Kitabı oxu: «Taubenblut. Die Siedler»
Maria Bosri
Taubenblut
Die Siedler
Eine sächsisch-polnische Familiengeschichte (1697–1939)
Sax-Verlag
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://portal.dnb.de abrufbar.
ISBN 978-3-86729-574-1
Alle Rechte vorbehalten
© Sax-Verlag, Beucha • Markkleeberg 2019
1. Auflage 2019
Layout/Umschlag/Herstellung: Sax-Verlag
www.sax-verlag.de
Inhalt
Vorwort 4
Ins fremde Land 6
Der Erbhof 60
Der Erste Weltkrieg 78
Die zweite polnische Republik 141
Vorwort
Für die Buchautorin, 1951 in Sachsen geboren, beschränkten sich die familiären Wurzeln lange nur auf alte Geschichten vom Leben in Polen und einige verblichene Fotografien. Als Kind begeisterten sie zwar die Erzählungen ihrer 1898 in Wierzeje geborenen Tante, die u. a. drei Jahre im Haus einer adligen russischen Familie in Petersburg und Moskau lebte. Doch wurde das wie ein Geheimnis behandelt, wie es überhaupt in der Familie merkwürdig viele Geheimnisse gab. Wenn diese den Kindern nicht zu Ohren kommen sollten, sprachen Großmutter, Tante und Mutter miteinander Russisch oder Polnisch und erst später begriff die Autorin, dass das zu ihrem Schutz geschah, durfte doch zu DDR-Zeiten nicht öffentlich über Flucht und Vertreibung oder das dabei erlebte Grauen gesprochen werden.
Im Juli 1996 übernahmen die Autorin und ihre Schwester die Pflege ihrer im Sterben liegenden Mutter. Erst jetzt, fünfzig Jahre nach den ersten Andeutungen, begann sie zu erzählen. Es waren Geschichten ihrer gemeinsamen sächsischen Vorfahren, deren abenteuerliches Auswandern vor vielen Generationen nach Polen und schließlich die Lebensgeschichte der Mutter selbst. Was auf dem Sterbebett nun zum ersten Mal ausgesprochen wurde, erschütterte aufs Tiefste. Die 1908 nahe Petrikau (heute Piotrków Trybunalski) geborene Mutter hatte die Unmenschlichkeit und Gewalt beider Weltkriege erlebt, und auch jene subtilere Gewalt, die sich im angeblichen Frieden der den Kriegen folgenden polnischen und ostdeutschen Republik fortsetzte.
Die bruchstückhaften Erzählungen waren nicht chronologisch geordnet. Es gab Lücken und Ungenauigkeiten bei einzelnen Daten und genannten Personen. Doch niemand war mehr am Leben, der diese Details hätte richtigstellen oder bestätigen können. Stattdessen wuchs aus diesen späten Berichten der Mutter der vorliegende zeitgeschichtliche Familienroman, und er wurde ergänzt mit frei erfundenen Dialogen, Handlungen und Personen. Jede sich dabei ergebende Ähnlichkeit mit realen Begebenheiten und Personen ist nicht beabsichtigt, sondern allein Ausdruck der künstlerischen Freiheit der Autorin.
Schließlich möchte sich die Autorin bei Frau Dr. Heidrun Popp bedanken, die ihr in allen Belangen, nicht nur als Lektorin, selbstlos und geduldig über Jahre hinweg half, das Buch in eine für den Druck geeignete Form zu bringen.
Die Gründer des Schlüterhofes und ihre Nachfahren
Martin Schlüter (1669–1716) und seine Frau Uta (1670–1740) – Hofgründer
Kinder:
Martha (*1688) verheiratet mit Franz
Emma (*1689) verheiratet mit Karl
Johann (*1700) verheiratet mit Sofie – Hoferbe
Anna (*1702) früh verstorben
Johann Schlüter (1700–1766) und Sofie (1705–1776)
Kinder:
drei Töchter geboren 1721, 1721 und 1723
Friedrich (*1724) verheiratet mit Charlotte (Lebedame) – Hoferbe, 1758 bei Duell tödlich verletzt, dessen Sohn Georg (*1750) – erbt den Hof
Georg Schlüter (1750–1815) und Frieda (1752–1781)
Kinder:
Gertraud (*1772) verheiratet mit Dietrich –Hoferben, drei Töchter im frühen Kindesalter verstorben
Luise (*1778) verheiratet mit Hermann (leben in Sachsen)
Gertraud Schlüter (1772–1843) und Dietrich (1770–1813) (1. Ehemann)
Kinder:
Hagen (*1795) – hat mit der Polin
Magda ein Kind (Johannes *1813)
Katharina (*1801)
Elisabeth (*1802) – Großmutter von Phillip, Hofbesitzer im 2. Kapitel
Gertraud und Christian (2. Ehemann; Hochzeit 1816), Christians Neffe Ferdinand Höfer heiratet Magda
In der Zeit von 1834–1893 wurde der Hof von Pächtern bewirtschaftet.
Phillip Rohr (1868–1929) und Marie, geb. Bobke (1873–1955)
Kinder:
Olga (*1894) heiratet 1914 einen belgischen Fabrikanten
Pauline (*1896) wird 1915 Kriegswitwe, zwei Kinder: Otto *1916 und Karl *1917
Helene (*1898) bleibt unverheiratet
Gerda (*1902) heiratet 1932 Walter, einen Deutschen, und zieht ins Reich, Tochter Ida *1932
Gottfried (*1904) heiratet 1933 Rose – Hoferbe, vier Kinder: Adolf, Cäsar, Marianne und Klara
Elisabeth (*1908) heiratet 1946 Richard, einen deutschen Kriegswitwer, zwei Kinder: Luise *1947 und Anna *1951
Thomas (*1911) heiratet 1932 Alma, zwei Kinder: Klaus *1933 und Lilly *1937
Arthur (*1915) heiratet 1946 in englischer Kriegsgefangenschaft die Britin Olivia und bleibt in Großbritannien – Sohn Harry
Ins fremde Land
Kartoffeln für den König
Mit der Wahl zum polnischen König erkaufte sich Kurfürst Friedrich August I. von Sachsen im Sommer 1697 seinen größten machtpolitischen Sieg.
Das Warschauer Königsschloss wurde seine zweite Residenz und August II., so nannte er sich als König von Polen, feierte seinen Aufstieg zur Majestät mit glanzvollen Festen. Im Gegensatz zum kunstsinnigen Dresdner Hofleben endeten Warschauer Feste oft als zügellose Besäufnisse, was das Wohlbefinden des neuen Regenten ab und an trübte. So auch am Krönungstag. Ausgerechnet während des Glaubensbekenntnisses, des für das katholische Polen wichtigsten Punktes der pompösen Zeremonie in der Krakauer Wawelkathedrale, ereilte den eben gekrönten Herrscher eine mehrere Minuten anhaltende Ohnmacht.
Jakob Heinrich von Flemming, des Kurfürsten wichtigster Helfer und Berater beim Griff nach der polnischen Krone, beunruhigte dieses Vorkommnis außerordentlich. Am Warschauer Hof umgaben den neuen König weit mehr Feinde als in Dresden. Für ein paar Silberlinge fänden diese schnell eine willfährige Kreatur, die den Augenblick der absoluten Wehrlosigkeit des ansonsten wehrhaften Herrschers für einen Dolchstoß nutzen könnte. Überlebte der König einen solchen Anschlag, zöge er ihn, Flemming, dafür zur Verantwortung. Er würde sein Amt verlieren und sein Leben in den Kerkern der Festung Königstein beenden. Auch seine Familie bliebe nicht verschont, man würde sie enteignen und mit Schimpf und Schande überschütten. Denn so großzügig August gute Dienste belohnte, so gnadenlos vernichtete er in Wut.
Die königliche Schwäche beruhte zum Glück nur auf einer den Vorfeiern geschuldeten Erschöpfung. Etwas Schlaf und eine würzige Hühnersuppe brachten seine Majestät schnell wieder auf die Beine. Doch wehe, es wäre das von August über alle Maßen gefürchtete Darmgrimmen gewesen und er hätte nach diesen exotischen, von spanischen Seefahrern aus der Neuen Welt mitgebrachten Erdfrüchten verlangt! Dann hätte er, Flemming, seinem Herrn gestehen müssen, es versäumt zu haben, wenigstens eine kleine Kiste dieser so genannten Tartuffli in der Warschauer Hofküche deponieren zu lassen.
Vor gut zehn Jahren, während seiner prinzlichen Kavalierstour, überkam Friedrich August auf dem Weg von Paris nach Madrid ein heftiger Durchfall. Des Prinzen Bedürfnis war so dringlich und unbeherrschbar, dass man im nächsten Gasthof Quartier nehmen musste. Trotz aller ärztlichen Bemühungen entkräftete der Prinz zusehends. Seine Begleitung befürchtete schon das Schlimmste, da ließ der überaus heftige Entleerungsdrang der hochwohlgeborenen Eingeweide etwas nach. Die wohltuende Wirkung beruhte darauf, dass Prinz August eine Schüssel mit einem Brei aus gekochten und zerstampften Tartuffli von einem spanischen Diener versehentlich serviert bekam. Dieser Brei war von einer Küchenmagd für ihr Kind zubereitet und kurz neben dem herrschaftlichen Tablett abgestellt worden, um noch eine kleine Verrichtung auszuführen. Ein Fingerzeig des Allmächtigen, denn die Dresdner Höflinge hätten es nie gewagt, dem Prinzen diese fahle und geschmacklose Pampe vorzusetzen. Nach zwei weiteren Mahlzeiten, bei denen Friedrich August ausschließlich diesen Brei zu sich nahm, besserte sich sein Befinden deutlich. Er hinterfragte überaus zornig, warum man ihm diese heilsame Speise so lange vorenthalten hätte. Bereits wenige Tage später war er wieder soweit bei Kräften, dass die Reise fortgesetzt werden konnte.
Inzwischen sächsischer Kurfürst und zum Manne gereift, ereilte ihn im Mai des Jahres 1695 erneut ein schreckliches Darmgrimmen. Das war ein höchst unpassender Zeitpunkt, weilte er doch gerade in Begleitung seiner ersten Mätresse, der schönen Schwedin Aurora von Königsmark, in Karlsbad zur Kur. In dieser Not erinnerte er sich der spanischen Tartuffli, die ihm auf seiner Kavalierstour so gut geholfen hatten. Doch trotz Androhung lebenslanger Kerkerhaft war niemand imstande, die exotischen Erdfrüchte herbeizuschaffen. Ein Affront!
Christian August von Haxthausen, des Kurfürsten Oberkämmerer, versprach seinem Landesherren, dafür Sorge zu tragen, dass dieser Mangel für alle Zeit beseitigt würde. Er war auch der Einzige unter allen Höflingen, der wirklich wusste, wonach der Kurfürst in seiner Leibesnot verlangte, hatte er ihn als sein Hofmeister schon während dessen Kavalierstour begleitet. Haxthausens Jugendfreundin Liselotte von der Pfalz, die mit dem Bruder des französischen Sonnenkönigs verheiratet war und in Versailles lebte, schickte ihm alsbald ein Kistchen dieser noch weitgehend unbekannten Erdfrüchte samt einer ausführlichen Anleitung zu Anbau und Lagerung derselben. Haxthausens Landgut Putzkau lag in der Oberlausitz. Der Anleitung nach ein viel zu kalter und deshalb ungeeigneter Landstrich für den Anbau dieser Tartuffli.
In seiner Bedrängnis wandte sich Haxthausen an den noch jungen, aber überaus gebildeten und ehrgeizigen Jakob Heinrich von Flemming, der seit 1693 im Range eines Generaladjutanten in sächsischen Diensten stand und dessen Aufstieg er mit beinah väterlichem Wohlwollen begleitete. So kam es, dass die Tartuffli auf Flemmings Betreiben nahe Meißen ausgepflanzt wurden. Im warmen Erdreich der sonnigen Hanglage gediehen die fremden Gewächse prächtig. Flemming überzeugte sich den Sommer über mehrmals vom guten Gedeihen der Pflanzen. Kurz nach der Weinlese wurden die Tartuffli ausgegraben, in flache Holzkisten geschichtet und in die hinterste Ecke eines Weinkellers gebracht, wo ihnen selbst stärkere Fröste nichts anhaben konnten. Im Folgejahr betrug die Ernte bereits neun Viertelkörbe. Auch bei mehrmaliger Anforderung durch die kurfürstliche Küche würde sich dieser Vorrat nicht erschöpfen. Damit besaß man genug Erdäpfel, um den Anbau abseits des warmen Elbtals zu wagen. Flemmings Verwalter beauftragte zwei Bauern in der Lommatzscher Flur, die Tartuffli, wie in der pfalzgräflichen Anleitung beschrieben, in den Boden zu bringen und zu pflegen. In der fruchtbaren Gegend übertraf die geerntete Menge sämtliche Erwartungen. Den Winter über sollten die Bäuerinnen ab und an ein paar dieser Tartuffli kochen und die Genießbarkeit prüfen.
Anfangs kosteten die Frauen noch gehorsam die nach nichts schmeckenden, mehr oder weniger zu Brei zerkochten, erdig riechenden Rundlinge, bevor sie den großen Rest auf den Misthaufen warfen, wo ihn die Hühner restlos aufpickten.
Die Bauern belustigte, dass ihr Herrscher so großen Wert auf dieses geschmacklose Zeug legte, wo er doch die feinsten Speisen haben konnte. Der Zufall wollte es, dass einer Bäuerin beim Kosten der eben vom Herd genommenen gegarten Erdäpfel ein größeres Stück in den Schmalztopf fiel. Ihr tat es leid, das mit köstlichem Schweinefett vollgesogene Stück wegzuwerfen. Wie vom Schmalzbrot gewohnt, streute sie ein paar Krümel Salz auf den fettig glänzenden Klumpen, bevor sie ihn, beinah widerwillig, in den Mund steckte. So aufgebessert, schmeckte ihr der kleine Happen unerwartet gut. Neugierig geworden, fischte sie weitere Stücke aus dem Topf und bestrich sie mit Butter, Leinöl oder Sauerrahm. Noch einige Körnchen Salz aufgestreut, und schon war alles aufgegessen. Von nun an landeten die gekochten Tartuffli nicht mehr auf dem Misthaufen. Die Bauersleute hüteten sich jedoch, ihre Entdeckung kundzutun. Sie befürchteten, dass die wertvollen Erdfrüchte dann gestohlen würden. Zudem hatten die neumodischen Rundlinge gegenüber Brot einen großen Vorteil: Sie mussten nur kurz auf dem Herd gekocht werden, und das war viel weniger Arbeit als das Brotbacken.
Nach dem plötzlichen Tod des Oberkämmerers von Haxthausen stieg Flemming zum engsten und wichtigsten Berater des Kurfürsten auf. Als Sohn eines brandenburgischen Hofgerichtspräsidenten und als Absolvent der Universitäten Utrecht und Leiden besaß er ein hervorragendes politisches Gespür. Dazu war er mit dem polnischen Magnatengeschlecht Przebendowski verschwägert. Beim Gerangel der europäischen Herrscherhäuser um die polnische Königskrone eine überaus nützliche Verbindung. So war es bedeutend leichter, die Taschen etlicher Magnaten mit großen Summen an verpflichtenden Bestechungsgeldern zu füllen. Trotzdem stand das Unternehmen »Königskrone« bis zum letzten Wahlgang auf der Kippe, denn auch der französische Kandidat, Prinz Louis de Conti, bestach Wahlmänner. Doch die französischen Vermittler versprachen nur Schuldverschreibungen und die auch nur nach gewonnener Wahl. Dagegen warb Friedrich August I. von Sachsen mit echten Talern. Damit ihm diese nicht ausgingen, verkaufte und verpfändete er sogar Landesteile sowie die königlichen Juwelen. Den Gedanken, im Fall einer Niederlage sich und das Land ruiniert zu haben, verdrängte er in unzähligen nächtlichen Trinkgelagen. So war die Ohnmacht während der Krönungszeremonie nur eine Auswirkung dieses ungezügelten Zechens. Aber auch der Prunksucht Friedrich Augusts, die ihn veranlasste, an einem so heißen Tag seine schwere goldene Prunkrüstung zu tragen und das auch noch über etliche Stunden.
Dieser Schwächeanfall gemahnte Flemming, schnellstens zwei Kisten Tartuffli nach Warschau bringen zu lassen. Doch die polnischen Köche hatten die wertvollen Früchte statt im Keller auf dem zugigen Kräuterboden gelagert. Als Ende November eine erste Kochprobe durchgeführt werden sollte, zerfielen die inzwischen steinhart gefrorenen Erdäpfel zu stinkendem Matsch. Die polnischen Hofköche wiesen alle Schuld von sich, war es doch versäumt worden, die den Kisten beigefügte Anleitung in ihre Sprache zu übersetzen. Im Notfall hätte man nun Tartuffli aus Sachsen holen müssen, wobei selbst ein guter Reiter viel zu lange unterwegs gewesen wäre.
Eine für Flemming überaus kritische Situation, die einer dauerhaft befriedigenden Lösung bedurfte. Und die wäre, möglichst schnell einige der sächsischen Bauern, die sich mit den spanischen Erdfrüchten inzwischen auskannten, in der Nähe des polnischen Königshofes anzusiedeln. Für einen Mann in seiner Position keine besondere Herausforderung. Trotzdem beschloss er, das Vorhaben in aller Heimlichkeit in die Wege zu leiten. Er galt unter den Höflingen als Emporkömmling und hatte entsprechend viele Neider, die nur darauf warteten, ihn beim König in Misskredit zu bringen. Außerdem war zu befürchten, dass beim Bekanntwerden seines Vorhabens die Bodenpreise stiegen. Deshalb bat er seine polnische Verwandtschaft, ohne jegliches Aufsehen, nach einem geeigneten Stück Land Ausschau zu halten. Endlich, es ging schon auf Dreikönige zu, erreichte Flemming die Nachricht, dass die entsprechenden Aufkäufe getätigt seien. Leider nicht wie gewünscht vor den Toren der Warschauer Königsresidenz, sondern östlich von Piotrków Trybunalski.
Im Mittelalter zählte die an der alten Handelsstraße von Pommern in das Reich der Kiewer Rus und nach Ungarn gelegene Stadt zu den wirtschaftlich und politisch bedeutenden Städten im Königreich Polen. Hier proklamierte König Kasimir III. der Große 1347 seine Statuten. Die darin festgeschriebenen Bürgerrechte für Jedermann bewirkten eine starke Zuwanderung deutscher Juden. Wirtschaftlich erstarkt, eroberte Kasimir die ruthenischen Fürstentümer Halytsch und Wolhynien, bis dahin ukrainische Gebiete des altrussischen Staatswesens. Pjotrków wird zu einem der zwei Sitze des Sejm, dem Parlament der Ständeversammlung und des Landadels. Für den König hatte der Sejm nicht nur beratende Funktion, er hatte dessen Beschlüsse zu berücksichtigen.
Mit den »Petrikauer Privilegien« erweiterte König Johann I. Albrecht im Jahr 1496 die Rechte des Adels über dessen bereits bestehende Goldene Freiheit hinaus. Bürgerlichen wurde der Besitz von Landgütern verwehrt sowie die Freiheit der Bauern eingeschränkt. In dieser Zeit erhebt Litauen Anspruch auf Teile der ehemaligen Fürstentümer Halytsch und Wolhynien. Man einigt sich gütlich.
Angesichts eines erstarkenden Russlands unter Iwan IV. kommt es 1569 zu einer Allianz zwischen dem Königreich Polen und dem Großfürstentum Litauen. Es entsteht eine Adelsrepublik unter einem Wahlkönig. Die Gerichtsbarkeit wird geteilt: Grodno für die litauischen sowie Lublin und Petrikau für die polnischen Gebiete. Die Stadt trägt seitdem den Zusatz Trybunalski. Das Königreich Polen gilt nun als Großmacht und reicht im Osten bis kurz vor Kiew. Im gleichen Jahr kommt es zur Vertreibung der Juden. Dieses Siedlungsverbot wird erst hundert Jahre später wieder aufgehoben.
Im Sejm galt inzwischen das Liberum Veto, das Einspruchsrecht des Einzelnen ohne Ansehen seines Standes. Dieses »ich verbiete« verhinderte oft notwendige Reformen, und es ermöglichte den Nachbarstaaten, allen voran Russland, mittels Bestechung politische und wirtschaftliche Entscheidungen maßgeblich zu beeinflussen.
Inzwischen hatte die Stadt Piotrków Trybunalski ihre große Bedeutung verloren, aber der Stolz ihrer Bewohner auf diese Vergangenheit war geblieben.
Erst hier, in diesem dünn besiedelten Landstrich, fanden sich genug verkaufswillige Landadelige. Diese stolzen, aber meist hoch verschuldeten Schlachtschitzen besaßen oft nicht mehr als einen alten Klepper, der sie kaum noch tragen konnte, ein Schwert samt abgewetztem Harnisch, ein Wappen, ein verlottertes Gehöft und ein paar Katen samt Leibeigenen, deren Arbeit ihren Herren gerade so ernährte. Klimperten tatsächlich einmal ein paar Kupfermünzen oder gar Gulden im Beutel eines solchen Landbesitzers, waren diese meistens von durchziehenden Händlern abgepresster Wegzoll. Mit Freuden ergriffen sie die Gelegenheit, wenigstens einmal im Leben einen prall mit Silbergulden gefüllten Geldbeutel am Gürtel hängen zu haben. Mit diesem Geld konnten sie sich ordentlich herrichten und ein gutes Pferd anschaffen, denn so heruntergekommen, wie sie ansonsten aussahen, hätte man sie nicht einmal bis zum Tor des Warschauer Königshofes vorgelassen. Doch nur dort konnte es ihnen gelingen, mittels Bestechung einen gut besoldeten Posten zu ergattern. Was zählte da das Bewahren des väterlichen Landes, war doch aus den ausgemergelten Leibeigenen und den minderwertigen Böden nicht mehr herauszupressen.
Die für den Landkauf notwendigen Mittel verbuchte Flemming unter der Rubrik »Zahlung kleiner Posten«. In der Gesamtheit der Ausgaben anlässlich der Königswahl, der Summe von vier Millionen Talern, waren die rund zwanzigtausend Taler kein Betrag, der unter den an die Magnaten gezahlten Bestechungsgeldern auffiel. Die Aufkäufer hätten sogar das Dreifache an Fläche erwerben können. Doch dann bestünde das Risiko, dass die Angelegenheit dem König zugetragen würde. August hatte seinem Minister in solchen Dingen zwar noch nie seine Zustimmung versagt, doch seine Majestät erwartete dann auch einen den Kosten entsprechenden Erfolg. Und der konnte bei diesem Unternehmen ausbleiben. Nicht nur der Anbau der fremdländischen Erdäpfel könnte misslingen. Es war durchaus möglich, dass die ganze Ansiedlung scheiterte, denn die sächsischen Familien, die hier des Königs Tartuffli anbauen sollten, waren Lutheraner, galten in diesem erzkatholischen Jesuitenland als allerschlimmste Ketzer, als Bundesgenossen Satans.
Der größte Teil des erworbenen Landes war bewaldet. Hauptsächlich Kiefern und Birken, die einzigen Baumarten, denen der karge und trockene Sandboden genügte. Alles andere, wie auch das wenige Gras, verdorrte meist noch vor Johanni. Größere Blößen eines leicht hügeligen Gebietes wurden von dichten Teppichen struppigen Heidekrautes überzogen. Hier fanden höchstens Schafe ausreichend zu fressen. Das tiefer liegende, ebene Land war kaum fruchtbarer. Mit buschigem Sauergras und giftigem Wasserschierling bewachsene Wiesen wechselten mit Riedflächen, die in ein von Schwarzerlenhainen durchzogenes Moor übergingen. Dieses Moor umsäumte nicht nur einen riesigen langgezogenen See, es erstreckte sich auch entlang seiner Zu- und Abflüsse. Ein kaum überwindbares Hindernis, wollte jemand von hier aus, am Seeufer entlang und somit auf kürzestem Weg, in die Stadt Piotrków Trybunalski gelangen. Innerhalb dieses großen Sumpfes gab es aber auch Flecken, bestanden mit gut gewachsenen Eichen. Auf den ersten Blick war es unverständlich, warum die städtischen Holzhändler diese prächtigen Bäume noch nicht erworben und fällen lassen hatten. Doch unter dem Landvolk herrschte der Glaube, dass in dem schwarzen Wasser furchtbare Dämonen lauerten, die jeden rechtschaffenen Christenmenschen an den Füßen packen und in die Tiefen der Hölle zögen. Die Leibeigenen munkelten, der oberste Dämon sei ein Adliger, der eine junge Nonne entführt und geschändet hatte. Nun bringe er dem Höllenfürsten die Seelen all jener Menschen, die sich ins Moor wagen. Dieser Aberglaube verhinderte, dass sich auch nur ein Holzfäller fand, der sein Leben und Seelenheil wegen einiger Eichenstämme gefährdete. Selbst die in der Nähe lebenden Bauern mieden das weg- und bodenlose Gelände, näherten sich ihm nur in sehr trockenen Sommern, um die an den Rändern wachsenden Moosbeeren zu pflücken.
Während der Schneeschmelze oder nach ergiebigen Regenfällen wagten sie sich nicht mal von ihren Katen weg. Dann führte die Wierzejka, ein Flüsschen, das in der Ebene nördlich der Stadt entsprang und in den Sümpfen oberhalb des Sees endete, gewaltige Wassermassen herbei, die das Moor, die Riedwiesen und ab und an die ganze Gegend überschwemmten. Auch die Straße nach Sulejów wurde dann unpassierbar. Manchmal dauerte es Wochen, ehe das Hochwasser wieder abfloss, denn das Flüsschen Rakowka, das am südlichen Ende des großen Sees austrat, mündete alsbald in die Strawa, und die führte ebenfalls Hochwasser. Dann verfaulte selbst das Staunässe gewohnte Sauergras. Aus all diesen Gründen standen die armseligen Katen der polnischen Bauern weitab vom Moor, hoch oben auf den trockenen Hügeln. Und dort oben, direkt neben ihren Behausungen, lagen auch die wenigen armseligen Felder, von denen sie ihre Abgaben erbringen und sich selbst und ihr Vieh ernähren mussten. Ihre Angst vor dem Moor war so groß, dass sie lieber darbten, als sich dem schwankenden Grund zu nähern. Dann hätten sie wenigstens den fruchtbaren Saum bewirtschaften können, der sich zwischen den Moorwiesen und den trockensandigen Flanken der flachen, mehr oder minder mit Kiefern und Heide bewachsenen Hügeln befand.
Die sächsischen Umsiedlerfamilien
Während des Winters 1697/98 bereiteten sich zwei Familien aus Meißen und drei Familien aus dem Lommatzscher Umland auf ihre Umsiedlung nach Polen vor. Die Ehemänner waren durchweg Zweitgeborene, denen kein väterliches Erbteil zustand. Mittels eines stattlichen Handgeldes und der Aussicht auf einen guten Flecken Land hatte man sie nicht lange zum Verlassen ihrer Heimat überreden müssen. Alle Familien waren außerdem strenggläubige Lutheraner, geübt in Demut, Bescheidenheit und Gehorsam.
Noch bevor der nahende Frühling des Jahres 1698 die Wege aufweichte, begab sich der kleine Treck auf die Reise. Neben Hausrat, Werkzeug, Pflanzen, Saatgut und landwirtschaftlichen Geräten hatte man auch Käfige mit verschiedenen Kleintieren, wie Hühnern, Hasen und Gänsen, auf den Fuhrwerken verstaut. Die besondere Fürsorge der Reisenden galt dabei den Körben mit Tauben, die Botschaften in die Heimat bringen sollten. Zwei Wagen pro Familie, bepackt mit alter Heimat und allem Notwendigen für ein neues Leben in der Fremde.
Damit die Fuhrwerke gut vorankämen und auch nicht Wegelagerern oder katholischen Eiferern zum Opfer fielen, wurden die Umsiedler auf Flemmings Geheiß von einem kleinen Trupp sächsischer Infanteristen begleitet, die man ohnehin nach Warschau verlegen wollte. Nach der Ankunft in der neuen Domäne sollten die zwölf Infanteristen samt ihrem Sergeanten noch einige Zeit vor Ort bleiben und den Umsiedlern beim Hausbau zur Hand gehen. Doch nicht nur der reformierte Glaube der Umsiedler gefährdete das Unternehmen. Im polnischen Königreich galt immer noch eine mittelalterlich geprägte Leibeigenschaft. Das bedeutete, im Gegensatz zum kursächsischen Recht, in dem niemand ohne gerichtliches Urteil zu Tode gebracht werden durfte, entschied ein polnischer Adeliger in absoluter Eigenständigkeit über das Leben seiner Leibeigenen. Dabei pochten sogar die niedrigsten und ärmsten dieser adeligen Grundeigner auf dieses Recht, selbst wenn sie nicht mehr als eine Hand voll Leibeigene besaßen und höchstselbst Seite an Seite mit ihnen um des täglich Brotes wegen auf dem Acker schufteten.
Obwohl diese kleinen polnischen Krautjunker auf dem von ihnen verkauften Gebiet nichts mehr zu suchen und erst recht nichts mehr zu bestimmen hatten, führten sie sich auf, als ob Land und Leute immer noch ihr Eigentum seien. So kam es, dass ein Meißner beinah von zwei betrunkenen Schlachtschitzen zu Tode gehetzt wurde. Allein dessen kräftige Natur und dem Eingreifen der Infanteristen war es zu verdanken, dass die polnischen Junker abgewehrt werden konnten. Meist schlichen sie sich jedoch im Verborgenen heran, um über die auf den Feldern arbeitenden Frauen herzufallen. Vom ersten Tag an hatten die Soldaten deshalb große Mühe, die fünf Sächsinnen und ihre halbwüchsigen Töchter vor begehrlichen Übergriffen zu schützen.
Eine äußerst schwierige Situation, die einer grundsätzlichen Regelung bedurfte, sollte nicht das ganze Unternehmen nach dem Abzug der Infanteristen scheitern. Die einfachste Lösung war, die Sachsen rechtlich aufzuwerten, und dazu genügte es, sie in den Rang von Freibauern zu erheben. Im Zuge dieser Ernennung wurde jeder Familie, gemessen nach sächsischen Königsruten, ein Erblehen von 90 Morgen an Ackerland und Wiesen zugesprochen. Dazu noch Riedwiesen, Moore und ein Stück Wald fürs Gemeinwesen. Ein unerwarteter Reichtum für die fünf Familien, besaßen sie damit bedeutend mehr Land als ihre Väter in der sächsischen Heimat. Das erteilte Erblehen schützte fortan nicht nur Leben und Eigentum der fünf Familien, es band sie auch an diesen Ort. Und das gab Flemming die Sicherheit, dass die Sachsen ob unerwarteter Schwierigkeiten nicht das Weite suchten, sondern die ihnen als Scharwerk aufgetragene Pflicht, Tartuffli für die Hofküche anzubauen, verlässlich erfüllten. Die neuen Freibauern erhielten außerdem mehrere Gerechtsamkeiten, die ihnen das Dasein erleichterten. Neben der Holzgerechtsamen für den Domänenwald und dem Braurecht erlaubte man ihnen, in den Domänengewässern zu fischen und sämtliche Flächen zu beweiden. Ein von Flemming wohl überlegtes Kalkül. Er war sicher, dass diese grundehrlichen Lutheraner aus dem herrschaftlichen Besitz nie mehr an Wild, Fisch und Holz entnehmen würden, als sie für ihre Bedürfnisse benötigten.
Der Eifer, mit dem die Sachsen ihre neue Heimat einrichteten, kam jedoch nicht nur aus der Freude am übereigneten Land und dem neuen Stand. Sie waren zutiefst davon überzeugt, von Gott hierher geführt worden zu sein, um die Polen zu Luthers rechter Glaubenslehre zurückzuführen, die sie unter dem Einfluss der Jesuiten und deren Gegenreformation verlassen hatten. Ohne diese Überzeugung wäre ihnen der Umzug in das fremde Land sicher schwerer gefallen, denn laut Vertrag schloss bereits die Annahme des Handgeldes eine Rückkehr nach Sachsen aus – unter der Ausnahme einer Rückzahlung der gesamten Summe. Und die war schier unmöglich.
Dieser Umstand hatte die Aussiedler veranlasst, etwas Erde von den Gräbern ihrer Familien mitzunehmen, um in der Fremde nicht die Verbundenheit mit den Ahnen zu verlieren. Nachdem sie sich auf einen Standort für das provisorische Zeltlager geeinigt hatten, verstreuten sie während einer kleinen Andacht die mitgebrachte Heimaterde auf einem mit frischem Tannengrün umkränzten Flecken. So es Gott gefällt und er ihnen weiterhin seine Gnade schenkt, würden sie über dieser Stelle den Altar ihres Gebetshauses errichten.
Vom ersten Tage an versammelte sich die kleine Gemeinde jeden Abend zur Andacht. Sie dankte ihrem gütigen Gott, dass bisher niemand zu Schaden gekommen oder erkrankt war, dass der Hausbau gut voranging und sie keinen Hunger leiden mussten. Und sie bedankte sich, dass nicht nur die kostbaren Tartuffli die lange Reise ohne Verderb überstanden hatten, sondern auch die in Töpfen und Kübeln mitgebrachten Weinstöcke, Obstbäume und Reiser kräftig austrieben. Und auch, dass den Ankömmlingen von den umliegenden Gutsherren gesundes, kräftiges Vieh verkauft worden war. Alle fünf Muttersauen waren tatsächlich tragend und die zehn Kühe gaben so gute Milch, dass reichlich gebuttert werden konnte. Nach der Andacht aß man gemeinsam. Die Zubereitung oblag reihum jeweils zwei Frauen und den älteren Kindern. Viel Arbeit, schließlich wollten um die dreißig Menschen satt werden. Schon deshalb wurde gleich zu Anfang ein Backofen errichtet.
Während die Männer Häuser und Stallungen bauten, versorgten die Frauen nicht nur das Vieh, sie bearbeiteten auch den Streifen fruchtbaren Bodens zwischen Heide und Riedwiesen. Nur zum Führen des Pfluges und zu ihrem Schutz wurden sie von einem ihrer Männer oder einem Soldaten begleitet.
Uta Schlüter
Das Wissen um die Feldarbeit war auf sächsischen Bauernhöfen eigentlich Sache des Ehemannes und Hofherren. Dass die Schlütersche Uta sich darin auskannte, lag an einem großen Unglück, welches ihrem Vater widerfahren war: Er hatte sein Augenlicht verloren. Von frühester Kindheit musste ihn Uta deshalb auf Schritt und Tritt begleiten. Sie beschrieb ihm den Zustand der Tiere, des Bodens, das Gedeihen der Pflanzen und auch, mit welchem Werkzeug die Knechte und Tagelöhner arbeiteten und womit sie das Vieh fütterten. Dabei lehrte sie der Vater alles, was ein guter Bauer wissen und beachten musste.
Uta war erst siebzehn Jahre alt, als der Vater während der Ernte überfahren und dabei so schwer verletzt wurde, dass er starb. Ein in Stauchitz wohnender Vetter übernahm sofort die Vormundschaft über das Mädchen und die väterliche Gewalt über den Hof, während die Witwe für das Seelenheil des Verstorbenen betete. Außer dass ihr geliebter Vater nicht mehr da war, den Uta um Rat fragen konnte, blieb vorerst alles beim Alten. Knechte und Tagelöhner arbeiteten so, wie sie es ihnen schon zu Lebzeiten ihres blinden Vaters aufgetragen hatte. Und war sie sich in einer Entscheidung unsicher, beriet sie sich mit einem Knecht, der bereits von ihrem Vater sehr geschätzt wurde. Der Vormund ließ sich das ganze Jahr nicht auf dem Anwesen blicken. Er kam erstmals im Spätherbst, doch nur, um die Ernte und das Schlachtvieh wegzuholen. Selbst das Ende der Trauerzeit änderte nichts an der eigennützigen Vormundschaft des Vetters, denn Utas Mutter hielt dessen Gebaren für rechtens. Uta hätte sich dieser Vormundschaft gern entledigt und geheiratet, um die rechtmäßige Hofbäuerin zu werden. Doch der von ihr geliebte Martin, ein Zweitgeborener aus dem Nachbardorf, war der Mutter nicht gut genug. Sie sah in ihm einen Erbschleicher und verweigerte nicht nur ihre Zustimmung, sie beauftragte sogar Vermittler, einen Schwiegersohn zu suchen. Doch auch diese fanden keinen, an dem sie nichts auszusetzen hatte. Als sie sich im folgenden Winter eine Lungenentzündung zuzog und verstarb, ging der Hof in das Eigentum des Vetters über, der ihn wenige Monate später verkaufte.
Als Uta und Martin nach dem Ende der Trauerzeit heirateten und den Vetter auf Herausgabe des Mündelteils verklagten, wären sie beinah wegen Verleumdung eingesperrt worden. Der Vetter behauptete, ihr das Mündelteil längst ausgezahlt zu haben. Er bewies dies mit einem Schriftstück, auf dem der Amtsvorsteher von Stauchitz die Auszahlung des Betrages an die Erbin mit seiner Unterschrift bestätigt hatte. Selbst Utas Argument, des Lesens und Schreibens kundig zu sein und somit den Auszahlungsbeleg auch in eigener Person hätte quittieren zu können, änderte nichts an der richterlichen Entscheidung zur Gültigkeit des Beleges. Der neue Besitzer gestattete dem jungen Paar, auf dem Hof wohnen zu bleiben und als Magd und Knecht bei ihm zu arbeiten. Um nicht ständig das ihnen zugefügte Unrecht vor Augen zu haben, hätten Martin und Uta dem Hof und der Gegend liebend gern den Rücken gekehrt, doch Uta erwartete ein Kind. Damit waren sie zum Bleiben verurteilt, um nicht auch noch ohne ein Dach über dem Kopf und ohne sicheres täglich Brot zu sein. Als ein gutes Jahr später eine zweite Tochter zur Welt kam, ergaben sie sich ihrem Schicksal. Flemmings Werber erschienen der jungen Familie wie ein Zeichen des Himmels. Das sofort ausgezahlte Handgeld war so reichlich, dass dem jungen Paar fast die Sinne schwanden. Eine solche Summe Geldes würden sie ihr ganzes Leben nicht verdienen, wenn sie als Magd und Knecht in Sachsen blieben. Dazu das Versprechen auf ein ordentliches Stück Pachtland, groß genug, um mit etwas Glück und Fleiß davon leben zu können. Insgeheim schreckte sie zwar der Umzug in das fremde Land ab, doch die Aussicht auf ein besseres Leben ließ sie keinen Moment zögern, gemeinsam mit den anderen vier Familien, ihre sächsische Heimat zu verlassen.
Nach der Ankunft in der Fremde zahlten sich Utas Erfahrungen in der Feldarbeit rasch aus. Unter ihrer Anleitung wuchs und gedieh einfach alles, was man sich vorgenommen hatte. Ihr Mann Martin und die zwei anderen Lommatzscher, die Uta von Kindheit an kannten, überzeugten die Meißner davon, ihr in diesen Dingen volles Mitspracherecht zu gewähren. Das war völlig entgegen dem Althergebrachten und wäre in der alten Heimat nie gestattet worden. Doch hier war es von Vorteil, dass die Frauen nicht wegen jeder kleinsten Sache die Zustimmung der Familienoberhäupter einholen kamen. So konnten sich die Männer ungestört der Errichtung der Häuser widmen, und das war Arbeit genug. Es dauerte keine drei Wochen, und der Streifen fruchtbaren Bodens zwischen Riedwiesen und trockenem Heideland war fertig bestellt. Allem voran hatte man die kostbaren Tartuffli in die Erde gebracht. Die von den schmalen Feldern zu erwartende Ernte würde aber nie und nimmer Mensch und Vieh bis zum nächsten Frühjahr ernähren. Vom erhaltenen Handgeld hätte man sich zwar ausreichend Vorräte kaufen können, doch das widersprach ihrem Bauernstolz und auch dem beinah übermächtigen Bedürfnis, so wenig wie möglich von dem schönen Geld für solch niedere Bedürfnisse auszugeben. Es musste also schnellstens eine größere Fläche Ackerland gewonnen werden. Brandrodung kam nicht infrage, dabei würde man zu viel gutes Holz vernichten. Außerdem würde der vom See her wehende Wind das Feuer in die Wälder treiben. Es blieben also nur die nassen Wiesen.
Unter Anleitung eines älteren Infanteristen, eines Bauernsohnes aus dem brandenburgischen Oderbruch, begannen die Lutheraner, zwei parallel verlaufende Entwässerungsgräben auszuheben. Der Mann hatte ihnen versichert, dass in seiner Heimat auf selbige Weise nasse Bruchwiesen in fruchtbares Land verwandelt werden, auf dem sogar Weizen gedeiht. Die Gräben auszuheben und den Aushub zu einer ebenen Fläche aufzustapeln war keine leichte und schnell zu erledigende Arbeit. So mancher zweifelte mehr oder weniger laut am Erfolg. Doch die Familien hatten keine Wahl, wollten sie im Winter ihr Geld nicht für völlig überteuertes Korn ausgeben. Dabei war es nicht einmal sicher, ob man ihnen, den lutherischen Ketzern, überhaupt etwas verkaufte. Auch die Heuernte war viel aufwändiger als in der alten Heimat. Trotz Sonne, reichlichem Wind und regelmäßigem Wenden trocknete das Schnittgut nur langsam. Damit das Heu auf dem feuchten Wiesenboden nicht noch zu modern begann, brachten es die Bauern auf höher liegende trockene Flächen. Eine ungemeine Plackerei, aber die einzige Möglichkeit, das Winterfutter vor dem sicheren Verderb zu retten.
Ausgerechnet in dieser arbeitsreichen Zeit gelang es dem aus der Heimat mitgebrachten Ziegenbock, aus dem Gatter zu entkommen. Die Frauen hofften, den Ausreißer schnell und ohne Hilfe der Männer einzufangen. Sie suchten das Seeufer, die Riedwiesen und die Felder ab, doch nirgends war auch nur ein einziger Hufabdruck zu entdecken. Das Tier konnte folglich nur in den Wald gelaufen sein. Und tatsächlich, auf einer sandigen Blöße entdeckten die Frauen frische Ziegentritte. Jetzt tat Eile Not, denn der Bock musste gefunden werden, bevor er in den Tiefen des Waldes verschwand. Die Frauen trennten sich. Uta suchte im mittleren Stück, einer mit Gestrüpp, Erlen und Birken bestandenen breiten Senke, die anderen auf und hinter den mit lichtem Kiefernwald bestandenen Hügeln. Anfangs hörten die Frauen noch gegenseitig das Rufen nach dem Tier. Doch bald schon verschluckte der Wald die Stimmen. Mit der Zeit ängstigte Uta die tiefe Stille, hatte sie doch in der Eile des Aufbruchs versäumt, ihre Heugabel mitzunehmen, die jede Frau neben sich zu stehen hatte, wenn sie auf dem Feld arbeitete. Mit den spitzen Zinken einer solchen Gabel konnte man Ratten und zur Not sogar Wildschweine vertreiben, aber auch zudringliches Gesindel auf Abstand halten. Sie brauchte wenigstens einen guten Knüppel. Nach einigen vergeblichen Versuchen gelang es ihr, einen stärkeren Birkenast abzubrechen. So ausgerüstet, suchte sie weiter. Die Angst wollte trotzdem nicht weichen, zumal sie auf dem feuchten Boden keinen einzigen Hufabdruck entdecken konnte. Als nach wiederholtem Rufen niemand antwortete, kehrte sie um.
Sie war schon ein Stück gegangen, als sie Ziegenmeckern zu hören glaubte. Und tatsächlich, nach mehreren Lockrufen antwortete das Tier. Kurz darauf entdeckte Uta den Ziegenbock inmitten eines Gestrüpps, sein Halsstrick hatte sich in den Ästen verfangen. Zu spät bemerkte sie, dass sich der Halsstrick des Böckchens nicht verheddert hatte, sondern verknotet war. Doch da wurde sie auch schon ergriffen und zu Boden geworfen. Die beiden Polen, der Kleidung und dem Aussehen nach keine Bauern, waren viel zu stark, als dass Uta ihnen hätte entkommen können. Der Zweite war bereits über ihr, als der andere ihm Einhalt gebot. In das reglose Verharren hinein hörte nun auch Uta das Rufen der Frauen. Sie wollte schon schreien, als ihr der Mund zugehalten wurde. Ihr wurde still zu sein bedeutet. Sie presste ihren Mund zusammen und nickte heftig. Die zwei Männer verschwanden daraufhin im Gesträuch. Als nichts mehr von ihnen zu hören war, begann Uta zu schreien und gleichzeitig ihre Sachen zu richten, denn niemand durfte von der ihr angetanen Schande erfahren. Die aus festem Leinen gewebte Bluse war heil geblieben. Der ältere der Polen hatte sich daran ergötzt, die gekreuzten Blusenschnüre langsam und ohne sie zu zerreißen, zu lösen. Umso derber und gieriger griff er nach ihren entblößten Brüsten. Während der Jüngere Uta festhielt, riss der andere deren Rock bis zum Bund auf und verging sich an ihr in brutaler Lust.
Aber wie sollte sie den Frauen ihren zerrissenen Rock und die blutverschmierten Schenkel erklären! In ihrer Angst stieß sie sich mit einem spitzen Ast mehrmals in den Oberschenkel, bis es ordentlich blutete. Vor Schmerz wären ihr beinah die Sinne geschwunden. Mit zitternden Händen riss sie einen Streifen Stoff aus dem Rock und umwickelte damit die Wunde. Sie war gerade fertig, als die Frauen sie fanden. Sie rissen noch zwei Streifen Rockstoff ab, um damit ein Verrutschen des Verbandes zu verhindern. Es wunderte keine, dass Uta vor Schmerzen kaum laufen konnte. Uta bat die Frauen, sie ohne großes Aufsehen nach Hause zu bringen, damit sie sich waschen, saubere Sachen anziehen und die Wunde behandeln und verbinden konnte. Erst dann sollte ihr Mann Martin benachrichtigt werden, denn er würde sicher sofort herbeieilen und sich, wenn er sie so zerzaust und blutverschmiert vorfände, unnötig sorgen. Nur wenige Schritte vor dem Haus wuchs der für die Wundauflage benötigte Breitwegerich, den die Frauen pflücken gingen, während sich Uta gründlich wusch.
Obwohl die Wunde noch gehörig schmerzte und ihr das Laufen sichtbar schwer fiel, verrichtete Uta bereits am nächsten Tag sämtliche Hausarbeit. Am vierten Morgen ging sie wieder mit den Frauen aufs Feld. Die Männer hatten inzwischen die Umfriedung des Gatters so hergerichtet, dass der Ziegenbock kein zweites Mal entwischen konnte. Einzig Martin ahnte, dass die schlimme Wunde am Schenkel seiner Frau nicht das ganze, ihr zugestoßene Unglück war, denn seitdem bäumte sie sich im Schlaf des Öfteren laut stöhnend auf und schlug wild um sich. Außerdem hatte er längst die vielen blauen Flecken und Kratzer auf ihrer Brust, dem Hals, sowie Armen und Beinen bemerkt, die sie vor ihm zu verbergen suchte. Zuerst wollte er sie zur Rede stellen. Doch bereits am nächsten Tag sah er davon ab. Das Geschehene ließ sich nicht rückgängig machen, und statt Erleichterung würde sein Fragen Verderben bringen. Die Mutter seiner beiden Töchter müsste dann zugeben, gesündigt und Schande auf sich geladen zu haben. Nach einem solchen Geständnis müsste er die Ehebrecherin aus dem Haus jagen. Was sollte dann aus ihm und den beiden Mädchen werden, hier in der Fremde? All ihre Hoffnung auf ein besseres Leben wären zunichte. Es heißt, eine Ehebrecherin folgt ihrer Fleischeslust. Die vielen blauen Flecken und Kratzer an Utas Leib bezeugten das Gegenteil, seiner Frau wurde Gewalt angetan und sie hatte sich gewehrt.
Später, wenn sie nachts nicht mehr so furchtbar schreit, wird er ihr sagen, dass sie in seinen Augen keine Schuld treffe. Das Geschehene müsse aber auf ewig ihr beider Geheimnis bleiben, denn die Menschen rechnen nur allzu gern fremde Sünde auf, um sich selbst zu erhöhen. Martin erinnerte sich an eine Geschichte in der Heiligen Schrift. Da heißt es, dass Jesus einer Ehebrecherin, die man vor ihn brachte und die dem Gesetz nach gesteinigt werden sollte, einzig das Versprechen abverlangte, nicht erneut zu sündigen. Und zu den Umstehenden, die schon Steine in den Händen hielten, sagte er, nur derjenige von ihnen, der ohne Sünde sei, habe das Recht, den ersten Stein zu werfen.
Wehrhafte Frauen
Kurz nach der Heuernte ergab sich die Notwendigkeit, die Felder nachts vor Wildschweinen und zweibeinigen Dieben zu schützen. Wachen wurden aufgestellt. Um den Soldaten im Ernstfall beim Nachladen der Musketen zu helfen, wurden die neuen Freibauern von den Infanteristen im Gebrauch der Feuerwaffen unterwiesen. Nach anfänglichem Zögern, schließlich dienen Waffen zum Töten und das verbietet das fünfte Gebot, gefiel den Männern ihre neue Wehrhaftigkeit. Im Ernstfall würden sie ja nicht vorsätzlich töten, sondern nur ihr eigenes Leben verteidigen. Und da die Infanteristen spätestens Ende Juli in ihr Warschauer Regiment zurückkehren müssen, hätten sie dann nur noch ihre Fäuste, Messer, Heugabeln und Sensen, um sich diebisches Gesindel vom Leib zu halten. Als auch Uta im Laden des Schießeisens unterwiesen werden wollte, führte das unter den Männern zu einer heftigen Auseinandersetzung. Die beiden Meißner bezweifelten die Gottgefälligkeit dieses Verlangens. Es könne nicht sein, dass eine Frau eine Waffe benutzt und gar einen Mann tötet, wo sie ihm doch nach den Gesetzen untertan sein soll. Uta ließ sich jedoch nicht abwimmeln. Sie entgegnete, dass Luthers Frau Katharina nie ohne einen kleinen Dolch im Gewand aus dem Haus ging. Der Reformator habe seine Frau sogar aufgefordert, sich bei tätlichen Übergriffen zu wehren. In der Heiligen Schrift heißt es, der Herr steht dem Schwachen bei. Aber nirgends stehe geschrieben, dass der Schwache ihm zugefügte Gewalt ohne Gegenwehr hinnehmen müsse. Der einzige, der sich ohne Gegenwehr sogar ans Kreuz nageln ließ, war Christus, und der tat das aus Gehorsam und zur Vergebung unserer Sünden. Dem hatten die Männer nichts entgegenzusetzen, denn keiner von ihnen hatte je die gesamte Heilige Schrift gelesen. Einen Pfarrer, den sie bezüglich dieser Sache fragen konnten, gab es höchstens in Warschau oder in der alten Heimat. Letztlich siegte die Erkenntnis, dass die Frauen dann bei der Feldarbeit nicht mehr von Männern begleitet werden müssten, sich sogar gegenüber berittenen Angreifern verteidigen könnten. Selbst wenn sie nicht träfen, das Abfeuern einer Muskete würde reichen, um solches Gesindel in die Flucht zu schlagen. Außerdem wäre der Schuss weithin zu vernehmen, und man könnte sofort zu Hilfe eilen. Die Musketen waren schon recht alt, umständlich zu laden und auch nicht besonders treffsicher. Trotzdem standen die Frauen bereits nach kurzer Zeit den Männern im Laden der Musketen und der Anzahl der Treffer nicht nach. Nur manchmal brachte sie die Wucht des Rückstoßes aus dem Gleichgewicht. Das weithin zu hörende Gedröhn der Schüsse ließen diebisches Gesindel einen großen Bogen um die kleine Siedlung machen. Besonders abschreckend wirkten sich jedoch die Geschichten aus, die polnische Fronbauern in den umliegenden Schenken über die bewaffneten Frauen erzählten. Die Frauen würden den Gewehrlauf zwischen die Zinken einer mit dem Stiel in den Boden gerammten Mistgabel legen und träfen dadurch so gut, dass sie sogar einen heranstürmenden Reiter vom Pferd holen könnten. Eine Geschichte, über die im Dorf lauthals gelacht wurde. Beim Abzug der Soldaten erhielt jede Familie zwei Musketen und dazu eine größere Menge Pulver sowie Kugeln. Die Infanteristen hätten ihnen gern sämtliche Musketen überlassen, um die alten Waffen nicht noch bis Warschau schleppen zu müssen. Dort sollten sie mit neuen Suhler Gewehren ausgestattet werden.
Vom Säen und Ernten
Anfangs hatte es Minister Flemming nicht gefallen, dass das erworbene Land weitab des königlichen Hofes lag. Doch nur in einer so dünn besiedelten Gegend gab es ausreichend Platz für eine neue Siedlung. Es war sogar so viel Platz, dass Flemming den miterworbenen Leibeigenen und Fronbauern gestattete, auf ihren ärmlichen Anwesen wohnen zu bleiben und diese weiterhin zu bewirtschaften. Die üblichen Frondienste sowie Hand- und Spanndienste leisteten sie nun unter Aufsicht und zum Nutzen der nach polnischem Recht neu ernannten sächsischen Freibauern. Das Herbeischaffen von Feldsteinen für die Fundamente der zu errichtenden Häuser gehörte zu ihren ersten großen Aufgaben. Durch die gemeinsame Arbeit gewöhnte man sich schnell aneinander. Die in ihrem protestantischen Glauben verankerte Milde gegenüber Bedürftigen wirkte zudem als Friedensstifter, verbot diese doch, die an der Gemeinschaftsküche der Lutheraner um Essen bettelnden Kinder, wie auf polnischen Höfen üblich, mit Stockschlägen zu vertreiben. So entstanden innerhalb kürzester Zeit unter den Kindern erste Freundschaften. Vor allem die größeren Mädchen machten sich nützlich, wo immer sie konnten. Schließlich bekamen sie dafür auch gutes Essen. Und ganz nebenbei lernte jeder ein wenig die Sprache der anderen.
Bereits während des Sommers offenbarte sich die Fruchtbarkeit der urbar gemachten Bruchwiesen. Die eigentlich viel zu spät gesäten Rüben waren inzwischen ebenso groß, wie die schon Anfang Mai auf sandigem Trockenboden ausgebrachten Samen. Das war genug Ansporn, noch einen weiteren Streifen Riedwiesen herzurichten. Dieses Tun wurde von den polnischen Bauern und Tagelöhnern misstrauisch betrachtet, grenzten die Wiesen doch ans Moor, und in dem hausten böse Geister. Letztlich besiegte die Aussicht auf einen guten Verdienst ihre Angst vor dem dunklen Wasser, das sich in den die kleinen Felder umgebenden Gräben sammelte und in dem Hunderte Blutegel darauf lauerten, sich an nackten Beinen festzusaugen. Diese Quälgeister waren nicht die einzige Plage, die das Wasser beherbergte. Immer mehr Mücken entstiegen der von der glühenden Sommersonne aufgeheizten Feuchte, bildeten bei Sonnenuntergang bis in den Himmel ragende, silbergrau schwirrende Säulen. Auch diesmal keimten auf den hergerichteten Flächen die Saaten innerhalb weniger Tage, wuchsen die kleinen Pflänzchen mit solcher Schnelle, dass man beinah zusehen konnte. Wenn der Winter nicht allzu früh hereinbräche, könnten selbst die erst Ende August ausgesäten Steckrüben noch eine gute Ernte bringen.
Gottes Wohlgefallen schien auf all ihrem Tun zu liegen, denn jedes in den Boden gebrachte Korn trug schwer an reicher Frucht. Buchweizen, Linsen, Ackerbohnen, Kohl, Kürbisse, Erdbirnen, Hafer, Gerste und auch die Tartuffli, die man besonders sorgsam hegte und pflegte. Einzig ein kleiner Flecken Weizen, den man auf die entwässerte Fläche gesät hatte, kümmerte und musste im Spätherbst unreif geschnitten werden. Es war Aufgabe der Kinder, die halbreifen Körner aus den Ähren zu rubbeln. Damit die feuchten Körner nicht verdarben, wurden sie im Backofen getrocknet. Geschrotet und in der Pfanne angeröstet, bereicherten sie die tägliche Buchweizengrütze aufs Köstlichste. Die Sachsen fühlten sich schon bald wie im biblischen Gleichnis vom reichen Kornbauern, der größere Scheunen errichten musste, um die Ernte sicher zu lagern. Sie wussten aber auch, dass die Winter in der neuen Heimat länger, kälter und schneereicher waren als im Elbtal. Und sie konnten nicht einschätzen, ob es während des Winters bezahlbares Mehl zu kaufen gab. Wegen dieser Ungewissheit wurden die Vorräte sorgsam gehütet und die Portionen zu den Mahlzeiten klein gehalten. Kurz vor Weihnachten fielen Wildschweine über die letzten im Boden verbliebenen Erdbirnen her. Der Hunger der Tiere war so groß, dass sie sogar wiederkamen, obwohl die Bauern auf sie geschossen und ein ausgewachsenes Schwein und einen Läufer erlegt hatten. Das war genug Fleisch, um sich ordentlich satt zu essen.
Im Verlauf des Winters kam es in den Familien der polnischen Tagelöhner, die in den umliegenden Wäldern hausten, zu einer großen Hungersnot. Die Angst um ihre Kinder und der Schmerz des eigenen Hungers trieb sie bettelnd vor die Häuser der sächsischen Ketzer. Die Gewissheit, andernfalls zu verhungern, war größer als ihre Furcht, sich an den Brosamen dieser Gottlosen zu versündigen. Aus der ihnen von Kindesbeinen an gepredigten Nächstenliebe gegenüber Bedürftigen überließen die Lutheraner den Hungernden nicht nur ihre Abfälle, sie teilten sogar ihr eigenes Essen.
Trotz ihres Hungers aßen die Polen jedoch nur wenige Löffel des gelblichen Breies, den die Sachsen aus fast faustgroßen bräunlichen Knollen kochten. Die Furcht vor der unbekannten Speise schwand erst, als sie sahen, dass ihre Kinder, die den Brei gierig verschlangen, diesen gut vertrugen und alsbald wieder zu Kräften kamen. Zum Glück verhinderten die unzureichenden Sprachkenntnisse sämtliche Missionierungsversuche seitens der Lutheraner, war ihnen doch das Erlernen dieser unaussprechlichen Zischlaute, die eine Sprache sein wollten, mehr Gräuel als Notwendigkeit. Dagegen verstanden und sprachen die Kinder bereits nach wenigen Monaten die jeweils fremde Sprache. Vor allem die polnischen Kinder, die schnell herausfanden, dass eine auf Deutsch vorgetragene Bitte höchst selten abgeschlagen wurde.
Die eingelagerten Vorräte waren so reichlich, dass die Bauern im Verlauf des Winters etliches an Wurzelgemüse und Hülsenfrüchten auf dem nahen städtischen Markt verkaufen konnten. Eine unerwartete Einnahme, die sie ihrer Sparsamkeit und den hier unbekannten Tartuffli zu verdanken hatten. Die Sachsen hatten sich inzwischen an diese Erdfrüchte gewöhnt, die sich nicht nur schnell zubereiten ließen. Ernte und Lagerung waren einfacher als beim Getreide, das Schimmel und Kornkäfer schnell vernichteten. Zur Lagerung der Tartuffli genügte der Kriechkeller. Und besaß man keinen Keller, genügte eine Miete wie für Rüben. Nur den Mäusen musste der Zugang zu den nahrhaften Früchten verwehrt werden. Die wegzufangen war Aufgabe der Katzen. Nahmen die Nager trotzdem überhand, stellten die Bauern besonders wirksame Fallen auf. Flache, bis handbreit unter dem Rand mit Wasser gefüllte Tröge, in denen ein mit einem dünnen Speckstreifen umwickeltes Rundholz schwamm. Hatte die Maus den Sprung auf die schwimmende Speckinsel gewagt, dauerte es nicht allzu lange, bis das Tierchen entkräftet von dem sich ständig drehenden Holz glitt und ertrank.
In den ersten Frühlingstagen überfiel eine mit Messern und Äxten bewaffnete Meute ausgehungerter Landstreicher das Dorf. Sie hatten nicht damit gerechnet, dass die Bauern Schusswaffen besaßen und treffsicher damit umgehen konnten. Der für die Angreifer mit bösen Verletzungen und Verlusten endende Überfall sprach sich schnell herum. In der Folge wurde die Siedlung von umherziehendem Gesindel weiträumig umgangen. Zum Glück für die Siedler, denn die beschlossen, nie wieder auf Menschen zu schießen, verstießen sie doch damit gegen Gottes fünftes Gebot. Ihren Seelenfrieden rettete, dass die tödlichen Kugeln keinem der fünf Schützen eindeutig zugeordnet werden konnten.
Das Gemeindehaus
Seit ihrer Ankunft feierten die Bauern den sonntäglichen Gottesdienst reihum in ihren Häusern. Eine Notlösung, die auf Dauer nicht hinnehmbar war, denn in der Enge der Stuben stellte sich nur selten die zu Andacht und Gebet gebotene Stille ein. Noch während des Winters schlugen die Männer deshalb etwa sechzig große, gut gewachsene Kiefern, um daraus die zum Bau eines Bet- und Gemeindehauses erforderlichen Balken zu zimmern. Auch wenn sie aus Dankbarkeit und zum Lobpreis ihres Gottes gern eine richtige Kirche mit Turm und Geläut gebaut hätten, verspürten sie Stolz und Genugtuung, als zu Christi Himmelfahrt des Jahres 1699 die erste Andacht im neuen Gemeindehaus gefeiert werden konnte.
Noch schöner wäre es gewesen, hätten sie den mit Blumen umkränzten Altartisch mit einem edlen Kreuz schmücken und aus einem geweihten Abendmahlskelch trinken können. Diese für die kleine Gemeinde so außerordentlich wichtigen Preziosen zu stiften hatte Christiane Eberhardine zugesagt, damals noch als protestantische Kurfürstin. Inzwischen polnische Königin, wollte sie ihren Lutheranern sogar einen Kantor schicken, damit die Kinder der kleinen Gemeinde im Lesen und Schreiben unterrichtet und im rechten Glauben erzogen würden. Die Kurfürstin hielt ihr Wort. Kurz vor Pfingsten brachte ein Kurier ein silbernes Altarkreuz, dazu Leuchter und den Abendmahlkelch. Eine wunderschön bebilderte Hauspostille mit den Predigten des Reformators vervollständigte die wirklich fürstliche Gabe. Nur der Kantor kam nicht mit, er sollte erst zum Spätherbst eintreffen.
Ein Spinett gehörte nicht zu dieser Spende, die sächsischen Umsiedler bestellten es bei einem Händler. Es war kein großes Ärgernis, dass man dieses Instrument mit vier Monaten Verspätung lieferte. Sie nutzten die Verzögerung, um den Preis um etliche Taler herunterzuhandeln. Den Kindern war das Ausbleiben des Kantors recht. Obwohl sie überall mit zupacken mussten, blieb ohne ihn immer noch reichlich Zeit zum Spielen und Toben. Der Kurfürstin von Sachsen und Polnischen Königin fehlte das Geld, um dem Mann die Reisekosten und wenigstens einen Teil seines Jahresgehaltes zu zahlen. Ihr Gatte, der Kurfürst von Sachsen und König von Polen, hatte ihr die Apanage gekürzt, da sich Christiane-Eberhardine ihres Seelenheils wegen weigerte, ihren Gatten an den katholischen Warschauer Königshof zu begleiten.
Der König ärgerte sich nur kurz über die Widerborstigkeit seiner Gattin und ihren anmaßenden Wunsch, in Warschau öffentlich protestantische Gottesdienste abhalten zu dürfen. Außer der Gelegenheit zur Kürzung ihrer Gelder nutzte er ihre politische Unvernunft, um sich die schöne Ursula Katharina Lubomirska, eine aus dem polnischen Hochadel stammende Katholikin, zur Mätresse zu nehmen. Die junge Frau verstand es, den König so zu umgarnen, dass August ihr gänzlich erlag und sie mit Schmuck und Geschenken überhäufte. Als die Kosten dieser Aufmerksamkeiten den königlichen Geldbeutel überforderten, bediente er sich überaus großzügig aus der Schatulle seiner Gattin, sodass diese kaum noch genug Geld besaß, um wenigstens die allernotwendigsten Ausgaben ihrer Dresdner Hofhaltung zu bezahlen.
Königlicher Besuch
Im Herbst des Jahres 1699 überredete Flemming seinen König während einer Truppeninspektion zu einem kleinen Abstecher, er versprach ihm eine Überraschung. Nachdem August in Piotrków Trybunalski gut geschlafen und gefrühstückt hatte, erreichte die Reisegesellschaft am frühen Nachmittag die in violetter Pracht blühende Heide. Flemmings Versicherung, ihm etwas ganz Besonderes zeigen zu wollen, versetzte den König in gute Laune. Er liebte Überraschungen, vor allem die der amourösen Art. Doch das, was ihm sein Minister wenig später in einer mit Blumen und Girlanden geschmückten Scheune präsentierte, war etwas ganz anderes als ein Schäferstündchen mit einer in Liebesdingen unerfahrenen ländlichen Jungfer. Auf einem Teppich frisch geschnittenen Grases standen fünf große Tragekörbe, randvoll gefüllt mit kinderfaustgroßen Erdäpfeln. Zwischen den Körben wohlgerundete gelbe Kürbisse, flankiert von Krügen mit Blumen und Säckchen voller Erbsen, Linsen und Weizen. Hinter dem Grasteppich standen im Sonntagsstaat die fünf Familien. Zuvorderst die Kinder, dahinter in tiefster Verbeugung deren Eltern. Während die Kinder nicht an sich halten konnten und trotz strengstem Verbot von unten her wenigstens einen kurzen Blick auf die herrschaftliche Gesellschaft wagten, standen die Alten wie versteinert in ehrfürchtiger Untergebenheit. Sie sahen nur die von Spitzenborten umspielte Hand, an deren fleischigen Fingern mit Edelsteinen besetzte Ringe glänzten. Die Hand griff nach einem Erdapfel, wägte ihn prüfend und legte ihn zurück in den Korb. In einem Anfall von Großzügigkeit entnahm August seiner Börse einige Silbermünzen und reichte sie der kleinen Martha, Utas ältester Tochter, mit dem Auftrag, sie unter allen Kindern gerecht zu verteilen. Seiner Majestät schmeichelte die Treue und Ergebenheit seiner sächsischen Bauern, die für ihn ihre Heimat verlassen hatten. Er wies Flemming an, jeder Familie einen sächsischen Goldgulden mit seinem Antlitz zukommen zu lassen.
Bereits zwei Tage vor dem hohen Besuch war einer der Hofköche samt drei Gehilfen ins Dorf gekommen, um die Beköstigung der königlichen Reisegesellschaft vorzubereiten. Aus Warschau mitgebrachte Pasteten und kleine Kuchen wurden inzwischen, des befürchteten Verderbs wegen, im kühlen Kellergelass der Gemeinschaftsküche verwahrt. Ein Spanferkel sowie verschiedenes Federvieh und Fisch wurden an Ort und Stelle zubereitet. Die Küche und das neue Gemeindehaus reichten kaum aus, um dem Wirken der Köche genügend Platz zu geben. Mitten auf dem Dorfplatz, unter einem riesigen Baldachin, wurde die Tafel eingedeckt, an der sich der König und die kleine Reisegesellschaft ausgiebig stärkten. Obwohl der Hofkoch die meisten Pasteten und süßen Kuchen wieder einpacken ließ, blieben noch so viele Speisen zurück, dass es vier Tage dauerte, bis auch der letzte Rest aufgegessen war. Der hohe Besuch hinterließ den Lutheranern nicht nur ein paar Goldstücke und die Vorstellung von der Fülle der herrschaftlichen Tafel, er stärkte auch ihr Selbstvertrauen. In ihrer alten Heimat hätten sie nur in der hintersten Reihe stehen dürfen, selbst wenn die königliche Kutsche lediglich durchgefahren wäre. Die ihnen zuteil gewordene Ehre war so unfassbar, dass sie lange überlegten, ob sie darüber nach Sachsen berichten sollten. Man würde es ihnen wahrscheinlich nicht glauben und sie für Aufschneider oder sogar Lügner halten. Doch dann siegte der Stolz, und sie beschrieben in ihren Briefen nicht nur das Aussehen und die Erhabenheit des hohen Besuchs, sondern auch die Vielfalt und den Geschmack der zurückgelassenen Speisen. Nur die Goldstücke verschwiegen sie, um nicht irgendwelche Hungerleider anzulocken.
Die sächsischen Freibauern aßen auch sonst öfter Fleisch als ihre Nachbarn, kleine polnische Landadelige. Diese hatten das durch den Landverkauf eingenommene Geld längst durchgebracht und versoffen. Selbst ihr Äußeres war zur alten Schäbigkeit zurückgekehrt. Sie reihten sich wieder ein in die große Menge derer, deren adelige Abstammung einzig am Schwert erkennbar war, das sie als Zeichen ihres Standes trugen. Doch nicht nur seines ärmlichen Äußeren wegen bezeichneten Magnaten diesen niederen Landadel als Bettlerhaufen und behandelten ihn entsprechend herabwürdigend. Den Hochadel widerte es an, dass diese großmäuligen Habenichtse außerstande waren, ein Schriftstück zu lesen oder zumindest ihren Namen zu schreiben.
Der sichtbare Wohlstand der Lutheraner, ihr Bildungsbestreben sowie die Sauberkeit und Ordnungsliebe riefen alsbald übelste Missgunst hervor. Fühlte sich ein betrunkener polnischer Schlachtschitz stark genug oder waren es sogar ihrer mehrere, dann ritten sie über die bestellten Felder, zerstörten die Überläufe der Entwässerungsgräben und schossen oder stachen ab, was ihnen an Wild oder Vieh über den Weg lief. Selbst die Bienenkörbe wurden mit kräftigen Schwerthieben regelrecht hingerichtet. Was jedoch keiner der übermütigen Trunkenbolde für möglich hielt, die Freibauern erstatteten auf dem Amt von Piotrków Trybunalski Anzeige, wobei sie die Übeltäter benannten und deren Untaten schilderten. Als die Beschuldigten vom Richter befragt wurden, schworen sie beim Bildnis der Schwarzen Madonna von Czestochowa, ihr Land nie und nimmer an die lutherischen Ketzer verkauft zu haben. Ein Meineid, wie sich schnell herausstellte, denn der Verkauf des Landes hinter dem großen See war ordnungsgemäß im Kataster eingetragen. Der Gerichtsdiener brachte außerdem eine Landkarte, auf der jemand die Gesamtheit der verkauften Einzelstücke mit dicken Strichen umrandet und in ungelenken Buchstaben mit »Pan Przebendowski« und »Wierzeje« beschriftet hatte. Um ihren Hals zu retten, behaupteten die Befragten, von den Aufkäufern bei einem Gelage betrunken gemacht worden zu sein und deshalb nichts mehr vom Verkauf zu wissen. Und wenn sie tatsächlich Geld erhalten hätten, wäre es so wenig gewesen, dass sie es im Nachhinein am Gewicht ihrer Börse nicht wahrnehmen konnten. Der Richter, ein vermögender Grundherr, den das Gejammer dieser armseligen Schlachtschitze sichtlich anwiderte, ermahnte sie daraufhin, sich nicht mehr so zu besaufen und zukünftig die Grenzen des neuen Gutes zu beachten. Als wenig später an zwei Wohnhäusern und am Gemeindehaus Feuer gelegt wurde, bat Flemming seinen polnischen Schwager, den Großschatzmeister Przebendowski, um Hilfe. Der ließ sich nicht lange bitten, schließlich handelte es sich um fehlenden Respekt vor hochherrschaftlichem Besitz. Die Hauptübeltäter, die sich im Wirtshaus sogar damit brüsteten, den Ketzern den Roten Hahn aufs Dach gesetzt zu haben, setzte man fest. Das Strafmaß sollte abschrecken und war entsprechend hoch. Der Anführer wurde zu mehrjähriger Kerkerhaft verurteilt, die anderen zu Zahlungen an die königliche Schatulle. Danach zog Ruhe ein. Nur ab und an wurde etwas von den Feldern gestohlen. Kleinigkeiten, derentwegen sich niemand aufregte.
Trotz dieser Widrigkeiten hatte sich das Vieh prächtig vermehrt. Um die zwanzig Schweine, eine Milchkuh, ein junger Ochse und etliches an Schafen und Ziegen konnten gegen gutes Geld verkauft werden. Nur mit dem Geflügel wollte es nicht gelingen, Fuchs und Marder bissen alles Flatternde tot. Einzig die Tauben überlebten, denn deren Häuser standen auf hohen mit Bleiblechen umschlagenen Stämmen, an denen jeder pelzige Kletterer abrutschte. So mancher fette Jungvogel landete im Kochtopf.
Im dritten Erntejahr beschäftigten die Sachsen erstmals polnische Tagelöhner. Ihren Glaubensgrundsätzen verpflichtet, verpflegten und bezahlten sie die Leute bedeutend besser als auf polnischen Gütern. Im Gegenzug wurde sauber und schnell gearbeitet und kaum etwas gestohlen.
Steinmetz und Schmied
Im Gefolge einer nach Reval ziehenden sächsischen Kompanie kamen kurz nach Erntedank zwei weitere Familien samt sieben Kindern ins Dorf. Beide Familien stammten aus Adorf, einer kleinen Stadt im sächsischen Vogtland. Einer der Männer war Steinmetz, der andere Schmied. Unter ihrer Anleitung sollten massive Speicher gebaut werden, die sich nicht mit einem Talglicht oder Kienspan in Brand setzen ließen.
Obwohl der junge Steinmetzgeselle Wolfgang Neumann, drittgeborener Sohn des Steinmetzen Walter Neumann, sein Handwerk bestens beherrschte und in seiner Heimat allseits gelobt wurde, behandelte ihn sein Vater oft schlechter als die anderen Gesellen und zahlte ihm nur einen geringen Lohn. Im Frühsommer des Jahres 1700 beauftragte er ihn, an einem Oelsnitzer Gasthof mehrere stark verwitterte Giebelsteine durch neue zu ersetzen. Während der Arbeit bemerkte Wolfgang, dass ein vornehmer Herr längere Zeit sein Tun beobachtete. Als er zum Feierabend in die Wirtsstube kam, sprach ihn der feine Herr an, fragte nach seiner Ausbildung, der Herkunft und Familienstand und ob er eine gut bezahlte Stelle nahe Warschau annehmen wolle. Die Kosten für den Umzug, den neuen Hausstand und die Werkstatteinrichtung trage der Dienstherr. Und ein stattliches Handgeld gebe es obendrein. In einer Woche sei er wieder hier, bis dahin solle er sich die Sache überlegen. Ein Schmied, der mit ihm gemeinsam die Reise nach Polen antreten würde, habe sich bereits gefunden.
Bei der Ankunft der beiden Familien im Dorf stellte sich zwar heraus, dass die neue Steinmetzwerkstatt und auch die Schmiede sowie beide Wohnhäuser erst noch gebaut werden mussten und Warschau viel weiter weg lag als geschildert, doch die überaus freundliche Aufnahme in die dörfliche Gemeinschaft machte diese Misslichkeit erträglich, zumal das zur Errichtung der Gebäude erforderliche Geld tatsächlich in der nahen Stadt Piotrków Trybunalski bereitlag. Und letztlich war es sogar von Vorteil, Haus und Werkstatt nach den eigenen Wünschen und Vorstellungen errichten zu können. Ein Zurück nach Adorf kam für den jungen Steinmetz sowieso nicht infrage. Hier stand er endlich nicht mehr unter der Fuchtel seines Vaters, hier galten allein sein Wort und seine Arbeit. Das Allerwichtigste war jedoch, hier redete niemand von seiner Frau Isolde als einer Hergelaufenen, die wer weiß was am Stecken hätte, denn ganz grundlos wäre ihre Mutter wohl nicht hingerichtet worden. Dass die Frau des Steinmetzen Hebamme war, erfuhren die Dörfler erst, als sich beim fünften Kind einer Meißner Bäuerin die Nachgeburt nicht löste.
Die junge Hebamme stammte aus dem katholischen Bistum Bamberg. Kurz nach ihrer Firmung wurde ihr Vater bei einer Treibjagd erschossen. Ihre Mutter, ebenfalls Hebamme und Heilerin, wurde zwei Jahre später von eifersüchtigen Weibern der Hexerei bezichtigt. Die der peinlichen Befragung dienenden Verhöre hatte sie nicht überlebt. Für das Gericht die Bestätigung, dass sie tatsächlich mit Satan im Bunde stand. Als Hexenkind schor man der kleinen Isolde die Haare und brachte sie zu einem Bauern, der sie an die Kette legte und zu den Schweinen sperrte. Zwei Jahre ernährte sie sich aus den Trögen der Tiere, dann gelang ihr die Flucht. Trotz ihrer Jugend war ihr bewusst, dass sie unbedingt protestantisches Gebiet erreichen musste, um nicht an die katholischen Häscher verraten und erneut eingesperrt zu werden. Voller Angst verbrachte sie weitere zwei Jahre in den Wäldern, bis sie nahe Adorf aufgegriffen und ins Pfarrhaus gebracht wurde. Unter der Obhut des Pfarrers konvertierte sie zum Protestantismus und wurde konfirmiert. Hier lernte sie auch Wolfgang kennen. Dessen Vater hatte der Ehe seines Sohnes mit dem Ziehtöchterchen des Herrn Pfarrers nur zugestimmt, um nicht die guten Aufträge der Pfarreien zu verlieren. Eigentlich wollte Isolde nach all dem früher Erlebten nie wieder einen Fuß auf Jesuitenland setzen. Doch das großzügige Handgeld sowie die Aussicht auf eine eigene Werkstatt ihres Mannes waren zu verlockend.
Die Ankunft des Schmiedes entlastete die Bauern erheblich. Bisher mussten sie zum Beschlagen der Pferde oder wegen der Reparatur eines Pfluges oder anderer Geräte eine polnische Schmiede am Stadtrand von Piotrków Trybunalski aufsuchen. Um den verhassten Evangelischen zu schaden, zögerte der dortige Schmied dringende Reparaturarbeiten oft absichtlich hinaus und verlangte zudem noch überhöhten Lohn.
Anfang Dezember, der Frost war schon tief in den Boden gedrungen, begannen die Bauern mit dem Fällen und Entästen der zum Bau der Speicher benötigten Bäume. Kurz vor Weihnachten, als endlich stärkeres Eis die schwarzen Moorgewässer überzog, konnten sie die ersten Stämme aus dem sumpfigen Gelände bergen. Nachdem die Sachsen einen besonders schweren Eichenstamm mit zwei Pferden im Vorspann und ohne einzubrechen auf sicheren Boden gezogen hatten, wagten sich auch die Tagelöhner aufs Eis, ohne deren Hilfe die Arbeit in der von der Jahreszeit vorgegebenen Zeit nicht zu schaffen gewesen wäre. Spätestens Anfang Februar musste man fertig sein, denn ab Lichtmess nahm die höher stehende Sonne dem Eis die Festigkeit, und das Moor gewann seine Heimtücke zurück. Einen versinkenden Menschen könnte man vielleicht noch retten, doch die kostbaren Pferde wären verloren. Nun mussten die rohen Stämme noch zu ordentlichen Balken geschlagen werden. Obwohl sich die Bauern nach Kräften mühten, wollte keinem von ihnen die Arbeit mit dem Beil so recht von der Hand gehen. Sie waren eben Bauern, und so wurde beschlossen, drei Zimmerleute aus der nahen Stadt mit dem Zuschlagen der Balken zu beauftragen. Außerdem hatte inzwischen die Schneeschmelze eingesetzt, das hieß, die Feldarbeit hatte Vorrang. Mit der Frühjahrsbestellung ging es zügig voran. Es war eine Freude, die Felder mit den vom Schmied reparierten und frisch geschärften Pflügen zu bearbeiten. Und es war eine noch größere Freude, die Saaten und die Tartuffli in den feinkrümeligen, sonnenwarmen Boden einzubringen. Auch in diesem Frühjahr vergrößerten die Bauern die fruchtbare Anbaufläche durch weitere Entwässerungsgräben. Bereits Ende Mai war das erste Stück trocken genug, um Hammelmöhren und Bohnen auszusäen. Nur wenige Tage später durchbrachen die kräftigen Keime der Bohnen den dunklen Boden und zeichneten mit ihrem leuchtenden Grün den Verlauf der Reihen.
Noch vor der Heumahd begannen die Sachsen mit dem Bau des ersten Speichers. Unter Anleitung der städtischen Zimmerleute wurden die Deckenbalken gelegt und die Sparren aufgesetzt, die mit gebrannten Dachsteinen belegt wurden. Zufriedenheit erfüllte die Dörfler, auf solchen Steinen und dem eichenen Gebälk würde der Rote Hahn nur schwer aufsitzen können. Nun musste nur noch das schwere Tor in die Angeln gehoben werden. Dazu war es allerhöchste Zeit, denn der Weizen leuchtete inzwischen goldgelb und musste gemäht und eingebracht werden.
Nach der Getreideernte sollte mit dem Hausbau für den Schmied Ewald und den Steinmetz Wolfgang begonnen werden, wohnten doch beide Familien seit ihrer Ankunft recht beengt im Gemeindehaus. Die Bauern wollten schnell zu bauende Holzhäuser errichten wie die ihrigen, womit der Schmied jedoch nicht einverstanden war. Allein der Funkenflug, den ein kräftiges Schmiedefeuer verursache, könne ein hölzernes Haus in Brand setzen. Und es nütze auch wenig, wenn Schmiede und Wohnhaus durch eine Steinwand getrennt wären.
Der Steinmetz bestand ebenfalls auf einer gemauerten Bleibe. Schon seines Berufes wegen würde er sich mit einem Holzhaus der Lächerlichkeit preisgeben. Und er wollte seine Familie nicht der ständigen Angst vor Brandstiftung aussetzen, schließlich wurden deswegen auch die massiven Speicher gebaut. Wichtige Gründe, denen sich die Bauern nicht verschließen konnten, zumal der Schmied ihnen noch weitere aufzählte. So standen die Häuser derart dicht aneinander, dass ein gut gelegter Brand alles erfassen und vernichten würde. Außerdem ärgerte es Ewald, dass kaum einer der Bauern seinem Rat nachkam, innerhalb eines jeden Hauses einen großen Bottich Wasser vorzuhalten. Woher, in Gottes Namen, wollten sie Löschwasser nehmen, wenn ein Brandstifter das Brunnenseil kappte? Ehe sie vom See Wasser herbeitrügen, wäre alles niedergebrannt. Deswegen schlug der Schmied vor, nach und nach alle Holzhäuser durch steinerne zu ersetzen.
Dieser Vorschlag traf auf offene Ohren, ging es doch in den kleinen Holzhäusern inzwischen recht beengt zu. Die Kinder waren nicht nur größer, sondern ihrer auch mehr geworden. Und wie in der sächsischen Heimat, würde es in den neuen Häusern eine gemauerte Wand zwischen Stube und Stallungen geben. Und einen richtigen Keller anstatt der kleinen muffigen Grube unter dem Küchenfußboden, an deren Grund sich ständig Wasser sammelte. Würden die neuen Häuser außerdem nicht so dicht am See und mit mehr Abstand zueinander gebaut, wäre auch Platz für Gärten, in denen Kräuter, feines Gemüse und wohlschmeckende Beeren geerntet werden könnten. Mit der Aussicht auf einen großen Hausgarten gewann Ewald die Frauen. Auch wenn diese nur wenig zu bestimmen hatten, um des häuslichen Friedens willen billigten die Familienoberhäupter letztlich des Schmiedes Vorschläge.
So kam es, dass die neuen Häuser nicht nur weiter ab von den Riedwiesen, sondern mit beträchtlichem Abstand voneinander gebaut wurden. Die zum Bau benötigten Steine und Ziegel ließen sich die Bauern durch Frondienste, aber auch von Tagelöhnern herbeischaffen. In den vergangenen zwei Jahren hatten die Familien mit dem Verkauf von Vieh, Feldfrüchten und Weizen gut verdient und ordentlich Geld zurücklegt, das nun zum Hausbau genutzt werden konnte. Dabei hatte jeder einzelne den Ehrgeiz, auch weiterhin so viel zu erwirtschaften, dass das sicher verwahrte Umsiedlungsgeld nicht hervorgeholt werden musste. Es entbrannte ein regelrechter Wettstreit, wer als Erster die für die Fundamente benötigten Feldsteine beisammen hatte.
Mitte November bezog der Schmied sein neues, direkt an die Schmiede grenzendes Wohnhaus. In sicherem Abstand waren noch ein Wagenschuppen, eine Scheune und ein Stall errichtet worden. Genug Platz für zwei Kühe, fünf Schweine und etwas Geflügel. Mehr Getier brauchte der Schmied nicht, um nicht darben zu müssen. Das notwendige Futter und den Familienbedarf an Weizen und Kartoffeln lieferten die Bauern als Gegenleistung für Schmiedearbeiten. Den ganzen Winter über tönte das helle Klingen der Schmiedehämmer, denn außer Steinen und Balken wurden für die neuen Gebäude auch unzählige Kleinteile wie Nägel, Verbindungseisen und Türbänder benötigt. Ewald hatte zwei junge Tagelöhner als Zuschläger angelernt. Die beiden Polen saßen zu den Mahlzeiten mit an seinem Tisch und übernachteten in einem extra hergerichteten Verschlag im Stall. Es wäre viel zu gefährlich, die Halbwüchsigen in der Dunkelheit durch die Wälder laufen zu lassen, zumal sie zu Hause kein so reich gedeckter Tisch und keine frische Strohschütte erwartete. Der weite Weg würde außerdem Kraft kosten, die ihnen dann bei der Arbeit fehlte. Um das Ziehen des Blasebalges stritten sich die Dorfkinder nicht nur wegen des mit Fett bestrichenen Brotrandes, den sie dafür erhielten, sondern hauptsächlich wegen der magischen Anziehungskraft des Funken sprühenden Schmiedefeuers. In seiner Nähe ließen sich gruselige Geschichten, die jedes der Kinder gehört oder sogar erlebt zu haben vorgab, besonders glaubwürdig vermitteln. Einige der größeren Jungen gingen viel lieber in die Schmiede helfen als zum Unterricht. Sie hofften, sich dadurch soweit anzudienen, dass sie der Schmied als Lehrling annahm, sah doch das Pingpong der Hämmer auf dem glühenden Eisen so spielend leicht aus, und außerdem war ein Schmied ein geachteter und ob seiner Kraft auch gefürchteter Mann.
Keiner der Umsiedler hatte beim Verlassen der alten Heimat geglaubt, so schnell einen so reich gefüllten Speicher sein eigen nennen zu können. Sie hatten hart gearbeitet. Nichts war ihnen in den Schoß gefallen. Dennoch empfanden sie den erreichten Wohlstand als eine Gnade Gottes und weltlichen Lohn für ihr gottesfürchtiges Leben. Bisher war keiner von ihnen ernsthaft erkrankt, verunglückt oder gar gestorben. Das Vieh gedieh und vermehrte sich. Auf den Feldern reifte eine solche Fülle, dass die Vorratskammern und Keller nach der Ernte beinah überquollen. Allem voran die Erdäpfel, die die Umsiedler im ersten Winter vor dem Hunger bewahrt hatten und die selbst auf kargem Sandboden, auf dem Weizen nur kümmerte, zufriedenstellend gediehen. Bei den Erdäpfeln musste man nicht fürchten, dass kurz vor der Reife ein Blitz oder ein böser Nachbar das Feld in Brand setzte und alles vernichtete. Das Wichtigste war jedoch, es kam kaum noch zu Übergriffen seitens des polnischen Landadels. Man hatte sich aneinander gewöhnt und begegnete sich mit viel weniger Misstrauen. Nur der im Herbst 1699 eingetroffene Kantor kam in der Fremde nicht zurecht. Kurz nach Ostern des Folgejahres war er plötzlich verschwunden.
Das schwedische Heer
Im Sommer des Jahres 1702 marschierte das schwedische Heer unter seinem jungen König Karl XII. auf dem Weg nach Dresden, nur wenige Meilen entfernt am Dorf der sächsischen Lutheraner vorbei. Der See, das ihn umgebende Moor und die nach einem verregneten Frühsommer großflächig überfluteten Flussniederungen waren für Reiterei und Infanterie unpassierbar. Die feindlichen Truppen blieben auf den großen Straßen, um sich nicht unnötig den Attacken versprengter Reste der geschlagenen sächsischen, russischen und österreichischen Truppen auszusetzen, die sich im Unterholz der Wälder verbargen. Doch selbst diese wagten sich nur in der allergrößten Not in das unwegsame, höchst gefährliche Gelände. Trotzdem hatte man gleich zu Beginn des Krieges die kostbare Hauspostille, zusammen mit dem wertvollen Altarkreuz und den silbernen Leuchtern, in einer mit Zinnblech ausgeschlagenen Kiste verstaut und unter dem Fußboden des Gemeindehauses vergraben. Eine dicke Schicht aus Laub und Kehricht verdeckte alle frischen Spuren. Die kleine Gemeinde war sich sicher, unter solchem Dreck würde niemand einen Schatz vermuten. Das hohe Ried, das zwischen Wald und Moorwiesen wucherte und dessen festes Wurzelgeflecht der Urbarmachung erbitterten Widerstand leistete und das die Bauern sonst verfluchten, erwies sich in dieser unruhigen Zeit von großem Nutzen. Sein hoher, schilfartiger Wuchs versperrte den vorbeiziehenden Truppen die Sicht auf die erntereifen Felder.
Zum Schutz des Dorfes traf man noch weitere Vorkehrungen. Bei Windstille wurde weder gekocht noch Brot gebacken, denn die aus Herden und Backöfen aufsteigenden Rauchsäulen wären weithin sichtbar. Außerdem wurden, bis auf zwei Brutpaare je Schlag, die Tauben geschlachtet. Das war notwendig, denn die Eigenart der schmackhaften Vögel, bei ihrer Heimkehr mehrmals über ihrem Zuhause zu kreisen, würde die kleine Siedlung ebenfalls verraten. Wenn sonst fünf oder sechs Jungtauben für ein Sonntagsessen geschlachtet wurden, hielt man jedes geköpfte Tier so lange fest, bis der Flügelschlag erlahmte und der Blutfluss versiegte. Als nächstes wurde die noch warme Taube gerupft und ausgenommen. War das getan, holte der Bauer die nächste Taube aus dem Schlag. Diesmal geschah das Schlachten in größter Eile. Anstatt die Taube nach dem Abreißen des Kopfes wie gewohnt festzuhalten, wurde sie sofort in einen Sack gesteckt, wo sie ausflattern und ausbluten konnte. Wer dabei zögerlich hantierte und den kopflos schlenkernden Hals nicht sofort zu packen bekam, wurde über und über mit Blut bespritzt. Kein Schlächter, den es nicht erwischte.
Sich über Wochen dermaßen unauffällig und geräuschlos zu verhalten war nicht leicht, lebten im Dorf doch inzwischen achtundfünfzig Seelen. Ein einziges lautes Geräusch, selbst das Schreien eines Kindes konnten Tod und Verderben bringen. Dabei fürchtete man sich weniger vor großen Heeren und den sie begleitenden Trossen. Viel gefährlicher waren herumziehende Gruppen aus versprengten Soldaten und solchen, denen der Krieg alles genommen hatte.
Fast fünf Jahre zogen sich die kriegerischen Auseinandersetzungen hin, beherrschten Angst und Entbehrungen das Leben der sächsischen, aber noch mehr der polnischen Bauern. Deren nahe der großen Straßen liegenden gelb leuchtenden Getreidefelder wurden bereits im ersten Kriegssommer konfisziert oder vernichtet, sodass ihnen nicht einmal Saatgut blieb. Anders die mit Tartuffli bestellten Felder der Sachsen. Diesen unbekannten, gerade mal kniehohen Pflanzen schenkte niemand Beachtung. Und entdeckte doch mal ein Russe oder Schwede die an den Wurzeln hängenden Früchte, putzte sie ein wenig ab und biss hinein, weil der Hunger gar zu sehr schmerzte, wurde der nach nichts schmeckende Bissen schnell wieder ausgespuckt. Zu groß war die Angst, etwas Giftiges zu essen. So wuchsen auf den Feldern genügend Erdäpfel heran, um auch den Hunger der Fronbauern und Tagelöhner zu lindern. In dieser Notzeit rückten Sachsen und Polen wieder eng zusammen – wie im Hungerwinter 1698/99.
Im Sommer 1706 siegten die Schweden. Der sächsische Kurfürst und polnische König Augustus II. wurde im Frieden von Altranstädt entthront.
Inzwischen machten die sächsischen Siedler mit der im Land herrschenden Not gute Geschäfte, ließ sich doch auf dem städtischen Markt jedes noch so verkrüppelte Stück Wurzelwerk und Obst gut verkaufen. Und man hätte noch mehr verdienen können, würden die Leute Tartuffli essen. Doch die Scheu vor der unbekannten Frucht war größer als der Hunger. Der Grund: Immer wieder hatten Arbeit suchende Tagelöhner und ausgehungerte Städter die kleinen grünen Früchte gegessen, die sich aus den Blütenständen bildeten. Die furchtbaren Bauchschmerzen, die sie danach erlitten, deuteten diese einfachen Menschen als Fluch der sächsischen Ketzer, von dem sie nur Buße und Beichte erlöste. Dieser Irrglaube führte dazu, dass die ganzen Pflanze verteufelt wurde, auch die gelblichen, im Dunkel der Erde gewachsenen Früchte. Nur einige reiche Juden kauften die von ihnen als Erdäpfel bezeichneten schmutzbehafteten Rundlinge. Spanische und französische Kaufleute hatten schon vor Jahren von den aus der neuen Welt stammenden Gewächsen sowie deren Essbarkeit berichtet.
Wenn Töchter unter die Haube müssen
Obwohl das Kriegsgeschehen im Norden Polens erneut aufflammte, hatte man im Dorf eine neue, nicht weniger bedeutende Sorge: Es gab unter den inzwischen heiratsfähigen Jugendlichen kaum Auswahl. Die jungen Leute passten manchmal so wenig zusammen, dass die Eltern Einsicht zeigten und nicht auf dem gebotenen Gehorsam bestanden. Abhilfe sollte ein sächsischer Brautwerber schaffen. Man hätte zwar unter den im weiteren Umkreis eingetroffenen Neusiedlern nach Heiratskandidaten Ausschau halten können, doch einen mittellosen Schwiegersohn wollte sich niemand auf den Hof holen. Sie selbst hatten es anfangs auch nicht leicht, doch wegen der Tartuffli wurde ihnen von höchster Stelle Schutz und Unterstützung gewährt, was ihren Wohlstand trefflich mehrte. Wenigstens ein kleines, möglichst sicheres Einkommen sollte ein Bräutigam schon vorweisen können.
Der Mitte 1702 eingetroffene, recht ansehnliche Kantor stand leider nur wenige Monate auf der Kandidatenliste. Er vergiftete sich an einer Pilzmahlzeit, die er selbst zubereitet hatte.
Um den 1703 vom Gemeinderat eingestellten Lehrer Badstüber, der aus dem sächsischen Grimma stammte, stritten sich gleich drei Bauern. Kein Wunder, jeder wollte diesen Schwiegersohn, der zwar über kein üppiges, dafür aber ein sicheres Einkommen verfügte. Der Streit spitzte sich zu, als zwei der angehenden Bräute behaupteten, vom Herrn Lehrer zur Unzucht verführt worden zu sein und ihnen nun ein Kind unter dem Herzen wachse. Der Lehrer bestritt jegliches Zutun an den gerundeten Bäuchen und heiratete die Dritte. Allein die Ehe währte nicht lange. Nach wenigen glücklichen Monaten starb die Frau nach einem Schlangenbiss. Seine zweite Ehe mit der etliche Jahre jüngeren Auguste, geborene Glaser aus Piotrków Trybunalski, blieb kinderlos. Schwermütig geworden, starb Badstüber im achten Ehejahr. Ihrem zweiten Ehemann gebar Auguste zehn Monate nach der Hochzeit einen gesunden Knaben und später noch zwei Mädchen. Damit war bewiesen, dass der Herr Lehrer zwar krähen und vielleicht auch kräftig treten konnte, letztlich aber nicht mehr vermochte als ein Kapaun. Da jedoch die kostbare Hauspostille, in deren Anhang man Eheschließungen, Taufen und Sterbefälle eintrug, wegen der Fortdauer des Krieges immer noch unter dem Fußboden des Gemeindehauses versteckt lag, trug man diese Vorkommnisse nicht ein. Somit ist nicht überliefert, was mit den beiden unzüchtigen oder gar geschändeten Frauen geschah, zumal ihre Namen in keinem Register wieder erwähnt wurden. Und nach Kriegsende lag es in niemandes Interesse, diese fast vergessenen Ereignisse wieder an die große Glocke zu hängen. Die kleine Gemeinde hatte in den ersten schweren Jahren, gerade in dieser Hinsicht, zu schweigen und zu verdrängen gelernt. Nicht immer war schnell genug Hilfe zur Stelle, um Töchter und Ehefrauen vor der schlimmsten »Sünde« zu bewahren. Man bewertete es als göttliche Vergebung, wenn keine Leibesfrucht heranwuchs. Andernfalls entschied das Familienoberhaupt über ein Verstoßen aus Familie und Gemeinschaft. Das geschah jedoch nie.
Martha und Franz
Im Jahre 1706 fand auf dem Schlüterhof die erste Trauung statt. Martha, Utas älteste Tochter, wurde dem Steinmetzsohn Franz zur Frau gegeben. Kurz nach der Hochzeit zog das junge Paar nach Piotrków Trybunalski. Trotz der immer noch unruhigen Zeiten wurde in der Stadt viel gebaut, und es mangelte an Baumeistern und Steinmetzen. Auftraggeber waren hauptsächlich reiche Juden, die nach fast hundertjähriger Vertreibung nach Polen zurückkehren durften. Als sichtbares Zeichen ihres Wohlstandes ließen sie sich größere und prächtiger ausgestattete Häuser errichten als die des einheimischen Adels. Seine Zweisprachigkeit brachte Franz so viele Aufträge, dass er ohne die Unterstützung seines Vaters Wolfgang, der die Gesellen beaufsichtigte, die viele Arbeit nicht geschafft hätte. Durch das Studium deutscher Werkmeisterbücher vervollkommnete er seine Bauweise dermaßen, dass preußische Werber auf ihn aufmerksam wurden. Das in Aussicht gestellte Einkommen war so verlockend, dass er samt Frau und Kindern nach Berlin zog. Hier erhielt er eine Stelle an der Baukunst-Akademie, wodurch er die Möglichkeit bekam, sich ausgiebig der Bildhauerei zu widmen. Seine neuen Fertigkeiten bewies er bei der Ausgestaltung des von Schinkel entworfenen und unter dessen Leitung gebauten Landhauses des General-Postdirektors Kameke. Ansonsten war das Jahr 1706 kein gutes Jahr für die im Königreich Polen lebenden Protestanten.
Nachdem König August II. nach Dresden geflohen war, setzten die siegreichen Schweden 1706 den Polen Stanislaus I. Leszczynski auf den Warschauer Königsthron. Der Diktatfrieden von Altranstädt und die Unterwerfung Sachsens durch die Schweden entband den polnischen Adel von vielen unter dem sächsischen Herrscher geschlossenen Verträgen. Wie es vor einigen Jahrzehnten den Juden geschah, so beraubten und erschlugen die von den Jesuiten aufgehetzten Polen nun vielerorts die verhassten Protestanten.
Aufgrund des Katastereintrages beanspruchte die Magnatenfamilie Przebendowski die von Flemming gegründete Domäne als ihr Eigentum, schließlich gehörte Jacob Heinrich Flemming zur Familie. Dadurch wurden sämtliche Kaufverträge und auch alle anderen Regelungen unanfechtbar. Das schützte die Lutheraner vor Verfolgung und Gewalt an Leib und Leben und auch deren Eigentum vor dem Zugriff der ehemaligen Besitzer. Diese hätten sich allzu gern der ertragreichen Höfe bemächtigt, um sie an katholische Kolonisten zu verpachten, die in den fruchtbaren Gebieten um Kielce, Radom und Warszawa angesiedelt wurden. Die meisten dieser katholischen Kolonisten stammten von der schwäbischen Alp und waren bäuerlicher Herkunft. Sie verließen ihre Heimat, um dem Hungertod zu entkommen. Schuld an dieser Misere waren nicht allein die kalten Sommer und die kargen Böden, sondern vor allem das im Württembergischen geltende Erbrecht. Demnach wurde beim Tod des Familienoberhauptes der Hof zu gleichen Teilen an sämtliche Söhne vererbt. Die dadurch von Generation zu Generation kleiner werdenden Besitztümer konnten die Familien nicht mehr ernähren. Missernten verschlechterten die Lage zusätzlich. Auf den städtischen Märkten schrumpfte das Angebot. Die Menschen hungerten, und viele starben. So war es nicht verwunderlich, dass die Versprechen der von polnischen Großgrundbesitzern beauftragten Werber als Geschenk des Himmels angesehen wurden. Allein die Aussicht, so viel Ackerland pachten zu können, wie sie zu bestellen vermochten, war Grund genug, der Heimat den Rücken zu kehren. Dazu noch die ersten fünf Jahre abgabenfrei. Sie müssten nur fleißig sein, dann würde es ihnen in der Fremde an nichts mangeln.
Der Krieg, aber auch die Pest, die 1707 fast gleichzeitig in Warszawa und Kraków ausbrachen und sich schnell verbreiteten, hatten große Teile des polnischen Königreiches regelrecht entvölkert. Ganze Landstriche lagen brach. Doch nicht nur die Bauern fehlten, auch die Zugtiere. Zudem hatte ein eisiger Winter die wenigen Herbstsaaten erfrieren lassen. Am schlimmsten hungerten die Städter. Dazu kam, dass Preußen aus Angst vor dem »Schwarzen Tod« die Grenze zu Polen geschlossen hatte und das sonst aus dem Königreich Preußen eingeführte Brotgetreide ausblieb. Aus Polen kommende Briefe wurden von den Preußen sogar ungeöffnet verbrannt, damit durch sie keine mit der Pest infizierten Flöhe ins Land gelangen konnten. Trotzdem riss der Zustrom von Siedlern aus den kleinen deutschen Fürstentümern nicht ab. Um nicht an der preußischen Grenze aufgegriffen und festgesetzt zu werden, nahmen sie den Umweg über Sachsen und Böhmen. In Kraków angekommen, erkrankten und starben viele der Ankömmlinge. Die Überlebenden und die zur gleichen Zeit nach Norden ziehenden schwedischen Soldaten brachten die Pest nach Pommern und bis hinauf in das Königreich Preußen. Dort raffte die Seuche fast die gesamte Bevölkerung hinweg. Es gab Dörfer, in denen kein einziger Mensch überlebte.
Ein Blick nach Russland
Lange Zeit hatte es genügt, in den Sommermonaten ein paar Schiffe nach Archangelsk zu schicken. Das einzig lohnende Geschäft war der Aufkauf von Pelzen, und diese Ware erforderte keine Eile.
Seit dem Machtantritt von Zar Peter I. öffnete sich das Land. Mit großem Nachdruck betrieb der Zar den wirtschaftlichen Aufschwung seines rückständigen Herrschaftsgebietes. Dafür brauchte man nicht nur stetig nutzbare Handelswege, sondern ebenso sichere Zwischenlager und Geschäftsräume. Wie ernst es Peter I. mit dem Fortschritt seines Reiches war, verdeutlichten seine Kriege um einen ganzjährig offenen Hafen und den Zugang zu den Weltmeeren. Am Asowschen Meer unterlag er den Türken. Daraufhin konzentrierte er sich auf den nördlichen Seeweg. Gleich zu Beginn des Nordischen Krieges gelang es ihm, den Schweden das Gebiet vom Ladogasee bis zur Newamündung abzuringen. Zur Sicherung dieser hart erkämpften Position ließ er 1703 in den Sümpfen der Newabucht eine Festung errichten, von der aus der gegenüberliegende Hafen samt Werft verteidigt werden konnte. Tausende von Leibeigenen mussten dabei unter unsäglichen Bedingungen schuften. Ein wichtiges Anliegen des Zaren waren Ausbau und Sicherung des Seeweges ins westliche Europa. Die um die Hafenanlagen herum entstehende Stadt wurde von Anfang an geplant und nach dem himmlischen Torwächter »Sankt Peter« benannt. Den Baumeistern und Handwerkern folgten die Geldverleiher und die Händler. Große Handelsunternehmen und Bankhäuser schickten ihre Abkömmlinge. Diese sollten die alten Ost-Handelsrouten wiederbeleben sowie Niederlassungen gründen, denn das große Reich war nicht in der Lage, den riesigen Bedarf an Waren zu decken. Zudem entbrannte ein mit härtesten Mitteln geführter Wettstreit um die besten Ausgangspositionen auf dem Weg in die Weiten Russlands.
In der Folge stiegen in Warschau, der ersten Station gen Osten, die Grundstückspreise und Mieten ins Unermessliche. Weniger finanzkräftige Handelshäuser wichen auf kleinere Städte Mittelpolens aus. Das betraf auch einige protestantische Unternehmen aus dem Sächsischen.
Die nach Piotrków Trybunalski Zugewanderten waren überglücklich, als sie beim Marktgang die heimatliche Sprache vernahmen und sogar auf Lutheraner trafen, die über ein Gemeindehaus verfügten. War es erst nur der gemeinsame Gottesdienst, ergaben sich bald auch kleine Gesellschaften. Während die Jugend miteinander scherzte und tanzte, erforschten die Alten die Besitzverhältnisse. Man wollte schließlich wissen, ob sich die Annäherung lohnt. Eigentlich heirateten Kaufleute nicht in Bauernfamilien ein. Doch die Sachsen waren schließlich mehr als einfache Bauern und in dieser unruhigen Zeit konnte selbst der vorsichtigste Händler über Nacht zum Bettler werden. Dann wäre es schon von Vorteil, einen Bauern mit gefülltem Speicher in der Familie zu haben. So kam es, dass die Brautwerber bald ihres Amtes walteten.
Emma und Karl
Emma, Utas zweite Tochter, wurde mit Karl Mannich, dem ältesten Sohn eines Chemnitzer Tuchhändlers verheiratet, der hauptsächlich die Kundschaft in der Hauptstadt Warszawa belieferte. Eine für beide Seiten vorteilhafte Wahl, denn mit Emma, die sich schon als Mädchen mehr für den Verkauf auf dem Markt von Piotrków Trybunalski und Geldangelegenheiten als für die Hausarbeit interessierte, bekam das Handelshaus eine äußerst geschäftstüchtige Schwiegertochter. In diesen Zeiten des Mangels bot es sich regelrecht an, der hauptstädtischen Kundschaft nicht nur Stoffe, sondern auch Lebensmittel zu verkaufen. Reiche Städter zahlten selbst für gewöhnliches Obst und Gemüse beinahe Wucherpreise. Dazu veranlasste sie die Angst, ihren Körper durch Hunger zu schwächen und somit anfälliger für Seuchen zu werden. Mindestens einmal pro Woche lieferte der Schlüterhof eine beträchtliche Menge an Rauch- und Pökelfleisch, Eiern, Butter, ausgelassenem Fett, Trockenobst, Weizenmehl und Honig nach Warszawa. Der Bedarf war so groß, dass Emmas Mutter Uta von der Nachbarschaft zukaufte. Schon nach wenigen Fahrten brachten die Lebensmittel mehr ein als der Verkauf von Tuch. Überdies fanden gegerbte Felle, Filze und Schafwolle reißenden Absatz. Bei diesem Erfolg war es kein Wunder, dass bereits im späten Frühjahr die nächste Ehe vereinbart wurde: Ein Vetter Karls heiratete ein Meißner Mädchen.
Tuchhändler Karl und sein Vetter erhandelten bereits im ersten Winter einen solchen Gewinn, dass Uta und auch die Meißner Familie Domänenland zukaufen konnten. Außerdem kaufte Uta noch einen Hektar polnischen Landes und zwei Hektar eines in finanzielle Schwierigkeiten geratenen Gemeindemitgliedes. Diese Landkäufe führten zu erheblichen Unstimmigkeiten innerhalb der Gemeinde. Hauptstreitpunkt war die vor Jahren beschlossene Gemeindeabgabe, eine Art Zehnten, der zur Finanzierung gemeinschaftlicher Bauvorhaben und zur Bezahlung des Lehrers diente. Bisher herrschte Abgabengleichheit, besaß doch kein Hof mehr als die anfangs übereignete Fläche. Damals hatte man außerdem vereinbart, Einnahmen aus dem Verkauf von Lebensmitteln und Heimwerk, wie gesponnene Wolle, nicht auf den Zehnten anzurechnen. Es sollte jeder selbst entscheiden können, ob er genügsam lebt und viel verkauft oder die eigene Tafel krachen lässt.
Nach anfänglichem Protest fügten sich der Schlüterhof und der Meißner Hof dem Verlangen der Mehrheit nach Neuberechnung. Jedoch unter der Bedingung, dass das Stimmrecht der Höhe des erbrachten Zehnten entspricht.
Als Utas Mann Martin 1716 an Wundfieber starb, bestach sie zwei der drei Dorfältesten, damit ihr Antrag, bis zur Volljährigkeit ihres Sohnes Johann den Hof ohne männliche Vormundschaft führen zu dürfen, bewilligt wurde. Dadurch verhinderte sie, dass Fremde Einsicht in ihre Geschäfte erhielten, sich am schwer erwirtschafteten Vermögen vergriffen oder sogar über die Zukunft ihrer beiden noch unmündigen Kinder bestimmten.
Hoferbe Johann Schlüter
Johann, ihren 1700 geborenen einzigen Sohn, schickte Uta 1718 zur Ausbildung auf ein Gut in die Mark Brandenburg. Ein Viehhändler hatte ihr von neuen Methoden und einer strengen Zucht und Ordnung berichtet, die der spätere preußische König Friedrich Wilhelm I. bereits als Thronfolger auf seinem Gut Wusterhausen exerzierte. Sie war fest überzeugt, dass Johann unter solchen Bedingungen mehr lernt als im lebensfrohen Sachsen. Ebenso berechtigt schien ihr auch die Hoffnung, dass Johanns Glaube im Preußischen eher gefestigt als angefochten wird. Zudem ging es den Menschen in Preußen besser, denn ihr König hatte sich nicht am Krieg gegen die Schweden beteiligt.
Fünf Jahre später kam Johann, samt Frau und zwei Kindern, zurück auf den elterlichen Hof. Er hatte sich mit Sofie, einer Tochter des Stallmeisters vom Wusterhausener Gut, vermählt. Zur allgemeinen Verwunderung akzeptierte Uta den Eigensinn ihres Sohnes. Mehr noch, sie unterwies ihre Schwiegertochter nicht nur in der Führung des großen Anwesens, sie gab ihr auch eine des Lesens und Schreibens kundige Polin zur Seite, damit sie sich die fremde Sprache schnellstens aneignet. Der Grund für dieses Handeln: Die letzten Jahre hatten sie viel Kraft gekostet, und sie sehnte sich nach etwas Ruhe. Sie träumte davon, sich ab und zu auf die Gartenbank zu setzen, dem Gesang der Vögel zu lauschen, sich an der Blumenpracht zu erfreuen und den Enkeltöchtern beim Spielen zuzusehen. Kurzum, sich nicht mehr um jede Kleinigkeit kümmern zu müssen. Dann könnte sie sich auch ihren sehnlichsten Wunsch erfüllen und ihre Tochter Martha in Berlin besuchen.
Utas Reise nach Berlin
Die Zeit war günstig, der Frieden hielt schon etliche Jahre. Die Postkutschen fuhren regelmäßig, und der Postmeister versicherte, Überfälle gäbe es kaum noch. Und wenn, davor hatte Uta keine Angst. Sie hatte sich gut vorbereitet, einen Schinken und Räucherwurst eingepackt, denn auch Räuber müssen essen. Nach einem solchen Fund würde keiner von ihnen vermuten, dass in den Unterröcken der einfach gekleideten alten Bäuerin etliche Goldtaler steckten.
Die große Stadt gefiel ihr, vor allem die vielen Gotteshäuser und die Glaubensfreiheit. Die eingewanderten Hugenotten bauten Kirchen und die Juden errichteten eine neue Synagoge. Selbst den wenigen Katholiken wurde die öffentliche Ausübung ihres Glaubens gestattet. Ganz anders in Polen, da hatte man den Lutheranern erst vor kurzem verboten, sogar in der Abgeschiedenheit ihrer Höfe, Gottesdienste abzuhalten. Nur in Warszawa und Kraków gab es noch evangelische Kirchen. Hier wagte man nicht, allzu hart gegen die Evangelischen vorzugehen, zu diesen Gemeinden gehörten zu viele angesehene Bürger.
Außer der Glaubensfreiheit fand Uta jedoch nichts, was ihr wert schien, hier leben zu wollen. Die Zeit mit Müßiggang zu verbringen empfand sie als Sünde. Sie kam immer weniger damit zurecht, den ganzen Tag über nur Kutsche zu fahren, ein winziges Hündchen durch den Park zu führen oder im Salon zu sitzen. Am allermeisten irritierte sie die städtische Angewohnheit, bis weit in den Vormittag hinein im Bett zu liegen und sich sogar das Frühstück ins Schafzimmer bringen zu lassen.
Bereits am vierten Morgen frühstückte Uta kurz nach Sonnenaufgang mit den Bediensteten in der Küche. Danach ging sie spazieren, genoss die morgendliche Frische und die Ruhe. Zum Glück dauerte es gut vier Wochen, ehe Martha von Utas Morgengestaltung in Kenntnis gesetzt wurde. Es erboste sie über alle Maßen, dass sich ihre Mutter zu den Bediensteten an den Küchentisch setzte und mit ihnen frühstückte. Das Ganze endete in einer heftigen Auseinandersetzung zwischen Mutter und Tochter, in der jede die bisher eingehaltene Rücksichtnahme ablegte.
Uta ärgerte es, dass sich Martha nur noch für französischen Modeschnickschnack interessierte oder stundenlang Kartenreihen aneinander legte. Die Karten waren ihr manchmal sogar wichtiger als der gemeinsame Kirchgang. Und dann waren noch diese ungeheure Verschwendung und Protzerei. Dabei hatte der preußische König Friedrich Wilhelm I. seinen Untertanen Einfachheit und Sparsamkeit verordnet, damit das Land das zu seiner Sicherheit erforderliche Heer ordentlich ausrüsten und vorhalten kann. Laut gespottet und geschimpft wurde nur hinter verschlossenen Türen in Gesellschaft Gleichgesinnter. In der Öffentlichkeit hielten sich die Untertanen seiner Majestät an das Sparsamkeitsgebot, denn der König ließ dessen Einhaltung überwachen. Doch wehe, seine Spione ergriffen einen oder eine dieser Modesüchtigen! Bei der Höhe des Bußgeldes ließ sich Friedrich Wilhelm nicht lumpen. Deshalb wurde der neueste französische Schick nur innerhalb privater Salons zur Schau gestellt. Unterwegs verbarg man die Pracht unter einem weiten grauen Überwurf. Dabei wurde selbst beim Ein- und Aussteigen aus der Kutsche peinlichst darauf geachtet, dass kein Zipfelchen der teuren Eleganz hervorlugte. Die Angst, in aller Öffentlichkeit des Ungehorsams gegenüber dem König überführt zu werden, rechtfertigte diese Vorsicht. Trotzdem trafen sich die Damen mehrmals wöchentlich reihum und führten vor, was man sich aus Paris hatte kommen lassen.
Einzig die Tatsache, dass Marthas Mann Franz den Bau eines Waisenhauses unterstützte, versöhnte Uta ein wenig mit dem ausschweifenden Lebensstil ihrer Tochter. Aber es ärgerte sie, dass sie von den auf Französisch geführten Gesprächen nichts verstand. Sie musste um Übersetzung bitten. Martha wiederum genierte es, dass die Mutter des Französischen nicht mächtig war. In den Augen der Berliner Gesellschaft zeuge dieser Bildungsmangel von niederer Herkunft und schmälere somit ihr eigenes Ansehen. Sie sah deshalb keinen anderen Ausweg, als der Mutter zu raten, sich in Anwesenheit Fremder abseits zu halten und niemanden anzusprechen. Uta hielt sich daran. Sobald Gäste eintrafen, zog sie sich auf ihr Zimmer zurück und kam erst am nächsten Morgen wieder heraus. In ihrem ganzen Leben hatte sich Uta noch nie so erniedrigt gefühlt. Ihre eigene Tochter grenzte sie aus, nur weil sie vor lauter Arbeit kein Französisch gelernt hatte! Warum auch, im Dorf war man nicht so fein, da brauchte niemand diese Sprache, da genügte es vollauf, Deutsch und Polnisch in Wort und Schrift zu beherrschen. Und das Rechnen, um auch das Schulgeld für die Kinder bezahlen zu können.
In Wierzeje beherrschte nur ihr Schwiegersohn Karl, Emmas Mann, das Französische. Das musste er auch, andernfalls hätte man ihn überhaupt nicht in die vornehmen Häuser eintreten lassen. Dabei verschwieg Karl, dass ihm nicht das Französische, sondern sein hübsches Gesicht und die stattliche Gestalt die Türen der Damensalons öffneten. Doch noch mehr als die französische Sprache, eine gute Ware und ein angemessener Preis galt in der gehobenen Gesellschaft eine vollendete Manier. Und die beherrschte Karl Mannig. Kam Karl nach Wierzeje, war es für Kinder und Erwachsene ein riesiger Spaß, führte er die tiefen Verbeugungen und eleganten Hutschwenkungen vor, mit denen er den adeligen Damen seine Ehrerbietung bezeugte. Die dabei von ihm auf Französisch gesprochenen Schmeicheleien klangen in Utas Ohren wie wohltönender Singsang. Es belustigte sie ungemein, einige dieser Formeln zu lernen, um die von Karl begrüßte feine Dame darzustellen. Doch Karl und Emma kamen nur selten zu Besuch, bis dahin hatte sie alles längst wieder vergessen.
Sie dachte an Emma, die die Arbeiten im Kontor überwachte, wenn Karl auf Reisen war. Das fleißige Kind hatte sogar Russisch gelernt, um mit der Kontorei in Nowgorod ohne fremden Übersetzer korrespondieren zu können. Schlimm war nur, dass ihr der Herrgott von fünf Kindern nur die kleine Klara gelassen hatte. Ein zartes, überaus hübsches Mädchen, dem sie ihre ganze großmütterliche Liebe schenkte. Seit Ostern hatte sie die Kleine nicht mehr gesehen. Gleich nach ihrer Rückkehr aus Berlin wird sie Emma bitten, für das Kind einen Hauslehrer zu besorgen, der sie im Französischen unterrichtet.
Johann und Sofie
Uta dachte auch an ihre anderen drei Enkelinnen, die Töchter ihres einzigen Sohnes Johann, die diese Sprache lernen müssten, wenn sie später einem wohlhabenden Mann zur Seite stehen sollen. Wäre Johann zu geizig, würde sie den Lehrer aus ihrer Tasche bezahlen. Es ging ihr durch den Kopf, dass ihre beiden Ältesten Martha und Emma ihren Aufstieg in die bessere städtische Gesellschaft nur schaffen konnten, weil sie besser ausgebildet waren als alle anderen Töchter in der Gemeinde. Um die Ausbildung des kleinen Friedrich, dem lang ersehnten Hoferben, musste sich noch niemand Gedanken machen. Das Kind wird in den vergangenen Wochen ordentlich gewachsen sein und vielleicht sogar ein paar Schrittchen laufen können. Uta sehnte sich nach dem Jungen. Es war sowieso höchste Zeit, nach Hause zu fahren. Auf den Feldern reifte das Getreide und wartete auf die Schnitter. Während der Ernte mussten die Tagelöhner beaufsichtigt und beköstigt werden. Viel Arbeit für die jungen Hofbauern Johann und Sofie, die sich ehrlich freuten, als die Mutter zurückkam. Mit größtem Wohlbehagen atmete Uta den süßen Duft der Sommerblumen, die den Hausgarten mit ihrer Farbenpracht schmückten. Auf dem Küchentisch stand ein Topf mit dampfenden Erdäpfeln. Eben geerntet, die ersten im ganzen Dorf. Johann war ein guter Bauer, er liebte sein Land, und das sah man an den Erträgen. Auch seine Frau Sofie passte hierher, eine Bäuerin durch und durch. Das Besondere zwischen den beiden Frauen war, zwischen ihnen hatte es noch nie ein böses Wort gegeben. Zugegeben, es fiel ihr selber nicht leicht, sich aus Johanns Entscheidungen herauszuhalten, ihm nicht dazwischenzureden, wenn er das ausprobierte, was er an neuem Wissen und ihr unbekannten Methoden aus dem Preußischen mitgebracht hatte. Es gelang nicht alles, doch in der Summe wirtschaftete er mit gutem Gewinn. Allem voran die neuen Schafe, die er aus der Lüneburger Heide hatte kommen lassen. Die großen schwarzköpfigen Tiere brachten viel Fleisch und vermehrten sich prächtig, obwohl sie auf der Heide und den Magerwiesen nur wenig Futter fanden. Und sie lieferten eine besonders feine, langhaarige Wolle, die ihr Schwiegersohn Karl bis in die Webereien nach Slawa verkaufte.
Im letzten Winter, als sich Uta einen schlimmen Husten zuzog, ließ ihr Johann ein dickes schafwollenes Unterbett anfertigen. Damit ging es ihr bald besser und morgens, beim Aufstehen, schmerzten sie auch nicht mehr sämtliche Glieder. Die arbeitsreichen Jahre hatten nicht nur ihren Rücken gekrümmt, die Füße schmerzten bei jedem Schritt und die Finger sahen aus wie verknöcherte Krallen. All das hielt sie jedoch nicht davon ab, tagtäglich als Erste aufzustehen, im Herd Feuer anzuzünden, frisches Wasser aus dem Brunnen zu holen und den Tisch zu decken.
Als Uta 1740, zu Beginn ihres siebzigsten Lebensjahres starb, vererbte sie ihrem Sohn Johann ein großes Anwesen und ein beträchtliches Vermögen. Ihr sehnlichster Wunsch, die Geburt des übernächsten Hoferben noch zu erleben, erfüllte sich nicht. Friedrich, Johanns einziger Sohn, war eben erst konfirmiert worden.
Mit Uta starb die Letzte, die die schweren, aber auch erfolgreichen Anfangsjahre erlebt hatte. Bis kurz vor ihrem Tod erzählte sie den am Bett wachenden Kindern und Enkeln von den ersten Jahren in der Fremde. Ihr Gesicht leuchtete, wenn sie davon sprach, welche Zufriedenheit und Dankbarkeit die kleine Gemeinde damals erfüllten. Allabendlich, vor dem gemeinsamen Essen, wurde eine kurze Andacht gehalten und dem Herrn für seine Güte und Fürsorge gedankt. Damals brachte man die Ernte gemeinsam ein und teilte sie nach der Anzahl der Familienmitglieder auf. Niemand rechnete auf, wer wie viel gearbeitet hatte. Die Erinnerung an das Ende dieser Gemeinsamkeit regte die Sterbende furchtbar auf. Das war während des Schwedenkrieges, als die Truppen Karls XII. 1702 und 1706 nur wenige Meilen am Dorf vorbei marschierten und eine Spur der Verwüstung hinterließen. Damals fand auf dem Markt in Piotrków Trybunalski jeder noch so erbärmliche Gemüsestrunk einen Käufer.
Um noch mehr Geld einzunehmen, sparten alle Familien am eigenen Essen. Einige aber auch an den der christlichen Nächstenliebe geschuldeten Zuwendungen an Notleidende.
Utas Zuhörer staunten, als sie erfuhren, dass diese in der Gemeinde üblichen Essensgaben aus dem Hungerwinter 1699 stammten, dem ersten Winter nach ihrer Ankunft in Polen. Damals hatte man sich darauf geeinigt, dass jeder Hofbesitzer die bei ihm arbeitenden Fronbauern samt ihren Familien im Winter zumindest so beköstigt, dass niemand verhungert. Die zwei Meißner nahmen das wörtlich. Als im Verlauf der nächsten zwei, drei Jahre kaum ein Tagelöhner für die Meißner arbeiten wollte und auch die Fronbauern darum stritten, wer zu den Meißnern muss, forschten die Lommatzscher nach den Gründen. Der Geiz kam ans Licht. Die beiden Meißner gelobten Reue und Besserung. Daraufhin wurde ihnen vergeben. Trotzdem beendete dieser Vorfall das bis dahin selbstlose Füreinander. Die Erinnerung an diese Zerwürfnisse bedrückten Uta, sie schwieg einige Zeit. Aber bald verdrängten Freude und Stolz auf das Erreichte die trüben Gedanken. Was hatte sie alles erlebt! Sie stand sogar ganz dicht vor dem großen König August, zwischen ihr und ihm nur ein Viertelkorb mit Kartoffeln! Damals aß das ganze Dorf von den Speisen der königlichen Tafel. Und wie viel hatten sie und ihre Nachkommen erreicht! Längst hätte sie als wohlhabende Witwe nach Sachsen zurückkehren können. Doch was sollte sie in dem ihr fremd gewordenen Land? Hier kannte sie jeden, und das waren inzwischen, allein im Dorf, über zweihundert Seelen.
Gemeinderat und Glaube
Im Verlauf der Jahre sah man den meisten Höfen den emsig erwirtschafteten Wohlstand an. In den Ställen wuchs die Zahl der Kühe und Schweine, sodass Ställe und Scheunen ständig vergrößert werden mussten. Es wurden aber auch Häuser gebaut, um wenigstens einen zweitgeborenen Sohn mit seiner Familie im Dorf halten zu können. Schließlich konnte dem Hoferben ein Unglück zustoßen. Zudem gab es um das Dorf herum genug freies Land, das die jungen Leute nur zu roden und urbar zu machen brauchten. Mit dieser schweren Arbeit plagte sich jedoch kaum noch ein Sachse herum. Die Bauern besaßen inzwischen genug Geld, um solchen Plack von Tagelöhnern erledigen zu lassen, ebenso die schwersten Arbeiten auf den immer größer werdenden Feldern. Es gab aber auch Familien, denen nichts gelang und in deren Häusern Schmalhans Küchenmeister blieb. Wurde die Not durch ein Unglück oder Krankheit verursacht, half die Gemeinschaft, zumindest eine gewisse Zeit. Handelte es sich jedoch um eine Strafe Gottes, weil ein Familienmitglied gesündigt hatte, durfte diese vom Herrn auferlegte Prüfung nicht durch Hilfen gemildert werden.
Ob man nun unschuldig oder sündig war, entschieden die drei Dorfältesten nach dem Anhören von Zeugen. Zur Aussage berechtigt waren nur Männer, selbst wenn diese den jeweiligen Vorfall nur aus den Erzählungen ihrer Frauen und Töchter kannten. Das führte dazu, dass selbst bekannte Tatsachen vor dem Gemeinderat ungenau oder völlig anders wiedergegeben wurden. Die Folge waren Fehlurteile. Diese Vorgehensweise hatte Uta angeprangert. Sie forderte die Anhörung direkter Zeugen, egal ob Mann oder Frau, wobei diese die Schwurhand auf die Heilige Schrift legen sollten. Mit dieser Forderung berief sie sich auf Martin Luthers Briefe, in denen der Reformator »die Frau dem Manne als Gleiche« beistellte. So manches Gemeindemitglied hatte noch nicht mal in solchen Schriften geblättert, geschweige darin gelesen. Ihnen genügte, den Kindern an langen Winterabenden die bekanntesten Gleichnisse aus dem Neuen Testament vorzulesen. Nun tat oder war man über Utas Behauptung erstaunt. Dass die von den Gemeinderäten vorgegebenen Regeln des Zusammenlebens nicht ganz mit den Grundsätzen des Reformators übereinstimmten, ahnten einige der ärmeren Lutheraner schon länger, schien ihnen die Ahndung von Vergehen nicht immer gerecht zu erfolgen. Bisher hatte jedoch niemand gewagt, dagegen aufzubegehren.
Uta gewann den Streit und gleichzeitig etliche Feinde. Von da an konnte zwar jedes mündige Gemeindemitglied als Zeuge auftreten oder dem Gemeinderat Vorschläge oder Bedenken unterbreiten, doch bei Abstimmungen ergaben sich erstaunlicherweise oft Mehrheiten zugunsten der wohlhabenden Familien. So wurde beschlossen, dass selbst bei einem schweren Verstoß gegen die Gebote nicht mehr die ganze Familie für das Vergehen eines Einzelnen Buße tun muss. Die Familie konnte sich nun sogar von einem Sünder lossagen, ihn aus dem Kreis der Blutsverwandtschaft ausschließen.
Der aufkeimende Besitzdünkel spaltete die Gemeinschaft zusätzlich. So achteten Brauteltern inzwischen mehr auf die Besitzverhältnisse des zukünftigen Schwiegersohnes als auf dessen Glaubensfestigkeit. 1733, im Todesjahr Augusts des Starken, ging es den meisten Lutheranern in Wierzeje so gut, dass sich die von Luther angemahnte Demut in Hochmut und die Dankbarkeit in Selbstgefälligkeit wandelte. So war es nicht verwunderlich, dass die vorgegebene harte Bestrafung von Sünden und Fehlverhalten als veraltet bezeichnet und mehr Milde geübt werden sollte. Einem Dieb schlüge man doch auch nicht mehr die Hand ab, mit der er gestohlen hatte, obwohl dies in der Heiligen Schrift gefordert wurde.
Nun störten sich einige Familienoberhäupter an der Härte, mit der im sechsten Gebot der Ehebruch geahndet wurde. Sie meinten, eine Jungfer, die ihre Keuschheit verlor, sei zwar eine große Sünderin, aber diese Sünde habe nicht die Schwere eines Ehebruchs, denn nur die Ehefrau breche ein Gott gegebenes Versprechen. Deshalb sei es ungerecht, den Verlust der vorehelichen Keuschheit mit gleicher Härte zu bestrafen. Bisher wurden beide, die sündhafte Jungfer und die Ehebrecherin samt ihrem Bankert, aus der Gemeinschaft verstoßen und des Dorfes verwiesen. Mit viel Glück fand die Verstoßene irgendwo eine Anstellung. Eine stillende Mutter wurde jedoch höchst selten in Dienst genommen. Wollte sie nicht im Elend enden, musste sie sich des Kindes entledigen, indem sie es vor einem Kloster oder einem Pfarrhaus ablegte. Solch ein wenige Tage altes Kind überlebte nur, wenn sich eine Stillende des Findlings erbarmte. Klöster bezahlten arme Frauen für diesen Ammendienst. Eine sich lohnende Ausgabe, denn Findelkinder gehörten später dem, der für die Kosten aufkam. Zusätzlich zur Schande verlor die betroffene Familie somit auch Arbeitskräfte, auf die eigentlich kein Bauer verzichten konnte. Deshalb kaufte man, so man es sich leisten konnte, einen verständigen Bräutigam für die gestrauchelte Tochter. Ein gutes Geschäft für den zumeist Zweitgeborenen, kam er dadurch zu einem Hof oder zumindest zu einer gehörigen Summe Geldes. Fand sich kein Bräutigam, wurde die Sünderin möglichst schnell in ein Kloster gebracht. Meist erlitt sie nach ihrer Ankunft eine Fehlgeburt. Wenn nicht, hatte sie nach Ablauf der Zeit eine Totgeburt. So wurde es ihr zumindest gesagt. Mit einem Steckkissen auf dem Arm kam keine dieser Töchter nach Hause zurück. Doch auch das Kloster verlangte eine angemessene Spende. In Familien, die sich weder Bräutigam noch Kloster leisten konnten, »verunglückte« das ach so geliebte Kind im Moor. Nach einem solchen Unglück wurde zwar viel getuschelt, doch jeder hütete sich, seine Vermutung auszusprechen, denn damit fehlte man gegen das achte Gebot »Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten«. Und wegen unbedachter Worte, deren Wahrheit nicht mehr bewiesen werden konnte, wollte sich niemand versündigen. Dabei war im Grunde jeder froh, dass es nicht die eigene Tochter getroffen hatte.
Ein alter Eiferer und zwei Familien mit hauptsächlich männlichen Nachkommen widersetzten sich der angestrebten Änderung. Die beiden Familien spekulierten darauf, ihre spätgeborenen Söhne auf diese Weise gut zu verheiraten. Es dauerte mehrere Wochen, bis ein zufrieden stellendes Ergebnis verkündet wurde. Wahrer Ehebruch erfuhr weiterhin keine Gnade. Eine ledige Sünderin konnte jedoch mit Milde rechnen. Die Unglückliche durfte samt ihrem Kind im Dorf wohnen bleiben und ihr täglich Brot als Stallmagd erarbeiten. Damit diese Güte gewährt wurde, überprüften die Dorfältesten deren Bußfähigkeit. So mancher Taler landete dann in den Taschen dieser Männer. Doch die Angst vor dem Gang ins Moor saß bei vielen Mädchen so tief, dass sie ihr Leben lang ungern auf den schwankenden Riedwiesen arbeiteten.
Dabei hatte das Moor auch gute Seiten. So diente es in unruhigen Zeiten, und die gab es reichlich, zur sicheren Verwahrung irdischer Güter. In gut getarnten kleinen Hütten und Unterständen versteckten dann die Bauern das Saatgut, einen Teil der Vorräte, Gerätschaften und die Bienenstöcke. Wenn Plünderer ein solches Versteck entdeckten – mit der Beute auf dem Rücken erreichten nur wenige sicheren Boden. Diejenigen, die im Moor zu versinken drohten, warfen zur Erleichterung die geschulterte Last weit von sich. An solchen Stücken klebten oft noch ihre schlammigen Handabdrücke. Die Dörfler nagelten dann ein kleines Querholz ans obere Ende einer langen Stange und trieben diese so weit in den weichen Grund, bis nur noch ein kleines Kreuz aus dem schwarzen Wasser ragte. Nichts wirkte auf Fremde abschreckender und gruseliger als diese kleinen Kreuze und deren Spiegelbilder, die bereits beim leichtesten Schritt erzitterten.
Königspoker
Der nach dem Tod Augusts II. frei gewordene Thron entfachte innerhalb und außerhalb Polens Begehrlichkeiten. Die Kandidaten: Der durch bestochene Wahlmänner und russischer Intervention an erster Stelle stehende August III., Sohn August des Starken und Wunschkandidat der russischen Zarin Anna oder Stanislaus I. Leszczynski, der Favorit Frankreichs. Drei Jahre stritt sich der polnische Adel um die Nachfolge, da wurde der Pole Stanislaus I. Leszczynski von einer kleinen Gruppe frankreichfreundlicher Adliger im Jahre 1734 flugs ein zweites Mal auf den Thron gesetzt. In den zwei Folgejahren verschoben sich die Machtverhältnisse innerhalb des polnischen Adels, und Stanislaus I. Leszczynski konnte sein Leben nur durch die Flucht nach Frankreich retten. 1738, im fünften Jahr dieses Thronfolgekrieges, und angesichts der weiterhin auf polnischem Gebiet stationierten russischen Truppen, übernahm der Sohn August des Starken den polnischen Königsthron. Obwohl sich August III. nur selten in seinem neuen Regentschaftsgebiet aufhielt, beruhigte sich die Lage in Polen. Es blieb auch ruhig, weil das russische Militär nach der Inthronisierung August III. nicht nach Russland zurückkehrte, sondern auf polnischem Gebiet stationiert wurde.
In der Hoffnung auf ein besseres Leben ergoss sich eine regelrechte Flut deutschsprachiger Kolonisten und Siedler über die durch Krieg und Pest entvölkerten Brachen des polnisch-litauischen und preußischen Königreiches. Die meisten Einwanderer waren katholische Schwaben. Es kamen aber auch Lutheraner und Juden. Der Fleiß der Neuankömmlinge zahlte sich aus. Bereits nach wenigen Ernten ging es ihnen besser, als sie es je erhofft hatten. Einige der Spätgeborenen aus der östlich von Piotrków Trybunalski liegenden protestantischen Siedlung Wierzeje zog es gen Norden. In den endlosen Weiten dieses Landstriches zwischen der Ostsee und den Masuren gab es genug leer stehende Höfe, die man kostenlos an Neusiedler vergab. Dazu kam, dass Protestanten im Königreich Preußen willkommen geheißen und freudig in die Gemeinden aufgenommen wurden. Doch 1756, mit Beginn des Siebenjährigen Krieges, mussten nicht nur die Männer zum Militär, auch die Pferde wurden konfisziert und fehlten nun vor Pflug und Wagen. Doch wozu sollten sich die Frauen auch plagen, alles, was auf den Feldern wuchs, wurde requiriert. Zuerst von den Preußen und danach von den Russen. Und weil diesen die Eroberung des reichen Königsbergs missglückt war, plünderten sie auf dem Land jedes Haus und jede Speisekammer. Auch die Höfe der ehemaligen Wierzejer. Damit nicht genug. Auf ihrem Rückzug zerstörten sie die Siedlungen und töteten jeden, der keine russische Uniform trug. Auch Frauen und Kinder. In Wierzeje erfuhr man erst lange nach Kriegsende, wie übel es den ins Preußische Ausgewanderten ergangen war. Hier hatte man Glück. Der Krieg machte nicht nur um das Dorf, sondern um die ganze Region einen Bogen. Trotzdem hatten die Wiezejer, wie beim Ausbruch von Unruhen und Kriegen üblich, das meiste an beweglicher Habe im Moor in Sicherheit gebracht. Und das war nicht wenig, nach zwanzig Jahren Frieden.
Als Nachfolger des sächsischen Königs August III. bestieg 1763 der Pole Stanislaus II. August Poniatowski den polnischen Königsthron. Davor war er polnischer Gesandter in St. Petersburg und Liebhaber der späteren Zarin Katharina II., und die glaubte, mit diesem Mann als König Polen in der Hand zu haben. Außerdem beschnitt sie die Machtgelüste des katholischen Klerus, indem sie den Katholizismus als alleinige Staatsreligion verhinderte. Damit vereitelte sie, dass der Klerus die vom König und einem großen Teil des Hochadels angestrebten Reformen zur Verbesserung der Lebensbedingungen und der Bildung des einfachen Volkes blockierte. Die katholischen Kirchenherren wussten nur allzu gut, dass ein gebildetes und aufgeklärtes Volk den blinden Gehorsam verweigert und sein Elend nicht mehr als gottgegeben hinnehmen würde. Um die wirtschaftliche Lage des durch Krieg und Seuchen entvölkerten Landes zu verbessern, förderte auch König Stanislaus II. August Poniatowski die Zuwanderung ausländischer Handwerker und Bauern mit kostenlosem Land und mehrjähriger Steuerbefreiung. Die Einführung der Schulpflicht für alle Kinder kostete jedoch mehr als gedacht, und die Staatskasse war leer. Dem seit Jahren Not leidenden Volk konnten nicht noch mehr Steuern aufgebürdet werden. Deshalb erwog der König, die »Goldene Freiheit« des Adels aufzuheben und auch dessen Besitz zu versteuern. Ein fatales Ansinnen. Die daraufhin ausbrechenden Proteste gefährdeten das gesamte Reformbestreben. Um letztlich doch noch etwas Geld in die Kasse zu bekommen, veräußerte der König staatlichen Landbesitz. Auf der Verkaufsliste standen auch die Reste der von Flemming gegründeten Domäne.
Johanns Testament
Obwohl der letzte Krieg den Wierzejern kaum Verluste beschert hatte, klagten sie lauthals über die vom Makler geforderten Preise. Kaum einer kaufte etwas und wenn, dann nur ein paar kleine Flecken, um Feldraine zu begradigen oder neue Nachbarn ein wenig auf Abstand zu halten. Im Stillen hofften sie auf sinkende Preise, bauten darauf, dass sich niemand für dieses unfruchtbare Land interessiert. Nur der inzwischen 64 Jahre alte Schlüter Johann kaufte, ohne lange zu feilschen, ein größeres Stück halbwegs tauglichen Ackerlandes und sämtliche Riedwiesen zwischen seinen Feldern und dem großen Moor. Noch zu Lebzeiten seiner Mutter Uta hatten sie am Rand des Moores einen Torfstich aufgetan. Nun fürchtete Johann, dass ihm ein neuer Eigentümer den Weg über die Riedwiesen verwehren könnte. Die Fuhrwerke müssten dann den viel weiteren und stark ausgefahrenen Sandweg benutzen. Dieser Umweg würde schnell teurer werden als die Summe, die der Makler für die Riedwiesen verlangt. Außerdem war Johann davon überzeugt, dass der Wasserstand durch den Torfabbau spürbar sinkt und die Flächen soweit austrocknen, um darauf Weizen, Rüben, Hanf und Kohl anbauen zu können. Der alte Schlüter kaufte überdies das verlandete Uferstück samt Schilfgürtel, das sich von der Dorfmitte bis zum nördlichen Ende des Sees erstreckte. Ein wegloses, von Schwarzerlen umsäumtes, völlig versumpftes Gebiet, das höchstens zum Entenschießen zu gebrauchen war. Im Dorf wurde gemunkelt, um endlich dieses Stück »Unland« los zu sein, hätte der Makler das Seeufer mit einem dicken Strich überzeichnet und so den Schlüterschen Riedwiesen zugefügt. Und der gewiefte Alte sollte für das ganze Uferstück nur einen geräucherten Schinken, ein kleines Fass Pökelfleisch und mehrere Gläser Honig bezahlt haben.
Nur wenige Tage später fuhr der alte Schlüter Johann nach Piotrków Trybunalski, um seine Landkäufe in den Grundbüchern eintragen zu lassen. Danach begab er sich zu einem Notar und beauftragte ihn, in einem unanfechtbaren Testament seinen Enkel Georg als alleinigen Hoferben zu benennen. Der alte Bauer wusste, dass sich seine Töchter und Charlotte, die Witwe seines Sohnes Friedrich, bei seinem Tod aufs Übelste ums Erbe streiten würden. Und da Georg der einzige männliche Nachkomme war, hätten seine Töchter wahrscheinlich das Nachsehen. Charlotte, die Mutter seines im Frühjahr in Piotrków Trybunalski konfirmierten Enkels, führte in Warszawa ein kostspieliges und beschämend unsittliches Leben. Ohne verbindliches Testament könnte diese Person einen willigen Richter finden, der ihr die Vormundschaft über den Jungen zuspräche. Dann wären Hof und Vermögen in Kürze durchgebracht. Friedrich hatte diese Frau 1750 ohne das väterliche Einverständnis geehelicht und war mit ihr nach Warszawa gezogen. Charlotte gebar noch im selben Jahr einen Knaben, den man auf den Namen Georg taufte. Nur dieses Kindes wegen hatte Johann so manchen Schuldschein des jungen Paares beglichen. Als Friedrich 1758 bei einem Duell erschossen wurden war, entledigte sich seine Witwe des achtjährigen Kindes, indem sie es auf immer zu ihren Schwiegereltern schickte. Für den Jungen war der Umzug aufs Land eine wahre Befreiung. In Warszawa durfte er die Wohnung nur in Begleitung seiner Mutter verlassen, und das geschah höchst selten. Die Mutter glaubte, der schmächtige Knabe verschandele beim Promenieren ihre Eleganz.
Für Johann und seine Frau Sofie war die Ankunft des kleinen Georg ein Zeichen des Himmels. Das kränkelnde und verängstigte Kind gesundete unter der liebenden Fürsorge seiner Großeltern in kürzester Zeit und wich seinem Großvater kaum noch von der Seite. Von nun an hatte die Mehrung des Besitzes für Johann wieder einen Sinn. Er fühlte aber, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb, um dem Jungen das notwendige Wissen zum Führen eines so großen Anwesens zu vermitteln. Mit dem beim Notar hinterlegten Testament sicherte Johann außerdem die Versorgung seiner Frau während der Witwenschaft. So musste er nicht befürchten, dass der Hof verschleudert würde und Sofie ihre letzten Jahre in einer Mägdekammer oder einem Stallverschlag hausen müsste. Viel zu oft hatte der Alte die Gier der Schwiegertochter zu spüren bekommen. Ebenso wenig hatte er vergessen, wie ihn seine Töchter bedrängten, ihren Bruder Friedrich wegen seines Ungehorsams zu verstoßen und zu enterben. Dabei war jede Mitgift, die er zu den Hochzeiten gezahlt hatte, viel höher als Friedrichs Schulden. Vielleicht hätte er die Gier seiner Töchter noch verstanden, wenn es ihnen schlecht ginge. Doch dem war nicht so, beide lebten in schönen Häusern und in Wohlstand. Und keine der beiden käme auf den Hof zurück, um hier den Teig für das tägliche Brot mit eigenen Händen zu kneten. Dem alten Johann waren seine Töchter längst fremd geworden, und er ärgerte sich kaum noch, dass es Jahre her war, seit er sie das letzte Mal gesehen hatte. Deshalb folgte er dem Vorschlag des Notars, seinen Töchtern und der Witwe seines Sohnes sofort Kopien des Testaments zukommen zu lassen. Dann könnte nach seinem Tod niemand behaupten, vom Ausbleiben des Erbes überrascht worden zu sein.
Die Sachsen und die polnische Sprache
Als 1764 zwei kleine verlassene Anwesen und das bis dahin königliche Domänenland zum Verkauf standen, gab es mehrere Bewerber. Die beiden Häuslerkaten, die am Dorfrand unweit der Straße nach Piotrków Trybunalski standen und zu denen kaum Land gehörte, kauften eine russisch-orthodoxe und eine jüdische Familie. Die bis kurz vor die Siedlung Kolo reichenden Wälder und die zwischen der Dorfmitte und der Sulejówskaer Straße liegenden Brachen kauften Polen. Und die begannen noch im selben Monat mit dem Bau von Häusern.
Die meisten protestantischen Wierzejer sahen in den andersgläubigen Zuzüglern gefährliche Eindringlinge, vor denen sie sich und ihre Familien schützen müssten. Dabei schmerzte besonders die Erkenntnis, dass dies alles nur durch ihren eigenen Geiz und ihre Kurzsichtigkeit geschehen konnte. Doch nun steckte dieser fremde Dorn in ihrem Fleisch und würde schwären. Am meisten sorgten sie sich um ihre Kinder, fürchteten, die nun ins Dorf kommenden Jesuiten könnten sie mit Schmeichelei umgarnen und von Luthers reiner Lehre weglocken. Und die Jesuiten verstanden ihr Geschäft, sonst wäre es ihnen seinerzeit nicht gelungen, das bereits zu großen Teilen protestantisch gewordene Polen zum Katholizismus zurückzuholen.
Zum Glück sprach keiner der zugezogenen Katholiken Deutsch. Die besorgten protestantischen Eltern drangen deshalb auf den ausschließlichen Gebrauch der deutschen Sprache. Unter Androhung schwerer Strafe untersagten sie ihren Kindern, sich den Kindern der Zugezogenen zu nähern. Ein völlig sinnloses Unterfangen, denn im Zuge der Reformen wurde Polnisch alleinige Amtssprache und ebenso Unterrichtssprache. Selbst in den Pausen durfte nicht mehr Deutsch gesprochen werden.
Daraufhin befürchteten die älteren Lutheraner, dass die Jugend das Deutsche verlernen und somit die von Luther übersetzte Heilige Schrift nicht mehr lesen könnte. Zudem war Deutsch die Sprache ihrer Vorfahren. Ohne diese Sprache wäre es kaum möglich, in die sächsische Heimat zurückzukehren. Bisher wollte zwar noch niemand zurück, doch die Zeiten könnten sich ändern, schließlich rasselte irgendwer immer mit dem Säbel. Dabei hofften alle, dass der Frieden hält, zumal jetzt ein Pole auf dem Thron sitzt. Dieser neue König soll sogar ein Gesetz erlassen haben, das Einwanderern Glaubensfreiheit zusichert. Doch hier, weitab Warszawas, herrschte der katholische Klerus, und der rechnete das Schikanieren von Protestanten immer noch zu den gottgefälligen Taten.
Es war zwar nicht verboten, seine Kinder zusätzlich zu unterrichten, man sollte es aber nicht an die große Glocke hängen. Denn wer sich Privatlehrer leistet, hat Geld und kann folglich höher besteuert werden. Hatte ein katholischer Amtmann erst einmal eine derartige Schlussfolgerung gezogen, kostete es einen Protestanten eine Menge, ihn wieder davon abzubringen. Nur selten wurde das Ganze billiger als die höher angesetzte Steuer.
Von Anfang an litt die kleine sächsische Gemeinde schwer an der polnischen Sprache. In den ersten Jahren nach der Einwanderung hatten nur wenige Lutheraner Polnisch schreiben und lesen gelernt. Wozu auch. Im Dorf sprach man Deutsch, die wohlhabende jüdische Kundschaft auf dem städtischen Markt sprach ebenfalls Deutsch, und die polnischen Tagelöhner begriffen schnell, was sie wie tun sollten, um nicht vom Hof gejagt zu werden.
Nur Uta und der Steinmetz sowie deren Familien bemühten sich, die fremde Sprache richtig zu sprechen. Bei Uta geschah es anfangs aus dem Glauben heraus. Wie sollte sie den Einheimischen Luthers Lehre verkünden, wenn sie nicht deren Sprache sprach? Außerdem ließ sich besser Handel treiben. Den Steinmetz dagegen ärgerte, dass die polnischen Tagelöhner seine Anweisungen oft falsch verstanden. Dadurch kam es zu Verzögerungen und auch zu Gefahren. Beim Hantieren mit den schweren Balken hatte sich ein Tagelöhner böse verletzt, nur weil er den warnenden Zuruf nicht verstanden hatte. Für den Steinmetz ein solcher Gräuel, dass er sich mit Uta zusammentat, um in Petrikau nach einem polnischen Lehrer zu suchen. Im Gemeindehaus wäre ausreichend Platz, und teilten sich sieben Familien die Kosten, wäre die Belastung durchaus erträglich. Der Schmied wollte es sich noch überlegen, doch die anderen Bauern lehnten den Vorschlag rundweg ab. Der König spräche auch kein Polnisch, und die Polen hatten ihn trotzdem auf den Thron gesetzt. Warum also sollte man sich mühen und sogar Geld ausgeben? Und falls irgendwann ein Brief geschrieben werden müsse, könne das ein Schreiberling erledigen. Man sei schließlich Bauer und kein Gelehrter und wolle auch nie einer werden.
Als Uta ihre beiden Töchter damals sogar auf eine städtische Schule schickte, lachte man im Dorf über den Größenwahn der Schlüterin. Doch statt in sich zu gehen und zu schweigen, warf diese den Spöttern vor, aus purem Geiz selbst zu fehlen und Luthers Aufforderung zum Sprachenlernen zu missachten. Denn das Wenige, das man den Kindern in der Schule beibringt, genüge vielleicht, um später die Heilige Schrift und Luthers Predigten lesen zu können. Um jedoch die Botschaft des Herrn mit eigenem Verstand zu erfassen und nach seinem Willen zu verbreiten, dazu reiche es nicht!. Oder wollten sie warten, bis ihre polnischen Nachbarn die deutsche Sprache lernten? Trotz Utas aufrüttelnder Rede befleißigte sich kaum einer der Bauern, mehr als die allernotwendigsten Ausdrücke dieser fremden Zischsprache zu lernen. Im Stillen gaben sie Uta zwar Recht, doch ihre Dickköpfigkeit hinderte sie, die einmal kundgetane Meinung zu widerrufen. Dieses Weib hatte bereits viel zu oft ihren Willen durchgesetzt und diesmal sollten doch nur alle mitmachen, damit sie und der Steinmetz den Lehrer nicht allein bezahlen müssen.
Mit der Zeit kam den Bauern ihre Sturheit teuer zu stehen. In der Summe kosteten die Dienste der Petrikauer Schreiberlinge mehr als der Lehrer in allen vier Wintern. Nicht mitgerechnet die Zeit, die sie wartend in den Schreibstuben verbrachten, anstatt auf ihren Feldern und Höfen zu arbeiten. Neben diesen offensichtlichen Verlusten piesackte die Bauern noch eine andere Sache. Sie ärgerte das weithin zu hörende fröhliche Singen und Lachen, wenn polnische Landarbeiterinnen mit Uta oder der Steinmetzfrau auf den Feldern arbeiteten. Auf den anderen Feldern wurde schweigend geschafft, dort lauschte der Bauer misstrauisch, was da hinterrücks auf Polnisch geflüstert wurde. Doch am allermeisten erboste die Bauern, dass ihre eigenen Kinder trotz Verbot mit den Polenkindern spielten, sich inzwischen mit ihnen bestens verstanden und hinter den Rücken ihrer Väter über deren Unwissenheit und Sturheit lachten. Manches der Kinder hätte gern am abendlichen Unterricht teilgenommen. Und so manche Mutter flehte ihren Ehemann an, es den Kindern zu erlauben. Vergebens, alle fünf Familienoberhäupter blieben stur. Vier Winter lang blieben der Steinmetzsohn Franz, des Schmiedes drei Töchter sowie Utas Töchter Martha und Emma die einzigen Kinder, die im Lesen und Schreiben der polnischen Sprache unterrichtet wurden.
Als August II. im Verlauf des Schwedenkrieges den polnischen Thron aufgeben musste und der Pole Stanislaus I. Leszczynski, Günstling Karls XII., 1705 die Krone aufgesetzt bekam, war es äußerst nützlich, sich mit einem polnischen Amtmann in dessen Sprache verständigen zu können, denn ein vom Amtmann hinzugezogener Übersetzer kostete nicht wenig. Vier Jahre später kehrte August II. auf den polnischen Thron zurück. Nun waren die sächsischen Bauern wieder obenauf und vergaßen schnell, dass mit einem Herrscherwechsel meist auch die Amtssprache wechselt. Sie schickten ihre Kinder lieber wieder aufs Feld arbeiten, statt in die Schule. Wozu auch? Söhne lernen die Landwirtschaft vom Vater und die Töchter alles Nötige von der Mutter. Und Polnisch lernen, um sich mit diesen Jesuitenzöglingen besser verständigen zu können, hielten sie, nach der Rückkehr ihres Königs, für ganz und gar überflüssig. Deshalb spottete man nicht wenig, als Uta ihre beiden Töchter sogar noch in ein Internat gab, in dem sie nicht nur Französisch, Gesang und das Klavierspiel lernten, sondern auch das Getue reicher Töchter annahmen. Erst Jahre später, als der Steinmetzsohn Franz Neumann in Piotrków Trybunalski zum geachteten Bauhüttenmeister aufstieg und der wohlhabende Kaufmannssohn Karl Mannich die zweitgeborene Emma Schlüter heiratete, verstummte der Spott. Aber nur, um in gehörigen Neid umzuschlagen. Trotzdem fanden die inzwischen in die Jahre gekommenen Bauern immer neue Argumente, verweigerten sich weiterhin dem Erlernen der polnischen Sprache. Vermutlich fürchteten sie, dass dann ihr eigenes schlechtes Deutsch zutage käme, denn seit ihrer Schulzeit hatten sie, abgesehen von der Weihnachtsgeschichte, die sie zudem meist aus dem Gedächtnis vortrugen, kaum etwas gelesen und erst recht keine Zeile geschrieben.
Jahre später, mitten in der Kartoffelernte, klopfte ausgerechnet ein Meißner an Utas Tür und bat um Hilfe. Die Angelegenheit sei dringend und er könne doch nicht alles stehen und liegen lassen, um den städtischen Schreiber aufzusuchen. Die Schlüterin half, obwohl sie wahrlich genug anderes zu tun hatte. In den nächsten Wochen baten auch die anderen Bauern Uta oder des Steinmetzen Frau Isolde um Hilfe. Das war bequem, und außerdem sparten sie gehörig Geld. Isoldes Ehemann Wolfgang gefiel das überhaupt nicht. Das Augenlicht seiner Frau war nicht mehr das Beste, er fürchtete, dass die Anstrengung ihr schadet. Doch auch Uta war nicht gewillt, auf Dauer der Bauern Sparstrumpf zu sein und verlangte einen entsprechenden Obolus für die oft stundenlange Mühe. Der polnische Lehrer habe schließlich auch Geld gekostet. Die Empörung über Utas Verlangen war groß. Doch letztlich zahlten sie, denn die städtischen Schreiber waren nicht nur bedeutend teurer, sie ließen die Lutheraner oft stundenlang warten. In ärgste Bedrängnis kamen die alten Wierzejer Bauern in den Querelen nach August II. Tod, als erneut Stanislaus I. Leszczynski den polnischen Königsthron bestieg. Zum Glück für die Lutheraner war ein Großteil des polnischen Adels gegen diesen König. 1736, nach nur zwei Jahren, jagte man Leszczynski endgültig davon und mit August III. gelangte der nächste Wettiner auf den polnischen Thron. Anstatt seine Untertanen zu regieren, kümmerte sich der König lieber um seine Kunstsammlungen. Und noch weniger kümmerte ihn, welche Sprache in den Amtsstuben seines Königreiches gesprochen wurde.
Inzwischen ruhten Uta, Isolde und auch beider Ehemänner auf dem Gottesacker. War ein Vertrag zu Papier zu bringen, mussten die Bauern zu einem jüdischen Schreiber nach Piotrków Trybunalski fahren. Obwohl dieser viel teurer war als die polnischen Schreiber, zahlten die Lutheraner dessen Wucherpreis. Viel zu groß und auch allzu berechtigt war ihr Misstrauen, dass die Polen ihr Wissen den Ämtern meldeten, allein schon, um den Protestanten zu schaden. Der Jude dagegen mied die allmächtigen Behörden. Er kannte deren Geldgier nur zu gut und fürchtete, dass sie daraufhin auch ihn bis auf den letzten Thaler auspressen würden. Obwohl es ihnen zutiefst widerstrebte, nach Utas Tod blieb den Bauern nichts anderes übrig, als die polnische Sprache lesen und schreiben zu lernen. So kam es, dass in den meisten Familien abends gesessen und geübt wurde. Für manchen der längst ergrauten Väter eine harte Geduldsprobe, waren ihm doch seine Kinder und Enkelkinder, nicht nur im Sprachlichen, weit voraus. Oft willkommener Anlass, die Führung des Hofes in jüngere Hände zu legen und sich aufs Altenteil zurückzuziehen. Nun hatte man nicht nur die Zeit, sondern auch den Ehrgeiz, sich mit dem polnischen Nachbarn zu unterhalten. Trotzdem dauerte es noch einige Jahre, bevor die alten Lutheraner und Katholiken das auf beiden Seiten tief verwurzelte Misstrauen überwanden. Die Jüngeren hatten längst begonnen, sich gegenseitig zu helfen. Schließlich waren sie allesamt Bauern und von den Erträgen ihrer Äcker abhängig.
Der 1756 von Preußen entfachte Krieg zur Eroberung Sachsens und Schlesiens berührte, bis auf den nördlichen Landstrich, kaum polnisches Gebiet. Wäre nicht das umherziehende Gesindel, das jeder Krieg mit sich bringt, hätten die Wierzejer davon überhaupt nichts gemerkt. Erst 1763, beim Tod Augusts III., er verschied während einer Opernaufführung, schreckten die Dörfler auf. Neuer König wurde Stanislaw II. Poniatowski, ein Pole.
Die von ihm angeordnete Schulpflicht scheiterte vielerorts bereits im ersten Jahr. Abgesehen davon, dass es zu wenig Lehrer gab und besonders auf den Dörfern Stellen unbesetzt blieben, waren viele der ärmeren Höfe auf die Mitarbeit ihrer Kinder angewiesen. Mit dem Beginn der Frühjahrsbestellung lichteten sich die Reihen der Schüler um die gute Hälfte. Von den restlichen Kindern, die noch zur Schule kamen, waren viele so erschöpft, dass sie im Unterricht einschliefen. Wurden sie vom Lehrer erwischt, gab es Stockschläge, die Jungen aufs Hinterteil, die Mädchen auf die ausgestreckten Hände. Die Härte der Schläge richtete sich gewöhnlich danach, welcher Religion das Kind zugehörte. Bei protestantischen und jüdischen Kindern schlugen die polnischen Lehrer viel kräftiger zu.
Das Ende des sächsisch-polnischen Königtums und die damit einhergehende Änderung der Amtssprache verdeutlichte erneut aufs Schmerzlichste die Wichtigkeit von Sprachen und Bildung. Familien, die es sich leisten konnten, schickten ihre Kinder nach der Dorfschulzeit für weitere drei bis vier Jahre auf städtische Schulen. Die an den Stadtschulen geknüpften Kontakte dienten später auch der Vermittlung von Ehen. Und konnte eine der Töchter nicht verheiratet werden, fand sie wenigstens eine gut bezahlte Anstellung. Die Geschwister eines Hoferben blieben nach ihrer Volljährigkeit nur selten auf dem elterlichen Anwesen, denn hier wäre die Höhe ihres Lohnes vom Wohlwollen des Hoferben abhängig. Dabei war es beinah die Regel, dass Familienmitgliedern überhaupt kein Lohn gezahlt wurde, ihre Arbeit mit Kost und Logis als abgegolten galt. Einige der jungen Leute zogen so weit weg, dass Jahre vergingen, ehe ein erstes Lebenszeichen eintraf.
Auf dem Schlüterhof kam es 1766, nach Johanns Tod, zu einem heftigen Streit unter den Erben, doch das vom Notar aufgesetzte Testament war unanfechtbar. Jetzt zahlte sich aus, dass Sofie, Johanns Witwe, auf einem preußischen Mustergut aufgewachsen war und die Landwirtschaft sprichwörtlich mit der Muttermilch aufgesogen hatte. Bereits 66 Jahre alt, lehrte sie Georg fortan alles, was er als guter Bauer wissen musste. Als Georg 1772 heiratete, konnte sich Sofie endlich zur Ruhe setzen. Georgs Frau Frieda stammte aus dem Dorf Poniatów, war die älteste von drei Töchtern und Hofarbeit gewohnt. Noch im gleichen Jahr gebar die junge Hofbäuerin ihr erstes Kind. Ein Mädchen, das auf den Namen Gertraud getauft wurde. Die nächsten drei Kinder, alles Mädchen, starben bereits im frühen Kindesalter. In dieser schweren Zeit wurde auch Sofie zu Grabe getragen. Erst mit der 1778 geborenen Luise kehrte das Glück auf den Hof zurück. Das Kind wuchs und gedieh. Drei Jahre später war Frieda erneut guter Hoffnung. Der lang ersehnte Hoferbe kam jedoch viel zu früh auf die Welt. Das Kind starb noch vor dem Eintreffen des Pfarrers. Nur wenige Tage später starb auch Frieda.
Polen und die Politik der Großmächte
Im Februar 1768 erzwang Russland vom tagenden Sejm die Zustimmung zu einem »Ewigen Vertrag«, mit dem die sich abzeichnende Stärkung des polnischen Staatswesens verhindert werden sollte. Doch der Widerstand gegen das russische Diktat war damit nicht gebrochen. Unter Führung des Bischofs der ukrainischen Stadt Kamieniec Podolski forderten die Adeligen ein Ende der russischen Bevormundung, sowie die generelle innere und äußere Unabhängigkeit Polens. Bei einer Zusammenkunft auf der Festung Bar forderten sie außerdem den Widerruf der im Ewigen Vertrag zugesicherten Glaubensfreiheit für Dissidenten. Und sie stellten sich gegen die dringend notwendigen wirtschaftlichen Reformen. Der Widerstand gipfelte in der Konföderation von Bar, die zum bewaffneten Aufstand gegen die Russen, ihren eigenen König und den zarentreuen polnischen Adel aufrief. Als König aller Polen versuchte Stanislaw II. Poniatowski, zwischen den Aufständischen und der Zarin Katharina II. zu vermitteln. Währenddessen lieferten sich marodierende Truppen der Konföderation und russische Truppen so heftige Kämpfe, dass der König dem polnischen Heer befahl, die Festung Bar zu erstürmen, was auch gelang. Trotz dieser Niederlage weitete sich der Aufstand auf die gesamte westliche Adelsrepublik und Litauen aus. Zur gleichen Zeit erhoben sich die ukrainischen Bauern und Kosaken gegen die polnische Fremdherrschaft. Obwohl dieser Hajdamakenaufstand ganz andere Ziele verfolgte, verschaffte er den Konföderierten zunehmendes internationales Interesse. So erstarkt, bat deren Rat die westeuropäischen Herrscherhäuser um Unterstützung bei ihrem Kampf gegen die russische Vorherrschaft. Es kam zu einer antirussischen Koalition unter der Führung eines französischen Generals. Dieser General verhinderte den Beitritt des polnischen Königs zum Lager der Konföderierten, indem er den König des Verrates bezichtigte. Dermaßen brüskiert, wandte sich Stanislaus II. Poniatowski wieder der Zarin zu. Nach zwei Jahren Kampf hielten die Konföderierten nur noch zwei kleine Gebiete. Eines um die alte Hauptstadt Wilna herum, das andere, ein länglicher Streifen zwischen Kaliz und Kraków, mit dem Fluss Pilica als östliche Begrenzung. Eine äußerst angespannte Situation für die in den Gebieten der Konföderierten lebenden Evangelischen, hatten doch hier die katholischen Würdenträger das absolute Sagen. Besonders schlimm erging es den protestantischen Bauern im mittelpolnischen Landstrich zwischen Kaliz und Radomsko. Hier wurde nicht nur enteignet und vertrieben, sondern auch getötet.
Die sächsischen Protestanten in Wierzeje wurden verschont, weil sie seit 1763 als Polen galten. Außerdem waren sich die umliegenden kleinen Grundherren nicht sicher, inwieweit deren Höfe noch unter dem Schutz hochadeliger Magnaten standen. Die Angst, wegen Landraubes oder gar Mordes vor Gericht gestellt zu werden, war folglich größer als alle Gier. Die Sachsen galten aber nicht nur formal als Polen, sie beherrschten inzwischen die polnische Sprache so gut, dass sie von durchziehenden Aufständischen oder plünderndem Gesindel nicht mehr als Deutsche erkannt wurden. Und auch in dieser schwierigen Zeit diente das Moor den Dorfbewohnern zur sicheren Verwahrung von allerlei Besitz, sodass sich die Verluste in Grenzen hielten.
Das Ende Polens
Im Spätsommer des Jahres 1772 schlugen russische Truppen den Aufstand endgültig nieder. Die drei Großmächte Preußen, Österreich-Ungarn und Russland beglichen ihre Kriegskosten mit der Inbesitznahme polnischen Gebietes. Die Zarin nahm sich ein Stück Litauen, die österreichische Kaiserin Teile Galiziens sowie ein kleineres Stück Schlesiens und der preußische König den Landstrich zwischen Pommern und dem Königreich Preußen. Damit verfügte er endlich über die seit langem angestrebte Landverbindung zum östlichen Teil seines Königreiches. Für die polnische Adelsrepublik bedeutete dies jedoch den Verlust des direkten Zugangs zur Ostsee. Dieser Raub polnischen Territoriums brachte den zerstrittenen Adel zur Besinnung. Die Reform des Staatswesens und der Wirtschaft wurde erneut in Angriff genommen. Um die Bildungsmisere zu beenden, gründete man sogar eine Erziehungskommission. Doch erst 1788, mit der Aufhebung des Liberum Veto, wurde das größte Hemmnis bei der Modernisierung des Staates abgeschafft. Von nun an galt im Sejm das Mehrheitsprinzip. Im Mai 1791 nahm man eine neue Verfassung an, in der auch die Besteuerung des Adels und die Errichtung eines stehenden Heeres festgeschrieben wurden.
Die sich abzeichnende innere Einheit Polens beunruhigte die benachbarten Großmächte. Der Zarin gelang es, einige der reichsten Magnaten zu einer Gegenreform aufzustacheln. In der Konföderation von Targowica baten diese die Zarin um militärischen Schutz und schufen somit die politische Voraussetzung einer russischen Intervention. Auf dem im Sommer 1792 in Grodno tagenden Sejm erzwang die Zarin mittels militärischer Präsenz die Rücknahme der Verfassung, eine Reduzierung des Heeres und eine weitere Aufteilung Polens. Preußen bekam den westlichen Teil mit Posen bis hin zum Fluss Pilica und Russland die Ukraine und ein Stück Litauen. Piotrków Trybunalski, samt den umliegenden Dörfern, wurde preußisch. Piotrków Trybunalski hieß fortan Petrikau. Und weil noch keine neuen Landkarten zur Verfügung standen, benutzten die neuen Verwalter die alten, teils stark verblichenen polnischen Karten. Darauf zogen sie die Namen kleinerer Ortschaften, so lange sie nicht wegen Unaussprechlichkeit eingedeutscht werden mussten, nur dick nach. Wierzeje blieb Wierzeje.
Wie vordem Friedrich II. während des Siebenjährigen Krieges scherte sich auch Friedrich Wilhelm II. nicht um die Glaubenszugehörigkeit seiner neuen Untertanen. Ihn interessierte lediglich deren Militärtauglichkeit und die pünktliche Entrichtung von Steuern und Abgaben. Zu diesem Zweck wurde in jedem Landkreis der neuen Provinz Südpreußen eine Kriegs- und Domänenkammer eingerichtet. Im Mai 1793 nahm die Petrikauer Landkreisverwaltung ihre Arbeit auf, die Stadt wurde zudem Sitz des Provinzialgerichtshofes. Es entstand ein gewaltiger Beamtenapparat, der das Leben der neuen Untertanen mit preußischer Bürokratie zu regeln versuchte. Dabei beherrschte kaum einer der neuen Staatsdiener die polnische Sprache. Das war ein großer Vorteil für die sächsischen Einwanderer bei der Festlegung der Steuer. So konnten sie den in den Behörden sitzenden Preußen die Größe ihres Besitzes verständlich und glaubwürdig beschreiben – und dabei klein reden. Das war möglich, weil in der ehemaligen polnischen Adelsrepublik Landbesitz noch nie markscheiderisch vermessen wurde. Besitzgrenzen verliefen über markante Punkte, Wasserläufe oder zu diesem Zweck errichtete Grenzsteine. Ein Kontributationskataster zur Schätzung des Ertrages der einzelnen Grundstücke, wie es in Westpreußen seit 1772 bestand, musste für die neue Provinz Südpreußen erst erstellt werden. Auch die 1763 bei der Auflösung der Domäne gekauften Flächen waren nur grob geschätzt und nicht exakt vermessen worden. So standen in den Grundbüchern Maße, die nur selten mit der Wirklichkeit übereinstimmten. Die preußischen Beamten ließen sich die Richtigkeit der Angaben, dazu zählte auch der Viehbestand, von den Landbesitzern beeiden. Ein Eid war etwas Heiliges. Trotzdem gab es keinen einzigen Bauern, der wegen falscher Flächenmaße und des nur halb gezählten Viehbestandes Bedenken oder gar Gewissensbisse hatte. Schließlich hieß es im Eid: »nach bestem Wissen und Gewissen«. Und was konnte man dafür, wenn das Vieh nicht still am Fleck stehen blieb und wartete, bis es gezählt war.
Die bereits von König Stanislaw II. Poniatowski polonisierten Lutheraner merkten recht schnell, dass sich die preußischen Beamten in der Petrikauer Kriegs- und Domänenkammer nicht gerade durch Fleiß auszeichneten. Es musste kaum eine Überprüfung ihrer Angaben vor Ort befürchtet werden. Kein Wunder, hatte man doch hauptsächlich diejenigen hierher versetzt, die schon im Brandenburgischen oder Preußischen wenig oder nichts leisteten, aber noch nicht pensioniert werden konnten. Das einzige Interesse dieser Staatsdiener galt der Aufbesserung ihres Beamtensalärs mittels Schmiergeldern. Nur einer der Staatsdiener war dazu nicht fähig oder nicht willens: Der Forstrat Freiherr von Eberstein musste nicht bestochen werden. Dieser Mann glaubte unbesehen alles, was ihm die Bauern angaben, sie mussten nur recht unterwürfig daherkommen. Die Korruption nahm schon nach kurzer Zeit solche Ausmaße an, dass der preußische Justitiar Joseph von Zerboni beim Oberpräsidenten von Schlesien und Südpreußen, dem Grafen von Hoym, Anzeige erstattete. Doch damit erreichte er nur, dass man ihn wegen Verleumdung verhaftete und im Spandauer Gefängnis festsetzte. Selbst die polnischen Bauern fügten sich widerstandslos der preußischen Herrschaft, da sich die Lebensbedingungen der Landbevölkerung beträchtlich verbesserten. Auch wenn die Leibeigenschaft nicht abgeschafft wurde, ein vom preußischen König zugesicherter und gewährter Rechtsschutz verbot den Grundherren die Misshandlung von Leibeigenen. Ebenfalls verboten wurde das bisher übliche Bauernlegen, bei dem ein Grundherr willkürlich Bauernland als Gutsland einzog, um dadurch seinen Besitz zu vergrößern. Dieses Verbot sicherte erstmals den Landbesitz der Bauernschaft.
Gleichzeitig wuchs im russisch kontrollierten Polen der Unmut gegen die Besatzer. Unter der Führung von General Tadeusz Kósciuszko kam es im März 1794 in Krakau zum Aufstand. Mit Sensen bewaffnete Bauern und Reste der polnischen Armee besiegten eine russische Abteilung. Eigentlich nur ein kleiner Sieg, doch mit enormer Wirkung. Obwohl die Einnahme Warschaus scheiterte, proklamierte sich Kósciuszko zum Übergangsregierenden und erklärte den König für abgelöst. Nun erfasste der Aufstand das gesamte russisch besetzte Polen. Allein in Warszawa wurden über viertausend russische Soldaten von Aufständischen getötet. Preußen schickte daraufhin der Zarin seine Soldaten zu Hilfe. Zweimal marschierten die Blauröcke in nur geringer Entfernung an Wierzeje vorbei, nahm das Dorf keinen Schaden. Dagegen requirierten die nach Warszawa ziehenden Bataillone in Radomsko, Tomaszow Mazowiecki und Rawa ohne jedes Erbarmen, denn dort hatten sich große Teile der Bevölkerung den Aufständischen angeschlossen. Auch die Wierzejer Lutheraner unterstützten die Aufständischen. Notgedrungen, andernfalls hätten diese ihre Häuser, Ställe und Scheunen angezündet.
Im Spätherbst 1794 wurde der Aufstand endgültig niedergeschlagen. Die drei Großmächte Russland, Österreich-Ungarn und Preußen beschlossen die restlose Aufteilung Polens, die Stanislaus II. Poniatowski als polnischer König unterzeichnete. Wenige Tage später setzten ihn die Sieger ab. In den Amtsstuben östlich der Pilica sprach man nun ebenfalls Deutsch, aber unter österreichischer Herrschaft.
Preußischer Frieden
Nach der Niederschlagung des Aufstandes wagten sich die Bauern wieder auf den Petrikauer Markt. Sie hatten lediglich Kartoffeln zu bieten, doch die Einnahmen waren beträchtlich. Besonders Juden zahlten jeden geforderten Preis, waren doch die neutralen Kartoffeln die einzige erlaubte Nahrung, die es noch zu kaufen gab.
Auch Georg fuhr samstags mit zum Markt, aber höchst ungern. Ihm gefiel nicht, dass jeder sehen konnte, was der Nachbar verkaufte und dass jeder mitzählte, was eingenommen wurde. Er hatte noch mehrere Kisten Äpfel und Zwiebeln im Moor versteckt, und es würden Neid und Gerede aufkommen, wenn er diese Waren als Einziger anböte. Am folgenden Markttag steckte er einem jüdischen Geldverleiher, der schon lange bei ihm kaufte, einen Zettel zwischen die Kartoffeln, auf dem er seine Äpfel, Möhren und Zwiebeln anbot. Der Preis war nicht unverschämt, doch Georg verlangte, dass alles auf einmal von seinem Hof abgeholt werden müsste. Niemand im Dorf bemerkte, dass an einem regnerischen Mittag eine klapprige Droschke über die kleine Straße von der Meszczer Seite auf den Schlüterhof zufuhr und in dessen großer Scheune verschwand. Während die anderen Bauern am Mittagstisch saßen, wurden um die zwanzig, mit Obst, Zwiebeln und Möhren gefüllte Kisten in der Droschke verstaut. Der jüdische Händler war so zufrieden, dass er einige Scheine mehr als vereinbart in Georgs Hand zählte. Mit der neuen Ernte normalisierten sich die Preise und der Alltag verlief wieder in gewohnten Bahnen. Wer sich nicht den Anordnungen der preußischen Verwaltung widersetzte und die Beamten bei Gelegenheit kräftig schmierte, lebte in Ruhe und Frieden. Auch die angekündigte Landvermessung verlor ihren Schrecken, da vorerst nur die großen Güter vermessen werden sollten.
1794, es war das zweite Jahr unter preußischer Herrschaft, verheiratete Georg seine älteste Tochter Gertraud. Ihr Mann Dietrich Bode war der Zweitgeborene eines alteingesessenen Bauern aus dem Ostpreußischen, dessen Taufpate in der Petrikauer Domänenverwaltung tätig war. Zustande kam die Verbindung, weil Georg mit der vom Amt festgelegten Steuerhöhe nicht einverstanden war und deswegen auf der Behörde vorsprach. Er erklärte dem Beamten, dass die Ertragsermittlung zwar rein rechnerisch stimme, der tatsächlich erzielte Gewinn jedoch viel niedriger sei. Er baue nämlich nur noch so viel an, wie er und seine beiden Töchter Gertraud und Luise zum Leben brauchten. Wozu solle er sich auch plagen, er habe keinen männlichen Erben, dem er den Hof guten Gewissens übergeben könne. Alle Anwärter, die bisher um die Hand seiner Gertraud angehalten hätten, waren nur solche, die den Hof in kürzester Zeit ruinieren würden – Trinker oder großmäulige Faulenzer, die sich ins gemachte Nest setzen wollten. Seine Gertrud sei eine wirklich gute Bäuerin, die zu wirtschaften verstehe. Es schmerze ihn, dass sie sich ganz allein herumplagen müsse, aber deshalb könne er seinen Hof doch nicht vor die Säue werfen. In ein paar Jahren müsse schließlich auch noch Geld da sein, um die sechs Jahre jüngere Luise zu verheiraten. Die Frage des Beamten, ob er denn schon in der Stadt oder in einer anderen Gegend nach einem Bräutigam forschen lassen habe, verneinte Georg. Seine Tochter wolle nicht von Heiratsvermittlern wie eine Zuchtstute feilgeboten werden. Sie meine, wenn der Herrgott es wolle, werde sich schon noch ein Mann finden.
Einen guten Monat nach Johanns Vorsprache auf der Steuerbehörde nahm der Beamte das Schlütersche Anwesen zwecks Steuerschätzung gründlich in Augenschein. Dabei begleitete ihn sein Patenkind, das für einige Tage in Petrikau weilte, ein wohlerzogener und ganz passabel aussehender junger Mann. So kam es, dass Georgs Versuch, den Ertrag des Anwesens kleinzureden, ihm einen Schwiegersohn auf den Hof gebracht hatte, der nicht nur ihm, sondern auch seiner Gertraud vom ersten Augenblick an gefiel. Als im Jahr darauf mit dem kleinen Hagen der nächste Hoferbe geboren wurde, war das Glück der Familie vollkommen.
Nachdem man 1796 die Provinzialverwaltung von Petrikau nach Kalisch verlegt hatte, stellte sich unter den wenigen in Petrikau verbliebenen Verwaltungsbeamten rasch die gewohnte Schludrigkeit und Vetternwirtschaft wieder ein. Allein die deutsche Amtssprache, die nun auch Unterrichtssprache war, erinnerte die Menschen an die neue Staatszugehörigkeit. Und wie vor dreißig Jahren die Kinder der Lutheraner von einem Tag auf den anderen nur noch auf Polnisch unterrichtet wurden, so erging es jetzt den ausschließlich in ihrer polnischen Muttersprache aufgewachsenen Kindern. Deren innigster Wunsch, dass sich für die Wierzejer Dorfschule kein Lehrer findet, erfüllte sich zwar, doch mehr zu aller Nachteil. Die Schule in Wierzeje wurde geschlossen, und die Kinder mussten in die eine Fußstunde entfernte Dorfschule nach Meszcze. Der dort eingesetzte preußische Schulmeister ließ es sich nicht nehmen, den ihm anvertrauten Schülern die deutsche Sprache mit reichlich Stockschlägen einzubläuen. Manche Eltern hätten ihren Kindern diese Quälerei gern erspart, doch das Fernbleiben vom Unterricht wurde mit einer Geldstrafe geahndet. Noch vor Beginn des Schuljahres prügelten sich polnische und deutschstämmige Kinder bei jeder Gelegenheit – nun schmiedete sie der brutale Lehrer zusammen. Sie begannen, einander beim Lernen zu helfen. Das geschah anfangs nicht unbedingt zur Freude der Eltern. Besonders die Polen betrachteten das Zusammensein ihrer Kinder mit den Kindern der Lutheraner als nicht gottgefällig. Doch wie sollten sie das verhindern, saßen die Kinder doch bereits im Unterricht nebeneinander. Letztlich reifte die Einsicht, dass das Beherrschen der deutschen Sprache ihre Kinder nicht nur vor den Schlägen des Lehrers schützte, es würde ihnen auch im späteren Leben nützen. Außerdem konnten die Kinder mit wund geschlagenen Händen zu Hause nicht in gewohnter Weise mitarbeiten, und das war für die ärmeren Bauernfamilien und Häusler ein großer Verlust. Die katholischen Dorfbewohner, ausschließlich Polen, gestatteten deshalb ihren Kindern, dass sie den Winter über mit ihren evangelischen Mitschülern im alten Gemeindehaus die deutsche Sprache sprechen, lesen und schreiben übten.
Von sächsischen und polnischen Gepflogenheiten
Auf diese Weise wuchs eine Generation heran, die beide Sprachen beherrschte. Die jungen Leute gingen nicht mehr so abweisend miteinander um wie die alten. Sonntagvormittags ging zwar jeder in seine Andacht, doch am Nachmittag traf sich die Jugend auf dem Dorfplatz zu Tanz und Spiel. Dass sich dabei zwischen einigen älteren Söhnen und Töchtern Freundschaften entwickelten, die über das gestattete gemeinsame Lernen hinausgingen, bereitete den Eltern größte Sorgen. Was, wenn die Kinder die Grenze der gebotenen Keuschheit überschritten? Bei annähernd gleichem Besitzstand stünde einer Eheschließung nichts im Wege. Nur müssten die Katholischen evangelisch werden oder eben umgekehrt. Einige Familien verhandelten sogar miteinander, mühten sich scheinbar redlich, doch jede Partei wusste von vornherein, dass ein Konfessionswechsel undenkbar wäre.
Bei den Protestanten würde mit dem Übertritt eines Familienmitgliedes zur katholischen Kirche die Glaubensfestigkeit der ganzen Familie infrage gestellt. Notfalls hätte man das in Kauf genommen, denn irgendwann könnte man mittels einer großzügigen Spende Gras über die Sache wachsen lassen. Für die Katholischen war ein Konfessionswechsel jedoch völlig ausgeschlossen, schließlich galt der Abfall vom rechten Glauben als eine der Todsünden. Damit nicht genug, laut einem Beschluss des Sejms von 1717 konnte die Abkehr vom katholischen Glauben mit der Todesstrafe geahndet werden. So genügten kleinste priesterliche Bedenken über das Verhalten zweier junger Leute, und das Paar wurde umgehend getrennt. Töchter, gleich welchen Glaubens, verschwanden hinter Klostermauern, die Söhne von bestellten Werbern wurden rekrutiert und in den Militärdienst gepresst. Der einzige Ausweg, diesem Schicksal zu entgehen, wäre für die Liebenden die Flucht und ein Leben ohne kirchlichen Segen. Doch diesen Schritt wagte kein einziges Paar, lud man in dem Fall doch gleich zwei Sünden auf sich.
Die erste Sünde war der Verstoß gegen das vierte Gebot, das da heißt, ein Kind habe Vater und Mutter zu ehren und gehorsam zu sein. Einen Verstoß gegen dieses Gebot durften die Eltern ihrem Kind nach ausreichender Buße vergeben. Die zweite Sünde, ein unkeusches Leben, zählte dagegen zu den Todsünden. Beim Jüngsten Gericht würde diese mit ewiger Höllenqual vergolten. Diese Furcht überwog jede Liebe.
Um das Zusammenleben im Dorf nicht allzu sehr zu schädigen, begründeten die Brautwerber das Scheitern der Verhandlungen mit finanziellen Differenzen. Das war nicht mal gelogen, denn beide Seiten stellten von Anfang an so hohe Forderungen, dass keine Einigung zustande kommen konnte. Dabei unterstellte so manche Familie der anderen falsche Angaben hinsichtlich ihres Vermögens. Dieses Misstrauen bestand zu Recht, denn Anleihen und Schuldverschreibungen wurden generell verheimlicht. Doch nicht nur Schulden verschwieg man, die Lutheraner verheimlichten zudem ihr tatsächliches Vermögen. Der Grund war der immer noch zu entrichtende Zehnte. Selbst die eifrigsten Glaubensverfechter offenbarten deshalb nie ihren wahren Besitz. Inzwischen gab es in Petrikau genügend Bankhäuser, bei denen man sein Geld sicher und mit gutem Zins anlegen konnte, ohne dass ein Nachbar davon erfuhr. Noch erfinderischer zeigten sich einige Höfe beim Einsparen von Spenden für Arme und Kranke. Da diese hauptsächlich aus Kartoffeln und Getreide bestanden, betrieben sie eine besonders gemeine Trickserei. So wurden die gespendeten Mengen in steter Wiederholung aufgezählt, bis sie mehrfach aufgeschrieben und demzufolge auch mehrfach angerechnet wurden. Aus acht Körben Kartoffeln wurde so ein gut gefüllter Pferdewagen. Doch wehe dem armen Teufel, der mit bierseliger Zunge die wahre Höhe der Spende ausplauderte oder gar öffentlich anprangerte!
Trotz aller Niedrigrechnerei sah man sächsischen Anwesen den Wohlstand bereits von weitem an. Im Gegensatz zum Grau polnischer Höfe glänzte das Mauerwerk deutscher Wohnhäuser und Ställe im warmen Rotbraun sauber verfugter Ziegel. Und wer sich die glänzenden Ziegel nicht leisten konnte, der kalkte die glatt verputzten Wände seines Hauses, damit es frisch und sauber aussah. Selbst auf dem ärmsten deutschen Anwesen wurde der Hof zwischen Wohnhaus, Wirtschaftsgebäuden und Ställen mit sauberem Sand versehen und im gleichen Strich geharkt. Der ordentlich aufgesetzte Misthaufen befand sich im hinteren Bereich des Hofes, direkt vor den Ställen. Selbst unter dem obligatorischen Taubenturm lagen nur vereinzelte, eben erst herabgefallene Kotklümpchen. In den Vorgärten blühten allerlei Staudenblumen und Würzkräuter, während Rosen und Malven die zum Haus und in den Garten führenden Wege säumten. Aus dem hinter den Gebäuden liegenden Garten versorgte sich die Familie mit Obst und frischem Gemüse. Auch dort fand man weder ungepflegte Ecken und Zaunränder noch Gerümpelhaufen.
Die polnischen Anwesen boten dagegen keinen so ordentlichen Anblick. Statt Blumen und Gemüse wuchs in den Gärten meist nur Gras, das das Pferd oder die Kuh des Hofherren und einige Schafe mit mehr oder weniger Erfolg kurz hielten. Sichtbares Überbleibsel ehemals deutscher Gartenpracht waren nur die großen alten Obstbäume, in deren Schatten Hofherr und Tiere während der Mittagshitze lagerten. Noch deutlicher unterschieden sich das Vieh und die Ställe. Während die Sachsen sogar die Schwanzquasten der Kühe putzten, striegelten und bürsteten die Polen nur ihr Reitpferd. Auch der Zustand der Felder bezeugte den gern bemühten Unterschied zwischen dem fleißigen, auf Ordnung und Sauberkeit bedachten Sachsen und dem faulen, mittags oft schon betrunkenen Polen. Und es waren diese Äußerlichkeiten, mit denen die ehemals Deutschen des Dorfes ihre Überheblichkeit gegenüber den polnischen Nachbarn begründeten und der diese mit noch größerer Lebenslässigkeit begegneten.
Beide Verhaltensweisen waren kein gutes Vorbild für die protestantische Jugend, wobei sich die polnische Ignoranz deutschen Ordnungsbestrebens zunehmender Beliebtheit erfreute. Wer keine Ordnung hält, so die Lutheraner, säumt auch in Glaubensfragen. Um dem vorzubeugen, bläute so manche protestantische Vaterhand seinen Kindern die fünf Hauptstücke des kleinen Katechismus mit dem Stock auf dem Hintern ein. Jede Handlung, jedes Wort wurde von den Eltern im Namen des Herrn beurteilt. Prügel, Essensentzug, schwere Arbeit oder Wegsperren waren die gebräuchlichsten Bestrafungen. Je gläubiger das Zuhause, umso abartiger die auferlegte Buße. Auf hingestreuten Erbsen kniend zu beten war eine gern angewandte äußerst schmerzhafte Bestrafung, die die Furcht der heranwachsenden Töchter vor den Versuchungen des Fleisches bestärken sollte.
Spätestens mit dem Einsetzen der Monatsblutung gaben die wohlhabenden Familien ihre Töchter in ein städtisches Internat oder in eine Klosterschule. Hier wurden sie nicht nur in Haushaltführung und Kochen unterwiesen, sie lernten ebenso singen, ein Instrument spielen und sich gut benehmen. In den Internaten lehrte man sie auch Französisch, die Sprache der Vornehmen und Gebildeten. Das Wichtigste der Internatsverbringung bestand jedoch in der strengen Aufsicht, unter der die Mädchen vor der Lust des Fleisches bewahrt werden sollten. Außerdem bestätigte die kostspielige Ausbildung eine gute Vermögenslage der Familie. Um diesen Anschein zu wahren, wurde mancher Hof still und heimlich mit Hypotheken belastet.
Leider kam es selbst in den bestens gesicherten Lehranstalten zu folgenreichen Zwischenfällen. Der von städtischen Familien praktizierte Gang zur Engelsmacherin, die den unschönen Zwischenfall mittels Ausschabung oder Blutungen auslösender Medizin beseitigte, kam für die Lutheraner nicht infrage. Schon aufgrund ihrer bäuerlichen Existenz brachten sie dem ungeborenen Leben eine große Ehrfurcht entgegen. Außerdem fürchtete man die Unwägbarkeiten solcher Eingriffe, nicht jede der jungen Frauen überlebte. Wurde der Bankert ausgetragen, sprachen die Gemeindeältesten Mutter und Kind zwar weiterhin die Zugehörigkeit zur Kirchgemeinde ab, man jagte sie aber nicht mehr aus dem Dorf. So es die Eltern der Sünderin gestatteten, durfte diese samt ihrer Leibesfrucht auf dem Hof wohnen bleiben und sich ihr täglich Brot verdienen. Insgeheim wurde die Betroffene jedoch so arg drangsaliert, dass sie sich den Grausamkeiten nur durch das Verlassen des Dorfes entziehen konnte. Selbst die Familie einer solchen Sünderin wurde weitgehend gemieden. Sie durfte zwar noch an Gottesdiensten teilnehmen, doch nur auf der letzten Bank sitzen. Derart erniedrigt und von allen Gemeinsamkeiten ausgeschlossen, dauerte es höchstens zwei bis drei Jahre, und die Familie verließ ebenfalls das Dorf.
Um Zweifel an der Keuschheit einer Tochter zu unterbinden, gelang es einigen, diese rasch zu verehelichen. Das frisch vermählte Paar reiste dann in ein Kurbad oder besuchte weit entfernt wohnende Verwandtschaft. Frühestens nach Ablauf eines Jahres kam es mit dem Kind zurück. Auf diese Weise konnten fehlende Monate besser vertuscht werden. Zum nächst größeren Feiertag ließ man das Kind taufen und die Geburt ins Kirchenbuch eintragen. Erst dieser Eintrag brachte der Familie Frieden und Sicherheit, denn alle Zweifel an der Keuschheit der Kindesmutter und etwaige Anschuldigungen mussten vorher kundgetan werden. Es kam aber auch vor, dass sich ein junges Mädchen, im anerzogenen Schuldgefühl ihres sündigen Verhaltens oder aus Angst vor einer Zwangsverheiratung im Moor ertränkte. Für die Familie ein schmerzlicher, aber befreiender »Unfall«, denn anders als bei einer missglückten Abtreibung durfte die im Moor Verunglückte betrauert und, so man sie fand und bergen konnte, auf dem Gottesacker begraben werden.
Im Jahre 1796, am Tag der Auferstehung des Herrn Jesus Christus, wurde auch auf dem Schlüterhof eine derartige Ehe geschlossen. Luise, Georgs jüngere Tochter, hatte ihrem Vater gestehen müssen, schwer gesündigt zu haben. Der junge Mann stammte aus einem angesehenen preußischen Adelsgeschlecht. Es war nicht zu erwarten, dass er je um ihre Hand anhält, auch nicht, wenn er von den Folgen erfährt. Ein schwerer Schlag. Doch der liebende Vater wollte das Leben seiner Tochter nicht durch eine Abtreibung aufs Spiel setzen. Er versprach, nach einem akzeptablen Bräutigam zu suchen. War es schon ein glücklicher Zufall für Gertraud, die Hoferbin, einen passablen Bräutigam zu finden, so erschien das nun anstehende Unterfangen eigentlich aussichtslos. Im Preußischen gab es kaum noch junge Männer. Wer einigermaßen gesund oder gar kräftig ausschaute, musste zum Militär. Einem alten Witwer oder Kriegskrüppel wollte Georg seine Tochter nicht hingeben. Dann soll sie lieber für ein paar Jahre ins Kloster und später mit dem Kind irgendwo in der Fremde leben. Für eine Wohnung und das Nötigste wollte er schon sorgen. Im letzten Moment fand der beauftragte Vermittler im sächsischen Freiberg einen recht artigen und, Gott sei Dank, armen Studiosus, der auf das Angebot einging. Dass Luise und Hermann, so hieß der junge Mann, bereits beim ersten Sehen Gefallen aneinander fanden, war ein Gottesgeschenk und in Georgs Augen die Vergebung der Sünde. Der Brautvater finanzierte dem Paar einen kleinen Hausstand, sodass das werdende Familienoberhaupt sein Studium an der dortigen Bergakademie ohne die bisherige wirtschaftliche Not fortführen konnte. Der sichtbare Wohlstand der jungen Frau und ihr vornehmes Auftreten unterbanden jegliches Gerede über die ungewöhnlich schnell geschlossene Ehe. Im Gegenteil, der junge Mann erntete außerordentliche Bewunderung, eine so gute Partie gemacht zu haben.
Als sich Luise auf Wunsch ihres Vaters in Lommatzsch nach ihren Vorfahren erkundigte, erinnerten sich ein paar alte Bauern an Berichte über drei Familien, die auf Anweisung eines hohen Herrn so um 1700 nach Polen gebracht wurden. Aber warum, das war in Vergessenheit geraten. Zur Taufe des ersten männlichen Nachkommens der in Freiberg inzwischen recht angesehenen jungen Familie reiste Georg im März 1805 nach Sachsen. Es sollte seine einzige Reise bleiben.
Napoleonische Eroberungspolitik
Wenig später erklärte Frankreich Österreich den Krieg und besetzte Wien. Das große Habsburger Kaiserreich beugte sich im Frieden von Preßburg dem französischen Usurpator. Inzwischen schloss Preußen mit Russland einen Geheimbund. Mit diesem Rückhalt forderte der preußische König Friedrich Wilhelm III. im August 1806 Napoleon auf, seine Truppen auf die westliche Rheinseite zurückzuziehen. Der Kaiser der Franzosen betrachtete das als Kriegserklärung und erschien Ende Oktober mit seiner Grande Armée in Berlin. Preußen hatte dem Eroberungszug des Franzosen nicht viel entgegenzusetzen, sodass dieser bereits zwei Monate später das von den Preußen 1793 vereinnahmte Warschau erreichte. Zar Alexander I. von Russland konnte seinem Bündnispartner Preußen nicht zu Hilfe eilen, da er sich zur selben Zeit mit den Osmanen bekriegte. Die polnischen Adligen begrüßten die Franzosen als Befreier und baten den Kaiser um die Wiederherstellung des polnischen Staates. Napoleon erfüllte diesen sehnlichsten Wunsch der Polen, indem er einen Teil der von Preußen und Österreich-Ungarn im Zuge der polnischen Teilungen vereinnahmten Gebiete zum Herzogtum Warschau zusammenfügte. Nur der russisch besetzte Teil blieb wie er war, denn inzwischen hatte Frankreich mit Russland den Friedensvertrag von Tilsit geschlossen. Die Wiedererschaffung Polens, mit Parlament und eigenen Streitkräften, entfachte in Volk und Adel eine Welle der Begeisterung für den Franzosenkaiser. Als Napoleon auch noch im Juli 1807 König Friedrich August I., dem vom polnischen Adel als Erbmonarchen gewünschten Herrscher, das neue Herzogtum Warschau übertrug, schworen ihm die Polen den Treueeid. So war es für den neuen Kriegsminister und Oberbefehlshaber der polnischen Truppen, Fürst Józef Poniatowski ein Leichtes, innerhalb weniger Wochen dreißigtausend Freiwillige für die neue polnische Armee zu rekrutieren.
Der im selben Jahr erstmals wieder zusammengetretene Sejm wollte die Verfassung vom Mai 1791 endlich in Kraft setzen. Napoleon unterband dieses Bestreben und erzwang die Annahme einer von ihm diktierten Verfassung, in der die politische Macht über Polen dem französischen Botschafter übertragen wurde. Der sächsische König und der Sejm verfügten somit nur noch über verwaltende Rechte. Diese Entmachtung öffnete zwar einigen fortschrittlichen Angehörigen des Hochadels die Augen, zeigte diese doch deutlich, dass es dem französischen Kaiser nicht um Polen, sondern nur um die Wahrung seiner eigenen Interessen ging. Zu wenige aber durchschauten die Taktik Napoleons. Dem Franzosenkaiser war es gelungen, die große Masse der Landadeligen auf seine Seite zu ziehen. Um das zu erreichen, hatte er ihnen einträgliche Verwaltungsämter übertragen und ihre Privilegien gestärkt. Dazu hob er nicht nur den von Preußen eingeführten rechtlichen Schutz des bäuerlichen Besitzstandes wieder auf, auf Wunsch des Landadels wurde Polnisch wieder die alleinige Amtssprache.
Die ehemals sächsischen Lutheraner galten erneut als Polen. Für die hier geborenen und aufgewachsenen Generationen kein verdammungswürdiger Verwaltungsakt. Das polnische Gebiet war ihnen vertraut, Sachsen dagegen ein fremdes Land. Eigentlich hinderte sie nur ihr protestantischer Glauben, in polnische Familien einzuheiraten. Außer dem protestantischen Glauben gab es noch einen zweiten Unterschied zu den alteingesessenen Polen: Fast jeder der ehemaligen sächsischen Wierzejer beherrschte Deutsch und Polnisch. Ansonsten hätten sie die vielen Kriege und Herrscherwechsel kaum so gut überstanden. Und sie hatten gelernt, sich je nach Erfordernis als Pole oder als Sachse auszugeben.
Obwohl seit Napoleons Einmarsch in Warschau mit Friedrich August I. erneut ein Wettiner auf dem Thron des vom Königreich Polen zum Herzogtum Warschau geschrumpften Großpolens saß, zogen es die Lutheraner vor, bei den Behörden nicht auf ihre sächsische Abstammung zu pochen. Im Moment herrschte zwar Frieden, doch es war ein unsicherer, denn nicht jeder Nachbarstaat fügte sich widerstandslos dem Machtbegehren Napoleons. Und wer konnte wissen, ob der nächste Eroberer Deutsche mochte? Da sei es besser, als Pole zu gelten und der großen Masse anzugehören. Dazu kam, in der polnischen Bauernschaft rumorte es kräftig. Mit der neuen Verfassung hatte Napoleon zwar die Leibeigenschaft abgeschafft, doch die kaum aufzubringenden Abgaben und die Enteignungen durch die Grundherren, die sich der wiedererlangten Privilegien ausgiebig bedienten, verschlechterte das Leben der Bauern bis ins Unerträgliche. Viele wurden überdies erbarmungslos rekrutiert und Napoleons Armee einverleibt.
Als der österreichische Erzherzog Ferdinand im April 1809, aus Galizien kommend, mit seiner Armee die Grenze des Herzogtums überschritt und Richtung Warschau marschierte, traf er kaum auf Widerstand. Der Grund, Napoleon hatte kurz zuvor den Hauptteil des polnischen Heeres nach Spanien beordert, um seinen Bruder Joseph, den er auf den dortigen Königsthron gesetzt hatte, an der Macht zu halten. Erst kurz vor Warschau gelang es Fürst Poniatowski, dem Kriegsminister des Herzogtums Warschau und Oberbefehlshaber des polnischen Heeres, die Österreicher zu stellen. Die Polen verloren die Schlacht, mussten Warschau räumen und sich auf die rechte Weichselseite zurückziehen. Von hier aus marschierte Fürst Poniatowski nach Galizien. Sein Ziel war die Befreiung Krakaus, der urpolnischsten Stadt der Adelsrepublik, die 1795, während der polnischen Teilungen, dem von Österreich besetzten Kronland Galizien angegliedert worden war. Als Poniatowski mit seinem Heer vor Krakau Stellung bezog, kapitulierte die österreichische Besatzung. Man vereinbarte die kampflose Übergabe der Stadt. In der Nacht vor der Übergabe, die Österreicher hatten Krakau am Vortag verlassen, wurde die Stadt von den Russen besetzt. Angeblich taten sie das als Bündnispartner Napoleons, um die Armee des Herzogtums Warschau im Kampf gegen die Österreicher zu unterstützen. Für die Bevölkerung Krakaus wechselte damit nur die Besatzungsmacht.
1809 trat Russland auf Drängen Napoleons einer für Frankreich wirtschaftlich vorteilhaften Kontinentalsperre gegen England bei, um bereits im Jahr darauf dagegen zu verstoßen. Für Napoleon Anlass genug, einen Feldzug gegen den untreuen Bündnispartner vorzubereiten. Wie im gesamten Besatzungsgebiet, wurde auch im Herzogtum Warschau auf brutalste Weise rekrutiert. Um dem zu entgehen, flüchteten immer mehr Männer in die Wälder. Im Frühjahr 1812 sah man deshalb kaum noch einen Bauern, der seine Felder bestellte und das nach zwei recht kargen Ernten. Gleichzeitig beschlagnahmten die Franzosen jeden noch so erbärmlichen Klepper, um eine Remontereserve anzulegen. Zum Pflügen musste nun die letzte noch verbliebene Kuh eingespannt werden.
Auch in Wierzeje wurde requiriert. Bis auf eine Kuh wurde alles Vieh weggeführt. Doch statt mit der Kuh im Anspann die Felder zu pflügen, brachten die Bauern die Tiere ins Moor. Ein Viehhändler hatte ihnen erzählt, dass die Franzosen riesige Herden zusammentrieben. Ein sicheres Zeichen, dass kriegerische Zeiten bevorstünden. Sein Vater hätte seinerzeit unter den Preußen eine solche Herde von der Elbe bei Torgau bis nach Dresden treiben müssen: Schlachtvieh zur Versorgung des Militärs. Die Wierzejer glaubten dem Mann, denn seit kurzem requirierten die Franzosen sogar Saatgut.
Wie in den letzten vier Jahren, baute Georg auch in diesem Frühjahr auf mehreren kleinen, im Wald versteckt liegenden Äckern Kartoffeln an. Viele aus dem Dorf hatten dabei geholfen, denn Georg hatte ihnen einen entsprechenden Anteil zugesichert. Er tat dies, um Verrat auszuschließen, denn inzwischen kannten viele, allen voran die Franzosen, den Wert der von den Preußen Tartoffeln genannten Erdfrüchte. Kamen französische Soldaten fouragieren, wurde Gertraud gerufen. Die hatte als Mädchen deren Sprache gelernt und konnte den hungrigen Männern recht glaubhaft vermitteln, dass im Dorf absolut nichts mehr zu holen war. Um wenigstens eine Kleinigkeit für den eigenen Magen aufzuspüren, wurde meist noch ein Hof durchsucht. Dann genügte ein halber Topf Grütze, um die Soldaten, die selbst Familienväter und Bauernsöhne waren, friedlich zu stimmen.
Am 24. Juni 1812 überschritt Napoleons 600 000 Mann zählende Grande Armée die russische Grenze. Sein Ziel, das riesige Reich mit einem schnellen Vormarsch erobern und somit Zar Alexander I. für die Nichteinhaltung der Kontinentalsperre zu bestrafen. Der Feldherr wusste, dass er seine Armee bis zum Winter gut untergebracht haben musste, sollten seine Soldaten nicht wieder so erbärmlich erfrieren wie im Winterfeldzug 1806/1807 im östlichen Polen. Das Zarenreich erwies sich jedoch als viel weitläufiger und dünner besiedelt, als in Napoleons Strategie gedacht. Die bisher erfolgreiche Kriegsführung, den Gegner mit schnellem Stellungswechsel zu überraschen, verpuffte ebenso wie der Plan, die rasch vorrückenden Truppenteile mittels Requirierung zu versorgen. Die russischen Truppen hatten auf ihrem Rückzug alles mitgenommen, wovon sich der Feind hätte ernähren können. Es mangelte sogar am Futter für die Pferde, sodass diese vor Erschöpfung starben und viele Geschütze und schweres Gerät zurückgelassen werden mussten.
Auch die nahe der russischen Grenze angelegten Vorratslager, prall gefüllt mit allem, was ein kämpfendes Heer benötigt, erfüllten nicht ihren Zweck. Die Weite und Wegelosigkeit des Zarenreiches verursachte einen immer größer werdenden Abstand zwischen Tross und Heer, das deswegen oft tagelang hungerte. Selbst die erstmals während eines Feldzuges mitgeführten und mit modernstem medizinischem Gerät ausgestatteten Sanitätswagen blieben weit zurück. Die eigentlich gute Neuerung verkehrte sich ins Gegenteil: Direkt an der Front fehlten die Ärzte, sodass Verwundete unversorgt blieben und das Wundfieber Tausende dahinraffte. Zudem erwies sich der Gegner standhafter als gedacht. Die Russen ließen sich eher erschießen oder totschlagen, als auch nur einen Schritt zurückzuweichen. Eine Folge des Krieges gegen das Osmanische Reich. Dort galt der Tod auf dem Schlachtfeld als Gnade hinsichtlich der Grausamkeiten, die Gefangene bei den Muselmännern erwartete. Ganz anders die Grande Armée, deren Soldaten diese Todesentschlossenheit fehlte. Zu großen Teilen waren sie zwar ebenso wie die Russen zum Militärdienst gepresst worden, sie wollten jedoch unbedingt überleben und mit reicher Beute heimkehren.
Nach Borodino, der verlustreichsten Schlacht des bisherigen Krieges, zogen sich die russischen Truppen nach Moskau zurück. Napoleon betrachtete sich als Sieger. Doch auch die französischen Truppen waren völlig erschöpft und beklagten viele Tote. Das verbliebene Heer musste erst neu formiert werden, bevor die Verfolgung des geschlagenen Feindes aufgenommen werden konnte. Man musste sich auch nicht eilen, denn Moskau lag bereits in Sichtweite. Die Besetzung der Stadt erfolgte ohne nennenswerten Widerstand, sie war fast menschenleer. Generalfeldmarschall Kutusow hatte seine Truppen ins nordöstliche Hinterland beordert und der größte Teil der Bewohner war vor dem anrückenden Feind geflüchtet. In der Stadt geblieben sind nur einige Tausend Menschen, fast ausschließlich Alte und Kranke. Und Gesindel, das sich schnell noch am zurückgelassenen Hab und Gut der Geflüchteten zu bereichern versuchte. Die fast kampflose Einnahme Moskaus festigte den Glauben der Franzosen, die russische Armee vernichtend geschlagen zu haben. Allein der polnische General Józef Fürst Poniatowski verfolgte mit seinem V. Korps die Richtung Kaluga zurückweichenden Russen. Napoleon dagegen war überzeugt, dass ihm in Kürze russische Unterhändler die Kapitulationserklärung des Zaren überreichen. Doch der Zar schwieg. Es schien, als sei ihm egal, was inzwischen in und mit Moskau passierte. Vier Wochen wartete der große französische Feldherr auf die Kapitulation oder zumindest auf das Eingeständnis der Niederlage. Nach einem anfangs geordneten Einmarsch enthemmte die Soldaten der ausbleibende Kampf. Die Grande Armée plünderte und brandschatzte im Siegesrausch das von den Russen offensichtlich aufgegebene und verlassene Moskau. Und was die Soldaten übersahen oder der Mitnahme nicht wert erschien, raubte der nachfolgende Tross. Doch damit hörte das Plündern nicht auf. Dem Tross folgte eine mehrere tausend Menschen zählende Meute aus Abenteurern und zwielichtigem Gesindel, den Aasgeiern der Schlachten, deren Beutegier selbst der geringsten Menschlichkeit entbehrte. Was nicht weggetragen werden konnte, wurde zerstört oder in Brand gesetzt. Manchmal, wenn das Feuer Vorratslager ergriff, versuchte man zwar zu löschen, doch jegliche Mühe scheiterte am fehlenden Gerät. Die Feuersbrunst, die der erste kräftige Herbststurm aus den vielen kleinen Bränden entfachte, vernichtete fast die ganze Stadt und somit auch die für die Überwinterung des Heeres eingelagerten Lebensmittelvorräte. Die russische Heeresführung ordnete indessen ihre Truppen und ersetzte Verluste an Soldaten und Material. Mitte Oktober, in den Nächten wurde es schon bitter kalt, erfolgten erste Angriffe.
Napoleons Rückzug
Napoleon, dessen Heer nur noch 100 000 Mann zählte, beschloss den Rückzug. Ende Oktober, gerade mal vier Monate nach dem grandiosen Beginn des Russlandfeldzuges, verließ die Grande Armée Moskau. Ein riesiger Treck bewegte sich in Richtung Westen. Verletzte fanden keinen Platz auf den mit Kriegsbeute überladenen Wagen. Wer nicht laufen konnte, musste bleiben. Bei der Rückkehr der Moskauer in ihre zerstörte Stadt widerfuhren den Zurückgelassenen alle Grausamkeiten, die die Eroberer und das ihnen folgende plündernde Gelichter vorher an den Einwohnern verübt hatten. Auch die abziehenden Kolonnen wurden ständig von kleinen berittenen Trupps der neu aufgestellten russischen Verbände attackiert, die zuallererst die Pferde töteten. Nur wenigen der daraufhin zu Fuß Fliehenden gelang es, der Kälte des russischen Winters und dem Hunger zu entkommen.
Wie ein steinerner Wall säumten gefrorene Leichen, Tierkadaver und zertrümmerte Wagen den Weg der Heimziehenden. Entdeckten die inzwischen völlig verrohten Soldaten bewohnte Siedlungen, wurde rigoros geplündert, gefoltert und getötet. Im Gegenzug rächte sich die Zivilbevölkerung an denen, die den Anschluss an die Grande Armée verloren hatten. Obwohl die Bauern nur Sensen, Sicheln und Dreschflegel mit sich führten, hatten sie leichtes Spiel. Um mehr Beute wegtragen zu können, hatten sich viele Soldaten bereits in Moskau ihrer Waffen entledigt. Doch auch jene, die ihre Waffen noch mit sich führten, waren kaum in der Lage, sich zu verteidigen. Bevor sie mit ihren steif gefrorenen Fingern den nächsten Schuss geladen hatten, wurden sie niedergemetzelt. Wäre der russische Generalfeldmarschall Kutusow nicht so zögerlich vorgerückt, er hätte die Grande Armée bereits am östlichen Ufer der Beresina vernichtend schlagen können, denn die Franzosen kamen nicht schnell genug über den Fluss. Auf Befehl Napoleons hatte man die bis zur Schlacht bei Borodino mitgeführten Pontons zurückgelassen. Unnötiger Ballast, der Pferde und Wagen blockierte. Jetzt rächte sich dieser Befehl. Es dauerte viel zu lange, ehe es den holländischen Pontonieren gelang, aus abgerissenen Holzhäusern zwei provisorische Übergänge zusammenzuzimmern. Die völlig unzureichenden Brückenbauten hielten dem Ansturm von Menschen und Fuhrwerken kaum stand. Um des eigenen Überlebens willen wurde gedrängelt und gestoßen. Viele strauchelten auf den wackeligen Übergängen, verloren den Halt, fielen in die eiskalten Fluten und ertranken. Bereits nach wenigen Stunden stauten sich flussabwärts einige tausend Leichen und Pferdekadaver vor Untiefen und Eisrändern. Die letzten viertausend noch kampffähigen Polen erhielten vom französischen General Victor den Befehl, die Brückenpassage Napoleons und dessen Leibgarde gegen den Feind abzusichern. Nachdem der Franzosenkaiser das westliche Ufer erreicht hatte, übertrug er die Befehlsgewalt an seinen Schwager, Marschall Murat. Er selbst reiste zügig gen Frankreich. Von den polnischen Infanteristen erreichten nur wenige hundert das andere Ufer. Unter ihnen auch General Józef Fürst Poniatowski. Die Nachricht von Napoleons Abreise demoralisierte die noch vorhandenen Reste der Grande Armée vollständig. Am 5. Dezember 1812 trafen erste Truppenteile der von ihrem Feldherren aufgegebenen Armee im polnisch-litauischen Wilna ein. Napoleon befand sich zu diesem Zeitpunkt bereits auf dem Gebiet des Königreiches Westphalen. Das kleine Häuflein polnischer Reiter, die den Feldzug überlebt hatten, erreichte am 13. Dezember 1812 Warschau. Mit ihnen trafen auch die Reste der verbündeten Österreicher in der Stadt ein. Welche Rückkehr! Mit Entsetzen vernahmen die Menschen das Ausmaß des Grauens, das sich in den eisigen Weiten Russlands zugetragen hatte und teilten ihr letztes Stück Brot mit den Heimkehrern.
Anfang Januar zog sich plötzlich das österreichische Heer, das eigentlich mit den Resten von Poniatowskis Korps die polnische Hauptstadt vor den anrückenden Russen verteidigen sollte, aus Warschau zurück und marschierte Richtung Süden. Der Grund: Österreich hatte in der Zwischenzeit klammheimlich die Seiten gewechselt, sich mit den Russen auf einen Waffenstillstand geeinigt. Die Pilica wurde dabei als Grenzfluss zu Galizien festgeschrieben. Ohne österreichischen Beistand sah sich Poniatowskis kleine Schar außerstande, Warschau zu verteidigen und verließ ebenfalls die Stadt. Es wäre ein sinnloses Opfer und würde die gewaltsame Einnahme der Stadt durch die Russen nach sich ziehen. Er hoffte, durch eine kampflose Übergabe die Stadt vor schlimmsten Zerstörungen bewahren zu können. Der Rückzug der polnischen Truppen löste unter der Bevölkerung Panik aus.
Erst in Krakau, der südlichsten Stadt des Großherzogtums Warschau, fand die Flucht der kleinen Schar um den polnischen General ein Ende. Der russische Generalfeldmarschall Kutusow hielt es für Zeitverschwendung, diese wenigen Polen zu verfolgen. Sein Zar wünschte, dass er den Richtung Paris fliehenden Franzosenkaiser stellt und endgültig besiegt. Den Wunsch des Zaren konnte Kutusow nicht mehr erfüllen, er starb wenig später nahe Bautzen.
In Krakau gelang es Fürst Poniatowski, innerhalb weniger Wochen eine neue, 18 000 Mann starke, Armee aufzustellen. Der Aufruf, dass die Heimat gegen die Russen verteidigt werden muss, hatte selbst den letzten einigermaßen kampfestauglichen Mann zu den Meldestellen getrieben. So war es schon seit König Sigismund I. aus dem Geschlecht der Jageillonen, als das aufstrebende Großfürstentum Moskau polnisches Gebiet überfiel, um seine Reichsgrenzen nach Westen zu verschieben.
Fürs geliebte Heimatland
Auch Gertraudes Mann Dietrich und ihr siebzehnjähriger Sohn Hagen meldeten sich freiwillig zum Militärdienst. Dietrich kam zur Infanterie, während Hagen einem Offizier als Pferdebursche diente. Gertraud wollte Hagen zurückhalten, war er doch in ihren Augen noch ein Kind. Da sich jedoch alle jungen Männer des Dorfes zum Militär meldeten, war er nicht davon abzubringen. Dabei spürte die Mutter, dass es etwas gab, das ihrem Kind das Fortgehen erschwerte. Und sie hatte Recht. Als sie am letzten Abend vor dem Abmarsch der Freiwilligen die Ställe kontrollierte, hörte sie die Stimme ihres Sohnes und das halblaute Weinen eines Mädchens. Zuerst wollte sie Hagen zur Rede stellen, ihn für dieses verborgene Tun maßregeln. Doch urplötzlich wurde ihr bewusst, dass in der finsteren Stallecke zwei Liebende flüsterten und es grausam wäre, sie in der Stunde des Abschiedes zu stören. Dabei ärgerte es sie ungemein, dass sie nicht die geringste Ahnung hatte, welchem Mädchen ihr Sohn Lebewohl sagte. Sie hatte bisher überhaupt nicht wahrgenommen, dass sich Hagen für Mädchen interessierte. Dabei freute sie sich stets darüber, wie hübsch er war mit seinen leuchtend blauen Augen und dem strohblonden Haar. Doch wie hätte sie es auch merken sollen. Der Junge war den ganzen Tag mit dem Großvater zusammen, um alles zu lernen, was ein Hoferbe wissen musste.
In der Dunkelheit des Stalles wurde ihr bewusst, dass sie sich von Anfang an nie Zeit für das Kind genommen hatte. Wie auf allen wohlhabenden Höfen üblich, hatte sie Hagen gleich nach der Geburt einer Amme übergeben. Sie hätte ihr Kind liebend gern selbst genährt, doch damals wagte sie es nicht, sich gegen die Tradition zu stellen, zumal die Gemeinde den abseits liegenden Hof und dessen stets steigenden Wohlstand mit Neid und Argwohn betrachtete. Keine Amme ins Haus zu nehmen hätte die Abgrenzung verschärft, hätte Anlass zu Getuschel und üblem Gerede gegeben, und die anderen Mütter hätten ihre Kinder von ihrem Sohn und dem Hof ferngehalten. Viel zu gegenwärtig war ihr noch die eigene Ausgrenzung, die ihr aufgrund der Unbeugsamkeit ihres Vaters zuteil geworden war. Und da sie ihr Kind bei der Amme, einer sehr liebevollen und sauberen Polin, bestens aufgehoben wusste, richtete sie ihre ganze Aufmerksamkeit auf ihre Pflichten als Hofherrin. Doch 1801, nach der Geburt ihrer Tochter Katharina, begehrte sie auf und nährte das Kind selbst und ebenso die Ende 1802 geborene Elisabeth. Mitten auf dem Hof blieb Gertraud stehen und betrachtete den von Tausenden Sternen übersäten Himmel. Ihr kam ein Lied in den Sinn, das ihre Mutter in schweren Zeiten oft gesungen hatte: »Schwing dich auf zu deinem Gott, du betrübte Seele«. Sie summte die erste Strophe. Bisher hatte ihr der Glaube an die Güte des Allmächtigen stets Zuversicht und Halt gegeben. Doch diesmal schossen ihr Tränen in die Augen, und ein eisiges Band legte sich um ihre Brust.
Bündnisversuche und neue Bündnisse
Mit der neu aufgestellten Armee unter Fürst Poniatowski verfügte das Großherzogtum Warschau über eine beträchtliche Streitmacht, die Begehrlichkeiten weckte. Sogar der russische Zar übermittelte dem Fürsten ein Bündnisangebot. Etliche der Magnaten wären gern auf dieses Bündnis eingegangen, denn sie glaubten längst nicht mehr an Napoleons Versprechen, ein unabhängiges Polen zuzulassen. Und sie hatten nicht vergessen, dass der Franzosenkaiser noch kurz vor dem Russlandfeldzug dem Zaren als Bündnisgeschenk ein kleines Stück Polen überlassen hatte. Er hatte dieses Land verschenkt, um die Russen zu täuschen und sie von der Vorbereitung des geplanten Überfalls abzulenken. Zudem hatte er das Herzogtum Warschau bereits vor Kriegsbeginn in Not und Elend gestürzt, es an Menschen und Material aufs Schlimmste ausgeplündert. Von den 115 000 polnischen Soldaten, die als Teil der Grande Armée in Russland einmarschiert waren, kehrte nicht mal jeder vierte zurück. Trotz all diesem Ungemach für Polen hielt Fürst Poniatowski dem Franzosenkaiser weiterhin die Treue. Desgleichen auch König Friedrich August I. von Sachsen und Herzog von Warschau. Dabei hätte der erst von Napoleon zum König gemachte Sachse gern die Seiten gewechselt, doch ihm fehlte der dazu nötige Mut. Als dann sogar das große Kaiserreich Österreich gegenüber Frankreich Neutralität wahrte, beließ er es bei seiner Untertänigkeit gegenüber Napoleon.
Anders die Preußen. Das 1807 von Napoleon besetzte Land litt seitdem unsäglich unter den Abgaben an die französischen Besatzer. Die im Land stationierte Grande Armée wollte nicht nur bestens verpflegt werden, zu ihrem Unterhalt musste die Bevölkerung auch Sachlieferungen, Spanndienste und Arbeitsleistungen erbringen. Im Februar 1812 hatte Napoleon den Preußen auch noch einen Bündnisvertrag aufgezwungen. Dieser Vertrag erhöhte nicht nur die Belastung des einfachen Volkes, in ihm wurden auch der Adel und das Königshaus zu Abgaben verpflichtet. Außerdem nutzte Napoleon das preußische Königreich als Aufmarschgebiet seines längst geplanten Russlandfeldzuges. Die dabei erfolgten Requisitionen waren regelrechte Plünderungen, bei denen den einfachen Menschen noch das Allerletzte weggenommen wurde. Außerdem forderte Napoleon die Bereitstellung von 20 000 Soldaten. Auch von ihnen überlebten nur wenige den Russlandfeldzug 1812/13. Die Menschen atmeten auf, als endlich der letzte französische Soldat aus Preußen abzog. Doch jetzt, nach kaum einem Jahr, kehrte der Franzosenkaiser mit einer neuen Armee zurück und stand schon tief in deutschen Landen. Kleine Fürstentümer, allen voran die Rheinbundstaaten, hatten ihn widerstandslos durchmarschieren lassen.
Trotz des erfolgreichen Vorstoßes und der Ankündigung Napoleons, Berlin dem Erdboden gleichzumachen, wechselte Preußen im Vertrag von Kalisch auf die Seite Russlands, zumal Österreich Neutralität zusicherte. Am 27. März 1813 erklärte Preußen Frankreich den Krieg. Ende April überschritt Napoleon bei Weißenfels die Saale und drängte die Truppen der russisch-preußischen Koalition weit zurück. Doch sein wichtigstes Vorhaben, Berlin zurückzuerobern, scheiterte am Widerstand der nun gemeinsam kämpfenden Preußen und Russen. Auf der Linie Torgau, Annaburg, Doberlug, Senftenberg, Hoyerswerda bis kurz vor Bautzen kam es zu vielen Gefechten und Plänkeleien, die jedoch keinem der beiden Lager ersichtliche Vorteile verschafften.
Im Kampf gefallen
Inzwischen erreichte der Verband des Fürsten Poniatowski das Kampfgebiet. Am 20. Mai 1813, nahe dem Dorf Klix an der Spree, wurde Dietrich Schlüter, Gertraudes Ehemann, von einer feindlichen Büchsenkugel getroffen. Der Trupp hatte sich gerade zu einer Rast niedergelassen und die Tornister abgesetzt, sodass die Kugel ungehindert in seinen Rücken drang und ihn auf der Stelle tötete.
Am 4. Juni 1813 vereinbarten Napoleon und die Koalition aus Preußen und Russland einen Waffenstillstand. Auf schlesischem Gebiet wurde entlang der Oder eine mehrere Kilometer breite neutrale Zone eingerichtet, die sich nach Süden hin bis zur böhmischen Grenze erstreckte. Alle drei Heere nutzten den Waffenstillstand, um ihre Armeen aufzufrischen und in vorteilhaftere Positionen zu bringen. Der Verband des Fürsten Josef Poniatowski wurde dem 8. Korps unter Marschall Macdonalds zugeordnet. Napoleons Hauptheer lagerte während des Waffenstillstandes im östlichen Gebiet des verbündeten Sachsens. Dabei plünderte das französische Heer die Bevölkerung ebenso brutal aus wie vordem die Preußen. Bislang war es den meisten Sachsen egal, welcher Herrscher regierte, sie erduldeten das ihnen auferlegte Schicksal, solange sie nicht allzu sehr hungern mussten. Doch jetzt requirierten die Franzosen sogar den allerletzten Brotkanten. Am liebsten hätten sie den Müttern noch die Milch aus der Brust gesogen, so gierig und gefräßig führten sie sich auf. Das waren nicht mehr die Franzosen, die die Sachsen bisher wegen ihrer feinen Lebensart bewundert hatten. Die einfachen Menschen hatten endgültig genug von diesem größenwahnsinnigen Kaiser, der ihnen ihre Männer und Söhne wegnahm und dafür Hunger und Elend brachte.
Angesichts dieser Zustände befürwortete ein großer Teil des Adels und des gebildeten Bürgertums den Anschluss an die immer stärker werdende russisch-preußische Koalition. Doch Friedrich August I. ließ sich nicht umstimmen und hielt an seiner frankreichfreundlichen Politik fest. Am 11. August 1813 eröffnete die Koalition, der nun auch Österreich beigetreten war, die neuen Kämpfe. Russland und Preußen überschritten die Oder und marschierten in Richtung Sachsen, während die österreichischen Truppen über Böhmen in Sachsen einmarschierten und Dresden besetzten. Bereits wenige Tage später eroberte die aus Schlesien heraneilende Hauptarmee Napoleons Dresden zurück. Dabei trieben sie die Österreicher weit hinein ins Böhmische. Danach wandte sich Napoleon gen Norden, um Berlin zu erobern. Der Widerstand war jedoch zu groß. Bei Groß Beeren wurde sein Vormarsch von den verbündeten schwedischen, russischen und preußischen Truppen nicht nur gestoppt, er musste sich sogar bis Wittenberg zurückziehen.
Anfang Oktober sammelte Napoleon sein Heer in Leipzig, um den anrückenden Feind zu stellen und zu schlagen. Am 14. Oktober kam es zu einem ersten Aufeinandertreffen. Der Kampf, nur ein Geplänkel zwischen 15 000 Kavalleristen, verlief zur vollsten Zufriedenheit des französischen Feldherrn. Am 16. Oktober 1813 begannen die eigentlichen Kämpfe. Die französische Artillerie fügte den anrückenden Verbündeten so große Verluste zu, dass Napoleon sie geschlagen glaubte und in der Stadt die Siegesglocken läuten ließ. Zu früh, der die Schlacht entscheidende Sieg blieb aus. Am nächsten Morgen liefen die sächsischen Truppen zu den Koalierten über, für den Franzmann wollte man sich nicht noch totschießen lassen. Im Verlauf des dritten Tages gelang es, Napoleons Heer samt den wenigen verbliebenen Verbündeten einzukesseln.
Um nicht auch noch die polnische Nachhut des 8. Korps zu verlieren, ernannte Napoleon Fürst Józef Poniatowski zum Marschall von Frankreich. Dieser Ehre wegen, dessen war sich der große Feldherr gewiss, würde sich auch der letzte Pole für Frankreich opfern. Als sich der Sieg der Koalition abzeichnete, verließ Napoleon die umkämpfte Stadt. Geschützt von seiner kaiserlichen Garde, passierte er die Lindenauer Brücke. Diese Brücke war die einzige sichere Passage über die ein gewaltiges Hochwasser führende Weiße Elster. Wie vorausgesehen, verteidigte Marschall Poniatowski mit seinen Schützen das östliche Flussufer, bis der Hauptteil der französischen Armee die Brücke Richtung Frankreich überquert hatte. Der treffsichere Beschuss durch die österreichische Artillerie forderte jedoch so zahlreiche Opfer, dass der anrückende Feind nicht länger aufgehalten werden konnte. Als sich die ersten preußischen Blauröcke der Brücke näherten, wurde diese auf Befehl Napoleons gesprengt. Die gewaltige Detonation zerfetzte hunderte, sich noch vor und auf der Brücke drängende Franzosen. Damit war auch der von Fürst Poniatowski befehligten Nachhut der Fluchtweg abgeschnitten. Um die 20 000 Franzosen, Rheinbundsoldaten und Polen saßen in der Falle. Wer sich nicht dem Feind ergeben oder im Kampf Mann gegen Mann getötet werden wollte, musste durch das Hochwasser der Weißen Elster. Nur wenige Polen erreichten das andere Ufer, wo sie von den Siegern gefangen genommen wurden. Fürst Poniatowski und Gertrauds Sohn Hagen waren nicht unter ihnen.
Die Nachricht vom Tod ihres Sohnes überraschte Gertraud nicht wirklich. Schon als die Kunde von Napoleons Niederlage bei Leipzig eintraf, bemächtigte sich ihrer ein derartiger Schmerz, wie ihn eine Mutter sonst nur angesichts ihres toten Kindes widerfährt. So tat sie auch die Mitteilung eines recht zerlumpten Soldaten, er habe Hagen Tage nach der Schlacht noch lebend gesehen, als Lüge ab, sah darin nur das Bestreben des Überbringers, ob der guten Nachricht großzügig beköstigt und vielleicht sogar neu eingekleidet zu werden. Gertraud gab ihm zwar zu essen und reichlich Proviant, doch danach schickte sie ihn wieder vom Hof. Im Dorf entsetzte man sich über die Hartherzigkeit der Schlüterin. Erst als immer mehr Soldaten mit »guten Nachrichten« anklopften, bezweifelten einige Frauen die tröstenden Erzählungen. Doch erst, als auf einem polnischen Anwesen solch ein Bote die Bäuerin des nachts vergewaltigte und ausraubte, verstand endlich die Letzte, welche Gefahr die Hoffnung auf gute Nachricht barg. Kein einziger der unter Fürst Poniatowski zur Verteidigung der polnischen Heimat ausgezogenen Freiwilligen kehrte heim. Im ganzen Dorf gab es nur noch Frauen, Alte, Kinder und vier Kriegskrüppel, die sich ihre Blessuren bereits 1809, im Kampf gegen die Österreicher, zugezogen hatten.
Magda
Derweil bedrückte Gertraud noch eine andere Sorge. Sie fürchtete um ihren Vater, der sich seit dem Sommer schwach fühlte und das Haus kaum noch verließ. Sicher, Georg war 65 Jahre alt, doch das hatte nichts zu sagen, in der Familie wurden von jeher alle sehr alt. Auf seinen Wunsch hin hatte sie ihm die junge Magd Magdalena, die Tochter von Hagens Amme, zur Seite gestellt. Doch nun war diese guter Hoffnung und konnte wegen des zunehmenden Leibes nicht mehr richtig arbeiten. Gertraud hätte das Mädchen schon längst vom Hof gejagt, wenn es ihr der Vater nicht verboten hätte. Dabei weigerte sich Magdalena hartnäckig, ihr denjenigen zu nennen, mit dem sie Unzucht getrieben hatte. Georg meinte, Gertraud würde sich ebenfalls versündigen, wenn sie Magda, so nannte er die Magd fast zärtlich, so schlecht behandele. Und wenn das arme Mädchen jetzt nicht mehr alle Arbeit schaffe, müsse ihr eben eine andere Magd zur Hand gehen. Die paar Groschen Lohn wollte er gern bezahlen. Gott habe ihm während seines langen Lebens nicht nur aus jeder Not herausgeholfen, er habe ihn auch so reich mit Gütern bedacht, dass er es als seine Pflicht erachte und der Nächstenliebe schulde, diesem armen Kind zu helfen. Die Worte ihres Vaters beschämten Gertraud. Sie wusste ja zu gut, dass es ihrer Schwester Luise ebenso ergangen war. Magda war zwar nur eine Magd und dazu auch noch Polin, trotzdem gehörte sie fast zur Familie. Hagen und sie waren zusammen aufgewachsen, hingen wie Geschwister aneinander. Magda hatte sogar Hagen zuliebe Deutsch gelernt.
Ganz allmählich schlich sich in Gertraudes Überlegungen ein Verdacht. Kein Mädchen aus dem Dorf wäre so spät zu dem abseits liegenden Gehöft gekommen. Und als sie die seitdem verstrichenen Monate nachrechnete, krampfte sich in ihr alles zusammen: Es war sicher nicht nur Barmherzigkeit, warum der Vater das Mädchen so schützte. Im ersten Moment wollte sie Magda zur Rede stellen. Doch dann zögerte sie. Was ist, wenn sie sich irre und Magda damit erst auf die Idee bringe, Hagen als Verführer und Vater ihrer Leibesfrucht anzuzeigen. Am nächsten Tag schickte sie Magda mit einem alten Mantel zum Schneider. Er solle ihn so umändern, dass er Magdas dicken Leib bedecke. Allein mit dem Vater, sprach Gertraud über ihre Befürchtungen. Statt sich über ihr Gerede aufzuregen, lächelte der Alte. Es sei wie sie vermutet, in ein paar Wochen werde sie ein Enkelkind auf dem Arm wiegen. Dabei strahlten Georgs Augen, als ob ihm der Herrgott einen Blick ins Paradies gewährt. Hagen sei bereits in der fraglichen Nacht zu ihm gekommen und habe ihm gebeichtet, dass er und Magda gegen das Keuschheitsgebot verstoßen hätten. In der Stunde des Abschieds hatten sie sich ihre Zuneigung gestanden, die sie schon lange füreinander spürten. Dass es jedoch zur Sünde gekommen sei, daran trage er, Hagen, allein die Schuld. In seinem Abschiedsschmerz habe er Magda über die Maßen bedrängt. Unter Tränen bat er den Großvater, für sie zu sorgen, falls er nicht wieder heimkehre. Und das habe er dem Jungen versprochen.
Georg schwieg, Tränen liefen ihm über die Wangen. Da schenkt ihm der Herrgott einen Enkel und Magda sagt keinen Mucks, fragt er sie nach dem Kindsvater. Sie sagt, sie gehe eher ins Moor, als den Namen preiszugeben. Selbst ihrer Mutter hat sie es nicht gesagt. Auf Betreiben des Priesters hat sie daraufhin ihr einziges Kind aus dem Haus jagen müssen.
Eine verzwickte Situation. Es war zu spät, um das Mädchen zur Vertuschung ihrer Sünde in ein sächsisches Kloster zu bringen. Ein hiesiges Kloster verbot sich für Gertraud ohnehin. Ihr erstes Enkelkind sollte keinesfalls im Beisein katholischer Nonnen geboren werden. Einen Ehemann zu kaufen kam erst recht nicht infrage. Die Dörfler hätten sicher die Wahrheit herausgefunden oder eigene Vermutungen beigesteuert.
Das von ihrer Mutter verstoßene Mädchen weiterhin auf dem Schlüterhof zu dulden und es als Nächstenliebe auszugeben, war in Georgs Augen die einfachste Lösung. Magda trage schließlich den späteren Hoferben unter dem Herzen, und der gehöre nun mal aufs Anwesen. Vater und Tochter einigten sich, vorerst alles so zu lassen, wie es war, zumindest für die Leute. Magda sollte jedoch wissen, dass für sie und das Kind stets gesorgt würde. Sie beschlossen, dass Magda und das Kind einige Zeit in Sachsen leben sollten. Dort könne sich Luise um sie kümmern, ihr Manier beibringen und sie in der französischen Sprache und allem Notwendigen unterrichten lassen. Beide, der künftige Hoferbe und seine Mutter, mussten zu ebenbürtigen Familienmitgliedern hergerichtet werden. Georg war sicher, dass in einigen Jahren niemand mehr nach einem Trauschein fragt. Jeder wusste, dass während des Krieges manches Paar am letzten gemeinsamen Tag noch schnell heiratete oder sich zumindest segnen ließ. Zudem wurden im Krieg viele Geistliche getötet, ihre Pfarrhäuser zerstört und die Kirchenbücher vernichtet. So konnte niemand beweisen, dass Magda und Hagen das Kind in Sünde gezeugt hatten. Nach diesem Gespräch übernahm Gertraud die Sorge um die junge Frau. Während des sonntäglichen Mittagstisches bat sie Magda, ihr am Nachmittag bei Näharbeiten zu helfen. Sie kam der Bitte ohne Argwohn nach. Die beiden Frauen waren allein im Haus, Gertraud hatte alle anderen weggeschickt. Auch ihr Vater verzog sich. Als er nach einer guten Stunde zurückkam, hantierten beide Frauen in der Küche. Gertraud nickte ihm freudig zu, und der alte Hofbauer konnte nicht anders, als Magda in die Arme zu nehmen.
Am zweiten Adventsonntag des Jahres 1813 gebar Magda einen Sohn. Gertraud und die junge Mutter einigten sich auf den Namen Johannes. Anfangs gab es im Dorf reichlich Gerede. Einige behaupteten, dass Georg für die junge Frau sorge, weil er der Vater sei. Während sich Gertraud empörte, belustigte es ihren Vater aufs Köstlichste. Er meinte, das Gerede sei im Wirtshaus geborener Neid, der aus berauschten Köpfen quoll. Und wenn es wirklich so wäre, könnte sie doch stolz sein, welch ein gesundes und kräftiges Kind er in seinem Alter noch zu zeugen vermochte. Eine andere Sache wurde dagegen in aller Heimlichkeit durchgeführt: Magda wünschte sich, das ihr Kind alsbald getauft wird. Eine heikle Angelegenheit bei einem Bankert. Die dazu nötige Vorsprache beim katholischen Pfarramt in Petrikau und eine den Umständen entsprechende Spende übernahm Georg. Es blieb sein Geheimnis, mit welchen Argumenten er den Pater überzeugt hat. Als Taufpatin wurde Magdas Mutter beurkundet. Auch mit ihr hatte Georg lange gesprochen und sich dafür bedankt, ein so gutes und rechtschaffenes Kind großgezogen zu haben.
Napoleon ade! Das Ende des polnischen Traumes
Mit der Niederlage Napoleons bei Waterloo und seiner Verbannung nach St. Helena verlor Frankreich seine Vormachtstellung in Europa. Auf dem Wiener Kongress beschlossen die Signatarmächte Österreich, Russland, Preußen, Großbritannien, Frankreich, Spanien, Portugal und Schweden in einem Bündnisvertrag die Neuaufteilung Europas und die Rückkehr zur absolutistischen Ordnung. Auch das Großherzogtum Warschau wurde wieder zum Königreich Polen. Das hielt die anliegenden Siegermächte nicht davon ab, sich schnell noch einige Landstriche abzuzwacken: Das Großherzogtum Posen und ein kleineres Gebiet oberhalb der Weichsel samt der Stadt Tourn nahm sich Preußen. Die Teile Galiziens, die Österreich erst 1772 besetzt hatte, blieben weiterhin österreichischer Besitz. Nur Krakau, die alte Königstadt, wurde laut Vertrag zur Freien Stadt erklärt. Die dem Königreich Polen im Wiener Vertrag zugesicherte Eigenständigkeit stand sowieso nur auf dem Papier. Den Königsthron vereinnahmte Zar Alexander I. mit der Macht seiner Person. Er ernannte seinen Bruder Konstantin zum Militärgouverneur von Warschau und zum Oberbefehlshaber der polnischen Armee. Ansonsten interessierten ihn die Belange des Landes nur wenig.
So kam es, dass unter der Führung des polnischen Fürsten und Zarenfreundes Adam Czartoryski, sogar die fortschrittlich-liberale Verfassung von 1791 wieder in Kraft gesetzt wurde. In ihr war nicht nur das Recht zur öffentlichen Ausübung aller Glaubensrichtungen verankert, sondern auch die Unantastbarkeit privaten Besitzes. Außerdem konnte jeder Pole werden, der mindestens fünf Jahre im Land lebte und Polnisch sprach. Damit waren jedoch nicht alle polnischen Würdenträger einverstanden. Vor allem der katholische Klerus befürchtete durch die Glaubensfreiheit einen Machtverlust. Auch in großen Teilen des Landadels regte sich Widerspruch, denn in dieser Verfassung wurden die Enteignung und Vertreibung der ungeliebten Protestanten unter Strafe gestellt. Gewiefte Verfassungsgegner fanden jedoch eine Hintertür. Nach Paragraph 27 durfte von einem Privatmann das Opfer seines Eigentums gefordert werden, wenn es der öffentliche Nutzen verlangte. Da Verwaltungen und Ämter fast durchweg mit Polen besetzt waren, fand sich stets ein kaum zu widerlegendes öffentliches Erfordernis.
Von da an verschlechterte sich die Lage für die im Königreich Polen lebenden Deutschen dramatisch. Am schlimmsten traf es die erst in der preußischen Zeit eingewanderten Kolonisten, die in rein deutschen Dörfern lebten und oft kein Wort Polnisch sprachen. Angespornt durch den katholischen Klerus, verjagten die Polen die deutschen Siedler von ihren Höfen und leerten deren Speisekammern und Ställe. Anfang 1816 kam es zu einer Vielzahl dermaßen brutal durchgeführter Enteignungen, dass sich die russische Obrigkeit zum Einschreiten genötigt sah. Die Duldung derartiger Willkür unterster polnischer Verwaltungsbeamter gegen deutschstämmige protestantische Untertanen könnte in Preußen Missfallen erregen. Schließlich war man mit dem protestantischen Preußen nicht nur verbündet, sondern auch eng verwandt. Außerdem hatte die russische Seite nicht vergessen, dass erst vor gut zwei Jahren 100 000 Polen, gemeinsam mit Frankreichs Grande Armée, in Russland eingefallen waren. Und Zar Alexander I. hatte noch nicht verwunden, dass der polnische General Fürst Józef Poniatowski Napoleon bis zum letzten Atemzug diente, obwohl er ihm mehrfach einen Seitenwechsel angetragen hatte. All dies veranlasste den Zaren, die im Wiener Vertrag zugesicherte Unabhängigkeit und Eigenständigkeit des polnischen Staates noch kräftiger zu beschneiden. Der seit dem Thronfolgekrieg von 1734 schwelende und nach dem »Ewigen Vertrag« von 1768 offen zutage tretende Hass zwischen Russen und Polen rettete erneut vielen Deutschen und Deutschstämmigen Besitz und Leben. Dem grausamen Treiben der Polen, das in einigen Gegenden ganze Dörfer entvölkert und hunderte Höfe vernichtet hatte, war nun ein Ende gesetzt. Doch die Auswirkungen ließen sich nicht per Verordnung beheben, waren doch die meisten der neuen polnischen Hofbesitzer unfähig oder sogar unwillens, das erbeutete Land zu bestellen. Zudem gab es kaum noch Zugtiere, und die wenigen Bauern, denen ein Pferd blieb, ließen es lieber im Stall. Viel zu groß war die Gefahr, dass marodierende Banden, die sich in den Wäldern herumtrieben, ihnen die Pferde wegnahmen. Und wozu sollte man überhaupt noch ein Feld für die Aussaat vorbereiten, war doch der letzte Sack Saatgetreide längst aufgegessen. In diesem Jahr blieben aber auch die Speisekammern derer leer, die ihre Äcker bestellt hatten. Der Sommer 1816 war so kalt und nass, dass es kaum etwas zu ernten gab. Das Getreide schimmelte bereits auf dem Halm, und das Kartoffelkraut starb schon vor der Blüte ab. Hatten sich doch ein paar kleine Knollen gebildet, faulten sie von innen her. Die fehlenden Erträge verursachten hohe Lebensmittelpreise. Heerscharen besitzloser Landarbeiterfamilien hungerten entsetzlich, nirgends gab es etwas zu verdienen. Wer konnte, verließ die heimische Kate, suchte in der Fremde nach Arbeit und Auskommen.
Das war sehr zum Nutzen der vielen kleinen Fabriken, die in den Städten entstanden. Diese benötigten unzählige billige Arbeitskräfte, und die gab es unter den ehemaligen Landarbeitern zuhauf. Man benötigte aber auch besser ausgebildete Leute, die lesen und schreiben konnten. Doch gerade diese einigermaßen gebildeten jungen Leute, hauptsächlich nicht erbberechtigte Söhne und unverheiratete Töchter Deutscher und Deutschstämmiger, verließen der kaum nachlassenden Verfolgung wegen Polen. Sie fanden in schlesischen, sächsischen und preußischen Fabriken gut entlohnte Arbeit und somit bessere Lebensbedingungen. Selbst Hoferben verließen das Land, zogen den in den Fabriken regelmäßig gezahlten Lohn der Unsicherheit und Wetterabhängigkeit des bäuerlichen Einkommens vor.
Wierzeje 1815
Auch in Wierzeje spürte man die Auswirkungen dieser neuen Zeit. Etliche Kinder verließen den elterlichen Hof, weil er die großen Familien nicht mehr ernährte. Gestohlen wurde schon immer. Doch nun war die Not so groß, dass Diebe nicht mal mehr das schützende Dunkel der Nacht abwarteten. Die ärmsten Städter schickten ihre Kinder zum Stehlen auf Felder und Höfe. Oft wurden sie ertappt. Nicht jeder Bauer ließ beim Anblick der Kleinen den Hund an der Kette. Die große Vertreibungswelle ging zum Glück am Dorf vorbei. Das lag vor allem daran, dass es im Ort keine Gemeinschaft nationalistisch eingeschworener Polen gab. Zudem galten die Wierzejer Lutheraner seit Stanislaus II. als Polen und hatten ihre Zugehörigkeit zur polnischen Heimat auf dem Schlachtfeld bewiesen. Ein weiteres Zeichen der neuen Zeit war, dass die ins Soldatenalter gekommenen jungen Männer auswanderten, um nicht in den unmenschlichen Drill des zaristischen Militärdienstes gepresst zu werden. Mit der Hoffnung auf ein besseres Leben liefen sogar die halbwüchsigen Häuslerkinder weg. Selbst diese gerade mal zwölf Jahre alten Kinder hofften darauf, in den Tuchfabriken in Ozorków und Kalisch ihr Glück zu machen. Diese Abwanderung bewirkte einen enormen Arbeitskräftemangel. Dazu kam, wegen fehlender Zugtiere mussten sogar die Pflüge von Menschen gezogen werden. Auf Höfen, die sich keine Tagelöhner leisten konnten, blieben viele Äcker unbestellt oder weiterhin in der Brache liegen. Das waren enorme Verluste, denn gerade jetzt kletterten die Getreidepreise in nie da gewesene Höhen. Wohlhabende Städter lechzten nach feinem Weizenmehl, Honig und Eiern, und die wachsende Arbeiterschaft der Fabriken verlangte nach Brot und Kartoffeln.
Die in Wierzeje verbliebenen Frauen begegneten dieser Misere, indem sie selbst den letzten im Hausgarten herangewachsenen Gemüsestrunk und selbst verkrüppeltes oder madiges Obst auf dem Petrikauer Markt feilboten. Des guten Verdienstes wegen wurde vieles verkauft, was eigentlich den eigenen Kochtopf füllen sollte. Zudem streiften die Kinder unermüdlich durch die Wälder, suchten Beeren und Pilze. Das beste Geschäft machten jedoch jene Familien, die während der Preußenzeit, vor allem wegen der Schnapsbrennerei, ihre Obstgärten vergrößert und zusätzlich Kirschen, Pflaumen und Birnen angepflanzt hatten. Selbst das aus angefaulten oder von Maden durchlöcherten Griebschen gekochte Mus fand reißenden Absatz. Es kamen aber auch Leute ins Dorf, die etwas Entbehrliches wie ein schönes Bild, einen Pelz oder Porzellan im Tausch gegen Lebensmittel anboten. Doch die meisten kamen mit leeren Händen in der Hoffnung, wenigstens ein paar Ähren aufzulesen oder Kartoffeln zu stoppeln. Anfang September lieferten Wierzejer Bäuerinnen erstmals wieder Körbe mit Lebensmitteln in die Häuser der für sie wichtigsten städtischen Beamten. Neben wenigen Polen waren das inzwischen hauptsächlich Russen, die auf Geheiß ihres Zaren hier Dienst taten. Diese Verkäufe bewirkten, dass die bis dahin herrschende Willkür der Verwaltungsangestellten gegenüber den Wierzejer Evangelischen nachließ. Auch wenn in den Ämtern manches Grundbuch verschwand und damit rechtmäßig erworbener Besitz Deutschstämmiger infrage gestellt werden konnte: In Wierzeje wurde niemand enteignet.
Gertraud, die in ihrer Kindheit nicht nur Französisch, sondern auch etwas Russisch gelernt hatte, kam mit dem neuerdings herrschenden Sprachengewirr am besten zurecht und machte gute Geschäfte. Auf den Ämtern verstand ebenfalls kaum einer den anderen. Vor allem die Polen bestanden aus Widerwillen gegenüber der russischen Obrigkeit auf ihrer Sprache. Das in Wierzeje in fast allen Familien seit langem Deutsch und Polnisch gesprochen wurde, erleichterte jetzt vieles, vor allem bei Behördenangelegenheiten. So erhielt Magda ziemlich schnell und ohne größere Zuzahlungen einen Pass für die Reise nach Freiberg. Luise erwartete die junge Mutter schon sehnsüchtig, damit sie ihr in dem großen Haus Gesellschaft leistet. Ihre zwei Töchter hatten inzwischen geheiratet und waren weggezogen. Herold, der Nachzügler, einziger Sohn und ganzer Stolz, war seit wenigen Wochen im Internat der Dresdner Kreuzschule untergekommen. Und Hermann, Luises Ehegatte, bereiste mit einer Expedition Südamerika.
Magda erwartete in Freiberg eine völlig neue Welt. Damit sie nicht wie eine Bittstellerin reisen musste, hatte ihr Georg einige Goldstücke zugesteckt. Ein Sammelsurium aus sächsischen Sechsfach- und Doppeldukaten, preußischen Dukaten und doppelten Friedrichsdór – genug Geld, um sich von einem guten Schneider in städtischer Mode einkleiden zu lassen. Dabei hatte ihr Georg ans Herz gelegt, einen ausreichenden Betrag zurückzuhalten, um im Notfall jederzeit die Heimreise antreten zu können.
Magda war noch keinen Monat weg, da starb Georg. Es schien, als habe er nur noch auf die Nachricht von Magdas sicherer Ankunft in Freiberg gewartet. Für Gertraud ein schwerer Schlag. Obwohl Georg kaum noch das Haus verlassen hatte und in seiner Gebrechlichkeit mehr Last als Hilfe war, fehlte ihr sein Rat und dem Hof der Hofherr. Gertraud traf zwar bereits seit zwanzig Jahren sämtliche Entscheidungen, doch nie ohne diese mit ihrem Vater abzusprechen. Dietrich, ihr Ehemann, hatte ihnen nie dazwischengeredet. Er half nach Kräften bei allen Arbeiten, doch am liebsten ging er auf die Jagd. Dann saß er tagelang auf der Lauer und schoss die Wildschweine ab, sobald sie auf den Feldern zu wühlen begannen. Manchmal besuchten ihn zwei hohe preußische Beamte, um gemeinsam mit ihm auf die Pirsch zu gehen. Dietrich kannte mehrere Stellen, an denen die kapitalen Hirsche wechselten, nach deren Trophäen die beiden Herren gierten. Dieser Dienst wurde ihm reich vergütet, vor allem, wenn ein besonders stattliches Tier zur Strecke gebracht werden konnte.
Gertraud hatte sich schnell damit abgefunden, dass ihr Mann lieber Jäger als Bauer war. Aus diesem Grund gab es zwischen Georg und seinem Schwiegersohn keinen Streit über die Belange des Hofes. Im Gegenteil, Dietrich war froh, dass Georg ihm diese Last abnahm. Dass Dietrich überdies lieber zur Jagd als zur Andacht ging, fand Georg zwar nicht so gut, doch er konnte es ihm nicht verdenken.
Georg war als junger Mann auch nicht gern zur sonntäglichen Andacht gegangen. Ihn ärgerte damals maßlos, dass der Dorfschulze nach der Predigt ans Lesepult trat und jedes noch so kleine Vergehen der Kinder vor der versammelten Gemeinde aufzählte, es als schwere Sünde darstellte und von den Eltern eine entsprechende Bestrafung einforderte. Dabei war der Dorfschulze selbst nicht ohne Sünde. Der Habgier und des Diebstahls beschuldigt, ließ er mittels falscher Aussage und der Macht seines Amtes den von ihm selbst Geschädigten hart bestrafen. Damals beschwerte sich ein Kleinbauer beim Gemeinderat darüber, dass der Dorfschulze den als Gemeindeland geltenden Feldweg zugunsten seines Ackers um drei Pflugbreiten geschmälert habe. Seitdem fuhren alle mit der halben Breite ihrer Wagen über seinen Acker, was beträchtlichen Schaden anrichtete. Nach einer kurzen Befragung des Dorfschulzen, in der dieser alles bestritt, beschuldigte der Gemeinderat den Bauern der Lüge und üblen Nachrede und verurteilte ihn zur Lieferung von zwei Sauen an die Glaubensgemeinschaft. Dieses Urteil verursachte unter der Jugend großen Unmut, denn der Diebstahl war nicht nur am veränderten Verlauf des Weges gut zu erkennen, die unterschiedliche Bodenbeschaffenheit trat deutlich zutage.
Beim nächsten Konfirmandenunterricht wollten die Jungen dem Petrikauer Pfarrer über das falsche Urteil berichten und ihn bitten, sich der Sache anzunehmen. Doch Georgs Großvater Johann riet ihnen damals davon ab. Sie seien noch nicht volljährig, und ihre Aussage habe deshalb keinen Wert. Es sei besser, wenn er selber, als vollwertiges Gemeindemitglied, den Pfarrer bitte, sich bei Gelegenheit und wie rein zufällig, den Landdiebstahl vor Ort anzusehen, um die Ungerechtigkeit aus der Welt zu schaffen. Gegen das Wort des Pfarrers kam der Dorfschulze nicht an, er musste ordentlich Entschädigung zahlen. Später kam dann doch heraus, dass Johann dem Pfarrer den Tipp gegeben hatte. Es dauerte Jahrzehnte, ehe die Angelegenheit in Vergessenheit geriet. Nun war mit Georg der Letzte gestorben, der diesen dreisten Amtsmissbrauch miterlebt hatte.
Wenige Tage nach Georgs Beerdigung sprach einer der jetzigen Dorfräte bei Gertraud vor. Der Dorfrat habe gestern getagt, und man wolle keine Zeit verlieren, ihr die Beschlüsse mitzuteilen: Es betreffe hauptsächlich den Torfstich. Dieser Besitz stehe im Widerspruch zur alten Willkür, nach der das Moor, so es nicht trockengelegt und zum Ackerbau genutzt werde, der Gemeinde gehöre.
Ihre Familie habe den Torfstich zwar angelegt und den ganzen Bereich über die Jahre mühevoll entwässert, aber mit Ackerbau habe das nichts gemein. 1793 habe ihr Großvater Johann dem königlichen Makler zwar einen großen Teile des Sumpfes abgekauft und den Erwerb im Grundbuch eintragen lassen, doch ohne die dafür notwendige Zustimmung des Gemeinderates einzuholen. Damit sei das ganze Geschäft ungültig. Deshalb wurde gestern festgelegt, dass sie die Hälfte vom Verkaufserlös des Torfes an die Gemeindekasse abführen müsse. Angesichts ihres dreifachen Verlustes komme man ihr wohlwollend entgegen und lasse ihr deshalb die Hälfte des Gewinns. Man trauere mit ihr. Und damit sie sich voll und ganz der Trauer hingeben und dem Gebet widmen könne, werde sie der Gemeinderat bei der Bewirtschaftung des großen Anwesens unterstützen.
Sehr wohl überlegte, mitfühlend und besorgt klingende Worte, mit denen die Ratsmitglieder der Trauernden zur Kenntnis gaben, dass sie ihr Anwesen bereits unter sich aufgeteilt hatten. Gertraud wusste im Dorf niemanden, der ihr beim Kampf um ihr Erbe beistehen könnte. Keiner würde es wagen, diese gütig und fürsorglich klingende Entscheidung zu hinterfragen oder gar dagegen aufzubegehren. Die Gemeinderäte hatten viel Macht und legten jeden Widerstand als Verstoß gegen die Gebote aus, selbst wenn es in der Heiligen Schrift ganz anders geschrieben stand. Auch Georg, ihr Vater, hatte sich deswegen oft mit den Ratsmitgliedern gestritten und manchmal sogar über die amtliche Gerichtsbarkeit eine Änderung zugunsten Beschuldigter erwirkt. Und nun konnten sich diese alten Männer endlich dafür rächen. Doch ganz ohne Gegenwehr wollte sich Gertraud den Familienbesitz nicht wegnehmen lassen.
Ein freundlicher Beamter
Am nächsten Morgen fuhr Gertraud nach Petrikau aufs Amt. Sie brauchte dringend einen Beschützer, der diese scheinheiligen Räuber in die Schranken wies. Die russische Obrigkeit hatte bereits viele deutsche Höfe vor der Missgunst der Polen bewahrt, warum nicht diesmal eine Witwe vor der Habgier der eigenen protestantischen Landsleute! Gertraud hatte Glück. Trotz russischer Besatzung arbeiteten in den Ämtern immer noch einige der ehemals preußischen Staatsdiener, die aus Mangel an russischen oder geeigneten polnischen Beamten in den russischen Staatsdienst übernommen worden waren. Der Verwalter der Grundbücher war einer dieser Unentbehrlichen. Im Jahre 1796, als die preußische Kriegs- und Domänenkammer nach Kalisch verlegt wurde, blieb das Archiv des Grundbuchamtes wegen des aufwendigen Transports in Petrikau. Für ein oder zwei Jahre, wie es damals hieß, doch dann ist es dabei geblieben.
Der Portier führte sie bis vor eine Tür im zweiten Stockwerk. Er klopfte recht forsch an und bevor sich Gertraud versah, öffnete er die Tür und schob sie in das Büro. Hinter einem riesigen Schreibtisch saß ein ergrauter Herr und blätterte in einer Akte. Unwirsch über die Störung blickte er auf. Gertraud, die nur einen Schritt hinter der Tür stehen geblieben war, stellte sich vor und schilderte kurz ihr Anliegen. Daraufhin stand der Mann auf, schob einen Lehnstuhl vor den Schreibtisch und bat sie Platz zu nehmen. Er nickte mehrmals verständnisvoll, als sie ihm das Vorgehen der Gemeinderäte und ihre damit verbundenen Ängste schilderte.
Die Notariatsakten und Grundbücher aus der Zeit König Stanislaus August Poniatowskis wären alle noch vorhanden, versicherte ihr der Beamte. Und tatsächlich, es dauerte nur ein paar Minuten, bis er mit den alten Unterlagen aus dem Archiv zurückkam. Ein gewisser Johann Schlüter hatte 1765 sogar eine notarielle Beurkundung anfertigen lassen, in der nicht nur das eben erworbene Land, sondern sämtlicher Grundbesitz aufgelistet und beschrieben war. Als Alleinerbe stünde ein 1750 in Warschau geborener Georg Schlüter in den Papieren. Das sei ihr eben verstorbener Vater, versicherte Gertraud dem Beamten.
Sie selbst habe als Erstgeborene den Hof bereits 1794, anlässlich ihrer Hochzeit, vom Vater überschrieben bekommen. Ihrer Schwester Luise zahlte der Vater das ihr zustehende Erbteil aus, als sie einen aus dem sächsischen Freiberg stammenden Studiosus heiratete. Seitdem lebe die Schwester in Sachsen. Gertraud staunte, als ihr der Mann die Abschrift einer Urkunde aus dem Jahr 1799 vorlegte, auf der Luise und ihr Mann im Beisein eines Notars den Erhalt einer ansehnlichen Summe quittiert hatten. Der Beamte riet ihr, auch wenn es einiges koste, von den Grundbucheinträgen Abschriften anfertigen zu lassen. In der letzten Zeit seien vielerorts Grundbücher verschwunden, und dann wäre es unmöglich, die Unrechtmäßigkeit einer gegnerischen Forderung zu beweisen. Vor Gericht würde so ein Streit in einem Vergleich enden und er sei überzeugt, dass die Gegenseite darauf setzte. Für ein paar Zloty Gerichtskosten gewänne der Kläger dann ein schönes Stück Land. Es sei außerdem sinnvoll, einen Satz der Abschriften der in Freiberg lebenden Schwester zukommen zu lassen. Nur zur Sicherheit, für den Fall, dass ihr als Erstgeborene, ein Unglück zustoße oder, Gott behüte, der Hof abbrenne.
Gertraud war auf dem Stuhl zusammengesunken. Wofür habe sie denn ihr ganzes Leben gearbeitet, wenn ihr nun alles weggenommen werden kann? Doch am meisten erschütterte sie, dass Gott und die ganze Gemeinde billigend zusahen, wenn Angehörige der eigenen Glaubensgemeinschaft die Gebote missachteten, um sich zu bereichern. Wut und Kampfesgeist stiegen in ihr auf. Ganz so einfach, wie die glaubten, wollte sie es diesem habgierigen Bauernvolk nicht machen! Sie wird Hermann und Luise bevollmächtigen, für den Fall ihres Todes die Verwaltung des Hofes und die Vormundschaft über den von Magda geborenen Hoferben Johannes und ihre eigenen unmündigen Töchter Katharina und Elisabeth zu übernehmen. Dazu wird sie sogar beeiden, dass Johannes Hagens Kind sei und Magda die während des Krieges rechtmäßig angetraute Braut. Im Krieg verschwinden nun mal alle möglichen Papiere, nicht nur Grundbücher! Gertraud entschloss sich zu dieser Aussage, um auszuschließen, dass Magda das Brandmal einer der Unzucht verfallenen Magd aufgedrückt bekommt. Denn so ein »sündiges Stück Mensch« hatte in den Augen der Gemeinderäte und des Dorfschulzen nicht das geringste Recht auf Anhörung, geschweige ihr Bankert Anspruch auf einen so großen Hof. Nur mit dem vor Gott geschlossenen Ehebund und einem von ihr, Gertraud, bereits zu ihren Lebzeiten bestimmten Vormund sowie vollständigen Papieren bestand die Aussicht, Georgs Erbe zu retten. Gertraud kannte Luises Ehemann Hermann zwar nur aus Georgs Erzählungen. Doch so wie er Magda und den kleinen Johannes aufgenommen hatte, musste er ein guter Mensch sein. Dieser Gedanke gab ihr wieder Zuversicht. Sie fasste sich und kehrte in das unterbrochene Gespräch zurück.
Der freundliche Beamte hatte ihre Erregung bemerkt und gewartet. Nun erkundigte er sich, ob der Hof die unruhigen Zeiten gut überstanden habe und ob sie mit der Bestellung ihrer Felder vorankomme. Gertraud erzählte, dass sie, wie alle Bauern, kein einziges Pferd mehr besitze. So bliebe ihr nichts weiter übrig, als einen Großteil der Felder brach liegen zu lassen. Sie habe zwar drei Kühe, doch die möchte sie nicht vor den Pflug spannen. Kühe seien langsam, und wenn sie so schwer arbeiten müssen, versiege die Milch. Als der Beamte daraufhin fragte, ob sie sich überhaupt neue Pferde leisten könne, wurde sie misstrauisch und verneinte. Mit einem Fremden und dazu noch einem Staatsdiener, würde sie nie und nimmer über ihre Rücklagen reden. Wieder zu Hause, ärgerte es sie, sich nicht nach dem Grund seiner Frage erkundigt zu haben. Als sie einige Tage später die Abschriften vom Amt abholen fuhr, packte sie einen Korb mit zwei Räucherwürsten, einem gut faustgroßen Stück Schinken, einem Glas Honig, einem Pfund frisch geschlagener Butter und einem Leinenbeutel mit getrockneten Apfelringen und brachte es dem freundlichen Herrn als kleinen Dank für seine Hilfe. Sie sagte ihm, dass sie sich zwei Pferde leisten könnte, wenn der Preis nicht zu weit über dem Üblichen läge. Er wolle nichts versprechen, erwiderte der Beamte, aber er würde seinen Neffen Ferdinand um Hilfe bitten. Der stehe in preußischen Diensten und handele mit allem, was das Militär benötige. Dabei komme er viel herum, manchmal bis nach Trakehnen. Auf dem dortigen Hauptgestüt kaufe er von der preußischen Remontekommission ausgemusterte Pferde, um sie an befreundete Gutsbesitzer weiterzuverkaufen. Sein Neffe könne bestimmt zwei brave und nicht allzu teure Tiere auftreiben. Und wenn nicht, würde er seinen ehemaligen Vorgesetzten und jetzigen Oberpräsidenten der preußischen Provinz Posen, Joseph von Zerboni, um zwei oder drei ausgediente Armeepferde bitten. Früher bekam man solche Tiere fast umsonst, holte die meisten dieser abgehalfterten Geschöpfe der Abdecker. Doch dieser Krieg kostete zu viele Pferde. Sie sind so rar, dass selbst die gebrechlichsten Klepper umhegt und gepflegt werden. Der Mann atmete geräuschvoll aus. Und so kurz nach Kriegsende, fuhr er fort, sei ein wirklich gutes Gespann kaum zu bekommen und koste richtig viel Geld. Wenn sie es möchte, würde er seinen Neffen bitten, ihr die Hälfte des Preises bis nach der Ernte zu stunden.
Dieses Stundungsangebot war für Gertraud ein Zeichen des Himmels. Nicht des Geldes wegen, davon hatte sie genug im Sparstrumpf. Ihr gefiel der Mann, er schien einen Sinn für Gerechtigkeit zu besitzen, und sie war sich sicher, mit ihm könnte sie den Hof retten. Dazu müsste er sie in Wierzeje besuchen. Das würde die Gemeinderäte verunsichern, war sie doch immer noch eine recht ansehnliche Frau und außerdem im Witwenstand. Sie nahm all ihren Mut zusammen und fragte, ob er sich denn nicht ihr Anwesen ansehen möchte, um sicher zu sein, dass sie den Kaufpreis tatsächlich aufbringen könne. Das werde er, wenn sie es unbedingt möchte.
Es vergingen nur ein paar Tage, und der Beamte kam mit einem Einspänner auf den Hof gefahren. Gertraud gefiel, dass er den Wagen ohne fremde Hilfe führen konnte. Er war von der Sulejówskaer Straße her ins Dorf gekommen. Vor dem Gemeindehaus hatte er gehalten und sich bei einigen Halbwüchsigen nach ihrem Hof erkundigt. Dabei hatte er einen der Jungen sogar einsteigen geheißen, um nicht den abzweigenden Weg zu verfehlen. Als Gertraud ihrem Besucher den Torfstich zeigte, gewahrte sie zwischen den Kiefern zwei Gemeinderäte, die sich flugs ins Gebüsch duckten, um nicht entdeckt zu werden. Ihr Plan war also aufgegangen. Die heimlichen Späher konnten nur darüber rätseln, warum die Schlüterin ihren Gast über das Anwesen führte. Ihnen war zwar zugetragen worden, dass Gertraud das Amt aufgesucht hatte, aber nicht weshalb. Es musste in Erwägung gezogen werden, dass sich der stattliche Beamte und die vermögende Witwe als Paar zusammengefunden hatten.
Die Pferde brachte Ferdinand Höfer höchstpersönlich nach Wierzeje. Zugfeste Oldenburger Stuten und im besten Alter, lobte er die Tiere. Er war auf dem Weg nach Kielce und hatte noch weitere Pferde dabei, Reitpferde für einen Oberbergrat und vier überaus edle Kutschpferde für einen hohen russischen Beamten. Gertraud sah sich ihre Stuten genau an, gesunde, ruhige Tiere mit kaum abgeriebenem Gebiss. Die Pferde waren ihren Preis wert und Gertraud zahlte, ohne zu feilschen. Der junge Herr Höfer fragte, ob sie auch Kühe kaufen möchte. Eigentlich handele er nur mit Pferden, doch ein befreundeter Gutsbesitzer im Schlesischen habe ihn gebeten, auf der nächsten Tour ein paar gute Zuchttiere, möglichst Schwarzbunte, aus dem Holsteinischen oder dem Danziger Umland mitzubringen. Ob er nun zwölf oder zwanzig Tiere treiben lasse, mache nichts aus. Schwarzbunte kämen auch mit den hiesigen feuchten Wiesen gut zurecht. Und mit Butter sei gutes Geld zu verdienen, sodass sich die Ausgabe schnell rentiere. Gertraud hätte beinah sofort zugestimmt, doch ihr anerzogenes Misstrauen mahnte sie zur Vorsicht. Sie jammerte, eben ihre ganzen Ersparnisse für die Pferde ausgegeben zu haben und deshalb könnte sie sich höchstens eine Kuh leisten. Erst wenn die Ernte unter Dach und Fach sei, habe sie wieder Geld in der Kasse.
Nach einem Moment des Schweigens bot ihr der junge Mann einen besonderen Handel. Er brächte ihr die Kühe, er denke an vier gedeckte Färsen, ohne jede Bezahlung, wenn sie dafür in Zukunft seine Pferde und Knechte bei der Durchreise für einen oder zwei Tage auf ihrem Hof rasten ließe. Dann könnten die Knechte nachts schlafen, brauchten keine Wache schieben. Und er selbst hätte Gelegenheit für einen Abstecher nach Petrikau, um wenigstens ab und an mit seinen Onkel ein wenig zu plaudern.
So kam es dann auch, wenngleich mit zwei kleinen Änderungen. Neben den vier Färsen brachte Ferdinand Höfer noch einen Bullenfresser mit, ein fast einjähriges, kräftiges, reinrassiges Tier. Ein Jungbulle, der in wenigen Monaten für besten Nachwuchs sorgen würde. Vorerst hätte er jedoch nur Fressen im Sinn, liefe gehorsam mit der Herde mit, ohne Kühen und Färsen allzu viel Aufmerksamkeit zu schenken. Die zweite Änderung betraf den Onkel, Christian Scheibler. Jedes Mal, wenn der Neffe mit seinen Männern und Tieren auf Gertraudes Hof rastete, stand auch des Onkels Einspänner vor dem Haus. Im selben Jahr kaufte Gertraud noch zwei Schleswiger Kaltblut. Eine kräftige Pferderasse, bestens geeignet zum Pflügen des schweren Bruchbodens und zum Holzrücken.
Der Mühen Lohn
Geschäftstüchtig wie Gertraud war, verlieh sie die Pferde gegen Pflugdienste auf ihren Äckern. Dabei war ihr egal, ob sich ein deutscher oder ein polnischer Bauer die Tiere auslieh. Ihr war wichtig, dass ihre eigenen Felder nicht brach liegen blieben. Auf den höher gelegenen trockneren Äckern mussten zudem dringend Mist und Jauche ausgebracht werden, denn der sandige Boden war völlig ausgemergelt. Im Herbst bescherte eine besonders reiche Kartoffelernte außerordentlich hohe Einnahmen. Wer klug war, kaufte Pferde, auch wenn die Preise beträchtlich waren und die Tiere oft den einen oder anderen Mangel aufwiesen. Hauptsache, sie zeigten keinen widerwilligen oder gar steifen Gang, denn das bedeutete kranke Hufe, und die ließen sich nicht kurieren. Der Mangel an Arbeitskräften blieb jedoch das größte Problem. Auch wenn sich die Frauen und ihre halbwüchsigen Söhne noch so mühten, sie waren zu schwach, um den Pflug gerade und in gleichmäßiger Tiefe über den Acker zu führen.
Im Frühjahr 1816 verlangten die wenigen Landarbeiter, die den Krieg heil überstanden hatten, deutlich mehr Lohn, als bisher üblich. Die Männer wussten, dass die größeren Höfe letzten Herbst gut verdient hatten, und nun wollten sie wenigstens einen kleinen Teil davon abhaben. Statt lange zu feilschen ging Gertraud auf ihre Forderung ein. Feldarbeit musste nun mal zu bestimmten Zeiten erledigt werden, schmälerte doch jeder Tag Verzögerung den Ertrag. Dabei erinnerte sie sich der Art ihres Vaters, mit den Landarbeitern zu verhandeln. Georg hatte die Männer stets nach der Güte ihrer Arbeit bezahlt und nie zu knapp. Für besonders sorgfältiges Arbeiten stellte er sogar Zulagen in Aussicht. Und weil er den zugesagten Lohn über all die Jahre tatsächlich ohne Abzüge auszahlte, fragten die Männer auch dieses Frühjahr zuallererst auf dem Schlüterhof nach Arbeit. Für Gertraud war es die größte Freude zuzusehen, wie die blanken Pflüge das Erdreich umbrachen und sich der Boden unter den Eggen in ein weiches, feinkrümeliges Saatbett verwandelte. Auf ihren Feldern grünte bereits die Saat, als bei ihren Nachbarn gerade mal mit dem Pflügen begonnen wurde. Vor der Heumahd wiederholte sich die Feilscherei. Gertraud konnte es sich mit ihrem vollen Kuhstall und vier Pferden nicht leisten, das Gras auf den Wiesen zu lange stehen zu lassen. Sie brauchte unbedingt noch den spätsommerlichen Grummetschnitt, um ausreichend Winterfutter auf dem Heuboden liegen zu haben. Nicht auszudenken, wenn sie drei oder vier Kühe wegen Futtermangels verkaufen oder schlachten müsste. Auch wenn sie die Lohnforderung der Landarbeiter als unverschämt empfand, sie zahlte. Doch nun sah sie viel genauer hin, wie die einzelnen Leute arbeiteten. Sie ermahnte, wo notwendig, kürzte allerdings niemandem den Lohn. Aber sie merkte sich jede Kleinigkeit. Es könnte einige Zeit dauern, doch spätestens in drei oder vier Jahren wird es sicher wieder mehr Arbeiter als Arbeit geben. Und dann bestimmt sie wieder die Höhe des Lohnes und auch, wer auf ihrem Hof sein täglich Brot verdient. Bis dahin heißt es sich dreinzufinden und Gott zu danken, dass es nicht noch schlimmer gekommen war.
Den halben Mai und den ganzen Juni regnete es keinen Tropfen. Durch die späte Aussaat erreichten die Getreidewurzeln nicht die notwendige Tiefe, um die Trockenheit ohne Schaden zu überstehen. Auf vielen Feldern trugen die Ähren Schmalkorn oder waren sogar im Halm stecken geblieben. Auf den wenigen Feldern, auf denen die Ähren volle Körner trugen, verhinderte der oft nur schlecht gepflügte Boden eine gleichmäßige Reife. Ausgereifte gelbe Ähren mischten sich mit grasig grünen. Solche Felder waren der größte Gräuel eines Bauern, denn dieses Farbspiel bedeutete hohe Verluste. Auch wenn die Schnitter sich noch so mühten, inzwischen überreife Ähren verloren den Großteil ihrer Körner bereits während der Mahd und des Bindens der Garben. Das sollte nicht das einzige Übel dieser Ernte bleiben. Niemand rechnete damit, dass die üblichen Sommergewitter in einen nicht enden wollenden Regen übergingen und die auf den Feldern stehenden Puppen schimmeln ließen.
Nicht so Gertrauds Weizen. Rechtzeitig gesät und gleichmäßig aufgelaufen, hatte ihm die spätere Trockenheit kaum geschadet. Die kräftigen Halme trugen schwer an den vollen Ähren. Gut eine Woche vor den ersten Gewittern war auch das letzte der gelbgolden wogenden Felder gemäht. In der Sommerhitze trockneten die zu Puppen aufgestellten Garben innerhalb weniger Tage restlos aus, sodass mit dem Einfahren begonnen werden konnte. Es war noch kein einziges Wölkchen zu sehen, da war die letzte Fuhre eingebracht. Jetzt hätte Gertraud mit ihren Gespannen anderen Familien helfen können, doch die meisten hatten gerade erst mit der Mahd begonnen. Außerdem mussten die aufgestellten Garben noch austrocknen, schon wegen des hohen Anteils unreifen Getreides. Ansonsten setzte man sich der Gefahr aus, dass sich die zu feucht eingelagerten Garben erhitzen und entzünden. Dann wären nicht nur die Ernte, sondern auch Haus und Hof verloren.
Die eigene schlechte Getreideernte nahmen etliche alte Männer zum Anlass, mit übler Nachrede über die Besitzerin des Schlüterhofes herzuziehen. Ihres Wissens nach konnte es nicht mit rechten Dingen zugehen, dass der Weizen auf manchen Feldern dicke Ähren trug und woanders im Halme stecken blieb. Die allen gut bekannte Bäuerin wird wohl einen Pakt mit den Ungläubigen eingegangen sein, die neuerdings in großer Zahl auf ihrem Hof ein- und ausgingen.
Damit meinten die Alten zum einen die Katholiken, denen sie ihre Pferde lieh und die dafür auf ihren Feldern arbeiteten. Ihr Hauptärgernis waren jedoch die Petrikauer Juden, denen sie Gemüse, Kartoffeln und Butter verkaufte. Dabei deuchten ihnen zwei dieser Nachkommen Abrahams von besonderem Übel. Der erste war der jüdische Wollhändler, der stets um die Pfingstzeit mit irgendwelchem Gesindel einige Tage auf ihrem Hof Quartier nahm und dem Schäfer bei der Schafschur zur Hand ging. Der zweite war ein Viehhändler, der für deren Pessachfest die überzähligen Lämmer der Schlüterschen Schafherde aufkaufte. Dieser Mann war für sie der Durchtriebenste, Gierigste, Brutalste und deswegen Verachtungswürdigste unter all dem schmierigen Gelichter, das sich auf dem Schlüterhof herumdrückte. Jeder anständige Christ wüsste, dass dieser Unmensch den armen, unschuldigen Tieren in der Nacht vor dem Fest den Hals in Höhe der Kehle aufschnitt, damit alles Blut aus ihnen herausflösse. Als ob sie es selbst gesehen hätten, beschrieben die alten Männer, wie entsetzlich es anzuschauen sei, bis die Lämmchen mit aufgerissenem Maul, hervorquellenden Augen und herausgestreckter Zunge tonlos blökend verendeten. Nicht umsonst bezeichnete bereits der Reformator dieses Volk als Natterngezücht und schlimmsten höllischen Abschaum.
Dieses Geschwätz bewirkte, dass die kleineren Kinder vor Gertraud davonliefen, um sich hinter den Röcken ihrer Mütter zu verbergen. Die Halbwüchsigen versteckten sich jedoch auf dem Hof, wollten den Grusel mit eigenen Augen sehen. Selbst während der sonntäglichen Andacht wurde unvermindert hinter Gertraud getuschelt. Am liebsten wäre sie nicht mehr ins Gemeindehaus gegangen und stattdessen zum Gottesdienst nach Petrikau gefahren. Doch damit hätte sie auch noch den bislang schweigenden Rest der Gemeinde gegen sich aufgebracht.
Der Heiratsantrag
Zu Erntedank rastete Ferdinand Höfer erneut auf ihrem Hof. Wie jedes Mal kam sein Onkel Christian mit seinem Einspänner nach Wierzeje. Nach dem Abendessen erzählte Gertraud von den offenen Anfeindungen und dass man ihr vorhielt, sich nicht wie eine Witwe zu verhalten. Dabei sei ihr Mann im Mai 1813 gefallen und selbst ihr Vater schon ein ganzes Jahr unter der Erde. Für einige Minuten kehrte Stille ein. Doch dann stand Herr Christian Scheibler von seinem Stuhle auf und kniete vor Gertraud nieder. In dieser Haltung bat er sie, mit ihm vor den Altar zu treten und damit ihr Witwendasein in aller Öffentlichkeit zu beenden. Er selbst sei schon seit Längerem verwitwet und scheide in wenigen Jahren mit einer guten Pension aus dem Staatsdienst aus.
Nach dieser Erklärung trat wieder Stille ein, denn nicht nur Gertraud hatte es die Sprache verschlagen, auch dem weltgewandten Ferdinand stand großes Staunen im Gesicht. Nachdem sich Herr Scheibler wieder gesetzt hatte, erzählte er, dass er schon seit Gertrauds erstem Besuch im Amt tagtäglich darum gebetet habe, dass Gott ihm diese große Gnade gewähre. Er habe sie sofort wiedererkannt. Vor vielen Jahren, sie war damals gerade guter Hoffnung, war er mit einem Freund auf ihrem Hof zu Gast gewesen. Ihr Mann Dietrich hatte gut angefüttert, und sie erlegten einen ansehnlichen Keiler. Seitdem habe das Gewaff des prächtigen Tieres im Herrenzimmer seiner Wohnung einen Ehrenplatz und erinnere an den Besuch.
Am zweiten Advent 1816 wurden Gertraud und Christian getraut. Trauzeugen waren Christians Neffe Ferdinand und dessen Freund Franz Ziller aus Breslau, Kanzleiassistent am schlesischen Oberbergamt. Während der Befreiungskriege hatten beide in der gleichen Kompanie des preußischen Garde-Jäger-Bataillons gedient. Während der Schlacht bei Leipzig erwarben sich Ferdinand und Franz am Katzbach große Verdienste, weswegen sie nach dem Ende des Krieges in den Staatsdienst übernommen wurden. Während Franz sich dem Bergbau zuwandte, blieb Ferdinand dem Militär verbunden, indem er mit Militärbedarf handelte.
Die Willkür hoher und niedriger Obrigkeit
Obwohl in Kongresspolen offiziell Frieden herrschte, versuchten adelige polnische Gutsbesitzer, sich den rechtmäßig erworbenen Grund und Boden der aus deutschen Ländern zugewanderten Kolonisten anzueignen. Die Gesetze ausnutzend, nahmen sich die in den Behörden sitzenden Landadeligen gleich ganze Höfe, indem sie die Besitzer eines Vergehens, meist der Steuerhinterziehung, beschuldigten. Dabei wurden sie von den örtlichen katholischen Kirchenoberen moralisch unterstützt. Diese werteten die Enteignung von Protestanten als besonders gottgefällig, sahen darin die Rückführung guten polnischen Heimatlandes. In ihren Predigten sprachen sie davon, dass die Kolonisten einstmals mit kaum mehr als ein paar schäbigen Habseligkeiten ins Land gekommen waren. Und dass es aller Gerechtigkeit entbehre, wenn sie nun über mehrere Morgen Pachtland oder gar Erbland verfügen, nur weil der damalige Grundherr sie ihr Haus darauf bauen ließ. Altansässigen polnischen Bauern sei keine derartige Großzügigkeit zuteil geworden, denen hat man kaum das täglich Brot gelassen. Dass auch die katholische Kirche für die Nutzung ihres Landes von eben diesen alteingesessenen polnischen Bauern hohe Abgaben forderte, wurde in den Predigten nicht erwähnt. Auch nicht, dass die deutschen Siedler, protestantische wie auch katholische, die Flächen unter größten Mühen erst urbar gemacht hatten. Viele dieser Siedler fürchteten nun um ihr Leben und zogen weiter ostwärts, nach Bessarabien und sogar bis hin zur unteren Wolga. Der große Krieg hatte in Russland ganze Landstriche entvölkert, die neu besiedelt werden mussten. Die aus Polen flüchtenden deutschen Bauern wurden deshalb nicht nur mit Land und Steuerfreiheit beschenkt, der Zar versprach ihnen sogar eine auf ewig geltende Befreiung vom Militärdienst. Im Petrikauer Umland kam es nach dem Ende der Befreiungskriege nur zu einzelnen gewalttätigen Ausschreitungen. Die meisten Deutschen, egal ob protestantisch oder katholisch, waren schon vor Jahrzehnten eingewandert, sprachen Polnisch und galten sogar offiziell als Polen.
Anders in der Stadt, hier zog der aufgepeitschte Mob hauptsächlich durch die Judenviertel und schlug auf jeden ein, der ein Jude sein konnte. Seit 1700 hatten sich in Petrikau besonders viele und auch sehr wohlhabende Juden angesiedelt, die nun ausgeraubt und manchmal sogar aus ihren Häusern vertrieben wurden. Meist verliefen diese Raubzüge ohne größeres Aufsehen, da sich die Juden nur selten wehrten. Sie hofften, dass sich die Plünderer mit ihrer Beute begnügen und der Hass nicht in tödliche Gewalt umschlägt. Da in der Stadt fast die gleiche Anzahl Juden wie Polen lebten und sich längst nicht alle Polen an den Raubzügen beteiligten, stellte sich bald ein gewisser Plünderungsüberdruss ein. Das einfache Volk zog vollgepackt mit Beute wieder ab, während Beamte und Advokaten die Gelegenheit nutzten und eiligst in die vordem von Juden bewohnten Häuser zogen. Für den katholischen Klerus ein äußerst unbefriedigendes Ergebnis. Die Vertreibung der Juden galt zwar ebenfalls als gutes Werk, doch die Protestanten waren für ihn die viel schlimmeren Feinde. Erneut wurde in den Gottesdiensten die Vernichtung dieser Ketzer gefordert. Doch mit einer so offenen Gewalt wie gegen die Juden traute sich niemand gegen die Deutschstämmigen vorzugehen, denn gerade die Protestanten hatten es verstanden, sich bei der russischen Obrigkeit anzudienen.
Im Allgemeinen schritten russische Behörden bei Reibereien zwischen Deutschen und Polen nicht ein. Trotzdem befürchtete man in den unteren von Polen besetzten Verwaltungsebenen, dass die Protestanten bei Beschlagnahmung ihres Eigentums die russischen Behörden zu einer Überprüfung der Rechtmäßigkeit des Vorgangs veranlassen könnten. In der Bestrafung von Amtsmissbrauch waren die Russen gegenüber polnischen Verwaltungsangestellten nicht zimperlich. Schneller als gedacht, landete der Betreffende in Sibirien.
Die erzwungene Zurückhaltung vergrößerte jedoch den Hass auf die Lutheraner und führte zu vielerlei Schikanen. Etliche Verordnungen und Gesetze ließen sich so gestalten, dass keine böse Absicht nachgewiesen werden konnte. So forderte der neue polnische Ortsvorsteher die Wierzejer Lutheraner auf, die deutschsprachige Bibel aus dem Bethaus zu entfernen. Das Bethaus sei ein öffentlicher Ort und in solchen dürfen Schriften nur in den geltenden Amtssprachen ausgelegt und verlesen werden. Die Einhaltung der Anordnung wurde des Öfteren während der Andachten kontrolliert. Aus den Gesangbüchern riss er die Seite mit dem Lutherlied »Ein feste Burg ist unser Gott« heraus und verbot das Singen dieser ketzerischen Hymne. In der Schule durfte nur noch in den Amtssprachen Russisch und Polnisch unterrichtet werden. Da der deutsche Lehrer angeblich weder die russische noch die polnische Sprache ausreichend beherrschte und sich kein anderer Lehrer fand, wurde die Schule geschlossen.
Der Ortsvorsteher war der Ansicht, um ein guter Untertan zu sein, müsse man nicht Lesen und Schreiben können. Lesen und Schreiben sei Sache der Obrigkeit und alles Wichtige, was ein Untertan wissen muss, erfährt er vom Ausrufer. Da wegen der Schulpflicht der Unterricht jedoch nicht gänzlich ausfallen durfte, unterrichtete ein katholischer Priester Religion. Alle Kinder, also auch die Lutheraner, Juden und Orthodoxen, mussten daran teilnehmen. Sprach ein Kind in der Schule Deutsch, hatte es der Priester dem Ortsvorsteher zu melden, damit die Eltern mit einem Bußgeld belegt werden konnten. Am liebsten hätte dieser Mann die Häuser der Evangelischen nach deutschen Schriften durchsuchen lassen. Er vermutete darin schlimmstes Teufelszeug, das die Menschen vom rechten Glauben abbringe und deshalb vernichtet werden müsse. Zum Glück hatten die Lutheraner die kostbare Hauspostille längst wieder versteckt. Außerdem war der Ortsvorsteher der Ansicht, Lesen und Schreiben mindere die Gottesfürchtigkeit. Das sähe man an den Universitäten, wo man Gottes Schöpfung mit angeblicher Wissenschaft zu widerlegen versuche. Ein wahrhaftig gottesfürchtiger Untertan habe einzig und allein seinem weltlichen sowie dem Herrn im Himmel zu dienen, deren Gesetze und Verordnungen einzuhalten und regelmäßig zur Beichte und zur Heiligen Messe zu gehen. Mit dieser Einstellung war er keine Ausnahme. Auch der niedere Landadel betrachtete selbst einfachste Bildung als unnütz, kaum einer konnte lesen oder gar schreiben. Eines Herren Wort galt, und war ein Schreiben unabdinglich, ritt man ins nächste Kloster.
Obwohl die Schule geschlossen wurde, verlangte der Ortsvorsteher weiterhin von den Familien Schulgeld. Einem neuen Lehrer müsse er schließlich Vorschuss und Reisegeld bieten. Und es könne niemand verlangen, dass er diese Kosten aus der eigenen Tasche vorschieße. Dabei war im Dorf längst bekannt, dass er die freie Stelle noch nicht mal bei der Schulbehörde gemeldet hatte.
Boris, der Hauslehrer
Aus diesem Wissen heraus nutzten die Lutheraner ihre guten Kontakte und erwirkten die Genehmigung, zumindest Russisch und Französisch durch Hauslehrer unterrichten zu dürfen. Für die inzwischen gut verdienenden Familien der evangelischen Gemeinde war das keine allzu große finanzielle Belastung. Die Suche nach einem Lehrer übernahm eine Warschauer Agentur, die im Auftrag des Zaren württembergische Bauern für Bessarabien warb. Der junge Mann, der im Frühjahr 1817 in Wierzeje eintraf, hieß Boris Haller und stammte ursprünglich aus Elsass-Lothringen. Neben Deutsch und Französisch sprach er zur Verwunderung aller recht gut Russisch. Die Sprache seiner Mutter, einer russischen Adeligen. Auf dem Weg nach Paris verloren seine Eltern in einer Badener Spielbank alles, wovon sie in Frankreich zu leben gedachten. Der Mann erschoss sich. Die Witwe bettelte reiche Russen an, um sich und ihr Kind zu ernähren. Als Boris sechs Jahre alt war, gab ihn seine Mutter in eine katholische Klosterschule und verschwand. In dem Kloster lebten fast ausschließlich Knaben aus Fehltritten adeliger und reicher bürgerlicher Familien. Sich ihrer Lage bewusst, stopften diese hinter Klostermauern versteckten Abkömmlinge alles verfügbare Wissen in der Hoffnung in sich hinein, später vielleicht doch noch anerkannt und in den Kreis der Familie aufgenommen zu werden. Das geschah jedoch höchst selten. Mit der Volljährigkeit mussten diese Zöglinge eine kirchliche Laufbahn antreten oder die Schule verlassen. Für ein Leben im Zölibat fühlte sich Boris nicht stark genug. Er war mehr Freigeist als gläubiger Katholik und richtete sein Augenmerk bereits als Heranwachsender lieber auf die Mädchen als auf die Heilige Schrift. Gerade erst Zwanzig geworden, hatte er den Ernst seiner Lage soweit verinnerlicht, dass er lieber das Angebot des polnischen Vermittlers annahm, als um Arbeit bettelnd von einer schwäbischen Schreibstube zur anderen zu ziehen. Boris lebte sich unter den Wierzejer Lutheranern gut ein. Sogar so gut, dass er schon im Jahr darauf zum Protestantismus konvertierte. Nun konnte er auch seine Liebste heiraten, eine junge Frau aus der Petrikauer Gemeinde.
Neben den Sprachen unterrichtete der Herr Lehrer die Jugend auch in der französischen Manier, um sich in vornehmer Gesellschaft, so sie irgendwann darin Eingang fänden, nicht wie die sprichwörtlichen Bauerntrampel aufzuführen. Mit großer Begeisterung erlernten seine Schüler zudem die neuesten Tänze und wie man dabei mit dem Tanzpartner kokettierte. Bisher galt ein Mädchen als unzüchtig, wagte sie es, ihren Tanzpartner während des Tanzes erhobenen Hauptes anzulächeln. Ebenso galt es als Heiratsversprechen, berührte ein junger Mann mit seinen Lippen beim Handkuss die Fingerspitzen einer ledigen jungen Frau. Und nun sollte all dies Tanz sein und nicht mehr Sünde. Für die Gemeinderäte war das eine Entgleisung der Sitten, die der Unzucht Tür und Tor öffne. Und noch schlimmer, der Gehorsam der Kinder gegenüber ihren Eltern würde infrage gestellt. So hatte sich doch vor wenigen Wochen eine zu verheiratende Tochter geweigert, den ihr zugedachten Bräutigam zum Manne zu nehmen, und einige der jungen Mädchen und Frauen gingen lieber zum Tanzen als zur Andacht. Die alten Männer und etliche Familienväter waren sich einig, sollte die Jugend nicht in Sittenlosigkeit und Unzucht enden, musste dieser anstößige Zeitvertreib schnellstens unterbunden werden. Schon am Tag darauf wurden sämtliche Tanzvergnügen verboten. Für viele Eltern eine Erleichterung, lebten sie doch in ständiger Angst, dass ihre Töchter durch diese losen Manieren verführt und zur Unzucht verleitet werden könnten. Nicht auszudenken, welche Kosten und welche Schande dann die Familie träfe. Doch die jungen Leute hatten an den fröhlichen Nachmittagen Gefallen gefunden und suchten Wege, das Verbot zu umgehen. Nun traf man sich halt zu Musizierstunden, sang Kirchenlieder und sagte Gedichte auf. Zwischendurch wurde weiterhin getanzt, doch nicht so lärmend und ausgelassen wie vorher, und sie hüteten sich, davon zu Hause zu erzählen. Es bedrückte sie nicht allzu sehr, damit gegen das vierte Gebot zu verstoßen, denn bei diesem Gebot bestimmten zuallererst die Eltern die Höhe der Strafe und nicht die Gemeinderäte oder gar der Herr Pfarrer. Zu Unzucht war es bei ihren Zusammenkünften noch nie gekommen. Das könnte jeder von ihnen auf das Kreuz Christi schwören. Deshalb hielt sich bei den jungen Leuten die Angst vor einer Bestrafung in Grenzen. Außerdem hörte man in letzter Zeit immer wieder von Menschen, die es in der Fremde zu Wohlstand und Ansehen gebracht hätten. Es konnte also nicht schaden, seinem Benehmen ein paar gute Manieren hinzuzufügen und neben Rechnen, Lesen und Schreiben auch die französische Sprache zu lernen.
Ein besonders Großmäuliger behauptete sogar, wäre der Reformator ein demütiger und gehorsamer Mönch geblieben, gäbe es keine Protestanten. Solche Worte empfanden die Alten als offenen Widerstand gegen die bestehenden Regeln und Gebote. Früher, zu ihrer Jugendzeit undenkbar. Ihrer Meinung nach lag dieser seit dem Kriegsende herrschende Sittenverfall der Jugend an den fehlenden Vätern. Die verwitweten Mütter würden nicht die zur Erziehung der Kinder benötigte Strenge aufbringen und erst recht nicht die zur Züchtigung notwendige Kraft. Und nun habe dieser junge Lehrer den Sittenverfall auf die Spitze getrieben und auch die letzten gehorsamen Kinder mit Tanz und Musik aufgewiegelt. Am liebsten hätten die alten Männer den Herrn Lehrer des Dorfes verwiesen. Allein die Sorge, dass sie damit nicht nur die Dorfjugend, sondern auch deren Mütter gegen sich aufbringen könnten, hielt sie davon ab. So war es wie ein Wunder, dass die Kinder seit der Ankunft des Lehrers mit allergrößtem Fleiß lernten. Selbst während der Stallarbeit oder auf dem Feld wurden gegenseitig Vokabeln abgefragt und die rechte Aussprache geübt. Dieser Fleiß kam nicht von ungefähr: Während der abendlichen Zusammenkünfte durfte nur Französisch oder Russisch gesprochen werden, und wer die aufgetragene Lektion schlecht gelernt hatte, durfte nicht mittanzen. Schlimmstenfalls musste derjenige zum Schluss sogar aufräumen und fegen.
Das auf dem Tanzboden eingeübte gute Benehmen und die mit Fleiß erlernten Sprachen zahlten sich spätestens bei der Stellungssuche aus. In fast jeder Verwaltung wurden händeringend Übersetzer gesucht, denn kaum einer der russischen Staatsbeamten beherrschte das Polnische so gut, dass er mit seinen Untergebenen kommunizieren oder sogar korrespondieren konnte. Und noch seltener beherrschten die aus dem niederen Landadel stammenden Polen die russische oder gar französische Sprache. In den Behörden ging es deshalb zu wie beim Turmbau zu Babel. Jeder der jungen Lutheraner fand eine gut bezahlte Anstellung, mancher sogar in Warschau. Selbst die älteren Witwen und weniger begüterte verheiratete Frauen, die während ihrer Schulzeit noch Russisch und Polnisch gelernt hatten, verdienten sich in Beamtenhaushalten oder Schreibstuben ein ansehnliches Zubrot. Die Russen bevorzugten die Deutschen jedoch nicht nur der guten Sprachkenntnisse und ihres Fleißes wegen. Durch das zaristische Protektorat hatte sich das Misstrauen und die gegenseitige Abneigung zwischen Polen und Russen dermaßen verstärkt, dass die Russen Anschläge und Spionage befürchteten. Selbst für niedere Hausarbeiten beschäftigten sie lieber sonstwem, aber keine Polen. Eine einträgliche Zeit für die nahe der großen Stadt lebenden Lutheraner. Es dauerte nur wenige Jahre, und die Ställe der meisten Bauern standen wieder voller Tiere.
Trotzdem gab es in den Städten immer noch nicht genug zu essen. Woher auch? Vielerorts verkamen die von Deutschen verlassenen Höfe, selbst wenn sie inzwischen von Polen bewohnt wurden. Diese waren nur selten in der Lage, einen Hof einträglich zu bewirtschaften. Ihnen fehlte meist das dazu notwendige bäuerliche Wissen, aber noch öfter der Fleiß. Dazu kam der Mangel an Saatgut und Zugtieren. Zu spät und zu lasch war die russische Obrigkeit gegen die Vertreibung der Deutschen und Deutschstämmigen vorgegangen. So hatten allein im Warschauer Gebiet über achttausend Familien aus Angst vor den gewalttätigen Ausschreitungen ihre Höfe verlassen, um in Bessarabien einen Neuanfang zu wagen. Gleichzeitig wuchs in den Städten die Zahl der einfachen Arbeiter, die in den unzähligen kleinen Fabriken und Glashütten benötigt wurden. All dies verschlimmerte die bereits bestehende Lebensmittelknappheit dermaßen, dass die Regierung Hungerrevolten befürchtete. Um die verlassenen Dörfer wieder zu beleben, wurden erneut in halb Europa Kolonisten angeworben. Die Werber versprachen nicht nur alles, was diese Menschen hören wollten, sie beschrieben das polnische Land als den Himmel auf Erden. Doch die aus Holland und den deutschen Landen ins Warschauer Gebiet eingewanderten protestantischen Bauern erlebten nach ihrer Ankunft heftige Anfeindungen seitens der katholischen Bevölkerung. Dabei erfuhren sie auch von der Vertreibung ihrer Vorgänger. Nur wenige blieben, die meisten packten ihre Habseligkeiten wieder zusammen und zogen weiter, tief hinein nach Russland, den in den letzten Jahren aus Polen vertriebenen Deutschen hinterher.
Gertrauds Ehemann Christian schied 1825 aus dem Verwaltungsdienst aus. Nun stellte sich die Frage, wohin mit all dem schönen Mobiliar aus seiner Petrikauer Wohnung. Beinah hätte er das Klavier seiner verstorbenen Frau verkauft. Doch Gertraud ließ es nicht zu, weil niemand einen halbwegs angemessenen Preis zu zahlen gedachte. Sie ließ das gute Stück nach Wierzeje bringen. Früher oder später wird sich schon jemand finden, der das Instrument spielt. Gertraud selbst hatte es nie gelernt, die Arbeit auf dem Hof hat es nicht zugelassen, und später die abgearbeiteten Hände.
Im Verlauf der Jahre wurde auf dem Schlüterschen Anwesen zwar viel gebaut, aber nur Stallungen und Wirtschaftsgebäude. Gewohnt wurde immer noch in dem um 1705 gebauten Haus. Johann Schlüter hatte nach Friedrichs Geburt zwar eine große Küche und zwei Gesindekammern anbauen lassen, doch das war schon alles. Und auch Georg dachte nicht ans Bauen, zögerte, seine geliebten Goldtaler für ein Haus herzugeben, das im nächsten Krieg zerstört werden konnte. Vielleicht hatte er aber im Verlauf der Jahre die Zuversicht und die Freude am Dasein verloren, nachdem ihm drei Töchter durch tragische Unfälle im Kindesalter gestorben waren. Gertraud ähnelte ihrem Vater in all diesen Dingen. Auch sie sparte lieber für schlechte Zeiten, als das schwer verdiente Geld für Luxus auszugeben.
Nur ein einziges Mal, im Herbst 1804, erlag sie einer solchen Versuchung. Ein preußischer Offizier, der mit Dietrich zur Jagd ging, musste wegen einer Spielschuld seine Kutsche samt Pferden verkaufen. Ein weißer Landauer und zwei Apfelschimmel, ein Gespann, wie es sonst nur reiche Leute führten. Dass Gertraud für Kutsche und Pferde nur weniger als ein Drittel des Wertes bezahlte, kam daher, dass der Offizier das Gespann in Kürze zurückzukaufen gedachte. Doch der Rückkauf kam nicht zustande. Der Offizier und die inzwischen vom napoleonischen Heer konfiszierten Pferde starben auf dem Schlachtfeld. Damit die Kutsche nicht beschlagnahmt wird, hatte Georg sie 1806, bei der ersten Kriegsnachricht in einer der Moorhütten versteckt, in denen auch das Saatgut für Notzeiten lagerte. Die Kutsche wäre beinah für immer in der Hütte geblieben, denn nach Georgs Tod traute sich niemand, den Landauer aus dem Moor zu holen. Nach so vielen Jahren hatte sich das Moor verändert, den Weg, den Georg damals benutzte, gab es nicht mehr. Und jeder wusste, steckte die Kutsche erst einmal bis über die Radachsen im Moor, war sie für immer verloren. Eine solche Verantwortung wollte niemand auf sich nehmen.
Erst Ferdinand Höfer hatte die Idee, aus langen starken Brettern eine Spur zu zimmern, auf der man den Wagen übers Moor ziehen konnte. Nach der Heuernte wollte er es wagen. Um Johanni fiel der Wasserstand des großen Sees und somit des ganzen Sumpfes meist auf den niedrigsten Stand des Jahres. Zwei ältere Knechte und mehrere Tagelöhner, die sich im Moor gut auskannten, steckten am Vortag die Strecke für die Bretterspur mit Seilen ab und entfernten störendes Strauchwerk. Den ganzen Tag mühten sich Ferdinands Wagenknechte nach Kräften. Endlich, kurz vor Sonnenuntergang, stand die Kutsche auf dem Hof. Nur einmal waren die Hinterräder von den Bohlen gerutscht, zum Glück nicht mitten im Moor. Die Männer staunten, wie gut das Gefährt die Jahre überstanden hatte. Nun ja, die Messingbeschläge waren schwarzfleckig und der weiße Lack stumpf, blätterte sogar an einigen Stellen. Doch insgesamt war die Kutsche in Ordnung. Solange Georg lebte, hatte er sämtliche Holz- und Lederteile regelmäßig gefettet und gepflegt. Die Achsen und Radlager hatte er sogar so gründlich eingefettet, dass sich nicht ein Krümel Rost bilden konnte. Gertrauds Hand fuhr beinah liebkosend über die rotsamtenen Polster. Ihre Gedanken waren beim Vater. Wie schade, dass er das nicht mehr erlebte. Dabei wurde sie von Ferdinand beobachtet. Der deutete ihr trauriges Gesicht jedoch völlig anders, glaubte, sie trauere den schönen Pferden nach, denn im Stall stand nur schweres Kaltblut, und das würde nie und nimmer vor diese Kutsche passen.
Das neue Haus
Nach reiflichem Überlegen entschieden sich Christian und Gertraud für einen Neubau. Das dazu erforderliche Geld war vorhanden, denn auch Christian war nicht unvermögend. Nach seiner Pensionierung wollte er sich eigentlich im Schlesischen ein kleines Häuschen mit Garten kaufen, vielleicht zwischen Waldenburg und Altwasser, um den dortigen Kurbetrieb und das heilende Sauerwasser zu genießen.
Nun war ihm durch Gertraud ein schönes Anwesen in den Schoß gefallen. Und wenn er ganz ehrlich in sich hineinhorchte, wollte er überhaupt nicht wieder zurück nach Preußen. Über zwanzig Jahre hatte er in Petrikau gelebt und gearbeitet und sich mit der Zeit nicht nur an die polnische Lebensart gewöhnt, sondern daran Gefallen gefunden. Auch Neffe Ferdinand redete ihm zu, in Wierzeje zu bleiben, blieb ihm doch dadurch der sichere Rastplatz erhalten.
Im Frühjahr 1827, zwei Jahre nach Christians Pensionierung, war das neue Haus fertig. Es stand weitab der kleinen Straße, die nach Kolo führte und man erreichte es über einen von Apfelbäumen flankierten schnurgeraden Weg. Der endete mit einem gepflasterten Quadrat, das groß genug war, damit eine Kutsche samt Pferden darauf wenden konnte. Von diesem Vorplatz führte ein mit Granitplatten belegter Gehweg zu einer fünfstufigen Eingangstreppe. Rechts und links des Plattenweges gab es reichlich Platz für einen Blumengarten, in den Gertraud schon eine Vielzahl an Staudenblumen und Rosenstöcken gepflanzt hatte. Doch ihre größte Aufmerksamkeit galt einem Kräuterbeet, auf dem allerlei wuchs, was für das Würzen von Speisen benötigt wurde oder der Gesundheit dienlich war. Kurz nach der Heuernte zogen Gertraud und Christian um. Allerhöchste Zeit, denn das alte Wohnhaus musste bis Ende August innen renoviert und außen frisch gekalkt werden.
Ende August wurden Magda und ihr Sohn Johannes in Wierzeje erwartet. Gertraud würde sie wählen lassen, in welchem Haus sie wohnen wollten. Fast vierzehn Jahre hatten die beiden in Sachsen verbracht. Eine lange Zeit, trotzdem glaubte Gertraud, dass Magdas Rückkehr reichlich Aufsehen erregt. Die ehemalige Magd wird wohl offene Anfeindungen aushalten müssen. Von beiden Seiten, von Katholiken und Evangelischen. Schon deshalb musste ihr der Hof Ruhe und Schutz gewähren.
Magdas Jahre in Freiberg
Luise und Gertraud hatte sich in all den Jahren zwar ab und an geschrieben, und Luise hatte die Schwester auch mehrfach eingeladen. Doch irgendwie kam immer etwas dazwischen, was Gertraud am Reisen hinderte. Freiberg lag schließlich nicht gleich hinter dem nächsten Hügel. Die ersten Jahre wäre es vielleicht noch möglich gewesen. Dann begann der Krieg. Nach dessen Ende hätte sie reisen können, zögerte jedoch, schließlich hätte sie den Vater für mindestens vier Wochen allein lassen müssen. Die Zeiten waren immer noch unruhig und Georg mit seiner Kraft am Ende. Nun konnte sie ihn erst recht nicht allein lassen, ihm die Sorge für Magda und das Kind aufbürden. Als Georg starb, begrub Gertraud auch ihre Reiseträume. Außerdem fürchtete sie, bei einem Besuch Magdas Heimweh zu wecken.
Nur Ferdinand hatte auf seinen Reisen manchmal für ein paar Stunden in Freiberg Halt gemacht und später in Wierzeje darüber berichtet. Es war für Gertraud und Christian stets eine große Freude zu hören, dass sich Luise und Magda bestens verstanden. Luise gab sich große Mühe, Magda im Gebrauch der deutschen Sprache und allen erforderlichen Benimm- und Anstandsregeln zu unterweisen.
Nach gerade mal zwei Jahren beherrschte Magda die deutsche Sprache schon so gut, dass sie sich als Übersetzerin von Lehrbriefen ein Zubrot verdienen konnte. Eigentlich hätte sie es nicht gebraucht, Hermanns Einkommen reichte aus, um auch sie und den kleinen Johannes zu ernähren. Doch Magda bestand darauf, selbst etwas zu verdienen. Sie wollte die Goldstücke, die ihr Georg für Kleidung und die Rückreise mitgegeben hatte, keinesfalls aufbrauchen. Hermann amüsierte sich über Magdas Ehrgeiz. Luise dagegen unterrichtete sie umso gewissenhafter und lehrte sie, ein Haushaltsbuch zu führen. Das tat sie, damit Magda ihren Sohn Johannes später in Wierzeje bei der Führung des Anwesens unterstützen könnte. Denn bisher gab es auf dem Schlüterhof keine Bäuerin, die sich nicht in Geldsachen, im Handel und in der Buchhaltung auskannte. Und Magda besaß alles, um diese Reihe fortzuführen. Ihr fehlten nur noch ein etwas forscherer Auftritt und das Bewusstsein, niemandem mehr den Vortritt gewähren zu müssen. Luise übte mit ihr vor dem Spiegel, den Kopf gerade zu halten und ihn beim Grüßen nur andeutungsweise zu neigen und dabei ein klein wenig zu lächeln. Für Magda eine riesige Umstellung. Hier in Freiberg hielten ihr die Herren die Tür auf und grüßten mit einer Verbeugung, wenn sie die Mappe mit den Schriftstücken zurück in die Akademie brachte. In Wierzeje war sie vordem nur eine Magd, die klaglos alle Willkür zu erdulden hatte. Und diesem Schicksal wäre sie nie entkommen, hätte sie nicht als Hagens Milchschwester Lesen und Schreiben gelernt. 1806 war Magdas Vater gefallen. Der Mutter Verdienst als Stallmagd reichte nicht für beide, sodass sich die Tochter eine Arbeit suchen musste. Um seine Spielgefährtin und engste Freundin nicht zu verlieren, hatte Hagen seine Mutter gebeten, Magda als Stubenmädchen einzustellen. Sie sei doch schon immer auf dem Hof, kenne sich aus und sei ordentlich und fleißig. Einer so glühenden Fürsprache für das Mädchen konnte sich Gertraud nicht widersetzen und erfüllte den Wunsch ihres geliebten Kindes.
Pulsuz fraqment bitdi.