Kitabı oxu: «Auf lange Sicht (E-Book)»

Şrift:


Marie-José Kolly und Simon Schmid (Hrsg.)

Auf lange Sicht

Daten erzählen Geschichten

ISBN Print: 978-3-0355-1960-0

ISBN E-Book: 978-3-0355-1961-7

Gestaltung: Salzmann Gertsch

1. Auflage 2021

Alle Rechte vorbehalten

© 2021 hep Verlag AG, Bern

hep-verlag.ch

Daten erzählen Geschichten

Die New Coronomy

Was, wenn nur Frauen abstimmten?

Die schönste Klimagrafik der Welt

Wie viel wir arbeiten

Wie enden Epidemien?

Swish! So zerreisst es den Finanzausgleich

Höchste Temperatur seit 120 000 Jahren gemessen!

Was ist Zersiedelung?

Warum Grossmamis und Kinder Emma heissen, aber nur Grossmamis Erika

Hey, Alter!

Journalismus in Gefahr

Die Schweizer Politik im Parteientumbler

Drei Blicke auf die SNB

Das bunte Europa der Regionen

Ein paar Wahrheiten über Lügen

Opa Bauer, Mama Monteurin, Sohn Gamedesigner

Unser schrumpfendes Kohlenstoffbudget

Das Dilemma mit den «Super Sundays»

Steht bei Ihnen ein Chrischtbaum, ein Wienachtsboum – oder einfach eine Tanne?

Afrika ist die Zukunft

Die Mutterschaftsstrafe

Wie stark sind die Mieten gestiegen?

Systemrelevant – und schlecht bezahlt?

Wie sich Amerika auseinandergelebt hat

Auch die Treibhausgase wachsen exponentiell

Wie die Menschheit Viren und Bakterien zurückgedrängt hat

Daten erzählen Geschichten

Hätten Sie gewusst:

—dass die Videocall-Anbieterin Zoom während der zweiten Corona-Welle so viel wert war wie die zehn grössten Airlines der Welt zusammengezählt?

—dass die Erdtemperatur im Jahr 2020 so hoch war wie seit 120 000 Jahren nicht mehr?

—dass in Afrika bis zum Ende des 21. Jahrhunderts gleich viele Menschen wie in Asien leben dürften?

Auch wir wussten noch nicht, was herauskommen würde, als wir vor drei Jahren mit der «langen Sicht» begannen: der wöchentlichen Datenkolumne im Online-Magazin «Republik». Doch fast bei jedem Thema, das wir recherchierten, bei fast jeder Datenquelle, die wir auswerteten, stellten wir fest: Hier steckt eine interessante, erstaunliche, überraschende Geschichte drin – eine Geschichte, die es lohnt, in Grafiken erzählt zu werden.

Manchmal lag die passende Umsetzung auf der Hand. Etwa im Dezember 2018: Ein halbes Jahr vor dem Frauenstreik befassten wir uns mit geschlechtstypischen Erwerbsbiografien und fragten uns: Ab welchem Punkt verdienen Männer eigentlich mehr als Frauen? Ist das schon ab Karrierebeginn so, oder zementieren sich die Unterschiede erst nach und nach? Dann stiessen wir auf eine Studie, die eine Grafik enthielt – und der Fall war klar: Ausschlaggebend ist die Geburt des ersten Kindes. Bis dahin wachsen die Einkommen mehr oder weniger im Gleichschritt, danach geht die Schere auf. So entstand ein Beitrag über die «Mutterschaftsstrafe». Sie finden ihn, zusammen mit der Grafik hier.

Manchmal war die Sache aber auch kniffliger. Wie illustriert man ein trockenes Thema wie Mietpreisindizes? Klar: Man könnte eine Schweizerkarte nehmen, sie in Orange- und Rottönen einfärben und darüberschreiben: «Wohnen ist so teuer wie nie zuvor: Hier sind die Hotspots!» Doch das wird der Sache nicht gerecht. Denn mieten ist nicht gleich mieten: Die Preisentwicklung sieht völlig anders aus, je nachdem, ob man neu ausgeschriebene Wohnungen oder bestehende Mietverhältnisse betrachtet. Um diesen Unterschied aufzuzeigen und zu einem differenzierten Fazit zu gelangen, haben wir uns für eine optisch sehr simple, dafür sehr verständliche Grafik entschieden. Sie finden sie hier.

«Auf lange Sicht» erscheint jeden Montag. Mal knüpft die Datenkolumne stärker an die Aktualität an, mal geht es um zeitlose Themen. Mal geht es um ernste Politik, mal regt die Kolumne zum Schmunzeln an. Wir erzählen Datengeschichten darüber, welche Länder den klimafreundlicheren Strom produzieren, welche Schweizer Parteien am häufigsten mit der Regierung abstimmen oder in welchen Schweizer Regionen man welche Wörter benutzt: «Chrischtbaum» oder «Wiehnachtsboum». Für dieses Buch haben wir ein Best-of der anschaulichsten Beiträge zu einem bunten Mix verschiedener Themen zusammengestellt und aktualisiert.

Jede dieser Datengeschichten bewegt sich in einem Spannungsdreieck.

Am ersten Eckpunkt steht die Wissenschaft. Wir wollen eine bestimmte Fragestellung nach bestem Wissen und so objektiv wie möglich beantworten. Daten helfen uns dabei, diesem Anspruch gerecht zu werden: Wir bereiten nur Zahlen auf, die methodisch sauber erhoben und sinnvoll ausgewertet wurden. Das garantiert, dass wir keine falschen Behauptungen aufstellen – hat jedoch den Nachteil, dass die Erkenntnisse zuweilen wenig spektakulär sind. Widersprüchliche Studien, unsichere Zusammenhänge, Detailergebnisse ohne allgemeine Gültigkeit: Das ist das harte Brot, das die Wissenschaft uns oft serviert.

Unsere Aufgabe als Datenjournalistinnen ist, diese Kost mit abwechslungsreichem Storytelling zu versüssen. Wir alle empfinden die «Zersiedelung» als etwas Störendes. Doch wie misst man dieses Phänomen eigentlich? Oft stecken in solchen Details die spannendsten Fragen – Antworten darauf finden Sie in diesem Fall hier. Versetzt man sich erst einmal in Forschende hinein und beginnt, ihre Schwierigkeiten auf der Suche nach Ergebnissen zu verstehen, ergibt sich die Spannung oft wie von selbst. Unser Ziel ist, genau diese Spannung in unseren Texten nachvollziehbar und visuell erfahrbar zu machen.

Am zweiten Eckpunkt steht die Handwerkskunst. Es ist eine Kunst, die, wenn man sie geschickt anwendet, eine beträchtliche Wirkung entfalten kann: die Datenvisualisierung.

Diese Wirkung hat mit der Art und Weise zu tun, wie unsere Gehirne Informationen aufnehmen. Betrachten Sie zum Beispiel die folgende Datenreihe: 0, 27, 310, 1863, 5274, 7335, 6271, 4315, 2325, 1321, 844. Das sind die wöchentlichen Ansteckungszahlen während der ersten Welle der Corona-Pandemie in der Schweiz. Vermutlich lösen diese Zahlen in Ihnen keine besondere Reaktion aus – sehr wahrscheinlich haben Sie sie nicht einmal genau gelesen. Ganz anders ist es, die Corona-Fälle als Grafik zu sehen – so wie hier in diesem Buch: mit farbigen Balken, die erst im Frühjahr 2020 und dann erneut im Winter 2020/21 – während der zweiten Welle – in die Höhe ragen und bildlich vor Augen führen, welche Dynamik eine Pandemie entfalten kann.

Indem wir Daten grafisch darstellen, bringen wir sie zum Sprechen, hauchen ihnen Leben ein. Doch es braucht Können und Erfahrung, Zeit und Musse, und nicht selten auch etwas Glück, um eine wirklich herausragende Datenvisualisierung zu erstellen. Und genau dieses Anliegen kann uns auch in Versuchung führen – dann, wenn wir beginnen, die grafische Darstellung mit der Realität selbst zu verwechseln und daraus Dinge ableiten zu wollen, die so gar nicht stimmen. Deshalb ist es uns so wichtig, Daten jeweils in den richtigen Kontext zu stellen. Zu erwähnen, wie sie erhoben wurden, was sie aussagen können – und in welchen Momenten man sich mit Schlussfolgerungen und Voraussagen zurückhalten muss, weil die Unsicherheit einfach zu gross ist. Und vielleicht auch: im Zweifelsfall die langweiligere, dafür aber verständlichere Darstellung zu wählen.

Dies führt zum dritten Eckpunkt: dem Journalismus. «Sagen, was ist»: Mit Slogans wie diesem definieren manche Medien ihre Mission. Gleichzeitig sind sie den kurzen Aufmerksamkeitsspannen eines überfütterten Publikums unterworfen: Tatsächlich gesagt wird in der Regel nur, was Journalistinnen als relevant einstufen. Und wovon sie glauben, dass jemand es hören will – weil es Neuigkeitswert hat, eine Sensation ist oder Emotionen weckt.

Als Datenjournalisten sind wir mit diesen Gesetzmässigkeiten vertraut. Wir nutzen sie, um Geschichten zu erzählen: Wer weiss, wie man Aufmerksamkeit erzeugt, hat eine grössere Chance, wahrgenommen zu werden. Gleichzeitig müssen wir auf der Hut sein. Denn viele Schlagzeilen, die auf einer Grafik beruhen, lassen sich mit einer anderen Grafik relativieren. Um damit klarzukommen, braucht es neben einer sauberen Methodik auch Fachwissen, das wir uns in der Literatur oder im Gespräch mit Expertinnen aneignen. So können wir begründen, warum wir eine bestimmte Darstellung bevorzugen – zum Beispiel zu der Frage, wie viele Stunden pro Woche Frauen und Männer im Schnitt arbeiten. Wie sich diese Werte im Verlauf des letzten Jahrhunderts verändert haben, steht hier.

In drei Jahren «lange Sicht» haben wir unsere eigene Art entwickelt, mit dem Spannungsfeld aus Wissenschaft, Handwerkskunst und Journalismus umzugehen. Bei jeder Datengeschichte, die wir schreiben, achten wir auf eine Reihe von ganz bestimmten Grundsätzen:

Jede Leserin muss nachvollziehen können, wie eine bestimmte Aussage zustande kommt. Wir schreiben nicht über die demografische Alterung, um zu polemisieren oder um etwa Angst davor zu schüren, irgendwann würden wir alle «keine Rente mehr erhalten». Sondern, um aufzuzeigen, wie eine wichtige Kenngrösse wie der Altersquotient (das ist die Anzahl der über 65-Jährigen im Verhältnis zu den Erwerbstätigen) überhaupt berechnet wird und welche Faktoren diese Kerngrösse bestimmt (Spoiler: Es sind Geburtenrate und Lebenserwartung).

Hinter diesem Vorgehen steht die Überzeugung, dass wir als Bürgerinnen ein tiefes Verständnis der thematischen Zusammenhänge entwickeln müssen, um gesellschaftlich und politisch überhaupt rational handeln zu können. In jeder Datengeschichte achten wir deshalb auf sorgfältige und verständliche Erklärungen. Wie sich der Altersquotient in der Schweiz bis ins Jahr 2050 entwickeln wird, erfahren Sie übrigens hier.

Die Methode ist ein fester Teil der Geschichte. Wie kommen beispielsweise die schönen Klimastreifen zustande: jene blau-roten Illustrationen, die man inzwischen sogar auf T-Shirts und Flipflops druckt? Bei genauem Hinsehen zeigt sich: Wer solche Grafiken herstellen will, muss zuerst eine Reihe von Fragen beantworten. Fragen, die entscheidend dafür sind, wie das Endprodukt aussieht und welche Reaktionen es bei der Betrachterin hervorruft.

Solche bewussten Entscheide zu thematisieren und dabei herauszustreichen, zu welchen Aussagen sie jeweils führen, ist uns sehr wichtig. Warum, lesen Sie im Beitrag über die Klimastreifen am besten selbst nach – hier (apropos: Falls Sie es noch nicht gemerkt haben, wir wechseln in unseren Texten, dort, wo es um eine allgemeine Personengruppe geht, konsequent zwischen männlichen und weiblichen Formen ab).

Wir stellen das Visier möglichst weit ein. Wie viel Zucker möchten Sie in Ihren Kaffee? «Zehn Prozent mehr als letztes Mal.» Informationen wie diese sind komplett nutzlos, wenn man den Kontext nicht kennt. Doch genau nach diesem Muster werden sehr viele Newsmeldungen verfasst. Man blickt nur sehr kurz in die Vergangenheit zurück.

Anders arbeiten wir in der «langen Sicht» (und darum heisst die Kolumne auch so): Hier versuchen wir, Zahlen auf möglichst breiter Vergleichsbasis oder im Rahmen einer möglichst langfristigen Entwicklung zu zeigen. Ein Beispiel dafür ist die Schweizer Wirtschaft: Dass sie nicht mehr so wächst wie vor hundert Jahren, ist eigentlich kein Wunder. Denn die Wirtschaft wurde strukturell komplett umgekrempelt, es machen nur noch wenige Sektoren wirklich vorwärts. Welche? Das zeigt der Beitrag hier.

Quellen durchforsten, Daten analysieren, Grafikvarianten ausprobieren, Interpretationen überprüfen, Fachleute befragen, Dramaturgien entwickeln, Texte schreiben: Für all dies nehmen wir uns in der «langen Sicht» als Autoren und in der Gruppe jeweils viel Zeit. Jede unserer Datengeschichten soll ein ebenso erhellendes wie kurzweiliges Leseerlebnis sein.

Hätten Sie gedacht:

—dass Strom in Frankreich grün ist, in Deutschland violett und in der Schweiz türkis?

—dass die politische Landschaft der USA immer mehr einem Tannzapfen gleicht?

—dass Schweizer Parteien in einem umgekehrten Hufeisen zueinander stehen?

Wir ebenfalls nicht, als wir die betreffenden Beiträge in Angriff nahmen. Doch fast immer haben wir festgestellt, dass es eine originelle Art gibt, rigorose Datenanalysen mit inspirierender Visualisierung und spielerischem Erzählen zu verbinden. Und genau deshalb hat uns die Arbeit an der «langen Sicht» auch so unglaublich viel Freude gemacht. Wir hoffen, Ihnen einen Teil dieser Freude beim Lesen weiterzugeben.

Die New Coronomy

Simon Schmid

Publiziert am 25.01.2021

9 Minuten

Wenn die Videocall-Software Zoom gleich viel wert ist wie die zehn grössten Airlines zusammen, dann hat die Pandemie einiges auf den Kopf gestellt. Vier erstaunliche Grafiken zur neuen Börsenwelt nach der Corona-Pandemie.

WIRTSCHAFT

Um einen privaten Event live zu übertragen, habe ich letztes Jahr einen Pro-Zugang von Zoom abonniert. Kostenpunkt: 15 Dollar pro Monat. Offensichtlich war ich nicht der Einzige, der sich während der Pandemie an Videocalls gewöhnen musste. Mehrere Hundert Millionen Userinnen und User halten sich täglich in Zoom-Meetings auf. Eine halbe Million Kleinunternehmen nutzen Zoom professionell. Das sind bemerkenswerte Zahlen.

Schade, habe ich nicht auch Aktien von Zoom gekauft. Die Techfirma mit Sitz im kalifornischen San José ist eine absolute Senkrechtstarterin. In knapp zwei Jahren hat sich ihr Kurs verfünffacht. Zoom ist damit nicht nur eines der erfolgreichsten Software-Start-ups aller Zeiten, sondern die Firma hat auch eine Art Schallmauer durchbrochen. Sie hat nämlich inzwischen einen Wert von über 100 Milliarden Dollar.

Zoom vs. Airlines

Zoom (G1) bringt damit an der Börse einen ähnlich grossen Marktwert auf die Waage wie die zehn grössten Airlines der Welt zusammengezählt. Um zu verstehen, wie ein solch enormes Wachstum in so rascher Zeit möglich ist, muss man etwas ausholen.

Zoom wurde 2011 vom chinesischen Netzwerkingenieur Eric Yuan gegründet. Das Start-up durchlief eine Bilderbuchkarriere: 2013 wurde die Software veröffentlicht, ein Videoconferencing-Tool mit Chatfunktion. 2017 kam die Investmentfirma Sequoia Capital mit 100 Millionen Dollar an Bord, 2019 folgte schliesslich der Börsengang.

Schon damals wurde Zoom von Anlegern sportlich bewertet. Die Firma erzielte gerade einmal sechs Millionen Dollar Betriebsgewinn und war trotzdem 20 Milliarden Dollar wert – ein Verhältnis von 1 zu 3333. Solche Bewertungen sind nur unter der Annahme gerechtfertigt, dass ein Unternehmen seinen Gewinn in der Zukunft enorm steigern kann. Völlig falsch waren diese Erwartungen nicht. Tatsächlich ist Zoom stark gewachsen: Der Betriebsgewinn beträgt mittlerweile rund 400 Millionen Dollar. Und so hat sich auch das Verhältnis etwas normalisiert. Der Börsenwert von Zoom ist «nur» noch rund 270-mal so hoch wie der Gewinn.

Dieser Wert ist nach wie vor extrem hoch. Besonders im Vergleich mit den Airlines: Sie werden – gemessen am Gewinn vor der Pandemie – zu einem bloss sechsmal so hohen Wert gehandelt. Das zeigt: Die Pandemie hat die Wirtschaft auf den Kopf gestellt.


G1ZOOM VS. AIRLINESVideocalls werden wichtiger als Businesstrips


Börsenwert in US-Dollar. Zur IAG (International Airlines Group) zählen unter anderem die British Airways. QUELLE: companiesmarketcap.com


G2APPLE VS. BANKENTechnologie schlägt Finanzbranche


Börsenwert in US-Dollar. QUELLE: companiesmarketcap.com


G3AMAZON VS. PHARMAEin Gigant im Detailhandel


Börsenwert in US-Dollar. QUELLE: companiesmarketcap.com


G4TESLA VS. AUTOFIRMENElektromobilität überstrahlt alles


Börsenwert in US-Dollar. QUELLE: companiesmarketcap.com

Die Luftfahrt ist zwar noch immer ein wichtiger Wirtschaftszweig. Trotz teilweisem Grounding gaben Konsumentinnen zuletzt bei den zehn grössten Airlines bei Weitem mehr Geld aus als bei Zoom. Aber eben: Die Gewinn- und Wachstumschancen werden komplett anders eingestuft. Southwest Airlines, die wertvollste Luftfahrtgesellschaft der Welt, dürfte erst 2022 wieder profitabel sein. Zoom dagegen ist eine Techfirma. Sie erzielt mit wenig Mitarbeitenden viel Gewinn – und steigert diesen von Quartal zu Quartal. Das mögen Investoren, wie sich auch an anderen Unternehmen des Technologiebereichs zeigt.

Apple vs. Banken

Das Paradebeispiel dafür ist Apple (G2). Auch hier lässt sich ein passender Vergleich aufstellen: Die Herstellerin von Computern, Tablets und Smartphones ist etwa gleich viel wert wie die zehn grössten Banken der Welt. Anders als im Fall von Zoom beruht der Marktwert hier aber nicht auf dem Prinzip Hoffnung. Apple ist bereits heute ein Unternehmen der Superlative:

—Unter allen Firmen, die an der Börse gehandelt werden, erwirtschaftet Apple den zweithöchsten Gewinn.

—Apple erzielt zudem den sechsthöchsten Umsatz.

—Und Apple ist schon seit geraumer Zeit die wertvollste aller Firmen.

Seit fünfzehn Jahren legt der Aktienkurs von Apple kontinuierlich zu. Die Vergangenheit spricht also ebenso für das Unternehmen wie die Zukunft. Dies reflektiert sich auch in der Bewertung. Das Verhältnis von Börsenwert zu Betriebsgewinn beträgt bei Apple ungefähr 1 zu 30. Das ist ein Wert, den man bei einer gesunden Firma mit guten Aussichten etwa erwarten würde. Ganz anders als die von Apple sind die Aktien der grossen Banken gelaufen. Egal, ob sie aus den USA, aus China oder aus Europa stammen: Ihre Kurse treten seit der Finanzkrise an Ort und Stelle. Einzig die Royal Bank of Canada oder die amerikanische J. P. Morgan Chase haben an der Börse etwas an Wert zugelegt.

Amazon vs. Pharma

Ein weiterer Riese der Technologiewelt ist Amazon (G3). Die Firma, die 1994 als Onlinebuchhändlerin gestartet ist und inzwischen ein ganzes Retail-Imperium betreibt, ist gemessen am Börsenwert heute das viertgrösste Unternehmen. Sie wird ähnlich hoch gehandelt wie die zehn weltgrössten Pharmahersteller.

Die von Jeff Bezos geleitete Firma ist eine Mischform. Einerseits ist sie ein Onlineunternehmen: Sie betreibt Serverfarmen und eine Marktplattform, über die Drittanbieter ihre Produkte verkaufen können. Diese Bereiche sind sehr profitabel, wodurch Amazon in gewisser Weise wie ein Tech-Start-up bewertet wird: Das Verhältnis zwischen Betriebsgewinn und Börsenwert liegt bei rund 1 zu 70, was für gewöhnliche Firmen undenkbar ist.

Andererseits ist Amazon ein klassischer, aber sehr grosser Detailhändler. Über eine Million Menschen arbeiten für Amazon, sei es als Programmiererin oder als Lagerist in den gigantischen Verteilzentren. Unter allen börsengehandelten Firmen beschäftigt nur Walmart noch mehr Personal. Das verleiht Amazon ein reales Gewicht. Die Firma erzielt Milliardengewinne und ist auch umsatzmässig ein Riese: Sie wiegt die zehn grössten Pharmafirmen der Welt fast im Alleingang auf.

Zwar sind die Pharmafirmen keinesfalls Zwerge. Firmen wie Roche oder Novartis dominieren den Swiss Market Index: Wer in die zwanzig grössten Firmen der Schweiz investiert, dessen Geld geht zu einem Drittel an die beiden Pharmaunternehmen. Doch kein Bereich hat in der Pandemie so zugelegt wie die Technologie.

Tesla vs. Autofirmen

Besonders krass zeigt sich dies am Beispiel von Tesla (G4). Für ihre Fans war die E-Auto-Fabrikantin schon immer ein Börsentipp. Nun erhielten sie endlich recht: Unter Anlegerinnen brach eine regelrechte Tesla-Euphorie aus. 2020 hat sich der Aktienkurs verzehnfacht. Damit ist Tesla beinahe so wertvoll wie die zehn anderen weltgrössten Autohersteller zusammen. Ob das gerechtfertigt ist, wird intensiv diskutiert. Dafür spricht unter anderem:

—Der Boom der Elektromobilität: Über kurz oder lang werden auf unseren Strassen nur noch E-Autos fahren. Hier ist Tesla führend. Auch BYD und NIO, zwei chinesische E-Auto-Hersteller, werden zu sehr hohen Kursen gehandelt.

—Die Batterietechnologie: Tesla produziert Batterien mit hoher Kapazität, die sehr langlebig sind. Im Kampf um Marktanteile könnte dies ein entscheidender Vorteil sein.

—Tesla sei mehr als ein Autohersteller: Einige glauben, die Firma könnte ein Netzwerk von selbstfahrenden Taxis betreiben und ihre Software, die dies ermöglicht, an andere Firmen lizenzieren. Ähnlich wie Apple über das iPhone könnte Tesla über den eigenen Bordcomputer ein Geschäft mit Apps lancieren.

Dagegen wird ins Feld geführt:

—Die Angebotspalette von Tesla beschränkt sich bisher auf wenige Modelle: hochpreisige Limousinen. Um weiter zu wachsen, wird das Unternehmen in neue Segmente vorstossen müssen, wie Kleinwagen, Jeeps oder Nutzfahrzeuge. Das wird kostspielig und schwierig.

—Der Börsenwert von Tesla übersteigt den Betriebsgewinn um Welten – das Verhältnis liegt aktuell bei 1 zu 480. Das ist exorbitant: Tesla wird ein Wahnsinnswachstum hinlegen müssen, um die Erwartungen der Aktionärinnen zu erfüllen.

2020 dürfte Tesla zum ersten Mal einen Gewinn erzielen: vermutlich rund 2 Milliarden Dollar. Das ist aber immer noch ein Bruchteil dessen, was die zehn wertvollsten Vertreter der Autoindustrie insgesamt, von Toyota über BMW bis Hyundai, verdienen.

Verrückte neue Aktienwelt? Wie es mit den Börsenwerten von Tesla und Co. weitergeht, ist schwer zu sagen. Denn wenn die «New Economy» bereits in den Nuller- und Zehnerjahren für Furore gesorgt hat, so ist die digitale Wirtschaft im Corona-Zeitalter – die «New Coronomy», wenn man so will – noch mal eine ganz neue Nummer.

Vielleicht nur so viel: Ich habe meinen Pro-Account bereits wieder gelöscht. Fortan nutze ich Zoom wieder gratis – bis zu einer Zeitlimite von 45 Minuten. Für länger dauernde Videokonferenzen habe ich inzwischen keine Nerven mehr.

DIE DATEN

Die Angaben zum Börsenwert wurden am 19. Januar 2021 beim Portal companiesmarketcap.com eingesehen. Dort werden separate Ranglisten zu den börsenstärksten Unternehmen je nach Branchen geführt. Fürs Verhältnis zwischen Börsenwert und Betriebsgewinn haben wir uns (sofern nicht anders angegeben) auf dem Ebit-Gewinn der vergangenen vier Quartale abgestützt.

Was, wenn nur Frauen abstimmten?

Marie-José Kolly, Olivia Kühni

Publiziert am 08.02.2021

6 Minuten

Frauen stimmen anders als Männer. Das ist einer der Gründe, weshalb man sie möglichst lange von der Urne fernhielt.

POLITIK

Kurz bevor die Schweizer Männer den Frauen vor 50 Jahren endlich den Weg an die Urnen freimachten, musste die Landesregierung noch einen Zweifel ausräumen: Nein, die Frauen bringen nicht den Sozialismus über das Land.

Ganz so direkt sagte das der Bundesrat nicht. Wohl aber fühlte er sich verpflichtet, Zweifeln an der ideologischen Standfestigkeit der Frauen entgegenzuwirken: Frauen seien nicht in Gefahr, «extreme Parteien zu begünstigen» und «kritiklos ideale Zwecke mit untauglichen Mitteln verfolgen zu helfen», wie es 1969 in seiner Botschaft zur Abstimmung heisst. Mitten im Kalten Krieg fürchteten konservative Parteien und auch einzelne bürgerliche Frauenvereine, die Frauen könnten, kaum hätten sie das Stimmrecht, sozialistischen Anliegen zum Durchbruch verhelfen. Die Angst vor den Bolschewiken war vor allem ab den 1960ern eine der Hauptrechtfertigungen, um den Frauen das Stimmrecht zu verweigern.

Nun, den Sozialismus brachten die Frauen offensichtlich nicht. Die Gegner lagen mit ihrer Intuition indes nicht komplett falsch.

Für mehr Umweltschutz – gegen Waffen

Tatsächlich stimmen Frauen in der Mehrheit deutlich linker und grüner ab als Männer – und prägen so die Politik des Landes. Um das sichtbar zu machen, lassen wir übungshalber einmal die Männerstimmen weg und fragen uns: Wie wären die Abstimmungen ausgegangen, wenn nur die Frauen abgestimmt hätten? (Das bei Volksinitiativen und obligatorischen Referenden notwendige Ständemehr blenden wir bei dieser Übung aus.) Dazu arbeiten wir mit Daten aus Nachabstimmungsumfragen, also mit den Angaben, die Politforscher seit 1977 nach jeder eidgenössischen Volksabstimmung bei einer soziodemografisch repräsentativen Stichprobe von Bürgerinnen abfragen. Nicht immer berücksichtigten sie dabei das Geschlecht. Und nicht immer wurden die Resultate digitalisiert. Es ist also gut möglich, dass wir die eine oder andere relevante Vorlage verpasst haben.

Und: Umfragen wie diese sind immer mit Unsicherheit behaftet, die Fehlermarge liegt hier meist zwischen +/– 2,5 und +/– 5 Prozentpunkten. Denken Sie sich also bei Vorlagen, die in einer «Frauen-only-Schweiz» eng ausgegangen wären, jeweils ein «vermutlich» dazu. Was also wäre anders, in einer Schweiz der Frauen? Konzerne würden für Umweltschäden haften (G5). Tierversuche wären eingeschränkt worden (G6). Selbst bei Umweltvorlagen, die auch ohne Männerstimmen keine Mehrheit gefunden hätten, stimmten mehr Frauen als Männer Ja: für Gewässer- und Tierschutz sowie gegen Atomstrom und Zersiedelung.


G5KONZERNE WÜRDEN FÜRUMWELTSCHÄDEN HAFTEN


Stimmenanteile bei Nachbefragung und Abstimmungsresultat, Konzerninitiative (2020). Die Vorlage scheiterte am Ständemehr. QUELLE: Vox-Analyse (GFS Bern)


G6TIERVERSUCHE WÄRENEINGESCHRÄNKT WORDEN


Stimmenanteile bei Nachbefragung und Abstimmungsresultat, Volksinitiative «zur drastischen und schrittweisen Einschränkung der Tierversuche» (1992). QUELLE: Vox-Analyse (GFS Bern)


G7JUNGE AUSLÄNDER WÜRDENERLEICHTERT EINGEBÜRGERT


Stimmenanteile bei Nachbefragung und Abstimmungsresultat, Referendum zum Bundesbeschluss über die Revision der Bürgerrechtsregelung in der Bundesverfassung (1994). Die Vorlage scheiterte am Ständemehr. QUELLE: Vox-Analyse (GFS Bern)


G8JEDER UND JEDE KÖNNTE MIT 62IN RENTE GEHEN (MÜSSTE ABER NICHT)


Stimmenanteile bei Nachbefragung und Abstimmungsresultat, Volksinitiative «für ein flexibles Rentenalter ab 62 für Frau und Mann» (2000). QUELLE: Vox-Analyse (GFS Bern)


G9DIE KANTONE MÜSSTEN FÜRKINDERBETREUUNGSPLÄTZE SORGEN


Stimmenanteile bei Nachbefragung und Abstimmungsresultat, Referendum zum Bundesbeschluss über die Familienpolitik (2013). Bei den Männern fand sich nur knapp keine Mehrheit. Die Vorlage scheiterte am Ständemehr. QUELLE: Vox-Analyse (GFS Bern)


G10ES LÄGEN WENIGER WAFFEN INHAUSHALTEN HERUM


Stimmenanteile bei Nachbefragung und Abstimmungsresultat, Volksinitiative «für den Schutz vor Waffengewalt» (2011). QUELLE: Vox-Analyse (GFS Bern)

Junge Ausländer würden erleichtert einbürgert (G7). Andere Volksabstimmungen – sie wären ohne Männerstimmen nicht anders ausgegangen – zeigen ebenfalls: Frauen setzen sich vermehrt für die Rechte von Minderheiten ein. Für die Ahndung von Rassismus, gegen die Überwachung von Rentenbezügern, für die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Frauen stimmten übrigens 1981 bedeutend häufiger für die rechtliche Gleichbehandlung von Mann und Frau. Stimmten nur sie, hätte die Schweiz weitere Gleichstellungsanliegen angenommen: Jeder und jede könnte mit 62 in Rente gehen (müsste aber nicht) (G8). Die Kantone müssten für Kinderbetreuungsplätze sorgen (G9).

Das Militär hätte dagegen wichtige Abstimmungen verloren, hätten nur Frauen abgestimmt. Es lägen weniger Waffen in Haushalten herum (G10). Es gäbe noch kein Okay für neue Kampfflugzeuge (G11). Betrachtet man weitere Vorlagen, die das Militär oder Waffen betreffen, wiederholt sich das Muster: Sie wurden von Männern eher unterstützt als von Frauen.

Wir hätten vielleicht noch kein neues Krankenversicherungsgesetz (G12). Die Kulturförderung wäre in der Verfassung verankert (G13). Im ganzen Land wären Poststellen garantiert (G14). Frauen setzen sich vermehrt für den Service public ein. Sie stimmten beispielsweise gegen ein Krankenversicherungsgesetz, das mit dem Argument präsentiert wurde, es bringe mehr Wettbewerb und Eigenverantwortung.

Ginge es nur nach den Bürgerinnen, wäre die Schweiz also tatsächlich ein wenig linker und grüner, manchmal bewahrender (wie im Fall der Postdienste), oft progressiver (wenn es um ein flexibles Rentenalter geht). Damit sind die Schweizerinnen keine Ausnahme. «Frauen sind weltweit linker und grüner», sagte Politikwissenschaftlerin Martina Mousson zur «Annabelle». Eine länderübergreifende Untersuchung der Politologin Rosalind Shorrocks zeigt: Es sind vor allem die jüngeren Frauen, die solche Werte vertreten. Und deren Einfluss wächst: Nach der Einführung des Frauenstimmrechts war die Stimmbeteiligung erst einmal gesunken, weil die zögerlich neu stimmenden Frauen den Gesamtschnitt drückten. Noch heute stimmen unter den älteren Menschen die Männer deutlich öfter ab als die Frauen. Doch die jüngeren Frauen, die eine Schweiz ohne Frauenstimmrecht nur noch aus Erzählungen kennen, nehmen ihr Recht häufiger wahr. Trotzdem setzen sie sich nur hin und wieder durch.


G11ES HÄTTE KEIN OKAY FÜR NEUEKAMPFFLUGZEUGE GEGEBEN


Stimmenanteile bei Nachbefragung und Abstimmungsresultat, Referendum zum Bundesbeschluss über die Beschaffung neuer Kampfflugzeuge (2020).

QUELLE: Voto-Studie (Schweizer Kompetenzzentrum Sozial-wissenschaften, Lausanne / Zentrum für Demokratie, Aarau)


G12WIR HÄTTEN VIELLEICHT NOCH KEIN NEUESKRANKENVERSICHERUNGSGESETZ


Stimmenanteile bei Nachbefragung und Abstimmungsresultat, Referendum zum Bundesgesetz über die Krankenversicherung (1994). QUELLE: Vox-Analyse (GFS Bern)


G13DAFÜR WÄRE ABER DIE KULTURFÖRDERUNG INDER VERFASSUNG VERANKERT


Stimmenanteile bei Nachbefragung und Abstimmungsresultat, Referendum zum Bundesbeschluss über einen Kulturförderungsartikel in der Bundesverfassung (1994). Die Vorlage scheiterte am Ständemehr. QUELLE: Vox-Analyse (GFS Bern)


G14ES GÄBE GARANTIERTE POSTSTELLENIM GANZEN LAND


Stimmenanteile bei Nachbefragung und Abstimmungsresultat, Volksinitiative «Postdienste für alle» (2004).

QUELLE: Voto-Studie (Schweizer Kompetenzzentrum Sozial-wissenschaften, Lausanne / Zentrum für Demokratie, Aarau)

Nur selten kippt die Waage

Die Schweiz besteht selbstverständlich auch nach 1971 nicht nur aus Frauen. Darum haben sie über die Jahre zwar die politische Landschaft verschoben – aber nur ab und zu haben ihre Stimmen ausgereicht, um einen Entscheid zu kippen. Insgesamt haben die Frauen in den letzten 50 Jahren an 424 Abstimmungen ihren politischen Willen geäussert. Bei lediglich 11 davon haben sie sich mit der Wucht der weiblichen Stimmen durchgesetzt. Besonders wichtig war das vehemente Ja der Frauen bei der Revision des Ehe- und Erbrechts von 1985. Es sah vor, dass Ehefrauen ihren Männern nicht mehr untergeordnet wären, sondern Familienangelegenheiten fortan gemeinsam entschieden würden. Zuvor konnten Männer beispielsweise alleine über Kauf oder Verkauf eines Hauses entscheiden. Mehr noch: Das Vermögen der Frau – selbst wenn sie es geerbt oder geschenkt bekommen hatte – verwaltete ebenfalls der Mann. Lediglich über ihren eigenen Lohn konnte die Frau frei bestimmen. Hätten damals an der Urne nur die Stimmen der Schweizer Männer gezählt: Sie hätten die Revision abgelehnt.

DIE DATEN

Bei Nachbefragungen erheben Meinungsforscherinnen den Stimmentscheid, die Gründe dafür und die Informationslage dahinter – nach Geschlecht, Alter und politischen Präferenzen. Von 1977 bis 1987 umfasste die Stichprobe 700 Stimmberechtigte, dann 1000, ab dem Jahr 2010 1500 Personen. Umfrageresultate sind zwangsläufig unscharf: Man befragt eine Stichprobe, nicht alle, die an den Urnen waren. Je nach Umfragetyp – hier Telefonumfragen – kommen weitere Schwierigkeiten dazu, etwa systematische Verzerrungen dadurch, dass Personen mit bestimmten Profilen eher oder eher nicht auf solche Anfragen eingehen. Von 1977 bis 2015 und wieder seit November 2020 ist das Meinungsforschungsinstitut GFS Bern für diese Nachbefragungen, die Vox-Analysen, zuständig. Von 2016 bis 2020 führten das Schweizer Kompetenzzentrum Sozialwissenschaften in Lausanne und das Zentrum für Demokratie Aarau die Voto- Studien durch.

Die schönste Klimagrafik der Welt

Simon Schmid

Publiziert am 08.04.2019

14 Minuten

Der Klimawandel ist in der Populärkultur angekommen – mit bunten Grafiken. Doch wie funktionieren sie genau? Ein Exkurs in die Farbenvisualisierung – mit all ihren Fallstricken.

KLIMA

Die Grafik, um die es in diesem Beitrag geht, wird auf Krawatten, Flip-Flops und Leggings gedruckt – obwohl es sich nur um eine simple Temperaturvisualisierung handelt. Sie wurde vom britischen Professor Ed Hawkins erfunden und heisst warming stripes (G15) – Wärmestreifen. Die populäre Grafik zeigt, wie sich die Temperatur in den vergangenen rund 150 Jahren verändert hat. Man erkennt darauf sofort, dass es wärmer geworden ist und irgendetwas an dieser Entwicklung nicht normal sein kann. Dies wollen wir hier näher erforschen. Wie kommt es eigentlich, dass diese Grafik derart selbsterklärend und zugleich mitreissend ist?

Die Farben

Die offensichtliche Antwort: Es sind die Farben. Sie üben auf unser Gehirn eine magische Wirkung aus, lassen uns Zusammenhänge erkennen, bevor wir überhaupt aktiv über sie nachdenken. Die Macht der Farben wird klar, wenn man dieselben Temperaturdaten in anderer Form betrachtet: nicht als Farbstreifen-Diagramm, sondern als Liniengrafik (G16). Auch hier erkennt man, dass ab etwa 1980 ein Aufwärtstrend einsetzt. Zuvor bewegen sich die Temperaturen im Bereich von 4 bis 5 Grad, danach steigen sie auf über 6 Grad. Doch das mentale Verarbeiten dieser Information dauert länger und ist aufwendiger. Die Aufmerksamkeit ist nicht automatisch gegeben: Man muss genauer hinschauen, «den Kopf einschalten», um dieselbe Botschaft zu verstehen. Die krakelige, leicht ansteigende Linie interessiert das Auge weniger als das Farbmuster auf den Wärmestreifen. Farben also. Doch dies ist erst der Anfang vom Zauber des Klimastreifens.

Welche Farben?

Nebst der Farbcodierung per se spielt auch die Farbauswahl eine wichtige Rolle. Welche Farbe symbolisiert kalt, welche Farbe symbolisiert warm? Die naheliegende Codierung richtet sich nach der Konvention: Blau repräsentiert das kalte, Rot das warme Spektrum. Wir verstehen diese Codes intuitiv, weil wir sie aus der Natur kennen: Wasser ist blau, Feuer ist rot. Und Rot bedeutet oft auch: Vorsicht, hier geschieht etwas Gefährliches! Diese Analogie ist sogar in der Sprache verankert. Ist etwas «im roten Bereich», so droht Gefahr. Welche Wirkung entfaltet dieser Code auf der grafischen Ebene? Um dies zu testen, können wir dieselben Daten in anderer Codierung visualisieren. Beispielsweise mit umgekehrten Farben (G17) (Rot = kalt, Blau = heiss) oder in Braun und Grün. Welchen Eindruck machen diese Grafiken auf Sie? Sehr wahrscheinlich haben Sie beim Betrachten festgestellt: Die beiden Streifen sind zwar auch irgendwie schön, aber sie vermitteln nicht dieselbe Dringlichkeit. Natürlich klingt das etwas banal: Kein Forscher käme je auf die Idee, ein Klimadiagramm zu zeichnen, auf dem heisse Temperaturen in Blau dargestellt sind. Allerdings – und darum geht es hier – ist ein Farbschema stets eine bewusste Entscheidung. Oft ist sie kniffliger, als man erwarten würde. Stets muss dabei eine Reihe von Fragen beantwortet werden.


G15DIE SCHÖNSTE KLIMAGRAFIK DER WELTTemperaturabweichungen in der Schweiz von 1864 bis 2018


Dargestellt ist die Abweichung von der Normperiode 1961 bis 1990: Die Farbcodierung entspricht +/– 2,5 Grad. QUELLE: Meteo Schweiz


G16DIE LINIE HINTER DEM CHARTMittlere Jahrestemperaturen in der Schweiz


QUELLE: Meteo Schweiz

Die Normperiode

Die erste Frage lautet: An welchem Punkt auf dem Thermometer setzt man das Farbschema an? Bisher lag dieser Punkt bei 4,6 Grad Celsius. So hoch war die mittlere Temperatur im Durchschnitt über die Jahre 1961 bis 1990. Ein solcher Zeitraum wird als Normperiode (G18) bezeichnet. Konventionsgemäss sieht die Weltorganisation für Meteorologie einen 30-Jahres-Rhythmus für solche Normperioden vor.

1961 bis 1990 ist demnach die aktuelle Periode. Sie dient in unseren Wärmestreifen als Anker des Farbschemas. Das bedeutet: Jahre, in denen die Temperatur just bei 4,6 Grad Celsius lag, entsprachen genau der Norm und wurden deshalb in weisser Farbe gezeichnet. Jahre mit höheren Temperaturen lagen über der Norm und wurden in Rot, Jahre mit tieferer Temperatur in Blau dargestellt.

Es gibt jedoch kein Naturgesetz, das befiehlt, welcher Zeitraum als Normperiode zu gelten hat. So werden Temperaturabweichungen manchmal zur Periode von 1981 bis 2010 angegeben. Die mittlere Temperatur während dieser Zeit lag bei 5,4 Grad. Anders als der Originalwärmestreifen suggeriert ein Streifen basierend auf dieser neuen Periode generell ein kühleres Klima. Erst gegen Ende des Jahrtausends scheinen sich die Temperaturen langsam zu erwärmen. Zudem erscheint die jüngste Vergangenheit in weniger bedrohlichem Rot als beim originalen Farbstreifen. Die Normperiode beeinflusst also den Schluss, den wir aus der Grafik ziehen.

Die Skala

Doch es geht noch weiter. Man muss auch hinsichtlich des Temperaturspektrums, das die Farbskala (G19) abdeckt, einen bewussten Entscheid fällen:

—Legt man das Spektrum von –1 bis +1 Grad Celsius fest, so erscheint alles, was ausserhalb dieser beiden Werte liegt, entweder tiefblau oder tiefrot. Die Skala stellt also zum Beispiel die beiden Werte von +0,2 und +0,5 Grad mit unterschiedlichen Rottönen dar, verwendet aber dasselbe dunkle Rot für die Werte +1,0 und +1,3 Grad. Ein bedeutender Anteil der Datenpunkte wird somit in den extremen Farbtönen Dunkelblau und Dunkelrot dargestellt.

—Legt man das Spektrum hingegen auf –5 Grad bis +5 Grad Celsius fest, so erscheint selbst das kälteste Jahr, 1879, trotz einer Abweichung von –1,7 Grad gegenüber der Normperiode nicht im dunkelsten Blau, sondern eher hellblau.

—Und trotz einer Abweichung von +2,3 Grad gegenüber der Norm manifestiert sich das wärmste Jahr, 2018, nicht im dunkelroten, sondern im blassroten Farbton.


G17DER EINFLUSS VON FARBENTemperaturabweichungen in der Schweiz von 1864 bis 2018


Dargestellt ist die Abweichung von der Normperiode 1961 bis 1990: Die Farbcodierungen entsprechen +/– 2,5 Grad. QUELLE: Meteo Schweiz

Bei unserem Beispiel liegt es auf der Hand, dass die beste Variante irgendwo in der Mitte liegt – zum Beispiel bei einem Temperaturspektrum von +/– 2,5 Grad. Auch hier gilt: Es gibt kein eindeutiges Richtig oder Falsch. Dies zeigt sich auch, wenn man nicht mehr bloss eine Datenreihe visualisieren will, sondern mehrere Datenreihen gleichzeitig. Zum Beispiel: die Daten zu den Temperaturschwankungen der Jahreszeiten. Erneut tauchen Fragen auf, die wir klären müssen.

Ein Bezugspunkt

Die Jahreszeiten sind relevant, weil der Klimawandel nicht gleichmässig abläuft. Für die Schweiz wird damit gerechnet, dass die Temperaturen im Sommer stärker steigen als im Winter, während sich die Niederschläge tendenziell auf den Winter konzentrieren. Lässt sich dies bereits in den Daten erkennen?


G18UNTERSCHIEDLICHE NORMTEMPERATURENTemperaturabweichungen in der Schweiz von 1864 bis 2018


Dargestellt ist die Abweichung von zwei verschiedenen Normperioden: Die Farbcodierungen entsprechen +/– 2,5 Grad. QUELLE: Meteo Schweiz


G19WIE WEIT REICHT DIE SKALA?Temperaturabweichungen in der Schweiz von 1864 bis 2018


Dargestellt ist die Abweichung gegenüber der Normperiode 1961 bis 1990 mit verschiedenen Farbcodierungen. QUELLE: Meteo Schweiz


G20SO FÜHLEN SICH DIE TEMPERATUREN ANTemperaturabweichungen in der Schweiz von 1864 bis 2018


Dargestellt ist die Abweichung von 0 Grad Celsius. Die Farbcodierungen entsprechen +/– 16,8 Grad. QUELLE: Meteo Schweiz


G21GRÖSSERE SAISONALE SCHWANKUNGENTemperaturabweichungen in der Schweiz von 1864 bis 2018


Dargestellt ist die Abweichung gegenüber der Normperiode 1961 bis 1990: Die Farbcodierungen entsprechen +/– 2,5 Grad. QUELLE: Meteo Schweiz

Versuchen wir es zunächst mit einer Visualisierung der Jahreszeiten anhand der absoluten Temperaturen (G20). Als «Norm» dient dabei die Marke von null Grad Celsius. Visualisieren wir, wie stark die mittleren Frühlings-, Sommer-, Herbst- und Wintertemperaturen von 1864 bis 2018 davon abweichen, so vermitteln wir allerdings nicht mehr als ein grobes Gefühl: Die dazugehörige Grafik zeigt, wie heiss wir die Temperaturen in den vier Jahreszeiten jeweils empfunden haben. Aus dieser Grafik einen Trend zum Klimawandel abzulesen, ist kein leichtes Unterfangen. Um dies zu tun, wird für jede Jahreszeit eine eigene Normtemperatur benötigt.

Vier Bezugspunkte

Die saisonalen Normtemperaturen betragen: 3,3 Grad Celsius im Frühling, 12,1 Grad im Sommer, 5,6 Grad im Herbst und –2,7 Grad im Winter. Passen wir die vier Wärmestreifen an diese Normtemperaturen (G21) an, so erhalten wir ein komplett anderes Ergebnis. Der Fokus liegt nun auf den Unterschieden innerhalb der Jahreszeiten statt zwischen ihnen. Die Farbtöne der neuen Grafik weisen eine chaotischere Anordnung auf als zuvor. Blau und Rot wechseln sich öfter ab, und es fällt zuweilen schwer, eine Tendenz zu erkennen. Das liegt daran, dass die Daten auf Ebene der Frühlings-, Sommer-, Herbst- und Wintertemperaturen stärker schwanken als beim ganzjährigen Mittel.

Dies mag zunächst verwirrend klingen, ist statistisch jedoch zu erwarten: Es rührt daher, dass sich extreme Werte übers Jahr hinweg ausgleichen. Ein speziell heisser Frühling und ein kalter Herbst führen, aufs Ganze gesehen, zu einem durchschnittlichen Jahresergebnis. Die «Vier-Jahreszeiten-Grafik» ist dadurch automatisch weniger geglättet. Vielleicht ist dies nun nicht mehr die allerschönste Klimagrafik der Welt. Doch aus den neu geeichten Wärmestreifen lässt sich besser herauslesen, nach welchem Jahreszeitenmuster sich das Klima in der Schweiz verändert hat:

—Seit rund zwanzig Jahren gab es fast keinen Frühling mehr mit unterdurchschnittlichen Temperaturen.

—Ähnliches gilt für den Sommer: Der Übergang von kalten zu warmen Temperaturen ist hier am deutlichsten, am stetigsten ausgeprägt.

—Im Herbst sind die Temperaturen zuletzt nicht so stark gestiegen. Dafür zeigt sich, dass die saisonalen Temperaturen, zu Beginn der Messreihe im 19. Jahrhundert, vergleichsweise kühler waren.

—Bei den Wintertemperaturen zeigen sich insgesamt die grössten Schwankungen. Die Erwärmung ist weniger eindeutig als beispielsweise im Sommer.

Mag sein, dass all diese Detailüberlegungen am Ende zu viel des Guten sind. Vermutlich wird nie ein Designer eine Kaffeetasse oder eine Tragetasche mit Jahreszeiten-Wärmestreifen bedrucken. Allerdings findet gerade eine bemerkenswerte Entwicklung statt: Der Klimawandel wandert von der Gelehrtenstube nach und nach in die Populärkultur. Da ist es allemal sinnvoll, wenn man weiss, wovon eigentlich die Rede ist.

DIE DATEN

Sie lassen sich bei Meteo Schweiz als Textdatei beziehen. Darin findet sich das Schweizer Temperaturmittel über sämtliche Monate für den Zeitraum von 1864 bis zum aktuellen Rand. Dieses Mittel entspricht der Durchschnittstemperatur, die über die gesamte Landesfläche und die verschiedenen Höhenlagen gemessen wird. In die Zeitreihe fliessen die Daten von 19 Messstationen ein, die über den gesamten Zeitraum hinweg lückenlos zur Verfügung stehen. Um Veränderungen bei den Messbedingungen zu korrigieren, wurden diese Daten homogenisiert.

Wie viel wir arbeiten

Olivia Kühni

Publiziert am 26.02.2018

6 Minuten

Die Arbeitszeit der Menschen hat über die Jahrzehnte deutlich abgenommen. Doch ein zweiter Blick – gerade auf die Situation der Frauen – zeigt ein differenzierteres Bild.

SOZIALES

Neun Stunden in Büro, Spital oder Schule statt zwölf in der Fabrik: Die arbeitenden Menschen in der Schweiz sind heute durchschnittlich deutlich weniger im Einsatz als zur Zeit unserer Urgrosseltern. Damit hat dieses Land eine ähnliche Entwicklung mitgemacht wie viele europäische Nachbarstaaten. Woran könnte das liegen? Weshalb sieht die Lage in den USA anders aus? Wo müssen wir vielleicht noch etwas genauer hinschauen? Dazu gleich. Zunächst zu den Daten:

1870 waren Arbeiter in der Schweiz durchschnittlich 3195 Stunden pro Jahr im Einsatz. Rund fünf Generationen später, im Jahr 2000, waren es mit 1597 Stunden noch rund die Hälfte. Ähnlich sieht die Gesamtentwicklung in elf westeuropäischen Ländern[1] aus, in der Grafik zusammengefasst unter «Europa». Überall haben die Jahresarbeitsstunden (G22) ab etwa 1910 stark, während und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg kaum und ab 1950 wieder stärker abgenommen.

Viele Statistiken in Wochenarbeitsstunden stellen jeweils nur die Entwicklung bei den Vollzeitstellen dar. Das sorgt für eine gute Vergleichbarkeit im Laufe der Zeit, schliesst aber einiges an Realität aus. In Jahresarbeitsstunden zu rechnen, hat den Vorteil, dass Teilzeitarbeit oder unregelmässige Arbeitszeitmodelle miteinbezogen werden. Dazu später mehr.

Etwas anders hingegen sieht es in den USA aus. Dort lagen die geleisteten Arbeitsstunden mit Ausnahme der Phase von der Grossen Depression bis zur Nachkriegszeit tendenziell leicht über jenen in Europa. Seit den 1980ern stagnieren sie auf doch deutlich höherem Niveau. Bei den Ferien und Feiertagen sieht es ähnlich aus: In der Schweiz sind diese von 13 Tagen (1870) über 28 Tage (1980) auf 33 Tage (2000) gestiegen, in den USA gleichzeitig von 4 Tagen auf 22 Tage gestiegen und dann wieder auf 20 gefallen. Sind die US-Amerikaner etwa einfach fleissiger als wir? Zunächst: Die Frage muss anderesherum gestellt werden. Nicht die USA sind eine bemerkenswerte Ausnahme, wie gern angeführt wird, sondern die westeuropäischen Länder. Die Menschen hier arbeiten durchschnittlich deutlich weniger als in anderen Ländern. Vergleicht man Grossstädte weltweit, arbeiten die Menschen in Hongkong, Mexiko-Stadt, Nairobi, Tokio, Doha oder Chicago viele Hundert Stunden jährlich mehr als Zürcherinnen oder Genfer. Die Frage müsste also vielmehr lauten: Warum arbeiten wir so viel weniger als Menschen in anderen Teilen der Welt?

Reichtum und Strassenkampf

Es gibt eine Reihe von Faktoren, die zu einer Erklärung dieses Phänomens beitragen können. Die zwei offensichtlichsten: Reichtum und Strassenkampf. Je mehr Wohlstand die Menschen in einem Land mit jeder Arbeitsstunde erarbeiten (die sogenannte Arbeitsproduktivität), desto weniger lange arbeiten sie. Dieser Zusammenhang ist gut belegt, doch eine abschliessende Antwort liefert das noch nicht. Dies ist politisch und historisch bedingt: Unternehmen in Europa wurden dank der Industrialisierung im Laufe des 19. Jahrhunderts tatsächlich immer effizienter im Erwirtschaften von Wohlstand (eben: produktiver). Gut organisierte Arbeiterbewegungen sorgten dafür, dass sich der wachsende Reichtum in kürzeren Arbeitszeiten niederschlug. In den USA hingegen war und ist die Situation eine andere: Die Staaten sind eine Gesellschaft von Einwanderern und Pionierinnen, mit harter Konkurrenz im Arbeitsmarkt, im Vergleich zu Europa schwachen Arbeiterbewegungen und einer deutlich höheren Lohnungleichheit. Letztere hat in den vergangenen Jahrzehnten in den USA noch einmal zugenommen.

Der Zusammenhang zwischen ungleichen Löhnen und langen Arbeitsstunden ist gut belegt: Am unteren Ende der Einkommensskala müssen die Menschen viel arbeiten, um zu überleben, am oberen Ende tun sie es, da sich zusätzlich geleistete Stunden deutlich mehr auszahlen, als dies in einem europäischen Land der Fall wäre. Kurz: Geringe und abnehmende Stundenzahlen sind nicht nur eine Frage der Produktivität, sondern stets ein Spiegel von Kultur und politischen Präferenzen.

Die Frauen stocken auf

Die Ergebnisse von Langzeitstudien zu den Arbeitsstunden sollte man mit Vorsicht geniessen. Die Ökonomie vergass lange Zeit den unsichtbaren, nicht quantifizierten Zwilling von Fliessbandarbeit oder Bürojob: die unbezahlte Haushaltsarbeit. Man könnte auch sagen: Sie übersah die Realität vieler Frauen. Das hat auch hier Folgen. Viele Langzeitstudien zu den geleisteten Arbeitsstunden zählen diese Stunden nicht pro Kopf in der Bevölkerung, sondern pro Arbeiter, bei Rechnungen zu Wochenstunden oft gar pro Vollzeitarbeiter. Die Methode schafft eine gute Vergleichbarkeit: Man kann Aussagen darüber treffen, wie sich die durchschnittliche Belastung von aktiven Arbeiterinnen, quasi die Arbeitsverhältnisse, über die Jahre hinweg entwickelt hat. Daraus lässt sich durchaus eine Vorstellung davon gewinnen, wie sich die Arbeitslast der gesamten Gesellschaft verändert. Allerdings ist diese Vorstellung nur dann verlässlich, wenn sich an der Erwerbsbeteiligung nichts Fundamentales geändert hat. Mit anderen Worten: Arbeitet der durchschnittliche Arbeiter neu sechs statt zwölf Stunden, hat sich die generelle Arbeitszeit in der Gesellschaft nur dann halbiert, wenn die sechs Stunden dafür nicht jemand anderes zusätzlich übernommen hat. Reduzierte Arbeitsstunden können etwas anderes bedeuten als generell weniger Arbeit: nämlich gleich viel Arbeit wie zuvor, einfach auf mehr Schultern verteilt. Was vielleicht auch eine erfreuliche Erkenntnis ist – nur eben eine andere.


G22JAHRESARBEITSSTUNDENpro Arbeiter


QUELLE: Huberman $ Minns (2007)


G23WOCHENARBEITSSTUNDEN (USA)pro Person ab 14 Jahren


QUELLE: Ramey $ Francis (2009)

Genau das ist tatsächlich zum Teil geschehen. Den beiden Ökonomen Valerie A. Ramey und Neville Francis fiel der blinde Fleck vieler Studien auf. Im Jahr 2009 begannen sie, die geleisteten Arbeitsstunden in den USA (G23) statt pro Arbeiter pro Person im erwerbsfähigen Alter umzurechnen, zusätzlich analysiert nach Geschlecht und Alter. Sie kamen zu folgenden Erkenntnissen:

—Die geleisteten (bezahlten) Arbeitsstunden pro Kopf in der Bevölkerung haben seit 1900 tatsächlich abgenommen. Die durchschnittliche Belastung der Bürgerinnen und Bürger ist insgesamt geringer geworden, jedoch nicht in dem Ausmass, wie man es angesichts der üblichen Stundenrechnungen vermuten könnte.

—Die Abnahme gilt ausserdem nicht für jede Bevölkerungsgruppe. Junge Menschen bis zur Volljährigkeit arbeiten durchschnittlich weniger als vor hundert Jahren (wegen der Schule), dasselbe gilt für Menschen ab 65 Jahren sowie Männer in sämtlichen Altersgruppen. Frauen ab 18 Jahren hingegen arbeiten durchschnittlich mehr und ab 25 Jahren sogar deutlich mehr Wochenstunden als noch um 1900.

Die Zahlen gelten für die USA und sind darum nicht zuverlässig auf die Schweiz oder andere europäische Länder übertragbar. Die Erwerbsbeteiligung der Frauen ist jedoch auch auf dem europäischen Kontinent gestiegen. Das Fazit dürfte lauten: Nicht alle der verschwundenen Stunden haben steigender Wohlstand und politischer Kampf in eifriger Zweisamkeit geschluckt – einen Teil davon haben auch einfach die Frauen geschultert. Was wiederum nicht nur auf den Feminismus zurückzuführen ist, sondern auch auf die Art von Jobs, die in den letzten Jahrzehnten entstanden und verschwunden sind.

Bei der (unbezahlten) Haushaltsarbeit übrigens ist es genau umgekehrt: Hier haben die Männer zugelegt. Um zu wissen, wie viel zusätzliche Freizeit wir im letzten Jahrhundert tatsächlich gewonnen haben, muss man diese Arbeit natürlich miteinbeziehen. Hierzu nur so viel: Wo Mühsal wegfiel, fanden wir oft rasch wieder Neues zu tun.

DIE DATEN

Die Langzeitstudie zur Entwicklung der Arbeitsstunden stammt von Michael Huberman (Universität Montreal) und Chris Minns (London School of Economics and Political Science): «The times they are not changin’: Days and hours of work in Old and New Worlds, 1870–2000», erschienen in «Explorations in Economic History» (2007).

Ihre Daten trugen die Wirtschaftshistoriker aus einer Vielzahl von Quellen zusammen, unter anderem von der Internationalen Arbeitsorganisation und dem Groningen Growth and Development Centre der Universität Groningen sowie, insbesondere in jüngerer Zeit, von den offiziellen Ämtern der jeweiligen Staaten, in der Schweiz dem Bundesamt für Statistik.

Wie enden Epidemien?

Simon Schmid

Publiziert am 09.03.2020

aktualisiert am 23.02.2021

11 Minuten

Ein Rückblick auf drei vergangene Infektionskrankheiten. Und ein vorsichtiger Ausblick auf die Zukunft des Coronavirus.

GESUNDHEIT

Survival of the fittest: Charles Darwin bediente sich dieser Kurzformel, um das Prinzip der Evolution zu beschreiben. Es überlebt die Art, die am besten an die Umwelt angepasst ist. Wie funktioniert dieses Prinzip bei Viren? Welche Krankheitserreger haben die grössten Chancen, sich in der menschlichen Population auf Dauer zu verbreiten – und welche Viren werden relativ rasch wieder ausgemerzt? Der Rückblick auf die letzten Epidemien zeigt: Erfolgreich sind gerade nicht die Keime, welche die Menschheit mit schlimmen Krankheiten in Angst und Schrecken versetzen. Erfolg haben Viren mit anderen Eigenschaften.

Sars

Am 16. November 2002 wurde in der südchinesischen Provinz Guangdong von einem Patienten mit einer atypischen Lungenentzündung berichtet. Bald stellte sich heraus: Es handelte sich um eine Infektionskrankheit, die von einem bis dahin unbekannten Erreger aus der Familie der Coronaviren verursacht wird. Die Krankheit erhielt den Namen «Schweres akutes Atemwegssyndrom» (Severe acute respiratory syndrome, Sars (G24)).

—Betroffene: Insgesamt 8422 Menschen steckten sich über die nächsten Monate damit an. 916 Menschen starben (wobei die genauen Zahlen je nach Quelle etwas variieren). Die meisten Fälle traten in Südostasien auf.

—Verbreitung: Bevor Kontrollmassnahmen eingeleitet wurden, steckte jeder Sars-Infizierte im Schnitt zwei bis drei weitere Menschen an.

—Sterblichkeit: Mit einer Sterberate von rund 10 Prozent war das Virus ein gefährlicher Erreger. Er befiel Personen allen Alters und war besonders für Patienten über 65 Jahre vielfach tödlich.

Zwischen der Ansteckung und Entwicklung von Symptomen vergehen bei Sars in der Regel sechs bis sieben Tage. In dieser Zeit nisten sich die Viren tief in der Lunge ein, werden aber kaum herausgehustet. Erst mit den Symptomen beginnt dann die Ansteckungsgefahr. Beim neuen Coronavirus sitzen die Viren weiter oben im Rachen und können einfacher übertragen werden.

Die Sars-Epidemie dauerte von März bis Juni 2003 – nur wenige Monate lang. Weil Ansteckungen besser erkannt und isoliert werden konnten als Corona-Fälle heute, liess sich die Übertragungskette des Virus besser unterbinden. Besonders an Sars war die hohe Variation der Ansteckungsraten. Viele Infizierte steckten niemanden an – ein paar wenige Infizierte dagegen steckten sehr viele weitere Menschen an. Forscher sprechen von sogenannten Super-Spreading-Ereignissen. Im Einzelfall sind solche Ereignisse für die Betroffenen und deren Umgebung sehr unglücklich. Doch die Bekämpfung der Epidemie wird damit insgesamt vereinfacht: Lassen sich Super-Spreading-Ereignisse verhindern, ist die weitere Ausbreitung bereits viel unwahrscheinlicher.


G24SARS: EIN KURZER SPUKWöchentliche Anzahl neuer Sars-Fälle, weltweit


Die frühen Fälle in China zwischen November 2002 und März 2003 fehlen in dieser Grafik. QUELLE: Weltgesundheitsorganisation


G25A/H1N1: EINE UNGEWÖHNLICHE GRIPPEWELLEWöchentliche Anzahl positiver Grippetests, in den USA


QUELLE: Centers for Disease Control and Prevention


G26EBOLA: NACH ZWEI JAHREN WAR DAS SCHLIMMSTE VORBEIMonatliche Anzahl neuer Ebola-Fälle in Westafrika


QUELLE: Centers for Disease Control and Prevention

Kurz: Sars endete, weil sich der Erreger bereits nach relativ kurzer Zeit verriet. Die Epidemie liess sich deshalb mit klassischen Kontrollmassnahmen effizient bekämpfen. Nach 2003 ist die Krankheit nur noch in Einzelfällen aufgetaucht.

H1N1-Grippe

Am 17. April 2009 berichteten die US-Gesundheitsbehörden, dass sich zwei Kinder in Südkalifornien mit einem Grippevirus des Typs A/H1N1 (G25) infiziert hatten: mit Influenzaviren eines neuartigen genetischen Strangs. Beinahe zeitgleich wurden in Mexiko identische Erkrankungen gemeldet. Rasch wurde offensichtlich: Das Virus hatte sich geografisch bereits ausgebreitet. Wegen der genetischen Verwandtschaft zu Grippeviren, die bei Schweinen vorkommen, sprach man bei H1N1 zuerst von einer «Schweinegrippe». Zu Unrecht, wie sich später herausstellte: Der H1N1-Ausbruch war durch ein Virus verursacht worden, das allein unter Menschen zirkulierte. Zwei Monate später, am 11. Juni, rief die WHO eine Pandemie aus.

—Betroffene: 30 000 Menschen hatten sich zu diesem Zeitpunkt bereits mit dem Influenzavirus A(H1N1)pdm09 angesteckt. Millionen weitere sollten folgen. In etwas mehr als einem Jahr wurden 18 500 Todesfälle gezählt, die durch Laborproben bestätigt wurden.

—Verbreitung: Das neue Grippevirus war ungefähr ähnlich ansteckend wie eine gewöhnliche Grippe.

—Sterblichkeit: Sie war im Vergleich zur bisherigen, saisonalen Grippe eher tiefer. Allerdings konnten auch gesunde, junge Erwachsene am neuen Influenzavirus schwer erkranken.

Die Grippe breitete sich in den USA in zwei Wellen aus, bevor sie Anfang 2010 abebbte. Zu Beginn des Jahres 2011 trat H1N1 erneut in Erscheinung, aber um einiges schwächer. Als das Virus entdeckt wurde, war die Angst zuerst gross. Ein H1N1-Subtyp hatte 1918/19 eine der schlimmsten Pandemien der Geschichte verursacht: die Spanische Grippe. An ihr waren 25 bis 50 Millionen Menschen gestorben. Doch die Todesrate von A/H1N1 war schliesslich relativ niedrig: Sie lag deutlich unter 0,1 Prozent, also niedriger als die bisherige Schätzung für das Coronavirus. Besonders die über 65-Jährigen erwiesen sich als resistent – vermutlich, weil sie vor Jahrzehnten bereits eine Immunität gegen ähnliche Virenstämme aufgebaut hatten oder gegen einen ähnlichen Stamm geimpft worden waren.

Mit Impfungen gegen den neuen Grippetypus konnte man in den USA bereits im Oktober starten – ein halbes Jahr nach Entdeckung der Viren und drei Monate vor dem typischen Höhepunkt der Grippesaison im Februar. Im August 2010 verkündete die WHO dann das Ende der Pandemie. Medizin und menschliches Immunsystem hatten dem neuen Virus widerstanden.

Das A/H1N1-Grippevirus ist deswegen nicht ausgerottet. Noch heute wird es in 41 Prozent aller Influenza-positiven Proben in der Schweiz nachgewiesen. Es zirkuliert also zusammen mit anderen Grippeviren weiterhin unter den Menschen. Gemäss dem Bundesamt für Gesundheit führen Komplikationen bei der saisonalen Grippe in der Schweiz jährlich zu mehreren Hundert Todesfällen.

Ebola

Am 26. Dezember 2013 erkrankte ein zweijähriger Knabe in Meliandou, einem Dorf im Urwald von Guinea, an einer mysteriösen Krankheit. Er musste erbrechen, hatte Fieber und schwarzen Stuhl. Zwei Tage später starb er. Erst drei Monate später war klar, woran der Knabe gestorben war: an Ebola (G26), einer Krankheit, die in Westafrika bisher nicht aufgetreten war. Das Virus, das sie verursacht, war zu diesem Zeitpunkt bereits in die Hauptstadt Conakry gelangt und breitete sich in den Nachbarländern Liberia und Sierra Leone aus. Im Juli 2014 hatte es die dortigen Hauptstädte erreicht.

—Verbreitung: An sich ist Ebola nicht sehr ansteckend, denn es braucht den direkten Kontakt mit Körperflüssigkeiten eines Infizierten. In vielen Regionen und Provinzen lag die Reproduktionszahl zwischen 1 und 2. Dieser Wert bewegt sich im Bereich einer saisonalen Grippe, aber unterhalb des neuen Coronavirus.

—Betroffene: Von knapp 30 000 infizierten Personen starben in Westafrika über 11 000.

—Sterblichkeit: Das ergibt für den Ausbruch von 2014 bis 2016 eine Sterblichkeit von mehr als einem Drittel. Bei anderen Ausbrüchen war die Sterberate sogar noch höher. Wer das Virus erwischte, schwebte also in Lebensgefahr.


G27COVID-19: DIE PANDEMIE IST NOCH NICHT VORBEIWöchentliche Anzahl neuer Fälle weltweit


QUELLE: Johns Hopkins University


G28COVID-19: EINE HEFTIGE ZWEITE WELLEWöchentliche Anzahl neuer Fälle in der Schweiz


QUELLE: Johns Hopkins University

Dass sich Ebola in Westafrika verbreiten konnte, lag primär an der schlechten Versorgung. Statt im Spital wurden Kranke von Angehörigen zu Hause umsorgt oder siechten in Slums vor sich hin. Der Wissensstand über die Krankheit war unzureichend. Zum Höhepunkt der Epidemie steckten sich 7000 Menschen pro Monat an, wie aus Daten der WHO hervorgeht.

Ein Impfstoff gegen Ebola ist seit 2019 in der EU und in den USA zugelassen. In Westafrika wurde er ab April 2015 bereits in grösserem Stil getestet. Dass die damalige Epidemie eingedämmt werden konnte, lag aber nicht an den Impfungen. Sondern in erster Linie an allgemeinen Massnahmen der Gesundheitsversorgung: Man hat Helfer ausgebildet, Behandlungszentren aufgebaut, die Bevölkerung informiert. Organisationen wie Médecins sans frontières behandelten während des Ebola-Ausbruchs Tausende von Patienten. Ausserdem wurden teils rigorose Quarantänemassnahmen verhängt: Es gab Ausgangssperren, ganze Gebiete wurden abgeriegelt. Nach und nach ging die Zahl der Neuansteckungen auf diese Weise zurück.

Die westafrikanische Ebola-Epidemie von 2013 bis 2016 wurde also nicht mit einer medizinischen Wunderwaffe, sondern mit organisatorischen Mitteln besiegt. Das funktionierte, weil Infizierte das Ebola-Virus während der Inkubationszeit (im Schnitt 11 Tage) typischerweise nicht weitergeben. Impfungen dürften hingegen in Zukunft nützlich sein. Noch ist Ebola nicht ausgerottet: 2017 und 2018 kam es in der Demokratischen Republik Kongo mehrmals zu Ausbrüchen. Der jüngste Fall betraf die Provinz Nord-Kivu: Erst seit ungefähr zwei Wochen werden dort keine Neuinfektionen mehr registriert.

Neues Coronavirus

Vermutlich litt der erste Patient bereits am 1. Dezember an Covid-19 (G27), der Lungenkrankheit, die vom neuartigen Coronavirus ausgelöst wird. Berichten zufolge, handelt es sich um einen älteren Mann, der in der Nähe des Engros-Fischmarkts in der chinesischen Millionenstadt Wuhan zu Hause war. Völlig gesichert scheint diese Information jedoch nicht. Jedenfalls meldeten die chinesischen Behörden erst Ende Jahr ein grösseres Problem. Am 5. Januar 2020 orientierte erstmals die WHO über das gehäufte Auftreten von Lungenentzündungen ungeklärten Ursprungs in Wuhan. Das Virus Sars-CoV-2, das diese Atemwegserkrankung verursacht, hat die Medien, aber auch den Alltag vieler Menschen seither fest im Griff.

—Betroffene: Weltweit haben sich per Ende Februar 2020 bereits über 100 Millionen Menschen mit dem Virus angesteckt, wobei von einer grösseren Dunkelziffer auszugehen ist. Gegen 3 Millionen Todesfälle stehen damit im Zusammenhang.

—Verbreitung: Mit einer Reproduktionszahl von 2 bis 3 ist das Coronavirus deutlich ansteckender als die saisonale Grippe, aber nicht extrem ansteckend wie etwa die Masern.

—Sterblichkeit: Die Sterberate wird je nach Studie unterschiedlich eingeschätzt. Gemäss einem Konsens liegt sie bei rund 1 Prozent. Je nachdem, welches Land betroffen ist, kann sie auch höher oder tiefer zu liegen kommen.

In der Volksrepublik China, wo die Epidemie ihren Anfang nahm, wurde das Virus innerhalb von Monaten zurückgedrängt. Die Reduktion ist das Ergebnis drakonischer Massnahmen. Einkaufszentren, Autobahnen und U-Bahnen wurden in vielen Städten abgeriegelt. Viele andere Länder waren weniger konsequent. Etwa die Schweiz: Nach der ersten Welle im Frühjahr 2020 folgte im Herbst und Winter eine zweite, noch grössere Welle von Ansteckungen (G28). Vielerorts lief es ähnlich. So haben sich die Fälle weltweit zu einer einzigen, grossen Welle addiert, die Ende 2020 ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte.

Tückisch am Coronavirus ist, dass eine Ansteckung unbemerkt bleiben kann. Das schwächt die Bereitschaft, sich sozial zu distanzieren, und hilft der Verbreitung des Virus. Das passende Vergleichsszenario zur Corona-Pandemie ist deshalb nicht Sars, sondern die H1N1-Influenza. Die Erfahrung zeigt, dass sich in Europa nur rund die Hälfte der Bevölkerung gegen die Grippe impfen lässt. Manche Eltern wollen ihre Kinder selbst gegen die hoch ansteckenden Masern nicht impfen. Offen ist auch, ob es zwingende Gründe gibt, damit eine Gesundheitsbehörde eine Impfung für obligatorisch erklären kann – vermutlich nicht. Impfungen gegen Covid-19 können den Krankheitsverlauf deutlich abmildern. Sie verringern das Übertragungsrisiko, löschen es aber nicht völlig aus.

So könnte sich Sars-CoV-2 über kurz oder lang in der Population einnisten. Auch in Zukunft könnten Menschen vom Virus heimgesucht werden. In den meisten Fällen gäbe es normale bis schwere Erkältungen – ähnlich, wie das bei anderen Erregern aus der Familie der Coronaviren bereits der Fall ist. Sie zirkulieren meistens unter Kindern, deren Immunsystem noch nicht damit in Kontakt gekommen ist. Ein solches Szenario bedeutet nicht, dass man das Coronavirus verharmlosen sollte. Doch irgendwann dürfte es zur Normalität gehören. Immun- und Gesundheitssystem werden einen Umgang damit finden, ähnlich wie bei der Grippe.

Charles Darwin lebte im 19. Jahrhundert. Der britische Evolutionsbiologe hätte die Corona-Pandemie sicherlich mit Interesse verfolgt. Und daraus geschlossen: Die besten Überlebenschancen haben nicht die Viren, die ihren Wirt am schnellsten umbringen. Sondern jene, die mit ihm am besten koexistieren können. Wie etwa die Grippe oder das Coronavirus.

DIE DATEN

Sars: Die Daten wurden aus den Updates der WHO ausgelesen. Diese stehen ab dem 17.03.2003 zur Verfügung, enthalten jedoch nicht die Sars-Fälle, die zuvor bereits in China aufgetreten waren.

H1N1: Die Daten stammen vom Flu Dash-board der US-Gesundheitsbehörde CDC (Centers for Disease Control and Prevention). Ebola: Die Daten stammen von der Website der CDC. Ursprüngliche Datenquelle sind die Situation Reports der WHO ab dem 25.03.2014.

Coronavirus: Die Daten stammen von der Johns Hopkins University. Diese unterhält ein Dashboard mit globalen Statistiken zum Virus. Die Daten sind auf Github abgelegt. Sie beginnen am 22.01.2020.

Pulsuz fraqment bitdi.

36,17 ₼

Janr və etiketlər

Yaş həddi:
0+
Həcm:
249 səh. 132 illustrasiyalar
ISBN:
9783035519617
Naşir:
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
Yükləmə formatı:

Oxşar kitablar