihre Abenteuer waren auf einem Londoner Theater als Drama aufgeführt und der populäre Novellist des Tages schrieb eine Erzählung ihrer wunderbaren Schicksale.

John Rex, der Hauptanführer sollte einer edlen Familie angehören und seinetwegen war, wie man hörte, eine besondere Botschaft an Sir John Franklin ergangen. Er hatte alle Aussicht, richtig gehängt zu werden, denn selbst die größten Bewunderer seiner Geschicklichkeit und seines Muthes konnten nicht umhin, zuzugeben, daß er ein Vergehen begangen, welches dem Gesetze nach den Tod verdiene. Die Regierung wollte nichts ungeschehen lassen, um ihn zu überführen und das Gefängnis war überfüllt von lebenslänglich verurtheilten Gefangenen, die man aus Port Arthur hatte kommen lassen, um die Gefangenen zu erkennen und ihre Persönlichkeit festzustellen. Unter diesem sollte auch der bekannte Schurke, der Dawes sein.

Diese Nachricht gab frische Nahrung allen Vermuthungen, Erzählungen und Erfindungen. Man erinnerte sich, daß der »bekannte« Dawes der Ausreißer war, welchen Kapitain Frere mit zurückgebracht hatte und der sein kettenbeladenes Leben dem Umstande dankte, daß er Kapitain Frere bei Erbauung des Bootes behilflich gewesen, in welchem die Ausgesetzten sich auf so wunderbare Weise gerettet hatten. Man erinnerte sich auch, wie mürrisch und düster er bei seinem Verhör vor fünf Jahren gewesen und wie er gelacht hatte, als man sein Todesurtheil geändert hatte. Die Hobart Town Zeitung brachte eine kleine Biographie von diesem fürchterlichen Schufte, – eine Biographie welche erzählte, wie er bei einer Meuterei auf dem Transportschiffe betheiligt gewesen, wie er zwei Mal von Macquarie Harbour entflohen, wie oft er wegen Widersetzlichkeit gepeitscht worden und wie er jetzt in doppelten Ketten in Port Arthur gefangen sei, nachdem er vergebliche Versuche zur Flucht gemacht hatte, daß er zuerst wegen Straßenraubes verurtheilt worden, sprach gegen jede Aeußerung der Humanität, gegenüber solchen menschlichen Bestien und verlangte, daß man sie lieber gleich hängen solle, statt sie als Last für Andre leben zu lassen um nur noch ausgebildeter in Schurkerei und Schlechtigkeit zu werden.

»Welchen Nutzen,« fragte die Zeitung pathetisch, »hat dieser Schurke in den letzten elf Jahren der menschlichen Gesellschaft geleistet?« Und Jedermann war der Meinung, daß er von gar keinem Nutzen gewesen sei.

Miß Sylvia Vickers erhielt auch ihren Antheil an der öffentlichen Aufmerksamkeit Ihre romantische Rettung durch den heldenmüthigen Frere, dem nun in Kurzem die Belohnung für seine That auf die gute, alte Art werden sollte, machte sie fast ebenso berühmt, wie den Schurken Dawes oder dessen Verbündeten, das Ungeheuer Rex. Man erzählte, daß sie bei der Verhandlung, mit ihrem Verlobten zusammen, Zeugniß ablegen würde, da sie Beide die einzigen Ueberlebenden waren, die von der Meuterei Genaues wußten. Man sagte auch, daß ihr Geliebter natürlich sehr in Sorge um sie sei und ihr Erscheinen vor Gericht nicht wünsche, da sie – ein neuer Punkt von romantischem Interesse, – durch die Krankheit, welche die Folge jener Zeit war, schwer gelitten und in gewisser geistiger Verwirrung in Bezug auf die ganze Angelegenheit sei. Wegen aller dieser Gerüchte war er Gerichtshof am Tage der Sitzung von Zuhörern gedrängt voll und als nun die verschiedenen Einzelheiten der wunderbaren Geschichte dieses doppelten Entkommens zur Sprache kamen, wurde die Aufmerksamkeit immer gespannter. Der Anblick der vier, mit schweren Ketten beladenen Gefangenen verursachte selbst in dieser, an Fesseln gewöhnten Stadt eine Aufregung, welche ganz neu war und man ging Wetten ein, welchen Gang die Vertheidigung nehmen würde. Zuerst glaubte man, die Gefangenen würden die Gnade des Gerichtshofes anflehen und durch die ungewöhnliche Art ihres Vergehens selbst sich Sympathien zu verschaffen suchen. Doch verscheuchte eine kurzes Studium des Benehmens von John Rex jeden Gedanken an einen derartigen Ausgang der Sache. Ruhig, gefaßt und abweisend, schien er bereit, sein Schicksal zu nehmen, wie es fiel oder seinen Anklägern mit irgend einem Vorwande entgegen zu treten, der ihn vielleicht von der Haupt-Anklage befreite. Als er den Spruch hörte: »er habe schurkischer Weise die Brigg Osprey genommen,« – da lächelte er.

Mr. Meekin, der mit im Gerichtshofe war, fühlte seine religiösen Gefühle durch dies Lächeln tief beleidigt. »Ein wirkliches wildes Thier, meine liebe Miß Vickers,« sagte er, als er, während die Deportierten examiniert wurden, welche herbeigeholt waren, um die Gefangenen zu Identifizieren, in das kleine Zimmer trat, in welchem Major Vickers und Sylvia warteten. »Er hat den Blick eines Tigers an sich.«

»Der arme Mann,« sagte Sylvia schaudernd.

»Arm! Meine liebe, junge Dame, Sie bemitleiden ihn doch nicht?«

»Ja, das thue ich,« sagte Sylvia und ran ihre Hände ein wenig, wie in Schmerzen, »ich bemitleide sie Alle!«

»Köstliche Empfindsamkeit!« sagte Meekin mit einem Blick auf Vickers. »Ein wahres Frauenherz, mein lieber Major.«

Der Major klopfte ungeduldig mit seinen Fingern auf den Tisch, wegen dieses unzeitigen Geschwätzes. Sylvia war in diesem Augenblick, viel zu angegriffen, um solche Gefühlsausbrüche über sich ergehen zu lassen. »Komm,« sagte der Major, »sieh durch diese Thür, Du kannst sie gerade Alle sehen und wenn Du Keinen von ihnen erkennst, sehe ich gar nicht ein, warum Du als Zeugin auftreten sollst, obgleich, wenn es nothwendig ist, Du natürlich gehen mußt.«

Grade gegenüber der Thür des Zimmers, in dem sie saßen war die Bank der Angeklagten und die vier gefesselten Männer, Jeder einen bewaffneten Wärter hinter sich, waren gerade über den Köpfen der Menge zu sehen. Das Mädchen hatte niemals einer Sitzung beigewohnt, in der über Leben und Tod eines Menschen verhandelt wurde und die Ceremonien der Verhandlung machten tiefen Eindruck auf sie, wie wohl auf Alle, welche es zum ersten Mal sehen. Die Luft war schwer und drückend. Die Ketten der Gefangenen rasselten unheimlich. Die überwältigende Macht der Richter, Gefängniswärter, Aufseher und Constabler, – vereint, um die vier Männer zu bestrafen, erschien ihr grausam. Selbst die ihr vertrauten Gesichter, welche sie in der Menge erkannte, schienen ihr schrecklich verändert zu sein. Das Gesicht ihres Verlobten, der ich eifrig nach der Zeugenbank hinüber lehnte, hatte einen tyrannischen, blutdürstigen Ausdruck. Ihre Augen folgten dem Finger ihres Vaters und blickten auf die Angeklagten. Zwei von ihnen saßen mürrisch und unaufmerksam da; der Eine kaute an einem Strohhalm oder an einer Ruthe und schlug mit ruheloser Hand auf die Schranke; der Vierte blickte zornig nach der Zeugenbank, welche sie nicht sehen konnte. Die vier Gesichter waren ihr ganz fremd.

»Nein Papa,« sagte sie mit einem Seufzer der Erleichterung »ich erkenne sie Alle nicht.«

Als sie sich wieder zurückwandte von der Thür, erklang eine Stimme von der Zeugenbank hinter der Thür. Sie erbleichte und hielt an. Der Gerichtshof selbst schien einen Augenblick ergriffen zu sein, denn ein Murmeln ließ sich hören und eine Stimme befahl »Schweigen!«

Der bekannte Verbrecher Rufus Dawes, der Desperado von Port Arthur, das wilde Thier von dem die Zeitung gesagt daß es unnöthig sei, daß er lebe, war gerade als Zeuge aufgetreten. Er war ein Mann von dreißig Jahren, in der vollen Kraft des Lebens mit einem Körper, dessen Muskelstärke selbst von der schlecht sitzenden gelben Jacke nicht verborgen werden konnte, mit starken, gebräunten, nervigen Händen, von gerader Haltung und mit einem Paar schwarzer Augen, welche den Gerichtssaal forschend überblickten. Selbst das Gewicht der doppelten, eisernen Ketten, welche von dem ledernen Gürtel herabhingen, konnten die Anmuth einer Haltung nicht beeinträchtigen, die nur so vollendet bei einer vollkommenen Muskelentwicklung sich darstellt. Alle die ihn unfreundlich anblickenden Gesichter konnten ihm keinen achtungsvollen Ton abnöthigen, als er auf die Frage nach seinem Namen antwortet: »Rufus Dawes, Staatsgefangener.«

»Komm mit fort, mein Liebling,« sagte Vickers, erschreckt über seiner Tochter bleiches Gesicht und glänzende Augen.

»Warte,« sagte sie ungeduldig und horchte auf die Stimme dessen, den sie nicht sehen konnte.

»Rufus Dawes? Ich habe den Namen schon früher gehört.«

»Ihr seid ein Gefangener von der Strafkolonie Port Arthur.«

»Ja.«

»Lebenslänglich verurtheilt?«

»Ja, – lebenslänglich.«

Sylvia wandte sich zu ihrem Vater, ihn fragend anblickend.

»O Papa, wer ist’s, der spricht? Ich kenne den Namen! Ich kenne die Stimme!«

»Das ist der Mann, der mit Euch im Boot war, Liebe,« sagte der Vater ernsthaft . »Der Gefangene.«

Das helle Licht wich aus ihren Augen und ein Ausdruck von Schmerz und Enttäuschung zog über ihr Gesicht. »Ich dachte, er wäre ein guter Mann,« sagte sie und hielt sich an der Thür fest. »Die Stimme klang wie eine gute Stimme.«

Dann drückte sie die Hände vor die Augen und zitterte. »Nun,« sagte Vickers, »sei nur ruhig, er kann Dir nichts mehr thun.«

»Nein,« lachte Meekin mit viel Aufweisen von Muth. »Der Schurke ist jetzt sicher genug.« Die Verhandlung im Gerichtshofe wurde fortgesetzt.

»Kennt Ihr die Gefangenen auf der Anklagebank?«

»Ja.«

»Wer sind sie?«

»John Rex, Henry Shires, James Lesley und den Vierten kenne ich nicht genau.«

»Des Letzten seid ihr nicht sicher? – Könnt Ihr beschwören, daß die drei Andern die Genannten sind?«

»Ja.«

»Ihr erinnert Euch Ihrer wohl?«

»Ich war drei Jahre mit ihnen in Macquarie Harbour in der Kette zusammen.«

Sylvia, welche diesen schrecklichen Grund für seine Bekanntschaft hörte, stieß einen leisen Schrei aus und fiel in ihres Vaters Arme.

»O Papa, laß mich fort. Es ist mir, als müsse ich mich an etwas Schreckliches erinnern.« In dem tiefen Schweigen, das im Gerichtssaal herrschte, hatte man den Schrei es armen Mädchens deutlich gehört und alle Köpfe wandten sich nach der Thür. In dem allgemeinen Erstaunen bemerkte Niemand die Veränderung, die plötzlich mit Rufus Dawes vorging. Sein Gesicht wurde feuerroth, große Schweißtropfen standen auf seiner Stirn und seine Augen blickten nach der Richtung, von welcher der Schrei gekommen, als wenn er die neidische Thür durchbohren wollte, die ihn von der Frau trennte, welche den Schrei ausgestoßen hatte. Maurice Frere sprang auf und machte sich Platz durch die Menge nach der Thür zu.

»Was bedeutet das?« sagte er ziemlich roh zu Vickers. »Warum ist sie hierher geführt? Sie wird nicht verlangt. Das sagte ich schon.«

»Ich hielt es für meine Pflicht, Herr,« sagte Vickers mit Würde.

»Was hat sie erschreckt? Was hat sie gehört? Was hat sie gesehen?« fragte Frere mit merkwürdig bleichem Gesicht.

»Sylvia! Sylvia!«

Sie öffnete ihre Augen entsetzt bei dem Ton seiner Stimme.

»Wir wollen nach Hause, Papa, »ich bin krank. O solche Gedanken!«

»Was meint sie?« rief Frere, in Unruhe von Einem zum Andern blickend.

»Jener Schurke, der Dawes erschreckte sie,« sagte Meekin. »Eine Fluth von Erinnerungen, das arme Kind. Nun beruhigen Sie sich, Miß Vickers. Er ist in Sicherheit!«

»Erschreckte sie, wie so?«

»Ja,« sagte Sylvia matt, »er erschreckte mich, Maurice. Ich brauche doch nicht länger zu bleiben, Liebster?«

»Nein,« sagte Frere und die Wolke schwand von seiner Stirn. »Major, ich bitte um Verzeihung, ich war zu hastig. Führen Sie sie gleich nach Hause. Das hier ist zu viel für sie. Er ging zurück auf seinen Plan, wischte sich die Stirn und athmete schwer, wie Einer, der einer großen Gefahr entronnen ist.

Rufus Dawes war in derselben Stellung geblieben, bis Frere’s Anblick, der aus der Thür hinausging, ihn aufrüttelte.

»Wer schrie da?« fragte er den Constabler hinter sich.

»Miß Vickers,«« sagte er Mann in einer Art, als ob man einem Bunde einen Knochen hinwirft.

»Miß Vickers!« wiederholte der Deportierte in Todesangst. »Man sagte mir, sie sei todt?«

Der Constabler grunzte verächtlich über diesen voreiligen Schluß, als ob er sagen wollte: Wenn Du Alles weist, Du Bestie, warum frägst Du denn?« Aber er fühlte, daß der starre Blick des Fragenden eine Antwort erwartete und sagte: »Natürlich hieltet Ihr sie für todt; Ihr habt ja Euer Bestes dazu gethan, sagt man.«

Der Deportierte streckte in zorniger Verzweiflung seine beiden Hände aus, als ob er den Constabler trotz der geladenen Musketen packen wollte, aber sich selbst zurückhaltend, wandte er sich schnell nach dem Gerichtshofe um und rief:

»Meine Herren, Euer Gnaden, ich muß zu dem Gerichtshofe sprechen!«

Die Veränderung im Ton, sowie der laute Ruf ließ alle Köpfe, die Frere nachgeblickt hatten, sich wieder zurückwenden. Vielen schien es, als ob der »bekannte« Dawes gar nicht mehr auf der Zeugenbank saß, denn statt des dreisten, graden Schurken, der noch vor einem Augenblick dort saß, stand jetzt ein bleiches, zitterndes Geschöpf da, das sich mit einer Hand auf die Schranke stützte, um nicht fallen und die andre Hand flehend nach den Richtern hin ausstreckte. »Euer Gnaden, es ist ein schrecklicher Irrthum geschehen! Ich will eine Erklärung abgeben. Ich habe schon früher Alles erklärt, als ich zuerst nach Port Arthur geschickt wurde, aber die Briefe sind nie von dem Kommandanten abgeliefert worden, – natürlich, das ist ja die Regel und ich kann mich nicht beklagen. Ich bin ungerechter Weise dahin geschickt worden, Euer Gnaden. – Ich machte das Boot. Ich rettete des Majors Frau und Tochter. Ich war der Mann; ich that es Alles selbst und meine Freiheit wurde mir von einem Schuft genommen, der mich haßte. Ich dachte bis jetzt, daß Niemand die Wahrheit kenne, weil man mir sagte, sie sei todt.«

Die schnelle Rede setzte den Gerichtshof so in Erstaunen, daß Niemand ihn unterbrach.

»Ich wurde zum Tode verurtheilt wegen Fortlaufens, Sir, und sie verdammten mich, weil ich denen im Boot half. Ihnen half! – Ich machte es! Sie wird es Ihnen sagen! Ich pflegte sie! Ich trug sie in meinen Armen! Ich hungerte für sie! Sie liebte mich, Sir, ja gewiß. Sie nannte mich Mr. Dawes!«

Ein rohes Lachen ließ sich hören, das aber sogleich abbrach. Der Richter beugte sich über, um nachzufragen.

»Meint er Miß Vickers?«

In diesem Augenblick blickte Rufus Dawes in den Saal und bemerkte Maurice Frere, der ihn mit wildern Haß in den Augen anblickte.

»Ich sehe Euch, Kapitain Frere, Ihr Lügner und Feigling! Setzt ihn auf die Anklagebank, Ihr Herren und laßt ihn seine Geschichte erzählen. Sie wird ihn Lügen strafen, das wird sie! O und ich dachte, sie wäre todt seit langer Zeit.«

Der Richter hatte die verlangte Antwort bekommen.

»Miß Vickers war ernsthaft krank gewesen und grade jetzt im Gerichtssaal ohnmächtig geworden. Ihre einzige Erinnerung an den Deportierten, der mit ihr im Boot gewesen, war die des Schreckens und Entsetzens. Sein Anblick hatte sie sehr erschüttert. Der Deportierte selbst war ein Erzlügner und Schwindler und seine Geschichte war schon von Kapitain Frere als Lügengewebe entlarvt.«

Der Richter, ein Mann, der menschlichen Gefühlen zugänglich war, den aber Erfahrung zwang, alle Aussagen von Gefangenen mit Vorsicht aufzunehmen, sagte Alles, was er in diesem Falle sagen konnte und die Tragödie dieser fünf Jahre wurde auf folgende Weise zu den Akten gelegt.

Richter: Dies ist nicht der Platz zu einer Anklage gegen Kapitain Frere, auch nicht die Stelle, um sich über vermeintlich erlittenes Unrecht zu beschweren. Wenn Ihr Ungerechtigkeit erduldet habt, so werden die Autoritäten Eure Klage hören und Euch gerecht werden.

Rufus Dawes: Ich habe mich beklagt, Euer Gnaden. Ich schrieb Brief auf Brief an die Regierung, aber sie sind nie abgeschickt worden. Dann hörte ich, sie sei todt und man schickte mich in die Kohlenminen und dort hört man nie etwas.

Richter: Ich kann Euch nicht länger anhören. Mr. Mangles haben Sie dem Zeugen noch Fragen vorzulegen?«

Mr. Mangles hatte keine Fragen mehr zu stellen. Jemand rief: »Matthew Gabbett!« und Rufus Dawes, der noch zu sprechen versuchte, wurde mit vielem Kettengerassel unter Bemerkungen und Geräusch abgeführt.

* * *

Die Untersuchung ging ohne weiteren Zwischenfall ihren Gang fort. Sylvia wurde nicht aufgerufen und zum Erstaunen vieler seiner Feinde setzte sich Kapitain Frere auf die Zeugenbank und sprach großmüthig für Rex. »Er hätte uns können verhungern lassen. Er hätte uns ermorden können; – wir waren gänzlich in seiner Gewalt. Die Vorräthe an Lebensmitteln am Bord der Brigg waren nicht groß und indem er sie theilte, zeigte er für einen Mann in seiner Lage sehr viel Großmuth.« Dies Zeugniß sprach sehr bedeutend zu Gunsten des Gefangenen, denn es war bekannt, daß Kapitain Frere ein sehr erbitterter Feind aller rebellischen Deportierten war, daß nichts als das stärkste Gefühl von Gerechtigkeit und Wahrheit ihn dahin bringen konnte, in solchen Ausdrücken zu sprechen. Die Vertheidigung des Rex war sehr schlau. Er war schuldig, doch bat er, seine Mäßigung zu seinen Gunsten sprechen zu lassen. Sein einziger Wunsch war, seine Freiheit zu erlangen und da er die erreicht, hatte er drei Jahre ehrlich gelebt, wie er beweisen könne. Er war angeklagt, sich die Brigg Osprey gekapert zu haben, aber die Brigg Osprey war von Deportierten gebaut, hatte niemals in den Schiffslisten gestanden und konnte also auch im eigentlichen Sinne des Wortes nicht seeräuberisch genommen sein.

Der Gerichtshof gab dies zu und unzweifelhaft durch Kapitain Frere’s Aussage beeinflußt und durch die Thatsache, daß fünf Jahre seit der Meuterei vergangen waren, so wie dadurch, daß die Haupt-Rädelsführer schon in England hingerichtet waren, – verurtheilte er Rex und seine Gefährten zu lebenslänglicher Arbeit in den Strafabtheilungen der Kolonie.

Fünftes Capitel.
Maurice Frere guter Engel

Nach diesem glücklichen Schluß, ging Frere hin, das Mädchen zu trösten, um derentwillen er Rex vom Galgen gerettet hatte. Auf dem Wege dahin begegnete ihm ein Mann, der an feinen Hut faßte und fragte, ob er ihn einen Augenblick sprechen könne. Dieser Mann war schon über die mittleren Jahre hinaus, hatte ein rothes Branntweingesicht und sein Gang und Benehmen verriethen den Seemann.

»Nun, Blunt,« sagte Frere, mit der ungeduldigen Miene eines Mannes stehen bleibend, der darauf gefaßt ist, üble Nachrichten zu hören. »Was gibt’s?«

»Ich wollte nur sagen, daß Alles in Ordnung ist, Sir,« sagte Blunt. Sie ist diesen Morgen wieder an Bord gekommen.«

»Wieder an Bord gekommen!« rief Frere. »Was, ich wußte nicht, daß sie an Land war. Wohin ist sie gegangen?«

Er sprach mit einer gewissen Ueberlegenheit und Blunt, nicht mehr der Tyrann von früher, drückte sich ein wenig vor ihm. Die Untersuchung gegen die Meuterer des »Malabar« hatte Phineas Blunt fast ruiniert. Was er auch für Entschuldigungen vorbrachte, so konnte nicht weggeleugnet werden, daß Pine ihn in seiner Kajüte betrunken gefunden hatte, während er seiner Pflicht auf Deck hätte nachkommen müssen und die vorgesetzte Behörde konnte und wollte nicht über solche Vergehen gegen die Disziplin fortsehen. Kapitain Blunt, der seine Geschichte natürlich anders darstellte, hatte also nicht länger die Ehre, Gefangene der Regierung nach den Kolonien von Neu-Süd-Wales und Van Diemens Land zu bringen, sondern unternahm eine Fahrt auf Wallfischfang in die Südsee. Doch schien es als ob der Einfluß, den Sara Purfoy auf ihn gewonnen, ihm dauernd schädlich geworden war. Es war als ob des Mannes moralische Natur vergiftet war. Vielleicht hat ein kluges, schlechtes Weib solchen Einfluß auf einen sinnlichen, schwachköpfigen Mann. Blunt sank allmählich tiefer. Er kam bald in den Ruf eines Trunkenboldes und war bekannt als ein Mann, der etwas gegen die Regierung hat. Kapitain Frere, der ihm in irgend einer Weise nützlich gewesen war, wurde gewisser Maßen sein Beschützer und hatte ihm das Kommando eines Kauffahrteischiffes, eines Schooners in Sydney verschafft. Als er dies Kommando erhielt, nicht ohne einige saure Gesichter von Seiten des Eigenthümers, welcher in Hobart-Town wohnte, hatte Blunt das Mäßigkeitsgelübde auf zwölf Monate abgelegt und fühlte sich in Folge dessen so elend wie ein Hund. Doch war er ein treuer Knappe, denn er hoffte durch Frere’s Vermittlung irgend einen Regierungs-Auftrag zu bekommen, – das ersehnte Ziel für alle Schiffs-Kapitaine der Kolonien jener Zeit.

»Nun Herr, sie ging an Land um einen Freund zu sehen,« sagte Blunt und blickte nach dem Himmel und dann zur Erde.

»Welchen Freund?«

»Den Gefangenen, Sir.«

»Und sie sah ihn, nicht wahr?«

»Ja, aber ich glaubte, es wäre besser, es ihnen zu sagen,« sagte Blunt.

»Natürlich, ganz recht,« erwiderte der Andre. »Aber Sie sollten geht sofort in See gehen. Unnütz zu warten.«

»Wie sie wünschen, Sir. Ich kann morgen früh segeln oder noch heute Abend, wenn es Ihnen recht ist.«

»Heute Abend,« sagte Frere, »und zwar so bald als möglich.«

»Da ist eine Stelle in Sydney,« sagte Blunt, »nach der ich mich umgesehen habe, wenn Sie mir vielleicht dazu verhelfen könnten.«

»Was ist’s?«

»Das Kommando eines Regierungsschiffes, Sir.«

»Gut, bleiben Sie nüchtern,« sagte Frere, »und ich will sehen, was ich thun kann. Und halten sie die Zunge der Person im Zaum, wenn Sie können.«

Die Beiden blickten sich an, und Blunt grinste sklavisch.

»Ich will mein Bestes thun.«

»Hüten Sie sich vor Anderem,« erwiderte sein Patron und ließ ihn ohne Weiteres stehen. Frere fand Vickers im Garten und bat ihn sogleich, nicht mit seiner Tochter von der Gerichtssitzung zu sprechen.

»Sie sahen, wie elend sie heute war. Um’s Himmels willen, Major, machen Sie sie nicht wieder krank!«

»Mein lieber Herr,« sagte der arme Vickers. »Ich will gar nicht auf die Sache zurückkommen. Sie ist noch immer sehr unwohl. Nervös und schwach. Gehen Sie zu ihr hinein.«

Frere ging hinein und beruhigte das aufgeregte Mädchen, mit wirklicher Sorge über ihre Leiden. »Es ist Alles jetzt in Ordnung, Liebste; denke nicht weiter daran. Verjage es ganz aus Deinem Kopf.«

»Es war thöricht von mir, Maurice. Ich weiß, ich konnte nichts dafür. Die Stimme jenes Mannes erinnerte mich an irgend einen großen Jammer um Jemand oder um Etwas. Ich kann nicht erklären, was ich meine, das weiß ich, aber es war mir, als müsse ich mich an irgend ein großes Unrecht erinnern, als müsse ich etwas erfahren, das mich alle die hassen ließ, die ich lieben sollte. Verstehst Du?«

»Ich glaube ich verstehe Dich,« sagte Frere mit finster abgewandtem Gesicht. »Doch das ist Alles Unsinn.«

»Natürlich,« erwiderte sie mit einem Anflug ihrer früher kindischen Art, Sachen kurz abzubrechen. »Jeder weiß, daß es Alles Unsinn ist. Aber man denkt solche Dinge. Es scheint mir, als habe ich ein doppeltes Leben, als hätte ich schon früher gelebt, ein andres Leben – ein Traumleben.«

»Was für ein romantisches Mädchen bist Du,« sagte Frere, sie kaum verstehend. »Wie könntest Du ein Traumleben haben?«

»Natürlich nicht wirklich, Du großer Dummkopf. Aber in Gedanken, weißt Du, Ich träume hin und wie er solche sonderbaren Sachen. Ich falle immer in Abgründe oder Wasserfälle und werde in große Höhlen unter ungeheuren Felsen hineingestoßen. – Schreckliche Träume!«

»Schlechte Verdauung,« murmelte Frere, »Du machst Dir nicht genug Bewegung Du solltest nicht so viel lesen. Mache alle Tage einen Spaziergang von zwei Stunden.«

»Und in diesen Träumen,« Fuhr Sylvia fort, ohne sich an seine Unterbrechung zu kehren, »ist eins sehr merkwürdig. Du bist immer dabei Maurice.«

»Nun, das ist recht,« sagte Frere.

»Ja, aber nicht als der gute, freundliche Mann, der Du bist, sondern scheltend, drohend und ärgerlich, so daß ich mich vor Dir fürchte.«

»Aber das ist doch nur im Traum, mein Liebling.«

»Ja, aber —« mit seinem Rockknopf spielend.

»Gerade so sahst Du heute aus vor Gericht, Maurice und das machte mich so unglücklich.«

»Mein Liebling! Still! Weine nicht.«

Aber sie war schon in leidenschaftliche Thränen und Schluchzen ausgebrochen und ihre leichte Gestalt zitterte in seinen Armen.

»O Maurice, ich bin ein sehr schlechtes Mädchen! Ich weiß selbst nicht, was ich will. Ich glaube oft, ich liebe Dich nicht so wie ich sollte, Dich, der mich gerettet und gepflegt hat.«

»Laß gut sein, denke nicht daran,« murmelte Frere mit ziemlich erstickter Stimme.

Sie wurde sogleich ruhiger und sagte nach einer Weile, ihr Gesicht zu ihm erhebend: »Sage mir, Maurice, hast Du jemals in den Tagen, von denen Du mir erzählt hast, als Du mich, ein Kind in Deinen Armen trugst und mich füttertest und für mich hungertest, hast Du je daran gedacht, daß wir uns heirathen könnten?«

»Ich weiß nicht,« sagte Maurice, »wie so?«

»Ich glaube Du mußt daran gedacht haben, sonst würdest Du nicht so gut und so sanft und ergeben gewesen sein.«

»Unsinn, Kind,« sagte er, seine Augen abwendend.

»Aber das bist Du gewesen und ich bin sehr launenhaft manchmal. Papa hat mich verzogen. Du bist immer liebevoll und Deine Art, über die ich mich ärgre, kommt nur davon, daß Du mich so lieb hast, nicht wahr?«

»Ich denke,« sagte Maurice mit ungewohnt feuchten Augen.

»Nun, siehst Du, das ist der Grund, warum ich auf mich selbst böse bin, daß ich Dich nicht so liebe, wie ich sollte. Ich möchte gern, daß Du die Dinge liebtest, die ich liebe, die Bücher, die Musik, die Bilder, – die Welt, die ich liebe. Aber ich vergesse, daß Du ein Mann bist und ich ein Mädchen; ich vergesse, wie edel Du Dich benommen hast, Maurice und wie selbstlos Du Dein Leben für das meine wagtest. – Wie, was ist Dir?«

Er hatte sie fortgestoßen und war an das Fenster getreten, über die Bäume des sanft abfallenden Gartens auf die Bai hinabblickend, die im ruhigen Abendlichte da lag. Der Schooner, welcher die Zeugen von Port Arthur gebracht hatte, lag vor Anker und die gelbe Flagge wehte am Mast in dem frischen Abendwinde. Der Anblick dieser Flagge schien ihn böse zu machen, denn als sein Auge darauf fiel, stieß er einen ungeduldigen Ausruf aus und wandte sich dann wieder um.

»Maurice,« rief sie, »ich habe Dir weh gethan!«

»Nein, nein. Es ist nichts,« sagte er mit der Miene seines Mannes, den man auf einer Schwäche ertappt. Nur mag ich Dich nicht so sprechen hören, – daß Du mich nicht liebst.«

»Ach vergib mir, Liebster; ich wollte Dir nicht weh thun. Es ist solche thörichte Art von mir, mehr zu sagen, als ich meine. Wie kann ich anders, als Dich lieben, – nach Allem, was Du für mich gethan?«

Eine plötzliche Laune ließ ihn ausrufen: »Aber vorausgesetzt, ich habe nicht Alles gethan, was Du denkst, – würdest Du mich doch noch lieben?«

Ihre Augen, die ihn bisher mit ängstlicher Zärtlichkeit angeblickt hatten, weil sie glaubte, ihm Schmerz verursacht zu haben, senkten sich bei seinen Worten. »Was für eine Frage? Ich weiß es nicht. Ich glaube, – ja – aber, wozu alle solche Voraussetzungen, Maurice! Ich weiß, Du hast es gethan und das ist genug. Wie kann ich sagen, was ich gethan hätte, wenn etwas Andres geschehen wäre? Du hättest mich dann vielleicht nicht geliebt!«

Wenn in diesem selbstsüchtigen Herzen vielleicht einen Augenblick ein Gefühl wie Gewissensbisse auftauchte, so zerstörte ihre zögernde Antwort dies sogleich.

»Gewiß, das ist wahr! »Er legte seinen Arm um sie. Sie hob lachend ihre Augen.

»Wir sind ein paar rechte Gänse, – wenn – wenn! Wir können die Vergangenheit nicht ändern, aber wir haben die Zukunft vor uns, die Zukunft, in der ich Deine liebe, kleine Frau sein werde. Dann wollen wir uns das ganze Leben lang lieb behalten, wie die Leute in den Büchern.«

Versuchung zum Bösen war oft an Frere herangetreten und seine selbstsüchtige Natur war unterlegen, wenn sie lange nicht solche reizende Form angenommen hatte, wie dies Mal, da das schöne unschuldige Kind ihn mit fragenden Augen anblickte. Was für Hoffnungen hatte er auf ihre Liebe gebaut; was für gute Entschlüsse hatte er gefaßt oder – schien sie gefaßt zu haben – weil sie so viel Reinheit und Güte in sich trug. Wie sie wahr sagte, war die Vergangenheit nicht zurückzurufen; nur die Zukunft, in der sie ihn für’s Leben lieben sollte, – lag vor ihnen. Mit jener vollendeten Heuchelei der höchsten Selbstsucht, welche sich selbst betrügt, legte er das kleine Haupt an seine Brust und glühte dabei von erhabener Tugend. »Gott segne Dich, mein Liebling! Du bist mein guter Engel.«

Das Mädchen seufzte. »Ich will Dein guter Engel sein, Liebster, wenn Du es mir nur erlauben willst.«

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10 dekabr 2019
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