Kitabı oxu: «Damals war ich siebzehn»
Marie Louise Fischer
Damals war ich siebzehn
Roman
SAGA Egmont
Damals war ich siebzehn
Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og Ringhof A/S
Copyright © 2017 by Erbengemeinschaft Fischer-Kernmayr, (www.marielouisefischer.de) represented by AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de)
Originally published 1967 by F. Schneider, Germany
All rights reserved
ISBN: 9788711718452
1. Ebook-Auflage, 2017
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt og Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com
1
»Meine Damen und Herren, wir landen in wenigen Minuten auf dem Flughafen Köln-Wahn«, ertönte die klare musikalische Stimme der Stewardess aus dem Lautsprecher, »bitte anschnallen und das Rauchen einstellen!«
Magdalene Rott hörte nichts. Ihr war, als ob Nebel auf sie zuströmte und sie zu ersticken drohte. Erst als ihre Tochter sie sanft berührte, zuckte sie zusammen und fand in die Wirklichkeit zurück.
»Aber, Mama«, sagte Evelyn, »hörst du denn nicht? Wir müssen uns anschnallen!« Sie beugte sich über die Mutter und bemühte sich, ihr beim Anlegen der Gurte behilflich zu sein. Dabei warf sie einen Blick aus dem niedrigen Fenster und sah den Nebel. »Hast du etwa Angst, Mama?« fragte sie in dem nachsichtigen und leicht amüsierten Ton, den junge Mädchen ihren Eltern gegenüber gern anwenden.
»Ja«, sagte Magdalene Rott, »ja, ich fürchte mich.«
»Wovor denn? Glaubst du im Ernst, wir werden abstürzen? Der Pilot wird versuchen, ob er hier landen kann. Und wenn nicht, fliegt er weiter. Das Schlimmste, das uns passieren kann, ist, dass er uns in Frankfurt oder Düsseldorf absetzt.«
Eine der Stewardessen kam zu den Plätzen der beiden Damen, bot mit strahlendem Lächeln Bonbons auf einem Tablett an. »Uns kann nichts passieren, nicht wahr?« fragte Evelyn vertrauensvoll.
»Gewiss nicht«, versicherte die Stewardess, und ihr Lächeln wurde noch strahlender. Aber in diesem Augenblick merkten es alle. Die Maschine, die in den letzten Minuten in einem großen Bogen tiefer und tiefer gekreist war, richtete die Nase wieder hoch und stieg auf.
»Meine Damen und Herren, wir haben leider noch keine Landeerlaubnis!« Die Stimme der Stewardess klang genauso klar und musikalisch wie immer. »Bitte gedulden Sie sich ein wenig. Es besteht kein Grund zur Besorgnis. Wir werden durch Radar völlig sicher auf die Rollbahn dirigiert.«
»Na, siehst du, Mama!« Evelyn lachte, aber es klang nicht mehr ganz so unbekümmert. »Das wäre ja noch schöner! Den ganzen weiten Flug von Bombay her ist nichts passiert, und nun zum Schluss …«
Oberst Rott, der auf dem Fensterplatz vor seiner Frau und seiner Tochter saß, drehte sich um und fragte: »Na, wie fühlt ihr euch?«
»Danke, gut«, behauptete Evelyn rasch.
»Das kann nämlich noch eine ganze Weile dauern.« Der Oberst wandte sich wieder nach vorne.
Die Maschine hielt ihre Höhe und kreiste über dem Nebelfeld. »Ich freue mich riesig auf Deutschland«, sagte Evelyn. »Ein komisches Gefühl, seine Heimat gar nicht zu kennen.«
»Mach dir nur keine Illusionen«, mahnte die Mutter.
»Ich versteh’ dich nicht«, sagte Evelyn, »überall, wo wir gewesen sind – in Nairobi, in Tokio oder in Bombay –, alle Europäerinnen haben bloß immer von ihrer Heimat geschwärmt. Nur du …«
Sie brach ab, denn wieder ertönte die Stimme aus dem Lautsprecher:
»Achtung! Achtung! Wir landen in wenigen Minuten!«
Nachdem Evelyn sekundenlang geschwiegen hatte, wandte sie sich wieder ihrer Mutter zu. »Oder hängt das vielleicht mit deiner indischen Sterndeuterei zusammen? Hast du dir wieder mal von dem alten Singh Ree einen Bären aufbinden lassen? Papa hat ganz Recht, wenn er sagt …«
Magdalene Rott hob den Kopf und erklärte mit unerwarteter Heftigkeit: »Sei still, Evelyn! Bitte, sei still! Du weißt, dass ich über dieses Thema keine Späße liebe!«
Evelyn hatte eine patzige Antwort schon auf der Zunge, doch dann sagte sie: »Okay, Mama, reg dich nur nicht auf!« Sie lehnte sich in ihren Sessel zurück, presste die schmalen, schön geschwungenen Lippen zusammen. Aber Magdalene Rott merkte es gar nicht. Sie starrte auf die Nebeldecke hinunter, die näher und näher zu kommen schien und brauchte alle Kraft, um ihrer Beklemmung Herr zu werden.
Es ist alles schon so lange her, versuchte sie sich einzureden, so unendlich lange her, als ob es in einem anderen Leben gewesen wäre. Vergiss es! Du musst es endlich vergessen!
Aber ihr Wille versagte vor der dumpfen Angst, die ihr das Herz zusammenzog.
Dann schämte sie sich plötzlich ihrer eigenen Kleinmütigkeit. Sie sah auf den schlanken, starken Nacken ihres Mannes, das üppige grau melierte Haar, spürte wieder, wie sehr sie ihn liebte – ihn und ihre Tochter.
Niemals würden die Schatten der Vergangenheit die Kraft haben, dieses Glück zu verdunkeln, dieses Glück, das so wirklich und so nah war, dass sie es berühren konnte.
Sie beugte sich vor, legte ihre eiskalte Hand an die Wange ihres Mannes, fühlte erlöst, wie seine Wärme auf sie überging.
In diesem Augenblick berührte das Fahrgestell des Flugzeuges die Rollbahn.
Seit über einer halben Stunde schon stand die Journalistin Helga Gärtner am Buffet des Flughafens Köln-Wahn. Sie trank eine Tasse Espresso, rauchte eine Zigarette und musterte unverhohlen, was um sie herum vorging.
Es würde sehr merkwürdig sein, Magdalene nach all den Jahren wiederzusehen.
Dann kam die Ansage aus dem Lautsprecher. »Die für elf Uhr fünfundvierzig gemeldete Maschine der Lufthansa LH 063 ist soeben verspätet gelandet. Ich wiederhole …«
Helga Gärtner beeilte sich, ihren Kaffee zu bezahlen, drückte ihre Zigarette aus und eilte zum Luftsteig 3.
Die Propeller der LH 063 waren schon zum Stillstand gekommen. Jetzt schoben zwei Männer vom Bodenpersonal die Gangway an die Tür. Eine Stewardess öffnete von innen, blieb beim Ausgang stehen und ließ die Fluggäste aussteigen.
Helga Gärtner strengte ihre Augen an. Plötzlich überkamen sie Zweifel, ob sie die Freundin überhaupt noch erkennen würde. Immerhin war es fast achtzehn Jahre her, seit sie sich zuletzt gesehen hatten – damals, als sie nach ihrer Flucht aus Ostpreußen eine erbärmliche Unterkunft in Lübeck gefunden hatten. Achtzehn Jahre waren eine lange Zeit, in der sich ein Mensch sehr verändern konnte. Besonders eine Frau.
Unwillkürlich suchte Helga Gärtner ihr eigenes Bild in der spiegelnden Fensterscheibe.
Dann, als sie wieder hochblickte, sah sie Magdalene. In diesem Augenblick wusste sie, dass sie sie unter Tausenden erkannt hätte. Magdalenes Haar war immer noch sehr schön, ihr Gang immer noch elastisch, mit jener leichten Zaghaftigkeit, die ihn so anmutig machte. Sie trug ein kremfarbenes Kostüm – ein wenig zu leicht für den rheinischen Vorfrühling –, ihre Haut wirkte empfindlich zart und zeigte kaum Spuren der vielen in den Tropen verbrachten Jahre.
Das junge Mädchen zu ihrer Rechten musste wohl ihre Tochter sein, die Ähnlichkeit war unverkennbar. Der Herr mit dem schmalen, ein wenig scharfen Gesicht zu ihrer Linken war zweifellos ihr Gatte. Oberst Herbert Rott, zuletzt Militärattaché in Bombay, jetzt zur Verwendung im Verteidigungsministerium heimgekehrt.
Die drei überquerten mit den übrigen Passagieren, geführt von einer adretten Lufthansa-Stewardess, das Rollfeld. Schon waren sie so nahe, dass Helga Gärtner jeden Augenblick erwartete, von Magdalene erkannt zu werden.
Da geschah etwas, womit sie nicht gerechnet hatte.
Ein breitschultriger Herr in Zivil und ein junger Mann in blaugrauer Fliegeruniform – die Journalistin erkannte an den Rangabzeichen, dass er Unteroffizier war – kamen aus einem anderen Luftsteig und gingen geradewegs auf die Familie Rott zu. Begrüßung zwischen dem Herrn in Zivil und Oberst Rott und seinen Damen, in die der junge Mann in Uniform nicht einbezogen wurde.
Blitzschnell begriff Helga Gärtner, dass Oberst Rott durch einen Kollegen vom Verteidigungsministerium abgeholt worden war. Sie drängte sich nach rückwärts durch die Halle zur Gepäckausgabe hin.
Fast gleichzeitig mit ihr traf die kleine Gruppe vom Rollfeld ein, die beiden Herren ins Gespräch vertieft, Mutter und Tochter hinter ihnen, der junge Unteroffizier als Letzter. Er hatte das Handgepäck übernommen.
Helga Gärtner eilte auf die Freundin zu. »Magda!« rief sie. »Magda!«
Magdalene Rott blieb unvermittelt stehen. Sie starrte die Journalistin mit einem so verstörten Ausdruck an, als ob sie einen Geist und nicht eine sportlich gekleidete, lebhafte Dame vor sich sähe.
Plötzlich packte sie Evelyn unter dem Arm und lief fast, das junge Mädchen mit sich zerrend, hinter den Herren her.
Aber Helga Gärtner gab so leicht nicht auf, sie setzte sich in Trab. »Magda«, rief sie, »bleib doch stehen – kennst du mich denn nicht mehr? Ich bin Helga Gärtner! Du musst dich doch noch erinnern! Ostpreußen – Königsberg …«
Magdalene war so unvermittelt stehen geblieben, dass Evelyn gegen sie prallte, wobei ihr die Handtasche entfiel. Der Unteroffizier bückte sich sofort danach. »Ach Helga«, sagte Magdalene rasch, »entschuldige, aber ich …« Ihre geisterhafte Blässe wich flammender Röte.
Helga Gärtner lachte unbefangen. »Natürlich, du konntest ja nicht damit rechnen, mich hier zu treffen! Ich hoffe bloß, du hast keinen Schock gekriegt!«
»Nein, natürlich nicht«, sagte Magdalene mühsam, »nur mir ist nicht ganz gut, der Flug, weißt du – der plötzliche Klimawechsel …«
»Ja, das ist auch schon allerhand«, warf Evelyn ein, »wenn man bedenkt, gestern früh waren wir noch in Indien …«
Helga Gärtner streckte ihr die Hand hin. »Sie sind Magdalenes Tochter, nicht wahr?«
»Ja, ich bin Evelyn.« Ihr Händedruck war kräftig.
»Es war nett, dich wiederzusehen«, sagte Magdalene Rott mit einem verkrampften Lächeln, »aber wirklich – ich muss jetzt …« Sie machte eine Bewegung zu den Herren hin, die bei der Gepäckausgabe standen.
»Ach, Unsinn!« sagte Helga Gärtner in dem leicht befehlshaberischen Ton, den sie sich als Junggesellin angewöhnt hatte. »Bis die eure Sachen zusammen haben, dauert es noch eine ganze Weile.«
»Aber ich möchte doch …«
»Die Gepäckstücke zählen kann ich genauso gut wie du, Mama«, erbot sich Evelyn, »du hast deiner Freundin bestimmt eine Menge zu erzählen.«
»Ein kluges Kind« sagte die Journalistin, »komm, gehen wir in die Kantine und trinken einen Kognak zusammen, Magda.«
»Aber mein Mann liebt es nicht, wenn ich ihn warten lasse.«
»Ach, lass ihn doch ruhig allein fahren. Ich seh’s von hier aus, dass die Herren eine Menge zu fachsimpeln haben. Ich bringe dich nachher mit meinem Wagen nach Bonn.«
»Wir wohnen in Godesberg«, sagte Evelyn, »Hotel Adler!« Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und gab ihrer Mutter einen flüchtigen Kuss auf die Wange. »So long, Mama!« Sie nickte der Journalistin abschiednehmend zu.
Helga Gärtner sah ihr nach, wie sie graziös davonschritt. Das schulterlange blonde Haar war sehr gepflegt.
»Ein feenhaftes Kind«, sagte sie, »auf die wirst du noch sehr aufpassen müssen. Wie alt ist sie eigentlich?«
»Siebzehn.«
»Ein gefährliches Alter.« Sie schob ihren Arm unter Magdalenes Ellbogen, führte sie mit sich. »Ich kann dir gar nicht sagen, wie ich mich freue, dich wiederzusehen!«
»Ich auch«, sagte Magdalene Rott, aber sie fühlte sich wie ein Tier in der Falle.
Helga Gärtner und Magdalene Rott hatten einen Tisch in einer der hintersten Ecken des Flughafenrestaurants gefunden. Die meisten Gäste saßen ganz vorn an den Fenstern.
Für Magdalene Rott hatte die Situation etwas Unwirkliches, so, als ob sie alles, was jetzt geschah, schon einmal erlebt hatte. Sie sah die alte Freundin an und wusste genau, was gleich geschehen würde. Es wunderte sie nicht im Geringsten, dass es tatsächlich eintraf.
»Die Bedienung ist grauenhaft«, sagte Helga Gärtner ungeduldig, »warte mal einen Augenblick. Ich geh’ zum Buffet und hol’ uns was. Du siehst aus, als ob du eine Stärkung dringend nötig hättest.« Sie klemmte sich die flache elegante Kollegtasche unter den Arm und ging zur Theke.
Beinahe hätte Magdalene einem Impuls nachgegeben und wäre geflohen. Sie hatte sich schon halb erhoben, als ihr das Sinnlose dieses Versuches bewusst wurde.
Resigniert ließ sie sich wieder sinken.
Helga Gärtner hatte es sich in den Kopf gesetzt, mit ihr zu sprechen, und sie würde nicht locker lassen, bis sie ihren Vorsatz durchgeführt hatte.
Helga Gärtner brachte ein kleines Tablett mit zwei Gläsern Kognak und einer Zigarettenschachtel. Ihr fröhliches Lächeln irritierte Magdalene Rott mehr als alles andere.
»Na, wie habe ich das gemacht?« Helga drückte ihr ein Glas in die Hand. »Kipp ihn ’runter, er wird dir gut tun!«
Gehorsam tat Magdalene, was von ihr erwartet wurde. Helga Gärtner schob ihr auch den anderen Kognak hin. Aber diesmal raffte Magdalene sich zum Widerstand auf.
»Nein, danke. Ich habe genug.«
Helga Gärtner gab sofort nach. »Na schön, dann trink’ ich ihn selber!« Sie ritzte die Zigarettenschachtel mit dem spitzgefeilten, gelbrot lackierten Daumennagel auf, schob sie über den Tisch. »Bitte, bediene dich.«
»Danke. Ich rauche nicht.«
Helga Gärtner nahm einen Schluck von ihrem Kognak, zündete sich eine Zigarette an, sagte lächelnd: »Du enttäuschst mich, Magda.«
»Wieso? Ich verstehe nicht …«
»Na, deshalb brauchst du doch nicht gleich zusammenzuzucken wie ein erschrecktes Kaninchen. Ich hatte bloß gedacht, du würdest dich wundern, dass ich plötzlich auftauche, und du würdest Hunderte von Fragen stellen.«
Magdalene Rott zwang sich, der anderen in die Augen zu blicken. »Wozu? Wenn du dich nicht ganz und gar verändert hast, wirst du mir alles von selbst erzählen.«
Helga Gärtner lachte unbekümmert. »Stimmt. Ich brenne sogar darauf.« Sie strich sich mit der Hand durch die braunen, kurz geschnittenen Locken. »Aber ganz ehrlich, findest du, dass ich mich sehr verändert habe?«
Magdalene Rott zögerte. »Du siehst gut aus.«
»Aber?«
»Kein Aber. Nur – bitte, sei mir nicht böse –, ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wie du früher ausgesehen hast. Wahrscheinlich werde ich alt. Ich fürchte, ich habe überhaupt vieles von früher vergessen.«
»Das ist durchaus kein Zeichen der Verkalkung«, sagte die Journalistin immer noch lächelnd, »im Gegenteil. Man vergisst nur, was man vergessen will.«
Magdalene Rott fuhr auf. »Was soll das heißen?«
»Genau das, was ich gesagt habe. Wieso regt dich das auf? Ich glaube, du wirst wenige Menschen in Deutschland finden, die sich heute noch gern an die Kriegs- und Nachkriegszeit erinnern.«
»Und ist das so falsch?«
»Ja.«
Magdalene Rott schwieg. Ihre Hände fuhren nervös über die Kunststoffplatte des Tisches, fegten unsichtbare Krümel zusammen.
»Natürlich ist das Ansichtssache«, fügte Helga Gärtner hinzu, bemüht, die Spannung zwischen ihnen zu mildern. »Aber um deine unausgesprochenen Fragen zu beantworten …« Sie lächelte schon wieder. »Ich bin damals, als wir uns trennten, nach Hamburg gegangen. Nach Kriegsende habe ich begonnen zu studieren. Mühsam, wie es damals eben so war. Dann hatte ich Gelegenheit, in eine neu gegründete Redaktion einzutreten. So bin ich Journalistin geworden.« Sie zuckte die Schultern. »Und das bin ich immer noch. Bonner Korrespondentin. In dieser Eigenschaft erfuhr ich auch, dass dein Mann sich ins Verteidigungsministerium hat versetzen lassen – warum eigentlich?«
»Wegen Evelyn. Sie ist sehr zart. Das Klima in Bombay bekam ihr nicht.«
»Ach, wirklich? Dabei sieht sie ganz famos aus.«
»Ich weiß. Aber ihr Herz ist nicht ganz in Ordnung. Sie hat uns schon immer Sorgen gemacht, gesundheitliche Sorgen, meine ich. Und der Arzt riet uns dringend zu einem Klimawechsel.«
Es knackte im Lautsprecher, und eine Dame der Lufthansa verkündete: »Achtung! Achtung! Die LH 061 der Lufthansa startet nach Frankfurt. Passagiere nach Rom, Kairo, Kalkutta bitte zum Luftsteig eins.«
Die meisten Gäste erhoben sich, rafften Gepäckstücke zusammen, drängten zum Ausgang.
Magdalene Rott warf einen nervösen Blick auf die Wanduhr. »Tut mir Leid, Helga, aber ich muss jetzt auch gehen. Vielleicht sehen wir uns ein andermal.« Sie stand auf.
Auch die Journalistin erhob sich. »Ganz bestimmt.« Sie sah erstaunt auf die Hand, die Magdalene Rott ihr reichte. »Aber du willst dich doch nicht schon verabschieden? Natürlich bringe ich dich ins Hotel.«
»Das ist doch nicht nötig. Ich kann mir genauso gut ein Taxi nehmen.«
»Unsinn. Außerdem – unterwegs haben wir dann ja noch Gelegenheit, miteinander zu plaudern. Komisch, ich wollte dich so vieles fragen, aber wenn man sich dann gegenübersitzt, ist auf einmal alles weg.«
Sie gingen durch die Halle.
Draußen umfing sie eine unangenehme feuchte Kühle. Magdalene schauderte in ihrem leichten Kostüm. Helga Gärtner merkte es, ergriff ihren Arm. »Verdammt frisch, was? Warte nur, bis wir im Auto sitzen. Ich werde die Heizung anstellen.« Dann, als sie schon den Parkplatz betreten hatten, fragte sie unvermittelt: »Sag mal, wo hast du eigentlich den kleinen Udo untergebracht?« Sie verbesserte sich sofort. »Klein ist gut, der muss doch inzwischen auch schon zwanzig Jahre alt sein, nicht wahr?«
Seit fast einer Stunde hatte sie auf diese Frage gewartet, aber jetzt, da sie ihr gestellt wurde, fiel ihr keine Antwort ein. »Ich weiß nicht, wovon du sprichst«, sagte sie heftig und wusste doch in derselben Sekunde, dass sie so nicht davonkommen würde.
»Na, erlaube mal! Du willst mir doch nicht etwa vormachen, du hättest sogar vergessen, dass du einen Sohn hast?«
»Ich bitte dich, sei still!« sagte Magdalene Rott verzweifelt.
Der Parkwächter kam. Helga Gärtner drückte ihm ein paar Münzen in die Hand, schloss ihren roten Karmann auf, setzte sich ans Steuer und öffnete die Tür zur anderen Seite.
Magdalene Rott nahm neben ihr Platz.
Erst als das Auto das Parkgelände des Flughafens verlassen und die Zubringerstraße erreicht hatte, griff Helga Gärtner das Thema wieder auf. »Also los, ’raus mit der Sprache!« sagte sie burschikos. »Was ist aus dem Jungen geworden? Mir kannst du es anvertrauen. Du weißt ja, mit mir kann man Pferde stehlen.«
»Nichts«, sagte Magdalene Rott verstört, »gar nichts!«
Die Journalistin warf ihr einen erstaunten Blick zu. »Was heißt denn das schon wieder?«
»Er ist – ich meine …« Magdalene Rott presste die Hände zusammen. »Ich habe ihn nicht wiedergefunden.«
»Ach«, sagte Helga Gärtner in verändertem Ton. »Das tut mir aber Leid.«
»Du weißt doch, dass ich ihn damals in Königsberg in dem großen Durcheinander verloren habe …«
»Das brauchst du mir nicht zu erzählen, da war ich ja dabei. Und seitdem hast du nie wieder etwas von ihm gehört?«
»Nein.«
»Aber das Kind kann doch nicht spurlos verschwunden sein. Bestimmt ist es von anderen Leuten mit in den Westen genommen worden.«
»Ich weiß es nicht.«
Helga Gärtner trat unwillkürlich auf die Bremse. »Soll das heißen, du hast gar nicht mehr nach ihm gesucht?«
»Helga, bitte versuch mich zu verstehen. Ich habe damals, noch kurz vor Kriegsende, Herbert kennen gelernt. Er hat so viel für mich getan. Und bei ihm war es etwas Ernstes, von Anfang an …«
»Du hast ihm nichts von deinem Kind gesagt?«
»Doch, natürlich. Wo denkst du hin?«
»Jetzt lügst du«, sagte Helga richtig, nahm den Fuß wieder von der Bremse und gab Gas. »Du hast ihm deine Vergangenheit verschwiegen. Warum hast du das getan?«
»Weil ich Angst hatte – Angst, ihn zu verlieren.«
Helga Gärtner schwieg, starrte mit gerunzelter Stirn geradeaus, als ob der lebhafte Verkehr ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nähme.
»Tut mir Leid«, sagte sie endlich, »wenn ich das gewusst hätte … Es muss tatsächlich ein Schock für dich gewesen sein, mich wiederzusehen. Verdammt, ich möchte nicht in deiner Haut stecken.«
2
Unteroffizier Hans Hilgert stand in der komfortabel eingerichteten Empfangshalle des Hotels »Adler« in Godesberg und wartete. Er hätte sich gern eine Zigarette angezündet, aber er wollte es nicht gerade jetzt, da Evelyn Rott jeden Augenblick wieder herunterkommen würde. Sie hatte von der ersten Sekunde an einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht.
Endlich sah er sie die breite Treppe herabeilen, mit leichtem, anmutigem Schritt. Ihre Augen leuchteten auf, als sie ihn erkannte.
Er ging ihr rasch entgegen.
Sie hatte sich ein wenig zurechtgemacht, das blonde schimmernde Haar geordnet, die Lippen mit einem hellen Stift nachgezogen. Sie erschien ihm noch schöner als zuvor.
»Alles in Ordnung«, sagte sie lächelnd, »die Zimmer sind tadellos. Ich habe sogar nachgeprüft, ob Wasser aus den Hähnen kommt. Das gewöhnt man sich an, wenn man mal im Orient gelebt hat.«
»Dann kann ich also nichts mehr für Sie tun?« fragte er mit deutlichem Bedauern.
»Seien Sie froh darüber. Mama sagt immer, ich gehöre zu dem Typ, der die Leute auszunutzen versteht.«
»Es muss schön sein, Ihnen einen Wunsch zu erfüllen«, sagte er ernsthaft.
Sie sah zu ihm auf – er war einen guten Kopf größer als sie –, las die unverhohlene Bewunderung in seinen klaren braunen Augen und errötete zu ihrem eigenen Ärger. »Na ja, Sie haben heute schon eine ganze Menge für mich getan«, sagte sie und streckte ihm die Hand hin. »Also, ich danke Ihnen.«
Er hielt ihre Hand fest. »Sie wissen, dass ich das nicht gemeint habe.«
»Was denn?« Sie machte keine Anstalten, ihre Hand zurückzuziehen.
»Soll ich es wirklich sagen?«
»Nein, lieber nicht«, antwortete sie rasch.
»Schade«, sagte er und ließ ihre Hand los.
Sie waren beide tödlich verlegen, wussten sich nichts Rechtes zu sagen und hatten doch den gleichen Wunsch – dieses Beisammensein so lange wie möglich hinzuziehen.
»Was ist schade?« fragte sie, obwohl sie ihn gut verstanden hatte.
»Dass wir uns wahrscheinlich nie mehr wiedersehen werden.«
»Das glaube ich nicht. Man begegnet sich doch immer irgendwo. Beim Tennis oder auf dem Golfplatz.«
Er lächelte. »Wir sind hier nicht in Bombay.«
»Wird hier etwa nicht Tennis gespielt?«
»Doch. Und auch Golf. Aber ich bin nicht dabei. Ich bin nur, na ja, eben ein Unteroffizier. Ich verkehre nicht in Ihren Kreisen.«
»Also ist es doch wie in Bombay«, sagte sie und schob die Unterlippe ein wenig vor, was ihr das Aussehen eines schmollenden Kindes gab.
»Wahrscheinlich ist es auf der ganzen Welt so«, sagte er. »Entweder muss man einen Namen haben oder einen Titel oder einfach genügend Geld, um dazuzugehören.«
»Ich finde, es kommt einzig und allein auf den Menschen an«, sagte sie impulsiv.
»Ist das Ihr Ernst?«
»Ja. Sie brauchen mich nicht so belustigt anzusehen. Ich weiß sehr gut, was ich sage. Und auch, was ich will.«
»Ich glaube es Ihnen sofort.« Seine kräftigen dunklen Augenbrauen zogen sich zusammen. »Macht es Ihnen eigentlich Spaß, mich zu quälen? Sie wissen genau, wie gern ich Sie wiedersehen würde.«
Sie legte ihre Hand auf den Ärmel seiner Uniformjacke und lächelte zu ihm auf. »Nicht bevor ich weiß – wie, wo und wann!«
»Ist das Ihr Ernst?«
Sie rümpfte ein wenig die Nase. »Erwarten Sie, dass ich als Dame noch deutlicher werde?«
»Evelyn!«
Ihre Augen wurden ganz ernst. »Halten Sie es mir niemals vor, bitte, niemals! Aber ich hätte es nicht ertragen, wenn wir so auseinander gegangen wären.«
»Warum? Ich bin nur ein einfacher Unteroffizier, den man zu Ihrer Betreuung abkommandiert hat, weil Ihr Herr Vater keine Zeit hatte. Und Sie? Jeder, der Sie sieht, muss Sie doch lieben.« Evelyn schüttelte den Kopf. »Sie irren sich. Zugegeben, ich habe immer genügend Verehrer. Aber das ist es nicht, was ich suche.«
Sie lächelte schon wieder, vertrauensvoll und ganz gelöst.
Für Magdalene Rott wurden die ersten Wochen in der Bundesrepublik ein einziger Wirbel von Empfängen, Partys, Bridge nachmittagen, gesellschaftlichen Ereignissen aller Art. Man stürzte sich geradezu auf Oberst Rott und seine Familie, um ihnen das Einleben in der alten Heimat leicht zu machen, und Oberst Rott bat seine Frau und Evelyn, alle wichtigen Kontakte gut zu pflegen.
Magdalene tat, was von ihr erwartet wurde. Sie lächelte, plauderte, hörte Komplimente, sagte Schmeicheleien, zog sich mehrmals am Tag um, machte sich mit äußerster Sorgfalt zurecht – möglichst dezent, um die anderen Damen nicht zu verärgern, aber immer noch blendend genug, um den Herren angenehm aufzufallen. Aber die Angst, die sie fast betäubte, ließ nicht einen Augenblick nach.
Die wenigen Minuten der Besinnung, die ihr vergönnt waren, verbrachte sie oft damit, dass sie auf das Horoskop starrte, eine komplizierte indische Tuschzeichnung, die ihr Singh Ree vor ihrer Abreise überreicht hatte. Sie folgte den einzelnen Linien mit dem Finger, betrachtete den schwarzen Punkt, in dem sie alle zusammenfielen.
Sie schloss die Augen, um nicht mehr sehen zu müssen. Aber es gab kein Entrinnen. Sie glaubte körperlich zu spüren, wie die Katastrophe, die sie zwanzig Jahre lang vor sich hergeschoben hatte, näher und näher auf sie zukam.
Magdalene Rott vergrub, ohne es selber zu merken, die scharfgefeilten Nägel in den Handflächen.
Wenn sie nur gewusst hätte, ob Helga Gärtner einen günstigen Einfluss auf ihr Schicksal hatte oder einen schlechten! Sie war so verständnisvoll gewesen. Sie hatte versprochen, zu schweigen. Aber konnte man ihr trauen?
Magdalene Rott presste die Faust vor den Mund. Schon während ihres Gesprächs mit der alten Freundin hatte sie gewusst, dass sie alles falsch gemacht hatte. Sie hatte sich völlig in Helgas Hand gegeben. Sie konnte sie vernichen, ins Unglück stürzen, zugrunde richten mit einem einzigen Satz, einer einzigen boshaften Bemerkung.
Nein, Helga Gärtner war keine Erpresserin!
Magdalene Rott spürte selbst, dass sie sich in Hirngespinste verrannte. Aber die Angst vor der Mitwisserin blieb. Helga hatte immer gern und viel geredet. Lag die Gefahr nicht nahe, dass sie aus Unbedacht, vielleicht nur im sich wichtig zu machen, alles verriet? Siebenmal, seit Magdalene Rott in Godesberg lebte, hatte die Journalistin angerufen. Aber weil alle Gespräche über den Empfang und die Zentrale gingen, war es ihr leicht gewesen, sich verleugnen zu lassen. Aber wie lange konnte das noch gut gehen?
Magdalene Rott saß, einen Frisiermantel über die Schultern geworfen, vor dem Toilettentisch und betrachtete das verhängnisvolle Horoskop. Aus dem Bad hörte sie ihren Mann, der unbekümmert vor sich hinpfiff, während er sich – zum zweiten Mal an diesem Tag – rasierte. Sie war so sehr in die schwarzen Striche, Kreise und Knotenpunkte vertieft, von denen sie glaubte, dass sie ihr Schicksal bedeuteten, dass sie es fast zu spät gemerkt hätte, wie Oberst Rott das Zimmer betrat. Hastig stopfte sie das Schriftstück in die halb geöffnete Schublade zurück, wandte sich, scheinbar mit konzentrierter Aufmerksamkeit, wieder dem Spiegelbild zu.
Oberst Rott ließ sich nicht anmerken, ob er die Heimlichkeiten seiner Frau bemerkt hatte.
»Na, wie lange brauchst du noch?« fragte er, während er sich die goldenen Manschettenknöpfe in das blütenweiße Smokinghemd zog.
Sie sah ihn hinter sich im Spiegel – sein gut geschnittenes, ein wenig scharfes Gesicht, das die Sonne Indiens gegerbt hatte, die kräftigen, männlichen, zuverlässigen Hände –, und plötzlich überkam sie, nicht zum ersten Mal in ihrer Ehe, der brennende Wunsch, sich auszusprechen, die Last von ihrer Seele zu wälzen.
»Herbert«, sagte sie mühsam.
Er spürte ihre Erregung, blickte auf.
»Was ist?« fragte er erstaunt.
»Ich muss mit dir sprechen.«
Sein Lächeln stand im Gegensatz zu der Besorgnis in seinen Augen.
»Ja?«
Sie rang die schmalen, empfindsamen Hände. »Ich habe solche Angst, dass du böse wirst …«
Er trat mit einem Schritt dicht hinter sie. »Bin ich wirklich so ein Tyrann?«
»Nein, das natürlich nicht. Nur, ich halte es nicht mehr aus!« Er schob seine Hand unter ihren Frisierumhang, streichelte zärtlich ihre Schulter. »Wenn’s weiter nichts ist, Liebes! Meinst du, ich hätte nicht selber längst gemerkt, dass man dir zu viel zumutet? Höchste Zeit, dass ich dich vor all diesen Gesellschaftshyänen schütze. Wir werden ein Programm aufstellen, dass …«
Sein grenzenloses Vertrauen lähmte sie. »Das das wird auch nichts nützen, Herbert«, sagte sie schwach.
»Aber ja doch! Pass mal auf, wenn ich erst mal anfange zu sieben – was glaubst du, wie wenig Leute hier für uns wirklich wichtig sind!«
»Es ist nicht deswegen«, sagte sie, »du verstehst mich ganz falsch. Es ist etwas …« Sie stockte.
»Ja?« sagte er erwartungsvoll.
Sie sah im Spiegel den vertrauensvollen Blick seiner kühlen grauen Augen auf sich gerichtet, und wusste, dass sie es auch diesmal nicht über sich bringen würde, ihn so zu enttäuschen. »Diese Enge«, sagte sie erschöpft, »diese ganze kleinbürgerliche Atmosphäre!«
Er lächelte mit fast väterlicher Nachsicht. »Wenn du an unsere Kreise in Bombay denkst – so groß ist der Unterschied doch gar nicht, jetzt sei mal ehrlich.«
›Aber dort war einfach nicht alles so beengt. Man hockte nicht so aufeinander. Es ist mir entsetzlich, Herbert …« Sie wandte sich zu ihm um, sah flehend zu ihm auf. »Ich halte es einfach nicht mehr aus, Herbert! Kannst du nicht um eine Versetzung einkommen?«
Sein Gesicht verschloss sich. »Unmöglich. Ich habe ja gerade erst hier angefangen.«
»Dann nimm doch Urlaub.«
»Wie stellst du dir das vor? Ich verdanke meine Berufung ins Verteidigungsministerium doch gerade dem Umstand, dass ein wichtiger Mann in der Abteilung Abwehr ausgefallen ist. Ich kann die Leute nicht einfach im Stich lassen.« Als er ihr enttäuschtes Gesicht sah, fügte er milder hinzu: »Aber vielleicht wird’s im Sommer wahr. Ich habe mir sagen lassen, dass es während der Parlamentsferien in Bonn und Umgebung sehr ruhig sein soll. Sicher können wir dann …«
»Dann ist es zu spät.«
»Was soll das heißen?«
»Bitte, Herbert, lass mich vorübergehend wieder fort. Mich und Evelyn. Vielleicht war der Übergang einfach zu plötzlich. Wir müssen uns erst umgewöhnen.«
Seine Augenbrauen zogen sich wie in unterdrücktem Schmerz zusammen. »Ihr wollt mich also allein lassen?«
»Nur ein paar Monate. Bis wir hier eine Wohnung haben.«
Er beugte sich zu ihr nieder, nahm ihr Kinn in seine Hand, fragte: »Du weißt, was du da von mir verlangst, Magda?«
Ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Ich – kann nicht anders, Herbert.«
»Ich werde sehr einsam ohne euch sein.«
»Und ich ohne dich«, sagte sie und schmiegte mit einer impulsiven Bewegung ihre Wange in seine Hand. Er küsste sie auf die Stirn. »Du weißt, ich kann dir nichts abschlagen«, sagte er, »ich habe es nie gekonnt.«
»Wie gut du bist!« sagte sie mit ehrlichem Dank.
Aber gleichzeitig fühlte sie, dass gerade seine Güte es war, die ihr die Befreiung unmöglich machte.
Zu Magdalenes Überraschung zeigte Evelyn sich gar nicht erfreut, als die Mutter sie in ihre Reisepläne einweihte.
»Aber wieso denn? Warum willst du schon wieder weg? Wir sind ja gerade erst gekommen.«
»Das macht doch nichts«, sagte Magdalene mit gespieltem Gleichmut, »wenn wir wollen, können wir ja noch ein ganzes Leben hier bleiben. Aber gerade jetzt – denk doch mal daran, wie nett es für dich wäre, mal an die Riviera zu kommen. Oder nach Paris. Von mir aus auch nach London. Wir fahren hin, wohin du willst. Du brauchst nur zu bestimmen.«
»Ich will aber nicht«, erklärte Evelyn, »ich bin lange genug in der Weltgeschichte ’rumgeschaukelt. Jetzt will ich hier bleiben.«
»Aber sieh mal, wir müssen doch auf alle Fälle im Hotel bleiben, bis wir eine Wohnung haben. Und da ist es doch ganz egal, ob wir …«
Evelyn fiel ihrer Mutter ins Wort. »Eben, weil es ganz egal ist, möchte ich hier bleiben.«
»Das kann nicht dein Ernst sein. Wenn ich das gewusst hätte …«
»Was dann?«
»… hätte ich mir die Auseinandersetzung mit deinem Vater ersparen können.«
Jetzt lachte Evelyn. »Entsetzlich! Du hast also deine Kräfte sinnlos vergeudet! Aber ich will dir mal was sagen, Mama, warum fährst du nicht einfach allein? Wenn dir so viel daran liegt, meine ich.«
»Sei nicht albern! Du weißt genau, dass das unmöglich ist. Was würde denn das für ein Bild geben?«
»Na, dann kann ich dir auch nicht helfen«, sagte Evelyn ungerührt, klemmte nach einem kurzen prüfenden Blick in den Spiegel ihre Handtasche unter den Arm und wollte das Zimmer verlassen.
Magdalene fuhr hoch. »Was hast du vor?«
»Ein bisschen an die frische Luft, wenn du nichts dagegen hast.«
»Unser Gespräch ist durchaus noch nicht beendet!«
»Aber Mama«, sagte Evelyn mit nachsichtigem Spott, »warum regst du dich denn so auf? Du kennst mich jetzt doch schon seit siebzehn Jahren. Ich habe mir noch niemals etwas einreden lassen, was ich nicht wollte. Warum gibst du es nicht endlich auf?«
Magdalene Rott sah ihre Tochter an, bemerkte zum ersten Mal ihre leuchtenden Augen, den voller gewordenen Mund, die bewusster gewordene Haltung. »Jetzt weiß ich, was mit dir los ist«, sagte sie, »ich muss ja blind gewesen sein – jetzt weiß ich es! Du bist verliebt!«
Evelyn hielt dem Blick ihrer Mutter stand. »Du hast Recht, Mama«, sagte sie, »und jetzt kann ich wohl gehen.«
»Nicht, bevor du mir gesagt hast, wer es ist! Leutnant Pannwitz? Graf Skada? Dieser Bankierssohn …«
»Du brauchst dir nicht den Kopf zu zerbrechen, Mama«, sagte Evelyn lächelnd, »Thomas Fritsch ist es auch nicht. Ein Name würde übrigens nichts besagen. Du musst ihn kennen lernen, Mama – wirklich, wenn du ihn erst richtig kennst, wirst du begreifen, warum ich ihn liebe.«
Magdalene Rott starrte ihre Tochter an, einen ganz fremden, plötzlich sehr erwachsen gewordenen Menschen, den sie nie wirklich gekannt hatte. »Es ist dir also – ernst?«
»Ganz ernst, Mama!« Mit unerwarteter Zärtlichkeit schlang Evelyn beide Arme um den Hals ihrer Mutter. »Ach, wenn du wüsstest, wie glücklich ich bin …!«
Magdalene Rott fuhr Stunden später mit dem Taxi von einem Empfang des Verteidigungsministers aus Bonn nach Bad Godesberg zurück.
»Ich muss mit dir über Evelyn sprechen«, sagte sie.
»Ja?« fragte er uninteressiert, in Gedanken immer noch bei einem Gespräch, das er mit einem Kollegen von der Abwehr gehabt hatte. »Sie will nicht mit mir fahren.«
Erst jetzt wurde er aufmerksam, wandte sich seiner Frau zu. »Wovon sprichst du eigentlich?«
»Von Evelyn. Sie will in Godesberg bleiben.«
»Ach so. Aber da hat sie ja völlig Recht. Ich freue mich, dass sie den guten Willen hat, hier heimisch zu werden.«
»Aber darum handelt es sich ja gar nicht, Herbert!«
»Nicht? Entschuldige bitte, anscheinend bin ich heute Abend etwas schwer von Begriff. Aber ich habe einen langen Tag hinter mir.«
»Evelyn hat sich verliebt.«
»Und das macht dir Sorgen?«
»Ja. Große Sorgen.«
Er tastete nach der Hand seiner Frau. »Aber Magda, warum? Das war doch früher oder später zu erwarten. Schließlich ist sie jetzt siebzehn.«
»Eben. Und das ist meiner Meinung nach entschieden zu jung, um eine ernsthafte Liebesgeschichte zu haben.«
Der Druck seiner Hand wurde plötzlich schmerzhaft. »Soll das heißen …?«
»Nein, natürlich nicht«, sagte Magdalene beruhigend. »Sie ist ein gut erzogenes Mädchen.«
»Na also.« Er ließ sie los. »Warum erschreckst du mich dann so?« Seine Erleichterung schlug in Ärger um.
»Weil es dazu kommen könnte! Beobachte sie einmal, Herbert – sie wirkt ganz verändert. Es hat sie wirklich schlimm gepackt.«
»Wer ist es denn?«
»Ich weiß es nicht. Gerade das beunruhigt mich so. Sie behauptet, dass es niemand ist, den ich kenne.«
»Dann werde ich mit ihr sprechen.«
»Ich glaube nicht, dass das einen Sinn hat, Herbert«, sagte Magdalene zögernd.
»Was erwartest du denn sonst von mir?« fragte er gereizt.
»Nichts. Gar nichts. Ich wollte nur mit dir darüber sprechen. Weil ich keinen Rat weiß.«
Er seufzte. »Tut mir Leid, Magda. Ich war ungerecht. Aber ich habe wirklich den Kopf voller Sorgen. Da ist es nicht gerade angenehm, kurz vor dem Schlafengehen mit einer solchen Sache überfallen zu werden.«
»Wann soll ich denn sonst mit dir reden?«
»Ich mache dir keinen Vorwurf. Natürlich kannst du nichts dafür. Es war völlig richtig, dass du es mir gesagt hast – es kommt nur ein bisschen überraschend.«
»Für mich war es ein Schock«, sagte Magdalene.
»Du meinst, dass sie sich völlig verrannt hat?«
»Verrannt. Ja, das ist der richtige Ausdruck.«
Sie sah, wie sein Feuerzeug im Dunkel aufflammte. Eine Zigarette glühte auf.
»Unter diesen Umständen«, sagte er langsam, »wäre ich eigentlich doch sehr dafür, dass ihr beide zusammen wegfahrt.«
»Aber sie will nicht! Gerade das versuche ich dir doch die ganze Zeit zu erklären!«
»So weit sind wir also gekommen, dass wir uns von einem halben Kind tyrannisieren lassen«, sagte er bitter.
»Das ist doch nicht neu. Als sie klein war, konnten wir ihr keinen Wunsch abschlagen. Und seit uns der Arzt gesagt hat, dass wir ihr jede Aufregung ersparen müssen, fassen wir sie sowieso nur noch mit Samthandschuhen an.«
»Aber sie hat es nie ausgenutzt.«
»Richtiger gesagt, sie hat gewusst, wo die Grenze liegt. Aber diesmal …« Magdalene Rott ließ ihren Satz unausgesprochen, zuckte die Achseln.
»Hast du nicht versucht, ihr eine Reise schmackhaft zu machen?«
Magdalene beugte sich vor, legte ihre Hand auf das Knie ihres Mannes. »Es ist ernst, Herbert, ganz ernst! Und wenn wir ihr alles Mögliche versprechen würden – ich fürchte, sie würde nicht nachgeben. Es käme zu Szenen, zu Aufregungen, die wir ihr ersparen sollten.«
»Dann müssen wir es anders anfangen. Wir müssen erst mal herausbekommen, wer dahinter steckt. Traust du dir das zu?«
»Ich kann es versuchen«, sagte sie zögernd.
»Wenn dir das nicht mal gelingt …«
»Du weißt, Herbert, wie viele Verpflichtungen ich habe.«
»Die müssen jetzt zurückstehen. Du darfst das Kind nicht einen Augenblick mehr aus den Augen lassen. Entweder nimmst du sie mit, wenn du eingeladen bist, oder du bleibst zu Hause. Ich weiß, das wird langweilig für Evelyn sein, aber ich kann es ihr nicht ersparen. Wir würden es uns nie verzeihen, wenn sie sich ins Unglück brächte.«
Magdalene Rott beobachtete in den nächsten Tagen ihre Tochter unauffällig.
Evelyn schien es nicht aufzufallen, dass die Mutter sie keine zehn Minuten allein ließ. Oder wenn sie es doch merkte, so nahm sie es mit scheinbarem Gehorsam hin. Sie gab sich bescheiden, höflich, nett. Magdalene hätte glauben können, die Auseinandersetzung mit ihr geträumt zu haben, wenn nicht dieses Leuchten in den Augen ihrer Tochter gewesen wäre, eine Weichheit des Ausdrucks, ein inneres Glück, das sie auf keine Weise verbergen konnte.
Dann, an einem Mittwoch, sagte Evelyn beiläufig beim Mittagessen, das Mutter und Tochter gemeinsam im holzgetäfelten gemütlichen Speisezimmer des Hotels einnahmen: »Heute Nachmittag möchte ich ein bisschen Schaufenstergucken gehen. Das heißt natürlich«, fügte sie lächelnd hinzu, »wenn du nichts dagegen hast, Mama.«
»Im Gegenteil«, sagte Magdalene freundlich, »ich halte es sogar für eine gute Idee.«
»Wirklich?« Evelyns Aufatmen war deutlich. »Ich denke, ich zieh’ dann so um drei Uhr los.«
»Schön«, sagte Magdalene, und nach einer kleinen Pause fügte sie hinzu: »Ich komme gerne mit.«
Evelyn errötete, sie öffnete den Mund, als ob sie etwas sagen wollte, presste aber sogleich wieder die Lippen zusammen.
»Oder hast du etwas dagegen?« fragte Magdalene mit gespielter Arglosigkeit.
»Nein«, sagte Evelyn. Und dann: »Aber ich dachte, du wärst mit der Gräfin Skada zum Pferderennen verabredet?«
»Bin ich auch. Aber das werde ich natürlich rückgängig machen. Falls du dich nicht doch entschließt, uns zu begleiten.« Evelyn ließ den Bissen, den sie schon auf die Gabel gesteckt hatte, wieder auf den Teller sinken. »Mama«, sagte sie, »warum tust du das?«
»Was, mein Liebling?«
»Warum spionierst du auf Schritt und Tritt hinter mir her? Glaubst du, ich sei ein Baby, auf das man aufpassen muss?«
»O nein. Aber ich habe mit deinem Vater über dich gesprochen. Und er ist genau wie ich der Ansicht, dass wir uns in letzter Zeit zu wenig um dich gekümmert haben. Das ist alles. Von Spionieren kann keine Rede sein.«
Evelyn steckte den Bissen in den Mund. Sie kaute lustlos. Oberhalb ihrer Nasenwurzel prägte sich eine scharfe senkrechte Falte in ihre glatte Stirn.
»Also, was ist dir lieber?« fragte Magdalene. »Dass ich dich begleite, oder …?«
Evelyn schien zu einem Entschluss gekommen zu sein. »Entschuldige bitte, Mama«, sagte sie, »aber darf ich mal telefonieren?«
Während Evelyn in die Halle ging, um anzurufen, bestellte Magdalene sich eine Tasse Kaffee. Sie bezweifelte keinen Augenblick, was dieses Telefongespräch bezweckte: Evelyn setzte sich mit dem jungen Mann, in den sie verliebt war, in Verbindung, um ihn nach seiner Meinung über die unerwartete Situation zu fragen.
Evelyns sanft gerötete Wangen und das Strahlen ihrer Augen verrieten die Wahrheit von Magdalenes Vermutung.
»Also gut, du kannst mich begleiten«, sagte sie fröhlich, als sie wieder ihrer Mutter gegenüber Platz nahm.
»Hat er es erlaubt?« fragte Magdalene mit leichtem Spott. Evelyn errötete noch stärker. »Ich verstehe gar nicht, was du meinst, Mama.«
Magdalene lächelte ihre Tochter versöhnlich an. »Macht nichts, Evelyn. Dafür verstehe ich um so besser.«
Später zog Magdalene Rott sich eilig um, immer in der uneingestandenen Furcht, dass Evelyn ihr doch noch entwischen könnte. Es war ein milder Frühlingstag, und sie wählte ein blauleinenes Kostüm, das die Farbe ihrer tiefblauen Augen besonders gut zur Geltung brachte. Befriedigt musterte sie ihr Spiegelbild. Die schweren Sorgen, die auf ihr lasteten, hatten es wenigstens noch nicht fertig gebracht, ihre Schönheit zu zerstören.
Evelyns Zimmertür war abgeschlossen.
Magdalene klopfte. Sie atmete auf, als Evelyn von drinnen antwortete: »Augenblick, Mama! Ich bin gleich so weit!«
Magdalene wollte nicht im Hotelflur herumstehen, und darum schritt sie die breite Treppe zur Halle hinunter, wählte sich einen Sessel, von dem aus sie Treppe und Lift gut im Auge behalten konnte.
Sie achtete nicht auf die gläserne Drehtür, die zur Straße hinausführte, und so schrak sie zusammen, als sie sich angesprochen hörte. Sie fuhr herum und erkannte Helga Gärtner.
»Entschuldige bitte«, sagte die Journalistin rasch, als sie das Entsetzen in Magdalenes Augen sah. »Ich wollte dich nicht erschrecken.«
»Warum lässt du mich dann nicht in Ruhe?«
Helga Gärtner ließ sich der früheren Freundin gegenüber in einen der bequemen Sessel sinken. »Du hast dich also verleugnen lassen?«
Magdalene zögerte. Sie bereute ihren Ausbruch, suchte nach Worten, um ihre Nervosität zu erklären. Dann aber war das Bedürfnis, reinen Tisch zu machen, stärker als alles andere. »Ja«, sagte sie.
Helga Gärtner zuckte mit keiner Wimper. »Das hatte ich mir gedacht.« Sie öffnete ihre schmale Aktentasche, fischte ein Zigarettenpäckchen heraus.
»Warum verfolgst du mich?« fragte Magdalene scharf.
Helga Gärtner zündete sich eine Zigarette an, blies den Rauch durch die Nase. »Das bildest du dir nur ein. Begreifst du denn nicht, dass ich dir nur helfen will?«
»Du – mir?«
»Ja. Ich habe etwas herausgebracht, von dem ich annahm, dass es dich interessieren würde. Wenn ich mich jedoch geirrt habe …« Sie machte eine Kunstpause, zuckte die Schultern. Magdalene beugte sich vor. »Über Udo?« fragte sie mit angstvoll gedämpfter Stimme. »Du hast dochl nicht etwa Nachforschungen angestellt, die …«
»Unsinn!« sagte Helga Gärtner rasch. »Was traust du mir zu? Ich habe durchaus begriffen, dass du dieses Kapitel deines Lebens als abgeschlossen betrachtest. Gerade deshalb …« Sie unterbrach sich wieder, diesmal aber nicht, um Magdalene neugierig zu machen, sondern weil ihr erst jetzt voll bewusst wurde, wie sehr ihre Mitteilung die Freundin aus vergangenen Tagen treffen musste!
»Sprich endlich! Willst du mich wahnsinnig machen?« drängte Magdalene.
»Ich habe vor ein paar Tagen die Listen der polnischen Handelsmission eingesehen«, sagte Helga Gärtner. »Jan Mirsky …« Magdalenes schönes Gesicht war fleckig geworden. »Er ist hier?« Sie schrie es fast, sah sich dann erschrocken um. Aber niemand hatte ihren Aufschrei beachtet.
»Nein, aber er kommt im Herbst. Das heißt, er soll kommen. Statt Dr. Mirnov. Ganz sicher ist das natürlich nicht. Diese Leute ändern ja ihre Pläne fortwährend. Aber ich dachte, du solltest es jedenfalls wissen.«
Magdalene presste die Handflächen gegeneinander. »Jan Mirsky …«, wiederholte sie tonlos.
»Du hast nie mehr etwas von ihm gehört?« fragte Helga Gärtner behutsam.
Magdalene schüttelte stumm den Kopf. Sie hatte ihre Lippen fest geschlossen.
»Er hat sich wie ein Schuft benommen«, sagte Helga Gärtner hart.
Jetzt endlich sprach Magdalene wieder. »Das habe ich damals auch gedacht. Aber später – da habe ich ihn verstanden. Ich war für ihn eben nur ein Abenteuer, das man am Rand mitnimmt. Wahrscheinlich haben die meisten Männer solche Dinge auf dem Gewissen.«
»Nein, das glaube ich nicht«, sagte Helga Gärtner entschieden. »Er musste wissen, wie viel du für ihn riskiert hast. Sich mit einem Polen einzulassen, galt damals ja geradezu als Staatsverbrechen. Er konnte nicht daran zweifeln, wie sehr du ihn liebtest.«
»Das bedeutete ihm eben nichts. Vergiss nicht, dass er eine zu starke Bindung an eine Deutsche auch fürchten musste.«
»Aber diese Bindung war doch schon da. Das Kind, der kleine Udo.«
Als Magdalene sie unterbrechen wollte, wehrte sie mit einer energischen Handbewegung ab. »Ja, ich weiß, das Kind war erst unterwegs. Aber wo ist denn da der Unterschied? Auch ein noch ungeborenes Kind ist im juristischen und moralischen Sinne – na, eben ein Mensch. Und gerade, als du es ihm sagtest, hat er sich doch aus dem Staub gemacht.«
»Er konnte – oder, bitte –, er wollte die Verantwortung nicht auf sich nehmen. Wie hätte er mir auch helfen können? An eine Heirat zwischen uns war ja nicht zu denken.«
»Merkwürdig«, sagte Helga Gärtner und beobachtete Magdalene scharf aus ihren hellen intelligenten Augen, »wieso nimmst ausgerechnet du ihn eigentlich in Schutz? Liebst du ihn etwa noch immer?«
Eine feine Röte stieg in Magdalenes Stirn. »Nein, ich versuche nur gerecht zu sein.«
»Das verstehe ich nicht. Jedenfalls nicht in deinem Fall.«
»Helga«, sagte Magdalene und sah die Freundin flehend an, »wie hätte ich denn leben können all die Jahre, wenn Hass mein Herz vergiftet hätte? Glaube mir, ich habe noch lange unter seiner Gemeinheit, seinem rücksichtslosen Verrat gelitten, noch als ich mit Herbert verheiratet war. Erst ein weiser alter Inder hat mich dahin gebracht, die Dinge so zu betrachten, als ob sie nicht mir, sondern einer Fremden geschehen.«
»Dadurch werden sie aber doch nicht besser.«
»Nein. Aber es sind damals so viele Grausamkeiten, Unmenschlichkeiten begangen worden. Wenn man es nicht ver steht, seine Seele von diesen Dingen zu befreien, zerstört man sich selbst.«
»Das ist also der wahre Grund, warum du nicht nach Udo gesucht hast?«
»Ja«, bekannte Magdalene, »ich hatte ihn lieb, von ganzem Herzen lieb, als Mutter.« Sie blickte Helga Gärtner flehend an. »Sonst hätte ich ihn doch gar nicht aus dem Heim geholt, um ihn auf der Flucht mitzunehmen, nicht wahr?«
»Ich hatte immer das Gefühl, dass du ihn liebtest.«
»Aber andererseits – es war eine schmerzhafte Liebe. Er erinnerte mich so sehr an Jan. Nicht durch sein Aussehen, sondern überhaupt. Wenn ich ihn nur ansah, gab es mir einen Stich ins Herz. Alle Wunden rissen wieder auf. Dass ich ihn dann auf der Flucht verlor, war für mich – wie eine Fügung Gottes.«
»Ich verstehe«, sagte Helga Gärtner leise, »jetzt verstehe ich alles.«
»Ich wusste, dass es falsch war, nach Deutschland zurückzukehren«, sagte Magdalene, »ich wusste es.«
»Das darfst du dir nicht einreden. Vielleicht ist es gar nicht der Jan. Eine Namensgleichheit. So etwas kommt doch oft vor. Ich werde versuchen, mir ein Bild zu beschaffen.«
Magdalene hatte gar nicht zugehört. »Singh Ree hatte mich gewarnt«, sagte sie, »aber ich habe nicht auf ihn gehört. Ich konnte seinem Rat nicht folgen.« Plötzlich kam ihr ein Einfall. »Darf ich deine Hand sehen, Helga? Nein, anders, die Handfläche nach oben.«
Halb belustigt, halb missbilligend beobachtete die Journalistin, wie Magdalene ihre Handlinien betrachtete, sie sanft mit dem Finger verfolgte. »Da!« sagte sie. »Da, siehst du? Diese feinen Linien, die alle auf einem Punkt deine Lebenslinien kreuzen? Im fünften Haus, genau wie bei mir. Sieh dir’s doch an, Helga! Vergleiche! Es ist dieselbe Katastrophe, in die wir verwickelt werden. Nur wirst du …«
Mit einem Ruck zog Helga Gärtner ihre Hände zurück. »Ich will es gar nicht wissen, Magda«, sagte, sie, »ob du es nun verstehst oder nicht, mich interessiert die Zukunft erst, wenn sie da ist.«
»Hast du dir auch noch nie ein Horoskop stellen lassen?«
»Nein. Ich weiß nicht einmal …«
In diesem Augenblick kam Evelyn die Treppe herunter. Sie trug ein zartgrünes Kleid aus Hongkongseide, das blonde Haar fiel ihr duftig auf die Schultern. Um ihren schönen Mund spielte ein glückliches, fast verträumtes Lächeln.
»Siebzehn Jahre«, sagte Helga Gärtner nachdenklich, »so alt warst du, als du …«
»Still«, mahnte Magdalene, »ich bitte dich, sei still!« Mit einem verkrampften Lächeln wandte sie sich an Evelyn, die unbefangen auf sie zukam. »Das dauerte aber lange, Liebling. Ich dachte schon, du würdest überhaupt nicht mehr fertig.«
Evelyn begrüßte Helga Gärtner. Dann sagte sie, mit einem Blick auf ihre zierliche Armbanduhr: »Entschuldige bitte, Mama. Ich glaube, es ist reichlich spät geworden.«
Helga Gärtner erhob sich sofort. »Auch für mich ist es höchste Zeit geworden.«
»Wann sehen wir uns wieder?« fragte Magdalene.
Die Journalistin zog eine Visitenkarte aus ihrer Aktentasche. »Hier steht alles drauf. Adresse und Telefonnummer. Ich stehe dir jederzeit zur Verfügung, wenn du mich brauchst.«
»Und das Bild?«
»Ich werde versuchen, es zu beschaffen. Frag’ gelegentlich nach.«
Die Journalistin verließ als Erste die Halle, sehr schlank und attraktiv in dem hellen Mantel mit dem eng geschlungenen Gürtel.
»Was für ein Bild?« fragte Evelyn. Aber die Mutter antwortete nicht. Sie sah Evelyn an, und das Herz tat ihr weh vor Liebe und Sorgen um die einzige Tochter. – Siebzehn Jahre, hatte Helga gesagt, genau so alt wie du damals! – Sie hatte sich bemüht, es zu vergessen, und doch war es die Wahrheit. Siebzehn Jahre war sie gewesen, als sie zum ersten Mal einen Mann geliebt hatte. Einen Menschen, der ihre Liebe nicht verdiente.
Sie wusste, dass sie alles tun würde, um ihre Tochter vor einem ähnlichen Schicksal zu bewahren.
3
Magdalene und Evelyn fuhren mit dem Vorortzug nach Köln. Evelyn hatte vorgeschlagen, die Hohe Straße hinauf und hinab zu schlendern.
Aber es wurde nicht viel aus dem Schaufensterbummel. Evelyn war unruhig, drängte voran. Auch Magdalene war ganz von ihren eigenen Sorgen gefangen, sie hielt es nicht lange durch, Interesse für modische Neuheiten zu heucheln. Mutter und Tochter fühlten deutlich, dass sie an einem Wendepunkt ihrer Beziehungen angelangt waren.
»Ich glaube, ich werde müde«, behauptete Evelyn, kaum, dass sie zwanzig Minuten unterwegs waren, »und ich habe große Lust auf ein Eis. Wollen wir nicht irgendwo hineingehen?« Magdalene stimmt sofort zu. »Gern. Sobald wir an ein Lokal kommen.«
»Ach, lass uns lieber umkehren. Bis zum Café am Dom halte ich es noch aus. Dort ist das Eis sehr gut.«
Magdalene sah ihre Tochter von der Seite an, aber sie sagte nichts. Sie begriff, dass dort der Treffpunkt, war. Neben Evelyn überquerte sie die schmale belebte Straße und trat den Rückweg an.
Ihr war sehr unbehaglich zumute. War es nicht unfair, Hoffnungen zu erwecken, die sie nie erfüllen konnte? Hätte sie sich überhaupt auf dieses Unternehmen einlassen sollen? Aber sie konnte doch nicht die Hände in den Schoß legen und mit ansehen, wie Evelyn in ihr Unglück lief. Doch war dieser junge Mann wirklich Evelyns Unglück? Hatte sie selbst nicht vielleicht eine harmlose Liebelei dramatisiert?
Ein Blick auf Evelyns entschlossenes, sehr gespanntes Profil machte ihr klar, dass sie im Begriff stand, sich zu belügen. Es ging um mehr als einen Flirt, und sie, die Mutter, trug die Verantwortung, dass ihr Kind keinen Schaden dabei nahm.
Die große Terrasse neben dem Café war gut besetzt. Aber sie hatten Glück. Gerade als sie sich suchend umsahen, wurde ein Tisch nahe der Balustrade frei.
Magdalene bestellte für sich eine Portion Tee, für Evelyn einen Früchtebecher mit Sahne. Sie wussten nichts miteinander zu reden. Magdalene zündete sich eine Zigarette an, sah zu dem mächtigen Dom hinüber, beobachtete das Vorbeifluten der Passanten, ohne doch wirklich etwas zu sehen. Sie spürte Evelyns wachsende Nervosität.
Plötzlich überfiel sie jähe Hoffnung. Wenn der Junge nun nicht kam – wenn er das Zusammentreffen mit ihr, Evelyns Mutter, scheute? Für Evelyn würde es ein Schlag sein, gewiss. Aber wie viel würde ihr erspart bleiben! Und sie würde ganz in ihrer Nähe sein, bereit, sie in ihre Arme zu nehmen und sie zu trösten, wie sie es oft getan hatte, als Evelyn noch ein kleines Mädchen war.
Schon senkte sich die Sonne, und es wurde kühl. Evelyn fröstelte in ihrem leichten Frühjahrskleid.
Magdalene sah es. »Meinst du nicht, wir sollen gehen?« sagte sie und berührte sacht Evelyns eiskalte Hand.
Aber die antwortete nicht. Ihre Augen leuchteten auf, sie sah zum Eingang der Terrasse hin. Ohne dass ein Wort gefallen war, wusste Magdalene, dass er kam …
Unwillkürlich zog sie ihre Hand zurück.
Erst als Evelyn strahlend sagte: »Das ist Hans Hilgert, Mama«, blickte sie auf.
Sie sah einen hoch gewachsenen jungen Mann in einem schlichten Anzug, braune Augen, die unter kräftigen Brauen sie mit entwaffnender Offenheit anblickten, einen gut geschnittenen Mund, ein festes Kinn mit einem Grübchen.
»Bitte, setzen Sie sich«, sagte sie, außerstande, sich zu einem Lächeln zu zwingen, und dann, als er auf dem weiß gestrichenen Stuhl Platz genommen hatte, fügte sie hinzu: »Habe ich Sie nicht schon irgendwo gesehen?«
»Natürlich, Mama«, erklärte Evelyn rasch, »Hans war mit am Flugplatz, als wir ankamen. Der Unteroffizier, du weißt doch.« »Ach so«, sagte Magdalene nur und wandte den Blick ab, um den Jungen nicht in Verlegenheit zu bringen.
»Aber das ist nicht wie früher, Mama«, sagte Evelyn eifrig, »er kann noch Offizier werden. Mit Sonderlehrgängen. Nicht wahr, Hans?«
»Vielleicht gestattest du Herrn Hilgert erst einmal etwas zu sich zu nehmen, Evelyn«, sagte Magdalene bemüht, das Gespräch auf einen normalen Unterhaltungston zu bringen.
»Möchten Sie sich etwas bestellen? Vielleicht ein Eis?«
»Dann nehme ich auch noch eines«, sagte Evelyn.
»Lieber nicht, Evi«, sagte Hans Hilgert, und war das erste Mal, dass er in diesem Beisammensein zum Sprechen kam, »es ist schon zu kühl zum Eisessen. Du siehst ganz verfroren aus.«
Obwohl sie versuchte, sich dagegen zu wehren, nahm diese Fürsorge Magdalene für den jungen Mann ein. Sie spürte instinktiv, dass an der Ehrlichkeit seiner Gefühle für Evelyn nicht zu zweifeln war.
»Dann einen Kognak«, sagte Evelyn. Magdalene stimmte zu. »Ich glaube, ein Kognak wird uns allen dreien gut tun.« Sie winkte einem der Ober, bestellte, bat gleichzeitig um die Rechnung.
Sie wandte sich an Hans Hilgert. »Sie sind Flieger?«
»Ja. Ich bin als Pilot ausgebildet. Natürlich würde ich alles versuchen, mich zum Bodenpersonal versetzen zu lassen. Ich weiß, dass Evi keine Aufregung vertragen kann, obwohl …«, fügte er mit einem kleinen Lächeln hinzu, »Fliegen heutzutage nicht mehr gefährlicher ist als Auto fahren.«
Magdalene erstarrte. So weit waren die beiden also schon! Sie schienen sich ganz feste Pläne für ihre Zukunft gemacht zu haben.
Hans Hilgert erriet ihre Gedanken. »Ich bin sehr froh, dass Sie mir Gelegenheit geben, mit Ihnen zu sprechen, gnädige Frau«, sagte er. »Es ist wahr, Evi und ich möchten heiraten. Bitte, denken Sie jetzt nicht, ich sei unverschämt …«
Magdalenes Mund war trocken. »Wie alt sind Sie?« fragte sie, und ihre Stimme klang ungewohnt rau.
»Einundzwanzig.«
»Evelyn ist siebzehn. Finden Sie nicht, dass Sie beide für Heiratspläne noch reichlich jung sind?«
»Nein«, erwiderte er ruhig.
»Sie wissen vielleicht nicht, wie verwöhnt meine Tochter ist.« Hans Hilgert zog die kräftigen Augenbrauen zusammen. »Natürlich kann ich ihr das nicht bieten, was sie gewohnt ist. Wir haben darüber gesprochen. Aber ich glaube nicht – und Evi glaubt es auch nicht –, dass das Glück durch Luxus erkauft werden kann.«
»Von Luxus hat hier niemand gesprochen«, sagte Magdalene gereizt.
»Entschuldigen Sie. Vielleicht habe ich dieses Wort falsch gewählt. Aber Evi sagte mir, dass Sie ein Vermögen mit in die Ehe gebracht haben, und Oberst Rott hat eine Position, wie ich sie sicher nie erreichen werde. Ich meinte nur das, sonst nichts.«
»Und was könnten Sie meiner Tochter bieten?«
»Aber Mama«, sagte Evelyn, »du redest so altmodische Dinge. Natürlich verdient Hans genug, um eine Frau zu ernähren. Und eine Wohnung könnt ihr uns wirklich kaufen. Das wäre doch nicht zu viel verlangt. Außerdem habe noch den Schmuck von Großmutter.«
»Du vergisst, dass du ohne unsere Einwilligung gar nichts unternehmen kannst.«
»Das habe ich keinen Augenblick vergessen«, sagte Evelyn und sah ihre Mutter mit flammenden Augen an, »sonst würde ich nämlich gar nicht mit dir diskutieren. Du verlangst dauernd, dass wir unsere Pläne verteidigen sollen. Nenn mir nur einen einzigen vernünftigen Grund, warum ich Hans nicht heiraten soll.«
»Weil du noch zu jung bist. Viel zu jung, um zu wissen, wo dein wahres Glück liegt.«
»Du irrst dich. Ich habe es dir und Papa zu verdanken, dass ich keineswegs weltfremd erzogen worden bin. Ich habe niemals Scheuklappen vor den Augen gehabt. Ich habe viele Liebesgeschichten mit angesehen, die unglücklich ausgegangen sind und viele unglückliche Ehen. Aber niemals ist das Geld daran schuld gewesen.«
Der Kellner brachte ein Tablett mit den Kognaks, Magdalene bezahlte. Sie tranken alle drei, ohne sich anzusehen.
»Ich verlange gar nicht, dass du auf deine Liebe verzichtest«, sagte Magdalene, »ich möchte nur, dass du dich prüfst. Ich habe dir vorgeschlagen, mit mir zusammen auf ein paar Monate zu verreisen.«
»Aber ich will nicht!« rief Evelyn. »Meinst du, ich durchschaue nicht, was du vorhast? Erst fährst du mit mir fort. Irgendwohin, vielleicht an die Riviera. Dort versuchst du mich abzulenken, damit ich Hans vergesse. Wenn du siehst, dass dir das nicht gelingt, ziehst du den Aufenthalt hinaus. Und dann, plötzlich kommt ein Telegramm von Papa, dass er sich wieder zum Außenministerium hat versetzen lassen, und dass wir uns alle im Kongo oder in Oslo oder was weiß ich wo treffen sollen.«
»Aber wenn ich dir schwöre, dass ich an nichts dergleichen gedacht habe …«
»O doch. Das hast du. Dir hat es ja vom ersten Augenblick an in Deutschland nicht gefallen. Du bearbeitest Papa dauernd, sich doch wieder versetzen zu lassen.«
»Doch nicht deinetwegen, Kind!«
»Die Wirkung ist für mich dieselbe. Du hast bei Papa immer durchgesetzt, was du wolltest. Aber diesmal wehre ich mich. Es geht um mein Glück, Mama, und das werde ich mit allen Kräften verteidigen.«
Nach diesem Gespräch verbrachte Magdalene eine schlaflose Nacht. Sie lauschte auf die ruhigen Atemzüge ihres Gatten und starrte in die Dunkelheit Noch nie in ihrem Leben hatte sie sich so verlassen gefühlt. – Aber nein, das stimmte nicht. Damals, als Jan Mirsky sich von ihr abgewandt hatte, als er sie mit jenem zynischen Lächeln hatte fallen lassen, das sie bis an ihr Lebensende nicht vergessen würde, war alles noch viel schlimmer gewesen.
Sollte sie nicht glücklich sein, dass eine solche Erfahrung Evelyn sicher erspart bleiben würde? Evelyn war jung – aber war sie wirklich zu jung? Singh Ree hatte ihr versichert, dass das Leben ihrer Tochter unter einem Glücksstern stand, der alle Fährnisse immer wieder zum Guten wenden würde. Auch Hans Hilgert war jung. Er gehörte nicht in ihre Kreise, er war mittellos, aber er wirkte verlässlich. An seiner Liebe zu Evelyn bestand kein Zweifel.
Warum wagte sie nicht, dem Schicksal zu vertrauen?
Sie war nahe daran, ihren Mann zu wecken und über alles mit ihm zu sprechen. Aber dann überlegte sie es sich anders. Es hatte keinen Zweck, bevor sie selbst keinen festen Standpunkt hatte. Erst musste sie Erkundigungen über den jungen Mann einziehen.
Aber sie wusste nicht, wie sie das anfangen sollte, ohne jemand ins Vertrauen zu ziehen.
Helga Gärtner? Lieber nicht, sie wusste schon viel zu viel.
Das einfachste Mittel würde sein, Hans Hilgerts Mutter aufzusuchen. Er hatte erzählt, dass sie Kriegerwitwe sei und eine Schneiderei leitete. Mit ihr musste sie sich in Verbindung setzen. Vielleicht, wenn sie Hans Hilgerts genaue Geburtsstunde erfuhr …
Mit diesem Vorsatz schlief sie ein. Draußen graute schon der Morgen.
Frau Hanna Hilgert wohnte in Köln-Nippes, wie Magdalene Rott aus dem Telefonbuch erfuhr.
Sie machte sich gleich am nächsten Morgen auf den Weg, ohne ihren Mann oder Evelyn von ihrem Vorhaben zu verständigen. Das sehr moderne Haus mit einer kahlen, nichtssagenden Fassade stand an einem quadratischen Platz. Im Milchglas der Parterrefenster stand mit großen Buchstaben, unterbrochen durch Fensterkreuze und Leisten: »Schneiderei Hanna Hilgert.«
Magdalene stieg aus, entlohnte den Fahrer und bat ihn zu warten. Sie schritt auf das Haus zu und klingelte. Befriedigt fühlte sie, dass jetzt, da sich die Entscheidung näherte, alle Erregung von ihr gewichen war.
Ein junges Ding öffnete, offensichtlich ein Lehrmädchen, sah sie mit großen Augen an und verschwand, als sie nach Frau Hilgert fragte, wieder im Dunkel der Wohnung. Sie hatte Magdalene nicht hereingebeten, ließ aber die Tür nur angelehnt. Es dauerte einige Sekunden, dann erschien Hanna Hilgert persönlich, eine grobknochige Frau, etliche Jahre älter als Magdalene.
Sie war sympathisch – eine Frau, die viele Jahre, ganz auf sich allein gestellt, für sich und ihren Sohn den Lebensunterhalt hatte verdienen müssen und dabei zwar etwas von ihrer Fraulichkeit, aber nichts von ihrem guten Herzen verloren hatte.
Sie schenkte Magdalene ein schwaches, um Entschuldigung bittendes Lächeln, sagte: »Treten Sie doch näher, gnädige Frau – dieses Mädchen! Aber Sie wissen wohl selbst …« Sie öffnete die Tür und ließ Magdalene in eine schmale Garderobe eintreten, die vollgestopft mit Mänteln, Jacken, Schals, Mützen und Handschuhen war. Anscheinend pflegten ihre Mitarbeiterinnen hier abzulegen.
Aus dem Hinterzimmer klang laute Schlagermusik, noch verstärkt durch das Singen und Summen vieler weiblicher Stimmen.
»Wahrscheinlich werde ich Sie enttäuschen müssen«, erklärte Hanna Hilgert mit ihrem netten Lächeln, »ich arbeite schon seit langem nicht mehr für Privatkundschaft.«
»Ich komme nicht deswegen«, sagte Magdalene Rott ruhig, »ich bin Magdalene Rott.« Und als sie sah, dass Hanna Hilgert nicht verstand, fügte sie hinzu: »Die Mutter von Evelyn.«
Frau Hilgerts Lächeln erlosch. »Ach so«, sagte sie, »ja, ach so …« Einen Augenblick schien sie unschlüssig, was jetzt geschehen sollte, dann führte sie Magdalene in einen Raum, der offensichtlich als Wohn- und Empfangszimmer diente, obwohl auch einige Utensilien der Schneiderei herumstanden und lagen. Die Möbel waren gediegen, es gab einen Fernsehapparat und eine Musiktruhe, aber alles schien ein wenig lieblos zusammengestellt.
»Kennen Sie meine Tochter?« fragte Magdalene, um das Gespräch in Gang zu bringen, und setzte sich, Frau Hilgerts Aufforderung folgend, an den länglichen, mit Modeheften und Stoffproben übersäten Tisch.
»Nein«, erwiderte Frau Hilgert, »bisher hat mein Sohn es noch nicht für nötig gehalten, sie mir vorzustellen.« Aus ihrer Stimme klang leichte Bitterkeit. »Wenn Sie einen Augenblick warten wollen, ich muss noch …« Sie verließ mit energischen Schritten das Zimmer, wahrscheinlich, um ihren Mädchen Anweisungen zu geben.
Dann kam sie zurück und sagte: »Jedenfalls ist das eine saubere Geschichte, nicht wahr? Ich bin froh, dass Sie zu mir gekommen sind.« Sie ließ sich auf einen Sessel Magdalene gegenüber sinken, streckte die Beine weit von sich.
»Sie sind gegen diese Ehe«, fragte Magdalene.
»Sie etwa nicht? Noch so jung, die beiden. Und dann – na, ich möchte Sie nicht kränken …«
»Sagen Sie nur, was Sie auf dem Herzen haben.«
»Nun, Ihre Evelyn ist sicher ein nettes Mädchen. Wenn ich alles glauben wollte, was Hans mir über sie erzählt hat, müsste sie ja geradezu eine Fee sein. Aber tatsächlich fürchte ich – sie ist doch sicher nicht dazu erzogen worden, einen kleinen Haushalt zu führen …«
»Sie haben völlig Recht«, sagte Magdalene ruhig.
»Ich freue mich, dass Sie mir zustimmen.« Frau Hilgert fuhr in ihre Rocktasche, holte ein angerissenes, halb zerquetschtes Zigarettenpäckchen und ein Feuerzeug heraus und fragte: »Mögen Sie auch eine?«
»Nein, danke.«
»Aber Sie gestatten wohl, dass ich rauche?« Frau Hilgert zündete sich eine Zigarette an und angelte, ohne hinzusehen, einen Aschenbecher von der Musiktruhe hinter ihr.
»Ich habe für den Jungen getan, was ich konnte«, erzählte sie, »aber das war leider wenig genug. Natürlich hat er gehabt, was er brauchte, bloß eben keinen geregelten Haushalt. Immer ist mir das Geschäft vorgegangen, musste mir vorgehen. Gerade deshalb hätte ich ihm eine richtige Frau gewünscht. Eine, die kochen und haushalten kann. Kein anspruchsvolles, verwöhntes Püppchen.« Frau Hilgert nahm einen tiefen Zug aus ihrer Zigarette. »Na, ich hoffe, dass ich Sie nicht gekränkt habe. Aber ich glaube, Sie haben mindestens genauso viel Vorbehalte gegen meinen Jungen, oder?«
»Nein«, hörte Magdalene Rott sich zu ihrer eigenen Überraschung sagen, »ich habe ihn gestern kennen gelernt, und er hat einen ausgezeichneten Eindruck auf mich gemacht. Vielleicht – wenn Sie Evelyn erst sehen …«
Frau Hilgert sah Magdalene mit einem sonderbaren Ausdruck an. »Sie wollen doch nicht sagen, dass Sie für diese Heirat sind?«
»Ich glaube, dass es auf unsere Wünsche gar nicht ankommt. Die beiden lieben sich und sind fest entschlossen. Natürlich weiß ich, dass es noch allerlei Schwierigkeiten geben wird. Mein Mann zum Beispiel, aber ich denke, er wird am Ende nachgeben. Und was Ihren Sohn betrifft – er sagte mir, dass er mündig und deshalb unabhängig wäre.«
Frau Hilgert erhob sich und begann in dem kleinen Raum auf und ab zu gehen. Dann blieb sie unvermittelt hinter Magdalene stehen: »Sie wollen das also – wirklich?«
»Sagen Sie lieber, ich wage mich nicht gegen das Schicksal zu stemmen.«
»Sie wollen es also zulassen, obwohl Sie nichts über die Familie des Jungen wissen, nichts über seine Herkunft?«
Jetzt lächelte Magdalene. »Sie scheinen mehr bürgerliche Vorurteile zu haben als ich selbst. Man braucht Sie doch nur anzusehen, um zu wissen …«
»Ich bin nicht seine Mutter.«
»Nicht?« fragte Magdalene mehr erstaunt als erschrocken. »Aber das hat der Junge nicht einmal angedeutet.«
»Er weiß es nicht. Es war unrecht von mir, Sie brauchen mir das gar nicht zu sagen. Aber ich habe ihn in dem Glauben gelassen, dass er mein Sohn wäre. Ich …« Frau Hilgert starrte an Magdalene vorbei, »ich wollte ihn nicht verlieren.«
»Aber wer ist er dann wirklich? Wer sind seine Eltern?«
»Ich weiß es nicht«, sagte Frau Hilgert, »das ist es ja eben. Ich weiß es nicht. Auf der Flucht aus Ostpreußen hat ihn mir eine Familie überlassen. Er gehörte nicht zu ihnen. Sie haben ihn in Königsberg gefunden.« Jetzt erst wurde sie auf Magdalenes Reaktion aufmerksam. »Was haben Sie?« rief sie erschrocken und ging auf Magdalene zu. »Ist Ihnen nicht gut? Um Himmels willen, Sie sind ja totenblass!«
Von einer Telefonzelle am Kölner Hauptbahnhof aus rief Magdalene Rott ihren Mann im Verteidigungsministerium an. Sie wurde von einem Vorzimmer zum anderen verbunden, bis er endlich selbst am Apparat war.
»Magda, du?« sagte Oberst Rott erstaunt. »Was gibt’s denn so Wichtiges?«
»Ich muss mit dir sprechen, Herbert.«
»Ja?«
»Nicht am Telefon. Es ist – ich kann es dir nicht in drei Worten erklären.«
»Na schön. Ich werde sehen, dass ich mittags hier wegkomme. Wo bist du jetzt?«
Auf dem Telefonapparat leuchtete das rote Schildchen: »Bitte nachzahlen!« auf. Magdalene begann, den Hörer zwischen Ohr und Schulter geklemmt, in ihrem Portmonee nach Groschen zu suchen.
»Warum sagst du nichts?« fragte ihr Mann ungeduldig. »Augenblick bitte, ich möchte nur …«
»Wo bist du?«
»In Köln …«
»Gut. Dann treffen wir uns bei ›Kranzler‹ in Bonn. Ich komme so bald wie möglich. Einverstanden?«
»Ja«, sagte sie und starrte auf die beiden Zehnpfennigstücke in ihrer Hand, die jetzt überflüssig geworden waren.
»Dann – bis gleich!«
Magdalene hängte den Hörer ein, steckte ihr Portmonee wieder in ihre Tasche zurück, nahm ihre Handschuhe und verließ langsam die Zelle.
Ihre Erregung war abgeklungen und hatte einer eisigen, fast gleichgültigen Ruhe Platz gemacht. Als sie ihren Mann anrief, war sie noch entschlossen gewesen, ihm alles zu erzählen – die ganze Wahrheit über ihre Vergangenheit, die sie ihm bis heute verschwiegen hatte.
Jetzt plötzlich schien ihr diese Idee Wahnsinn. Sie musste den Verstand verloren haben, mit einem solchen Gedanken auch nur zu spielen. Ja, sie hatte den Kopf verloren. In der ersten Panik war sie sogar nahe daran gewesen, Frau Hilgert gegenüber ihre entsetzliche Vermutung auszusprechen. Wie gut, dass sie geschwiegen hatte! Magdalene atmete tief. Sie hatte das Gefühl, noch einmal davongekommen zu sein.
Aber während der Rückfahrt nach Bonn konnte sie ihre Gedanken nicht eine Sekunde von der Eröffnung abwenden, die ihr Frau Hilgert gemacht hatte. Doch sie betrachtete sie jetzt nicht mehr durch den Nebel aufgewühlter Gefühle, sondern ganz klar mit ruhigem Verstand.
Hans Hilgert war nicht der Sohn der Schneiderin. Sie hatte ihn als ungefähr Dreijährigen von Flüchdingen übernommen, die ihn in Königsberg gefunden hatten. Er war völlig verstört gewesen, hatte seinen Namen nicht gewusst, nichts über sich aussagen können.
Alles stimmte. Hans Hilgert, der Mann, den ihre Tochter Evelyn liebte, war Udo, ihr Sohn – oder zumindest bestand eine starke Wahrscheinlichkeit, dass er es war.
Deshalb nur hatte sich Evelyn so Hals über Kopf in ihn verliebt, weil sie die blutsmäßige Verwandtschaft spürte, von der sie nichts ahnen konnte. Deshalb war er auch ihr, Magdalene, vom ersten Moment an so ungewöhnlich sympathisch gewesen. Evelyn und Udo waren Halbgeschwister. Sie durften nicht heiraten, unter gar keinen Umständen, ja, sie durften sich nicht einmal Wiedersehen.
Aber gab es nicht andere Mittel, diese unglückselige Liebe zu zerstören, als sich zu einer Wahrheit zu bekennen, die wahrscheinlich ihre eigene Ehe vernichten würde?
Als Magdalene im »Kranzier« eintraf, war ihr Mann noch nicht erschienen. Sie setzte sich in den Vorraum, bestellte einen Kognak, den sie in kleinen Schlucken trank.
Noch war die schreckliche Gefahr nicht gebannt, aber Magdalene fühlte sich ruhiger als seit Monaten.
Singh Ree, ihr indischer Berater, hatte ihr eine Katastrophe vorausgesagt, eine schwere Prüfung, die sie nur mit Aufbietung aller Kräfte würde überwinden können. Der Gedanke an diese Drohung hatte beklemmende Angst in ihr wachgerufen. Oft war sie nachts aus dem Schlaf geschreckt und hatte sich in den grausigsten Farben ausgemalt, was sie erwarten konnte.
Jetzt, da sie die Gefahr kannte, schien es ihr, wenn sie schon halb gebannt wäre.
Oberst Rott erschien. Als seine Augen die ihren trafen, spürte sie die Liebe zu ihm wie eine mächtige erlösende Welle. Blut strömte ihr in die Wangen.
Er kam mit raschen Schritten auf sie zu, beugte sich über ihre Hand. »Wie schön du bist«, sagte er, »wie ein ganz junges Mädchen.«
Sie erwiderte sein Lächeln, aber ihre Augen blieben ernst. »Ich bin froh, dass du gekommen bist.«
»Wollen wir erst mal essen gehen? Oder ist es wichtig, dass …« »Es ist sehr wichtig. Ich furchte, ich könnte kein Bissen hinunterbringen, bevor ich nicht mit dir gesprochen habe.«
»Gut, wie du willst.«
Ein Page kam, nahm Oberst Rott Mantel und Mütze ab. Er setzte sich neben seine Frau in einen der tiefen Sessel. »Du erlaubst, dass ich rauche.«
»Aber ja«, sagte sie gerührt und gleichzeitig ungeduldig, weil er sie nach all den Jahren ihrer Ehe immer noch um ihr Einverständnis bat, bevor er sich eine Zigarette anzündete.
Erst als seine Zigarette brannte, fragte er: »Also, was gibt s?«
»Ich weiß jetzt, wer der junge Mann ist, in den Evelyn sich verliebt hat. Hans Hilgert heißt er. Ein ganz einfacher Junge. Fliegerunteroffizier. Er hat uns übrigens seinerzeit mit auf dem Flughafen Köln-Wahn abgeholt. Daher seine Bekanntschaft mit Evelyn. Es ist den beiden ernst, noch ernster, als wir glaubten. Sie wollen heiraten. Je eher, desto besser, meinen sie.«
»Das hast du ihnen hoffentlich ausgeredet.«
»Ich habe noch mehr getan. Ich war heute bei seiner Mutter. Natürlich hatte ich nicht viel erwartet. Aber was ich tatsächlich erlebte, übertraf meine schlimmsten Befürchtungen. Sie ist Schneiderin und scheint ganz gut zu verdienen. Aber das Milieu ist von einer Primitivität …«
Er schnitt ihr das Wort ab. »Du hättest …« Dann erst fiel ihm auf, dass er sie unterbrochen hatte. »Entschuldige. Bitte, erzähl’ ruhig weiter.«
»Was wolltest du sagen?« fragte sie.
»Dass du dir diesen Weg hättest sparen können. Selbst wenn der junge Mann aus unseren Kreisen stammen würde, hätte ich ihm niemals die Erlaubnis gegeben, meine kaum siebzehnjährige Tochter zu heiraten.« Er streifte die Asche seiner Zigarette ab. »Ein solches Ansinnen hätte ein Mann normalerweise ja auch wohl kaum gestellt.«
»Du bist also dagegen?« Sie konnte ihre Erleichterung nicht verbergen.
»Aber selbstverständlich. Was hattest du denn erwartet? Kennst du mich so schlecht?«
»Ich kenne dich als einen sehr verliebten Vater«, sagte sie tastend, »der bisher jeden Wunsch seiner schönen Tochter erfüllt hat …«
»Hier geht es doch nicht um ein Spiel. Vielleicht gibt es junge Menschen, die mit siebzehn schon die nötige Reife für eine Ehe mitbringen. Evelyn jedenfalls nicht.«
»Das musst du nicht mir erzählen«, sagte Marlene, bemüht, ihre Genugtuung nicht allzu deutlich werden zu lassen. »Sprich mit Evelyn.«
»Nein. Das halte ich für wirkungslos. Ich werde mir den Burschen – wie heißt er noch gleich?«
»Hans Hilgert. Er ist Fliegerunteroffizier.«
»Also, ich werde mir diesen Hans Hilgert persönlich vorknöpfen. Bin doch mal gespannt, ob ich ihn nicht zur Vernunft bringen kann.«
»Er macht einen sehr sympathischen Eindruck«, gab Magdalene vorsichtig zu bedenken. Sie fürchtete, dass sich ihr Mann wie sie selber von Hilgerts guter Haltung beeindrucken lassen würde.
Oberst Rott drückte seine Zigarette aus. »Wäre ja noch schöner, wenn es nicht so wäre. Ich habe niemals angenommen, dass meine Tochter sich in ein Ekel verliebt. Bist du jetzt einverstanden, dass wir essen gehen?«
Magdalene erhob sich. »Du musst es behutsam anfangen, Herbert! Du weißt, was uns der Arzt über Evelyns Gesundheit gesagt hat …«
»Nein, Magda, ganz falsch. Hier muss hart durchgegriffen werden. Ein rascher, entschlossener Schritt ist besser als eine unnötig verlängerte Qual.« Er trat neben sie, schob seinen Arm unter ihren Ellbogen »Mach dir nicht zu viel Gedanken, Magda, ich weiß schon, wie ich es anpacken muss. Kümmere du dich jetzt mal um Flugverbindungen und so weiter. Ich denke, wenn alles vorbei ist, werde ich euch beide an die Côte d’Azur schicken. Das wolltest du doch schon immer, nicht wahr, Liebling?«
Pulsuz fraqment bitdi.