Kitabı oxu: «Da wir uns lieben»
Marie Louise Fischer
Da wir uns lieben
Roman
SAGA Egmont
Da wir uns lieben
Da wir uns lieben
Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og Ringhof A/S
Copyright © 2017 by Erbengemeinschaft Fischer-Kernmayr, (www.marielouisefischer.de) represented by AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de)
Originally published 1972 by Herrnberger Verlag, Germany
All rights reserved
ISBN: 9788711718445
1. Ebook-Auflage, 2017
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt og Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com
Der Schatten des Hauses wuchs in den Garten hinein, aber noch stand Sabine Miller im heißen Licht der gleißenden Augustsonne. Angetan mit weißen Jeans und einer langärmeligen blauen Leinenbluse, die sie vor den Dornen schützen sollte, war sie dabei, ihre Rosen zu pflegen. Über den Arm gehängt trug sie einen strohgeflochtenen Korb, in dem sich die weißen, roten und gelben Blüten häuften. Jetzt war sie bei ihren Lieblingen, den hochstämmigen Parkrosen, angelangt, die ein kleines Rondell am Ende des Rasens bildeten.
Mit Freude betrachtete sie die eben erst eröffnete Knospe einer Gloria Dei, den schmalen roten Rand um das sanfte Gelb des Innenblattes, kämpfte mit sich, ob sie eine andere, schon voll erblühte Rose abschneiden oder ihr noch einen Tag geben sollte, entschied sich dann aber doch für den Schnitt, der den jungen Blüten zugute kommen würde.
Sie ging weiter zu einem lachsroten Exemplar, zupfte behutsam zwei harte, verkrumpelte Außenblätter ab, runzelte die Stirn, als sie an einer noch winzigen Knospe Blattläuse entdeckte, und bestäubte das Ungeziefer. Sabine lächelte, als sie sich einen Kriegsrat der Blattläuse vorstellte, bei dem die Tierchen gegen die Menschen, insbesondere gegen Gärtner und gärtnernde Hausfrau, wetterten.
Sie wirkte sehr jung in diesem Augenblick, so jung, daß ihr niemand ihre vier Kinder und ihre neununddreißig Jahre angesehen hätte. Das glatte blonde Haar, dessen Tönung sie mit einem Aufheller nachzuhelfen pflegte, fiel ihr in die gebräunte Stirn, und ihre Lippen waren voll und rot. Ihre Figur war zwar nicht mehr mädchenhaft, aber immer noch schlank genug, um attraktiv zu sein. Ihre Bewegungen waren anmutig und sicher. Ohne sich dessen bewußt zu sein, summte sie vor sich hin. Sie genoß diese stillen Stunden im Garten, die für sie immer noch nicht alltäglich, sondern wie ein kleines Wunder waren. Erst vor knapp drei Jahren war sie mit ihrer Familie in das Eigenheim am Stadtrand übergesiedelt. Vorher hatten Millers im Zentrum der Kleinstadt gelebt; dort hatte Sabine sich nicht einmal einen Blumenkasten halten können. Aber wo hätte sie damals auch die Zeit hernehmen sollen, sich um einen Garten zu kümmern? Sie hatte schuften und scharren müssen, um ihren Mann und die Kinder anständig zu versorgen und zu kleiden. Erst jetzt, da die drei Großen sie kaum noch belasteten, durfte sie aufatmen. Das jedenfalls versuchte sie sich einzureden, um so den feinen, aber ständigen Schmerz, den ihr das Entwachsen der Kinder verursachte, zu überspielen.
Während Sabine einen Trieb am Stamm der Parkrose entfernte, dachte sie an Torsten, ihren Ältesten – es verging kein Tag, ja, keine Stunde, ohne daß sich ihre Gedanken mit ihm beschäftigten. Mit zwanzig Jahren hatte Torsten seine Familie und die Kleinstadt verlassen und war in jenen Stadtteil Münchens gezogen, der auf junge Leute seines Alters und seiner Art immer noch genug Faszination ausübte: Schwabing. Künstler nannte er sich. Sabine konnte sich nicht vorstellen, wovon er lebte; solange er in Riesberg war, hatte er nie eine von seinen verrückten Klecksereien verkaufen können. Sabine hatten sie zwar gefallen, aber sie wußte, daß ihr Urteil nicht objektiv war; sie schätzte alles, was ihre Kinder taten. Möglich, daß man in München Verständnis für Torstens Kunst hatte – aber gerade in dieser Stadt gab es bestimmt begabte junge Menschen wie Sand am Meer.
Gedankenverloren knipste Sabine einen abgeknickten Rosenzweig ab. Immer wieder versuchte sie, mit Vemunftgründen gegen ihre mütterliche Sehnsucht anzugehen. Es war friedlicher zu Hause geworden, seit Torsten fort war; der dauernde Streit zwischen Vater und Sohn hatte ein Ende genommen. Der Junge war alt genug, um sich allein durchs Leben zu schlagen, ja, vielleicht tat es ihm sogar ganz gut, nicht mehr behütet, beschützt und bevormundet zu werden. Aber das änderte nichts daran, daß er ihr fehlte. Liebend gern hätte sie in München einmal nach dem Rechten gesehen. Aber ihr Mann war dagegen, und hinter seinem Rücken mochte sie nichts unternehmen. Sie hatte ohnehin ein schlechtes Gewissen, weil sie Torsten finanziell unterstützte. Sie wußte, daß sie sich das eigentlich gar nicht leisten konnte; schließlich mußte die ganze Familie sparen, um die Hypothekenzinsen aufzubringen, am Haus waren immer wieder Reparaturen fällig, und ihr geliebter Garten verschlang ebenfalls genug Geld. Es war ungerecht, daß sie die anderen mit Suppen verköstigte, abgestoßene Hemdkragen wendete und Bettlaken flickte, nur um Geld für Torsten zu erübrigen. Aber konnte sie ihn denn einfach verhungern lassen?
Der Schatten hatte jetzt die Parkrosen erreicht. Sabine nahm die Sonnenbrille ab. Ihre Augen waren sehr blau, von einem Kranz winziger Fältchen umgeben. »Sven!« rief sie. »Sven!« Der magere Junge, der sich hinter den abgeernteten Johannisbeerbüschen zusammengerollt hatte, rührte sich nicht. Als die Mutter noch einmal rief, drückte er sich sogar mit den Zeigefingern die Ohren zu, um sich ungestört weiter in sein Schmökerheftchen vertiefen zu können.
Das Fenster unter dem spitzen Giebel des Hauses wurde geöffnet, und Knut steckte den Kopf heraus. »He, Bienchen, was ist?« rief er liebevoll-respektlos zu seiner Mutter hinunter. »Brauchst du Hilfe?«
»O ja, bitte!« Sabine wurde es bewußt, daß die Nachbarn bei dieser Lautstärke jedes Wort mithören konnten. Sie dämpfte ihre Stimme, weil sie sich daran erinnerte, wie sehr sie sich selbst über unnötigen Krach in dieser hellhörigen Wohngegend zu ärgern pflegte. »Würdest du, bitte, den Rasensprenger hierher …«
»Ich kann dich nicht verstehen«, schrie Knut unbekümmert zurück. »Aber ich komme runter!« Wenig später betrat er von der kleinen Loggia her den Garten, der Mutter sehr ähnlich, blauäugig und blond, kaum größer als sie und so muskulös, daß er untersetzt wirkte.
»Stellst du mir, bitte, den Rasensprenger auf?« bat Sabine.
»Na, dann wollen wir mal nicht so sein«, erklärte Knut gönnerhaft, »obwohl ich eigentlich nicht einsehe, wieso Sven sich vor jeder Arbeit drücken darf. Als ich in seinem Alter war …«
»… hatten wir noch kein Haus und keinen Garten«, fiel seine Mutter ihm ins Wort und lächelte ihm beschwichtigend zu. »Sei friedlich, Knut. Schließlich hat Sven Ferien!«
»Ich etwa nicht?«
»Doch. Aber du bist ein großer Junge, der schon begriffen hat, daß man nicht immer nur das tun kann, wozu man Lust hat.«
Knut grinste. »Das war anscheinend ein Fehler von mir.« Er begann den Schlauch aufzurollen.
Sabine klopfte sich mit dem Bügel ihrer Sonnenbrille gegen die Zähne. »Vielleicht hast du sogar recht. Je mehr man kann und je mehr man tut, desto mehr wird einem aufgebürdet.«
»Und so kommt es, daß ich in meinen Semesterferien nicht nur an der Klinik praktizieren, sondern auch Rasensprenger aufstellen muß«, ergänzte Knut mit Grabesstimme.
Sabine machte ihn nicht darauf aufmerksam, daß er sich selbst erboten hatte, ihr zu helfen. Sie kannte seine Art schon. Er genoß es ebenso, gebeten zu werden, wie sie zu beklagen. »Wenn ich wüßte, wo Sven steckt, hätte ich ihn schon rangekriegt«, sagte sie nur.
»Das weißt du also nicht?«
»Nein. Vorhin war er noch hier, und jetzt …«
Knut drehte den Wasserhahn auf, an den der Schlauch angeschlossen war.
Sabine unterbrach sich. »Aber, Knut … du mußt doch erst den Sprenger …«
Knut ließ den Strahl in die Höhe steigen, so daß er einen hohen Bogen beschrieb, um dann hinter den Johannisbeerbüschen niederzupladdem. Sven, den die kalte Dusche auf den Kopf und den nackten, braungebrannten Rücken getroffen hatte, sprang hoch. Knut verfolgte ihn mit dem Wasserstrahl. »Nanu, wen haben wir denn da?« spottete er.
»Das ist nicht fair!« Sven bemühte sich, sein Heftchen in Sicherheit zu bringen. »Mutti, sieh doch, was er tut! Sag ihm, er soll das lassen … Mutti, Mutti!«
»Knut, bitte, hör auf damit!«
Knut lachte. »Eine kalte Dusche ist genau das, was dem Kleinen gefehlt hat!«
Sven änderte seine Taktik. Er warf sein Heft in hohem Bogen in die Loggia und begann unter dem Strahl herumzutanzen. »Ja, prima, genau richtig!« rief er. »Mach mit, Bienchen, du ahnst nicht, wie gut das tut!«
»Ihr beiden Quatschköpfe!« sagte Sabine liebevoll. »Hört endlich auf mit dem Unsinn.« Sie stellte den Korb mit den Rosenblüten ab und drehte den Wasserhahn zu. »So, jetzt schließ den Sprenger an. Sven, hilf Knut!«
Die Brüder schraubten das kleine Gerät an das Ende des Schlauches, Sabine drehte den Hahn wieder auf, und der Sprenger begann sich rhythmisch zu drehen. Er breitete Kaskaden von Wassertropfen aus und zauberte gleichzeitig den trügerischen Anschein sorglosen Wohlstands. Sven sprang noch ein paarmal durch den künstlichen Sprühregen, ein magerer, dunkeläugiger, schwarzhaariger Junge, zu dem der nordische Name nicht recht passen wollte. Als Säugling war er blond gewesen wie seine Brüder, und als es sich später herausstellte, daß er sich zu einem Zigeunertyp entwickeln würde, hatte die Familie sich schon so an den Namen gewöhnt, daß niemand daran dachte, ihn mit seinem zweiten Vornamen, Wolfgang, zu rufen.
Sabine spürte selbst, daß ihr das Lächeln, mit dem sie ihm zusah, zu mutterstolz geriet; damit konnte sie ihrem Befehl gewiß nicht den nötigen Nachdruck verleihen.
Erst als Knut ihn beim Genick gepackt und durchgeschüttelt hatte, verzog der Junge sich ins Haus, um sich eine trockene Hose anzuziehen. »Du läßt dir von dem Kleinen auf der Nase herumtanzen«, konstatierte Knut.
»Ich weiß, daß ich euch gegenüber strenger war«, gab Sabine zu, »aber hat es etwas genutzt? Torsten gammelt … und Ilona treibt sich mit einem Playboy herum.«
Er legte ihr die Hand unter das Kinn. »Um mich brauchst du dir wenigstens keine Sorgen zu machen, Bienchen!«
»Nein. Aber ich halte es nicht meiner Erziehung zugute. Du bist nun mal ein … ein gesetzter Charakter.«
»Ich weiß nicht, ob ich das als Kompliment auffassen soll.«
»Ach so!« Jetzt lachte sie ihn aus. »Du angelst nach Komplimenten! Ja, hättest du mir das gleich gesagt!« Sie gab ihm einen raschen Kuß auf die Wange. »Aber halte mich jetzt, bitte, nicht länger auf, ich bin mit meinen Rosen noch nicht fertig. Wenn du dich mit mir unterhalten willst, kannst du mich ja begleiten.«
»Mußt du denn nicht in die Küche?«
Sabine schüttelte den Kopf. »Vati hat angerufen. Er kommt heute etwas später.«
»Verdammt. Und ich wollte schwimmen fahren.«
»Kannst du doch! Mach dir einfach ein Butterbrot.«
»Aber ich brauche den Wagen. Ich kann doch nicht bei der Affenhitze bis zum See radeln. Und außerdem, wie sieht das aus?«
Sabine hatte Knut die Sprühdose in die Hand gedrückt und sich wieder den Rosen zugewandt. »Ich verstehe«, sagte sie ohne Spott, »du mußt an dein Image denken.«
»Na eben.« Knut hatte eine Laus entdeckt und ließ eine Dosis des tödlichen Pulvers auf sie niederrieseln. »Wenn ich nun warte … meinst du, daß er ihn mir wenigstens leihen wird?«
»Du hast ihn das ganze Wochenende über gehabt.«
»Na und? Andere haben schon längst ein eigenes Vehikel.«
»Wenn es das ist, was du möchtest, hättest du eben nicht Medizin studieren dürfen … und dir andere Eltern aussuchen müssen!« Sabine ließ eine voll aufgeblühte Rose in ihren Korb fallen. »Das wär’s. Fertig. Dank dir für deine Hilfe, Knut.«
Sie hoben beide gleichzeitig den Kopf, als ein Auto vorfuhr. »Das ist Vater!« sagte Sabine.
Knut widersprach. »Schlechtes Gehör, Bienchen. Wenn du mich fragst … es ist ein Porsche!«
»Oswald Zinner!«
»Richtig. Falls sich Ilona nicht einen anderen Verehrer mit Porsche zugelegt hat!«
»So unternehmungslustig ist sie nun doch wieder nicht.«
»Sag lieber: soviel Porsches mit Besitzern, die für sie in Frage kämen, gibt es nicht in Riesberg und Umgebung.«
»Du bist zynisch, Knut!«
»Ja, so nennt man es gern, wenn jemand das beim Namen nennt, was andere tun! Mal sehen, ob er mich mitnehmen kann!« Knut ließ die Mutter stehen und lief um das Haus zum Vorgarten.
Sabine brachte die Giftdose auf dem obersten Brett des kleinen Geräteschuppens, der sich an die Seitenwand des Hauses lehnte, in Sicherheit und legte die Rosenschere dazu. Als sie wieder herauskam, stürmte Ilona in den Garten, ein langbeiniges, schlankes Mädchen. Vom Vater hatte sie das schwarze Haar geerbt, das ihr in einer langen Mähne bis auf den Rücken hinunter lief, von der Mutter die sehr blauen Augen: Attribute, die sie, noch betont von einem geschickten Make-up, zu einer auffallenden Erscheinung machten.
»Hallo, Bienchen!« rief sie. »Wieder mal bei deinen geliebten Läuschen?« Sie faßte die Mutter um die Taille und drückte ihr einen herzlichen Kuß auf die Wange. »Oswald hat mich nach Hause gebracht.«
»Ich hab’s gehört«, sagte Sabine mit einem bewußten Unterton von Mißbilligung.
Ilona ließ sich nicht die Laune verderben; sie lachte mit blitzenden Zähnen. »Ich will mich nur schnell frisch machen, dann bin ich schon auf und davon. Du brauchst zum Abendbrot nicht mit mir zu rechnen.«
Es kostete Sabine Anstrengung, eine Frage zu unterdrücken. »Schon gut«, sagte sie nur.
Ilona eilte dem Haus zu. »Ich muß mich beeilen, Oswald wartet nicht gern.« Vor der Loggia drehte sie sich noch einmal um. »Übrigens … daß ich es nicht vergesse … wir haben uns verlobt!«
Diese unerwartete Mitteilung gab Sabine einen Schlag aufs Herz; sie wußte selbst nicht, was sie in dieser Sekunde empfand: Erleichterung, Freude, Unglauben, Mißtrauen oder sogar eine Spur von Neid.
»Was sagst du da?« fragte sie und kam sich töricht vor.
Ilona lachte. »Daß Oswald und ich uns verlobt haben. Du hast schon ganz richtig gehört!«
»Also das ist ja …« Sabine suchte nach den passenden Worten »… ein … toller Gag! Und den verpaßt du mir so zwischen Tür und Angel?«
»Na, gerade deshalb. Damit ihr nicht so ein widerliches Trara darum macht.«
Sabine war ihrer Tochter nicht böse, nur ein bißchen befremdet. Trotzdem wurde sie durch die lieblose Ausdrucksweise verletzt. »Meinst du nicht, daß du es wenigstens auch Vater sagen müßtest?« fragte sie.
»Aber sicher. Ich bin ja schon auf dem Weg zu ihm.«
»Er kommt heute etwas später.«
»Pech für ihn.« Ilona wirbelte davon.
»Ilona!«
Das junge Mädchen blieb stehen und wendete sich mit theatralischer Gequältheit um. »Was denn noch?«
»Wenn ich dich nun bitte, zu warten, bis Vati nach Hause kommt? Es kann bestimmt nicht mehr sehr lange dauern.«
»Aber wir haben was vor«, maulte Ilona. Mit mürrisch vorgeschobener Unterlippe sah sie mindestens so anziehend aus, wie wenn sie lachte. Sabine beobachtete sie stolz, bewundernd und doch auch mit einem kleinen Stich Eifersucht. Schon als Ilona noch ein Kind gewesen war, hatte sie oft das Empfinden gehabt, daß die eigene blonde Hübschheit neben der rassigen Schönheit ihrer Tochter verblaßte, ein Eindruck, der sich, als Ilona zur Frau heranwuchs, noch verstärkt hatte.
»Das habt ihr immer!« sagte sie gezwungen. »Aber ich meine, deine Verlobung ist doch wichtig genug, eure Pläne einmal umzuwerfen. Du kennst Vati, du weißt, wie empfindlich er ist. Du solltest wenigstens so viel Rücksicht auf ihn nehmen, ihm persönlich Bescheid zu sagen.«
Ilona zuckte die Schultern. »Okay. Wenn du darauf bestehst.«
»Ja, das tue ich. Und hol deinen jungen Mann herein. Ich habe es nicht so gern, wenn er die ganze Nachbarschaft zusammenhupt.«
Ilona wollte ihren Freund verteidigen, aber in diesem Augenblick erklang wirklich Oswald Zinners verbotenes Dreiklangsignal. »Dieser Irre«, schimpfte sie vergnügt und rannte um das Haus herum, den gleichen Weg, den ihr Bruder vor wenigen Minuten genommen hatte.
Sabine benutzte die Gelegenheit, ihre Rosen auf den Komposthaufen zu werfen, der hinter den Beerensträuchern im äußersten Winkel des Gartens angelegt war. Gern hätte sie einen Blick in den Spiegel geworfen, aber es wäre ja albern gewesen; sich für Oswald Zinner schön machen zu wollen. Dem jungen Millionärssohn würde nichts gleichgültiger sein als das Aussehen seiner künftigen Schwiegermutter. Zweifellos hatte er sich nicht mit Ilona verlobt, weil sie aus einer anständigen Familie, sondern, obwohl sie aus kleinen Verhältnissen stammte, sehr attraktiv war. Sabine hätte gern gewußt, wie Ilona ihn dazu gebracht hatte. Aber sie sah ein, sie würde es nie erfahren. Es gab Dinge, über die sie mit ihrer Tochter nicht sprechen konnte.
Sabine hatte gerade ihren Korb ausgeschüttet und kam wieder hinter den Sträuchern hervor, als die jungen Leute lachend und schwatzend um die Hausecke trotteten, Wieder einmal stellte sie mit leiser Befriedigung fest, daß Oswald Zinner junior durchaus keine attraktive Erscheinung war – mit ihrem eigenen Mann, mit Arnold Miller, wie er in jungen Jahren gewesen war, konnte er sich jedenfalls nicht messen. Er hatte rotblondes Haar und ein Babygesicht, das selbst unter stärkster Sonneneinwirkung nie braun, sondern höchstens rot und sommersprossig wurde. Noch war seine Figur sportlich trainiert, aber schon wurde der Ansatz eines Bäuchleins sichtbar, das sich später, wenn er nicht mehr so viel für sich tun konnte, sondern ernsthaft würde arbeiten müssen, noch mehr ausprägen würde. Aber er war sympathisch und intelligent und, zusammen mit den Millionen seines Vaters, die begehrteste Partie von Riesberg und Umgebung, ja möglicherweise von ganz Oberbayern.
»Gnädige Frau …« Er beugte sich über Sabines Hand.
Sabine ärgerte sich, weil sie sich in Gegenwart des Goldjungen leicht befangen fühlte. »Ich freue mich, daß Sie beide ernst machen wollen.«
Er lächelte sie an. »Nun, was mich betrifft, so habe ich vor – trotz Verlobung und allem Drum und Dran –, den Ernst des Lebens nicht so bald an mich herantreten zu lassen.«
»Was dir mit Hilfe eines gewissen Banknotenpolsters«, bemerkte Knut mit spürbarem Neid, »wohl auch gelingen wird.«
»Um Gottes willen, macht bloß keine Staatsaktion draus!« rief Ilona. »Wenn wir nicht in so einem Käsekaff leben würden, hätte ich nicht im Traum daran gedacht, mich zu verloben.«
»Ich schon«, behauptete Oswald Zinner, und zauste zärtlich ihr Haar, »allein aus Angst, daß jemand dich mir vor der Nase wegschnappen könnte.«
»Sie werden doch bleiben, bis mein Mann nach Hause kommt?« fragte Sabine.
Oswald Zinner sah Ilona an. »Tja, ich weiß nicht, eigentlich wollten wir …«
»Wir geben Vati ’ne halbe Stunde«, sagte Ilona obenhin, »wenn er es bis dahin nicht schafft, hat er Pech gehabt.«
»Sehr richtig«, stimmte Knut zu, »ich habe auch keine Lust, den ganzen Abend hier zu vertrödeln.« Er legte die Hand auf die Schulter seines zukünftigen Schwagers. »Komm mit ins Haus, Oswald! Wollen sehn, ob wir was Trinkbares auftreiben können.« Sie schlenderten auf das Haus zu. Erst im letzten Moment fiel es Knut ein, sich zu Sabine umzudrehen und zu fragen: »Wir dürfen doch, Bienchen?« Sie nickte nur, weil sie einen Kloß im Hals spürte. »Soll ich dir auch was mixen?« fragte er. Sie schüttelte den Kopf.
Sie verschwanden durch die Loggia ins Haus, und Sabine war es, als lösten sie sich aus ihrem Leben. Natürlich hatte sie gewußt, daß Ilona sich eines Tages an einen Mann binden würde, wenn sie auch nicht damit gerechnet hatte, daß es Oswald Zinner junior sein werde. War sie auf das Glück ihrer Tochter eifersüchtig? Nein, bestimmt nicht. Aber sie sah voraus, daß diese Ehe einen viel entscheidenderen Schritt bedeuten würde, als wenn Ilona sich in einen Mann aus ihren Kreisen verliebt hätte. Jetzt, mit dem Geld der Zinners, würde ihr die eigene Familie bald nichts mehr bedeuten. Gewiß, sie würde sich nicht ihrer Herkunft schämen, dazu war sie zu klug, aber es würde sie bald nichts mehr in die Schleiermacherstraße ziehen. Was konnten sie ihr noch geben, was sie nicht von ihren Schwiegereltern im Übermaß erhielt? Sabine machte sich nichts vor; bald würde Ilona nur noch ein seltener Gast sein.
Sie ließ sich auf die Bank am Gartenzaun sinken und legte die Hände in den Schoß. Sie hoffte nur, daß Arnold die Entwicklung der Dinge nicht so klar voraussehen würde wie sie selbst. Für ihn mußte der Abschied von Ilona einen noch viel stärkeren Schmerz bedeuten als für sie – höchstens vergleichbar mit dem Kummer, den sie um Torsten empfand. Wie selbstverständlich Knut sich den beiden angeschlossen hatte! Zweifellos war es nicht die Persönlichkeit des Schwagers, die ihn so anzog, sondern sein Geld und seine Beziehungen, von denen er selbst zu profitieren hoffte. Sabine mochte ihn deswegen nicht verurteilen; seine Reaktion war im Grunde ganz natürlich. Den Traum von Reichtum, von Glück und Sorglosigkeit, wer träumte den nicht? Und wer würde nicht versuchen, einen Zipfel davon zu schnappen und festzuhalten, wenn sich ihm die Chance bot?
Sabine sah sich in ihrem Garten um und entdeckte zum erstenmal, daß auch er ein Teil dieses Traumes war. Er war nicht groß, knappe eintausendfünfhundert Quadratmeter, und doch hatte sie ihn, zuwischen den Nutzgärten der Nachbarhäuser, angelegt wie einen Park. Träumte sie sich, wenn sie ihre Rosen pflegte, nicht in die Rolle einer Schloßherrin? Ach was! Sabine schüttelte energisch den Kopf. Das war doch Unsinn. Sie vergaß keinen Augenblick, wer und was sie war, die Frau des Prokuristen Arnold Miller, und wenn sie den Garten möglichst hübsch angelegt hatte, so sprach das doch keineswegs gegen ihren Sinn für Realität, sondern höchstens für ihr Bedürfnis nach Schönheit.
Sie wollte aufstehen, als Frau Zibalsky, ihre Nachbarin zur Linken, sie über den Zaun hinweg grüßte. Sabine grüßte freundlich zurück und verzichtete darauf, ins Haus zu eilen, weil sie aus Erfahrung wußte, daß es keine Möglichkeit gab, der nachbarlichen Neugier zu entfliehen. »Sie haben Besuch?« fragte die Zibalsky; ihr spitzes, zerknittertes Gesicht wirkte eulenhaft unter der riesigen dunklen Sonnenbrille.
»Ja«, sagte Sabine zurückhaltend.
»Der junge Zinner?« Sabine nickte. »Er ist in letzter Zeit ziemlich oft mit Ihrer Tochter zusammen, nicht wahr? Vielleicht merken Sie das gar nicht so! Er hält meistens an der Ecke und läßt sie dort schon aussteigen.«
»Das habe ich wirklich nicht gewußt«, gab Sabine zu.
»Deshalb sage ich es Ihnen ja. Man kann heutzutage nicht vorsichtig genug sein. Die jungen Leute sind so … so leichtfertig geworden. Ganz anders als zu unserer Zeit. Ich bin direkt froh, daß wir keine Kinder haben. Das sage ich meinem Mann immer wieder. Ich hätte einfach nicht die Nerven. Was da alles passieren kann … Besonders bei einem Mädchen!«
Sabine wartete, bis der Redefluß der Nachbarin ins Stocken kam. Dann sagte sie, so beiläufig wie eben möglich: »Ilona und der junge Zinner haben sich verlobt.«
Frau Zibalskys schmaler Mund verzerrte sich. »Das ist das erste, was ich höre! In der Zeitung hat es jedenfalls noch nicht gestanden … oder doch?«
»Nein. Und ich bin auch nicht sicher, daß sie es veröffentlichen werden. Man denkt über so etwas ja heutzutage anders. Jedenfalls haben sie sich entschlossen, zu heiraten.« Sabine erhob sich jetzt doch.
»Wie reizend!« Die Stimme der Zibalsky überschlug sich. »Aber da kann man ja gratulieren!«
»Ja, das kann man.«
»Und wann soll die Hochzeit stattfinden?«
»Ich werde Sie’s bestimmt wissen lassen, sobald der Termin feststeht!« Sabine ging auf das Haus zu und dachte, daß Ilonas Verlobung wenigstens das Gute gehabt hatte, daß sie der Zibalsky eins hatte auswischen können. Sie lächelte in sich hinein wie nach einem gelungenen Streich. Und Arnold würde beruhigt sein. Sie wußte, wie sehr er unter der Angst gelitten hatte, seine Tochter könne durch ihre Beziehungen zu Oswald Zinner unter die Räder kommen. Nun, da sie verlobt waren, schien diese Gefahr ja gebannt. Wieso eigentlich? Machte eine Verlobung wirklich solchen Unterschied? Sabine schob diese Überlegung von sich. Es war nicht ihre Aufgabe, Fragen allgemeiner Moral zu lösen. Sie mußte zufrieden sein, wenn es ihr und den Ihren gelang, die Strudel und Klippen des Lebens erfolgreich zu umschiffen.
Arnold Miller brauste am Steuer seines Opel Kadett mit hundertvierzig Sachen den Irschenberg hinunter. Der Fahrtwind riß die Klänge der Unterhaltungsmusik von »Bayern 3« fort, noch ehe sie sein Ohr erreichten. Er hätte laut hinausschreien mögen vor Glück. Sein Herz war erfüllt von einem jugendlichen Überschwang, wie er ihn seit vielen Jahren nicht mehr gekannt hatte und der jetzt fast drohte, ihm die Brust zu sprengen.
»Ich hab’s, ich hab’s, ich hab’s«, sang es in ihm, »ich bin’s, ich bin’s, ich bin’s … ich bin der Sieger.«
Die ganze Strecke von München her war er auf der linken Seite gerast, hatte schwere und stärkere Wagen spielend überholt und sich mit Blinken und Hupen freie Bahn geschaffen. Jetzt, da die Autobahn sich in drei Fahrspuren geteilt hatte, steigerte sich seine Siegeslaune noch. Ein roter Mercedes wich vor ihm auf die mittlere Fahrbahn aus. Mit Schwung brauste Arnold Miller um die Kurve und – sah alle drei Fahrbahnen vor sich blockiert. Eine Limousine überholte langsam ein fast gleichstarkes Coupé, während die Bahn rechts außen von einem Möbelwagen benutzt wurde. In der Schrecksekunde nahm Arnold Miller das Bild in sich auf. Dann trat er auf die Bremse, so heftig, daß der Opel ins Schleudern geriet und sich um die eigene Achse drehte. Der Mercedes, jetzt hinter ihm, wich nach rechts aus und kam haarscharf an ihm vorbei.
Knapp vor dem Aufprall brachte Arnold Miller seinen Wagen wieder in die Gewalt. Schweiß stand ihm auf der Stirn. Seine Brillengläser hatten sich beschlagen. Die Arme zitterten. Er schlug das Steuer nach rechts ein, setzte sich hinter den Mercedes, verlangsamte das Tempo noch mehr und schlich auf der rechten Fahrspur hinter dem Möbelwagen her. Verdammt, das war gerade noch mal gutgegangen. Hundertmal war er diese Strecke schon gefahren, und gerade heute mußte ihm so etwas passieren.
Seine Siegesstimmung war wie weggeblasen und machte einer schmerzhaften Ernüchterung Platz. Was war schon passiert? Er hatte im Lotto gewonnen. Das würde auch nichts an seinem Leben ändern. Kein Grund, sich etwas darauf einzubilden. Seinem Chef konnte er damit bestimmt nicht imponieren. Für den waren fünfzigtausend ein Pappenstiel. Ganz davon abgesehen, daß ihm nur die Hälfte davon gehörte, die andere stand seinem alten Freund und Mitspieler Rudolf Kienzel zu. Er hatte das Geld natürlich nicht in der Brieftasche, sondern die gesamten fünfzigtausend Mark erst mal auf sein eigenes Gehaltskonto überweisen lassen, davon würde ihm die Hälfte bleiben – fünfundzwanzig Mille steuerfrei, das war immer noch ganz schön, aber doch kein Anlaß, verrückt zu spielen. Was war bloß in ihn gefahren? Der Schnaps, den er bei der Lottoannahmestelle spendiert hatte? Ausgeschlossen, er konnte doch Alkohol vertragen, und er hatte ja nur ein Glas getrunken. Es konnte nur der Erfolg gewesen sein, der ihn umgeworfen hatte. Aber war ein Lottogewinn überhaupt ein wirklicher Erfolg?
Arnold Millers Handflächen waren feucht. Er wischte sie, eine nach der anderen, an der Hose ab. Verdammte Hitze. Zu allem Überfluß war die mittlere Fahrbahn jetzt auch noch laufend besetzt, und er hing hoffnungslos hinter dem Riesenkübel von Möbelwagen. Na wenn schon, er hatte ja Zeit. Niemand erwartete ihn. Sabine wußte, daß er heute später kommen würde. Die würde Augen machen, wenn er ihr die fünfundzwanzig Mille auf den Tisch des Hauses blättern würde! Komisch eigentlich, daß er ihr noch nichts davon erzählt hatte. Früher, ja, da hatte es Zeiten gegeben, wo er nicht die geringste Kleinigkeit auch nur fünf Minuten vor ihr hätte zurückhalten können. Inzwischen war so etwas wie das große Schweigen zwischen ihnen ausgebrochen. Wieso eigentlich? Jedenfalls kein Grund zur Beunruhigung, wenn man mehr als. zwanzig Jahre miteinander verheiratet ist.
Außerdem hatte er es ihr ja gesagt. Als am Samstag abend die Zahlen gezogen wurden, hätte er es gar nicht für sich behalten können. Er war ins Schlafzimmer gestürzt und hatte gerufen: »Du, Biene, stell dir vor, wir haben gewonnen!« Sie hatte in ihrem hellblauen Nachthemd auf der Bettkante gesessen und sich die Füße massiert. »Na, wunderbar«, hatte sie gesagt, freundlich, aber ganz und gar nicht beeindruckt, einfach so obenhin, ohne jedes Interesse. Plötzlich hatte er keine Lust gehabt, ihr mehr zu erzählen. Sie schien gemerkt zu haben, daß sie ihn verletzt hatte. »Gratuliere«, hatte sie mit gewollter Heiterkeit hinzugefügt. Aber der große Moment war schon verpatzt. »Mal sehen, was dabei herausspringt«, hatte er gemurmelt und war ins Wohnzimmer zurückgekehrt, um sich den Samstagabendkrimi anzusehen.
Natürlich konnte man es Sabine nicht übelnehmen. In all den vergangenen Jahren hatten Rudolf und er immer nur Minimalgewinne erzielt; der höchste hatte hundertfünfundsiebzig Mark betragen. Also nahm sie an, daß diesmal auch nicht mehr dabei herauskommen würde. Als er ihre Skepsis spürte, waren ihm selbst Bedenken gekommen. Fünf von sechs richtig – was war das schon? Womöglich mußte er den zweiten Platz mit Tausenden teilen.
Am Montag hatte er dann in der Mittagspause von der Telefonzelle aus seine Lottoannahmestelle angerufen – Rudolf und er spielten prinzipiell nicht in Riesberg, denn wenn sie einen Gewinn machten, wollten sie sich darüber freuen, ohne von der halben Stadt angepumpt zu werden. Am Montag also hatte er es erfahren – wäre es nicht natürlich gewesen, es jetzt Sabine mitzuteilen? Warum hatte er es nicht getan? Er wußte es selbst nicht. Vielleicht hatte er immer noch gefürchtet, daß eine Verwechslung vorläge, hatte Angst gehabt, sich vor seiner Familie zu blamieren. Vielleicht hatte er auch geglaubt, mit den blauen Scheinchen einen größeren Eindruck machen zu können, als wenn er nur davon erzählte. Vielleicht auch war er sich selbst nicht ganz sicher gewesen, ob er es seiner Familie überhaupt mitteilen sollte. Diese Erkenntnis kam ihm erst jetzt und war für ihn eine echte Überraschung.