Kitabı oxu: «Der Sommernachtsmörder»

Şrift:

Marianne Berglund

Sie wurde von einem überaus störenden Geräusch geweckt, riss die Augen auf und fragte sich, was in aller Welt das sein mochte. Drehte sich auf ihrem Kissen um und starrte in die Nacht, die um diese Jahreszeit gar keine war, sondern nur ein fahler Grauton. Der Wecker zeigte 0.02. Das Zimmer lag in einen milchweißen Schimmer gebadet, und die Möbel schienen wie auf Wasser friedlich auf und ab zu wogen. Es war ein Scharren, was sie geweckt hatte, und es kam vom Fenster her. Eine Fliege, eine nachtaktive Fliege. Ab und zu stand die Welt eben Kopf.

Kommissarin Eva-Britt Bixe reckte sich, rieb sich so gut es ging den Schlaf aus den Augen, strich sich die Haare aus der Stirn, schlug die dicke Decke beiseite und stand widerwillig aus dem Bett auf. Verdammtes Insekt. Der Teppichboden kitzelte unter ihren Füßen, sie glaubte, jeden Knoten und jede Schlinge darin spüren zu können. Man registrierte alles so viel deutlicher, wenn man eine Weile geschlafen hatte, der erste Schlummer hatte alle Eindrücke vom Vortag weggespült. Die Fliege brummte hin und her, ein großer schwarzer Klumpen, gutes Vogelfutter. Sie öffnete das Fenster, der Duft von feuchtem Gras und nasser Erde schlug ihr entgegen. Der Baum stand wie sein eigener Schatten unten im Hof, es hatte geregnet, Tropfen hingen an der Fensterscheibe.

Wie mit Wasser verdünnte Milch, ein Spritzer Honiggelb über dem Rasen dort unten. Schwebende Elfen über einem grünweißen Weiher. Die Blätter mit den glänzenden Tropfen hingen ganz still da. Nur die Fliege zog mit ihrem Hubschrauberdröhnen nichts ahnend in die Welt hinaus, um sich dort auffressen zu lassen.

Eva-Britt Bixe zog das Fenster wieder zu, schloss es aber nicht ganz. Sie wollte den Duft von draußen behalten, ihn mit sich in den Schlaf nehmen. Plötzlich schrie ein Vogel, Blätter raschelten, dann wurde alles wieder still. Vielleicht hatte er die Fliege entdeckt, einen richtigen Leckerbissen, der geradewegs in seinen Schnabel flog.

Sie gähnte, kroch unter die Decke, stapelte die Kissen zurecht und machte es sich bequem. Schmiegte die Wange an den weichen, kühlen Stoff. Mittsommernacht, dachte sie. Um diese Zeit war der Campingplatz am Oststrand das pure Chaos, und in der Stadtmitte fand eine Seeschlacht statt. Im Moment war ihr das allerdings egal, sie hatte dienstfrei, und zum ersten Mal seit Wochen konnte sie sich ein ganzes Wochenende lang ausruhen, einfach nur ausruhen. Sie versuchte, noch eine Weile wach zu bleiben, um diesen Zustand wirklich auszukosten. Das eintönige Tropfen, das von draußen zu hören war, und das sie in normalen Fällen um den Verstand gebracht hätte, wirkte jetzt beruhigend. Bald würde die Dämmerung am Fenster hochwandern. Der Mittsommertag erwachte immer noch einmal zum Leben, ehe er einschlief. Draußen geschah alles Mögliche, doch Eva-Britt Bixe wollte nur schlafen, die Stunden des Wochenendes lagen vor ihr wie eine Unendlichkeit, sie reckte sich noch einmal genüsslich im Bett und schlief dann ein, die Wange tief in ihr Kissen gebohrt. Sie hatte den Telefonstecker herausgezogen, das Mobiltelefon ausgeschaltet. Nicht ein einziges Klingeln sollte sie wecken dürfen.

Die Hütte

1

Der Stein war grau, kompakt und schwer, lag aber seltsam leicht in der Hand. Er war aus der Mauer gefallen, vor einen der alten Apfelbäume.

Der Stein hatte dort gelegen, und sie hatte das als Zeichen aufgefasst. Er hatte auf sie gewartet, war vor langer Zeit von seinem Platz gekullert und hatte ebenso lange darauf gewartet, dass sie kam und ihn aufhob. Die Zeit wusste es, die Zeit lag in Schichten aufeinander und wusste, wann der richtige Augenblick gekommen war, sie wusste, worauf sie gewartet hatte.

Jetzt ruhte der Stein sicher und glatt in ihrer Hand.

Als sie zurückgekommen war, hatte sie seine Umrisse gesehen. Schon vom Weg her hatte sie ihn auf der Veranda bemerkt, geschützt vor dem Regen, unter dem Vordach. Sie hatte gestaunt und hatte Angst gehabt, mit keinem Gedanken hatte sie die Möglichkeit in Betracht gezogen gehabt, dass er immer noch dort sein könnte. Und deshalb hatte sie den Stein aufgehoben. Diesmal sollte er sie nicht hindern können. Sie würde ihm zuvorkommen.

Schweigend ging sie jetzt über das Gras. Noch immer tat es ihr überall weh, ihr Mund brannte und schmeckte nach Blut. Es würde lange dauern, bis dieser Geschmack verflogen war. Der Regen prasselte auf den Boden. Die Wolken hatten sich geöffnet, ein Spalt klaffte dazwischen. Durch diesen Spalt jagten die Blitze. Bestimmt konnte er nichts hören. Er würde sie nicht bemerken, diesmal nicht.

Er hatte Schutz auf der Veranda gesucht. Als der Regen herunterprasselte und das Gewitter sich genau über seinem Kopf befand, war sein Blick plötzlich und wie von der Vorsehung geleitet auf die Hütte gefallen, die an die fünfzig Meter von ihm entfernt stand.

Jonas Sjögren hatte beschlossen, zu Fuß nach Hause zu gehen. Was für eine idiotische Idee, dachte er jetzt, als er ein wenig atemlos auf der fremden Veranda stand und hörte, wie der Regen auf das Dach trommelte. Vorhin, als er das Fest verlassen hatte, hatte er sich auf diesen Spaziergang fast gefreut. Er war ein wenig wirr im Kopf gewesen, vielleicht deshalb.

Mittsommer. Einmal im Jahr kam dieser Tag mit seiner ganz eigenen Magie. Obwohl er selber eher fand, es sei ein Abend wie jeder andere – nur ein wenig heller, aber schließlich gab es viele helle Abende. Noch war viel von diesem Sommer übrig, der bisher schon schrecklich heiß gewesen war, auch wenn sich ausgerechnet an diesem Abend dunklere Wolken am Himmel zeigten. Ein graulila Deckel über den Tannenwipfeln in der Ferne. Er hatte jemanden darüber klagen hören, als er vor das Haus gegangen war, um sich eine Zigarette anzuzünden. Und dann hatte plötzlich der Gastgeber neben ihm gestanden. Hatte einfach nur dagestanden und ihn wütend angestarrt.

»Was zum Teufel machst du denn hier?«, hatte er gefragt, dieser Gastgeber, den er überhaupt nicht kannte. Mit einer polternden, unangenehmen Stimme.

Und Jonas Sjögren war hilflos gewesen, stumm und ratlos. Ein nachlässig abgestelltes Glas rollte lautlos durch das Gras, etwas Trinkbares versickerte im trockenen Boden, etwas Goldgelbes, Glitzerndes.

»Mach, dass du wegkommst, klar?«

In einer Mittsommernacht war alles möglich. Zauber und Magie und Elfen über dem Wasser. Was für ein Unsinn. Er hatte die Kippe ins Gras geworfen, die Hände in die Taschen gebohrt und war gegangen, während er die Augen des Mannes im Nacken spürte. Nein, hier wollte er nicht bleiben. Der Kies knirschte freundlich unter seinen Schuhen. Ein Spaziergang mitten in der Nacht würde seinen Kopf auslüften, diese kleine Wanderung, die er in einer guten Stunde hinter sich bringen könnte. Ein Spaziergang, nichts weiter, kein Problem. Er war ein gesunder, durchtrainierter Mann.

Die Nacht war hell und warm, der Wald duftete würzig und das Schweigen zwischen den hohen Bäumen erschien ihm als willkommener Kontrast zu dem Lärm des Festes, das er eben verlassen hatte. Gesichter, Lachen und Parfümgeruch, Gläser, die achtlos abgestellt wurden, auf Tischen, auf dem Boden, auf dem Kiesweg unterhalb der Treppe, wo sie in der nie ganz schwarzen Nacht geraucht hatten.

Aber dann hatte, wie gesagt, der Regen eingesetzt. Zuerst hatte er gedacht, er könne einfach weitergehen, auf das Wetter pfeifen und hoffen, dass es nicht schlimmer werden würde. Eine alberne Hoffnung. Denn die Tropfen wurden stärker, bald war der Donner zu hören, ein leises Grollen, und dann gab es nur noch Wasser, Licht und Krach. Er rannte los, der Regen peitschte auf den Kies. Aus den Wolken wurden in ununterbrochener Folge scharfe Blitze geschleudert.

Und da hatte er die Hütte entdeckt. Die schwarzen Augen der Fenster hatten ihn aufgefordert, dort Schutz zu suchen. Hier bist du in Sicherheit, sagten sie, hierher kommt der Regen nicht, hierher kommt gar nichts. Es war wie eine Eingebung, dachte er, als habe dieses Häuschen auf ihn gewartet, oder als habe das Gewitter den schlimmsten Donner zurückgehalten, bis er die Ecke erreicht hatte, von der aus das Haus zu sehen war. Wundergläubige hätten jetzt wohl gesagt, das hier sei vorherbestimmt gewesen, alles gehöre in einen großen Zusammenhang. Beseelte Dinge, Steine und Bäume, das Wesen der Natur, das sich in dieser Mittsommernacht manifestierte, in der alles passieren konnte. Er selbst fand, er habe einfach ein Schweineglück gehabt.

Vor der Tür der Hütte lag eine offene Veranda. Auf dem Boden standen einige Pelargonien und ein mit Kippen gefüllter Aschenbecher. Scheinbar alles normal – doch etwas stimmte hier nicht, es stimmte ganz und gar nicht, und plötzlich und ohne Vorwarnung traf ein betäubender Schlag seinen Hinterkopf. Er verlor das Gleichgewicht und stürzte zu Boden. Als er die Augen wieder öffnete, schob sich ein schwarzer Vorhang vor seine Blicke. O verdammt, er war doch nicht allein, jemand hatte sich von hinten unbemerkt an ihn herangeschlichen. Er presste die Handflächen auf die groben Bretter und versuchte, sich hochzustemmen. Bis ein weiterer Schlag seinen Hinterkopf traf, und diesmal tat es so weh, dass er einige Sekunden lang nicht mehr wusste, wo er sich befand und warum. Als er diesmal die Augen öffnete, war das Licht verschwunden. Nichts war da, alles war leer, er sah nichts. Seine Finger fühlten sich an wie gelähmt. Als habe er keinerlei Gewalt mehr über sie. Und das Seltsamste von allem war, dass der Schmerz, den er zuerst im ganzen Kopf verspürt hatte, jetzt verflogen zu sein schien.

Er wollte schreien, konnte es aber nicht, und wer hätte ihn hören sollen? Vor seinem inneren Auge flackerte ein vages und bleiches Bild auf. Er sah, wie er vorhin noch über einen Weg gegangen war, wie seine Beine sich bewegt hatten. Es war ein schöner, kurvenreicher Weg gewesen, mit gröberem Kies in der Mitte, feinerem außen, Gras am Rand, dahinter Tannen. Kilometer von strömendem Regen. Ein Blitz hatte den Himmel erleuchtet, und der Donner war wie Steine durch den Wald gerollt. Ja, daran erinnerte er sich. Auch wenn das Bild verschwommen war und alles schon eine Ewigkeit zurückzuliegen schien, obwohl es doch nur wenige Minuten her sein konnte.

Er merkte, dass er auf dem Bauch lag, in einer seltsam verkrümmten Haltung, die Arme starr und unbeweglich. Er versuchte nicht mehr, sich aufzurichten. Ein Gewicht schien sich auf ihn gelegt zu haben, und das Letzte, was er noch wahrnahm, war ein langes, tiefes Grollen. Dann verschwand auch dieses Geräusch, und alles wurde so still, wie es das nur nach dem Sturm sein kann, wenn die Gewitterwolken wie graue Fetzen über den Himmel gezogen sind, in einer stillen Mittsommernacht, in der alles möglich ist, noch dazu, ohne dass man weiß, warum.

Evelina Palm saß rauchend auf dem Sofa. Ungeduldig, die Zigarette zwischen zwei Fingern. Fast hätte sie sie auf dem Boden ausdrücken mögen, wenn es hier nicht so elegant und ordentlich gewesen wäre. Aber eigentlich war ihr das schnurz. Und ihr Boden war es schließlich auch nicht. Also ließ sie die Kippe fallen und trat sie mit ihrer Sandale aus. Ein schwarzer Fleck zeigte sich auf dem hellen Holz.

Sie war als Letzte übrig geblieben. Die anderen Gäste hatten sich einer nach dem anderen verzogen. Eigentlich hätte sie es ihnen nachtun sollen. Eigentlich hätte sie sogar überhaupt nicht herkommen dürfen, aber niemand hatte doch voraussehen können, dass der Abend zu einem solchen Fiasko werden würde.

Ja, verdammt, dachte sie. Was für ein tolles Scheißmittsommerfest!

Im Haus war es jetzt verhältnismäßig still, während sie hier in dieses sicher viel zu teure Sofa versunken saß. Bosse verkaufte Bilder wie andere Leute Gummibärchen. Immer malte er sie von derselben Stelle aus, im Obergeschoss, mit Aussicht auf See und Wald. Im Moment war Annie dort oben, ihre Schritte waren zu hören, rasch und wütend, auf dem alten Dachboden, wo ein Stück Dach entfernt und auch ein Fenster ersetzt worden war, damit es jedes Mal dasselbe Motiv sein konnte. Nicht die geringste Variation gebe es auf seinen Bildern, sagten manche. Nuancen, meinten die eher Wohlwollenden. Ein ständiges Spiel mit Farbtönen, so, wie auch die Natur sich veränderte, langsam und schrittweise. Er selbst schien sich um die Kommentare der anderen nicht zu scheren, so lange er seine Werke für viel größere Summen verkaufen konnte, als sogar die Wohlwollenden für angemessen erklärten. Jetzt saß er ihr gegenüber und zog gierig an seiner Pfeife. Und oben im Obergeschoss lief, wie gesagt, Annie hin und her, mit Schritten, die die Dachbretter lauter als sonst knacken ließen. Evelina hätte gern gewusst, warum Annie so böse war. Warum sie und Bosse sich diesmal gestritten hatten.

»Du hast ihn doch nicht gesehen, oder?«, fragte Evelina und schaute mürrisch zu Bosses mit Pantoffeln bekleideten Füßen hinüber, die lässig auf dem Tisch lagen. Bei dieser Hitze!

»Hätte ich ihn sehen sollen?«

Schlaffe müde Augenlider, Worte, die zähflüssig aus seinem Mund tropften. Dazu ein Lächeln, aber das galt nicht ihr, sondern ihm selbst. Er lächelte immer auf diese Weise in sich hinein.

»Was ist denn so komisch?«

Evelina konnte sich die Frage nicht verkneifen.

»Dass du auf einen Trottel wartest, der gar nicht da ist.«

»Er ist mit mir hergekommen, und jetzt ist er verschwunden.«

»Du solltest deine Typen sorgfältiger aussuchen, Evelina.«

»Im Moment habe ich nur einen Typen, und zwar diesen.«

»Das ist aber eine schlechte Wahl.«

Jetzt lächelte er wieder, und diesmal hatte er dazu sogar die Pfeife aus dem Mund genommen, so dass seine Zähne zu sehen waren. Wenn er nicht so aasig gelächelt hätte, dann hätte Evelina Bosse dieses eine Mal sogar zustimmen können – dass sie eine schlechte Wahl getroffen hatte, dass eine schlechtere kaum möglich gewesen wäre. Denn wie sollte man das sonst nennen, wenn er einfach verschwand, vor ihren Augen, vermutlich mit irgendeiner Frau, die er gar nicht kannte, und die er aufgelesen hatte, wie man einen Grashalm aus dem Boden zieht.

Naja. Vor ihren Augen, das war wohl etwas übertrieben. Dann würde sie ja nicht hier sitzen und Bosse Fragen stellen, die sonst absolut unter ihrer Würde gewesen wären.

»Du weißt also nicht, wo er hingegangen ist?«

Bosse lachte vor sich hin und erhob sich vom Sofa. Streckte sich und gähnte.

»Fahr nach Hause, Lina. Worauf wartest du denn noch?«

Ja, worauf? Dass er wie ein Springteufelchen hinter dem Türpfosten auftauchte, um ihr dann um den Hals zu fallen?

Sie litt sonst nie unter Schwermut, aber jetzt fühlte sie sich wie gelähmt. Sie hatte nicht einmal gesehen, dass er gegangen war. Das war wirklich übel, wenn sie es sich genauer überlegte. Eine Sauerei, Evelina Palm so zu behandeln.

»Ja, dann werd ich wohl nach Hause fahren«, sagte sie. Fauchte sie. Sprang auf und wünschte, sie hätte mehr als nur eine Kippe auf dem Boden ausgedrückt. Das wäre Bosse nur recht geschehen, denn auf irgendeine Weise hatte sie das Gefühl, dass er an allem schuld war.

»Danke für die nette Einladung«, murmelte sie dann, während sie sich die Tasche über die Schulter warf und auf die Tür zuging, die noch immer weit offen stand, nachdem alle anderen Gäste hinausgetorkelt waren.

Sie lief zu ihrem alten grünen Wagen, der ein Stück entfernt im Gras stand. Als sie die Tür öffnete, hörte sie einen lauten Donner. Sie ließ sich auf den Sitz fallen, hatte das Gefühl, noch immer den Duft seines Rasierwassers wahrnehmen zu können. Einen unverkennbaren Hauch von Zitrone. Aber vielleicht war das ja auch Einbildung. Was wusste denn sie. Vielleicht hatte ihr eifriges Gehirn die gesamten Ereignisse dieser Nacht zusammenphantasiert. Und vielleicht wollte ihr Gedächtnis sie an der Nase herumführen.

Nun legte das Gewitter richtig los, ein Wolkenbruch zwang sie dazu, einige Minuten am Wegesrand stehen zu bleiben. Als das Schlimmste vorüber war, fuhr sie schneller, mit Wut im Bauch. Der nasse Kies spritzte hinter ihr hoch, der alte Sitz ächzte und jammerte. Für einen kurzen Moment glaubte sie, jemanden am Straßenrand stehen zu sehen, jemanden, der zur Hälfte im Straßengraben verschwunden war. Aber die Scheinwerfer jagten hastig und trügerisch über den Boden, die wolkenverhangene Dunkelheit war kompakt, und auf nichts war wirklich Verlass. Vielleicht war es nur ein Schild gewesen, irgendeine Abzweigung. Er jedenfalls war es nicht. Sie fluchte und biss sich in die Lippe. Sah noch einen Blitz, diesmal jedoch in der Ferne.

Erst, als sie endlich zu Hause war und unter die Decke kroch, hörte der Regen auf. Endlich, dachte sie. Sie schaltete die Nachttischlampe aus, und das Zimmer wurde von der Straßenlaterne draußen beleuchtet. Die Stille nach dem Regen war angenehm.

Es war schon lange nach Mitternacht. Die Frau und der Mann saßen im Garten hinter dem Haus. Auf dem Tisch stand eine brennende Kerze. Die Mittsommernacht war in den Mittsommertag übergegangen, und die Wolken am Himmel lockerten sich langsam auf.

»Du bist lange weggeblieben«, sagte die Frau.

Der Mann sah sie an, sie konnte seinen Blick nur ahnen. Glaubte zu sehen, wie er auswich. Aber sicher war sie sich nicht.

»Ich war hier«, sagte er. »Unten im Schuppen.«

»Da war kein Licht«, sagte sie. »Hast du im Dunkeln gesessen? Was hast du gemacht?« Sie sah seine Hände an. »Hast du gemalt?«

»Gemalt?«, fragte er überrascht.

»Ja. Hast du?«

»Nein, heute Abend nicht. Wieso fragst du?«

»Nur so. Hat mich eben interessiert.«

Sie ließ sich in den Holzstuhl zurücksinken.

»Das hier ist der längste Tag im Jahr«, sagte sie. »Oder die kürzeste Nacht.«

»Nicht ganz«, sagte er.

»Wie meinst du das?«

»Der längste Tag im Jahr ist schon drei Tage her.«

»Seltsam«, murmelte sie.

Wieder glitt ihr Blick zu seinen Händen.

»Was denn?«

»Ich dachte ... ich meine, ich bin einfach nicht auf die Idee gekommen, dass du dort unten sitzen könntest.«

»Ich aber«, sagte er.

Sie schaute zum Himmel hoch.

»Das Gewitter ist jetzt vorbei, du kannst ganz beruhigt sein, das Unwetter hat sich verzogen.«

Erst nach vier Tagen beschloss Evelina Palm, in Erfahrung zu bringen, was eigentlich passiert war. Wohin der Typ verschwunden war. Erst am Dienstagmorgen also schluckte sie ihren Stolz hinunter und schaute auf dem Weg zur Arbeit an seinem Frisiersalon vorbei. Sie hielt die Hände wie Scheuklappen an ihre Schläfen und schaute durch das Fenster. Drinnen war alles leer. Kein Mensch zu sehen, Stühle und Spiegel im Dunkeln. An der Tür hing ein weißer Zettel mit der Aufschrift »Geschlossen«, er hing an zwei dünnen weißen Fäden.

Evelina Palm wollte an diesem Morgen nicht zu spät in den Laden kommen, in dem sie für einen ihrer Ansicht nach erbärmlichen Lohn arbeitete. Gelinde gesagt. Die Gewerkschaft hätte getobt, aber Evelina Palm war nun einmal kein Mitglied irgendeiner Gewerkschaft, weil sie fand, es gebe wichtigere Dinge im Leben. Außerdem war gerade das eine Voraussetzung dafür gewesen, dass sie diesen Job bekommen hatte. Mieses Gehalt für einen miesen Job. Aber sie biss die Zähne zusammen, Arbeitsstellen wuchsen zur Zeit ja nicht auf den Bäumen.

Jetzt hatte sie lange genug wie eine Idiotin vor dem Laden gestanden und die silbernen Mobiles angestarrt, die an ihren Plastikfäden still hinter dem Fenster des Frisiersalons hingen. Sie hatte überhaupt nicht damit gerechnet, dass hier geschlossen sein würde, als sie diesen Umweg geplant hatte. Sie hatte zur Tür hineinschauen und hallo sagen wollen. Einfach so. Und Jonas hätte sich dann eilig und überrascht umgedreht, mit einer Erklärung auf der Zunge, die er nicht laut aussprechen konnte, weil Kundschaft in dem Stuhl saß, hinter dem er mit Schere, Kamm und Haarspray in der Hand gerade stand. Evelina hatte nur hallo sagen wollen, hier bist du also, wir haben uns ja doch gefragt, was aus dir geworden ist, und dann wäre sie gegangen, mit einem munteren Lächeln vorbei an seinem Fenster mit den silbernen Scheren, und hätte ihn mit offenem Mund dort stehen lassen. Das wäre ihm recht geschehen. Er konnte ruhig ein schlechtes Gewissen haben, nachdem er das Fest verlassen hatte, ohne ihr auch nur ein Wort zu sagen.

Aber es war anders gekommen.

Evelina Palm überkam das unangenehme Gefühl, dass hier etwas nicht stimmte. Konnte ihm etwas passiert sein? Es war doch seltsam, dass er sich so gar nicht bei ihr gemeldet hatte. Und dass er nun auch nicht im Laden war. Sie konnte sich nicht daran erinnern, dass er etwas über einen Urlaub gesagt hätte. Einige Minuten lang trat sie vor seiner Tür von einem Fuß auf den anderen, aber das führte nur dazu, dass sie noch viel später in den verdammten Laden kommen würde, wo alles viel zu schweineteuer war, um irgendwelche Kundschaft anzulocken.

Sollte sie etwas unternehmen? Die Polizei anrufen? Sie setzte sich in Bewegung und ihre Absätze klapperten über den Asphalt. Allerdings kannte sie ihn eigentlich nicht sonderlich gut, und sie hatte keine Ahnung von seinem sonstigen Bekanntenkreis. Und deshalb, beschloss sie und hob den Kopf, als sie in einem Schaufenster ihr Spiegelbild entdeckte, deshalb wäre es doch idiotisch, ihn als vermisst zu melden. Die Sache an die große Glocke zu hängen. Wo er doch vermutlich einfach nur verreist war. Ja, sie hatte sich einfach in ihm getäuscht, das stand jetzt fest.

Aber dennoch.

Etwas machte Evelina Palm zu schaffen, und sie begriff nicht, warum. Auch später an diesem Tag, als sie in dem rot tapezierten Laden hinter dem Tresen stand, ohne auch nur ein einziges Kleidungsstück verkauft zu haben, obwohl es schon nach drei war, als sie also dort stand und ihre frisch gefeilten Nägel betrachtete, hier einen Rest wegblies und dort ein wenig überflüssigen Nagellack wegkratzte, war dieses Gefühl des Unbehagens nicht verschwunden. Sondern eher noch gewachsen. Es war leichter gesagt als getan, einen kühlen Kopf zu behalten, wenn man acht Stunden lang nichts anderes zu tun hatte, als Kleiderbügel zu sortieren, Leuten am Telefon klarzumachen, dass sie die falsche Nummer erwischt hatten, und sich unter dem Neonlicht über dem Tresen die Nägel zu feilen und zu lackieren.

Um fünf Uhr fühlte Evelina Palm sich so wenig wohl in ihrer Haut, dass sie beschloss, den Laden dichtzumachen und nach Hause zu gehen. Wenn wider Erwarten die Besitzerin vorbeischaute, konnte sie ja immer noch Kopfschmerzen vorschützen. Sie strich ihren kurzen Rock glatt, zupfte ein Haar weg und beschloss, auf demselben Weg nach Hause zu gehen, auf dem sie hergekommen war, vorbei an Jonas’ Frisiersalon.

Als sie zum zweiten Mal an diesem Tag am Salon Klipp-it vorbeikam, konnte sie nur feststellen, dass sich seit dem Morgen anscheinend nichts geändert hatte. Sie wollte schon weitergehen, als ihr doch etwas auffiel. Nur eine Kleinigkeit, aber seltsam war es eben doch. Der handgeschriebene Zettel hing nicht mehr an der Tür. Als sie durch das Fenster schaute, sah sie ihn auf dem Boden liegen.

Hier stimmt etwas nicht, dachte sie. Eigentlich hatte sie mittlerweile beschlossen, den Typen als Trottel abzuhaken und auf ihn zu pfeifen. Aber die Sache ging ihr nicht aus dem Kopf, saß wie ein unangenehmes Kitzeln in ihrem Rücken – das Gefühl, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zuging.

2

Es war noch deutlich vor sechs am Freitag, dem 29. Juni, als Kriminalinspektor Erik Sander seine Jacke von der Stuhllehne nahm, um nach Hause zu gehen. Er freute sich, weil er so früh fertig war, dass er sich auf dem Heimweg nicht beeilen musste. Dieses eine Mal, dachte er, und schob die Arme in die Jacke.

Dann hörte er ein leises Klopfen an der Tür.

Mit der Aktentasche schon in der Hand schaute Sander überrascht auf.

»Ja?«, fragte er. Als nichts passierte, sagte er etwas lauter: »Herein.«

Die Frau, die vorsichtig seine Tür öffnete und das Zimmer betrat, mochte um die siebzig sein, sie atmete schwer, trug einen schockrosa Nylonmantel, hatte einen großen Busen und mindestens drei Kinne. Ihre blondierten Haare umgaben ihren Kopf wie Zuckerwatte. Ihre Augen waren klein und farblos und zur Hälfte hinter schweren Augenlidern verborgen, ihre Lippen waren bleich und schmal, und zwischen ihren Vorderzähnen klaffte ein Spalt.

Sander seufzte lautlos. Die Frau kam ihm irgendwie bekannt vor, er konnte jedoch nicht sagen, warum.

»Worum geht es?«, fragte er.

»Ich glaube, mein Nachbar ist verschwunden«, sagte sie mit leiser Stimme.

Erik Sander räusperte sich, ging widerwillig zurück zum Schreibtisch, setzte sich hin und forderte die Frau mit einer Handbewegung auf, es ihm nachzutun. Sie blieb stehen. Er ließ sich im Bürostuhl zurücksinken und versuchte gelassen, ihren Blick zu erwidern.

Irre gibt es genug, dachte er. Warum er das dachte, wusste er auch nicht so genau, vielleicht lag es einfach nur daran, dass ihre Mundwinkel so zitterten. Er fühlte sich plötzlich schlecht. Wie kam er dazu, sich ein Urteil über diese Frau zu erlauben?

»Ach. Und warum glauben Sie, dass Ihr Nachbar verschwunden ist?«

»Warum ich das glaube?«

Die Frau sprach mit einer Spur von einem nördlichen Akzent, aber der war wirklich sehr verwässert. Offenbar war sie schon vor langer Zeit von dort weggezogen. Sie spitzte den Mund, der nun aussah wie eine in weißen Teig gedrückte Rosine.

»Ja, wann ... äh, haben Sie das entdeckt?«

»Gestern.«

Sander konnte einen weiteren Seufzer unterdrücken. Er drehte den Stuhl halbwegs herum, zum Bildschirm hin, und ließ seine Finger über die Tasten gleiten.

»Aha. Dann brauche ich einige Auskünfte. Wie heißt Ihr Nachbar?«

Seine Stimme hatte automatisch einen militärischen Klang angenommen, der ihm eigentlich überhaupt nicht gefiel. Die Frau biss sich auf die Lippe.

»Himmel, was hat denn das mit dem Fall zu tun?«

Sander schaute die Tastatur an, seine Finger schienen nicht gehorchen zu wollen. Er mahnte sich zur Ruhe. Langsam atmen, die Schultern senken.

»Aber wir müssen doch wissen, nach wem wir suchen sollen«, sagte er.

Die Frau starrte ihn misstrauisch an.

»Reicht es denn nicht, wenn Sie wissen, wie er aussieht?«

»Naja, vielleicht nicht so ganz.«

Sander gelang ein Lächeln. »Also, wie heißt er?«

»Hören Sie, junger Mann, ich bin nicht hergekommen, um ...«

Sander seufzte nun doch. Zeitverschwendung. Unnötige Arbeit. Aber na ja, wenn es die Frau beruhigen konnte, dann bitte. Wenn es nur schnell ging.

»Wir brauchen seinen Namen, wenn wir nach ihm suchen sollen. Oder wie sehen Sie das?«

»Ich glaube, Sie nehmen mich nicht ganz ernst«, sagte sie plötzlich leiser.

»Ach, und warum sollten wir das nicht tun?«

»Im Moment kann man doch kaum jemandem vertrauen.«

Sander spürte, wie seine Wangen zuckten. Er versuchte, sich zusammenzureißen. Die Frau starrte ihn aus ihren Schneckenaugen wütend an.

»Aber wollen Sie denn nicht fragen, wie er aussieht?«

»Doch, natürlich. Wie sieht er aus?«

»Dunkle Haare, so an die eins achtzig, schätze ich, ist meistens schwarz gekleidet.«

Sander schrieb. »Weitere Kennzeichen?«

»Ja. Oft hat er die Haare im Nacken zusammengebunden.«

»Das haben Sie sich ja gut gemerkt.«

»Wir wohnen auf derselben Etage. Ich sehe ihn morgens immer.«

»Wissen Sie, wie alt er ist?«

»Tja, so um die fünfunddreißig, vielleicht vierzig. Glauben Sie, Sie können ihn finden?«

»Ich glaube sicher, dass er wieder auftauchen wird, ja.«

Die Frau schaute sich um, zog scharrend den Besuchersessel über den Boden, ließ sich hineinsinken und atmete dabei so heftig aus, dass alle Papiere vom Schreibtisch geweht worden wären, wenn sie etwas tiefer gesessen hätte. Jetzt aber traf der Luftstrom direkt auf Sanders Gesicht, und instinktiv wandte er sich ab. Der Bildschirm flackerte ein wenig. Früher war alles besser gewesen, mit Formularen, Kugelschreibern und Ordnern. Jetzt, nach einem langen Tag am Bildschirm, brannten seine Augen und er fühlte sich ungeheuer müde. Mit Mühe und Not konnte er ein Gähnen unterdrücken.

»Wie haben Sie bemerkt, dass Ihr Nachbar verschwunden ist?«

»Ich sehe ihn morgens, wenn er losgeht, wie gesagt. Aber das ist jetzt nicht mehr der Fall.«

»Dann ist er vielleicht verreist?«

»Das wüsste ich doch. Wenn er sonst verreist war, und sei es nur für zwei Tage, hat er immer bei mir geklingelt und mir Bescheid gesagt. Es ist ihm nämlich sehr wichtig, dass seine Topfblumen versorgt werden.«

»Er kann diesmal doch jemand anderen darum gebeten haben«, sagte Sander.

Die Frau machte ein beleidigtes Gesicht.

»Das glaube ich nicht. Warum hätte er das tun sollen? Um seine Post kümmert sich jedenfalls niemand, denn als ich heute in den Briefkasten geschaut habe, war der ganz voll. Das fand ich komisch.«

Sander fuhr sich über die Stirn.

»Hat er denn irgendwelche schweren Krankheiten?«

Die Frau schnaubte kurz.

»Behaupten Sie, dass er tot in seiner Wohnung liegt?«

»Das kann leider vorkommen.«

Sie zuckte mit den Schultern und schaute zum Fenster hinüber. Draußen war es durch den Regen ungewöhnlich dunkel, und in der beschlagenen Scheibe spiegelte sich die Neonröhre.

»Er sieht jedenfalls ganz gesund aus.«

»Er ist also seit einigen Tagen verschwunden«, murmelte Sander. »Und er hat Ihnen nicht gesagt, dass er verreisen wollte?«

»Ich glaube nicht. Auch wenn meine Erinnerung nicht immer die beste ist. Wenn Sie verstehen, Herr Wachtmeister.«

Aber sicher, dachte er. Das verstehe ich nur zu gut.

Ein Jammertal, dachte er dann und warf einen Blick auf die Uhr. 17:46. Er hätte jetzt zu Hause sein und sich für den Abend fertig machen müssen. Es war Freitag, und zum ersten Mal seit drei Jahren wollten er und Henrietta ins Kino und danach essen gehen. Sie würde sich durchaus nicht freuen, wenn er nun schon wieder zu spät käme. Es wäre der dritte Freitag hintereinander, und vergangene Woche war auch noch Mittsommer gewesen. Sie hatte die Babysitterin wieder abbestellen müssen und hatte ihm anschließend vorgeworfen, sich absichtlich verspätet zu haben. Aber war es vielleicht seine Schuld, dass, als er gerade gehen wollte, dieser Irre hereingeplatzt war und sich als Mörder ausgegeben hatte? Und jetzt passierte schon wieder so etwas. Warum hatten sie sich ausgerechnet die Freitage ausgesucht, um ihn in den Wahnsinn zu treiben?

Die Frau sah ihn an und kniff dabei energisch die Lippen zusammen. Sie hatte jetzt rote Flecken auf den Wangen. Die standen ihr nun gar nicht. Bissen sich mit der rosa Kleidung.

»Wenn Sie wollen, dass wir Ihren Nachbarn suchen, müssen Sie seinen Namen und seine Adresse nennen. Sonst können wir nichts unternehmen. Leider.«

»Meine Güte. Was wollen Sie denn mit der Adresse? Er ist doch gar nicht zu Hause. Deshalb bin ich ja hier.«

»Wohnt er allein?«

»Er hat zwar ab und zu mal eine Frau dabei, aber so viel ich weiß, wohnt keine bei ihm. Allerdings hat er eine Katze. Die kommt und geht. Er lässt sie raus, und wenn sie dann vor der Tür steht, geht er nach unten und lässt sie wieder rein.«

Wieder spitzte sie verärgert die Lippen und presste die Hände auf eine kleine Handtasche aus offenkundigem Kunstleder.

»Haben Sie die Katze gesehen, als Sie durch den Briefkastenschlitz geschaut haben?«

Warum um alles in der Welt musste er danach fragen? Besser wäre doch wohl gewesen, die Alte dahin zu schicken, wo sie hingehörte. Er hatte wirklich keine Lust, hier den Irrenarzt zu spielen.

»Nein, die ist meistens unterwegs.«

Nach Hause, dachte er. Und nicht erst um Viertel nach sechs und Henriettas Gesicht sehen müssen, wenn sie sich weigerte, ihn anzusehen. Er konnte sie ja verstehen, er hatte unendliches Verständnis, aber was half das, wenn sie sich weigerte, ihm zu glauben?

»Sie haben nicht zufällig einen Zweitschlüssel für seine Wohnung?«

»Den hatte ich nur im Winter, als ich bei ihm Blumen gießen sollte.«

»Na dann ...«, Sander fuhr sich mit zwei Fingern übers Kinn und spürte seine Bartstoppeln, die seit dem Morgen wieder ein wenig gewachsen waren. »Das findet sich schon alles. Die meisten Verschwundenen sind eigentlich gar nicht verschwunden. Sie tauchen wieder auf, als sei nichts passiert.«

»Ach was«, murmelte die Frau. »Aber es ist ja auch nicht meine Aufgabe, ihn zu suchen. Irgendwas müsst ihr für unsere Steuern ja wohl auch tun.«

Erik Sander erhob sich, in der Hoffnung, die Frau werde seinem Beispiel folgen. »Dann danke ich für Ihre Auskunft. Wenn Sie sich die Sache anders überlegen und uns doch noch seinen Namen verraten mögen, dann machen Sie uns die Sache damit sehr viel leichter.«

Es war vier Minuten vor sechs, und auch wenn er die Jacke vom Bügel risse und in einem Rekordtempo geradewegs nach Hause führe, wäre der Kinoabend doch unwiderruflich verdorben.

Sie stand jetzt an der Tür mit ihrem grellen Nylonmantel, der sie einhüllte wie eine zerknitterte Decke. An den Füßen trug sie schmutzige Turnschuhe und weiße, über schwarzen Strumpfhosen aufgerollte Tennissocken. Wieder kam sie ihm auf irgendeine Weise bekannt vor. Wie um dieses Gefühl zu vertreiben, wandte er sich für einige Sekunden ab. Als er dann wieder zur Tür blickte, war sie verschwunden.

Erik Sander schaltete den Computer aus und schob seinen Stuhl an den Tisch. Er schaute auf die Uhr. 17:58. Der Film fing um halb sieben an. Auf seinem Weg über den Flur warf er einen vorsichtigen Blick durch Egon Eskilssons gläserne Zimmertür. Egon saß an seinem Schreibtisch und beugte sich über eine Zeitschrift. Vor sich hatte er ein Butterbrot und einen dampfenden Becher mit Kaffee. Die Schreibunterlage war von Krümeln übersät, es war also offenbar nicht sein erstes Brot. Er zuckte zusammen, als er hörte, wie die Tür geöffnet wurde.

»Hier sitzt du also, und das in aller Seelenruhe.«

Sander konnte sich nicht beherrschen. Eskilsson schaute auf und räusperte sich.

»Ich bin gerade erst gekommen und hatte eben Hunger, das verstehst du doch.«

Die Wangen des Kollegen röteten sich ein wenig. Dass Eskilsson sich im Büro lieber in die Lokalpresse vertiefte als in Protokolle, war kein Geheimnis. Dass er inzwischen bisweilen ohne Entschuldigung zu spät kam und manchmal vorzeitig Feierabend machte, war auch bekannt. Aber wirklich zu interessieren schien das alles niemanden, vielleicht, weil ihn nur noch ein gutes halbes Jahr von der Pensionierung trennte. Ein Ereignis, auf das nicht nur er sich freute, auch wenn niemand das sagte.

»Ich hatte Besuch von einer Frau, die behauptet hat, ihr Nachbar sei verschwunden«, sagte Sander.

Er hatte den Kopf durch die Tür gesteckt.

Mit voll gestopften Backen schaute Eskilsson ihn an. »Du siehst gestresst aus«, sagte er, nachdem er geschluckt hatte. »Irgendwas Besonderes?«

Sander schüttelte den Kopf.

»Nein, nichts. Ich hab’s nur ein wenig eilig.«

»Dann steh hier doch nicht rum.«

»Werd ich auch nicht. Ich wollte dir nur erzählen, dass die Frau keinen Namen nennen wollte, deshalb können wir nichts unternehmen. Sie kam mir wirklich ein bisschen seltsam vor.«

»War der Nachbar zwanzig und über Nacht ausgeblieben oder was?«

»Er scheint eher um die vierzig zu sein und hat sich seit einigen Tagen nicht mehr blicken lassen. Aber er kann verreist sein, das wusste die Frau nicht. Und wie gesagt, einen Namen weiß ich nicht. Das war alles ein bisschen verworren.«

Eskilsson hielt mitten im Kauen inne. »Verdammt, wieso wollte sie keinen Namen nennen!« Er schüttelte den Kopf und kaute weiter, schaute verstohlen zu Sander hinüber und stopfte sich dann den letzten Bissen Brot in den Mund.

»Wie gesagt, ich hab’s ein bisschen eilig. Ich muss jetzt los. Aber wenn sie sich noch einmal meldet, dann bist du informiert. Bei solchen Leuten weiß man doch nie.«

Sander warf noch einen Blick auf die Uhr, obwohl er wusste, dass es keinen Zweck haben würde, sich jetzt noch zu beeilen.

»Dann geh doch endlich. Was ich übrigens auch bald tun werde.«

Eskilsson.

Eskilsson beschrieb eine halbe Drehung mit seinem Schreibtischstuhl, faltete die Zeitung zusammen und trank den Rest des noch immer dampfenden Kaffees. Als er sich dann umdrehte, war Erik Sander verschwunden. Nur seine Schritte waren im Gang noch zu hören. Eskilsson hob die Augenbrauen und wollte sich schon seinem Computer zuwenden, überlegte sich die Sache dann aber anders und zog die Zeitung hervor, deren Sportseiten noch immer aufgeschlagen waren.

Märta Olofsson saß mit einer zerknitterten Plastiktüte auf einer Bank im Gunillapark und sah den Vögeln zu. Sie hatte ihnen altes Brot mitgebracht, und die Vögel langten zu wie mitten im Winter, obwohl Mittsommer doch erst eine Woche zurücklag.

Sie seufzte. Sie bereute, was sie getan hatte, aber jetzt war es zu spät. Sie hatte die eleganten Türen der Wache gerade erst hinter sich gebracht, als ihr auch schon Zweifel gekommen waren, ganz zu schweigen von später, als sie bei diesem Polizisten gesessen hatte, der ihr auf irgendeine Weise bekannt vorgekommen war und der sie anstarrte und ihr Fragen stellte, auf die sie plötzlich einfach nicht antworten konnte.

Wie dumm von ihr. Was ging das Ganze sie überhaupt an? Vielleicht hatte sie einfach nur zu wenig zu tun? In letzter Zeit hatte sie oft herumgesessen und darauf geachtet, wann die Nachbarn kamen und gingen, hatte in den Hausflur hinaus gelauscht. Sie hatte das Radio satt, sie mochte nicht mehr am Küchentisch sitzen und das gegenüberliegende Haus anstarren. Das andere war besser, auf irgendeine Weise fühlte sie sich so näher am wirklichen Leben. Und dann war ihr aufgefallen, dass es in der Wohnung gegenüber so still war.

Aber eigentlich ging das alles sie überhaupt nichts an. Sie stand auf und blickte zur Bushaltestelle hinüber. Wie peinlich, der Polizist hatte ihr nicht geglaubt, aber es war zu spät gewesen, als sie auf seiner Türschwelle gestanden hatte, er war außerdem viel zu gestresst gewesen. Ja, die Polizei hatte sicher viel zu tun, man hörte ja, dass in der Stadt so viel passierte, und dann kam auch noch sie und sagte etwas, das sie nichts anging und das sie außerdem gar nicht hatte sagen wollen.

»Sjögren« stand an der Tür. Sie dachte an den jungen Mann. Er sah sympathisch aus. Sie beobachtete ihn immer heimlich durch ihren neuen Türspion. Er nickte ihr zu, wenn er sie sah, hatte sogar einmal zu dem Türspion hin genickt, als wisse er, dass sie dort stand. Wenn sie einander im Treppenhaus begegneten, lächelte er sie immer an, machte gelegentlich eine Bemerkung über das Wetter. Und einmal, als er verreisen wollte, hatte er sie gebeten, seine Blumen zu gießen. Ja, das hatte er wirklich getan. Er hatte gesagt, seine Topfblumen seien ihm wichtig, und zum Dank hatte er ihr die Haare neu gelegt, ganz umsonst. Er arbeitete als Friseur. Hatte sogar seinen eigenen Salon. Und jetzt war er wieder verreist. Und niemand kümmerte sich um seine Blumen oder seine Post. Drei Tage lang hatte vor seiner Tür ein großer Brief gelegen. Am Ende hatte sie den in den Briefschlitz gesteckt, und dabei hatte sie gesehen, dass unten schon sehr viel Post herumlag. Ja, das war wirklich seltsam. Aber welches Recht hatte sie, sich einzumischen?

Märta Olofsson erhob sich. Ging langsam über den schmalen Parkweg zur Bushaltestelle. Warf die Brottüte in den Papierkorb. Bald würde der Bus nach Andersberg fahren, und dann würde sie wieder zu Hause sein. Sie würde sich mit einer Tasse Kaffee an den Küchentisch setzen und diesen peinlichen Zwischenfall so rasch wie möglich vergessen.

Als Henrietta Sander sich an diesem Freitagnachmittag über ihre Spülmaschine beugte, um das benutzte Geschirr hineinzuräumen, stellte sie trocken, aber ein wenig enttäuscht fest, dass ihr Mann sich offensichtlich wieder verspätete und während der nächsten Stunden wohl nicht auftauchen werde. So war es schon dreimal gewesen, wenn sie beschlossen hatten, zusammen auszugehen, erst ins Kino und dann in irgendein Restaurant. Immer auf Eriks Vorschlag hin. Sie hatte zuerst gezögert, nicht, weil sie nicht gewollt hätte, sondern weil sie sich fragte, ob sie das überhaupt schaffen und ob sie nicht viel zu müde sein würden. In letzter Zeit hatten sie an den Abenden zumeist träge vor dem Fernseher gesessen und waren dann dort eingeschlafen.

Jetzt stand die Babysitterin in der Tür und trat in ihren viel zu warmen Turnschuhen von einem Fuß auf den anderen. Sie trug ein dünnes weißes Baumwollhemd mit einem roten Herzen. Die Kinder hatten schon aufgemacht und drängten sich nun lachend um die Beine des schmächtigen Mädchens; sie fanden es immer wunderbar, einige Stunden mit ihr allein zu sein, da das Mädchen sie, anders als die Eltern und vermutlich aus purer Gleichgültigkeit, auf dem Sofa herumhopsen und im Bett Purzelbäume schlagen ließ, bis ihre Gesichter glühten und ihre Haare schweißnass waren. Henrietta wusste das, wollte die Babysitterin aber nicht zurechtweisen. Wenn man mal jemand Zuverlässigen gefunden hatte, musste man sich alle Mühe geben, ihn zu halten, auch wenn sie den Kindern zu viele Freiheiten erlaubte.

»Komm rein«, sagte Henrietta, trocknete sich an einem Geschirrtuch die Hände ab und ging in die Diele. »Es wird wohl auch heute Abend nichts. Erik ist noch nicht zu Hause, und wenn er in zehn Minuten nicht da ist, dann schaffen wir es nicht mehr.«

Rebecka stand unschlüssig auf der Türschwelle und biss sich auf ihre rosa Lippe.

»Soll ich nach Hause gehen oder ...«

»Warte bitte noch. Man weiß ja nie. Und du wirst auf jeden Fall bezahlt, es ist ja nicht deine Schuld ...«

Nein, es war nicht die Schuld der Kleinen, dass Erik zum x-ten Mal so viel zu spät kam, dass Kinobesuch und Essen sich mal wieder erledigt hatten. »Wir holen das an einem anderen Freitag nach«, hatte Erik beim vorigen Mal gesagt, aber ohne ihr in die Augen zu schauen, und Henrietta schien es, dass er selbst nicht glaubte, was er da sagte. Seine Arbeit fraß immer mehr von den Abenden auf, während Henrietta sich zu Hause um alles kümmerte und die Kinder rechtzeitg ins Bett steckte. Oft kam Erik erst so spät, dass er ihnen nicht einmal mehr gute Nacht sagen konnte. »Wo ist Papa?«, fragten sie manchmal. »Der arbeitet«, antwortete Henrietta dann, und obwohl sie es nicht wollte, hörte sie doch ein gewisses Maß an Bitterkeit in ihrer Stimme mitklingen. Als beiße sie die letzte Silbe des Satzes ab, um sie dann wütend auf den Teppich zu spucken und zu zertrampeln. Als wolle sie auch Eriks Erklärungen und Ausflüchte zertrampeln und sagen, jetzt hör verdammt noch mal auf, so viel zu arbeiten. Ich oder die Arbeit, entscheide dich. Aber so weit kam sie nie, lief nur verärgert hin und her und starrte ihn wütend an. In der Hoffnung, dass er nun endlich begriff.

Ich bin zu nachgiebig, dachte Henrietta, ich zeige nicht, wie mir wirklich zumute ist. Und drückte Rebecka einen Hunderter in die Finger, die anstandshalber protestierte, sich aber sichtlich darüber freute, für gar nichts so viel bezahlt zu bekommen.

»Wir vergessen das für heute Abend«, sagte Henrietta und schaute in die großen, braunen, von zu viel Wimperntusche eingerahmten Augen. »Aber nächste Woche, vielleicht, wenn du dann Zeit hast?«

Rebecka nickte lächelnd, während Henrietta dachte, dass sie sich den letzten Satz hätte sparen können. Sie wusste nur zu gut, dass ihr Mann auch am nächsten und am übernächsten Freitag Überstunden machen würde. Und nur Gott, falls überhaupt, wusste, wie lange das noch so weitergehen würde.

Ab und zu, manchmal, wenn es abends so spät wurde, dass sie fast schon einsam vor dem Fernseher eingeschlafen war, ehe sie seinen Schlüssel im Schloss hörte, hatte sie darüber spekuliert, was er da eigentlich machte. Musste er wirklich arbeiten? Oder hatte er eine andere, war das mit der Arbeit nur ein Deckmäntelchen für etwas, das Henrietta in ihrer Naivität nicht durchschaute? In solchen Momenten schaute sie in den Spiegel und sah dort eine Frau mit viel zu schmalem Gesicht, mit eingefallenen Wangen und gerunzelter Stirn, die so leicht an der Nase herumzuführen war, dass sie jede Lüge schluckte, die ihr vorgelegt wurde. Sollte sie etwas sagen? Immer wieder wirbelten dieselben Fragen durch ihren Kopf, blieben aber zu vage, um wirklich Form anzunehmen. Darüber hinaus war sie sich nicht sicher, dass sie die Folgen der möglichen Antworten tragen wollte.

Also saß sie auch an diesem Abend brav da und wartete. Wenn auch die Wut irgendwo im Hinterkopf auf der Lauer lag. Als Erik Sander um zwanzig nach sechs mit tausend gestammelten Erklärungen und Entschuldigungen in die Diele trat, sah sie ihn kurz an, starr und durchdringend, und machte dann kehrt, ging ins Schlafzimmer der Kinder, sagte, die müssten jetzt ins Bett, hob das Pu der Bär-Buch vom Boden auf, putzte den beiden widerstrebenden Jungen die Zähne und steckte sie ins Bett. Nachdem Erik den Kindern gute Nacht gesagt hatte, fing sie an zu lesen. Die Geschichte von Pu dem Bären im Hundertmorgenwald machte sie ein wenig schläfrig, dämpfte den Zorn, der immer noch in ihr tobte, und versetzte nicht nur die Kinder, sondern auch sie selbst in eine seltsame Ruhe. Es war schon fast halb neun, als sie neben den schlafenden Kindern erwachte, überrascht, weil sie so schnell eingeschlafen war. Sie fühlte sich müde und schlaftrunken, zwang sich aber zum Aufstehen. Vielleicht kam ja etwas im Fernsehen. Als sie zum Sofa ging, war Erik nicht dort, war auch nicht in der Küche. Eine eben erst benutzte Kaffeetasse stand im Spülstein, Sie blickte hinter das Regal, das sie im Wohnzimmer als Raumteiler benutzten, und sah auf dem Bett seine Beine. Er hatte nicht einmal die Tagesdecke weggenommen, so schnell war er eingschlafen. Im Raum herrschte eine bleierne Stille. Viel später, als alles vorüber war, dachte sie, dass an diesem Abend vielleicht alles begonnen hatte, und dass diese Stille die Ursache dafür gewesen sei, dass alles so wurde, wie es eben geworden war.

3

Auf dem Hof herrschte trübes Dämmerlicht, als Rebecka die Haustür hinter sich ins Schloss fallen ließ. Krach. Es war immer so laut. Was sollte sie jetzt tun? Sie spielte mit dem glatten Hunderter in ihrer Tasche herum. Leicht verdientes Geld, wirklich, auf diese Weise würde sie gern weiterhin bei Henrietta babysitten. Das war doch der pure Traumjob.

Vielleicht sollte sie in die Stadt fahren und sich ein Eis oder einen Hamburger kaufen. Ihre Mutter musste an diesem Abend arbeiten, und dann war sie nie vor zehn zu Hause. Rebecka ging über den Bürgersteig. Überall Pfützen, die Laternen brannten schon, obwohl es doch mitten im Sommer war und der Himmel eigentlich hell sein müsste. Das Licht der Laternen spiegelte sich im Regenwasser wider, und der Asphalt sah schwärzer aus als sonst. Es gluckste unter ihren Schuhen.

Plötzlich war sie da, die Katze. Ein mageres schwarzes Tier mit großen grünen Augen, die ebenso funkelten wie die Pfützen.

Rebecka bückte sich.

»Aber hallo, Miezekätzchen«, sagte sie. »Was machst du denn hier?«

Die Katze rieb ihre Nase an Rebeckas Bein. Rebecka streichelte ihren Rücken und spürte durch das Fell die Rippen.

Sie hob das Tier hoch. Leicht wie eine Tüte Zucker. Bereitwillig ließ die Katze sich in den Arm nehmen und fing an zu schnurren. Wie eine leise tickende Uhr, fand Rebecka.

Als Rebecka die Katze dann auf den Boden setzte, um weiterzugehen, folgte das Tier ihr. Bis zur Bushaltestelle und dann wieder zurück. Denn nachdem sie eine Viertelstunde im Regen auf den Bus gewartet hatte, der sich offensichtlich verspätete, hatte sie keine Lust mehr, in die Stadt zu fahren. Schließlich war ihre Mutter nicht zu Hause, und das hieß, sie hatte die Wohnung für sich. Sie beschloss, in den Lebensmittelladen an der Ecke zu gehen und sich eine Tüte Chips zu kaufen.

»Aber hier kannst du nicht mitkommen«, sagte Rebecka, als die Katze versuchte, ihr in den Laden zu folgen.

Sie beeilte sich, nahm auch noch einen halben Liter Birnenlimonade mit, wo sie schon einmal da war. Geld hatte sie ja schließlich mehr als genug.

Als sie aus dem Laden kam, war die Katze verschwunden. Rebecka lief über den Rasen. Summte vor sich hin. Spielte mit dem Gedanken, Anders anzurufen, konnte sich aber nicht dazu durchringen.

Vor dem Haus spürte sie wieder diesen leichten Druck an ihrer Wade. Die Katze stand dort und starrte hilflos aus ihren funkelnden Augen zu ihr hoch. Ihre weiche Nase schnupperte vorsichtig an Rebeckas Jeans herum.

Rebecka bückte sich und hob das Tier wieder hoch.

»Du armes Vieh«, sagte sie. »Dann musst du eben mit reinkommen. Hast du vielleicht Hunger? Isst du gern Chips?«

Unter dem feuchten schwarzen Fell vibrierte ein leises Schnurren, als sie die Katze die Treppen hochtrug.

4

Sie atmete auf. Ließ den Pinsel liegen. Er triefte vor Farbe. Ihr wurde schlecht.

Mit dem aufgekrempelten Hemdsärmel wischte sie sich den Schweiß aus der Stirn und schaute über das Grundstück. Feucht und morastig war es dort, weich und sumpfig. Egal, wie lange die Sonne schien oder wie warm es war. Nie reichte die Wärme bis hierhin, es gab nur Nässe und noch mehr Nässe. Ihre Stiefel versanken bis zu den Knöcheln im Boden, es schwappte und saugte. Das Wasser gelangte überallhin und nahm die Toten mit sich.

Sie hatte das getan, wozu sie gezwungen gewesen war. Aber danach hatte sie nicht schlafen können. Obwohl es nicht ihre Schuld war. Sie hatte ja geglaubt, nicht gewusst, aber war sich fast sicher gewesen. Jetzt wurde sie verfolgt von Träumen, die sie nicht loslassen wollten. Ab und zu legte sie den Kopf auf das gestreifte Kissen des Ausziehsofas, hatte aber Angst vor dem Einnicken. Solange sie wach war, hatte sie Kontrolle über das Unkontrollierbare, aber wenn sie einschlief, glitt ihr alles aus der Hand. Wie schon vorher, wie ein abrupt gekappter Faden. Nichts war noch so, wie es sein sollte, aber sie konnte nichts mehr daran ändern, und deshalb spielte es keine Rolle. Sie musste mit dem weitermachen, womit sie angefangen hatte.

5

»Nicht die Schuhe ausziehen.«

»Wieso nicht?«

»Es ist so verdammt kalt hier drinnen.«

»Ha. Das glaubst du doch selbst nicht.«

»Es ist auch staubig.«

»Ist es überhaupt nicht. Hier gibt es nicht ein einziges Staubkorn. Warum kannst du nicht einfach zugeben, dass du die Schuhe schrecklich findest?«

»Dann mach wenigstens nicht solchen Krach damit. Du weckst sonst das ganze Haus.«

»Und wer ist das ganze Haus? Deine Mutter vielleicht?«

Tobias gab keine Antwort, sondern sprang immer zwei Stufen auf einmal die Wendeltreppe hoch. Seine engen Jeans. An diesem Hintern gab es kein Gramm Fett, an seinem Bauch auch nicht. Er war einfach wunderbar schmal gebaut. Mit ein wenig Muskeln an den Oberarmen wäre er perfekt. Aber man konnte schließlich nicht alles haben. Andrea seufzte und stieg hinter ihm her die Treppe hoch.

Seine Mutter schien zu schlafen, jedenfalls lag sie nicht oben auf der Lauer. So, wie Andreas Mutter das machte. Er schob die Tür zu einem Zimmer zu, bei dem es sich offenbar um das Schlafzimmer seiner Mutter handelte, und öffnete die Tür gegenüber.

»Mein Zimmer«, sagte er, nahm sie am Arm und zog sie hinein. Dann schloss er auch diese Tür. So leise und vorsichtig er konnte, also mit einem leisen Knall. Tobias war niemand von der leisen Sorte.

Er ließ sich auf das Bett sinken, auf dem eine beige Tagesdecke mit kleinen Karos lag. Sie setzte sich neben ihn, einen Meter von ihm entfernt, nicht zu nah.

»Bestimmt hat deine Mutter das Bett gemacht.«

»Nee, das war ich.«

Tobias starrte mit leerem Blick die Wand an, wo ein Plakat hing, etwas Großes, Schwarzes, vielleicht ein Gesicht. Darunter war das Bild eines roten Motorrads befestigt. Er sprang wieder auf, lief zum CD-Player, drückte auf einige Knöpfe, und plötzlich dröhnte es aus den Lautsprechern.

»Himmel, wird sie denn jetzt nicht wach?«

»Ich hab doch die Tür zugemacht.«

Er mimte einen Gitarristen und verdrehte die Augen zur Decke, schob die Hüfte vor und trat mit dem Absatz den Takt. Dann riss er plötzlich die Augen auf, als sei ihm etwas eingefallen, drehte die Musik ab, blieb stehen, starrte sie an.

»Verdammt«, sagte er.

»Was denn?«

Er trat auf sie zu, streckte eine Hand aus, wie um ihre Schulter zu berühren. Ließ aber die Hand auf halber Strecke in der Luft hängen.

»Du hast verdammt tolle Schuhe«, sagte er.

»Ja«, sagte sie.

»Scheiße, darin kann man sich ja spiegeln. Wie heißt das noch?«

»Lack. Weißt du das nicht?«

Sie saßen schweigend und mit geraden Rücken nebeneinander. Sie sah seinen Mund an, der passte nicht so richtig in sein Zimmer, in ein typisches Scheißjungenzimmer, mit einem Computer auf dem Tisch vor dem Fenster und einer E-Gitarre auf dem Boden und einer schmutzigen Unterhose unter dem Bett, das hatte sie schon gesehen.

Plötzlich drehte er sich zu ihr um, legte ihr die Hände auf die Schultern, presste seinen Mund auf ihren und dann war seine Zunge in ihrem Mund, drückte ihre Lippen auseinander, während er ein leises Keuchen ausstieß. Seine schweren und ein wenig trägen Hände waren auf ihre Brust hinuntergeglitten, hatten schon ihren Pullover hochgeschoben und wollten weiter. Er hatte den BH aufgehakt, ohne dass sie es auch nur gemerkt hatte, und jetzt spürte sie, wie der BH sich öffnete und wie seine Finger da waren und in ihre Brustwarzen kniffen. Au, hätte sie gern gesagt, aber das kam ihr jetzt fehl am Platz vor, es hätte einfach nicht gepasst. Er drückte sie aufs Bett, ließ sich neben sie gleiten, lag dann halb auf ihr, sie spürte etwas Hartes an ihren schwarzen Jeans und plötzlich fürchtete sie sich ein wenig, obwohl es auch zwischen ihren eigenen Beinen pochte, wusste nicht so ganz, ob sie das wirklich wollte. Er hatte ihr den Pullover über den Kopf gestreift, ihre langen Haare knisterten elektrisch, und jetzt würde wohl auch noch ihre Wimperntusche verschmiert werden.

Sie wandte sich von seinem Mund ab, der schrecklich weich war, hatte das Gefühl, als sei ihr ganzes Gesicht mit Spucke beschmiert. Sie kicherte, begriff selbst nicht, woher dieses Kichern kam.

»Du«, sagte sie.

»Ja«, sagte er ein wenig atemlos und mit dem plötzlich so großen Mund ganz dicht an ihrem. Ehe sie noch mehr sagen konnte, hatte er seine Lippen wieder auf ihre gepresst und sie spürte, wie seine eine Hand sich unter ihren Hosenbund schob. Es wäre besser gewesen, zuerst die Knöpfe zu öffnen, aber das sagte sie nicht.

Es war eng in ihrer Jeans und seine Hand wühlte sich mühsam vor. Sein Mund stand immer noch offen, als habe er plötzlich vergessen, dass er sie gerade küsste, sein Atem stank nach Bier. Ein Finger hatte sich zwischen ihre Beine geschoben, hatte dort aber kaum Platz.

Dann fing der Finger an zu drücken und zu bohren. Sie schaute zur Decke hoch, und die Kanten der Tapeten waren grün. Sie war schweißnass. Himmel, er machte immer noch weiter, wollte er denn nie mehr aufhören. Auf der Fensterbank stand eine Grünpflanze, bestimmt hatte seine Mutter sie dort hingestellt.

»Wie ... wie ist das?«, fragte er leise an ihrem Ohr und holte tief Luft.

»Was denn?«, fragte sie und ließ ihren Blick von der Topfblume zu seinem Gesicht wandern. Dann starrte sie seinen Unterarm an, der auf merkwürdige Weise in ihrer Hose verschwand. Verdammt, da hatte sie einen Fleck, sicher Senf. Blöd, dass sie vom Kiosk keine Serviette mitgenommen hatte.

»Wieso was denn? Ist das schön, will ich wissen!«

Sie zögerte, sah wieder den Fleck an.

»Sicher«, sagte sie dann. »Aber du, ich hab einen Fleck auf der Hose.«

»Was?«

»Einen Fleck. Vom Senf.«

»Vom Senf?«

»Ja, mir ist ein ganzer Liter Senf auf die Wurst gefallen und ...«

»Denkst du jetzt etwa ans Fressen?«, fragte er und setzte sich auf.

Ihm sträubten sich die Haare, standen nach allen Seiten ab. Sie konnte sich ein Lachen nicht verkneifen, obwohl sie wusste, dass das nicht der richtige Zeitpunkt war. Er sah sie verwirrt an, sah aus, als wäre er eben aufgewacht, seine Augen waren zu Spalten zusammengekniffen.

»Was ist denn bloß so komisch?«

»Ach, nichts.« Sie streckte die Hand nach dem Pullover aus, der am Fußende lag. »Du, habt ihr irgendwas zu Essen im Haus?«

»Zu Essen? Jetzt?«

»Ja.«

Er erhob sich, fuhr sich langsam mit der Hand über die Haare, mehrmals, wie um das Elend zu glätten.

»Die Küche ist unten. Nimm dir, was du willst. Im Kühlschrank müsste was sein.«

Sie zog eine Bürste aus ihrer Tasche und fuhr sich damit einige Male durch ihre Haare. Die knisterten und klebten an ihrer Wange.

»Willst du nichts?«

Er ließ sich aufs Bett fallen. Seine gefalteten Hände hingen schlaff zwischen seinen Oberschenkeln. Auch sein Kopf hing nach unten, während er sie wütend anstarrte. Stiernacken.

»Nö.«

In der Tür blieb sie stehen. Kaute auf der Innenseite ihrer Wange herum.

»Ach, du, ich glaube, ich gehe lieber gleich.«

»Willst du denn nichts mehr essen?«

»Nein, ich gehe.«

»Mach, was du willst. Du findest doch wohl selbst raus?«

Scheißtyp.

»Was bildest du dir denn ein? Meinst du, man braucht Karte und Kompass, um hier rauszukommen ...«

Wieder blieb sie stehen, streckte den Kopf nochmal ins Zimmer.

»Sehen wir uns morgen?«

»Morgen spiele ich, und am Sonntag ist Training und ...«

Sie knallte die Tür zu, war ihr doch egal, ob seine Scheißmutter aufwachte und Himmel und Erde in Bewegung setzte ... aber vielleicht war die ja gar nicht so. Ihre eigene Mutter saß wohl in der Küche und rauchte eine nach der anderen, hatte sicher inzwischen alle Nachbarn und Andreas ganzen Freundeskreis durchgeklingelt. Verdammt, wie peinlich. Eine Mutter, die herumtelefonierte und nach ihr fragte wie nach einem Scheißbaby, das nicht auf sich selbst aufpassen konnte. Bestimmt glotzte sie aus dem Fenster, mit ihren rot unterlaufenen Augen, und wenn Andrea dann nach Hause käme, würde sie behaupten, sich Sorgen gemacht zu haben. Und dann würden ihre Hände theatralisch zittern und sie würde sich die Haare zurückstreichen und den Morgenmantel fest um sich zusammenziehen und Andrea bebend anglotzen, mit diesem Tränenblick, bei dem man immer den Boden anstarren und begreifen musste, dass man sie verletzt hatte.

Auf der Straße wehte ein angenehmer Wind. Schwarz war es außerdem, schwarz und leer. Alle Leute in diesem Stadtteil schliefen wohl hinter ihren hübschen Rollos. Verdammt, hier wohnen zu müssen! Tobias’ Mutter war sicher so eine Keifzange mit schmalen Lippen und Rouge auf den Wangen. Wenn man hier wohnte, war man eben so. Bürosklavinnen, so nannte ihre eigene Mutter solche Leute. Latschen sich die Sohlen auf weißem Linoleum ab. Warum Büroböden immer weiß sein mussten, hatte Andrea nie begriffen. Der Boden, auf dem ihre eigene Mutter arbeitete, war grün, und da nutzte man sich Knie und Schultern ab. Alte Leute hochzuheben sei keine Arbeit für Schwächlinge, das sagte ihre Mutter immer.

Rasch und lässig ging Andrea weiter, die Tüte über ihre Schultern geworfen. Die Uhr war vorausgeeilt und zeigte jetzt schon zwei. Glücklicherweise brauchte Andrea am nächsten Morgen nicht früh aufzustehen, schließlich war Samstag. Und samstags hatte sie frei von dem vier Wochen dauernden Sommerjob auf dem Friedhof, den sie sich gesucht hatte. Dort goss sie Blumen und harkte den Kies. Es gab wirklich lustigere Dinge, die man um sieben Uhr morgens tun konnte, aber so war es nun eben, auch sie musste ihr Scherflein beitragen, wie ihre Mutter immer sagte.

Tobias. Sie versetzte dem Bordstein einen Tritt. Er hatte nur ihre Schuhe gesehen. Oder, genauer gesagt: Er hatte zuerst die Schuhe gesehen, und dann war sein Blick an der Besitzerin dieser Schuhe hochgeglitten. Zu dem fremden Gesicht. Tobias Lindgren. Gerüchten zufolge hatte er mit jedem Mädchen auf der ganzen Schule geschlafen, genauer gesagt, mit jedem Mädchen, das gut genug für ihn war. Das er nicht nur auslachte, während er über seine Schulter in den Kies spuckte. Und wie er mit Kippen um sich warf! Die waren so zahlreich wie die Mädchen, die sich um ihn drängten. Und nun war Andrea an der Reihe gewesen, von den blauen Augen und dem Mund eingefangen zu werden, der laut und viel über gar nichts redete.

Du blöde Kuh, Andrea, sagte sie leise zu sich, während sie über den dunklen Bürgersteig ging. Morgen Abend, wenn sie sich in der Stadt an ihrem festen Platz sammelten, würden sie über sie lachen. Sie würde den Blicken nicht entgehen können, die ihr erzählten, was sie über sie wussten. Und wer konnte ahnen, welche Geschichten Tobias sich aus den Fingern saugen würde. Irgendeine Lüge, in der sie selbst als lächerlicher Anhang von jemandem fungierte, der doch überhaupt nichts von ihr wissen wollte.

Endlich hatte sie die Stadt erreicht. Auch die war stumm und leer. Sie wanderte am Radweg entlang durch Timmermansleden und drückte sich dabei an die Büsche. An den Kreuzungen tickten die Ampeln, in der Dunkelheit klang das schrecklich einsam. Als sie die Kirche St. Nicolai erreicht hatte, bog sie zum Marktplatz ab, den sie überqueren musste, um zur Hamngata zu kommen. Jetzt war es nur noch eine Viertelstunde bis zur Wohnung in der Muraregata, wo aller Wahrscheinlichkeit nach ihre Mutter in der Küche saß und die Hände so hart rang, wie sie vorher über dem Spülbecken den nassen Lappen ausgewrungen hatte. Die ausgedrückten Kippen im Aschenbecher auf dem Tisch, lang und nicht fertig geraucht.

Die Österbro kam ihr in der Nacht breit vor, nicht schmal, wie tagsüber, wenn sich dort die Busse drängten und es überall von Menschen wimmelte, während die Penner im so genannten Korkenpark johlten. Flaschen, Bierdosen und Pissegestank, kaputte, vollgeschmierte Bänke. Der Figaropark machte seinem Beinamen noch immer alle Ehre, auch wenn die alte Brauerei dahinter längst schon stillgelegt worden war. Jetzt war alles leer, auch wenn man nie wusste, ob nicht irgendwer in der Dunkelheit unter den Bäumen schlief.

Dann blieb sie stehen, dort auf der Österbro. Ihr war ein seltsames Geräusch aufgefallen. Die Laternen spiegelten ihren flammengelben Schein in der gekräuselten Wasseroberfläche des Flusses, am anderen Ufer rauschten unter einem Dach die Ventilatoren. Und wieder nahm Andrea ein leises Rascheln wahr. Falls das nicht nur vom Wind stammte. Jetzt fielen auch einige einzelne Regentropfen.

Das Brückengeländer lag kühl unter ihrer Handfläche, sie zog den Pulloverärmel über die Hand. Die Luftfeuchtigkeit war auf dem Metall zu Wassertropfen kondensiert, sie funkelten im Licht der Straßenlaternen. Stille und Dunst, eine perfekt gespenstische Nacht. Andrea hatte Angst – und genoss es zugleich. In ihrem Magen prickelte es wie nach einem raffinierten Horrorfilm. Hand in Hand mit Tobias, dachte sie. So sollte man solche Filme sehen, nicht allein, mitten in der Nacht auf einer Brücke. Aber das half jetzt nichts, so war es eben, Tobias war ein Idiot, und sie war noch viel blöder, wo sie mit ihm fast bis hinaus nach Scheiß-Tylösand gegangen war.

Unten, in der fast kompakten Dunkelheit zwischen den Bäumen, sah sie eine Bewegung. Vage registrierte sie eilige Schritte. Hörte pötzlich ein Platschen, als habe jemand einen Stein ins Wasser geworfen. Sie sah, wie die Wasseroberfläche sich bewegte, schwach blinkend unter den weiter entfernt stehenden Straßenlaternen. Die Kräusel verschwanden rasch wieder, und sie dachte, es sei vielleicht ein Vogel gewesen. Ein aus dem Nest gefallenes Junges oder eine Wasserratte.

Bei der Vorstellung einer Ratte erschauerte sie. Sie nahm noch weitere Geräusche zwischen den Bäumen wahr. Dann wurde alles still, das Wasser floss lautlos unter der Brücke hindurch, ein nachtaktiver Vogel klapperte mit dem Schnabel.

Plötzlich sah sie wieder jemanden, diesmal hinten in der Hamnagata, jemanden, der vom Wasser kam und zum Bürgersteig hochging. Was genau Andrea dazu brachte, weiter stehen zu bleiben, wusste sie nicht, es war einfach ein Gefühl, eine vage intuitive Ahnung, dass es besser wäre, dort zu bleiben, wo sie war. Die Person dort hinten ging mit ruckhaften, unregelmäßigen Schritten. Dann war eine Autotür zu hören, ein Motor, der angelassen wurde. Es musste in der Nähe dieses Friseursalons sein, der neulich umgebaut worden war, und wo eine Freundin von Andrea sich die Haare hatte schneiden lassen, weil deren Mutter den Besitzer kannte. Das Auto jagte los. Es bog auf die Brücke ab, und Andrea drückte sich in die Dunkelheit. Dann fuhr das Auto nach rechts und weiter vorbei an der Missionskirche und über die Strandgata, um schließlich irgendwo bei der Kaptensgata in Richtung Bahnhof zu verschwinden.

Andrea fröstelte, spürte, wie sich ihr Zwerchfell verkrampfte; mit diesem Auto hatte etwas nicht gestimmt. Dann schüttelte sie das Gefühl ab, ging wieder los, versuchte, noch irgendetwas zu finden, womit sie die Heimkehr hinauszögern könnte. Sie wollte dem unruhigen Blick ihrer Mutter im Halbdunkeln nicht begegnen, ihrer zitternden Hand mit der Zigarette unter dem Ärmel des Morgenrocks. Andrea seufzte. Wie lange würde es noch dauern, bis sie erwachsen und frei sein würde und über sich selbst bestimmen könnte? Noch eine ganze Ewigkeit, noch viel länger als dieser Spaziergang nach Hause. Von Stenhuggeriväg zur Muraregata in Eineinviertelstunden. Aber jetzt konnte sie nicht länger herumtrödeln, die Straße war leer und der Wagen, der in diesem Affenzahn weggefahren war, war verschwunden. Sie kam an einigen Läden vorbei, in denen kein Licht brannte, warf einen Blick in ein dunkles Lokal. Kam dann an einem Kleiderladen vorbei, dessen Fenster von Punktstrahlern über gebückten Schaufensterpuppen in seltsamer Kleidung beleuchtet wurden. Der Laden schien nicht sonderlich gut zu laufen, das hatte sie gehört. Schweineteuer und viel zu abgedreht. Ja, dachte Andrea. Alles ist so trist wie immer, mir bleibt nichts anderes übrig, als nach Hause zu gehen. Die Kirchturmglocke auf dem Marktplatz schlug dreimal. Sie ging weiter. Sie war sich nicht sicher, glaubte aber, einen leichten Brandgeruch wahrzunehmen.

6

Als Eva-Britt Bixe am Samstagmorgen aufwachte, wusste sie gleich, noch ehe sie die Augen geöffnet hatte, was los war. Und dieses Wissen ließ sie die Augen wieder schließen, sie ganz fest zusammenkneifen und so tun, als werde es noch einige Stunden lang Nacht sein. Nicht, dass sie aufstehen musste, sie hatte dienstfrei und war nur später mit ihrer Tochter Fia auf dem Marktplatz verabredet. Dann, um elf, würde sie, wenn auch nicht munter und lebhaft, aber doch so weit in Form sein, dass sie die drei Straßen durchaus hinter sich bringen könnte. Mit etwas Glück würde sie nicht absagen müssen.

Doch jetzt sah es noch ganz düster aus. Gütiger Himmel, dachte sie, und wagte es dann, langsam ein Auge aufzuzwingen, um sich die Bestätigung zu holen – Migräne. Ein kleiner weißer Blitz leuchtete auf, und gleich darauf funkelte es, als jagten glänzende Aquariumsfische in ihrem Blickfeld hin und her. Sie kniff die Augen zusammen, doch jetzt schwammen sie unter ihren Augenlidern, flammengelbe, brennende Fackeln. Sie konnte nur die Augen zumachen und warten. Es würde aufhören, früher oder später, und entweder bohrende Kopfschmerzen oder einen Druck wie von Ziegelsteinen auf ihren Schläfen zurücklassen. Normalerweise hatte Kommissarin Eva-Britt Bixe nie das Gefühl, ernsthaft krank zu sein, sie war wirklich keine Hypochonderin, aber bei jedem Migräneanfall glaubte sie, sofort tot umfallen zu können. Die Migräne traf sie jedes Mal wie eine Bombe.

Sie schob ein Bein über die Bettkante und tastete grunzend nach ihrem Morgenrock, den sie abends irgendwo am Fußende abgelegt hatte. Als sie die Arme in den dicken Frotteestoff schob, fühlte sie sich ein wenig besser, das flackernde Licht war nicht mehr so intensiv, und ihre Sicht hatte sich wieder ein wenig normalisiert. Was sie sah, war das Zimmer mit dem riesigen Doppelbett, über das sie inzwischen allein verfügte, die klumpigen Kissen, die sie wild auf der Matratze verstreut hatte, die dicke Daunendecke und auf dem Nachttisch der kleine Radiowecker mit den roten Ziffern sowie die Bilder der beiden erwachsenen Töchter. In der einen Zimmerecke thronte ein alter, geerbter Korbsessel, der zwar knarrte und an einigen Stellen zerbrochen war, von dem sie sich aber einfach nicht trennen konnte. Der Sessel hatte etwas, das Geborgenheit versprach, etwas Gebieterisches, sie konnte ihre Kleider darauf ablegen und er bildete das nötige Gegengewicht zu den hellen Farben des Zimmers.

Mit der Hand fest auf dem Geländer ging sie die Treppe ins erste Stockwerk hinunter, in der Dreizimmerwohnung, die sie seit einigen Jahren bewohnte und die ihr vorkam wie ihr erstes eigenes und echtes Zuhause. Das Haus, in dem sie fast zwanzig Jahre mit Gösta gewohnt hatte, hatte ihr Dasein kleinkariert und eng werden lassen. Eva-Britt war damals für das Einkaufen, das Kochen, das Aufräumen und die Wäsche zuständig gewesen. Ihr Ehemann hatte den Hang gehabt, sich endlos im Gefängnis herumzudrücken, wo er arbeitete, und wenn er dann endlich nach Hause kam, behauptete er, wenn auch mit einem freundlichen Lächeln, dermaßen erschöpft zu sein, dass er keinen Finger mehr rühren könnte. Am Ende hatte sie das alles so satt gehabt, dass sie der Sache ein Ende gemacht und den Mann vor die Tür gesetzt hatte. Übrigens eine Entscheidung, die sie noch nie bereut hatte. Das Einzige, was sie bereute, war, so lange gewartet zu haben. Auch sie war abends müde, wenn sie von der Wache nach Hause kam, und sich dann um zwei kleine Mädchen und außerdem um einen Ehemann kümmern zu müssen, der rauchend auf dem Sofa saß, das war einfach zu viel gewesen.

Das Licht von unten stach ihr in die Augen. Sie kniff sie wieder zusammen, als sie in die Küche ging. Das eine Auge fest geschlossen, das andere nur minimal geöffnet, warf sie einen Blick auf die Wanduhr. Erst zwanzig nach sieben. Da hatte sicher die Migräne sie geweckt, und dazu das vage Gefühl von Unlust, das immer damit einherging.

Mit den Jahren stellten die Migräneanfälle sich seltener ein. Nach der Scheidung hatte die Anzahl sich fast halbiert. Inzwischen kamen sie nur noch selten vor, meistens nach hektischen Phasen im Beruf. Als sollte sie einfach niemals Ruhe und Entspannung finden. Irgendetwas war immer. Als sie im vergangenen Jahr die Ermittlungen im Mord an einem Arzt beendet hatten, hatte sie innerhalb einer Woche gleich drei Migräneanfälle erlitten. Trotzdem, Eva-Britt hatte noch Glück gehabt, jedenfalls nach ihren eigenen Maßstäben. Es war Weihnachten gewesen, und zum ersten Mal seit Jahren hatte sie einen guten Grund gehabt, die Feiertage allein und im Morgenrock zu verbringen, wonach sie sich schon seit Ewigkeiten gesehnt hatte. Kein Schinken, keine Verwandtschaft, kein Weihnachtsmann, und vor allem kein Gösta. Denn meistens fand er sich zu solchen Gelegenheiten ein. Ihre ältere Tochter Klara, die jetzt in London wohnte, bestand darauf. Im vergangenen Jahr aber hatte die Familie ohne Mama zurechtkommen müssen. Eva-Britt hatte einen schönen Heiligen Abend verbracht, mit lindernden Schmerztabletten, Spaghetti carbonara und einem großen Stück Butterkuchen, das sie sich abends aus der Tiefkühltruhe gefischt hatte. Sie war früh ins Bett gegangen, hatte sich in die warme Daunendecke gewickelt und fast zwölf Stunden geschlafen.

Jetzt saß Kommissarin Eva-Britt Bixe am Küchentisch und schaute aus dem Fenster. Draußen im Regen leuchteten die Bäume in sattem Grün. Der Hof sah aus wie ein schönes, in gesättigten Farben gehaltenes Bild. Der Regen klopfte dumpf gegen die Fensterscheibe. Es regnete jetzt seit einer Woche, nicht übermäßig und nicht ununterbrochen, aber als gleichmäßiges Nieseln, das ein Gefühl von Herbst hinterließ. Vor Mittsommer war das anders gewesen, fast unerträglich heiß, die Leute hatten nach Luft geschnappt und sich beklagt. Dass das Wetter auch nicht Maß halten konnte, entweder war es brennend heiß oder es goss. Ja, so ist es wohl mit dem Leben und der Gesundheit, dachte Bixe, entweder so viel Stress, dass man kaum zum Nachdenken kommt, oder Stille und bohrende Kopfschmerzen. Das Wort mäßig schien nicht mehr zu existieren. Auch bei der Arbeit machte sich das bemerkbar, die Verbrechen wurden immer zahlreicher und raffinierter, ehrliche Schlägereien wichen schweren Misshandlungen, aus Ladendiebstählen und anderem Kleinkram wurden Körperverletzung und Raubüberfall.

Sie führte die Tasse an die Lippen und trank. Das Koffein tat seine Wirkung, und bald fühlte sie sich fast wieder normal. Es pochte nur noch hinter der rechten Schläfe, diesmal würde sie sich also wohl nicht wieder ins Bett legen müssen. Und würde Fia wie verabredet auf dem Marktplatz treffen können. Ihre Tochter brauchte Rat bei irgendeinem Einkauf, es ging um einen Mantel oder so etwas. Nicht, dass Bixe gern in Kleiderläden herumwühlte, aber für ihre jüngere Tochter konnte sie gern einmal eine Ausnahme machen.

Als sie ihre zweite Tasse Kaffee getrunken hatte und sah, wie Hausmeister Simonsson mit einer Mülltüte über den Hof ging – dieser Mann versah seine Arbeit aus lauter Pflichtgefühl sogar am Wochenende –, klingelte das Telefon. Bixes erster Gedanke war ihre Tochter, und für einen Moment fühlte sie sich erleichtert. Vielleicht würde sie sich doch nicht in Umkleidekabinen mit greller Spiegelbeleuchtung und Warenhäusern mit schriller Musik herumtreiben müssen. Aber als sie den Hörer vom Telefon an der Küchenwand nahm, hörte sie nicht Fias Stimme, sondern die von Polizeiinspektor Janne Ring.

»Eva-Britt, entschuldige, falls ich dich geweckt habe.«

»Macht doch nichts, ich war ohnehin schon wach.«

Ring räusperte sich. Bestimmt hält er dabei die Hand vor den Mund, dachte Bixe. Sie sah seinen Siegelring und die weißen Manschetten vor sich.

»Es ist etwas passiert«, sagte jetzt ihr immer so tadellos in einen Anzug gewandeter Kollege. »Es wäre gut, wenn du so schnell wie möglich herkommen könntest.«

Seine Stimme war so glatt wie seine Hosen mit den Bügelfalten.

»Kannst du sagen, worum es geht?«

»Ja, in einem Friseursalon in der Hamngata hat es gebrannt.«

»Ich habe an diesem Wochenende frei«, sagte Bixe. »Muss ich wirklich los, bloß weil es irgendwo gebrannt hat?«

»Offenbar ist dabei jemand verbrannt.«

»Ach?«

»Ja, aber wie und warum wissen wir noch nicht.«

»Wo genau hast du gesagt?«

»Hamngata 3«.

»Liegt das Engers nicht in der Hamngata?«

»Doch ...« Auf der anderen Seite der Leitung wurde mit Papier geraschelt. »Ja, das ist derselbe Salon. Er heißt jetzt aber nicht mehr Engers, sondern Klipp-it. Offenbar hat er den Besitzer gewechselt.«

»Ich komme. Aber ich habe heute frei. Hast du schon Erik angerufen?«

»Da meldet sich niemand. Deshalb wollte ich doch dich sprechen.«

»Da meldet sich niemand? Aber er hat doch diese Woche Bereitschaftsdienst.«

»Ich mach noch einen Versuch. Und übrigens, soll ich dir einen Wagen schicken?«

»Einen Wagen? Wie meinst du das? Das sind vier Straßen, Janne.«

»Du fährst doch sonst immer.«

»Jetzt nicht mehr.«

»Ich weiß ja, dass deine Karre ihren Geist aufgegeben hat, deshalb frag ich ja gerade.«

»Danke. Aber das ist wirklich nicht nötig.«

»Dann sehen wir uns gleich?«

»Sobald ich fertig bin.«

Und vom Stuhl hochkomme, dachte sie und legte auf. Neue Ermittlungen konnten ein sehr wirksames Kopfschmerzmittel sein, der Stress ließ für die Migräne einfach keinen Platz mehr. Dennoch hätte sie natürlich einen entspannten Stadtbummel mit Fia vorgezogen. Eine verbrannte Leiche war ja nicht gerade das, wonach man sich an einem ruhigen Samstagmorgen vor allem sehnte. Noch dazu, wenn es erst fünf nach acht war und der Kopf sich weiterhin wie eine leere Blechdose anfühlte, auf deren Deckel irgendwer unerbittlich einhämmerte, mit gedämpften, aber hartnäckigen Schlägen.

Ist das hier das Leben?, überlegte Eva-Britt Bixe. Gedankenlos wie üblich hatte sie sich zu dünn angezogen, nur einen einfachen Mantel und dazu Pumps, die ihre besten Tage ohne Zweifel bereits hinter sich hatten. Jetzt stand sie vor der Hamngata 32 und fror. Was war das für ein Sommer? Es war zwar erst halb neun, aber dass sie mitten im Sommer frieren musste!

Vor ihr wehten die blauweißgestreiften Plastikbänder leicht im Wind; aus einer zerbrochenen Dachrinne ein Stück weiter tropfte das Regenwasser, das Einzige, was an diesem Samstagmorgen in der Straße passierte, wo bisher nur wenige Menschen aufgewacht waren. Die wenigen, die es bereits in die Stadt geschafft hatten, hatten sich jedoch hier versammelt. Es half wenig, dass die Polizei sie zum Weitergehen aufforderte, stur stand die kleine Gruppe von Neugierigen weiterhin da und betrachtete abwechselnd das schwarze, ausgebrannte Ladenlokal und die beiden Feuerwehrwagen, die mit ihrem blinkenden Blaulicht die Straße versperrten.

Eva-Britt Bixe hob das Plastikband und ging zu einem der jungen Polizisten, der vor einem Teppich aus funkelnden Glasscherben stand. Er nickte zur Begrüßung.

»Weißt du, was hier passiert ist?«, fragte Bixe.

Der junge Mann schüttelte den Kopf und zeigte auf den Laden.

»Fridén ist drinnen.«

Eine schwarze Silhouette in grober Arbeitskluft lief hinter den zerbrochenen Fenstern hin und her. Nils Fridén war der fähigste Techniker, den sie hatten, sorgfältig und systematisch.

»Ach, ist er schon lange hier? Ich habe gehört, hier sei jemand verbrannt.«

»Ich weiß keine Einzelheiten.«

Bixe schaute zum Laden hinüber. Dort war alles schwarz und verrußt. Die Überreste zweier Friseurstühle waren in Form von spitzen Metallteilen mitten im Raum zu erkennen. Ein Waschbecken stand etwas weiter hinten auf einem schwarzen Sockel. Ansonsten sah sie vor allem verkohlte Rußflocken. Offenbar hatte das Feuer heftig gewütet. Vor dem Lokal standen zwei Wagen. Die Nummernschilder waren wie Papier zusammengeschnurrt und die Scheinwerfer geschmolzen wie Zucker in einer heißen Bratpfanne.

Ein plötzlicher Windstoß veranlasste sie, den Mantelkragen hochzuschlagen. Der Wind durchdrang alles. Sie wandte sich wieder dem jungen Polizisten zu.

»Ich gehe zur Wache«, sagte sie. »Oder kann mich jemand fahren?«

»Frag Ring. Der war eben noch hier.«

»Und wo ist er jetzt?«

Der Mann zuckte mit den Schultern. Bixe spürte einen stechenden Schmerz, als sie sich umschaute. Wollte der denn gar nicht nachlassen? Naja, noch ein Grund mehr, zur Wache zu fahren. Wobei die Kälte und ihre blödsinnige Kleidung auch schon reichten.

»Da sitzt er, im Auto«, sagte die Polizist und nickte zu einem Streifenwagen hinüber.

»Hab ich’s doch geahnt«, murmelte Bixe ärgerlich, zog den Mantel fester um sich zusammen und ging auf den Wagen zu – warum sie sich ärgerte, wusste sie gar nicht genau, vielleicht darüber, dass Ring einfach lässig in einem Auto saß und sich die Verwüstung anschaute, als sei das hier ein Urlaubsvergnügen.

»Hier ruhst du dich also aus«, sagte sie.

Ring schaute überrascht zu ihr hoch.

»Mir war so verdammt kalt«, entschuldigte er sich und schüttelte sich fröstelnd.

»Hast du inzwischen mehr erfahren?«, fragte Bixe.

»Wir müssen abwarten, was Fridén sagt.«

»Dann zurück zur Wache«, sagte Bixe. »Hier können wir nicht viel ausrichten. Fährst du?«

»Ich? Nein ...«

»Wie bist du denn hergekommen?«

Ring wohnte fünf Kilometer außerhalb der Stadt, und seine Kleidung ließ annehmen, dass er nicht mit dem Rad gefahren war.

»Also ... ich fahr nicht den hier.« Er klopfte neben sich auf den Sitz. »Mein Wagen steht da hinten.« Er zeigte auf einen blauen Golf.

»Na dann. Worauf warten wir noch?«

»Wolltest du nicht zu Fuß gehen?«, fragte Ring mit aasigem Lächeln im Mundwinkel.

»Ich hab’s mir anders überlegt«, sagte Bixe. »Außerdem hab ich eine höllische Migräne. Also sei lieber vorsichtig mit mir.«

»Noch vorsichtiger als sonst, versprochen. Aber nicht deinetwegen, sondern aus purem Egoismus.«

Der Morgen hatte zwar nicht gerade strahlend begonnen, aber er hätte doch ein wenig ruhiger weitergehen können, fand Eva-Britt Bixe, als sie ihr Zimmer im vierten Stock der Wache betreten hatte und keuchend in ihren Sessel gesunken war. Es war einwandfrei nicht ihr Tag. Die Kopfschmerzen waren inzwischen zwar fast verschwunden, aber jetzt konnte sie ihre Brille nicht finden. Sie hatte nicht die geringste Ahnung, wo sie die hingelegt haben könnte. Seit die Schnur, an der sie sie trug, abgerissen war, fand sie ihre Brille an den seltsamsten Orten. Einmal war ihr Kollege Erik Sander mit einem überaus zufriedenen Lächeln auf den Lippen ins Zimmer gekommen.

»Das ist ja wohl deine?«, hatte er gesagt und die Brille vor sie hingehalten.

Bixe hatte überrascht von dem Text aufgeschaut, den sie gerade zu entziffern versucht hatte.

»Sicher, Erik, danke. Ich hab ja schon so gesucht. Wo hast du sie gefunden?«

Sie hatte sein Lächeln gesehen, ein strahlendes Lächeln, das sich über seinem sonst so bleichen Gesicht ausbreitete, und sich doch gefragt, was so komisch sein mochte.

»Das willst du gar nicht wissen«, sagte er mit einem Grinsen.

Sogar die normalerweise ziemlich gelassene Bixe war verunsichert gewesen.

»Im Kühlschrank«, hatte ihr Kollege dann gesagt. »Auf einem Butterbrotpaket.«

Sanders Lachen war im ganzen Haus zu hören gewesen, und am nächsten Tag hatte die Truppe eine neue Redensart entwickelt, die seither immer angewandt wurde, wenn sie im Laufe der Ermittlungen Probleme hatten: »Ganz kalt bleiben und im Kühlschrank nachschauen.« Damit hatte sie es sogar in das hauseigene Käseblatt gebracht.

An diesem Morgen aber lag die Brille weder im Kühlschrank noch im Bücherregel. Bixe machte sich ans Suchen, das war sie schließlich gewohnt. Auch ihr Schlüsselbund verschwand ab und zu. Beide Gegenstände schienen ihre eigenen Füße zu besitzen, mit denen sie sich jederzeit von ihr entfernen konnten. Deshalb zog sie jetzt gewohnheitsmäßig Schubladen auf und hob Papierstapel hoch. Als sie die Brille auch auf der Fensterbank und in ihrer Tasche nicht fand, ging sie zur Personaltoilette. Dort lag sie, auf dem Waschbecken. Bixe atmete erleichtert auf. Diesmal blieb ihr immerhin die Demütigung erspart, andere um Hilfe bitten zu müssen. Fragen wie »habt ihr meine Brille gesehen?« oder »weiß irgendwer, wo mein Schlüsselbund liegt?« wurden immer mit lautem Lachen quittiert.

Auf dem Rückweg zu ihrem Zimmer klopfte sie bei Janne Ring. Von drinnen war ein Grunzen zu hören, gefolgt von einem unhöflichen »Komm rein!«

Ein Ring mit müden, schmalen Augen saß zurückgelehnt in seinem Schreibtischstuhl. Vor ihm auf dem Tisch lag ein Papierstapel, in der Hand hielt er einen Kugelschreiber.

»Du siehst heute ganz schön fertig aus«, sagte Bixe, in dem Versuch, die Stimmung zu heben.

Aber es war wirklich normalerweise nicht leicht, Ring ein Lächeln zu entlocken. Auch heute nicht. Missmutig blickte er zu seiner Chefin hoch, dann zuckte sein einer Mundwinkel ein ganz klein wenig. Und das sollte nun ein Lächeln sein, dachte Bixe.

»Gestern ist es ein bisschen spät geworden«, gestand er. »Aber ich konnte doch nicht ahnen, dass ich heute arbeiten muss.«

»Die Verbrecher nehmen eben keine Rücksicht auf uns Kripoleute«, seufzte Brixe und ließ sich vor seinem Schreibtisch im Besucherstuhl nieder. »Hast du übrigens Erik erreicht?«

Ring schüttelte den Kopf.

»Ich hab mehrmals angerufen, aber er meldet sich einfach nicht.«

»Seltsam.«

Bixe blickte auf ihre Finger, spielte an der Nagelhaut herum. Ihre Nägel kamen ihr fremd vor, wenn sie nicht lackiert waren. Gelblich irgendwie. Früher hatte sie gedacht, das komme vom Rauchen. Sie hatte viel geraucht, vor allem in hektischen Arbeitsphasen. Obwohl sie mehr als ein halbes Jahr zuvor aufgehört hatte, war immer noch ein gelber Schimmer zu sehen. Also musste es wohl mit dem Alter zu tun haben. Sechsundfünfzig, eine schreckliche Zahl. Als sie jung gewesen war, hatte sie es kaum für möglich gehalten, dass jemand so alt sein könnte, und wer es doch wäre, müsse grauhaarig und altersschwach sein. Grauhaarig war sie nun auch und bisweilen todmüde, aber nicht alt und schwach. Eher kam sie sich mit den Jahren jünger vor. Seltsamerweise. Wahrscheinlich auch, weil sie nicht mehr rauchte, und deshalb war sie recht zufrieden mit sich selbst.

»Ja, das ist seltsam«, unterbrach Ring ihre Gedanken. »Er ist doch sonst sehr zuverlässig.«

Bixe nickte und runzelte nachdenklich die Stirn. Ihre Denkfurche, so nannten das die Kollegen. Mit den Jahren war die Furche immer tiefer geworden. Aber auch das lag vielleicht eher am Alter als am vielen Denken.

»Erik ist das Pflichtbewusstsein in Person«, sagte sie. »Sein Telefon wird doch nicht defekt sein, oder was meinst du?«

»Ich habe es auch auf seinem Mobiltelefon versucht.«

Ring legte den Kugelschreiber auf den Tisch und beugte sich vor.

»Glaubst du, wir sollten bei ihm vorbeifahren?«

Bixe musterte wieder ihre Nägel. Papierkram, dachte sie. Blätter umdrehen, im Computer suchen. Denken. Die Denkfurche hervorholen.

»Wir warten. Und hören uns an, was Fridén im Friseursalon gefunden hat. Vielleicht ist es ja nicht so wichtig.«

»Ist es doch«, sagte Ring.

»Woher weißt du das?«

Erst jetzt lächelte Ring, ein schwaches, bleiches Lächeln, das sein adrett glatt rasiertes Gesicht kaum zu erhellen vermochte.

»Ich weiß es nicht«, sagte er. »Ich spüre es.«

»Seit wann arbeitet die Polizei nach Gefühl und nicht nach Vernunft?«, fragte Bixe.

»Samstagmorgen. Freies Wochenende. Regenwetter. Da kann doch nur eine nervige Ermittlung auf uns warten. Ich meine, wenn schon, denn schon, oder wie siehst du das?«

»Tja. Wenn ich an meine Kopfschmerzen denke, dann hast du vielleicht Recht.«

»Ein Unglück kommt selten allein.«

»Und außerdem können wir Erik nicht erreichen. Nein, das verheißt nichts Gutes. Überhaupt nichts Gutes.«

7

»Hast du von dem Brand gehört?«

Rebecka schien guter Stimmung zu sein. Sie behauptete immer, sich Pillen besorgen zu können, die so reinhauten, dass man mindestens drei Nächte keinen Schlaf bräuchte, und Andrea dachte, so eine habe sie jetzt vielleicht eingeworfen.

»Was?«, fragte Andrea, die ihr gegenüber im McDonalds saß und mit einem kleinen Holzlöffel in einem Pappbecher voll scheußlichem Kaffee rührte.

Es war erst halb zehn, aber sie war schon auf, auch wenn sie nicht gerade toll in Form war. Die Ereignisse der vergangenen Nacht hatten sie zuerst nicht einschlafen lassen, und als sie gegen acht mit hämmernden Kopfschmerzen aufgewacht war, hatte sie beschlossen, lieber gleich aufzustehen.

»Was?«, fragte sie noch einmal, gleichgültig, weil sie sich nicht vorstellen konnte, Rebecka könne wirklich interessante Neuigkeiten für sie haben.

»Heute Nacht soll es in einem Friseursalon gebrannt haben, mitten in der Stadt.« Mit einer lässigen Geste strich Rebecka sich die Haare aus dem Gesicht. »Weißt du denn gar nichts? Hört ihr bei euch zu Hause kein Lokalradio?«

»Lokalradio?« Andrea schnaubte, trank einen Schluck Kaffee und zog eine Grimasse.

»Angeblich war es Brandstiftung.«

Himmel, was Rebecka alles wusste, aber vielleicht kam das von ihrer Mutter.

»In der Hamngata, mitten in der Stadt. Alles ist ausgebrannt.«

Hamngata. Andrea lief es plötzlich kalt den Rücken hinunter, es war ein unbehagliches Kitzeln, das sich dann im Nacken festsetzte. Eine Erinnerung, ein Bild. Was sie vor sich sah, machte ihr das Sprechen schwer.

»Da?«, murmelte sie. »Ich hab da heute Nacht etwas Seltsames gesehen.«

»Wirklich? Und was hast du da gemacht, mitten in der Nacht?« Rebeckas Mund öffnete sich, und blieb dann offen, so weit offen, dass das eben erst hineingestopfte Eis gut zu sehen war.

»Das war, als ich heute Nacht von Tobbe nach Hause gegangen bin, und ...«

»Was? Aber der wohnt doch in ... oder meinst du etwa den Tobbe?« Rebeckas Kinn klappte hinunter und ihr offener Mund sah noch viel blödsinniger aus.

»Aber ich bin abgehauen, es hat’s irgendwie nicht gebracht.«

»Spinnst du? Wieso denn nicht?«

Andrea zuckte mit den Schultern und schaute zum Fenster hinüber. »Weiß nicht.«

»Aber das ist doch eine ziemliche Strecke. Wohnt er nicht draußen in ...«

»Im Stenhuggeriviertel, ja. Da hat seine Mutter eine Riesenbude. Und als ich also nach Hause ging, bin ich hier vorbeigekommen, und dann war ich hinten bei der Brücke und glaubte, etwas zu hören. Also blieb ich stehen. Und dann hab ich jemanden gesehen. Das war genau da, in der Hamngata.«

»Was?«, fragte Rebecka und stopfte sich noch einen Löffel Eis in den Mund.

»Irgendein Auto, das wegfuhr«, sagte Andrea. »Total schnell. Absoluter Raketenstart. Und das war in der Hamngata, da bin ich mir sicher. Und da hat es also gebrannt? Weißt du das genau?«

»Klar weiß ich das genau.« Rebecka legte die Hand auf Andreas Arm. »Aber verdammt, Andrea, hast du das wirklich gesehen?«

Sie rückten dichter aneinander heran, wie um das kleine Geheimnis zu bewahren, das sie an diesem am Boden festgeschraubten Tisch zwischen sich gesponnen hatten, einem Tisch, auf dem frühere Gäste einige verschmierte Salatblätter hinterlassen hatten. Andrea konnte gerade noch vermeiden, dass ihr Ellbogen in der Salatsoße landete, als sie sich vorbeugte.

»Aber ich weiß ja nicht, was das bedeutet. Als ich da war, hat es ja nicht gebrannt.«

»Du.« Rebeckas Augen wurden noch runder. »Ich kenne einen, der bei der Polizei ist. Ich geh da oft zum Babysitten hin. Wir wohnen im selben Haus. Ich hätte gestern auf die Kinder aufpassen sollen, aber dann kam irgendwas dazwischen, und bezahlt haben sie mich trotzdem. Die sind wirklich total nett. Dem solltest du das vielleicht sagen.«

»Äh, nein ...« Andrea schaute auf die Tischplatte. Das war doch lächerlich. Sie hatte auf dem Nachhauseweg ein Auto gesehen, aber es war ja wohl noch erlaubt, mit dem Auto unterwegs zu sein, sogar mitten in der Nacht. Sicher wäre es außer ihr niemandem seltsam vorgekommen, denn seltsame Dinge, Dinge, die sonst nur in Filmen passierten, erlebte man doch niemals selbst. Nein, sie hatte sicher übertrieben reagiert, weil es in der Nacht so dunkel und so still in der Stadt gewesen war, und sie war allein gewesen. Sie hatte vielleicht gar nichts gesehen, sondern bildete sich das jetzt nur ein, wo Rebecka über diesen Brand geredet hatte. Sie hatte schließlich doch trotz allem allerlei getrunken und war wirklich müde gewesen.

»Ach, das war sicher weiter nichts«, sagte sie.

Aber als sie dann Rebeckas wachen, lebhaften Blick sah, fügte sie hinzu: »Jedenfalls nichts, worüber ich hier vor aller Ohren reden sollte.«

Sie warf einen viel sagenden Blick zum Nebentisch, wo eine Clique von jungen Männern in Lederjacken saßen, ihre Helme lagen zwischen den leeren Verpackungen ihrer Hamburger.

»Ich weiß, was wir machen«, sagte Rebecka mit einem unfreiwillig komischen, plötzlich todernsten Gesichtsausdruck.

Andrea hätte fast losgeprustet.

»Wir sehen uns die Sache mal an«, fügte Rebecka hinzu. Sie war schon aufgestanden und strich sich zum hundertsten Mal an diesem Tag die Haare zurück. Dann nahm sie eine Zigarette aus der kleinen Handtasche mit der Goldschnalle, die an ihrem Handgelenk baumelte, und schob sie zwischen ihre Lippen.

Auch Andrea stand auf, warf einen Blick in ihren Pappbecher und überlegte, ob sie die restliche Plörre noch trinken sollte, entschied sich aber dagegen. Zusammen mit Rebecka steuerte sie möglichst lässig den Ausgang an.

Erik Sander erwachte grunzend, reckte sich und berührte mit dem Arm etwas Weiches. Er öffnete die Augen und sah Fabian neben sich liegen, über einem großen nassen Flecken im Laken, unterhalb der Schlafanzugjacke.

Er atmete langsam aus, erleichtert, als ihm einfiel, dass Samstag war. Der Junge neben ihm schlief tief und ganz und gar ahnungslos über den Pisseflecken. Erik warf einen Blick zu Henrietta hinüber. Die schlief auf der Seite, mit halboffenem Mund. Er stand auf und zog vorsichtig das Laken ab, holte für den Kleinen einen neuen Schlafanzug, steckte den alten in die Waschmaschine und machte es sich dann mit dem schlafenden Kind in dessen Bett im Kinderzimmer gemütlich. So gut das eben ging. Pu der Bär saß auf der Fensterbank, unter der Decke schwebte ein Mobile. Eine gelbe Lampe an der Wand, gleich neben der Tür, warf einen gerade ausreichend hellen Schimmer auf den Boden, um Gespenster, Diebe und andere vor- und unvorstellbare Unholde am Übertreten der Türschwelle zu hindern. Es half wenig, dass Papa bei der Polizei war, diese Knirpse glaubten nicht, dass er die Bösewichter abschrecken konnte, die ihre Sparschweine ausrauben wollten. Da war die Lampe doch ein um einiges besserer Schutz.

Er hatte etwas geträumt, wusste aber nicht mehr, was. Doch das Gefühl des Traums steckte ihm noch in den Knochen, und als er die Augen zusammenkniff, schienen die Bilder wieder Kontur anzunehmen. Ein alter Schrank auf dem Dachboden seiner Kindheit. Seine Mutter mit kurzen Schritten und blaugeblümter Kittelschürze aus Nylon. Ihre düstere Miene, als sie ihn ansah.

»Zur Polizei gehen, wozu denn das? Begreifst du nicht, dass ich mir jeden Tag Sorgen machen müsste? So etwas kann ein Sohn seiner Mutter nicht antun.«

Was war Traum und was war Wirklichkeit? Bilder und Worte gingen ineinander über.

Fabians dünne Beine pressten sich an ihn. Der süß duftende Kopf ruhte auf Sanders Arm. Durch die leicht geöffneten Lippen kamen ruhige Atemzüge. Sander schlief auf einem Bettzeug ein, das Bilder von Baumeister Bob verzierten, Bagger und Zementmischmaschinen und alle möglichen anderen Geräte. Es war halb fünf, normalerweise würde in zwei Stunden der Wecker klingeln.

Aber an diesem Morgen schlief er wieder ein, so tief sogar, dass er zwei Stunden später das Telefon nicht hörte. Erst um neun wurde er davon geweckt, dass die beiden Jungen ins Zimmer gestürzt kamen und zu ihm ins Bett sprangen.

»Warum schläfst du hier, Papa?«, fragte Fabian.

»Seid ihr schon wach«, murmelte Erik Sander mit schlaftrunkener Stimme. In der auch ein wenig Enttäuschung lag. Er hätte nichts dagegen gehabt, noch ein wenig schlafen zu dürfen.

»Wir haben Bolibompa gesehen, aber jetzt kommt was anderes im Fernsehen.«

»Wo ist Mama?«, fragte Sander.

»Die schläft«, sagte Anton und ließ sich dann wie ein Affe auf den Boden fallen. »Heute gab’s Tarzan«, brüllte er dann.

Nein, dachte Sander. Nicht Tarzan. Wenn es im Fernsehen Tarzan gegeben hatte, dann wollten die Jungen immer rumtoben, hüpfen und klettern.

»Und dann hat es andauernd geklingelt«, sagte der Junge jetzt.

»Wieso denn geklingelt?«, fragte Erik, der glaubte, es gehe immer noch um Tarzan.

»Das Telefon«, erklärte Fabian geduldig. »Warum bist du nicht rangegangen, Papa? Und warum schläfst du in meinem Bett?«

Ja, gute Frage, dachte Sander und stand auf. Er fuhr sich mehrere Male mit der flachen Hand über den Kopf.

»Es hat geklingelt?«, fragte er.

Er verspürte eine leise grummelnde Unruhe. Schließlich hatte er an diesem Wochenende Bereitschaftsdienst. Aber mein Gott, er hatte einfach nur geschlafen. Dann verdrängte er diese Überlegungen. Sie wollten an diesem Tag für die Kinder einen Schreibtisch kaufen. Und eigentlich war es ja auch egal, wer vielleicht angerufen hatte.

Er gähnte und ging in die Küche. Henrietta saß am Küchentisch, mit Zeitung und Kaffee.

»Guten Morgen«, sagte er. »Die Kinder haben behauptet, du schläfst.«

Sie drehte sich um, die Haare waren ungekämmt, ihr Gesicht bleich, als habe sie schlecht geschlafen.

»Ich war seit sieben Uhr wach«, sagte sie. »Ich bin vom Telefon geweckt worden.«

»Wer war es denn?« Sander nahm sich eine saubere Tasse aus dem Regal über dem Spülbecken.

»Ich hab’s nicht rechtzeitig geschafft«, murmelte Henrietta und schaute wieder in ihre Zeitung.

»Du hast es nicht rechtzeitig geschafft? Aber es hätte doch ...«

»Du weißt, was wir heute vorhaben«, sagte sie. »Die Jungen wären schrecklich enttäuscht, wenn wir nicht fahren könnten.«

»Ich weiß, ich weiß. Und wir werden ja auch fahren.«

»Aber es hat jemand angerufen.«

»Ich habe gesagt, dass wir fahren werden.«

Aus irgendeinem Grund ärgerte er sich jetzt.

»Ich habe vorhin die Nachrichten gehört«, sagte Henrietta.

Er goss einen dünnen Strahl Kaffee in die weiße Tasse. Gemütlicher Dampf stieg auf.

»Ein Friseursalon in der Stadt ist ausgebrannt«, sagte sie dann. »Ich bin sicher, dass sie dich auf die Wache bestellen werden. Und danach heißt es Arbeit, Arbeit, Arbeit. Jeden Tag. Und jedes Wochenende. Wie immer.«

Sie seufzte. Erik Sander setzte sich an den Küchentisch und lachte leise. »Meine Güte. Die holen mich doch nicht, bloß, weil es irgendwo gebrannt hat.«

Sie schaute aus dem Fenster. Graue Wolken am Himmel. Ein leichter Dunst über dem Hof. »Angeblich ist bei dem Brand jemand ums Leben gekommen.«

»Ach. Und was noch?«

Sie zuckte mit den Schultern.

»Mehr haben sie nicht gesagt. Aber du wirst das sicher alles noch erfahren.«

»Am Liebsten nicht heute.« Er trank einen großen Schluck Kaffee. Schaute auf die Uhr. Viertel nach neun. »Wenn wir uns beeilen, können wir in einer halben Stunde losfahren. Haben die Kinder schon gefrühstückt?«

Als Henrietta nickte, klingelte wieder ein Telefon, diesmal Sanders Handy. Sie sah ihn an, mit einer Mischung aus Besorgnis und Wut im Blick.

»Wir fahren auf jeden Fall«, sagte er und stand auf. »Das verspreche ich dir.«

Er hörte selber einen falschen Unterton. Und als er auf den Knopf drückte und Janne Rings Stimme hörte, wurden seine bangen Ahnungen bestätigt. Nachdem er das Gespräch beendet hatte, ging er zurück in die Küche; sie starrte immer noch die Zeitung an. Ihre dunklen Haare hingen ihr in die Stirn.

»Ich muss ...«

»Ich weiß«, fiel Henrietta ihm ins Wort.

»Kannst du nicht ...«, setzte Sander an, merkte aber, dass ihm das Weiterreden schwer fiel. Er wusste nicht so recht, was er sagen sollte.

»Kann ich nicht allein fahren?«, vollendete Henrietta seine Frage.

»Ja, genau. Geht das nicht? Nur dieses eine Mal?«

Sie gab keine Antwort. Seufzte nur laut, blätterte ihre Zeitung um und sah ihn auch weiterhin nicht an.

Um zehn Uhr standen sie vor dem ausgebrannten Friseursalon. Rebecka versuchte, durch die Wand aus Polizisten und die im leichten Wind flatternden Plastikbänder hineinzusehen.

»Viel sieht man ja nicht«, sagte sie.

Es wimmelte nur so von Leuten, vor allem von Neugierigen, die sich unbedingt erkundigen mussten, was hier passiert sei. Aber jeder Idiot konnte doch sehen, dass es gebrannt hatte. Es stank nach Rauch, und auf dem Boden glitzerten Glasscherben. Ein Stück weiter entfernt stand mitten auf der Straße ein Löschzug mit flackerndem Blaulicht, obwohl das Feuer bereits gelöscht war. Vielleicht hatten sie Angst, es könne irgendwo noch einmal auflodern.

Rebecka versetzte Andrea einen Rippenstoß und murmelte: »Das ist er. Der, der über uns wohnt.«

Andrea schaute sich den Polizisten an, bei dem Rebecka auf die Kinder aufpasste. Ein Mann mittleren Alters in trutschiger Kleidung und mit kurzgeschnittenen schütteren Haaren. Dünn war er auch, gar nicht so muskulös wie die Bullen im Film. Das hier war wirklich nicht sonderlich spannend. Nicht einmal, dass es gebrannt hatte, brachte etwas. Nur ein verrußter Laden. Und diese Typen in Uniformen, die hinter dem Absperrband hin- und herliefen.

»Wir gehen«, sagte Andrea. »Hier gibt’s nichts zu sehen.«

»Willst du nicht mit ihm reden?«, fragte Rebecka erstaunt und sah sie vorwurfsvoll an.

»Ich?«, fragte Andrea. »Spinnst du? Was sollte ich dem denn sagen?«

»Tja. Das mit dem Auto und so.«

»Hör doch auf. Ich hab nichts gesehen. Ich bin nur vorbeigegangen.«

»Du hast gesagt, dass du jemanden gesehen hast.«

»Ich hab einfach nur ein Auto gesehen.« Andrea zuckte so gleichgültig mit den Schultern, wie sie nur konnte. Sie hatte keine Lust, mit irgendeinem Bullen zu reden.

Aber Rebecka wollte offenbar nicht locker lassen. »Jetzt komm schon, Drea.«

Sie zog Andrea so energisch am Jackenärmel, dass der ihr ein gutes Stück über die Finger rutschte. Diese blöde Rebecka, dachte Andrea und ließ sich widerwillig in das Gewimmel zerren. Bei dem Plastikband, das zwischen einem Laternenpfahl und der Türklinke des benachbarten Ladens aufgespannt war, wurden sie von einem jungen Polizisten aufgehalten. Er trug eine lange schwarze Jacke, deren Kragen er bis zu seinen Ohren hochgeschlagen hatte.

»Hier dürft ihr nicht rein«, sagte er so schroff, dass sogar Rebecka zurückwich.

Andrea fand, dass er so aussah wie die Türsteher in Diskos, die immer behaupteten, sie sei zu jung, um hineinzudürfen. Arroganter Arsch, dachte sie.

»Wir möchten gern mit dem da hinten sprechen«, sagte Rebecka und zeigte auf den Polizisten, den sie angeblich kannte.

Der Mann drehte sich um, um zu sehen, wen sie gemeint hatte.

»Was wollt ihr von ihm?«, fragte er, noch immer im selben abweisenden Tonfall.

»Es geht um meine Freundin. Sie hat etwas Seltsames gesehen.« Rebecka schob Andrea vor, und die fluchte und schüttelte ihre Hand ab.

»Was hast du gesehen?«, fragte der Polizist und starrte Andrea gereizt an. Seine Augen waren braun und sogar noch schöner als die von Tobbe.

»Äh«, murmelte Andrea, dann fiel ihr auf, dass sie das an diesem Tag nun ungefähr schon zehnmal gesagt hatte. »Ich glaube, das war nichts Wichtiges.«

»Was denn?«, fragte der Polizist und Andrea glaubte, einen Seufzer mitschwingen zu hören.

Nur um nicht auszusehen wie eine Vollidiotin, beschloss sie, doch alles zu erzählen. »Ich bin heute Nacht hier vorbeigekommen, und dabei habe ich ein Auto wegfahren sehen.« Sie sprach hastig und leise.

»Du hast ein Auto gesehen? Wo? Und wann?«

»Heute Nacht. Gegen drei.«

»Warte, ich hole eben Sander.«

Er machte auf dem Absatz kehrt, und gleich darauf stand Rebeckas Nachbar vor ihnen. Seine Blicke wanderten zwischen ihnen hin und her, und er hatte den Mund halb geöffnet. Dass ein Polizist so verwirrt aussehen kann, dachte Andrea. Das war fast komisch. Endlich blieb sein Blick an Rebecka hängen.

»Ach, hallo. Jetzt hab ich dich erkannt.« Er lächelte, ein rasches, gestresstes Lächeln, während er gleichzeitig versuchte, mitzubekommen, was hinter ihm passierte, in dem Laden, in dem es von Bullen nur so wimmelte. »Mein Kollege hat gesagt, du willst mich sprechen.«

»Nein, nicht ich, meine Freundin«, sagte Andrea. »Sie hat etwas gesehen.«

Sein Blick irrte zu Andrea weiter, und die wäre am liebsten im Erdboden versunken. Das wäre am wenigsten peinlich gewesen.

»Ach«, sagte er und seufzte ebenso resigniert wie vorher sein Kollege. »Und was hast du also auf dem Herzen?«

»Ich bin heute Nacht hier vorbeigekommen«, sagte Andrea. Und fügte rasch hinzu: »Aber ich glaube nicht, dass ich wirklich etwas Wichtiges gesehen habe.«

»Aber was hast du denn nun gesehen?« Plötzlich sah der Mann ein wenig interessiert aus.

»Ein Auto.«

»Hier?«

Andrea nickte. »Ich stand oben auf der Brücke, und da habe ich es gesehen. Es fuhr weg von hier, wo wir jetzt stehen, und es schien es ziemlich eilig zu haben.«

»Ach.« Sander kratzte sich am Kinn. »Weißt du, um welche Zeit das war?«

»Drei Uhr. Das weiß ich, weil gerade die Kirchturmuhr geschlagen hat.«

»Weißt du, wie das Auto ausgesehen hat?«

»Das Autokennzeichen habe ich nicht gesehen.«

»Aber du kannst vielleicht sagen, welche Farbe es hatte. Und ob es groß oder klein war.«

Andrea dachte nach. Sie kam sich blöd vor. »Es war hell. Und ich glaube, es war ziemlich klein.«

»Hast du gesehen, wo es hingefahren ist?«

»Es ist in die Kaptensgata abgebogen.«

»Und sonst?«

»Sonst?«

»Ja, hast du noch mehr gesehen? Einen Menschen oder so?«

Sie schüttelte den Kopf. »Nein.« Sie glaubte zwar, einen Menschen gesehen zu haben, war sich aber nicht so sicher. »Nein, nur das mit dem Auto.«

Der Polizist richtete sich auf, als habe er sich bücken müssen, um mit ihnen sprechen zu können. »›Nur‹ ist wirklich übertrieben. Danke, dass du gekommen bist. Solche kleinen Einzelheiten können sehr wichtig sein.«

Die leichte Andeutung eines Lächelns auf den bleichen Lippen. Sie konnte nicht entscheiden, ob es ironisch sein sollte oder nicht.

»Wie heißt du übrigens?«

»Andrea Nilsson.«

Er erkundigte sich nach ihrer Adresse und Telefonnummer und bat sie dann, sich bei der Polizei zu melden, falls ihr noch mehr einfiel.

Andrea nickte. Aber sie hatte nicht vor, das zu tun. Es war jetzt schon viel zu peinlich. Dieser Polizist hielt sie einwandfrei für eine Rotzgöre, die so spät nichts auf der Straße zu suchen hatte, und bestimmt glaubte er auch, sie habe sich die Sache mit dem Auto aus den Fingern gesaugt, um mit gutem Grund herkommen und sich den Gaffern anschließen zu können.

Sie packte Rebecka am Arm. »Komm, wir hauen ab.«

»Saugut, dass du das gesagt hast«, sagte Rebecka, als sie sich dem Teil der Straße näherten, der nicht von schnüffelnden Idioten versperrt war. »Das hilft ihnen bestimmt ein ganzes Stück weiter.«

»Hmm«, murmelte Andrea geistesabwesend. Etwas störte sie plötzlich, aber sie wusste nicht, was es war, vielleicht machte die Gegend sie einfach nervös, der Brandgeruch und das viele Verkohlte, Schwarze.

»Ist da wirklich jemand umgekommen?«, fragte sie.

Rebecka zuckte mit den Schultern und bohrte ihre frierenden Hände in die winzigen Jackentaschen. »Keine Ahnung. Mehr haben sie im Radio nicht gesagt.«

8

Die braune Farbe lief zähflüssig die Holztür hinunter. Wenn sie den Pinsel richtig tief in den Farbtopf tunkte, dann flossen fette Tropfen aus den nassen Borsten. Das war sicher nicht die perfekte Methode, aber am Ende würde sie ja alles glatt streichen, damit die Farbschicht gerade dick genug wurde.

Mit dem Farbtopf in der einen und dem Pinsel in der anderen Hand stand sie auf der Veranda. Nichts war so schön wie das hier; nach getaner Tat kletterte sie immer hinunter ins Gras und hatte das Gefühl, etwas geleistet zu haben. Angenehm müde, nachdem sie stundenlang mit dem Pinsel in der Hand dagestanden hatte.

Sie hatte sich die Nägel mit der Nagelschere gereinigt, um den ärgsten Dreck zu entfernen. Ihre Kleider hatte sie einfach weggeworfen. In einer Plastiktüte, die sie im Hafen in einen der Container gestopft hatte. Das war sicherer so. Sie wollte alles auf Distanz halten.

Sie kniff die Augen zusammen und ließ die Sonne auf ihr Gesicht brennen, so, wie sie sonst auf ihren Rücken brannte, wenn sie auf der Leiter stand und anstrich. Wie immer fühlte sie sich jetzt ruhig, das Kratzen des Pinsels über das Holz schob alles beiseite. Die Gedanken, die ihr morgens kamen, beim Aufwachen. Sie hätte beim Erwachen jedesmal kotzen mögen. Wenn sie an den Tag dachte, der jetzt vor ihr lag. Weiß und blank wie ein See mit totem Boden. Sie würde malen. Auf und ab mit dem vor dicker Farbe tropfenden Pinsel. Malen, übermalen. Er saß darin fest, Flecken von ihm saßen dort, und bei jedem Strich, den sie tat, verschwand er ein wenig tiefer. Am Ende war nichts mehr zu sehen.

Dann drückte sie den Deckel auf den Farbtopf. Die Stunden waren verflossen wie Wasser, oder wie die Farbe des Pinsels, den sie über dem alten Ausguss ausspülte. Die Farbe lief dünn und braun in das rostige Loch. Sie streifte ihre Kleider ab, faltete sie zusammen und wandte sich ihrem Werk zu. Was schlecht gemalt ist oder gar keine Farbe abbekommen hat, wird noch einmal mit dem Pinsel überstrichen, wenn nötig, auch ein zweites Mal. Der Gedanke, dass es so war, und dass sie entschied, wann alles fertig war, beruhigte sie.

9

Sie versammelten sich im Besprechungszimmer, wo Eva-Britt Bixe mit gezücktem Stift vor der neuen Tafel stand. Sie fuhr sich mit der Hand über die Stirn, die sich heiß anfühlte, die Kopfschmerzen waren wieder stärker geworden. Vergeblich hatte sie in ihrer Tasche nach Schmerztabletten gesucht, auch wenn die so viel Wirkung hatten wie ein Mückenstich bei einem Elefanten.

Der Schmerz hatte in dem Augenblick wieder eingesetzt, als Nils Fridén hereingekommen war und an ihrem Schreibtisch Platz genommen hatte. Sie war gerade unterwegs gewesen, um sich vom Automaten auf dem Flur einen Kaffee zu holen. Auch die Automaten waren neu im Haus, und anders als die alten, bei denen auch mal Kakao in den Becher laufen konnte, wenn man auf Kaffee gedrückt hatte, funktionierten die neuen zuverlässig. Es gab viele Knöpfe und ebenso viele Kaffeesorten, mehr als in einem Haus wie diesem nötig gewesen wären, wo die meisten schwarz ohne Zucker und Milch nahmen. Außerdem trank man ja dieses Gebräu nicht, weil es gut schmeckte, sondern um sich wach zu halten.

Kaum war Fridén also hereingekommen, mit seinem schrägen Lächeln und einem zufriedenen Funkeln in den Augen, da hatte sie begriffen, dass es wohl kaum ein Tag von der ruhigeren Sorte werden würde. Im Gesicht des Technikers las sie Arbeit, massenweise Arbeit. Und das bis in die frühen Morgenstunden, wenn das Schicksal ihr wirklich übel wollte.

»Es war ein Mensch im Laden«, sagte Nils Fridén und leckte sich kurz die Lippen. »Nicht so arg verbrannt, dass er nicht mehr zu identifizieren gewesen wäre. Der Leichnam ist jetzt in Lund bei der Gerichtsmedizin. Wir haben gesagt, dass es eilt, aber einige Tage wird es wohl doch dauern. Wenn wir ganz viel Glück haben, dann hören wir schon morgen früh etwas.«

»Und wenn wir Pech haben?«

Fridén ließ sich im Stuhl zurücksinken und verschränkte die Hände vor seinem Bauch. »Irgendwann nächste Woche. Es war Glück, dass das Feuer so früh entdeckt worden ist, sonst hätte es schwierig werden können, Informationen über den Verbrannten zu erhalten. Ansonsten ist jetzt ganz klar, dass es sich um Brandstiftung handelt. Es waren Spuren von Plastikfolie vorhanden, in der nach aller Wahrscheinlichkeit Zündflüssigkeit und Kerzen transportiert worden sind. Der Brand hat also sehr langsam eingesetzt. Und das ist ja eine ziemlich übliche Methode.«

»Und effektiv, um alles Mögliche zu verstecken«, sagte Bixe.

»Zweifellos.«

»Nicht, dass wir das schon wüssten, aber es würde mich ja nicht überraschen, wenn die verbrannte Person schon tot gewesen wäre, als der Brand gelegt wurde.«

»Du behauptest also«, sagte Fridén und schaute vielsagend über seine schmale Lesebrille hinweg, »dass die Person im Laden ermordet worden ist? Und das ohne jeden richtigen Hinweis?«

»Ich habe nur gesagt, es sei nicht unvorstellbar.«

»Und wie begründest du das? Mit Intuition?«

Bixes an diesem Tag ungeschminkte Lippen teilten sich zu einem zufriedenen Lächeln. »Nicht nur. Auch mit Erfahrung.«

»Ja, natürlich«, gab Fridén zu. »Fünfundzwanzig Jahre in der Branche sind nicht zu verachten. Ich nehme an, du weißt, wovon du hier redest.«

»Wir haben den Besitzer des Salons noch nicht erreichen können«, sagte Bixe. »Er kann ja verreist sein, aber heutzutage haben die Leute doch meistens Mobiltelefon oder E-mail oder was weiß ich. Und er meldet sich einfach nicht. Also stimmt hier etwas nicht.«

»Gedanke oder Gefühl?«

»Gefühl«, gab Bixe zu. »Aber das Gefühl ist diesmal wirklich mehr als stark genug.«

Und jetzt stand sie da, vor der weißen Tafel, mit dem Stift in der Hand, und mit heftigen Kopfschmerzen, die ihre Schläfen zum Bersten zu bringen drohten. Es war zum Verzweifeln hell in diesem Raum, sie brauchte nicht nur Kopfschmerztabletten, sondern auch eine Sonnenbrille. Die Sonnenbrille an einer Schnur um den Hals – vielleicht keine so dumme Idee. Und sie tat doch immer gerne etwas zur allgemeinen Belustigung der Kollegen.

Sie holte tief Luft, zeichnete einen Kreis und schrieb die Buchstaben JS hinein. »Der Besitzer. Jonas Sjögren. Fünfundvierzig Jahre. Arbeitet seit fünfzehn Jahren als Friseur. Vor ungefähr einem Jahr hat er das Klipp-it von Harald Enger gekauft. Vorher hatte er in allerlei anderen Salons gearbeitet, zuletzt ...« Sie blätterte in den Papieren, die sie in der Hand hielt. Auf einem der viel zu vielen Stühle im Raum – vielleicht hatten die Architekten unter Größenwahn gelitten, als sie den Raum geplant hatten, Halmstad war ja doch eher eine bescheidene Metropole – saß Erik Sander und kaute. In der Hand hielt er eine Tüte, die ab und zu raschelte, und das brachte ihm jedesmal einen gereizten Blick von Janne Ring ein, der seinerseits ganz still dasaß und bisweilen aus dem Fenster und dann wieder auf die Tafel schaute.

»Was zum Teufel isst du denn da?«, knurrte er endlich, als Sander mit lauterem Geraschel als bisher die jetzt offenbar leere Tüte zusammenknüllte und als kleinen Ball auf den Tisch legte.

»Nur ein paar Süßigkeiten.« Sanders Worte waren nur mit Mühe zu verstehen, da er mit vollem Mund redete.

»Süßigkeiten?« Ring schüttelte den Kopf und schaute in die andere Richtung.

»Es war Brandstiftung«, sagte Bixe jetzt mit etwas lauterer Stimme. »Vermutlich, um Spuren zu beseitigen. Was ja bekanntlich durchaus häufiger vorkommt.«

»Ich wüsste ja gern, aus welchem Krimi er die Idee hat«, sagte Ring und drehte seinen einen Manschettenknopf gerade.

»Der Brand hat heute Nacht gegen halb drei eingesetzt.« Bixe schob ihre Brille hoch und blätterte weiter in dem überraschend ausführlichen Bericht, den Fridén bereits verfasst hatte. »Um halb vier hat ein junges Paar, das gerade vorüberkam, den Rauchgeruch wahrgenommen. Sie haben das Feuer im Laden entdeckt und die Feuerwehr alarmiert.«

»Sonst haben sie nichts gesehen?« Sander hatte fertig gekaut und konnte wieder deutlich sprechen.

Bixe schüttelte vorsichtig den Kopf.

»Nichts. Das war eine gute Stunde nach Brandausbruch. Auch, wenn es langsam einsetzt, breitet so ein Feuer sich dann doch rasch aus. Und ehe die Feuerwehr eintraf, war das Lokal schon weitgehend ausgebrannt. Ihr habt es ja selbst gesehen. Du warst doch wohl vor Ort, Erik, oder?«

Sander nickte, er schien an diesem Vormittag ziemlich in seinen eigenen Gedanken versunken zu sein. »Ich bin nicht lange geblieben. Es gab nicht viel zu sehen, verrußte Räume sehe ich ja nicht zum ersten Mal. Aber als ich dort war, hat mich ein junges Mädchen angesprochen ...«

»Meinen Glückwunsch!« Rings ganzes Gesicht leuchtete auf, als er hämisch auflachte. Sander drehte sich rasch zu ihm um und wurde rot, zuerst im Gesicht, dann an den Ohrläppchen, die glühten wie die Rücklichter eines Autos.

»Das hast du falsch verstanden, Janne.«

»Was denn?«, fragte Bixe, die jetzt ebenfalls leicht gereizt wirkte. Normalweise konnte sie mit dem Gerede und den Sticheleien leben, die die Arbeit bisweilen auflockerten. Aber an diesem Tag war das anders. Sie hatte Kopfschmerzen und wollte so schnell wie möglich nach Hause.

»Wir haben eine junge Babysitterin. Sie wohnt im selben Haus wie wir. Sie und ihre Freundin waren also da. Und diese Freundin ist offenbar nachts am Salon vorbeigekommen und hat gesehen, wie davor ein Auto losfuhr.«

»Und stimmt der Zeitpunkt so ungefähr?«

»Ja, sie sagt, es sei so gegen drei gewesen. Der Wagen hat rasch beschleunigt und ist dann in der Kaptensgata verschwunden. Das muss ja nichts bedeuten, aber wir sollten es uns doch merken.«

»Hat sie noch mehr gesagt?«

»Nur, dass es ein helles und nicht sehr großes Auto war.«

»Sie hat niemanden gesehen?«

»Das hat sie jedenfalls behauptet.«

»Was macht denn ein junges Mädchen um drei Uhr nachts in der Stadt?«, seufzte Ring hinten in seiner Ecke. »Wie alt ist sie?«

»Tja, vierzehn vielleicht.«

»Die Wurzel allen Übels«, sagte Ring. »Dieses ganze Rumgerenne in der Stadt, wo sie kaum aus den Windeln raus sind.«

Sander spielte an seiner zerknüllten Süßigkeitentüte herum, als sei darin noch etwas zu finden, ein vergessenes Himbeerbonbon oder eine letzte Geleebanane.

»Wenn sich in der Stadt keine Kinder herumtrieben, dann wäre die Feuerwehr nicht rechtzeitig alarmiert worden«, sagte Bixe. »Die, die um halb vier vorbeigekommen sind, waren auch noch keine Greise. Wir sollten dieses eine Mal also dankbar sein.«

»Noch zehn Jahre«, seufzte Sander.

»Wie meinst du das?« Rings Blick bohrte sich wie ein Pfeil in ihn hinein.

»In zehn Jahren muss man nachts auf sie warten. Meine Kinder sind vier und sechs.«

»Dann weißt du immerhin, was dir bevorsteht«, sagte Ring grinsend. »Du hast es ja aus nächster Nähe gesehen.«

»Ja, das ist es ja gerade.« Sander schaute die Tischplatte an. »Ich habe ihren Namen und ihre Adresse notiert, falls ihre Beobachtung von Bedeutung sein sollte.«

Bixe schrieb weitere Stichwörter an die Tafel. Große, auslaufende Buchstaben, die nach und nach immer unleserlicher wurden. Krähenfüße wäre eine überaus harmlose Beschreibung gewesen. Reiner, purer Irrsinn, schwarz auf weiß, hätte eher gepasst.

Auto um drei, stand jetzt dort in dieser schlampigen Schrift.

»Phantastisch«, murmelte Ring. »Da sind wir ja schon weit gekommen.«

Bixe überhörte diesen spitzen Kommentar. »Wir wenden uns zuerst an Jonas Sjögrens Angehörige«, sagte sie. »Seine Familie, seinen Freundeskreis.«

»Ja, und wer soll das machen?«, fragte Sander.

Bixe verspürte einen bitteren Geschmack im Hals, als sie daran dachte, was immer von Neuem getan werden musste. Jemand musste vor die Angehörigen treten und ihnen in die Augen schauen und das sagen, was gesagt werden musste. Ein Donnerschlag. Nein, sie freute sich wirklich nicht auf diese Aufgabe. Auch wenn sie nur über den Brand sprechen und fragen mussten, wo Sjögren sich aufhalten könnte. Das war schon unangenehm genug.

»Wer?«, wiederholte Ring, vermutlich in der Hoffnung, der Kelch möge an ihm vorbeigehen.

»Erik, kannst du die Angehörigen ermitteln?«, fragte Bixe. »Es ist ja auch möglich, dass Sjögren bei irgendwelchen Verwandten zu Besuch ist.«

Ihr Kollege nickte müde.

»Und du, Janne, du kommst mit mir in seine Wohnung. Wir brechen so bald wie möglich auf. Die Technik ist sicher jetzt fertig.«

Sie schaute wieder in ihre Papiere, überflog sie mit halb geschlossenen Augen.

»Du, Erik«, sagte sie danach zögernd.

»Ja?«

»Du wohnst doch im Andersbergsring 94?«

»Stimmt. Wieso?«

»Ich sehe hier, dass Jonas Sjögren im Andersbergsring 102 gemeldet ist. Das ist doch sicher in deiner Nähe.«

»Das ist schräg gegenüber.«

»Dann kennst du ihn doch sicher?«

»Die Häuser bei uns haben jeweils sechs Stockwerke und acht Eingänge. Ist das Antwort genug?«

10

Sie ahnte eine Bewegung: Es war ein Schmetterling. Wie still und gelassen der über die Verkaufstheke flog, im kalten Neonlicht. Er bewegte sich über der altmodischen Glasplatte, unter der jede Menge Pinsel und Spachtel und sie wusste nicht was noch alles zu bewundern waren. Es war Samstagvormittag, eine gute Woche danach und der Tag, an dem alles wieder normal werden sollte. Der Tag nach der Nacht, die sie vergessen musste, um weiterkommen zu können. Dann sah sie plötzlich den Schmetterling. Als ob die Zeit Bescheid weiß, dachte sie, als ob die ihr Paket geöffnet hat und mir den Inhalt jetzt zeigt, wo es so weit ist. Dann erfuhr sie plötzlich, wer er war, dieser Mann, dieser Abschaum. Diesmal konnte sie sein ganzes Gesicht sehen. Nicht von der Dämmerung oder von dunklen Wolken verdeckt, das Neonlicht über dem Tresen war leuchtend hell.

Der Verkäufer hatte seine Mütze in den Nacken geschoben und gesagt, es sei wirklich ein stickiger Tag. Ja, sagte sie, entsetzlich stickig und drückend. Und das Lächeln hatte in der Luft gehangen, in Erwartung ihrer nächsten Bemerkung. Sie wusste nicht so recht, was sie vor allem brauchte. Einen Mann vielleicht, der nicht nur zwei linke Hände hatte. Oder nein, keinen Mann, nie wieder. Dann lieber einen Schmetterling mit Flügeln, die man zwischen den Fingern zerkrümeln konnte, wenn man ihn am Weiterfliegen hindern wollte.

»Fassadenfarbe«, sagte sie. »Rot.«

»Rote Fassadenfarbe«, sagte er. »Heute soll es also Rot sein.« Er fragte, ob sie mit Fensterrahmen und Haustür fertig sei, und die Farbe, die sie früher in der Woche gekauft hatte, sei sie damit zufrieden gewesen? Und ahnte sie da nicht ein kleines Lächeln über seinem hässlichen schmalen Mund, ein schiefes, hämisches Lächeln? Sie hätte es zerkrümeln mögen, ja, Fassadenfarbe, anstreichen, überstreichen, ein Schmetterling soll unter der Farbe festkleben, die Flügel verschmiert wie weiche Butter.

Sie folgte ihm in den Laden, in das Labyrinth zwischen den Regalen. Die Büchsen in unterschiedlichen Größen, weiße Etiketten, Farbmuster, die an Bindfäden davor baumelten.

»Rot«, sagte sie.

»Welches Rot denn?«, fragte er lächelnd.

»Klares Rot«, sagte sie.

»Wozu soll es denn benutzt werden?«, fragte er.

»Ich will die Außenwände vom Ferienhaus anstreichen«, sagte sie.

»Aha«, sagte er, suchte im Regal, streckte die Hand aus, zog eine Leiter heran, und schwupp, schon hielt er das Gesuchte in der Hand. »Mit der hier wird es sicher gut. Ist das der richtige Farbton?«

Und dann, als sie zur Kasse zurückgingen, flatterten plötzlich diese Flügel über dem Tresen. Sie blieb stehen, blieb mit offenem Mund stehen, sah den scheußlichen Schmetterling, er flog in ihr Blickfeld, blieb dort hängen und schlug vergeblich mit den Flügeln. Sie glaubte zuerst an eins ihrer Trugbilder, denn die waren häufig.

Die Frau, die ihn begleitete, hielt einen Korb über dem Arm. Der Mann trug ein kurzärmliges Hemd, eine Fleeceweste, Stiefel. Aber nichts davon war wichtig, es gab nur noch den Schmetterling. Sie lächelten einander an. Der Mann, die Frau und sie. Sie war mit diesem Lächeln zufrieden. Über der Theke brannte die Neonröhre.

»Äh«, sagte der Verkäufer.

Sie war stehen geblieben. In der Zeit, die für den Verkäufer nicht stillstand. »Äh«, sagte er noch einmal. Sie fuhr zusammen, wachte auf, ließ sich von der Zeit wieder mitreißen, versuchte, sie einzufangen, um nicht zurückgelassen zu werden, ärgerte sich über ihren offenen Mund, ihren töricht verzogenen Mund. Gott verhüte, dass es ein anderer wäre als er. Denn nicht einmal Gott konnte etwas ungeschehen machen. Und jetzt hatte sie ihn ihren Weg kreuzen lassen. Sie hatte darauf gewartet. Sie sah es als Zeichen an, auch das.

»Danke«, sagte sie. »Das wäre alles für heute.« Sie drehte sich halb um und lächelte wieder die beiden anderen an. Ob er sie erkannt hatte? War das möglich? Nein, es sah nicht so aus. Er erwiderte ihr Lächeln gelassen, gleichgültig vielleicht, dann ließ er seinen Blick über die Regale im Laden schweifen.

»Ich notiere mir den Farbton«, sagte der Verkäufer, »damit wir beim nächsten Mal den richtigen finden. Falls Sie noch mehr brauchen, meine ich.«

Sie ging mit harten Schritten aus dem Laden, mit aller Augen im Nacken, die Mütze des Verkäufers und der Schmetterling über der Theke, sie ging ins Labyrinth, um dort zu verschwinden. Wenn sie nur wüsste, wo. Ein anderes Mal, es würde noch ein Mal geben. Sie war jetzt sicher, denn sie hatte etwas erfahren.

Der Wagen stand draußen. Er war weiß. Viel zu weiß. Funkelnd wie ein spitzer Zahn im zufälligen Sonnenlicht. Sie warf einen Blick auf das Nummernschild, prägte sich Buchstaben und Ziffern ein. Das war das Mindeste und einwandfrei das Leichteste, was sie tun konnte.

Die Stille auf dem Parkplatz war angenehm. Samstag, und die Zeit schien auf irgendeine Weise herumzutrödeln. Nach diesem Tag würde sie es nicht mehr eilig haben. Sie hatte den ganzen Urlaub vor sich liegen, fünf lange Wochen.

Unter der Decke sauste ein Ventilator. Von den Bäumen her war Vogelgezwitscher zu hören. Der leuchtende Lack des Autos brannte unter ihren Handflächen. Leerer Parkplatz, weit und breit kein Mensch zu sehen. Sie konnte es sich erlauben. Konnte sich fast alles erlauben. Zum Beispiel mit einem Schlüssel einen Kratzer in den glänzenden Lack zu ziehen. Mit einem Schlüssel ... aber das tat sie nicht, natürlich nicht, nicht noch einen Kratzer.

»Du«, flüsterte die Frau. »Da ist ein großer Kratzer an der Tür. Hast du den schon gesehen?«

Der Mann schaute sie kurz an, hob fragend die Augenbrauen und flüsterte zurück: »Ich? Nein.«

»Ein Kratzer an der Tür«, flüsterte sie.

»Aber wer zum Teufel ...«

»Bist du irgendwo gegen gefahren?«, fragte sie.

»Nicht, dass ich wüsste. Vorhin war der noch nicht da.«

»Was ist denn los?«, fragte der Verkäufer. Freundlich. »Haben Sie noch einen Wunsch?«

»Nein, nein, nur ...« Er kniff die Augen zusammen, hatte das Gefühl ... Riss die Augen wieder auf, sah den Verkäufer an. »Wer war die Frau, die vorhin hier war?«

Der Verkäufer zuckte kurz mit den Schultern, lächelte freundlich, aber auch ein wenig neugierig. »Eine Kundin. Sie brauchte Farbe. Sie auch«, fügte er hinzu. »Jetzt im Sommer wollen viele ihre Häuser anstreichen. Warum wollen Sie das wissen?«

»Sie wissen nicht, wer sie ist?«

»Nein, leider, ich habe keine Ahnung. Ist irgendetwas passiert?«

Der Mann schüttelte den Kopf.

»Und ich soll ihr auch nichts ausrichten?«, fragte der Verkäufer.

»Nichts«, sagte er.

»Aber Ingvar«, sagte sie.

»Jetzt erledigen wir den Rest«, sagte er. »Wir müssen uns beeilen. Ich muss auch die anderen Sachen noch vor Ladenschluss erledigen. Ist im Kofferraum noch Platz?«

»Der Kratzer«, sagte sie. »Das wird sicher teuer.«

»Scheiß Vandalen«, sagte er.

11

Genau um sechzehn Minuten nach elf klingelte Eva-Britt Bixes Telefon. Sie wollte gerade zum Mantel greifen und das Haus verlassen. Das war nicht ihr Dienstanschluss, sondern das Mobiltelefon, das sie irgendwo abgelegt hatte. Auch das schien eigene Beine entwickelt zu haben. Dem Klingelsignal nach, einem lauten Doppelschnarren, war es jedoch nicht weitergekommen als bis zum Bücherregal hinter ihr. Sie schaute sich um, und richtig, da lag es, im mittleren Fach, auf einer freien Stelle zwischen zwei Ordnern. Sie konnte gerade noch vor dem fünften und letzten Signal das Telefon an sich reißen und auf den Knopf drücken. »Ja, hier Bixe.« Leicht außer Atem.

»Hier auch. Wo steckst du denn, Mama?«

Einige Sekunden lang war sie einfach sprachlos. Dann ging ihr alles auf. »Aber kleine Fia, das hab ich doch total vergessen ...« Bixe schaute die Wand an, aber was sie sah, war nicht die zitronengelbe Tapete, sondern das nicht sonderlich freundliche Gesicht ihrer Tochter.

»Schon wieder.«

Durch das Knistern im Telefon war ein trauriger Seufzer zu hören. Offenbar war die Verbindung nicht gerade die beste.

»Verzeihung, Fia. Ich bin auf der Wache, verstehst du, ich musste einfach ...«

»Ist schon gut, Mama. Den Spruch kenn ich ja. Den hör ich doch nicht zum ersten Mal. Aber wenn du wenigstens anrufen und absagen könntest. Ich stehe seit einer Viertelstunde auf dem Marktplatz. Und es regnet, Mama.«

»Ja, entschuldige, ich bin ein wenig zerstreut. Heute morgen haben also die Kollegen angerufen, und ich habe Migräne. Du hast keine Ahnung.«

»Doch, hab ich wohl.«

»Bitte, Fia, können wir das nicht verschieben? Auf morgen, vielleicht?«

»Morgen ist Sonntag. Falls du das nicht gewusst haben solltest. Hat es etwas mit diesem Brand zu tun, dass du heute arbeiten musst?«

»Da ist ein Toter gefunden worden.«

»Das hätte ich mir ja denken können, ich Dussel. Ich meine, dass du arbeiten musst.«

Noch ein Seufzer am anderen Ende.

»Das konntest du nicht wissen.«

»Und eben deshalb hättest du anrufen können.«

»Verzeihung, habe ich gesagt. Und das meine ich auch. Aber kannst du nicht heute Abend zu mir zum Essen kommen? Was sagst du? Heute Abend bin ich ganz bestimmt zu Hause. Und ich muss ja selbst auch etwas essen. Wir könnten sogar ausgehen und ...«

Diesmal war im Telefon ein Lachen zu hören. »Mütterchen, das ›bestimmt‹ meinst du doch wohl nicht im Ernst.«

»Ich rufe dich an, sowie ich nach Hause komme, dann sehen wir ja, wie spät es ist. Kauf du dir jetzt einen richtig eleganten Mantel, so einen, wie du dir gewünscht hast.«

»Ja, mal sehen.«

Noch ein Knistern war zu hören, dann ein heulendes Geräusch, als der Wind ins Telefon ihrer Tochter blies. Offenbar ging sie mit dem Telefon in der Hand spazieren. Bixe sah Fia vor sich, blass und ebenso mager wie ihr Vater, und mit derselben mürrischen Falte neben dem Mundwinkel wie er, wenn er sich ärgerte. Sie stellte sich vor, wie Fia durch irgendeine Straße ging, weg vom Marktplatz, wie sie dahinschlenderte, während die schrill violette Tasche aus den sechziger Jahren über ihrer Schulter baumelte. Aus Prinzip wich sie ihrem Spiegelbild in den Schaufenstern aus, an denen sie vorüberkam, sie starrte vor sich hin, kannte beim Gehen nur ein Ziel, und an diesem Tag war das ein neuer Mantel. »Wie idiotisch, dass du immer in die Fenster glotzt, um festzustellen, wie du aussiehst«, hatte sie einmal zu ihrer Mutter gesagt. Aber Bixe hatte in diesem Moment gar nicht sich selbst gemustert, sondern ihre Tochter, und hatte wie immer darüber gestaunt, wie ähnlich Fia ihrem Vater sah.

»Ich kann dich nicht richtig hören, Mama.« Fia brüllte ins Telefon, als ob das die Verbindung besser werden ließe. Dann brach sie ganz zusammen. Bixe fühlte sich gar nicht wohl in ihrer Haut, vor allem, weil der Vorschlag zu diesem Einkaufsbummel von ihr gekommen war. Weil sie wusste, dass Fia sich darüber freuen würde. Sie fanden im Moment nicht oft die Möglichkeit zu einem Treffen. Fia musste im Krankenhaus meist bis spät abends arbeiten, und auch Bixe schaffte es nicht oft, rechtzeitig Feierabend zu machen. So ist das, wenn man allein lebt, dachte sie. Da ist die Arbeit dann wichtiger als Gesundheit und Freizeit. Und jetzt war es Fia, die darunter leiden musste, und das war ihr gar nicht recht. Ihr Gewissen setzte ihr gewaltig zu. Ich muss das wieder gutmachen, dachte sie, auf irgendeine Weise. Wenn sie doch nur nachmittags nach Hause gehen und etwas richtig Leckeres kochen könnte ...

Die pure Vorstellung, sich über eine Bratpfanne zu beugen, wenn sie nach einem arbeitsamen Nachmittag nach Hause kam, dazu mit der Migräne, die noch immer in ihrem Hinterkopf herummurrte, löste in ihr eine leichte Übelkeit aus. Am liebsten hätte sie einfach ein heißes Bad genommen, um danach auf dem Sofa unter eine Decke zu kriechen und den Fernseher einzuschalten. Oder vielleicht sollte sie früh ins Bett gehen, mit einer Tasse frisch aufgebrühtem Kaffee auf dem Nachttisch, und dann das Radio anmachen, sich ein Hörspiel anhören, oder ...

Weiter kam sie nicht in ihren Gedanken, denn nun wurde leise an die Tür geklopft. Die Tür öffnete sich und Janne Rings Gesicht schob sich in den Türspalt. Er sah gestresst aus.

»Bist du fertig?«, fragte er.

»Wann bin ich das nicht«, seufzte Bixe. »Fertig, meine ich.«

Sie stand auf und spürte das Pochen im Kopf, als sie aus Versehen eine zu heftige Bewegung machte.

In der Wohnung war es stickig, so, als sei dort lange nicht mehr gelüftet worden. Trotz des auf den ersten Blick ordentlichen Eindrucks und obwohl die Techniker fast den ganzen Vormittag dort verbracht hatten, war es staubig.

»Wir dürfen also rein?«, fragte Ring, wie um sich vor eventuellen Dienstvergehen zu bewahren.

»Sicher. Aber zieh Schuhschützer über.« Bixe zeigte auf einige blaue Plastiküberzieher, die die Technik vor der Tür zurückgelassen hatte.

Auf dem Boden lagen ein Stapel Post und Zeitungen. Bixe bückte sich und blätterte zerstreut darin herum.

»Vor allem Werbung«, stellte sie fest. »Aber wenn wir nach den Tageszeitungen gehen können, dann war er in dieser Woche nicht mehr zu Hause. Die älteste Zeitung stammt vom Montag.«

Janne Ring hob überrascht die Augenbrauen. »Montag nach Mittsommer«, sagte er. »Wie ist das, gibt es am Johannistag eine Zeitung?«

»Natürlich«, sagte Bixe. »Mit zusätzlichen Kreuzworträtseln und solchen Scherzen. Feiertagsbeschäftigung für Leute, die nicht wissen, was sie mit sich anfangen sollen.«

»Dann war er an dem Tag jedenfalls zu Hause.«

»Und ist irgendwann zwischen Samstagmorgen und Sonntagabend von hier weggegangen.«

»Freiwillig oder unfreiwillig«, fügte Ring hinzu, und dann gingen sie weiter in die Wohnung hinein.

Es war eine eher kleine Zweizimmerwohnung. Enge Küche, winziges Schlafzimmer und normalgroßes Wohnzimmer. Eine Junggesellenbude, wie Bixe sie in ihrem Berufsleben schon oft gesehen hatte. Sie hatte inzwischen gelernt, dass es im Grunde zwei Sorten von diesen Wohnungen gab, die chaotischen und die gepflegten. Jonas Sjögrens Wohnung konnte sofort in die zweite Kategorie einsortiert werden. Schon in der Diele fiel ihnen die perfekte Ordnung auf. Kein Kleidungsstück lag herum, kein Blatt Papier. Nur wenige Möbel, Teppiche und Vorhänge Ton in Ton. In der Küche gab es keine ungespülten Teller. Über dem Wasserhahn hing ein perfekt zusammengefalteter knallgelber Wischlappen, an einem Metallhaken an der Wand eine Spülbürste in derselben Farbe.

»Fast schon übertrieben«, kommentierte Ring, als er vorsichtig mit seinen schwarzen Schuhen im knisternden Plastiküberzug weiterging.

Er hätte komisch ausgesehen, dachte Bixe, wenn sie sich hier nicht in der Wohnung eines vielleicht nicht toten, aber jedenfalls spurlos verschwundenen Menschen aufgehalten hätten.

»Ich wüsste ja gern, wer so einem ordentlichen Menschen ans Leder will«, murmelte Bixe, eher an sich selbst gewandt als an ihren Kollegen. Sie ging zum Fenster weiter, vor dem einige Topfblumen standen. Unten gab es ein paar verwelkte Blätter, einige waren abgefallen, offenbar waren sie schon seit einer Weile nicht mehr gegossen worden.

»Na ja«, sagte Ring, »nur, weil sie ihre Sachen so halbwegs in Ordnung halten ...«

»Müssen sie noch keine wunderbaren und ehrsamen Mitbürger sein«, vollendete Bixe. »Nein, das weiß ich. Leider.«

Ja, in Sjögrens Wohnung herrschte eine gelinde gesagt pedantische Ordnung. Im Schrank waren Handtücher und Bettzeug nach Farbe und Farbton sortiert. Die Kleider waren der Länge nach aufgehängt, zuerst Hemden, dann Jacketts und schließlich Hosen. Der Kleiderschrank war großzügig bestückt. Auch die Küche zeugte von eifrigem Streben nach Ordnung – sowohl Lebensmittel als auch Besteck und Porzellan waren mit millimeterhafter Präzision in Schubladen und Schränke sortiert. Kein Krümel und kein Staubkorn waren zu finden, und Tischdecken und Vorhänge passten farblich zu Möbeln und Teppich. Alles war glatt und sauber, nur die Fensterscheiben funkelten nicht ganz überzeugend, aber das konnte natürlich auch am vielen Regen der vergangenen Tage liegen.

»Wird man so, wenn man Leuten die Haare schneidet«, fragte Ring.

»Was soll das denn damit zu tun haben?«

»Haare und so, beim Job gibts dann einfach zu viel herumliegenden Fusselkram.«

»Dann hat man den falschen Job erwischt. Nein, ich sage immer, außen Ordnung, innen Chaos. Man muß den Wirrwarr im Kopf durch eine ordentliche Umgebung ausgleichen. Oder umgekehrt. Leute, die in sich ruhen, brauchen im Zimmer keine besondere Ordnung.«

»Dann ruhst du wirklich sicher und solide in dir, Eva-Britt, oder was?«

Bixe gab keine Antwort, sondern fuhr nachdenklich mit dem Finger über die Fensterbank. »Auf der Fensterbank liegt jedenfalls Staub.«

»Schön. Das zeigt doch, dass auch er nur ein Mensch ist.« Ring bohrte die Hände in die Taschen seines dünnen Sommermantels.

»Das hier ist fast das Schlimmste von allem, so in den Habseligkeiten eines Fremden herumzuwühlen. Was er wohl dachte, als er diese Wohnung zum letzten Mal verlassen hat? Hat er sich gefürchtet? Hatte er den Verdacht, dass etwas passieren könnte? Ist er bedroht worden?«

»Weshalb hätte er bedroht werden sollen?« fiel Ring ihr ins Wort. »Außerdem ist es doch möglich, dass er einfach Urlaub macht. Vielleicht ist er bei bester Gesundheit und würde sich niemals träumen lassen, dass die Polizei gerade seine Habseligkeiten durchwühlt.«

»Sicher. Aber wenn er nun nicht in Urlaub ist und wenn ihm etwas passiert ist, dann kann es dafür tausend Ursachen geben. Vielleicht hat ihn irgendwer genügend verabscheut, um ihn verletzen oder ihn sogar umbringen zu wollen. Vielleicht war er irgendwem Geld schuldig, vielleicht hatte er eine Beziehung und ging fremd, wann immer er konnte ... Möchtest du noch weitere Beispiele?«

»Danke, ist nicht nötig. Ich bin auch nicht erst seit gestern in dieser Branche tätig.«

Bixe sah den Rücken von Janne Rings teurem Mantel als dunkle Silhouette vor der Dielentür. Vielleicht hatte dieser Jonas Sjögren ja auch so ausgesehen, als er zum letzten Mal in seiner Diele gestanden hatte. Sie ging ins Schlafzimmer, warf einen raschen Blick zum Bett hinüber. Wann mochte er zuletzt dort geschlafen haben? War er morgens aufgestanden, hatte das Bett gemacht und war dann aufgebrochen?

Sie entdeckte einen kleinen Zeitungskorb aus rotem Kunststoff, der neben dem Bett stand. Sie bückte sich und hob die drei Tageszeitungen hoch, die dort lagen. Mittwoch, Donnerstag, Freitag, der Johannistag. Er hatte also im Bett gelegen – oder vielleicht auf dem Stuhl vor dem Küchentisch gesessen – und Zeitung gelesen. Damit war klar, dass er zumindest am Johannistag noch zu Hause gewesen war.

Ring stand hinter ihr, als Bixe sich auf den Schreibtischstuhl setzte. Es war ein billiges Modell und nicht so schön wie die, die sie auf der Wache hatten, aber für Leute, die nicht daraufsaßen, doch bequem genug. Jonas Sjögren war offenbar ziemlich groß, denn sie konnte mit Mühe und Not den Fußboden erreichen.

»Was sagst du?«, fragte sie. »Fangen wir an?«

Sie zog die oberste Schreibtischschublade heraus. Die war leer, bis auf einige Gummibänder, Büroklammern und eine halbe Packung Kondome.

»Hat also nicht im Zölibat gelebt«, murmelte Bixe und schob die Schublade wieder zu.

»Warum hätte er das tun sollen?«, fragte Ring.

»Keine Ahnung, ich hab nur gesagt, dass er es nicht getan hat.«

Sie öffnete auch die nächste und die übernächste Schublade, immer mit demselben mageren Ergebnis. Nichts, außer Bleistiften und einigen leeren Terminkalendern, die vermutlich für seinen Salon bestimmt gewesen waren.

»Er muss doch auch persönliche Papiere gehabt haben«, sagte Bixe verärgert und schaute sich im Zimmer um. »Der Kleiderschrank, was liegt denn darin?«

»Nur Kleider. Da haben wir doch eben erst nachgesehen.«

»Schau noch mal genauer nach.«

»Das ist nicht nötig, da bin ich mir sicher.«

Sie gingen weiter ins Wohnzimmer, gingen dort Regale und Schränke durch und fanden alte Fotoalben, weitere leere Terminkalender, ein Diplom von der Friseurschule. In einem Fach unten im Bücherregal lagen endlose Mengen von Ziergegenständen neben Tischdecken, Kerzen und Zündhölzern.

»Meine Güte«, rief Bixe. »Hat der Kerl denn wirklich nicht ein einziges persönliches Blatt Papier? Ein Adressbuch, einen Kalender, Briefe? Oder wo hat er das alles versteckt?«

»Wollen wir mal in der Küche nachsehen? Übrigens, belesen scheint er jedenfalls gewesen zu sein.«

»Wie das?«

»Hier im Bücherregal steht doch nur so was wie Proust und Tolstoi. Und noch andere komische Namen, die mir nichts sagen. Beschäftigen sich Friseure denn mit so was?«

»Was sind denn das für Vorurteile?«, fragte Bixe. »Von denen solltest du dich aber schleunigst befreien.«

»Das liegt an meiner Erziehung«, sagte Ring. »Ich kann nichts dafür.«

»Blöde Ausrede.«

Ring stand schon in der Küche und öffnete eine Schublade. Sie enthielt eine ganze Besteckgarnitur, blank und scharf. »Jede Menge Mordwaffen«, sagte Ring und schloss die Schublade mit einem Knall.

Bixe ging einen Papierstapel durch, der auf einer Küchenbank lag. Stromrechnung, Miete, Telefon. Nichts Außergewöhnliches.

Am Ende blieben sie in der Tür stehen, leicht entmutigt, ob das nun an den mangelnden Ergebnissen lag oder an der stickigen Luft, dem Staubgeruch und den vertrockneten Topfblumen.

»Dann können wir ja wohl wieder, oder was meinst du, Eva-Britt?«

Bixe nickte, zog ihren Mantel fester um sich zusammen und wollte schon gehen. »Moment noch«, murmelte sie dann. »Nur noch einen Blick.« Worauf sie diesen Blick werfen wollte, wusste sie nicht, vielleicht wollte sie etwas einfangen, das ihr entglitten war, ein Gefühl, eine Stimmung. Wie hatte Sjögren gelebt? Allein? Oder hatte er ein Dasein voller Bekannter und Freunde geführt? Sie musterte das große, von dünnen, gelbgestreiften Vorhängen eingerahmte Fenster. Ein bleiches Nachmittagslicht floss über den Boden. Sie wäre sich in dieser Wohnung unendlich einsam vorgekommen, da war sie sich sicher. Ein kurzer Gedanke galt Erik Sander, seiner Wohnung auf der anderen Straßenseite. Sie hätte gern gewusst, welches seine Fenster waren. In Sjögrens Wohnung herrschte eine düstere Stimmung, trotz der peinlichen Ordnung. Oder vielleicht, wenn sie sich das genauer überlegte, auch gerade deshalb.

Sie wollte schon kehrtmachen und in die Diele zurückgehen, als ihr Blick auf etwas fiel. Auf einem kleinen Tisch, dicht neben der Tür, stand ein schwarzes Telefon. Und unter diesem Telefon leuchtete etwas; etwas, das aussah wie ein Stück Papier. Bixe ging hin und hob den Apparat hoch. Darunter lag ein dünnes Notizheft. Sie schlug es auf und sah auf der ersten Seite Namen und Telefonnummern. Sie blätterte um und fand noch weitere.

»Eva-Britt!«

Sie hörte Rings Stimme aus der dunklen Diele.

»Das muss er doch sein, oder?«

Mit langsamen Schritten ging sie zu ihrem Kollegen hinaus. Sie hatte gefunden, was sie gesucht hatte.

Ring zeigte auf ein goldgerahmtes Portrait, das neben einem ovalen Spiegel an der Wand hing.

»Ist er das wirklich? Aus welchem Grund sollte man sein eigenes Bild neben den Spiegel hängen?«, fragte Bixe.

Ring zuckte mit den Schultern. »Um zu sehen, wie die Jahre vergehen?«

»Ein Mann wird doch mit den Jahren nur attraktiver, oder?« Ihr Blick blieb an dem Portrait haften. Es war das Farbbild eines Mannes von Mitte dreißig, mit sonnenbrauner Haut und tiefen Lachgrübchen in den Wangen. Dunkle, dichte Locken, die sich in der Stirn ein wenig kräuselten. Eine ungebärdige Locke, die er bestimmt so haben wollte, er war ja schließlich Friseur. Auch um die Augen, die schmal und leicht geschlossen waren, waren Fältchen zu sehen, aber die entstammten einem Lächeln, das genau die richtige Balance zwischen Heiterkeit und Ernst hielt. Kurz gesagt, das Foto zeigte einen charmanten, attraktiven Mann.

»Schade um so einen Typen«, sagte Eva-Britt Bixe und streifte sich die Tasche über die Schulter.

Ring sah sie an, als habe sie in der Kirche laut geflucht oder noch Schlimmeres angestellt. Aber sie musste einfach einen blöden Spruch bringen, das unangenehme Gefühl abschütteln, die vage Angst verdrängen, die sich eingestellt hatte, als sie dem Blick eines Mannes begegnet war, der als verschwunden oder sogar als ermordet galt.

»Schade um so einen feschen Typen«, sagte sie noch einmal lauter.

Der Blick, der sie anzuflehen schien, noch immer mit diesem gespenstischen Zug. Das Lächeln, das sich in einen Rettungsschrei verwandelte. Und vielleicht war es ja schon zu spät.

Ring knurrte. Das war wohl seine Art, sich von unangenehmen Gefühlen zu befreien.

»Von solchen Männern gibt es nicht gerade viele«, sagte Bixe, worauf Ring noch einmal knurrte und dann die Tür öffnete. »Ja, und wenn schon ein Mann zu Schaden kommen muss, warum denn dann so ein Leckerbissen?«

»Vielleicht gerade deshalb«, sagte Ring.

»Das verstehe ich jetzt nicht.«

»Du hast doch selbst schon Eifersucht und solche Dinge erwähnt. Vielleicht war er ein Charmeur, der Frauen an der Nase herumgeführt hat.«

»Das wissen wir nicht«, sagte Bixe. »Aber jedenfalls habe ich das hier gefunden.« Sie hob das schwarze Notizheft hoch. »Eine Telefonliste«, fügte sie zur Erklärung hinzu.

Schweigend gingen sie hinaus ins Treppenhaus. Es roch nach Essen, aber das tat es in großen Treppenhäusern ja immer. Als sie losgingen, öffnete sich die Tür der Wohnung gegenüber. Ein Kopf schaute heraus, eine wilde, blondierte Mähne. Es war eine ältere Frau, deren dünne, runzlige Finger sich am Türrahmen festhielten. Sie trug einen knallrosa Pullover.

Sie nickten der Dame kurz zu, dann gingen sie weiter. Die Frau blieb stehen und musterte sie schweigend, während sie die Treppe hinunterstiegen. Erst dann schloss sie leise die Tür. Bixe sah ihren Kollegen an. Offenbar dachten beide dasselbe. Er schüttelte den Kopf, dann gingen sie zur nächsten Treppe weiter.

Als Henrietta das Möbelhaus verließ, rissen die Wolken plötzlich einen Spaltbreit auf. Sie schob den wackelnden Wagen vor sich her über den Asphalt, der Schreibtisch war in einen flachen hin und her rutschenden Karton gepackt. Der Transport wurde durchaus nicht dadurch erleichtert, dass die beiden Jungen johlend hinter ihr herrannten. Die Sonne flammte auf, grell und funkelnd in den Pfützen auf dem Parkplatz. Henrietta Sanders Augen brannten, sie war geblendet – und fuhr prompt mit ihrem Wagen gegen eine offene Autotür. Das dazugehörige Auto stand direkt neben ihrem eigenen. Sie hatte es einfach nicht gesehen, und das mit der Sonne war wirklich ein Glück, da konnte sie doch immerhin eine Entschuldigung anführen.

Denn eigentlich war ihre Wut die Ursache dieses Zusammenstoßes gewesen. An diesem Vormittag schien ihr Ärger ihre Blicke zu verdunkeln – und sie war den ganzen Morgen hindurch sauer gewesen. Vielleicht war sie deshalb so früh aufgebrochen. Sie hatte ganz einfach die Kinder mit ins Möbelhaus genommen, um dort den versprochenen Schreibtisch auszusuchen. Anton war eine Woche zuvor sechs geworden, und da beide Jungen einen Platz brauchten, an dem sie in Ruhe zeichnen konnten, war das doch das passende Geschenk. Zwar hatte nur einer von den beiden Geburtstag gehabt, aber wenn der eine etwas bekam, bekam der andere auch immer etwas. Das war besser so, wenn man Frieden im Haus haben wollte.

Sie war also in Gedanken versunken, als sie plötzlich nicht mehr weiterkam. Zu ihrem Entsetzen sah sie, was sie angerichtet hatte.

»Ach, bitte, verzeihen Sie. Ich hoffe, das gibt keine Beule?«

Sie bückte sich, schob sich mit einer Hand die Haare aus der Stirn und versuchte nachzusehen, ob der Zusammenstoß Spuren hinterlassen hatte. Zu ihrem Entsetzen entdeckte sie in dem glänzenden Lack einen breiten Kratzer.

Sie war überrascht, als sie dicht neben sich eine freundliche Männerstimme hörte.

»Bestimmt hat die Sonne Sie geblendet«, sagte der Mann lachend. »Das macht doch nichts, das verspreche ich Ihnen. Wenn man tagelang nur Regen sieht, dann ist es doch klar, dass man geblendet wird. Und dieser Kratzer war schon vorher da. Sie können also ganz beruhigt sein. Übrigens war es mein Fehler, ich habe viel zu schnell die Tür aufgemacht.«

Der Mann war nicht gerade groß, machte aber einen kräftigen Eindruck. Er war sonnengebräunt, trug Jeans und einen blauen Pullover, der Farbflecken aufwies. Wahrscheinlich hatte er sich hier Material für etwas gekauft, was er bauen oder anstreichen wollte.

»Ich bitte jedenfalls um Verzeihung für den Zusammenstoß«, sagte sie und hob ihren Karton hoch, um ihn auf irgendeine Weise in den Kofferraum zu laden.

Auf irgendeine Weise, ja. Daran hatte sie überhaupt nicht gedacht. Ehe sie von zu Hause weggefahren war, hatte sie zwar die halbe Rückbank heruntergeklappt, jetzt ging ihr jedoch auf, dass sie dieses große Paket unmöglich dort unterbringen konnte. Sie blieb stehen, wischte sich den Schweiß von der Stirn und merkte, dass die Sonne wieder hinter den Wolken verschwand. Es war jetzt wieder so dunkel wie zuvor. Sie schaute zum Himmel hoch, als hoffe sie, dort oben eine Lösung dafür zu finden, wie sie etwas nach Hause schaffen könnte, das viel größer war als ihr Kofferraum.

»Jungs«, sagte sie. »Wir müssen wohl zurückgehen und die Leute im Laden bitten, das zu uns nach Hause zu bringen.«

»Wann kriegen wir es denn dann?«, fragte Anton und hörte sofort auf, an seinem grünen Eis zu lecken.

»Das weiß ich nicht, Liebling. Am Montag vielleicht, wenn wir Glück haben.«

»Wann ist denn Montag?«, fragte Fabian.

»Nicht morgen, aber am Tag danach.«

»Am Tag danach!« Das stieß Fabian hervor, als hätte Henrietta ihn persönlich beleidigt.

»Heute ist Samstag, da bringen sie sicher nichts«, erklärte sie, und klang dabei gereizter, als sie das eigentlich vorgehabt hatte.

Sie fühlte sich gestresst und verspürte gleich wieder den unangenehmen Metallgeschmack auf der Zunge, der sich dann jedesmal einstellte. Am liebsten hätte sie das alles ungeschehen gemacht, wäre nach Hause gefahren und hätte alles verdrängt. Sie war nicht in der richtigen Verfassung für so einen Ausflug, sonst hätte sie wohl auch rechtzeitig eingesehen, dass ein Elefant in einem kleinen Peugeot nun einmal nicht genug Platz hat. Wie idiotisch das alles war!

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