Kitabı oxu: «Intertextualität und Parodie in Ovids Remedia amoris»

Şrift:

Maria Anna Oberlinner

Intertextualität und Parodie in Ovids Remedia amoris

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Umschlagabbildung: Marmorsphinx als Basis. Neapel, Museo Nazionale, Inv. 6882. Guida Ruesch 1789. H: 91 cm INR 67. 23. 57. Su concessione del Ministero dei Beni e delle Attività Culturali e del Turismo – Museo Archeologico Nazionale di Napoli.

Diss. Ludwig-Maximilians-Universität München 2021

DOI: https://www.doi.org/10.24053/9783823395263

© 2022 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG

Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen

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ISSN 0941-4274

ISBN 978-3-8233-8526-4 (Print)

ISBN 978-3-8233-0355-8 (ePub)

Inhalt

  Abkürzungen

  Vorwort

  1 Einleitung

  2 Der Aufbau der Remedia amoris

  3 Der literaturtheoretische Rahmen 3.1 Ein Intertextualitätskonzept für philologische Heuristik 3.2 Parodie in der Antike und der modernen Literaturkritik 3.3 Ein Visualisierungsmodell: Die Pyramidenstruktur der Intertextualität

 4 (Gattungs-)Rezeption, Innovation und Intertextualität in den Remedia amoris4.1 Ovids parodistische Inversion von Lukrez’ philosophischem Lehrgedicht4.1.1 Die Grundkonzeption von De rerum natura liber 4 und die Bedeutung der ‚Bilder‘4.1.2 Die sukzessive Entfernung vom Prätext4.1.3 ‚simulare vs. simulacra‘4.2 Parodie und Intertextualität: Die Remedia amoris und die didaktische Poesie4.2.1 Ovidische Erneuerungen in einer innovationsfreudigen Gattung4.2.2 Die Funktionalisierung didaktischer Standards für die Remedia amoris4.2.3 Die Demontage der Elegie im Medium des Lehrgedichts4.2.4 Amor schleicht sich ein: Die unmöglichen Remedia amoris4.3 Die Funktionalisierung jambischer und satirischer Elemente für das Programm der Remedia amoris4.3.1 Eine parodistische ‚aemulatio Horatii‘? Ovids intertextuelle Bezugnahme auf den Augusteer und jambisch-satirische Traditionen4.3.2 Ovid und Catull: Reaktion auf Geschichten eines Rückfalls4.3.3 Resümee zum Umgang mit den satirischen und jambischen Prätexten sowie weiteren carmina der Catull’schen Liebeszyklen

  5 Zusammenschau und Ausblick auf weitere Forschungsfelder

 6 Literaturverzeichnis6.1 Textausgaben, Übersetzungen, Kommentare und Konkordanzen6.2 Wörterbücher und Bibliographien6.3 Forschungsliteratur

  7 Stellenindex

meinen Eltern gewidmet

Abkürzungen

Für antike lateinische und griechische Autoren und Werke verwende ich die Abkürzungen nach dem Neuen Pauly, vgl. Cancik, Hubert/Schneider, Helmuth (2003/2012; Hgg.): Der Neue Pauly. Enzyklopädie der Antike, Bd. 1, Stuttgart, XXXIX–XLVII.

Für Zeitschriftentitel im Literaturverzeichnis verwende ich die Abkürzungen nach L’ Année Philologique.

Zudem kürze ich das Oxford Latin Dictionary mit OLD und den Thesaurus Linguae Latinae mit ThLL ab (für genaue Literaturangaben siehe 6.2).

Vorwort

Bei dem vorliegenden Buch handelt es sich um die geringfügig überarbeitete und um einen Stellenindex erweiterte Fassung meiner Dissertation, die ich im Wintersemester 2020/2021 an der Fakultät für Sprach- und Literaturwissenschaften der Ludwig-Maximilians-Universität München eingereicht habe. Die Disputation erfolgte am 06.05.2021. Mein Dank gilt mehreren Mentoren und akademischen Weggefährten.

Betreut wurde die Arbeit von Prof. Dr. Claudia Wiener, für deren unermüdliche Unterstützung meiner Arbeit ich mich aufrichtig bedanken möchte. Sie begegnete meinen Ideen und Ergebnissen stets mit Offenheit und großem Interesse und war als äußerst engagierte Mentorin eine vertrauensvolle Ansprechpartnerin in allen Belangen. Ebenfalls gilt mein herzlicher Dank Prof. Dr. Niklas Holzberg, der mich mit seiner Begeisterung für die griechische und römische Dichtung zur Auseinandersetzung mit Ovid inspiriert und meine Zulassungsarbeit, von der meine Dissertation ihren Ausgangspunkt nahm, betreut sowie das Korreferat für meine Dissertation übernommen hat. Die anregenden Vorträge im Rahmen der von ihm begründeten Petronian Society Munich Section und die dabei geknüpften Kontakte prägten zudem meine Studienzeit und mein Interesse an der wissenschaftlichen Beschäftigung mit lateinischen Texten. Außerdem bedanke ich mich bei Prof. Dr. Markus Janka, der als Drittgutachter meiner Dissertation fungierte und an dessen Arbeitsbereich für Fachdidaktik ich in meiner Studienzeit wertvolle Erfahrungen sammeln konnte. Zudem gilt mein Dank allen Mitgliedern des Forum Didacticum, insbesondere Dr. Rüdiger Bernek, da ich mehrfach an Forschungskolloquien teilnehmen und Thesen präsentieren sowie diskutieren durfte. Ferner bin ich Prof. Dr. Friedrich Vollhardt, der bereitwillig und mit großem Interesse für meine Forschung als Drittprüfer der Disputation agierte, und seinem Lehrstuhl zu großem Dank verpflichtet.

Schließlich möchte ich Prof. Dr. Regina Höschele meinen besonderen Dank aussprechen, da sie aus der Nähe und Ferne meine Studienzeit prägte und mir stets menschlich und fachlich mit wertvoller und präziser Kritik zur Seite stand. Auch Herrn Tillmann Bub, dem Lektoratsteam und Frau Iris Steinmaier vom Narr Francke Attempto Verlag sei für die Unterstützung bei der Publikation ebenso aufrichtig gedankt wie Prof. Dr. Claudia Wiener und Prof. Dr. Martin Hose für die Aufnahme meiner Dissertation in die Reihe Classica Monacensia.

Ein spezieller Dank gilt zudem nicht nur allen, die mich auf meinem akademischen Weg und auf Tagungen, in Seminaren, Forschungskolloquien und in fachlichen Gesprächen begleitet haben, sondern vor allem meiner Familie und meinen Freunden, insbesondere meinen Eltern, die mich in der Phase der Promotion unterstützt haben. Ihnen, die mich auf jedem Schritt meines Lebens geleitet haben und denen ich alles verdanke, sei dieses Buch gewidmet.

München, im Januar 2022 Maria Anna Oberlinner

1 Einleitung1

Zu Beginn des vierten Teils seiner liebesdidaktischen Tetralogie2 inszeniert Ovid Amors Empörung über den Titel des neuen Werkes, da die ovidische Persona remedia amoris in, wie es zunächst scheint, Opposition zum Zuständigkeitsbereich des Liebesgottes ankündigt. Gegen welche Form der Liebe diese Heilmittel gerichtet sind, erläutert der Sprecher im ersten Teil des Proöms (vgl. V. 1–40): eine unglückliche und unerwünschte, deren Bekämpfung auch Amor am Herzen liegen müsse (vgl. at si quis male fert indignae regna puellae, / ne pereat, nostrae sentiat artis opem, V. 15f.). Ovids Schüler soll das Buch lesen und die Regeln und Hilfestellungen beherzigen, bis er schließlich zu lieben verlernt (vgl. donec dediscis amare, V. 211b).

Ein Blick auf aktuellere Publikationen in Sachen Liebesratgeber lässt die Remedia amoris geradezu modern erscheinen. In zahlreichen Büchern, (Lifestyle-)Magazinen und Internetbeiträgen finden sich Hinweise auf verschiedene bewährte Strategien, die zur Befreiung von lästiger Liebe oder Liebeskummer verhelfen.3 Die Nachfrage nach entsprechender Ratgeberliteratur ist offenbar groß.

Aus dem allgemeinen Erfahrungsschatz des Lebens scheinen, den poetologischen Selbstaussagen zufolge,4 auch die Weisungen des ovidischen praeceptor zu stammen, da er in „Wenn-Dann-Szenarien“5 Möglichkeiten zur Heilung von Liebesqualen vorstellt, die u. a. darin bestehen, dass der Schüler sich mit Hobbies oder beruflicher Tätigkeit ablenken oder eine neue erotische Beziehung eingehen solle. Praktikabel, nachvollziehbar, realitätsnah gedacht, wenn man davon ausgeht, dass sich Emotionen durch Planung steuern lassen6 – so könnte ein erster Lektüreeindruck beschrieben werden. Doch zielen die Remedia wie ihre modernen ‚Entsprechungen‘ auf Anwendbarkeit im Alltag ab? Diese Frage ist mit Blick auf die Forschungsergebnisse, die Ovids intertextuelle und postmodernistische7 Referenzen auf literarische Traditionen und seine Ausrichtung auf ein literarisch gebildetes Leserpublikum hervorheben, zu verneinen.8

Es ist ein Verdienst der Forschung klassischer Philologen, besonders seit den 1970er und 1980er Jahren, die selbst-reflexive und auf intra- und intertextuellen Anspielungen basierende Natur der ovidischen Dichtung herausgearbeitet zu haben.9 Auch ich möchte meinen Beitrag dazu leisten und den Remedia amoris die Aufmerksamkeit schenken, die ihnen im Verhältnis zu anderen Werken des Dichters lange versagt war und auch im Grunde noch immer versagt ist. Denn dieses Werk verkörpert ebenfalls die typisch ovidische Poetik der „selbst-bewussten“ und selbstreflexiven Literarizität, die sich aus der Rekurrenz auf literarische Traditionen und konkrete Texte speist.10

Den Remedia wurde zunächst eine etwas ‚stiefmütterliche Behandlung‘ zuteil, was, wie auch Steven Green (2006) in seinem Forschungsbericht im Sammelband „The Art of Love“ erfasst, an der lange verbreiteten Sicht lag, dass sie lediglich eine Inversion der Weisungen aus der Ars darstellten.11 So bezeichnete der klassische Philologe Wilamowitz, wie Lenz (1969) berichtet, in einem seiner Berliner Seminare die Remedia als „matte[n] Aufguß auf die Teeblätter, aus denen der Gewürztrank der ‘Ars’ bereitet worden ist“12. Auch Fränkel hat 1945 noch behauptet: „Ovid […] had been writing on love for the better part of the past twenty-five years. No wonder that the subject had worn thin for him.“13 Mit der Publikation von Kenneys (auch für meine Untersuchungen maßgeblicher) textkritischer Ausgabe im Jahr 1961, die 1994 in zweiter Auflage und 1995 nochmals verbessert erschien,14 kam es jedoch zu einem „immense boost“15 an Forschung zur Ars und (wenngleich weniger ausgeprägt) zu den Remedia, wie sich auch am Entstehen der Kommentare zeigt16 – auch wenn man, im Vergleich etwa zu den Metamorphosen, Fasti, der Exildichtung und teils auch den Amores, nur partiell von einem ‚Boom‘ sprechen kann.17 Forschungsschwerpunkte, die Ars und Remedia gleichermaßen betreffen, waren dabei insbesondere Fragen zur Datierung18 und Struktur und zur Zusammengehörigkeit der Tetralogie19 – Rosati etwa bezeichnet die Remedia als „fourth book of the Ars“20 – sowie zur Gattung des elegisch-didaktischen Hybridprodukts und der damit einhergehenden Mischung verschiedener Diskurse,21 des „almost infinitely flexible genre“22 bzw. „supergenre“23 der ovidischen Elegie und zum Einfluss früherer literarischer Werke sowie Ovids Umgang damit.24 Auch die Rolle der mythologischen Exempel bzw. Exkurse wurde häufig zum Forschungsgegenstand.25 Die drei Bücher der Ars amatoria haben über die Jahrzehnte hinweg zwar deutlich mehr Aufmerksamkeit erfahren.26 Dennoch hat sich auch eine eigenständigere, spezifische Remedia-Forschung entwickelt. Im Zentrum standen dabei neben dem Aufbau und der (rhetorischen) Struktur27 Fragen zur Rolle des praeceptor (sanitatis), auch seiner Selbstpräsentation als Lehrer und Arzt und seiner Herkunft aus didaktischen und elegischen Traditionen,28 und die Rückgriffe auf literarische und philosophische Topoi, die sich mit dem Thema Heilung und Medizin befassen.29 Als ‚Meilenstein‘ und Wegweiser für die weitere Forschung ist m. E. Contes (1989) brillanter Aufsatz „Love without Elegy: The Remedia amoris and the Logic of a Genre“ – italienisch schon 1986 erschienen30 – zu werten. Dieser widmet sich dem Werk aus literaturkritischer Sicht, kontrastiert die der Elegie und Didaktik inhärenten Codes und erfasst das metaliterarische, gattungssprengende Programm der Remedia, die als „remedy against a form of literature“31, und zwar die sie konstituierende Elegie, fungieren. Dadurch erfasst Conte die grundsätzliche Natur von Ovids Heilmitteln gegen die Liebe.

Viele wissenschaftliche Beiträge befassen sich mit dem Problem, ob die Remedia überhaupt funktionieren können. Denn sowohl die metrische Gestaltung als auch die negativen, eher scheiternden exempla und die durch Intertextualität stets durchbrechende elegisch-erotische Welt zeigen, welche Spannungen und Widersprüche durch das paradox wirkende Unterfangen entstehen, in elegischen Distichen eine Lösung von unglücklicher Liebe zu versprechen.32 Christopher Brunelle (2000/2001) zitiert etwa einen Ausspruch des August Graf von Platen, der dieses Problem bereits im 19. Jahrhundert erkannt hat. „Ich zweifle aber, ob so ein Gedicht, das die Liebe zwar abwehrend, aber doch so reizend behandelt, nicht eher zur Liebe lockt, als davon wegschreckt.“33

Es wurde auch erkannt, dass intertextuelle Betrachtungen für das Verständnis der Remedia notwendig sind; besonders oft wurde dabei das Verhältnis zur Ars und den Liebeselegikern sowie dem Genre Elegie in den Blick genommen.34 Auch damit geht das Problem der funktionierenden Remedia einher: So kann man als doctus lector eigentlich nicht gleichzeitig Weisungen zum Vergessen folgen und die intra- und intertextuellen Referenzen wahrnehmen.35 Des Weiteren haben die Verbindungen zu Lukrez und zur Gattung Satire bereits philologisches Interesse geweckt.36 Die Rezeption von Ovids Ars (und, meist weniger stark akzentuiert, auch der Remedia) in Ovids späteren Werken,37 bei späteren lateinischen Dichtern sowie das Nachleben allgemein sind ebenfalls vermehrt aufgegriffen worden.38

Insgesamt wurden die Remedia meist Gegenstand von Analysen in Form von, teils längeren, Aufsätzen. Abgesehen von den Kommentaren, Textausgaben und Übersetzungen, Jones’ (1997) kurzer, 120-seitiger Monographie und Brunelles Dissertation (1997) „Gender and Genre in Ovid’s Remedia Amoris“,39 die sich v. a. mit der paradoxen Gestaltung des poetischen decorum in den Remedia befasst, gibt es jedoch keine Monographien, die sich ausschließlich den Remedia widmen.

Mit dieser Arbeit möchte ich mich grundsätzlich in den Forschungsdiskurs einreihen, der in den Remedia ein humorvolles, „mock-serious [didactic]“40 sieht – ein Werk, das sich dabei durch intra- und intertextuelle Referenzen und eine grundsätzliche ‚Literarizität‘ auszeichnet. Denn durch die produktive und parodistische Auseinandersetzung mit Prätexten und Gattungskonzepten erlangt dieses Werk seinen spezifischen Charakter. Dabei geht es mir konkret darum zu zeigen, dass die Dichtungen des Lukrez, Horaz (die Satiren und Epoden) und Catulls als jeweils modellhafte Referenztexte Pate für den Tonfall und die inhaltliche und strukturelle Gesamtkomposition der Remedia stehen, die Bezugnahme also werk-konstitutive Funktion hat; erst eine Analyse der intertextuell-parodistischen Referenzen und des (meta-)literarischen Dialogs mit den zeitgenössischen literarischen Autoritäten ermöglicht ein umfassendes Verständnis der Remedia amoris. Die fokussierten Werke sind insofern privilegierte Intertexte, als sie für Ovid paradigmatisch sind. Lukrez’ Lehrgedicht ist in Buch 4 methodisch und thematisch mit den Remedia ‚verwandt‘, gleichzeitig aber auch illustres Gegenbild. In dessen parodistischer Negation erhält m. E. der erste Remedia-Teil seine Kontur. Auch Horaz’ Gattungsrevolution im Bereich Satire und Jambus ist für die Remedia wesentlich. So wird dadurch Ovids generisch-destruktives Programm, wie ich argumentiere, erst möglich. Zudem legitimieren die produktive Rezeption der bei Horaz und insbesondere Catull zu findenden Verbindung von Erotik und Jambus und die Präsentation prototypisch rückfallgefährdeter, unglücklich Verliebter Ovids Vorgehen, sich v. a. im zweiten Remedia-Teil als Autorität mit der Propagierung alternativer Verhaltensszenarien an seine Schüler zu wenden. Diese neuen Erkenntnisse und Beobachtungen auszuführen, ist Gegenstand des im Folgenden knapp skizzierten Hauptteils.

Im zweiten Kapitel stelle ich zunächst den Aufbau der Remedia amoris unter Bezug auf bereits bestehende Untersuchungen dar und akzentuiere dessen Analyse insofern neu, als ich die beiden Hälften des Hauptteils, der tractatio,41 in Fortführung der Terminologie der drei Ars amatoria-Bücher als ‚ars agendi‘ und ‚ars vitandi‘ klassifiziere. Diese Makrostruktur ist dabei Grundlage für Untersuchungen zur Mikrostruktur des Textes, die illustriert durch tabellarische Übersichten zum Aufbau im Verlauf der Arbeit durchgeführt werden.

Das dritte Kapitel dient der Erläuterung der literaturwissenschaftlichen Grundlagen und Begriffe, welche die Basis meiner Analysen sind. Dabei versuche ich, moderne literaturkritische Konzepte auf ihre Kompatibilität mit der antiken (Sicht auf) Literatur zu prüfen und so zu verwenden, dass anachronistische Verzerrungen beim Blick auf die antiken Texte vermieden werden. Das betrifft den Begriff ‚Intertextualität‘ und seine Verbindung mit den antiken Termini aemulatio und imitatio und den Begriff ‚Parodie‘, welchen ich unter Bezug auf Margaret Roses (1993) Definition von modernen reduktionistischen Varianten abgrenze und in seiner antiken Fundierung verwende. Für intertextuelle Bezüge differenziere ich in Fortführung der Klassifikationen Ulrich Broichs und Manfred Pfisters (1985) zwischen Einzeltext- und Systemreferenzen, da dies der Konzeption der Referenzen in den Remedia entspricht. Über die Zusammenfassung bestehender Erläuterungen zum Intertextualitätsbegriff hinaus habe ich jedoch ein eigenes Analysemodell, das ‚Pyramidenmodell der Intertextualität‘ entwickelt, das ich für die intertextuellen Untersuchungen, den Schwerpunkt meiner Arbeit, nutze. Der Vorteil ist, dass in dieser dreidimensionalen pyramidalen Darstellung die Hierarchie intertextueller Bezüge, die von einem fokussierten Prätext ausgehen, visualisiert werden kann. Auch lässt sich die Gleichzeitigkeit mehrerer Bezüge, die für die Remedia und auch viele andere lateinische Texte konstitutiv ist, dadurch einfach und übersichtlich abbilden.

Mit dem vierten Kapitel beginnt der eigentliche Hauptteil meiner Arbeit. In Kapitel 4.1 belege ich, wie das Lehrgedicht des Lukrez, insbesondere die Diatribe gegen die Liebesleidenschaft aus dem vierten Buch von De rerum natura, intertextuell aufgerufen und letztlich parodiert wird. So zeige ich auf, dass sich die Ausführungen des Lukrez wie eine ‚Heilmittelklammer‘ um einen Großteil der Weisungen aus der ars agendi legen. Dabei nimmt Ovid den lukrezischen Prätext aber nicht als vorbildhaftes Muster, sondern er entfernt sich im Verlauf seiner Weisungen sukzessive von diesem Bezugstext, bis es zu einem endgültigen Bruch mit diesem kommt. Die Bezugnahme manifestiert sich auch lexikalisch darin, dass die Wiederholung von Formen des Verbs simulare bei Ovid auf die epikureische simulacra-Theorie anspielt. Daraus kann man folgern, dass Ovid durch seine Weisungen zum Verstellen (simulare), welche eine Charakterisierung der ersten tractatio-Hälfte als ars simulandi zulassen, letztlich eine parodistische Inversion des lukrezischen Textes und seiner Philosophie erreicht, die auf einer Vermeidung von Illusion beruht.

Ausgehend von den Erkenntnissen zu diesem spezifischen Lehrgedicht, also der Untersuchung dieser Einzeltextreferenz, und bestehenden Forschungsergebnissen betrachte ich in Kapitel 4.2 Ovids Haltung dem didaktischen Genre allgemein gegenüber. Dabei zeigt sich, dass Ovid die Grenzen dieser grundsätzlich offenen Gattung weiter auslotet und dem Lehrgedicht durch die Verbindung elegischer und didaktischer Elemente seine persönliche Prägung gibt. Auch integriert er andere Lehrgedichte funktional in sein elegisch-didaktisches Hybrid-Projekt der Remedia amoris und ordnet diese seinem eigenen Werk unter. Mit den Instruktionen dazu, wie man sich von unglücklicher Liebe lösen kann, ist zugleich auch die Demontage der Gattung Elegie und ihrer Regeln (dies stellt Contes [1989] zentrale These dar) verbunden, wobei aber die in der Form und metrisch-rhythmischen Gestaltung inhärenten elegischen ‚Obertöne‘ die Ernsthaftigkeit einer Absage an diese Welt konterkarieren. Der letztgenannte Aspekt, der durch einen Forschungskonsens bereits bestätigt ist und so auch in dieser Arbeit referiert werden soll, sei an das Ende des Kapitels gestellt.

Meine darauf folgenden Betrachtungen zu Ovids Referenzen auf Horaz und Catull (Kapitel 4.3) stehen im Kontext einer Analyse der (eroto-)jambischen und satirischen Elemente, die ebenfalls für das Programm der Heilmittel gegen die Liebe funktionalisiert werden. Dabei werden die parodistischen Rekurrenzen auf Horaz vorwiegend als Systemreferenz realisiert, wobei sie jedoch in konkreten intertextuellen Bezugnahmen auf Textpassagen und Motive begründet liegen. Dagegen stehen die Liebesgedichtzyklen des Catull’schen Œuvres als Einzeltextreferenz im Vordergrund. Ausgangspunkte für meine Schlussfolgerungen sind dabei zunächst die Anspielungen auf die Autosuggestionspassage in Horaz’ dritter Satire des ersten Buches und Ovids parodistischer Umgang mit dem moralphilosophischen vitium-Begriff sowie die karikierende Referenz auf die Existenz von Liebessklaven, wie sie Ovid bereits in sat. 2, 3 und 2, 7 begegnet sind. Dabei zeige ich, dass Ovid Horaz, insbesondere seine produktive Gattungsrevolution in den Bereichen Satire und Jambus, teilweise in Form einer ‚aemulatio Horatii‘ nachahmt und teilweise parodiert und so für die eigene ‚destruktive‘ Gattungsrevolution der Remedia nutzt. Denn auch der jambische Tonfall der Epoden und die lineare Entwicklung der Epoden-Persona stehen, wie ich denke, im Hintergrund der parodistischen Aufnahme in den Remedia.

Die parodistische Referenz auf das Verhalten der Epoden-Persona ist vergleichbar damit, wie Ovid mit dem Sprecher-Ich Catulls umgeht. Dabei ist die Bedeutung der Liebesgedichtzyklen um Lesbia und Juventius und das Verhalten des Catull’schen Ich für die Remedia jedoch insofern größer, als sich zeigen lässt, dass die erkennbare emotionale Entwicklung Catulls motivisch und strukturell grundlegend für den zweiten tractatio-Teil, die ars vitandi, ist. Denn Ovid zeigt parodistisch, wie Catull ein Negativbild ist, dessen Fehler man vermeiden muss, um nicht rückfällig in der Liebe zu werden – Catull demonstriert schließlich, wenn man die Carmina einer intentional naiven Lesart unterzieht und in der Reihenfolge ihrer narrativen Präsentation liest, dass er das Prinzip der emotionalen Indifferenz, das Ovid in der zweiten Remedia-Hälfte entfaltet, missachtet. Die sich im wiederkehrenden Motiv des Nebenbuhlers konstituierende ‚Rivalen-Klammer‘, die sich um diesen zweiten tractatio-Teil legt, gründet ebenfalls auf dem ‚Beziehungsnarrativ‘ Catulls und belegt zusätzlich die Bedeutung dieses Prätextes für die Remedia. Diese Beobachtungen liegen auch der Analyse konkreter lexikalischer Anspielungen auf Catull (insbesondere anhand des Verbs desinere und dominanter Wortfelder zu ‚sprechen und schweigen in Liebesangelegenheiten‘) zugrunde, die meiner Ansicht nach eine Bezeichnung des zweiten Remedia-Teil als ‚ars desinendi et tacendi‘ zulassen. Den Ausführungen stelle ich einen Überblick über die Gestaltung der jambischen Gattung bei Catull und eine detaillierte Betrachtung der Liebeszyklen voran. Mit meiner Klassifikation fünf emotionaler Stadien, die das Catull’sche Ich in der linearen Repräsentation der Carmina durchläuft und die für die Betrachtung der Sammlung als ‚Geschichten eines Rückfalls‘ wesentlich sind, leiste ich auch einen Beitrag zur Catull-Forschung. Eine einführende, zusammenfassende Darstellung von Ovids Bezugnahmen auf den früheren Dichter an anderen Stellen seines Werkes dient als zusätzliche Legitimation der Analyse von Catulls Einfluss.

Ich möchte meinen Ausführungen noch eine kurze Bemerkung zu meinem Gebrauch von Sprecher-, Persona- und Autorbegriff voranstellen, die teilweise moderner Erzähltheorie entnommen, aber auch auf Werke der Antike anwendbar sind,42 wobei dies in der Forschung aber nicht unumstritten ist.43 Wenn man über die Diegese in literarischen Werken spricht, wird im literaturwissenschaftlichen Diskurs ein Sprecher-Ich angesetzt, das als eine fiktionale Figur innerhalb des aufgespannten literarischen Raumes, innerhalb der intradiegetischen Welt agiert, spricht etc. Die erzählte Welt wird dabei von einem extradiegetischen Erzähler konstituiert, der nicht mit dem historischen Autor gleichzusetzen, sondern eine literarische Persona ist; so erschafft etwa die ovidische Persona die Remedia amoris und nicht der 43 v. Chr. geborene Dichter. In den Remedia wie auch der Ars tritt nun diese Persona als ‚Ich‘ sagende Figur, als Lehrer im Liebeskurs, als magister/praeceptor amoris bzw. sanitatis sichtbar auf. Aus Gründen der Praktikabilität werde ich, etwa auch um bei Detailanalysen eine unnötige terminologische Verkomplizierung zu vermeiden, in folgender Arbeit die Begriffe Sprecher(-Ich), Persona44 und Autorname – Ovid oder auch Lukrez, Catull, Horaz etc. – synonym verwenden, zumal dies in der anglophonen Forschung in der Regel problemlos praktiziert wird.45 Wenn ich den Namen des Autors verwende, beabsichtige ich also keine Gleichsetzung mit der historischen Figur (was ich, in Anbetracht der lange autobiographischen Lesart der Gedichte Catulls und der steten Versuche, Lesbia mit Clodia zu identifizieren, als einen für Catull besonders wichtigen Hinweis erachte); ist bei einer Nennung tatsächlich die Autorfigur gemeint, ist dies explizit markiert. Denn trotz der grundlegenden Trennung von historischer und literarischer Ebene können in diesen antiken Werken auch Realitätsreferenzen möglich sein. In manchen Fällen sind diese sogar wahrscheinlich. In den Epoden etwa, die auch vor dem Hintergrund der Schlacht von Actium geschrieben wurden, kann es zu einer Übereinstimmung von fiktivem Sprecher-Ich und realhistorischem Autor kommen; eine Trennung ist nicht immer sicher bestimmbar oder sinnvoll, etwa wenn bestimmte Passagen oder Texte bewusst mit autobiographischen Angaben aufgeladen sind. So gibt es auch Stimmen, die in den Remedia in der Passage des Literaturexkurses eine Äußerung des Autors Ovid hören.46 Denn es können sich auch in der fiktiven Persona nur vereinzelte, implizierte Referenzen auf autobiographische Aspekte oder Spiegelungen der historischen Realität finden. Bei der Betrachtung der Remedia als literarischer Parodie von Prätexten und Gattungstraditionen, auf die intertextuell Bezug genommen wird, und bei der Analyse der praecepta, die durch die instruierende Persona präsentiert werden, geht es mir jedoch nicht um die reale Figur Ovid und Fragen etwa nach historischen und politischen Implikationen. In dieser Arbeit bleibe ich in der Welt der Literatur und bei ihren Gesetzen, die in den Remedia unter Rückgriff auf andere Intertexte produktiv verhandelt werden.

2 Der Aufbau der Remedia amoris

Eine detaillierte und strukturierte Inhaltsangabe und Skizze des Aufbaus liefert bereits Hans Joachim Geisler in seinem Kommentar zur ersten Hälfte der Remedia (1969); seine Analyse wurde durch andere Kommentatoren sowie Barbara Weiden Boyd modifiziert und erweitert,1 weswegen hier nur die Grundzüge der Werkkonzeption angeführt und die bisherigen Forschungsergebnisse mit eigenen Beobachtungen ergänzt werden.

Ein zweigeteiltes Proöm und ein vier Verse umfassender Epilog rahmen die eigentliche, wiederum zweigeteilte tractatio, der eine kurze Erörterung zum richtigen Zeitpunkt für die Heilung vorangeht. Im Dialog mit Amor (V. 1–40) verteidigt die Persona zunächst ihr literarisches Vorhaben, unglücklich Verliebten Hilfe anzubieten (vgl. V. 15f.). Wenngleich die Remedia angeben, an beide Geschlechter gerichtet zu sein (vgl. sed, quaecumque uiris, uobis quoque dicta, puellae, / credite: diuersis partibus arma damus, V. 49f.), liegt der Fokus doch klar auf der Hilfe für Männer.2 Den zweiten Abschnitt, in dem Ovid in Fortführung der Ars amatoria die Rolle des praeceptor einnimmt, kann man als „Lehrgedichts“-Teil des Proöms (V. 41–78)3 bezeichnen. Er endet mit einer Anrufung des Heilgottes Apoll und einer Selbstcharakterisierung der Persona als uates und medens, was auf die Weisungen vorbereitet, die Passagen in medizinischen Schriften4 und philosophischer Konsolationsliteratur zur Heilung von Leidenschaften entsprechen.

Dadurch, dass Ovid zu Beginn der Remedia5 Amor auftreten lässt, verknüpft er dieses Werk mit den Amores, in deren erstem Gedicht ebenso eine Interaktion zwischen Dichter und Amor beschrieben wird,6 und der Ars amatoria, da sich in Buch 1 die Persona zum praeceptor Amoris (ars 1, 17), des Liebesgottes, erhebt. Somit stellt Ovid sein gesamtes elegisches Œuvre in eine gemeinsame Traditionslinie,7 wobei die graduelle Entfernung von der Grammatik der subjektiven Liebeselegie, die bereits in den Amores in brüchiger Form erscheint,8 in den Remedia, welche die elegische Gattung letztlich demontieren,9 ihr Ziel erreicht: Wenn Ovid am Ende seiner Elegiesammlung versucht, sich von der Liebe zu Corinna zu lösen (vgl. am. 3, 11), und schließlich im Vorschlussgedicht der Sammlung seine puella dazu aufruft, ihm elegische Qualen zu ersparen und ihn wenigstens anzulügen, wenn sie ihn mit einem Rivalen betrügt (vgl. am. 3, 14, u. a. 1f.),10 bereitet er die Remedia amoris indirekt schon vor. Denn „[i]m Endstadium ist der amator ein Fall für den medicus“11 im Fachbereich der Liebesheilung. Die an Horaz’ Finale seiner ersten Odensammlung (Exegi monumentum aere perennius, carm. 3, 30, 1) erinnernde Formel hoc opus exegi (rem. 811) setzt einen Schlusspunkt unter Ovids elegische Dichtung.12 Dabei zeigt sich ein anderer Aspekt der Demontage auch in der Verschiebung der Metaphorik. Anstatt wie Horaz im Rahmen seiner Unsterblichkeits­topik eine Bronzestatue13 zu evozieren, welche – trotz ihrer Materialität – dem vollendeten literarischen monumentum nicht an Beständigkeit gleichkommen kann, setzt Ovid sein opus in traditioneller Weise mit einem Schiff gleich,14 das nach der langen poetischen Reise seinen Hafen erreicht hat, und verlangt von seinen Schülern Kranzopfer für die gute Fahrt und die Heilung (vgl. rem. 811f.). Indem Ovid Horaz’ Sphragis15 lexikalisch und somit intertextuell aufruft,16 den Fokus jedoch verändert und das feste Metall durch das trotz seiner momentanen ‚fatigatio‘ mit Schnelligkeit und Beweglichkeit assoziierte Schiff ersetzt, verweist er auf sein Verfahren der intertextuell-parodistischen Transformation. Dieses charakterisiert, wie in den Kapiteln 4.3.1.1–4.3.1.3 erörtert, auch Ovids Umgang mit den horazischen Prätexten im Allgemeinen; konkret könnte man die Verschiebung der Metaphorik an dieser Stelle als Kontrafaktur bezeichnen.17 Ovid verabschiedet sich also in scheinbar horazischer, jedoch künstlerisch produktiv verwandelter Manier und vertraut sein Werk alias Schiff den durch seinen Lehrgang geheilten Schülerinnen und Schülern an (vgl. rem. 811–814).

Im ersten Vers der beiden Schlussdisticha der Remedia, die das Ende der elegischen Traditionslinie Ovids markieren, manifestiert sich ein weiterer Aspekt, der typisch für die Gestaltung dieses opus ist: Wenn die Lehrer-Persona im Anschluss an den Verweis auf Horaz die Bekränzung des ‚Buch-Schiffes‘ fordert, rekurriert Ovid gleichzeitig auf den liebeselegischen Topos des Paraklausithyrons, das meist von der Bekränzung des Türpfostens am Eingang zum Haus der puella begleitet wird; die Junktur date serta alcui rei (carinae in rem. 811) kann als eine intertextuelle Anbindung an Formulierungen der römischen Liebeselegiker gewertet werden (vgl. z. B. Tib. 1, 2, 14).18 Ovid beschreibt zu Beginn der Remedia den Akt des servitium amoris selbst: effice nocturna frangatur ianua rixa / et tegat ornatas multa corona fores (V. 31f.). Das heißt: Am Ende seiner Tetralogie, die mit der Heilung (vgl. V. 814) der leidenden Rezipienten schließt, fordert der Lehrer seine Schüler zu einer Handlung im Stil der elegisch Liebenden auf, die sie sozusagen wieder zur Ausgangsposition zurückführt; durch die elegischen Obertöne der intertextuellen Referenz wird der Heilungseffekt also gleichzeitig zunichtegemacht. Darin äußert sich die paradox anmutende Doppelnatur der Remedia, die zwar vordergründig eine Lösung von unglücklicher Liebe propagieren, durch ihre Anspielungen aber immer wieder auf die Sphäre der Liebeselegie, von der sie eigentlich Abstand nehmen, verweisen; die mehrdeutige Referentialität Ovids zu interpretieren, ist ein Ziel dieser Arbeit. Festzuhalten ist an diesem Punkt, dass in der Schlusspassage V. 811–814 wesentliche Merkmale der Remedia im Allgemeinen pointiert zum Ausdruck kommen: die intertextuelle Anspielung auf Horaz, der implizite Verweis auf die eigene ovidisch-transformierende Schreibweise, die Rekurrenz auf die Gattung Liebeselegie und die gleichzeitige Darstellung der Grundintentionen und -probleme, die mit dem Heilungsprogramm der Remedia einhergehen.

Trotz der mehrschichtigen Anspielungen des Endes markieren die genannten Metaphern deutlich das Ende des Lehrgangs, das die in Ovids Werkchronologie erkennbare Sequenz der Gattungsstufen fortführt. Die stufenweise Weiterentwicklung von Ovids elegischem Schaffen ist auch zu berücksichtigen, wenn man das Verhältnis zur Ars, wie es sowohl im Dialog-, als auch im Lehrgedichtsproöm19 der Remedia Ausdruck findet, näher beschreibt. Die Remedia sind keine Palinodie der Ars,20 sondern vielmehr eine notwendige Ergänzung und Erweiterung. Denn es geht, wie Katharina Volk betont, nicht darum, dass die Lehren der Ars, also die Anleitung für erfolgreiches Werben um ein Mädchen, rückgängig gemacht werden, sondern darum, die destruktiven Kräfte von amor als emotionaler Kraft zu beseitigen.21 Zudem liegt der Schwerpunkt in der Liebeskunst darauf, wie man bei jemand anderem Liebe hervorrufen kann, während die Remedia einen Schüler inszenieren, der sich selbst von unerwünschter Liebe befreien will.22

Die Ars amatoria wird dabei nicht nur nicht zurückgenommen, sondern ist selbstverständlich als Intertext zu berücksichtigen, da der praeceptor davon ausgeht, dass die Leser der Ars und der Remedia dieselben sind:


discite sanari per quem didicistis amare;
una manus uobis uulnus opemque feret.
[…]
Naso legendus erat tum cum didicistis amare;
idem nunc uobis Naso legendus erit. (V. 43f.; 71f.)

Des Weiteren stilisiert sich die ovidische Persona zum Meister, der bei allen Belangen der Liebe zu Rate gezogen werden muss und deshalb einerseits als Lehrer der Ars Liebe verursachen und andererseits als Heiler der Liebeswunde in den Remedia gleichermaßen Autorität für sich beanspruchen kann. Dafür greift er in einem Analogieschluss auf das Telephus-Paradigma (vgl. V. 47f.) zurück: So, wie Telephus nach der Verwundung durch Achill nur durch die Berührung mit dessen Lanzenspitze geheilt werden kann, soll sich der Schüler der Remedia auf den ihm wohlvertrauten Lehrer verlassen.23

Zurück zum Aufbau: Der Hauptteil der tractatio gliedert sich in zwei Vorschriften-Gruppen. Die erste besteht vor allem aus Hinweisen auf aktives Tun, mit dem eine akute Liebesleidenschaft behandelt werden kann: Reise, betätige dich juristisch, schlafe mit anderen Mädchen, habe Sex bis zum Überdruss etc. (vgl. V. 135–608); die zweite aus Ratschlägen, was man meiden sollte, um Rückfälle zu verhindern: Meide in Zukunft die Gesellschaft Verliebter, meide Liebesdichter oder Musik, denke nicht mehr an deine Geliebte und ihre Briefe, vermeide Hass (vgl. V. 609–810). Jeweils in der Mitte der ‚ars agendi‘ und der ‚ars vitandi‘24, also der Kunst, durch Handeln bzw. durch das Meiden bestimmter Tätigkeiten den Heilungsprozess zu beschleunigen,25 durchbrechen zwei Exkurse die Reihe der Instruktionen, wodurch eine strukturelle Symmetrie innerhalb des Hauptteils entsteht. Während Ovid in V. 361–396 in der Tradition kallimacheischer Polemik26 die Musa proterua seiner elegischen Dichtung rechtfertigt – es handelt sich dabei um den einzigen expliziten poetologischen Exkurs innerhalb seines elegischen Œuvres –,27 bestätigt er in V. 699–706 seine affirmative Haltung gegenüber Amor,28 weil er nicht gewaltsam gegen ihn vorgeht, sondern durch Beratung heilt, und wendet sich in einer erneuten Apostrophe an Apoll als Heilgott.

Der ‚Therapie‘ wird noch die Frage nach dem geeigneten Zeitpunkt vorangestellt, was mit Blick auf die passende Zeit für Erntearbeiten in Hesiods ἔργα καὶ ἡμέραι als strukturelles Signal für das Lehrgedicht zu werten ist. Auf die beiden Alternativen ‚Wehre den Anfängen‘ und ‚Warte, bis sich ein im Lauf befindlicher Liebesfuror von selbst erschöpft‘ entfallen dabei je 28 Verse (vgl. V. 79–134). Ein Aspekt dieser zeitlichen Differenzierung dürfte dem Leser der Remedia bereits aus der thematisch vielfältigen Konsolationsliteratur und philosophisch-seelentherapeutischen Schriften29 sowie aus medizinischer Literatur30 bekannt sein. So referiert Cicero – als Beispiel für die zweite Variante – in Buch 4 der Tusculanae disputationes Chrysipps Verbot, recentis quasi tumores animi (Cic. Tusc. 4, 63) zu behandeln, bevor er sich explizit zu remedia gegen den Affekt der Liebe äußert.31 Auch in Lukrez’ Lehrgedicht wird nach dem „καιρός“32 für eine mögliche Befreiung aus dem unerwünschten Zustand, in den Fesseln der Liebe gefangen zu sein (vgl. Lucr. 4, 1146–1148), gefragt:33


[…] ut melius uigilare sit ante,
qua docui ratione, cauereque ne inliciaris.
[…]
et tamen implicitus quoque possis inque peditus
effugere infestum, nisi tute tibi obuius obstes (Lucr. 4, 1144b–1150).

3 Der literaturtheoretische Rahmen

Im folgenden Methodenkapitel wird der theoretische Rahmen für die Analyse der Remedia amoris und ihrer produktiv-reorganisierenden Rezeption literarischer Gattungen und Prätexte erläutert. Dabei bewege ich mich im weiten Feld der Intertextualitätsdiskurse, die seit ihrer Begründung zahlreiche terminologische Differenzierungen erfahren haben und auch zu einem in der klassischen Philologie etablierten1 Messinstrument für die Beziehungen zwischen Texten geworden sind. Meine Absicht ist es nicht, alle Forschungspositionen zu referieren oder darüber hinaus eine neue Definition auf theoretischer Ebene zu liefern. Vielmehr geht es darum – unter besonderem Rückbezug auf die m. E. grundlegenden Thesen Broichs und Pfisters (1985) sowie die neueren, antike-spezifischen Studien von Stephen Hinds (1998) und Lowell Edmunds (2001) –, einen praktikablen Arbeitsbegriff von Intertextualität zu verwenden, der sich für die Analyse lateinischer und griechischer Texte einsetzen lässt, ohne dass dabei anachronistische Überblendungen und eine die historische Situierung der Texte missachtende ‚Theorietreue‘ den Blick für die literarischen Strukturen der Remedia amoris trüben. Das darauf aufbauende und von mir entwickelte Visualisierungsmodell (die Pyramidenstruktur der Intertextualität) steht ebenfalls im Dienst der praktischen Analysearbeit.

Es erscheint mir auch sinnvoll, mit Definitionen zum Konzept der Intertextualität zu beginnen, weil der Terminus der Parodie, der für Ovids Umgang mit literarischen Traditionen wesentlich ist, in das Intertextualitätssystem integriert werden kann. Dieser Ansatz, Überlegungen zu Intertextualität und auch Parodie der Textarbeit voranzustellen, ist nicht neu – bereits Marion Steudel (1992) hat ihrer Untersuchung der Ars amatoria diese Perspektiven zugrunde gelegt und auch Edmunds (2001) zeigt in seiner allgemeinen Intertextualitätstheorie, dass die Parodie ein Weg ist, durch welchen der Kontext eines Bezugstextes aufgerufen werden kann.2 Mein Ziel ist es, beide Termini bzw. Konzepte in ihrer Verbindung zu betrachten3 und dabei, anders als Steudel, die antike Fundierung des Parodiebegriffs, wie sie besonders Rose in ihren Studien herausgearbeitet hat, zu berücksichtigen.4 Dabei distanziere ich mich, wie auch schon beim Intertextualitätsbegriff, von modernen, häufig reduktionistischen und mit dem antiken Verständnis nicht übereinstimmenden, Sichtweisen auf die Parodie und schaffe dadurch eine Ausgangsbasis für die philologische Untersuchung der Remedia amoris.

3.1 Ein Intertextualitätskonzept für philologische Heuristik

Im 1985 erschienenen Sammelband „Intertextualität. Formen, Funktionen, anglistische Fallstudien“ gibt Pfister einen konzisen und umfassenden Forschungsbericht über die Genese und Weiterentwicklung des Konzeptes Intertextualität, an den er Überlegungen zu einem heuristisch nutzbaren Intertextualitätsbegriff anschließt.1

Während der Terminus selbst von Julia Kristeva in den 1960er Jahren2 maßgeblich geprägt wurde, hat er seinen Ausgangspunkt bei Michail Bachtins Definition der „Dialogizität“3 (im Rahmen seiner Dichotomie von Monologizität und Dialogizität), der sowohl eine kulturgeschichtliche/-philosophische als auch eine sprachbezogene Dimension eignet;4 sie ist bei ihm also noch nicht als ein rein literarisches Phänomen zu betrachten.5 Bei Kristeva findet sich in Anknüpfung an und in abgrenzender Fortführung von Bachtin eine erste konkrete Definition des Begriffs Intertextualität, da sie festhält, dass ein Text als „Mosaik von Zitaten“ zu verstehen sei.6 Sie operiert zudem mit einem „total entgrenzte[n] Textbegriff“, unter den sie „jedes kulturelle System und jede kulturelle Struktur“ subsumiert.7 Diese Art von Intertextualität macht alles zu einem lesbaren Text und damit auch alles zu einem intertextuell durchdrungenen Textgewebe.8

In den auf diese Etablierung des Begriffs folgenden Jahrzehnten, in denen sich Kristeva selbst von ihrem Konzept entfernte,9 erfuhr der Intertextualitätsbegriff zahlreiche Modifizierungen, die sich zwischen den Ex­tremen des sehr weiten, poststrukturalistischen und eines engeren, strukturalistischen oder hermeneutischen Verständnisses, „in [dem] der Begriff der Intertextualität auf bewußte, intendierte und markierte Bezüge zwischen einem Text und vorliegenden Texten oder Textgruppen eingeengt wird“10, bewegen. Pfister versucht, einen ‚Weg der Mitte‘ zwischen den beiden Polen zu gehen, indem er einen eigenen Kriterienkatalog „zur Skalierung von Intertextualität […] [und] zur typologischen Differenzierung unterschiedlicher intertextueller Bezüge“11 definiert. Dabei unterscheidet er von den quantitativen Kriterien, welche die Bedeutung von intertextuellen Phänomenen an der numerischen Häufigkeit festmachen,12 sechs qualitative Kriterien. Während die Referentialität (1) die Intensität bezeichnet, mit der sich ein Text ‚aktiv‘ auf einen anderen bezieht, bezeichnet die Kommunikativität (2) den „Grad der Bewußtheit des intertextuellen Bezugs beim Autor wie beim Rezipienten“.13 Beide Aspekte finden sich, wenn man sie auf die Remedia bezieht, beispielsweise in den bereits zitierten Versen 43f. und 71f.: So spricht die ovidische Persona an diesen Stellen direkt an, dass die Kenntnis der Ars beim Leser vorausgesetzt wird.

Ein solches Kommunikativitäts-Merkmal, welches das Subjekt nicht nur beim Lese-, sondern auch beim Schreibprozess in den Mittelpunkt stellt, tritt aber grundsätzlich in Konflikt mit Textuntersuchungsverfahren, die Vermutungen zur Intentionalität eines (historischen) Autors – auch wegen der Unmöglichkeit einer heuristisch gesicherten Aussage – nicht zulassen und sich auf Erkenntnisse, die beim Lektüreprozess gewonnen werden, beschränken.14 Der Nutzen dieses Ansatzes besteht aber darin, dass man intertextuelle Beobachtungen so nicht einer gewissen Beliebigkeit und Willkür anheimgibt und dass Untersuchungen so nicht zur bloßen Suche nach Parallelstellen werden.

Auch Broich geht von bestimmten Markern als „Intertextualitätssignale[n]“15 aus, die auf beabsichtigte, messbare und für den neuen Text relevante und bedeutsame Intertexte hinweisen können, wobei er aber auch die Rolle des Rezipienten und seine Wahrnehmungsfähigkeit berücksichtigt:16 Marker liegen etwa vor, wenn andere literarische Texte „physisc[h]“ oder in Gesprächen o. ä. Gegenstand eines anderen Textes werden oder Figuren aus anderen Texten „leibhaftig auftreten“ („Markierung im inneren Kommunikationssystem“).17 Häufig finden sich aber die Formen von Markern, die in Verbindung mit Pfisters Kommunikationskriterium stehen und die auch für die intertextuelle Untersuchung der Remedia amoris bedeutsam sind, wenn nämlich nicht die Figuren innerhalb eines Werkes, sondern die Rezipienten des Textes die Anspielungen wahrnehmen. Beispielhafte Marker hierfür sind Zitate, explizite Nennung einer Quelle in Fußnoten, die Übernahme eines Titels oder Untertitels im Fall von Parodien oder Travestien, die Adaption von Mottos, Vor- und Nachworten („Markierung in Nebentexten“)18 sowie das Zitieren und Anspielen auf Namen, Stillagen, Handlungen o. ä. nicht in Paratexten, sondern im Haupttext selbst („Markierung im äußeren Kommunikationssystem“).19 Als Markierung im Haupttext kann, wenn man die Terminologie auf Ovids Werke und andere antike Texte anwendet, etwa die transformierende Übernahme des horazischen Exegi monumentum-Bildes gelten, das Ovid als Schlusspunkt in seine Remedia übernimmt; dabei kann Ovid einen Leser annehmen, der diese Anspielung erfasst. Und wenngleich der Beginn von Amores 1, 1 (Arma graui numero) dem Motto nachgestellt ist, können die ersten Worte doch als programmatische Adaption der vergilischen Eposformulierung Arma uirumque cano (Aen. 1, 1) gelten und somit den Broich’schen Markierungstypen zugeordnet werden.

Über die genannten Aspekte der Referentialität und Kommunikativität hinaus definiert Pfister vier weitere Kriterien für die Skalierung von Intertextualität. Dazu zählen die Autoreflexivität (3), wenn also die Intertextualität selbst auf einer Metaebene innerhalb des Textes reflektiert wird, und die Strukturalität (4), welche die „syntagmatische Integration der Prätexte in den Text“ bezeichnet.20 Hierzu kann man m. E. etwa rechnen, dass die didaktische Strukturierung aus ἔργα καὶ ἡμέραι, des hesiodischen Archetyps, als Folie für Lehrgedichte im Allgemeinen und wie auch für Vergils Georgica für Ovids Remedia im Speziellen dient.21 Auch die Selektivität (5), welche beschreibt, wie „pointiert“ ein Prätext einbezogen wird, und letztlich die Dialogizität (6), der zufolge bei „stärker[er] […] semantischer und ideologischer Spannung“ zwischen Text und Prätext Intertextualität deutlicher erfahrbar wird, werden von Pfister angeführt.22 Besonders der letzte Aspekt verweist bereits darauf, dass die Parodie ein der Intertextualität verwandtes Phänomen ist, da eine Spannung, wie Pfister sie aufgebaut sieht, auch als Merkmal für parodierende Texte gelten kann.

Als prominenter Systematisierungsversuch ist zudem Gérard Genettes Ausdifferenzierung der „Transtextualität“ zu nennen.23 Dabei berücksichtigt er in seinen fünf Unterkategorien24 sowohl die Bezüge eines Textes auf einzelne Texte als auch diejenigen auf Genres, was als Unterscheidung von „Einzeltext- und Systemreferenz“ auch für Pfister und Broich bei der Beschreibung von Intertextualitätsphänomenen zentral ist. Denn die intertextuelle Referenz auf einen konkreten Prätext, sei es vom selben oder von einem anderen Autor,25 ist grundsätzlich vom Verweis auf ganze Gattungen, auf „Textkollektiva […] und sie strukturierenden textbildenden Systemen“26 zu unterscheiden, auch wenn beide Phänomene zugleich in einem Text präsent sein können. Diese Differenzierung ist für die aktive Textarbeit an Ovids Remedia ebenfalls wichtig, da ich die intertextuelle Bezugnahme Ovids auf einzelne Texte und dabei gleichzeitig auch auf Gattungsvorbilder, etwa diejenigen der (horazischen) Satire oder des Lehrgedichts im Allgemeinen, untersuche. Auch für die Frage, welche Mechanismen zur Konstituierung einer Gattung beitragen, können – je nach Perspektive einer literarischen Epoche – Überlegungen zur Intertextualität herangezogen werden. Wenngleich aus moderner Sicht Genres oft hauptsächlich auf „eine[m] Code, eine[m] Satz von Regeln und Konventionen, eine[r] Gattungsgrammatik“ basieren und keine „feingesponnene[n] Netze von Beziehungen“27 darstellen, ist die Bedeutung intertextueller Phänomene, wie Ulrich Suerbaum (1985) betont, stärker hervorzuheben. Im Rahmen seiner „[g]eneralisierende[n] Hypothesen“, die er für reihenbildende Detektivgeschichten formuliert, hält er fest, dass erst durch „lineare Intertextualität“, die Anknüpfung an eigene Texte sowie Werke fremder Autoren, oder auch „perspektivierende Intertextualität“, bei der es weniger um konkrete Zitate als um globale Referenzen auf ein ganzes ‚Textsystem‘ geht, Gattungen geschaffen würden.28 Dabei nähmen aber die Bedeutung und der Umfang der expliziten intertextuellen Bezüge auf Einzeltextebene ab, je weiter sich eine Gattung bereits etabliert habe.29

Wenngleich diese Hypothesen für Texte des 18. und 19. Jahrhunderts aufgestellt sind, lassen sie sich doch mit der antiken Sicht auf Gattungen und der Frage nach ihrer Konstituierung verknüpfen.30 Für grundsätzliche Überlegungen, was Gattungen überhaupt sind und welchen Problemen man bei einer allgemeingültigen Definition begegnet, kann ich exemplarisch auf Volks (2002) Monographie verweisen, in der sie die Themen Gattung im Allgemeinen und in der Antike sowie besonders die didaktische Poesie ausführlich erörtert.31 Ich referiere im Folgenden einige ihrer Beobachtungen hierzu knapp und gehe dabei auf die Verbindung von Intertextualität und Genre im Fall des Lehrgedichts, das einen der wichtigsten generischen Ankerpunkte der Remedia amoris ausmacht, ein.

Auch in der Antike gab es, wie Volk ausführt, ein Bewusstsein für literarische Gattungen, wenngleich diese oft mehr in einer „common sense“-Form verstanden und weniger intensiv theoretisch fundiert wurden.32 Dabei teilte man sie vor allem nach metrischen Gesichtspunkten ein; es gab aber auch Unterscheidungen nach dem Primat des Inhalts und des ‚Prototypen‘.33 Gattungs-Reflexionen fänden sich zudem in metapoetischen Textpassagen, welche die (Nicht-)Zugehörigkeit eines poetischen Textes zu bestimmten Genres thematisieren können,34 oder bei den Theoretikern Platon und Aristoteles35 (der anknüpfend an seinen Lehrer besonders stark formalistische Kriterien ablehnt).36 Am Beispiel der didaktischen Poesie offenbare sich dabei „[t]he difference between the communis opinio about genre and the methods of distinguishing different types of poetry employed by such theorists as Plato and Aristotle […]“37. Während durch die hexametrische Gestaltung allgemein eine Zuordnung zur Epik vorgenommen wurde, artikulierte, so Volk, Aristoteles – via negationis – insofern einen Unterschied zu dieser Gattung, als das Lehrgedicht nicht nur des Mimesis-Kriteriums für das Epos entbehre, sondern nicht einmal Poesie darstelle.38 Die sich hier bereits abzeichnende Wahrnehmung der didaktischen Poesie als einer eigenen Gattung erfuhr Konkretisierungen etwa im Tractatus Coislinianus, der „direkt auf Aristoteles reagiert“39, und später in Diomedes’ Ars grammatica (4./5. Jd. n. Chr.), die in der platonischen Tradition zu verorten ist.40

Sieht man von den spärlichen theoretischen Zeugnissen ab, kann man jedoch durch konkrete Textarbeit an didaktischen Werken ‚implizite Poetiken‘ herausarbeiten.41 Denn diese weisen, wie Volk zeigt, gemeinsame, für die Gattung Lehrgedicht als konstitutiv zu betrachtende Merkmale auf – „(1) explicit didactic intent; (2) teacher-student constellation; (3) poetic self-consciousness; and (4) poetic simultaneity“.42 Dass sich das didaktische Genre sukzessive aus einem „didactic mode“ heraus entwickelt hat43 und von Hesiod und Empedokles bis hin zu Manilius ein offensichtlich immer konkreteres Gefüge aus didaktischen Bausteinen aufzuweisen beginnt, bestätigt den von Suerbaum beschriebenen Intertextualitätsprozess einer Gattungsgenese im Allgemeinen. Im weiteren Sinne intertextuelle Prozesse spielten demnach auch für das Lehrgedicht als Genre eine wichtige Rolle.

Hier soll Intertextualität aber nicht zur Erklärung der Gattungsgenese eingesetzt werden, sondern zur Untersuchung, welchen Einfluss Gattungssysteme – auch in der Konkretisierung durch bestimmte Textkorpora – und Einzeltexte auf die Remedia amoris haben. Bevor ich meinen Arbeitsbegriff von Intertextualität konturiere, ergänze ich meine Ausführungen noch um die zentralen Ergebnisse der aufschlussreichen Studien von Hinds (1998) und Edmunds (2001), da sie ihre Ausführungen mit lateinischen Textstellen illustrieren und sich kritisch-reflektiert mit intertextuellen Theorien klassischer Philologen (etwa Barchiesis, Contes, Farrells, Thomas’) auseinandersetzen.44

Bei Hinds und Edmunds bilden zwei Themenbereiche einen Schwerpunkt, die Edmunds als die zwei grundlegenden Probleme der Intertextualitätsdiskurse sieht: Diese betreffen sowohl die Frage nach der Autorintentionalität – von Hinds als „fundamentalism“45 bezeichnet – und die Frage nach dem Status des Textes an sich als auch die Rolle, welche der Leser für die Konstitution des Textes spielt.46 Hinds versucht, was ihn mit Pfister vergleichbar macht, einen Mittelweg zu finden, der zwischen dem vielen Lesern intrinsischen Verlangen danach, vom Autor bewusst gesetzte Anspielungen zu entdecken, und einem weiten Begriff der Intertextualität zu verorten ist; letzterer besteht in einer Annäherung an den Bereich der „zero-interpretability“47, der praktisch aber kaum vorhanden sei48 und das Feld für weitere Beobachtungen zu bisher vernachlässigten Anspielungen öffne.49 Aus einer Erweiterung der Bezugstexte ergibt sich aber die Problematik, die darin besteht, dass die Unterscheidung von allusion, quasi ‚Einzeltextreferenzen‘, und Topoi, die eine „intertextual tradition as a collectivity“50 hervorrufen (Hinds bezieht sich auf Contes Gegenüberstellung von modello-esemplare und modello-codice),51 zwangsläufig verschwimmt.52 Hinds zeigt jedoch, dass ein Topos und eine Anspielung auf einen konkreten Text gleichzeitig möglich sein können53 – eine Beobachtung, die auch für Ovids intertextuelles Vorgehen zutreffend ist. So ruft Ovid bei seinen Hinweisen darauf, dass langes klagendes Sprechen über die Geliebte und mangelndes Schweigen zu vermeiden sei (siehe meine Ausführungen in Kapitel 4.3.2.4), den Topos „that an angry tongue is a proof of love“54 auf. Gleichzeitig spielt er aber in einer Allusion, einer markierten Einzeltextreferenz, auch auf Catull. 83 und 92 an, in denen die Verbindung aus dicere, tacere und mangelnder emotionaler Indifferenz paradigmatisch repräsentiert wird. Letztlich verbindet Hinds eine die Autorsubjektivität (und die Ausrichtung auf einen impliziten Leser) berücksichtigende mit der für ihn zentralen leserorientierten Perspektive, bei der durch den Akt der Rezeption erst die Bedeutung des Textes konstituiert wird.55 Für die Analyse der Remedia ist der auf den Leser ausgerichtete Ansatz beispielsweise insofern wichtig und anwendbar, als Ovid durch die intentional primär-naive Lesart der Lesbia- und Juventius-Zyklen die instabile Haltung der Catull’schen Persona sichtbar macht. In der Art, mit der diese Figur zu einem Negativbeispiel für die Schüler der Remedia wird, verleiht Ovid dem Intertext der Carmina somit neue Bedeutung.

Noch stärker auf den Leser ist Edmunds fixiert, der in ihm die Intertextualität überhaupt erst lokalisiert:56 Intertextuelle Anspielungen würden erst beim Lesen erschaffen, ohne dass sie vorher ‚a priori‘ bestünden oder eine „linguistische oder semiotische Basis“ hätten“57; es gebe also auch keine im Text zu lokalisierenden Marker.58 Auch wenn Edmunds grundsätzliche Autorintentionen, besonders in lateinischer Dichtung, nicht verneint, problematisiert er die Sicht, Anspielungen auf die Dichterfigur zurückzuführen.59 Vielmehr werde Intertextualität durch den Sprecher bzw. die Persona eines Gedichts „aktiviert“, und zwar im Leser selbst.60 Das Problem, das sein leserbasierter Ansatz mit sich bringt – so führe es zu Unsicherheit bei der Bestimmung intertextueller Bezüge –, löst Edmunds dadurch, dass er die Entscheidungshoheit über die „validity of a reading“ bei der zuständigen, kritischen „interpretive community“, bei lateinischer Dichtung den klassischen Philologen, sieht.61 Obwohl ich die Rolle des Lesers z. B. für die genannte Catullrezeption ebenfalls als wichtig erachte, erscheint mir Edmunds’ Position teils zu extrem. Denn die Referenz Ovids manifestiert sich deutlich in lexikalisch markierten Anspielungen, die zugleich einen überprüfbaren Beleg für den intertextuellen Bezug darstellen.

Edmunds’ Definition von Intertextualität besteht darin, dass sich in einem target text (T1) quotations62 (Q1, mit Q2 als Quelle) von Wörtern eines source text (T2) finden, wodurch der context des quoted text (C2) einen neuen context (C1) erhält.63 Es gebe drei Arten, auf die eine quotation (Q1) den Kontext des ursprünglichen Textes (C2) hervorrufen könne: Durch die Erweiterung des Kontextes in C1, durch eine „continuous relation between C1 and C2“ und durch Parodie, „in which T1 repeats or closely follows a particular T2“.64 In dieser Hinsicht ist Edmunds für meine Untersuchung wesentlich, da Parodie als intertextuelles Phänomen für Ovids Umgang mit Lukrez, Horaz und Catull in seinen Remedia amoris zentral ist.

Die moderne Intertextualitätstheorie ist jedoch nicht der einzige literaturtheoretische Rahmen für die Textarbeit. Da für die Beschreibung der Beziehung eines Textes zu Prätexten, auch für die Bezugnahme späterer Autoren auf Werke ihrer Vorgänger (etwa in der „Sukzessionsreihe Ennius – Lukrez – Vergil – Ovid – Lukan – Statius“)65 bereits Begriffe wie Imitation, Anspielung, Adaption und ae­mulatio etabliert sind,66 muss nach dem spezifischen Nutzen der Intertextualitätsforschung, die grundsätzlich mit diesen traditionellen philologischen Analyseinstrumentarien vereinbar ist, gefragt werden.67 Ihr Vorteil besteht nun darin, dass bestimmte Assoziationen mit den aus der antiken Rhetorik und Poetik überlieferten und angewandten68 Termini imitatio und aemulatio keine Gültigkeit haben. Denn sie implizieren in der Rezeption durch moderne Literaturkritik oft eine als vorbildlich geltende Textvorlage und können dazu führen, dass man literarische „Nachahmer“ tendentiell zu „Epigonen“69 herabsetzt, während bei der Intertextualitätsforschung verstärkt die Selbstständigkeit der Textproduktion und ihre neue Interpretation der bestehenden literarischen Tradition akzentuiert und untersucht werden.70 Dabei sollte man aber nicht vergessen, dass sich aus antiker Sicht Originalität und die formale und stoffliche Nachahmung mit folgender ‚nacheifernder Überbietung‘, die auf eine bewusst eigene Leistung verweist,71 nicht ausschließen.72 Römische Literaturproduktion fußte auch im Selbstverständnis der Zeit auf der „kreative[n] m[imesis] (imitatio) der Autoren“, bei der „schöpfendes Nacheifern […] bis zum Wettstreit gesteigert wird (aemulatio).“73 Die explizit in der Antike reflektierten Begriffe imitatio und aemulatio sind also insofern nicht zu übergehen, als sie fundamentale intertextuelle Phänomene beschreiben.74 Der modernere Begriff der Intertextualität denotiert dabei die Bezugnahme eines Textes auf einen anderen, oder sogar den Dialog, in den ein Text mit einem zweiten treten kann. Imitatio und aemulatio bezeichnen die konkreten Formen dieser Referenzen, etwa die (überbietende) Nachahmung einzelner Worte, Motive, Topoi, Strukturen etc.75 Die Ergänzung und Erweiterung der antiken Termini mit dem neueren literaturkritischen Begriff bringt – neben der grundsätzlichen ‚Offenheit‘ der Intertextualitätsforschung – zusätzlich den Vorteil, dass parodietheoretische Überlegungen in diese Forschungsperspektive eingegliedert werden können. Eine Arbeitsdefinition von Parodie ist meinen Ausführungen deshalb vorangestellt.

3.2 Parodie in der Antike und der modernen Literaturkritik

Als ‚neuere‘ und zugleich grundlegende Untersuchung parodistischer Verfahrensweisen kann Roses Monographie (1993) gelten, da Rose in ihrer diachronen Betrachtungsweise, die Texte und Konzepte von der Antike bis zur Gegenwart umfasst, die spezifische, historische Verankerung antiker Texte berücksichtigt.1 Die von ihr vorgeschlagene Begriffsbestimmung sei aber ergänzend mit den Parodiedefinitionen von Verweyen/Witting und Stocker abgeglichen, wobei ich vorab auf die grundsätzliche Übereinstimmung der Forscher hinweisen möchte.

Rose definiert Parodie allgemeingültig als „the comic refunctioning of preformed linguistic or artistic material“2, was sich auch mit den Ausführungen bei Verweyen/Witting deckt. Ihnen zufolge werden „charakteristische Merkmale eines Stils übernommen […], [damit] die jeweils gewählte(n) Vorlage(n) durch Komisierungsstrategien wie Unterfüllung und/oder Überfüllung herab[gesetzt werden]“3. Der Aspekt der Komik findet in Aussagen zeitgenössischer antiker Kritiker oder Scholiasten Bestätigung, da diese darauf hindeuten, dass parodistischen Texten grundsätzlich komische Effekte zugesprochen wurden und dass ‚schärfere‘ Formen des Humors wie „ridicule or mockery“ nur als Zusatzcharakteristika spezifischer Einzeltexte wahrgenommen worden seien.4 Der zweite Aspekt, die Umwandlung bestehenden sprachlichen Materials, beschreibt das Verhältnis des parodierenden Textes zu seinem Ausgangs- bzw. Zieltext, der quasi per definitionem Teil der Parodie und eng mit dieser verbunden ist.5 Dabei entstehe eine „comic incongruity“ zwischen Parodie und Original, wobei ein grundsätzlich ambivalentes Verhältnis zur Vorlage – Wertschätzung/Achtung des Ausgangstextes und gleichzeitig parodierende Erneuerung – zu erkennen sei, das je individuell von Kritik, von Sympathie oder kreativer Erweiterung geprägt sein könne.6 Wichtig ist Rose zufolge – worin ich ihr auch zustimme –, dass die Herabsetzung des parodierten Textes keineswegs als Prämisse für die Bezeichnung eines Textes als Parodie zu gelten habe. Damit verweist Rose auf moderne Reduktionen des Begriffs, denen zufolge Parodie in negativer Manier ein Typus des Burlesken sei, der destruktiven Charakter habe und mit Spott angereichert sei7 – also auf Verkürzungen, die in der Mehrdeutigkeit der Präposition παρά begründet liegen. Denn je nachdem, ob man παρά mit „nach dem Vorbild von“ oder „wider, im Gegensatz zu“ übersetzt, verschiebt sich die Bedeutung des terminus technicus, wie Verweyen/Witting betonen.8

Als Beispiel für die Verengung des Begriffs auf ein polemisches Verhältnis zwischen Parodie und Ausgangstext nennt Rose vor allem Michael Bachtin in dessen Fortführung von Ansätzen russischer Formalisten, die aufgrund ihrer Prominenz in (post-)moderner Rede über Parodie hier zumindest kurz zu berücksichtigen sind:9 Erachte Viktor Šklovskij die Parodie in einer „formalistischen Reduktion“ zunächst als „Verfremdungseffekt für das Aufdecken“10 künstlerischer Verfahrensweisen,11 trenne Jurij Tynjanov, radikaler als sein Vorgänger, das Element der Komik ganz vom Wesen der Parodie.12 Darüber hinaus bestimme er als „the very essence of parody […] its dual planes“, also die Ambiguität, die darin besteht, dass die Parodie den Zieltext schätzen und ihn gleichzeitig parodieren könne.13 Michail Bachtin wiederum beschreibt einen formalistischen und einen karnevalistischen Parodiebegriff, wobei er für ersteren komische Elemente nicht einmal erwähnt und hinter dem zweistimmigen Sprechen, wie man es in Stilisierung und Parodie finde,14 eine feindselige Haltung dem parodierten Text gegenüber sieht;15 zweiteren reduziert er, trotz der Berücksichtigung von Komik, auf das Burleske und Groteske.16 Neben der Fokussierung auf den Aspekt der Feindseligkeit und Destruktivität dem „target“-Text gegenüber – als Abbild der weitestgehend negativen modernen Perspektive auf die Parodie – ist im Hinblick auf Bachtin und die Formalisten, wie Rose treffend herausarbeitet, vor allem problematisch, dass sie den Status des parodierten Textes, der ja wegen der oben genannten Doppelstruktur der Parodie erhalten bleibt und notwendigerweise Teil der Parodie wird, nicht hinreichend berücksichtigten.17 Eben diese Einbeziehung des Ursprungstextes in die Parodie und die Frage nach dem spezifischen ‚Tonfall‘, der den Umgang mit dem Prätext charakterisiert, sind aber die Kriterien, die bei der bewussten Anspielung Ovids auf seinen literarischen Vorgänger mit im Zentrum stehen.

In diesem Punkt zeigt sich also die Verbindung parodie- und intertextualitätstheoretischer Diskurse:

Die literarische Parodie kann als ‚intertextuell‘ beschrieben werden; sie ist jedoch mehr als Intertextualität, weil sie die Nachahmung anderer Texte dazu benutzt, aus einer älteren zitierten oder nachgeahmten Vorlage und ihren veralteten Traditionen einen neuen – von dem nachgeahmten Werk differenzierten – Text durch die komische Umfunktionierung des alten Werkes zu schaffen.18

Parodie sei, so Rose weiter, wegen der „komische[n] Umfunktionierung“ vorgegebenen Textmaterials, als eine ‚Spezialform‘ der Intertextualität zu betrachten.19 Entsprechend definiert auch Stocker Parodie „im engen Sinn [als] eine spezifische literarische Schreibweise, die im wesentlichen durch zwei Merkmale gekennzeichnet ist: Sie ist (a) intertextuell auf eine Vorlage bezogen und (b) komisch.“20

Die Erkenntnis zum Zusammenhang zwischen Parodie und Komik einerseits und dialogischen Intertextualitätsphänomenen andererseits kann wiederum auf antike Überlegungen rückbezogen werden. Quintilian äußert sich im sechsten und im neunten Buch seiner institutio oratoria zur Parodie und führt zwei Begriffsbestimmungen und Einsatzmöglichkeiten von Parodie an: erstens im Kontext seiner Abhandlung zu Komik, Witz (urbanitas), welcher durch Umdichtung bzw. Umwandlung eines bekannten Verses entsteht, und Lachen in der Rede (inst. 6, 3); zweitens unter den Stilfiguren im Rahmen der elocutio (inst. 9, 2). Dabei wird das Phänomen der Parodie einmal umschrieben mit: seu ficti notis uersibus similes quae παρῳδία dicitur (inst. 6, 3, 97).21 Hier geht es also um den den Bezug auf vorgegebenes Wortmaterial. In inst. 9, 2 schreibt Quintilian zudem:

incipit esse quodam modo παρῳδή, quod nomen ductum a canticis ad aliorum similitudinem modulatis abusiue etiam in uersificationis ac sermonum imitatione seruatur (inst. 9, 2, 35).

Der Terminus wird also aus seiner ursprünglich engeren Anwendung auf das Epos, wie ihn Aristoteles für die Homerparodien des Hegemon oder Nikochares22 gebrauchte, und als Begriff für Rhapsoden in den Bereich der Prosa übertragen.23 Auch wenn der antike Rhetoriker nicht von ‚Intertextualität‘ spricht, beschreibt er dieses Phänomen doch im Wesentlichen. Die Themen Prosopopöie und fiktiver Dialog stellen dabei den Rahmen dar, in dem Quintilian die letztgenannte Äußerung zur Parodie tätigt.24 Und der Dialog eines Textes mit einem anderen und die Umfunktionierung bereits existierenden textuellen Materials, die Verbindung beider quintilianischer Parodieaspekte, kann schließlich mit dem modernen Begriff der Literaturkritik gleichgesetzt werden.

Das Ziel dieses Methodenkapitels ist die Etablierung eines für die Textarbeit ‚antike-kompatiblen‘ Arbeitsbegriffs von Intertextualität und Parodie. Die Verbindung zwischen beiden Phänomenen hervorzuheben und auch den Aspekt der Komik, der im antiken Verständnis des Begriffes fußt, zu exponieren, ist deshalb ein zentrales Anliegen. Ich denke, dass man bei der Analyse parodistischer Effekte die Suche nach einem gewissen intentionalen, absichtsvollen Moment, das beim Verfassen vorhanden war, nicht vermeiden kann.25 Den Aspekt der Autorintention für Intertextualitätsstudien zu nutzen, ist aber, wie Hinds und Edmunds demonstriert haben, äußerst problematisch. Ich beabsichtige auch nicht, einen forschungsgeschichtlichen Rückschritt zu machen und einer letztlich unerfüllbaren Suche nach der Absicht des Verfassers das Wort zu reden. Auch ich nehme in dieser Arbeit die Rolle des Lesers ein, der bei der Lektüre versucht, intertextuelle Referenzen wahrzunehmen, und diese beim Lektüreakt möglicherweise erst konstituiert. Das von Edmunds relativierte Problem der analytischen Beliebigkeit erachte ich jedoch als nicht unwichtig. Ich denke, dass eine die Grundkonzeption der antiken Remedia adäquat würdigende Analyse auch beachten sollte, welche Referenzen auf literarische Vorgänger durchaus bewusst von der ovidischen Dichter-Persona (Edmunds Kategorie „poet as persona“26 scheint mir hier am besten zu passen) im Text angelegt wurden und welche Entdeckungen vom antiken Leser erwartet und entschlüsselt werden konnten; eine Berücksichtigung der zeitgenössischen Produktions- und Rezeptionssituation sollte man nicht gänzlich übergehen. Damit beachte ich Pfisters Kommunikativitätsaspekt, den ich auch in Contes Definition des ‚reader-addressee‘, der als antizipierter Leser Teil des Textes ist, gespiegelt sehe.27 Dass nicht alles, was möglicherweise ‚intendiert‘ war, entdeckt wird und dass aber auch Erkenntnisse, die erst im modernen Rezeptionsakt gewonnen werden und deren Entstehung nicht beabsichtigt ist, vom Text unterstützt und im Leser bei der Rezeption aktiviert werden, sind dabei natürliche Konsequenzen und gleichermaßen mögliche Fälle von Intertextualität.

Das Intertextualitätskonzept, das ich aus der bestehenden Forschung gewinne, lässt sich folgendermaßen konturieren: So erachte ich die wörtlichen, paraphrasierten oder kontextuellen und konzeptuellen Referenzen auf Einzeltexte und auch auf Systeme (etwa Gattungen, Untergattungen, bestimmte Topoi etc.), die aufgrund von metapoetischen Reflexionen, Zitaten, ‚Pointiertheit‘ o. ä. markiert sind und so legitim als intertextuelle Referenz interpretiert werden können, als grundlegend für intertextuelle Bezugnahmen. Dabei ist aber auch die Wahrnehmung durch den Leser entscheidend.

Wenngleich ich somit keinen eigenen Intertextualitätsbegriff entwickle, leiste ich mit dem von mir entwickelten Modell einen eigenen Beitrag zur Analyse intertextueller Bezüge: Die ‚Pyramidenstruktur der Intertextualität‘ repräsentiert ausgehend von einem fokussierten Text die systematische intertextuelle Bezugnahme auf mehrere Texte und Gattungen. Dabei handelt es sich um ein Visualisierungsmodell, dessen Vorteil darin liegt, dass es eine funktional perspektivierte hierarchische Struktur bei der Intertextualitätsanalyse veranschaulicht. Grundsätzlich hat es zudem das Potenzial, nicht nur für die Untersuchung der Remedia amoris, sondern auch für andere Intertextualitätsstudien eingesetzt zu werden.

3.3 Ein Visualisierungsmodell: Die Pyramidenstruktur der Intertextualität

In der klassischen Philologie finden sich verschiedene Termini, mit denen ‚Intertextualitätsgefüge‘ abstrahiert beschrieben werden. So ist in der anglophonen Forschung des Öfteren von einer „window reference“ die Rede, wenn ein Text A, vermittelt durch einen auf Text C anspielenden Text B, auf C rekurriert1 – was für die Fälle, in denen es um die diachron-mehrstufige Rückführung zu einem Ursprungstext geht, hilfreich ist. Janka (2013) analysiert wiederum, als Erweiterung eines häufig zu findenden „binären [Modells] zum triangulären Modell“2 „Dreiecksbeziehungen zwischen Texten“3 und spricht so von „Intertextualitätsdreiecken“4. Ich erachte dieses Bild und den damit einhergehenden Rückgriff auf geometrische Metaphorik als grundsätzlich hilfreich für Untersuchungen, wenn ein Text gleichzeitig auf zwei Intertexte rekurriert oder aber Vorbild für zwei andere Texte darstellt und drei Texte miteinander „in einen vielschichtigen Dialog treten“5. Doch werden meiner Meinung nach dabei hierarchische Strukturen im Intertextualitätsgefüge, die im Gespräch über Intertextualität dadurch entstehen können, dass man einen Text zur Beobachtungsgrundlage erklärt und von dort ausgehend die Beziehung zu anderen Prätexten untersucht, teils missachtet. Zudem wird die Referentialität auf eine Dreieckskonstellation beschränkt, was in Einzelfällen zutreffend sein mag, dem komplexen Intertextualitätsgefüge besonders von Ovids Texten jedoch oft nicht gerecht wird.

Ich schlage daher vor, eine andere geometrische Figur als anschauliches Modell für „Text-Text-“ und „Text-Gattungs-Beziehungen“6 zu verwenden: die Pyramide, deren Grundfläche ein Polygon darstellt. An ihrer Spitze steht der Text, der sich im Zentrum der Analyse befindet, in diesem Fall Ovids Remedia amoris. Die Grundfläche in Form eines veränderbaren Polygons ist Teil der Ebene, auf der die in der zeitlichen Chronologie vorausgehenden Intertexte anzuordnen sind; diese stellen die Eckpunkte dar. Die Kanten, welche die Spitze mit den Eckpunkten des Polygons verbinden, symbolisieren die Verbindungen, welche die Remedia mit anderen Texten eingehen, d. h. den intertextuellen Verweis; Pfeile sollen dabei die Richtung der Bezugnahme kennzeichnen.7 Diese gehen grundsätzlich von der Spitze aus und ‚treffen auf‘ die Eckpunkte, da eine solche Beziehung aktiv und bewusst hergestellt ist. Doch auch auf der Grundebene können sich diese Pfeile finden, wenn etwa ein Intertext der Remedia amoris wiederum selbst in einer intertextuellen Beziehung zu einem anderen Text steht. Die bereits erwähnten, ja durchaus möglichen, Dreiecksbeziehungen lassen sich weiterhin darstellen, allerdings durch die Höhenstruktur hierarchisch geformt. Anschaulich gesprochen konstituieren sie eine der Seiten- und Schnittflächen8 der Pyramide (siehe das allgemeine Strukturmodell in Abbildung 1). Die Entstehung dieser Flächen führt mich zur zweiten Form der Intertextualität: Ging es bisher um die Visualisierung von Einzeltextreferenzen, lassen sich durch diese Flächen Systemreferenzen darstellen, nämlich dann, wenn alle an der Flächenkonstituierung beteiligten ‚Punkte‘/Texte dieselbe literarische Gattung vertreten. Es öffnet sich dadurch sozusagen das Gattungsfeld bzw. eine Gattungsebene, die zwischen diesen Punkten aufgespannt ist.9 Eine solche Vorstellung entspricht der Sicht auf literarische Gattungen vor allem dann, wenn man davon ausgeht, dass die Entstehung von Genres nicht, oder auch nicht nur, aus der präskriptiven Festsetzung eines Regelsets an Gattungselementen besteht, sondern dass sich Gattungen durch Fortentwicklungen bestehender Motive und intertextuelle Bezugnahmen im Lauf der Zeit konstituieren.10 Aussagen zu Gattungen möchte ich aber nicht auf diese Flächen beschränken, da es möglich ist, dass etwa in einzelnen satirischen Texten didaktische Gattungselemente integriert sind und auf produktive Weise verhandelt werden (z. B. in Hor. sat. 1, 2) oder ein Text allein schon Vertreter einer Gattung sein kann. Als Beispiel sei kurz Ovids Bezug auf jambische Traditionen genannt. In den Remedia amoris finden sich etwa unterschiedliche, teils gleichzeitige, Bezüge auf sowohl Catull als auch Horaz, also auf zentrale Repräsentanten dieser Gattung – wobei Horaz wiederum selbst auf den Jambiker Catull rekurriert (siehe das markierte Dreieck zur Beziehung zwischen Catull, den Epoden und den Remedia in Abbildung 2).11 Hier lässt sich sowohl die Beziehung zu den Einzeltexten untersuchen als auch der Frage nachgehen, welchen Anteil die Remedia an der jambischen Gattung, die durch diese lateinischen Dichter vermittelt wird und dabei weiterhin auf griechischen Traditionen fußt, haben.

Die Eckzahl der Grundfläche ist grundsätzlich variabel und je nach Zahl der Intertexte bzw. Autoren beliebig erweiterbar. Bei der Betrachtung eines so anspielungsreichen Textes wie der Remedia hat diese Flexibilität der dreidimensionalen Figur den Vorteil, dass sich alle Bezüge gleichzeitig abbilden lassen und das Modell nicht darauf beschränkt ist, nur die Referenzen auf einen oder zwei weitere Texte und Gattungen zu visualisieren. Gibt es etwa eine Beziehung zwischen vier Texten, beispielsweise zwischen Vergils Georgica, Lukrez’ De rerum natura, Ovids Ars amatoria und den Remedia amoris im Fall der ‚Sex-praecepta‘ (vgl. rem. 357–360 und 397–418),12 lassen sich die drei entstehenden Dreiecksflächen zu einem Vieleck verbinden, wobei jede der Kanten eine intertextuelle Beziehung, auch zwischen den einzelnen ovidischen Prätexten, bezeichnen kann, aber nicht muss (siehe die markierten Flächen in Abbildung 3). Geht man von einer Beziehung zwischen vier Texten aus, ergeben die aneinandergefügten Dreiecke ein Fünfeck, wenn man diese Figuren aus der dreidimensionalen Pyramide in die zweidimensionale Ebene überführt und alle Bezugskanten gleichzeitig darstellen möchte (siehe das Intertextualitätsvieleck in Abbildung 4). Um beim genannten Beispiel zu bleiben: Auch wenn ich die Remedia als wichtigsten Bezugspunkt im Hierarchiesystem betrachte, ist bei diesem Modell zu bedenken, dass die Ars ebenfalls auf die Georgica-Stelle und Lukrez anspielt. Das heißt, man muss den Lukrez-Punkt an einer imaginären vertikalen Symmetrieachse, auf der die Remedia liegen, spiegeln, damit man in demselben Vieleck auch das Dreieck Remedia amoris – Ars amatoria – De rerum natura visualisieren und die Ars sowohl mit dem vergilischen als auch dem lukrezischen Intertext verbinden kann.13

Hier zeigt sich ein kleiner Nachteil meines Modells. Die hierarchische Struktur mit einem Text als Spitze ist festgelegt, auch wenn, wie im letztgenannten Beispiel, andere hierarchische Beziehungen simultan verzeichnet werden. Wenn Horaz’ Satiren etwa ebenfalls auf Lukrez rekurrieren, müssten sie eigentlich selbst an der Spitze einer Intertextualitätspyramide stehen, von der aus ein Pfeil ‚hinab‘ zu Lukrez’ De rerum natura sowie weiteren relevanten Intertexten zeigt. Dieser Nachteil, dass jeweils nur eine ‚Hierarchieperspektive‘ dargestellt werden kann, lässt sich aber dadurch kompensieren, dass das Modell auf andere Verhältnisse übertragbar ist. Die Texte an den Punkten der Pyramide sind austauschbar, man kann sich dieses Visualisierungsversuches also bei jedem Gespräch über Intertextualität bedienen und nach Wunsch mehrere Intertextualitätspyramiden nebeneinanderstellen.

Ich betrachte also in den folgenden Kapiteln, die sich an den Texten und Gattungen orientieren, sowohl Referenzen auf einzelne Prätexte als auch auf Gattungssysteme und untersuche bei einer nützlichen Zusammenführung dieser beiden Perspektiven beides gleichzeitig – etwa auch, wenn mehr als nur ein Prätext für eine Remedia-Passage relevant ist und so ein mehrsträngiges Intertextualitätsgeflecht entsteht oder sich eben Aussagen zu Gattungstraditionen, die durch diese Texte vermittelt sind, treffen lassen. Das heißt, dass ich einerseits je eine Verbindung zwischen den Remedia und einem Intertext-Eckpunkt, also den ‚Pfeil‘ an jeweils einer Kante entlang, fokussiere und andererseits auch ‚Intertextualitätsvielecke‘ mit berücksichtige, die zusätzlich Gattungsebenen aufspannen können. Damit möchte ich dem Vorgehen Ovids, zugleich auf etwa Horaz, Lukrez, Catull und seine eigene Ars und damit auch auf die Gattungen Satire, Jambus und erotisches Lehrgedicht anzuspielen, analytisch gerecht werden.14 Ich versuche dabei, deutlich zu benennen, welche Erkenntnisse sich auf einzelne Prätexte beziehen und wann Aussagen zu Gattungssystemen möglich sind, bei Überschneidungen also dadurch größtmögliche Klarheit schaffen – was insofern nicht immer leicht ist, als man die bei Ovid gleichzeitig stattfindenden Intertextualitätsprozesse in einzelnen, voneinander getrennten Schritten untersuchen und evaluieren muss. Alle diese Aufgliederungs- und Interpretationsversuche dienen jedoch letztlich dem Ziel, das Verständnis einzelner Textpassagen sowie des Gesamtkontextes und der strukturellen Komposition der Remedia zu fördern und dem (kallimacheischen) Kunstwerk eines fein gesponnenes Netzes an Bezügen gerecht zu werden.

Abbildung 1:

Allgemeines Strukturmodell der Intertextualitätspyramide

Abbildung 2:

Jambische Traditionen im Pyramidenmodell zu den Remedia amoris

Abbildung 3:

Didaktische Traditionen im Pyramidenmodell zu den Remedia amoris

Abbildung 4:

Intertextualitätsvieleck zu den ‚Sex-praecepta‘

4 (Gattungs-)Rezeption, Innovation und Intertextualität in den Remedia amoris

Auf der Grundlage der Ausführungen zum literaturtheoretischen Rahmen und der Struktur der Remedia wird im Folgenden untersucht, wie Ovid paradigmatische Texte seiner Zeit, v. a. das Lehrgedicht des Lukrez, Horaz’ Epoden und Satiren und Catulls Carmina, strukturell und motivisch in seine Remedia integriert und durch Transgression von Gattungsgrenzen bzw. produktiv-reorganisierende Rezeption und Integration von insbesondere jambisch-satirischen Gattungsmerkmalen dem erotodidaktischen Lehrgedicht seine spezifische Form gibt.

4.1 Ovids parodistische Inversion von Lukrez’ philosophischem Lehrgedicht

Zum ersten Mal greifbar wird die intertextuelle Bezugnahme auf Lukrez’ Diatribe gegen die Liebesleidenschaft im Finale von De rerum natura liber 4 (Lucr. 4, 1058–1191) bei der Frage danach, wann der Heilungsprozess am besten einzuleiten sei (vgl. V. 79–134), also noch in der Einleitung zu Ovids tractatio.1

Weitaus deutlicher treten diese Parallelen jedoch innerhalb der ‚ars agendi‘ der Remedia zu Tage (vgl. V. 135–488). Im Folgenden belege ich die These, dass sich die Weisungen des lukrezischen praeceptor wie eine intertextuelle Klammer um die ersten Vorschriften Ovids legen, bevor dieser in der Aufforderung zur Selbsttäuschung die epikureische Basis von De rerum natura invertiert und praecepta vorstellt, die kontrapunktierend über Lukrez hinausgehen.2 Dass es legitim ist, Lukrez als einem der ‚Archegeten‘ der Gattung Lehrgedicht eine Wirkung auf Ovids Text zuzuschreiben und De rerum natura als Anknüpfungspunkt für die Remedia zu untersuchen, sehe ich in zweierlei Hinsicht begründet. Zum einen ist der Einfluss des Hexameteropus auf die Literatur der augusteischen Zeit im Allgemeinen vielfach spürbar.3 Zum anderen erwähnt Ovid, als einziger Dichter seiner Zeit, Lukrez namentlich,4 und zwar als sublimis Lucretius in am. 1, 15, 23 und trist. 2, 423–428. Dabei ist besonders das vierte Buch des didaktischen Prätextes für die intertextuelle Referenz relevant.

4.1.1 Die Grundkonzeption von De rerum natura liber 4 und die Bedeutung der ‚Bilder‘

Im Buchpaar1 der libri 3 und 4 werden die atomistischen Grundprinzipien, die Lukrez in den ersten beiden Büchern entfaltet, auf das menschliche Leben angewandt: Buch 3 behandelt die Beschaffenheit der Seele und Buch 4 die Sinneswahrnehmungen. Das Ziel besteht darin, psychophysische Phänomene wie Wahrnehmung, Verlangen und Schlaf zu erklären,2 wobei die Themen „effluence“, also Wahrnehmung durch den Ausfluss von Partikeln eines Objektes, und ‚Illusion‘ dominieren.3 Das Fundament hierfür bildet, wie etwa Robert Brown (1987) ausführt, die epikureisch-atomistische Erkenntnistheorie, die besagt, dass εἴδωλα/simulacra als materielle Basis für sinnliche Wahrnehmung fungieren und sie generieren (vgl. auch Lucr. 4, 26–822).4 Diese wiederum stelle das Kriterium für wahre Erkenntnis dar (vgl. Lucr. 1, 422–425 und 693–700 sowie Lucr. 4, 469–521),5 während Irrglaube, Illusion und falsche Vorstellungen für Lukrez darin begründet lägen, dass der Verstand die sensuellen Daten falsch evaluiert und interpretiert (vgl. etwa Lucr. 4, 379–468).6 Dementsprechend werde im Fall der, von Epikureern als negativ beurteilten, Liebesleidenschaft die Attraktivität des geliebten Menschen nicht mehr nur für sexuelle Stimulation und körperliche Befriedigung genutzt.7 Vielmehr seien die Bildchen, die der geliebte Mensch aussende, als dianoetische simulacra im Verstand des Betroffenen präsent. Deshalb beginne dieser, bei Abwesenheit des/der Geliebten8 von seinem/ihrem Bild besessen zu sein (vgl. V. 1037–1072) und der physischen Erscheinung über die sinnliche Wahrnehmung hinaus falsche Qualitäten zuzuschreiben (vgl. V. 1149–1191).9 In ihrer Gegenwart überhöhe er die Erotik ihrer Ausstrahlung, deren eigentliche Funktion nur sexuelle Erregung mit nachfolgendem Koitus sein sollte; doch anstatt dem sexuellen physiologischen Drang Folge zu leisten, konzentriere sich der Verliebte ausschließlich auf eine Person, er schiebe die Befriedigung auf und müsse so psychisch und physisch negative Folgen ertragen (vgl. Lucr. 4, 1073–1120).10 Die Liebe ist nach epikureischen Gesichtspunkten ein furor, ein Zustand der emotionalen Besessenheit vom Bild der Geliebten.11 Dementsprechend lautet eines der ersten praecepta in der Diatribe des Lukrez, dass der Liebende die simulacra des Objekts seiner Begierde aus seinem Geist vertreiben und sich nicht der unersättlichen Liebesraserei hingeben solle: sed fugitare decet simulacra et pabula amoris / absterrere sibi atque alio conuertere mentem (Lucr. 4, 1063f.).

Das Konzept, das die Wahrnehmung und die epikureische simulacra-Theorie umfasst, ist, wie Brown zeigt, wesentlich für den Zusammenhang des vierten Buches. Auch quantitative Betrachtungen belegen die zentrale Stellung der ‚Bilder‘: Das Wort simulacrum wird in Buch 4 allein 46 Mal verwendet, während es in den anderen Büchern nur ein bis fünf Mal erscheint.12

Die dianoetischen simulacra, die in Träumen wahrgenommen werden (vgl. Lucr. 4, 962–1029),13 bilden den argumentativen Ausgangspunkt; über die anschließende Erörterung zu Bettnässen und Samenerguss im Schlaf (vgl. Lucr. 4, 1030–1036) werden die Themen „Traum“ und „Sex und Liebe“ miteinander verknüpft, bevor sich die lukrezische Persona in der folgenden diatribisch-invektivischen, dabei einen auch satirischen Tonfall aufweisenden,14 Attacke gegen den Liebeswahn wendet.15 Beide Körperfunktionen der Seele sind, so Brown, paradigmatische Formen von Illusion, da sie auf einer Fehlinterpretation der Bilder beruhen – denn im Fall des Traumes werden diese als im Moment existierend imaginiert16 und im Fall von Liebe als Gedächtnisbilder weiterverarbeitet und überhöht. So entstehe, da die mens das wahrgenommene Objekt, den Körper des geliebten Menschen, in seiner Bedeutung überinterpretiert und ihm falsche Bedeutung zuschreibt,17 eine Unersättlichkeit im Affekt Liebe, der selbst durch körperlichen Kontakt nicht befriedigt werden könne und zum Liebeswahn führe. Die Verbindung zu Traumvorstellungen bleibt bei Vergleichen innerhalb der Diatribe weiterhin präsent:


ut bibere in somnis sitiens cum quaerit, et umor
non datur, ardorem qui membris stinguere possit,
sed laticum simulacra petit frustraque laborat
in medioque sitit torrenti flumine potans,
sic in amore Venus simulacris ludit amantis
nec satiare queunt spectando corpora coram
nec manibus quicquam teneris abradere membris
possunt errantes incerti corpore toto. (Lucr. 4, 1097–1104)

Lukrez beschreibt in seiner Diatribe, wie ein Liebender in seinem furor, dem Zustand seiner emotionalen Obsession, versucht, allein durch die erotisch stimulierenden Bilder sein Begehren zu stillen. Die rabies der Liebesleidenschaft äußert sich in dem Wahn, in welchen der Liebende dabei verfällt: Er frisst seine Geliebte mit Küssen fast auf, kratzt und beißt an ihr herum (vgl. Lucr. 4, 1073–1085) und verkennt, dass seine Triebe dadurch nicht befriedigt werden können.18 Wenngleich im Anschluss an den Traumvergleich das Wort simulacrum nicht mehr explizit verwendet wird, so ist es, wie auch Brown hervorhebt, dennoch im weiteren Verlauf der Diatribe mitzudenken: „[T]he general idea that love consists of an obsession with images persists […] in an altered form.“19

Zu Beginn von Lukrez’ Attacke werden ‚remedia‘, Methoden zur Bekämpfung des krankhaften Liebeswahns, aufgeführt, mit denen die Gedächtnisbilder und Vorstellungen (überarbeitete εἴδωλα), die auch bei Abwesenheit der bzw. des Geliebten noch vorhanden sind,20 beseitigt werden können:


sed fugitare decet simulacra et pabula amoris
absterrere sibi atque alio conuertere mentem
et iacere umorem collectum in corpora quaeque
nec retinere, semel conuersum unius amore,
et seruare sibi curam certumque dolorem.
ulcus enim uiuescit et inueterascit alendo,
inque dies gliscit furor atque aerumna grauescit,
si non prima nouis conturbes uulnera plagis
uulgiuagaque uagus Venere ante recentia cures
aut alio possis animi traducere motus. (Lucr. 4, 1063–1072)

Damit eine ‚Heilung‘ des Betroffenen möglich ist, sollen also die simulacra, die Bilder der Geliebten und die einseitige Ausrichtung auf nur eine einzige Person aus seinem Bewusstsein verbannt und die mens auf andere, von der Liebeswunde ablenkende Tätigkeiten ausgerichtet werden (vgl. V. 1063f.).21 Die dabei erkennbare Teilung in zwei Hälften „which put the advice in complementary negative and positive forms“22 zeigt sich auch in V. 1065f.: Es ist zu vermeiden, dass sich der Samenstau nur bei einer Person entlädt; vielmehr wird Promiskuität empfohlen und kein Zurückhalten des semen für ein einziges Zielobjekt.23 Damit die Verwundung sich nicht wie bei einem infizierten Geschwür (ulcus) weiter verschlimmert und so die physische und psychische Gesundheit des Betroffenen gefährdet ist,24 müsse man stets darauf achten, dass man sich mit noui amores ablenkt und – erneut findet sich der Hinweis auf Promiskuität – sexuell mit frei verfügbaren Partnern verkehrt, wobei das Kompositum uulgiuaga auf Prostituierte hindeutet und man selbst uagus, also ebenfalls frei verfügbar, sein solle.25 Die bildhafte Darstellung der sich verschlimmernden Liebeswunde veranschaulicht das Problem, das der Liebeswahn mit sich bringt, und lässt die remedia, v. a. den variierend wiederholten Hinweis auf den promiskuösen Wechsel der Sexualpartner, dadurch besonders dringlich und notwendig erscheinen.

4.1.2 Die sukzessive Entfernung vom Prätext

Dass Lukrez’ ‚Remedia amoris en miniature‘1 viel mehr als nur eine Inspirationsquelle für Ovid darstellen, ja sogar Teile der Struktur seiner Remedia mitbestimmen, lässt sich anhand der ‚Heilmittelklammer‘ zeigen, mit welcher sich die oben genannten lukrezischen praecepta um einen Großteil der Vorschriften in der ersten Hälfte von Ovids Werk (bis V. 488) legen (siehe die tabellarische Übersicht in Abbildung 5); wie so oft im intertextuellen Dialog mit seinen Vorgängern übernimmt Ovid also ein Motiv bzw. einen Abschnitt eines anderen Werkes, erweitert ihn in seinem Umfang und schafft durch die Neuakzentuierung humorvoll Distanz zum ‚vorbildhaften‘ Prätext.2

Wie Lukrez vor ihm fordert Ovid seine Schüler dazu auf, sich Handlungsfeldern zuzuwenden, die von Liebesqualen abzulenken vermögen. Ovid konkretisiert dabei die bei Lukrez nur pauschal formulierte Aufforderung (vgl. Lucr. 4, 1064) und entfaltet verschiedene Bereiche als Beispiele dafür, wie sich der Liebende bei ‚akutem Liebeskummer‘ zu verhalten habe. Neben forensischer, juristischer und landwirtschaftlicher Betätigung sowie der Jagd und der Vermeidung des gefährlichen otium3 werden den Schülern Ortswechsel und lange Reisen angeraten.4 Auch dass der unglücklich Verliebte sexuelle Befriedigung bei mehreren Personen zu suchen habe, führt Ovid an zwei Stellen aus: Einerseits solle er sich durch viel sexuellen Verkehr mit anderen Frauen ermüden, bevor er mit seiner Herrin schlafe (vgl. rem. 403f.), andererseits sei auch das Pflegen mehrerer Verhältnisse empfehlenswert (vgl. rem. 441–488).5

Im Hinblick auf die inhaltliche Dimension der einzelnen praecepta lassen sich Parallelen zwischen dem philosophischen Lehrgedicht des Lukrez und den Remedia feststellen, zumal beide Werke auch auf ein ähnliches Ziel ausgerichtet sind: So soll dem amor als einem die Ataraxie des Epikureers störenden Liebeswahn bzw. als unerwünschter Liebe ein Ende bereitet werden. Die Wege, auf denen die Schüler zu diesem Ziel gelangen sollen, unterscheiden sich dabei jedoch grundlegend. Während Lukrez Täuschung und Illusion ablehnt, preist Ovid in Fortführung von Tendenzen der Ars amatoria, der „ars fallendi“,6 Verstellung und Selbstbetrug als probates Mittel für die Loslösung von unglücklicher Liebe (vgl. besonders rem. 497–504).

Abbildung 5:

Tabellarische Übersicht zum ersten tractatio-Teil der Remedia amoris

Contes suggestive Frage: „How could Ovid forget that Lucretius had argued against obstructing the cure of love by self-deception?“7 lässt sich klar mit ‚Hat er gar nicht‘ beantworten. Denn meines Erachtens grenzt sich Ovid bewusst von Lukrez ab, indem er die Instruktionen, die ihren Ausgangspunkt durchaus bei seinem Vorgänger nehmen, in die Vorschrift der Selbsttäuschung münden lässt. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich allerdings auch, dass die oben genannten Parallelen nur scheinbar mit Lukrez’ Diatribe übereinstimmen, da die Anklänge an De rerum natura 4 innerhalb der ‚Heilmittelklammer‘ der Remedia stets mit Elementen des Täuschens, Einredens und Imaginierens durchsetzt und so von Anfang an gebrochen sind.

Bereits innerhalb des praeceptum, das zur Ablenkung durch Jagen ermahnt und das unter Lukrez’ alio conuertere mentem (Lucr. 4, 1064) subsumiert werden kann, klingt das Motiv der Selbsttäuschung, des se ipsum decipiendi, an: aut his aut aliis, donec dediscis amare, / ipse tibi furtim decipiendus eris (rem. 211f.).

Noch deutlicher sichtbar ist die Umkehrung lukrezischer Argumentation in der folgenden Vorschriftengruppe (vgl. rem. 291–356).8 Wenn Ovid Taktiken des Schönredens nicht einmal erwähnt und auch nicht dazu rät, die negativen Eigenschaften des Mädchens zu übergehen, besteht noch kein Bruch mit dem lukrezischen Prätext.9 Doch wenn der Schüler seinem Mädchen herabsetzende, der Realität nicht entsprechende Bezeichnungen geben soll, um es dadurch für sich unattraktiv zu machen, kann man von einer Invertierung der epikureischen Erkenntnislehre in De rerum natura 4 sprechen. Dabei wächst die Distanz zu Lukrez beim linearen Fortschreiten dieser Vorschriften kontinuierlich an: Die rhetorisch, so Stroh (1979), als evidentia10 gestaltete Ermahnung, dass man sich verwerfliche Taten der puella vor Augen halten sollte, ist noch analog zu Lukrez aufgebaut. Zunächst soll sich der Liebende den durch das Mädchen verursachten Schaden vergegenwärtigen (vgl. saepe refer tecum sceleratae facta puellae / et pone ante oculos omnia damna tuos, rem. 299f.), was die negativen Folgen, die Lukrez als Resultat der Liebesleidenschaft anführt, evoziert (vgl. Lucr. 4, 1121–1140); auch materieller Schaden ist genannt, vgl. labitur interea res (Lucr. 4, 1123a). Die folgenden Vorschriften, die eine negative Evaluierung des Mädchens vom Schüler verlangen, stimmen anfangs noch mit der Grundaussage des Lukrez überein, wenn dieser die Euphemisierungspraktiken Verliebter verspottet (vgl. Lucr. 4, 1149–1170) und so Beschönigungstaktiken eine Absage erteilt;11 man könnte dabei auch behaupten, dass Ovid „de[n] (impliziten) Rat des Lucrez“12 zum Zweck der Therapie dadurch verbalisiere. Denn im Gegensatz zu v. a. der Passage in der Ars amatoria (ars 2, 657–662), in der das ‚Schönreden‘ als erlaubte Praxis propagiert wird,13 weist der ovidische Lehrer unter Berufung auf eigene Erfahrung darauf hin, dass die Fokussierung auf Mängel der puella zielführend sei: profuit assidue uitiis insistere amicae, / idque mihi factum saepe salubre fuit (V. 315f.).14 Ovids Schüler soll aber darüber hinaus gute Eigenschaften des Mädchens verkennen (vgl. V. 317–321)‚ diese ‚schlecht machen‘ (qua potes, in peius dotes deflecte puellae / iudiciumque breui limite falle tuum, V. 325f.), er soll Makel übertrieben hervorheben und die puella zu Handlungen animieren, die sie lächerlich wirken lassen: quin etiam, quacumque caret tua femina dote, / hanc moueat, blandis usque precare sonis (V. 331f.). Diese praecepta stehen nun dem epikureischen Anspruch, die eigene Wahrnehmung nicht durch Illusion zu trüben, diametral entgegen.15

Wie in einer Klimax, deren Ziel die sukzessive Entfernung vom lukrezischen Intertext und letztlich dessen Inversion ist, vergrößert sich bei linear fortschreitender Lektüre die immer klarer sichtbare Distanz zu De rerum natura mit ihrer Forderung nach Freiheit von Illusionen. Denn nachdem sich mit dem Motivkomplex ‚mehrere Geliebte und casual sex‘ die lukrezische Klammer um die Heilmittel legt,16 endet mit Ausnahme lexikalischer Parallelen die Vergleichbarkeit der beiden liebestherapeutischen Schriften: Für die Entfaltung der ‚ars simulandi‘ kann der angestrebte Rationalismus epikureischer Wahrnehmungs- und Verhaltensdogmatik17 in keiner Weise mehr Vorbild sein:18


et sanum simula nec, si quid forte dolebis,
sentiat, et ride, cum tibi flendus eris.
[…]
quod non es, simula positosque imitare furores:
sic facies uere, quod meditatus eris.
[…]
deceptum risi, qui se simulabat amare,
in laqueos auceps decideratque suos.
intrat amor mentes usu, dediscitur usu:
qui poterit sanum fingere , sanus erit.
[…]
te quoque falle tamen, nec sit tibi finis amandi
propositus: frenis saepe repugnat equus.
utilitas lateat; quod non profitebere, fiet: (rem. 493–515)

Der Verliebte müsse sich also, wie Ovid ausführt, durch eine autoinduzierte Form der Therapie heilen, indem er den Zustand psychischer Gesundheit nur vorgeben und konträr zur eigentlichen Gefühlslage so tun solle, als litte er nicht unter Liebesqualen, und indem er sein eigenes Verhalten durch Autosuggestion zur Gewöhnung machen und so habitualisieren solle.19 Dabei schließt sich diese Vorschrift (v. a. V. 497f.) an eine entsprechende Methode in der Ars amatoria an:20


est tibi agendus amans imitandaque uulnera uerbis;
[…]
saepe tamen uere coepit simulator amare;
saepe, quod incipiens finxerat esse, fuit. (ars 1, 611; 615f.)

Das Verlieben und das ‚Entlieben‘ werden also auf ähnliche Weise, nämlich mithilfe des ‚simulare-‘ bzw. ‚So-Tun-Als-Ob-Verfahrens‘ gelernt. Zwar besteht in beiden liebesdidaktischen Werken ein Kontrast zum Rationalismus des Lukrez.21 Die Remedia und die Diatribe in De rerum natura stehen sich aufgrund ihres Sujets, der Belehrung, wie man von der Liebesleidenschaft befreit werden kann, in ihrer Zielsetzung aber sehr nahe. Dadurch, dass das lukrezische Lehrgedicht im ars agendi-Part der tractatio (V. 135–488) und bei der Frage nach dem richtigen Zeitpunkt für die Therapie (vgl. V. 79–134) somit als Prätext fungiert, ist der nun endgültige22 Bruch mit Lukrez ab V. 489 umso auffälliger.

Ovid bedient sich vorrangig eines sprachlich-stilistischen Mittels, mit dem er die sukzessive und letztlich gänzliche Entfremdung der Remedia von De rerum natura 4 erreicht und die Nachahmung23 seines Vorgängers in der amüsanten Inversion von dessen Werk gipfeln lässt: nämlich eines Wortspiels. In der Fokussierung auf das Verb simulare und dessen Bedeutung entzieht Ovid, wie ich im Folgenden zeige, dem Epikureer auf humorvoll-parodistische Weise das Fundament seiner simulacra-Theorie.

4.1.3 ‚simulare vs. simulacra‘

Das Verbum simulare taucht wie auch dissimulare im gesamten ‚liebes-elegischen‘ Œuvre Ovids, den Amores, den Heroides, der Ars amatoria und den Remedia amoris, auf,1 wobei dem Motiv der Täuschung und Selbst-Täuschung aufgrund seiner Omnipräsenz2 in den didaktischen Werken strukturgebende Funktion zugesprochen werden kann.3 Vorab seien hier Wilfried Strohs (1972, 1979) Erkenntnisse dargestellt, der die Parallele zu den rhetorischen Konzepten der simulatio und der dissimulatio artis berausgearbeitet hat; denn die rhetorische Tradition bildet eine der Grundlagen der Ars amatoria4 und der Remedia amoris.5 Im ursprünglichen Rede-Kontext sind die beiden komplementären Figuren der Ironie zugeordnet. Beschreibt die dissimulatio das „Verbergen von […] Wissen, Kunst oder auch Talent“6, artikuliert man mithilfe der simulatio etwa Meinungen, die der Wahrheit entbehren oder hinter denen man nicht steht.7 Die dissimulatio artis findet in ihrer ursprünglichen rhetorischen Bedeutung Eingang in die Ars amatoria. So soll der Liebhaber beispielsweise nicht vor dem begehrten Mädchen deklamieren oder den Kunstcharakter seiner Rede herausheben, sondern seine Kunstfertigkeit verbergen und als mühelos versierter Redner erscheinen (vgl. ars 1, 463f.: sed lateant uires, nec sis in fronte disertus; / effugiant uoces uerba molesta tuae).8

Auch die simulatio begegnet dem lernwilligen Schüler bei den Instruktionen des praeceptor in Form von Anweisungen zur simulatio amoris (vgl. ars 1, 611–646). Die gleichfalls auf dem ‚So-Tun-Als-Ob‘-Mechanismus beruhende simulatio sanitatis9 in den Remedia (quod non es, simula positosque imitare furores: / sic facies uere, quod meditatus eris, rem. 497f.) „korrespondiert“, wie Stroh herausstellt, also mit der simulatio amoris der Ars.10

Die Täuschung zum Zweck der Erregung bzw. Beendigung von Liebesleidenschaft funktioniert, so Stroh, analog zur simulatio der Rhetorik. Da für einen Redner, wie Cicero in de orat. 2, 189 beschreibt, eine „Affekterregung“ beim Zuhörer „Affektübertragung“ sein müsse, sei ein bestimmter Grad an Täuschung (simulatio) unvermeidlich.11 Die Simulation des Affektes könne jedoch auf den Redner rückwirken und die vorgegebene in eine authentische Haltung transformieren.12 So auch beim Liebenden, dessen Begierde bereits entfacht ist:13 In einem amor simulatus steckt das Potenzial, nicht nur wahre Liebe beim Mädchen, sondern auch im werbenden Mann selbst zu erwecken. Durch die Adaption der in der Redekunst bewährten simulatio für die Ars und die simulatio sanitatis als „Technik einer zum guten Teil rhetorischen Selbsttherapie“ werde Stroh zufolge „der Affekt der Liebe endgültig verfügbar“14.

Mein Interesse liegt jedoch weniger auf den rhetorischen Strukturen und Elementen in Ovids liebesdidaktischer Tetralogie, sondern vielmehr auf einem anderen Bereich, auf den das Wort simulare verweisen kann. Dieser betrifft nicht die Rhetorik, sondern die epikureische Erkenntnistheorie und die Rolle, welche den simulacra darin zukommt. Wenn man den quantitativen Gebrauch des Verbs in den Remedia betrachtet, fällt auf, dass Ovid es ausschließlich und kumulativ dreimal im Zuge des praeceptum zur Vorspiegelung der eigenen Genesung verwendet (vgl. rem. 493–515). Das Wortfeld des Täuschens wird dabei durch die im Hinblick auf ihre Semantik grundsätzlich vergleichbaren Verben fallere (vgl. V. 513), decipere (vgl. V. 501), imitari (vgl. V. 497) und fingere (vgl. V. 504), welche dem Leser ebenfalls bereits aus der Ars amatoria bekannt sind,15 ausgebreitet. Wie Einträge im ThLL und dem OLD16 zeigen, nähern sich diese Wörter der Bedeutung von simulare („[t]o act the part of, pretend to be“17) an: Für die Semantik von imitari in rem. 497 lautet die Paraphrase: „c[um] notione i n a n i t a t i s vel fallaciae, fere i.q. simulare, falso ostentare sim[iliter]“18, wobei simula explizit als Synonym für die Imperativform imitare ausgewiesen ist. Fingere steht an dieser Stelle in den Remedia (V. 504) laut OLD für „to make a pretence of (doing or feeling something), feign, simulate […] [,] to play the part of, pose as, imitate“19.

Das breite Spektrum an Ausdrucksmöglichkeiten für die Selbsttäuschung, welches Ovid in seinem liebesdidaktischen Opus auch vielfach gebraucht, lässt die Häufung und Dominanz von simulare in diesem praeceptum der Remedia auffällig erscheinen, in dem die Lehrer-Persona fordert, dass man sich in seinem Verstand so lange der illusorischen Vorstellung der eigenen Genesung hingeben müsse, bis die Simulation zur Realität würde. Ovid preist die Selbsttäuschung dabei mithilfe des lexikalischen Wortmaterials, das etymologisch zwar mit simulacrum, einem zentralen Begriff seines Vorgängers, verwandt ist,20 dem lukrezischen Rationalismus aber diametral entgegensteht; das Mittel zum – beiden Werken gemeinsamen – Ziel der Befreiung von Liebe und Liebeswahn bildet also einen Kontrast zum philosophischen Lehrgedicht. Auch wenn die Brüche mit der Vorlage bereits innerhalb der lukrezischen ‚Heilmethoden-Klammer‘ spürbar sind, wird der Kontrast nie so klar ersichtlich wie in dem praeceptum in V. 489–522,21 in dem Ovid die Aufforderung zur Täuschung derart deutlich expliziert.

Doch wie lässt sich dieser Befund interpretieren? Welches Verhältnis von Ovid zu Lukrez kann hieraus erschlossen werden? In den vergangenen Jahrzehnten wurde des Öfteren der Begriff des (literarischen) Spiels22 herangezogen. Joachim Latacz etwa interpretierte Ovids Umgang mit der epischen Tradition in den Metamorphosen auf diese Weise,23 und auch bei Niklas Holzberg24, Bernd Effe25 und Marion Steudel26 findet sich diese Ansicht im Hinblick auf die Lehrgedichtstradition. Diese Sicht ist für das Verständnis von Ovids Texten durchaus wichtig. Denn im Wesentlichen kann man dem tenerorum lusor amorum – so Ovids Selbstaussage in trist. 4, 10, 1 (vgl. auch die Grabinschrift trist. 3, 3, 73) – diese Haltung durchaus zusprechen: Ovid spielt mit literarischen Traditionen und verarbeitet sie u. a. zur besonderen Form der Remedia amoris. Doch ist das „literarische Spiel“ kein wissenschaftlich geeigneter Terminus, mit dem man die literarischen Besonderheiten von Ovids Texten präzise beschreiben könnte. Darüber hinaus kann man die zentralen Effekte, die sich aus der Reorganisation existierenden Sprachmaterials und Gattungstraditionen ergeben, hinreichend mit den Begriffen Intertextualität und Parodie beschreiben; denn der Humoraspekt, der für die Spiel-Überlegungen bedeutsam war, ist in diese Überlegungen untrennbar miteingeschlossen. Ich verbanne das Wort ‚Spiel‘ dabei aber nicht gänzlich aus meiner Abhandlung, da ich es nicht als ‚falsch‘ empfinde und es m. E. den Denkrahmen für die Gesamtinterpretation des ovidischen Œuvres richtig umspannt. Bei der textanalytischen Arbeit verzichte ich jedoch weitestgehend darauf und beschränke mich vor allem auf die genannten wissenschaftlichen Termini und verwende auch den neutraleren Begriff ‚Referentialität‘. Deutliche intertextuelle Bezüge und Witz, der sich aus parodistisch verarbeiteten Lukrezpassagen speist, sind also die Ergebnisse, die man beim Deutungsversuch, wie Ovids Remedia mit De rerum natura und der Gattung des Lehrgedichts im Allgemeinen umgehen, erhält. Damit wende ich mich – in entgegengesetzter ‚Stoßrichtung‘ – auch gegen Interpretationsansätze in diesem Feld, die eine ernst gemeinte Opposition zu Lukrez vermuten.27

4.2 Parodie und Intertextualität: Die Remedia amoris und die didaktische Poesie
4.2.1 Ovidische Erneuerungen in einer innovationsfreudigen Gattung

Akzeptiert man die in Kapitel 3 festgehaltenen Definitionen, lassen sich die Remedia als Parodie der epikureischen Diatribe gegen den Liebeswahn interpretieren – denn dass Ovid in einem zentralen praeceptum mit lukrezischem Vokabular dessen erkenntnistheoretische Grundlagen ‚aus den Angeln hebt‘ und aus der philosophischen Verurteilung der Liebe ein Handbuch zum ‚Entlieben‘ macht, bezeugt eine tiefsinnige Form von Humor. Doch die parodistischen Momente,1 die sich aus dem Umgang mit Lukrez ergeben, sollten nicht isoliert betrachtet werden. Vielmehr müssen sie erweitert auch in Verbindung mit der mehrdimensionalen und zeitgleichen Referenz auf andere Intertexte gesehen werden. Das Ziel der Remedia ist, in summarischer Zusammenschau, eben nicht nur die Parodie einzelner Werke oder Aspekte, sondern allgemein gesprochen die „geistreiche Unterhaltung“ des Leserpublikums.2

Ovid be- und verarbeitet auf analoge Weise z. B. die Georgica, einen neben Lukrez’ Werk ebenso zentralen Prätext für Ovids liebesdidaktische Tetralogie – und zwar hinsichtlich der Marko- und Mikrostruktur, Inhalt und Sprache.3 Strukturell fällt nicht nur auf, dass beide Werke eine vier Bücher umfassende Gesamtkomposition aufweisen.4 Die Remedia spiegeln im Aufbau der praecepta zu landwirtschaftlicher Betätigung allein schon in nuce die Georgica-Struktur wider, wie Boyd beobachtet hat: Beginnend mit dem Georgica-Stichwort rura (V. 169)5 reiht Ovid Tätigkeitsempfehlungen zu den Themen Ackerbau, Obstbäume, Tierzucht (Schafe und Rinder) und Bienen aneinander (vgl. V. 169–186). Dies entspricht der Abfolge der vier Georgica-Bücher, weshalb Boyd auch von Ovids „Little Georgics“ an dieser Stelle spricht.6

Wie Erich Woytek (2000) zeigt, ruft Ovid durch die für ihn typische poetische Technik der verändernden Adaption literarischer Vorgänger das landwirtschaftliche Lehrgedicht mehrfach auch inhaltlich und lexikalisch in den Remedia auf:7 Der programmatische Rechtfertigungsexkurs (rem. 361–396) mit dem Ziel der Abwehr von Neidern in Ovids Werk stehe – auch wenn Vergil als epischer und nicht didaktischer Dichter hervorgehoben wird –8 so in enger Verbindung mit dem ebenfalls in der Mitte des Werkes platzierten Proöms zum dritten Buch der Georgica (vgl. georg. 3, 1–48,9 wobei auch die Sphragis der Amores in 1, 15 in die apologetische Passage integriert werde).10 Die Sexvorschriften in den Remedia (vgl. rem. 357f. und 397–418) würden ebenfalls besonders auf die an die genannte Georgica-Stelle anschließende Passage zur Rinder- und Pferdezucht (vgl. georg. 3, 49–241, v. a. 123–137) zurückblicken.11 Ovid jedoch transformiert, so Woytek, die im dritten Georgica-Buch enthaltenen Motive und Aussagen Vergils und verkehrt sie komisch ins Gegenteil: So hebt er im Literaturexkurs beispielsweise seine eigene dichterische Leistung immer stärker hervor, während sich Vergil im Binnen-Proöm der Georgica zurücknimmt und nur noch Oktavians Ruhm fokussiert; oder er ruft statt der zeitlichen Denotation von en age […] / rumpe moras (georg. 3, 42f.) die Ursprungsbedeutung des Verbums, „zerplatzen“, hervor (rumpere, Liuor edax, rem. 389), wenn er seine Kritiker adressiert.12 Das ovidische „Spie[l] mit vorgegebenem Sprachmaterial“ Vergils und die folgende ‚Herabsetzung‘ des Originals offenbart sich, wie Woytek ausführt, dem Leser auch, wenn die Zuchtvorschriften als literarisches Vorbild für das praeceptum zum menschlichen Sexualverhalten verwendet, in ihrer Aussage umgekehrt und in einen ‚anstößigen‘ Kontext gebracht werden.13 Die sorgfältige Auswahl der Zuchttiere (vgl. georg. 3, 49–71 und 72–122) und die Geschlechtertrennung zur Wahrung ihrer (sexuellen) Kräfte (vgl. georg. 3, 209–241) dürften etwa mit Ovids Vorschriften, mit jeder beliebigen Hetäre Sex zu haben und am besten mit zweien hintereinander zu verkehren, damit man sich von unglücklicher Liebe löst (vgl. rem. 401–404), kontrastiert werden;14 und auf die Hinweise zum Mästen der männlichen, nicht aber weiblichen, Tiere (vgl. V. 123–137) würde in den Remedia lexikalisch referiert.15 Dass Ovid nun das Verb inire, das eigentlich das tierische ‚Rammeln‘ bzw. Eindringen bezeichnet,16 für den menschlichen Koitus verwendet, könnte zudem – „generell“ und ohne konkrete Parallelstelle – augenzwinkernd auf den „animalischen Vorlagekontext“17 bei Vergil zurückverweisen.

Ich möchte noch eine eigene Beobachtung zu diesen Sex-praecepta bei Ovid anführen: M. E. sind sie ein Beispiel für die mehrdimensionale Intertextualität, mit der Ovid verschiedene Lehrgedichte gleichzeitig hervorruft, um etwas Neues daraus zu bilden. Denn nicht nur die Georgica, sondern auch Lukrez’ Diatribe gegen die Liebesleidenschaft18 und Ovids eigene Ars stehen zugleich Modell für die Vorschrift, dass der Schüler durch ein bestimmtes Sexualverhalten den Prozess der Loslösung von der Liebe voranbringen könne. Während die bereits häufiger angeführte Passage aus den lukrezischen ‚Miniatur-Remedia‘19 als positives Vorbild für den Heilmittellehrgang einfließt, vgl. et iacere umorem collectum in corpora quaeque (Lucr. 4, 1065) und uulgiuagaque uagus Venere ante recentia cures (Lucr. 4, 1071f.), werden die genannten Georgica- wie auch entsprechende Ars-Stellen in Form der kontrastierenden (Selbst-)Imitation negativ evoziert:20 Denn im Anschluss an rem. 404 bringt der Liebestherapeut die Vorschläge, für das Mädchen möglichst unvorteilhafte Sexstellungen zu wählen (vgl. rem. 407–410). Und diese entsprechen wiederum den gegenteiligen Tipps des Liebeslehrers in der Ars, wenn er im dritten Buch jedem weiblichen Körper die ideale Position im Geschlechtsakt zuweist (vgl. ars 3, 769–772).21 Die intertextuelle Verbindung der Remedia mit diesen zwei Intertexten und der Ars als Intratext kann man, wie eingangs angeführt,22 durch das Modell der Intertextualitätspyramide veranschaulichen – Lukrez, Vergil und Ovids Ars, die Eckpunkte, bilden mit den Remedia als Spitze drei Dreiecke, die sich insofern zu einem Vier- bzw. Fünfeck verbinden lassen, als sie von den Heilmitteln als gemeinsamem interpretatorischen Mittelpunkt ausgehen (siehe Abbildungen 3 und 4).23

Um jedoch wieder auf den Umgang mit den Georgica zurückzukommen: Ovid „führte […] den Anfang des dritten Georgicabuches in continuo in Form einer Kontrast­imitation vor, die seine Anhänger […] leicht erkennen und amüsiert zu würdigen wissen würden.“24 Mit dieser Schlussfolgerung richtet Woytek in seiner Interpretation den Blick also auf die intertextuelle Bezugnahme, wobei er die Wahrnehmbarkeit durch das Leserpublikum betont (in dieser Hinsicht entspricht seine Perspektive auch Pfisters Kommunikativitätsaspekt bei intertextuellen Untersuchungen)25.

Wenn man die bisherigen Erkenntnisse im Blick hat, zeigt sich, dass Ovid auf ähnliche Weise mit beiden paradigmatischen Lehrgedichten seiner Zeit umgeht. Er evoziert bewusst einzelne Passagen durch inhaltliches und/oder wörtliches Anzitieren, durch mehr oder minder stark markierte Parodie von Struktur bzw. Wortmaterial, um dazu einen komisch, je nach Perspektive vielleicht auch subversiv, wirkenden Gegensatz in seinem eigenen ‚anti-eroto-didaktischen‘ Werk aufzubauen.26 Hieraus lässt sich Ovids genereller Umgang mit der didaktischen Poesie induzieren, den ich im Folgenden noch weiter belege: Ovid imitiert und parodiert in seinen Remedia amoris nicht nur Lukrez, sondern allgemein Prätexte, welche die didaktische Poesie repräsentieren, wie eben auch Vergil, und die Gattung selbst. Diesem Ansatz begegnet man auch bei Horaz, dessen Einfluss auf die Remedia in den Kapiteln 4.3.1.1–4.3.1.3 im Zentrum steht.27 Die vierte Satire seines zweiten Buches stellt nämlich ebenfalls eine Lehrgedichtsparodie im Allgemeinen und eine Lukrez- und Epikureismus-Parodie im Speziellen dar, wenn Catius in pseudo-philosophischer Diktion letztlich nur Feinschmeckerratschläge aneinanderreiht.28

Neben der Einzeltextreferenz auf die paradigmatischen lateinischen Lehrgedichte De rerum natura und Georgica ist also zugleich auch die Systemreferenz der Remedia auf die didaktische Poesie im Allgemeinen in den Blick zu nehmen, deren Vermischung mit dem elegischen Gattungsdiskurs die spezifisch hybride Natur der Remedia (und auch der Ars) ausmacht.29 Es gibt dabei gewisse Übereinstimmungen mit grundsätzlichen Tendenzen des Lehrgedicht-Genres. Denn wenngleich ein Lehrwerk zum Sich-Verlieben und auch zum ‚Entlieben‘ in Versen und nicht in Prosahandbüchern zur Erotik – einem Typus, der auch Gegenstand von Ovids intertextueller Referentialität ist –30 nicht nur etwas Komisches, sondern auch Innovatives darstellt, so war die didaktische Poesie, wie bekannt ist, doch schon immer offen für Experimentierfreudige. Volk (2002) beschreibt ihre Entwicklung sowie wesentliche Merkmale: So wurden besonders im Hellenismus spielerische, „obskure“ Themen behandelnde Lehrgedichte wie Nikanders Theriaka und Alexipharmaka zur Unterhaltung des gelehrten Leserpublikums teils als „l’art pour l’art“ präsentiert.31 In Archestratos’ Hedypatheia – in der Nachfolge als Hedyphagetica von Ennius bearbeitet – beispielsweise richtet, wie wir aus den erhaltenen 63 Fragmenten wissen, der Lehrer an die Schüler Moschus und Cleander die Anweisungen, wo man ausgezeichnetes Essen finden könne und wie man es zubereiten müsse.32 Und auch über „fashionable pastimes“ wie Würfel- oder Ballspiel gab es zu Ovids Zeiten ausreichend Lehrwerke, wenn man, so Volk, seiner Aussage in Tristia 2 vertrauen könne.33 Dennoch ruft die Verbindung der formalen Strukturelemente des Lehrgedichts, das ursprünglich für ‚technischere‘ Themen entwickelt worden war, mit dem so „frivolen“ und nicht auf ein Fachpublikum ausgerichteten Lehr-Gegenstand der Liebe neuartige humorvolle Spannungen hervor.34

Ebenso sind Abweichungen vom Hexameter, obwohl er das seit Hesiod etablierte Standardmetrum für didaktische Poesie war,35 bereits vor Ovid belegt. In, wie Volk vermutet, Anpassung an das von ihnen jeweils behandelte Thema verwenden Porcius Licinius trochäische Septenare und Volcacius Sedigitus in De poetis jambische Senare, da sie beide über die Komödie schreiben.36 Wenn Ovid nun für die Remedia amoris in Nachfolge und Fortführung der Ars das elegische Distichon wählt, weil er die Wege zur Befreiung von unglücklicher elegischer Liebe mitteilen will, gliedere er sich also in die Reihe von Dichtern ein, die im Metrum die inhaltliche Dimension ihres Lehrgedichts widerspiegeln – wobei sich aber die Remedia mit ihrem ‚Wenn-Dann-Muster‘37 und der Organisation nach thematischen Blöcken wieder mehr als die Ars amatoria, die aufgrund der strukturellen Chronologie der sich entwickelnden Liebesbeziehung einem Liebesroman gleicht, an die Grundstruktur eines didaktischen Lehrwerks anlehnen.38

Neu und doppelt einzigartig an Ovids intertextuell-parodistischem, humorvollem Umgang mit der didaktischen Tradition ist zudem, dass er in den Remedia von einem Schüler ausgeht, der bereits instruiert wurde, und zwar von Ovid selbst: Seine Werke sind also „antidotes to the ‘poisons’ that his erotic poems […] have previously spread.“39 Daran zeigt sich auch der Unterschied zu Nikanders Werken, in denen es um giftige Tiere und Pflanzen und die Heilmittel dagegen geht und die oft zu unreflektiert als Vorbild für Ovid angesehen werden.40 Denn der ovidische Lehrer ist durch die erfolgreiche Durchführung des Lehrgangs in Sachen Liebe selbst für die Ausgangslage der unglücklich Verliebten zuständig: „Through his teaching he provoked the very illness of his readers whom he now addresses as therapist and saviour.“41 Zudem ist dieses Lehrgedicht insofern etwas Besonderes, als der Schüler nichts Neues lernen, sondern vielmehr den erworbenen Lernstoff vergessen soll, dum bene de uacuo pectore cedat amor (rem. 752).42

4.2.2 Die Funktionalisierung didaktischer Standards für die Remedia amoris

Ovids produktive Verarbeitung der Lehrgedichtstradition geht, wie ich denke, noch weiter und zielt über die Erweiterungen formaler Konventionen1 und den spezifischen Bezug auf einzelne Prätexte hinaus. Denn Ovid erreicht seine inhaltlichen und formalen Innovationen nicht einfach nur durch die von ihm selbst gesetzten Akzente. Vielmehr gewinnt die Liebestherapie ihre Konturen vor dem Hintergrund herkömmlicher didaktischer Themen, die in ihrer Bedeutung dem Prozess des ‚Entliebens‘ hierarchisch untergeordnet werden.

Zu Beginn der ars agendi bringt Ovid einen Dreierblock an Vorschriften, mit denen das dediscere (vgl. rem. 211) der Liebesqualen möglich sei. In den Versen 169–210 wird dem Schüler, wie bereits angeführt, zunächst die Landarbeit mit dem Bestellen der Felder in bukolisch anmutender Umgebung und der Ruhe und Stabilität bringenden Routine des Jahresablaufs empfohlen: rura quoque oblectant animos studiumque colendi; / quaelibet huic curae cedere cura potest (V. 169f.). Der Abschnitt von V. 199–210 ist in die Beschreibung zweier studia aufgeteilt, der Jagd auf Hasen, Hirsche und Eber (bis V. 206), und des Vogel- und Fischfangs (bis V. 210). All diese Bereiche sind nun laut Laurel Fulkerson (2004) „fit subjects for didactic poetry“2, wie man auch mit Blick auf die Lehrgedichtstradition zur Zeit Ovids und im weiteren Verlauf der Kaiserzeit sehen kann.3 So wird das nur fragmentarisch überlieferte Lehrgedicht Halieutica, das von den natürlichen Schutzmechanismen von Fischen und von möglichen Fangtaktiken handelt, Ovid zugeschrieben (vgl. die Aussage Plinius’ des Älteren: mihi uidentur mira et quae Ouidius prodidit piscium ingenia in eo uolumine, quod sat alieuticon inscribitur, Plin. nat. 32, 11), wenngleich die Authentizität der 134 Hexameter oft angezweifelt wird.4 Als Beispiel für ein Lehrgedicht zum Thema Jagd lassen sich Grattius’ ebenfalls nur fragmentarisch erhaltene Cynegetica anführen, deren Programm zu Beginn dieses Werkes ersichtlich wird: carmine et arma dabo et uenandi persequar artis (V. 23).5 Ovid selbst erwähnt Grattius und, als Anspielung auf dessen Proöm,6 aptaque uenanti […] arma, die er dem Leser an die Hand gibt, und zwar in seinem Katalog befreundeter Dichter (Ov. Pont. 4, 16, 34). Und mit Vergils Georgica, die in der Remedia-Passage beispielsweise mit Blick auf die Bienenzucht (vgl. rem. 185f.) mehrfach aufgerufen werden,7 liegt schließlich ein prominentes Zeugnis für die Behandlung landwirtschaftlicher Themen vor. Dass Landleben und Jagd zudem auch topisch als Mittel für die Heilung von Liebeskummer gelten,8 schließt dabei m. E. die Möglichkeit nicht aus, dass Ovid hier die didaktisch-generische Bedeutungsdimension dieser Themen fokussiert.

Ob er nun direkt auf bestimmte, eventuell auch selbst verfasste, didaktische Werke, oder nur allgemein auf typische Lehrgedichtsthemen anspielt: Sicherlich reduziert Ovid ihre Bedeutung darauf, dass sie nur noch als einzelne Vorschriften für sein übergeordnetes Programm der Liebestherapie aufgeführt9 und somit im Rahmen seiner eigenen Didaxe funktionalisiert werden.10 Die „anamorphotische“11 Tendenz Ovids wird also auch hier spürbar: Während er beispielsweise aus Lukrez’ „miniature remedia amoris“12 ein Opus im Umfang von 814 Versen kreiert, komprimiert er ganze Lehrgedichte und verwandelt sie in praecepta sanitatis, die letztlich Mittel zum Zweck, sich von der Liebe zu lösen, werden. Möglicherweise lässt sich diese Deutung noch weiterführen, wenn man den Umfang der genannten ‚Lehrgedichts-praecepta‘ betrachtet. Auf die Vorschrift, dass man sich landwirtschaftlich betätigen solle, entfallen 30 Verse, auf die Großtierjagd acht und auf Fisch- und Vogelfang nur vier Verse. Herkömmliche didaktische Themen werden also nicht nur Teil von Ovids Werk, vielmehr verringert sich ihre Präsenz, wofür die geringer werdende Verszahl Indiz ist, bis sie letztlich aus dem Text verschwinden.13 Daran zeigt sich, dass Ovid die Innovationslust des Genres auf die Spitze treibt, indem er in Abgrenzung zur eigenen Gattungstradition ein neues Themenfeld erobert.14

Dass all dies jedoch keine ernst gemeinte ‚Revolutionierung‘ didaktischer Standards und nur eine weitere Potenzierung des literarischen Spiels (hier scheint mir dieser Begriff passend) Ovids darstellt, wird vor allem dann klar, wenn man danach fragt, ob die Remedia amoris auch wirklich ‚funktionieren‘ und ihr didaktisches Versprechen einlösen können. Dazu müssen die Spannungen, die aus der Verbindung elegischer und didaktischer Gattungselemente entstehen und die von der Forschung mittlerweile in weiten Teilen aufgearbeitet wurden, berücksichtigt werden. Denn hierdurch zeigt sich die parodistische Multivalenz des Lehrgedichtaspekts erst in ihrem vollen Umfang.

4.2.3 Die Demontage der Elegie im Medium des Lehrgedichts

Diese Kombination gattungskonstitutiver Eigenschaften findet sowohl in der Ars als auch in den Remedia ihren Ausdruck prominent darin, dass, wie bereits erwähnt, der didaktische Lehrinhalt metrisch in Form des elegischen Distichons realisiert ist. In dieser Verschmelzung von Grundcharakteristika zweier literarischer Genres kommt es auch zum Aufeinanderprallen verschiedener ‚Modi der Welterfahrung‘1. Wie Conte treffend beschreibt, treten didaktische Objektivität und elegische Subjektivität,2 die von einer ‚radikalen‘ „Transkodifikation“3 herkömmlicher Werte und Zeichen bestimmt ist,4 in Verbindung miteinander. Wenn nun in den Remedia amoris die Befreiung von unglücklicher, also typisch elegischer, Liebe zum Programm wird, entspricht das, um z. B. Conte und Holzberg zu referieren, letztlich der systematischen Demontage5 dieser Gattung (was Ovid in seiner literarischen Evolution von den Amores bis zu den Remedia konsequent weiterentwickelt hat).6 Ovid führt Konzepte des elegischen monde à l’envers konsequent ad absurdum, indem er ihn „auf komische Art ins Konträre verkehrt“7, was sich exemplarisch an der Rolle des otium zeigen lässt:8 Bekennt sich die ovidische Persona in den Amores noch zu dieser Protest- bzw. Alternativlebensform, soll der Schüler der Remedia Muße meiden (vgl. rem. 135–144). Ja er soll sich durchaus als „‘echter’ miles“ betätigen und zur Ablenkung z. B. in den Krieg ziehen (vgl. V. 151–168)9 – die elegische Metapher des Kriegsdienstes in Sachen Liebe, militat omnis amans (am. 1, 9, 1f.), wird also auf ihre ursprüngliche und damit anti-elegische Bedeutung des realen Kriegsdienstes zurückgeführt.10 Auch sind die auf die Lehrgedicht-Tätigkeiten der Verse 169–212 folgenden praecepta als anti-elegisch zu charakterisieren: So soll der Liebeskranke aus Rom bzw. der Heimat weggehen, um so räumliche und zeitliche Distanz zur Geliebten zu schaffen (vgl. V. 213–248) und zu verhindern, dass er ohne mens firmata (vgl. V. 245) wieder in die Liebesfänge verstrickt wird. Um die Lehrgedicht-Tätigkeiten schließt sich so eine ‚anti-elegische‘ Klammer, was die didaktische Intention einer Heilung von elegischer Liebe somit inhaltlich und strukturell unterstützt (siehe die tabellarische Übersicht in Abbildung 5). Zudem soll sich der Liebhaber von der typisch elegischen ‚Liebeschoreographie‘, dem Vor-der-Tür-Liegen, bei dem das Paraklausithyron gesungen wird, verabschieden, wenn er erfolgreich einem Rückfall in den Zustand der Verliebtheit entgehen möchte. Dies beschreibt Ovid gegen Ende seiner Ausführungen: di faciant, possis dominae transire relictae / limina, proposito sufficiantque pedes (rem. 785f.).11

Witzigerweise entspricht diese Absage 30 Verse vor dem Werkende m. E. strukturell fast exakt der Stellung, welche die kleine ‚Grammatik der Elegie‘12 mit ihrer Paraklausithyron-Andeutung im Dialogproöm mit Amor ab V. 31 (!) einnimmt. Das Paraklausithyron-Motiv umrahmt dabei die heimliche Verständigung der Liebenden:


effice nocturna frangatur ianua rixa
et tegat ornatas multa corona fores.
fac coeant furtim iuuenes timidaeque puellae
uerbaque dent cauto qualibet arte uiro,
et modo blanditias rigido, modo iurgia, posti
dicat et exclusus flebile cantet amans. (rem. 31–36)

Inhaltlich steht sie ihr aber diametral entgegen, weist doch die ovidische Persona am Anfang den Gott an, bei diesen seinen ‚Leisten‘ zu bleiben, die darin bestehen, dass Verliebte ohne Tränen und Tod und nach elegischem Muster miteinander kommunizieren sollen. Am Ende des Lehrgangs hingegen steht die Aufforderung an den Schüler, den Regeln dieser Gattung den Rücken zu kehren. Die ringkompositorische Rahmung zeigt nun paradigmatisch, wie Ovid seinen Ausgangspunkt bei der elegischen Gattung nimmt, um sie am Schluss der Remedia an ihr Ende geführt zu haben – und wie er das Verbot der Paraklausithyron-Szenerie auch explizit an den Schüler richtet.13 Ovid hat also dieses Motiv,14 das sich auch in seinen anderen Werken findet, in seinen Lehrgang aufgenommen und funktional für sein literarisches Programm eingesetzt.15

Letztendlich kann es für einen amator aber keine Heilung von seiner Liebesleidenschaft geben, da er sonst zugleich seine Existenz als poeta (= amator) der Elegien aufgeben müsste; sein Leiden ist schließlich das Movens seiner Klage.16 So schreibt schon Properz: omnis humanos sanat medicina dolores: / solus amor morbi non amat artificem (Prop. 2, 1, 57f.).17 Dabei erscheint es mir wichtig, hervorzuheben, wie lustig es ist, dass sich Ovid ausgerechnet des Lehrgedichts als Medium bedient, um die Elegie zu ihrem Ende zu führen. Denn schon bei Properz und Tibull eignet der Liebeselegie ein didaktisches Moment, das jedoch ein nur kleiner Teil des elegischen Konzeptes bleibt.18 Ovid nun kehrt die Prioritäten um. Auch wenn er im Literaturexkurs (vgl. rem. 361–396) die Remedia der elegischen Poesie zuordnet19 und sich zum Vollender dieser Gattung stilisiert (und das auch im wahrsten Sinne des Wortes, denn nach den Heilmitteln kann es keine Liebeselegie mehr geben, womit Ovid auch seine eigenen Liebesdichtungen beendet!)20: So ist es doch der didaktische Rahmen, der sein literarisches Unterfangen in seiner erotodidaktischen Tetralogie bestimmt. Der Gipfel des lusus mit bzw. der Referentialität auf etablierte(n) literarische(n) Konventionen und Gattungen besteht nun darin, dass nicht nur die Elegie durch das Lehrhafte demontiert wird, sondern das Lehrhafte selbst nur scheinbar ‚obsiegt‘ und dass vielmehr die nie ganz ‚tilgbaren‘ Elemente der Liebeselegie und des amor immer wieder durchbrechen. Ovid führt also beide Gattungen an ihre Grenzen, wobei dennoch der interpretatorische Akzent darauf zu setzen ist, dass seine Haltung der ernsthaften Liebeselegie gegenüber subversiv-gefährlich21 ist, während er die Regeln des Lehrgedichts eher witzig noch weiter ausdehnt.22 „The remedia amoris not only brings to an end Ovid’s experiment in love elegy but also explores the logical limits of didactic poetry“23 – und demonstriert so in humorvoller Art und Weise den selbstbewussten Umgang mit existierenden Gattungssystemen.24

4.2.4 Amor schleicht sich ein: Die unmöglichen Remedia amoris

Erneut ist unter Bezug auf Brunelles Forschungsergebnisse das Form-Argument heranzuziehen. Da die Remedia in elegischen Distichen verfasst sind und Ovid im Literaturexkurs selbst betont, dass der Rhythmus eines Werkes und dessen Inhalt einander gegenseitig bedingen – blanda pharetratos Elegia cantet Amores / et leuis arbitrio ludat amica suo (rem. 379f.) –, stehen Form und Funktion (also die Heilung von unglücklicher Liebe) einander kontrastiv gegenüber. Zudem warnt der ovidische praeceptor im ars vitandi-Teil den Schüler davor, elegische, und somit auch seine eigene, Dichtung zu lesen,1 da dies einen Rückfall bewirken könne: eloquar inuitus: teneros ne tange poetas; / summoueo dotes impius ipse meas (rem. 757f.).2 Das heißt, eigentlich kann man sich durch die Lektüre einer wie auch immer gearteten Dichtung im elegischen Versmaß von keiner Form der Liebe lösen, und man kann nicht Leser und Schüler von Ovids Werk zugleich sein. Und auch Ovid müsste sich, wenn er seinen Ausführungen folgt, eigentlich vom Distichon fernhalten.

Diese prinzipielle Unvereinbarkeit von Lehrinhalt und -form3 macht nun einen Teil der Widersprüchlichkeit aus, die sich bei einer genauen Lektüre der Remedia auch anhand anderer Beispiele aufzeigen lässt. Ein großer Teil des Lesevergnügens der Remedia besteht schließlich darin, Ovids intra- und intertextuelles Referentialitätssystem zu entdecken, sich also früher verfasste Verse in Erinnerung zu rufen. Nun bestehen aber viele Vorschriften genau darin, bereits erfahrene Liebe zu vergessen und zu verlernen (vgl. die dreimalige Verwendung des Verbs dediscere in V. 211, 297, 503) – denn Erinnerung, admonitus, führt letztlich zurück zur Liebe (vgl. V. 629, 661f., 729).4 Ebenso sind auch die Aktivitäten und Plätze, die für eine Heilung von Liebe vorgeschlagen werden, bereits mit, intratextuell abrufbaren, Erinnerungen an Liebe getränkt.5 Das Forum und die Anwaltspraxis preist Ovids zwar als remedia (vgl. rem. 151), doch konnte der liebeshungrige Schüler in der Ars amatoria bereits lesen: et fora conueniunt (quis credere possit?) amori, / flammaque in arguto saepe reperta foro (ars 1, 79f.). Und auch die Weisungen, die fordern, dass man sich der Landwirtschaft, dem Fischen und dem Vogelfang widmen solle, werden dadurch konterkariert, dass diese Tätigkeiten in der Ars6 und auch bei Tibull Metaphern für die Liebe darstellen und sogar als Tätigkeiten imaginiert werden, die Liebende gemeinsam durchführen können, wie z. B. in Tibulls Phantasie in seiner zweiten Elegie.7 Darüber hinaus eignet den „Little Georgics“ in den Remedia (vgl. V. 171–186), wie Boyd ausführt, ein intertextuelles Moment, das die Liebesheilung unterminiert: In den Weisungen zur landwirtschaftlichen Betätigung werde in Form einer kleinen, metapoetisch wirkenden Ekphrasis ein bukolisches ‚Setting‘ gezeichnet und als „Little Eclogues“ in diese praecepta integriert (vgl. V. 179–182).8 Wenn der praeceptor dem Schüler einen Hirten, der auf seiner Flöte ein Lied spielt, vor Augen führt, rufe dies Liebeslieder der Eklogen und Figuren wie Korydon aus Ekloge 2 und Gallus aus Ekloge 10 hervor.9 Dies evoziere beim Leser aber, da diese Lieder v. a. „unhappy love“10 thematisieren, einen Liebhaber, dessen Versuche, sich von der Liebe zu befreien, zum Scheitern verurteilt seien11 – wodurch Ovid wiederum sein Projekt unterminiere.12

Man sieht aufgrund von Boyds Beobachtung also: Zusätzlich zur oben erläuterten didaktischen Verweisungsdimension dieser praecepta sind als Resultat der Gattungsmischung die elegischen und auch Liebesleiden widerspiegelnden Färbungen wahrnehmbar, die sich so dem Ziel der Liebestherapie entgegensetzen. Wenn nun der unglücklich Verliebte auch noch die Einsamkeit meiden soll – quisquis amas, loca sola nocent: loca sola13 caueto (rem. 579) – scheint es unmöglich zu werden, den alter orbis, den der Schüler bewohnen soll (vgl. rem. 630), auf dieser Welt überhaupt zu lokalisieren;14 es sei denn, man würde versuchen, die inter- und intratextuellen Konnotationen auszublenden, was wiederum dazu führen würde, einen zentralen Gestaltungsaspekt von Ovids Werk zu vernachlässigen.

Zudem zeigen Sprachspiele Ovids, wie sich amor, den der Liebeskranke ja loswerden möchte, in die Weisungen hineinschleicht. Man betrachte nur, wie Luke Houghton (2013) beobachtet, folgende Hinweise: opprime, dum noua sunt, subiti mala seminA MORbi (rem. 81) und uerba dat omnis amor reperitque alimentA MORando (rem. 95) – wenn der Schüler nicht schnell genug handle, werde ihn die Liebe fesseln und die Heilung werde erschwert.15 Und Mary Davisson (1996) zeigt, wie auch der Verweis auf konkrete mythologische Einzelfälle mehr entmutigt, als dass er die Argumentation unterstützt: 23 Negativbeispiele, wie die eingangs beschriebenen Heroinen Phyllis (vgl. V. 55f.), Dido (vgl. V. 57f.), Medea (vgl. V. 59f. und 261f.) und auch Circe (vgl. V. 263–288) stehen 14 positiven, und dabei kaum weiblichen, exempla entgegen,16 wobei manche dieser Beispielreihen wiederum auf Folgen verweisen, die noch desaströser sind als das ursprüngliche Liebesunglück: Man denke an den Katalog in V. 453–460, der u. a. Phineus, Alcmaeon, Paris und Tereus nennt, und das Atriden-Beispiel in V. 467–486. Die Liebe dieser Männer zu je einer zweiten Frau hatte schließlich fatale Auswirkungen auf ihr Leben, womit auch sie eigentlich keine unbedingt nachahmenswerten Vorbilder darstellen.17 Davisson folgert zu Ovids Opus: „[I]t raises doubts about the possibility of finding exempla to prove seriously the praecepta of the Remedia.“18

Und ein weiterer Aspekt, den Alison Sharrock (2002) ausführt, ist an dieser Stelle wichtig: Die Remedia hätten als scheinbar „ultimate retraction and denial of the world of erotic elegy“ Anteil an einer „rhetoric of renunciation“, die aber grundlegend mit dem „erotic discourse“ verbunden sei.19 Das führe eben auch dazu, dass man durch die Remedia als „seductive song which will draw us further into the world of Ovidian erotics“ keinen wirklichen Weg aus der Situation unglücklicher Liebe habe20 – was aber wiederum eine Zukunft für (erotische) Literatur garantiert.21 Der Leser bleibt also durch die verführerische Macht des carmen im Bann Ovids.22

4.3 Die Funktionalisierung jambischer und satirischer Elemente für das Programm der Remedia amoris

Es dürfte deutlich geworden sein, dass Ovid vor allem im ersten Teil der tractatio intertextuell und thematisch auf Lukrez und andere didaktische Werke sowie die Gattung des Lehrgedichts im Allgemeinen rekurriert – also in Form der Einzeltext- und der Systemreferenz –, um dadurch das elegische Programm der Remedia zu sprengen. Eine ähnlich funktionale Referentialität kann man auch für die Gattungen Satire und Jambus feststellen, wenn man die Bezüge untersucht, die in den Heilmitteln auf Horaz und Catull, lateinische Archegeten dieser Gattungen und die Vermittler griechischer Traditionen, genommen werden. Meine Untersuchung wird auch hier doppelt perspektiviert sein. Es soll sowohl um intertextuelle Bezüge auf Horaz’ Satiren und Epoden sowie Catulls Carmina mit Blick auf Einzeltextreferenzen als auch um die Präsenz genereller Gattungscharakteristika gehen.

4.3.1 Eine parodistische ‚aemulatio Horatii‘? Ovids intertextuelle Bezugnahme auf den Augusteer und jambisch-satirische Traditionen

Im Anschluss an Brunelles (2005) Ausführungen zu „Ovid’s satirical remedies“ fokussiere ich besonders die folgende Passage zum „ugly sex“:1


ille quod obscenas in aperto corpore partes
uiderat, in cursu qui fuit, haesit amor,
ille quod a Veneris rebus surgente puella
uidit in immundo signa pudenda toro.
luditis, o si quos potuerunt ista mouere:
afflarant tepidae pectora uestra faces.
attrahat ille puer contentos fortius arcus,
saucia maiorem turba petetis opem.
quid, qui clam latuit reddente obscena puella
et uidit quae mos ipse uidere uetat?
di melius, quam nos moneamus talia quemquam!
ut prosint, non sunt expedienda tamen. (rem. 429–440)

Der Liebeslehrer referiert die Erfahrung von Liebhabern, die sich nach Anblick der signa pudenda und der nach dem Sexualverkehr aus der puella austretenden Körpersäfte voller Abscheu abwendeten und dadurch ‚entliebten‘; daraufhin scheint er dem Schüler das praeceptum zu geben, dass er die puella nach dem Koitus auf der Toilette beobachten solle, um durch die Aversionstherapie von der Liebe zu ihr geheilt zu werden.

Begegnete man dieser Passage außerhalb ihres Kontextes und konfrontierte man den Leser mit der Frage, in welche literarische Gattung man diesen Auszug thematisch einordnen müsste, könnte dieser vielleicht ‚Jambus, Epigramm‘ oder, wie Brunelle, ‚Satire‘2 als Antwort geben. An die römische Liebeselegie wäre vermutlich weniger zu denken. Und doch entstammt dieser Auszug Ovids Remedia amoris, die Ovid selbst (v. a. durch den Literaturexkurs in den Remedia, V. 361–396) in die Tradition der kallimacheischen und der liebeselegischen Dichtung einordnet (besonders V. 379–386). Der zitierte Textauszug aus dem Ende des ars agendi-Parts der tractatio weist aber eindeutig Elemente auf, die sich aus den oben genannten Gattungstraditionen speisen und zu deren prominenten Vertretern Horaz mit seinen Epoden und Sermones gehört.

Die Bedeutung horazischer Texte für Ovids liebesdidaktische Tetralogie, v. a. die Remedia, ist bisher eher vereinzelt Gegenstand der Forschung geworden. Zu nennen sind besonders Roy Gibsons (2007) Monographie und Brunelles (2005) Aufsatz. Gibsons Schwerpunkt liegt auf dem ‚neuen Mittelweg‘,3 den Ovid in seiner Ars amatoria unter Bezug auf etwa Horaz (z. B. sat. 1, 2) und Properz eröffnet, und darüber hinaus auf der ethisch-poetischen Diskussion um das decorum in der erotodidaktischen Tetralogie.4 Für die Remedia beschreibt er „Ovid’s assault on the [Anm.: Horace’s] Ars Poetica“5, da Ovid anti-horazisch für ein dezidiert unelegisches Thema die elegische Gattung wählt und so Horaz’ Weisungen in der Ars poetica widerspricht (vgl. Hor. ars 73–92) – und ausgerechnet in dieses Werk seinen poetologischen Diskurs zur Angemessenheit von Metrum und Inhalt integriert.6 Damit geht Gibson mit der Brunelle’schen Beobachtung d’accord, dass Form und Funktion der Remedia einen Gegensatz bilden.7 Davon abgesehen spielen die Remedia für Gibson jedoch keine weitere Rolle. Brunelle richtet nun den Blick konkret auf den letzten Teil von Ovids Tetralogie und führt einige Passagen an, in denen die Remedia mit Horaz’ Satiren vergleichbar sind – topisch, hinsichtlich des Tonfalls und der Sprecherhaltung und intertextuell. Seine Ergebnisse sollen Ausgangspunkt für weitere Beobachtungen sein, in denen ich die Remedia und Horaz’ Satiren in das Zentrum meiner Überlegungen stelle. Auch hier greife ich auf mein Modell der Intertextualitätspyramide zurück.

Brunelle verknüpft seine Beobachtungen zum Einfluss satirischer Gattungselemente in den Remedia zunächst mit der Fragestellung, inwiefern neuere Sichtweisen auf „Ovide moralisé“ Gültigkeit beanspruchen können.8 Er fordert dabei, dass man stets das elegische Setting der Remedia beachten müsse und man Ovid natürlich nicht primär als Satiriker einordnen dürfe – und dass die aktive Rolle des Lesers für das Aufkommen satirischen Humors zentral sei.9 Eben die Interaktion des Textes mit dem Leser und seine Suggestivität, mit der er eine Reaktion des Rezipienten hervorruft, sind die Basis für Brunelles intertextuelle Analyse. In V. 399–440 zeige sich, so Brunelle, ein nicht mehr didaktisches, sondern vielmehr satirisches Element der Remedia,10 das sich auch in den Satiren des Horaz findet. So etwa in der erotodidaktisch geprägten Satire 1, 2, die Markus Janka als „satirische Ars amatoria“ bezeichnet hat:11 Dem Weg des „happy medium“12 entsprechend solle man, so die Weisung der horazischen Persona, keinen Matronen nachstellen, um dadurch der Bestrafung als Ehebrecher zu entgehen, und nur mit Libertinen schlafen – dabei aber auch nicht Maß und Ziel vergessen und seinen guten Ruf und das Vermögen verprassen (vgl. Hor. sat. 1, 2, 47–63). Der satirische Liebeslehrer referiert dabei das nur hypothetisch hilfreiche Beispiel, dass man seine Leidenschaft von den dolores, die eine Beziehung mit verheirateten Frauen mit sich bringt, befreien könne, wenn man sich die Unerreichbarkeit der Geliebten schönrede.13 Letztlich konfrontiert er ihn aber höhnisch mit der Nichtigkeit dieses Vorschlags: hiscine uersiculis speras tibi posse dolores / atque aestus curasque grauis e pectore tolli? (Hor. sat. 1, 2, 109f.). Damit ist nun Ovids Relativierung seiner Beispiele und Weisungen ex post vergleichbar, durch die er seinen Leser – sowie die fiktiven Gewährsmänner seiner Beispiele – der Lächerlichkeit preisgibt:14 luditis, o si quos potuerunt ista mouere (rem. 433). Im Rahmen der Weisung, die sich auf die ‚Toiletten-Schau‘ bezieht, offenbart der praeceptor sanitatis im Anschluss sogar den praeteritio-Charakter dieses Vorschlags:15 di melius, quam nos moneamus talia quemquam! (rem. 439). Erst nachdem sich der Leser damit auseinandergesetzt hat, distanziert sich Ovid wiederum davon. Hierin sieht Brunelle eine Referenz sowohl auf Horaz’ Satire im Besonderen als auch auf die Gattung Satire16 im Allgemeinen: „Ovid’s brief inclusion and derision of another man’s erotic experience links him to the aggressive rhetorical world of satire.“17 Die Präsenz des Satirischen manifestiert sich aber nicht nur in dieser Sprechhaltung, sondern auch in der inhaltlichen Gestaltung der Passage. Denn eine derart explizite (wenn auch retrospektiv zurückgenommene) Aufforderung, dass der Schüler sich so Hässliches und Abstoßendes vor Augen führen solle wie Vaginalflüssigkeit, Sperma und letztlich sogar Exkremente, sprengt die Grenzen der Gattung Liebeselegie und ist mit ihrer impliziten Grammatik nicht mehr vereinbar. Denn in ihr herrscht ein Verbot der Obszönität.18 Auch findet man nirgends innerhalb der Liebeselegie eine ausführliche Beschreibung dieser Flüssigkeiten – maximal liest man von Blut oder Tränen, die zu „controlled substances“ gehören.19 Und nicht einmal die in den Amores thematisierte Abtreibung (am. 2, 13 und 2, 14) ist in so abstoßenden Formulierungen besprochen.20

Diese Flüssigkeiten sind, so Brunelle weiter, mit abwertenden Attributen21 versehen und dabei, im Sinne der Zielsetzung, primär der Frau zugeordnet, wodurch eine gewisse „gendered disparity“22 entsteht, die wiederum eine Parallele zur Gattung Satire und zu Horaz (bei der Verspottung der Hexen in sat. 1, 8)23 darstellt; der Effekt der Bloßstellung der Frau und ihrer Negativzeichnung werde bei Ovid schon in der Kosmetikpassage (vgl. rem. 351–356) vorbereitet, in welcher der Gestank des weiblichen Makeups ebenfalls als remedium amoris genannt wird.24 Sowohl der männlich-spöttische Blick auf die Frau im Badezimmer als auch die Fokussierung von Exkrementen25 würden auf das satirische Genre verweisen. Und:

A woman who is unpleasantly and uncontrollably wet looks less like the typical elegiac puella and more like the typical target of Roman satire, a genre that derives much of its invective from a focus on the leaky and imperfect body and a condemnation of female bodily fluidity.26

Ich gehe, in Fortführung von Brunelles Beobachtungen und Ergebnissen, ein paar Schritte weiter und frage konkret, ob und inwieweit Horaz’ Satiren und auch sein Buch der Epoden spezifische Intertexte darstellen, auf die Ovid in seinen Remedia rekurriert, und welche Referenzen Gattungstraditionen und welche diesen Prätexten zu schulden sind. M. E. sollte man nicht nur die (horazische) Satire als konzeptionelle Folie betrachten, sondern in Verbindung damit zudem den Jambus. Denn beiden Gattungen, die bei Horaz ähnliche Charakteristika aufweisen und bei intertextuellen Analysen somit eine gemeinsame Betrachtung legitimieren, eignet eine obszöne und noch dazu aggressivere und stärker decouvrierende Topik, als sie für die Elegie typisch ist, und beiden Genres kann man für die auffällig unelegischen Passagen der Remedia Einfluss zuschreiben. Die Themen der Obszönität und der ‚Rezipientenaktivierung‘ sind nicht auf die Satire beschränkt,27 sondern können, wie später zu zeigen ist, auch dem Jambus zugeordnet werden. Auch aus gattungsgeschichtlicher Perspektive lässt sich diese Herangehensweise begründen. Denn wenngleich die römische Satire ein eigenständiges Genre darstellt, so unterscheidet sie sich doch in vielerlei Hinsicht nicht von der griechischen Jambik, von der sie neben der Komödie stark abhängt:28 Besonders der satirische Sprechmodus, das ἰαμβίζειν, ist als konstitutiv für jambische und die späteren satirischen Texte zu betrachten.29 Auch David Mankin weist in diese Richtung, wenn er die invektivische Gattung unter die Kategorie „blame poetry“ subsumiert, in der es durch Kritik an verletzten sozialen Codes letztlich um deren Affirmation geht:30 Denn dies ist nicht nur für den Jambus, sondern auch für die römische Satire zentral.31 Trotz gradueller Unterschiede bleibt also mit Blick auf die bestehende Forschung festzuhalten, dass beide Gattungen grundsätzlich und darüber hinaus in ihrer horazischen Gestaltung eng miteinander verbunden sind.32

Zum Zweck einer übersichtlichen Argumentation sind diese zusammenhängenden Gattungen aber getrennt voneinander zu analysieren. Zuerst ziehe ich einzelne Satiren des Horaz, auf die Ovid intertextuell und motivisch Bezug nimmt, für meine Untersuchung heran.33 Danach werden jambisches Sprechen im Allgemeinen und Horaz’ Epoden als eine Manifestation des Jambus fokussiert; dafür ist auch die Berücksichtigung von Traditionen, die durch das horazische Vorbild Archilochos von Paros (vgl. Hor. epist. 1, 19, 24f.) und besonders Hipponax sowie durch hellenistische Weiterentwicklungen etwa bei Kallimachos begründet sind, und die für Horaz bedeutsam waren, nötig.34 Über all dem sollen aber grundlegende Interpretationsfragen stehen, die immer die ovidischen Remedia als Spitze der Intertextualitätspyramide in den Blick nehmen: Warum bezieht sich Ovid auf die besagten Horaztexte und Gattungstraditionen, wie lässt sich die Natur dieser Intertextualität näher bestimmen? Und welche Funktion kommt den satirischen und jambischen Elementen für die Gesamtkonzeption der Remedia zu?35

4.3.1.1 Die intertextuelle Anbindung der Remedia an die Autosuggestionspassage in Hor. sat. 1, 3 und Ovids Rezeption des vitium-Begriffs

Zunächst soll es um eine bereits besprochene Passage der Remedia gehen – den Abschnitt zu Euphemisierungsstrategien und Autosuggestion (vgl. rem. 315–340), in dem der praeceptor sanitatis seinem Schüler vorschlägt, dass er nur an die Fehler der Freundin denken und ihre Vorzüge durch die Praxis des Schlechtredens ins Gegenteil verkehren solle. Neben dem lukrezischen Prätext (vgl. Lucr. 4, 1149–1170), der für die Interpretation von Ovids Umgang mit dem Lehrgedicht wichtig ist,1 muss man noch weitere Vorlagen berücksichtigen. Das Thema der negativen oder positiven „ästhetischen Autosuggestion“2 ist bereits bei Platon vorgeprägt: Sokrates entfaltet dem Interlokutor Glaukon gegenüber sein Argument, dass man als Philosoph die gesamte Weisheit lieben solle, mithilfe der Analogie zu Liebhabern. Jeder, der etwas liebe, widme sich seiner Leidenschaft zu hundert Prozent, wie man am Beispiel eines Verliebten sehen könne, der sich auch missgestaltete Knaben durch Euphemisierungen schönrede (vgl. Platon, rep. 474d–475a). Der Einfluss dieser in der Antike berühmten Passage erstreckte sich bis auf die späteren lateinischen Texte, in denen die beschriebene ‚rhetorische Strategie‘ entfaltet wird, u. a. die genannte Lukrezstelle,3 die selbst wiederum zu einem Intertext für die Remedia amoris-Passage wurde. Doch damit nicht genug: Ovids eigene Liebeskunst (ars 2, 641–662) ist, wie bereits angeführt,4 der zweite inter- (bzw. intra-)textuelle Referenzpunkt, und auch Horaz’ Satire 1, 3, 38–75 ist ein Bezugstext.5 Bevor ich konkret auf das Verhältnis zwischen der horazischen und der ovidischen Euphemisierungspassage blicke, sei die intertextuelle Vierecksbeziehung zwischen den lateinischen Texten in einer Zusammenschau betrachtet (für Visualisierungen im Rahmen des Modells zur Intertextualitätspyramide siehe Abbildungen 6 und 7).

Abbildung 6:

Euphemisierungsstrategien und ‚rhetorische Selbstmanipulation‘ im

Pyramidenmodell zu den Remedia amoris

Abbildung 7:

Intertextualitätsvieleck zu Euphemisierungsstrategien und ‚rhetorischer Selbstmanipulation‘

Lukrez geißelt auf satirische Weise6 die Tendenz Verliebter, sich die geliebten Partner schönzureden. Ovid hingegen fordert im zweiten Buch seiner Liebeskunst im Rahmen der Gewöhnungsmethode, auch mit Blick auf Lukrez, den Schüler nun auf, sich seine Geliebte eben schönzureden:


parcite praecipue uitia exprobrare puellis,
utile quae multis dissimulasse fuit.
[…]
nominibus mollire licet mala: fusca uocetur,
nigrior Illyrica cui pice sanguis erit;
si paeta est, Veneri similis; si raua, Mineruae;
sit gracilis, macie quae male uiua sua est;
dic habilem, quaecumque breuis, quae turgida, plenam;

Bei Horaz wiederum, der Lukrez als „satirical ancestor“ für sich beansprucht,8 ist die erotische Komponente zwar auch ein Bestandteil von 1, 3, doch liegt der Fokus in dieser moralphilosophisch geprägten Satire auf einem anderen Themengebiet: der Toleranz gegenüber den Fehlern von Freunden.9


Illuc praeuertamur, amatorem quod amicae
turpia decipiunt caecum, uitia aut etiam ipsa haec
delectant, ueluti Balbinum polypus Hagnae. 40
uellem in amicitia sic erraremus, et isti
errori nomen Virtus posuisset honestum.
ac pater ut gnati, sic nos debemus amici
si quod sit uitium non fastidire. strabonem
appellat paetum pater et pullum, male paruus 45
si cui filius est, ut abortiuus fuit olim
Sisyphus; hunc uarum distortis cruribus, illum
balbutit scaurum prauis fultum male talis. (Hor. sat. 1, 3, 38–48)

So wie also erfahrungsgemäß Verliebte über Fehler ihrer Partner hinwegsehen oder auch ein Vater kleine Makel seines Sohnes durch positive Autosuggestion schönredet und akzeptiert,10 soll man sich – anders als es in gegenwärtigen Zeiten, in denen Schwächen fokussiert und Eigenheiten schlechtgeredet würden, üblich sei – auch bei Freunden verhalten. Dadurch könne man sowohl neue Freundschaften knüpfen als auch bestehende erhalten. Und wenn man über die kleinen Schwächen der Freunde hinwegsieht, könne man gleichzeitig erwarten, dass diese dann bei unseren eigenen Schwächen nachsichtig sind – niemand wird schließlich ohne Fehler geboren:


parcius hic uiuit: frugi dicatur. ineptus
et iactantior hic paulo est: concinnus amicis 50
postulat ut uideatur. at est truculentior atque
plus aequo liber; simplex fortisque habeatur.
caldior est: acris inter numeretur. opinor,
haec res et iungit iunctos et seruat amicos.
at nos uirtutes ipsas inuertimus atque 55
sincerum furimus uas incrustare. probus quis
nobiscum uiuit, multum demissus homo: illi
tardo cognomen, pingui damus. hic fugit omnis
insidias nullique malo latus obdit apertum,
cum genus hoc inter uitae uersemur ubi acris 60
inuidia atque uigent ubi crimina: pro bene sano
ac non incauto fictum astutumque uocamus.
simplicior quis et est qualem me saepe libenter
obtulerim tibi, Maecenas, ut forte legentem
aut tacitum impellat quouis sermone molestus: 65
‘communi sensu plane caret’ inquimus. eheu,
quam temere in nosmet legem sancimus iniquam!
nam uitiis nemo sine nascitur; optimus ille est
qui minimis urgetur. amicus dulcis, ut aequum est,
cum mea compensat uitiis bona , pluribus hisce, 70
si modo plura mihi bona sunt, inclinet . Amari

Erklärt man die intertextuelle Beziehung zwischen den Texten aus der Perspektive der Remedia amoris als Spitze der Intertextualitätspyramide,12 kann man sagen: Ovid invertiert zunächst den Grundtenor der Ars amatoria und verknüpft dabei intratextuell die Bücher seines Erotiklehrgangs. War es in der Liebeskunst noch das Ziel, sich durch aktives Bemühen zu verlieben, gilt es in den Heilmitteln gegen die Liebe, Strategien zu finden, mit denen man die Liebe beenden kann. Dabei nähert sich Ovid wiederum dem lukrezischen Prätext an, von dem er sich in der Ars inhaltlich entfernt hatte,13 und geht, wie gezeigt, einen Schritt weiter, indem er zur Diffamierung, zum Schlechtreden der puella und ihrer Eigenschaften, rät.

Was geschieht nun hinsichtlich des horazischen Intertextes? Auch hier invertiert Ovid den argumentativen Grundtenor. Denn Ovid propagiert die von Horaz beklagte negative Tendenz der rhetorischen Selbstmanipulation: Je effektiver man sich die puella schlechtreden kann, desto größer ist das Erfolgserlebnis im Prozess des Lösung von der Liebe (vgl. rem. 309–316). Zudem bleibt die ovidische Lehrer-Persona im Bereich der Erotik, die für Horaz hingegen nur als Analogie und Beispiel für den argumentativen Transfer dient (vgl. sat. 1, 3, 38–42): Denn in Satire 1, 3 steht der moralphilosophische Kontext der Toleranz in Freundschaftsangelegenheiten im Zentrum, den Ovid – in Fortführung der Ars – in einen rein erotodidaktischen rückverwandelt. Dass man von einer solchen aktiven Bezugnahme auf den horazischen Prätext sprechen darf, die dritte Satire also neben Lukrez und der Ars zum Intertext der Remedia-Stelle erklärt, lässt sich auch belegen, wenn man beide Passagen einander vergleichend gegenüberstellt.


Hor. sat. 1, 3, 38–72 Ov. rem. 315–348 und 417f.
Illuc praeuertamur, amatorem quod amicae profuit assidue uitiis insistere amicae ,
turpia decipiunt caecum, uitia aut etiam ipsa haec idque mihi factum saepe salubre fuit.
delectant, ueluti Balbinum polypus Hagnae. ‘quam mala’ dicebam ‘nostrae sunt crura puellae!’
uellem in amicitia sic erraremus, et isti (nec tamen, ut uere confiteamur, erant);
errori nomen uirtus posuisset honestum . ‘bracchia quam non sunt nostrae formosa puellae!’
ac pater ut gnati, sic nos debemus amici (et tamen, ut uere confiteamur, erant);
si quod sit uitium non fastidire. strabonem ‘ quam breuis est !’ (nec erat), ‘quam multum poscit
appellat paetum pater et pullum, male paruus amantem!’;
si cui filius est , ut abortiuus fuit olim haec odio uenit maxima causa meo.
Sisyphus; hunc uarum distortis cruribus , illum et mala sunt uicina bonis : errore sub illo
balbutit scaurum prauis fultum male talis. pro uitio uirtus crimina saepe tulit.
[…] qua potes, in peius dotes deflecte puellae
at nos uirtutes ipsas inuertimus atque iudiciumque breui limite falle tuum.
sincerum furimus uas incrustare. […] […]
[…] durius incedit, fac inambulet; omne papillae
nam uitiis nemo sine nascitur; optimus ille est pectus habent, uitium fascia nulla tegat.
qui minimis urgetur. amicus dulcis, ut aequum est, […]
cum mea compensat uitiis bona, pluribus hisce, improuisus ades: deprendes tutus inermem:
si modo plura mihi bona sunt, inclinet. amari infelix uitiis excidet illa suis.
si uolet: hac lege in trutina ponetur eadem.
tunc animo signa, quaecumque in corpore menda est,
luminaque in uitiis illius usque tene.

In beiden Texten ist eingangs von den uitia amicae (rem. 315 und sat. 1, 3, 38f.) die Rede,14 und auch in zwei inhaltlichen Punkten finden sich Übereinstimmungen: bezüglich des autosuggestiven Umgangs mit der Schienbeinform der puella (vgl. rem. 317f. und sat. 1, 3, 47) und der Größe des Objektes der Autosuggestion (vgl. rem. 321 zur puella und sat. 1, 3, 45f. zum Sohn, den sich der liebende Vater schönredet). Während sich der Blick auf die Größe auch in ars 2, 661 und Lucr. 4, 1162 findet, werden die Schienbeine explizit nur bei Horaz und in den Remedia angeführt.15 Hervorzuheben ist zudem die beiderseitige Rekurrenz auf den „in der Rhetorik und Historiographie geläufigen Topos von der Affinität von virtus und vitium“16 (vgl. rem. 323f. und sat. 1, 3, 41f.17). Bereits ars 2, 662 greift das Motiv auf und stellt dabei die direkte Rezeptionsfolie für diese Remedia-Stelle dar.18 Doch ist es möglich, dass sowohl die Ars als auch Horaz’ Satire, die beide das Motiv verarbeiten, gleichzeitig Intertexte für die Remedia sind.19 Ein weiteres Argument, das die aktive Bezugnahme auf Horaz nahelegt, ist die inhaltliche Parallele zwischen Ov. rem. 325f. (qua potes, in peius dotes deflecte puellae / iudiciumque breui limite falle tuum) und Hor. sat. 1, 3, 55f. (at nos uirtutes ipsas inuertimus atque / sincerum furimus uas incrustare). Auch wenn sich keine lexikalischen Übereinstimmungen finden, so fällt doch auf: Horaz beklagt die Tatsache, dass wir positive Eigenschaften in schlechte verkehren. Ovid macht aus eben dieser Aussage eine Aufforderung: Wende die Gaben deiner Geliebten ins Schlechte!20 Und in beiden Fällen folgt auf diese Thematik ein sprachliches Bild. Bei Horaz verschmutzen wir durch die Praktik des Schlechtredens ein ‚reines Gefäß‘,21 bei Ovid sollen wir uns selbst – durch die Diffamierung der puella – so täuschen, dass wir über die imaginäre Grenze hinweggehen, welche die nah beieinander liegenden Bereiche ‚gut‘ und ‚schlecht‘ trennt.22 Zudem wird in beiden Fällen je ein Distichon darauf verwendet.23 Folglich behaupte ich, dass Ovid den horazischen Tadel insofern invertiert, als er zum einen den Satzmodus verändert, also eine Handlungsanweisung gibt, anstatt zu konstatieren, und zum anderen aus dem beklagten Zustand einen temporär idealen macht – die inhaltliche Fokussierung auf das Schlechtreden bleibt jedoch bestehen. Da sich weder in der Ars noch bei Lukrez zu diesen beiden Distichen Parallelen finden,24 lässt sich so die These, dass Ovid auf Horaz Bezug nimmt und nicht einfach nur die Weisungen seiner Ars amatoria ins Gegenteil verkehrt, weiter bekräftigen. Auch dem Einwand, dass der horazische Intertext nur vermittelt über die Ars relevant ist, kann man anhand dieses Beispiels widersprechen. Zudem verfallen von den 21 Versen der Ars-Passage zehn Verse auf die „sentenziöse Würdigung des Faktors Gewohnheit […] mit Analogien aus der Pflanzen- und Tierwelt“25; die Vergleichsstellen, in denen es konkret um Autosuggestion und Beispiele bzw. praecepta geht, sind also zahlenmäßig um einiges geringer als sowohl im lukrezischen als auch im horazischen Prätext. Dadurch wird es wahrscheinlicher, dass die Aussagen der Remedia zusätzliche Parallelen in eben diesen Textstellen haben.26

Zusätzlich fällt noch die Präsenz des Begriffes vitium in beiden Texten auf. Dieser kann mit Blick auf die dritte Satire von Horaz als das zentrale Leitmotiv und Thema bezeichnet werden, was eine quantitative Analyse bestätigt: Zehn Mal wird das Wort in Satire 1, 3 verwendet, im ersten Buch insgesamt ‚nur‘ 20 Mal und im zweiten Buch an 17 Stellen, wenn man die Formen des Verbs vitiare und das Adjektiv vitiosus ebenfalls mitrechnet.27 Bei Horaz werden einige der verschiedenen, möglichen Denotationen des Begriffs, dessen Grundbedeutung „physischer und moralischer Defekt“ ist,28 akzentuiert:29 Vitium bezeichnet etwa in sat. 1, 3, 20; 1, 3, 39 und 1, 3, 70 oder auch 1, 4, 131 einen moralischen Fehler, die Lasterhaftigkeit eines Charakters im Gegenteil zum Begriff virtus.30 Auch denotiert vitium bei Horaz „mental disorder“ als Ersatz für die erwartete Bezeichnung morbus.31 Darüber hinaus steht vitium für einen ästhetischen Makel (etwa in 1, 3, 44 und 68) und, ebenfalls ohne philosophische Implikationen, für fehlerhaftes Verhalten, wenn es um Feinkost geht (so in der Lehrgedichtsparodie in sat. 2, 4). In der dritten Satire (1, 3) stehen nun die ersten beiden Aspekte von vitium im Zentrum, wobei zunächst die moralischen Mängel der Freunde fokussiert werden (vgl. V. 26, 28, 35). In der Analogieforderung, dass man sich ein Beispiel am Verhalten von Geliebten oder Vätern nehmen sollte, sieht man jedoch eine Verschiebung: vitium bezeichnet in den folgenden Versen ausschließlich Schönheitsmängel (vgl. V. 39, 44), bis Horaz im Rahmen der gnomischen Sentenz nam uitiis nemo sine nascitur (V. 68) eine ambigue Deutung zulässt. Sowohl in V. 68 als auch in V. 70 lässt sich vitium m. E. in seiner moralischen und zugleich seiner ästhetischen Bedeutung verstehen,32 wodurch sich die beiden vorangehenden Argumentationsstränge verbinden lassen. „Denn niemand wird ohne Fehler geboren“ passt, dem unmittelbaren Kontext entsprechend, einerseits auf Fehlbildungen oder ästhetische Eigenheiten von Geburt an; andererseits erkennt man auch den gnomischen Charakter dieser Sentenz, wodurch der Terminus des Naturdefekts auch auf Persönliches und Charakterliches ausgeweitet werden kann.33 Ab V. 76, wenn sich die horazische Persona zur philosophischen Perspektive auf Emotionen à la Panaitios und den Peripatetikern bekennt,34 ist die ästhetische Sicht auf vitium jedoch wieder ausgeblendet35– für den Rest des ersten Buches ist erneut ausschließlich die moralische Bedeutung von vitium fokussiert.

In den Remedia wird der Begriff vitium in den Versen 53f. (utile propositum est saeuas extinguere flammas / nec seruum uitii pectus habere sui) und 133f. (quin etiam accendas uitia irritesque uetando, / temporibus si non aggrediare suis) zunächst als Synonym zu morbus36 gebraucht und bezeichnet die Liebeskrankheit, die zu heilen das Ziel der Remedia ist. In der Passage, in welcher der Schüler nun aufgefordert wird, an die Fehler der Geliebten zu denken und sich diese schlechtzureden, stellt vitium den „Schlüsselbegriff des ganzen Abschnitts“37 dar. Vitium wird dabei ausschließlich auf das Thema des körperlich-ästhetischen Makels begrenzt.38 Dass sich nun sowohl Horaz’ Satire 1, 3 als auch die Remedia über die inhaltliche Nähe und Rezeption gleicher Topoi hinaus desselben Leitbegriffes bedienen, unterstützt die These der intertextuellen Beziehung – wobei zugleich ars 2, 641–66239 zu nennen ist. Auch dort, wie ebenfalls in Ars 1 und Ars 3,40 findet diese Bedeutungs-Reduktion statt. Selbst wenn dadurch die intratextuelle Verbindung der Tetralogie deutlich wird – die Satire- und Horaz-affine Sprechhaltung in diesem Abschnitt erlaubt es, die Remedia nicht nur stets in Verbindung mit den vorausgehenden drei Büchern der Liebeskunst, sondern auch isoliert von der Ars zu betrachten und allein mit den satirischen Texten zu verbinden.41 Welche Folgerungen lassen sich nun aus den bisherigen Beobachtungen ziehen?

Horaz akzentuiert (moralische und ästhetische) Fehlerhaftigkeit – doch sollte man die horazische Persona nicht auf einen philosophischen Moralisten beschränken:42 Denn ridentem dicere uerum (vgl. sat. 1, 1, 24) ist schließlich die Sprechhaltung, welche die Persona von Anfang an, auch bei den moralphilosophisch-diatribischen Satiren am Beginn der Sammlung, einnimmt. Horaz belehrt und unterhält durch seinen kolloquial-assoziativen Stil43 und fügt auch Aspekte der Erotik in seine Argumentation mit ein. Er parodiert dabei die philosophische Tradition,44 welche den Rahmen für Inhalt und Sprache von Satire 1, 3 liefert – etwa, indem er seriöse Belehrung mit Elementen des Spotts vermischt: „[H]umorvoll attackiert“45 er die stoische Doktrin, die darin besteht, dass alle Verfehlungen und Laster gleichwertig seien (vgl. sat. 1, 3, 96) und nur der Weise ein König sei (vgl. sat. 1, 3, 141f.).46 So bewegt er sich im Rahmen „einer epikureischen Kritik stoischer Moralsätze“47 und gleichzeitig einer komischen Karikierung des epikureischen Kritikers; einer Kritik, die wie in den anderen beiden Moralsatiren am Anfang der Sammlung somit nicht ernst zu nehmen ist, sondern deren lächerliche und durchaus ‚vulgäre‘ Elemente darauf verweisen, welche Rolle Humor und Parodie von u. a. philosophischen Diatribe-Traditionen spielen.48 Und auch die Mischung der beiden unterschiedlichen Bedeutungen von vitium lässt sich aus parodistischer Perspektive interpretieren. An keiner anderen Stelle im Satirenkorpus verwendet Horaz die Defektivität im ästhetischen Sinn,49 und in sat. 1, 3 nutzt er sie zudem funktional: Die Adaption der Autosuggestions-Passage bricht mit dem ursprünglich diatribisch-erotischen Kontext bei Lukrez und öffnet das Feld des Schönredens für das Freundesthema. Doch der Einzug der ästhetischen Komponenten mit dem Blick auf die Fehlerhaftigkeit der Freunde transformiert wiederum den moralphilosophischen Kontext und bringt Witz in diese Passage. Betrachtet man die Präsenz des konkret Körperlich-Ästhetischen als ein wichtiges Mittel für Horaz’ parodistischen Umgang mit der philosophischen Tradition, so lässt sich dies eben paradigmatisch am Begriff vitium nachvollziehen, der in sat. 1, 3 zwischen beiden Denotationen ‚schwankt‘ und sie schließlich ambig verbindet, bevor der ästhetische Aspekt erneut verschwindet.50

Bei Ovid spielt nun die moralphilosophische Bedeutung des Terminus vitium keine Rolle, vielmehr begrenzt er ihn, wie auch den Freundschafts-Kontext des Horaz, auf das Körperliche und Erotische,51 und führt dabei in den Remedia diese Tendenz aus der Ars amatoria fort. Wie auch Horaz nimmt Ovid hier m. E. eine parodistische Grundhaltung an. Während Horaz also Aspekte der Moralphilosophie teilweise parodiert und teilweise übernimmt, parodiert Ovid Kontext und Dimensionen der Passage zur Euphemisierung und des Begriffes vitium durch Begrenzung auf Körperlichkeit und Erotik – und das mit Blick auf den vitium-Begriff in der besprochenen Remedia-Passage sowie der gesamten liebesdidaktischen Tetralogie. Berücksichtigt man die antike Perspektive auf Parodien, die als ein per se intertextuelles Phänomen wahzunehmen sind und auf dem „comic refunctioning of preformed linguistic or artistic material“52 beruhen, lässt sich mit Blick auf Ovids Umgang mit Horaz folgende These bestätigen: Ovid geht, wie man aus der Häufung der genannten Vergleichspunkte in summa schlussfolgern kann, eine intertextuelle Beziehung zu Horaz’ Satire 1, 3 ein, übernimmt den Grundzug horazischer Sprechhaltung und ihren lockeren, parodistisch-transformierenden Umgang mit Traditionen, geht von dort aus aber weiter und parodiert, zumindest partiell, Horaz selbst.

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