Kitabı oxu: «Das Schicksal der Lilian H.»

Şrift:

Marie Louise Fischer

Das Schicksal der Lilian H.

SAGA Egmont

Das Schicksal der Lilian H.

Das Schicksal der Lilian H. (Diagnose Mord)

Copyright © 2017 by Erbengemeinschaft Fischer-Kernmayr, (www.marielouisefischer.de) represented by AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de)

Originally published 1975 by Lübbe Verlag, Germany

Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og Ringhof Forlag A/S

All rights reserved

ISBN: 9788711718513

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt og Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com

1

Es war Freitag nachmittag kurz nach 16 Uhr, als die Tür zum Labor des Gerichtsmedizinischen Instituts einen Spalt breit geöffnet wurde.

»Herr Doktor Sturm«, rief die Sekretärin Professor Fabers und steckte den Kopf herein, »bitte, würden Sie wohl mal rüber kommen?«

Dr. Michael Sturm, der gerade dabei gewesen war, einen winzigen Hautfetzen unter dem Mikroskop zu untersuchen, richtete sich auf, und sein junges, glattes Gesicht zeigte die Verwirrung eines Menschen, der unversehens aus dem Zustand höchster Konzentration gerissen worden ist.

»Professor Faber will Sie sprechen«, verkündete das Mädchen und war schon wieder verschwunden.

»Au weia!« Dr. Jo Kulicke, der Reagenzgläser in die Spezialspülmaschine ordnete, drehte sich um. »Das hat nichts Gutes zu bedeuten.« Er fuhr sich mit der freien Hand über sein kurzgeschnittenes rotblondes Haar.

Dr. Sturm blieb gelassen. »Vielleicht doch.« Er trat zum Waschbecken und sah flüchtig sein eigenes Bild in dem schiefhängenden kleinen Spiegel: ehrliche blaue Augen, eine breite Stirn, dichtes dunkelblondes Haar und ein gepflegter Kinnbart, der ihm, wie er selber fand, eine gewisse Würde verlieh. Er stellte fest, daß sein Kittel nicht mehr ganz sauber war, zog ihn aus – Professor Faber war sehr penibel –, wusch sich gründlich die Hände und schlüpfte in sein hochsommerlich leichtes hellbraunes Jackett.

Dr. Kulicke beobachtete ihn dabei, und seine schmalen grünen Augen funkelten amüsiert. »Du willst wohl Eindruck schinden, wie?«

Dr. Sturm war an die kleinen Bosheiten seines jüngeren Kollegen gewöhnt. »Schnauze, Füchschen«, sagte er und puffte ihn im Vorbeigehen leicht in die Seite, »laß an meinem Platz alles, wie es ist. Ich will es nachher fertig machen.«

Dr. Michael Sturm verließ das Labor, schritt den Flur entlang und betrat, direkt vom Gang aus, nach kurzem Anklopfen das Arbeitszimmer Professor Fabers.

Der Leiter des Gerichtsmedizinischen Instituts saß hinter seinem Schreibtisch, ein schlanker, weißhaariger Herr mit schmalem Gesicht und kühlen grauen Augen. Beim Eintritt seines ersten Assistenten nahm er die dunkle Hornbrille ab. »Ah, da sind Sie ja, lieber Kollege«, sagte er mit der ihm eigenen leicht übertriebenen Höflichkeit, mit der er sich Abstand und Achtung verschaffte, »reizend von Ihnen, daß Sie gleich gekommen sind … bitte, nehmen Sie doch Platz!« Er deutete auf den Sessel gegenüber dem Schreibtisch.

Dr. Sturm setzte sich schweigend und wartete ab. Dabei hatte er, wie meist in der Anwesenheit seines Chefs, das peinigende Gefühl, im Vergleich mit diesem selbstsicheren eleganten Mann ein grober Klotz zu sein.

Professor Faber kam rasch zur Sache. »Sie haben sich vor einiger Zeit als Leiter des Gerichtsmedizinischen Institutes in Kiel beworben, lieber Kollege …« Er lehnte sich gemächlich zurück.

»Mit Ihrem Einverständnis, Herr Professor«, beeilte Dr. Sturm sich zu versichern.

»Aber selbstverständlich! Ich bin nicht der Mensch, der sich der Karriere junger Mitarbeiter in den Weg stellt.« Professor Fabers Gesicht blieb völlig undurchdringlich. »Um so mehr bedaure ich, Ihnen heute mitteilen zu müssen, daß es diesmal nicht geklappt hat … man hat sich in Kiel für einen anderen Bewerber entschieden.«

Dr. Sturm fühlte, wie ihm kalt und heiß wurde. So sehr hatte er auf diese Berufung gehofft, so stark hatte er damit gerechnet – und nun das!

»Ich habe es vorerst unterderhand erfahren«, erklärte Professor Faber und spielte mit dem Bügel seiner Hornbrille. »Aber ich dachte, ich sollte es Ihnen sofort sagen, damit Sie nicht länger im ungewissen schweben.«

»Danke, Herr Professor«, brachte Dr. Sturm mühsam heraus.

»Nehmen Sie es nicht so tragisch!« Professor Fabers schmale Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. »Was ist schon Kiel!«

»Ich wollte heiraten, Herr Professor.«

»Ihr Gehalt ist doch nicht so gering …«

»Ich habe eine alte Mutter zu versorgen.«

»Nun ja, ich verstehe. Das Fräulein Braut wird ungeduldig. Aber lassen Sie sich von einem erfahrenen Mann etwas sagen … wie alt sind Sie?«

»Achtundzwanzig.«

»Na, sehen Sie. Es hat schon manch einer zu früh, aber noch niemand zu spät geheiratet. Ich jedenfalls bin recht froh, daß Sie unserem Institut noch erhalten geblieben sind.«

Dr. Sturm hatte das Gefühl, daß dies eine Entlassung sein sollte, und stand auf.

Professor Faber hob seine schmale, sensible Hand. »Moment, lieber Kollege. Sie wissen, daß ich heute nach Berlin fliege. Zu einem Kongreß. Lassen Sie sich die verschiedenen Anschriften und Telefonnummern, unter denen ich zu erreichen bin, von meiner Sekretärin geben. Notfalls werde ich in kürzester Zeit zurück sein. Aber ich hoffe doch, daß uns über dieses Wochenende ein Mordfall erspart bleibt. Und im übrigen verlasse ich mich ganz auf Sie, lieber Kollege.«

Als Dr. Michael Sturm ins Labor zurückkehrte, waren alle außer Dr. Kulicke, der auf der Fensterbank saß und seine Zigarette rauchte, schon gegangen.

»Was machst du denn für ein Gesicht?« rief er munter. »Hat der Alte dir in die Suppe gespuckt?«

»Kiel hat meine Bewerbung abgelehnt.«

»Sagt ich’s doch!« Dr. Kulicke schwang sich zu Boden. »Da steckt der Alte hinter. Der hat dir eine ungünstige Beurteilung geschrieben … noch zu jung, um eine so große Verantwortung zu tragen und so weiter und so fort … all der wohlbekannte Quatsch.«

Dr. Sturm schüttelte den Kopf. »Das glaube ich nicht. Er war so nett zu mir.«

»Ach was … der und nett! Das ist ein ganz falscher Fuffziger! Wir sollten dem mal tüchtig auf die Zehen treten …« »Nein, Jo, selbst wenn du recht hättest. Das nutzt doch nichts. Ich möchte bloß wissen, wie ich es Eva beibringen soll. Das macht mir die meiste Sorge.«

»Kann ich verstehen, Michael. Die wird ganz schön sauer sein.«

Die Schöller-Werke lagen am Rande der Stadt, ein ausgedehnter Komplex von Werkhallen, locker um das Hochhaus gruppiert, in dem die Verwaltung untergebracht war.

Fünf Uhr. Die Sirenen heulten auf und verkündeten den Feierabend. Die Arbeitnehmer schoben sich über das Gelände und drängten zu den Toren. Das Wochenende hatte begonnen.

Nur in den Büroräumen der höchsten Herren wurde noch gearbeitet.

Die Stimme Direktor Kaysers dröhnte durch die Sprechanlage in das Vorzimmer hinaus: »Fräulein Horn … bitte die Post zur Unterschrift!«

»Wurde aber auch Zeit.« Lilian Horn erhob sich geschmeidig und fuhr sich mit den Händen über die schmalen Hüften, um den weißen Leinenrock zu glätten.

Fräulein Föllner, ihre Kollegin, beobachtete sie dabei über ihre Brille weg mit einem Ausdruck zornigen Neides, die schmalen Lippen zusammengepreßt, die Nasenflügel bebend.

Lilian Horn lächelte auf sie herab. »Machen Sie sich nichts draus, Süße … bald fahr’ ich in Urlaub, und dann haben Sie wieder mal Gelegenheit, sich vom Alten unter den Rock fassen zu lassen!«

Fräulein Föllners graues Gesicht verzog sich, als wenn sie in eine Zitrone gebissen hätte. »Wie können Sie es wagen?« fauchte sie.

Lilian Horn lachte nur, nahm die beiden Unterschriftsmappen, klappte sie zu und tänzelte durchs Zimmer. Sie öffnete die Doppeltür und schloß sie sorgfältig hinter sich. Direktor Kurt Kayser blickte hoch, als sie eintrat, und in seinen hellblauen, leicht quellenden Augen leuchtete bewundernde Lüsternheit auf. »Wie machen Sie das nur, Lilian? Nach acht Stunden Büro sehen Sie immer noch wie aus dem Ei gepellt aus!«

»Eine Sache des Trainings, Herr Direktor.« Lilian Horn legte die beiden Mappen auf den Schreibtisch, schlug die oberste auf und schob sie vor ihn hin; als er an der Schleife ihrer maisgelben Chiffonbluse zupfen wollte, gab sie ihm einen leichten Klaps auf die Hand.

Er unterschrieb, und sie blätterte um. Dabei sah sie auf seine glatte, sonnengebräunte Glatze, die von einem gepflegten eisgrauen Haarkranz umgeben war. Als er sich einem längeren Brief widmete, glitt ihr Blick sehnsüchtig zur Fensterwand, hinter der sich das Panorama der Industriestadt am Rhein mit ihren Schloten und Fördertürmen unter einem dunstig blauen Himmel ausbreitete.

»Ich fliege übers Wochenende nach Sylt«, sagte Direktor Kayser, während die Spitze seines Kugelschreibers ein vergessenes Komma einsetzte. Seine Unterschrift war zügig und kurz, man erkannte eigentlich nur das K.

»Na, dann viel Spaß!« Lilian Horn blätterte um.

»Du brauchst nur ein Wort zu sagen, und ich nehme dich mit!«

Er wechselte, scheinbar unwillkürlich, vom förmlichen Sie zum vertraulichen Du über.

Sie merkte es sofort. »Bin zu Tränen gerührt.«

»Aber …?«

»Kein Interesse.«

Jetzt legte er den Kopf zurück. »Du weißt, daß ich es ganz ernst meine, Lilian! Du bist für mich die berückendste, entzückendste …«

Ihre bernsteingelben Augen funkelten. »Wie originell! Übernimm dich nur nicht!«

Er legte den Arm um ihre Hüften und zog sie an sich. »Ich hätte mich schon längst scheiden lassen …«

Sie befreite sich geschickt von seinem Griff. »Das hat niemand von dir verlangt!«

»Ich hätte es getan«, beharrte er, »wenn meine Frau nicht so krank wäre. Aber kann man einen Krüppel im Stich lassen? Sie hat niemanden und nichts außer mir.«

»Wie geht es ihr?« fragte Lilian, und der Klang ihrer Stimme hatte sich verändert.

»Ihre Krankheit ist unheilbar, und sie weiß es.« Seine vollen Lippen zuckten. »Es ist ein Elend, sie so dahinsiechen zu sehen.«

»Aha, jetzt verstehe ich«, sagte Lilian Horn, und ihr Spott hatte etwas Gewaltsames, »darum läßt du sie auch jedes Wochenende allein? Damit du es nicht …«

In diesem Augenblick entdeckte sie, daß die Sprechanlage eingeschaltet war. Sie drückte auf die Taste, und das grüne Licht erlosch.

»Verdammt«, sagte er, »das hatte ich übersehen. Sehr schlimm?« Seine Hand glitt ihre perlonbestrumpften glatten Oberschenkel hinauf. »Jetzt habe ich dich kompromittiert.«

Sie trat einen Schritt zurück. »Mich doch nicht.« Sie verzog ihre schönen, sorgfältig angemalten Lippen zu einem Lächeln. »Du kennst meine Devise: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt man gänzlich ungeniert!«

»Du kommst also mit?«

»Aber nicht doch, Chef! Nicht wieder dieselbe Leier von vorne!« Sie nahm die beiden Unterschriftsmappen an sich, berührte flüchtig mit den Lippen seine Glatze und tänzelte zur Tür. »Ich hab’ was Besseres vor!«

Er drückte auf die Sprechtaste. »Fräulein Föllner, bitte …«

»Herr Direktor?« Die Stimme des ältlichen Fräuleins kam atemlos, fast keuchend vor Erregung.

»Verbinden Sie mich, bitte, mit meiner Frau!« Er beugte sich weiter vor. »Moment mal, Fräulein Föllner … im übrigen verlasse ich mich ganz auf Ihre Diskretion. Haben Sie mich verstanden?«

2

Schwester Elise machte sich in dem weiten, vom Sonnenlicht durchfluteten Zimmer zu schaffen, während Frau Kayser telefonierte. Dabei beobachtete sie die Patientin unauffällig aus den Augenwinkeln, so daß sie gleich zur Stelle war, als der Hörer der kraftlosen Hand entfiel und an der kurzen Schnur hinunterbaumelte. Sie schnappte ihn, hielt ihn ans Ohr, legte ihn dann jedoch, da sie nur das Freizeichen hörte, auf die Gabel zurück. Danach blieb sie beim Bett stehen und blickte mit undeutbarem Ausdruck auf Irene Kayser herab, die mit geschlossenen Augen in ihren Kissen lag. Die bemalten Lippen der Kranken, die getuschten Wimpern und die gezupften Brauen wirkten gespenstisch in dem blassen, schlaffen, aufgedunsenen Gesicht. Frau Kaysers dunkles, mit einer weißen Strähne durchzogenes Haar war sorgfältig frisiert. Sie trug ein langärmeliges, weißes, hochgeschlossenes, mit Spitzen besetztes Nachthemd, und trotz der sommerlichen Wärme hatte sie einen bunten Kaschmirschal um den Hals geschlungen.

Die junge Schwester sagte nichts und fragte nichts, denn sie war lange genug im Haus, um zu wissen, was ein solcher Anruf Herrn Kaysers am späten Freitagnachmittag zu bedeuten hatte.

Als die Kranke sich nicht rührte, trat die Pflegerin in die offene Terrassentür hinaus und blickte über den sehr grünen kurz geschnittenen Rasen, auf dem die Wassersprenger sich drehten, zu den Beeten blühender, leuchtender, duftender Rosen hinüber.

»Schwester …«

Die Stimme Irene Kaysers war kaum vernehmbar, dennoch genügte sie, um die Pflegerin zusammenzucken zu lassen. Sie drehte sich um und eilte an das Bett.

Die Patientin sah sie aus glanzlosen Augen an. »Sie können mich abschminken, Schwester.«

Der Raum, in dem die Kranke lag, war ursprünglich das Eßzimmer der Kayserschen Villa gewesen, davon zeugte noch jetzt die Anrichte aus weißem Ahornholz, die eine ganze Wand einnahm. Auf ihr hatte Schwester Elise die Utensilien aufgebaut, die sie zur Pflege der Patientin brauchte. Jetzt stellte sie verschiedene Flaschen und Dosen auf einen Teewagen, holte aus der Küche eine flache Plastikschale voll lauwarmen Wassers und schob den so beladenen Wagen dicht an das freistehende Bett. Sie setzte sich auf den äußersten Rand, beugte sich hinüber und begann sehr behutsam das Gesicht der gelähmten Frau mit einer dicklichen weißen Flüssigkeit zu massieren.

»Sie dürfen das meinem Mann nicht übelnehmen«, sagte Irene Kayser, »er ist so vital … so voller Leben … er muß von Zeit zu Zeit hier heraus, verstehen Sie?«

»Wir beide werden uns ein ganz gemütliches Wochenende machen«, versprach Schwester Elise, »wenn es morgen so schön bleibt, kann ich Sie vielleicht auf die Terrasse schieben.«

Die Stimmung der Patientin schlug plötzlich um. »Spielen Sie bloß nicht die Aufopferungsvolle! Als wenn ich nicht wüßte, wie sehr Ihnen die Arbeit, die ich Ihnen mache, zum Hals heraushängt.«

»Sie gehört zu meinem Beruf«, erwiderte Schwester Elise sanft, »für den ich mich freiwillig entschieden habe.« »Tun Sie nur nicht so, als wenn es Ihnen nichts ausmachen würde, einen Krüppel wie mich zu pflegen! Ich weiß genau, wie sehr Sie mich hassen … nein, nein, verteidigen Sie sich nicht, ich nehme es Ihnen ja gar nicht übel, ich hasse mich ja selber. Was für ein Leben. Immer nur allen anderen zur Last fallen … ohne Aussicht auf eine Heilung.«

»So dürfen Sie nicht reden, gnädige Frau«, erklärte Schwester Elise mit Nachdruck, »Doktor Koblenz … wir alle haben Hoffnung. Erinnern Sie sich noch … vor zwei Wochen ging es Ihnen viel besser …« Sie ließ die Patientin nicht zu Wort kommen, sondern redete weiter: »Wir erleben jetzt einen kleinen Rückfall, aber das ist doch kein Grund, den Mut zu verlieren. Wir müssen tapfer sein, ja?«

Irene Kayser hob mühsam die Hand und griff nach Schwester Elises Arm. »Sie sind so gut zu mir!« Ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Sie müssen mich ja für eine Hexe halten.«

»Aber nein, bestimmt nicht.« Schwester Elise wischte ihr die Lotion mit einem feuchten Wattebällchen aus dem Gesicht.

»Ich arbeite gerne hier … wirklich.«

»Es wird zuviel für Sie. Sie sind noch so jung und … wissen Sie was? Sie werfen heute abend einmal alles hin und gehen ins Kino.«

»Gnädige Frau, das geht doch nicht! Sie wären ganz allein im Haus und …«

»Ich bitte Sie!« Irene Kayser lachte fast. »Was habe ich schon zu befürchten? Nichts. Ich habe nichts mehr zu gewinnen und nichts mehr zu verlieren. Also gehen Sie schon. Tun Sie mir den Gefallen!«

»Es läuft zur Zeit gar nichts Vernünftiges.« Schwester Elise tupfte die Spuren von Feuchtigkeit mit einem weichen, sauberen Handtuch ab. »Nur Sex-Filme und so weiter.«

»Dann gehen Sie eben in einen Sex-Film, ja, es ist mein voller Ernst.« Die Patientin geriet geradezu in Eifer. »Gerade das ist es, was Sie brauchen. Sie sind ein bißchen zu prüde, Schwester! Glauben Sie mir, wenn Sie weiter so brav und zurückhaltend bleiben, kriegen Sie nie einen Mann.« Schwester Elises Gesicht verschloß sich. »Vorläufig habe ich auch noch nicht vor zu heiraten.«

Irene Kayser ließ sich nicht abspeisen. »Das sagt man so dahin, und mit einem Mal ist es zu spät. Je mehr ich es mir überlege, ein Sex-Film ist genau das Richtige für Sie. Das ist ein Befehl, Schwester. Ich schicke Sie ja auch aus Egoismus, damit Sie mir endlich wieder mal was zu erzählen haben.« Schwester Elise war schon fast überzeugt. »Und wie soll das mit dem Abendbrot werden?«

»Unwichtig. Ich esse heute eben früher. Sie machen mich zur Nacht fertig, geben mir meine Tabletten, und schon sind Sie endlich mal von mir und dieser Krankenstubenatmosphäre befreit. Keine Widerrede. So wird’s gemacht.«

3

Lilian Horn lag, nur mit einem weißen Bademantel bekleidet, einen Turban um das blonde Haar drapiert, lang ausgestreckt auf ihrem Bett und ließ die Schönheitsmaske, die sie sich aufgelegt hatte, wirken. Sie hatte zwischen den wohlgeformten Zehen Watteröllchen stecken, damit der frische Lack nicht beschädigt wurde, und hielt die manikürten und lackierten Finger gespreizt.

Die Balkontür stand weit offen, und ein leichter Luftzug strich durch das große Zimmer im 9. Stock eines Gebäudes, das im Volksmund der »Sekretärinnen-Silo« genannt wurde. Tatsächlich lebten nur alleinstehende Frauen in den modernen, praktischen Einzimmer-Appartements, wenn auch nicht ausschließlich Sekretärinnen.

Lilian Horn versuchte sich ganz zu entspannen und an nichts zu denken, denn sie wußte, daß das die Wirkung ihrer Maske unterstützen würde. Aber ohne daß sie es wollte, ging ihr das Gespräch mit ihrem Chef durch den Kopf.

Ob er es wohl ernst meinte? Sie war nicht ein bißchen in ihn verliebt, aber das hätte sie wohl kaum daran gehindert, seinen Antrag anzunehmen. Wenn er frei gewesen wäre. Nach einer mißglückten Ehe, die als Liebesheirat begonnen hatte, war sie, so glaubte sie wenigstens, Männern gegenüber sehr sachlich geworden. Kurt Kayser war nicht uneben, kein schöner Mann und auch nicht mehr jung, aber erfolgreich und intelligent. Er konnte einer Frau allerhand bieten: gesellschaftliche Stellung, sorgloses Leben, Schmuck, Pelze, Wochenenden auf Sylt, ein schönes Haus – er hätte ihr das geben können, wenn er unverheiratet gewesen wäre. Aber das eben war er nicht. Er war an eine Frau gefesselt, die nie mehr gesund werden würde, aber trotzdem noch gut und gerne zwanzig Jahre leben konnte. Also hatte es überhaupt keinen Zweck, einen Gedanken an Kurt Kayser zu verschwenden. Er fiel als ernsthafter Bewerber vollkommen flach.

Lilian Horn stützte sich auf die Ellbogen, richtete sich halb auf und warf einen Blick auf das Zifferblatt ihres winzigen Weckers. Die zehn Minuten, die die Maske wirken sollte, waren um. Sie schwang die nackten Beine vom Bett, löste die Wattebänder zwischen den Zehen, stand auf und warf sie in den Papierkorb.

Das Bad war ganz in rotem und schwarzem Plexiglas gehalten – eine Sonderanfertigung – und hatte keine Fenster, sondern nur Leuchtröhren und einen Luftabzug. Lilian Horn spülte sich die hart gewordene Maske mit lauwarmem Wasser ab und cremte sich ein, erst das Gesicht, dann den ganzen Körper.

Nackt betrachtete sie sich im Spiegel. Ihre Beine waren lang, der kleine, feste Busen saß hoch, es gab kein Pfund zu viel um die Hüften, Magen und Bauch bildeten von der Seite gesehen eine wundervolle Linie, und ihr schmales Gesicht mit den hochstehenden Wangenknochen unter den bernsteingelben Augen zeigte keine einzige Falte. Man hätte sie für achtzehn halten können, wenn da nicht eine gewisse Härte gewesen wäre, die von überwundenen Enttäuschungen sprach, eine Erfahrung im Blick, die kein junges Mädchen haben konnte.

Wenn sie lachte, wirkte sie jünger. Sie lachte ihrem Spiegelbild zu und nahm den Turban ab. Sie prüfte die Wurzeln ihres frisch getönten, hellblonden Haares, fand keine Spur von Dunkelheit, ließ die Strähnen befriedigt fallen und kämmte sich.

Sie parfümierte sich und schlüpfte in einen kleinen weißen Seidenslip, zog Perlonstrümpfe an und streifte Strumpfbänder über.

Anschließend besprühte sie ihre sorgfältig ausrasierten Achselhöhlen mit einem Desodorant und legte dann so peinlich genau Make up auf, daß ihr Gesicht, als sie fertig war, einem Kunstwerk glich.

Nachdem sie im Bad Ordnung gemacht hatte, ging sie ins Zimmer zurück, holte ein ärmelloses Kleid aus Goldbrokat aus dem Schrank, stieg von oben hinein und zurrte den Reißverschluß im Rücken zu. Sie wählte goldene Pumps, packte ihr goldenes Abendtäschchen, nahm eine helle Breitschwanzstola vom Bügel und warf sie über einen Sessel. Es war zwanzig Minuten nach acht.

Lilian Horn ging in die Küche und öffnete den Eisschrank. Sie fand eine noch unangebrochene Flasche Wodka und nahm sie heraus. Mit einem Küchenmesser trennte sie die Aluminiumkapsel auf und löste sie vom Verschluß.

Sie stieß einen leisen Schrei aus und zog die Hand zurück. Sie hatte sich in Daumen und Zeigefinger der rechten Hand geschnitten.

Sofort steckte sie beide Finger in den Mund. Sie lief ins Bad, drehte den Kaltwasserhahn über dem Becken auf und hielt die blutenden Finger unter den Strahl. Aus dem Toilettenschrank über dem Becken holte sie mit der linken Hand einen Alaunstein, mit dem sie die Wunde bearbeitete.

Nach wenigen Minuten hörte die Blutung auf. Die Schnittwunden waren blaß und kaum noch zu erkennen.

Lilian Horn spülte das Becken aus, legte den Alaunstein an seinen Platz und kehrte in die Küche zurück. Sie warf die Aluminiumhülle in den Müllschlucker, schenkte sich drei Finger hoch Wodka in ein Glas und leerte es in einem Zug. Die Haustürklingel schrillte dreimal hintereinander in gleichmäßigen Abständen. Lilian Horn ergriff ihre Stola, ihre Tasche, ihre Handschuhe und verließ die Wohnung. Sie schloß die Tür ab und fuhr mit dem Lift nach unten.

In der Halle erwartete sie Herr Kerst, Leiter der Agentur »Hostessendienst GmbH«, ein unauffälliger mittelalterlicher Mann mit sandfarbenem Haar, einem korrekten dunkelgrauen Anzug und silberner Krawatte. »Pünktlich wie immer«, sagte er, »sehr schön.« Er öffnete ihr die Tür und ließ sie vor sich auf die Straße treten.

Wenige Schritte vom Portal entfernt parkte ein dunkelblauer Mercedes 300. Noch war es hell draußen, trotzdem waren schon einige Fenster im Appartement-Hochhaus erleuchtet.

Herr Kerst legte beschützend eine Hand unter Lilian Horns Ellenbogen. »Vielleicht sollte ich Sie das nächste Mal nicht von hier abholen, Lilian«, schlug er vor.

»Warum denn nicht? Für mich ist es so am bequemsten.«

»Man beobachtet Sie.«

»Wer?«

Herr Kerst machte eine Kopfbewegung in Richtung auf das Haus hinter ihnen. »Ihre Nachbarinnen!«

»Ach die!« Lilian Horn lachte. »Sollen sie doch, wenn es ihnen Spaß macht. Ich habe nichts zu verbergen.«

»Aber …«

»Die Hälfte von denen läßt sich übers Wochenende vollaufen, bloß um die Zeit totzuschlagen. Sollen die ruhig über mich lästern. Die haben mehr Dreck am Stecken als ich.« Herr Kerst öffnete die Türe im Fond des Mercedes, und Lilian stieg ein.

Vorne rechts saß Ruth Fiebig, ein junges Mädchen mit leuchtendrotem, kurz gelocktem Haar. Sie wandte ihr blasses, großäugiges Gesicht Lilian zu und grüßte lächelnd.

»Fein, daß wir wieder mal zusammen sind.«

»Hallo, Ruth!«

Herr Kerst ließ den Motor an und fuhr rückwärts aus der Parklücke auf die Fahrbahn hinaus.

»Hast du eine Ahnung, was heute los ist?« fragte Lilian.

»Bis jetzt noch nicht!« Ruth blickte Herrn Kerst an. »Hoffentlich wird es nicht zu schwierig. Ich bin ziemlich geschafft.«

»Ihr müßt nicht einmal dolmetschen«, versicherte Herr Kerst, »der Auftrag kommt von einem Herrn Schmitt, Firmeninhaber einer Spielzeugfabrik. Vielleicht kennt ihr ihn? Wir haben schon öfters für ihn gearbeitet.«

»Nein«, sagte Lilian.

»Sehr sympathisch, sehr seriös, na, ihr werdet schon sehen. Er hat zur Zeit einen Einkäufer da, einen Herrn aus der Provinz. Dem will er was bieten.«

»Dann fahren wir am besten nach Düsseldorf«, schlug Lilian vor, »denn hier …«

»Nein, nein«, wehrte Herr Kerst ab, »es soll ein kurzer Abend werden. Mit Überstunden ist kaum zu rechnen. Der Gast fliegt morgen zurück.«

»Schade«, sagte Lilian.

»Lilian, die Unermüdliche«, spöttelte Ruth, »wann wirst du endlich die Nase voll haben?«

»Vielleicht, wenn ich alt und klapprig geworden bin! Als ich so jung wie du war, habe ich das Wort Müdigkeit überhaupt nicht gekannt!«

Die Damen waren bester Laune, als Herr Kerst vor der »Taverne« vorfuhr, einem Restaurant im italienischen Stil, das sich durch eine gute Küche, gepflegte Getränke und gesalzene Preise ein anspruchsvolles Publikum geschaffen hatte.

Die »Taverne« lag außerhalb der Stadt, oberhalb des Deiches, und die bunten Lampions, die den kastanienbestandenen Garten beleuchteten, spiegelten sich im Wasser des Niederrheins, der hier schon sehr breit war. Mit einiger Fantasie konnte man sich, besonders in einer so warmen Sommernacht wie heute, an das Mittelmeer oder zumindest an einen der oberitalienischen Seen versetzt fühlen, eine Illusion, die noch durch die weichen Klänge einer kleinen Band verstärkt wurde.

Herr Kerst half erst Lilian, dann Ruth aus dem Wagen und gab die Autoschlüssel dem Portier.

Die Herren warteten in einer braun getäfelten Stube, die, trotz der südländischen Dekoration, sehr deutsch wirkte. Sie hatten an einem runden, blütenweiß gedeckten Tisch gesessen und erhoben sich gleichzeitig, als Herr Kerst, gefolgt von den beiden Hostessen, das Restaurant betrat.

Als sie den Tisch erreicht hatten, begann Herr Kerst die Vorstellung zu übernehmen, und in diesem Augenblick sah Lilian Horn sich einem hochgewachsenen, breitschultrigen Mann mit braunen, von Lachfalten umgebenen Augen gegenüber.

Ihre Pupillen zogen sich von einer Sekunde zur anderen zusammen, als hätte sie, aus der Dunkelheit kommend, plötzlich in ein loderndes Feuer geblickt. Doch nichts weiter, nicht einmal das Zucken eines Muskels verriet sonst, daß sie diesen Mann kannte. Sie hatte sich bewundernswert in der Gewalt.

Sein Gesicht zeigte einen Atemzug lang äußerste Betroffenheit, dann hatte er sich wieder gefangen.

Als Herr Schmitt vorstellte: »Herr Togler … Fräulein Horn!«, begrüßten sie sich wie Fremde.

Allerdings spürte Lilian Horn jetzt, wie ihre Knie zu zittern anfingen, und sie war froh, als sie sich setzen durfte. Sie fühlte sich elend. Manchmal schon hatte sie sich ausgemalt, wie es sein würde, Hubert Togler zu begegnen. Aber nie hatte sie sich vorstellen können, daß ein Wiedersehen sie so treffen würde. Qualvoll wurde sie sich bewußt, daß sie dieses Kapitel ihres Lebens innerlich noch nicht abgeschlossen hatte.

Hubert Togler plauderte mit Ruth. Er durfte und sollte nicht merken, was in ihr vorging. Ostentativ wandte sie sich Herrn Schmitt zu und versuchte, ein Gespräch in Gang zu bringen, aber sie war so außer sich, daß sie gar nicht richtig aufnahm, was er zu ihr sagte, noch was sie selber erwiderte. Erst als sie einen Cocktail hastig in zwei, drei Zügen hinunter gestürzt hatte, fühlte sie sich besser.

»Noch einen?« fragte Herr Schmitt lächelnd.

Lilian übersah den warnenden Blick von Herrn Kerst.

»Ja, gerne.«

Auch den zweiten Cocktail trank sie sofort aus. Dann merkte sie, daß sich ihre Mundwinkel beim Lächeln verkrampften und die Gesichter um sie zu verschwimmen begannen.

›Ich bin betrunken!‹ dachte sie voller Scham und Schrecken. Sie erhob sich, mußte sich sehr zusammennehmen, um nicht zu schwanken, und sagte mit einer Stimme, die ihr nicht mehr gehorchen wollte: »Entschuldigen Sie mich, bitte …«

»Lilian, ist Ihnen nicht gut?« fragte Herr Kerst.

Sie lächelte ihr verkrampftes Lächeln. »Doch, doch, ich bin gleich wieder zurück …« Als Ruth sich erheben wollte, winkte sie ab. »Bitte, nicht!«

Mit steifen Schritten verließ sie den Raum. Sie wollte in den Garten, verfehlte die Richtung und fand sich auf der Straße wieder.

Sie zwang sich, tief durchzuatmen, aber das Schwindelgefühl wurde eher stärker als schwächer. Am liebsten hätte sie sich auf den grasbewachsenen Abhang neben der Straße geworfen, den Kopf in die Arme gelegt und geheult.

Aber sie befahl sich, aufrecht zu bleiben, und setzte weiter mechanisch Fuß vor Fuß.

Die anderen saßen schon bei den Horsd’œuvres, als Lilian wieder erschien. Sie wirkte erfrischt und sehr beherrscht, zeigte mit keiner Miene, was in ihr vorgegangen war. Niemand verlor über ihre Abwesenheit ein Wort.

»Ich habe für dich mitbestellt«, sagte Ruth Fiebig, »hoffentlich ist es dir recht.«

»Aber ja, ich danke dir. Du kennst ja meinen Geschmack.« Lilian aß mit gutem Appetit, trank aber mit äußerster Vorsicht von dem trockenen Weißwein, den Herr Schmitt bestellt hatte. Sie plauderte glänzend und gewandt und brachte mit ihren Geschichten die anderen immer wieder zum Lachen.

Als das Dessert abgetragen war, fragte der Gastgeber, ob die Damen einen Kaffee wünschten. Ruth bat darum.

Lilian sagte: »Lieber nicht. Wenn ich eine Bitte äußern darf, ich möchte tanzen!«

Sie blickte dabei Hubert Togler direkt in die Augen.

Er erhob sich, und sie schlängelten sich auf die Terrasse hinaus. Die Band spielte »Moon River«. Lilian lag so leicht wie eine Feder in seinen Armen, daß er sie kaum spürte.

Er tanzte steif und sehr gehemmt.

Sie lächelte zu ihm auf. »Hast du etwa Angst vor mir?«

»Du bist eine gefährliche Frau.«

»Nicht gefährlich genug. Sonst wärst du mir damals nicht entkommen.«

»Ich wußte, daß du mir das vorhalten würdest.«

»Hast du etwa gedacht, ich könnte es jemals vergessen?«

»Lilian!« Seine Stimme wurde laut, und er hatte Mühe, sie zu dämpfen. »Ich habe dich geliebt … ehrlich …«

Sie hob spöttisch die Augenbrauen. »Was kann ich mir dafür kaufen?«

»Ich konnte dich nicht heiraten, Lilian, ich habe mit mir gekämpft, aber, bei Gott, ich konnte es nicht! Ich lebte in einer stockkatholischen Kleinstadt, fast war’s ein Dorf … was glaubst du, was passiert wäre, wenn ich da eine schuldig geschiedene Frau angebracht hätte?«

»Ich weiß nicht. Ich hätte es gern erlebt.« Sie legte ihm den Finger auf die Lippen, als er etwas erwidern wollte.

»Scht, du sollst dich nicht verteidigen. Es ist ja längst vorbei. Ein alter Hut. Ich will dir keine Vorwürfe machen, sondern nur die Atmosphäre zwischen uns bereinigen, damit wir wie vernünftige Menschen miteinander umgehen können. Du wohnst also jetzt nicht mehr auf deinem Dorf?«

»Nein. In München. Ich bin Einkäufer eines Warenhauskonzerns geworden. Verheiratet bin ich inzwischen auch. Meine Frau erwartet ein Baby.«

»Dann kann ich dir also nur noch gratulieren!« Sie strahlte zu ihm auf, während ihr war, als zöge sich ihr Herz schmerzhaft zusammen.

4

Schwester Elise kam zwanzig nach zehn in die Kaysersche Villa zurück. Sie ging sofort auf ihr Zimmer, den ehemaligen kleinen Salon, der direkt neben dem zur Krankenstube degradierten Eßraum lag.

Leise öffnete sie die Tür einen Spalt breit und wunderte sich, daß drinnen nicht wie sonst das Nachttischlämpchen brannte. Aber da die Patientin, die gewöhnlich beim leisesten Geräusch erwachte, sie nicht rief, nahm sie an, daß sie glücklicherweise fest eingeschlafen war. Lautlos zog Schwester Elise sich im Dunkeln aus, huschte in die Gästetoilette, wo sie sich wusch und für die Nacht vorbereitete. Dann legte sie sich auf ihre Couch und schlief kurz darauf ein.

Sie erwachte mit dem Gefühl, daß etwas Ungewöhnliches geschehen war. Sie lauschte in die Dunkelheit. Kein Laut. Die Vorhänge waren zugezogen, aber durch die Spalten drang das schwache Licht der Morgendämmerung.

Jetzt begriff Schwester Elise, was sie so irritierte: die Nacht war vergangen, ohne daß Frau Kayser sie ein einziges Mal geweckt hatte. Sie warf einen Blick auf das Leuchtzifferblatt ihres großen, stabilen Weckers: Es war genau zwei Minuten vor fünf. Sie sprang auf, schlüpfte in ihre Pantoffeln und ihren Morgenrock und eilte zur Verbindungstür, die sie, wie immer, halb offen gelassen hatte. Sie stieß sie auf.

Die ersten Sonnenstrahlen erhellten den großen Raum; die Tür zur Terrasse hin stand auf. Die Patientin lag in einer unnatürlichen Haltung da. Der rechte Arm hing aus dem Bett und die Hand berührte das Heidschnuckenfell auf dem Boden.

Schwester Elise erschrak. »Frau Kayser«, rief sie, »was ist passiert?« Ihre Stimme schallte sehr laut durch das stille, einsame Haus.

Sie lief näher, und erst jetzt sah sie, daß alles voller Blut war: das Nachthemd, der Teppich, die Bettdecke, alles war von dunkelbraunem, bereits geronnenem Blut durchtränkt.

Mit äußerster Anstrengung überwand Schwester Elise ihren Ekel und beugte sich über das Bett. Irene Kaysers Hals war mit einem grauenhaften Schnitt durchtrennt. Ihr Kopf war in den Nacken gesunken, die offenen Augen blickten starr zur Decke.

Sie hörte einen gellenden Schrei, und es war ihr, als käme er aus der grauenhaft klaffenden Wunde der Toten wie aus einem zweiten Mund. Es dauerte Sekunden, bis sie begriff, daß sie es selber war, die schrie, immer noch schrie.

Sie drehte sich panikartig um, raste in die Diele hinaus und dann in das Herrenzimmer, auf dessen Schreibtisch ein Telefon stand. Sie kam gar nicht auf den Gedanken, den Apparat auf dem Nachttisch der Toten zu benutzen, sie hätte es nicht länger dort ausgehalten.

Ohne zu überlegen wählte sie die Nummer der Polizei: »Ein Mord … meine Patientin, Frau Kayser … die Kehle durchschnitten, alles voll Blut«, stammelte sie, »ja, ja, ich rufe aus dem Haus an … Rheinallee 127 … schnell, bitte, kommen Sie schnell!«

Sie legte den Hörer auf und ließ sich in den Sessel sinken, versuchte, Fassung zu gewinnen, ihre Gedanken zu ordnen.

Immer noch zitternd rief sie den Hausarzt, Dr. Koblenz, an. »Bitte, kommen Sie sofort … Frau Kayser ist tot. Ich habe schon die Polizei angerufen.«

»Das hätten Sie nicht tun sollen«, sagte der Arzt mit einer Stimme, die vor Verschlafenheit knarrte.

»Aber … alles ist voll Blut … sie ist … ermordet worden!«

»Das können Sie nicht beurteilen, Schwester. Werden Sie um Himmels willen nicht hysterisch. Bleiben Sie ganz ruhig und rühren Sie nichts an. Ich bin gleich da.«

Aber noch vor Dr. Koblenz war die Mordkommission am Tatort, ein ganzer Pulk von Männern. Schwester Elise hörte ihre Stimmen, das Quietschen der Bremsen und das Zuschlagen der Autotüren auf der Straße, und sie riß die Haustür auf, noch bevor es klingelte.

Ein langer, magerer junger Mann stürmte mit umgehängter Kamera als erster herein und schrie: »Wo ist es? Wo?« Schwester Elise wies auf die offene Türe an der gegenüberliegenden Seite der Diele.

Der junge Mann rannte weiter.

Ein untersetzter Mann mit schief sitzender Krawatte, einem verbeulten Hut auf dem Kopf und Bartstoppeln am Kinn trat zu Schwester Elise. »Ich bin Kriminalinspektor Kramer. Sie haben die Polizei verständigt, ja?«

Schwester Elise konnte nur nicken, sie war ihrer Stimme nicht mächtig.

»Nun beruhigen Sie sich erst einmal«, sagte der Inspektor, »wir werden uns den Tatort ansehen. Dahinten? Danke, Sie brauchen nicht mitzukommen. Vielleicht ziehen Sie sich inzwischen an. Und kochen Sie uns doch bitte eine große Kanne Kaffee, die können wir alle brauchen.«

Er zog mit seinen Männern weiter, Schwester Elise blieb einfach stehen, unfähig, seinen gutgemeinten Anordnungen nachzukommen.

Sie hörte ihn im Sterbezimmer schimpfen: »Sie! Also ausgerechnet Sie! Wer hat Sie denn hereingelassen?! Ja, ich verstehe schon, Polizeifunk abgehört … aber jetzt verschwinden Sie gefälligst, oder ich muß Ihre verdammte Kamera konfiszieren!«

Der dürre junge Mann kehrte zurück. Er sah durchaus nicht bekümmert aus, sondern grinste selbstzufrieden.

»Immer diese Reporter!« schimpfte drinnen Inspektor Kramer.

Der Zeitungsmann gab Dr. Koblenz die Haustür in die Hand.

Der Arzt warf Schwester Elise einen tadelnden Blick zu. »Da haben Sie was Schönes angerichtet!« Er stelzte durch die Diele.

Die Männer von der Mordkommission hielten sich, um nur ja keine Spuren zu verwischen, in respektvollem Abstand von dem Bett entfernt.

»Guten Morgen!« Dr. Koblenz lüftete seinen Hut und wollte ihn auf einen der Sessel werfen.

Kriminalinspektor Kramer gab ihn ihm wieder. »Lieber nicht, Sie wissen ja, das könnte Verwirrung stiften!«

Dr. Koblenz setzte den Hut wieder auf. »Ach ja, richtig«, sagte er zerstreut, »meine Herren, ich bedauere, daß man Sie alarmiert hat. Ganz sicher handelt es sich hier nicht um ein Verbrechen.«

»Ihr Wort in Gottes Ohr, Herr Doktor«, sagte der Mann von der Spurensicherung, »sie ahnen nicht, wie wir so etwas lieben. Ausgerechnet am Wochenende.«

»Frau Kayser ist … vielmehr … sie war meine Patientin. Ein sehr schwerer Fall. Sie hat des öfteren Selbstmordabsichten geäußert«, berichtete der Arzt, »wir mußten stets alle Tabletten aus ihrer Reichweite halten. Ich bin ganz sicher, daß sie …« Er räusperte sich. »Diesmal Ernst gemacht hat. Ich bedaure sehr, daß ich es nicht verhindern konnte.« »An was für einer Krankheit litt sie denn?« fragte Kriminalinspektor Kramer.

»An multipler Sklerose.«

Die Männer der Mordkommission verstanden.

»Sehr schmerzhaft«, fügte Dr. Koblenz überflüssigerweise hinzu, »unheilbar.«

»Die Krankheit wirkt sich doch als Lähmung aus«, sagte der Kriminalinspektor nachdenklich, »und Sie meinen, daß sie die Kraft gehabt hätte, sich selber den Hals durchzuschneiden?«

»Doch, doch. Die Lähmung tritt nicht gleichmäßig auf. Sie erfolgt in Schüben.«

Dr. Koblenz trat an das blutdurchtränkte Bett, stolperte über die Kante des Heidschnuckenfells und beförderte es mit einem nervösen Fußtritt unter das Bett.

5

Dr. Michael Sturm tastete sofort nach dem Hörer, als das Telefon schrillte, nahm ihn ab, lauschte kurz und sagte: »Schon verstanden. Ich komme.«

Im Zimmer war es sehr dunkel, die Vorhänge waren zugezogen.

Er knipste die Nachttischlampe an. Eva, seine Verlobte, lag neben ihm, zusammengerollt wie ein Kind, die dunklen Lokken zerzaust, die geschlossenen Augen verquollen von vergossenen Tränen. Er betrachtete sie liebevoll.

Die Eröffnung, daß aus der erhofften Berufung nach Kiel und damit aus der nun schon so lange angestrebten Heirat vorerst nichts werden würde, hatte sie schwer getroffen. Sie war außer sich geraten und hatte ihm wilde Vorwürfe gemacht. Wie üblich hatten sie sich heftig gezankt, und wie üblich hatten sie sich genauso heftig wieder versöhnt.

Jetzt schwebte ein kleines Lächeln um ihre Lippen. Es widerstrebte ihm, sie zu wecken und in die widrige Wirklichkeit zurückzurufen. Er überlegte, ob er nicht leise aufstehen und sie weiter schlafen lassen sollte. Seine Mutter sprach zwar nicht darüber, aber sie wußte sicher längst, daß er sie manchmal mit zu sich herauf nahm. Er war sicher, daß sie der Situation gewachsen sein würde. Vielleicht würde es sogar ganz gut sein, wenn die beiden Frauen sich einmal in der Früh, und ohne daß er dabei war, begegneten. Möglicherweise würde sich ihr Verhältnis dadurch entspannen. Vorsichtig schwang er sich auf die Bettkante.

Aber schon wurde Eva wach oder zumindest halbwach. »Was ist?« murmelte sie.

Er beugte sich zu ihr hinunter. »Gar nichts«, flüsterte er ihr zu, »schlaf ruhig weiter.«

»Wie spät ist es?«

»Noch sehr früh«, raunte er ihr ins Ohr und entzog sich behutsam ihrem Griff.

Aber jetzt schlug sie die blauen kindlichen Augen auf, klappte die Lider ein paarmal auf und zu und fragte:

»Warum stehst du da?«

»Ich muß fort, Eva.« Er gab ihr einen raschen Kuß. »Sei mir nicht böse, ich bin eben angerufen worden.«

Sie setzte sich kerzengerade im Bett auf und hielt die Decke vor ihre Brust gepreßt. »Und da wolltest du mich hier alleine lassen!?«

»Ich habe es nicht über mich gebracht, dich zu wecken, Liebling.«

»Du bist mir ja ein feiner Kavalier! Und wie hätte ich aus der Wohnung rauskommen sollen?«

»Durch die Tür.« Während er ihr Rede und Antwort stand, war er schon dabei, sich mit wenigen, geübten Griffen anzuziehen.

»Und dabei wäre ich prompt deiner Mutter in die Arme gelaufen!«

»Nun reg dich bloß nicht auf«, sagte er und schlang sich seine Krawatte um den Hals, »was wäre schon dabei gewesen? Meine Mutter ist gar nicht so, wie du denkst. Ich wette, sie hätte kein Wort gesagt.«

»Aber gedacht hätte sie sich ihren Teil!« Eva sprang mit einem Satz aus dem Bett. »Dreh dich gefälligst um, wenn ich mich anziehe!«

Er wandte sich dem Spiegel zu und stellte im schwachen Licht der Nachttischlampe fest, daß sein Bart sehr nützlich war, wenn er, wie heute, aus dem Schlaf gerissen wurde und keine Gelegenheit mehr hatte, sich zu rasieren.

»Es ist peinlich genug für mich«, schimpfte Eva, »wenn ich mich nachts auf Zehenspitzen mit dir hier heraufschleichen muß! Daß du mich dann aber noch so einer Situation aussetzen magst, ist wirklich unglaublich! Es ist dir also ganz egal, was deine Mutter von mir hält.«

»Sie hat dich sehr gerne.«

»Das glaubst du doch selber nicht! Für die wäre es ein Fest, mich hier bei dir zu erwischen!« Sie zog sich ihr bunt getupftes Kleid über den Kopf.

»Wenn du weiter so schreist«, sagte er, »ist sie bestimmt gleich da!«

Darauf entgegnete sie nichts mehr, preßte nur noch trotzig die Lippen zusammen und warf ihm einen wütenden Blick zu.

Er ergriff seine Bereitschaftstasche und schritt durch den Flur zur Wohnungstür. Als er die Kette abnahm, gab es ein klirrendes Geräusch.

»Michael!« ertönte die Stimme seiner Mutter.

Er sah Eva, die ihm dicht gefolgt war, beschwörend an und rief zurück: »Ja, Mutter!« Er näherte sich der geschlossenen Schlafzimmertür. »Mußt du schon wieder fort, Michael?«

»Ja, Mutter.«

»Ein Mord?«

»Ich weiß noch nicht. Schlaf weiter.«

Mit zwei Schritten war er wieder an der Wohnungstür, schloß sie auf und ließ Eva hinaus.

Als sie nebeneinander die Treppe hinunterliefen, lachte Eva auf. »Deiner Mutter entgeht nichts, wie?«

»Sie hat einen leichten Schlaf.«

»Das hätte ich wissen sollen. Jedenfalls war es das letzte Mal, daß du mich zu dir hinaufgelockt hast.«

Er legte den Arm um ihre Schultern und schob sie auf die Straße hinaus. Er wunderte sich, wie hell es schon draußen war. Die Laterne, unter der sein VW parkte, brannte nicht mehr. »Wenn du dir einbildest, mich zu einem Streit provozieren zu können, bist du schief gewickelt«, sagte er gutmütig, »spar dir den bis heute mittag auf.«

Seine körperliche Nähe, die Wärme, die von ihm ausging, stimmte sie versöhnlicher. »Du meinst also, wir könnten trotzdem zum Baldeney-See?« Sie rieb ihren Kopf an seiner Schulter.

»Ich werde mein möglichstes tun«, versprach er.

Genau zwanzig Minuten nachdem er angerufen worden war erreichte Dr. Michael Sturm die Villa Rheinallee 127. Seine Verlobte hatte er unterwegs nahe der elterlichen Wohnung abgesetzt. Es war sechs Uhr, als er das Zimmer, in dem die tote Irene Kayser lag, betrat.

»Ach, Sie sind es, Doktor Sturm«, sagte Kriminalinspektor Kramer, der schon einmal mit dem jungen Gerichtsmediziner zusammen gearbeitet hatte, »wahrscheinlich haben Sie sich ganz umsonst bemüht. Doktor Koblenz, der Hausarzt der Verstorbenen, ist überzeugt, daß es sich um einen Selbstmord handelt.«

»Ich würde es uns gönnen.« Michael Sturm öffnete seine Bereitschaftstasche, holte Gummihandschuhe heraus und zog sie über. »Auf keinen Fall möchte ich Spuren verwischen. Haben Sie schon fotografiert?«

»Ein paarmal.«

Dr. Sturm betrachtete nachdenklich das blutdurchtränkte Bett, den Teppich, das halb unter das Bett gerutschte Heidschnuckenfell. Dann trat er näher und schob die Bettdecke einige Zentimeter zurück, um die Wunde besser betrachten zu können. Das Messer war quer durch den jetzt blutgetränkten Kaschmirschal gezogen worden und hatte eine Zickzack-Spur von Schnitten hinterlassen.

Dr. Michael Sturm richtete sich auf. »Selbstmörder arbeiten sich nicht erst mühsam durch ihre Kleidungsstücke hindurch«, sagte er, »tut mir leid, meine Herren … es muß Mord sein.«

Für Sekunden herrschte betroffenes Schweigen.

Das unbekümmerte Zwitschern der Vögel, das aus dem noch taufrischen Garten durch die weit offene Terrassentür in das Sterbezimmer drang, schien mit einem Mal aufdringlich laut zu werden.

Die Diagnose des Gerichtsmediziners hatte den Männern der Mordkommission die Weichen gestellt. Ihre letzte Hoffnung, daß Frau Kayser sich selbst getötet haben könnte, entschwand. Sie wußten, daß sie ein Wochenende voller Arbeit vor sich hatten.

Kriminalinspektor Kramer unterdrückte einen Seufzer.

Nur der alte Hausarzt war noch nicht bereit, aufzugeben.

»Mord?« wiederholte Dr. Koblenz. »Wie können Sie dessen so sicher sein, Kollege?«

»Zugegeben, ich habe mich nicht ganz sachlich ausgedrückt.« Dr. Michael Sturm richtete sich auf und lächelte entschuldigend, aber der Ausdruck seiner klaren blauen Augen blieb ernst, und sein junges bärtiges Gesicht wirkte fast verzerrt vor Anspannung. »Tötung von fremder Hand hätte ich besser sagen sollen.«

Er beugte sich wieder über die Tote, schob den blutgetränkten Kaschmirschal beiseite und stellte fest, daß auch jene oberflächlichen Probeschnitte fehlten, die, wie er gelernt hatte, für einen Selbstmord charakteristisch sind. »Ein Suizid ist ausgeschlossen«, erklärte er mit fester Stimme.

Er sah, daß die Tat mit einem einzigen, tiefen Schnitt durchgeführt worden war, der die Halsschlagader geöffnet und den Kehlkopf durchtrennt hatte.

»Bitte, überlegen Sie genau, was Sie sagen!« flehte Dr. Koblenz. »Ich betreue die Familie Kayser seit vielen Jahren, es sind hochachtbare Leute, ein solcher Skandal …«

»Na, na, na, lieber Doktor«, fiel Kriminalinspektor Kramer ihm ins Wort, »Sie tun gerade so, als wenn es nur zwielichtigen Figuren passieren könnte, ermordet zu werden!« »Aber Sie sehen doch an diesem Blick … an ihrer ganzen Lage, daß sie nicht einmal den Versuch gemacht hat, sich zur Wehr zu setzen!« verteidigte Dr. Koblenz seinen Standpunkt. »Wenn es also Tötung von fremder Hand wäre, so müßte sie den Täter gekannt haben …«Er sah sich in dem großen Raum um. »Es sieht auch nicht so aus, als wenn etwas geraubt worden wäre, und deshalb …«

»Lieber Doktor«, mahnte der Kriminalinspektor, »Sie eilen der Untersuchung weit voraus. Wer sie getötet hat und warum, das müssen wir erst noch herauskriegen. Im Augenblick ist nur wichtig, daß sie es nicht selbst getan hat, und das hat uns Doktor Sturm ja unmißverständlich zu verstehen gegeben.« Er schob den Hausarzt mit sanfter Gewalt aus dem Zimmer.

Dr. Koblenz setzte sich zur Wehr. »Bitte, das soll kein Mißtrauen sein«, flüsterte er, »aber ist der Kollege nicht viel zu jung? Müßte in einem solchen Fall nicht der Professor selber …?«

»Keine Sorge. Doktor Sturm ist ein tüchtiger und gewissenhafter Mann, der sich in der Materie auskennt. Lassen Sie sich nicht länger aufhalten, Doktor! Auf Wiedersehen!« Energisch schloß Kriminalinspektor Kramer die Tür hinter Dr. Koblenz und gestattete sich doch den Seufzer, den er vorhin unterdrückt hatte.

»Manche Leute scheinen zu glauben, daß wir uns Verbrechen ausdenken, nur um etwas zu tun zu haben. Als wenn wir uns nicht auch was Schöneres vorstellen könnten.« »Besonders an so einem Tag«, stimmte Dr. Sturm ihm zu und blickte sehnsüchtig über den zerstörten Körper hinweg in den grünen Garten mit den blühenden Rosenbeeten hinaus.

Aber diese Anwandlung dauerte nur einen Atemzug lang, dann beugte er sich wieder über die Leiche. »Sehen Sie, hier haben wir auch die Mordwaffe«, sagte er und hob eine Rasierklinge hoch, die in der eingetrockneten Blutlache auf der Brust der Toten gelegen hatte und, braunrot vor Blut, kaum zu sehen gewesen war. »Spuren werden sich kaum feststellen lassen, aber ich nehme sie trotzdem mit.«

Der Mann von der Spurensicherung reichte ihm eine geöffnete Plastiktüte, und Dr. Sturm ließ die Klinge hineinfallen.

»Mit einer Rasierklinge also«, sagte der Kriminalinspektor nachdenklich und schob sich den Hut in den Nacken, »da gehört schon was dazu. Der Täter muß kräftig gewesen sein … oder?«

»Nicht, wenn die Klinge sehr scharf war, und ich denke, davon können wir ausgehen. Eine handliche kleine Waffe. Läßt sich höchst unauffällig transportieren.« Dr. Sturm holte eine Lupe aus seiner Bereitschaftstasche und untersuchte die rechte Hand der Toten.

»Keinerlei Verletzungen«, sagte er. »Schade, daß ich das dem besorgten alten Herrn nicht mehr zeigen kann.« Kriminalinspektor Kramer nickte. »Man kann einen so gewaltigen Schnitt nicht mit einer bloßen Rasierklinge durchziehen, ohne sich dabei selber zu verletzen.«

»Es sei denn, man trüge Handschuhe.« Dr. Sturm nahm zwei lange, weißblonde Haare von der Hand der Toten.

»Bitte, noch eine Tüte.«

»Wenn die uns einen Hinweis gäben«, meinte der Kriminalinspektor skeptisch, »das wäre zu schön, um wahr zu sein.«

»Man kann nie wissen. Könnten natürlich auch von diesem Felldings da stammen. Schicken Sie mir das auch ins Institut hinüber.« Er wies auf das Heidschnuckenfell, das halb vor, halb unter dem Bett lag, und nahm dann auch die linke Hand der Toten unter die Lupe. »Nichts.« Er blickte den Kriminalinspektor an.

»Können Sie uns etwas über die Todeszeit sagen?«

»Mal sehen.«

Dr. Sturm hob die Arme der Leiche, sie waren steif; die Füße dagegen ließen sich bewegen.

»Nun?«

»Moment noch.« Dr. Michael Sturm schob das Nachthemd hoch, legte die Tote auf die Seite und untersuchte den Rükken, der eine gleichmäßig violette Färbung zeigte.

»Vor etwa acht bis neun Stunden«, erklärte er, »genauer läßt sich die Todeszeit erst bei der Obduktion fixieren. Aber so ungefähr wird es schon hinhauen. Sie lassen doch die Speisereste sicherstellen, ja? Wenn nötig, lassen Sie sie aus dem Mülleimer kratzen. Und fragen Sie auch die Pflegerin, was die Verstorbene gestern zuletzt gegessen hatte.« Er lachte auf. »Aber wozu sage ich Ihnen das. Als wenn Sie nicht selber genau wüßten, was zu tun wäre.« Er streifte seine Gummihandschuhe ab.

Kriminalinspektor Kramer verzog keine Miene in seinem scharf geschnittenen, blassen Gesicht. »Man kann auch das Selbstverständliche nicht oft genug wiederholen. Sogar ein alter Hase wie ich kann mal etwas übersehen. In unserem Beruf darf man sich nie einbilden, man hat den Bogen raus, Danke, Doktor!«

6

Das schrille Geräusch einer Klingel riß Lilian Horn aus dem Schlaf. Noch bevor sie richtig aufwachte, wurde ihr bewußt, daß heute Samstag war und sie ausschlafen durfte. Sie griff nach ihrem winzigen Wecker und schob ihn unter das Kopfkissen. Aber es läutete weiter. Lilian Horn verkroch sich unter ihre Daunendecke und bemühte sich, das Klingeln zu überhören. Aber es nutzte nichts. Jetzt war sie hellwach. Mit einem Fluch warf sie sich auf den Rücken und überlegte, wer so heftig nach ihr verlangen mochte. Wahrscheinlich ein Betrunkener, ein Verrückter oder ein Kind, das auf sämtliche Knöpfe am Eingang des Hochhauses drückte. So etwas hatte es schon gegeben.

Aber nein, das konnte nicht sein, Lilian Horn erkannte, daß das Klingeln direkt von der Wohnungstür kam. Also war es eine ihrer Nachbarinnen, die etwas leihen oder sie nach ihren Erlebnissen aushorchen wollte. Aufdringliche Weiber. Mit einem Satz war Lilian Horn aus dem Bett. Sie pflegte nackt zu schlafen und war sekundenlang versucht, die Türe so zu öffnen, um der rücksichtslosen Nachbarin einen Schock zu verpassen. Sie grinste bei dem Gedanken in sich hinein. Aber dann besann sie sich doch und schlüpfte in ihren Morgenmantel, ein bodenlanges, an Hals und Ärmeln reich gerüschtes, seidenes Kleidungsstück. Sie schloß nur die mittleren drei Knöpfe, so daß ihre schlanken Oberschenkel beim Gehen fast bis zum Ansatz sichtbar wurden.

Als sie die Türe aufriß, erstarb jeder Ausdruck in ihrem Gesicht. Sie sah sich zwei Unbekannten gegenüber, beide in Regenmänteln, der ältere einen grauen Filzhut auf dem Kopf. Er hatte ein sehr blasses, scharf geschnittenes Gesicht mit dunklen, stechenden Augen.

»Ich kaufe nichts«, fauchte Lilian Horn, »was sind das für Methoden!« Sie wollte den beiden Herren die Tür vor der Nase zuschlagen.

Aber der Mann mit dem Hut hatte schon seinen Fuß dazwischen.

»Nicht so hastig. Wir wollen ja nur mit Ihnen sprechen.« Er zog einen Ausweis in einer Plastikhülle aus der Innentasche seines Jacketts. »Kriminalinspektor Kramer …« Mit einer Handbewegung auf den Jüngeren: »Mein Assistent.«

»Sie stellen Ermittlungen an?«

»Sehr richtig. Lassen Sie uns jetzt herein, in Ihrem eigenen Interesse.«

Lilian Horn fühlte sich ausgeliefert unter dem kalten Blick des Kriminalinspektors; sie bemühte sich, die unteren Knöpfe ihres Morgenmantels so rasch wie möglich zu schließen, und war sich dabei bewußt, daß sie ihm gleichzeitig einen allzu tiefen Einblick in den Ausschnitt gewährte.

»Aber … ich bin ja noch nicht angezogen.«

»Das sehen wir.«

»Können Sie nicht eine halbe Stunde später kommen?«

»Nein.«

Lilian Horn begriff, daß ihr nichts anderes übrigblieb, als nachzugeben. »Wenn es so wichtig ist …« Sie wich zurück.

Die beiden Kriminalbeamten folgten ihr sehr dicht. Sie stellten fest, daß der sehr schön geschnittene große Raum bis auf das ungemachte Bett vollkommen aufgeräumt war.

»Wo sind Ihre Kleidungsstücke?« fragte Kramer.

Sie wies auf den Einbauschrank.

»Was haben Sie gestern angehabt?«

»Ach so. Das Kleid hängt auf dem Balkon. Zum Lüften.« Der Assistent hatte es schon hereingeholt und betrachtete die Vorderseite aufmerksam.

»Falls Sie sich auch für meine Unterwäsche interessieren«, sagte Lilian, die allmählich wieder ihre Kaltblütigkeit zurückgewann, »die habe ich gestern nacht noch ausgewaschen. Hängt im Bad.«

Der Assistent verschwand im Badezimmer und kam wenig später mit Lilians weißem kleinen Seidenslip und den hauchzarten Strümpfen über dem Arm zurück; er war nicht abgebrüht genug, um nicht doch eine leichte Verlegenheit zu zeigen.

»Sonst nichts?« fragte der Kriminalinspektor.

»Strumpfbänder. In der obersten Schublade.«

»Kein BH oder wie man das nennt?«

»Trage ich nicht.«

»Schuhe?«

»Stehen im Schrank.« Lilian Horn öffnete eine Tür und nahm ihre goldenen Pumps vom Gestell. Kriminalinspektor Kramer betrachtete sie wie ein Hund, der einen Knochen ohne Fleisch gefunden hat.

»Die sind ja schon geputzt.«

»Das mache ich immer, wenn ich nach Hause komme. Egal, wie spät es geworden ist. Wenn man in einem einzigen Raum lebt, muß man Ordnung halten.«

»Sehr löblich«, äußerte der Kriminalinspektor, aber es klang nicht die Spur anerkennend. Er ließ sich in einen eleganten, mit weißem Leder bezogenen Sessel fallen – so ein Ding hätte er auch gerne zu Hause gehabt.

»Machen Sie es sich nur bequem«, spottete Lilian Horn und blieb vor ihm stehen.

Es irritierte ihn, daß er jetzt den Kopf in den Nacken legen mußte, um zu ihr aufzusehen. »Da haben wir wohl Glück gehabt, daß wir Sie überhaupt angetroffen haben …«

Sie verstand nicht, worauf er hinauswollte. »Aber nein. Wieso denn?«

»Sie hätten ja auch verreist sein können. Nach Sylt zum Beispiel.«

»Ich war noch nie auf Sylt.«

»Noch nie mit Ihrem Chef verreist?«

Ein nicht ganz so versierter Beamter wie Kriminalinspektor Kramer hätte ihr ganz kurzes Zögern vielleicht nicht gemerkt. »Nein«, behauptete sie.

»Setzen Sie sich doch.« Sie ließ sich auf einem dicken, ebenfalls mit weißem Leder bezogenen Kissen nieder. Er sah sie lange an, brachte sie aber nicht dazu, die bernsteinfarbenen Augen niederzuschlagen. Sie hielt seinem Blick mit ausdrucksloser Miene stand.

»Komisch, daß Sie gar nicht fragen, warum wir hier sind«, sagte er endlich.

»Hätten Sie’s mir denn verraten? Sie waren nicht gerade gesprächig.«

»Frau Kayser ist tot«, erklärte er unvermittelt.

Er beobachtete sie scharf, aber sie wirkte nur ein wenig betroffen und keineswegs entsetzt.

»Sie nehmen das sehr gelassen hin.«

Lilian Horn fuhr sich mit der gespreizten Hand durch ihr blondes, noch vom Schlaf zerzaustes Haar. »Hätte ich etwa in Tränen ausbrechen sollen? Ich kannte sie ja kaum, und außerdem war sie doch unheilbar krank, oder etwa nicht?«

»Also in Ihren Augen Grund genug zu sterben?«

»Grund genug … was heißt das? Sie haben mir doch gerade gesagt, daß sie gestorben ist. Mit oder ohne Grund, sie ist tot.«

»Und Sie können Kurt Kayser heiraten.«

Lilian Horn sprang auf. »Quatsch. Wer hat Ihnen den Blödsinn eingeredet? Etwa die Föllner? Das sähe ihr ähnlich. Ich will Ihnen mal was sagen: Männer wie Kayser, die sehen sich doch nur immer wieder nach einer guten Partie um. Der heiratet wieder was ganz Reiches, ’ne Tochter aus gutem Hause oder ’ne Witwe. Wollen wir wetten?«

»Wo waren Sie gestern abend?«

»Warum fragen Sie das?«

»Frau Kayser ist ermordet worden.«

Jetzt schien Lilian Horn doch um eine Nuance blasser zu werden; sie ließ sich auf den Hocker sinken. »Sind Sie ganz sicher?« fragte sie nach einer kleinen Pause. »Könnte es nicht doch Selbstmord gewesen sein?«

»Das ist ganz ausgeschlossen. Wenn es so aussehen sollte, hat der Täter einige entscheidende Fehler gemacht.«

Lilian Horn schwieg; es war ihr anzusehen, daß sie angestrengt nachdachte.

Kriminalinspektor Kramer zog ein kleines schwarzes Notizbuch aus der Innentasche seines Jacketts, öffnete es und zückte einen Kugelschreiber. »Wo waren Sie gestern abend?«

»Jetzt verstehe ich endlich.« Lilian Horn lachte auf. »Ich muß Sie wahnsinnig enttäuschen, Herr Kriminalinspektor. Für gestern abend habe ich ein hieb- und stichfestes Alibi. Ich habe gearbeitet.«

Kriminalinspektor Kramer ließ sein Notizbuch sinken. »Gearbeitet haben Sie?«

»Da staunen Sie, was? Als Hosteß. Ich war den ganzen Abend unter Leuten.«

»Das freut mich für Sie. Würden Sie mir ein paar von diesen Leuten nennen?«

»Nichts leichter als das. Erkundigen Sie sich doch bei Herrn Kerst. Er ist der Leiter der Hostessen-Agentur, für die ich nebenberuflich tätig bin. Er war dabei.«

»Und wer noch?«

»Ruth Fiebig. Eine Kollegin. Ihre Adresse habe ich nicht.«

»Machen Sie sich deshalb keine Sorgen. Die bekommen wir leicht heraus.«

Lilian Horn erhob sich. »Sie werden lachen, ich mache mir nicht die geringsten Sorgen. Aber nun, da ich Ihnen alles gesagt habe, was Sie wissen wollen, darf ich Sie wohl bitten, mich wieder allein zu lassen.«

Sie öffnete die Tür zum Treppenhaus.

Kriminalinspektor Kramer stand auf, steckte sein Notizbuch umständlich fort und sagte, ohne eine Miene zu verziehen:

»Auf Wiedersehen.«

Sein Assistent folgte ihm schweigend.

Lilian Horn schlug die Tür hart hinter ihnen zu, stürzte zum Telefon und nahm den Hörer ab. Sie hatte schon die erste Zahl gewählt, als sie mitten in der Bewegung innehielt, nachdachte und langsam wieder auflegte.

In fliegender Hast kleidete sie sich an. Ohne ein einziges Mal in den Spiegel zu blicken, ohne sich anzumalen oder aufzuräumen, raffte sie Portemonnaie und Autoschlüssel, warf beides in eine weiße Tasche und rannte aus der Wohnung. Im nächsten Postamt fand sie eine freie Zelle, trat ein und zog die Tür fest hinter sich zu.

Sie wählte die Nummer Ruth Fiebigs und ließ lange durchläuten. Die Kollegin meldete sich nicht. Lilian Horn versuchte, Herrn Kerst an den Apparat zu bekommen. Ebenfalls vergeblich.

Panik überfiel sie. Sie mußte die Tür minutenlang öffnen, um Luft zu bekommen.

Als sie wieder klar denken konnte, rief sie die Auskunft an und bat um die Nummer von Hubert Togler in München. Eine Ewigkeit schien zu vergehen, bis das Fräulein sie ihr nach einigem Hin und Her mitteilte und die Verbindung zustande kam.

»Hubert, ich bin’s, Lilian«, begann sie atemlos, »du mußt mir helfen!«

»Ja, was kann ich für Sie tun?« fragte er sehr formell.

»Du darfst niemandem erzählen, daß ich gestern abend einige Zeit draußen war, hörst du? Wenn man dich fragt, dann sag, du weißt es nicht mehr oder besser noch: höchstens ein paar Minuten!«

»Ich verstehe nicht!«

»Hubert, ein Mord ist geschehen! Ich habe nichts damit zu tun, ich schwöre es dir …«

»Aber dann …«

»Begreifst du denn nicht? Ich brauche ein Alibi. Die Polizei versucht, mir einen Strick um den Hals zu legen!«

7

Auf dem Obduktionstisch des Gerichtsmedizinischen Institutes lag die Leiche der Irene Kayser. Sie trug noch immer das blutdurchtränkte Nachthemd, in dem sie aufgefunden worden war, und um den Hals geschlungen den braunrot verfärbten Kaschmirschal. Die grausam klaffende Wunde hob sich kraß von dem blutleeren Gesicht ab. Auch Hände und Füße waren sehr weiß. Die dunklen Augen starrten ins Leere.

Dennoch hatte ihr Anblick für die beiden jungen Ärzte, die sich mit ihr in dem nüchternen, hellgrün gekachelten Raum befanden, nichts Unheimliches an sich, nichts Unheimliches, doch auch nichts Menschliches. Dr. Michael Sturm und Dr. Jo Kulicke hatten es sich längst abgewöhnt, in einer Leiche etwas anderes zu sehen als ein Stück totes Fleisch, einen Kadaver. Sie ließen sich weder von den Verbrechen schrecken, denen die meisten, die hier im Obduktionsraum landeten, zum Opfer gefallen waren, noch von Mitleid über das gewaltsame Ende eines Lebens überwältigen. Anders wäre ihr harter Beruf nicht zu ertragen gewesen.

Dr. Kulicke hatte die Tote von allen Seiten umtanzt und Blitzaufnahmen von ihr geschossen; jetzt gab es für ihn nichts mehr zu tun. »Verdammt«, fluchte er, »wenn der Alte nicht bald kommt, fangen wir ohne ihn an.« Er warf einen ausgebrannten Blitzlichtwürfel achtlos in den Abfalleimer. »Ich habe keine Lust, mir den ganzen Samstag versauen zu lassen.«

Die breite Sonnenbahn, die durch eines der vergitterten Fenster in den Raum fiel, ließ sein rotes Haar aufleuchten. »Immer mit der Ruhe.« Dr. Michael Sturm schüttelte den Ärmel seines hochgeschlossenen Kittels zurück und sah auf seine Armbanduhr. »Geben wir ihm noch ein bißchen Zeit. Als Leiter des Instituts muß er spätestens drei Stunden nachdem er die Nachricht vom Mord erhalten hat zurück sein, und ich wette, er schafft es noch. Bisher hat er es immer geschafft.«

»Mir wäre es lieber, er kreuzte erst gar nicht dauernd in der Weltgeschichte herum«, beschwerte sich Dr. Kulicke, »immer läßt er uns die Drecksarbeit machen. Und wenn er schon mal zu Hause ist, schreibt er bestimmt an einem seiner Bücher, anstatt –«

Dr. Sturm fiel ihm ins Wort. »Du wirst lachen, aber mir ist das sogar lieber so. Ich arbeite gern selbständig.«

»Na wunderbar. Du arbeitest selbständig, und der Alte erntet die Lorbeeren und streicht das Geld ein. Eine erstklassige Einteilung. Soll ich dir mal was sagen, Michael? Du bist ein kompletter Idiot. Wenn du es dem Alten so leicht machst, wird er dich nie weglassen. Ich dachte, der Reinfall mit Kiel wäre dir eine Lehre gewesen.«

Dr. Sturm zupfte an seinem dunkelblonden Bart. »Es ist gar nicht sicher, daß der Alte was damit zu tun hatte.«

»Junge, Junge, du bist ein naives Gemüt! Was hat übrigens deine Eva dazu gesagt? Sie war wohl schwer enttäuscht, was?«

Ehe Dr. Sturm noch eine Antwort geben konnte, öffnete der Leichendiener die Tür. »Der Herr Professor«, verkündete er ehrfurchtsvoll.

Dr. Kulicke zog eine Grimasse, glättete sein Gesicht aber sogleich, als Professor Faber eintrat, gefolgt von dem Leichendiener, der die Tür hinter ihm schloß und ihm dann in seinen Kittel half.

»Guten Morgen, meine Herren, guten Morgen«, grüßte Professor Faber und umfaßte mit einem einzigen Blick seiner kühlen grauen Augen die beiden jungen Ärzte und die Leiche auf dem Obduktionstisch, »entschuldigen Sie, wenn ich mich verspätet haben sollte, aber ich mußte den Hubschrauber nehmen.« Er unterbrach sich, trat einen Schritt näher an die Leiche heran und fragte:

»Wer von Ihnen war am Tatort?«

Michael Sturm meldete sich.

»So, so. Dann seien Sie bitte so freundlich und erstatten Sie mir Bericht!«

Dr. Sturm tat es. Er gab alles wieder, was er wußte, und sprach auch seine Diagnose aus: Tod von fremder Hand. Er begründete sie mit dem zerschnittenen Kaschmirschal, den fehlenden Probeschnitten und den fehlenden Verletzungen an den Händen der Toten.

Währenddessen untersuchte Professor Faber selber die Leiche.

»Ausgezeichnet«, lobte er, »sehr gut, lieber Kollege, exakt beobachtet. Spuren auf der Tatwaffe?«

»Leider nein. Die Rasierklinge ist völlig blutverschmiert und zeigt keinerlei Abdrücke. Es ist nicht einmal ersichtlich, ob sie mit oder ohne Handschuhe benutzt worden ist. Zudem ein ganz gewöhnliches Fabrikat.«

Professor Faber ließ den steifen Arm der Verstorbenen fallen. »Andere Spuren?«

»Ich habe zwei lange Haare sichergestellt, die sich an der rechten Hand der Toten befanden. Sie stammen aber zweifelsfrei von einem Heidschnuckenfell, das als Bettvorleger diente.«

»Schade. Na ja, da werden sich die Herren von der Polizei eben ausnahmsweise ein wenig anstrengen müssen. Sie neigen sowieso dazu, nicht nur die Diagnose, sondern auch die Beibringung von Beweismaterial uns Gerichtsmedizinern zu überlassen.«

Die beiden Assistenten lachten pflichtschuldigst über diese Bemerkung ihres Chefs.

»Na, dann wollen wir mal!« Professor Faber löste behutsam das Halstuch der Toten.

Dr. Kulicke fotografierte das blutdurchtränkte Halstuch und auch den bloßen Hals.

Dr. Sturm bemühte sich, zusammen mit dem Leichendiener, die Verstorbene zu entkleiden, ein schwieriges Unterfangen, da die Totenstarre inzwischen voll eingetreten war.

Dr. Kulicke nahm die nackte Leiche von allen Seiten auf. Dann wischte der Leichendiener das Blut ab.

Dr. Sturm reichte dem Professor das große Skalpell, und er öffnete mit sicherem Schnitt den Brustkorb. Antiseptische Maßnahmen wurden nicht angewandt. Die Tote hatte keine Infektion mehr zu fürchten, und an einer frischen Leiche pflegte Professor Faber nicht einmal mit Gummihandschuhen zu arbeiten.

Als er die Hauptschlagader durchtrennte, spritzte ein Blutstrahl auf, der aber sofort wieder versiegte.

Professor Faber nahm das Herz mit bloßen Händen heraus und stellte fest: »Keine Embolie. Die Tote ist einwandfrei verblutet.«

Dr. Sturm setzte mit dem elektrischen Bohrer vier Löcher in die Schädeldecke. Er legte sie so an, daß die Verletzungen später unter dem Haar verschwinden würden. Mit der Säge verband er die vier Löcher miteinander und hob das vierekkige Stück der Schädeldecke ab.

Professor Faber nahm sich ein anderes feineres Skalpell und durchschnitt die Hirnhaut. Das Gehirn lag jetzt gut sichtbar vor ihm.

»Interessant«, sagte er, »nun sehen Sie sich das an!«

Er trat einen Schritt zurück, und die beiden Assistenten betrachteten das freiliegende Hirn.

»Auffallende rötliche Herde in der Umgebung der Hirnvetrikel«, konstatierte Dr. Sturm.

»Genau wie im Schulbuch«, stimmte Dr. Kulicke zu, »Symptome für eine multiple Sklerose.«

»Schneiden Sie eine Probe heraus«, ordnete Professor Faber an, »und untersuchen Sie sie später unter dem Mikroskop. Sie werden feststellen: Markscheidenzerfall bei meist erhaltenen Achsenzylindern und Ganglienzellen.«

Dr. Sturm nahm ein Stück des erkrankten Gehirns und legte es auf eine Porzellanschale. Dann fügte er, ohne die Hirnhaut zu vernähen, die Schädeldecke wieder zusammen und befestigte die Haut darüber mit großen Stichen. Inzwischen hatte Professor Faber schon mit einem langen, senkrecht durchgeführten Schnitt den Leib der Toten geöffnet. Er nahm den Magen heraus und schnitt ihn auf. Er war leer. Der Inhalt – rote Beete waren deutlich sichtbar – war schon ein Stück in den Dünndarm weitergewandert.

»Der Tod ist drei bis vier Stunden nach der letzten Mahlzeit eingetreten«, stellte Professor Faber fest.

»Ich war um sechs Uhr bei der Leiche«, berichtete Michael Sturm, »nach Beschaffenheit und Intensität der Totenflekken wie auch Grad und Ausbildung der Totenstarre bin ich zu dem Ergebnis gekommen, daß sie acht bis neun Stunden zuvor verstorben sein mußte.«

»Falls die Tote gegen sechs Uhr zu Abend gegessen hat«, sagte Professor Faber, »paßt alles großartig zusammen. Dann ist sie zwischen neun und zehn Uhr ermordet worden.«

»Und wenn nicht?« platzte Dr. Kulicke heraus. »Ich meine, wenn Ihre Diagnose und die vom Kollegen Sturm sich widersprechen sollten, also wenn die Tote zu einer ganz anderen Zeit gegessen hat?«

»Das, mein lieber junger Kollege, halte ich für mehr als unwahrscheinlich.« Professor Faber lächelte herablassend.

»Weder ich noch Doktor Sturm pflegen uns zu irren.«

Er überlegte einen Augenblick.

»Geben Sie den Inhalt des Dünndarms noch dem Chemiker«, befahl er dann, »es wird zwar nichts dabei herauskommen, eine schwer an multipler Sklerose erkrankte Frau braucht man nicht zu vergiften, bevor man ihr den Hals durchschneidet, aber wir wollen genau vorgehen.« Während Dr. Michael Sturm sich daran machte, diese Anordnung zu erfüllen, wusch sich Professor Faber die Hände und bürstete sich gründlich die Nägel. »Bitte, arbeiten Sie das Gutachten aus, lieber Kollege Sturm«, sagte er, »und geben Sie es mir dann zur Unterschrift. Das Ergebnis der chemischen Untersuchung reichen wir nach. Ich muß so schnell wie möglich nach Berlin zurück. Ich kann doch meinen eigenen Vortrag nicht verpassen.«

Als er gegangen war, nähten die beiden jungen Ärzte die Leiche wieder zu. Dr. Sturm zog auch die Mordwunde mit drei, vier Stichen zusammen und legte einen weißen Gazeverband um den Hals der Toten, um für die Angehörigen den Schrecken des gewaltsamen Todes zu mildern.

8

Kriminalinspektor Kramer war ein erfahrener Beamter und immer bemüht, ohne Vorurteile an eine Morduntersuchung heranzutreten. Aber Lilian Horn hatte auf ihn einen denkbar schlechten Eindruck gemacht, und er hätte sie, wenn sie kein Alibi aufzuweisen gehabt hätte, auf der Stelle verhaftet.

Bei den Nachforschungen in der Kayserschen Villa in der Rheinallee hatte sich ergeben, daß tatsächlich nichts aus dem Zimmer der Verstorbenen oder aus dem Haus entwendet worden war. Natürlich konnte man das erst genau wissen, wenn Herr Kayser zurückkam. Aber auf Anhieb war Kriminalinspektor Kramer überzeugt, daß kein Raubmord vorlag. Vielmehr deutete alles darauf hin, daß die Kranke aus dem Wege geräumt worden war, weil sie störte. Wen? Ihren Mann und dessen Geliebte.

Kurt Kayser traf am späten Samstagabend auf dem Flughafen Düsseldorf-Lohausen ein und wurde dort von Kriminalinspektor Kramer empfangen, der ihn im Polizeiauto nach Hause brachte. Der Gatte der Verstorbenen wirkte übernächtigt, die Tränensäcke hingen schwer unter den vorquellenden Augen herab. Er gab sich erschüttert, aber gefaßt, behauptete, sich nicht vorstellen zu können, daß irgend jemand seine Frau ermordet haben könnte, und fragte immer wieder, ob nicht doch ein Freitod vorliegen könnte.

Als der Kriminalinspektor nach seinen Beziehungen zu Lilian Horn forschte, wischte er sich nervös mit dem Taschentuch über den kahlen Schädel, auf dem sich Schweißtropfen gebildet hatten.

»Wir hatten nie ein Verhältnis miteinander, wenn Sie das meinen«, entgegnete er, »aber sie ist eine ausgesprochen attraktive Frau, und ich müßte lügen, wenn ich abstreiten würde, daß sie mich hin und wieder … nun eben … sehr gereizt hat. Haben Sie schon mit ihr gesprochen? Na, dann werden Sie sich ja vorstellen können, was ich meine.«

Der Kriminalinspektor ließ es vorläufig damit bewenden und erkundigte sich, wann Kurt Kayser in Sylt eingetroffen war und wo und wie er die Nacht vom Freitag auf Samstag verbracht hatte.

»Ich bin von der Firma aus direkt zum Flughafen gefahren und gleich darauf mit dem privaten Hubschrauber eines guten Freundes, der übrigens auch selbst mit an Bord war, weiter nach Sylt.«

»Wann kamen Sie da an?«

»Etwa halb neun. Wenn Sie es genau wissen wollen, müssen Sie den Piloten fragen. Am Wochenende pflege ich so wenig wie möglich auf die Uhr zu sehen.«

»Und weiter?« fragte Kriminalinspektor Kramer.

»Wir fuhren mit dem Taxi zum Haus meines Freundes, eines Hamburger Reeders. Wenn Sie Namen und Adresse wissen wollen …«

Der Kriminalinspektor winkte ab. »Später. Sie waren also, wenn ich Sie recht verstanden habe, kurz vor neun im Haus Ihres Freundes?«

»Ja, wir hatten gerade noch Zeit, uns ein wenig frisch zu machen, da kamen schon die übrigen der Korona. Im ganzen waren wir fünf Herren. Wir haben bis in den frühen Morgen hinein gepokert.«

»Und Sie waren immer alle zusammen?«

»Ja.«

»Keine Frauen?«

»Nein. Eine reine Herrenparty.«

»Wenn ich Sie recht verstanden habe, waren Sie also nur allein in der Zeit zwischen etwa einundzwanzig Uhr und einundzwanzig Uhr dreißig.«

Direktor Kayser dachte nach. »Ja, das stimmt. Da war ich auf meinem Zimmer. Hat das etwas zu bedeuten?«

»Nein. Nicht, wenn Ihre anderen Angaben stimmen«, mußte der Kriminalinspektor zugeben.

»Die können Sie nachprüfen.«

Dazu war Kriminalinspektor Kramer entschlossen. Aber er war schon jetzt überzeugt, daß der Ehemann der Ermordeten die Wahrheit sprach. Direktor Kayser gehörte nicht zu dem Typ von Menschen, der sich in einen Haufen leicht zu entkräftender Lügen verstrickte.

Er gab an, daß sich im Sterbezimmer weder Briefe, Geld, Schmuck oder irgendwelche anderen Dinge von Bedeutung befunden hatten, war aber nur zögernd bereit, in den Nachttisch der Verstorbenen zu sehen, um festzustellen, ob etwas fehlte.

»Hm, ich glaube«, sagte er endlich, »meine Frau hatte da so ein Notizbuch, ein kleines grünes Notizbuch.«

»Darüber brauchen Sie sich keine Gedanken zu machen«, versicherte der Kriminalinspektor, »das haben wir sichergestellt.«

Kurt Kayser öffnete den Mund, als wenn er etwas fragen wollte, unterließ es dann aber doch.

In Begleitung von Kriminalinspektor Kramer ging er durch das ganze Haus, schloß auch den Safe auf und stellte fest, daß alles an seinem Platz war.

Als er bereits in der Haustür stand, schoß der Kriminalinspektor seine letzte Frage ab. »Gibt es in Ihrem Bekanntenkreis ein weibliches Wesen mit dem Anfangsbuchstabenl?«

»Vor- oder Nachname?«

»Egal. Beides kommt in Frage. Es kann auch eine Bekannte Ihrer Frau sein.«

Direktor Kayser schob die dicke Unterlippe vor. »Ach, wissen Sie, meine Frau hatte eine Menge mehr oder weniger nahestehender Freundinnen, jedenfalls in der Zeit, als sie noch gesund war. Sollte mich wundern, wenn es unter denen keine mit dem Anfangsbuchstaben L geben sollte, aber so auf Anhieb könnte ich nicht sagen …«

»Und was ist mit Lilian? Lilian Horn?«

»Meine Sekretärin?« Direktor Kayser schnappte nach Luft.

»Aber die hat meine Frau doch gar nicht gekannt … oder sagen wir besser: nur ganz flüchtig. Sie war ein einziges Mal hier im Haus.«

»Ja, das wissen wir«, sagte Kriminalinspektor Kramer, »trotzdem glaubte die Verstorbene, Grund zur Eifersucht zu haben.«

»Du lieber Himmel.« Kurt Kayser lachte ärgerlich auf. »Das waren doch Hirngespinste. Fantastereien einer ans Bett gefesselten Frau. Darauf würde ich an Ihrer Stelle keinen Pfifferling geben.«

Der Verdacht Kriminalinspektor Kramers war durch dieses Gespräch nicht entkräftet worden. Es gab ein Indiz, das er weder Lilian Horn noch einem seiner anderen Zeugen gegenüber erwähnt hatte, eine Bemerkung, die die Verstorbene am Mordtag in ihr Notizbuch eingetragen hatte, mit der krakeligen Schrift einer Schwerkranken, die kaum noch den Bleistift halten konnte: »L. hat mich angerufen. Will mich besuchen. Wundere mich, daß L. nicht in S. ist. Wird ein interessantes Gespräch werden.«

Kriminalinspektor Kramer war überzeugt, daß L. nur Lilian bedeuten konnte – Lilian Horn. Den ganzen Samstag und Sonntag versuchte er, ihre Alibi-Zeugen aufzutreiben. Ruth Fiebig und Herrn Kerst, den Leiter der Hostessen-Agentur, aber beide waren übers Wochenende verreist.

Am Sonntag nachmittag um sechs Uhr wurde ihm gemeldet, daß Herr Kerst soeben mit seiner Frau und seinen drei Kindern nach Hause gekommen war.

Kriminalinspektor Kramer fuhr sofort hin.

Das Haus machte einen netten, nicht übertrieben luxuriösen Eindruck. Als der Kriminalinspektor über den Kiesweg des Vorgartens schritt, hörte er die Kinder toben.

Die blonde Frau, die ihm öffnete, wirkte abgehetzt. »Was wollen Sie?« fragte sie und strich sich mit dem Handrücken eine Strähne aus der Stirn. »Ich bin noch beim Kofferauspacken und deshalb …«

»Lassen Sie sich nicht stören.« Der Kriminalinspektor hatte seinen Hut in die Hand genommen. »Ich möchte nur ein paar Worte mit Herrn Kerst sprechen.«

»Aber mein Mann … er bereitet das Abendbrot.«

Kriminalinspektor Kramer wies sich aus.

»Ogottogottogott!« rief Frau Kerst. »Polizei! Aber wir haben doch nichts verbrochen!«

»Natürlich nicht. Ich brauche nur eine Zeugenaussage Ihres Mannes. Kein Grund zur Aufregung.« Der Kriminalinspektor drängte sich an ihr vorbei in den Flur und sah sich wenig später Herrn Kerst in dem bieder-modern eingerichteten Wohnzimmer gegenüber. Der Kriminalinspektor legte seinen Hut auf einen Sessel, seinen Regenmantel darüber und nahm selber, ohne dazu aufgefordert zu sein, Platz.

»Wollen Sie mir nicht endlich sagen, was eigentlich los ist?« fragte Herr Kerst. Seine unauffällige Persönlichkeit wirkte in dem Freizeithemd mit den schreienden Farben wie verkleidet; an der Stirn und den Unterarmen zeigte sich die Röte eines beginnenden Sonnenbrandes.

Kriminalinspektor Kramer beobachtete ihn aus seinen kleinen, doch fast bannenden Augen. »Sie betreiben eine sogenannte Hostessen-Agentur?«

»Eine Hostessen-Agentur, ja. Keine sogenannte.«

»Na, jedenfalls beschäftigen Sie junge Mädchen, die sich nach Feierabend etwas dazuverdienen, indem sie Geschäftsleute unterhalten. Ist das richtig so?«

»Nicht ganz. Die Mädchen müssen mehr können. Jede beherrscht mindestens zwei Fremdsprachen perfekt, die meisten sogar drei, manche noch mehr. Sie werden in erster Linie als Dolmetscherinnen engagiert.«

Kriminalinspektor Kramers scharf geschnittenes Gesicht blieb ausdruckslos. »Auch Lilian Horn?«

Herr Kerst reagierte bei der Nennung dieses Namens zuerst überhaupt nicht. »Ja, Lilian auch. Sie ist fit in Englisch und Französisch, zur Not kann sie auch bei einer spanischen Unterhaltung einspringen.« Plötzlich wurde er stutzig. »Warum fragen Sie mich nach Lilian Horn? Ist sie in irgendwelche Schwierigkeiten geraten?« Er setzte sich.

Der Kriminalinspektor strich sich über das spitze Kinn. »So kann man es nennen. Wann haben Sie Lilian Horn zum letztenmal gesehen?«

»Um Gottes willen, sie ist doch nicht tot?«

Kriminalinspektor Kramer beantwortete diese Frage nicht.

»Wann haben Sie sie zum letztenmal gesehen?« wiederholte er.

»Vorgestern. Also Freitag abend. Ich habe sie vom Sekretärinnen-Silo abgeholt, ich meine vom Appartement-Hochhaus, in dem sie wohnt …«

»Wann war das?« fuhr Inspektor Kramer dazwischen. Herr Kerst dachte nach. »Das Treffen war für neun Uhr angesetzt, Ruth Fiebig saß schon im Wagen. Also muß es etwa zwischen zwanzig bis zehn Minuten vor neun gewesen sein. Auf die Uhr gesehen habe ich nicht.«

»Wohin fuhren Sie dann die Mädchen?«

»Zur ›Taverne‹, ein Restaurant auf dem Rheindamm –« Inspektor Kramer unterbrach ihn. »Ich kenne das Lokal. Sie trafen dort also gegen neun Uhr ein?«

»Ja. Die Herren erwarteten uns schon. Ich stellte vor und da lief der Abend auf die übliche Weise ab.«

»Was heißt das, ›die übliche Weise‹?« Inspektor Kramer beugte sich vor.

»Es gab Cocktails, dann wurde gegessen, geplaudert, später ein wenig getanzt. Das Beisammensein dauerte bis zwei Uhr, das kann ich anhand meiner Geschäftsunterlagen nachweisen. Und danach –«

»Halt!« Kriminalinspektor Kramer hob gebieterisch die Hand. »Sie wollen also behaupten, daß Sie zwischen neun und zwei Uhr ununterbrochen mit Lilian Horn zusammen waren?«

»Was heißt hier ununterbrochen? Natürlich sind die Mädchen von Zeit zu Zeit mal herausgegangen. Die Herren übrigens auch.«

»Aber Lilian Horn ist einmal auffallend lange fort gewesen …« Kramer blickte Herrn Kerst beschwörend in die Augen. »Daran müssen Sie sich doch erinnern.«

Herr Kerst schlug sich gegen die Stirn. »Ja, stimmt. Zu Beginn des Abends. Sie war nicht dabei, als die Herren bestellten, und sie kam erst zurück, als wir schon bei den Vorspeisen waren.«

Pulsuz fraqment bitdi.

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