Kitabı oxu: «Vogelfrei - oder Die heimliche Königstochter - Ein historischer Roman»

Şrift:

Maria Helleberg

Vogelfrei - oder Die heimliche Königstochter - Ein historischer Roman

Saga

Vogelfrei - oder Die heimliche Königstochter - Ein historischer Roman

ÜbersetztGerd Weinreich Copyright © , 2019 Maria Helleberg und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726350340

1. Ebook-Auflage, 2019

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

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– a part of Egmont www.egmont.com

Die Welt schuf er, die große, weite,

den Wald, das Feld, des Berges Gipfel und des Berges Seite,

das Laub, das Gras, das Wasser und den Sand,

und manche Freude und auch manches Land,

darunter eins, das Schweden heißt.

(...)

Da sind die Recken, die gut fechten,

die Ritterschaft samt braven Knechten,

doch ebenbürtig nicht dem Dieterich von Bern.

Wie einst die Herren und die Fürsten lebten, was sie trieben,

das findet man in diesem Buch beschrieben.

Wie sie gelebt, was sie getan, wo sie gewesen –

hier steht’s geschrieben, hier kann man’s lesen.

Aus der Erikschronik

Avesta – Ornäs – Nyköping – Mjövik

1311–1318

Es war nicht das erste Mal, daß er auf eine ihrer Art gestoßen war. Aber er glaubte nicht, daß er sich jemals an Menschen wie sie gewöhnen würde. Schon ihre Stimme verriet ihm, daß sie zu einem anderen Leben erzogen worden war, als er es führte. Niemand schien sie je darum gebeten zu haben, ihr Temperament zu zügeln. Aber sie konnte höchstens zwölf Jahre alt sein; weder erwachsen noch Kind, aber durchaus furchteinflößend.

Sie war dünn und groß, ihr Rücken etwas kräftig – das Kleid war zu lang, aber nur vorn, und sie hob es mit beiden Händen hoch, wie ein Kind, das die Sachen der Mutter tragen muß. Der Saum war ausgetreten und die Schürze schmutzig. Grüne Augen hatte sie, zwei Farbstreifen, die so kräftig glitzerten, daß er Herzklopfen bekam, wenn er ihren Blick traf. Diese Augen leuchteten, sogar im Dunkeln, wie die einer Katze.

Er wußte, daß sie gleichsam durch ihn hindurchblicken konnte. Von der guten, etwas abgetragenen Kleidung, die er trug, und die in keiner Weise etwas über sein Anliegen oder seine Ausbildung verriet, ließ sie sich nicht blenden. Unter ihrem grünen, stechenden Blick wurde er wieder zu einem dünnen, hochaufgeschossenen, rothaarigen und tolpatschigen Jungen, mit plumpen Händen und Füßen, die immer im Wege waren. Das braune Wams und der Rock verschwanden, und er fühlte sich wieder genauso unbeholfen und häßlich wie damals, als er im Kloster in Julita herumlief, in einer Kutte, die ein ordentliches Stück über den Knöcheln aufhörte, mit klappernden, viel zu großen, abgetragenen Sandalen an den Füßen und mit einem Strick um den Leib.

Sie aber glich der Heiligen Katarina, deren Bildnis auf einem der Altäre in Julita stand: Die Heiden hatten sie gerädert, weil sie unbeirrt an ihrem Glauben festgehalten hatte.

Allerdings hatte dieses Mädchen hier ganz andere Augen als die Heilige Katarina. Und dann waren da noch die zerrissenen Nägel, die verfilzten Zotteln in dem langen dunklen Haar und die Erdklumpen auf dem Kleid. Aber vielleicht gab es ja Heilige, die es liebten, in ihren wenigen Augenblicken der Muße auf Bäumen herumzuklettern? Er wollte das bei nächster Gelegenheit nachschlagen.

Sie kam ihm entgegen, und er räusperte sich und nannte seinen Namen und sein Anliegen, obwohl es ihm beklommen dabei zumute war, daß nicht der Herr des Hofes ihn empfing, sondern ein zwölfjähriges Mädchen. Die kurze Rede die er eingeübt hatte, war für andere und geübtere Ohren bestimmt als die ihren. Das Mädchen aber bedeutete ihm mit einem Wink, ihr zu folgen, und hob ihr Kleid, so daß er ihre Schuhe sehen konnte.

Selbst die gehörten in eine andere, seltsame Welt, zu der er nie Zugang gewonnen hatte. Das blaue Leder war so fein, daß es sich bei jeder Bewegung am Fuß faltete. Hellblaues Seidenband war darin, und zwei kleine Rosetten aus Silber, und über dem Spann war die obere Schicht in Mustern ausgeschnitten, so daß ein noch dünneres grünes Lederfutter sichtbar wurde. Aber ihre Knöchel waren dünn, bleich, spitz und nicht schön anzuschauen.

Sie hüpfte, Stufe für Stufe, die Füße aneinandergepreßt, die offene Treppe zum Laubengang hinauf, der entlang dem oberen Stockwerk des Hauses verlief, und rief ihm von oben zu – sie lachte, und er wurde rot und zornig. Er war kein komisches Wesen, über das sie sich lustig machen konnte, er war Priester und doppelt so alt wie sie. So würdevoll wie möglich folgte er ihr. Dann standen sie einander kurz gegenüber. Sie wurde unsicher und errötete, aber nur für einen Augenblick – dann bog sie sich so, als schlüpfe sie unter einem ausgestreckten Arm hindurch, und stürzte davon, mit schallendem Lachen, während ihr die Schürze um die Beine wehte. Im vollen Lauf hielt sie plötzlich an, indem sie den Türrahmen ergriff und herumwirbelte.

In sicherem Abstand wandte sie sich um, mit einem merkwürdigen Ausdruck im Gesicht. Er trat folgsam näher und versuchte, seine Kapuze in den Nacken hinunterzuziehen, ohne daß es allzu lächerlich aussah.

Er konnte selbst nicht recht verstehen, warum er es sich so sehr zu Herzen nahm, daß ein dünnes, halberwachsenes Mädchen sich über ihn lustig machte. Aber das Lächeln war erloschen, noch bevor er zu ihr gelangte. Sie streckte eine Hand hoch und ließ sie über sein dickes, rotes Haar gleiten.

»Ich dachte, man bekommt das Haar abrasiert, wenn man Priester wird?« fragte sie und ähnelte wieder einem Kind.

Es gelang ihm nicht, sich unbeirrt und natürlich zu verhalten. Beim Versuch zu lächeln fiel sein Gesicht in sich zusammen – aber sie bemerkte das totgeborene Grinsen nicht, strahlte vor freudiger Dankbarkeit darüber, daß er ihr antworten mochte. »Ich bin noch nicht zum Priester geweiht«, preßte er zwischen den Lippen hervor. Selbst dieser kurze Satz klang aufgesetzt, wenn sie ihn mit ihren glitzernden, grünen, schrägstehenden Augen ansah, die vor Lachen strahlten.

»Das wäre ja auch ein Jammer«, sagte sie, »mir würde es gar nicht passen; wenn jemand mein Haar abschnitte. Komm herein, Priester, oder wie du genannt werden willst – wenn du uns schon besuchst!« fügte sie kichernd hinzu und stieß ihn leicht durch die offene Tür, indem sie ihre spitzen Finger in seine Seite und seinen Rücken bohrte.

Schon auf der Schwelle fiel ihm auf, daß er vergessen hatte, wie angenehm wohlhabende Menschen wohnten. Jene, die es sich leisten konnten, die trübe, erstickende, braune Dunkelheit hinter sich zu lassen und den ewig beißenden Gestank von altem Rauch und Ruß. Im Dachgeschoß waren vier kleine rundbogige Fenster, die man öffnen konnte. Wände, Decke und Fußboden waren sauber gescheuert. Das Holz war schön, jung und hell, und die Luft rein.

Ein paar junge Mädchen hängten gerade schwere, gewebte Teppiche an Eisenhaken an der Wand auf, und seine Gastgeberin ging zu ihnen hin und fragte sie etwas und lachte ein paarmal herzhaft. Sie kehrte zu ihm zurück und zog ihn die Treppe hinunter, wieder auf den Hof. In der Zwischenzeit war sein Pferd verschwunden.

Er war an einem eigenartigen Ort gelandet, und nie zuvor hatte er so deutlich das Gefühl gehabt, überflüssig und lästig zu sein.

Aus diesem Grund hielt er sich demütig hinter dem Mädchen, während sie weiterschritten, durch das Gatter im mannshohen Palisadenzaun, zwischen den Stallgebäuden hindurch, durch das äußere Tor hinaus auf den steinigen Feldweg, den er gerade erst auf dem Pferd zurückgelegt hatte. Sie schritt kräftig aus – eine dünne, energische, kleine Gestalt, die gegen den harten Wind ankämpfte.

Als er sich umdrehte, konnte er den Hof von weitem sehen, eingeklemmt zwischen zwei Zäunen, geschlossen wie eine Faust, allein, so weit das Auge reichte. Hier wurde der Dalelv breit und ruhig und verteilte sich auf Buchten und um Landspitzen, unterbrochen von Schären, kleinen Felsen und steinigen Steilküsten, und auf jeder Seite des Hofes war Wald, Wald und nochmal Wald, durchschnitten von Streifen gelber Felder, den verstreuten Äckern.

Der Reichtum und das Selbstbewußtsein dieser Menschen hatten ihn überrascht. Die Bauern in Bergslagen waren nicht mit der besten Erde des Landes begünstigt, die Entfernungen waren groß, kleine Feldstriche wurden durch undurchdringliche Wildnis abgeschnitten. Er war nicht gerade von der Aussicht begeistert gewesen, Priester in Grytnäs zu werden. Aber man mußte nehmen, was sich anbot.

Das Mädchen blieb am Zaun stehen und rief, mit den Händen als Trichter vor dem Mund. Vier kleine Pferde trotteten zu ihr, zähe Tiere mit Aalstrich auf dem Rücken, bessere Reittiere als der hohlrückige, halbkahle Gaul, den der Priester in Grytnäs für ihn vorgesehen hatte.

Hinter den Tieren gingen drei Männer. Der mittlere zog ein lahmendes Jungpferd hinter sich her. Alle drei Männer trugen ähnliche Kleider, dennoch war sofort zu sehen, wer von ihnen der Hofherr war: Er machte weiter ausladende Schritte in den zerknautschten Lederstiefeln.

Aber er hätte nie gedacht, daß ihr Vater so aussehen würde. Der Mann, der ihm entgegenkam, war stämmig und rotwangig mit schweren, schrägen Schultern und einem Hängebauch, eingespannt von einem breiten Gürtel. Ein gewaltiger, grobschlächtiger Mann. Alles war breit an ihm – die Schenkel, die Beine, die Füße, der Körper, der Kopf. Wabernde Schichten von überflüssigem Fleisch tauchten an Stellen auf, wo man es am wenigsten erwartete. Außerdem hatte er kleine, hervorstehende, argwöhnische Augen, die demjenigen, den er beobachtete, das Feuer in die Wangen trieben.

Das Mädchen wurde mit ein paar brummigen Bemerkungen ins Haus geschickt, und die beiden waren allein, der Priester und der Bauer. Der Priester wurde mit stechendem Blick abgeschätzt, von oben bis unten, bevor sie sich zusammen aufmachten.

Von diesem Menschen also war er in Zukunft abhängig. Der Mann hieß Tore Jonsson, und ihm gehörte Avesta – mit Erzgrube, Wasserfall und Fischereirechten, wie er selbst sagte. Jedenfalls mit dem Maul war er einer der großzügigsten Wohltäter der Kirche in diesem Jahrhundert, das allerdings noch recht jung war. Während er an den dicken, behaarten Fingern abzählte, berichtete er von seinen reichen Geschenken im Klarakloster in Norrmalm und für Totenmessen hier und dort. Der Bischof in Västerås und der Erzbischof und Dompropst in Uppsala waren nahe Verwandte seiner Frau.

Sie setzten sich in eine enge, alte, dunkle Stube und tranken Bier, und der Priester empfand einen unbändigen, vehementen Widerwillen gegenüber seinem Gastgeber, daß ihm übel wurde.

Tore Jonsson schlürfte und rülpste aus tiefstem Herzen, wischte mit dem Daumen den Schaum aus den Mundwinkeln und lehnte sich so plump zurück, daß die solide Holzbank ächzte.

»Wir brauen das beste Bier in Östrabergslagen«, betonte er.

Göran nippte vorsichtig an dem angenehmen, kalten, süßen Bier und mußte ihm recht geben.

»Es gibt nichts, was meine Frau nicht besser macht als alle anderen Frauen, die ich kenne«, sagte der Hausherr, »du hättest diesen Ort sehen sollen, bevor ich geheiratet habe! Eine kleine, gammelige Wirtschaft.«

Der Priester lauschte geduldig, aber mit wachsendem Mißtrauen: Tore Jonsson war noch selbstgefälliger und prahlerischer, als er gedacht hatte. Aber er hatte Grund dazu. Er hatte Glück gehabt, sich gut verheiratet, besaß die hübscheste Tochter, die man sich wünschen konnte. Die Äcker trugen gut, die Gruben gaben Erz her und der Fluß den besten Lachs im Lande. Von diesem sich ständig vermehrenden Reichtum schnitt er eine kleine Scheibe für die Kirche ab, die dafür höflich über mögliche Vergehen von seiner Seite hinwegsehen mußte. Als wenn Gott ein geiziger Kaufmann wäre, der seine Gnade nach bar entrichteten Leistungen bemaß.

Er kämpfte mit seinem Unwillen. Dieser Mensch hatte bereits Macht über ihn, er war der reichste Bauer der Gemeinde, er konnte es sich leisten, Grytnäs zu einer dreischiffigen Kirche mit spitzen Fenstern und Gewölbe anstelle einer Holzdecke umzubauen und Reliquien zu kaufen. Und er hatte die Macht, seinem Priester das Leben schwer zu machen.

Dieser hatte nicht viel Glück bei dem Versuch, seinen Widerwillen niederzukämpfen; ihm wurde ganz schwindelig vor Überdruß, er versuchte, ein aufmerksames Gesicht aufzusetzen, er war höflich und korrekt, aber es gelang ihm einfach nicht. Das einzige Thema, zu dem er gern zurückkehrte, war die Tochter, die Tore Jonsson ein paarmal erwähnt hatte.

»Du hast sie ja selbst gesehen«, sagte Tore Jonsson und antwortete sich selbst mit einem gewaltigen, rauhen, dröhnenden Lachen, das einen Schwall von Spucke und Bier quer über den Tisch in Richtung des Priesters schickte, »da kann man’s sehen, sogar einer von den Kirchenröcken hat Augen im Kopf! Derjenige, der sie bekommt, bekommt alles, was ich angesammelt habe – und das ist nicht wenig, Herr Örjan!«

»Göran Gregori«, warf der Priester ruhig ein, ohne die geringste Hoffnung, daß der Mann die Richtigstellung hören oder gar befolgen würde.

Es drehte sich in seinem Kopf, das Bier und die Anspannung und all das Unerwartete, das in den letzten Stunden auf ihn niedergeprasselt war. Aus dem ganzen Wirrwarr heraus erwuchs ihm das leuchtendklare Gefühl, daß der Herrgott alles ausschließlich mit der Absicht so zurechtgelegt hatte, sein Schicksal zu ändern.

Tore Jonssons Tochter, deren Namen er nicht einmal kannte, war und hatte all das, was er selbst niemals sein und besitzen würde. Das war rührend und einfach und einleuchtend und selbstverständlich. Gottes Zeigefinger auf seiner Brust: Greif nach der Möglichkeit, wenn sie sich bietet, das erste und das letzte Mal!

»Ich möchte gern deine Tochter heiraten«, sagte er. Sehr schnell und ernst, aber ohne die Ängstlichkeit, die in ihm gegärt hatte, seit er auf den Hof gekommen war.

Kaum daß die Worte aus seinem Mund geschlüpft waren, hätte er sich würgen können, um möglichst jeden Laut zurück in die Kehle zu rufen und die Worte hinunterzuschlucken, so daß sie verschwanden und für immer ausgelöscht waren. Aber falls es zu Handgreiflichkeiten kommen sollte, schien es, als wolle Tore Jonsson ihnen nicht aus dem Weg gehen. Der Mann sah plötzlich ganz nüchtern aus – bleich und lang sein großes Gesicht, saß er sprachlos da, mit hängendem Unterkiefer, und betrachtete seinen Gast.

»Da bist du sicher nicht der einzige, der das gern wollte! Aber ist er denn nicht Priester, Örjan?« fragte er.

Weder zuvor noch später hörte Göran dieses Wort jemals mit einer solch bodenlosen Verachtung ausgesprochen.

»Noch nicht zum Priester geweiht«, wandte er ernst ein, mit einer Todesverachtung, die ihn selbst überraschte, »ich habe noch kein bindendes Gelübde abgelegt, alle Wege stehen offen, und sie ist das Herrlichste, was ich je gesehen habe.« Er saß und starrte flehend auf den Mann, um wenigstens die geringste Spur von Wohlwollen zu entdecken. Aber das einzige, was er erblicken konnte, war hämische Nachsicht. Das Blut schoß ihm in die Wangen, stechend, brühheiß. Die Schlacht war verloren; aber er hatte nicht vor, sich in planlosem Durcheinander zurückzuziehen.

»Bis ich heiraten und einen Hausstand gründen kann, arbeite ich als Schreiber beim Landvogt in Sörmland. Es wird Herrn Måns freuen, wenn er hört, daß ich mich mit Heiratsgedanken trage. Er konnte noch nie verstehen, warum ich Priester werden wollte.«

Tore Jonsson unterbrach sein langwährendes Schweigen mit einem Grunzen und fing an zu lachen. Es hörte sich an, als brande das Bier in seinem Magen unter starkem Druck von oben. Der Laut wandelte sich zu einem hustenden, dröhnenden Prusten, bevor das Lachen selbst schließlich aus seinem Munde quoll.

Mitten im Anfall hämmerte er mit der fleischigen Faust auf den Tisch – der Priester fuhr zusammen, konnte den Blick nicht von der Hand des Bauern wenden, dieser schweren Bärentatze mit fünf dicken, groben Fingern, roten Borsten auf dem Handrücken und geradegeschnittenen weißen Nägeln mit schwarzen Rändern.

»Zum Teufel noch mal, du bist der witzigste Priester, dem ich je begegnet bin!« sagte der Hauswirt, trocknete die Lachtränen aus den Augenwinkeln, lehnte sich über den Tisch und haute seinem Gast auf die Schulter, fast liebevoll. »Wir werden uns schon verstehen, Örjan!« feixte er und saugte schlürfend den Speichel auf, der ihm auf Abwege geraten war. Göran versuchte, an der Heiterkeit des Mannes teilzunehmen und die Sache aus Sicht seines Gegners zu sehen. Was war er, ein unehelicher Priestersohn, der erstaunlich weit gekommen war und der sich geehrt fühlen mußte, daß Tore Jonsson sich durch seine Frechheit unterhalten ließ.

Die Welt würde sich niemals für ihn öffnen – höchstens wie ein Reliquienschrein, den man einen Spaltbreit öffnen kann, so daß man gerade eben die Heiligenreliquie erahnt. So sah sein Leben nun einmal aus, und er hatte keine andere Wahl, als sich damit abzufinden und zu schweigen.

Er befand sich draußen auf dem Laubengang und sah sie kommen – die Sonne stand tief, und die Schatten waren zu langen, schmalen Streifen geworden, das Licht fiel kräftig und schräg. Zwei junge Männer waren bei ihr – schlaksige Halbwüchsige mit großen, schweren Händen. Sie knufften einander und lachten, rauften ein bißchen, drehten sich gegenseitig die Arme um und versuchten, sich ein Bein zu stellen, auf die gleiche gutmütige Art, wie große Welpen nacheinander schnappen.

Göran stand reglos da und fror. Sogar der halberwachsene Sohn eines Armen, der sich seinen Lebensunterhalt durch das Striegeln und Satteln von Tore Jonssons Pferden verdiente, war glücklicher und freier als er selbst, der Priestersohn.

Ein verdrecktes, quiekendes Ferkel sauste in zielgerichteter Flucht heran und schoß zwischen den beiden jungen Männern hindurch, die lachend Platz machten, anstatt es zu fangen. Hinter dem Ferkel tauchte sie auf, mit wehenden Haaren und Röcken, auf ihre Art genauso entschlossen wie das Tier und ebenso schnell auf den Beinen. Aber nicht ganz so sicher. Sie rutschte aus in den nassen Vertiefungen, die Pferdehufe und Wagenräder in der Erde hinterlassen hatten, lief ein paar Schritte weiter, bevor ihr linker Fuß erneut seitwärts abrutschte und sie hinfiel. Langsam, fast widerstrebend, so daß sie es gerade schaffte, sich im Fallen mit beiden Händen abzustützen, bevor sie mit dem Hintern und mit ausgestreckten Beinen auf der Erde landete. Die Fersen wühlten Matsch auf, und es gab ein schweres, platschendes Geräusch.

Wenn ihm das passiert wäre, so wäre er vor grenzenloser Scham in die Erde gesunken. Sie aber lachte. Das Lachen sprang von ihr zu den jungen Männern über, während sie auf die Beine kam und versuchte, sich von dem zähen, triefenden Matsch zu befreien, der an ihren Füßen und Schuhen, Knöcheln und Schienbeinen klebte und am Rock, besonders hinten. Es war ein wildes, unbekümmertes Lachen. Sie hatte nichts verloren, soviel begriff er, nicht einmal die Fassung. Bohrender, schmerzender Neid pochte in ihm: so frei, so selbstsicher zu sein. Mit der eigenen zerbrechlichen Würde so großzügig umgehen zu können.

Als sie die Kleidung gewechselt hatte und zurückkam, um ihn abzuholen, war keine Spur mehr von dem Zwischenfall zu erkennen – sie hatte eine neue Aufgabe von großer Wichtigkeit und erledigte diese mit entsprechendem Ernst. Göran sollte bei ihnen wohnen, daher zog sie ihn mit zu einem der Vorratshäuser, wo er ihre Mutter begrüßen konnte. Nach dem Treffen mit ihrem Vater war er gespannt auf das Fabelwesen, das dieses Kind geboren hatte.

Über eine steile, wackelige Leiter gelangten sie in die Dachkammer, mitten hinein zwischen Schinken, gesalzenem und geräuchertem Fleisch, Tonnen, aufgehängtem Wild und runden Käselaiben, die auf Borden lagen. Hinter diesem schamlosen Überfluß an Speisen, der seinen Magen in heftigem Hunger zusammenkrampfen ließ, kam eine Frau zum Vorschein. Ihre große, biegsame Gestalt wuchs aus dem duftenden, eßbaren Reichtum hervor. Eingehüllt in eine Wolke von Gewürzen, duftete sie nach frischer Milch und Käse. Die Frau war nicht viel besser gekleidet als Görans eigene Mutter. Aber das Kopftuch war aus feinem Linnen, das Haar geflochten und in einem Kranz über die Stirn gelegt, und das Tuch war unter dem Kinn gekreuzt und im Nacken mit einer dünnen Silbernadel mit kleinen, blinkenden, roten Steinen am Haarkranz befestigt. Die Finger waren voller Ringe, und ein breiter Silbergürtel lag fast nachlässig um die schmalen Hüften. Ein großer Schlüsselbund, eine Silberschere im Etui und ein kleiner Damendolch hingen am Gürtel: unverkennbare Zeichen des Reichtums.

Aber er vergaß seine eigene Mutter völlig, als er den Blick hinauf zu ihrem Antlitz gleiten ließ – sie konnte höchstens Anfang Dreißig sein, arme Leute wurden selten viel älter. Das Gesicht war ebenmäßig, die Haut glatt und rein; geschaffen zum Anschauen und zum Bewundern. Er sperrte Mund und Augen auf, stand reglos da und starrte sie gebannt an. Schönheit war etwas sehr Seltenes, Gott hatte die Zeichen seiner Liebe sehr knapp verteilt, und diese Frau war in fast beängstigendem Maße damit gesegnet. Als ihr Blick den seinen streifte, begriff er, daß sie es gewohnt war, wegen ihrer Schönheit bestaunt zu werden – und es kam ihm vor, als nehme sie seine Bewunderung gewohnheitsmäßig, dankbar und doch selbstverständlich als ein Geschenk an. Ihre Seele aber schien sie hinter einer dicken Reifschicht zu verbergen – die Augen waren eiskalt und scharf wie bei einem wachsamen Raubtier.

Tore Jonsson mußte ein paarmal um sie herumreichen können – unter dem weichen Gewand war sie so mager wie eine ausgezehrte Mähre, nur das Gesicht war jung. Die Hände waren grob von harter Arbeit – große, flache, gegerbte Hände mit knotigen Knöcheln und bleichen Nägeln. Es beruhigte ihn außerordentlich, diese Zeichen von Verschleiß zu sehen. Das Mädchen stürzte ihr entgegen, schlang die langen Arme um ihren Leib, und lehnte das Gesicht gegen ihre Brust – die Frau lachte trocken und gerührt, strich ihr über das verfilzte, schmutzige Haar, leicht entschuldigend, leicht stolz. Das waren merkwürdige, unbegreifliche Menschen, bei denen er gelandet war. Sie machten ihn stumm, und obwohl er Augen und Ohren aufsperrte, kam er des Rätsels Lösung nicht näher.

In den folgenden Wochen, die er auf Avesta verbrachte, sollte er herausfinden, daß seine Wirtsleute noch sonderbarer waren, als er auf den ersten Blick festgestellt hatte. Tore Jonsson zum Beispiel hatte nicht die geringste Ahnung von Religion. Göran ertappte ihn dabei, wie unbedarft er über das schreckliche Martyrium von Sankt Helfer sprach. Dafür wußte der Mann alles über die verschiedenen Arten, Kupfer und Eisen zu gewinnen, und über die Preise für Osmundeisen auf dem Markt in Arboga. Die Erzgruben hatten seinen Reichtum begründet – zehn Jahre vor seiner Heirat hatten die deutschen Meister vom Rammelsberg ihm gezeigt, wie man Erz und Kupfer abbauen konnte, und seitdem hatte man gearbeitet, sowohl im Kupferberg als auch hier weiter südlich. Die Landwirtschaft und die Lachse warfen gute Erträge ab, aber nichts brachte so viel ein wie Kupfer und Eisen. Daher ließ er nun am Wasserfall Storfossen Schmieden bauen, dann war es vorbei mit der Einsamkeit und dem Frieden. In der Stadt Hedemora würde man leicht arbeitslose Knechte finden, die bereit waren, zu anderen Bedingungen als den gewohnten zu arbeiten, und da so etwas dem Land nur nutzte, konnte Göran nichts Schlechtes über Tore Jonssons Ideen sagen. Und dennoch: Er mochte diesen Mann nicht!

Trotz ihres Reichtums ähnelten die Jonssons ihm auf eine Art. Sie gehörten zu der seltenen Art von Menschen, die keine nahen Verwandten haben. Sie schwebten frei in der Luft wie Göran selbst.

Weihnachten und Ostern fuhren sie zur Messe nach Västerås, obwohl Grytnäs zum Erzbistum Uppsala gehörte und obwohl Tore Jonsson überall eifrig erzählte, daß seine vornehme Frau eng mit dem Erzbischof verwandt war. Die Jonssons wirkten einschüchternd und ließen Fremde nicht zu nahe an sich herankommen; als ob sie Angst hätten, daß Außenstehende dann leichter hinter ihre ungeheuren Geheimnisse kommen könnten, die sie um jeden Preis zu verbergen suchten. Aber sie liebten die Tochter, ihr einziges Kind; hatten sie in unbegrenzter Freiheit aufwachsen lassen, ganz ohne Zucht.

Göran hielt einen gewissen respektvollen Abstand von dem Mädchen, wenn er ihre Eltern besuchte; aber er glaubte zu spüren, daß sie ihn mochte. Wenn sie über jemanden lachte, war das nicht aus böser Absicht, so viel hatte er gelernt, aber ihm brannten immer noch die Wangen vor Verlegenheit, wenn sie Scherze machte.

Am Tag bevor er nach Uppsala aufbrechen sollte, um vom Erzbischof zum Priester geweiht zu werden, fand er sie sitzend am Hang des Dalelv, mit wilden Erdbeeren, die sie in ihrem Schoß gesammelt hatte, mit bloßen Beinen, das Haar voller Grashalme und Schmutz. Ihre Hände waren verklebt und rot vom Saft der Beeren, und sie wollte die Beute mit ihm teilen. Er wußte inzwischen, daß es so gut wie unmöglich war, ihr etwas auszureden, was sie sich in den Kopf gesetzt hatte. Aus diesem Grund gab er nach und setze sich zu ihr. Sie aßen schweigend. Sie suchte die kleinsten Beeren für ihn aus, die am meisten Geschmack hatten, legte sie in seine Hand oder steckte sie ihm mit kleinen spitzen Fingern zwischen die Lippen.

Als alle Erdbeeren aufgegessen waren, leckte sie ihre Handflächen sauber, kletterte zum Ufer hinunter und wusch sich die Arme, während er in dem langen, trockenen, kühlen Gras sitzenblieb und sie betrachtete – endlich davon überzeugt, daß sie ein Kind war, vor dem er keine Angst zu haben brauchte.

»Es ist warm heute, Priester«, rief sie zu ihm hinauf und hielt das Haar mit den nassen Händen vom Gesicht weg. »Wollen wir nicht zum anderen Ufer hinüberschwimmen und wieder zurück? Du mußt ja eingehen vor Wärme, mit all dem Zeug, das du anhast!«

»Ich glaube, das geht nicht, antwortete er, stand auf und bürstete seinen Rock sauber. »Was würden deine Eltern sagen, wenn etwas passierte, wo ich doch die Verantwortung für dich habe?«

»Was sollte mir passieren?« fragte sie aufrichtig erstaunt und kletterte prustend zu ihm hinauf, als würde sie ihn nur verstehen können, wenn sie von Angesicht zu Angesicht vor ihm stünde. »Bisher ist noch nie etwas passiert. Glaubst du nicht, Priester, daß ich schon viele Male dort hinüber und wieder zurückgeschwommen bin?«

»Wenn du es sagst, glaube ich dir«, antwortete er in dem Bestreben, sich beschwerliche Fragen zu ersparen; aber jetzt hatte er sie wütend gemacht, und sie ließ ihre Beute nicht so leicht entkommen.

»Wenn du mir nicht glaubst, kann ich dir zeigen, daß ich recht habe!« drohte sie. Fast erschreckt über den Ton, den sie angeschlagen hatte, griff er in dem Augenblick nach ihr, als sie sich hitzig zum Gehen wandte. Er wollte eigentlich ihre Hand fassen, aber als sie einen Schritt die Böschung hinuntermachte, verschlangen sich die Arme des Priesters und des Mädchens ineinander, und sie drehte sich erstaunt um und sah ihn mit großen, verwunderten Augen an.

»Du kannst wohl nicht schwimmen, Priester?« fragte sie, und das Lächeln kam wieder hervor. Jetzt hatte sie eine neue Erklärung für seine Weigerung gefunden, und die Erinnerungen an eine Unstimmigkeit waren tot und begraben.

»Komm, dann zeige ich dir, wie man es macht, wir gehen ins Schilf, da ist es leichter.«

Sie hat keine Geschwister, dachte Göran Gregori, keine gleichaltrigen Freunde, woher sollte sie wissen, daß es nicht ging, daß ein zwölfjähriges Mädchen mit dem Gemeindepriester, einem Mann von vierundzwanzig Jahren, quer über den Dalelv schwamm. Er brachte es nicht übers Herz, ihr die Unbefangenheit zu nehmen – die war ein Teil von ihr. Während sie sich beide auszogen, vermied er es angestrengt, den Blick auf sie zu richten. Auf eine Art war er genauso unschuldig wie sie, war er doch noch unberührt.

Sie aber kannte keine Scham. Als er mit seinen Fingern durcheinanderkam, als er etwas von dem ganzen Zeug, mit dem er sich gegen die Welt und andere Teufeleien schützte, aufknöpfen wollte, half sie ihm, und als er endlich nackt dastand, nahm sie seine Hand und zog ihn eifrig hinter sich her ins Wasser.

Dieses ekelhafte, heimtückische, treibende und strömende lauwarme Wasser, das Hechte genauso verbarg wie Unterströmungen und Untiefen.

Wenn sie zu weit in die eine Richtung kommen würden, rief sie, würden sie zum großen Wasserfall getrieben werden, und wenn sie zu weit in die andere Richtung kämen, würden sie bei der Fährstelle bei Brunnbäck landen. Aber es bestand keine Gefahr, sie kannte den Fluß in- und auswendig.

Göran war kein guter Schwimmer. Er verkrampfte, schlug mit den Armen aus und versuchte, mit den Zehen den Grund zu erreichen. Das Mädchen schwamm mit sorgloser Selbstverständlichkeit, als wäre es das Ungefährlichste von der Welt. Sie tauchte wie ein weißer, zarter Schwimmvogel, verschwand tief unter ihm, tauchte weit weg wieder auf, prustete Wasser aus Mund und Nase und winkte. Als sie hinterher im Gras lagen und sich von der Sonne trocknen ließen, hatte er für ein paar Augenblicke das Gefühl, daß nichts ihm etwas anhaben könnte – nicht einmal der Umstand, daß ihr Vater ihn Örjan nannte. Sie wrang das Wasser aus dem langen Haar, das von der Nässe dunkel geworden war; hatte Probleme, es durchzukämmen, und drückte ihm den Kamm in die Hand. Um nichts in der Welt wollte er ihr weh tun, aber das Haar war in großen, festen Klumpen verfilzt und verdreckt, und es schauderte ihn jedesmal, wenn er kräftig ziehen mußte.

Als sie endlich zufrieden war, breitete sie umständlich das noch nasse Haar aus und legte sich auf seinen Arm, mit geschlossenen Augen, weil die Sonne brannte.

Zu Hause auf dem Hof zog sie wieder zielstrebig mit ihm los, hinter Zäune und in einen Ziergarten mit gleichförmig angelegten Beeten, Vogeltränken, kleinen und großen Apfelbäumen, schön geharkten Wegen und Holzbänken. Ein Gemüsegarten und auch ein Nutzgarten verbargen sich auch darin. Jedesmal, wenn sich ihre Blicke über den Gewächsen trafen, huschte ein breites erwartungsvolles Lächeln von ihrem Mund zu den Augen. Jetzt war es ihr gelungen, ihm Freude zu machen. Sie hatten alles: Brunnenkresse, Liebstöckel, Meerrettich, Minze, Melisse, Salbei, Wermut, Mädesüß, Petersilie, Majoran, Thymian und Porst. Schnittlauch, Knoblauch und rote Zwiebeln. Die Bäume im Apfelgarten waren nach allen Regeln der Kunst veredelt, auf jedem Baum wuchsen drei verschiedene Sorten.

Yaş həddi:
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9788726350340
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