Kitabı oxu: «Transnationale Geschichte»

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PD Dr. Margrit Pernau ist Senior Researcher im Forschungsbereich Geschichte der Gefühle am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin.

Mit 3 Karten

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2011 Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen/

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www.v-r.de

ISBN 978-3-846-33535-2 (E-Book)

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.

Umschlaggestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart

Gesamtherstellung: Hubert & Co, Göttingen

ISBN 978-3-8252-3535-2 (UTB-Bestellnummer)

Hinweis zur Zitierfähigkeit

Diese EPUB-Ausgabe ist zitierfähig. Um dies zu erreichen, ist jeweils der Beginn und das Ende jeder Seite gekennzeichnet. Bei Wörtern, die von einer zur nächsten Seite getrennt wurden, steht die Seitenzahl hinter dem im EPUB zusammengeschriebenen Wort.

Inhaltsverzeichnis

Titel Impressum Hinweis zur Zitierfähigkeit I. Einleitung 1. Geschichtsschreibung und Nation 2. Geschichtsschreibung als nationale Aufgabe

2.1 Das Beispiel Deutschland 2.2 Das Beispiel Indien

3. Transnational, translokal, transregional?

II. Über die Nation hinaus? - Forschungstraditionen und Möglichkeiten ihrer Fortentwicklung

1. Von der Außenpolitik zu den internationalen Beziehungen 2. Imperialismusforschung 3. Komparatistik

III. Methodische Zugänge jenseits der Nation

1. Connected History 2. Transfergeschichte 3. Histoire croisée 4. Verflechtungsgeschichte und New Imperial History 5. Translokalität 6. Weltgeschichte und Geschichte in globaler Perspektive

IV. Forschungsfelder 1. Moving Actors–Menschen unterwegs 2. Regionen

2.1 Das Mittelmeer 2.2 Der Indische Ozean 2.3 Zentralasien und die persische Welt

3. Religion

V. Die Sprache der transnationalen Geschichte

1. Sprache und Gesellschaft 2. Begriffe und ihre Übersetzung 3. Die Begriffsbildung der Historiker

Literatur I. Einleitung

Geschichtsschreibung und Nation Deutschland Indien Transnational, translokal, transregional

II. Über die Nation hinaus? Forschungstraditionen

Internationale Beziehungen Imperialismusforschung Komparatistik

III. Methodische Zugänge jenseits der Nation

Connected History Transfergeschichte Histoire croisée Verflechtungsgeschichte, New Imperial History Translokalität Weltgeschichte

IV. Forschungsfelder

Moving Actors Mittelmeer Indischer Ozean Zentralasien und die persische Welt Religion

V. Die Sprache der transnationalen Geschichte

Sprache und Gesellschaft Übersetzung Begriffsbildung

Abbildungen

Abb. 1: Mittelmeer (S. 97) Abb. 2: Indischer Ozean (S. 105) Abb. 3: Zentralasien (S. 113)

Danksagung Register GRUNDKURS NEUE GESCHICHTE

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I. Einleitung

1. Geschichtsschreibung und Nation

Nationale Grenzen prägen heute nicht mehr die Erfahrungswelt der meisten Europäer–umso weniger, je jünger sie sind und je höher ihre Schulbildung ist. Grenzkontrollen sind selten geworden, Urlaub, Praktika und Berufstätigkeit im Ausland sowie der tägliche Kontakt mit Bekannten in anderen Erdteilen über Facebook oder andere soziale Netzwerke dafür umso häufiger.

Damit verliert auch die Ausrichtung der Geschichtswissenschaft an der Nation und ihren Grenzen viel von ihrer Selbstverständlichkeit –ob und unter welchen Bedingungen sie dennoch sinnvoll ist, bleibt zu diskutieren. Bestimmten vor einer Generation Veranstaltungen und Bücher zur deutschen, vielleicht auch einmal zur französischen oder britischen, noch seltener zur europäischen Geschichte die meisten Vorlesungs- und Publikationsverzeichnisse, so sehen sich Studierende und historisch Interessierte heute immer häufiger mit Angeboten konfrontiert, die entweder Regionen in den Fokus nehmen, also unterhalb der nationalen Ebene bleiben, oder über den nationalen Rahmen hinausweisen.

Diese Entwicklung hat in den letzten Jahren zu einem neuen Blick auf die Vergangenheit geführt, der neue Fragen aufwarf, neue Forschungsfelder erschloss, aber auch Altbekanntes für neue Interpretationen öffnete. Dies alles macht die Geschichtswissenschaft noch spannender, als sie ohnehin schon ist. Transnationale Geschichtsschreibung, Geschichtsschreibung also, die danach strebt, nationale Grenzen empirisch und methodisch zu transzendieren, ist einer der Bereiche der Geschichtswissenschaft, der zurzeit am stärksten expandiert. Zumindest transnationale Bezüge dürfen in keiner anspruchsvollen Arbeit fehlen, so wird häufig gefordert. Zugleich ist sie ein ausnehmend anspruchsvoller Zugang, der hohe Anforderungen an die Selbstreflexion der Historiker stellt.

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Hier will diese Einführung Hilfestellungen leisten, einige Schneisen durch das mittlerweile recht unübersichtlich gewordene Theorieangebot schlagen und vor allem zum Weiterdenken einladen. Sie kann nicht die Beschäftigung mit den Originaltexten ersetzen, sondern allenfalls den Weg zu ihnen erleichtern. Dementsprechend liegt das Schwergewicht nicht auf der Vermittlung von Faktenwissen, sondern auf der Erörterung von Problemen.

Das einleitende erste Kapitel blickt zurück auf die Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts und zeigt, dass die wissenschaftliche Historiografie und der Aufstieg der Nation zur zentralen Interpretationskategorie nicht nur zeitgleich entstanden, sondern auch in so hohem Maße aufeinander verwiesen, dass eines ohne das andere weder bestehen noch verstanden werden konnte. Nur vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass der Ansatz der transnationalen Geschichte letztlich nichts weniger bedeutet als ein Neudenken der methodischen Grundlagen des Fachs.

Das zweite Kapitel wendet sich den Forschungsfeldern zu, in denen traditionell mehr als eine Nation in den Blick genommen wurde: die Geschichte der Außenpolitik und die Diplomatiegeschichte, die Untersuchungen zum Imperialismus und die Komparatistik. Hier zwang der Gegenstand selbst die Forschungen, über nationale Grenzen hinauszugehen; ob und inwieweit sie die Nation als Leitkategorie der Geschichte damit in Frage stellten oder unter Umständen sogar verstärkten, wird zu fragen sein.

Das dritte Kapitel widmet sich den aus meiner Sicht wichtigsten Theorieangeboten der letzten Jahre und versucht sie in einem systematischen Zusammenhang darzustellen. Das Ziel ist nicht, einen vollständigen Katalog aller jemals vertretenen Ansätze aufzustellen, sondern Probleme der transnationalen Geschichtsschreibung aufzuzeigen und Lösungsangebote zu vergleichen. Wenn Leserinnen und Leser zu anderen Schlussfolgerungen kommen –umso besser. Die Geschichtswissenschaft lebt von der Diskussion und vom Widerspruch.

Das vierte Kapitel stellt exemplarisch ausgewählte Forschungsfelder vor, in denen die Methoden der transnationalen Geschichtsschreibung bereits erprobt wurden–ob sie sich ausdrücklich|8◄ ►9| auf die laufende Diskussion beziehen oder nicht. Auch hier ist das Interesse ausschließlich ein methodisches: Wie lösen Autoren und Autorinnen in ihrer empirischen Arbeit die Probleme, die im vorigen Kapitel theoretisch erörtert wurden? Was können künftige transnationale Historikerinnen und Historiker davon lernen, wo liegen Schwierigkeiten? Ganz ausdrücklich handelt es sich hierbei weder um einen Entwurf für eine transnationale Weltgeschichte noch um Vorschläge, wie man die bisherigen Forschungsfelder von Politik-, Sozial-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte in Zukunft systematisch aus transnationaler Sicht umschreiben könnte.

Das fünfte Kapitel stellt die Frage, wie transnationale Geschichte mit dem Problem der Vielsprachigkeit umgeht–mit den unterschiedlichen Sprachen der Quellen, aber auch der Frage nach der Übersetzung von Begriffen aus der Quellensprache in die Sprache der Geschichtsschreibung.

Ein Wort noch zur Auswahl der Fallbeispiele. Leserinnen und Leser werden sich vielleicht wundern, dass Indien häufiger vorkommt, als sie es in einer Einführung erwartet hätten und sich fragen, warum nicht ein größeres Gleichgewicht zwischen den Regionen angestrebt wurde. Dies hat zum einen subjektive Gründe –der indische Subkontinent ist das Gebiet, in dem ich mich am besten auskenne und über das ich mit der größten Sicherheit schreiben kann. Darüber hinaus aber geht es mir nicht um eine flächendeckende Darstellung der Ergebnisse der Area Studies, wohl aber darum aufzuzeigen, dass Theoriebildung schon lange nicht mehr ausschließlich von Europa aus erfolgt. Dafür ist die indische Geschichtsschreibung–Stichwort Post-colonial Studies–ein eindrucksvolles Beispiel.

2. Geschichtsschreibung als nationale Aufgabe

Beeinflusst vor allem durch die fast zeitgleich erschienenen Werke von Benedict Anderson, Imagined Communities (dt.: Die Erfindung der Nation, 1988), Eric Hobsbawm, The Invention of Tradition und Ernest Gellner, Nations and Nationalism (alle drei 1983) hat sich |9◄ ►10| heute in der Forschung ein konstruktivistischer Begriff der Nation durchgesetzt. Dies bedeutet zum Ersten, dass die Nation nicht eine vorgegebene, gewissermaßen natürliche Größe ist, die es lediglich zu erkennen gilt, sondern ein Begriff, mit dessen Hilfe Menschen ihre Umwelt ordnen.

Konstruktivismus

Wissenschaftstheoretische Richtung, die davon ausgeht, dass menschliche Vorstellungen und Begriffe die Wirklichkeit nicht passiv abbilden, sondern aktiv ordnen und erschaffen. Hierbei handelt es sich nicht um einen individuellen, sondern um einen sozialen Prozess.

Diesen konstruierten Charakter teilt sie mit anderen sozialen Kategorien wie etwa der Klasse oder dem Geschlecht. Zum Zweiten ergibt sich hieraus, dass das Gefühl nationaler Zusammengehörigkeit sich nicht von selbst einstellt, sondern einer Vorstellung von Gemeinsamkeit (Anderson, 1991, S. 7), von geteilten Eigenschaften, bedarf. Dabei werden bestimmte Eigenschaften für bedeutsam erklärt und allen Nationsangehörigen zugeschrieben, andere hingegen als unwesentlich heruntergespielt. Die Vorstellung der Nation beinhaltet also immer einen Akt der Homogenisierung nach innen und der Differenzbildung nach außen. Zum Dritten gewinnen diese Vorstellungen an Überzeugungskraft, indem sie in Praktiken umgesetzt werden. Dies können inszenierte Rituale sein, wie etwa die Sedanfeiern im deutschen Kaiserreich, die Parade und das Feuerwerk zum 14. Juli in Frankreich oder die Last Night of the Proms in England, die mit dem hingebungsvollen gemeinschaftlichen Singen von »Rule, Britannia!« endet. Es können aber auch Institutionen wie der Militärdienst oder die Grenzkontrolle sein oder sogar das Lesen der gleichen Romane oder Zeitungen.

Die Nation als Konstrukt, als Vorstellung und als inszenierte Praxis ist nun aber nur begrenzt gleichzusetzen mit ihrer ›Erfindung‹ und noch weniger impliziert es die Idee von der Nation als etwas Irrealem. Insofern ist der Titel von Andersons Werk etwas |10◄ ►11| unglücklich ins Deutsche übersetzt worden. ›Erfindung‹ suggeriert sowohl einen Nullpunkt, gewissermaßen eine Schaffung aus dem Nichts, als auch die Freiheit, sich so oder anders entscheiden zu können. Beides ist im Falle der Hervorbringung der Nation für den einzelnen Akteur oder auch für eine Gemeinschaft von Akteuren nur begrenzt gegeben, da sie nur selten eine Position außerhalb ihrer eigenen Geschichte einnehmen können, in der sie nicht von vorgängigen Konstruktionen und Denkmustern geprägt sind. Dies macht die Nation nicht erneut zu einer vorgegebenen, zu einer objektiven Größe. Was aber vorangegangene Generationen konstruiert und praktiziert haben, ist den Akteuren vorgegeben, ob es die Schulbücher und Erzählungen sind, mit denen sie aufwachsen, die Feiern und Paraden oder eine bestimmte nationale Sprache, die ihr Denken prägt. Hierzu müssen sie sich verhalten–ob sie die Konstruktionen nun in der eigenen Vorstellung aktualisieren und damit gewissermaßen die Nation aufs Neue hervorbringen oder ob sie sie modifizieren, ablehnen und durch andere Vorstellungen von Gemeinschaft ersetzen.

Die Vorstellung der Nation war umso wirkmächtiger, je mehr es gelang, ihren Charakter als Vorstellung vergessen zu machen und sie als naturgegeben erscheinen zu lassen. Dabei kam der Geschichtsschreibung von Anfang an eine zentrale Rolle zu, denn sie war das Medium, durch das die Existenz der Nation in die Vergangenheit, ins ›Immer-Schon-Da-Gewesene‹, verlängert werden konnte. Das Interesse der Historiker richtete sich damit gerade nicht auf den Wandel, sondern im Gegenteil auf das, was inmitten aller historischen Veränderung ewig und dem menschlichen Zugriff entzogen schien. Bestand der eine Teil ihrer selbst gesetzten Aufgabe darin, den objektiven Charakter der Nation freizulegen, so richtete sich der andere durch die Darstellung der langen gemeinsamen Geschichte und ihrer Wechselfälle auf die Erzeugung und Verstärkung des subjektiven Gefühls der Zugehörigkeit beim Leser. Dieses Gefühl jedoch war nach Ansicht der Zeitgenossen nicht ins Belieben des Einzelnen gestellt, sondern ihm als Pflicht aufgegeben–er fühlte nicht nur für und mit der Nation, er musste auch so fühlen, wenn er kein ›vaterlandsloser Geselle‹ sein wollte.

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Zugleich war die Historiografie der Ort, an dem verhandelt wurde, welche Eigenschaften die Angehörigen einer Nation vor allen anderen auszeichneten. Wie die Nation selbst, so wurde auch ihr Charakter in seinem Kern als historisch unwandelbar angesehen, daher ließ er sich aus den Taten der Vorfahren besonders klar erkennen. Anhand der nationalen Eigenschaften aber beantworteten die Historiker nicht nur die Frage ›Wer sind wir?‹ (und implizit: ›Wer sind die anderen?‹), sondern im nächsten Schritt auch die Frage ›Wer gehört zu uns?‹ Damit trafen sie Entscheidungen über Inklusion und Exklusion, also über die Grenzen der nationalen Gemeinschaft.

Wie sich die Geschichtsschreibung und die Nation gegenseitig hervorbrachten, soll im Folgenden anhand des deutschen und des indischen Fallbeispiels verdeutlicht werden.

2.1 Das Beispiel Deutschland

In Deutschland gingen die Professionalisierung der Historiker, die Verwissenschaftlichung der Historiografie und ihre Nationalisierung Hand in Hand. Bereits im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts fand die Geschichtsschreibung ihren Ort an den Universitäten und Akademien. Damit wurden die Historiker zu Staatsbeamten, ihre Ausbildung standardisiert und über die Berufungsverfahren sowohl Qualitätskontrolle als auch Konformitätsdruck ausgeübt.

Hinsichtlich der Verwissenschaftlichung der Historiografie sind zwei Ebenen zu unterscheiden (Iggers, 1994). Die Quellenkritik und die Entwicklung der historischen Hilfswissenschaften erlaubten es nicht nur, die Echtheit von Quellen zu überprüfen, sondern auch, sie präzise zu datieren, Lesarten zu bestimmen und philologisch zu interpretieren; dies führte zur Aufdeckung von Fälschungen und zu groß angelegten Editionsprojekten. Der Grund hierzu wurde bereits im 18. Jahrhundert gelegt, vor allem in der Altertumsforschung. Wissenschaftlich weitaus weniger präzise zu fassen war die Ebene der Interpretation der Quellen, ihre Einordnung in einen größeren Kontext und ihre Zusammenführung zu einem kohärenten Narrativ. Es war diese Ebene, auf der sich die |12◄ ►13| Nationalisierung der Geschichtswissenschaft abspielte–zögerlicher als die Verwissenschaftlichung und anfänglich gegen den Widerstand einer Tradition der Universalgeschichtsschreibung, die sich aus dem Gedankengut der Aufklärung speiste, doch auch da, wo sie sich dem Nationalismus verweigerte, die zentrale Rolle der Nation nicht in Frage stellend (Fulda, 1996; Süßmann, 2000).

Leopold von Ranke (1798–1876), von vielen als Begründer der Geschichte als Wissenschaft angesehen, betonte, dass Staat und Nation als organische Subjekte der Geschichte dem Historiker vorgegeben seien, sie seien die Konkretisierung von Gottes Idee der Menschheit. Dadurch waren jeder Staat und jede Nation einmalig und von allen anderen unterschieden. Nur durch die Untersuchung ihrer jeweiligen Besonderheit war dem Historiker ein Vordringen zum Allgemeinen möglich. Die Betonung der unhintergehbaren Individualität von historischen Ereignissen unterschied die Geschichtswissenschaft, so Ranke und der Historismus, von den Naturwissenschaften, die stattdessen auf die Bildung von Typen und allgemeinen Gesetzmäßigkeiten abhoben.

Von dieser Basis aus war zwar keine transnationale Geschichte denkbar, denn es galt gerade die Besonderheiten der nationalen Entwicklung zu wahren und der Übertragung fremder Ideen und Institutionen zu wehren. Eine Universalgeschichte aber konnte aus dieser Logik durchaus entwickelt werden, denn die ausgeführten Prinzipien galten nicht nur für die deutsche, sondern für jede Nation. In jede Nation hatte der Historiker sich einzufühlen und ihre Eigenheiten herauszuarbeiten, ohne sich dabei von seiner eigenen Herkunft leiten zu lassen.

Dieses Bemühen um Objektivität war es, das zu heftigen Angriffen der Vertreter der kleindeutschen Geschichtsschreibung auf Ranke führte, also jener Historiker, die nach den Bismarck’- schen Einigungskriegen die Schaffung des deutschen Nationalstaats als Preußens geschichtliche Mission interpretierten. Diesem Nationalstaat hätte die Historiografie zu dienen; er war zugleich die Basis, von der aus eine Interpretation der Geschichte allein für möglich erachtet wurde–nicht das Einfühlen in das Fremde, sondern im Gegenteil, radikale nationale Standortgebundenheit wurde nunmehr vom Historiker gefordert.

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Kleindeutsche Bewegung

Seit 1848 eine politische Richtung, die die Einigung Deutschlands unter Ausschluss Österreichs unter preußischer Führung anstrebte. Sie setzte sich mit den Bismarck’schen Einigungskriegen politisch durch und bestimmte die deutsche Geschichtsschreibung bis zum Ersten Weltkrieg.

Sind solchermaßen die Nationalstaaten die eigentlichen Akteure der Geschichte, so folgt jeder von ihnen dem Gesetz seines eigenen Wesens und kann nur aus sich selbst heraus interpretiert werden. Dies bedeutet nicht nur eine Absage an die Untersuchung von Austauschbeziehungen und gegenseitigen Beeinflussungen, sondern auch das Ende eines möglichen Dialogs zwischen Historikern und Historiografien verschiedener Länder. Folgerichtig versuchten die deutschen Geschichtswissenschaftler 1903 das Abhalten des Internationalen Historikerkongresses in der Reichshauptstadt mit dem Argument zu verhindern, es sei keine gemeinsame Grundlage für die Interpretation der Geschichte außerhalb des nationalen Rahmens denkbar (Muhlack, 2000, S. 34). Die Aufgabe der Historiker sei es vielmehr, »der Nation das Bild ihrer selbst zu erarbeiten und vor die Seele zu stellen« (Droysen, zitiert nach Haltern, 1994, S. 75) und in den Deutschen die »Freude an ihrem Vaterland« zu erwecken (Treitschke zitiert nach Muhlack, 2000, S. 38 f.); in die Sprache Andersons und Hobsbawms übersetzt also: ihre Wissenschaft in den Dienst der Konstruktion der eigenen Nation zu stellen.

Dieses Denken von der Nation her war dabei keineswegs auf die »Nationalgeschichte« beschränkt, also die Geschichte, die sich das Deutsche Reich oder die deutsche Nation zum Thema nahm. Vielmehr prägte sie auch solche Untersuchungen, für die man sich ganz andere Referenzrahmen vorstellen könnte, etwa die Landes-und Regionalgeschichte, die Volks- und Heimatgeschichte, sogar, wenn vielleicht auch in geringerem Maße, die Kulturgeschichte.

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2.2 Das Beispiel Indien

Jede Möglichkeit wissenschaftlicher Geschichtsschreibung in Indien wurde im 19. Jahrhundert zunächst von der kolonialen Situation bestimmt–auch da, wo bewusst auf vorkoloniale Formen zurückgegriffen wurde. Wie Edward Said in seinem bahnbrechenden Buch Orientalism (1978) betonte, waren Herrschaft und Produktion von Wissen–das Sammeln von Informationen, die Schaffung von Kategorien, um sie zu ordnen und schließlich ihre Interpretation–untrennbar miteinander verbunden. Dies traf auch für die britische Historiografie über Indien zu.

In der Tradition der Aufklärung waren die britischen Historiker und Philologen des ausgehenden 18. Jahrhunderts, die sich mit Indien beschäftigten–in der Indienforschung wegen ihrer Begeisterung für die orientalische Kultur und ihre Sprachen unter dem mittlerweile irreführenden Namen ›Orientalisten‹ bekannt –einem zyklischen Modell von Aufstieg und Verfall großer Reiche verpflichtet. Zwar fanden sie in der indischen Gegenwart wenig Bewundernswertes, doch die Existenz eines vergangenen goldenen Zeitalters garantierte Indien den Status einer Hochkultur und verbürgte die Hoffnung, dass es ihm mit britischer Hilfe gelingen könne, die einstige Größe wiederzuerlangen.

Hiergegen wandten sich seit dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts die ›Anglizisten‹–so benannt, weil sie dem Orientalismus ein klares Bekenntnis zur Universalität der britischen Werte entgegensetzten. Die Vorstellung vom zyklischen Aufstieg und Niedergang großer Reiche wurde abgelöst von der Idee des Fortschritts und Indien in einen zeit- und geschichtslosen Limbus verbannt, aus dem es erst durch die Ankunft der Briten befreit werden konnte. Die indische Geschichte als Geschichte begann nach britischer Vorstellung erst mit der kolonialen Eroberung.

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Orientalistik

Wissenschaft vom Orient, insbesondere seiner Religionen und Sprachen. Im Gegensatz hierzu bezeichnet der von Edward Said und den postkolonialen Studien als Kampfbegriff verwendete Ausdruck Orientalismus eine bestimmte Sicht auf den Orient, seine Konstruktion als Gegensatz zu Europa (vor allem in den Kategorien zeitlos vs. fortschrittlich; religiös / abergläubisch vs. aufgeklärt / säkularisiert; despotisch vs. demokratisch; weiblich vs. männlich).

Wie aber gingen die indischen Historiker und Schriftsteller des 19. Jahrhunderts mit diesen Vorstellungen zur eigenen Geschichtslosigkeit um? Ohne Geschichte, ohne eine gemeinsame Vergangenheit, mit der sich die Akteure der Gegenwart identifizieren konnten, konnte es auch in ihrer Gedankenwelt keine Nation geben. So fehlten der Nationalbewegung gewissermaßen ihr Subjekt und ihre Legitimation. Daher rief der bengalische Dichter und Historiker Bankimchandra 1880 aus »Bengal must have her own history. Otherwise there is no hope for Bengal.« (zitiert nach Guha, 1988, S. 1) Sprach Bankimchandra zu diesem Zeitpunkt noch von Bengalen, so war es wenige Jahre später schon unumstritten, dass Indien die Nation sein solle, die es zu schaffen galt–das Denkmuster aber blieb das gleiche.

Dieser neuen Historiografie war von Anfang an eine doppelte Ausrichtung zu Eigen. Auf der einen Seite orientierte sie sich an den gleichen Standards der Wissenschaftlichkeit wie die europäische Geschichtsschreibung und übernahm damit nicht nur ihre Quellenkritik, sondern auch ihre Argumentationsmuster und narrativen Strukturen. Auf der anderen Seite betonte sie, dass die neue Geschichte nur von Indern geschrieben werden könne, da nur sie zur Identifikation mit der Vergangenheit in der Lage seien, die die notwendige Grundlage der Interpretation darstelle und das Schreiben der Geschichte als nationaler Geschichte ermögliche.

Als Teil der Nationalbewegung übernahmen die indischen Historiker deren Programm einer Reform der Nation und wollten durch ihre Arbeit zu ihrer Renaissance und Regeneration beitragen;|16◄ ►17| neben der emotionalen Vergemeinschaftung sahen sie ihre Aufgabe darin, dem gegenwärtigen Indien die Vergangenheit, das Goldene Zeitalter, vor Augen zu stellen, an welche es anschließen konnte.

»Vergemeinschaftung«

Nach Max Weber (1985 [1922], S. 21) »eine soziale Beziehung«, die auf der »subjektiv gefühlten Zusammengehörigkeit der Beteiligten beruht« und in der das Gefühl der Zusammengehörigkeit handlungsleitend wirkt.

Noch dringlicher als in Deutschland warfen diese Muster und Metaphern die Frage auf, an welche Geschichte angeschlossen werden sollte und wer und welche Epochen zur ›wahren‹ indischen Geschichte dazu gehörten. War das Reich der muslimischen Moguln eine Epoche nationaler Einheit und Machtentfaltung oder eine Zeit islamischer Fremdherrschaft über Indien? Was bedeutete dies für die Stellung der Muslime in der Gegenwart? War Indien eine Nation oder zwei, welche Folgen sollte dies für die politische Struktur des unabhängigen Staates haben? Diese Fragen gewannen ihre Virulenz erst nach dem Ersten, mehr noch nach dem Zweiten Weltkrieg und zur Zeit der Teilung des Subkontinents, angelegt waren sie jedoch schon in der Historiografie des 19. Jahrhunderts.

3. Transnational, translokal, transregional?

Vor dem Hintergrund dieser historischen Verzahnung von Geschichte und Nationalismus, in der Historiker es als ihre wichtigste Aufgabe angesehen hatten, durch ihre wissenschaftlichen Forschungen zur Nationsbildung beizutragen, wird erst deutlich, wie viel Sprengstoff die grundlegenden Interpretationskategorien im Programm einer transnationalen Geschichte bergen. Es geht um nichts Geringeres als darum, eine »Geschichtswissenschaft jenseits des Nationalstaates« (Osterhammel, 2001) zu entwerfen. |17◄ ►18| Dieses Programm basiert ebenso auf Vorstellungen von der Historizität der Nation wie es auch zu ihrer Historisierung beiträgt. Wenn die Nation keine ›natürliche‹ Größe ist, sondern als Vorstellung zu bestimmbaren Zeiten von bestimmbaren Akteuren hervorgebracht wird, so ist sie auch für die Geschichtswissenschaft nicht Ausgangspunkt, sondern Gegenstand der Untersuchung.

Es ist vehement diskutiert worden, ob das Programm einer trans-›nationalen‹ Geschichte weit genug ginge und ob nicht schon die Wahl des Begriffes dazu führe, die Nation, die durch die Vordertür entlassen wurde, durch die Hintertür wieder hereinzulassen. Wie kann man eine transnationale Geschichte für Epochen und Regionen schreiben, denen die Nation als Ordnungsmuster unbekannt war? Wird hiermit nicht wieder ein eurozentrisches Zulaufen der Geschichte auf die Entstehung von Nationalstaaten suggeriert, ihre Abwesenheit als Defizitgeschichte konzipiert? Daher ist vorgeschlagen worden, den Ausdruck ›transnational‹ durch ›translokal‹ (Freitag / von Oppen, 2005; 2010) oder ›transregional‹ (WIKO) zu ersetzen und die Nation dergestalt nur noch als eine Möglichkeit der Raumordnung unter anderen zu betrachten (→ Kap. III.5).

Diese Überlegungen müssen sehr ernst genommen werden. Wenn im Titel dieser Einführung dennoch von transnationaler und nicht translokaler oder transregionaler Geschichte die Rede ist, so deshalb, weil dem Begriff ›transnational‹ im Gegensatz zu seinen Alternativen eine doppelte Stoßrichtung zu eigen ist, die zu bewahren mir wichtig erscheint. Transnational bezieht sich zum einen auf die Untersuchung von Geschichte, die sich nicht in nationalen Grenzen erfassen lässt, sei es, weil sie sich auf kleinere oder größere Einheiten bezieht, sei es, weil sie sich in einem konzeptionellen Rahmen bewegt, in dem die Nation keine oder zumindest keine wichtige Kategorie darstellt. Das ›trans-‹ der transnationalen Geschichte bezieht sich hier auf eine empirische Erweiterung des Untersuchungsgegenstandes. Zum anderen aber, und das könnte aufs Ganze gesehen sogar noch wichtiger sein, geht es darum, durch transnationale Geschichte die Selbstverständlichkeit der Kategorie der Nation selbst infrage zu stellen. |18◄ ►19| Hier bezieht sich das ›trans-‹ auf das Transzendieren der Nation als einer Ordnungskategorie für die Geschichtsschreibung. Die Diskussion, ob und wie weit dies geschieht, wenn man die Nation einfach ignoriert, oder ob es nicht auch darum gehen muss, ihre Deutungsmacht und damit auch das Schwergewicht überlieferter Historiografien direkt und ausdrücklich zu hinterfragen, ist nicht abgeschlossen.

Wir brauchen empirische Studien, die flexibel mit ihren Bezugsgrößen umgehen. Welchen Einfluss lokale, translokale, regionale, transregionale, nationale oder transnationale Faktoren hatten, lässt sich ja in den allermeisten Fällen nur erkennen, wenn der Maßstab der Untersuchung groß genug gewählt ist, um sie in Beziehung zueinander setzen zu können. Diese Studien können je nach Erfordernis mit dem Begriff der Nation arbeiten oder nicht. Dies allein aber reicht meines Erachtens nicht aus, um die enge methodische Verbindung zwischen Nation und Historiografie zu sprengen. Hierfür brauchen wir einen Rahmen, in dem diese Studien in Beziehung zu nationalen und kolonialen Meistererzählungen gesetzt werden, deren Beharrungskraft wohl manchmal unterschätzt wird. Diesen Rahmen kann die transnationale Geschichte bieten.

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II. Über die Nation hinaus?

Forschungstraditionen und Möglichkeiten ihrer Fortentwicklung

Wie die Einleitung gezeigt hat, war die Geschichtsschreibung seit dem 19. Jahrhundert eng mit Vorstellungen von Nationalstaaten verbunden. Doch bedeutete dies nicht, dass nur die Innenpolitik der einzelnen Nationen als angemessenes Thema für die Historiografie gesehen wurde. Die transnationale Geschichte, so wie sie jetzt verstanden wird, ist keineswegs die erste historiografische Richtung, die mehr als eine Nation zugleich untersucht und in ihren Beziehungen analysiert. Dieses Kapitel zeigt an drei Themenfeldern –der Geschichte der Außenpolitik, der Imperialismusforschung und der vergleichenden Geschichtswissenschaft–auf, welche Ansätze einer Überwindung der thematischen Begrenzung auf die Nation es schon vor den gegenwärtigen Debatten gegeben hat, in welche Richtungen sie in den letzten Jahren weiterentwickelt wurden und welche Anknüpfungspunkte und Möglichkeiten sie in Bezug auf die transnationale Geschichte immer noch bereitstellen.

1. Von der Außenpolitik zu den internationalen Beziehungen

Es liegt in der Natur der Sache, dass Untersuchungen zur Außenpolitik sich nicht auf einen einzelnen Staat beschränken können, geht es doch in diesem Forschungsfeld gerade um die Beziehungen der Staaten untereinander. Dennoch braucht dies keinesfalls zu einer Relativierung oder gar Dekonstruktion der Kategorie Nationalstaat zu führen, ganz im Gegenteil. Für den größten Teil der Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts war der Nationalstaat eine dem Menschen vorgegebene Realität, an der sich das politische Handeln zu orientieren hatte. Auf dem Feld der Außenpolitik begegneten sich die Nationalstaaten als gleichsam personifizierte, nicht weiter auflösbare Einheiten–man beachte die |20◄ ►21| Sprache der Quellen: ›Deutschland forderte‹, ›Frankreich warf ein‹, ›Großbritannien vermittelte‹. Ihnen schien die Selbstbehauptung nicht nur erlaubt, sondern geradezu geboten, denn über dem Staat gebe es keine übergeordnete Macht und kein übergeordnetes Recht: eine »Idealisierung des Staates auf der Basis der Spiritualisierung der Macht« (Mollin, 2000, S. 6). Eine Eindämmung der überbordenden Hegemonialansprüche einzelner Staaten könne nur durch die größere Macht anderer Staaten–allein oder in Allianzen–geschehen.

Politiker und Historiker waren sich einig, dass der Charakter der Außenpolitik als ein Kampf um Macht den Staatsmännern, die den Nationalstaat auf dem internationalen Parkett vertraten, unbeeinflussbar vorgegeben sei. Ihre Kunst bestehe darin, die Handlungsmöglichkeiten auszuloten und in Entscheidungen umzusetzen –als große Männer machten sie große Politik. Die Aufgabe der Historiker sei es, diese Entscheidungen nachzuzeichnen und zu würdigen. Dies konnte durchaus zu Kritik im Einzelfall, jedoch kaum jemals zur Kritik an den Grundannahmen der Außenpolitik führen. Dabei war im Laufe des 19. Jahrhunderts eine Radikalisierung der nationalen Position der Historiografie zu verzeichnen. Wo noch Ranke den Staat zwar als unauflösliche Einheit, jedoch stets eingebunden in die Gemeinschaft mit anderen Staaten sah, warfen seine späteren Kritiker ihm vor, genau damit den nationalen Standpunkt bereits verlassen zu haben und zum Kosmopoliten geworden zu sein (genau das also, was den frühen Historismus, der in dieser Hinsicht noch das Erbe der Aufklärung bewahrte, für heutige Historiker zunehmend attraktiv zu machen scheint). Staaten bewegten sich nach ihrer Auffassung zwar auf dem gleichen Feld, doch gab es nichts mehr, was sie verbinden und zwischen ihnen vermitteln konnte–jeder Staat trug sein Gesetz des Handelns und seine Legitimation in sich selbst.

Die deutsche Diskussion über die Bedeutung der Geschichte der Außenpolitik und die Maßstäbe, die zu ihrer Untersuchung anzulegen seien, entflammte Mitte der 1970er Jahre. Andreas Hillgruber und Klaus Hildebrand vertraten die Auffassung, dass es die Außenpolitik sei, die den Verlauf der Geschichte maßgeblich präge und vor allem auch die Rahmenbedingungen für die Innenpolitik|21◄ ►22| schaffe (Hildebrand, 1975; 1976; Hillgruber, 1973; 1976). Zwar wirkten auch die innenpolitischen Entwicklungen auf die Außenpolitik zurück, insgesamt folge diese jedoch einer Eigengesetzlichkeit, die von den Interessen des Nationalstaates bestimmt werde, der »in Geschichte und Gegenwart–und eben nicht zuletzt als politische Einheit im internationalen Geschehen–in seiner Erheblichkeit kaum hoch genug einzuschätzen ist« (Hildebrand, 1976, S. 349). Außenpolitik sei eine »Antwort der Staatskunst« auf die »Herausforderung der Macht« (Hildebrand, 1995), daher gelte es für die Geschichtswissenschaft, ihren Entscheidungscharakter herauszuarbeiten und ihn nicht mit Hilfe von über den Einzelfall hinausreichenden Theorien in allgemeinen Prozessen verschwinden zu lassen. Die Kategorien, anhand derer die Außenpolitik beurteilt werden müsse, sind–ganz im Rahmen des Historismus gedacht–die Kategorien der zeitgenössischen Akteure, die zugleich die Richtlinien der Interpretation vorgeben: die Nation, der Staat, die Macht, der Gegensatz zwischen Gleichgewicht und Hegemonie, aber auch Konzepte wie Dämonie, Tragik und Schicksal.

Da die Historisierung dieser Begriffe unterbleibt und zugleich der Erzählung gegenüber der Analyse der Vorzug gegeben wird, gewinnen die Außenpolitikhistoriker dieser Schule keinen Ansatzpunkt, von dem aus die Innensicht auf die Ereignisse aufgebrochen werden könnte–zumal die Beschränkung auf die »Große Politik der europäischen Kabinette« (so der Titel einer vielbändigen Quellensammlung zur Diplomatiegeschichte von 1871–1914) eine entsprechende Begrenzung des untersuchten Quellenmaterials nach sich zieht. Noch immer sind es die Staatsmänner des 19. und 20. Jahrhunderts, deren Auffassung vom Charakter der Außenpolitik den Untersuchungsgegenstand definiert.

Hier setzte die Kritik des Bielefelder Gesellschaftshistorikers Hans-Ulrich Wehler ein, der forderte, den Primat der Außenpolitik durch einen Primat der Innenpolitik zu ersetzen (Wehler, 1975). Dies erlaube erstens die Frage, welche innenpolitischen Konstellationen die Formulierung einer außenpolitischen Position beeinflussten und zweitens die Untersuchung, wie Außenpolitik in die Innenpolitik zurückwirke. Damit würde ihre Interpretation|22◄ ►23| aus der Fixierung auf die internationalen Konstellationen herausgelöst und es könne sichtbar gemacht werden, dass sich Ziele der Außenpolitik häufig weniger durch ihren Bezug auf andere Nationalstaaten, als vielmehr durch ihre innenpolitischen Intentionen erklären lassen. In seinen Untersuchungen zum Kaiserreich führte Wehler diese These am Beispiel des Imperialismus aus, der für ihn weniger aus der Dynamik der Großstaatspolitik, denn als ›Sozialimperialismus‹ mit dem Ziel der Ablenkung von Partizipationsforderungen im Innern erklärt werden muss (Wehler, 1973).

Für die transnationale Geschichte sind beide Positionen nur sehr begrenzt anschlussfähig. Die Schärfe des Streits ließ in den Hintergrund treten, in welchem Maße seine Protagonisten wesentliche Grundannahmen teilten, allen voran die Idee der herausragenden Stellung des Nationalstaates. Beherrschten bei Hillgruber und Hildebrand die Nationen als einzige Akteure die internationale Bühne, so gelang es Wehler, die Heterogenität der Nation im Inneren aufzuzeigen und konfligierende soziale und wirtschaftliche Interessen in den Mittelpunkt der Analyse zu rücken. Ohne dass dies ausdrücklich thematisiert oder gar theoretisch reflektiert wird, geht jedoch auch er davon aus, dass der Nationalstaat den gleichsam natürlichen Rahmen für diese Interessen darstellt und sie ohne Referenz auf andere Einflüsse abschließend erklärt werden können–Gesellschaftsgeschichte kann als Nationalgeschichte, kann als »Deutsche Gesellschaftsgeschichte« (Wehler, 1987–2008) geschrieben werden.

Der Gegensatz zwischen den beiden Lagern–der im Rückblick weit weniger fundamental erscheint, als es die Zeitgenossen empfanden –bestimmte die Debatten zur Außenpolitik über zwanzig Jahre lang. Vermittelnde Positionen, die es immer wieder gegeben hat, konnten sich nicht durchsetzen (Ziebura, 1990). Erst Ende der neunziger Jahre gelang es, diese Fronten aufzubrechen (Conze, 1998; Loth / Osterhammel, 2000). Seitdem besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass sich Außenpolitik nur durch das Zusammenspiel von inneren und äußeren Faktoren erklären lässt. Im Gegensatz zur Hildebrand-Schule wird damit die Bedeutung der Innenpolitik für die Interpretation der Außenbeziehungen |23◄ ►24| anerkannt; zugleich wird betont, dass einzelne Bereiche, gerade dort, wo sie institutionell abgestützt sind, auch eine Eigendynamik und Eigengesetzlichkeit entwickeln können. Jedoch erlaubt erst der größere, transnationale Zusammenhang die Ebenen, die sinnstiftend für das Handeln der außenpolitischen Akteure sind, zueinander in Beziehung zu setzen und ihren jeweiligen Einfluss empirisch auszuloten.

Die Betonung des kommunikativen Aspekts der Politik (Frevert / Haupt, 2005) rückt nicht nur die Strukturen und Regeln der internationalen Beziehungen als historisch geworden und historisch wandelbar in den Mittelpunkt–sie sind gleichermaßen Niederschlag vergangener Kommunikation wie auch Bedingung künftiger. Dieser Ansatz lässt auch nach den Bedingungen der Kommunikation fragen, nach ihren Formen und Symbolen, nach ihrer Sprache sowie nach der Sozialisation ihrer Akteure. Damit eröffnet er den Weg für eine Kulturgeschichte der internationalen Beziehungen, die ihrer Anlage nach nicht mehr von den einzelnen Nationalstaaten her, sondern nur noch transnational gedacht werden kann (Albert / Blum / Helmig, et al., 2009; Paulmann, 2000).

Wieder einmal bedeutet die Betonung des Transnationalen jedoch nicht, dass die Rolle der als Nationalstaaten konstituierten kollektiven Akteure zu vernachlässigen wäre–weder historisch noch heute, in Zeiten von zunehmender wirtschaftlicher Verflechtung, supernationalen Zusammenschlüssen und der wachsenden Bedeutung von nicht-staatlichen international agierenden Akteuren. Die Geschichte der internationalen Beziehungen vermag dies wieder ins Gedächtnis zu rufen und zu verhindern, dass die Kategorie staatlicher Macht aus transnationalen Analysen verschwindet.

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2. Imperialismusforschung

Wenn es einen Bereich in der Geschichtswissenschaft gegeben hat, der–gleichsam aus der Natur der Sache heraus–den Blick über nationale Grenzen hinweg auf weltweite Zusammenhänge gelenkt hat, müssten dies die Untersuchungen zum Imperialismus sein. Und in der Tat weisen viele der älteren Forschungen Verbindungslinien zur heutigen transnationalen Geschichte auf.

Mit dem Begriff des Imperialismus werden zwei zusammenhängende Phänomene bezeichnet. Zum einen markiert er als Epochenbezeichnung die Zeit zwischen 1880, der Aufteilung Afrikas und dem Wettlauf um die letzten Kolonien einerseits, sowie dem Ersten Weltkrieg andererseits. Zum anderen verweist er als systematischer Begriff auf spezifische Antriebskräfte und Formen der überseeischen Eroberungen, die ihn vom früheren Kolonialismus unterscheiden.

Außenpolitisch war das imperiale Zeitalter von der Konkurrenz zwischen den europäischen Großmächten markiert. Anhand der Kolonien, so die weit verbreitete Meinung, würde sich die künftige Stellung jeder Nation entscheiden, würde sich entscheiden, ob sie Großmacht werden oder bleiben würde oder in Zukunft lediglich eine Macht zweiten Ranges wäre. Dieser Gedanke des Entscheidungskampfes führte dazu, dass auch Kolonien, deren unmittelbarer Nutzen –politisch, strategisch oder wirtschaftlich–nicht offensichtlich war, gleichsam als Pfand auf die Zukunft erworben wurden.

Innenpolitisch ging diese Epoche einher mit der fortschreitenden Politisierung und Mobilisierung immer weiterer Bevölkerungskreise, die sich auch in einer wachsenden Begeisterung für den Imperialismus äußerte. Inwieweit und von wem diese Begeisterung als Ablenkungsmanöver von innenpolitischen Schwierigkeiten instrumentalisiert wurde, der Imperialismus also im Wesentlichen ›Sozialimperialismus‹ war (Wehler, 1970b) und inwieweit sie sich im Gegenteil autonom entwickelte und die politische Führung unter Druck setzte (Hildebrand, 1975), wurde lange kontrovers diskutiert.

Zwei Fragekomplexe waren für die Forschung zum Zeitalter des Imperialismus bestimmend. Zum einen ging es darum, die |25◄ ►26| Ursachen und den Ausbruch des Ersten Weltkrieges zu erklären. Für das Deutsche Reich kamen Fragen nach Kontinuitätslinien zwischen dem Kaiserreich und dem Dritten Reich hinzu, insbesondere nach dem Zusammenhang zwischen Nationalismus und Imperialismus auf der einen und Totalitarismus auf der anderen Seite (Arendt, 1951). Zum anderen, und diese Frage hat eine lange Tradition, die bis in die zeitgenössische Auseinandersetzung mit dem Imperialismus zurückreicht, soll die imperiale Expansion immer auch Auskunft geben über die imperiale Nation. Auf welches historische Erbe, welche Strukturen, welche Anlagen und Eigenschaften lässt ihr Wille und ihre Fähigkeit zur Eroberung und Beherrschung überseeischer Gebiete rückschließen? Diese Frage hat nach dem Verlust der Kolonien und vor allem nach der postkolonialen Kritik am Imperialismus an unmittelbarer Bedeutung verloren. Doch scheint sie zum Teil in Untersuchungen zum europäischen Sonderweg verlagert worden zu sein (im Rückbezug auf Weber Mitterauer, 2003; Weber, 1920–1921): Die imperiale Expansion der europäischen Staaten wird durch den Verweis auf die Besonderheiten der europäischen Geschichte–sei es die industrielle Revolution, seien es kulturelle Spezifika oder Institutionen –erklärt. Zum anderen Teil mag sie einfach ihr Vorzeichen gewechselt haben und von einer Suche nach wesensmäßiger Stärke zu einer nicht minder teleologischen nach grundlegenden Ursachen des Imperialismus übergegangen sein, jetzt als Teil einer zerstörerischen Moderne interpretiert.

Deutscher und europäischer Sonderweg

Debatte, die die Erklärung für den deutschen Nationalsozialismus in langfristigen Entwicklungen des Deutschen Reiches suchte (verspätete Nationalstaatsbildung, verspätete Industrialisierung, schwache Stellung des Bürgertums, Ausbleiben von Parlamentarisierung und Demokratisierung).

Erklärungsansätze, warum es in Europa früher als in anderen Kontinenten zur industriellen Revolution gekommen ist und warum es Europa seit dem 16. Jahrhundert gelang, immer größere Teile der Welt zu unterwerfen und zu beherrschen. |26◄ ►27|

Für beide Fragestellungen steht der imperiale Nationalstaat im Zentrum des Interesses. Dies kann vereinbar sein mit transnationaler Methodik, wenn nämlich die Nation ihrerseits als Produkt von Wechselwirkungen aufgefasst wird, die sie selber überschreiten. Dieser Ansatz wurde jedoch zumindest in der älteren politikgeschichtlichen Literatur eher selten verfolgt (Schmidt, 1985; Schöllgen, 1986).

Anders lag das Erkenntnisinteresse bei Studien, die sich den Zusammenhängen zwischen Imperialismus und Kapitalismus widmeten, auch hier mit einer langen Forschungstradition. Ihnen ging es um den systematischen Zusammenhang zwischen den Phänomenen der industriellen Revolution und der damit einhergehenden Entwicklung einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung auf der einen Seite und der wirtschaftlichen Durchdringung überseeischer Gebiete, oftmals verbunden mit politischer Machtübernahme, auf der anderen.

Umstritten war dabei nicht nur, ob sich die Ausgaben, die die Weltmachtpolitik mit sich brachte, überhaupt rechneten, sondern auch, welche wirtschaftlichen Vorteile die Expansion den Metropolen brachte: Waren es Rohstoffe, Absatzmärkte für ihre Waren oder Anlagemöglichkeiten für Investitionskapital? Welchen Personenkreisen kamen diese Vorteile zugute? Lässt sich nachweisen, dass die gleichen Personen einen Einfluss auf die imperiale Außenpolitik nehmen konnten und tatsächlich genommen haben? Umstritten war weiterhin schon unter den Zeitgenossen, ob die Verfolgung dieser Ziele wirklich des Imperialismus bedurfte oder ob sie ebenso durch eine Freihandelspolitik hätte realisiert werden können. Freihandel plus soziale Reformen im Innern, so John Hobson, ein Vertreter der britischen Radikalliberalen, schon um die Jahrhundertwende, sei in der Lage, den Kapitalismus von seiner gegenwärtigen Übersteigerung im Imperialismus zu seinem Grundprinzip des friedlichen Interessenausgleichs zurückzuführen (Hobson, 1902). Ihm wurde von marxistisch-sozialistischer Seite entgegengehalten, dass im Gegenteil die imperialistische Expansion dem Kapitalismus inhärent sei, da dieser nur so lange zu überleben vermöge, wie er sich neue Gebiete einverleiben könne. Da aber die Expansionsmöglichkeiten letztendlich begrenzt seien, |27◄ ►28| führe der Imperialismus zwar kurzfristig zu einer Stärkung des Kapitalismus, bereite aber langfristig seinen Untergang umso sicherer vor (Hilferding, 1910; Luxemburg, 1913; Lenin, 1917).

Für die transnationale Forschung sind diese Ansätze insofern von Bedeutung, als hier mit der Entwicklung des kapitalistischen Weltwirtschaftssystems Kräfte in den Mittelpunkt der Analyse gestellt wurden, die die Nationalstaaten transzendierten (Wallerstein, 1974–1989). Dies würde bedeuten, dass die wirtschaftliche, soziale und politische Geschichte der europäischen Metropolen nicht mehr aus sich heraus, nicht mehr ohne Einbeziehung der Tatsache erklärbar wäre, dass es sich um imperiale Mächte handelte. Zu fragen bleibt jedoch, ob nicht in dieser Interpretation das Wirtschaftssystem weiterhin seine Dynamik in entscheidendem Maße aus den Metropolen erhielt. Auch in den Arbeiten, die den Imperialismus als globales System betrachteten, blieb damit Europa genauso wie in der politischen Geschichte das Zentrum der Welt und der Historiografie.

Überraschend früh wurde dieses Paradigma, dass sich Imperialismus –als Epoche und als Konzept–in erster Linie, wenn nicht ausschließlich von Europa her interpretieren lasse, in Zweifel gezogen. Bahnbrechend waren in dieser Hinsicht in den 1950er Jahren die Forschungen der britischen Historiker John Gallagher und Ronald Robinson, die den Imperialismus aus seiner Engführung auf die Übernahme formaler Herrschaft lösten und stattdessen betonten, dass, zumal im britischen Empire, immer formale und informale Herrschaft nebeneinander gestanden hätten. Aus Kostengründen hatten die Briten es vorgezogen, bei der Sicherung ihrer Interessen, wann immer möglich, auf Eroberungen und die Einführung einer eigenen Verwaltung zu verzichten: »By informal means if possible, or by formal annexation when necessary, British paramounty was steadily upheld« (Gallagher, 1953, S. 3).

Zwei Schlussfolgerungen ergaben sich hieraus. Zum ersten verschwamm mit dieser engen Verknüpfung von formaler Herrschaft und informellem Einfluss der Charakter des imperialen Zeitalters als einer eigenständigen Epoche, und zwar sowohl für die Vergangenheit durch die Betonung der Kontinuität zwischen |28◄ ►29| Kolonialismus und Imperialismus, als auch für die Zukunft, da nun eine Fortdauer kolonialer Herrschaft auch nach der Dekolonisierung denkbar wurde (Mommsen / Osterhammel, 1986; Robinson, 1984). Dieser Gedanke wurde vor allem von Politikwissenschaftlern aufgenommen und in der Dependenztheorie, die postkoloniale Unterentwicklung zu erklären trachtete, weiterentwickelt (Senghaas, 1972). Nicht mehr die Frage nach den europäischen Nationalstaaten und ihrem Schicksal stand damit im Vordergrund, sondern die Erklärung der andauernden Abhängigkeit der ›Dritten Welt‹.

War für das Mutterland die informale und die formale Herrschaft im Prinzip austauschbar, so erfolgte die Entscheidung zwischen ihnen, und dies ist die zweite These, in der Regel als Antwort auf lokale Faktoren. Die frühen Arbeiten von Gallagher und Robinson betonten hierbei noch sehr stark die Rolle der men on the spot, d.h. der kolonialen Prokonsuln und Beamten, denen schon aufgrund der langen Kommunikationswege eine sehr große Unabhängigkeit in der Formulierung imperialer Politik zukam. Dieser Ansatz wurde in den achtziger Jahren weiterentwickelt und radikalisiert: Nicht nur den Briten in den Kolonien wurde Handlungskompetenz und Einfluss auf die Entwicklung der imperialen Geschichte zugeschrieben, sondern auch den Kolonisierten und vor allem den Interaktionen zwischen beiden. David Fieldhouse hob hervor, dass imperiale Geschichte–im Gegensatz zur Geschichte der Metropolen und zur Geschichte der ehemaligen Kolonien–nur in der Konzentration auf die areas of interaction zwischen beiden weiterführende Interpretationen entwickeln könne (Fieldhouse, 1984). Robinson konzentrierte sich bei der Fortführung seiner Untersuchung der lokalen Faktoren auf die Rolle der Kollaborationsregime. Ob die Kolonialmacht in der Lage war, einheimische Eliten zur Zusammenarbeit zu bewegen, ob diese in der Lage waren, ihren Einfluss über weitere Bevölkerungsteile aufrechtzuerhalten und welcher Konkurrenz sie ausgesetzt waren, dies bestimmte nachhaltig die Möglichkeit und Gestalt kolonialer Herrschaft.

Vor allem David Fieldhouse betonte, dass diese Integration von Imperialismusforschung und regionalwissenschaftlichen Studien |29◄ ►30| zu den Kolonien keinen ausschließlichen Weg vorschreiben wollte, sondern die nationalstaatlichen Narrative sowohl der kolonisierten wie auch der kolonisierenden Staaten durchaus ihre Legitimität behielten. Was jedoch nicht mehr möglich erschien, war eine umfassende Analyse der nationalstaatlichen Geschichte ohne Berücksichtigung ihrer globalen Bedingungen und noch weniger die Erklärung globaler Entwicklungen allein aus der Perspektive eines Nationalstaates.

3. Komparatistik

Der dritte große Bereich, in dem die Historiografie schon früh nationale Grenzen überschritt, war die Komparatistik. Vergleich bedeutet in der Geschichte die systematische Diskussion von zwei oder mehr Fällen mit dem Ziel, ihre Ähnlichkeiten und Unterschiede deutlicher erfassen zu können. Häufig handelt es sich dabei um Fallbeispiele aus unterschiedlichen Ländern, doch sind auch Vergleiche unterhalb wie oberhalb der nationalen Ebene möglich–etwa zwischen Städten oder zwischen Kulturen (Kaelble, 1999b; Kocka, 2003).

Diese Definition zeigt bereits, dass weder ein Vergleich zwischen Fällen, die sich allzu ähnlich sind, noch zwischen solchen, die keine Gemeinsamkeiten aufweisen, Sinn macht. Wenn daher immer wieder darauf hingewiesen wird, dass man nicht Äpfel und Birnen miteinander vergleichen dürfe, so stimmt dies nur bedingt: Sie lassen sich in zahlloser Hinsicht miteinander vergleichen, ob es nun in Bezug auf ihren Vitamin- oder Kaloriengehalt oder ihren Anteil an den Exporten einer Volkswirtschaft ist. Wichtig ist allein, ob beide einer gemeinsamen Oberkategorie, einem tertium comparationis angehören, mit Blick auf welches sie verglichen werden können. In den ersten beiden Fällen wären dies Nahrungsmittel, im dritten Fall Exportgüter. Äpfel und Autos lassen sich selbstverständlich nicht in Bezug auf ihren Vitamingehalt vergleichen, doch können beide Exportgüter sein und in dieser Hinsicht einen Vergleich sinnvoll erscheinen lassen.

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Als Vater der modernen Komparatistik wird häufig der französische Historiker Marc Bloch zitiert, der in einem programmatischen Artikel aus dem Jahre 1928 auf den Erkenntnisgewinn hinwies, den die Untersuchung ähnlicher Phänomene in unterschiedlichen Kontexten verspreche (1928; dt. Übersetzung 1994). Der Vergleich erlaube zum einen die Überprüfung von kausalen Verknüpfungen zwischen zwei oder mehr Ereignissen und ihre Verfeinerung: Ließ der Blick auf ein einzelnes Land es einleuchtend erscheinen, dass eine bestimmte Ursache eine bestimmte Wirkung hervorbringe, so könne der Vergleich zeigen, dass die gleiche Ursache auch andere Wirkungen haben könne bzw. dieselbe Wirkung durch unterschiedliche Ursachen hervorgebracht werden könne. Damit verhindere er monokausale Deutungen. Zum anderen verfremde der Vergleich Phänomene, die bisher natürlich erschienen, und provoziere damit neue Fragen an Altbekanntes. Verglichen werden könnten dabei Fälle, die zeitlich und räumlich weit voneinander entfernt lägen, oder solche, die miteinander in einer engen Beziehung stünden–Letzteres sei sogar interessanter, denn hier erlaube der Vergleich, verborgene Einflüsse aufzuzeigen sowie endogene und exogene Ursachen von Entwicklungen voneinander zu trennen.

Synchroner und diachroner Vergleich

Synchroner Vergleich: Vergleich von Ereignissen, Strukturen oder Entwicklungen, die sich zeitgleich in verschiedenen Regionen finden lassen (die Periode bleibt stabil, die Phänomene können unterschiedlich sein–Beispiel: Parteiensystem in Großbritannien und Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg). Demgegenüber untersucht der diachrone Vergleich diese Phänomene in zeitlicher Verschiebung (Phänomene bleiben stabil, Periode kann unterschiedlich sein–Beispiel: Auswirkungen der Einführung der Altersversicherung auf Familienstrukturen, dies kann in einem Land um 1870 sein, in einem anderen um 1920, in einem dritten erst 1990).

Die Geschichte des Vergleichs als wissenschaftliche Methode reicht jedoch wesentlich weiter zurück (Schriewer, 2003). Seit |31◄ ►32| dem ausgehenden 17. und dann vor allem im 18. Jahrhundert hatten sich die Naturwissenschaften in wachsendem Maße des Experiments als Instrument der planmäßigen Erhebung von Daten bedient, die dann klassifiziert und kategorisiert und dergestalt zur Überprüfung von Hypothesen eingesetzt wurden. Wo Experimente nicht möglich waren, suchte man sie durch Vergleiche zu ersetzen. In beiden Fällen jedoch ging es um die Erkenntnis allgemeiner und intersubjektiv überprüfbarer Gesetzmäßigkeiten. In ganz Europa wurde das 18. Jahrhundert zur Blütezeit der vergleichenden Anatomie, der vergleichenden Sprachwissenschaft und des proto-anthropologischen Vergleichs–aus Letzterem entwickelte sich dann die Lehre von den Entwicklungsstadien, die alle Völker und Nationen zu durchlaufen hätten. Die offensichtliche Differenz zwischen ihnen dürfe nicht davon ablenken, dass sie dennoch gemeinsamen historischen Gesetzmäßigkeiten unterworfen seien–diese waren sowohl die Bedingung wie auch das wesentliche Erkenntnisinteresse des historischen Vergleichs.

Brachte der Siegeszug des Historismus mit seiner Betonung der unhintergehbaren Individualität von Nationen und historischen Ereignissen die Abkehr von der Suche nach dem Allgemeinen und damit auch vom Vergleich, so führte die Wendung gegen den Historismus seit den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts vor allem in Deutschland zu einer neuen Blütezeit der Komparatistik. War es im 18. Jahrhundert die Begegnung mit den Naturwissenschaften, so wurde jetzt die Auseinandersetzung mit der Soziologie und den Wirtschaftswissenschaften, vor allem mit den Theorien zur gesellschaftlichen und ökonomischen Modernisierung, zur treibenden Kraft. Nicht mehr die Frage nach dem ›Wie‹ historischer Abläufe, sondern nach ihrem ›Warum‹ sollte fortan im Zentrum der Forschung stehen. Der Königsweg dorthin führte über den Vergleich (Wehler, 1980).

Gleichwohl wurde von Anfang an auch das Spannungsverhältnis zwischen zwei Tendenzen thematisiert: auf der einen Seite die Suche nach Gesetzmäßigkeiten, die eine Isolierung von Faktoren verlangt, um ihren Zusammenhang analysieren zu können; auf der anderen Seite das für die Geschichtswissenschaft zentrale Bestreben, diese Faktoren in ihren Kontext einzubetten und zu |32◄ ►33| betonen, dass erst dieser Kontext bedeutungsstiftend sei. Zudem spielte für die Geschichtswissenschaft die sprachliche Konstitution der Wirklichkeit, ihre Erfassung und Interpretation durch die historischen Akteure eine wesentlich größere Rolle als in den Sozialwissenschaften. Schufen Akteure durch ihre sprachliche Benennung Unterschiede zwischen Phänomenen, gaben sie ihnen damit unterschiedliche Bedeutung, so wurde argumentiert, dann könnten die Historiker diese Unterschiede nicht durch übergreifende Definitionen einebnen. Damit war das Ziel des Vergleichs nicht länger die Erkenntnis allgemeiner Gesetze, also solcher, die für alle Zeiten und Räume Gültigkeit beanspruchten, sondern die Erfassung von kausalen Zusammenhängen mit begrenzter Reichweite (Haupt / Kocka, 1996b; Kaelble, 1999a). Die Gesetze, denen die Geschichte unterworfen war, waren selbst Produkt der Geschichte und bedurften damit der Historisierung.

Auf der anderen Seite: Ohne Auswahl und Gewichtung von Faktoren und ohne die Frage, wie eine spätere Entwicklung mit einer früheren kausal zusammenhängt, ist Geschichtswissenschaft, selbst in ihrer historistischen Ausprägung, unmöglich. Der explizite Vergleich steht also nicht im Gegensatz zur Geschichte als Kontextwissenschaft, er systematisiert und rationalisiert lediglich, was ohnehin implizit stattfindet–auch die Behauptung der Singularität eines Phänomens setzt ja den Vergleich immer schon voraus.

Weniger gegen den Vergleich als solchen und seine Erkenntnisinteressen als gegen seine Methodik richtet sich denn auch die Kritik der letzten Jahre. Sie entzündete sich zum einen an der Auseinandersetzung um den ›europäischen Sonderweg‹, der seit Max Weber zum Motor für den Vergleich zwischen Europa und anderen Erdteilen geworden und dann in den Modernisierungsdebatten wieder aufgenommen wurde. Der Vergleich, das Postulat der Unterwerfung unter gemeinsame Gesetzmäßigkeiten, wehre der Festschreibung von Differenzen als natürlich gegeben (›Essentialisierung‹) und ihrer Hierarchisierung nur scheinbar.

Bestehende Unterschiede negierten zwar nicht mehr eine fundamentale Gleichheit. Dadurch jedoch, dass die ausgemachten Differenzen auf die Zeitschiene verlagert würden, also ein früheres|33◄ ►34| oder späteres Stadium der gemeinsamen Entwicklung darstellten –Asien etwa der europäischen Vergangenheit entspräche, Europa der asiatischen Zukunft, weshalb Vergleiche vorzugsweise diachron durchzuführen seien–käme es zu einem Verlust der Gleichzeitigkeit (denial of co-evalness, Fabian, 1983) und damit zur Ausblendung der Möglichkeit einer Rückführung dieser Unterschiede z. B. auf den Kolonialismus.

Der Vergleich, lautete der Vorwurf weiter, führe zu einer Defizitgeschichte. Nicht mehr ein von beiden Vergleichseinheiten unabhängiges tertium comparationis bilde den Maßstab, sondern eine der Einheiten stelle zugleich die Norm dar, an der die Entwicklung gemessen werde. Nicht um den Vergleich von Äpfeln und Birnen ginge es, um im Bilde zu bleiben, sondern darum, was der Birne fehle, um ein Apfel zu sein–die klassische Frage nach dem ›What went wrong with Islam?‹ (Lewis, 2002). Anders als im Falle des Obstes gäbe es für den Vergleich zwischen Kulturen keine Begriffe und keine Metaebene, die nicht ihrerseits schon sprachlich, historisch und kulturell geprägt seien. Zumal wenn die beiden Seiten des Vergleichs noch immer über unterschiedliche (wissenschafts-)politische Macht verfügten, die Möglichkeit eines »the Empire writes back« (Ashcroft / Griffiths / Tiffin, 1989) also nur marginal bestünde, führe der Vergleich damit zu einer Verfestigung des Ungleichgewichts.

Der zweite methodische Angriff kam von Seiten der Historiker, die räumliche Wanderungsprozesse untersuchten–sei es von Völkern, Sprachen, Ideen oder Artefakten: Ein methodisch sauberer Vergleich, der auf den Nachweis von Interdependenzen zwischen zwei Faktoren abziele, müsse von zwei oder mehr unabhängig voneinander existierenden Einheiten ausgehen, die zum einen über den Vergleichszeitraum hinweg stabil blieben, zum anderen weder auf gemeinsame Wurzeln zurückgingen, noch sich gegenseitig beeinflussten. In den Naturwissenschaften war dieser Einwand bereits im 19. Jahrhundert unter dem Stichwort ›Galtons Problem‹–nach dem britischen Rasseforscher Francis Galton–diskutiert worden (Kleinschmidt, 1991). Für die Neuzeit sei diese Form der Unabhängigkeit nur in Extremfällen gegeben, in der Regel seien die Untersuchungseinheiten vielmehr Teil eines|34◄ ►35| engen Beziehungsgeflechts. Dieses auszublenden führe nicht nur zu Verzerrungen, es nähre auch die Illusion von unabhängigen Nationalstaaten, deren Entwicklung durch endogene Faktoren zu erklären sei. Der Vergleich führe also gerade nicht zu einer Überwindung nationalstaatlicher Paradigmata, sondern im Gegenteil zu ihrer Verstärkung (Espagne, 2003).

Diese Vorwürfe haben zu einer überaus anregenden Diskussion sowohl innerhalb der Komparatistik wie auch zwischen den Komparatisten und den Transferhistorikern beigetragen und zur Entwicklung von Vorschlägen für eine Kombination beider Ansätze geführt. Sie sollen im nächsten Kapitel vorgestellt werden.

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III. Methodische Zugänge jenseits der Nation

Im Gegensatz zu den Forschungsrichtungen aus dem vorigen Kapitel, die eine lange Geschichte vorweisen können, sind viele der Ansätze, von denen jetzt die Rede sein soll, erst in den letzten Jahren entwickelt worden. Zwar sind Unterschiede zwischen den neueren transnationalen Forschungsbeiträgen durchaus erkennbar, zugleich jedoch lesen und kommentieren sich die Autoren gegenseitig, sie grenzen sich voneinander ab, aber sie nehmen auch Anregungen auf und modifizieren die eigene Position. Jede Ordnung und Klassifikation ihrer jeweiligen methodischen und theoretischen Grundannahmen ist daher bis zu einem gewissen Grade willkürlich. Stellt man etwa die Histoire croisée als eigenständigen Ansatz vor? Oder sieht man in ihr eine Unterform der Transfergeschichte, aus der sie sich entwickelt hat? Oder verortet man sie methodisch gar näher bei der Verflechtungsgeschichte? Fasst man die Überlegungen zur Globalgeschichte mit denen zur Weltgeschichte zusammen oder bewertet man die Unterschiede zwischen ihnen so hoch, dass sie zwei unterschiedliche Ansätze darstellen? Ebenso könnte man diskutieren, ob die Liste der untersuchten Ansätze nicht zu erweitern wäre–warum beispielsweise nur translokale Zugänge untersuchen und nicht auch transkulturelle oder transregionale?

Das transnationale Forschungsfeld ist noch in heftiger Bewegung und es lässt sich heute noch nicht absehen, welche Taxonomien sich letztlich durchsetzen werden–dem soll hier nicht vorgegriffen werden. Ziel des Kapitels ist es vielmehr, einige Schneisen durch das Dickicht der Theorieangebote zu schlagen und vor allem Fragen und Probleme aufzuwerfen und zu diskutieren, denen sich künftige transnationale Forschung wird stellen müssen.

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1. Connected History

Das ›In-Frage-Stellen der Nation‹ als grundlegende Kategorie für die Geschichtsschreibung geht keineswegs nur oder auch nur primär von den (west-)europäischen Neuzeithistorikern aus. Vielmehr ist dieses Anliegen gerade für Forscher jener Epochen und Länder zentral, deren Akteure ihre Welt nicht durch nationale Narrative ordneten: Wenn die Nation (zumindest in ihrem modernen Sinn) in der Vorstellungswelt der Akteure keine Rolle spielt, etwa in der europäischen Antike, im vorkolonialen Amerika oder, mit Ausnahme einiger Eliten, in Indien bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, macht eine trans-›nationale‹ Geschichte wenig Sinn. Für diejenigen, die sich mit Regionen beschäftigen, die dem europäischen Einfluss entweder direkt oder indirekt unterworfen waren, kommt hinzu, dass sich zumindest für die Neuzeit die Wahl, ob Geschichte als Beziehungsgeschichte oder lediglich als Entfaltung endogener Faktoren geschrieben werden soll, gar nicht stellt.

Der Begriff der Connected History, der auf die enge Verwobenheit der quatre parties du monde (der vier Weltregionen der frühen Neuzeit) abhob, wurde zunächst im Umfeld der aus der Schule der Annales hervorgegangenen École des Hautes Études en Sciences Sociales (EHESS) in Paris geprägt. Serge Gruzinski, Lateinamerika-Historiker mit dem Schwerpunkt Frühe Neuzeit an der EHESS, untersucht in erster Linie die kulturellen Prozesse, die infolge der spanischen Eroberung abliefen.

Schule der Annales

Gruppe französischer Historiker, die sich seit den 1920er Jahren (Gründung der Zeitschrift Annales d’histoire économique et sociale 1929 durch Marc Bloch und Lucien Febvre) um die Öffnung der Geschichtswissenschaft gegenüber der Geografie und der Soziologie bemühten. In Abgrenzung von der Betonung der Ereignisgeschichte rückten nun längerfristig wirkende Kräfte, insbesondere die Wirtschaft und die Mentalitäten, in den Mittelpunkt.

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Dabei kommt es ihm darauf an zu zeigen, in welchem Ausmaß es zu kulturellen Mischformen–métissage ist der Ausdruck, den er verwendet–gekommen ist, die sich mit den herkömmlichen Methoden des Vergleichs oder auch der Beziehungsgeschichte zwischen zwei als stabil und homogen gedachten Einheiten nicht erfassen lassen (Gruzinski, 1999). Diese Mischformen sind aber nicht im Sinne einer »happy hybridity« (Ahuja, 2006, S. 112) zu verstehen, einer Zelebrierung multikultureller Gemengelagen, wie sie vor allem von Salman Rushdie wortgewaltig inszeniert und der vermeintlichen ›Reinheit‹ unvermischter Kulturen gegenüber gestellt werden (Rushdie, 1991). Vielmehr sind sie das Ergebnis einer Begegnung, die im Wesentlichen durch Gewalt gekennzeichnet war: in erster Linie die Gewalt der Eroberung, die Gewalt des bald darauf einsetzenden Sklavenhandels mit Afrika, aber auch–für die Spanier–die Gewalt der Revolten, der klimatischen Bedingungen und der Krankheiten. Nicht zwei oder drei Kulturen begegneten sich auf mittelamerikanischem Boden, jedenfalls nicht, solange man unter Kultur ein auch nur relativ stabiles, geordnetes und Ordnung schaffendes System versteht. Vielmehr kam es auf der Seite der Eroberer ebenso wie unter den Eroberten zu einer Fragmentarisierung der Kultur und dann vor allem zu einer Dekontextualisierung dieser Fragmente, die erst langsam wieder in einen neuen Kontext, eben jenen des métissage überführt wurde (Gruzinski, 1999, S. 77–81). Dabei war freilich der Spielraum, der einer Anpassung und Adaptation der Kultur–durch Indios, Afrikaner oder Spanier–eingeräumt wurde, ein anderer, je nachdem ob es sich um kirchliche Dogmatik, um Rituale und Praktiken oder um Kunst handelte.

Weiterhin zeigt Gruzinski, dass die gegenwärtige Globalisierung keineswegs so neuartig ist, wie sie uns heute bisweilen erscheinen mag, sondern ihre Wurzeln bereits in der frühen Neuzeit hat (Gruzinski, 2004; 2008). Hat sich die Forschung bislang, wo sie überhaupt Verbindungen und Connected History ins Zentrum ihrer Untersuchungen stellte, hauptsächlich auf die Verbindungen zwischen der iberischen Halbinsel und Lateinamerika konzentriert, richtet Gruzinski seinen Blick darüber hinaus auf jene Verbindungen zwischen den vier Weltteilen, die nicht oder nur |38◄ ►39| indirekt über Europa liefen: etwa auf die Beschreibung der Eroberung Amerikas in osmanischen Chroniken oder umgekehrt auf die Darstellung des Osmanischen Reiches aus der Feder eines Hamburger Chronisten, der sich in Mexiko als Buchdrucker niedergelassen hatte, oder auch auf das Auftauchen chinesischer Drachenmotive auf peruanischer Töpferware.

Gruzinski räumt selbst ein, dass sein Stil pointilistisch ist. Er trägt eine Fülle unterschiedlicher Beobachtungen zusammen, oft aus ganz unterschiedlichen Zeiten und Regionen, die er wie kleine Farbtupfer nebeneinandersetzt, in der Hoffnung, dass sich daraus für den Leser ein zusammenhängendes Bild ergibt. Dies ist ein gewagtes Unterfangen, denn über die Beschreibung hinaus zur Analyse der treibenden Kräfte einer Epoche, zu ihrer Gewichtung gar, gelangt er mit diesem Verfahren kaum. Gruzinski überzeugt weniger durch die Schärfe des Arguments, als durch die Faszination seiner Bilder, seiner Schnitte und seiner Gegenüberstellungen, die sich mehr am zeitgenössischen Film als an der historischen Soziologie orientieren–ein bewusst eingesetztes Mittel, um das Offene und Fragmentarische kultureller Phänomene nicht durch die Struktur wissenschaftlichen Argumentierens in eine größere Kohärenz zu zwingen, als ihnen ursprünglich zu eigen ist. Die Leserin und der Leser, zumal wenn sie durch den Eindruck eines fehlenden Gesamtkonzepts irritiert sind, tun gut daran, sich in Erinnerung zu rufen, dass auch die Analysen der Historiker gar nicht denkbar wären ohne die mentalen Bilder der Vergangenheit, auf denen sie ruhen. In viel stärkerem Maße, als wir es uns oft einzugestehen bereit sind, sind es diese Bilder, die prägen, was wir für denkbar, für fragwürdig und damit auch für erforschenswert halten. Wenn es Gruzinski hier gelingt, transnationale Verbindungen denkbar zu machen, beim Leser ein ›So habe ich das noch nie gesehen‹-Gefühl hervorzurufen und damit seine innere Landkarte zu verändern, so trägt er damit wesentlich dazu bei, die »horizons de réflexion« auszuweiten (Gruzinski, 2001, S. 86) und so den Grundstein zu legen für einen neuen Blick auf die Geschichte. |39◄ ►40|

Sanjay Subrahmanyam teilt mit Serge Gruzinski das Anliegen, Verbindungen zwischen Regionen in der frühen Neuzeit aufzuzeigen und sie zu einer Connected History zu verbinden, doch unterscheidet sich sein Ansatz in einer ganzen Reihe von Punkten. Als ausgebildeter Wirtschaftshistoriker beschäftigte sich Subrahmanyam zunächst mit der Geschichte der portugiesischen Herrschaft in Indien, dann darüber hinausgreifend in Asien. Dies bettete er im Folgenden ein in Untersuchungen zu Staat und Gesellschaft in Südindien, aber auch zum Mogulreich und dessen Beziehungen nach Zentralasien. Aus seiner Zeit am EHESS in Paris stammen die Überlegungen zum Konzept der Connected History, die er gleichwohl niemals losgelöst von konkreten Fallstudien betreibt. Verallgemeinerungen seien zu wichtig, um sie den Generalisten zu überlassen (Subrahmanyam, 2005a, S. 136), daher gelte der Grundsatz: »We cannot safely attempt a macro-history of the problem without muddying our boots somewhat in the bogs of micro-history« (Ebd., S. 108).

Wo Gruzinski pointilistisch arbeitet, ist Subrahmanyam ein Meister der Miniatur. Geschickt sucht er seine Fallbeispiele so aus, dass sich in ihnen globale Verbindungen bündeln. Dies kann ein Ereignis, ja sogar ein einzelnes Gespräch sein, dessen Ursprünge und Verästelungen über die Regionen hinweg durch detaillierte Archivstudien verfolgt werden. Ermöglicht wird dieser Ansatz durch seine außerordentlichen Sprachkenntnisse–es gibt wohl kaum jemanden anders, der in gleicher Weise Quellen auf Portugiesisch, Spanisch, Französisch, Holländisch, Italienisch, Persisch und in mehreren indischen Sprachen auswerten kann. Wollte man seinen Ansatz übernehmen, so bräuchte man ein ganzes Team von Spezialisten.

Wenngleich Subrahmanyam sich kaum jemals explizit zu Theoriefragen geäußert hat, so lassen sich aus seinen Studien doch eine Reihe von Thesen ableiten.

Erstens: Die Forschung ging lange Zeit von der Statik der vorkolonialen Gesellschaften aus, die erst durch die Begegnung mit dem Westen Dynamik gewann. Der These vom ewigen und bewegungslosen Orient wurde schon lange vor Subrahmanyam die historische Dynamik der Region entgegengehalten, die keineswegs |40◄ ►41| erst mit der Kolonialisierung begann. Diese Bewegung auf der Zeitschiene ergänzt Subrahmanyam nun durch die These von der räumlichen Mobilität. Er verschiebt den Blick von den europäischen Reisenden, Händlern und Entdeckern auf ihre asiatischen Gegenüber, die keineswegs still darauf gewartet haben ›entdeckt‹ zu werden, sondern ihrerseits bereits eine hohe Mobilität aufwiesen (→ Kap. IV.1). Untersuchungen zu diesem Thema reichen von Studien zu persischen Reisenden (Alam / Subrahmanyam, 2007) über einen Sammelband zu »Society and Circulation« (Markovits / Subrahmanyam / Pouchepadass, 2003) bis zu Forschungen über Handelsbeziehungen in der Bucht von Bengalen vor der Ankunft der Europäer (Subrahmanyam, 2005a, S.45–80).

Zweitens: Im Gegensatz zu Ansätzen, die von der Geschlossenheit regionaler Kulturen und den Differenzen zwischen ihnen ausgingen–von den klassischen Komparatisten bis zu Strukturalisten, historischen Anthropologen und Postkolonialisten–vertritt er die These, dass es zwar Unterschiede zwischen Kulturen gebe, diese jedoch nicht im Sinne einer gleichbleibenden Essenz zu verstehen seien, sondern ihrerseits schon Produkt der Geschichte und darüber hinaus ständigem Wandel unterworfen seien. Wie sich diese Differenzen in der Kommunikation auswirkten, ob sie die Verständigung behinderten oder gar unmöglich machten, welche Gemeinsamkeiten, Brücken, Mittler und Lernprozesse andernfalls zum Tragen kämen, könne nur am Einzelfall geklärt und nicht ein für allemal entschieden werden (ebd., S. 1–17; 2007).

Drittens geht es Subrahmanyam darum, die grundsätzliche Offenheit der Geschichte zu unterstreichen und sowohl der Entscheidung der Akteure als auch dem Zufall einen Platz einzuräumen. Diese Abwehr jeglicher Teleologie betrifft vor allem, aber nicht nur die Entwicklung zum Nationalstaat. In einem faszinierenden kontrafaktischen Aufsatz überlegt Subrahmanyam, was passiert wäre, wenn Nadir Shah, der afghanische Herrscher, der zu Beginn des 18. Jahrhunderts Delhi eroberte, sich nach Ende der Plünderungen nicht zurückgezogen hätte, sondern–was durchaus zur Debatte stand und zu verwirklichen gewesen wäre –seine Herrschaft konsolidiert hätte zu einem Staat, der das |41◄ ►42| heutige Afghanistan, Teile von Iran und Nordindien umfasst hätte. Dies hätte nicht nur die britische Kolonisierung für mindestens ein dreiviertel Jahrhundert verhindern können, sondern auch geopolitische Fakten geschaffen, denen sich die spätere britische Herrschaft hätte anpassen müssen. Statt einem indischen Nationalstaat von Kaschmir bis zur Südspitze des Subkontinents gäbe es dann womöglich einen, der von Nordindien bis Persien reichte, mit starken Verbindungen nach Zentralasien, und einen anderen, der das Hochland des Dekhan und den Süden umfasste und sich nach Südostasien orientierte (Subrahmanyam, 2005c).

Zumindest im Kreise derer, die sich grundsätzlich um einen transnationalen Ansatz bemühen, sind diese Annahmen auf weitgehende Zustimmung gestoßen. Zu erforschen, wie sich Regionen begegnen und Verbindungen aufgebaut werden, es dabei zu vermeiden Differenzen festzuschreiben und sie statt dessen zu historisieren, das ist sicherlich ein Programm, dem sich viele anschließen können, auch wenn sie nicht alle den Versuch von Gruzinski billigen würden, diese frühneuzeitlichen Verbindungen als Vorgeschichte der gegenwärtigen Globalisierung zu deuten. Die Probleme liegen anderswo: Dass Verbindungen bestehen, haben Gruzinski und Subrahmanyam eindrucksvoll gezeigt. Doch woran entscheidet es sich, ob es zum Aufbau von connections, gar einer Connected History kommt? Welche Faktoren wirken in Richtung auf eine Verbindung, welche hingegen auf ihre Verhinderung oder auf den Abbruch bestehender Beziehungen? Welchen Stellenwert nehmen die Verbindungen ein, wie und warum wandelt sich dieser zu verschiedenen Zeiten (Zuniga, 2007)? Die Antwort auf diese Fragen bleibt der ansonsten überaus anregende Ansatz schuldig, hiernach muss an anderer Stelle gesucht werden.

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2. Transfergeschichte

Auf den engen Zusammenhang zwischen Komparatistik und Transfergeschichte ist oben schon hingewiesen worden, ja, man kann sogar die Behauptung wagen, dass die Transfergeschichte in ihrer jetzigen Form wesentlich in Abgrenzung zur vergleichenden Geschichte entstanden ist. Wenn Michel Espagne, französischer Deutschlandhistoriker und einer der Vordenker des transfert culturel, die Rolle der Transfergeschichte als eine »rückwärtsgewandte Dekonstruktion identitärer Gewissheiten« beschreibt (Espagne, 2000, S.44), so entwirft er damit ein gleichermaßen politisches wie auch wissenschaftliches Programm. Politisch soll sich die Geschichtsschreibung nicht länger in den Dienst des Nationalstaates oder anderer Gemeinschaften nehmen lassen, deren Identität sie so lange historisch untermauert hat. Wissenschaftlich werden Gemeinschaften historisiert–sie sind nicht gegeben, sondern durch kommunikative Praktiken hervorgebracht und unterliegen einem steten Wandel. Vor allem gehen die Gemeinschaften nicht länger den Transfer- und Austauschprozessen voraus, in dem Sinne, dass zwei bereits identifizierbare und beschreibbare Gemeinschaften in einem zweiten Schritt in Kontakt miteinander treten, sondern der Transfer ist konstitutiv: Erst er bringt die Gemeinschaften hervor (Espagne, 1994; 2003).

Auch komparatistischen Ansätzen kann der Impuls zugrunde liegen, durch ihre Forschung Grenzen zu überwinden. Es besteht jedoch die Gefahr, so führen die Vertreter der Transfergeschichte aus, dass sie letztlich doch wieder zu einer Vertiefung der Grenzen beitragen, denn im Zentrum jeden Vergleichs steht die Differenzbestimmung: Gäbe es die Differenz nicht, würde der Vergleich in sich zusammenfallen. Die Vergleichseinheiten, derer die komparative Geschichtsschreibung sich bedient und die sie getrennt voneinander betrachten muss, um sie dann in ein analytisches Verhältnis zu setzen, bestehen nach Auffassung ihrer Kritiker nicht ›von Natur aus‹ (hierin unterscheiden sie sich von den Äpfeln und Birnen), sondern sind ein Konstrukt der Historiker –und zwar eines, auf das die Komparatistik nicht verzichten kann und das sie zudem, zumindest für die Dauer des Vergleiches,|43◄ ►44| stabil halten muss. Ein Vergleich zwischen Einheiten, die sich ändern oder deren Grenze sich verschiebt, macht wissenschaftlich keinen Sinn.

Zumindest solange, wie die Komparatistik an der Vorstellung festhält, dass der Vergleich dem Historiker einen Ersatz für Experimente zu bieten vermag, und sie mit seiner Hilfe Relationen zwischen Faktoren feststellen kann, die über die untersuchten Einzelfälle hinaus Gültigkeit haben, führt jede Art von Beziehungen zwischen den Untersuchungsobjekten, seien es Transfers oder ein gemeinsamer Ursprung, zur Störung des ›Experiments‹ und zur Einschränkung seiner Aussagekraft (Kleinschmidt, 1991).

Ein fiktives Vergleichsprojekt mag dies verdeutlichen. Nehmen wir an, es würde der Zusammenhang zwischen künstlerischer Produktivität und der Entwicklung von Nudelgerichten untersucht: Vergleichsobjekte könnten in diesem Fall Italien und China sein, das tertium comparationis wäre, dass es sich in beiden Fällen um Hochkulturen mit einer langen Geschichte handelt. Historiker könnten sich nun ausführlich der Geschichte der Nudelgerichte in beiden Ländern widmen, sie könnten den Konsum von Nudeln pro Person in Beziehung setzen zur Produktion von Gedichten und Gemälden, sie könnten die Essgewohnheiten der Künstler untersuchen und sogar interdisziplinär mit Hirnforschern zusammenarbeiten, die Testreihen zur Auswirkung des Nudelkonsums auf Areale des Gehirns, in denen man derzeit das Zentrum für Kreativität vermutet, beisteuern. Aber auch wenn das Projektdesign beliebig verfeinert würde–da Marco Polo die Nudeln von China nach Italien gebracht hat und es sich mithin um eine Transfergeschichte handelt und nicht um die Entfaltung endogener Faktoren, lässt sich die Fragestellung an dieser Konstellation nicht untersuchen.

Gegenüber der klassischen Komparatistik verzichtet die Transfergeschichte auf die Untersuchung von generalisierbaren Zusammenhängen zwischen Einzelfaktoren (nicht aber auf die Frage nach dem ›Warum‹ des Transfers): Matthias Middell definiert Transfer als

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[…] die Bewegung von Menschen, materiellen Gegenständen, Konzepten und kulturellen Zeichensystemen im Raum und dabei vorzugsweise zwischen verschiedenen, relativ klar identifizierbaren und gegeneinander abgrenzbaren Kulturen mit der Konsequenz ihrer Durchmischung und Interaktion. (Middell, 2000, S.18)

Deutlich wird anhand dieser Definition, dass auch die Transfergeschichte auf Grenzziehungen nicht völlig verzichten kann, doch liegt das Schwergewicht der Untersuchungen auf den Veränderungen, die diese Grenzziehungen durch Austausch erfahren. Die Differenz wird gerade nicht stabil gehalten, sondern historisiert und relativiert–Fremdheit existiert, doch der Andere »ist nur ein bisschen anders« (Osterhammel, 2001, S. 78). Statt der Betonung von Dichotomien kommen dabei die Mischformen in den Blick: Jede Gemeinschaft, auch diejenige, die sich vehement vom Anderen abgrenzt, trägt in sich schon die Spuren einer früheren Begegnung, eines vorgängigen Transferprozesses.

Bis zu diesem Punkt unterscheidet sich die Transfergeschichte noch nicht sehr von der Connected History, denn auch dort geht es um Bewegungen im Raum, um Menschen, Artefakte und Ideen, die von einem Ort zum anderen gehen oder transportiert werden. Jedoch erlaubt der Begriff des Transfers gegenüber dem der connection, den Vorgang in einer Reihe von Punkten schärfer zu fassen und präziser zu operationalisieren.

Die erste Frage, mit der sich Transfergeschichte auseinandersetzen muss, ist die nach den Ursachen des Transfers. Auch wenn man postuliert, dass Transfer, dass Kulturbegegnungen überall und ständig stattfinden, so setzt sich dieser übergreifende Transfer aus vielen Einzeltransfers zusammen, die nicht ›einfach so‹ geschehen, sondern in spezifischen Situationen, durch spezifische Akteure, aus spezifischen Motiven initiiert werden. Die Antriebskräfte können entweder in der Ausgangskultur verortet sein (push factors) oder in der Rezeptionskultur (pull factors). Ausgehend von den deutsch-französischen (Espagne / Werner, 1988a), später dann auch den deutsch-englischen Beziehungen (Muhs / Paulmann / Steinmetz, 1998), liegt der Fokus der Transferforschung bislang auf der Seite der aufnehmenden Kultur. Es wird hervorgehoben,|45◄ ►46| dass ein Transfer nur dann gelingen kann, wenn ein Bedürfnis danach besteht, d. h. wenn er eine bestimmte Aufgabe innerhalb der Rezeptionskultur erfüllt–etwa die französische Orientierung am deutschen Primarschulwesen nach dem Krieg von 1870/71, in der Hoffnung, damit eine Verschiebung des außenpolitischen Machtverhältnisses herbeizuführen. Ähnliches kann auch für die gegenseitige Beobachtung und Beeinflussung im Bereich der sozialen Frage und der Lösungsangebote von Zivilgesellschaft und Staat zwischen Großbritannien und dem Deutschen Reich im 19. Jahrhundert gezeigt werden (Ritter, 1983).

Etwas unterschiedlich freilich stellt sich das Problem dar, wenn man es aus der Perspektive der kolonialen Geschichte betrachtet. Anders als in Europa war es hier schon seit dem 19. Jahrhundert unumstritten, dass eine Geschichte der Kolonien nicht ohne Bezug auf den Transfer von Ideen und Institutionen aus den Metropolen zu schreiben sei und dass die Dynamik für diese Entwicklung nicht oder zumindest nicht ausschließlich in der Rezeptionskultur zu finden sei. Stellten die frühen Narrative der Historiker den ›Zivilisierungsprozess‹ in den Mittelpunkt–sei es, dass er sich aus einem angenommenen Kulturgefälle gleichsam von selbst ergab, sei es, dass er als Ergebnis einer ›Zivilisierungsmission‹ gedeutet wurde–, so betonen jüngere Texte aus dem Umfeld der postkolonialen Studien den Zusammenhang von Kultur und Macht. Die Übernahme der kolonialen Kultur und ihrer Wissenssysteme war nicht nur zu keinem Zeitpunkt eine freie Entscheidung der Akteure der Rezeptionskultur; die Schaffung kolonialer Deutungsmuster trug auch erheblich zur Stabilisierung der kolonialen Herrschaft bei (Said, 1978; Viswanathan, 1989). Doch auch hier gilt es, sich nicht ausschließlich auf der Makroebene zu bewegen und sich nur mit den Interessen ›der‹ Kolonialmacht und ›der‹ Kolonie zu beschäftigen. Denn schaut man sich im Gegenzug einzelne Interessengruppen und Akteure an, die als Mittler in konkreten Transferprozessen tätig waren, so ergibt sich ein differenziertes Bild nicht nur von den Interessen, die auf beiden Seiten verfolgt wurden, sondern auch von überraschenden Allianzen–nicht notwendig zwischen Gleichen, aber auch nicht als reines Gewaltverhältnis. So begegneten |46◄ ►47| sich zum Beispiel in den 1840er Jahren am Delhi College, einer kolonialen Bildungseinrichtung, die danach strebte, westliches Wissen sowohl in einheimischen Sprachen wie auch auf Englisch zu vermitteln, nicht ›die‹ Briten und ›die‹ Inder. Vielmehr war das College für beide Seiten ein Element in einem komplizierten Prozess der Neuformulierung von Allianzen. Bestimmten Gruppen in Delhi bot es die Möglichkeit, durch Bildung ihre gesellschaftliche Stellung gegenüber anderen Gruppen zu verbessern–und auch unter den Briten war heftig umstritten, ob diese Bildungspolitik der richtige Weg sei, die Kolonie zu beherrschen (Pernau, 2006).

Die zweite Frage, die sich bei der Untersuchung von Transferprozessen stellt, ist die nach den Selektionskriterien, da es niemals zum Transfer einer gesamten Kultur, sondern immer nur von ausgewählten Aspekten kommt. Im Gegensatz zur ähnlich lautenden Frage in der Komparatistik geht es hier aber nicht mehr um eine Auswahl, die der vergleichende Historiker im Lichte seiner Forschungsinteressen vornimmt, sondern um die Untersuchung, vor welchen Alternativen die Akteure standen, wie und warum sie sich für die eine oder andere Möglichkeit entschieden und wie sie diese Wahl legitimierten, aber auch, welche Diskussionen sich um diese Selektionskriterien entsponnen, wo es Widerstand gab und wie und warum sich bestimmte Positionen durchsetzten.

Die dritte Frage richtet sich auf die Ergebnisse des Transfers. Wie oben ausgeführt, erfolgen die meisten Transfers mit dem Ziel, eine Veränderung auszulösen. Gewöhnlich ist zunächst einmal eine Veränderung in der Rezeptionskultur beabsichtigt–ob es um so große Transformationsprozesse wie ›Zivilisierung‹, ›Modernisierung‹ oder ›Entwicklung‹ geht oder bescheidener um das Streben nach Erhöhung der Effektivität der Sozialfürsorge, die im späten 19. Jahrhundert immer wieder britische Beobachter nach Deutschland führte; auch die Legitimation des ›Sturm und Drangs‹ durch die Übersetzung der Shakespeare-Dramen beinhaltete eine Transferleistung. Zugleich bleibt auch die Ausgangskultur vom Transferprozess selten völlig unberührt. Die Untersuchung etwa, wie der Kolonialismus auf die Metropolen zurückgewirkt|47◄ ►48| hat, bildet seit einigen Jahren eine eigene Forschungsrichtung (→ Kap. III.4.) Doch gilt es zu differenzieren: Häufig handelt es sich hier nicht einfach um die Umkehr des Transferprozesses (obwohl auch dies durchaus vorkommt–man denke nur an die Auswirkungen der Migration in die europäischen Metropolen), sondern um die Veränderungen, die das Bewusstsein auslöst, die eigene Kultur oder Elemente von ihr erfolgreich in andere Räume exportiert zu haben. Zumal wenn der Transfer bewusst geschieht und auch als solcher im Gedächtnis der Ausgangs- und der Rezeptionskultur bewahrt wird, verändert er fernerhin das Verhältnis der beiden Kulturen zueinander: Bei Gruppen, die sich im Prinzip als gleichwertig empfinden und zwischen denen die Transferprozesse in beide Richtungen verlaufen, führt eine als wechselseitiger Austausch wahrgenommene Geschichte zu Gemeinschaftsgefühl. Daher ist es kein Zufall, dass seit einigen Jahren die Untersuchungen zur Transfergeschichte innerhalb der Europäischen Union Hochkonjunktur haben. Anders sieht es aus, wenn der Transfer über längere Zeit nur in eine Richtung verlaufen ist. In diesem Fall ist nicht Gemeinschaftsbildung, sondern im Gegenteil Hierarchisierung des Verhältnisses das Ergebnis. Das letzte Element, das sich beim Transfer verändert, ist das Transfergut selbst. Dessen Veränderungen können sich auf den Inhalt beziehen, etwa wenn es nicht vollständig übertragen wird, wenn es missverstanden oder umgedeutet wird; sie können aber auch dadurch zustande kommen, dass jeder Transfer notwendig eine Dekontextualisierung und eine Rekontextualisierung beinhaltet, d. h. dass das Transfergut aus seinem Ursprungskontext in der Ausgangskultur herausgelöst wird, der ihm bislang seinen Sinn und seine Bedeutung verlieh, und in der Rezeptionskultur in einen neuen Kontext eingebettet und so mit neuer Bedeutung ausgestattet wird.

Ein Transfer kann gelingen, er kann aber auch scheitern. Gelungen ist ein Transfer, wenn es zur Rezeption in der Zielkultur kommt. Diese Rezeption kann wiederum ganz unterschiedliche Formen annehmen. Das Fremde kann abgesondert werden und als Fremdes gekennzeichnet bleiben; es kann angeeignet werden, hier ist es zwar noch als fremd markiert, hat jedoch schon einen |48◄ ►49| Transformationsprozess durchlaufen; es kann weiterhin durch Akkulturation in einer Weise und in einem Ausmaß in den neuen Kontext integriert werden, dass sein fremder Ursprung vergessen wird. Dieser Vorgang spielt vor allem eine Rolle, wenn es um die Schaffung von ›Nationalkulturen‹ geht, die als endogene Entwicklungen gedeutet werden sollen. Ein Transfer kann auch scheitern, weil das fremde Kulturgut ignoriert wird, sich Widerstand dagegen erhebt oder es schlichtweg verboten wird.

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