Kitabı oxu: «Die katholische Kirche im Pressediskurs»

Şrift:

Marianne Franz

Die katholische Kirche im Pressediskurs

Eine medienlinguistische Untersuchung österreichischer und französischer Tageszeitungen

A. Francke Verlag Tübingen


© 2016 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG

Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen

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E-Book-Produktion: pagina GmbH, Tübingen

ePub-ISBN 978-3-8233-9025-1

Inhalt

  Vorwort(e)

 1 Einleitung1.1 Forschungsobjekt1.2 Hypothesen(1) Einfluss der Nachrichtenfaktoren sowie der Welt- und Wertvorstellungen(2) Themenselektion(3) Inhaltliche Darstellung(4) Redaktionelle Besonderheiten(5) Länderspezifische Besonderheiten (Vergleich Österreich – Frankreich)1.3 Untersuchungsdesign1.4 Aufbau der Arbeit

  2–6 Wissenschaftliche Grundlagen

 2 Medien- und Kommunikationswissenschaft2.1 Medien aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht2.2 Massenkommunikation2.3 Kommunikatorforschung2.3.1 Nachrichtenwerttheorie2.3.2 Verwandte Ansätze: Gatekeeping, News-Bias, Agenda-Setting, Framing2.4 Medieninhaltsforschung2.4.1 Medieninhalte oder: Gibt es objektive Berichterstattung?2.4.2 Inhaltsanalyse2.5 Zusammenfassung

 3 Medienlinguistik3.1 Die Sprache(n) der Medien3.1.1 Mediale Kommunikationsbedingungen3.1.2 Besonderheiten der Pressesprache3.2 Sprache-Bild-Texte3.2.1 Was ist ein Medien-Text?3.2.2 Bildsorte „Zeitungsbild“3.2.3 Sprache-Bild-Bezüge3.2.4 Funktionen von Zeitungsbildern3.3 Zusammenfassung

 4 Textlinguistik4.1 Merkmale der Pressetextsorten4.1.1 Informationsbetonte Pressetextsorten4.1.2 Meinungsbetonte Pressetextsorten4.1.3 Pressetextsorten mit informations- und meinungsbetonten Elementen4.2 Aktuelle Tendenzen der Pressetextsorten-Entwicklung4.3 Zusammenfassung

  5 Diskurslinguistik 5.1 Diskurstheorie nach Foucault 5.2 Diskursanalysen in der Linguistik 5.3 Kritische Diskursanalyse nach Jäger 5.4 Zusammenfassung

 6 (Pragmatische) Semantik6.1 Typen und Mittel der Bewertung mit Sprache6.1.1 Bewertungstypen: Explizite und implizite Bewertungshandlungen6.1.2 Sprachliche Bewertungsmittel6.2 Zusammenfassung

  7–8 Gesellschaftspolitischer Kontext

  7 Katholische Kirche und Staat 7.1 Das österreichische Kooperationssystem 7.2 Die französische Laizität 7.3 Zusammenfassung

 8 Katholische Kirche und Medien8.1 Österreich8.1.1 Beziehung(-sproblem) „Kirche, Medien und Staat“8.1.2 Medienberichterstattung über die Kirche8.2 Frankreich8.2.1 Beziehung(-sproblem) „Kirche, Medien und Laizität“8.2.2 Medienberichterstattung über die Kirche8.3 JournalistInnen im Interview zur Beziehung „Kirche, Medien und Staat“8.3.1 Österreichische Journalisten8.3.2 Französische JournalistInnen8.4 Zusammenfassung

  9–10 Presselandschaften

 9 Die Presse in Österreich und in Frankreich9.1 Die Presse in Österreich9.1.1 Journalismus auf Österreichisch9.2 Die Presse in Frankreich9.2.1 Journalismus „à la française“9.3 Zusammenfassung

 10 Porträt der untersuchten Tageszeitungen10.1 Der Standard10.1.1 Daten und Fakten10.1.2 Leitlinie10.1.3 Der Standard und religiöse Berichterstattung10.2 Die Presse10.2.1 Daten und Fakten10.2.2 Leitlinie10.2.3 Die Presse und religiöse Berichterstattung10.3 Kronen Zeitung10.3.1 Daten und Fakten10.3.2 Leitlinie10.3.3 Kronen Zeitung und religiöse Berichterstattung10.4 Aujourd’hui en France10.4.1 Daten und Fakten10.4.2 Leitlinie10.4.3 Aujourd’hui en France und religiöse Berichterstattung10.5 Le Figaro10.5.1 Daten und Fakten10.5.2 Leitlinie10.5.3 Le Figaro und religiöse Berichterstattung10.6 Le Monde10.6.1 Daten und Fakten10.6.2 Leitlinie10.6.3 Le Monde und religiöse Berichterstattung10.7 Zusammenfassung

  11–13 Katholische Kirche im Pressediskurs: Textanalyse

 11 Inhaltsanalyse11.1 Korpus11.2 Methode11.3 Auswertung11.3.1 Umfang der Berichterstattung11.3.2 Themenfrequenz11.3.3 Distribution der Nachrichtenfaktoren11.4 Zusammenfassung

 12 Bildanalyse12.1 Korpus12.2 Methode12.3 Auswertung12.3.1 Formale Bildmerkmale12.3.2 Pragmasemantische Bildmerkmale12.3.3 Semantische Sprache-Bild-Bezüge

 13 Diskursanalyse13.1 Korpus13.2 Methode13.3 Auswertung13.3.1 Bewertungen in informations- und in meinungsbetonten Pressetextsorten13.3.2 Sprachliche Bewertungsmittel in informationsbetonten Pressetextsorten13.3.3 Sprachliche Bewertungsmittel in meinungsbetonten Pressetextsorten13.3.4 Verhältnis positiver und negativer Bewertung von Kirche13.3.5 Ideologiebezogene Bezeichnungsfelder im Pressediskurs über die Kirche13.3.6 Inhaltlich-ideologisches Bild der Kirche im Pressediskurs

  14 Zusammenfassung (1) Einfluss der Nachrichtenfaktoren sowie der Welt- und Wertvorstellungen (2) Themenselektion (3) Inhaltliche Darstellung (4) Redaktionelle Besonderheiten (5) Länderspezifische Besonderheiten

  15 Résumé (1) Impact des éléments d’information ainsi que des conceptions du monde et des valeurs (2) Choix des thèmes traités (3) Représentation de fond (4) Des particularités rédactionnelles (5) Spécificités nationales

 16 Anhang16.1 Codebuch Inhaltsanalyse16.1.1 Umfang der Berichterstattung16.1.2 Themenfrequenz16.1.3 Nachrichtenfaktoren16.2 Ergebnisdaten Inhaltsanalyse16.2.1 Umfang der Berichterstattung16.2.2 Themenfrequenz16.2.3 Distribution der Nachrichtenfaktoren16.3 Codebuch Bildanalyse16.3.1 Formale Bildmerkmale16.3.2 Pragmasemantische Bildmerkmale16.3.3 Semantische Sprache-Bild-Bezüge16.4 Korpus Diskursanalyse16.4.1 Der Standard16.4.2 Die Presse16.4.3 Kronen Zeitung16.4.4 Aujourd’hui en France16.4.5 Le Figaro16.4.6 Le Monde

  Abbildungen

  Tabellen

 LiteraturQuellenForschungsliteraturSoftware

  Stichwortverzeichnis

  Sachregister

Vorwort(e)

Der erste Satz meiner Dissertation fällt mir leicht; er soll all denen gewidmet sein, ohne die diese Arbeit kein Ende gefunden hätte: Ich danke den vielen Händen, die mich durch die folgenden Seiten getragen, getröstet, gezogen, gestoßen oder einen Beitrag anderer Art geleistet haben.

Danke, Ao. Univ.-Prof. Dr. Lorelies Ortner (Universität Innsbruck), für die tolle Betreuung, für deine Menschlichkeit, deine Nachsicht, für den Druck, den du im rechten Moment ausübst, für deine motivierenden Rückmeldungen, für deine wertvollen Anmerkungen, für die Zeit, die du immer für mich hattest.

Danke, Prof. Jean-Pierre Goudaillier (Université Paris Descartes), für die Betreuung, für die gute Unterstützung während meines sechsmonatigen Studienaufenhalts in Paris (September 2009–März 2010) und für das Ermöglichen der Dissertation als eine „thèse en co-tutelle“. Dieses von Frankreich ausgehende Mobilitätsprogramm für DissertantInnen impliziert eine Doppelinskription an der Universität Innsbruck und an der Université Paris Descartes und gewährt bei positivem Abschluss des Doktoratsstudiums die Anerkennung des Doktorats an beiden Universitäten. Die Inskription an der Pariser Universität erleichterte mir die unverzichtbare Recherchearbeit für den französischen Teil der Dissertation (Erstellung der französischen Korpora, Interviews mit französischen JournalistInnen, Literaturrecherchen).

Danke an das Vizerektorat für Forschung der Universität Innsbruck, das mir durch ein im Studienjahr 2009/2010 gewährtes Doktoratsstipendium aus der Nachwuchsförderung diesen Paris-Aufenthalt finanziell ermöglichte.

Danke an die JournalistInnen der österreichischen und der französischen Tageszeitungen, die sich für Interviews zur Verfügung gestellt haben: Philippe Baverel und Jacques Lallain (Aujourd’hui en France), Jean-Marie Guénois und Georges Potriquet (Le Figaro), Dieter Kindermann (Kronen Zeitung), Stéphanie Le Bars und Jean-Pierre Giovenco (Le Monde), Dietmar Neuwirth (Die Presse) und schließlich Markus Rohrhofer (Der Standard).

Danke für alles, Bernhard, du hast wohl am meisten an diesem Werk mitgetragen, warst sehr geduldig, hast mich oft angetrieben, mich ermutigt, mir das alles zugetraut.

Danke an meine Eltern und Geschwister und an meine Freunde, die meine Hochs und Tiefs und alles dazwischen ertragen haben.

Danke an meine Korrekturleserinnen Claudia und Gudrun.

Danke an meinen franko- und anglophonen Beistand, Ingrid, Julien und Ulla.

Danke an das Leben, das mich auch auf das Thema der Dissertation gebracht hat. Das Untersuchungsobjekt und die Untersuchungsperspektive sind kein Zufall. Ich vereine darin meine drei Studienrichtungen (Germanistik, Französisch, katholische Theologie) und damit auch viele meiner Interessen: die Liebe zu den Sprachen, zu Frankreich, zu Österreich, mein Interesse für die Theologie und die Kirche und vor allem für das Phänomen der Massenmedien mit ihrer ambivalenten Macht.

Innsbruck, Dezember 2012 Marianne Franz

Rund dreieinhalb Jahre nach der Defensio meiner Dissertation im Jänner 2013, einen zweieinhalb Jahre alten Sonnenschein und Prachtkerl von Sohn sowie ein jetzt schon wunderbar lebhaftes, demnächst anmarschierendes Geschwisterchen später erscheint nun dieses Werk in leicht gekürzter und überarbeiteter Fassung. Dem wilden Leben, dem ich oben schon gedankt habe, ist es zuzuschreiben, dass die der Arbeit zugrunde liegende Literatur großteils weiterhin auf Stand 2012 zu bleiben hat. Zuletzt füge ich den obigen, heute nicht weniger gültigen Dankesworten noch sehr gerne einige weitere hinzu:

Danke an die HerausgeberInnen der Reihe, insbesondere an Prof. Dr. Kirsten Adamzik, für die Aufnahme meiner Arbeit in die „Europäischen Studien zur Textlinguistik“ und für die vielen wertvollen Anregungen im Rahmen der Drucklegung.

Danke an die Österreichische Forschungsgemeinschaft, an die Diözese Innsbruck und ihren ehemaligen Bischof Dr. Manfred Scheuer sowie auch an das Institut für Germanistik der Universität Innsbruck für die großzügige finanzielle Unterstützung des Drucks.

Innsbruck, August 2016 Marianne Franz

1 Einleitung

Abb. 1:

Französische Karikatur zum Beziehungsproblem „Kirche und Medien“ (Quelle: Guézou 2009: 3)


Deutsche Übersetzung:
Bischof:„Was die Aufhebung der Exkommunikation von Bischof Williamson betrifft, Gott präserviere uns vor jeglichem voreiligen Urteil!…“
JournalistInnen:„Präserv… …atif!! Es ist soweit! Er hat es gesagt!“ – „Wie furchtbar!“
Bischof:„Um deutlich zu sein, ja, aber nein …, aber gut. Naja, je nachdem.“
Bildunterschrift:

Den Ausgangspunkt dieser Dissertation bildet eine Beobachtung, die wohl auch der KarikaturKarikatur in Abb. 1 zugrunde liegt: ein dem Anschein nach vorhandenes Beziehungsproblem zwischen der katholischen Kirche und den öffentlichen Medien.2

Tatsächlich muss man kein Experte sein, um zu erkennen, dass das Verhältnis zwischen Kirche und Medien nicht ausschließlich freundschaftlich ist. Kirchenmitglieder klagen immer wieder über die Medienmaschinerie und ihre Vorliebe für Skandale und Negativschlagzeilen. Die Kirche werde schlechter dargestellt, als sie sei, die positiven Aspekte würden ignoriert. Die Kirche fühlt sich (manchmal mit Absicht) missverstanden. Mitunter werden sogar Verschwörungstheorien ins Spiel gebracht, die Medien wollten die Kirche schädigen. Umgekehrt beschweren sich MedienvertreterInnen über die mangelnde kirchliche Kommunikationskompetenz. In der KarikaturKarikatur lässt sich das an der verwickelten Sprechblase erkennen. Der Bischof wirkt unbeholfen und weiß nicht so recht, was er sagen soll. Den Konflikt auf den Punkt bringen die Fotoapparate der JournalistInnen, aus denen offensichtlich Geschosse fliegen.

Befinden sich Kirche und Medien im Krieg? Was ist dran an diesem angeblichen Missverhältnis zwischen den beiden? Wie schreiben die Medien wirklich über die Kirche? Gibt es hier im internationalen Vergleich Unterschiede? Auf diese Fragen auf wissenschaftliche Art und Weise Antworten zu finden, ist das Ziel dieser Arbeit. Das Werkzeug dazu liefern allen voran die Linguistik, aber auch einige andere Forschungsdisziplinen wie die Medien- und Kommunikationswissenschaft, aus denen geschöpft wird.

Die Beforschung der medialen Berichterstattung ist kein Neuland, sondern hat Tradition. Neu ist das Thema, mit dem sich die vorliegende Arbeit auseinandersetzt. In einer durchaus säkularen Gesellschaft drängt sich die Frage auf, warum man sich mit dem medialen Bild einer Organisation befasst, deren Mitgliederzahlen ohnehin rückläufig sind und deren Untergang sich für manche schon abzuzeichnen scheint. Dass die Kirche aber immer noch eine gesellschaftliche Größe von nicht unbeträchtlicher Relevanz ist, spiegelt sich auch in ihrer unvermutet starken medialen Präsenz wider. Michael Fleischhacker, Chefredakteur der Presse, zählt Kirchenberichterstattung nicht zuletzt zu den „großen journalistischen Herausforderungen“ und gesteht ihr „Kulturkampfpotenzial“ zu (Fleischhacker 2010). Er spielt wohl darauf an, dass die erwähnte gesellschaftspolitische Relevanz der katholischen Kirche nicht unumstritten ist, ebenso wie zahlreiche ihrer Positionen oder Handlungen. Dabei geht es weniger um religiöse Glaubensinhalte (die im öffentlichen DiskursDiskurs nur selten Platz haben), sondern vielmehr um die daraus resultierenden (moralischen) Werthaltungen und Weltanschauungen, die zum Stein des Anstoßes werden.

Nichtsdestoweniger wurde die Kirche bislang als Thema sowohl in der Linguistik als auch in der Medien- und KommunikationswissenschaftKommunikationswissenschaft weitgehend ignoriert. Dort konzentriert man sich vor allem auf die Analyse der Presse-Berichterstattung in Hinblick auf politische Themen (z.B. Ausländerfeindlichkeit in der Presse; ethnische Minderheiten, Kernenergie, die EU-Erweiterung, politische Parteien im Vorlauf diverser Wahlen usw.) (vgl. auch Abschnitt 8).

Dass Kirche Kulturkampfpotenzial hat, zeigte sich auch schon in der Geschichte Frankreichs (vgl. Abschnitt 7.2). Heute herrscht dort eine strikte Trennung zwischen Staat und Kirche; viel strikter, als es in Österreich der Fall ist (vgl. Abschnitt 7.1), wo Staat und Kirche in vielen Bereichen kooperieren. Gerade dieser Unterschied macht einen Vergleich dieser beiden Länder interessant. Es bleibt festzustellen, ob sich die unterschiedlichen Staat-Kirche-Systeme in der Berichterstattung der Medien widerspiegeln. Auch dieser länderübergreifende Vergleich bildet ein Novum, das aufschlussreiche Ergebnisse zu den soziokulturellen und sprachlichen Besonderheiten der beiden Länder verspricht.

Alle Medien zu untersuchen sprengt die Ressourcen einer einzelnen Dissertantin. So wurde das MediumMedium der Tageszeitung ausgewählt, das nicht nur ein verhältnismäßig leicht zu handhabender Untersuchungsgegenstand ist, sondern das sowohl in Österreich als auch in Frankreich ein sehr beliebtes Medium und insofern repräsentativ ist (vgl. Kapitel 9).

Im Folgenden werden das Forschungsobjekt, die der Untersuchung zugrunde liegenden Hypothesen, das Untersuchungsdesign und der Aufbau der vorliegenden Arbeit genauer erläutert.

1.1 Forschungsobjekt

Medien sind „Weltbildapparate“, so Winfried Schulz in Anlehnung an Konrad Lorenz, der mit dieser Bezeichnung den Einfluss des menschlichen Informationsverarbeitungssystems auf die Weltbild-Konstruktion hervorhob. Auch die Medien wählen – wie das menschliche Informationsverarbeitungssystem –

„aus der unendlichen Fülle von Zuständen und Vorgängen in der Welt einige wenige aus, unterziehen sie einem Verarbeitungsprozeß und entwerfen daraus ihr Weltbild. Dieses hat für die Gesellschaft einen ähnlich ‚objektiven‘, verbindlichen Charakter wie es die individuelle Weltwahrnehmung hat. So wie wir unseren Augen trauen, verlassen wir uns auch auf die Berichterstattung der Medien“ (Schulz 1997: 49; vgl. auch Abschnitt 2.3 Kommunikatorforschung).

Manchen Kirchenmitgliedern ist genau das ein Dorn im Auge. Sie sorgen sich, dass die Menschen, die die Kirche nur mehr aufgrund der Medienberichterstattung und nicht aufgrund ihrer persönlichen Erfahrungen mit der Kirche kennen, ein negatives Bild von Kirche vermittelt bekommen und dieses mediale Bild für real halten.Bewertung

Wissenschaftlich gesehen kann ein mediales Weltbild jedoch ohnehin „niemals ein Abbild der Wirklichkeit“ sein (Burkart 2002: 275). Nach konstruktivistischer Sicht ist die Wahrnehmung und Abbildung einer objektiven RealitätRealität, objektive nicht möglich, da die menschliche Informationsverarbeitung unweigerlich eine Reduktion dieser Realität mit sich bringt. Die Frage lautet also nicht „‚Wie (gut oder schlecht) bilden die Medien die Wirklichkeit ab?‘, sondern ‚Wie [re-]konstruieren die Medien die Wirklichkeit?‘“ (Burkart 2002: 274f.) (vgl. auch Abschnitt 2.4.1).

Die vorliegende Arbeit will dieser Frage auf den Grund gehen. Sie nimmt ein konkretes medial rekonstruiertes Weltbild genauer in Augenschein: das Bild der römisch-katholischen Kirche, wie es von den österreichischen und französischen Tageszeitungen geschaffen wird. Dazu werden Zeitungsartikel hinsichtlich der berichteten kirchlichen Themen sowie hinsichtlich ihrer inhaltlichen und sprachlichen Darstellung und der getätigten Bewertungen analysiert. Für die Untersuchung wurden je drei österreichische und französische Tageszeitungen mit nationaler Reichweite (je zwei QualitätszeitungenQualitätszeitung und eine BoulevardzeitungBoulevardzeitung) ausgewählt. In Österreich sind das Die Presse, Der Standard und die Kronen Zeitung; in Frankreich Le Figaro, Le Monde und Aujourd’hui en France. Berücksichtigt wurden informations- undPressetextsorten, informationsbetonte meinungsbetontePressetextsorten, meinungsbetonte TextsortenPressetextsorten, die die katholische Kirche zum Thema hatten und die Linie der jeweiligen Redaktion widerspiegelten.

Seit Beginn meiner Untersuchungen im Jahr 2008 riss die Berichterstattung über die Kirche nicht ab. Es mag dazwischen Zeiten gegeben haben, wo es ruhiger um die Kirche geworden ist, doch über weite Strecken war das Thema Kirche kontinuierlich präsent. Immer wieder tauchten neue Diskursereignisse auf, die eine Riesenwelle an medialer Berichterstattung auslösten; im Jahr 2009 waren es päpstliche Aussagen zum Kondom während seiner Afrikareise oder auch die aufgehobene Exkommunikation der Bischöfe der Piusbruderschaft (einer von ihnen leugnet annähernd zeitgleich den Holocaust); in Österreich folgten im Jahr 2010 der Skandal der zahlreichen aufgedeckten Fälle von Kindesmissbrauch innerhalb der österreichischen Kirche oder im Jahr 2011 der Aufruf zum Ungehorsam gegenüber der Kirchenleitung von der österreichischen Pfarrerinitative (ein Verein von österreichischen Pfarrern, der für die Reform der Kirche eintritt) – um nur einige Beispiele zu nennen. Es stellte sich bald heraus, dass es unmöglich war, alles abzudecken. Das Korpus musste stark eingeschränkt werden. Um dennoch allgemeine Aussagen treffen zu können, wurde nicht ein einzelnes diskursives EreignisDiskursives Ereignis (z.B. Kondomdebatte) untersucht, sondern die Berichterstattung über einen längeren Zeitraum verfolgt, indem eine StichprobeStichprobe (s. a. Künstliche Woche) der zwischen Jänner und Juni 2009 zum Thema „katholische Kirche“ erschienenen Artikel gezogen wurde. Insgesamt wurden 212 Artikel untersucht (Genaueres siehe Abschnitt 11.1, außerdem Abschnitte 12.1 und 13.1).

1.2 Hypothesen

Die Untersuchung ging von folgenden Hypothesen in Bezug auf die Beschaffenheit der Berichterstattung über die katholische Kirche aus:

(1) Einfluss der NachrichtenfaktorenNachrichtenfaktoren sowie der Welt- und WertvorstellungenWelt- und Wertvorstellungen

Die Konstruktion der MedienrealitätMedienwirklichkeitMedienrealitätMedienwirklichkeit „Kirche“ vollzieht sich einerseits unter dem Einfluss der NachrichtenfaktorenNachrichtenfaktoren (d.h. der Eigenschaften eines Ereignisses, die darüber bestimmen, ob es in die Berichterstattung Eingang findet oder nicht, z.B. Prominenz der beteiligten Personen, räumliche Nähe des Ereignisses zu den LeserInnen, Dramatik usw.), andererseits unter dem Einfluss der Welt- und Wertvorstellungen der jeweiligen RedakteurInnen.

(2) ThemenselektionThemenselektion

Die NachrichtenfaktorenNachrichtenfaktoren und die Welt- und WertvorstellungenWelt- und Wertvorstellungen der jeweiligen RedakteurInnen wirken sich auf die Themensteuerung aus. Die Tageszeitungen berichten einseitig über die Kirche. Das Verhältnis der Bandbreite kirchlichen Geschehens in der Realität zu den in den Tageszeitungen wiedergegebenen Geschehnissen stimmt nicht überein. Im Detail bedeutet dies:

 Die Berichterstattung ist auf „heiße Eisen“ fokussiert. Dazu gehören nach Bauer (vgl. 1997: 5f.) inner- und außerkirchlich heiß diskutierte Themen wie die Sexualmoral der Kirche, in diesem Zusammenhang auch Geburtenregelung, Schwangerschaftsabbruch, Homosexualität und Zölibat; weiters das Verhältnis zwischen den Religionen (Juden und Christen bzw. Muslime und Christen) sowie das Verhältnis zwischen den Konfessionen (Ökumene), Kirchenbeitrag oder auch der Primat des Papstes.

 Über bestimmte kirchliche Tätigkeitsfelder wird kaum berichtet (z.B. Tätigkeiten im sozialen Bereich).

 Über bestimmte kirchliche Tätigkeitsfelder wird nicht berichtet (z.B. Tätigkeiten im pastoralen Bereich, beispielsweise in den Pfarrgemeinden).

(3) Inhaltliche Darstellung

Ebenso beeinflussen die NachrichtenfaktorenNachrichtenfaktoren und die Welt- und WertvorstellungenWelt- und Wertvorstellungen der RedakteurInnen die inhaltliche Darstellung der behandelten Themen. Diese zeigt sich in der Wahl der sprachstrukturellen Elemente sowie in den transportierten explizitenBewertung, explizite und implizitenBewertung, implizite Wertungen. Im Detail bedeutet dies:

 In dieser teils unbewusst teils bewusst geschaffenen bzw. rekonstruierten MedienwirklichkeitMedienwirklichkeit wird die Kirche tendenziell negativ dargestellt bzw. bewertet.

 Wertungen sind nicht nur in den meinungsbetontenPressetextsorten, meinungsbetonte TextsortenPressetextsorten, sondern auch in den informationsbetontenPressetextsorten, informationsbetonte Textsorten enthalten, die ObjektivitätObjektivitätBerichterstattung, objektiveRealität, objektive für sich beanspruchen.

(4) Redaktionelle Besonderheiten

Aufgrund der spezifischen Welt- und WertvorstellungenWelt- und Wertvorstellungen der einzelnen RedakteurInnen bzw. Redaktionen wird davon ausgegangen, dass die Berichterstattungen der einzelnen Tageszeitungen zum Teil Parallelen, zum Teil aber auch Unterschiede aufweisen. Dies betrifft sowohl Themenstrukturen als auch Sprache und Inhalt der Artikel und damit die enthaltenen Bewertungen.

(5) Länderspezifische Besonderheiten (Vergleich Österreich – Frankreich)

Die Berichterstattung über die römisch-katholische Kirche in Frankreich weist inhaltliche und sprachliche Unterschiede zur Berichterstattung in Österreich auf, was auf die strikte Trennung von Staat und Kirche in Frankreich (Stichwort LaizitätLaizität) zurückzuführen ist. Im Detail bedeutet dies:

 Kirchlichen Themen wird in französischen Tageszeitungen weniger Raum beigemessen als in österreichischen Tageszeitungen. Zahl und Länge der abgedruckten Artikel sind geringer.

 Das Verhältnis negativer und positiver Meldungen in Bezug auf die Kirche fällt noch stärker zugunsten negativer Nachrichten aus als in Österreich. Die Berichterstattung bezieht sich noch häufiger auf so genannte „heiße Eisen“. Einige Tätigkeitsbereiche der Kirche werden noch weniger berücksichtigt.

 Wird Kritik an der Kirche geübt, fällt diese offener und schärfer aus. Es gibt gehäuft explizite Wertungen, negative Wertungen treten öfter auf als in Österreich.

 In den französischen Tageszeitungen gibt es keine spirituellen Angebote, wie es in österreichischen Tageszeitungen vereinzelt der Fall ist (z.B. „Bimail“ – Bibelworte als spirituelle Anregung zum Weiterdenken in der Wochenendausgabe der Tageszeitung Die Presse).

1.3 UntersuchungsdesignKommunikationswissenschaft

Der Ansatz der Dissertation ist ein linguistischer. Ein derart komplexes Thema erfordert jedoch einen Blick über den Tellerrand und somit ein interdisziplinäres Untersuchungsdesign, das abseits verschiedener linguistischer Teildisziplinen (MedienlinguistikMedienlinguistik, TextlinguistikTextlinguistik, DiskurslinguistikDiskurslinguistik, SemantikSemantik, Pragmatik) auch aus der Forschungstradition der Medien- und Kommunikationswissenschaft schöpft (vgl. Kapitel 2–6 Wissenschaftliche Grundlagen). So weist die KommunikatorKommunikator- und Medieninhaltsforschung hinsichtlich der MedienwirklichkeitMedienwirklichkeit und ihrer Einflussfaktoren bereits zahlreiche Ergebnisse vor (NachrichtenwerttheorieNachrichtenwert, GatekeeperGatekeeping-Forschung usw.), auf denen hier aufgebaut werden kann.

Um die Hypothesen zu verifizieren und damit das mediale Bild der Kirche beschreiben zu können, wird auf verschiedene Methoden zurückgegriffen, die in den Abschnitten 2.4.2 und 11.2 (InhaltsanalyseInhaltsanalyse) sowie 12.2 (BildanalyseBildanalyse) und 5.3 und 13 (DiskursanalyseDiskursanalyse) erläutert werden.

Aufgrund des breit angelegten Untersuchungsdesigns kann die vorliegende Arbeit für den DiskursDiskurs mehrerer Wissenschaftsdisziplinen von Interesse sein, z.B.:

 Linguistik: Die auf Sprache fokussierte Analyse ist relevant für die linguistischen Teildisziplinen der MedienlinguistikMedienlinguistik (Sprache in den Medien), der SemantikSemantik (Wertungen), der Sprachkritik (kritischer Blick auf die Sprache) und auch der kontrastiven Linguistik (Vergleich zwischen Frankreich und Österreich).

 Medieninhalts- und Kommunikatorforschung: Indem der Inhalt dieser themenspezifischen Berichterstattung analysiert wird und die RedaktionslinienRedaktionslinie nachgezeichnet werden (und damit ihre Welt- und WertvorstellungenWelt- und Wertvorstellungen in Bezug auf das Thema katholische Kirche), leistet die Dissertation einen Beitrag zur Medieninhalts- und Kommunikatorforschung. Außerdem wird sich im Zuge der Analyse der Themenstruktur herausstellen, inwieweit die NachrichtenwerttheorieNachrichtenwert auch auf das Thema „Röm.-kath. Kirche“ zutrifft.

 MedienkritikMedienkritik bzw. Medienethik: Durch das Nachzeichnen des medial konstruierten Bildes der römisch-katholischen Kirche und das Aufdecken der Wertungen soll aufgezeigt werden, dass diese Berichterstattung keine neutrale ist. Die Frage stellt sich, inwiefern dies mit den Prinzipien einer objektiven BerichterstattungBerichterstattung, objektiveRealität, objektive vereinbar ist. In diesem Zusammenhang kann die Dissertation Medienkritiker ansprechen.

 Theologie: Nicht zuletzt kann diese Dissertation auch für die Religionswissenschaft im Allgemeinen und für die katholische Theologie im Konkreten interessant sein, da sie die Rezeption der römisch-katholischen Kirche in den Medien untersucht: Wie wird Kirche in der medialen Öffentlichkeit wahrgenommen?

1.4 Aufbau der Arbeit

Die Arbeit ist in vier große Kapitel untergliedert: Zunächst werden die wissenschaftlichen Grundlagen erläutert, auf denen die Untersuchung aufbaut (Kapitel 2–6): Medien- und Kommunikationswissenschaft (v.a. KommunikatorKommunikator- und Medieninhaltsforschung), MedienlinguistikMedienlinguistik, TextlinguistikTextlinguistik (in Hinblick auf die Pressetextsorten), DiskurslinguistikDiskurslinguistik, SemantikSemantik und Pragmatik.

Im zweiten Teil der Arbeit wird der gesellschaftspolitische Kontext Österreichs und Frankreichs erläutert (Kapitel 7–8): das Verhältnis zwischen Kirche und Staat sowie die Beziehung zwischen Kirche und Medien. Das Ziel dieses Abschnittes liegt darin, länderspezifische Eigenheiten herauszufiltern, die als Interpretationshintergrund für die Ergebnisse der empirischen Untersuchung dienen sollen.

Eine ähnliche Funktion erfüllt der dritte Abschnitt (Kapitel 9–10), der zunächst die österreichische und die französische Presselandschaft und ihre Besonderheiten beschreibt und in weiterer Folge die einzelnen untersuchten Tageszeitungen porträtiert. Hier gibt es bereits erste Ergebnisse in Hinblick auf die RedaktionslinienRedaktionslinie bzw. Positionen der Redaktionen zur katholischen Kirche, die auf von mir mit einigen JournalistInnen durchgeführte InterviewsInterview zurückgehen.

Das vierte Großkapitel umfasst die Darstellung der Ergebnisse der Textanalyse und damit die Verifizierung der dieser Arbeit zugrunde liegenden Hypothesen (Kapitel 11–13).

Die Arbeit schließt mit einem zusammenfassenden Überblick über die wichtigsten Befunde der Untersuchung (Kapitel 14), welcher auch ins Französische übersetzt ist (Kapitel 15).

Im Anhang befinden sich die Codebücher der Inhalts- und der BildanalyseBildanalyse, einige Ergebnisdaten sowie ein Teil des Korpus der DiskursanalyseDiskursanalyse (Kapitel 16).

In der Epoche des Gender-Mainstreamings ist an dieser Stelle zu erwähnen, dass die Autorin der vorliegenden Arbeit auf die bewusste Verwendung einer geschlechtergerechten Sprache großen Wert legt. Wenn an der einen oder anderen Stelle auf die weibliche oder die männliche Form verzichtet wurde, dann aus Gründen der Sprachökonomie und der Lesbarkeit bzw. um zu vermeiden, dass der Text allzu schwerfällig wirkt. Die Autorin nimmt sich diese Freiheit heraus, möchte jedoch betonen, dass in diesen Fällen stets beide Geschlechter gleichermaßen gemeint sind.

2–6 Wissenschaftliche Grundlagen

In den folgenden fünf Kapiteln werden die wissenschaftlichen Grundlagen erläutert, auf denen die vorliegende, interdisziplinär ausgerichtete Untersuchung aufbaut. In Kapitel 2 wird auf entsprechende Grundlagen der Medien- und Kommunikationswissenschaft eingegangen (v.a. KommunikatorKommunikator- und Medieninhaltsforschung). Kapitel 3 behandelt die Grundlagen der Medienlinguistik (etwa die Besonderheiten der Pressesprache oder die Stellung des Bildes in Medien-Texten)Medienlinguistik, Kapitel 4 die Grundlagen der TextlinguistikTextlinguistik (v.a. in Hinblick auf die untersuchten Pressetextsorten). Kapitel 5 beschreibt die diskurslinguistischen Grundlagen und Methoden, die für diese Arbeit relevant sind, und in KapitelDiskurslinguistik 6 werden die wichtigsten Erkenntnisse der SemantikSemantik und der Pragmatik in Bezug auf Typen und Mittel der Bewertung mit Sprache dargestellt.

2 Medien- und Kommunikationswissenschaft

Die vorliegende Arbeit schöpft aus der Forschungstradition der Medien- und Kommunikationswissenschaft. Das folgende Kapitel versucht diese Forschungsdisziplinen im bunten Fächerwald zu verorten und macht sich auf die Spuren relevanter Forschungsergebnisse.

Die Kommunikationswissenschaft versteht sich ursprünglich rein als empirische Sozialwissenschaft und hebt sich dadurch in Bezug auf ihre Ansätze und Methoden von der geisteswissenschaftlich geprägten, historisch-hermeneutischen Publizistikwissenschaft ab (vgl. Maletzke 1998: 22). Heute findet jedoch eine Vermischung dieser Wissenschaftsdisziplinen statt (vgl. Maletzke 1998: 24). Beck bezeichnet Kommunikationswissenschaft daher konsequent als interdisziplinäre Geistes- und Sozialwissenschaft,

„die sich als Humanwissenschaft mit dem Prozess menschlicher Verständigung, seinen Voraussetzungen, Rahmenbedingungen, Mitteln, Formen, Störungen und Folgen beschäftigt. […] Ziel der [Kommunikationswissenschaft] ist der systematische, theorie- und hypothesengeleitete sowie empirisch verfahrende Erwerb von Wissen über Kommunikation […]. […] Kommunikationswissenschaftler bedienen sich ebenso historischer, hermeneutisch-interpretativer und diskursanalytischer Methoden wie quantifizierender und qualitativer Methoden der empirischen Sozialforschung.“ (Beck 2006a: 134)

Im Zentrum des Interesses der Kommunikationswissenschaft steht die öffentliche, durch Medien vermittelte Kommunikation. Seit den 1990er Jahren und der vermehrten Auseinandersetzung mit der computervermittelten Kommunikation wendet man sich auch interpersonalen Kommunikationsprozessen bzw. der Verschränkung öffentlicher und nicht-öffentlicher Kommunikation zu (vgl. Beck 2006a: 134)

Die Fragestellungen der Kommunikationswissenschaft führen sie an ihre Fachgrenzen und betrafen schon früh zum Teil „Disziplinen wie Linguistik und Psychologie, Soziologie und Kulturanthropologie, Kybernetik, Politikwissenschaft usw.“ (Schmidt 2002: 60). Hier kommt die MedienwissenschaftMedienwissenschaft ins Spiel:

„Lange Zeit hat die Kommunikationswissenschaft die Medien allzu eng lediglich als technische Verbreitungsinstrumente betrachtet; um Medien in ihren vielfältigen Zusammenhängen mit anderen Phänomenen, etwa gesellschaftlicher, politischer, wirtschaftlicher, kultureller und ästhetischer Art, hat sie sich nur wenig gekümmert. Und eben um dieses Versäumnis wettzumachen, entstand die MedienwissenschaftMedienwissenschaft.“ (Maletzke 1998: 25)

Die Geburt der MedienwissenschaftMedienwissenschaft wird von den verschiedenen Forschern in den 1960er bzw. 1970er Jahren angesetzt, als ihre Geburtshelfer werden die Literaturwissenschaften (vor allem die Germanistik), die Theaterwissenschaft, die Volkskunde, die Kunstwissenschaft und andere geisteswissenschaftliche Fächer angeführt (vgl. z.B. Hickethier 2003: 6; Schmidt 2002: 54; Bentele 2006: 188; Faulstich 2002: 52f.). Heute sieht sich die Medienwissenschaft „wegen ihrer Herkunft […] als eine Text- und Kulturwissenschaft“ (Hickethier 2003: 6), doch ist sie mehr als das: Sie hat in den Jahrzehnten nach ihrer Etablierung starke sozialwissenschaftliche Einflüsse erfahren, allen voran seitens der Publizistik und der Kommunikationswissenschaft (vgl. Faulstich 1994, zitiert nach Schmidt 2002: 54).

Es ist daher nicht verwunderlich, dass Medien- und Kommikationswissenschaft gerne in einem Atemzug genannt werden.1 Ludes und Schütte schlagen schon 1997 vor, MedienwissenschaftMedienwissenschaft als eine Integrationswissenschaft zu sehen (zitiert nach Maletzke 1998: 27f.):

„Indem die MedienwissenschaftMedienwissenschaft sich zunehmend sozialwissenschaftlich orientiert, ‚entstehen Ansätze einer integrierten Medien- und Kommunikationswissenschaft, in der hermeneutisch-qualitative und sozialwissenschaftlich-quantitative Methoden zum Einsatz kommen, um angemessen dem medialen Wandel begegnen zu können.‘“

Aus diesen Erläuterungen geht hervor, dass eine exakte disziplinäre Verortung der Medien- und der Kommunikationswissenschaft nur sehr schwer, eigentlich sogar unmöglich ist. Ihre Untersuchungsgegenstände sind seit ihren Anfängen dergestalt, dass sie die Aufmerksamkeit mehrere Fächer auf sich ziehen. Beck bezeichnet Kommunikationswissenschaft als sich aus mehreren Teildisziplinen zusammensetzende Aspekt- bzw. Integrationswissenschaft (vgl. Beck 2006a: 134). Sie könne nur interdisziplinär erforscht werden. Geisteswissenschaftliche Fächer wie eben auch die Sprachwissenschaft und sozialwissenschaftliche Fächer bilden zusammen mit der Kommunikationswissenschaft ein interdisziplinäres Gefüge (vgl. Beck 2007: 156f.). So sind die öffentliche Kommunikation und die sie vermittelnden MassenmedienMassenmedien Gegenstand verschiedenster sozial- und geisteswissenschaftlicher Teildisziplinen bzw. Bindestrich-Wissenschaften mit ihren je unterschiedlichen Fachperspektiven (z.B. Kommunikationsgeschichte, MedienlinguistikMedienlinguistik, Medienpsychologie, Kommunikationssoziologie, Medienökonomie usw.) (vgl. Bonfadelli 2006a: 104f.).

Um die Forschungsfelder der Medien- und Kommunikationswissenschaft zu beschreiben, wird gerne auf die sogenannte Lasswell-Formel zurückgegriffen. „Der amerikanische Politologe und Sozialwissenschaftler Harold D. Lasswell hat 1948 die wichtigsten Fragestellungen der damaligen Massenkommunikationsforschung in einem Fragesatz zusammengefasst“ (Beck 2007: 156f.) und ihnen verschiedene wissenschaftliche Forschungsfelder zugeordnet (Tab. 1).

Tab. 1:

Fragen und Disziplinen der Kommunikations- und Medienforschung (Quelle: Kübler 2003: 131; eigene Darstellung)

Obwohl die Formel immer wieder kritisiert, erweitert und differenziert wurde, hat sie sich aufgrund ihrer Prägnanz in der Kommunikationswissenschaft etabliert (vgl. Kübler 2003: 131f.). Zu ergänzende Forschungsfelder, die sie nicht berücksichtigt, sind etwa die Mediennutzung oder die Medienorganisation bzw. die „institutionellen Rahmenbedingungen“ (Bentele/Brosius/Jarren 2003: 9).

Die vorliegende Arbeit versteht sich als medienlinguistische Untersuchung und befindet sich damit an der Schnittstelle zwischen Medien- und Kommunikationswissenschaft und Sprachwissenschaft. Sie baut sowohl auf der Forschungstradition der ursprünglich philologischen, geisteswissenschaftlich geprägten Medienwissenschaft als auch auf der Forschungstradition der stärker sozialwissenschaftlich geprägten Publizistik- und Kommunikationswissenschaft auf und macht sich deren Forschungsergebnisse zunutze. Dabei setzt sie sich vor allem mit dem „Who says what“ auseinander (KommunikatorKommunikator- und Medieninhaltsforschung). Ihr methodischer Zugang ist einerseits ein hermeneutischer (InhaltsanalyseInhaltsanalyse, DiskursanalyseDiskursanalyse und anschließende Interpretation), andererseits ein empirischer (Stichprobenanalyse, quantitative Auswertung der Untersuchungsergebnisse).Medium

In den folgenden Abschnitten werden ausgewählte Forschungsergebnisse der Medien- und Kommunikationswissenschaft dargestellt. Zunächst werden die Phänomene „Medium“ und „MassenkommunikationMassenkommunikation“ beschrieben und für die vorliegende Arbeit brauchbare Definitionen festgelegt. Im Anschluss gehe ich auf einige Erkenntnisse der beiden Forschungsfelder der KommunikatorKommunikator- und Medieninhaltsforschung ein, die für die Überprüfung der Hypothesen bzw. für die angewandte Untersuchungsmethode von Bedeutung sind.

2.1 Medien aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht

Zur Erinnerung: Kommunikations- und MedienwissenschaftMedienwissenschaft beschäftigt sich „mit dem Prozess menschlicher Verständigung, seinen Voraussetzungen, Rahmenbedingungen, Mitteln, Formen, Störungen und Folgen“; dies tut sie vor allem im Bereich öffentlicher, durch Medien vermittelter Kommunikation (vgl. Beck 2006a: 134). Doch welche Medien sind das genau? Die Klärung dieses Begriffes inkludiert eine Klärung des Forschungsgegenstandes dieser Wissenschaften. Alltagssprachlich scheint er relativ klar zu sein. Rein assoziativ verbindet man damit sofort Fernsehen, World Wide Web, Rundfunk usw. Doch schon nach Duden (1999) birgt dieser Begriff eigentlich sehr vielschichtige Bedeutungen in sich: Ein Medium kann hier 1. ein „vermittelndes Element“ sein (z.B. „Gedanken durch das M. der Sprache, der Musik ausdrücken“), 2.a. kann mit Medium oder besser: mit Medien (meist im Plural) eine „Einrichtung, [ein] organisatorischer u. technischer Apparat für die Vermittlung von Meinungen, Informationen, Kulturgütern“ gemeint sein, vielleicht auch „eines der MassenmedienMassenmedien Film, Funk, Fernsehen, Presse“. Es könnte sich aber auch um 2.b. ein „[Hilfs]mittel“ handeln, „das der Vermittlung von Information u. Bildung dient (z.B. Buch, Tonband): das akustische Medium Schallplatte“; oder 2.c. um ein „für die Werbung benutztes Kommunikationsmittel“. 3. könnte dieser Begriff für einen „Träger bestimmter physikalischer, chemischer Vorgänge; Substanz, Stoff“ stehen oder 4.a. für jemanden, „der für Verbindungen zum übersinnlichen Bereich besonders befähigt ist“, oder schließlich 4.b. für jemanden, „an dem sich aufgrund seiner körperlichen, seelischen Beschaffenheit Experimente, bes. Hypnoseversuche, durchführen lassen“.

Zugegeben, einige dieser Bedeutungen lassen sich für die Medien- und Kommunikationswissenschaft bereits dadurch ausschließen, dass sie nichts mit Kommunikation zu tun haben (3., 4b). Dennoch zeigt dieser Einblick in das Wörterbuch von Duden, dass Medium vieldeutig ist und es einer Klärung bedarf, was mit diesem Terminus in den Medien- und Kommunikationswissenschaften – vor allem aber in dieser Arbeit – bezeichnet wird bzw. mit welchem Forschungsgegenstand sich diese Wissenschaften beschäftigen.

Sichtet man in Bezug auf den Begriff Medium die Forschungsliteratur, findet man (nicht sehr überraschend) verschiedenste Definitionen und Klassifizierungsmöglichkeiten. Hickethier (2003: 18) begründet diese Tatsache mit der „Mehrdimensionalität und Komplexität des Gegenstandsbereichs“ sowie mit den unterschiedlichen „Interessen und Fragestellungen“ und damit auch Konzeptionalisierungen der Wissenschaften. Vor allem die Medientheorie/-n befasst/-en sich mit der systematischen Beschreibung von Einzelmedien bzw. der Medien im Allgemeinen. Je nach (psychologischem, kommunikationswissenschaftlichem, kritischem, systemtheoretischem oder sozialwissenschaftlichem) Ansatz werden die Medien jedoch anders charakterisiert.

Es wird hier darauf verzichtet, die verschiedenen Medienkonzepte genauer vorzustellen (Näheres siehe Hickethier 2003: 18–36; Faulstich 2002: 17–26; Saxer 1999: 1–14). Die folgenden Ausführungen zielen darauf ab, eine für die vorliegende Arbeit relevante und brauchbare Mediendefinition zu finden.

Faulstich zitiert in seiner „Einführung in die MedienwissenschaftMedienwissenschaft“ verschiedenste Medienkonzepte – und stellt sie in Frage. Viele Versuche der Klassifizierung von Medien (etwa nach Arten oder Funktionen usw.) seien schlichtweg unbrauchbar oder gar unwissenschaftlich (2002: 20): „All diese Versuche sind ausnahmslos entweder unlogisch, unverständlich, dysfunktional, unvollständig, unbegründet oder banal.“ Sind ihm viele dieser Gruppierungen zu präzise und einschränkend, kritisiert Faulstich aber auch die vielerorts gepflegten, sehr allgemeinen und unwissenschaftlichen Metaphern wie etwa „Das Medium ist die Botschaft“, die von Marshall McLuhan stammt und mit der das Begriffswirrwarr laut Faulstich erst seinen Anfang nahm. Harsche Kritik übt er gegenüber dem viel gelesenen und „heute noch vielfach unkritisch zitierten Text“ McLuhans „Die magischen Kanäle“ („Unterstanding Media“, 1964):

„In diesem früheren Bestseller der Popularkultur und Zeitungsfeuilletons wird nachweislich ‚getrickst‘: Nach einem deutlichen Schema werden hier 1. Zitate aus aktuellen Pressetexten und 2. Anekdoten mit 3. Zitaten aus wissenschaftlicher Sekundärliteratur praktisch aller Disziplinen sowie 4. Zitaten aus literarischen Klassikern wie Shakespeare, James Joyce, Milton oder Yeats und der Bibel vermischt, 5. mit dunklen Metaphern und 6. mit mehr als 20 verschiedenen Medienbegriffen zur unterhaltsamen Verwirrung des Lesers versetzt und dann mosaikartig 7. zu diffus-unverständlichen, aber hochgelehrt und griffig klingenden Aussagen verdichtet. […] McLuhan war vieles, ein Eklektiker, ein Überflieger, ein Blender, ein Visionär, ein Schwätzer; nur eines war er nicht: ein Wissenschaftler.“ (Faulstich 2002: 21f.)

Nichtsdestoweniger galt McLuhan lange als Vater der Medientheorie und beeinflusste die Medien- und Kommunikationswissenschaft nicht unwesentlich.

Nach all dieser Polemik plädiert Faulstich für eine Rückbesinnung auf kritisches Denken und eine medienwissenschaftlicheMedienwissenschaft Theoriebildung; der Medienbegriff der Wissenschaft muss vom Medienbegriff der Alltagswelt unterschieden werden:

„Viele begreifen im alltäglichen Sprachgebrauch ‚Medium‘ im uneigentlichen Sinn, d.h. einfach als ‚Mittel‘ oder ‚Instrument‘ oder ‚Werkzeug‘ – und da kann prinzipiell alles ein Medium sein. Das meint durchaus auch Metaphern wie ‚Medium Sprache‘, ‚Medium Literatur‘ oder ‚Medium Musik‘. In der MedienwissenschaftMedienwissenschaft dagegen wird Medium als ein fachspezifisches Konzept verstanden, dem verschiedene Merkmale konstitutiv zugeordnet sind.“ (Faulstich 2002: 23)

Wie Faulstich kritisiert auch Hickethier historische Verengungen und gegenwärtige Überdehnungen des Medienbegriffs (vgl. Hickethier 2003: 18f.). Er selbst geht von einem kommunikationsorientierten Medienbegriff aus,

„der die Medien der individuellen und gesellschaftlichen Kommunikation in den Vordergrund stellt. Medien und Kommunikation werden in einem engen Zusammenhang gesehen. Kommunikation bedient sich immer eines Mediums. Die Menschen, die miteinander kommunizieren, verwenden dabei Zeichen, die mit Bedeutungen in Verbindungen stehen. Kommunikation ist wiederum Voraussetzung dafür, dass die Menschen Vorstellungen erzeugen und dass Wissen entsteht.“ (Hickethier 2003: 20)

Medien seien „gesellschaftlich institutionalisierte Kommunikationseinrichtungen“, wobei Hickethier (2003: 20) zwischen „informellen (nicht durch Organisationen, sondern durch Konventionen bestimmten) Medien“ (z.B. das Medium „Sprache“, die Musik, die Literatur) und „formellen (institutionalisierten) Medien“ (z.B. Telefon, Fernsehen, Radio, Presse usw.) unterscheidet.

Demnach wäre der Forschungsgegenstand der vorliegenden Arbeit im formellen Bereich der Medien angesiedelt.

Kommunikationsorientiert ist auch die Definition, die Faulstich vorschlägt. Sie geht ursprünglich auf Saxer (1999: 6) zurück, dessen Definition auch von Burkart, Jarren und Maletzke aufgegriffen wird (Burkart 2003: 187; Jarren 2003: 15; Maletzke 1998: 52) und in der Medien- und Kommunikationswissenschaft anerkannt zu sein scheint: „Medien sind komplexe institutionalisierte Systeme um organisierte Kommunikationskanäle von spezifischem Leistungsvermögen.“

Saxer (1999: 5) will damit ein medienwissenschaftliches Konzept schaffen, „das dieser scientific community Identität verleiht, dem expansiven Gegenstand gerecht wird und die medienbezogenen Beiträge unterschiedlicher Disziplinen integriert“. Ziel ist es, einen gemeinsamen Fragehorziont bzw. ein kohärentes Forschungsfeld festzumachen (vgl. Saxer 1999: 5). Die Beschreibung allgemeiner Medien-Charakteristika soll dies ermöglichen. Saxer (1999: 5f.) nennt fünf Medien-Merkmale, die schließlich zu seiner Medien-Definition geführt haben:

1 Medien sind Kommunikationskanäle. Diese Kanäle stellen je nach technischer Beschaffenheit bestimmte Zeichensysteme, Inhalte usw. bereit.1

2 Medien sind Organisationen, d.h. Sozialsysteme. Organisation ist notwendig, damit ein Medium seine Produkte bereitstellen kann.2

3 Medien sind komplexe Systeme, da sie etwa aus „Herstellungs-, Bereitstellungs- und Empfangsvorgängen“ bestehen.3

4 Medienkommunikation wirkt sich in allen gesellschaftlichen Bereichen funktional und dysfunktional aus. Sie haben ein spezifisches Leistungsvermögen, z.B. wird durch sie zu etwas aufgefordert (Werbung) oder es werden räumliche, zeitliche und soziale Distanzen überwunden (World Wide Web).4

5 Medien sind institutionalisiert. Sie sind „ins gesellschaftliche Regelsystem eingefügt“ und werden zum Teil über Marktmechanismen, zum Teil über die Politik geregelt.5

Nun aber zurück zu Faulstich: Auch er führt fünf konstitutive Medien-Merkmale an, die sich jedoch teilweise von Saxers Merkmalen unterscheiden (2002: 23f.):

1 Ein Medium ist ein „Bestandteil zwischenmenschlicher Kommunikation“, wobei diese Kommunikation vermittelt ist (im Gegensatz zur face-to-face-Kommunikation).

2 Ein Medium ist dementsprechend also ein „Kanal“.

3 Jeder dieser Kommunikationskanäle hat ein spezifisches Zeichensystem, „das die Vermittlung und das Vermittelte prägt oder zurichtet“ (z.B. Radio – auditives Zeichensystem, Zeitung – Druckmedium, Fernsehen – audiovisuelles Zeichensystem, World Wide Web – digitales Medium).

4 „Bei jedem Medium handelt es sich um eine Organisation.“ D.h., das Medium ist institutionalisiert.

5 Jedes Medium entwickelt sich, unterliegt daher einem „geschichtlichen Wandel“ und kann zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche gesellschaftliche Bedeutung haben.

Nach Faulstich (2002: 25) gibt es zwar bisher noch keine umfassende, allgemein anerkannte Definition von „Medium“ „im Sinne einer komplexen Medientheorie“. Saxers Definition (s.o.) erscheint ihm allerdings als die bisher gelungenste, wobei er diese um eine Komponente erweitert, mit der er die Bedeutung der Medien für die Gesellschaft betonen will (Faulstich 2002: 26): „Ein Medium ist ein institutionalisiertes System um einen organisierten Kommunikationskanal von spezifischem Leistungsvermögen mit gesellschaftlicher Dominanz.“MassenmedienMassenmedien

Blicken wir zurück auf die Dudendefinitionen von „Medium“: Saxers bzw. Faulstichs Medienbegriff scheint alle Bedeutungen auszuschließen, ausgenommen die Bedeutung 2.a, nach der ein Medium eine „Einrichtung, [ein] organisatorischer u. technischer Apparat für die Vermittlung von Meinungen, Informationen, Kulturgütern“ bzw. „eines der Massenmedien Film, Funk, Fernsehen, Presse“ ist.

Für die vorliegende Arbeit wird Faulstichs (bzw. Saxers) Medienbegriff übernommen. Demnach ist etwa die Sprache kein Medium (bei Hickethier wird sie als informelles Medium bezeichnet), auch I-Pods, Computer als Geräte oder gar die Schrift – all diese Dinge sind keine Medien (wie noch bei Marshall McLuhan; vgl. hierzu Faulstich 2002: 216), sondern vielmehr Instrumente, derer sich Medien allenfalls bedienen. Ein Medium wird erst zu einem Medium, wenn es zu einem institutionalisierten System wird, das bestimmte gesellschaftliche Aufgaben löst. Dies trifft vor allem auf die sogenannten Massenmedien zu, also auf „technisch produzierte und massenhaft verbreitete Kommunikationsmittel […], die der Übermittlung von Informationen unterschiedlicher Art an große Gruppen von Menschen dienen“ (Hickethier 2003: 24). Eines dieser Massenmedien steht im Fokus der vorliegenden Arbeit: die Tagespresse.Massenkommunikation

2.2 Massenkommunikation

Im untrennbaren Zusammenhang mit (Massen-)Medien steht die sogenannte Massenkommunikation. In beiden Komposita (Massen-Kommunikation und Massen-Medien) drückt „Masse“ aus, dass ein disperses Publikum angesprochen wird. Da die Tagespresse ein Massenmedium ist und daher Massenkommunikation „betreibt“, soll hier kurz auf die Besonderheiten der Massenkommunikation (vor allem im Vergleich zur interpersonalen – privaten – Kommunikation) eingegangen werden.

Maletzke versuchte 1963 eine Definition, die bis heute weit verbreitet ist (zitiert nach Hickethier 2003: 25):

„Unter Massenkommunikation verstehen wir jene Form der Kommunikation, bei der Aussagen öffentlich (also ohne begrenzte und personell definierte Empfängerschaft), durch technische Verbreitungsmittel (Medien), indirekt (also bei räumlicher oder zeitlicher oder raumzeitlicher Distanz zwischen den Kommunikationspartnern) und einseitig (also ohne Rollenwechsel zwischen Aussagenden und Aufnehmenden) an ein disperses Publikum […] gegeben werden.“

Interpersonale Kommunikation wäre demnach eine Form der Kommunikation, bei der die Aussagen privat, mit oder ohne technische Verbreitungsmittel (gesprochene Sprache, Telefon), direkt (face-to-face) oder indirekt (Briefkommunikation, E-Mail, Telefon) und wechselseitig zwischen Aufnehmenden und Aussagenden an eine einzelne Person oder aber ein konkretes Publikum (Gruppe) gegeben werden.

Maletzke verpackte seine Definition der Massenkommunikation schließlich in ein grafisches Modell (Abb. 2), deren Hauptbestandeile die vier Faktoren Kommunikator (K), Aussage (A), Medium (M) und Rezipient (R) bilden.

Abb. 2:

Feldmodell der Massenkommunikation (Quelle: Maletzke 1963: 41, zitiert nach Burkart 2003: 184)

Maletzke selbst beschreibt das Schema bzw. die Beziehung der vier Faktoren zueinander folgendermaßen (1988, zitiert nach Rusch 2002c: 106f.):

„Der KommunikatorKommunikator (K) produziert die Aussage durch Stoffwahl und Gestaltung. Seine Arbeit wird mitbestimmt durch seine Persönlichkeit, seine allgemeinen sozialen Beziehungen (u.a. persönliche direkte Kommunikation), durch Einflüsse aus der Öffentlichkeit und durch die Tatsache, dass der Kommunikator meist in einem Produktionsteam arbeitet, das wiederum einer Institution eingefügt ist. Außerdem muss der Kommunikator die Erfordernisse seines Mediums und des ‚Programms‘ kennen und berücksichtigen, und schließlich formt er sich von seinem Publikum ein Bild, das seine Arbeit und damit die Aussage und damit endlich auch die Wirkungen wesentlich mitbestimmt. Die Aussage (A) wird durch das Medium (M) zum Rezipienten geleitet. Sie muss dabei den technischen und dramaturgischen Besonderheiten des jeweiligen Mediums angepasst werden. Der Rezipient (R) wählt aus dem Angebot bestimmte Aussagen aus und rezipiert sie. Der Akt des Auswählens, das Erleben der Aussage und die daraus resultierenden Wirkungen hängen ab von der Persönlichkeit des Rezipienten, von seinen sozialen Beziehungen, von den wahrnehmungs- und verhaltenspsychologischen Eigenarten des Mediums auf der Empfängerseite, von dem Bild, das sich der Rezipient von der Kommunikatorseite formt und von dem mehr oder weniger klaren Bewusstsein, Glied eines dispersen Publikums zu sein. Schließlich deutet der obere Pfeil im Feldschema an, dass trotz der Einseitigkeit der Massenkommunikation ein ‚Feedback‘ zustande kommt.“

Der Vorteil dieses Modells ist, dass darin auch äußere Einflüsse auf KommunikatorKommunikator und Rezipienten Niederschlag finden. Weder Kommunikator noch Rezipient stehen isoliert da, sondern sind eingebettet in soziale Netzwerke, die sie beeinflussen.

In der wissenschaftlichen Rezeption geht dieses Modell einigen nicht weit genug. Faulstich sieht hier den gesellschaftlichen Kontext (Institutionen, Politik, Wirtschaft u.a.) unberücksichtigt, womit er Maletzke jedoch Unrecht tut. In seinem Schema sind sehr wohl Institutionen angeführt; außerdem lassen sich unter dem Einflussfaktor „Zwang der Öffentlichkeit“ wohl auch Politik und Wirtschaft subsumieren. Gerechtfertigte Kritik übt Faulstich hingegen, wenn er sagt, dieses Modell unterstelle „ein offensichtlich idealisiertes Gleichgewicht“ zwischen KommunikatorKommunikator und Rezipienten (Faulstich 2002: 40) – ein überzeugender Einwand, den auch Kübler (2003: 121) mit Faulstich teilt: Das Modell lässt

„weitgehend ausser Acht, dass sich im Zeitalter professioneller, hochorganisierter, machtpolitisch verstrickter und vor allem ökonomisch – sprich: auf Profitmaximierung – ausgerichteter Medienkommunikation die Gewichte zum Nachteil des Publikums verlagert haben, dass es mithin erhebliche Beeinflussungsmöglichkeiten und wohl auch Abhängigkeiten gibt; sie werden durch das Modell egalisiert und damit eskamotiert.“

Hickethier (2003: 51) sieht außerdem ein Problem darin, dass Maletzke von einem journalistischen Verständnis der Massenmedien auszugehen scheint, „bei dem ein einzelner ‚KommunikatorKommunikator‘ sich einer technischen Apparatur bedient und mit ihr viele ‚Rezipienten‘ erreicht“. Das Modell versagt allerdings, wenn es darum geht, komplexere Medienangebote zu beschreiben (wie Filme), bei der mehrere Personen arbeitsteilig mitwirken (vgl. Hickethier 2003: 51). Auch Pressetexte sind komplexe Medienangebote, die nicht auf einen einzelnen Kommunikator zurückgehen, sondern von mehreren Kommunikatoren oder Autoren produziert werden (siehe dazu auch Abschnitt 3.1.1). Nicht nur dass viele Artikel von Presseagenturen hergestellt und von den Zeitungsredakteuren nur noch angepasst (gekürzt, erweitert usw.) werden, es werden auch unterschiedlichste Quellen zitiert (Politikeraussagen, Grafiken von Statistik-Büros usw.).

Massenkommunikation ist also öffentlich, indirekt und einseitig und richtet sich an ein disperses Publikum. Doch seit den 1960ern hat sich viel getan. Das World Wide Web und die zahlreichen Möglichkeiten der Interaktivitäten brachten große Veränderungen mit sich, die die Grenzen zwischen interpersonaler und Massenkommunikation verschwimmen ließen. Kübler (2003: 124) vertritt die Meinung, dass „angesichts der einhergehenden Transformationen […] nicht mehr so eindeutig und dipodisch zwischen personaler und Massenkommunikation“, zwischen Öffentlichem und Privatem getrennt werden kann. Kübler versucht die Neuerungen in Maletzkes Definition zu integrieren bzw. diese zu aktualisieren:

Unter medialer Kommunikation verstehen wir die (sich mehr und mehr verbreitende) Form der Kommunikation, bei der

Tab. 2:

Definition von medialer Kommunikation (Quelle: Kübler 2003: 124; eigene Darstellung)

Anhand der Online-Medien können diese neuen Entwicklungen am geeignetsten festgemacht werden. Das Internet ist einerseits öffentlich, d.h. von allen (mit Internetzugang) benützbar; andererseits gibt es Bereiche, die privat, etwa durch Passwörter geschützt, sind (Newsgroups, Chatrooms, Blogs usw.). Andere Merkmale der Massenkommunikation waren laut Maletzke die Einseitigkeit der Kommunikation sowie die raumzeitliche Distanz der Kommunikationspartner, die jedoch im World Wide Web zum Teil aufgebrochen scheinen.

„Elektronische Daten sind allerorts (nahezu) gleichzeitig mit ihrer Schöpfung und Eingabe verfügbar, so dass nicht nur der Zeitverzug innerhalb der Produktion, der durch diverse Phasen der Materialisierung und Gestaltung – etwa beim Druck – verursacht wird, wegfällt oder zumindest enorm reduziert wird: Letztlich fallen Produktion und Rezeption zusammen, was mit dem Begriff ‚Echtzeit‘ (Virilio 1996; Kloock 2000, 161ff.) gekennzeichnet wird; beim Internet können sie – wie im personalen Dialog – ständig wechseln. Vor allem das charakteristischste Kriterium der Massenkommunikation, die Einseitigkeit des Kommunikationstransfers, wird mehr und mehr aufgehoben – entsprechend erodiert die Dualität von personaler und Massenkommunikation.“ (Kübler 2003: 125f.)

Auch wenn der Begriff „Echtzeit“ sicherlich nicht zutrifft, da die eingegeben Daten erst übertragen werden müssen, ist die zeitliche Distanz beim Chat, beim Instant Messaging oder etwa bei der Internettelefonie tatsächlich kaum mehr wahrnehmbar.

Kübler mag in vielen Dingen Recht haben; sein Konzept der „allmähliche[n] Aufweichung der Massenkommunikation und [der] Mutationen zur medialen Kommunikation“ (2003: 123) scheint mir ein wenig zu drastisch. Massenkommunikation geht aufgrund der neuen Entwicklungen nicht verloren. Die „alten“ Medien (Fernsehen, Rundfunk, Presse) machen sich die „neuen“ zwar zunutze: Tageszeitungen gehen online, man kann diverse Nachrichtensendungen des ORF im Web ansehen, das Fernsehprogramm nachlesen, Rundfunksender haben Internetauftritte mit verschiedensten Angeboten und sind auch über Internet empfangbar (mit einer kleinen Zeitverschiebung). Dennoch: Die alten, traditionellen Medien mit ihren typischen „massenkommunikativen“ Merkmalen bleiben parallel dazu bestehen. Es ist ein Mehr an Angebot, aber das eine ersetzt das andere nicht.

Manche von Kübler angesprochene Neuerungen sind gar nicht so neu: Privatheit und Öffentlichkeit wurden auch in den „alten“ MassenmedienMassenmedien bereits gerne vermischt (Geburtstagswünsche, Informationen über Schul- oder Studienabschlüsse, Todesfälle usw. im Anzeigenteil der Tageszeitungen, Grüße an den oder die Liebste(n) über das Radio usw.). Auch die Einseitigkeit konnte in gewissen Fällen durchbrochen werden (Leserbriefe, Anrufer beim Rundfunk oder bei Live-Sendungen im Fernsehen). Die von Maletzke angeführten Merkmale der Massenmedien „öffentlich“, „einseitig“, „indirekt“ und „an ein disperses Publikum gewandt“ sind daher nicht ausschließlich zu sehen, sondern vorrangig.

Allerdings stimme ich Kübler in Bezug auf die Online-Medien zu. Das World Wide Web vermittelt neben öffentlicher bzw. Massenkommunikation auch private, interpersonale Kommunikation (E-Mail, Instant Messaging, Blogs, Chats, Plattformen wie Facebook usw. – oft durch Passwörter geschützt). Für dieses „Massen“-MediumMedium trifft es zu, dass die „Massen“-Kommunikation zum Teil aufgeweicht scheint. Es gestattet den Usern wie kein anderes Massenmedium auf Kommuniziertes zu antworten (viele Online-Tageszeitungen ermöglichen ihren Lesern etwa, auf Artikel direkt zu reagieren bzw. KommentareKommentar auf die Website zu posten). Privates und Öffentliches verschwimmen – man denke an zwar private, aber öffentlich zugängliche Blogs, die zum Teil eine große Öffentlichkeit erlangen (z.B. der Warblog eines Mannes aus Bagdad mit dem Pseudonym Salam Pax, der über das Kriegsgeschehen im Irak berichtete und 2003 das weltweite Interesse der Medien, so auch der New York Times, auf sich zog).

Nichtsdestoweniger müsste Küblers Definition, die ja die mediale Kommunikation im Allgemeinen in den Blick nimmt, in Bezug auf die Massenkommunikation abgeändert werden. Ausschließlich auf Massenkommunikation bezogen, könnte also eine Definition folgendermaßen lauten:

Unter Massenkommunikation verstehen wir die Form der Kommunikation, bei der

Tab. 3:

Gedankenexperiment zu einer zeitgemäßen Definition von MassenkommunikationKommunikator

Für die Zwecke der vorliegenden Arbeit, die ausschließlich die Printausgaben der Tageszeitungen in den Blick nimmt (die Internetauftritte bleiben unberücksichtigt), reicht Maletzkes Definition bzw. sein Modell der Massenkommunikation aus, um die Grundzüge der Kommunikationsvorgänge der Presse zu beschreiben.

Die Tageszeitungen als Printprodukte vermitteln eine Form der Kommunikation, bei der

Tab. 4:

Definition der Massenkommunikation in Tageszeitungen (Printversion)

2.3 Kommunikatorforschung

Kommunikatorforschung beschäftigt sich „mit den Bedingungen und Voraussetzungen der Aussagenproduktion und -gestaltung“ (Beck 2006c: 136) „in den Institutionen der Massenkommunikation“ (Weischenberg 1999: 58). Dabei lag der Fokus lange Zeit auf der „Erforschung journalistischer Kommunikatoren“ (Beck 2006b: 136) und wurde später etwa auch auf „PR-Manger und ‚Öffentlichkeitsarbeiter‘“ ausgedehnt (Beck 2007: 165). Dennoch ist die deutschsprachige Kommunikatorforschung immer noch sehr stark auf den Journalismus ausgerichtet (vgl. dazu auch Pürer 2003: 108f.).

In den Anfängen dieser Forschungsdisziplin wurden Journalisten als individuell bzw. autonom handelnde Kommunikatoren gesehen. Mittlerweile ist man von dieser Sichtweise abgekommen. Die Kommunikate werden in der Regel arbeitsteilig hergestellt und man spricht daher auch von „kollektiven Akteuren“ (vgl. Beck 2007: 164). Zu den Kommunikatoren zählen alle am Prozess der Publikation Beteiligten. Das können Berufe bzw. Tätigkeitsbereiche sein wie

„Redakteure, Reporter, Fotoreporter, Autoren, Rechercheure und Archivare ebenso wie Pressesprecher, Kommunikationsmanager, aber auch Layouter, Grafiker, Cutter, Werbegestalter, Webdesigner und -programmierer, Ton- und Bildingenieure, Drucker, Kameraleute und Verleger, Herausgeber, Programmdirektoren, Intendanten oder andere dispositiv Tätige“ (Beck 2007: 164f.).

Der Sprachwisssenschaftler Bucher verwendet für das Phänomen der arbeitsteiligen Herstellung von Kommunikaten den Begriff „Mehrfachautorenschaft“:

„Medienbeiträge sind hinsichtlich ihrer Urheberschaft mehrschichtig. Sie sind einem Träger des Verbreitungsmediums verpflichtet – beispielsweise einem Verlagshaus oder einer öffentlichen Anstalt – gehen zurück auf verschiedene Quellen – geschriebene Texte, Dokumente, aufgezeichnete oder mitgeschriebene Äußerungen – werden mehrfach überarbeitet und in der Präsentation zusätzlich formatiert, beispielsweise in das Layout einer Tageszeitung eingepaßt oder von einer Rundfunksprecherin dem eigenen Sprechduktus angepaßt.“ (Bucher 1999a: 216)

Im publizistischen Bereich wären solche Mehrfachautoren etwa Journalist, Chefredakteur, Verlagshaus, Presseagentur, von der Material bezogen wird, Grafiker usw. Goffmann und Bell führen folgende Autoren an: den Prinzipal, den Urheber der Äußerung, den Berichterstatter, den Editor oder redigierenden Redakteur und den Präsentator (vgl. Bell 1991, Goffman 1981, zitiert nach Bucher 1999a: 216).

Allerdings unterscheidet sich der Begriff „kollektiver Kommunikator“ vom Begriff „Mehrfachautorenschaft“ dahingehend, dass mit Ersterem eindeutig nur die vermitteltende Instanz bezeichnet wird und nicht etwa die „Urheber der Aussage oder die Quellen“ (Beck 2007: 163), mit Zweiterem auch das Vermittelte, wenn beispielsweise Aussagen verschiedener Personen (mitunter in direkter Rede) wiedergegeben werden. Bucher (vgl. 1999a: 216f.) differenziert diesbezüglich zwischen der Kommunikationsebene der Darstellung (die mediale Handlung) und der Kommunikationsebene des Dargestellten (die Handlungen, die Gegenstand der Berichterstattung, der Kommentierung oder von Mediendialogen sind). Die Mehrfachautorenschaft rechtfertigt es, von einer „Intertextualität“ der Medienbeiträge zu sprechen (vgl. Bucher 1999a: 216).

Zurück zum Begriff „Kommunikator“: Ein Kommunikator im weitesten Sinne steht also für die „publizistische Institution der Aussagenentstehung“ (Weischenberg 1999: 60), er ist ein „Akteur (Handlungs- und Rollenträger), der Aussagen für die öffentliche Kommunikation bereitstellt“ (Beck 2006b: 135). Zu bemerken ist, dass die Rolle des Kommunikators stabil ist – im Gegensatz zur interpersonalen Kommunikation, wo Kommunikatoren und Rezipienten die Rollen wechseln.

Öffentliche Kommunikation wird erst durch Kommunikatoren möglich. Diese haben verschiedene Funktionen zu erfüllen: „Vermittlung von Information, aber auch Überzeugung oder Überredung“ usw. (Beck 2006b: 136). Kommunikatoren gestalten, be- und verarbeiten, selektieren, steuern und präsentieren (vgl. Beck 2007: 163f.). Ihnen „kommt damit nicht nur eine funktionale Schlüsselrolle im Kommunikationsprozess zu, sondern auch eine einflussreiche oder gar mächtige Position“. Kommunikatoren entscheiden „maßgeblich darüber […], welche Nachrichten, Themen und Meinungen Eingang in die öffentliche Kommunikation finden“ (Beck 2007: 165).

Welche Erkenntnisse – vor allem in Bezug auf den in dieser Arbeit interessierenden Journalismus – verdanken wir nun der Kommunikatorforschung? Im Laufe der Entwicklung dieses Forschungsfeldes wurden unterschiedliche theoretische Ansätze verfolgt. Löffelholz (2003) liefert diesbezüglich einen sehr guten Überblick. Auch wenn er anmerkt, dass aufgrund des „pluralistische[n], differenzierte[n] und dynamische[n] Forschungsgebiet[s] innerhalb der Kommunikationwissenschaft“ (2003: 31) eine Systematisierung nur sehr schwer möglich ist, versucht er in seinem Artikel dennoch eine solche. Dazu ordnet er „unterschiedliche theoretische Ansätze, die sich in ihrem Entstehungskontext, ihrer Herangehensweise, ihrem jeweiligen Untersuchungsfokus, der Komplexität ihrer Theoriearchitektur und ihrem Ertrag für die empirische Forschung ähneln“ (Löffelholz 2003: 31) sogenannten Theoriekonzepten zu, insgesamt acht an der Zahl. Sie werden in ihren Grundzügen auch von Beck (2007) im Zuge der Darstellung der Kommunikatorforschung in seiner Einführung in die KommunikationswissenschaftKommunikationswissenschaft. übernommen. Die acht Konzepte eignen sich insofern für die Beschreibung der Entwicklung der JournalismusforschungJournalismusforschung (s. a. Kommunikator), als dass ihre aufsteigende Nummerierung weitgehend der Chronologie ihrer Entstehung entspricht. Eine kurze Übersicht über Charakteristiken der einzelnen Konzepte ermöglicht folgende Tabelle (Tab. 5).1

Tab. 5:

Synopse theoretischer Konzepte der JournalismusforschungJournalismusforschung (s. a. Kommunikator) (Quelle: Löffelholz 2003: 33)

In den folgenden Abschnitten werden nun einige konkrete Ergebnisse (vor allem aus dem Bereich des analytischen und legitimistischen Empirismus sowie aus der Systemtheorie) vorgestellt, die für die Überprüfung der Hypothesen der vorliegenden Arbeit zentral sind (siehe Abschnitt 1.2). Es geht um die Art und Weise, welche Nachrichten von Journalisten ausgewählt werden. Dabei bildet die NachrichtenwerttheorieNachrichtenwert die Grundlage der ThemenfrequenzanalyseThemenfrequenzanalyse (siehe Abschnitt 11). Daneben werden in aller Kürze noch andere Theorien der NachrichtenselektionNachrichtenselektion bzw. -rezeption dargelegt, da sie Aufschluss darüber geben, welche Prozesse sowohl die Berichterstattung als auch die Nachrichtenrezeption beeinflussen.Nachrichtenwert

2.3.1 Nachrichtenwerttheorie

Im Folgenden werden die zentralen für die vorliegende Arbeit relevanten Aussagen der Nachrichtenwerttheorie dargestellt. Für detaillierte Informationen verweise ich vor allem auf Maier u.a. (2010), auf die ich mich in diesem Abschnitt hauptsächlich beziehe.Nachrichtenfaktoren

Die Nachrichtenwerttheorie lässt sich bis in die 1920er Jahre zurückverfolgen, als sich Walter Lippmann damit auseinandersetzt, wie JournalistenJournalismusforschung (s. a. Kommunikator) Nachrichten auswählen und „welche Kriterien ein Ereignis erfüllen muss, um Redakteuren publikationswürdig zu erscheinen“ (Maier/Stengel/Marschall 2010b: 29). Einige von ihm angeführte Kriterien wie Negativität oder Betroffenheit der Leser sind den später entwickelten Nachrichtenfaktoren bereits ähnlich (vgl. Maier/Stengel/Marschall 2010b: 30). Der Terminus „Nachrichtenfaktor“ selbst fällt erst in den 1960er Jahren. Norwegische Friedensforscher beschäftigen sich mit dem Nachrichtenfluss und führen erstmals auch Inhaltsanalysen durch, um die Auswahlkriterien der Journalisten herauszufinden (vgl. Maier/Stengel/Marschall 2010b: 31). Wichtige Namen sind hier Østgaard, Galtung und Ruge. Østgaard zeigt neben äußeren (politischen und wirtschaftlichen) Faktoren, die auf den Nachrichtenfluss einwirken, auch dem Nachrichtenprozess inhärente Faktoren auf, die sowohl die Ereignisse, über die berichtet wird, betreffen als auch die Journalisten selbst. Solche inhärenten Faktoren sind Vereinfachung, Identifikation und Sensationalismus (vgl. Maier/Stengel/Marschall 2010b: 33f.). Galtung und Ruge zufolge spiegeln Nachrichtenfaktoren „allgemeine menschliche Wahrnehmungsprozesse“ wider (vgl. 1965, zitiert nach Maier/Stengel/Marschall 2010b: 34). Es handelt sich dabei um „Ereignismerkmale, die grundsätzlich das Interesse von Menschen auf sich ziehen, die einen Einfluss darauf haben, wie aufmerksam ein Thema in den Medien verfolgt wird“. Nachrichtenfaktoren sind also „allgemeine kognitionspsychologische Mechanismen“, die nicht nur die Themenauswahl beeinflussen, sondern auch die Rezeption der Berichterstattung (Maier 2010a: 26). Galtung und Ruge (vgl. 1965, zitiert nach Maier 2010a: 23) stellen drei Hypothesen bezüglich des Zusammenwirkens der einzelnen Nachrichtenfaktoren und ihrer Auswirkung auf die NachrichtenselektionNachrichtenselektion auf: 1. die Additivitätshypothese, der zufolge es wahrscheinlicher ist, dass ein Ereignis zur NachrichtNachricht wird, je mehr Nachrichtenfaktoren auf es zutreffen; (2) die Komplementaritätshypothese, die besagt, dass ein nicht vorhandenes Merkmal durch den hohen Wert eines anderen Faktors ausgeglichen werden kann, so dass das Ereignis dennoch zur Nachricht wird; (3) die Exklusionshypothese, nach der ein Ereignis mit zu wenigen oder keinen Nachrichtenfaktoren keinen Eingang in die Berichterstattung findet.

Kepplinger (2008, zitiert nach Maier 2010a: 18) beschreibt „Nachrichtenfaktoren“ später als „Merkmale von Nachrichten über Ereignisse und Themen, die dazu beitragen, dass diese publikationswürdig bzw. mit Nachrichtenwert versehen werden“. Aus dieser Definition geht hervor, dass zwischen Nachrichtenfaktor und Nachrichtenwert zu unterscheiden ist. Der Wert einer NachrichtNachricht steigt, je mehr Faktoren sie erfüllt. Anzahl und Ausprägung bzw. Intensität der Nachrichtenfaktoren bestimmen somit den Nachrichtenwert.

„Dieser Nachrichtenwert entscheidet darüber, ob ein Ereignis in der medialen Berichterstattung überhaupt verwertet wird und in welchem Umfang. Dieser Nachrichtenwert eines Ereignisses wird seit Schulz (1976) anhand verschiedener (formaler) Maßzahlen gemessen, in denen sich journalistische Beachtung ausdrückt: z.B. anhand der Platzierung eines Beitrags auf der Titelseite einer Zeitung […] oder anhand der Länge des Beitrags […].“ (Maier 2010a: 19)

Seit Schulz ist die Nachrichtenwertforschung vor allem in Deutschland beheimatet (vgl. Maier/Stengel/Marschall 2010b: 39f.). Die Anzahl der Nachrichtenfaktoren, die sich bei Galtung und Ruge noch auf zwölf belief (vgl. Maier/Stengel/Marschall 2010b: 36), wird von Schulz auf 19 erweitert. Er fasst sie aber zu sechs übergeordneten Faktorendimensionen zusammen (Konsonanz, Status, Dynamik, Valenz, Identifikation und Relevanz) (vgl. Schulz 1976 und 1982, zitiert nach Maier/Marschall 2010: 98f.). Auch andere Wissenschaftler, wie Staab, Donsbach, Maier u.a. oder Fretwurst, haben versucht übergeordnete Dimensionen zu erschließen (vgl. z.B. Staab 1990, Donsbach 1991, Maier u.a. 2009, Fretwurst 2008, zitiert nach Maier/Marschall 2010: 98–102), um Redundanz der inzwischen 22 Nachrichtenfaktoren und damit „Mehrfachmessung der journalistischen Auswahlkriterien“ zu vermeiden. Denn allem Anschein nach „berücksichtigen Journalisten bei der Auswahl wichtiger Ereignisse für die Berichterstattung vermutlich nicht so viele Ereignismerkmale, wie die aktuelle Forschung zur Nachrichtenwerttheorie suggeriert“ (Maier/Stengel 2010: 101). Die von den verschiedenen Forschern aufgezeigten Dimensionen sind nachstehend gegenübergestellt (Tab. 6).

Tab. 6:

Übergeordnete Faktorendimensionen der journalistischen Auswahl (Quelle: Maier/Stengel 2010: 103)

Maier und Stengel haben die vergleichbaren Faktorendimensionen zeilenweise nebeneinander angeordnet. Auch wenn sich die Termini zum Teil unterscheiden, sind die dahinterstehenden Merkmale großteils sinnverwandt (z.B. Status, Personalisierung, Prominenz, Personen). Hervorheben möchte ich den Faktor „Visualität“, der in der Tabelle bei Maier u.a. (2003–2009) vorkommt und ursprünglich von Ruhrmann u.a. eingeführt wurde, die sich mit dem Nachrichtenwert im deutschen Fernsehen auseinandergesetzt haben (vgl. Ruhrmann 2003, zitiert nach Maier/Stengel 2010: 108).

„Ausgehend von den Ergebnissen einer Journalistenbefragung zeigen sie zunächst, dass die Verfügbarkeit von qualitativ hochwertigem Film- und Bildmaterial einen der wichtigsten Einflussfaktoren für die Entscheidung über die Publikation eines Ereignisses als Nachrichtenmeldung darstellt (vgl. Diehlmann, 2003).“ (Maier/Stengel 2010: 108)

Dass Bilder in den letzten Jahrzehnten nicht nur im Fernsehen, sondern auch in der Presse immer wichtiger wurden und werden, wird auch in Abschnitt 3.2 erläutert. Rössler, Marquart, Kersten, Bomhoff (2009) sprechen diesbezüglich von Fotonachrichtenfaktoren und übertragen die Text-Nachrichtenfaktoren auf Bilder. Faktoren, die die Bildauswahl sowie den Grad der Aufmerksamkeit der RezipientInnen beeinflussen, sind Schaden, Gewalt und Aggression, Prominenz sowie Sex und Erotik (vgl. Rössler u.a. 2009, zitiert nach Maier/Stengel 2010: 110). Inwieweit das Vorhandensein von Bildern einen Nachrichtenfaktor in der Presse darstellt, ist noch nicht belegt.

Interessant ist, dass bisherigen Studien zufolge die Nachrichtenfaktoren medienübergreifend ähnlich sind. In Frage steht jedoch, ob die Ausprägung der Nachrichtenfaktoren, d.h. die den Faktoren zugesprochenen Werte, je nach MediumMedium und Redaktion unterschiedlich sein kann (vgl. Maier/Stengel/Marschall 2010c: 132f.). Ein weiteres Forschungsdesiderat besteht darin, ob die Nachrichtenwerttheorie auf verschiedene Kulturen gleichermaßen zutrifft, oder inwiefern die Nachrichtenfaktoren themenabhängig sind (vgl. Maier/Stengel 2010: 112f.). Die vorliegende Arbeit kann hier einen Beitrag leisten, da sie die Berichterstattung verschiedener Länder und verschiedener Redaktionen bezüglich eines spezifischen Themas vergleicht.

Kepplinger und Ehmig gehen in ihrer Zwei-Komponenten-Theorie davon aus,

„dass sowohl die Merkmale der Ereignisse (Nachrichtenfaktoren) als auch der Nachrichtenwert, den jeder einzelne Nachrichtenfaktor für ein spezifisches MediumMedium hat, die Nachrichtenauswahl bestimmen. Sie argumentieren, dass davon auszugehen sei, dass bestimmte Nachrichtenfaktoren z.B. für BoulevardzeitungenBoulevardzeitung wichtiger seien als für QualitätszeitungenQualitätszeitung. Daher versuchen sie den relativen Einfluss jedes einzelnen Nachrichtenfaktors zu errechnen und testen dann anhand einer zweiten StichprobeStichprobe (s. a. Künstliche Woche) die Qualität dieses Prognosemodells. Ihrer Meinung nach ist diese Prognosemöglichkeit eine der herausragenden Eigenschaften der Nachrichtenwerttheorie […]. Allerdings variieren diese Maßzahlen eben von Medium zu Medium und von Redaktion zu Redaktion, und auch die Forschung hierzu steht noch am Anfang […].“ (vgl. Kepplinger 2008 und Kepplinger/Ehmig 2006, zitiert nach Maier 2010a: 19)

Vorab kann festgestellt werden, dass die Nachrichtenwerttheorie die Hypothesen, von der die vorliegende Arbeit ausgeht (siehe Abschnitt 1.2), zu bestätigen scheint, wenn es um die tendenziell negative Darstellung der Kirche geht. Denn bisherige Studien zeigen:

„Das Weltbild in unseren Medien ist durch negative Ereignisse geprägt, die in relativer Nähe zu uns stattfinden, in denen vorrangig prominente Personen und aggressives Verhalten vorkommen, und die sich gut in (bewegten) Bildern darstellen lassen. Negativität, Personalisierung, Visualisierung, Boulevardisierung: all das sind oft beklagte mediale Trends unserer Zeit […].“ (vgl. Maier/Stengel/Marschall 2010c: 133)

Vorherrschende Methode, um festzustellen, welche Ereignisse welche Nachrichtenfaktoren aufweisen, ist die InhaltsanalyseInhaltsanalyse bereits publizierter Medienbeiträge. Dazu werden Nachrichtenfaktoren meist auf Artikel- oder Beitragsebene codiert (vgl. Maier 2010b: 53), indem durch „eine subjektive Interpretationsleistung“ „die Merkmale des berichteten Ereignisses“ analysiert „und auf der zur Verfügung stehenden Skala“ eingeordnet werden (Maier 2010b: 55). Die Distribution der Nachrichtenfaktoren gibt Aufschluss über ihre Relevanz bei der NachrichtenselektionNachrichtenselektion. Daneben wird, wie bereits erwähnt, auch der Nachrichtenwert festgestellt, indem man den Beachtungsgrad des Ereignisses in der Berichterstattung anhand seiner Platzierung und seiner Berichtlänge misst (vgl. Maier 2010a: 21). Damit die Zuweisung der Nachrichtenfaktoren nicht beliebig geschieht, muss ein Codebuch erstellt und Inter- bzw. Intracoder-Reliabilität sichergestellt werden.

In der vorliegenden Arbeit ist eine Intercoder-Reliabilität, bei der verschiedene Codierer dasselbe Material auf dieselbe Weise codieren, nicht möglich. Umso wichtiger ist die Einforderung der Intracoder-Reliabilität, bei der derselbe Codierer zur Überprüfung dasselbe Material mithilfe desselben Codebuchs mit zeitlichem Abstand ein weiteres Mal auf dieselbe Weise codiert (vgl. Maier 2010b: 58). Geachtet werden muss darüber hinaus auf Inhaltsvalidität (vollständiges KategorieKategoriensystem, das misst, was die Forschungsfrage beinhaltet) sowie Kriteriumsvalidität (externe Stützung der Studie durch andere Studien, frühere Befunde) und Inferenzvalidität (Prüfung der Plausibilität der vorgenommenen Inferenzschlüsse mit Ergebnissen anderer Studien oder Daten) (vgl. Rössler 2005, zitiert nach Maier 2010b: 60). Empfohlen wird eine Triangulation auf mehreren Ebenen (z.B. Daten-, Methoden-, Theorien- oder Forschertriangulation; vgl. Maier 2010b: 69), die in der vorliegenden Arbeit z.B. durch die JournalistInnen-Befragung versucht worden ist.

In der hier vorgenommen Untersuchung werden die Nachrichtenfaktoren im Rahmen der ThemenfrequenzanalyseThemenfrequenzanalyse relevant. Ziel ist es herauszufinden, inwieweit die Nachrichtenwerttheorie auf die Berichterstattung über die katholische Kirche zutrifft, welche Nachrichtenfaktoren vornehmlich Eingang finden, und welche Ereignisse von den JournalistInnen bevorzugt werden. Dazu werden die Themen der Artikel mit den Nachrichtenfaktoren abgeglichen, wofür ich auf die 22 Nachrichtenfaktoren nach Ruhrmann u.a. zurückgreife (vgl. 2003, zitiert nach Maier/Marschall 2010: 80–84). Ich behalte mir jedoch vor, die Liste, wenn nötig, abzuändern. Die 22 Faktoren sind:


Status der EreignisnationOrtsstatusBeteiligung der jeweiligen Nation (Österreich/Frankreich; bei Ruhrmann u.a.: deutsche Beteiligung)Räumliche NähePolitische NäheKulturelle NäheWirtschaftliche NäheEtablierung des ThemasEinfluss (z.B. von Personen oder Gruppen)Prominenz

Was mit den einzelnen Faktoren gemeint ist, wird im Codebuch näher erläutert (siehe Abschnitt 16.1).Gatekeeping

2.3.2 Verwandte Ansätze: Gatekeeping, News-Bias, Agenda-SettingAgenda-Setting, FramingNews-BiasNachrichtenselektion

Sowohl hinter der Nachrichtenwerttheorie als auch hinter den in diesem Abschnitt vorgestellten Ansätzen steht das Ansinnen, zu untersuchen, aufgrund welcher Kriterien Nachrichten ausgewählt werden, „ob bzw. inwieweit die Berichterstattung als Produkt der journalistischen Selektionstätigkeit der Realität adäquat ist (bzw. es überhaupt sein kann) und welche unbeabsichtigten oder beabsichtigten Verzerrungen auftreten“ (Kunczik/Zipfel 2005: 241). Weiters steht im Zentrum des Interesses, wie sich all dies auf die Rezipienten bzw. auf die Öffentlichkeit auswirkt. Nachrichtenselektion und Nachrichtenrezeption stehen in engem Zusammenhang. Folgender Überblick (Abb. 3) zeigt, welche Prozesse und Bereiche die einzelnen Ansätze in den Blick nehmen.

Abb. 3:

Verschiedene Theorien der Nachrichtenselektion, -rezeption und -wirkung im Überblick (Quelle: Stengel/Marschall 2010: 116)

Gatekeeping

Die Gatekeeper-Foschung (bestehend seit den 1940er Jahren; vgl. Kübler 2003: 146) versteht Journalisten als Türsteher, Wächter oder Pförtner, die entscheiden, „welche Ereignisse zu öffentlichen Ereignissen werden und welche nicht, und […] damit zur Formung des Gesellschafts- und Weltbildes der Rezipienten [beitragen]“ (Kunczik/Zipfel 2005: 242). Sie nimmt also nicht die Merkmale der einzelnen Ereignisse in den Blick, sondern die Rolle der Redakteure, Redaktionen und anderer Strukturen in der Nachrichtenselektion. Die wichtigsten Ergebnisse fasst Schulz in fünf Punkten knapp zusammen (vgl. 1990, zitiert nach Kunczik/Zipfel 2005: 245):

1 „Die Nachrichtenselektion ist teilweise abhängig von subjektiven Erfahrungen, Einstellungen und Erwartungen des Journalisten.

2 Sie wird bestimmt durch organisatorische und technische Zwänge von Redaktion und Verlag (z.B. Zeitdruck, verfügbarer Platz).

3 Die Auswahl orientiert sich oft an der Bezugsgruppe der Kollegen und Vorgesetzten; die Vorstellungen von den Bedürfnissen des Publikums sind eher diffus und unzutreffend.

4 Die redaktionelle Linie ist ein wichtiges Selektionskriterium.

5 Die Berichterstattung wird weitgehend vom Agenturmaterial vorgeformt, dem gegenüber sich die Redakteure meist passiv verhalten.“

Nach Shoemaker gibt es fünf Ebenen, auf denen die Entscheidung getroffen wird, ob über ein Ereignis berichtet wird oder nicht: (1) die individuelle Ebene (Präferenzen des Journalisten), (2) die Ebene der Arbeitsgewohnheiten (z.B. Layout, Vorhandensein von Bildern), (3) die organisatorische Ebene (z.B. Auslandskorrespondenz, Budget, Leitlinie der Redaktion), (4) die soziale und institutionale Ebene bzw. Extra-Media-Ebene (Rezipienten, Werbepartner, wirtschaftliche und politische Einflussfaktoren), (5) die gesellschaftliche Ebene (auf globaler Ebene werden bestimmte Länder stark, andere hingegen kaum berücksichtigt) (vgl. Shoemaker 1991, zitiert nach Jäckel 2005: 191; siehe auch Stengel/Marschall 2010: 121).

Ein Vorwurf gegenüber der Gatekeeper-Forschung ist, dass Faktoren wie der Inhalt oder die Gewichtung der Berichterstattung unberücksichtigt blieben und außerdem oft nur eine Durchlass-Station untersucht wurde, obwohl die Entscheidung nicht nur beim Journalisten allein liegt, denn: Bereits Agenturen selektieren Nachrichten; Journalisten wählen aus einer bestehenden Auswahl erneut aus (vgl. Kunczik/Zipfel 2005: 245). Nachrichtenselektion ist ein äußerst komplexer Vorgang, der nicht auf die Entscheidung eines Individuums reduziert werden kann.

News-Bias

Dieser Ansatz untersucht,

„ob und inwieweit Medien oder Jounalisten mit ihrer Nachrichtenauswahl, aber auch mit der inhaltlichen Darstellung dieser Nachrichten eine bestimmte politische Linie unterstützen“ (Stengel/Marschall 2010: 122)1

und somit tendenziös berichterstatten. Festgestellte Einflussfaktoren sind hier im Wesentlichen auf drei Ebenen zu finden: (1) Person (politische Einstellung der Journalisten), (2) Organisation (politische Linie der Redaktionen, der Verlage und sonstiger Organisationen rund herum bis zu den politischen Institutionen), (3) Mediensystem (Medienindustrie) (vgl. Stengel/Marschall 2010: 123f.).

Indem die vorliegende Arbeit davon ausgeht, dass die Berichterstattung über die katholische Kirche tendenziell negativ ist und sich tendenziell auf kontroverseKontroverse Themen fokussiert (siehe Hypothesen, Abschnitt 1.2), und indem sie die Redaktionslinien der Tageszeitungen mit der inhaltlichen Darstellung in Zusammenhang bringt, weist sie Elemente des News-Bias-Ansatzes auf.

Agenda-Setting

Agenda-Setting (für Genaueres siehe auch Maurer 2010) befasst sich nicht mehr mit der Nachrichtenselektion, sondern mit der Nachrichtenrezeption und untersucht, inwieweit MassenmedienMassenmedien beeinflussen, worüber wir nachdenken und sprechen, d.h., „welche Themen wir auf unsere Tagesordnung (Agenda) setzen“ (Burkart 2002: 248f.). So fand z.B. Brettschneider heraus, „dass sich die Bevölkerung bei der Nennung des ‚wichtigsten nationalen Problems‘ eher an der Häufigkeit der Medienberichterstattung als an der objektiv gemessenen Problemlage orientiert“ sowie die Situation in Anlehnung an die in den Nachrichten vorgenommenen BewertungenBewertung einschätzen (vgl. Brettschneider 2000 und 2006, zitiert nach Stengel/Marschall 2010: 124). Allerdings greift eine rein lineare Sichtweise des Agenda-Settings (mediale Agenda beeinflusst Publikumsagenda) zu kurz. Wie bereits beschrieben (siehe Nachrichtenwerttheorie und GatekeeperGatekeeping-Ansatz), ist die Medienagenda selbst „Resultat komplexer Selektionsvorgänge innerhalb der Medienorganisation“ und darf „folglich nicht allzu isoliert betrachtet werden“. Medien agieren nicht in einem neutralen Raum, sondern werden von äußeren Strukturen in ihrer Nachrichtenselektion beeinflusst, so etwa von „Public-Relations-Aktivitäten“, die versuchen, auf die „Nachrichtengebung in ihrem Sinn“ einzuwirken, indem sie z.B. „Pseudo-Ereignisse“ inszenieren (Burkart 2002: 254). Abb. 4 beschreibt die Agenda-Setting-Prozesse, die zwischen den Medien, dem Publikum (hier spielt vor allem die interpersonale Kommunikation eine Rolle) und den politischen Systemen ablaufen, und wie diese Prozesse die jeweiligen Agenden wechselseitig bedingen:

Abb. 4:

Modell wechselseitiger Agenda-Setting-Prozesse (Quelle: Maurer 2010: 68)

Brosius (1994, zitiert nach Burkart 2002: 255) relativiert daher zu Recht die Macht der Medien hinsichtlich ihrer Thematisierungsfunktion: „Die Medienagenda beeinflußt die Rezipientenagenda für einige Rezipienten, für andere nicht; bei einigen Themen, bei anderen nicht; zu einigen Zeitpunkten, zu anderen nicht.“

Nichtsdestoweniger besitzt der Agenda-Setting-Effekt der Medien gesellschaftliche Relevanz. Medien haben als die heute wichtigste Informationsquelle eine gesellschaftliche Funktion zu erfüllen:

„Die Medienberichterstattung macht die Rezipienten im Idealfall auf dringliche Probleme aufmerksam und erzeugt bei halbwegs konsonanter Medienberichterstattung einen gesellschaftlichen Konsens darüber, welche Themen wichtig sind und welche Probleme gelöst werden müssen. […] Funktional ist dies allerdings nur dann, wenn sich die Massenmedien vor allem den Themen zuwenden, die objektiv betrachtet die größte Relevanz besitzen – andernfalls beschäftigen sich die Menschen mit irrelevanten Themen und verlieren die dringlichen Probleme aus den Augen. Die Frage nach der Funktionalität des Agenda-Setting-Effekts ist folglich eng verbunden mit der Frage nach der ObjektivitätRealität, objektive der journalistischen Nachrichtenauswahl.“ (Maurer 2010: 84)

Tatsächlich ist es aber so, dass die Medien „Themen und Ereignisse oft nicht entsprechend ihrer tatsächlichen Relevanz wiedergeben“. Messbar ist dies „durch einen Vergleich der Berichterstattung mit medienexternen Realitätsindikatoren“ (Maurer 2010: 85).1 Dahinter stehen die vielen Faktoren, die die Nachrichtenselektion beeinflussen (siehe Nachrichtenwerttheorie oder auch Abb. 3). Die Folge ist, dass „Rezipienten anhand der Medienberichterstattung oft falsche Vorstellungen von der Dringlichkeit politischer Probleme erhalten“ (Maurer 2010: 84) und ihr Handeln danach ausrichten.2 Agenda-Setting-Forschung kann diese Diskrepanz aufzeigen und hier Problembewusstsein schaffen (vgl. Maurer 2010: 86f.).

Die in der vorliegenden Arbeit vorgenommene ThemenfrequenzanalyseThemenfrequenzanalyse entspricht der Beschreibung der Medien-Agenda hinsichtlich des Themas „katholische Kirche“. Allerdings beschränke ich mich auf eine reine Deskription der Themenstrukturen, ohne zu untersuchen, inwieweit die Publikums-Agenda der Medienagenda entspricht.Agenda-Setting

FramingFraming

Ein FrameFraming ist ein „Interpretationsrahmen“, innerhalb dessen Journalisten die Selektion und Darstellung von Information bewusst oder unbewusst vornehmen. Es handelt sich um „unterschiedliche Sichtweisen eines Problems“ (Stengel/Marschall 2010: 128), die sichtbar werden an der Auswahl oder Hervorhebung von inhaltlichen Aspekten, so dass „eine bestimmte Definition des Problems, eine ursächliche Interpretation, eine moralische Bewertung und/oder eine Handlungsempfehlung für das beschriebene Thema begünstigt werden“ (Entman 1993, zitiert nach Stengel/Marschall 2010: 128). „Durch ‚Framing‘ werden bestimmte Teile der Realität hervorgehoben, andere dagegen heruntergespielt oder ignoriert“ (Kunczik/Zipfel 2005: 272).

Der FramingFraming-Ansatz untersucht (vor allem unter Rückgriff auf die Methode der InhaltsanalyseInhaltsanalyse), über welche Themen auf welche Art und Weise berichtet wird und welche Frames dahinterstehen. Ziel ist es aufzudecken, ob und wie die Journalisten das Medienpublikum beeinflussen. Dahinter steht die Annahme, dass RezipientInnen z.B. „aufgrund der Berichterstattung neue [Interpretations-]Rahmen entwickeln“ (Kunczik/Zipfel 2005: 272). Entman zufolge (vgl. 1993, zitiert nach Stengel/Marschall 2010: 128) können die Effekte, „die die Art der Darstellung eines Themas auf das Publikum hat“, unterschiedlich sein und sind kaum vorhersagbar.

Die vorliegende Arbeit berührt im Grunde auch diesen Ansatz, wenn es darum geht, die BewertungenBewertung der JournalistInnen hinsichtlich der katholischen Kirche zu analysieren und damit die Haltung der Redaktionen gegenüber der katholischen Kirche – bzw. eben ihren FrameFraming, ihren Interpretationsrahmen zu beschreiben.Kommunikator

An der Darstellung der verschiedenen Ansätze der Kommunikator- bzw. Medienwirkungsforschung wurde deutlich, dass die einzelnen Theorien durchaus miteinander in Zusammenhang stehen und oft gar nicht so einfach zu trennen sind. Vielmehr scheinen sich die einzelnen Konzeptionen zu ergänzen (vgl. Kunczik/Zipfel 2005: 271). Es zeigte sich auch, dass die vorliegende Arbeit Elemente aus mehreren Ansätzen in sich integriert, wobei der Schwerpunkt auf der Nachrichtenwerttheorie liegt.

2.4 Medieninhaltsforschung

Bonfadelli (2006b: 173) beschreibt Medieninhalte als „die von den Medien im Kommunikationsprozess verbreiteten Botschaften und die damit übermittelten symbolischen Bedeutungen“. Im Englischen gibt es hier die Unterscheidung zwischen „message“ (z.B. Zeitungsartikel, d.h. Texte und Bilder) und „meaning“ (die Bedeutung des Übermittelten).

Zu bedenken ist jedoch, dass in den verschiedenen Forschungsrichtungen statt „Medieninhalt“ auch andere Begriffe wie Medienaussagen, TextTextMedientextMedientext oder Medienprodukte verwendet werden, so dass hier eine gewisse terminologische Unschärfe besteht (vgl. Bonfadelli 2006b: 173).

„Die Analyse der Inhalte der modernen MassenmedienMassenmedien stand wegen ihrer massenhaften Verbreitung sowie ihrer enormen Popularität, und nicht zuletzt wegen der damit verknüpften Wirkungsvermutungen bezüglich des Publikums von Beginn an sowohl im Zentrum der empirischen Forschung der Publizistikwissenschaft als auch im Fokus der kritischen Öffentlichkeit.“ (Bonfadelli 2003: 79)

Medieninhaltsforschung als eigenständiges Forschungsfeld der Medien- und KommunikationswissenschaftKommunikationswissenschaft zu bezeichnen, mag jedoch auf den ersten Blick näher liegen, als es das auf den zweiten Blick tut. Sie beschäftigt sich vor allem mit dem „Who says What“ der Lasswell-Formel – mit dem Was, dem MedientextMedientext. Doch dies tut sie nicht, ohne auch andere Aspekte der Lasswell-Formel zu berücksichtigen. Nach Bonfadelli (vgl. 2003: 79) werden Medieninhalte deshalb gerne analysiert, weil sie besonders leicht zugänglich sind (im Gegensatz etwa zu den Kommunikatoren). Sie werden aber selten sozusagen um ihrer selbst willen untersucht, sondern meist unter einer bestimmten Perspektive.

„Für sich allein bilden [die Medieninhalte] selten einen eigenständigen Gegenstand, außer aufgrund von quantifizierenden Aussagen- bzw. Inhaltsanalysen (vgl. Früh 1998; Merten 1995) oder qualitativen Textanalysen (Hijmans 1996), welche die ‚sekundäre‘ Medienrealität zu erfassen und beschreiben versuchen.“ (Bonfadelli 2003: 82)

Die Medieninhaltsanalyse der vorliegenden Arbeit versucht genau dies: Sie will die sekundäre MedienrealitätMedienwirklichkeit mittels einer InhaltsanalyseInhaltsanalyse sowie einer qualitativen Textanalyse, nämlich der DiskursanalyseDiskursanalyse, erfassen. Die Analyse wird jedoch aus der Kommunikatorperspektive vorgenommen (s.u.), d.h., sie soll Erkenntnisse einerseits über die sekundäre Medienrealität, andererseits über die Kommunikatoren ermöglichen.

Die Unterscheidung zwischen Botschaft und Bedeutung bzw. „message“ und „meaning“ entspricht im Grunde bereits den zwei Grundtypen der Medieninhaltsforschung, wie sie Marcinkowski und Marr benennen. Das Erkenntnisinteresse des ersten Grundtyps liegt demnach in der reinen Deskription und

„beschränkt sich im Sinne einer Kartographie auf die Bestandsaufnahme und Klassifikation des medialen Angebots. Von Interesse sind dabei allgemeine Strukturmerkmale wie Umfang, Positionierung, Präsentationsweisen oder Genres mit denen verschiedene Angebotsformen vermittelt werden, die diesbezüglichen Unterschiede zwischen den Medientypen (Presse, Rundfunk, Internet) sowie ihre Veränderungen im Zeitverlauf.“ (Marcinkowski/Marr 2005: 427f.)

Der zweite Grundtyp interessiert sich für die InferenzenInferenz der Medieninhalte, d.h. für die durch die Medieninhalte gewonnenen Erkenntnisse bezüglich der Kommunikatoren, der Wirkung der Medieninhalte, der Zusammenhänge der Medieninhalte untereinander sowie des Realitätsbezugs der Medieninhalte (vgl. hierzu die Ausführungen von Marcinkowski/Marr 2005: 428f.).

Bonfadelli nennt vier ähnliche Perspektiven zur Analyse von Medieninhalten, die er zusammen mit den jeweiligen Analyseinstrumenten in einem Schaubild darstellt (Abb. 5).

Abb. 5:

Perspektiven und Instrumente zur Analyse von Medieninhalten (Quelle: Bonfadelli 2003: 80)

Bonfadelli stellt im Weiteren fest (2003: 82), „dass Medieninhalte meist in Relation zu den Kommunikatoren oder zu den Rezipienten untersucht werden“. Oder wie Scholl (2005: 231) es formuliert: „[…] man kann die Analyse von Medieninhalten und ihren Strukturen als Schnittstelle für die Analyse ihrer Entstehung und Folgen betrachten“.

Die Bandbreite der Fragestellungen in der Medieninhaltsforschung ist enorm, doch gibt es einige Themen, denen vermehrt Aufmerksamkeit geschenkt wird. Bonfadelli (vgl. 2003: 82–87) führt eine Liste solcher Themen an, die er nach Durchsicht publizistikwissenschaftlicher Fachzeitschriften zusammengestellt hat:


Repräsentanz bzw. Stereotypisierung von Bevölkerungsgruppen und Minoritäten,Darstellung von Frauen und Männern in den Medien,Medienkultur und Wertewandel,Kriminalität und Gewalt,Ausländerfeindlichkeit und Rechtsradikalismus,Konflikte, Krisen, Terrorismus und Kriegsberichterstattung,Umwelt, Wissenschaft, Technik und Risiken,

Scholl (2005: 232) nennt einige Fragestellungen, mit denen sich die Forschung vor allem im Bereich der journalistischen Berichterstattung auseinandersetzt, was für die vorliegende Arbeit von Interesse ist. Die Fragestellungen überschneiden sich weitgehend mit denen in Bonfadellis allgemeinerer Aufzählung. Weitere, bei Scholl angeführte Themen sind „Politik und politische Prozesse im Allgemeinen; Wahlkampf; Skandale; […] Sexualität (vor allem in Boulevardmedien); […] Wirtschaft; Sport“.

In der Medieninhaltsforschung gibt es entsprechend den vielen Fragestellungen bzw. Perspektiven auch sehr viele methodische Zugänge. Der Zusammenhang zwischen Perspektive und Analyseinstrument wurde bereits in Abb. 5 deutlich. Etabliert hat sich vor allem die (quantifizierende) InhaltsanalyseInhaltsanalyse. Sie nimmt in der Medieninhaltsforschung einen derart großen Stellenwert ein, dass der Untersuchungsgegenstand „Medieninhalte“ oft sogar über sie definiert wird (vgl. Bonfadelli 2003: 79). Auch die vorliegende Arbeit greift auf sie zurück (siehe Abschnitt 2.4.2). Daneben gibt es eine Reihe von qualitativen Verfahren der Textanalyse, die hier – mit Ausnahme der DiskursanalyseDiskursanalyse – nicht von Bedeutung sind.2 Diskursanalytische bzw. linguistisch-semiotische Verfahren repräsentieren auch bei Beck (vgl. 2007: 176) einen von vier Ansätzen der Medieninhaltsanalyse.3 Die linguistisch-semiotischen Ansätze versuchen die „Beziehung zwischen Zeichen und Bezeichnetem“ zu rekonstruieren und die Konnotationen zu erfassen (Beck 2007: 176). Neben Analysen von visuellen Zeichen (z.B. Layout oder Anzeigen- und Plakatwerbung) und bewegten Bildern ist es vor allem die Analyse von MedienspracheMediensprache (s. a. Pressesprache), die sie für die vorliegende Arbeit interessant macht.

Diskursanalytische Verfahren, die einen geistes- und kulturwissenschaftlichen Hintergrund haben, analysieren Medieninhalte und deren Strukturen – meist mit dem Ziel, kritisch dahinterstehende IdeologienIdeologie (s. a. Welt- und Wertvorstellungen) aufzuzeigen (vgl. Beck 2007: 176). „Mit linguistischen Verfahren werden Argumentationsmuster, Stereotype, rhetorische Figuren, Narrationsverfahren, Zitationen und Stil untersucht, um an die Bedeutung hinter der Bedeutung zu gelangen.“ (Beck 2007: 176). Der Vorteil der DiskursanalyseDiskursanalyse ist, dass sie auch latente Bedeutungen untersucht, während die InhaltsanalyseInhaltsanalyse (vor allem die quantifizierende) vordergründig manifeste Inhalte erhebt (vgl. Beck 2007: 174) (zur Diskursanalyse in der Linguistik siehe Abschnitt 5).

Als Forscher ist es jedoch notwendig, sich dessen bewusst zu sein, dass wir im Grunde „niemals an die ‚objektiven‘Inhalte herankommen“. „Im Gegensatz zur spontanen Rezeption im Medienalltag“ ist es allerdings möglich,

„auf systematische und methodisch kontrollierte, also intersubjektiv nachvollziehbare Weise zumindest die sog. ‚manifesten Inhalte‘ [zu] rekonstruieren und [zu] untersuchen. Als ‚manifest‘ bezeichnet man jene Inhalte oder besser: materielle Zeichen und Zeicheninterpretationen, auf die wir uns gemeinsam verständigen können. Weitaus schwieriger ist es, auf intersubjektiv nachvollziehbare Weise ‚latente Inhalte‘ zu analysieren, also (weitere, nicht denonative) Bedeutungen, die möglicherweise ‚mitschwingen‘ oder konnotiert werden; hierüber können wir mithilfe semiotischer Verfahren Hypothesen formulieren.“ (Beck 2007: 174)

Die vorliegende Arbeit unternimmt den Versuch sowohl manifeste als auch latente Inhalte der Berichterstattung über die röm.-kath. Kirche zu untersuchen. Wie dabei vorgegangen wird, ist in den Abschnitten 6.1 und 13 nachzulesen.

Wie die Medieninhaltsanalyse gestaltet wird, hängt allerdings nicht nur von der Perspektive ab (KommunikatorKommunikator, Rezipient, Medien, Realität), auf die die Analyse ausgerichtet ist, sondern auch vom medientheoretischen Hintergrund, von dem der Forscher ausgeht:

„In Anlehnung an Bonfadelli (2002: 43–45) können grob vier medientheoretische Grundpositionen unterschieden werden:

 Idealistische Konzepte sehen die Medien als unabhängige Variable, d.h., die Medien beeinflussen zwar Gesellschaft und Kultur, werden selbst aber von diesen kaum beeinflusst.

 Materialistische Konzepte erkennen in den Medien einen Spiegel (Überbauphänomen) der Gesellschaft (Basis); sie sind abhängig von der Gesellschaft, den Produktions- und Machtverhältnissen (Kapitalismus etc).

 Interdependenz-Konzepte konstatieren eine wechselseitige Beeinflussung und Abhängigkeit von Medien einerseits und Gesellschaft bzw. Kultur andererseits; d.h., Medien sind Spiegel gesellschaftlicher Verhältnisse, können sie aber auch beeinflussen und zum Wandel beitragen.

 Autonomie-Konzepte sehen die Medien als relativ eigenständige Sphären oder gar (autopoietische) Systeme, die sich der gesellschaftlichen Steuerung weitgehend entziehen, umgekehrt aber auch nur begrenzte Steuerungsmacht auf andere gesellschaftliche Bereiche oder Systeme ausüben können.“ (Beck 2007: 173)

Von den vier vorgestellten Konzepten schließe ich mich dem Interdependenz-Konzept an, da mir die anderen drei Konzepte zu kurz greifen. Idealistische Konzepte ignorieren etwa den Einfluss der Ökonomie auf die Medien. Materialistische Konzepte berücksichtigen dies zwar, ignorieren hingegen die inzwischen empirisch nachgewiesene Medienwirkung auf die Rezipienten. Autonomie-Konzepte schließen die Medien von der Gesellschaft aus bzw. sehen sie als etwas Eigenständiges, Separates. Medien sind Teil der Gesellschaft, werden von dieser beeinflusst und beeinflussen diese auch selbst; letzteres allein schon aufgrund ihrer reinen Existenz. Medien wie das Radio, das Fernsehen, das Internet oder auch die neuen Handy-Technologien haben unser Leben, unser Verhalten nachhaltig verändert; man denke nur an Menschen, die ihren Rhythmus nach Fernsehserien ausrichten. Und hier ist noch nicht einmal die Rede vom Einfluss der Medieninhalte z.B. auf unser Kaufverhalten, der zwar schwieriger festzumachen ist, jedoch ein eigenes Forschungsfeld der Medien- und KommunikationswissenschaftKommunikationswissenschaft darstellt und zu dem es inzwischen zahlreiche Studien gibt.

Ich vertrete das Interdependenz-Konzept auch in Bezug auf die Tageszeitungen. Auch für sie gilt der wechselseitige Einfluss zwischen ihnen selbst und der Gesellschaft. Eine der (sogar staatspolitisch vorgesehenen) Aufgaben der Tageszeitungen ist neben der Information die Meinungsbildung.4 Wirkung ist also vorgesehen und intendiert. Wenn die Tageszeitungen nun über die röm.-kath. Kirche berichten, ist diese Berichterstattung z.B. für Personen, die nichts mit Kirche zu tun haben, oft die einzige Informationsquelle, der einzige Zugang zur Realität „Kirche“. Das mediale Bild der Kirche wird unter Umständen auf diese Personen übergehen. Diese Tatsache bildet eines der Motive dieser Arbeit, die zum Ziel hat, die Beschaffenheit der medial konstruierten Wirklichkeit „Kirche“ nachzuzeichnen.

Das Interdependenz-Konzept stimmt außerdem mit der hinter der DiskurslinguistikDiskurslinguistik stehenden Theorie überein, nach der DiskurseDiskurs Wissen reproduzieren, aber auch produzieren und Macht ausüben, indem sie Handlungen induzieren. Mediendiskurse bilden hier als Teile des gesamtgesellschaftlichen Diskurses keine Ausnahme (siehe Abschnitt 5).

Die Frage, auf welche Weise die Gesellschaft nun auf die Berichterstattung der Tageszeitungen über die röm.-kath. Kirche Einfluss nimmt, fließt insofern in die Fragestellung der Arbeit ein, als sie die Berichterstattung in den Ländern Österreich und Frankreich miteinander vergleicht. Es wird sich weisen, inwiefern sich gesellschaftliche Unterschiede in den Berichterstattungen widerspiegeln.

Blickt man auf die bisherige Medienforschung zurück, gibt es noch eine weitere grundlegende Unterscheidung bzw. „zwei grundsätzliche Herangehensweisen“, die die Ausrichtung der Analyse wesentlich beeinflussen. Diese unterscheiden sich in „entgegengesetzten Vorstellungen über die Funktion der Medien in der Gesellschaft“ (Marcinkowski/Marr 2005: 430); es geht kurz gesagt darum, ob die Medien die sogenannte Realität wiedergeben (sollen/können) oder nicht.

Die folgenden Ausführungen sind für diese Arbeit grundlegend. Sie schildern die theoretischen Hintergründe, auf denen sowohl die Hypothesen als auch die Methodik basieren. Aufgrund ihrer Bedeutung wird ihnen ein eigener Abschnitt gewidmet. Im Anschluss wird die Methode der InhaltsanalyseInhaltsanalyse vorgestellt.

2.4.1 Medieninhalte oder: Gibt es objektive BerichterstattungBerichterstattung, objektive (s. a. Realität, objektive)?

Die zentrale Frage lautet: Gibt es eine objektive RealitätRealität, objektive? Und wenn ja, ist diese erschließbar? Mit dieser eigentlich erkenntnistheoretischen Problemstellung setzte sich schon Platon in seinem Höhlengleichnis auseinander: Entspricht das, was wir wahrnehmen, was wir für wahr halten, tatsächlich der Wirklichkeit?

Auf die MassenmedienMassenmedien übertragen geht es hier um die Frage nach ihrem Verhältnis zur Realität. In der Kommunikationsforschung gibt es zwei verschiedene Antworten darauf, die Schulz (1989) mit den Metaphern die „ptolemäische“ und die „kopernikanische“ Antwort bezeichnet. Die ptolemäische Antwort war in der Kommunikationsforschung der 70er und 80er Jahre des 20. Jahrhunderts vorherrschend. Die Grundannahme war folgende:

„Da Medien ein hochgradig strukturiertes und oft verzerrtes Bild der Wirklichkeit präsentieren und da die Menschen ihr Verhalten – wenigstens teilweise – an diesem Bild der Wirklichkeit ausrichten, haben die MassenmedienMassenmedien einen starken Einfluß auf das Individuum und auf die Gesellschaft insgesamt.“ (Schulz 1989: 140)

Diese Annahme impliziert erstens, dass MassenmedienMassenmedien und Gesellschaft einen Gegensatz bilden, sowie zweitens, dass die Medien dazu da sind, die Realität originalgetreu widerzugeben. Medien sind demnach ein Spiegel der Wirklichkeit und haben Abbildfunktion (siehe zur Veranschaulichung Abb. 6). Die Forschungsfrage lautete sozusagen „Wie (gut oder schlecht) bilden die Medien die Wirklichkeit ab?“ (Burkhart 2002: 274).

Abb. 6:

Ptolemäische Perspektive: Medien als Spiegel der Wirklichkeit (Quelle: Burkart 2002: 272)

Die Folge dieser Ansicht war massive MedienkritikMedienkritik an der sogenannten „verzerrten“ MedienwirklichkeitMedienwirklichkeit (vgl. Schulz 1989: 140f.).1

Viele Studien hatten das Ziel, MedienrealitätMedienwirklichkeit mit außermedialer Realität zu vergleichen und die Verzerrung dieser objektiven RealitätRealität, objektive durch die Medien nachzuweisen. Es entstanden Theorien wie das Modell der Schweigespirale, die Gate-Keeper-Forschung sowie die News-BiasNews-Bias-Forschung oder auch in ihren Anfängen die NachrichtenwerttheorieNachrichtenwert (vgl. Marcinkowski/Marr 2005: 431; Schulz 1989: 140).

Im Laufe der Zeit musste jedoch festgestellt werden, dass auch außermediale Realitäten (Umfragen, Statistiken usw.) nicht mit der „objektiven RealitätRealität, objektive“ gleichzusetzen waren, oder wie Luhmann sagt: dass es keine „ontologische, vorhandene, objektiv zugängliche, konstruktionsfrei erkennbare Realität“ gibt, wie es das Wort „Verzerrung“ unterstellt (Luhmann 1996: 20). Schulz (1976: 9) stellt dazu fest: „Jede Wahrnehmung, auch wenn sich der Beobachter um noch so akribische Feststellung der ‚Tatsachen‘ bemüht, ist immer schon eine Interpretation der Realität“. Und Schulz ein Jahrzehnt später (1989: 143):

„Die Annahme einer ‚Verzerrung‘ kann, wenn man es genau nimmt, immer nur als Hypothese aufrecht erhalten werden, die sich niemals falsifizieren läßt, die also immer ungesichert bleiben muß. Dasselbe gilt für die Annahme der Wirklichkeitstreue.“

Es kam zu einer kopernikanischen Wende – weg vom RealismusRealismus hin zum Konstruktivismus. Der KonstruktivismusKonstruktivismus ist keine Neuerfindung des 20. Jahrhunderts, das trifft lediglich auf den Terminus zu. Konstruktivistisches Denken gab es im Grunde bereits in der griechischen Philosophie der Antike. Die grundlegende Aussage des Konstruktivismus lautet:

„‚[…] daß wir – nach den Operationsweisen unserer Gehirne – nur Modelle von Wirklichkeiten entwerfen, nicht aber auf ‚die Realität‘ direkt zugreifen können. Bei dieserWirklichkeitskonstruktion Wirklichkeitskonstruktion geht es nicht um absolute Maßstäbe wie ‚wahr‘ oder ‚richtig‘, sondern um subjektabhängige Wirklichkeiten, mit deren Hilfe der einzelne Mensch in der prinzipiell unzugänglichen Realität durchkommt.‘“ (Weischenberg 1992/1993, zitiert nach Maletzke 1998: 128f.)

Radikale Konstruktivisten vertreten die Meinung, dass der Mensch „immer nur etwas von sich selbst [weiß], niemals aber etwas über die Realität außerhalb seiner selbst“; Maletzke (1998: 128) spricht vom radikalen KonstruktivismusKonstruktivismus, radikaler auch als „erkenntnistheoretischen Agnostizismus“. Die Beschränktheit geht auf die autopoietische Geschlossenheit des Menschen zurück, der von der Umwelt abgetrennt, aber zugleich auch mit ihr gekoppelt ist (vgl. Weber 2003b: 185). Der Begriff „Autopoiesis“ stammt ursprünglich vom Neurobiologen Maturana, dessen Bio-Epistemologie den KonstruktivismusKonstruktivismus wesentlich beeinflusst hat. Die Sinnesorgane und das Nervensystem des Menschen können zwar durch Reize der Umgebung irritiert werden, zur Sinngebung, zum Verstehen kommt es erst im bzw. durch das kognitive System, also im bzw. durch das Gehirn des Menschen.

„Es lassen sich also Signale oder Reize übermitteln, nicht jedoch Informationen oder Bedeutungen. […] Lediglich die Tatsache, dass wir Menschen über ein gemeinsames biologisches Erbe sowie innerhalb der Gesellschaft auch über kulturelle und soziale Gemeinsamkeiten verfügen, macht es möglich, dass wir uns verstehen. Kommunikation ist also ein sehr unwahrscheinlicher und voraussetzungsvoller Prozess.“ (Beck 2007: 47)

Hier drängt sich schon der erste Einwand auf: Wie kann es sein, wenn Kommunikation doch so unwahrscheinlich ist, dass derart häufig kommuniziert wird und diese Kommunikation dann auch noch gelingt? Die Theorie des (radikalen) KonstruktivismusKonstruktivismus steht im Widerspruch zur Alltagswahrnehmung, aber auch zu Wissenschaftlern wie etwa Paul Watzlawick, auf den der berühmte Satz zurückgeht „Man kann nicht nicht kommunizieren.“

Die Rede war von der autopoietischen Geschlossenheit des Menschen: Die autopoietische Systemtheorie sieht Menschen als autopoietische, selbst-referentielle, in sich geschlossene Systeme (Maletzke 1998: 128). Niklas Luhmann überträgt schließlich die Rede von der autopoietischen Geschlossenheit auf soziale Systeme. Luhmanns Systemtheorie findet in den KonstruktivismusKonstruktivismus insofern Eingang (manche sprechen diesbezüglich auch vom operativen Konstruktivismus (vgl. Marcinkowski 2006: 139) oder von konstruktivistischer Systemtheorie (vgl. Weber 2002: 24)), als dass nun auch MassenmedienMassenmedien „als operativ geschlossenes Kommunikationssystem, dessen Kontakt zur Umwelt sich auf Beobachtung beschränkt“, konzipiert werden (vgl. Marcinkowski 2006: 139). Beobachtend konstruieren sie ihre mediale Wirklichkeit. Es sind also nicht nur Menschen, die Wirklichkeit schaffen, sondern auch Medien oder andere Systeme (vgl. Weber 2002: 24).

Diese Erkenntnisse des KonstruktivismusKonstruktivismus blieben nicht ohne Auswirkungen auf die Medienforschung, denn:

„Wenn Realität immer nur über Informationsverarbeitungsprozesse konkret erfahrbar ist, dann läßt sich der Anteil der Verzerrung nie genau bestimmen. Eine Überprüfung der MedienrealitätMedienwirklichkeit an einer von subjektiver Informationsverarbeitung, von Selektion und Strukturierung unbeeinflußten, gleichsam ‚reinen‘ Realität ist nicht möglich.“ (Schulz 1989: 143)

Auch die Arbeiten der Soziologen Berger und Luckmann in den 1960er Jahren („Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“, 1966; dt. 1969) waren für die Wende in der Medienforschung von Bedeutung. Demnach ist Wirklichkeit oder: sind die vielen verschiedenen Wirklichkeiten (Alltagswelt, Kunst, Theater, Religion u.a.) gesellschaftliche Konstruktionen. Erhalten und auch modifiziert wird die Wirklichkeit durch einen „permanenten Konstruktionsprozeß“ – und zwar durch Kommunikation. Dabei „leistet die Sprache die Übersetzung der objektiven in die subjektive Wirklichkeit“ und ist auch die Verbindung zwischen den verschiedenen Wirklichkeiten (Früh 1994: 18).

Medien „als Mittel[n] zur kollektiven Konversation“ kommt bei der Wirklichkeitskonstruktion „eine zentrale Rolle“ zu (Früh 1994: 18). Die kopernikanische Antwort der Medienforschung sieht die Medien als Teil der Gesellschaft und nicht länger als Spiegel der Realität (Abb. 7).

Abb. 7:

Kopernikanische Perspektive: Medien als Teil der Wirklichkeit (Quelle: Burkart 2002: 273)

Die Aufgabe der Medien wird forthin nicht mehr in der Abbildung der Realität gesehen, sondern darin „die Stimuli und Ereignisse in der sozialen Umwelt zu selektieren, zu verarbeiten, zu interpretieren“ (Schulz 1989: 142) und so eine „valable Zweitversion“ der Realität herzustellen und zu verbreiten, nicht zuletzt um „eine gesellschaftlich geteilte Vorstellung von Wirklichkeit als Basis gemeinsamen Handelns zu schaffen“ (Marcinkowski/Marr 2005: 431). Schulz (1989: 141f.) nennt Medien daher auch „Weltbildapparate“: „Die Realität, die in der ‚ptolemäischen‘ Auffassung als Gegenstand und Voraussetzung von Kommunikation angesehen wird, ist in der ‚kopernikanischen‘ Sichtweise deren Ergebnis.“

Wenn die Medien nun aber Wirklichkeit konstruieren und nicht spiegeln, bringt massenmediale Berichterstattung

„niemals ein Abbild der Wirklichkeit zustande. Keine Nachrichtenberichterstattung kann daher auch nur im entferntesten Sinne ‚umfassend‘ oder ‚vollständig‘ sein, denn sie ist ihrem Wesen nach eher das Gegenteil: Ereignisse werden erst dadurch zu Nachrichten, daß sie aus der Totalität und Komplexität des Geschehens ausgewählt werden. Nur durch die Unterbrechung und Reduktion der raum-zeitlichen Kontinuität und der Ganzheit des Weltgeschehens läßt sich Realität umsetzen in Nachrichten.“ (Burkart 2002: 275)

Es gibt nach dem radikalen KonstruktivismusKonstruktivismus, radikaler keine Berechtigung, die mediale Wirklichkeit mit „wirklicher Realität“ zu vergleichen, da beides menschliche Konstruktionen sind (vgl. Maletzke 1998: 130). „‚Die Berichterstattung spiegelt die Realität weder angemessen noch unangemessen. Sie stellt vielmehr ein Konstrukt dar, das nichts anderes reflektiert als die Arbeitsbedingungen der Journalisten‘“ (Kepplinger 2011: 60). Was bedeutet dies aber für die Medieninhaltsforschung? Marcinkowski und Marr antworten auf diese Frage folgendermaßen:

„Inhaltsforschungen, die diesem Paradigma folgen, interessieren sich weniger für die Übereinstimmungen zwischen medialer und nicht-medialer Realität, sondern vielmehr für die spezifischen Prinzipien, denen die mediale Realitätskonstruktion folgt.“ (Marcinkowski/Marr 2005: 431)

Die Forschungsfrage der Medieninhaltsforschung aus kopernikanischer Perspektive lautet also:

„‚Wie konstruieren die Medien die Wirklichkeit?‘ oder genauer: ‚Worin bestehen die Selektions- und Interpretationsregeln, nach denen Realität für uns in den Nachrichtenmedien definiert wird?‘ ‚Gibt es möglicherweise einen allgemeinverbindlichen Konsensus unter den Nachrichtenproduzenten?‘“ (Burkart 2002: 274f.)

Theorien, die dieser kopernikanische Ansatz hervorgebracht hat, sind etwa die FrameFraming-Theorie oder eine weiterentwickelte NachrichtenwerttheorieNachrichtenwert (vgl. Marcinkowski/Marr 2005: 431).

Neben den vielen Einsichten, die dem kopernikanischen Ansatz zu verdanken sind, wirft er auch einige neue, vor allen Dingen medienethische Fragen auf. So scheint er einen gewissen Relativismus nach sich zu ziehen, eine „Beliebigkeit, die jegliche Kritik an den Medien von vornherein ausschliesst“ (Marcinkowski/Marr 2005: 431f.). Wenn alles Konstruktion ist, wie kann dann festgestellt werden, ob eine Berichterstattung objektiv ist oder nicht? Haben Begriffe wie „Wahrheitstreue“ oder eben „ObjektivitätRealität, objektive“ ausgedient? Ist jede Forderung nach Objektivität illegitim? Oder wie Schulz es formuliert:

„Wenn das, was wir für Realität halten, ein soziales Konstrukt ist, das in starkem Maße von den MassenmedienMassenmedien bestimmt wird, müssen wir dann nicht die Vorstellung einer objektiven, unabhängig vom Beobachter existierenden Realität aufgeben – und damit auch wichtige Regeln der journalistischen Profession wie Sachlichkeit, Wahrhaftigkeit, Unparteilichkeit?“ (Schulz 1989: 145)

Radikale Konstruktivisten würden diese Frage klar bejahen (vgl. Maletzke 1998: 130f.). Bedeutet dies also das Ende der MedienkritikMedienkritik? Burkart (2002: 273f.) beschreibt einen Ausweg aus diesem Dilemma: „ObjektivitätRealität, objektive, Wahrheit, Neutralität als Prinzipien journalistischen Handelns“ seien „idealtypische Zielvorstellungen“ bzw. „handlungsleitende Normen, die das faktische Verhalten bestimmen sollen“. Dennoch: Die normative Forderung nach Objektivität würde umgewandelt zu einer unverbindlichen Empfehlung.

Eine weitere Frage, die sich auftut: Wenn alles konstruiert ist – wie kann dann Forschung (natur-, geistes- sozialwissenschaftliche …) noch Allgemeingültiges hervorbringen? Anstatt von ObjektivitätRealität, objektive, von Verifikation und Falsifikation ist im Konstruktivismus die Rede von Viabilität und Validierung (vgl. Weber 2003b: 187).

Es ist nachvollziehbar, dass für die vorliegende Arbeit, die von einer einseitigen, nicht neutralen, negativen Berichterstattung über die röm.-kath. Kirche ausgeht, solche Fragen zentral sind und nicht zuletzt über ihren Sinn und Unsinn entscheiden.

Innerhalb der kopernikanischen Antwort bzw. der zahlreichen Spielarten des KonstruktivismusKonstruktivismus gibt es einige Lösungsansätze, diesen konstruktivistischen Relativismus zu umgehen. An dieser Stelle wird auf zwei Ansätze eingegangen, die fruchtbare Aspekte in die Debatte einbringen. Zum einen ist dies Schmidts Ansatz der zirkulären Wirklichkeitskonstruktion, zum anderen Benteles rekonstruktiverRekonstruktion Ansatz.

Der Medienkulturwissenschaftler Schmidt hat in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts ein non-dualistisches Modell der „zirkulären Wirklichkeitskonstruktion“ entwickelt. Non-Dualismus meint hier die Überwindung des Entweder-Oder von RealismusRealismus und KonstruktivismusKonstruktivismus bzw. der seit der griechischen Philosophie bestehenden Dichotomie von Wahrnehmung und Realität. Dadurch, so Schmidt, wird die Rede von Annäherung (der Wirklichkeitskonstruktion an die Realität) und Scheitern bzw. von der Wahrheit und der Realität hinfällig (vgl. 2000: 55).

Wirklichkeit wird nach Schmidt „im Kreislauf von Kognition, Kommunikation, Medien und Kultur“ erzeugt und hängt nicht nur vom Subjekt und seinem kognitiven System allein ab (Weber 2003b: 187f.). Medien sind semiotische Kommunikationsinstrumente wie natürliche Sprachen, Kommunikationsmaterialien wie Zeitungen, technische Mittel wie Computer oder Kameras, soziale Organisationen wie Verlage oder Rundfunkanstalten sowie Medienangebote wie Zeitungsartikel oder Radiosendungen (vgl. Weber 2003b: 188).

Abb. 8 fasst den Prozess der zirkulären Wirklichkeitskonstruktion gut zusammen:

Abb. 8:

Zirkulärer Prozess der Wirklichkeitskonstruktion (Quelle: Schmidt 1999: 123)

Einerseits lebt jeder in seiner eigenen Wirklichkeit, andererseits geschieht die individuelle Wirklichkeitskonstruktion jedoch in Abhängigkeit von einem gesellschaftlichen Prozess der Wirklichkeitskonstruktion. Schmidt (1999: 124) sieht dabei die Individuen vor allen Dingen als Träger der Konstruktion und „nur bedingt als Gestalter“:

„Mit anderen Worten, Wirklichkeitskonstruktionen von Aktanten sind subjektgebunden, aber nicht subjektiv im Sinne von willkürlich, intentional oder relativistisch. Und zwar deshalb, weil die Individuen bei ihren Wirklichkeitskonstruktionen […] immer schon zu spät kommen: Alles, was bewußt wird, setzt vom Bewußtsein unerreichbare neuronale Aktivitäten voraus, alles was gesagt wird, setzt bereits das unbewußt erworbene Beherrschen einer Sprache voraus; worüber in welcher Weise und mit welchen Effekten gesprochen wird, das setzt gesellschaftlich geregelte und kulturell programmierte DiskurseDiskurs in sozialen Systemen voraus. Insofern organisieren diese Prozesse der Wirklichkeitskonstruktion sich selbst und erzeugen dadurch ihre Ordnungen der Wirklichkeit(en).“

Kultur und Sozialisation sagen uns, wie wir uns in bestimmten Situationen zu verhalten haben. So wird beispielsweise das Gelingen der Kommunikation gewährleistet. Aufgrund unserer Erfahrungen haben wir unserem Gesprächspartner gegenüber eine bestimmte Erwartungshaltung. Mehr als das – wir erwarten, dass unser Gesprächspartner wiederum von uns Bestimmtes erwartet. Dies gilt nicht nur für sprachliche, sondern für jegliche Art von Handlungen. Schmidt spricht diesbezüglich von „Erwartungserwartungen“ sowie von „kollektivem Wissen“ (Schmidt 2000: 56). Geglückte Erwartungserwartungen bestätigen unser kollektives Wissen, bestätigen uns in unserem Tun.

Das kollektive Wissen spielt auch eine bedeutende Rolle in der Frage nach dem Wahrheitsanspruch und nach der (Un-)Möglichkeit empiristischer Forschung. Bei Letzterer handelt es sich nicht um das Herausfinden der Realität, sondern um das Herausfinden von gemäß unserer Kultur und Erfahrung verlässlichen Fakten (vgl. Schmidt 2000: 55). Schmidt vertritt also ebenfalls die konstruktivistische Auffassung, dass Realität in keiner Weise zugänglich ist (nicht so Bentele: s.u.). Empirie ist möglich, sagt jedoch nichts über Realität aus, sondern erhebt „unsere Welt“, unsere gemeinsam konstruierte Welt, über die wir nicht hinaus können.

Was sagt Schmidt zur Wirklichkeitskonstruktion in den Medien? Sie sind „menschliche Konstruktionen, die für menschliche Konstruktionen genutzt werden können. Darum bleibt der Mensch für sie verantwortlich“ (1999: 127). Schmidt lehnt es ab, Medien zu verabsolutieren, sie als Totalität zu sehen. Hinter den Medien stehen soziale Institutionen und Organisationen, die auf den ökonomischen Erfolg des Mediums aus sind (vgl. Schmidt 2000: 100–102).2 Die Wirklichkeitskonstruktion der Medien, ihre gesellschaftlichen Regelungen (etwa die Mediengesetze), aber auch ihre Inhalte werden demnach beeinflusst von „technische[n], ökonomische[n] und rechtliche[n] sowie politische[n] Faktoren“ (Schmidt 1999: 126).

Doch nicht nur die Gesellschaft wirkt auf die Umwelt, auch die Medien nehmen Einfluss auf die Gesellschaft und die gesellschaftliche Wirklichkeitskonstruktion (ganz dem erwähnten Interdependenz-Modell entsprechend, s.o.). Nach Schmidt (2000: 103f.) wird massenmedialer Kommunikation oft unbegrenzte Nutzerreichweite unterstellt, was dazu führt, dass der Eindruck gewonnen wird,

„alle wüßten, was man selbst weiß, und orientierten sich in vergleichbarer Weise an den Wirklichkeitskonstrukten, die in den Medien inszeniert werden. Damit wird die Wahrscheinlichkeit erhöht, daß Aktanten dazu neigen, solche medialen Wirklichkeitskonstruktionen in ihre eigenen Wirklichkeitskonstruktionen einzubauen, was wiederum zu einer Parallelisierung der individuellen Wirklichkeitskonstruktionen und damit zur Fiktion gesellschaftlicher Homogenität führt. Insofern tragen auch Medienangebote in massenmedialer Kommunikation zur Sozialisation der Aktanten wie zur strukturellen Kopplung von Kognition und Kommunikation bei und erzeugen über die geschilderten virtuellen Strukturen bei Beobachtern erster Ordnung die intuitive Überzeugung der gesellschaftlichen Verbindlichkeit der eigenen Wirklichkeitskonstruktion.“

Gesellschaftliche und individuelle Wirklichkeitskonstruktion sind untrennbar miteinander gekoppelt. Es handelt sich eben um „zirkuläre Wirklichkeitskonstruktion“. Die Kopplung macht schließlich auch die Definition eines Mediums als vermittelnde Instanz sinnlos (vgl. Schmidt 1999: 127). Schmidts Modell „gilt bis heute als Standardmodell des soziokulturellen und medienkulturellen KonstruktivismusKonstruktivismus“ (Weber 2003b: 188).

Nun zum zweiten Ansatz, der das Relativismus-Problem des KonstruktivismusKonstruktivismus zu überwinden versucht und dabei noch etwas weiter zu gehen scheint als der von SchmidtRekonstruktion: Es handelt sich um Benteles rekonstruktiven Ansatz, dessen Basis die Evolutionäre ErkenntnistheorieErkenntnistheorie, evolutionäre bildet und der die Denkrichtungen des RealismusRealismus und des Konstruktivismus in sich integriert. Bentele geht von der Frage aus, warum manche Wirklichkeitskonstruktionen mehr Erfolg haben als andere, warum einige akzeptiert werden, andere hingegen nicht, d.h., er spricht die Objektivitäts- bzw. Viabilitätsproblematik an.

„Während der KonstruktivismusKonstruktivismus – soweit ich sehe – nicht erklären kann, warum bestimmte Wahrnehmungen und Erkenntnisse nun viabel sind und andere nicht, warum sie erfolgreich sind, kann die EE [= Evolutionäre ErkenntnistheorieErkenntnistheorie, evolutionäre] dies erklären. Richtige Wahrnehmungen, wahrheitsgemäße Erkenntnisse, und – im journalistischen Bereich – objektive BerichterstattungBerichterstattung, objektive (s. a. Realität, objektive) sind deshalb erfolgreicher im Vergleich zu falschen Wahrnehmungen, unwahren Erkenntnissen und verzerrter Berichterstattung, weil die entsprechenden Teilstrukturen aufeinander ‚passen‘. Das Konzept der ‚Passung‘ stellt damit gleichzeitig die evolutionsbiologisch fundierte Begründung für die Möglichkeit von objektiver Erkenntnis im Rahmen der EE dar.“ (Bentele 1996: 132)

Die Evolutionäre ErkenntnistheorieErkenntnistheorie, evolutionäre besagt nämlich, dass es sehr wohl objektive bzw. reale Strukturen gibt, die durch Wahrnehmung zumindest teilweise auch erkennbar sind. Bentele stellt diesbezüglich fest (1996: 133): „Auch wenn sich RealismusRealismus weder beweisen noch widerlegen läßt, ist es vernünftig, sie als real anzusehen. Alles Wissen über diese Realität ist hypothetisch, also vorläufig fehlbar, nicht völlig gewiß.“

Der subjektive Erkenntnisprozess ist geprägt von den drei Prinzipien Perspektivität, Selektivität und Konstruktivität (vgl. Bentele 1996: 133f.). Objektive und subjektive Erkenntnisstrukturen sind nicht völlig unabhängig voneinander, sondern „passen aufeinander wie ein Werkzeug auf das Werkstück, wie eine Fußsohle auf den Boden paßt oder die Flossen der Fische zum Wasser passen“. Die Evolutionäre Erkenntnistheorie begründet diesen „Passungscharakter“ aller menschlichen Erkenntnis (Bentele 1996: 134) biologisch.

Bentele macht diese Positionen der Evolutionären ErkenntnistheorieErkenntnistheorie, evolutionäre für seinen rekonstruktiven Ansatz fruchtbar. Dieser unterscheidet verschiedene Realitätstypen und setzt sie zueinander in ein Verhältnis: natürliche, soziale, kommunikative Realität, MedienrealitätMedienwirklichkeit, fiktive Realität. Die drei Wahrnehmungs- bzw. Erkenntnisprinzipien Perspektivität, Selektivität, Konstruktivität werden dabei nicht nur auf das einzelne Individuum bezogen, sondern auch auf den Prozess der öffentlichen Kommunikation (vgl. Bentele 1996: 135). Diese Prinzipien „lassen sich mit kommunikationswissenschaftlichen Teiltheorien wie dem Agenda-SettingAgenda-Setting, der Nachrichtenfaktorentheorie oder dem Kultivierungsansatz gut kombinieren“ (Bentele 1996: 135).

Ähnlich wie Schmidt stellt Bentele (1996: 135) einen Einfluss der Umwelt (bei Schmidt Kultur und Medien) auf die Wirklichkeitskonstruktion fest: „Eine bestimmte Menge von Realitätsausschnitten ist sozial konstituiert, eine Teilmenge dieser Realitätsausschnitte wird durch die Existenz von Medien mitkonstituiert.“ Voraussetzung für die Wirklichkeitskonstruktion ist die Kommunikation (wieder eine Parallele zu Schmidt), die Sprache (Bentele 1996: 137): „Durch verbale Kommunikation sind Menschen in der Lage, außersprachliche Sachverhalte zu repräsentieren oder dies nicht zu tun, also z.B. zu lügen. Aber auch die Fähigkeit zu lügen setzt immer die Fähigkeit, die Welt zu erkennen, voraus.“

„Mediensysteme produzieren trotz aller Unschärfe und trotz aller Unterschiede meist ein ausreichend adäquates Bild über das Geschehen in lokalen, regionalen und internationalen Räumen. Ansonsten könnten wir uns überhaupt nicht über das politische, wirtschaftliche, sportliche oder kulturelle Weltgeschehen informieren.“ (Bentele 1996: 136f.)

Dies bedeutet, dass es eine vom Berichterstatter relativ unabhängige (ontologische) Realität gibt, die in die Berichterstattung auch tatsächlich einfließt – so die erste von fünf Grundpositionen Benteles zur journalistischen Berichterstattung.

„Jeder Akt der Berichterstattung ist nur durch das Wechselspiel von subjektiven Strukturen der Berichterstattung und des Berichterstatters einerseits und objektiven Wirklichkeitsstrukturen andererseits beschreib- und erklärbar.“ (Bentele 1996: 135)

Ereignisse werden von Bentele als „zeitlich, räumlich, örtlich abgrenzbare Realitätsausschnitte“ bzw. „Prozesse“ gesehen, die „bestimmte Charakteristika (Nachrichtenwerte) aufweisen müssen“, damit sie überhaupt in die Berichterstattung Eingang finden (Bentele 2008: 281). Neben Ereignissen können auch Entwicklungen und Trends zu Realitätsausschnitten werden. Sobald über sie berichtet wird, sind sie schon zur MedienrealitätMedienwirklichkeit geworden. Berichtete, bewertete Ereignisse, deren Berichte dann wiederum bewertet werden, können sich zu einem Thema oder einem Realitätskomplex entwickeln (vgl. Bentele 2008: 281f.).

Die zweite Grundposition bezüglich journalistischer Berichterstattung lautet: „Jeder Akt der Berichterstattung ist nur durch das Wechselspiel von subjektiven Strukturen der Berichterstattung und des Berichterstatters einerseits und objektiven Wirklichkeitsstrukturen andererseits erklärbar“ (Bentele 2008: 279). Die MedienrealitätMedienwirklichkeit ist also ein „Produkt der Realitätsverarbeitung durch Journalisten, Redaktionen und Medien“. Sie ist „zumindest in ihrer informierenden Komponente [Nachrichtensendungen, BerichteBericht, aber auch KommentareKommentar usw.] Rekonstruktion der Realität“ (Bentele 2008: 282). Journalistische Berichterstattung vollzieht sich in einem Prozess sogar mehrstufiger Realitätsrekonstruktion (durch Presseagentur, Redakteur, Chefredakteur, Rezipient usw.) (vgl. Bentele 2008: 283).

Die dritte Grundposition wird von Bentele (2008: 279) folgendermaßen formuliert: „Eine bestimmte Menge von Realitätsausschnitten ist sozial konstituiert, eine Teilmenge dieser Realitätsausschnitte wird durch die Existenz von Medien mitkonstituiert.“ MedienwirklichkeitMedienwirklichkeit ist nicht zuletzt wirklich in dreifachem Sinn: wirklich als real existierende konstruierte Zeichenwirklichkeit, die wahrgenommen (gelesen, angesehen, gehört) werden kann; wirklich als Repräsentation anderer Realitäten, die andere Menschen direkt erfahren haben und die die Medien mehr oder weniger präzise (oder wirklich) wiedergeben (vgl. Bentele 1996: 137f.); und wirklich im Sinne von „wirkend“: Die Medienwirklichkeit zieht „gesellschaftliche Auswirkungen und psychologische Wirkungen“ (auf Leser, Zuseher, Zuhörer) nach sich (Bentele 1996: 138). Das heißt, Medienwirklichkeit ist nicht nur Rekonstruktion der Realität, sondern selbst auch Teil davon.

Die vierte Grundposition besagt:

„Nachrichten werden normativ als Rekonstruktion von Wirklichkeit aufgefaßt, unabhängig davon, ob Wirklichkeit sozial konstituiert ist oder nicht. Empirisch ist feststellar, inwieweit sie (mehr oder weniger) adäquate Rekonstruktionen darstellen, oder inwieweit sie verzerrt sind.“ (Bentele 2008: 279f.)

Adäquate Realitätskonstruktion, also „wahrheitsgemäße und objektive Berichterstattung“Berichterstattung, objektive (s. a. Realität, objektive) (Bentele 1996: 135) ist nach diesem Ansatz (im Gegensatz zum radikalen Konstruktivismus) nicht nur möglich, sondern auch überprüfbar. Der Begriff „Verzerrung“, im radikalen KonstruktivismusKonstruktivismus, radikaler seines Sinns entleert, erhält im rekonstruktiven Ansatz wieder eine Bedeutung. Bentele (1996: 135) präzisiert: „Verzerrung ist nicht mit Selektivität identisch, allerdings können aus selektiven Darstellungen – ebenso wie aus perspektivischen oder aus der Konstruktion selbst Verzerrungen entstehen.“

Das Mediensystem enthält im Grunde bereits durch seine Beschaffenheit „eine Art von ‚eingebautem‘ Unschärfemechanismus, ein Prinzip des Medienrelativismus“ (Bentele 2008: 286). Dies ist unumgänglich, weil einerseits journalistische Selektion für die Berichterstattung notwendig und andererseits Falschberichterstattung unvermeidbar ist (Bentele 2008: 286): „[…] die mehrstufige Selektion von Information […] basiert auf einem Set von NachrichtenwertenNachrichtenwert, die – kulturell entstanden – relativ stabil sind und in welche Journalisten jeweils ‚einsozialisiert‘ werden.“Realität, objektive

Doch Selektion muss noch nicht Verzerrung oder Missachtung der RealitätsadäquatheitRealitätsadäquatheit bedeuten. Innerhalb der Mediensysteme gibt es neben der Voraussetzung der Sprache und den angesprochenen NachrichtenwertenNachrichtenwert auch vorgegebene, historisch gewachsene und sich weiterentwickelnde Normen (bei Schmidt in etwa „Kultur“), die einerseits die Rekonstruktionsfähigkeit und andererseits die Realitätsadäquatheit gewährleisten bzw. beeinflussen:

„Die journalistische Objektivitätsnorm und auf der Rezipientenseite der Glaubwürdigkeitsmechanismus können in dieser Perspektive als Gegentendenzen zu medialen Verzerrungstendenzen aufgefaßt werden. Diskrepanzerfahrungen des Publikums sind wichtig, weil sie über negative ökonomische und imagebezogene Auswirkungen auf die entsprechende Medienorganisation deren Präzisionsgrad und deren Bezugnahme auf die soziale Wirklichkeit mitsteuern.“ (Bentele 1996: 137)

Diese Diskrepanzerfahrungen sind schließlich auch ein Indiz, wenn nicht sogar ein Beweis dafür, dass es so etwas wie RealitätsadäquatheitRealitätsadäquatheit bzw. -verzerrung gibt.

Die fünfte und letzte Grundposition steht mit der vierten in unmittelbarem Zusammenhang:

„Objektive Berichterstattung ist daher – verstanden als adäquate Realitätsrekonstruktion – nicht nur normativ sinnvoll, sondern auch faktisch realisierbar. Die Feststellung irgendeiner Art von verzerrender Berichterstattung setzt logisch immer die Möglichkeit unverzerrter Berichterstattung voraus.“ (Bentele 2008: 280)

Die Frage ist nun: Was bedeutet „die Realität adäquat rekonstruieren“? Bentele definiert dazu den Objektivitätsbegriff neu. Objektivität sei über subjektive Akte möglich und weise Merkmale auf wie „Richtigkeit der verwendeten Aussagen“ (Wahrheitspostulat) und „Vollständigkeit in Bezug auf den verwendeten Sachverhalt“ (Vollständigkeitspostulat). Wichtig ist die gleichzeitige Erfüllung beider Kriterien. Eine Aussage kann zwar richtig, in den falschen Kontext gebracht (also entkontextualisiert) jedoch alles andere als „realitätsadäquat“ sein. Ebenso können die berichteten Informationen zwar richtig sein, wichtige andere hingegen („absichtlich oder unabsichtlich“) verschwiegen worden sein (Bentele 2008: 328). Das Vollständigkeitspostulat will dem entgegenwirken. Es besagt, dass „journalistische Aussagen über Ereignisse und Sachverhalte nicht nur richtig, sondern auch angemessen proportioniert zu produzieren“ sind. Vollständigkeit meint damit nicht die hundertprozentige Abbildung der Realität (die ja nicht möglich ist), sondern „die adäquat proportionierte Darstellung komplexer Realität“ (Bentele 2008: 328). Objektive Berichterstattung muss darüber hinaus möglichst transparent und damit auch nachvollziebar und letztlich nachprüfbar sein (vgl. Bentele 2008: 325f.).

Noch einige Präzisierungen: Wie oben bereits erwähnt, ist Selektion nicht gleichzusetzen mit Verzerrung, sie steht nicht im Widerspruch zu Objektivität. Selektion bzw. die Erkenntnisprinzipien „Perspektivität“, „Selektivität“ und „Konstruktivität“ sind für die Berichterstattung unumgänglich, genauso wie die sprachliche Formulierung der einzelnen Realitätsausschnitte. Die Konsequenz ist Bentele zufolge (2008: 326), dass in den berichteten Ereignissen unweigerlich „eine Reihe subjektiver Momente enthalten“ ist. „Allerdings lassen sich ‚notwendig‘ subjektive, also konstitutive Anteile des Subjekts an der Produktion von Texten von solchen unterscheiden, die nicht notwendig sind.“ Selbst unterschiedliche Perspektiven desselben Ereignisses, so Bentele weiter (2008: 327), können immer noch objektive Darstellungen sein; dies ist jedoch nicht der Fall, „wenn eines der allgemeinen Objektvitätsprinzipien oder eine der Objektivitätsregeln verletzt wird (z.B. Richtigkeit; Vollständigkeit; Trennung von Deskription und BewertungBewertung [Stichwort Transparenz], etc)“.

Ein Objektivitätsbegriff, wie er von Bentele beschrieben wird, erlaubt es nun wieder (zumindest teilweise, d.h., dort, wo die Metakriterien der Transparenz und Nachprüfbarkeit erfüllt sind), journalistische Berichterstattung auf ihre Realitätsadäquatheit zu überprüfen.

Ziel dieses Abschnitts war es, die Grundprobleme realistischer und konstruktivistischer Ansätze zu umreißen und die eine oder andere Perspektive aufzuzeigen. Weder RealismusRealismus noch KonstruktivismusKonstruktivismus in ihren radikalen Versionen erscheinen mir für eine medienwissenschaftlicheMedienwissenschaft Untersuchung brauchbar zu sein. Realismus ist zu naiv. Eine objektive Realität ist selbst dem Forscher nicht zugänglich. Auch wenn ihm präzisere Analyseinstrumente zur Verfügung stehen, während wir im Alltag auf unseren Wahrnehmungsapparat allein angewiesen sind, ist seine Herangehensweise, seine Analyse, seine Interpretation der Ergebnisse durch seine Sicht der Wirklichkeit beeinflusst und daher immer subjektgebunden (wenn auch nicht subjektiv und willkürlich, wie Schmidt sagt). Der Realismus greift also zu kurz.

Der radikale KonstruktivismusKonstruktivismus lässt jedoch empirische Untersuchungen sinnlos werden. Jeder ist Konstrukteur seiner eigenen Welt, die Realität, mag sie auch vorhanden sein, ist uns nicht zugänglich. Wir können über sie nichts erfahren. Das einzig Mögliche ist, verschiedene konstruierte Wirklichkeiten miteinander zu vergleichen. Dieser Vergleich bleibt jedoch auf Beschreibung beschränkt. In Bezug auf Berichterstattung kann nicht festgestellt werden, welcher Bericht der objektivere ist, der besser recherchierte. Objektivität wird umgewandelt zu Viabilität. Medienethische Forderungen sind nicht länger normativ, sondern allenfalls Zielvorstellungen, wenn nicht nur leise Empfehlungen.

Auch diese Denkrichtung greift zu kurz. Sie entspricht nicht unseren Alltagswahrnehmungen, den Leserbriefen, in denen falsche Berichterstattungen kritisiert werden, den Widerrufen und Klarstellungen der Redaktionen. Wieso klarstellen, wenn alles nur Konstruktion ist? Warum sollen manche Konstruktionen mehr Gültigkeit haben als andere?

Für die vorliegende Fragestellung wähle ich nun einen Weg dazwischen, den auch Schmidt und vor allem Bentele gehen. Beide haben versucht, mit ihren Ansätzen den „epistemologischen Solipismus“ (Bentele 1996: 131) des radikalen KonstruktivismusKonstruktivismus, radikaler hinter sich zu lassen und empirische Untersuchungen der Medienwirklichkeit bzw. MedienkritikMedienkritik wieder möglich zu machen. Ich ziehe für die Fragestellung meiner Arbeit nun folgendes Resümee:

1 Es ist nicht möglich, die untersuchten Medienwirklichkeiten 1:1 mit der ontologischen Realität zu vergleichen.

2 Da die Realität nach Bentele jedoch zumindest teilweise wahrnehmbar ist, ist es daher auch möglich, die Berichterstattung auf ihre Objektivität hin zu untersuchen, oder: auf ihre RealitätsadäquatheitRealitätsadäquatheit. Objektivitätskriterien sind dabei Richtigkeit, Vollständigkeit, Transparenz und Nachprüfbarkeit.

3 Es ist außerdem möglich, einen intermedialen Vergleich zu ziehen – was auch getan wird, indem erstens drei unterschiedliche österreichische Zeitungen untersucht werden und zweitens drei französische. So werden einerseits sechs einzelne Medienwirklichkeiten, andererseits die Medienwirklichkeiten der zwei betroffenen Länder nachgezeichnet.

4 Die Medienwirklichkeiten hängen nicht nur von den Journalisten ab, sondern auch vom dahinterstehenden System, wie Schmidt und Bentele feststellen. Das heißt, es handelt sich um Medienwirklichkeits (re)konstruktionen auf mehreren Ebenen (Presseagentur, Redakteur, Redaktion usw.). Eine Rolle spielt dabei auch die Kultur (im Sinne Schmidts). Dies wird in Bezug auf den Vergleich der österreichischen und französischen Medienwirklichkeiten besonders interessant: Inwiefern werden hier die verschiedenen Kulturen sichtbar?Inhaltsanalyse

2.4.2 Inhaltsanalyse

In diesem Abschnitt werden in aller Kürze die Ziele und das Verfahren der Inhaltsanalyse dargestellt. Im Bewusstsein, dass es viele verschiedene inhaltsanalytische Zugangs- und Vorgehensweisen gibt, beschränke ich mich darauf, die für die vorliegende Untersuchung relevanten anzuführen und für weitere Aspekte auf die umfangreiche Literatur zu verweisen. Die Geschichte der Inhaltsanalyse, quasi „so alt wie die Menschheit selbst“, ist z.B. bei Merten nachzulesen (1995: 35). Dort findet man auch eine umfassende Präsentation der verschiedenen inhaltsanalytischen Verfahren. Einführungen bieten auch Mayring (2010; vor allem für die qualitative Inhaltsanalyse), Rössler (2005) und schließlich Früh (2007), auf den ich mich hier hauptsächlich berufe. Früh (2007: 27) definiert Inhaltsanalyse als

„[…] eine empirische Methode zur systematischen, intersubjektiv nachvollziehbaren Beschreibung inhaltlicher und formaler Merkmale von Mitteilungen, meist mit dem Ziel einer darauf gestützten interpretativen InferenzInferenz auf mitteilungsexterne Sachverhalte.“

Unter InferenzInferenz wird ein „interpretative[r] Schluss von Mitteilungsmerkmalen auf externe Sachverhalte“ verstanden (Früh 2007: 44).

Damit scheint die Inhaltsanalyse als Methode für die vorliegende Untersuchung äußerst geeignet zu sein, die ja einerseits formale Merkmale wie sprachliche Besonderheiten, andererseits inhaltliche Merkmale wie die implizitenBewertung, implizite und explizitenBewertung, explizite WertungenBewertung oder die Themenagenda der Berichterstattung über die katholische Kirche in den Blick nimmt. Dabei will sie von diesen mitteilungsinternen Merkmalen auf mitteilungsexterne Sachverhalte wie die RedaktionslinienRedaktionslinie oder länderspezifische Unterschiede in der Berichterstattung schließen.

Merten definiert die Inhaltsanalyse ähnlich wie Früh: Sie verfolgt die „Analyse sozialer Wirklichkeit durch Textanalyse“ (1995: 34), indem „von syntaktischen, semantischen und/oder pragmatischen Textmerkmalen auf textexterne Merkmale geschlossen werden kann“ (1995: 11), nämlich auf (1) den KommunikatorKommunikator, (2) den Rezipienten oder (3) die Situation (1995: 34). Früh (2007: 44) spricht hier von drei Ansätzen der Inhaltsanalyse, nämlich (1) dem formal-deskriptiven Ansatz, der vor allem Beschreibung zum Ziel hat, (2) dem prognostischen Ansatz, der etwas über die Rezipienten in Erfahrung bringen möchte, und (3) den diagnostischen Ansatz, der

„etwas über die Entstehungsbedingungen, also über die Beziehung KommunikatorKommunikator – Mitteilung aussagen [will]. Hier geht es etwa um die Beantwortung der Frage, was der Autor mitteilen, welche Wirkungen er erzielen wollte, welche Eigenschaften, Fähigkeiten, Kenntnisse er besitzt oder welche subjektiven und kollektiven Wertvorstellungen er in den Text projiziert haben mag. Dabei muss es sich nicht unbedingt um eine einzelne Person handeln, sondern es kann auch Autorenteams (z.B. Zeitungsredaktionen) betreffen.“

Demnach entspricht die vorliegende Arbeit einer Mischung aus dem formal-deskriptiven Ansatz (Beschreibung der Merkmale) und dem diagnostischen Ansatz (nach Früh), der auf den KommunikatorKommunikator (nach Merten) schließen möchte. Hier ist sogleich einschränkend einzuwenden, dass ein Schluss auf die Kommunikatoren nur begrenzt möglich ist. Bei einer Inhaltsanalyse diagnostischen Ansatzes handelt es sich letztlich um eine Interpretation. Diese kann zwar hoch plausibel und intersubjektiv nachvollziehbar sein, doch muss ein wissenschaftlicher „Beweis“ im empiristischen Sinn ausbleiben. Nichtsdestoweniger ist die Inhaltsanalyse eine anerkannte „empirische“ Methode – wie es ja auch in Frühs Definition heißt. Inferenzschlüsse sind nicht zuletzt wegen „allgemein bekannte[r] Sprachkonventionen und weitere[r] Anhaltspunkte aus dem Kontext“ möglich, da diese „eine bestimmte Interpretation mit großer Gewissheit nahelegen“ (Früh 2007: 45). Wenn ich bei der Interpretation der vorliegenden Daten von meinem eigenen Verständnis ausgehe, ist dies dahingehend legitim, als dass ich dabei auf mein allgemeines Sprachverständnis zurückgreife und meine Interpretionsweise durch die Beschreibung des Verfahrens offenlege und damit nachvollziehbar mache (vgl. Früh 2007: 45). ObjektivitätRealität, objektive wird durch die „Transparenz des Erkenntnisprozesses“ geschaffen (Früh 2007: 133f.). Wichtig ist darüber hinaus, dass die Texte immer exakt und systematisch nach demselben Verfahren analysiert werden. Einen Beitrag zur ObjektivitätRealität, objektive im Sinne von Nachvollziehbarkeit leistet auch die „Berücksichtigung linguistischer Kriterien der Textanalyse“, „um trotz der Schwierigkeiten systematisch und valide zu bleiben“ (Mayring 2005: 13; Genaueres bei Knapp 2005).

Wie sieht nun aber dieses Verfahren aus? Früh versteht seine von ihm vorgeschlagene Form der Inhaltsanalyse als quantitativ-qualitative Methode (vgl. 2007: 74). Die Sozialwissenschaften, in deren Tradition die Inhaltsanalyse steht, legten lange Zeit den Schwerpunkt auf quantitative Methoden. Erst seit 20 Jahren akzeptieren sie vermehrt qualitative Ansätze, die mancherorts jedoch weiterhin umstritten sind, vor allem weil die klassischen Gütekriterien quantitiver Forschung nicht oder (nicht im gleichen Maß) anwendbar sind (vgl. Mayring 2010: 7f.). Jemand, der seit langem für eine qualitative Inhaltsanalyse und für eine „Überwindung des Gegensatzes qualitativ-quantitativ“ eintritt, ist Mayring (2005: 9):Kategorie

„Die Qualitative Inhaltsanalyse ist ein gutes Beispiel dafür, wie qualitative und quantitative Analyseschritte miteinander verbunden sein können. Denn die Schritte der Kategorienbildung und der Zuordnung von KategorienKategorie zum Text sind eindeutig qualitative Schritte […], in aller Regel werden dann aber Kategorienhäufigkeiten erhoben und quantitativ analysiert. Somit steht die Qualitative Inhaltsanalyse eigentlich zwischen den ‚Fronten‘, versucht einen Mittelweg.“

Damit sind wir schon beim Herzstück der Inhaltsanalyse angelangt: dem Kategoriensystem. Für die Forschungsfrage relevante Textmerkmale werden codiert und einzelnen Kategorien zugewiesen, mithilfe derer das Textmaterial beschrieben und interpretiert wird. Die Inhaltsanalyse dient also dazu, Komplexität zu reduzieren (vgl. Früh 2007: 42) und aus der unüberschaubaren Textmasse die Informationen zu gewinnen, die es ermöglichen, die Forschungsfrage zu beantworten. In dieser Hinsicht ist diese Methode auch eine Suchstrategie, da mittels Kategorien nicht nach allen, sondern nach ganz bestimmten Merkmalen gesucht wird und nur diese codiert werden. Der Codiervorgang ist die Überführung der formalen Zeichengestalt in Bedeutungen und damit eine Interpretationsleistung des Codierers (vgl. Früh 2007: 117).

Um die Kategorien zu bilden, rät Früh zu einer Kombination aus theorie- und empiriegeleiteter Vorgehensweise. Als theoriebasiert gelten jene Kategorien, die etwa von den Hypothesen hergeleitet werden; als empiriegeleitet jene, die während des Codiervorganges bzw. während der Probe-CodierungCodierung einer Text-StichprobeStichprobe (s. a. Künstliche Woche) hinzu kommen. Die aus den Hypothesen extrahierten Kategorien bilden die Hauptkategorien der Untersuchung (vgl. Früh 2007: 80). Früh zufolge (2007: 156) bestehen „die Hauptziele der empiriegeleiteten Kategorienbildung […] einerseits in der Ausdifferenzierung (und ggf. Ergänzung) der Hauptkategorien in Unterkategorien, andererseits in der operationalen Definition der Kategorien“. Die „operationale Definition“ legt fest, welche Textmerkmale wie zu codieren sind. Es handelt sich dabei um die verbale Beschreibung der Kategorie (Nominaldefinition) und die Aufzählung von Indikatoren im Sinne von Ankerbeispielen (vgl. Früh 2007: 88).

Festgelegt werden müssen auch die Analyse-, Codier- und KontexteinheitenKontexteinheit. Die AnalyseeinheitAnalyseeinheit ist die „Größe, über die in der Studie eine Aussage getroffen werden soll“. Dies kann z.B. ein Zeitungsartikel sein, dessen Thema bestimmt werden soll. Es kann sich aber auch um kleinere Einheiten handeln, in dieser Arbeit etwa um Aussagen, die explizite oder implizite WertungenBewertung enthalten, oder um Wörter, die Ironie ausdrücken. Die Analyseeinheit ist abhängig vom Untersuchungsaspekt. Die CodiereinheitCodiereinheit ist die „Bezugsgröße der CodierungCodierung im Text, auf die das Kategoriensystem anzuwenden ist“ (Früh 2007: 95). Die Codiereinheit kann mit der Analyseeinheit zusammenfallen, aber sich auch von ihr unterscheiden. Ersteres ist der Fall, wenn das Thema eines Zeitungsartikels codiert werden soll; zweiteres, wenn man die Position einer Zeitung zu einem bestimmten Thema herausfinden will. In diesem Fall ist die Analyseeinheit die Zeitung, die Codiereinheiten sind jedoch Artikel bzw. Aussagen in diesen Artikeln. Für die Zuweisung der Kategorien ist es manchmal notwendig, Kontexteinheiten (z.B. Abschnitte, eine begrenzte Satzanzahl, Sinneinheiten) festzulegen, um Missinterpretationen zu vermeiden, oder wie Früh es nennt: zur Monosemierung (vgl. Früh 2007: 95). Alle Kategorien und Codierregeln werden im Codierbuch zusammengefasst. Eine Abbildung nach Früh gibt einen Überblick über den Ablauf der Inhaltsanalyse (siehe Abb. 9). Der Anwendungsphase folgt schließlich die Interpretation (gegebenfalls mit InferenzenInferenz bzw. Rückschlüssen auf den KommunikatorKommunikator, wie im vorliegenden Fall).

Abb. 9:

Ablauf der Inhaltsanalyse (Quelle: Früh 2011: 102)

Das Herzstück der Inhaltsanalyse, die Bildung und Anwendung des Kategoriensystems beim Codiervorgang, ist zugleich ihre Herausforderung. Um die Validität der Methode zu gewähren, müssen die Codierregeln bzw. Kategorien exakt, trennscharf, invariabel und exklusiv in Hinblick auf ihren Bedeutungsgehalt sein. Keine Kategorie darf sich mit einer anderen überschneiden. Es muss alles erfasst werden, was für die Forschungsfrage relevant ist. Dazu werden die Hypothesen in Kategorien verpackt und definitorisch festgelegt,

„welche Daten benötigt werden, um Schlüsse im Sinne der Hypothese ziehen zu können. Dadurch entsteht ein Formalisierungsproblem derart, dass die Datenstruktur sowohl das theoretische Konstrukt als auch die gemessenen Objekte quantitativ angemessen abbilden muss […]. Es gilt, eine gültige (valide) Messtheorie zu formulieren. So wäre etwa anzugeben, wie aus den zu erhebenden Daten eine schlüssige Interpretation abgeleitet werden kann.“ (Früh 2007: 81)

Kriterien zur Prüfung der Forschungsfrage können in Je-desto-Formulierungen gefasst werden (vgl. Früh 2007: 100).1 Im Rahmen der Validität ist des Weiteren darauf zu achten, dass bei der CodierungCodierung sowohl harte als auch weiche Indikatoren berücksichtigt werden. Man könnte sie auch als manifeste und latente Indikatoren bezeichnen. Gemeint ist, dass manche Indikatoren aufgrund der allgemeinen Sprachkonventionen von verschiedenen Menschen eindeutig gleich verstanden werden, während andere Indikatoren einen größeren Interpretationsspielraum offenlassen.

„Es brauchen nicht alle Inhalte, die ein gewisses Maß an Interpretation erfordern, als angeblich inhaltsanalytisch nicht erfassbar ausgeklammert werden, sondern Interpretationsweisen sind durch präzise Umschreibungen und treffende Beispiele einzugrenzen und zugleich offenzulegen. Wenn aufgrund dieser Definition von möglichst vielen Personen möglichst genau dieselben Zeichengestalten mit denselben Bedeutungen verknüpft werden, dann sind auch so genannte ‚latente Inhalte‘ manifest und damit codierbar gemacht.“ (Früh 2007: 123)

Obwohl die Berücksichtigung der weichen Indikatoren Schwierigkeiten mit sich bringt, wird sie von Früh dennoch empfohlen, weil dadurch die Validität gesteigert wird (die Reliabilität wäre bei der alleinigen Berücksichtigung der harten Indikatoren höher).

Für die Reliabilität müssen einerseits alle Texte mit denselben Codierregeln analysiert werden. Ein standardisierter Untersuchungsablauf soll dies garantieren. Andererseits müssen die Ergebnisse reproduzierbar sein. In diesem Zusammenhang wird oft von Intra- und Intercoder-Reliabilität gesprochen. Unter CodeCoder wird die Person verstanden, die den Codiervorgang durchführt. Intracoder-Reliabilität bezeichnet die Reproduzierbarkeit der Analyse durch denselben Codierer (überprüfbar z.B. durch die Durchführung der gleichen Analyse zu verschiedenen Zeitpunkten), Intercoder-Reliabilität die größtmögliche Übereinstimmung der Analyseergebnisse verschiedener Codierer zum selben Text. Letztere Variante ist durch eine genaue Codierschulung zu fördern, in der vorliegenden Arbeit jedoch nicht möglich, da die Untersuchung von einer einzigen Codiererin vorgenommen wird.

Validität und Reliabilität werden also durch exaktes Arbeiten und vor allem durch eine sorgfältige Testphase des Kategoriensystems gesteigert.

Unter den verschiedenen Spielarten der Inhaltsanalyse sind für die vorliegende Arbeit interessant2:

 Themen-Frequenzanalyse: Hier bilden die verschiedenen (Haupt-)Themen der Artikel die einzelnen Kategorien. Die ThemenfrequenzanalyseThemenfrequenzanalyse soll vor allem verifizieren, für welche kirchlichen Themen sich die österreichischen und die französischen JournalistenBerichterstattung, religiöseReligionsjournalismusBerichterstattung, religiöse interessieren, für welche weniger und für welche gar nicht. Durch den Vergleich wird ersichtlich, welche Themen vermehrt oder nur selten behandelt werden (Näheres zur Themen-Frequenzanalyse auch bei Früh 2007: 147–212).

 Valenz- bzw. Bewertungsanalyse: Bei dieser Variante der Inhaltsanalyse wird erfasst, welche manifesten bzw. latenten BewertungenBewertung im Textmaterial in Bezug auf kirchliche Personen, Themen usw. vollzogen werden. Hier müssen die „Textbestandteile nach einer zwei- oder mehrstufigen Einschätzungsskala skaliert werden“ (z.B. negative Wertung/positive Wertung) (Mayring 2010: 15). Die Valenzanalyse wird in der vorliegenden Arbeit in die DiskursanalyseDiskursanalyse integriert (Kapitel 13).

Damit möchte ich diesen Überblick über die Methode der Inhaltsanalyse abschließen (für Weiteres siehe Kapitel 11).

2.5 Zusammenfassung

Die vorliegende Arbeit verdankt der Medien- und Kommunikationswissenschaft wichtige Erkenntnisse in Bezug auf die Kommunikationsbedingungen des Massenmediums Tageszeitung. Medium wird dabei als ein institutionalisiertes System um einen organisierten Kommunikationskanal verstanden, das über ein spezifisches Leistungsvermögen verfügt und gesellschaftlich dominant ist (siehe Abschnitt 2.1). Das Medium Tageszeitung vermittelt eine Form der Kommunikation, bei der Zeichen öffentlich, indirekt und einseitig durch technische Verbreitungsmittel an ein disperses Publikum vermittelt werden (siehe Abschnitt 2.2). Diese Charakteristika des Mediums Tageszeitung wirken sich auf seine Medieninhalte aus. Hier liefert die Kommunikatorforschung weitere wesentliche Resultate: Unter Kommunikatoren sind alle am Prozess der Publikation beteiligten Personen und Institutionen zu verstehen. Sie sind insofern mächtig, als sie darüber entscheiden, welche Inhalte auf welche Weise Eingang in die Berichterstattung finden (siehe Abschnitt 2.3). In dieser Entscheidung werden sie allerdings durch mehrere Faktoren beeinflusst. So besagt die Nachrichtenwerttheorie, dass Kommunikatoren dann über Ereignisse berichten, wenn diese über bestimmte Merkmale verfügen (siehe Abschnitt 2.3.1). Die vorliegende Arbeit macht sich die Nachrichtenwerttheorie insofern zunutze, als sie untersucht, durch welche Merkmale sich kirchliche Ereignisse auszeichnen, die im Pressediskurs feszumachen sind. Methodisch greift die Medien- und Kommunikationswissenschaft gerne auf die Inhaltsanalyse zurück, um Medieninhalte zu beschreiben (siehe Abschnitt 2.4.2). Dabei werden mithilfe eines Kategoriensystems mitteilungsinterne Merkmale beschrieben, auf deren Basis man wiederum auf mitteilungsexterne Sachverhalte schließen kann. Die Katgeorien werden dabei sowohl theorie- als auch empiriegeleitet gebildet.

Medientheoretisch wird davon ausgegangen, dass sich Medien und Gesellschaft bzw. Kultur gegenseitig bedingen (siehe Abschnitt 2.4). Dies ist wesentlich, wenn es zu beschreiben gilt, wie Medien reale Ereignisse wiedergeben, oder anders gesagt, wie sie Wirklichkeiten konstruieren. So besagt das Modell der zirkulären Wirklichkeitskonstruktion nach Schmidt, dass Wirklichkeit in Abhängigkeit von Kultur, Kognition, Medien und Kommunikation konstruiert wird. Bentele spricht davon, dass Medien bzw. Journalisten und Redaktionen Realität rekonstruieren – und zwar nicht in einem individuellen Prozess, sondern beeinflusst vom dahinterstehenden System. Für die vorliegende Arbeit ist bedeutsam, dass objektive Berichterstattung möglich ist, obwohl es sich beim Pressediskurs eben um Rekonstruktion (und nicht etwa um Abbildung) von Wirklichkeit handelt. Allerdings ist Objektivität hier im Sinne von Realitätsadäquatheit (Richtigkeit, Vollständigkeit, Transparenz, Nachprüfbarkeit) zu verstehen (siehe Abschnitt 2.4.1).Medienlinguistik

3 Medienlinguistik

Die vorliegende Arbeit versteht sich als medienlinguistische Untersuchung. Die Medienlinguistik befindet sich an der Schnittstelle zwischen Medien- bzw. KommunikationswissenschaftKommunikationswissenschaft und Sprachwissenschaft. So verortet Beck (vgl. 2007: 157) Medienlinguistik als Teildisziplin der Kommunikationswissenschaft, Perrin (vgl. 2006a: 30) aber als Teildisziplin der Linguistik. Beheimatet ist sie irgendwo dazwischen, sich mit dem mehr oder weniger gleichen Forschungsgegenstand auseinandersetzend, aus beiden Traditionen schöpfend, was Theorien und Methoden anbelangt.

„Die Medienlinguistik und die Kommunikations- und MedienwissenschaftMedienwissenschaft (KMW) befassen sich beide mit öffentlicher Kommunikation – mit der Produktion und der Rezeption von Kommunikationsangeboten, mit den Produkten selbst und mit der Umwelt, die diese Kommunikation beeinflusst und durch sie beeinflusst wird. Interdisziplinäre Zusammenarbeit drängt sich hier auf […].“ (Perrin 2006a: 33)

Ganz ähnlich argumentiert Jannis Androutsopoulos, seit 2009 Professor für Linguistik des Deutschen und Medienlinguistik an der Universität Hamburg (vgl. Androutsopoulos 2009): Er (2003: 1) nennt die Medienlinguistik eine „Bindestrich-Disziplin“, die „Theorien und Methoden der empirischen Sprachwissenschaft“ (z.B. Text- und Soziolinguistik) „mit Konzepten und Fragestellungen der Medienwissenschaften“ verbindet. Dabei hebt sich die Medienlinguistik von den Medienwissenschaften durch ihre „Einschränkung auf die verbal-kommunikativen Aspekte von Medienprodukten“ sowie von Medienproduktion und -rezeption ab:

„Von anderen produktorientierten Ansätzen der Medienwissenschaften (Inhaltsanalyse, Mediensemiotik) unterscheidet sich [die Medienlinguistik] durch ihren Schwerpunkt auf Sprache (gegenüber den anderen Zeichensystemen, die bei der Konstitution von Medientexten mitwirken) sowie durch den Rückgriff auf linguistische Methoden.“

Wie Androutsopoulos weist auch Perrin (2006a: 31) darauf hin, dass die Medienlinguistik disziplinenüberschreitend ist: „Fragen nach einer angemessenen Methodik oder nach dem Sprachgebrauch in publizistischen Medien zum Beispiel greifen über die Medienlinguistik hinaus.“ Forschung ist multi- (Zusammenarbeit verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen), inter- (Zusammenarbeit wissenschaftlicher Disziplinen und gemeinsame Entwicklung von Methoden und Theorien) oder transdisziplinär (Zusammenarbeit wissenschaftlicher Disziplinen mit außerwissenschaftlichen Fächern). Die vorliegende Arbeit wäre demnach interdisziplinär angelegt, da sie linguistische und medien- bzw. kommunikationswissenschaftliche Methoden und Konzepte vereint.

Doch wie lässt sich nun Medienlinguistik definieren? Womit beschäftigt sie sich genau? Perrin (2006b: 177) beschreibt in einem Lexikoneintrag Medienlinguistik als

„Teildisziplin der (Angewandten) Linguistik, die sich mit der Sprache und dem Sprachgebrauch in medial vermittelter menschlicher Kommunikation befasst. ‚Medial‘ bezeichnet dabei ein technisches (Massen-)Kommunikationsmedium (Film, TV, Internet, SMS, Blogs etc); ‚menschliche‘ Kommunikation ist zu verstehen als privat oder öffentlich, mündlich oder schriftlich usw. – mit allen Zwischenstufen.“

Androutsopoulos (2003: 1) beschreibt Medienlinguistik bzw. linguistische Medienanalyse als „Sammelbegriffe für sprachwissenschaftliche Ansätze zur Untersuchung von Massen- und Individualmedien“. Im Vergleich zur Medien- und KommunikationswissenschaftKommunikationswissenschaft, bei der der Fokus sehr stark auf öffentlicher Kommunikation bzw. MassenkommunikationMassenkommunikation liegt, ist der linguistische Medienbegriff weiter gefasst und schließt auch Medien, die der privaten Kommunikation dienen, mit ein (Genaueres zum Medienbegriff in der Medien- und Kommunikationswissenschaft siehe Abschnitt 2.1).

Der Forschungsgegenstand der Medienlinguistik ist demnach grob gesagt die MedienspracheMediensprache (s. a. Pressesprache) bzw. der „Zusammenhang von Sprache und Medien“ (Perrin 2006a: 30). Die grundlegende Forschungsfrage sieht Androutsopoulos (2003: 1) darin,

„wie die technischen und institutionellen Rahmenbedingungen der Medienkommunikation den Sprachgebrauch in Medientexten und -gesprächen prägen […]. Spezifische Fragestellungen der Medienlinguistik betreffen u.a.:

 die Auswirkung der technischen Einschränkungen von Presse, Radio, Fernsehen und Internet auf die Realisierung von Sprache;

 die Beschreibung massenmedialer Darstellungsformen in ihren formalen und funktionalen Aspekten;

 die Beziehung zwischen Sprachgebrauch und Zielgruppen der Medienkommunikation;

 die Inszenierung von Mediengesprächen und das strategische Handeln ihrer Akteure;

 die unterschiedliche Repräsentation von Wirklichkeit in den MassenmedienMassenmedien und ihre Rolle in der Konstituierung öffentlicher DiskurseDiskurs;

 das Verhältnis zwischen Medien und Sprachwandel, den Wandel des Sprachgebrauchs in den Medien sowie den Einfluss der MassenmedienMassenmedien auf den allgemeinen Sprachwandel.“

Für die Fragestellung der vorliegenden Arbeit sind die technischen und institutionellen Rahmenbedingungen der Presse bedeutsam (z.B. der Produktionsprozess). Von den angeführten Punkten werden Punkt 2 und Punkt 5 (die Beschreibung massenmedialer Darstellungsformen sowie die Repräsentation von Wirklichkeit in der Presse) in der Arbeit berücksichtigt.

Etwas anders beschreibt Perrin (2006b: 177) das typische Erkenntnisinteresse der Medienlinguistik, das nach ihm primär

„den Zusammenhängen von Sprachwandel und Mediennutzung oder von Sprachgebrauch und Medienwirkung [gilt]. […] Die M[edienlinguistik] greift im Sinn Angewandter Linguistik aber auch Probleme der Medienpraxis auf und kann zum Beispiel beitragen zur Untersuchung und Optimierung der Textproduktionskompetenz einer Medienredaktion. Auf einer Metaebene schließlich hinterfragt die M[edienlinguistik] etwa die Tradition der Linguistik, zur Untersuchung von Alltagssprache auf die öffentlich zugänglichen Sprachdaten aus (massen-)medialen Kontexten zu greifen.“Pressetextsorten

Die vorliegende Arbeit ist nicht in der Angewandten Linguistik anzusiedeln, im Sinne dessen, dass sie Gegebenes analysiert, Probleme ortet und im Anschluss den Redaktionen Vorschläge zur Optimierung liefert. Sie möchte sehr wohl aufzeigen, hinweisen und eventuell zur Optimierung anregen, doch das Wie der Optimierung wird nicht behandelt. Thema der Arbeit ist die Beschreibung der verwendeten Sprache, also des Sprachgebrauchs, des Wortschatzes, des Stils und der damit transportierten manifesten und latenten Inhalte und WertungenBewertung.

Hinsichtlich ihrer Methoden zur Datenerhebung und -auswertung hat die Medienlinguistik nichts vollkommen Neues entwickelt, „sondern lehnt sich an Forschungstraditionen der empirischen Sprachwissenschaft an, die dem spezifischen Gegenstandsbereich angepasst werden“ (Androutsopoulos 2003: 5). Die gebräuchlichsten Methoden sind nach Androutsopoulos die Analyse von Textsorten und Gattungen, die sogenannte Variationsanalyse (Analyse des Zusammenhangs zwischen Sprachgebrauch und Zielgruppe, z.B. indem Qualitäts- und BoulevardzeitungenBoulevardzeitung miteinander verglichen werden), die Gesprächsanalyse sowie die Kritische Linguistik und die DiskursanalyseDiskursanalyse. Die kritische Linguistik will aufzeigen, „welche Details der sprachlichen Formulierung zur Reproduktion sozialer Stereotype bzw. Verschleierung politischer Verantwortung beitragen können“ (Androutsopoulos 2003: 7). Perrin nennt außerdem noch die Versionenanalyse („linguistisches Verfahren zur Datengewinnung und -analyse, das sprachliche Merkmale in intertextuellen Ketten verfolgt“ (2006a: 50), also zum Beispiel Zitate nachverfolgt: ursprüngliches Zitat, Agenturmeldung, endgültige Druckversion), Progressionsanalyse (Verfahren zur Untersuchung von Textproduktionsprozessen; vgl. 2006a: 57) und Metadiskursanalyse (Verfahren zur Untersuchung des Sprachbewusstseins, z.B. das Leitbild einer Zeitungsredaktion; vgl. 2006a: 71).

Für die im Rahmen der vorliegenden Arbeit vorzunehmende Analyse der Zeitungsartikel wurde u.a. die Methode der DiskursanalyseDiskursanalyse gewählt (Genaueres siehe Abschnitt 5.3). Im Rahmen des Vergleichs verschiedener österreichischer und französischer Tageszeitungen wird aber auch eine Variationsanalyse vorgenommen, die es ermöglicht auf die verschiedenen RedaktionslinienRedaktionslinie rückzuschließen.

Es folgen nun relevante Forschungsergebnisse der Medienlinguistik.

3.1 Die Sprache(n) der Medien

MedienspracheMediensprache (s. a. Pressesprache) ist keine Fach- oder Sondersprache der Medien. Eine solche gibt es schlichtweg nicht, da der Sprachgebrauch in den verschiedenen Medien viel zu inhomogen ist (vgl. Bucher 1999a: 214). Mediensprache ist „als Oberbegriff für ein vielschichtiges kommunikatives Feld mit vielen Binnendifferenzen“ zu verstehen (Androutsopoulos 2003: 3). Perrin (2006c: 265) definiert aufbauend auf bisherige Theorien Mediensprache als „eine Menge konkreter Äußerungen, die mittels publizistischer Medien hergestellt und veröffentlicht werden sollen, gerade veröffentlicht werden oder veröffentlicht worden sind“. Die Verbreitung per MediumMedium bringt viele unterschiedliche Kommunikationsbedingungen mit sich, die die Sprachverwendung beeinflussen. Diese Bedingungen werden im folgenden Abschnitt beschrieben, wobei vor allem die PressesprachePressesprache (s. a. Mediensprache) in den Blick genommen wird.

3.1.1 Mediale Kommunikationsbedingungen

Nach Sager (2001: 202) ist die Linguistik „die Wissenschaft von der medialen Kommunikation“. Dieses „medial“ versteht er weder als „massenmedial“ noch als „materielle Trägersubstanz“, sondern plädiert für einen differenzierteren Medienbegriff (vgl. 2001: 202f. und 207). Medien sind als ein „vermittelndes Mittleres“ nicht nur Informationsträger, sondern auch „eine konstruierend konstitutive Instanz“. Darunter ist zu verstehen, dass Medien auch Wirklichkeit bzw. Wirklichkeitszugänge schaffen (siehe dazu Abschnitt 2.4.1). „In diesem Sinne bietet das MediumMedium immer mehr als die bloße Aussage über die Welt“ (Sager 2001: 207). Der linguistische Forschungsgegenstand birgt mediale Kommunikation in allen Formen, „die eine Gemeinschaftsherstellung über thematische Einlassungen darstellen“ (Sager 2001: 208). Sager versucht die Vielfalt der Formen bzw. Medien zu entflechten, sie nach bestimmten Kriterien zu klassifizieren und damit den linguistischen Kommunikationsbegriff bzw. die Kommunikationsbedingungen zu erhellen (vgl. 2001: 222). Er unterscheidet nach:

 Medientypen: (1) performative (vorführende, vor Ort rezipierte) Medien (z.B. gesprochene bzw. geschriebene Sprache, Gestik, Rauchsignale) und (2) deponierte (abgelegte, zur Verfügung stehende) Medien (z.B. Zeitung, Plakat, Film) (vgl. 2001: 212f.);

 Medienstufen: (1) Organisationsmedien (hinsichtlich der Presse wäre dies der Verlag), (2) Distributionsmedien (Zeitung), (3) Präsentationsmedien (TextMedientext, Grafik, Foto) und (4) Signifikationsmedien (gesprochene oder geschriebene Sprache, Piktografie) (vgl. 2001: 217f.);

 Mediendimensionen: (1) Medienstatus (Zeitung: technische Hervorbringung – Druck), (2) Medienzugang (Zeitung: vermittelter Zugriff – Papier), (3) Medienausrichtung (Zeitung: hauptsächlich monologische Wirkrichtung – ohne Reaktionsmöglichkeit), (4) Präsentationsart (Zeitung: mobiler Rezeptionsraum – transportabel), (5) Präsentationsform (Zeitung: deponierte materielle Manifestation des Mediums – als statische Konfiguration zur Rezeption abgelegt), (6) Rezeptionsart (Zeitung: manifeste Organisation des Rezeptionsvorgangs – ortsfester Rezeptionsvorgang, Bewegung nicht notwendig), (7) Rezeptionsform (Zeitung: linearer und flächiger Abtastprozess des Rezipienten – eindimensionaler TextMedientext, zweidimensionales Bild), (8) Zeitverhältnis (Zeitung: zeitliche Relation zwischen Produktion, Vorführung und Rezeption – zeitversetzte Produktion und Rezeption der Zeitung) (vgl. 2001: 221).

Die Sprache eines Mediums passt sich seinem Typ, seiner jeweiligen Stufe sowie seinen verschiedenen Dimensionen an.

Weitere medienspezifische bzw. institutionelle Kommunikationsbedingungen, die die Sprache der Medien beeinflussen und die „für eine sprachwissenschaftliche Analyse der Medienkommunikation […] von Bedeutung“ sind, sind bei Bucher angeführt (1999a: 216):

 Mehrfachautorenschaft: Pressetexte haben eine „mehrschichtige Urheberschaft“, indem sie verschiedene Quellen aufweisen (Agenturmeldungen, Dokumente, Texte, Äußerungen, Bilder von Agenturen, Pressefotografen, Privatpersonen u.a.). Weiters werden Artikel oft mehrfach überarbeitet und formatiert (vgl. 1999a: 216).Kommentar

 Mehrfachadressierung: Die Zielgruppe von Medientexten ist sehr breit gefächert. Im Fernsehen spricht man bei manchen Angeboten von inneren und äußeren Kommunikationskreisen. Teilnehmer des inneren Kommunikationskreises einer Talk-Show wären der Moderator, die eingeladen Gäste sowie das Live-Publikum. Teilnehmer des äußeren Kommunikationskreises wären die Zuseher zu Hause. In der Zeitung zeigt sich die Mehrfachadressierung beispielsweise in der Leseransprache im Editorial; implizitBewertung, implizite auch „in der thematischen Differenzierung des Medienangebots nach Themen, Ressorts, Darstellungsformen sowie in den verschiedenen Orientierungshilfen, die eine selektive Mediennutzung unterstützen sollen“ (1999a: 217). Bei Burger findet man hier den Terminus „diachrone Intertextualität“, d.h., der MedientextMedientext bezieht sich auf vorhergehende Texte, z.B. Agenturtexte, Gespräche usw. (vgl. 2005: 72–89).1TextsortePressetextsorten

 Präsentierte Kommunikation:Mediensprache (s. a. Pressesprache) Die technische Übertragung der medialen Kommunikation wirkt ebenfalls auf die Mediensprache ein. Pressetexte werden im Rahmen der Möglichkeiten des Mediums „Papier“ erstellt und in ihrer Darstellungsform und Länge an die Layout-Vorgaben angepasst (vgl. Bucher 1999a: 217f.).

Daneben formuliert Bucher (1999a: 218f.) sechs medienspezifische Kommunikationszusammenhänge:

 Redaktionelle Kommunikationszusammenhänge: In der Presse wirkt die Art der Recherche, der Produktionsbedingungen oder der NachrichtenselektionNachrichtenselektion auf die verwendete Sprache ein.

 Periodische Kommunikationszusammenhänge: Die Erscheinungsperiodizität des Mediums beeinflusst die Themenentwicklung und die zum Einsatz kommenden Textsorten; z.B. sind in Tageszeitungen im Vergleich zu Wochen- und Monatszeitschriften nur wenige Hintergrundreportagen zu finden.

 Konstellative Kommunikationszusammenhänge: Herausgebildete Konstellationsformen wie Bericht-Kommentar-Sequenzen, Abfolgen von Ankündigungs- oder Aufmachungsmeldung und Vertiefungsbericht; modulare Clustertypen aus Berichten, InterviewsInterview, Hintergrunddatenkästen, Bildern oder Grafiken erbringen im Rahmen eines Informationsangebotes verschiedene Informationsleistungen und ermöglichen den RezipientInnen eine selektive Lektüre.

 Dialogische Kommunikationszusammenhänge: Dazu gehören in der Presse InterviewsInterview oder dialogische Sequenzen monologischer Beiträge mit Anknüpfungs- oder Wiederaufnahmeäußerungen (z.B. Gegendarstellungen oder Kommentar-Gegenkommentar-Sequenzen).

 Intermediale Kommunikationszusammenhänge: Medien stehen nicht isoliert da, sondern sind Teil eines Mediengeflechts bzw. Teil der öffentlichen Kommunikation; Medien beeinflussen sich gegenseitig, Themen werden bestimmt, übernommen usw.

 Anschlusskommunikationen der RezipientInnen: Reaktionen der RezipientInnen auf Medienbeiträge, z.B. in Form von Leserbriefen, geben Aufschluss über ihre Themendeutungen, ihre Wissenserweiterung oder ihre Qualitätsansprüche.

Neben diesen Strukturen beschreibt Bucher (vgl. 1999a: 219–222) vier Organisationsprinzipien von Medientexten, die gleichzeitig verschiedene sprachwissenschaftliche Forschungsfelder repräsentieren:

 Sequenzmuster und Darstellungsformen: Journalistische Handlungen folgen einer bestimmten Abfolge, so etwa in Form verschiedener Pressetextsorten, in Form modularer Cluster verschiedener Texte und Bilder oder in bestimmten sprachlichen oder auch bildlichen Mitteln (in Kommentaren kommen z.B. bestimmte Argumentations- und Bewertungsmuster vor.

 Sprachliche Ausdrücke und Äußerungsformen: Die sprachlichen Mittel der verschiedenen sprachlichen Ebenen (Lexik, Syntax, Stilistik) hängen von der jeweiligen journalistischen Aufgabe, vom jeweils abzuhandelnden Thema bzw. vom jeweiligen Verwendungszusammenhang und damit von der jeweiligen Funktion der Aussage oder des Medientextes ab. Will sich ein Journalist vom Berichteten abgrenzen, kann er dies mithilfe syntaktischer Mittel (z.B. Konjunktiv, Modalverben) ausdrücken. Will er Informationsschwerpunkte setzen, markiert er dies mithilfe der Wortstellung. Besonders augenscheinlich sind die syntaktischen und lexikalischen Mittel der Schlagzeilen (Nominalisierungen, Ellipsen, Metaphern, Komposita), die mehrere Funktionen erfüllen sollen. Auch je nach journalistischer Aufmachungsform wird auf andere sprachliche Mittel zurückgegriffen: In Kommentaren werden verstärkt Konjunktiv, Adjektive und Modalverben verwendet.

 Wissensaufbau und Wissenskonstellation: Texte werden verfasst, indem bestimmtes Wissen bei den RezipientInnen vorausgesetzt wird (ersichtlich z.B. an Hintergrundinformationen in zusätzlichen Infokästen; oder an ironischen Formulierungen, die nur auf Basis eines gemeinsamen Wissens von Journalist und Rezipient verstanden werden können). Auch das Verständnis von Texten hängt vom Wissensstand der RezipientInnen ab und kann daher unterschiedlich sein. Die Zielgruppenorientierung einer Tageszeitung kann rekonstruiert werden, indem das vorausgesetzte Wissen analysiert wird. Innerhalb einer Tageszeitung kann z.B. ein Kommentar auf dem in einem Bericht vermittelten Wissen aufbauen.

 Thematische Strukturen: Aufschlussreich ist die Analyse der thematischen Strukturen eines Mediums (behandelte Themen, Themenprofile, Themenkarrieren, thematische Schwerpunkte, Textgestaltung im Sinne des Themenmanagements, z.B. durch Überschriften, Vorspann, Anreißermeldungen, Inhaltsverzeichnisse, Themenüberblicke …).

 Strategische Prinzipien und Informationspolitik: Nicht zuletzt verfolgt jedes MediumMedium eine gewisse Informationspolitik, um ein bestimmtes Informationsziel zu erreichen. Das ist erkennbar an der thematischen Struktur (welche Themenbereiche oder Sichtweisen werden ausgeblendet?), an gleichgerichteten Kommentaren bzw. BewertungenBewertung, aber auch an textsortenspezifischen Aufbaumustern (z.B. Prinzip der umgekehrten Pyramide des Berichts). Hierher gehört wohl auch die Trennung zwischen Bericht und Kommentar oder die Vorliebe einer Zeitung für bestimmte Textsorten (z.B. ReportagenReportage in Aujourd’hui en France, siehe Abschnitt 10.4.2)Pressesprache (s. a. Mediensprache).

Dieser Abschnitt hat gezeigt, wie viele verschiedene Faktoren auf die Sprachverwendung in den Medien einwirken. Die Komplexität der Einflussfaktoren bedingt auch die Komplexität der Mediensprache. Es kann daher allenfalls die Rede von Tendenzen der Sprache eines Mediums bzw. einer Textsorte eines Mediums sein. So auch, wenn es um die Besonderheiten der Pressesprache geht.

3.1.2 Besonderheiten der Pressesprache

Eine Pressesprache im Sinne eines einheitlichen Stils aller Zeitungen gibt es nicht. Zurückzuführen ist dies auf die verschiedenen Presseprodukte mit ihren unterschiedlichen Inhalten und verschiedenen journalistischen Textsorten mit ihren jeweiligen Funktionen (vgl. Straßner 2000: 5). Nichtsdestoweniger ist die Verwendung der Sprache in der Presse immer wieder untersucht worden. So versuchte man z.B. von den dort aufgefundenen sprachlichen Phänomenen auf Tendenzen der Gegenwartssprache zu schließen. Ein anderes Interesse lag darin, den Funktionalstil der Presse in Abgrenzung zu anderen Medien wie Rundfunk zu beschreiben (vgl. Lüger 1995: 2). Dahinter steht die Auffassung,

„dass es einen korrelativen Zusammenhang gibt zwischen Außersprachlichem (Tätigkeitsbereiche, Kommunikationssituationen, gesellschaftliche Aufgaben) und sprachlichen Gebrauchsweisen (typische Verwendungsweisen von Ausdrucksmitteln des Systems).“ (Fix/Poethe/Yos 2003: 33)

Allerdings ist es aufgrund der erwähnten Heterogenität journalistischer Texte umstritten, von einem Funktionalstil der Presse zu sprechen, und man untergliedert zumindest in Substile, d.h. in Textsortenstile (vgl. Fix/Poethe/Yos 2003: 33f.). Heute untersucht man vor allem den Sprachgebrauch bzw. stiltypische Merkmale bestimmter Zeitungen rund um bestimmte Themen (wie es in der vorliegenden Arbeit der Fall ist) (vgl. Lüger 1995: 22).

Dass die Mediensprache von gewissen Kommunikationsbedingungen beeinflusst ist, wurde bereits im vorangehenden Abschnitt erläutert. Lüger (1995: 46f.) beschreibt die Kommunikationssituation der Presse in Anlehnung an Maletzke (siehe Abschnitt 2.1) als „öffentlich“, „vermittelt durch das periodisch erscheinende MediumMedium ‚Zeitung‘“, „indirekt“ (Sender und Empfänger räumlich entfernt) und „einseitig“. Die Produktionsbedingungen von Zeitungen mit ihrer „Kette von Bearbeitungsinstanzen“ sowie die notwendigen inhaltlichen Kürzungen bedingen beispielsweise die „sprachliche Verdichtung“, die Pressetexte auszeichnet (siehe unten). Die Periodizität der Presseprodukte, die den KommunikatorKommunikator aufgrund bisheriger Berichterstattung ein bestimmtes Leser-Wissen voraussetzen lässt, spiegelt sich sprachlich in der „Artikelselektion“ oder in der „Verwendung von bestimmten Ausdrücken“ wider. Die Rezipientenorientierung spielt überhaupt eine große Rolle und wirkt sich dementsprechend auf die Pressesprache aus. Pressetexte wollen unterhalten, entspannen, attraktiv sein (und damit den Absatz fördern). Dies und etwa auch die politische Ausrichtung der LeserInnen bzw. der Zeitung, die vom Journalisten vermuteten Erwartungen und Einstellungen der LeserInnen (sogar hinsichtlich der Zeitungssprache) beeinflussen die Auswahl und Gewichtung von Themen bzw. Information sowie die sprachstrukturellen Mittel (z.B. Verwendung von Umgangssprache in der Boulevardpresse). Die sprachlichen Handlungen sollen Erfolg bei den LeserInnen haben (vgl. Lüger 1995: 49). Dies führt uns zu einem weiteren Faktor, der die Pressesprache beeinflusst: die Intentionalität des Textes. Welche Textintention verfolgt wird, wirkt sich auf „die inhaltliche Gliederung“ sowie „die Auswahl und Kombination lexikalischer und syntaktischer Mittel“ aus (Lüger 1995: 51; Näheres zur Textintention siehe Abschnitt 4.1).

Obwohl es die Pressesprache im Grunde nicht gibt, stellt Lüger – wobei er verschiedene wissenschaftliche Studien rezipiert – folgende allgemeine sprachliche Merkmale bzw. Tendenzen fest:

Syntaktische Merkmale (Lüger 1995: 23–26)

 „Tendenz zur Verkürzung der Satzlänge“

 „Rückgang der Satzgefüge“ und „Zunahme von Einfachsätzen“

 „Trend zu sprachlicher Komplexität“ mittels Nominalstil, Blockbildung und Komposita.1

Diese sprachökonomischen Merkmale resultieren nicht zuletzt aus den Produktionsbedingungen von Pressetexten: den „ganzen Ketten von Bearbeitungsinstanzen“ bis zur Endfassung und dem „Zwang zur gerafften, aber trotzdem noch präzisen Wiedergabe“ (Lüger 1995: 26). Hinsichtlich der Syntax der Schlagzeilen stellt Lüger (vgl. 1995: 29) außerdem folgende weitere Besonderheiten fest:

 geringes Vorkommen von Hypotaxen

 vor allem einfache Aussagesätze

 verstärkt auftretende Nominalisierungen

 zahlreiche elliptische Satzmuster in Form von Ersparungen (die Ausdrucksseite verkürzende, Redundanz verringernde Sätze) und Auslassungen bzw. Ellipsen (die Ausdrucks- und Inhaltsseite verkürzende Satzfragmente mit dem Ziel des Lektüreanreizes).

Lexikalische Merkmale (Lüger 1995: 29–31)

Allgemeine Merkmale der Pressesprache im Bereich der Lexik sind aufgrund der beschriebenen Komplexität der Kommunikationsbedingungen sehr schwer festzumachen. Es ist besser bzw. aussagekräftiger, einzelne Presseprodukte oder Zeitungsrubriken auf ihren Wortschatz hin zu untersuchen. Dennoch weist Lüger auf einige Merkmale hin, die produktübergreifend zu gelten scheinen:

 „Verwendung neuer [noch nicht lexikalisierter] Bezeichnungen“

 „Verschiebung in der relativen Häufigkeit von Wörtern“, die auf eine Verschiebung des Interesses bestimmten Themen gegenüber deutet

 „Eindringen fachsprachlicher Ausdrücke“ und „Gebrauch von Fremdwörtern“

 Entlehnungen aus anderen Sprachen, vor allem aus dem Angloamerikanischen

 „häufige Verwendung von Wortzusammensetzungen“, darunter auch sogenannter „Augenblickskomposita“

Rhetorisch-stilistische Merkmale (vgl. Lüger 1995: 35f.)

In der Pressesprache finden sich zahlreiche rhetorisch-stilistische Mittel wie:

 poetische Wörter

 Wortspiele

 Reime, Alliterationen, Parallelismen

 bildhafte Ausdrücke

 Originalfassungen und Abwandlungen von Sprichwörtern, Gemeinplätzen, Maximen, Zitaten oder Redewendungen

Das gehäufte Auftreten von rhetorisch-stilistischen Mitteln führt Lüger auf unterschiedliche Aufgaben zurück, die ein Pressetext zu leisten hat. „Der spielerisch-kreative Umgang mit Sprache“ dient der Lesermotivation („z.B. dem Bedürfnis nach amüsanter, origineller Darstellung, nach distanzierter Kritik und Konrolle öffentlicher Handlungen“) (1995: 35). Rhetorisch-stilistische Mittel sind Lesewerbung bzw. „Attraktivmacher“ (Sandig 1986, zit. nach Lüger 1995: 35), die „den Adressaten amüsieren und eventuell vorhandenes Desinteresse überwinden helfen“ (Lüger 1995: 35). Sie „fördern die Anschaulichkeit und bilden gleichzeitig rezeptionssteuernde Signale, die z.B. die Wertung des betreffenden Textinhalts vorwegnehmen können“ (1995: 36). Außerdem lockern sie auf (vgl. 1995: 37). Lüger (1995: 35) stellt allerdings auch fest, dass der spielerische Umgang mit Sprache eine Tendenz begünstigt, „Informationsvermittlung auf der Ebene des Konkret-Anschaulichen, der anekdotischen Einzelfälle und damit auf einen ‚bequemen Umgang mit der Wirklichkeit‘ zu reduzieren (Grimminger 1972:46).“

In diesem Abschnitt konnten nur sehr allgemeine Merkmale der Pressesprache angeführt und mit den Kommunikationsbedingungen in Verbindung gebracht werden. Die Pressesprache divergiert je nach Publikumsorgan, Autor, Thema bzw. Rubrik und auch Textsorte. Genaueres hinsichtlich der sprachstilistischen Merkmale der verschiedenen Textsorten ist in Abschnitt 4.1 nachzulesen. Einige sprachstrukturelle Besonderheiten der Berichterstattung über die katholische Kirche sind in Abschnitt 13 dargestellt.

3.2 Sprache-Bild-TexteSprache-Bild-Texte

Die Komplexität der Problematik von Sprache-Bild-TextenSprache-Bild-Texte kann hier nur in Ansätzen dargestellt werden. Für Genaueres verweise ich auf die zitierten Werke.

Bestanden Tageszeitungen in ihren historischen Anfängen so gut wie ausschließlich aus sprachlichen Zeichen bzw. Texten, sind sie heute ohne Bilder verschiedenster Erscheinungsformen nicht mehr vorstellbar – und wohl auch nicht mehr verkaufsfähig. Auch die meisten QualitätszeitungenQualitätszeitung haben sich diesem Trend, der ursprünglich vom Boulevard ausging (z.B. von der deutschen BILD-Zeitung) und seit Beginn der 1990er Jahre durch technische Verbesserungen hinsichtlich des Druckverfahrens (vgl. Straßner 2002: 25) vorangetrieben wurde, angepasst. Einige seriöse Zeitungen wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung (vgl. Straßner 2002: 24) oder Le Monde haben lange gezögert, Bilder aufzunehmen. Diese Zurückhaltung hinsichtlich der Bebilderung zeugt von der Infragestellung des informativen Mehrwerts von Bildern in der Berichterstattung. Das heißt nicht, dass Bilder keine Informationen transportieren – im Gegenteil. Doch ihr tatsächlicher Nutzen könnte Stegu zufolge (2000: 309) „von einer kritischen Metaposition aus gesehen in vielen Fällen angezweifelt werden“: Wozu dient es zu wissen, wie PolitikerInnen aussehen? Nichtsdestoweniger herrscht in der Presse ein „prinzipieller Bilder-Imperativ“, den sich Stegu unter anderem mit dem primär optischen Wesen des Menschen erklärt, der Bilder sehr leicht und schnell verarbeiten kann (2000: 308f.). TextMedientext hingegen muss „Wort nach Wort aufbereitet werden“ (Straßner 2002: 22f.).

Die Kronen Zeitung ist eine der Zeitungen, die sich die Wirkung von Bildern sehr stark zunutze machen. In ihr sind sehr viele sogenannte BildnachrichtenBildnachricht zu finden, die sich dadurch auszeichnen, dass der Schwerpunkt eindeutig auf dem Bild liegt. Sprachlicher Text ist sekundär. Dieses Verhältnis ist in der Presse im Allgemeinen umgekehrt (vgl. Stegu 2000: 310).

Der nächste Abschnitt befasst sich damit, was ein Medien-TextMedientext bzw. ein Sprache-Bild-Text ist, und durch welche Merkmale sich ein solcher kennzeichnet. Dazu greife ich vor allem auf die Arbeit von Stöckl (2004) zurück, der sich auf sehr umfassende Weise mit der Verknüpfung von Sprache und Bild in massenmedialen Texten auseinandersetzt. Stöckl fasst die vielen Informationen immer wieder in übersichtliche Tabellen zusammen, die für eine Grundlagendarstellung, wie ich sie vornehmen möchte (bzw. aus Platzgründen muss), sehr dank- bzw. brauchbar sind. Einige von ihnen sind nachstehend wiedergegeben.

3.2.1 Was ist ein Medien-TextMedientext?

Nach Burger (2005: 64) bilden den „Objektbereich der MedienlinguistikMedienlinguistik“ „alle Arten von Texten, die in den MassenmedienMassenmedien angeboten werden“; das sind journalistische und fiktionale Texte, Anzeigen, Werbetexte, Rezipienten-Texte (z.B. der Leserbrief in der Presse) usw., die je nach MediumMedium unterschiedliche Rollen spielen. Uneins ist man sich in der Linguistik allerdings darüber, ob zum Forschungsgegenstand der Medienlinguistik auch nichtsprachliche, aber dennoch kommunikative und sinntransportierende (optische und akustische) Zeichen (wie Bilder oder Musik) gehören. Sind diese Teil des Medientextes? Für die vorliegende Arbeit ist diese Frage von hoher Relevanz, da sie darüber entscheidet, ob bei der Analyse der Zeitungsartikel auch die abgedruckten Bilder berücksichtigt werden müssen. Artikel bestehen schon lange nicht mehr nur aus Schlagzeile, Lead und Body, sondern haben sich zu Cluster- oder Hypertexten entwickelt, die aus noch ganz anderen Teiltexten bestehen: Infokästchen, Fotos, Bildunterschriften, Grafiken usw. (vgl. Stegu 2000: 317; siehe auch Abschnitt 3.1.1).

Einige Wissenschaftler beschränken Medientexte auf den verbalen Bereich, andere vertreten die „sehr weitherzige Auffassung, dass alles, was in gedruckter oder elektronisch gesendeter Form vom Rezipienten wahrgenommen werden kann, den ‚Text‘ ausmache“ (also etwa auch alle Geräusche) (Burger 2005: 66). Burger (2005: 66f.) sieht die Wahrheit dazwischen. Ihm erscheint es „ganz eindeutig“,

„dass das Bild beim Fernsehen und auch in der Presse ein integraler Bestandteil des Gesamttextes ist. Dies geht nur schon daraus hervor, dass oft ein TextMedientext nicht ohne das Bild und noch häufiger ein Bild nicht ohne den Text interpretierbar ist […]. Ein Kompromissvorschlag wäre:

alles das als Element des Medientextes aufzufassen,

was vom Produzenten als solches beabsichtigt ist und vom Rezipienten als solches wahrgenommen wird bzw. wahrgenommen werden kann.

Die Grenzen sind natürlich schwer zu ziehen.“

Die Grenzen sind in der Tat schwer zu ziehen. In der Presse abgedruckte Fotos sind grundsätzlich „beabsichtigt“. Dies lässt sich aber nicht über einzelne Fotodetails sagen. Über diese Absichten kann man aus der Rezipientenperspektive (die man auch als ForscherIn innehat) nur Mutmaßungen anstellen.

Bilder als Texte zu betrachten, dafür plädiert auch Stöckl (2000: 327f.) und begründet dies (1) mit ihrer „hohe[n] strukturelle[n] semantische[n] Komplexität“ und ihrer Mehrdeutigkeit, (2) mit ihrer pragmatischen Situierung „als Ko- und Kontexte von Sprache und umgekehrt“ und (3) mit ihren Textualitätsmerkmalen. Der Hinweis auf die Textmerkmale von Bildern taucht in der Forschungsliteratur immer wieder auf, sie sind etwa bei Sandig (2000) genauer ausgeführt (Textfunktion, Unikalität, Kohäsion, Kohärenz, Thema, Situationalität, Materialität). Stegu (2000: 317) stellt in Frage, dass das TextMedientext-Sein eines Bildes mithilfe von Textualitätskriterien wie Kohärenz „bewiesen“ werden kann. Dies sei bereits für sprachliche Texte nicht möglich. Eine Alternative wäre es, Bilder „als außersprachlichen Kontext, auf den sprachlich Bezug genommen werden kann, aber nicht muss“, zu betrachten. Bilder ersetzen sozusagen die Wirklichkeit. Auf ihre Inhalte kann „in gleicher Weise referiert werden wie auf die Realentitäten“ (2000: 318). Doch auch Stegu räumt ein, dass Bilder durch „(Sprach-)Textumgebungen ‚textualisiert‘“ werden, „und die relativ genaue Auseinandersetzung mit ihnen […] in Vielem Lektüre- bzw. Sprachrezeptionsprozessen“ ähnelt. Bilder haben daher „sowohl Eigenschaften von außersprachlicher Wirklichkeit als auch von Texten“ und sind damit „sowohl Texte als auch Nicht-Texte“ (2000: 319). Diesem Zugang kann auch ich einiges abgewinnen. Bilder sind allein deshalb schon mehr als rein außersprachliche Wirklichkeiten, da viele PressefotoPressefotoZeitungsbildZeitungsbilds sehr bewusst gestaltet bzw. ausgewählt werden und Pressefotografen mit Bildern durchaus Botschaften „senden“, die über reine Information hinausgehen und auch BewertungenBewertung beinhalten können, so auch Straßner (2002: 24): „Die BildnachrichtBildnachricht kann […] eine starke Beeinflussung ausüben, manchmal eine stärkere als der Text. Sie kann mehr emotionalisieren und meinungsbildend wirken.“ Stegu (2002: 21) zufolge geben „Bilder die Wirklichkeit nicht bloß [wieder], sondern [drücken] durch Motivwahl, Perspektive, Nachbearbeitung usw. auch eine bestimmte Interpretation [aus]“. Stöckl (2004: 198) spricht diesbezüglich von einer einstellungsmarkierenden Funktion von Bildern, die „mit der Vermittlung von Inhalten zugleich notwendigerweise eine bestimmte Sichtweise offenbar[en]“.

Nicht ganz zehn Jahre später beschreibt Stöckl (vgl. 2012: 20) drei Medientexttypen, die sich in den im Kommunikat vorkommenden Zeichenmodalitäten unterscheiden1:

 Print-Text: Zeichenmodalitäten sind Schrift, Bild und Typographie.

 Audio-Text: Zeichenmodalitäten sind gesprochene Sprache, Musik und Geräusch.

 Audiovisueller Text: Zeichenmodalitäten sind geschriebene und gesprochene Sprache, Typographie, statische und dynamische Bilder, Musik und Geräusch.

Dass Texte aus verschiedenen Zeichenmodalitäten bestehen und nicht auf Sprache im engeren Sinn beschränkt sind, ist inzwischen selbstverständlich geworden.

3.2.2 BildsorteBildsorte „ZeitungsbildZeitungsbild“

Bilder spielen in der Presse nicht nur in Form von PressefotosZeitungsbild und Grafiken eine Rolle, sondern auch in Form der grafischen Gestaltung bzw. des Designs und Layouts der Zeitung (vgl. Burger 2005: 391). Burger unterscheidet im Wesentlichen zwischen registrativen Bildern, die die Wirklichkeit technisch abbilden (z.B. Pressefotos), und generierten Bildern, die mithilfe von technischen Mitteln wie Bleistift oder Computer hergestellt wurden (z.B. Grafiken, KarikaturenKarikatur). Die Grenzen zwischen diesen beiden Bildformen verlaufen fließend. Stöckl (2004: 147) spricht sogar von „BildsortenBildsorte“ und versteht darunter die „Klassifikation von Bildern nach wenigen Kriterien“. Dabei sind Bildsorten nicht „definitiv“, sondern als „Typologisierung“ zu verstehen, da Bildtexte „nutzerzentriert“, „kontextsensibel“ sowie „sozial variabel“ und damit „flexibler als Textsorten“Pressetextsorten sind (2004: 146f.). Stöckl (vgl. 2004: 124f.) klassifiziert Bilder auf drei Ebenen (Textkonstitution, Textverwendung, Textrezeption):

Textkonstitutive Faktoren der Syntax und SemantikSemantik (Formaspekte):

 Bezug: Bild – Wirklichkeit

 Abbildungs-/Darstellungspraktik

 Bildinhalte

 Technische/mediale Materialität

 Farb-/Formaspekte

 Herstellung/Produktion

 Bildqualität

 Speicher-/Reproduzierbarkeit

Textverwendungsfaktoren bzw. funktionale und pragmatische Aspekte:

 sozialer Verwendungszweck

 Verwendungssituation

 sprachlicher Ko-/Kontext

 multimodales Interface

 Speicher-/Reproduzierbarkeit

 Übertragungskanäle

Textrezeptionsfaktoren bzw. perzeptive und kognitive Operationen der Betrachter:

 Gestalt- und Kohärenzbildung

 Bildqualität

 Sehprozess/Sichtbarkeit

Aus der Auflistung wird ersichtlich, dass „Bildexterna“ (wie „Gebrauchssituation, Verwendungszweck, sprachlicher Kotext“) die „Bildinterna“ (d.h. die „Gestaltungsparameter“) bestimmen (Stöckl 2004: 383). Auf Basis der genannten KategorienKategorie beschreibt Stöckl die prototypischen Merkmale bimodaler Texte in der Presse (hier Foto und KarikaturKarikatur) folgendermaßen (für Details zu den einzelnen Bildmerkmalen siehe Stöckl 2004):

Tab. 7:

Typologisierungsmerkmale von Pressebildern (Quelle: Stöckl 2004: 138–141; eigene DarstellungBildsorte )

Bei Stöckl handelt es sich, wie bereits einleitend erwähnt, um BildsortenBildsorte-Prototypen. Der von ihm angenommene Prototyp für ein ZeitungsbildZeitungsbild ist ein Pressefoto. In den Tageszeitungen sind jedoch auch z.B. Infografiken zu finden. Submuster, Überlappungen bzw. Mischungen mit andern Bildsorten sind möglich (z.B. mit dem fachlichen Bild) (vgl. Stöckl 2004: 145). Bilder und Bildsorten sind sprachgebunden bzw. -determiniert, was daran erkennbar ist, dass vor allem Kriterien wie die „Stellung des Bildes in einem bimodalen Gesamttext“ und damit die „gesamttextuell bestimmte Funktionalität des Bildes“ bzw. die „Aspekte der Kopplung von Sprache und Bild“ entscheidend für die Typologisierung eines Bildes sind. Bildsorten entwicklen sich also in Zusammenhang mit ihren relevanten Textsorten (Stöckl 2004: 145). Überhaupt ist die Bebilderung von Artikeln bis zu einem gewissen Grad abhängig von der jeweiligen Textsorte. Leitartikel und KommentareKommentar weisen abgesehen von Porträtfotos der RedakteurInnen in der Regel keine Bilder auf (vgl. Stegu 2000: 311). Außerdem lassen die unterschiedlichen Presserubriken Unterschiede in der Bebilderung erkennen, was an der „Direktheit“ der behandelten Themen liegt:

„Chronik und Sport haben den größten Grad an Direktheit, in etwas anderer Weise auch Kultur – im Falle von Abbildungen besprochener Kunstwerke oder von Szeneausschnitten. Am Wenigsten lassen sich wirtschaftliche Vorgänge durch Fotos ‚zeigen‘, und viele Zeitungen verzichten auch auf ihren Wirtschaftsseiten darauf, was durch den verstärkten Einsatz von Grafiken etc. bis zu einem gewissen Grad ausgeglichen wird.“ (Stegu 2000: 311)

Doch Stegu (2000: 311) stellt auch für den Wirtschaftsteil einen „Layout-Imperativ ‚Artikel + Foto(s)‘“ fest, der sich dadurch manifestieren kann, „dass es vorgezogen wird, Fotos mit oft sehr weit hergeholtem Bezug einzubinden, als die Seiten fotofrei zu belassen (vgl. Stegu 1998)“.Sprache-Bild-Bezüge

3.2.3 Sprache-Bild-Bezüge

Stöckl (2004: 243) empfiehlt vom usuellen Terminus „Text-Bild-Relationen“ abzugehen, da er keinen Sinn macht, wenn man, wie in Abschnitt 3.2.1 erläutert, Bilder als (Teil-)Texte versteht. Es geht demnach nicht um die Beziehung zwischen Text und Bild, sondern um die Beziehung von verbalen und visuellen (Teil-)Texten. Die verschiedenen Möglichkeiten, diese Teil-Texte miteinander zu verknüfen, sind derart vielseitig, dass Stöckl ihre erschöpfende Beschreibung bezweifelt. Er versucht dennoch einige Grundmuster der Sprache-Bild-Bezüge nachzuzeichnen und aufzuzeigen, welche Funktionen die beiden Kodesysteme übernehmen (vgl. 2004: 245). Als Grundlage für die Beschreibung der Sprache-Bild-Bezüge ist eine Gegenüberstellung der Unterschiede zwischen den Zeichensystemen „Sprache“ und „Bild“ notwendig. Dazu greife ich auf die übersichtliche tabellarische Darstellung durch Stöckl zurück:

Tab. 8:

Sprache und Bild in der Gegenüberstellung (Quelle: Stöckl 2004: 246f.; eigene Darstellung)

Mit den in der Tabelle enthaltenen Fragezeichen will Stöckl darauf hinweisen, dass diese semantischen Bild-Charakteristika aufgrund der Vielseitigkeit der Bilder und ihrer unterschiedlichen Pragmatik aufgehoben werden können. So können Infografiken etwa auch Illokutionen beinhalten (vgl. Stöckl 2004: 248f.).

Ein wesentlicher Unterschied zwischen Sprache und Bild liegt sicherlich in der semantischen Klarheit, die bei der Sprache viel größer ist (vgl. Burger 2005: 392). Bilder bleiben „vage und deutungsoffen“ (Stöckl 2004: 248).

Stegu (2002: 24) beschreibt drei große Möglichkeiten des Bezugs zwischen Bildern und ihren Bildunterschriften mit dem eigentlichen Artikel: (1) Abbildung des erwähnten Ereignisses oder eines der erwähnten Ereignisse, (2) Abbildung von etwas, das mit dem Ereignis „metonymisch“ verbunden ist (z.B. eine Szene/der Ort vor/nach/während des Ereignisses; eine Person/ein Gegenstand, die/der „eine relevante Rolle“ spielt; ähnliche Personen/Gegenstände/Orte aus einem anderen Kontext) und (3) Abbildung ohne erkennbaren Zusammenhang zum Artikel („praktisch nur bei Irrtum“).

Hinsichtlich der Sprache-Bild-Bezüge geht Stöckl (2004: 244) von einer „generelle[n] Reziprozität“ zwischen verbalen und visuellen Teil-Texten aus. Um die textuellen Gebrauchsmuster von Sprache-Bild-Bezügen zu beschreiben, berücksichtigt er fünf Kriterien: (1) Art des Bildes (z.B. Bildaufbau, Bildgestaltung), (2) Textstrukturen (z.B. Art der Integration der Bilder in ein sprachliches Textmuster), (3) semantisch-pragmatische Brücke zwischen Sprache und Bild (z.B. Art der Verschmelzung von Bild und Sprache zu einer Gesamtbotschaft), (4) kognitive Operationen zur Sinnstiftung zwischen Sprache und Bild (RekonstruktionRekonstruktion von Textproduktions- und Textrezeptionsprozessen) und (5) Bild-Bild-Bezüge (Art der semantischen Bezüge zwischen mehreren Bildern) (vgl. 2004: 252f.). Auf Basis dieser Kriterien analysierte Stöckl journalistische Texte überregionaler Tages- und Wochenzeitungen und konnte verschiedene textuelle Gebrauchsmuster festmachen, die in Tab. 9 wiedergegeben werden.

Für Details hinsichtlich der einzelnen Gebrauchsmuster verweise ich auf Stöckl (2004: 242–300), der ihnen ein ausführliches Kapitel mit Beispielen journalistischer Sprache-Bild-TexteSprache-Bild-Texte widmet.

Tab. 9:

Systematik wichtiger Sprache-Bild-Bezüge (Quelle: Stöckl 2004: 297–299; eigene Darstellung)

3.2.4 Funktionen von ZeitungsbildernZeitungsbild

Nach der Beschreibung von Bildern im Allgemeinen und der Sprache-Bild-BezügeSprache-Bild-Bezüge im Speziellen gilt es abschließend noch einen Blick auf die Funktionen von ZeitungsbildernZeitungsbild zu werfen. Zu Beginn des Abschnittes wurde bereits erwähnt, dass manche QualitätszeitungenQualitätszeitung Bilder nur sehr zögernd einsetzen und damit die Verwendung von Bildern in der Presse kritisch hinterfragen. Wozu dienen Bilder in Printmedien? Worin liegt ihr informativer Mehrwert oder auch ihr Nutzen für die Zeitungsmacher? Stöckl zufolge (2004: 385) können Bilder in Bezug auf den Gesamttext unterschiedliche Funktionen haben:

„So ersetzen Bilder sprachliche Textteile völlig oder teilweise, heben Teile der Textstruktur hervor oder fassen Teile des verbalen Textes symbolisierend zusammen und perspektivieren Textaussagen oder laden sie konnotativ auf.“

In der Forschungsliteratur werden ZeitungsbildernZeitungsbild außerdem folgende Funktionen zugeschrieben:

 veranschaulichende Funktion: vor allem hinsichtlich schwer verständlicher Inhalte (vgl. Straßner 2002: 20);

 informierende bzw. beweisende Funktion: aufgrund der den Fotos zugedachten Authentizität – auch wenn sie grundsätzlich fälschbar sind (vgl. Stegu 2000: 313);

„Die Informativität von Bildern kann in ihrem massenmedialen stereotypisierenden Gebrauch abnehmen, da Bilder hier schablonenartig und hochgradig erwartbar verwendet und so zu redundanten Platzhaltern im Layout degradiert werden.“ (Stöckl 2004: 382)

 Aufmerksamkeit erregende Funktion (vgl. Stegu 2000: 313): Bieten optischer Anreize (vgl. Straßner 2002: 24), „Schlagzeilen-Funktion“ von Bildern (vgl. Stegu 2002: 24);

 unterhaltende Funktion: „Befriedigung einer gewissen Neugier, Sensationslust“ (Stegu 2000: 313), hier hinzu zu zählen ist wohl auch die Personalisierung durch Bilder (vgl. Straßner 2000: 24): Die Abbildung von Personen vor allem in der Boulevardpresse nutzt „ein tief in uns verwurzeltes prinzipielles ‚Interesse an anderen Menschen‘ [aus] (das entwicklungsgeschichtlich zweifellos älter ist als das Interesse an abstrakten Zusammenhängen)“ (Stegu 2002: 24);

 Identifizierungsfunktion bzw. Empathiefunktion: ebenfalls durch das Abbilden von Personen1;

 Weltanschauungen stabilisierende Funktion: Werte, Symbole, Mythen (vgl. Stegu 2000: 313–315);

 Emotionalisierungsfunktion: durch besonders emotionale, ausdrucksstarke Bilder2;

 aussageintensivierende und einstellungsmarkierende Funktion: durch die Expressivität der Bilder (vgl. Stöckl 2004: 198);

 gestalterische oder dekorative Funktion: Auflockerung bzw. Gliederung des Layouts; Illustration (vgl. Stegu 2000: 313; Straßner 2002: 20).

3.3 Zusammenfassung

Wie Sprache in der Medienkommunikation und somit auch im Pressediskurs eingesetzt wird, hängt von zahlreichen Faktoren ab, die die Medienlinguistik beschrieben hat. So stammen Pressetexte nicht aus einer einzelnen Feder, sondern aus der Hand mehrerer Urheber (Agenturen, Journalisten, interviewte Personen, Bildjournalisten usw.). Die Zielgruppe der Pressetexte ist sehr weit gefasst. Die Pressetexte sind auf Schrift, Layout und den Einsatz von Bildern angewiesen. Sie entstehen unter bestimmten Produktionbedingungen sowie in Abhängigkeit von der Informationspolitik des jeweiligen Mediums und folgen bestimmten Darstellungsformen (Pressetextsorten, modulare Cluster zwischen Text und Bild usw.) (siehe Abschnitt 3.1.1). Die Einflussfaktoren sind vielschichtig und komplex und bedingen auch die Komplexität der Pressesprache, die es als homogenen Stil so nicht gibt. Sie divergiert je nach Zeitung, Autor, Thema, Rubrik und Textsorte (siehe Abschnitt 3.1.2).

Im weiteren Verlauf dieses Kapitels wurde diskutiert, inwiefern Bilder Teil von Medientexten sind (siehe Abschnitt 3.2.1). Es wurde eine Typologisierung der Bildsorten Zeitungsbild und Karikaturbild vorgenommen. Weiters wurde beschrieben, welche pragmasemantischen Beziehungen zwischen verbalen und visuellen Teiltexten auftreten können (z.B. Paralellisierung, Metonymisierung oder Meaphorisierung; siehe Abschnitt 3.2.3) und welche Funktionen Zeitungsbilder erfüllen. So informieren und veranschaulichen sie, sie erregen die Aufmerksamkeit der LeserInnen, unterhalten, schaffen Indentifizierungsmöglichkeiten, stabilisieren Weltanschauungen, markieren Einstellungen und gestalten das Layout (siehe Abschnitt 3.2.4).

4 TextlinguistikTextlinguistikPressetextsortenBericht

Innerhalb der umfangreichen Disziplin der TextlinguistikTextlinguistik spielt für die vorliegende Analyse vor allem die Textsortenlinguistik eine Rolle. Sie hilft, die einzelnen Pressetextsorten zu unterscheiden und diesen die untersuchten Zeitungsartikel zuzuordnen.

„In allgemeiner und systematischer Form beschäftigt sich die TextlinguistikTextlinguistik mit den Bedingungen und Regeln des Textverstehens und der Textbildung. Ihre zentrale Aufgabe ist die systematische Beschreibung der allgemeinen Prinzipien der Textkonstitution (der Textbildung), die den konkreten Texten zugrunde liegen, und die Erklärung ihrer Bedeutung für die Textrezeption (das Textverstehen).“ (Brinker 2010: 19)

Als TextMedientext gilt nach Brinker (2010: 19f.) „eine sprachliche und zugleich kommunikative Einheit“, „eine begrenzte, grammatisch und thematisch zusammenhängende (kohärente) Folge von sprachlichen Zeichen, die als solche eine erkennbare kommunikative Funktion (Textfunktion) realisiert“.

Auch die Textsortenlinguistik beschäftigt sich als Teilgebiet der TextlinguistikTextlinguistik mit dem Phänomen „Text“ und ermittelt Textsorten und deren konstitutive Merkmale. Brinker (2010: 125) definiert „Textsorten“ folgendermaßen:

„Textsorten sind konventionell geltende Muster für komplexe sprachliche Handlungen und lassen sich als jeweils typische Verbindungen von kontextuellen (situativen), kommunikativ-funktionalen und strukturellen (grammatischen und thematischen) Merkmalen beschreiben. Sie haben sich in der Sprachgemeinschaft historisch entwickelt und gehören zum Alltagswissen der Sprachteilhaber; sie besitzen zwar eine normierende Wirkung, erleichtern aber zugleich den kommunikativen Umgang, indem sie den Kommunizierenden mehr oder weniger feste Orientierungen für die Produktion und Rezeption von Texten geben.“

Einige Textsorten wie Kochrezept oder Wetterbericht sind stärker normiert als andere wie Zeitungskommentar oder Werbeanzeige. Die Beschreibung und Abgrenzung der weniger stark normierten Textsorten ist nicht immer leicht. Brinker (vgl. 2010: 125–133) nennt drei Kriterien zur Differenzierung von Textsorten, die allerdings nur zur ersten Orientierung dienen können: (1) Textfunktion, (2) kontextuelle Kriterien (Kommunikationsform, Handlungsbereich), (3) strukturelle Kriterien (Textthema, Form der Themenentfaltung). Mithilfe der Textfunktion wird die Textsortenklasse definiert, mithilfe der kontextuellen und strukturellen Kriterien werden die einzelnen Textsorten innerhalb dieser Klasse differenziert. Für eine genauere Charakterisierung müssen außerdem sprachliche Elemente wie Syntax und Lexik berücksichtigt werden. Brinker (vgl. 2010: 126) teilt den Bereich der Gebrauchstexte in fünf Textklassen ein: (1) Informationstexte (z.B. NachrichtNachricht, Bericht), (2) Appelltexte (z.B. Werbeanzeige, KommentarKommentar), (3) Obligationstexte (z.B. Vertrag), (4) Kontakttexte (z.B. Danksagung, Ansichtskarte) und (5) Deklarationstexte (Testament, Ernennungsurkunde). Texte mit Obligations- und Deklarationsfunktion spielen in der Presse kaum eine Rolle. Dort sind es vor allem Informations- und Appelltexte, die zum Einsatz kommen.

4.1 Merkmale der Pressetextsorten

Die Beschreibung der Pressetextsorten muss eine Prototypen-Beschreibung bleiben. Diese Prototypen werden selten bzw. immer seltener tatsächlich realisiert. Die Grenzen der Pressetextsorten verwischen immer mehr (siehe dazu auch Abschnitt 4.2); dennoch ist eine derartige Klassifizierung weiterhin sinnvoll. Für die Analyse der Zeitungsartikel in der vorliegenden Arbeit ist die Unterscheidung der Pressetextsorten aus mehreren Gründen notwendig:

 um die Textsortendistribution der verschiedenen Tageszeitungen miteinander vergleichen zu können,

 um die sprachlichen Besonderheiten einordnen zu können (in meinungsbetontenPressetextsorten, meinungsbetonte Textsorten sind andere sprachstilistische Besonderheiten feststellbar als in informationsbetontenPressetextsorten, informationsbetonte Textsorten),

 um die Hypothesen hinsichtlich der implizitenBewertung, implizite und explizitenBewertung, explizite WertungenBewertung zu überprüfen.

Um Pressetextsorten zu klassifizieren, kann man auf verschiedene Kriterien zurückgreifen, die bei Burger (vgl. 2005: 207–212) recht gut beschrieben sind und hier nur knapp zusammengefasst werden:

 Klassifikation nach strukturellen Kriterien, etwa monologische und dialogische Pressetexte

 Klassifikation nach funktionalen Kriterien, wie es schon Brinker vorgeschlagen hat (siehe oben)

 Klassifikation nach primär inhaltlichen Kriterien, etwa harte und weiche Nachrichten

„Welche Klassifikation und Terminologie auch immer man wählt, man wird in Bezug auf die Zuordnung von Inhalten/Funktionen/Strukturen an Grenzen geraten, die (auch) durch die Entwicklung der Medien selbst bedingt sind, insbesondere durch die […] Verwischung der Grenzen zwischen herkömmlichen Textsorten.“ (Burger 2005: 212)

Da es sehr schwierig ist, Pressetextsorten allein mithilfe eines einzigen Kriteriums zu beschreiben, tritt Burger dafür ein, von Fall zu Fall verschiedene Kriterien zuzulassen.

Lüger, dessen Typologie (obwohl schon älter) Burger (2005: 208) als „die derzeit elaborierteste und am stärksten linguistisch ausgerichtete“ bezeichnet, geht in seiner handlungsorientierten Textsortenklassifikation von der sogenannten Textintention aus, die mit der Funktion bei Brinker vergleichbar ist. Eine sprachliche Handlung umfasst „eine intentionale und eine inhaltliche Seite“ (Lüger 1995: 51). Ein Text besteht demnach aus einer Textillokution bzw. Textfunktion oder Textintention sowie aus Textproposition(en) bzw. einem Textthema oder eben dem Textinhalt (vgl. Lüger 1995: 51). Textkonstitution und Auswahl der sprachlichen Mittel werden von der Textintention wesentlich mitbestimmt (vgl. Lüger 1995: 54). Es handelt sich dabei jedoch nicht um die individuellen Absichten und Intentionen eines Subjekts bzw. eines einzelnen Autors, sondern um soziale Regeln und Muster.

„Der Intentionalitätsfaktor kennzeichnet dabei, als was eine Äußerung in ihrem verbalen und situationellen Kontext gilt, z.B. als Versprechen oder als Ankündigung […], welche kommunikative Rolle ihr in der aktuellen Verwendung vom Adressaten zugeschrieben wird bzw. zugeschrieben werden kann.“ (Lüger 1995: 55)

Für einen Text sind also nicht so sehr die individuellen Absichten konstitutiv, als vielmehr die intersubjektiv gültigen Interpretationsregeln (vgl. Lüger 1995: 55). Lüger (vgl. 1995: 66–75) legt nun mithilfe der von Pressetexten verfolgten Intentionen folgende fünf Textklassen fest:

1 informationsbetontePressetextsorten, informationsbetonte Texte

2 meinungsbetontePressetextsorten, meinungsbetonte Texte

3 auffordernde Texte

4 instruierend-anweisende Texte

5 kontaktorientierte Texte

Der Großteil der Pressetexte ist den ersten beiden Klassen zuzuordnen – so auch die hier untersuchten Zeitungsartikel über die katholische Kirche. Die anderen Klassen werden daher nicht weiter berücksichtigt.1NachrichtMeldung

Lüger unterteilt diese fünf Textklassen mithilfe makro- und mikrostruktureller Aspekte in verschiedene Textsorten: Informationsbetonte Pressetextsorten sind Meldung, harte und weiche Nachricht, Bericht, ReportageReportage, Problemdarstellung, Wetterbericht und Sachinterview; meinungsbetontePressetextsorten, meinungsbetonte Pressetextsorten sind KommentarKommentar, GlosseGlosse, Kritik und MeinungsinterviewInterview.

Ich beschränke mich darauf, diejenigen informations- undPressetextsorten, informationsbetonte meinungsbetonten Pressetextsorten zu beschreiben, die die RedaktionslinienRedaktionslinie der Tageszeitungen widerspiegeln und damit für die Analyse der einzelnen Zeitungsartikel relevant sind. Textsorten wie Wetterbericht, Kritik oder weiche Nachricht sind hier nicht von Interesse. In Bezug auf die nun folgende Klassifizierung der Textsorten habe ich mich für Übersichtlichkeit und damit für eine tabellarische Darstellungsform entschieden. Sie lässt auch einen direkten Vergleich der verschiedenen Textsorten zu. Ihr liegen im Wesentlichen die „linguistisch operationalisierbaren“ Kriterien zu Grunde, die bei Burger (2005: 210f.) zu finden sind:

1 Präsenz bzw. Rolle des Autors im TextMedientext

2 Perspektive, aus der der Text geschrieben ist

3 intertextuelle Textgeschichte

4 synchrone Intertextualität (Bezug des Textes auf andere Texte in der Zeitung)

5 die Art der thematischen Entfaltung (deskriptiv, narrativ, explikativ, argumentativ)

6 inhaltliche Detailliertheit

7 formale Textstruktur (etwa nach einem konventionalisierten Schema)

Neben diesen Kriterien werden auch das Kriterium „Textfunktion“ bzw. „-intention“ (nach Lüger) sowie das Kriterium „sprachstilistische Merkmale“ berücksichtigt. Die konkreten Merkmale der verschiedenen Pressetextsorten sind Burger 2005, Lüger 1995 und Straßner 2000 entnommen. Ihre Zuordnung zu den verschiedenen Kriterien habe ich selbstständig vorgenommen und ist von den einzelnen Autoren nicht unbedingt explizitBewertung, explizite ausgewiesen gewesen. Zu einigen Kriterien wurden keine Angaben gefunden (in den Tabellen gekennzeichnet mit der Abkürzung „o.A.“ („ohne Angabe“)). Manches wurde durch mich ergänzt (erkennbar am nichtvorhandenen Literaturverweis).

Betonen möchte ich, dass die folgenden Beschreibungen keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Dies ist angesichts der ständigen Weiterentwicklung der Pressetextsorten auch nicht möglich (siehe Abschnitt 4.2).

4.1.1 Informationsbetonte Pressetextsorten

Zu dieser Textklasse gehören nach Lüger die Pressetextsorten Meldung, (harte und weiche) Nachricht und Bericht (vgl. Lüger 1995). Meldung ist die kürzeste, Bericht die längste der drei Textsorten.





Tab. 10:

Informationsbetonte Pressetextsorten

Die Unterscheidung zwischen Nachricht und Bericht ist inzwischen umstritten, da die beiden schwer voneinander abzugrenzen sind. Nach Lüger liegt der Unterschied vor allem in der thematischen Entfaltung sowie in der inhaltlichen Detailliertheit. Sind in der Nachricht keine Wertungen enthalten und bleibt die Darstellung dort rein sachlich-deskriptiv, ist eine wertende Stellungnahme im Bericht durchaus möglich (siehe Tab. 10). Nichtsdestoweniger räumt Lüger selbst ein, dass Pressetextsorten selten in Reinform realisiert werden und es zahlreiche Übergangs- bzw. Mischtypen gibt. Außerdem stellt er bereits 1995 einen abnehmenden Stellenwert der harten Nachrichten innerhalb des Spektrums journalistischer Textsorten fest (vgl. 1995: 102). Eine Verschmelzung mit der Textsorte „Bericht“ wäre also mehr als 15 Jahre später noch einmal mehr gerechtfertigt. Im Rahmen der vorliegenden Textanalyse (Abschnitte 11–13) wird daher auf eine Unterscheidung zwischen Bericht und Nachricht verzichtet.

4.1.2 Meinungsbetonte Pressetextsorten

In der Publizistik findet man die Unterscheidung der Textsorte „Kommentar“ in Leitartikel oder auch Kolumne. Es handelt sich hier um Unterscheidungen, die sich auf den Artikel-Autor bzw. die Artikel-Position beziehen. Ein Leitartikel wird meist vom Chefredakteur oder Herausgeber der Zeitung verfasst und befindet sich auf den ersten Seiten der jeweiligen Ausgabe. Eine Kolumne ist eine regelmäßig erscheinende Rubrik mit einem ihr eigenen Titel (z.B. RAU im Standard), in der immer derselbe Autor ein je anderes aktuelles Ereignis kommentiert. Linguistisch gesehen gibt es kaum Merkmalsunterschiede, weshalb diese Differenzierung hier nicht vorgenommen wird. Sehr wohl differenziert wird zwischen Kommentar und GlosseGlosse, die – wie aus Tab. 11 ersichtlich – unterschiedliche Merkmale aufweisen.



Tab. 11:

Meinungsbetonte Pressetextsorten

4.1.3 Pressetextsorten mit informations- undPressetextsorten, informationsbetonte meinungsbetontenPressetextsorten, meinungsbetonte ElementenReportageInterview

Ob die Textsorten „Reportage“, „Interview“ bzw. „Meinungsinterview“ tatsächlich in die vorliegende Analyse aufgenommen werden, wird sich erst im Laufe der Untersuchung herausstellen. Es ist zum einen unsicher, ob tatsächlich Reportagen vorkommen, zum anderen ob aus den Interviews auf die RedaktionslinieRedaktionslinie der Zeitungen geschlossen werden kann. Dies wäre allenfalls anhand der Fragestellung der Journalisten möglich – bleibt zu prüfen, ob hier Relevantes zu entdecken ist.

Das Meinungsinterview ist zwar eine Spielart des Interviews, wird hier aber separat dargestellt, da es nach Lüger besondere Merkmale aufweist. Nichtsdestoweniger gibt es zahlreiche Überschneidungen zum normalen Interview bzw. Sachinterview. In der Tabelle kenntlich gemacht wurde dies durch Verbindung der Zellen.




Tab. 12:

Pressetextsorten mit informationsPressetextsorten, informationsbetonte - und meinungsbetontenPressetextsorten, meinungsbetonte Elementen

4.2 Aktuelle Tendenzen der Pressetextsorten-Entwicklung

Die Pressetextsorten, die hier so prototypisch beschrieben werden, sind in der Praxis in vielen Mischformen anzutreffen. Aktuell tendieren die Textsorten immer mehr dazu, sich zu vermischen, so dass nach Burger (2005: 224) „in allen Medien heute nicht mehr klar zu unterscheiden ist zwischen ‚informationsbetonten‘Pressetextsorten, informationsbetonteund ‚meinungsbetonten‘Pressetextsorten, meinungsbetonte Texten, insbesondere zwischen Bericht und Kommentar“Kommentar. Auch Straßner stellt eine derartige Tendenz fest:

„Wird das von den Alliierten oktroyierte Gebot der Trennung von Fakten und Meinung in der Berichterstattung der großen Politik, Wirtschaft etc. schon weitgehend ignoriert, so verschwindet es quer durch die Sparten, um im Feuilleton völlig aufgehoben zu werden. Berichte über Kulturereignisse enthalten fast immer explizite WertungenBewertung, explizite.“ (Straßner 2000: 35)

„Die Fakten- und Meinungstrennung ist ebenfalls aufgehoben bei Hintergrundsberichten, bei denen die Aktualität zurücktritt, um einem ausführlichen Erwägen der Gründe für ein Ereignis und dessen Folgen Raum zu lassen.“ (Straßner 2000: 38)

Nichtsdestoweniger wird in journalistischen Handbüchern immer noch die Trennung zwischen dem sachlichen, neutralen Bericht und dem subjektiven, meinungsbetonten KommentarKommentar gefordert – eine unsinnige Forderung, wie bereits Bucher 1986 feststellt: Es sei eine Fiktion, über etwas zu berichten, ohne dazu einen Standpunkt zu haben (vgl. Bucher 1986, zitiert nach Burger 2005: 224). Es gibt keine reinen Faktendarstellungen.

„Wenn im Journalismus dennoch weitherum noch die Trennungsnorm vertreten wird, dann ist das gemeint als eine Frage der Gewichtung, auch der formalen Gestaltung. Im KommentarKommentar wird explizitBewertung, explizite die persönliche Meinung des namentlich Unterzeichnenden erkennbar, und der Kommentar bedient sich anderer stilistischer Mittel als der Bericht.“ (Burger 2005: 225)

Die Vermischung der Textsorten scheint in der Boulevardpresse stärker zu sein als in der Qualitätspresse. In vielen Tageszeitungen wird die Trennung zwischen Bericht und KommentarKommentar weiterhin kultiviert und auch grafisch gekennzeichnet. Dennoch nehmen „auch in den Zeitungen, die formal die Trennungsnorm klar befolgen, die Berichte immer mehr den Charakter von Mischformen [an]“ (Burger 2005: 225).

Die Entwicklung der Pressetextsorten ist geprägt von der Konkurrenz von Qualitäts- und Boulevardpresse einerseits und von der Konkurrenz mit den elektronischen Medien andererseits (vgl. Burger 2005: 206). So ist eine Tendenz der Pressetexte hin zu Multi-Texten oder Cluster-Texten zu registrieren, die Ähnlichkeiten mit den Hypertexten der elektronischen Medien aufweisen. Pressetexte werden zunehmend multimedial und enthalten neben Texten auch Fotos und Grafiken. Dabei können Fotos ähnliche Funktionen wie Texte haben und beispielsweise wertende Botschaften enthalten, die jedoch oft unbemerkt bleiben (vgl. Burger 2005: 232; siehe dazu auch BildanalyseBildanalyse der vorliegenden Arbeit in Abschnitt 12).

Außerdem wird die Linearität von Pressetexten (in der MeldungMeldung perfektioniert) immer mehr aufgebrochen. Texte werden nicht mehr von vorne nach hinten, sondern nicht-linear gelesen. Die traditionelle Struktur des komplexen Lang-Textes wird aufgelöst in ein Cluster von zusammenwirkenden einzelnen Teil-Texten: Modular aufgebaute Kurz-Texte verbinden sich mit Infografiken und Fotos (vgl. Burger 2005: 233). Nichtsdestoweniger ergeben die verschiedenen Bausteine dank verbaler und optischer Strategien ein Ganzes (vgl. Burger 2005: 236):

„Vom Rezipienten her gesehen ist das Produkt, der TEXT, ein Angebot, bei dem er sich beliebig ‚bedienen‘ kann. Dadurch wird der Rezipient definitiv von der ‚Ganzlektüre‘ eines Textes weggeführt hin zu einer selektiven Lektüre, die sich die für die individuellen Interessen geeigneten Teil-Texte herausgreift. Aus der Perspektive der elektronischen Hypertext-Struktur ist hier ein zumindest analoges Rezeptionsverhalten des Zeitungslesers angestrebt: Der Leser stellt sich ‚interaktiv‘ seinen eigenen individuellen Text zusammen, jeder einzelne Leser folgt dem eigenen individuellen ‚Lesepfad‘.“ (Burger 2005: 237).

Sprachlich ist eine Verschiebung des Verhältnisses Mündlichkeit und Schriftlichkeit hin zur Mündlichkeit festzustellen (siehe dazu auch Abschnitt 3.1.2).

„Zwar beharren zahlreiche Textsorten der Abonnementpresse noch auf Schreibweisen, die stark an der Schriftlichkeit orientiert sind (insbesondere die auf Agenturmaterial basierenden Texte), doch ist in der Boulevardpresse und vielen Sektoren der sonstigen Presse eine zunehmende Hinwendung zu stärker oralen Formen zu registrieren.“ (Burger 2005: 206).

Für Österreich stellt Burger – im Gegensatz zu Deutschland – außerdem eine „Homogenisierung des Pressestils in Richtung Boulevardpresse“ fest (Burger 2005: 207).

4.3 Zusammenfassung

Für die vorliegende Arbeit sind in Bezug auf die Textlinguistik insbesonders die Ergebnisse zu den Pressetextsorten relevant. So konnten die informationsbetonten Textsorten (Meldung, harte Nachricht, Bericht) und die meinungsbetonten Textsorten (Kommentar, Glosse) sowie diverse Mischformen (Reportage, Interview, Meinungsinterview) mithilfe von neun makro- und mikrostrukturellen Kriterien umfassend beschrieben und voneinander abgegrenzt werden: (1) Intention, (2) thematische Entfaltung, (3) inhaltliche Detailliertheit, (4) formale Textstruktur, (5) Perspektive, (6) Präsenz des Autors, (7) intertextuelle Textgeschichte, (8) synchrone Intertextualität und (9) sprachstilistische Merkmale (siehe Abschnitt 4.1). Des Weiteren wurde aufgezeigt, dass Pressetextsorten dazu tendieren, sich immer mehr zu vermischen, und dass damit die Grenzen zwischen meinungs- und informationsbetont verschwimmen (siehe Abschnitt 4.2).

Die Ergebnisse können der empirischen Untersuchung der vorliegenden Arbeit zugrunde gelegt werden. So helfen die beschriebenen Textsortenmerkmale dabei, die Zeitungsartikel nach Textsorten zu kodieren und die gewonnenen Daten zu interpretieren (z.B. hinsichtlich der Distribution der impliziten und expliziten Bewertungen nach Textsorten; hierzu siehe die Auswertung der Diskursanalyse in Abschnitt 13.3).Diskurslinguistik

5 DiskurslinguistikDiskursDiskursanalyse

Eine weitere sprachwissenschaftliche Teildisziplin, aus der die vorliegende Arbeit schöpft, ist die noch junge Diskurslinguistik. Sie ist insofern interessant, als dass sie Strukturen, Muster und Besonderheiten über Einzeltexte hinaus beschreibt. Die Kritische DiskursanalyseDiskursanalyse nach Jäger bildet die Grundlage der für die Artikelanalyse entworfenen Methode.

Unter Diskurslinguistik ist jedoch nicht die Gesprächslinguistik bzw. -analyse zu verstehen (die im Englischen ja „discourse analysis“ heißt), sondern eine mit der TextlinguistikTextlinguistik verwandte Forschungsrichtung, die aus der linguistischen Rezeption der DiskurstheorieDiskurstheorie, vor allem der Diskurstheorie nach Michel Foucault (1926–1984) erwachsen ist. Der Terminus „Diskurs“ bezeichnet demnach nicht „Gespräch“, sondern „eine strukturelle Einheit“, „die über Einzelaussagen hinausgeht“ (Warnke 2007b: 5). Texte sind „in Diskurse im Sinne textübergreifender Strukturen eingebettet“ (Warnke 2007b: 7). Diskurslinguistik resultiert also aus der Überwindung des Verständnisses, dass ein Text die größte linguistisch zu beschreibende Einheit ist. Gegenstand linguistischer Analyse ist damit nicht länger „die begriffliche Architektur eines isolierten Textes“ (Warnke 2007b: 15), sondern sind „textübergreifende Strukturen von Sprache“ (Warnke 2007b: 16). Die Diskurslinguistik bricht damit „die Abgrenzung von vorhergehenden, umgebenden und nachfolgenden Äußerungen“ (Warnke 2007b: 17) auf, wie es sie in textlinguistischen Analysen gibt, wo Einzeltextphänomene untersucht werden. Warnke zufolge (2007b: 18) sind Diskurse „insofern nicht einfach thematisch zusammengestellte Korpora, sondern offene Gesamtheiten von Aussagen, die stets nur exemplarisch und in Ausschnitten ihrer Streuung wissenschaftlich zu beschreiben sind“.

5.1 DiskurstheorieDiskurstheorie nach Foucault

Um besser nachvollziehen zu können, was bzw. welche Weltanschauung und Gesellschaftstheorie mit dem Terminus „Diskurs“ mitschwingt, ist zumindest ein kurzer Blick auf Foucaults DiskurstheorieDiskurstheorie notwendig. Foucaults Anliegen war es, das Zustandekommen gesellschaftlichen Wissens zu rekonstruieren. Er wollte „eruieren, warum und wie bestimmte Denkschemata eine Epoche prägen und die Perspektive bestimmen können, unter der die Menschen die Welt zu einem bestimmten Zeitpunkt und in einem bestimmten Raum sehen“ (Heinemann 2005: 23). Die Organisation von Gesellschaften wird nach Foucault wesentlich durch die sogenannten Diskurse geleistet, indem diese „Weltbilder, Gesellschaftsdeutungen und sozial wirksame Klassifikationen [hervorbringen]“ (Diaz-Bone 2005: 539). Was Foucault exakt unter dem Terminus „Diskurs“ versteht, hat er nie eindeutig und endgültig definiert. Heinemann (2005: 24) versucht eine solche Definition von „Diskurs“ nach Foucault zu formulieren: „Diskurse sind Bündel komplexer Beziehungen zwischen Aussagen und gesellschaftlichen Prozessen und Normen; dadurch zugleich aber auch Instrumente gesellschaftlicher Praktiken und damit der Machtausübung.“ Ein Diskurs ist also „eine Menge von Aussagen, die einem gleichen Formationssystem zugehören“ (Foucault, zitiert nach Zimmermann 2010: 37). Unter Formationssystem ist eine Art Aussagengeflecht zu einem bestimmten Themenkomplex zu verstehen; z.B. bilden verschiedenste Aussagen zum Thema „Rassismus“ (oder in der vorliegenden Arbeit zum Thema „katholische Kirche“) ein Aussagengeflecht, einen Diskurs.

Aussagen und gesellschaftliche Prozesse beeinflussen sich also gegenseitig; so reproduzieren Aussagen nicht nur, sondern bringen auch Wissen hervor. Dadurch üben sie Wirkung bzw. Macht aus – insbesondere wenn sie Handlungen nach sich ziehen (vgl. Diaz-Bone 2005: 540), denn sie bestimmen „letztlich – mehr oder minder unbewusst – das Denken der Subjekte und die ‚Ordnung der Dinge‘ (Foucault 1974)“ (Heinemann 2005: 23).

Diskurse sind jedoch nicht in der Absicht einzelner Akteure entstanden, sondern sie sind das Resultat geschichtlicher Entwicklungen und „anonyme[r] und überindividuelle[r] Prozesse“ (Diaz-Bone 2005: 540). Wichtig ist, so Heinemann (2005: 23), dass Aussagen nach Foucault nie für sich stehen, sondern in einen Aussagenkomplex, in einen Diskurs, „in ein assoziatives Feld“ eingebettet sind. „Erst von der Ganzheit des Diskurses her erhalten die Einzelaussagen ihre eigentliche Bedeutung […].“ DiskursanalysenDiskursanalyse versuchen als eine Form von Inhaltsanalysen diese Bedeutungen der Aussagen bzw. Texte von eben dieser Ganzheit des Diskurses her zu erschließen.

„DiskursanalysenDiskursanalyse versuchen zunächst Diskurse als kollektive Praxisformen und Wissensordnungen […] zu identifizieren und deren innere Organisation zu rekonstruieren. Danach wird der Fokus erweitert und nach den Wechselwirkungen zwischen Diskursen einerseits und nicht-diskursiven sozialen Vorgängen (institutionellen Prozeduren, Handlungsroutinen, Techniken) andererseits gefragt.“ (Diaz-Bone 2005: 539)

„Die“ DiskursanalyseDiskursanalyse gibt es jedoch nicht. Foucault, der selbst eher Theoretiker war, hat nie eine einheitliche Methode der Diskursanalyse erstellt; jedoch sind in der Foucaultschen Rezeptionsgeschichte, vor allem in den Sozialwissenschaften, verschiedene Arten der Diskursanalyse entworfen worden.1 Hier gehe ich aufgrund der Ausrichtung der vorliegenden Arbeit jedoch nur auf die linguistisch orientierten Diskursanalysen ein.

5.2 DiskursanalysenDiskursanalyse in der Linguistik

Die DiskurstheorieDiskurstheorie hat die Linguistik und hier im Besonderen die TextlinguistikTextlinguistik nachhaltig beeinflusst. Davon zeugt auch der Titel des von Warnke 2007 herausgegebenen Sammelbands „Diskurslinguistik nach Foucault“. Darin wird versucht, „den theoretischen Stand der gegenwärtigen Diskurslinguistik“ in Folge der „Rezeption der Foucault’schen Diskurstheorie in der Linguistik“ zu beleuchten (Warnke 2007c: VII). Dennoch hatte die germanistische Linguistik anfangs mit der Rezeption Foucaults gezögert. Aufgenommen wurde sie zunächst von der Historischen SemantikSemantik, die die historische Entwicklung von Wortbedeutungen untersucht. Vor allem Busse erweiterte ab den 1980er Jahren dieses ursprüngliche Anliegen der Historischen Semantik um die DiskursebeneDiskursebene (Wortbedeutungen als vom Diskurs bestimmt) und zielte auf die Analyse der „Geschichte der Bedingungen der Möglichkeiten sprachlicher Äußerungen“ (Busse 1987, zitiert nach Warnke 2007: 8).1 Diese Spielart der DiskursanalyseDiskursanalyse wird mancherorts auch „(Korpus-)Linguistisch-Historische Diskursanalyse“ genannt (z.B. bei Keller 2004: 22).

In der TextlinguistikTextlinguistik dauerte es etwas länger, bis der Untersuchungsgegenstand „Diskurs“ Akzeptanz fand. Erst ab den 1990ern begannen manche Linguisten die Frage zu stellen, wie diverse Themen von der Gesellschaft behandelt werden, und beschrieben Diskursstränge zu Themen wie Rassismus und Vorurteile. Heinemann führt die dahingehend engagierten germanistischen LinguistInnen Siegfried Jäger oder Ruth Wodak an, VertreterInnen der sogenannten Kritischen DiskursanalyseDiskursanalyse (KDA) bzw. Critical discourse analysis (CDA), auf die ich noch zurückkommen werde (vgl. Heinemann 2005: 26).

Im Sammelband „Methoden der Diskurslinguistik“, herausgegeben von Warnke und Spitzmüller, wird die Diskurslinguistik als „Erweiterung text- und soziolinguistischer Perspektiven“ beschrieben (Warnke/Spitzmüller 2008c: VII.), deren Aufgabe es ist, „Sprache als Teil sozialer Praktiken der Wissensgenese und Wissensformation“ (Warnke/Spitzmüller 2008b: 16) zu untersuchen.

„Es geht also bei der methodischen Umsetzung der Diskurslinguistik um eine sprach- und wissensbezogene Analyse, die die Produktionsbedingungen und Wirkungsmechanismen spezifischer medialer Umgebungen und die Interessen der Diskursteilnehmer als Untersuchungsgegenstand ernst nimmt.“ (Warnke/Spitzmüller 2008b: 17)

Warnke und Spitzmüller sehen eine weitere Aufgabe der foucaultschen DiskursanalyseDiskursanalyse in der Analyse von Machtstrukturen, wobei Macht hier nach Foucault nicht im Sinne von repressiver „Mächtigkeit einiger Mächtiger“ zu verstehen ist, sondern als „komplex[e] strategisch[e] Situation in einer Gesellschaft“ (Foucault 1997, zitiert nach Warnke/Spitzmüller 2008b: 18). Analyse von Machtstrukturen kann oder muss sich sogar auch in der Beschreibung sozialer Strukturen und Dynamiken äußern, die in den Diskursen einerseits abgebildet, andererseits von ihnen auch geschaffen werden.

In der Entwicklung der noch jungen germanistischen Diskurslinguistik haben sich zwei Lager herausgebildet, die sich zwar jeweils auf Foucault berufen, nichtsdestoweniger jedoch so unterschiedliche Ansichten und Zugangsweisen zur DiskursanalyseDiskursanalyse haben, dass sie quasi getrennte Wege gehen und keine Zusammenarbeit stattfindet (Warnke/Spitzmüller 2008b: 19). Die Rede ist von der bereits von Heinemann erwähnten Kritischen Diskursanalyse sowie von der in der Tradition der Diskurssemantik stehenden linguistischen Diskursanalyse. Der dem Anschein nach gravierende Unterschied der beiden liegt in der Ausrichtung der Diskursanalyse. Die Kritische Diskursanalyse (KDA) hat ganz offen die Kritik herrschender Machtstrukturen zum Ziel, wovon die linguistische Diskursanalyse dezidiert Abstand nimmt. Letztere bezieht Position gegen WertungenBewertung in der Analyse und hält eine derartig wertende und kritisierende Vorgehensweise sogar für unwissenschaftlich. Diese Richtung der Diskurslinguistik sieht die Aufgabe der Wissenschaft in der Deskription (und nicht in der Kritik). Die geforderte Analyse der diskursiven Machtstrukturen bleibt in der Diskursbeschreibung verhaftet. Trotzdem plädieren Warnke und Spitzmüller, deren Zugang der deskriptiv linguistischen Diskursanalyse zuzuordnen ist, für einen Austausch zwischen den beiden Lagern, den sie als profitabel einschätzen (vgl. Warnke/Spitzmüller 2008b: 19). Sie finden aber, dass „explizite Gesellschaftskritik […] kein primäres Ziel der Diskursanalyse“ oder „die alleinige Aufgabe der Diskurslinguistik“ sein soll (Warnke/Spitzmüller 2008b: 22). Die Aufgabe der performanzorientierten Diskurslinguistik besteht in der Beschreibung sprachlicher Oberflächenphänomene (Warnke 2007b: 13). Es geht hier um die „Strukturierung kognitiver Schemata in Äußerungsroutinen“, um die „Beschreibung von Wissensarchitekturen“, etwa die „RekonstruktionRekonstruktion des Identitätsdiskurses“, immer auf der Suche nach sprachlichen Mustern (vgl. Warnke/Spitzmüller 2008b: 22). Warnke und Spitzmüller stellen ein Ebenenmodell vor (Diskurslinguistische Mehr-Ebenen-Analyse, DIMEAN), das weniger ein Leitfaden für die Durchführung einer Diskursanalyse ist, als vielmehr dabei helfen soll, diskurslinguistische Gegenstände erst einmal zu finden bzw. abzugrenzen. Das Modell besteht aus einer intratextuellen (u.a. Analyse der Mikro- und Makrostruktur des Textes), einer Akteurs- (Analyse der Handelnden hinter dem Text) und einer transtextuellen Ebene (diskursorientierte Analyse). Die transtextuelle Ebene ist die eigentliche Ebene, auf der Diskursanalyse stattfindet, auch wenn dieser die Analyse der beiden anderen Ebenen vorausgehen muss. Dabei gibt es zahlreiche Möglichkeiten bzw. Gegenstände diskursorientierter Analysen: Intertextualität, Schemata (Frames/Scripts), diskursschematische Grundfiguren, Topoi, Sozialsymbolik, indexikalische Ordnungen, Historizität, Ideologien/MentalitätenIdeologie (s. a. Welt- und Wertvorstellungen), allgemeine gesellschaftliche und politische Debatten. Die verschiedenen Aufsätze des Sammelbandes von Warnke und Spitzmüller widmen sich einigen dieser diskursanalytischen Gegenstände (vgl. Warnke/Spitzmüller 2008b: 23–43).

Der deskriptiven Diskurslinguistik stehen die inzwischen zahlreich gewordenen Spielarten der KDA bzw. CDA gegenüber, die sich in ihrem theoretischen Unterbau, ihrer Methodologie und ihren Forschungsschwerpunkten unterscheiden, aber ein gemeinsames Ziel verfolgen: Egal ob die Duisburger Schule um Siegfried Jäger, die Wiener Schule um Ruth Wodak oder die englische Variante um Norman Fairclough (ein Vorreiter in dieser Hinsicht ist auch der Niederländer Teun van Dijk) – das erklärte Anliegen ist es, Machtstrukturen aufzudecken und Gesellschaftskritik zu üben. Manche Varianten wollen auch dezidiert die Gesellschaft verändern; bei diesen liegt das Ergebnis der DiskursanalyseDiskursanalyse in „Verbesserungsvorschlägen“.2

Nach Jäger (2009: 25) ist DiskursanalyseDiskursanalyse im Grunde per se kritisch, weil sie „verdeckte Strukturen sichtbar macht (die man dann kritisieren kann oder auch nicht)“. Doch „kritisch“ im engeren Sinn wird sie erst, „wenn sie mit begründeten moralisch-ethischen Überlegungen gekoppelt wird“. Die Kritische Diskursanalyse nach Jäger (vgl. Jäger 2010a: 34) widmet sich gesellschaftspolitischen Themen wie Migration, Rassismus, Rechtsextremimus, Krieg und Frieden, Kriminalität u.a. Der Wiener (diskurs-historische) Ansatz „lehnt die Vorstellung ‚wertneutraler Wissenschaft‘ ab, versteht sich also als ‚anti-objektivistisch‘“ (Reisigl 2007, Absatznr. 17), und untersucht die Zusammenhänge zwischen Sprache, Diskurs und Geschichte, zwischen Geschichte, Politik und Sprache oder Diskurs, Sprache und Identität oder auch institutioneller Kommunikation. Dabei werden Themen behandelt wie Nationalsozialismus, Antisemitismus, Rassismus, sexistischer Sprachgebrauch, nationale Identitätskonstruktion oder auch Identitätskonstruktion in der EU (vgl. Reisigl 2007).

Für die Analyse in der vorliegenden Arbeit wurde die Methode der Kritischen DiskursanalyseDiskursanalyse nach Jäger gewählt, deren zentrale Eckpunkte im folgenden Abschnitt abgesteckt werden.

5.3 Kritische DiskursanalyseDiskursanalyse nach Jäger

Obwohl Jäger Sprachwissenschaftler ist und seine in den 1990ern entworfene und seither weiterentwickelte Methode der KDA wohl als Weiterentwicklung von der Textanalyse zur DiskursanalyseDiskursanalyse gesehen werden kann, verortet er sie nicht als linguistische, sondern als inter- oder auch transdisziplinäre Methode.1 Die KDA ist für ihn „ein Projekt qualitativer Sozial- und Kulturforschung, das sich auch einer Reihe sprachwissenschaftlicher Instrumente bedient“. In ihrer Interdisziplinarität geht sie „bewusst über die Diskurslinguistik hinaus, die sich allein oder doch fast allein auf linguistische Begrifflichkeiten und Verfahren beschränken möchte“ (Jäger/Zimmermann 2010: 5). Jäger grenzt sich hier von einem Verständnis der Diskurslinguistik ab, wie sie Warnke und Spitzmüller vertreten: Die Diskurslinguistik, „sofern sie sich auf eine einzige Disziplin reduziert, verkennt in manchen Ausarbeitungen die Möglichkeiten inter- und transdisziplinärer Kooperation“ (Jäger 2010b: 43f.).

Jäger, der sich als Sprachwissenschaftler immer schon für den „Zusammenhang von Gesellschaft, Individuum und Sprache“ interessiert hat, scheint an linguistische Grenzen gestoßen zu sein, die sich die Linguistik selbst gesetzt hat, denn „zusammen mit den Inhalten wird […] im Grunde zugleich alles Gesellschaftliche aus der Linguistik vertrieben“ (Jäger 2009: 12). Er kritisiert an der Linguistik im Allgemeinen

„eine Beschränkung der Linguistik auf sich selbst, eine technokratische Verkürzung, die Linguisten daraus meinen ableiten zu müssen, daß in allen Wissenschaften und in jedem Alltag Inhalte vorkommen, für die die Linguistik, der Linguist/die Linguistin nicht kompetent seien“ (2009: 13).

Nach Jäger gilt es diese Position in der Linguistik zu überwinden. Ihm geht es „letzten Endes um die Entwicklung eines integrierten theoretischen und methodologischen kulturwissenschaftlichen Ansatzes für Gesellschaftstheorie und Gesellschaftsanalyse“ (Jäger 2009: 25). Dass seine Kritische DiskursanalyseDiskursanalyse, auch wenn er sie sozial- und kulturwissenschaftlich verortet, dennoch in stark linguistischer Tradition steht, zeigt aber z.B. auch, dass Jäger sie an anderer Stelle als „sprach- und sozialwissenschaftlichen Ansatz“ beschreibt, mit dem er die Soziolinguistik ablösen möchte (vgl. Jäger 2009: 51).

Für die Entwicklung seiner Methode hat Jäger sich einerseits von Michel Foucault, vor allem in der Rezeption durch Jürgen Link, andererseits von Alexei Nikolajewitsch Leontjews Tätigkeitstheorie inspirieren lassen. Leontjews Theorie, die „zwischen Subjekt- und Objektwelt unterscheidet“ und die Tätigkeit als vermittelnde Instanz zwischen diesen Ebenen erkennt (Jäger 2009: 111), hilft Jäger, die Verbindung zwischen Subjekt und Diskurs, zwischen Individuum und Gesellschaft zu erklären und auch ein der DiskursanalyseDiskursanalyse angemessenes Textverständnis zu entwickeln (vgl. 2009: 21f.).2 Subjekte bilden sich abhängig von soziohistorischen Bedingungen und sind Produkt menschlicher Tätigkeit; sie konstituieren sich „im und durch den Diskurs“ (2009: 21). Diskurse sind ebenfalls Produkte menschlicher Tätigkeit. Texte sind Diskursfragmente und

„[…] im Sinne der Tätigkeitstheorie Ergebnisse der Denktätigkeit von Individuen. Ihre Produktion beruht auf sozialisatorisch angeeignetem Wissen, den jeweiligen Motiven der sprachlich Handelnden und den verfügbaren Ressourcen der Versprachlichung und sprachlichen Entäußerung“ (Keller 2004: 32).

Während Texte von (in Diskurse „verstrickten“) Individuen geschaffen werden, sind Diskurse überindividuell, d.h. „von der Gesamtheit aller Individuen gemacht“ (Jäger 2009: 148). Jäger definiert sie als „Verläufe oder Flüsse von sozialen Wissensvorräten durch die Zeit“ (2009: 158), als „strukturiert“ und „geregelt“, „konventionalisiert bzw. sozial verfestigt“ (2009: 129). Das über Diskurse transportierte Wissen gilt als richtig und wahr, wobei Wahrheit nicht „diskurs-extern vorgegeben“, sondern ein „diskursiver Effekt“ ist bzw. „historisch-diskursiv erzeugt“ (2009: 129). Diskurse spiegeln „gesellschaftliche Wirklichkeit nicht einfach [wider], sondern [sie führen] gegenüber der Wirklichkeit ein ‚Eigenleben‘ […], obwohl sie Wirklichkeit prägen und gestalten, ja gesellschaftliche Wirklichkeit zuerst ermöglichen“. Anders gesagt: Diskurse sind „vollgültige Materialitäten“ (2006: 87).

„Diskurse üben Macht aus, da sie Wissen transportieren, das kollektives und individuelles Bewußtsein speist. Dieses zustande kommende Wissen ist die Grundlage für individuelles und kollektives Handeln und die Gestaltung von Wirklichkeit.“ (Jäger 2006: 89)

Die verschiedenen Diskurse eines gesellschaftlichen Gesamtdiskurses sind miteinander vernetzt und bilden ein „diskursives Gewimmel“, das die DiskursanalyseDiskursanalyse unter anderem mithilfe verschiedener Analysekategorien zu entflechten versucht (Jäger/Zimmermann 2010: 15f.):

 Spezialdiskurs: Wissenschaftsdiskurs – im Gegensatz zum Interdiskurs (alle nichtwissenschaftlichen Diskurse) (vgl. Jäger 2009: 159);Diskursfragment

 Diskursfragment: Text(-teil) zu einem bestimmten Thema (vgl. Jäger 2009: 159); in dieser Arbeit z.B. ein Artikel zum Thema „katholische Kirche“ oder genauer zum Thema „Afrikareise des Papstes“;

 Diskursstrang:Diskursstrang gebildet aus mehreren Diskursfragmenten zum selben Thema; in dieser Arbeit werden mehrere Diskursstränge behandelt: z.B. Diskursstrang über die Aufhebung der Exkommunikation der Pius-Bruderschaft, über die Afrikareise des Papstes, über den Kindesmissbrauch durch Kirchenvertreter; Diskursstränge sind miteinander verschränkt, d.h. sie beeinflussen und stützen sich gegenseitig; das gilt für alle Diskursstränge (auch thematisch nicht verwandte) (vgl. Jäger 2009: 160f.); alle Diskursstränge einer Gesellschaft ergeben zusammen den gesamtgesellschaftlichen Diskurs (vgl. Jäger 2009: 166);

 Diskursives Ereignis: Ereignisse, „die medial groß herausgestellt werden und als solche […] die Richtung und die Qualität des DiskursstrangsDiskursstrang, zu dem sie gehören, mehr oder minder stark beeinflussen“; es wird sich zeigen, ob in der vorliegenden Untersuchung diskursive EreignisseDiskursives Ereignis festzustellen sind;

 Diskursebene:Diskursebene soziale Orte, von denen aus gesprochen wird, wie Wissenschaft, Politik, Medien, Alltag usw. (vgl. Jäger 2009: 163); in dieser Arbeit wird die Diskursebene der Medien, genauer: der Tageszeitungen untersucht;

 Diskursposition:Diskursposition „spezifischer politischer Standort einer Person oder eines Mediums“ (vgl. Jäger 2009: 164).

Nach Jäger ist das „allgemeine Ziel der DiskursanalyseDiskursanalyse“, „ganze Diskursstränge (und/oder Verschränkungen mehrerer Diskursstränge) historisch und gegenwartsbezogen zu analysieren und zu kritisieren“. Da es aufgrund des Umfangs eines DiskursstrangsDiskursstrang und des damit verbundenen hohen Arbeitsaufwandes unmöglich ist, alle Diskursfragmente genau zu untersuchen, rät Jäger zu einer Zweigliederung der Analyse. Nach einer groberen Struktur- bzw. Überblicksanalyse eines Diskursstrangs wird eine Feinanalyse eines typischen Diskursfragments daraus vorgenommen (vgl. Jäger 2009: 192f.). Die Überblicksanalyse besteht im Wesentlichen in der (1) Ermittlung des diskursiven Kontextes, (2) in der allgemeinen Charakterisierung der Zeitung, der die Diskursfragmente entnommen sind und (3) in der Aufschlüsselung der Diskursfragmente bzw. Artikel nach Themen und TextsortenPressetextsorten sowie in der Ermittlung der DiskurspositionDiskursposition der Zeitung in Hinblick auf die jeweilige Thematik (vgl. Jäger 2009: 195f.). Für die Feinanalyse sollen typische Artikel mithilfe bestimmter Kriterien ausgewählt werden. So sollen die typischen Artikel z.B. die Diskursposition der Zeitung enthalten, dem thematischen Schwerpunkt der Zeitung hinsichtlich des betroffenen Diskursstrangs, dem Berichtstil und den formalen Besonderheiten der Darstellung entsprechen (Genaueres siehe Jäger 2009: 193). Die Feinanalyse selbst besteht aus folgenden Analyseschritten:

1. „Institutioneller Rahmen: Jedes Diskursfragment steht in einem institutionellen Kontext. Dazu gehören MediumMedium, Rubrik, Autor, eventuelle Ereignisse, denen sich das Fragment zuordnen läßt, bestimmte Anlässe für den betreffenden Artikel etc.

2. Text-‚Oberfläche‘: Graphische Gestaltung (Photos, Graphiken, Überschriften, Zwischenüberschriften), Sinneinheiten (wobei die graphischen Markierungen einen ersten Anhaltspunkt bieten [sic!], angesprochene Themen.

3. Sprachlich-rhetorische Mittel (sprachliche Mikro-Analyse: z.B. Argumentationsstrategien, Logik und Komposition, Implikate und Anspielungen, Kollektivsymbolik/Bildlichkeit, Redewendungen und Sprichwörter, Wortschatz, Stil, Akteure, Referenzbezüge etc).

Inhaltlich-ideologische Aussagen: Menschenbild, Gesellschaftsverständnis, Technikverständnis, Zukunftsvorstellung u.ä.

4. Interpretation: Nach den unter 1. bis 4. aufgeführten Vorarbeiten kann die systematische Darstellung (Analyse und Interpretation) des gewählten Diskursfragments erfolgen, wobei die verschiedenen Elemente der Materialaufbereitung aufeinander bezogen werden müssen.“ (Jäger 2009: 175; in Originalrechtschreibung)3

Auf der Basis der Struktur- und Feinanalyse wird abschließend eine Gesamtinterpretation des Diskursstranges vorgenommen (vgl. Jäger 2009: 193).

Jäger hat seine Vorgehensweise in zahlreichen Veröffentlichungen immer wieder sehr transparent, leser- und benutzerfreundlich erörtert. Wenn die gewählte Untersuchungsmethode der vorliegenden Arbeit Jägers Kritischer Diskursanalyse auch nicht 1:1 folgt, so ist sie dennoch wesentlich von ihr beeinflusst. Jägers Analyseraster wird mit einigen Anpassungen übernommen (siehe Abschnitt 13.2).

Obwohl ich mir bewusst bin, dass diese Methode aufgrund ihrer politischen Ausrichtung, aber auch aufgrund der Beachtung der Textinhalte innerhalb der Linguistik umstritten ist und Jäger sie selbst (vielleicht auch deshalb) nicht als sprachwissenschaftliche Methode im eigentlichen Sinn deklariert, hat mich vor allem ihr Analyseverfahren überzeugt. Der Aufbau der einführenden Kapitel zeigt bereits, dass auch die vorliegende Arbeit keine puristisch linguistische ist. In Abschnitt 2 war die Rede davon, dass heute die wissenschaftlichen Fachgrenzen verschwimmen, weil von den Gegenständen, von der Forschungsfrage ausgehend transdisziplinäre Methoden entwickelt werden müssen. Meine Forschungsfrage macht es notwendig, aus verschiedensten Forschungstraditionen und Wissenschaftsdisziplinen zu schöpfen, um ihr gerecht werden zu können. Nichtsdestoweniger erhebt die Arbeit den Anspruch medienlinguistisch zu sein, da der Schwerpunkt der vorgenommenen Analyse auf dem Sprachgebrauch in den Medien liegt. Ich kann daher gut mit Jäger sympathisieren, der, selbst Sprachwissenschaftler, mit seiner entwickelten Methode über die „Grenzen der Disziplin der Linguistik“ hinausgeht, indem er sie mit verschiedenen sozialwissenschaftlichen Theorien und Instrumenten verbindet (Jäger 2009: 158). Das Ziel meiner Arbeit liegt zwar nicht in einer politischen Gesellschaftskritik, die sich darin zeigt, „Vorschläge zur Vermeidung herrschender Missstände zu entwickeln“, wofür Jäger die Kritische DiskursanalyseDiskursanalyse in der Lage sieht (vgl. Jäger/Zimmermann 2010: 22). Dennoch steht sie medialen Prozessen durchaus kritisch gegenüber, was sich bereits an den Hypothesen ablesen lässt. Gardt (2007), der die Ursache der KontroverseKontroverse zwischen Kritischer Diskursanalyse und Diskurslinguistik in der Dichotomie der erklärenden und der beschreibenden Sprachwissenschaft (nach Chomsky) sieht, befürchtet, dass die linguistische Diskursanalyse „zu einer bloßen Hilfswissenschaft für andere Disziplinen“ wird, wenn die Sprache nicht der eigentliche Untersuchungsgegenstand ist. Die Lösung besteht nach Gardt im Verständnis der Diskursanalyse als Sprachkritik, da sie dadurch ihre „linguistische Identität“ wahren könne (2007: 40f.).

„Eine Aufwertung einer linguistisch fundierten Sprachkritik zu einem integralen Bestandteil der Sprachwissenschaft wird in jüngster Zeit ohnehin gefordert. Wenn Sprachwissenschaftler durch das kritische Kommentieren öffentlichen Sprachgebrauchs tatsächlich stärker in der Gesellschaft präsent sein wollen, sind damit auch jene Vertreter der DiskursanalyseDiskursanalyse angesprochen, deren Arbeiten solche gesellschafts- und ideologiekritischenIdeologie (s. a. Welt- und Wertvorstellungen) Züge tragen.“ (Gardt 2007: 41)

Auch Warnke, Meinhof und Reisigl sehen im Jahr 2012 die Diskurslinguistik stärker integrativ. „[Deskriptive] Zugänge und kritische Verfahren“ seien „als interdependent [zu verstehen]“; beide bedingen sich insofern gegenseitig, als „jede so genannte deskriptive Linguistik […] bis zu einem gewissen Grad auch explikativ und argumentativ“ ist (2012: 381). „Umgekehrt muss eine sich als kritisch verstehende Diskursanalyse an deskriptiver Präzision interessiert sein, sollen ihre Analysen als empirisch geerdete Untersuchungen ernst genommen werden“ (Reisigl 2011, zitiert nach Warnke/Meinhof/Reisigl 2012: 382).

„Die Einbettung von Sprachkritik in eine Kritische DiskursanalyseDiskursanalyse scheint [Jäger selbst] durchaus wünschenswert und auch leicht zu machen“, wie er sich in einem InterviewInterview mit Diaz-Bone äußert – obwohl er sich eine „Weiterentwicklung in Richtung Diskurskritik (und damit Gesellschaftskritik)“ wünschen würde (Diaz-Bone 2006, Absatz 53). Die Anwendung seiner Kritischen Diskursanalyse in dieser Arbeit, die sprachkritisch die Berichterstattung der Tagespresse über die Kirche beleuchtet, indem sie den Einsatz verschiedener sprachlicher Mittel in Pressetextsorten untersucht, scheint mir also durchaus legitim.

5.4 Zusammenfassung

Die Diskurslinguistik beruht auf der Diskurstheorie nach Michel Foucault, geht über Einzeltexte hinaus und beschreibt Strukturen, Muster und Besonderheiten von Diskursen und damit die in diesen Diskursen manifesten Weltbilder und Gesellschaftsdeutungen. In der Diskurslinguistik haben sich im Wesentlichen zwei Richtungen etabliert, eine deskriptive und eine kritische. Erstere sieht ihre Aufgabe in der reinen Beschreibung von sprachlichen Oberflächenphänomenen, zweitere durchaus auch in der Kritik von Machtstrukturen (siehe Abschnitt 5.2). Die vorliegende Arbeit sieht sich in der Tradition der Kritischen Diskursanalyse nach Jäger und macht sich deren sprachwissenschaftlich orientiertes Analyseinstrumentarium zunutze. Dabei wird ein Diskursstrang zu einem ausgewählten Thema nach typischen Diskursfragmenten (d.h. Einzeltexten, z.B. Zeitungsartikeln) durchsucht, die im Anschluss einer Feinanalyse unterzogen werden (siehe Abschnitt 5.3). Konkret widmet sich die vorliegende Untersuchung einem kleinen Ausschnitt des gesamtgesellschaftlichen Diskurses, nämlich dem Diskurs der Tagespresse zum Thema „katholische Kirche“. Die Analyse ist insofern textübergreifend, als dass sie korpusbasiert ist und mehrere Texte desselben Diskurses auf Besonderheiten hin untersucht. Dabei wird vor allem der Sprachgebrauch (Wortschatz und Stil), aber auch der Inhalt selbst in den Blick genommen (Themenfrequenzanalyse, Analyse der implizitenBewertung, implizite und explizitenBewertung, explizite WertungenBewertung). Ziel ist es, diesen Pressediskurs zum Thema „Kirche“ genau zu beschreiben und DiskurspositionenDiskursposition (etwa die einzelnen RedaktionslinienRedaktionslinie) festzumachen. Indem die Berichterstattung in Frankreich und in Österreich miteinander verglichen werden, soll herausgefunden werden, ob aufgrund der unterschiedlichen Geschichte der beiden Länder und damit aufgrund ihres unterschiedlichen Verhältnisses zur Kirche Diskrepanzen zwischen den länderspezifischen Diskursen (die sich ja historisch entwickelt haben) feststellbar sind (siehe Abschnitte 11 bis 13).

In Bezug auf die kontrastive Analyse dieser Arbeit soll hier noch ergänzend ein Artikel von Czachur Erwähnung finden, der sich mit den Bedingungen kontrastiver Diskurslinguistik auseinandersetzt. So sagt Czachur etwa, dass Diskurse auch von der Kultur der jeweiligen Sprachgemeinschaft geprägt werden, d.h. von deren Werten, Normen, von ihrer Geschichte, von politischen und wirtschaftlichen Faktoren (vgl. 2012: 389). Ein Schlüsselbegriff sind hier die Werte, die die „Grundlage der menschlichen Handlung darstellen“. Sie sind „grundlegende menschliche Zielvorstellungen“ und „kulturelle Orientierungsgrößen“ und „bilden den Ausgangspunkt jeglicher sprachlicher Kategorisierung und Konzeptualisierung der Wirklichkeit“ (2012: 390). Wenn es nun darum geht, Diskurse unterschiedlicher Sprachgemeinschaften miteinander zu vergleichen, muss die Kultur miteinbezogen werden. Es müssen „die sprachlich tradierten, diskursiv erzeugten, kulturspezifischen Konzeptualiserungen der Welt aufgezeigt und miteinander verglichen werden“. Anders formuliert macht es sich die kontrastive Diskurslinguistik zum Ziel zu erklären, „warum die eine Gesellschaft gerade das weiß und die andere etwas anderes“ (2012: 391). Dazu benötigt sie ein mehrdimensionales Analyseinstrumentarium (vgl. 2012: 391). Die vorliegende Arbeit versucht diesem Anspruch der kontrastiven Diskurlinguistik gerecht zu werden. Nicht umsonst gehen dem empirischen Teil der Arbeit umfassende Erläuterungen zum gesellschaftspolitischen Kontext (siehe Abschnitte 7 und 8) sowie zu den Presselandschaften der Länder Österreich und Frankreich (siehe Abschnitte 9 und 10) voraus. Auf diese Weise sollen die kulturspezifischen Werte beschrieben werden, die den Diskurs beeinflussen.Semantik

6 (Pragmatische) SemantikBewertung

In diesem Abschnitt werden einige semantische Ansätze aufgegriffen, die vor allem für die Analyse der in den verschiedenen Pressetextsorten vorkommenden implizitenBewertung, implizite und explizitenBewertung, explizite Bewertungen relevant sind. In einem zweiten Schritt werden die sprachlichen Mittel der Bewertung dargestellt.

Egal ob implizte oder explizite BewertungenBewertung, explizite – will man sie einem Text entnehmen, muss man die Bedeutung der Äußerungen erschließen. Hierbei kann auf bisherige Erkenntnisse der Semantik aufgebaut werden. Sie ist „diejenige Teildisziplin der Sprachwissenschaft bzw. Sprachtheorie, die sich mit der Erforschung der Bedeutungen sprachlicher Zeichen und Zeichenketten (Syntagmen, Sätze, Texte) befasst“ (Busse 2009: 13). Wenn man allerdings nach der „Bedeutung von ‚Bedeutung‘“ fragt, ist dies wieder einmal nicht so einfach zu beantworten. Die im Vergleich zur Semantik ältere Semiotik liefert mit ihren Zeichentheorien erste Anhaltspunkte. Nach dem klassischen Zeichenmodell (nach Ogden/Richards) besteht ein sprachliches Zeichen aus drei Seiten: (1) Inhalt bzw. Bedeutung, (2) Ausdruck (physische Gestalt: Laute, Buchstaben) und (3) Gegenstand bzw. Referenz (vgl. Busse 2009: 24). Bedeutung entspricht hier in etwa der geistigen Vorstellung, die mit dem Ausdruck verbunden wird („x steht für …“). Doch ganz so einfach ist das nicht, da bei der Realisation eines Zeichens nie auf alle Bedeutungsaspekte verwiesen wird, sondern nur auf ausgewählte (vgl. Busse 2009: 24f.). Die erste dezidiert linguistische Zeichentheorie verdanken wir Saussure. Ihm zufolge besteht ein Zeichen aus zwei Seiten, nämlich dem signifié (das Bezeichnete, die Inhaltsseite) und dem signifiant (das Bezeichnende, die Ausdrucksseite), die beide aus einem physischen Akt der Vorstellung resultieren (vgl. Busse 2009: 27). Die Zuweisung einer Bedeutung zu einem Ausdruck beruht auf den Prinzipien Linearität, Arbitrarität und Konventionalität (vgl. Busse 2009: 28).

Was die Inhaltsseite nun genau umfasst, ist immer noch nicht gesagt und kann auch nicht eindeutig und für alle Zeiten gültig festgelegt werden. In der Semantik werden sprachliche Zeichen und Zeichenketten unter sehr vielen verschiedenen Aspekten beleuchtet. Je nach Zugang, Theorie bzw. Schule (z.B. Begriffstheorien, Vorstellungstheorien, Logische Semantik, Merkmalsemantik, Prototypen-/Stereotypensemantik) kursieren viele verschiedene Termini, um zu umschreiben, was mit „Bedeutung“ ausgedrückt sein will: Abbild, Begriff, Extension und Intension, Rahmen/frame, Bezeichnetes, Merkmalbündel, Stereotyp u.a. (vgl. Busse 2009: 31f.). Diese Vielfalt ist durchaus gut so:

„Wichtig ist für die linguistische Begrifflichkeit im Umgang mit den verschiedenen Ebenen sprachlicher ‚Bedeutung‘ (bzw. der Facetten, welche der schillernde Begriff ‚Bedeutung‘ je nach praktischen Beschreibungszielen und -gegenständen hat) die Wahl der Perspektive auf die Sprache. Es spricht wenig dafür, dass alle denkbaren Blickrichtungen auf das Problem ‚Bedeutung‘ unter einer einheitlichen semantischen Theorie zusammengefasst werden könnten.“ (Busse 2009: 113)

Für die vorliegende Arbeit sind vor allem die Blickrichtungen der lexikalischen SemantikSemantik, lexikalische, der noch jüngeren pragmatischen SemantikSemantik, pragmatische, der Satz- bzw. TextsemantikSemantik, Text- sowie der Kontext-Semantik, Kontext- bzw. FrameFraming-SemantikSemantik, Frame- relevant.

Die lexikalische SemantikSemantik, lexikalische beschäftigt sich mit den lexikalischen bzw. „wörtlichen, kontextunabhängigen Bedeutungen von Wörtern“ (Schwarz/Chur 2007: 17), „die im mentalen Lexikon permanent [gespeichert]“ und „Bestandteil unserer semantischen Kompetenz“ werden (Schwarz/Chur 2007: 29). Hinsichtlich der Bewertungen durch Sprache ist dies insofern wesentlich, als es verschiedene sprachliche Verfahren gibt, Bewertungen vorzunehmen: Einige Bewertungen sind bereits als Konzepte im lexikalisierten Wortschatz enthalten, z.B. die sogenannten Wertwörter. Die lexikalische Bedeutung reicht aber nicht aus, um Bewertungen in der Sprache festzumachen, da grundsätzlich wertneutrale Wörter je nach Kontext und Sprecherintention plötzlich Bewertung enthalten können.

Busse (2009: 94) weist darauf hin, dass die lexikalische Wortbedeutung im Grunde ohnehin ein linguistisches Konstrukt sei, das es zu hinterfragen gelte: „[…] Wortbedeutungen, wie sie in Wörterbüchern beschrieben werden, sind […] konstruierte Entitäten, deren realer ontologischer Status fraglich ist.“ Lexikalisierte Wortbedeutungen können „immer nur schwerpunktmäßig ausgewählte Aspekte erfassen […], niemals aber die Gesamheit der Fülle an Bedeutungsnuancen aller Verwendungsmöglichkeiten einer Wortform wiedergeben“. Types und tokens divergieren. Die traditionelle Wortsemantik widmet sich vor allem der Denotation bzw. der Grundbedeutung eines Wortes und ignoriert weitgehend andere bewertende, konnotative, situative, stilistische oder varietätenspezifische Bedeutungen, ebenso semantische Relationen und satzsemantische Aspekte (vgl. 2009: 95).

Dies führt uns zur pragmatischen bzw. praktischen Semantik, die mit Ludwig Wittgenstein davon ausgeht, dass die Bedeutung eines Wortes sein Gebrauch in der Sprache ist. Streng genommen gibt es in einer Sprache demnach keine einheitliche Bedeutung eines Zeichens, sondern der Kontext des Zeichens bestimmt die Bedeutung eines Wortes bzw. Satzes und Textes (vgl. Busse 2009: 61f.). Allerdings sind bei der Sprachverwendung bestimmte Regeln einzuhalten, um das Verständnis bei den RezipientInnen zu gewährleisten (vgl. Busse 2009: 63f.).

Grice weist auf den Einfluss der Intentionen bzw. kommunikativen Absichten der Zeichenverwender auf die Bedeutung hin und unterscheidet diesbezüglich zwischen „Meinen“ (aktuelle Bedeutung) und „Bedeutung“ (lexikalische Bedeutung). Des Weiteren beschreibt er vier Bedeutungsstufen (vgl. Busse 2009: 67f.): (1) zeitunabhängige Bedeutung (lexikalische Bedeutung bzw. type), (2) angewandte zeitunabhängige Bedeutung (aktuelle Bedeutung bzw. token), (3) Situations-Bedeutung (implizierte, z.B. metaphorische Bedeutung) und (4) Situations-Meinen eines Sprechers (das vom Zeichenverwender über die vorher genannten Bedeutungen hinaus Gemeinte, kommunikativer Sinn, pragmatische oder situative Bedeutung, konversationelle Implikatur (vgl. Schwarz/Chur 2007: 29)).

Die aktuellen Bedeutungen sowie die Implikaturen waren lange ausschließlich Gegenstand der Pragmatik (vgl. Schwarz/Chur 2007: 31). Heute wird zwischen Pragmatik und Semantik nicht mehr derart strikt getrennt; nach Busse (2009: 72) ist Pragmatik sogar Teil der Semantik, genauer:

„der Teil der Semantik, der sich verstärkt mit solchen kontext-, gebrauchs- und benutzerabhängigen Aspekten der bedeutungshaften Leistung sprachlicher Einheiten und ihrer Benutzung zu kommunikativen Zwecken befasst, die von den ‚klassischen‘ Modellen der linguistischen Semantik […] nicht erfasst werden.“

Busse rechnet daher die bisher der Pragmatik zugeordnete Analyse der Präsuppositionen, der Implikaturen und der Deixis dem Gegenstandsbereich der Semantik zu (vgl. Busse 2009: 70–72).

Eine Semantik, die über die kontextunabhängigen Bedeutungen hinaus auch die textuelle Einbettung berücksichtigt, untersucht

„die Wechselwirkung zwischen dem, was man ‚Lexembedeutung‘ (Bedeutung eines Wortes als abstrakte Einheit des Wortschatzes, also ohne Betrachtung der Verwendungskontexte in Sätzen, Texten, Äußerungssituationen) nennt, und der Satzbedeutung“ (Busse 2009: 113).

Aus dieser Erkenntnis heraus entwickelte sich die Sparte der SatzsemantikSemantik, Satz-, die sich mit Satzbedeutungen auseinandersetzt (z.B. mit Prädikationen und Referenzen). Von Polenz unterscheidet zwischen (1) dem Aussagehalt oder propositionalen Gehalt und (2) dem Handlungsgehalt oder pragmatischen Gehalt eines Satzes. Der Aussagegehalt bezieht sich auf Dinge in der Wirklichkeit, über die man etwas aussagt. Der Handlungsgehalt bezieht sich auf Illokutionen, Perlokutionen, propositionale Einstellungen bzw. Sprechereinstellungen zum Aussagegehalt. Letztere zeigen sich unter anderem im Bewertungshandeln des Sprechers (vgl. von Polenz 1985; siehe Abschnitt 6.1). Von Polenz stellt fest, dass in nur wenigen Texten keine bewertenden Sprechereinstellungen vorkommen, sogar Nachrichtentexte seien nicht ganz frei davon. Für die Suche nach Bewertungsausdrücken sei es auch notwendig den Kontext miteinzubeziehen, da manche Wörter erst durch den Kontext bewertend werden (vgl. von Polenz 1985: 219).

So zeigte also auch die satzsemantische Analyse, „dass nur ein Minimum der verstehensrelevanten semantischen Aspekte in der Ausdruckstruktur eines Satzes explizitBewertung, explizite ausgedrückt ist“. Die Satzbedeutung ist mehr als die Kombination ihrer Einzelzeichen. Sie hängt von „kopräsenten situationalen, ausgedrückten sprachlichen oder Wissens-Kontexten“ (Busse 2009: 120f.) ab. Die logische Folgerung: „Jede ernst zu nehmende Semantik ist stets eine Semantik der (möglichen) Kontexte, sie wird zur KontextsemantikSemantik, Kontext-“ (Busse 2009: 124). Doch was genau ist eigentlich mit „Kontext“ gemeint? Busse zufolge ist die in der Linguistik gängige Unterscheidung zwischen Ko-Text (sprachliche Umgebung), Kontext (gedanklicher Zusammenhang) und Situation (äußere Aspekte eines kommunikativen Ereignisses; Deixis) für die Semantik nicht zielführend, da selbst materielle Objekte für ein Sprachverstehen epistemisch verarbeitet werden müssen und folglich der gesamte relevante Wissenskontext ein geistiger ist (vgl. Busse 2009: 123). Es sei besser, zwischen verschiedenen Ebenen der Kontextualisierung zu unterscheiden:

„Mit Bezug auf Worteinheiten sind mindestens vier Kontextualisierungsformen semantisch relevant: (a) Die Kontextualisierung von Wörtern im Satz (evtl. erweitert auf Text). (b) Die Kontextualisierung von Wörtern im Wortfeld (lexikalisch-semantischem Feld) bzw. Wortschatz (semantische Relationen). (c) Die Kontextualisierung von Wörtern im Satz- bzw. Prädikationsrahmen. Und (d) die Kontextualisierung von Wörtern in textweltbezogenen Wissensrahmen.“ (Busse 2009: 123)

Die KontextsemantikSemantik, Kontext- führt uns weiter zur sogenannten FrameFraming-SemantikSemantik, Frame-, die nach dem verstehensrelevanten Wissen fragt, das Sprachrezeption erst ermöglicht. Dabei wird davon ausgegangen, dass sprachliche Kommunikation im Grunde ein elliptischer Vorgang ist; d.h., dass die sprachlichen Zeichen nur einen Teil dessen ausdrücken, was für das Verstehen der Aussage notwendig ist. Die vielen Leerstellen werden mithilfe des Wissensrahmens (Frame) aufgefüllt (vgl. Busse 2009: 83f.), den Busse folgendermaßen definiert:

„Ein Wissensrahmen ist eine abstrakte, komplexe Struktur aus Wissenselementen, die durch sprachliche Ausdrücke und/oder Ausdrucks-Ketten aktiviert wird. Sprachliche Bedeutungen sind das Ergebnis dieses Aktualisierungsprozesses. Bedeutungen haben demnach keinen atomaren Charakter; sie bestehen auch nicht aus der Summe atomarer Einheiten, sondern aus einem Geflecht von Wissenselementen, das im Sprachverstehensprozess im Rückgriff auf Hintergrundwissen erschlossen (‚inferiert‘) wird.“ (Busse 2009: 85)

Sowohl FrameFraming- und Kontext-Semantik, Kontext- als auch SatzsemantikSemantik, Satz- bieten interessante Ansätze für die Analyse von Bewertung – vor allem in solchen Fällen, wo Bedeutung erst mithilfe des Kontexts bzw. des Rahmens erschlossen werden kann. Welche sprachlichen Typen und Mittel zur Verfügung stehen, Bewertung auszudrücken, wird im folgenden Abschnitt erläutert.

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