Kitabı oxu: «Im Dunkeln der Tod - Ein Schweden-Krimi»

Şrift:

Mari Jungstedt

Im Dunkeln der Tod - Ein Schweden-Krimi

Aus dem Schwedischen

von Gabriele Haefs

Saga

Im Dunkeln der Tod - Ein Schweden-Krimi ÜbersetztGabriele Haefs Copyright © , 2019 Mari Jungstedt und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726350951

1. Ebook-Auflage, 2019

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

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Für meine Alltagshelden, Cenneth, Bella und Basse

PROLOG

Zwei Sekunden. Mehr war nicht nötig, um ihn zu zerstören. Um sein Leben in Fetzen zu reißen. Zwei jämmerliche Sekunden.

Die Gedanken, die nachts kreuz und quer durch seinen Kopf jagten, wollten ihn nicht loslassen. Seit Wochen schon hielten sie ihn wach. Erst im Grenzland zwischen Nacht und Morgengrauen glitt er endlich in einen befreienden Schlaf und wurde für einige Stunden verschont. Um erneut in dieser Hölle aufzuwachen. Dem einsamen, verborgenen Inferno, das hinter seiner beherrschten Fassade tobte. Es mit jemandem zu teilen war unmöglich.

Während dieser zwei Sekunden war er kopfüber in den schwärzesten Abgrund gestürzt. Er hatte nicht geahnt, dass die Wahrheit so unbarmherzig sein konnte.

Erst nach einiger Zeit begriff er, was er zu tun hatte. Er würde dazu gezwungen sein, die Sache allein anzugehen. Es gab keinen Weg zurück, keine Hintertür, aus der er herausschlüpfen konnte, um vor der Welt und sich selbst so zu tun, als sei nichts passiert.

Alles hatte damit begonnen, dass er etwas erfahren hatte und nicht wusste, was er damit anfangen sollte. Er trug sein Wissen eine Zeit lang mit sich herum. Es juckte, kratzte und störte ihn wie eine Wunde, die immer wieder aufbricht und nicht heilen will.

Vielleicht hätte er es nach und nach vergessen. Sich selbst eingeredet, es sei das Beste, die Sache ruhen zu lassen.

Aber die Neugier hatte ihn dazu getrieben, weiterzuforschen, mehr in Erfahrung zu bringen. Auch wenn das wehtat.

Der schicksalhafte Tag begann, auch wenn er das nicht von Anfang an begriff. Vielleicht hatte sein Körper die Gefahr instinktiv gespürt. Vielleicht auch nicht.

Er war allein zu Hause. Große Teile der Nacht hatte er schlaflos verbracht, mit denselben Gedanken beschäftigt wie während der letzten Wochen. Es bedurfte einer Kraftanstrengung, aus dem Bett aufzustehen, als er hörte, wie draußen vor dem Fenster der Tag erwachte.

Appetit konnte er nicht aufbringen, er konnte sich gerade zu einer Tasse Tee zwingen. Er saß nur am Küchentisch und starrte auf das graue Wetter und die Hochhäuser gegenüber. Die Frustration trieb ihn dann schließlich aus der Wohnung.

Inzwischen war es schon später Vormittag, aber im November wurde es nie richtig hell. Der Schnee lag schmutzig braun auf dem Bürgersteig, und die Menschen eilten durch den Matsch, ohne einander in die Augen zu blicken. Die Kälte war scharf und feucht und erlaubte kein lässiges Flanieren.

Er beschloss, wieder zu dieser Stelle zu fahren, ohne dass er einen wirklichen Grund hatte. Er folgte einfach einer Eingebung. Wenn er gewusst hätte, was passieren würde, hätte er es nicht getan. Aber es war wie vorausbestimmt.

Als er die Straße erreichte, schloss der Mann gerade die Tür ab. Ungesehen folgte er ihm zur Bushaltestelle. Der Bus kam gleich darauf. Er war voll besetzt, und ihre Schultern streiften einander fast, als sie sich in den Mittelgang drängten.

Vor dem Warenhaus NK stieg der Mann aus und bahnte sich zielstrebig einen Weg durch die Horden aus Samstagsflaneuren. Mit schnellen Schritten lief er in Richtung Innenstadt weiter. Er trug einen eleganten Wollmantel, den Schal lässig über die Schultern geworfen, und rauchte dabei eine Zigarette. Plötzlich verschwand er in einer Querstraße.

Diesen Weg hatte der Mann noch nie genommen. Sein Puls wurde schneller. Er hielt sich zurück, blieb in gebührender Entfernung, wechselte sicherheitshalber die Straßenseite. Aber trotzdem hatte er alles im Blick.

Plötzlich verlor er den anderen aus den Augen. Rasch überquerte er die Straße. Dort gab es eine Metalltür, die so unansehnlich war, dass sie mit der heruntergekommenen Fassade verschmolz. Verstohlen sah er sich in beiden Richtungen um. Hier musste der Mann verschwunden sein. Er beschloss, ihm zu folgen. Dass die Konsequenzen tödlich sein würden, wusste er nicht, als er auf die Klinke drückte.

Drinnen war es fast ganz dunkel, eine trübe rötliche Neonröhre an der Decke gab notdürftiges Licht. Die Wände waren schwarz gestrichen. Eine steile Treppe, deren Stufen mit winzigen Glühbirnen besetzt waren, führte ins Kellergeschoss. Kein Laut war zu hören. Zögernd ging er nach unten und landete in einem langen, öden Gang. Der Gang war schwach beleuchtet, und er konnte im Dunkeln weiter vorn Menschen ahnen, die sich bewegten.

Es war helllichter Tag, aber hier war davon nichts zu bemerken. Die Welt draußen existierte nicht. An diesem Ort galten andere Gesetze.

Endlose Gänge verschlangen sich zu einem komplizierten Labyrinthsystem. Schattengestalten huschten hin und her, und er konnte das Gesicht des Mannes, den er verfolgte, nicht deutlich sehen. Er gab sich alle Mühe, nicht aufzunehmen, was er hier sah, sich dagegen zu wehren. Alle diese Eindrücke verlangten nach seiner Aufmerksamkeit, wollten unter seine Haut.

Er verlor die Orientierung und landete vor einer Tür. Der verdammten Tür. Wenn er sie nur nicht aufgemacht hätte.

Zwei Sekunden brauchte er, um zu registrieren, was geschah. Um zu verstehen, was er sah.

Dieser Anblick sollte sein Leben zerstören.

Schon im Morgengrauen lag eine gewisse Unruhe in der Luft.

Egon Wallin hatte schlecht geschlafen und sich die Nacht hindurch von einer Seite auf die andere gewälzt. Das Reihenhaus lag am Strand, gleich außerhalb von Visbys Stadtmauer, und er hatte stundenlang wach gelegen, in die Dunkelheit gestarrt und dem aufgewühlten Meer dort draußen zugehört.

Die Schlaflosigkeit rührte nicht von dem Unwetter her. Nach diesem Wochenende würde sein wohlgeordnetes Leben vollkommen auf den Kopf gestellt werden, und er war der Einzige, der wusste, was bevorstand. Der Entschluss war während des vergangenen halben Jahres gereift, und jetzt gab es kein Zurück. Seine zwanzig Ehejahre würden am Montag ein jähes Ende finden.

Kein Wunder, dass er nicht schlafen konnte. Seine Frau Monika kehrte ihm den Rücken und hatte sich in ihre Decke gewickelt. Weder seine Unruhe noch das Unwetter schienen sie im Geringsten zu stören. Sie schlief mit tiefen, regelmäßigen Atemzügen.

Als die digitale Uhr Viertel nach fünf zeigte, gab er auf und verließ das Bett.

Er schlich sich aus dem Schlafzimmer und zog die Tür zu. Das Gesicht das ihm im Badezimmerspiegel entgegenblickte, war übernächtigt, und trotz des weichen Dimmerlichts zeichneten sich unter seinen Augen deutliche Tränensäcke ab. In der Dusche ließ er das Wasser lange laufen.

In der Küche setzte er Kaffee auf, das Heulen des Windes an den Hausecken untermalte das Fauchen der Espressomaschine.

Der Sturm passte gut zu seinem Gemütszustand, der ebenso aufgewühlt war. Nach fünfundzwanzig Jahren als Kunsthändler in Visbys bedeutendster Galerie, mit einer stabilen Ehe, zwei erwachsenen Kindern und einem eingefahrenen Dasein hatte das Leben eine drastische Wende genommen. Er wusste nicht, wie das enden würde.

Die Entscheidung hatte sich schon seit einiger Zeit angekündigt. Die Veränderung, die er im vergangenen Jahr durchgemacht hatte, war wunderbar und gefährlich zugleich. Er kannte sich selbst nicht mehr, war sich aber gleichzeitig nähergekommen denn je zuvor. In seinem Körper tobten die Gefühle wie bei einem Teenager, als sei er aus jahrzehntelangem Dämmerschlaf geweckt worden. Die neuen Seiten, die er an sich entdeckt hatte, waren verlockend und machten ihm gleichzeitig Angst.

Nach außen verhielt er sich wie immer, spielte den Ungerührten. Monika wusste nichts von seinen Plänen, sie würden sicher einen Schock für sie bedeuten. Nicht, dass ihm das etwas ausgemacht hätte. Ihre Ehe war seit Langem tot. Er wusste, was er wollte. Nichts anderes zählte.

Diese Entschlossenheit beruhigte ihn, sodass er sich auf einen der Barhocker an der modernen Kücheninsel setzte und genießerisch seinen doppelten Macchiato schlürfte. Er schlug die Zeitung auf, blätterte zu Seite sieben weiter und betrachtete zufrieden die Anzeige. Sie stand oben rechts und war gut zu sehen. Es würden viele Leute kommen.

Ehe er den Spaziergang in die Stadt begann, ging er zum Ufer hinunter. Jeden Tag wurde es nun wieder früher hell. Schon jetzt, Mitte Februar, spürte man in der Luft, dass der Frühling näherrückte. Das Geröll am Strand war typisch für Gotland, und hier und dort ragten Steinsäulen aus dem Wasser. Seevögel flogen tief über der Wasseroberfläche, rissen die Schnäbel auf und schrien. Die Wellen wogten hin und her, ohne Rhythmus oder Ordnung. Die Luft war kalt und trieb ihm die Tränen in die Augen. Der graue Horizont kam ihm verheißungsvoll vor. Nicht zuletzt, wenn er daran dachte, was er an diesem Abend tun würde.

Der Gedanke belebte ihn, und mit raschen Schritten legte er den knappen Kilometer in die Stadt zurück.

Innerhalb der Stadtmauern war der Wind ein wenig ruhiger. Die Gassen lagen leer und stumm da. So früh am Samstagmorgen war kaum ein Mensch unterwegs. Oben, im Herzen der Stadt, auf dem großen Marktplatz, stieß er auf die ersten Lebenszeichen. Ein Bäckereiwagen stand vor dem Supermarkt. Die Tür des Lieferanteneingangs stand offen, und aus dem Inneren drang Lärm.

Als er sich der Galerie näherte, krampfte sein Magen sich zusammen. Am Montag würde er die Galerie aufgeben, der er sein ganzes Berufsleben gewidmet und die er mit ganzer Seele betrieben hatte.

Er blieb eine Weile auf der Straße stehen und betrachtete die Fassade. Die großen modernen Glasfenster schauten auf den offenen Platz und die Kirchenruine Sankta Karin aus dem 13. Jahrhundert. Das Haus war im Mittelalter errichtet worden und beherbergte Gewölbe und unterirdische Gänge aus jener Zeit. In diesem historischen Rahmen hatte er die Galerie modern und sparsam in hellen, luftigen Farben einrichten lassen, mit einigen wenigen besonderen Details, die ihr eine persönliche Prägung gaben. Die Besucher gratulierten ihm immer wieder zu dieser erlesenen Kombination von Alt und Neu.

Er schloss die Tür zur Galerie auf, ging ins Büro und hängte seinen Mantel auf. Nicht genug damit, dass das hier in privater Hinsicht ein schicksalhaftes Wochenende war, es war auch der Zeitpunkt der ersten Vernissage dieses Jahres, die zugleich seine letzte sein würde. Zumindest hier in Visby. Beim Verkauf der Galerie hatte er alle juristischen Hürden übersprungen, und der neue Besitzer hatte den Vertrag unterschrieben. Alles war bereit. Der Einzige auf Gotland, der etwas von dem Verkauf wusste, war er selbst.

Er sah sich im Ausstellungsraum um. Die Gemälde waren sorgsam gehängt, er schob eins gerade, das ein wenig verrutscht war. Die Einladungen waren schon vor Wochen verschickt worden, und die bisherigen Zusagen ließen annehmen, dass viele Leute kommen würden.

Bald würde auch die Cateringfirma mit den Schnittchen eintreffen. Er führte eine letzte Kontrolle der Bilder und ihrer Beleuchtung durch, die er immer sehr genau nahm. Die Bilder waren sorgfältig platziert worden, sie waren auffällig und explosiv mit ihren starken Farben. Expressionistisch und abstrakt, erfüllt von jugendlicher Kraft und Energie. Manche waren brutal, gewalttätig und beängstigend düster. Der Künstler, Mattis Kalvalis, war ein junger und in Schweden noch unbekannter Litauer. Bisher hatte er nur in den baltischen Ländern ausgestellt. Egon Wallin setzte gern auf unbekannte Karten, neue Künstler, die eine Zukunft hatten.

Er ging zum Fenster, um das schwarzweiße Portrait von Mattis Kalvalis aufzustellen.

Als er den Blick hob und auf die Straße hinausblickte, entdeckte er einen Mann, der ein Stück weiter weg stand und ihm gerade ins Gesicht schaute. Er trug eine ausgebeulte schwarze Windjacke und hatte eine Strickmütze tief über die Augen gezogen. Das Erstaunlichste war, dass er mitten im Winter eine große schwarze Sonnenbrille trug. Dabei schien die Sonne ja nicht einmal. Vielleicht wartete er auf jemanden?

Der Kunsthändler vertiefte sich unbekümmert wieder in seine Aufgabe. Im Lokalsender lief das Wunschkonzert, und gerade jetzt wurde Lill-Babs gespielt, genauer gesagt, Barbro Svensson, wie er sie nannte. Er verzog den Mund, als er eins der eher offen brutalen Bilder mit fast pornografischem Thema geraderückte. Was für ein Kontrast zu »Liebst du mich immer noch, Klas-Göran«!

Als er sich wieder zur Straße umdrehte, fuhr er zusammen. Der Mann, den er aus der Ferne gesehen hatte, war weitergegangen. Jetzt stand er ganz dicht vor dem Schaufenster, fast berührte seine Nasenspitze die Fensterscheibe. Der Fremde starrte ihm in die Augen, schien ihn aber nicht grüßen zu wollen.

Reflexartig wich Egon zurück und hielt nervös Ausschau nach irgendeiner Beschäftigung. Er gab vor, die Weingläser zu ordnen, die sie schon am Vorabend aufgestellt hatten. Und die Platten für die Schnittchen, die die Cateringfirma bringen würde.

»Klas-Göran« war zu Ende, und Magnus Uggla sang ein schrilles Stück aus den Achtzigerjahren.

Aus dem Augenwinkel sah er den geheimnisvollen Mann, der noch immer so da stand wie vorher. Ein Gefühl des Unbehagens stellte sich ein. Konnte das ein Psychofall aus Sankt Olof sein? Er hatte nicht vor, sich von diesem Idioten provozieren zu lassen. Er wird bald wieder verschwinden, dachte Egon Wallin. Er wird die Sache satt bekommen, wenn er mich nicht mehr sieht. Die Tür war abgeschlossen, da war er sich sicher. Die Galerie würde erst um ein Uhr zur Vernissage öffnen.

Er ging die Treppe zum Büro im Obergeschoss hinauf und zog die Tür zu. Setzte sich und machte sich an einigen Unterlagen zu schaffen, aber die Unruhe ließ ihn nicht los. Er musste etwas tun. Den Mann auf der Straße zur Rede stellen. In Erfahrung bringen, was der wollte.

Verärgert sprang er auf und lief wieder nach unten. Doch der Mann war nicht mehr da.

Mit einem Seufzer der Erleichterung kehrte er an seine Arbeit zurück.

Der scharfe Wind ließ die Fensterscheiben klirren, und ein Zweig schlug gegen die Hauswand. Das Meer toste, und die Baumwipfel rauschten. Die Decke war auf den Boden geglitten, und er fror. Die wenigen Heizkörper reichten nicht, um das Haus zu wärmen. Es wurde im Winter nicht vermietet, aber er hatte die Besitzerin zu einer Ausnahme überreden können. Er hatte behauptet, im Auftrag des Landwirtschaftsministeriums an einer Untersuchung über die gefährdete gotländische Zuckerproduktion zu arbeiten, aber als Freiberufler könne er sich kein Hotelzimmer leisten. Die Besitzerin hatte den Zusammenhang nicht so richtig begriffen, hatte aber keine weiteren Fragen gestellt. Die Vermietung bedeutete für sie kaum Mehrarbeit, im Grunde brauchte sie bloß den Schlüssel zu überreichen.

Er stieg aus dem Bett und zog Pullover und Hose an. Trotz des Unwetters musste er hinaus. Das Ferienhaus hatte zwar Küche und Toilette, aber das Wasser war abgestellt.

Der Wind schlug ihm entgegen, als er die Tür öffnete. Sie fiel mit einem Knall hinter ihm zu. Er bog um die Hausecke und trat so dicht wie möglich an die hintere Wand des Hauses, die dem Wald zugewandt und etwas windstiller war, öffnete den Schlitz und ließ den Strahl auf die Wand fallen.

In der Küche aß er zwei Bananen und mischte sich ein Proteingetränk, das er stehend vor dem Spülbecken trank. Seit er zwei Monate zuvor diesen Plan geschmiedet hatte, hatte er eine Gewissheit empfunden, eine Überzeugung, dass es keine Alternative gebe. Der Hass hatte ihn überwältigt, seine Gedanken geschärft und einen säuerlichen Geschmack auf der Zunge hinterlassen. Methodisch und zielstrebig hatte er an den Vorbereitungen gearbeitet, Punkt für Punkt mit minutiöser Genauigkeit abgehakt. Alles war im Stillen geschehen. Dass niemand ahnte, was er vorhatte, stachelte ihn nur noch mehr auf. Er hatte alles unter Kontrolle und würde seine Vorsätze in die Tat Umsetzen. Immer wieder hatte er sich die Details vorgenommen, bis alle Lücken und Fehler ausgemerzt waren. Die Zeit war unweigerlich gekommen. Es war ein genau durchdachter, raffinierter Plan, der durchaus nicht leicht auszuführen war.

Er beugte sich vor und schaute aus dem Fenster. Das einzige Moment der Unruhe war der verdammte Sturm. Der Wind machte es schwerer für ihn und könnte schlimmstenfalls seine Pläne durchkreuzen. Zugleich bot er jedoch gewisse Vorteile. Je schlechter das Wetter, umso weniger Menschen waren unterwegs, was das Risiko einer Entdeckung minderte.

In seinem Hals kratzte es. Bekam er eine Erkältung? Er griff sich mit der Hand an die Stirn und wirklich, er schien Fieber zu haben. Verdammt. Er wühlte eine Schachtel Alvedon hervor und schluckte zwei Tabletten mit Wasser aus einem Kanister auf dem Spülstein hinunter. Die Erkältung kam äußerst ungelegen, er würde all seine Muskelkraft brauchen.

Der Rucksack mit dem Werkzeug war gepackt, ein letztes Mal überzeugte er sich davon, dass alles an Ort und Stelle war. Rasch zog er den Reißverschluss hoch und nahm vor dem Spiegel Platz. Mit geübten Bewegungen schminkte er sich, setzte die Linsen ein und klebte die Perücke fest. Auch die Maskierung hatte er immer wieder geübt, bis sie perfekt saß. Als er fertig war, musterte er seine Verwandlung einen Moment.

Wenn er sich das nächste Mal im Spiegel betrachtete, würde er in das Gesicht eines Mörders blicken. Er fragte sich, ob ihm das anzusehen sein würde.

Mattis Kalvalis war nervös. Während der vergangenen Stunde war er ungefähr alle zehn Minuten zum Rauchen nach draußen gegangen.

»What if nobody comes?«, fragte er immer wieder mit seinem rauen baltischen Akzent. Sein Gesicht war noch blasser als sonst, und sein schlaksiger Körper bewegte sich unruhig zwischen den Gemälden. Mehrmals hatte Egon Wallin ihm die Zeitungsanzeige gezeigt und ihm auf die Schulter geklopft.

»Everything will be just fine – trust me.«

Der ebenfalls aus Litauen angereiste Agent war keine große Hilfe. Er saß meistens vor der Galerie, rauchte und telefonierte, scheinbar unberührt von den eisigen Winden.

Die Vernissage war gut besucht. Als er die Tür zur Galerie öffnete, wartete davor bereits eine lange Schlange von Menschen, die in der Kälte von einem Bein aufs andere traten.

Viele bekannte Gesichter lächelten ihn freundlich an, und ihre Augen strahlten vor Erwartung. Er suchte eine gewisse Person in der in die Galerie strömenden Menge. Aber sie hatten ja Zeit genug. Sich nichts anmerken zu lassen würde allerdings nicht einfach sein.

Zufrieden stellte er fest, dass gerade der Kulturreporter des Lokalsenders hereinkam, und nach einer Weile entdeckte er einen weiteren Journalisten von einer der Lokalzeitungen, der soeben den Künstler interviewte. Seine Medienaktion mit Pressemeldungen, gefolgt von Anrufen, war offenbar von Erfolg gekrönt.

Rasch füllte sich die Galerie mit Besuchern. Mit ihren dreihundert Quadratmetern über zwei Stockwerke hinweg war sie für Gotland eigentlich unverhältnismäßig groß. Aber das Gebäude war über Generationen vererbt worden, und Egon Wallin hatte versucht, so viel wie möglich im ursprünglichen Stil zu erhalten. Es war ihm wichtig, der Kunst genug Raum zu geben, um ihre optimale Wirkung zu entfalten. Die Gemälde kamen wirklich zu ihrem Recht – die farbenprächtigen expressiven und ultramodernen Werke bildeten einen scharfen Kontrast zu den groben Mauern. Die Besucher schlenderten zwischen den Kunstwerken dahin und nippten an moussierendem Wein. Leise Musik war zu hören – der Künstler hatte darauf bestanden, seine Werke zu den Klängen einer litauischen Rockband zu zeigen, die sich anhörte wie eine Mischung aus Frank Zappa und der deutschen Synthband Kraftwerk.

Egon hatte ihn aber immerhin dazu bringen können, die Lautstärke ein wenig zu drosseln.

Jetzt sah Mattis Kalvalis um einiges entspannter aus. Er lief zwischen den Besuchern hin und her, redete laut, lachte und gestikulierte mit seinen großen Händen, dass der Wein nur so aus dem Glas schwappte. Seine Bewegungen waren ruckhaft und unkontrolliert, und ab und zu krümmte er sich und brach in hysterische Lachanfälle aus.

Für einen entsetzlichen Augenblick fürchtete Egon schon, sein Künstler könne unter Drogen stehen, verdrängte diesen Gedanken dann aber gleich. Sicher kam alles nur von der nachlassenden Nervosität.

»Saugut, Egon. Wirklich gut gemacht«, hörte er hinter sich jemanden sagen.

Die heisere, lispelnde Stimme hätte er auch über jede Entfernung erkannt.

Er drehte sich um und stand Auge in Auge Sixten Dahl gegenüber, einem der erfolgreichsten Galeristen Stockholms. Im schwarzen Ledermantel mit Hose und Stiefeln aus demselben Material, getönter Brille mit orangen Bügeln und gepflegtem Dreitagebart sah er aus wie eine schlechte Kopie des Popstars George Michael. Sixten Dahl besaß eine wunderschöne Galerie an der Ecke Karlaväg und Sturegata in Stockholms angesagtestem Stadtteil Östermalm.

»Findest du, wie schön. Und toll, dass du kommen konntest«, sagte Egon mit gespielter Begeisterung.

Nur um ihn zu ärgern, hatte er dem Stockholmer Konkurrenten eine Einladung zukommen lassen. Sixten Dahl hatte ebenfalls versucht, sich Mattis Kalvalis zu angeln, aber aus diesem Wettstreit war Egon als Sieger hervorgegangen.

Die beiden Kunsthändler waren zu einem Treffen von Galeristen aus den Ostseeanrainerstaaten in Vilnius gewesen und hatten dort die ganz eigenen Bilder des jungen Künstlers entdeckt. Bei einem Essen hatte Egon Wallin zufällig neben Mattis Kalvalis gesessen. Die beiden hatten sofort zueinander gefunden, und unerwarteterweise hatte Kalvalis die gotländische Galerie Sixten Dahl und der Großstadt vorgezogen.

Viele in Kunstkreisen hatten darüber gestaunt. Obwohl Egon Wallin einen guten Namen hatte, kam es doch überraschend, dass der Künstler sich für ihn entschieden hatte. Sixten Dahl genoss einen mindestens ebenso guten Ruf, und Stockholm war nun einmal sehr viel größer.

Dass Egons ärgster Konkurrent bei der Vernissage in Visby auftauchte, war an sich kein so großes Wunder. Er war dafür bekannt, dass er sich nicht so schnell geschlagen gab. Vielleicht meint er in seiner Einfalt, Kalvalis doch noch für sich gewinnen zu können, dachte Egon. Man sollte es nicht glauben. Was Sixten Dahl nicht wusste, war, dass Kalvalis Egon gebeten hatte, ihn als sein Agent in ganz Schweden zu vertreten.

Der Vertrag lag bereit und musste nur noch unterschrieben werden.

Die Vernissage wurde ein Erfolg. Ein regelrechter Kaufrausch ergriff die Besucher. Egon staunte immer wieder über das Herdenverhalten der Menschen. Wenn die richtige Person ausreichend schnell und ausreichend viel einkaufte, waren plötzlich auch viele andere bereit, ihre Brieftaschen zu öffnen. Ab und zu schien eher der Zufall als die Qualität zu entscheiden, wenn es um die Bewertung von Kunst ging.

Ein gotländischer Sammler war hin und weg und hatte sich sofort drei Werke gesichert. Das reichte, um die anderen zu inspirieren, und zwei Bilder wurden regelrecht versteigert. Der Preis wurde um einiges nach oben gedrückt. In Gedanken rieb Egon Wallin sich die Hände. Jetzt lag auch der Rest des Landes dem Künstler zu Füßen.

Der einzige Schierlingstropfen im Freudenbecher war, dass der, auf den er wartete, noch immer nicht gekommen war.

11,87 ₼
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9788726350951
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