Kitabı oxu: «Die Ehe des Dr. Jorg - Liebesroman»

Şrift:

Marie Louise Fischer

Die Ehe des Dr. Jorg - Liebesroman

Saga

Die Ehe des Dr. Jorg - LiebesromanDer Ehe des Dr. Jorg (Unfallstation) Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og Ringhof Forlag A/S Copyright © 2017 by Erbengemeinschaft Fischer-Kernmayr, (www.marielouisefischer.de) represented by AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de) Originally published 1968 by Lichtenberg Verlag, Germany Copyright © 1968, 2019 Marie Louise Fischer und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726355185

1. Ebook-Auflage, 2019

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk

– a part of Egmont www.egmont.com

1

Das Rasseln des Weckers riß Dr. Richard Jorg aus tiefstem Schlaf. Ohne die Augen zu öffnen, streckte er den linken Arm aus, tastete nach dem Läutwerk und stellte es ab. Er drehte sich, genoß die wohlige Wärme des Bettes, räkelte sich tiefer in die Kissen.

Ganz allmählich erwachte er zu vollem Bewußtsein. Er hörte, wie seine Frau leise hereinkam.

„Du mußt aufstehen, Richard“, sagte sie so nahe seinem Ohr, daß ihre Locken ihn kitzelten. „Es ist höchste Zeit.“

„Schon?“ murmelte er schlaftrunken.

„Es ist gleich sechs“, sagte sie eifrig. „Du mußt . . .“

Aber da hatte er sie auch schon an sich gezogen und verschloß ihren Mund mit einem langen Kuß. Sie zappelte in seinen Armen, stemmte ihre Fäuste gegen seine Brust und versuchte ihn in die Lippen zu beißen. „Nicht jetzt, Richard“, protestierte sie. „Doch nicht jetzt!“

Er öffnete die Lider, sah ihr kleines helles Gesicht mit den runden braunen Augen unter den sanft gebogenen Wimpern ganz nahe vor sich. Ihr über alles geliebtes Gesicht.

„Und warum nicht?“ fragte er, ohne sie loszulassen.

„Weil du aufstehen mußt, Richard.“

Aber er spürte, wie ihr Körper unter seinen zärtlichen Händen schon weich wurde, nachgab. Nur noch wenige Augenblicke, und ihr Widerstand würde gebrochen sein.

„Du kommst zu spät in die Klinik“, sagte sie nur noch. Aber es klang nicht mehr wie ein Protest.

„Das laß nur meine Sorge sein, Liebling.“

„Das Wetter ist schauderhaft, du mußt ganz vorsichtig fahren. Also, wirklich, Richard, warum können wir nicht . . . du bist schrecklich!“

Er lächelte sie an. „Möchtest du, daß ich mich ändere?“

„Nein“, sagte sie atemlos. „Nein, Richard . . .“ Sie schlüpfte zu ihm unter die Decke, preßte ihren Kopf mit dem verwuschelten Haar fest an sein Herz.

Er wollte sie wieder küssen, aber in diesem Augenblick begann drüben in der Küche der Wasserkessel zu pfeifen, erst zart und zurückhaltend, dann immer heftiger und fordernder. Der Pfiff steigerte sich zu einem ohrenbetäubenden, anhaltenden Crescendo.

„Evchen wird wach werden!“

Mit einem dumpfen Plopp schoß drüben die Pfeife des Wasserkessels in die Luft. Sie hörten sie auf den Küchenfliesen aufschlagen.

„Na siehst du“, grinste er. „Erledigt sich alles von selbst.“

„O Richard“, rief Inge. „Wie komisch! Was sind wir doch für Kindsköpfe! Ein uraltes Ehepaar wie wir . . .“

„Aus dem Munde der Unmündigen kommt die Wahrheit“, sagte er. „Aber was hilft’s . . . aufstehen müssen wir ja doch. Also, machen wir’s kurz und schmerzlos.“

Er schwang seine langen Beine aus dem Bett. „Tummle dich, Alte. Wir holen’s nach, verlaß dich drauf.“

Sie turnte über das Fußende des Bettes und angelte nach ihren Pantöffelchen, während Richard schon seinen Morgenrock angezogen hatte und ins Bad hinübereilte.

Inge trat an ihren Toilettentisch, preßte die Hände gegen die erhitzten Wangen, fuhr sich mit dem Kamm durch die seidigen Locken, zog ihren hellen geblümten Morgenrock glatt, lief dann in die Küche.

Sie hatte gerade den kleinen Tisch in der Eßecke fertig gedeckt, als Richard Jorg hereinkam, nach Rasierwasser duftend, pfeifend und fröhlich.

„Sag mal“, meinte er und setzte sich, „hat es dir eigentlich nie leid getan? Ich meine, daß du dich für mich entschieden hast? Wenn du einen soliden Beamten geheiratet hättest, brauchtest du nicht drei Abende in der Woche allein zu sein, weil dein Mann Dienst hat. Sonntags hättest du ihn immer bei dir. Und außerdem verdient jeder tüchtige Autoschlosser heute mehr Geld als ich.“

Sie legte den Finger an die Nase und sagte mit gespieltem Ernst:

„Mir scheint, verehrtester Herr Doktor, Sie leiden an Minderwertigkeitskomplexen. Ein schwerer Fall. Was für eine Therapie schlagen Sie vor?“

Dr. Jorg ging sofort auf das Spiel ein. „Sie müssen mal mit meiner Frau reden, Herr Professor“, sagte er. „Sie ist so verdammt kühl und abweisend. Ich muß sie jedesmal regelrecht verführen, bis sie . . .“

„Du Scheusal!“ Inge sprang so heftig auf, daß der Küchentisch wackelte und Dr. Jorg rasch zugreifen mußte, um Kanne und Kaffeetasse in Sicherheit zu bringen. „Wie kannst du so etwas sagen!“ Sie lief zu ihm, schwang sich auf seine Knie, schlang ihre Arme um seinen Hals und küßte ihn auf den Mund, lange, innig und voll zärtlicher Leidenschaft . . .

Dr. Richard Jorg glaubte diesen Kuß noch auf den Lippen zu spüren, als er fünfzehn Minuten später am Steuer saß und seinen Wagen startete.

Es war ein kalter, düsterer Wintermorgen. Die Scheinwerfer durchdrangen den Bodennebel und die Finsternis nur meterweit.

Normalerweise brauchte Dr. Jorg von dem Vorort Baldham, in dem er mit seiner Familie wohnte, gut zwanzig Minuten bis zur Unfallklinik in der Stadt. Aber an diesem Morgen dauerte die Fahrt wesentlich länger. Er konnte kilometerweit nur Schrittempo fahren. Erst als er die Peripherie Münchens erreicht hatte, wurde es besser. Der Bodennebel löste sich auf, Straßenlaternen und Fenster leuchteten beruhigend.

Er wollte gerade in das Portal des großen, modernen Unfallklinikgebäudes einbiegen, als ein Krankenwagen mit Blaulicht und Martinshorn heranraste, mit quietschenden Reifen rechts einbog und in der Einfahrt verschwand. Ehe Dr. Jorg ihm folgen konnte, kam schon der zweite Unfallwagen in rasender Fahrt hinterher.

Dr. Jorg unterdrückte einen Fluch. Der Tag fing ja gut an. Kein Wunder bei diesem Wetter.

Er gab Gas, fuhr in den Hof der Klinik ein, stoppte, sprang aus seinem Auto und schloß es ab. Im Vorbeilaufen sah er, wie eine Trage aus der Hintertür des zweiten Unfallwagens in den Vorbereitungsraum der Klinik geschoben wurde. Der erste Unfallwagen schoß schon wieder aus dem Hof hinaus. Dr. Jorg nahm die Stufen zum Haupteingang mit wenigen großen Schritten, rannte ins Ärztezimmer, warf Ulster und Jacke ab und schlüpfte in seinen Kittel.

Er säuberte sich im großen Waschraum die Hände und hastete in den Vorbereitungsraum.

„Na endlich“, sagte sein Kollege vom Nachtdienst, ein großer, hagerer Mann, zehn Jahre älter als Dr. Jorg. „Ich dachte, ich müßte noch mal ’ran “

„Entschuldigen Sie bitte, Kollege.“

„Macht nichts. Bei diesem Wetter! Hauptsache, Sie sind da.“

Dr. Jorg warf einen Blick über den Vorbereitungsraum. Vier Tragen standen da, auf denen man im ersten Moment nichts anderes erkennen konnte als blutverschmierte menschliche Bündel.

„Was ist passiert?“ fragte er.

„Schauen Sie sich’s an, Kollege. Schöne Schweinerei.“

Ein Beamter der Funkstreife, der sich bis jetzt im Hintergrund gehalten hatte, salutierte leicht. „Verkehrsunfall auf der Olympiastraße“, meldete er. „Einen englischen Sportwagen hat’s auf die linke Straßenseite geschleudert. Er ist dabei frontal gegen einen VW geprallt.“

„Na, viel Spaß“, sagte der Kollege und zog sich zurück.

Niemand sonst hatte Dr. Jorgs Eintritt beobachtet. Die Krankenpfleger waren damit beschäftigt, die Kleidung der Verletzten aufzuschneiden und zu entfernen. Zwei Schwestern taten das gleiche bei einer Frau, die auf der hintersten Trage in nächster Nähe der Rampentür lag.

Oberarzt Dr. Müller und der Assistent Dr. Köhler hatten bereits mit der Untersuchung begonnen. Dr. Jorg war Stellvertreter des Oberarztes. Ein seit Jahren erprobtes, gut eingespieltes Team.

Dr. Jorg versäumte nicht eine Sekunde. Er wandte sich sofort der ihm am nächsten stehenden Trage zu. Der Verletzte war schon entkleidet, ein blonder junger Mann mit gut ausgebildeter Muskulatur. Sein Gesicht zeigte Schürfspuren, geronnenes Blut und Straßenschmutz. Der linke Arm lag völlig verdreht, mit der Handfläche nach oben. Es sah aus, als gehörte der Arm gar nicht zu dem Mann. Der Patient war bewußtlos.

„Das ist der Fahrer des Sportwagens“, sagte der Polizist. „Er wurde acht bis zehn Meter aus dem Auto ’rausgeschleudert.“

Dr. Jorg hob die Augenlider des Bewußtlosen nacheinander an. Der Pupillenreflex war noch da. Aber das hatte so kurz nach dem Unfall nicht allzuviel zu besagen. Er hob den linken Arm des Verletzten und ließ ihn fallen; er schien nur noch durch Haut mit dem Körper verbunden zu sein. Auch der linke Fuß und der Unterschenkel waren gebrochen.

„Kopf röntgen“, sagte Dr. Jorg zu dem neben ihm stehenden Pfleger. „In drei Ebenen. Alles andere hat Zeit. Verständigen Sie den Anästhesisten.“

Während zwei Pfleger die Trage behutsam aufhoben und zum Aufzug transportierten, wandte sich Dr. Jorg an den Oberarzt, der einen anderen Verletzten untersuchte.

„Verdacht auf Schädelbasisfraktur“, sagte Dr. Jorg. „Reflexe sind erhalten. Ich habe ihn zum Röntgen geschickt.“

Dr. Müller nickte leicht. „Schauen Sie sich mal diesen Mann hier an. Es ist der Beifahrer des VW.“

Der Verletzte sah aus geweiteten, erschreckten und doch stumpfen Augen zu den Ärzten auf.

„Können Sie sich an den Unfall erinnern?“ fragte der Oberarzt. „Waren Sie bewußtlos?“ Er tastete dabei nach dem Puls des Verletzten, der schwach und sehr schnell ging.

„Unfall?“ murmelte der Schwerverletzte verständnislos. „Ich weiß nicht. Wo bin ich hier?“

„Schockzustand“, sagte Dr. Jorg leise.

Der Oberarzt nickte. Ein schwerer Wundschock war bei solchen Verletzungen nichts Ungewöhnliches.

Dr. Jorgs Augen überflogen den Körper des Patienten. Schnittwunden, Quetschungen, außerdem ein schwerer Oberschenkelhalsschaftbruch.

Dr. Jorg winkte eine Schwester herbei. „Dolantin“, befahl er und legte eine Staubinde an den linken Arm des Verletzten, während die Schwester die Spritze aufzog. Dr. Jorg spritzte eine Ampulle Dolantin. „Infusion“, sagte er dann. „Plasma-Expander.“

Die Schwester schüttete den Blutersatz in einen gläsernen Behälter, Dr. Jorg schloß den dünnen Schlauch an die Vene. Nur auf diese Weise konnte der Kreislauf des Schwerverletzten gestützt werden.

„So“, sagte Dr. Jorg. „Bleiben Sie bitte bei dem Patienten. Kontrollieren Sie den Puls. Wenn er sich einigermaßen erholt hat, kommt er zum Röntgen. Schädelaufnahmen, das rechte Bein in zwei Ebenen.“

„Jawohl, Herr Doktor.“

Dr. Jorg wandte sich zu der Patientin auf der Trage neben der Tür. Dr. Köhler hatte sie untersucht. Ein schönes junges Mädchen. Ihr blondes Haar war verklebt, ihr Gesicht durch eine große Schnittwunde auf der rechten Wange entstellt. Sie blickte verstört ins Leere.

Dr. Jorg zog es das Herz zusammen. Unwillkürlich trat das Bild seiner jungen Frau vor sein inneres Auge. Wenn Inge so vor ihm läge . . .

Commotio leichteren Grades“, erläuterte der Assistenzarzt. „Und natürlich noch Schock Kann sich an nichts mehr erinnern, spricht aber schon bedeutend klarer als vorhin. Ich habe Dolantin gegeben.“

Dr. Jorg räusperte sich. „Erbrechen?“ fragte er.

„Einmal. Außer Hautabschürfungen und dem Schnitt da in der Wange hat sie nichts abbekommen.“

„Nichts?“ fragte Dr. Jorg. „Ich denke, das genügt. Gehen Sie in den zweiten Operationssaal und versorgen Sie zunächst die Schnittwunde. Etwaige Kontrollaufnahmen vom Schädel und so weiter haben bis morgen Zeit.“

Das Mädchen begann zu sprechen, mit einer Stimme, die von weither zu kommen schien. „Wo ist Peter?“ fragte sie. „Mein Freund . . .“

Dr. Jorg beugte sich über die Patientin. „Machen Sie sich keine Sorgen. Mit ihm ist alles in Ordnung.“

Er gab den Pflegern einen Wink, die Trage hinauszubringen.

Dr. Jorg folgte dem Oberarzt ins Röntgenzimmer. Die Aufnahme vom Schädel des Sportwagenfahrers mußte jetzt fertig sein.

Das Röntgenbild lag in der Dunkelkammer auf der Mattscheibe. Es zeigte einen Wust von Schattierungen und komplizierten Linien.

„Schädelbasisbruch“, sagte Dr. Jorg gepreßt. „Wie ich befürchtet hatte.“

„Ja, leider“, sagte Dr. Müller.

Sie betrachteten noch die Aufnahmen von den beiden anderen Ebenen des Schädels. Dann verließen sie wortlos das Zimmer und fuhren zum Erdgeschoß hinauf, wo der blonde junge Mann in tiefer Bewußtlosigkeit lag. Er war unruhig geworden, die Pfleger hatten ihn auf dem Untersuchungsbett anschnallen müssen. Der Puls ging jetzt sehr schnell, die Atmung unregelmäßig.

„Sieht übel aus“, sagte Dr. Köhler. Er bemühte sich fortwährend, den Kreislauf des Patienten zu stützen.

Dr. Müller und Dr. Jorg untersuchten die Pupillen. Die rechte war klein, die linke weit und starr. Sie sahen sich an. Beide wußten Bescheid.

„Subdurales Hämatom“, sagte Dr. Jorg.

Dr. Müller nickte.

Die starre, erweiterte Pupille war ein sicheres Symptom für einen verstärkten Hirndruck auf der linken Seite. Dieser Hirndruck konnte nur von einer Blutstauung unter der Hirnhaut, einem subduralen Hämatom, herrühren. Bei dem Unfall mußten Hirngefäße verletzt worden sein. Das Blut staute sich, weil es keinen Ausweg fand.

„Wir müssen eine Trepanation zur Entlastung vornehmen“, sagte Dr. Jorg.

„Ja“, entschied Dr. Müller. „Operation. Wollen Sie das machen, Kollege?“

Dr. Jorg begriff, daß der Oberarzt den Fall für hoffnungslos hielt. Aber man mußte alles versuchen.

„Alles fertig machen zur Operation“, ordnete er an.

„Äußerste Beeilung, wenn ich bitten darf!“

„Viel Glück, Kollege“, sagte Dr. Müller. „Ich schicke Ihnen einen Assistenten.“

Dr. Jorg ging in den Waschraum, bürstete und wusch seine Hände zehn Minuten lang unter fließendem, heißem Wasser. Für eine Hirnoperation brauchte er Fingerspitzengefühl. Mit Gummihandschuhen war da nichts zu machen.

Der Assistent kam herein. Dr. Jorg erläuterte ihm mit wenigen präzisen Worten den Fall. Eine Lehrschwester half den beiden Ärzten in die sterilen grünen Kittel, knöpfte sie von hinten zu, setzte ihnen die sterilen grünen Kappen auf und band ihnen den Atemschutz vor, die sogenannte „Schnauze“. Dr. Jorg setzte sich noch eine kleine Stirnlampe auf. Hintereinander betraten die beiden Ärzte den OP.

Der Patient lag im schattenlosen Licht der Operationslampen. Sein Körper war mit sterilen Tüchern abgedeckt, das Kopfhaar völlig abrasiert, die ganze Schädeldecke mit Benzin und Alkohol gereinigt. Die Verletzung war jetzt deutlich sichtbar; ein etwa drei Zentimeter langer Bruch der Schädeldecke.

Dr. Jorg setzte sich auf den drehbaren Operationssessel hinter den Kopf des Patienten, der auf einer aufgeblasenen weichen Stütze lag.

Der Anästhesist hatte eine Dauertropfinfusion am Knöchel des Patienten angelegt. Eine Hohlnadel, die in die Vene führte, war durch ein Schlauchsystem mit einem Behälter verbunden. So konnten dem Patienten die notwendigen Medikamente tropfenweise zugeführt werden.

Außerdem hatte der Narkosearzt eine Intubation durch den Mund direkt in die Luftröhre eingeführt . . . ein biegsames Rohr, das mit dem Narkosegerät in Verbindung stand. Da der Patient in tiefer Bewußtlosigkeit lag, war eine Narkose zwar nicht nötig; aber man konnte ihm auf diesem Wege während der ganzen Operation Sauerstoff zuführen.

Dr. Jorg warf dem Anästhesisten einen fragenden Blick zu. „Wie sieht’s aus?“

„Schlecht, leider. Ich habe alles versucht, den Kreislauf anzuregen. Aber . . .“ Der Anästhesist zuckte mit den Schultern.

„Tun Sie weiter, was Sie können“, sagte Dr. Jorg. Er wandte sich an die OP-Schwester: „Skalpell!“ Dann führte er den ersten bogenförmigen Schnitt aus. Es blutete unerwartet stark. „Sauger!“ forderte Dr. Jorg.

Der Anästhesist betätigte den Sauger. Das blutende Gefäß wurde sichtbar. Dr. Jorg ergriff es mit der Pinzette. „Strom!“

Der Assistent legte die elektrische Nadel an das Gefäß und verödete es. Die Blutung war gestillt.

Dr. Jorg hatte den Hautlappen jetzt zurückpräpariert, halbmondförmig klappte er ihn herunter. Der Knochendeckel lag frei und mit ihm die Bruchstelle.

Die OP-Schwester reichte ihm den elektrischen Bohrer. Dr. Jorg legte zwei Bohrlöcher an, so daß ein Rechteck entstand, dessen eine Seite die Bruchstelle bildete.

„Handsäge!“

Die OP-Schwester reichte sie Dr. Jorg. Er sägte vorsichtig von Bohrloch zu Bohrloch und hob das Knochenstück heraus. Eine jüngere Schwester nahm es in Empfang und legte es in physiologische Kochsalzlösung.

Jetzt sah man die Hirnhaut. Sie war stark gespannt. Blauschwarz schimmerte die Blutung durch.

Der Assistent spülte das Operationsgebiet, entfernte Knochensplitter.

Dr. Jorg nahm das haarscharfe kleine Skalpell und ritzte die starke Dura an, die Hirnhaut. In dickem Schwall spritzte das gestaute Blut heraus. Nach und nach verschwand der Hirndruck.

Zwar konnte in dieser Minute niemand sagen, der Patient sei endgültig gerettet. Aber dem sicheren Tod war er zunächst einmal entrissen.

Der Assistent begann die blutenden Gefäße elektrisch zu verschorfen, bis das Operationsgebiet keine Nachblutung mehr zeigte.

Dr. Jorg füllte Hirnflüssigkeit auf und vernähte die Dura. Dann stand er auf und ging. Seine Arbeit war getan. Das Einfügen des Knochendeckels und die Kopfhautnaht konnte er dem Assistenten überlassen.

„Versorgen Sie auch noch den Arm und den linken Fuß“, sagte er, bevor er den OP verließ. „Der Junge wird sie ja hoffentlich noch brauchen.“

Im Waschraum half ihm die Lehrschwester aus dem blutverschmierten Kittel. Dr. Jorg bestellte sich eine Tasse Brühe und eine Schnitte Brot, wusch sich die Hände und zündete sich eine Zigarette an.

Doch das war die einzige Erholungspause, die sich Dr. Richard Jorg an diesem Vormittag gönnen durfte.

Danach ging es ununterbrochen weiter. Knochenbrüche, Schnittverletzungen, Quetschungen. Eine Frau, die versucht hatte, sich zu vergiften. Ein Kind mit schweren Verbrennungen.

Dr. Jorg war ganz überrascht, als plötzlich Dr. Willy Markus vor ihm stand, um ihn abzulösen.

„Nanu?“ sagte er. „Ist es schon zwei Uhr?“

„Zwanzig vor“, erklärte der Kollege und Studienfreund und zeigte lächelnd seine weißen, ebenmäßigen Zähne. „Aber einen Junggesellen wie mich macht ein Sonntag im Winter sowieso halb verrückt. Ich hatte nichts Besonderes vor heute mittag. Und da dachte ich, dir läge viel daran, so schnell wie möglich zu deiner Frau nach Hause zu kommen.“

„Danke, Willy. Vielen Dank.“

„Laß nur. Und grüß Inge von mir.“

„Wird gemacht. Servus.“ Richard Jorg ging zum Ärztezimmer, zog sich um und eilte hinaus zu seinem Wagen. Er war dem Kollegen ehrlich dankbar.

Früher waren sie unzertrennlich gewesen. Richard Jorg und Willy Markus. Als Junggesellen hatten sie zusammen gewohnt, sich immer blendend verstanden, manche Verrücktheit miteinander ausgeheckt. Bis Willy Markus seinem Freund eines Tages seine Freundin Inge vorstellte. Ein bildhübsches blondes, blutjunges Mädchen. Sie hatten sich angesehen, Inge und Richard Jorg, und beide waren ein bißchen verlegen geworden.

Willy Markus hatte es zunächst nicht bemerkt, er schlug in aller Harmlosigkeit einen Ausflug zu dritt vor. Man kam danach noch öfter zusammen, obwohl Richards Befangenheit Inge gegenüber immer größer wurde. Er wehrte sich gegen die Liebe, die heimlich in ihm wuchs, er hatte alles andere vor, als seinem besten Freund das Mädel auszuspannen.

Doch nach Wochen war Willy Markus zu ihm gekommen und hatte gesagt: „Du Richard . . . ich komme mit Inge nicht mehr recht klar. Wir haben uns im Grunde nichts mehr zu sagen, und ich fürchte, alter Junge, daran bist du schuld. Halt, sag jetzt nichts. Sie hat mir gestanden, daß sie dich liebt. Und du hast auch Feuer gefangen, mach mir nichts vor. Was sollen wir uns lange herumquälen . . . passiert ist passiert. Ich strecke die Waffen, meinen Segen habt ihr. Wenn ihr ’nen Trauzeugen braucht . . .“

So rasch und so einfach war das gegangen. Willy Markus benahm sich großartig. Aber ein Knacks in der Freundschaft war geblieben.

Er zündete sich eine Zigarette an, bevor er sich ans Steuer setzte. Der Wagen sprang nicht gleich an, er mußte die Starterklappe ziehen. Dann fuhr er an und kurvte auf die Straße hinaus.

Draußen vor der Stadt lastete immer noch der Nebel. Dr. Jorg nahm Gas weg und schaltete das gelbe Nebellicht ein. Nach einiger Zeit lichteten sich die Schwaden etwas. Er sah, daß ein rotes Kabriolett wenige Meter vor ihm fuhr. Am Steuer saß eine Frau. Er konnte nur erkennen, daß sie dunkles Haar hatte und eine Pelzkappe trug.

Die Fahrbahn war naß und glänzend. Dr. Jorg mochte nicht überholen, es war zu glatt. Er wollte gerade in den zweiten Gang zurückschalten, um noch langsamer zu fahren, als die Dame vor ihm plötzlich ihr Tempo beschleunigte. Der Abstand zwischen den beiden Autos vergrößerte sich.

Das rote Kabrio hatte jetzt das Ufer eines kleinen Sees erreicht. Die Böschung fiel steil zum Wasser ab, die Straße war durch ein Geländer abgesichert. Eine scharfe Kurve kam heran.

Dr. Jorg sah, wie der Wagen vor ihm bremste und gleichzeitig ins Schleudern geriet. Das Heck schlingerte hin und her, die Fahrerin verlor die Gewalt über das Steuer. Das rote Kabrio scherte nach rechts aus, durchbrach das Geländer und stürzte in die Tiefe.

Der ganze Vorgang hatte sich in Sekundenschnelle abgespielt. Wäre nicht das zersplitterte Geländer gewesen . . . Dr. Jorg hätte sich einbilden können, einer Täuschung zum Opfer gefallen zu sein.

Er brachte seinen Wagen zum Stehen, sprang hinaus, lief zum Geländer, starrte in die Tiefe. Das rote Kabriolett schwamm mit dem Verdeck nach oben auf dem Wasser. Wahrscheinlich hatte es sich im Fallen überschlagen und war dann doch mit der Bauchseite unten angekommen. Aber es sank von Sekunde zu Sekunde tiefer, das Wasser drang unerbittlich ein.

Was tun? Die Funkstreife oder die Feuerwehr verständigen? Ehe die kamen, war es zu spät. Wenn die Fahrerin nicht selbst genug Geistesgegenwart besaß, sich aus dem sinkenden Fahrzeug zu befreien, war sie verloren.

Angestrengt spähte Dr. Jorg in die Tiefe. Die Fenster des Wagens waren noch über Wasser. Aber im Inneren war nicht die geringste Bewegung zu erkennen.

Er raste zu seinem Auto zurück, riß sein Fahrtenmesser aus dem Handschuhkasten, hastete die Straße entlang bis zum Ende des Geländers und stolperte den Abhang zum See hinunter.

Das Auto war in der Zwischenzeit schon tiefer gesunken.

Dr. Jörg zögerte den Bruchteil einer Sekunde. Dann streifte er Schuhe und Mantel ab und watete in das eiskalte Wasser hinein.

Die Kälte drang ihm sofort bis auf die Knochen. Aber er überwand sich mit zusammengebissenen Zähnen, watete weiter, bis er den Boden unter den Füßen verlor, schwamm dann in kräftigen Stößen auf das immer tiefer sinkende Fahrzeug zu, packte den Türgriff, schwang sich auf den vorderen Kotflügel, der schon tief unter Wasser gedrückt war, und schlitzte das Verdeck des Autos auf.

Jetzt sah er die Fahrerin. Sie hing ohnmächtig über dem Steuer. Ihr Körper lag schon bis zur Brust im Wasser.

Es gelang ihm mit unendlicher Anstrengung, den leblosen Körper in den vor Nässe schweren Kleidern hochzustemmen und auf den unzerstörten Teil des Verdecks zu legen. Lieber Gott, betete er innerlich, nur noch ein paar Minuten! Laß das Auto nicht jetzt versinken, nicht jetzt! Nur noch ein paar Minuten . . . Er wußte: Wenn das Auto zu früh unterging, würde der Strudel sie beide unweigerlich mit hinabziehen.

Mühsam kletterte Dr. Jorg auf den Kofferraum, packte die leblose junge Frau unter den Achseln und zerrte sie hoch.

Er zog die Bewußtlose ins Wasser und schwamm auf dem Rücken dem Ufer zu, mit Beinstößen, die ihm das letzte an Energie abforderten. Er hatte gerade wieder Boden unter den Füßen gewonnen, als das Auto gurgelnd in die Tiefe des Sees verschwand.

Auf seinen Armen trug er die Gerettete zum Ufer, erreichte keuchend und zitternd, völlig am Ende seiner Kräfte, die Böschung, glaubte schon, es geschafft zu haben . . . da glitt er auf einem nassen Stein aus. Er drehte sich im Kampf um sein Gleichgewicht um sich selber, die junge Frau entglitt seinem Griff. Beide stürzten zu Boden.

Dr. Jorg spürte einen jähen, heftigen Schmerz an der Stirn. Ein Feuerwerk roter und gelber Sterne blitzte vor ihm auf und erlosch. Nacht umfing ihn. Er verlor das Bewußtsein.

Später, viel später hörte Dr. Richard Jorg eine vertraute Männerstimme über sich: „Mensch, Richard, alter Junge!“

Er riß die Augen auf. Dr. Willy Markus lächelte besorgt auf ihn herab.

„Wo bin ich?“ fragte Dr. Jorg mühsam.

„Na, schau dich mal um. Du solltest dich doch hier auskennen. Nein, liegenbleiben, bitte . . . Ich habe nicht gesagt, daß du gleich aufstehen sollst.“

Dr. Jorg sah weiße Kittel um sich, bekannte Gesichter, helles, schattenloses Licht. „Bin ich . . .“, stammelte er.

„Sehr richtig, alter Junge.“ Markus grinste. „Du bist in der Unfallklinik! Im Vorbereitungsraum, wenn du es genau wissen willst.“

„Was . . . was ist denn passiert?“

„Genau das möchte ich von dir wissen“, erwiderte der Kollege.

„Wasser . . . kaltes, trübes Wasser . . .“

„Sehr richtig!“ Dr. Markus reinigte mit einer Desinfektionsflüssigkeit das Gesicht des Kollegen. „Eigentlich hätten wir einen Schnappschuß von dir machen sollen“, meinte er. „Wie du aussahst, als sie dich hier hereinschoben . . . ich dachte, mich laust der Affe.“

Die scharfe Flüssigkeit brannte in der Wunde. Dr. Jorg zuckte zusammen.

„Nur eine Platzwunde“, sagte Dr. Markus beruhigend. „Du hast Glück gehabt. Ein Pflaster drauf, und schon ist’s passiert!“ Er legte die Staubinde um Richards linken Arm. Die Injektionsnadel drang in die Vene.

„Was machst du denn da?“ fragte Dr. Jorg.

„Ich verpasse dir eine Ampulle Dolantin. Scheinst ja einen argen Schock bekommen zu haben. Bleib still liegen, hörst du? Ärzte sind bekanntlich die schwierigsten Patienten.“

„Wo ist diese Frau?“ fragte Dr. Jorg. „Die aus dem Wagen . . . im See . . .“ Langsam, ganz langsam kam die Erinnerung wieder.

„Die du gerettet hast, meinst du wohl.“

„Ich habe . . .“

„Genau. Du bist der Held des Tages. Du sahst eine junge Dame im See versinken, und schon hast du dich wie ein Kavalier in die Fluten gestürzt. Meine Hochachtung, alter Junge.“

„Ja, so war es“, murmelte Dr. Jorg. „Jetzt weiß ich wieder alles. Ich habe das Verdeck aufgeschnitten und sie ’rausgeholt. War ein verdammtes Stück Arbeit.“

„Kann ich mir denken.“ Dr. Markus zog die Spritze heraus, nahm die Staubinde ab und gab beides einer Schwester. Er begann den Leib des Patienten abzutasten. „Schmerzen?“ fragte er.

„Ach, woher denn?“

„Na, erlaube mal. Du könntest dich doch verletzt haben“

„Aber wie denn? Wasser hat schließlich weder Kanten noch Ecken. Wenn ich nicht auf den blöden Steinen am Ufer ausgerutscht wäre . . . also wirklich, Willy, mir fehlt nichts, außer dieser kleinen Beule an der Stirn.“

„Na schön. Dann werde ich dich jetzt mal zum Röntgen schicken.“

„Röntgen?“ Dr. Jorg fuhr auf. „Bist du denn wahnsinnig? Wegen dem kleinen Bums?“

„Bloß als Vorsichtsmaßnahme. Du solltest doch selbst am besten wissen . . .“

„Na hör mal. Seit wann wird hier jeder geröntgt, der sich den Schädel gestoßen hat?“

„Nicht jeder. Aber bei dir möchte ich ganz sichergehen.“ Dr. Markus grinste. „Schließlich bist du ein besonders wertvolles Mitglied der menschlichen Gesellschaft.“

„Laß die Witze!“

„Ganz im Ernst, alter Junge.“

Dr. Jorg zog sich die rauhe Wolldecke um die nackten Schultern. „Alles, was ich brauche, ist ein heißes Bad und ein Aspirin! Wenn ihr mich noch länger hier so herumliegen laßt, hole ich mir den Tod! Und falls du mich wirklich ins Röntgenzimmer schleppen willst, springe ich von der Trage . . . laß dir das gesagt sein!“

„Na schön“, sagte Dr. Markus. „Auf deine Verantwortung.“

„Und tu mir einen Gefallen: Sieh zu, daß meine Sachen im Trokkenraum wieder in Ordnung gebracht werden. Wo sind übrigens mein Mantel und meine Schuhe? Ich hatte sie ausgezogen, bevor ich . . .“

„Alles da. Keine Sorge.“

„Um so besser. Übrigens, in der Tasche vom Mantel müssen meine Zündschlüssel sein. Kannst du jemanden losschicken, der mein Auto holt?“

Dr. Markus hob die dichten schwarzen Augenbrauen. „Du hast doch nicht etwa vor, allein nach Hause zu fahren?“

„Doch. Sobald ich mich einigermaßen erholt habe.“

„Also hör mal . . .“

„Ich bin nicht krank.“

Dr. Markus zuckte die Achseln. „Schon möglich“, sagte er. „Deinem Dickschädel kann ein kleiner Stoß bestimmt nichts ausmachen.“

Dr. Jorg wandte sich an die Krankenpfleger. „Ab geht’s“, befahl er. „Ins Bad!“

Dr. Markus lief ijhm nach. „Hör mal“, sagte er. „Wird Inge sich keine Sorgen machen, daß du nicht nach Hause gekommen bist? Soll ich sie nicht wenigstens anrufen?“

Dr. Jorgs Augen wurden dunkel. Wie hatte er seine Frau vollkommen vergessen können? Das war noch nie zuvor geschehen.

„Doch“, sagte er betroffen, „tu das . . .“

„Wird gemacht.“

„Aber bitte, erzähl ihr nichts von dem Unfall. Sag einfach, ich hätte noch länger hier zu tun. Ich möchte sie nicht beunruhigen.“

„Ob das richtig ist?“ fragte Dr. Markus zögernd.

„Laß das meine Sorge sein. Schließlich bin ich mit ihr verheiratet und nicht du!“

Dr. Markus sah ihn ganz verdutzt an. So hatte Richard Jorg noch nie mit ihm gesprochen. In einem so schroffen, beinahe haßerfüllten Ton. Na ja, der Schock, dachte Willy Markus. Er wird schon wieder vernünftig werden.

Gegen sechs Uhr abend erwachte Dr. Jorg. Er hatte gebadet, in einem Ärztezimmer geschlafen und fühlte sich wesentlich besser. Nichts war zurückgeblieben als dumpfer Kopfschmerz und eine innere Unruhe, die es ihm nicht erlaubte länger liegenzubleiben.

Er klingelte einer Schwester, verlangte seinen Anzug, seinen Mantel, seine Schuhe, bat um eine Tasse Kaffee. Er nahm eine Tablette.

Gerade als er das Zimmer verlassen wollte, trat Dr. Markus ein. „Wollte bloß mal sehen, wie es dir geht.“

„Hast du eine Zigarette für mich?“ fragte Dr. Jorg.

Dr. Markus reichte ihm ein Päckchen. „Kannst du behalten. Habe ich extra für dich besorgen lassen.“

„Danke“, sagte Dr. Jorg. Er riß das Päckchen auf, steckte sich eine Zigarette zwischen die Lippen, hielt dem Kollegen das Päckchen hin, der sich ebenfalls bediente und dann sein Feuerzeug aufspringen ließ.

„Streichhölzer habe ich auch nicht“, sagte Dr. Jorg.

„Kriegst du sicher von einer Schwester, wenn du schön ,Bitte! Bitte!‘ machst. Hier ist übrigens dein Zündschlüssel. Das Auto steht im Hof.“

„Danke“, sagte Dr. Jorg und ließ die Schlüssel in die Hosentasche gleiten.

„Ich habe Inge angerufen“, sagte Dr. Markus. „Ich habe ihr nichts von dem Unfall erzählt, obwohl . . .“ Er unterbrach sich. „Danke“, sagte Dr. Jorg.

„Du mußt ihr jetzt nur noch plausibel machen, warum du die nächsten Tage frei hast.“

Dr. Jorg runzelte die Stirn. „Habe ich?“

„Strenger Befehl vom Chef. Du hast nicht eher wieder zum Dienst zu erscheinen, bis du vollkommen auskuriert bist.“

Dr. Jorg wollte aufbegehren. Aber dann sagte er mit erzwungener Gelassenheit: „Na, wenn schon. Ich denke, ich werd’s einige Zeit ohne den Rummel hier aushalten können.“

„Bestimmt.“

Dr. Jorg drückte seine Zigarette aus. „Also dann . . . Dank für alles. Wiedersehen.“

„Richard“, sagte Dr. Markus und hielt den Kollegen am Arm fest.

„Was gibt’s?“

„Möchtest du dich nicht doch noch röntgen lassen? Es dauert ja nur ein paar Minuten, und . . .“

Dr. Jorg brauste auf. „Ich begreife nicht, warum du mir das dauernd einreden willst!“

„Weil ich in Sorge um dich bin“, sagte Dr. Markus ruhig.

„Sag lieber, weil du mich ausschalten willst!“

„Aber Richard! Spinnst du plötzlich?“

„Meinst du, ich hätte nicht längst bemerkt, daß du gegen mich intrigierst?“ schrie Dr. Jorg. „Du willst Oberarzt werden, du willst mich hier mies machen, du willst dich rächen wegen Inge . . . Glaubst du, ich bin blöd und sehe das nicht?“

„Richard!“ rief Dr. Markus entsetzt. „Was redest du denn da? Alles kann man mir vorwerfen, wirklich alles . . . aber doch nicht, daß ich ein Streber bin!“

Plötzlich glätteten sich Dr. Jorgs verzerrte Züge. „Entschuldige“, sagte er. „Ich weiß wirklich nicht, was da über mich gekommen ist. Mir scheint, ich bin wirklich noch ein bißchen durcheinander. Ich habe es nicht so gemeint.“

„Schon gut!“ sagte Dr. Markus verletzt.

Die beiden Männer sahen sich noch einen Augenblick schweigend an. Jeder suchte nach Worten, um die plötzlich entstandene Feindschaft zu überbrücken. Aber sie begriffen beide, daß sie sich nichts mehr zu sagen hatten.

Dr. Jorg drehte sich um und ging.

2

Die Heimfahrt verlief glatt und ohne Zwischenfälle.

Aber als er den Wagen vor seinem kleinen Haus parkte, überkam ihn ein seltsames Gefühl. Es war ihm, als wäre er nicht nur einen Tag, sondern sehr lange, eine Ewigkeit nicht mehr hier gewesen. Er blickte hoch, zählte die Fenster, betrachtete lange den gelben Verputz, der an einigen Stellen abzubröckeln begann . . . und immer stärker wurde dieser merkwürdig beklemmende Eindruck.

Alles schien verändert.

Er klingelte nicht wie sonst, um seine Ankunft anzukündigen, sondern schloß einfach die Haustür auf. Fast wunderte er sich, daß der Schlüssel paßte.

Auch der Hausflur war verändert. Er schien enger und dunkler, als er ihn in Erinnerung hatte. Zum erstenmal sah er, daß der Garderobenspiegel nicht blankgeputzt, daß der Teppich abgestoßen war. Und es ärgerte ihn.

Aus dem Wohnzimmer drangen die Stimmen seiner Frau und seiner kleinen Tochter. Ihre Fröhlichkeit traf ihn wie eine Kränkung. Es kostete ihn Überwindung, hineinzugehen.

Inge und Evchen hockten auf dem Fußboden, mitten in einer Puppenschneiderei, die blonden Köpfe eng beieinander, plaudernd und sehr vergnügt.

Dr. Jorg erstarrte. Der Anblick seiner Familie ließ ihn seltsam kalt.

In ihm war keine Freude mehr, keine Zärtlichkeit. Es war ihm, als sähe er auf zwei fremde Wesen, die ihm niemals etwas bedeutet hatten.

Jetzt erst sah Inge ihn in der Tür stehen, war fast im gleichen Augenblick auf den Beinen, lief zu ihm hin und umschlang ihn. „Richard“, rief sie, „Liebster, da bist du ja schon! Wir hatten dich gar nicht kommen gehört!“

„Tut mir leid, wenn ich euch gestört habe“, erwiderte er gepreßt.

„Wie kannst du so etwas denken! Nur . . . Willy Markus hatte gesagt, es könnte spät werden, und deshalb . . .“

Sie hob ihr Gesicht zu ihm auf, ihr liebevolles kleines Gesicht mit den braunen weit auseinanderstehenden Augen, den winzigen Sommersprossen auf der kecken Nase. Aber Dr. Richard Jorg empfand nichts bei diesem Anblick, gar nichts, geradeso, als wenn jedes Gefühl in ihm abgestorben wäre. Er mußte an sich halten, sie nicht brutal von sich zu stoßen.

Jetzt erst entdeckte sie das Pflaster auf seiner Stirn. Ihre großen Augen weiteten sich noch. „Was ist mit dir, Richard? Hast du dich verletzt?“ fragte sie erschrocken.

„Gestoßen“, sagte er ablehnend, „nichts von Belang.“

„Aber . . . wie ist denn das passiert?!“

„Nur einfach so.“

Sie strich zart mit den Fingerspitzen über das Pflaster, zog ihre Hand aber sofort zurück, als er zusammenzuckte.

„Tut es weh, Liebster?“

„Nicht der Rede wert!“ Er war erleichtert, als es ihm gelang, sie mit sanftem Druck von sich zu schieben.

Aber inzwischen war Evchen auf ihn zugekrabbelt. „Papi! Papi!“ schrie die kleine vergnügt und zog sich an seinem Hosenbein in die Höhe.

Inge hob ihr Töchterchen hoch, hielt sie dem Vater entgegen. „Gib Papi ein Küßchen, Liebling“, sagte sie, „aber ganz zart . . . Papi hat Weweh!“

Evchen schob ihre vollen runden Lippen zu einem Schnütchen vor, und Dr. Richard Jorg sah mit Ekel, daß ihr Mündchen mit Schokolade verschmiert war. Aber es gab keine Möglichkeit, dieser schmatzenden feuchten Berührung auszuweichen.

Danach aber wandte er sich rasch beiseite, rieb sich die Wange. „Ich glaube, du solltest sie waschen“, sagte er gezwungen.

Inge sah von ihrem Mann auf das Kind, das immer noch verlangend die Ärmchen nach seinem Vater ausstreckte. Sie war wie vor den Kopf geschlagen. Es war das erstemal, daß Richard Jorg sein Töchterchen nicht in die Arme nahm, es nicht abküßte und mit ihm spielte und spaßte.

„Nun steh nicht da wie eine Meduse“, sagte er, „sieh lieber zu, daß ich endlich etwas zu essen bekomme!“

„Ja, natürlich . . . sofort . . .“, sagte sie verwirrt und wollte, mit dem Kind auf dem Arm, aus dem Zimmer.

Dr. Jorg wies auf die Puppenschneiderei – Schere, Nadel, Faden und zahllose Stoffetzchen, die über den Fußboden verstreut waren. „Und das da soll einfach so liegenbleiben?“

Seine junge Frau starrte ihn an. Noch nie hatte er in einem solchen Ton mit ihr gesprochen. Flammender Zorn stieg in ihr auf. „Was willst du nun wirklich“, fragte sie bebend, „daß ich aufräume oder dir etwas zu essen mache?“

Er explodierte. „Daß du diesen verdammten Haushalt in Ordnung hältst!“ brüllte er. „Und ich finde, das ist nicht zuviel verlangt! Du hockst den ganzen Tag hier herum, während ich mich abplage, damit ihr ein gutes Leben führen könnt! Und was finde ich, wenn ich nach Hause komme? Ein Durcheinander, daß es einen grausen kann!“

Seine Wut verrauchte so schnell, wie sie ausgebrochen war. Kaum hatte er zu Ende gesprochen, als er schon gar nicht mehr begriff, was in ihn gefahren war. Er hätte gern alles zurückgenommen, aber dazu war es zu spät.

Inge hatte das Kind zu Boden gesetzt und begann hastig, alle Utensilien einzusammeln und in den großen bunten Karton zu stopfen. Dann verließ sie, immer noch schweigend, Evchen an der Hand, das Wohnzimmer. Wenig später hörte er ein Weinen – aber er konnte nicht ausmachen, ob es von seiner Frau oder seinem Kind kam.

Er warf sich in einen Sessel, streckte die Beine weit von sich, zündete eine Zigarette an. Er überlegte, ob er sich bei Inge entschuldigen sollte.

Aber wozu denn? dachte er. Sie ist wirklich die Unordnung in Person. Alles, was ich gesagt habe, war ja vollkommen richtig. Ich bin bisher viel zu nachsichtig mit ihr gewesen. Es war längst an der Zeit, ihr mal die Meinung zu sagen.

Aber es hielt ihn nicht in dem kleinen Zimmer. Er fühlte sich beengt, als wenn die vier Wände ihn erdrücken wollten. Kaum daß er seine Zigarette ausgeraucht hatte, stand er auf und ging in die Küche hinüber.

Inge hatte Brot, Butter, kalten Braten und eine Flasche Bier auf den Tisch gestellt. Sie war gerade dabei, eine Scheibe Braten für Evchen in winzige Stückchen zu schneiden. Das Kind saß mit verweinten Augen auf seinem Stühlchen.

Einen Augenblick sah er auf Inges gesenkten Kopf. Er glaubte, sie gekränkt und verletzt zu haben, und dieses Gefühl tat ihm seltsamerweise wohl, schaffte ihm geradezu eine gewisse Erleichterung.

Aber da sah sie ihn an und lächelte. „Verzeih mir“, sagte sie, „du hattest ganz recht! Ich bin wirklich eine Schlampe, aber ich werde mich bessern . . . großes Ehrenwort!“

Er wußte nicht, was er darauf erwidern sollte, setzte sich wortlos zu Tisch, schenkte sich ein Glas Bier ein.

„Das ist der Braten von heute mittag“, sagte sie, „er ist ein bißchen trocken geworden, weil ich ihn zu lange im Rohr gelassen habe . . . ich dachte ja immer, du müßtest jeden Augenblick kommen.“

„Mach mir nur Vorwürfe!“

„Aber das tue ich doch gar nicht, Richard, ich versuche nur, dir zu erklären . . . Liebster, warum müssen wir uns heute dauernd zanken?“

„Meine Schuld ist es nicht.“

Evchen war noch zu klein, um zu verstehen, was zwischen den Eltern vorging. Aber sie spürte das Unheil, das in der Luft lag. Der böse und gereizte Ton, den sie bisher nie gehört hatte, erschreckte sie. Sie begann wieder zu weinen.

„Evchen“, sagte Inge verzweifelt, „bitte, sei brav . . . iß dein Broti! Papi ist ja nicht böse . . .“

„Zum Kotzen!“ sagte er laut, schob seinen Teller mit einer brüsken Bewegung von sich und sprang auf.

Er stürzte zur Tür hinaus, ohne sich noch einmal umzusehen.

Eine Stunde später saß Inge Jorg im Wohnzimmer vor dem Fernseher. Allein.

Eine Revuesendung lief, und Inge war jung genug, um normalerweise an Tanz und Schlagern Freude zu haben. Aber an diesem Abend nahm sie nichts von dem wahr, was sich vor ihr auf der Mattscheibe abspiegelte.

Sie dachte an Evchen, die sich in den Schlaf geweint hatte, und an ihren Mann, der sich so seltsam benommen hatte. Nie zuvor hatte sie ihn so erlebt, und nie hatte sie sich nur vorgestellt, daß er sich so benehmen könnte.

Es war ihr, als wenn sie mit einem wildfremden Mann verheiratet wäre – nicht mehr mit dem fröhlichen, verliebten, verständnisvollen Richard Jorg, wie sie ihn gekannt hatte, sondern mit einem ganz anderen, von dessen Existenz sie bisher nichts geahnt hatte.

Ihre Mutter und ihre Freundinnen hatten ihr oft erzählt, daß die Männer erst in der Ehe plötzlich ihr wahres Gesicht zeigen – aber es war doch nicht möglich, daß ein Mensch sich an einem einzigen Tag so vollständig änderte! Noch am Morgen war er doch ganz wie immer gewesen. Wie wäre es möglich, daß er jetzt plötzlich so verwandelt war!?

Irgend etwas mußte geschehen sein im Lauf dieses Tages, irgendeine fremde feindliche Macht mußte von ihm Besitz genommen haben.

Dann wurde ihr bewußt, daß der Fernsehapparat noch immer lief. Sie wusch sich im Bad, huschte leise ins Schlafzimmer, schlüpfte in ihr Nachthemd und unter die Decke. Sie lag ganz still und hielt den Atem an.

Richard hatte kein Wort gesagt, aber sie spürte, daß er noch nicht schlief.

„Richard“, flüsterte sie, und ihre Hand tastete zu ihm hinüber.

„Hm“, murmelte er undeutlich.

Sie nahm allen Mut zusammen und rutschte hinüber, schlang ihre Arme um ihn und kuschelte ihren Kopf an seine Brust.

Aber er zog sie nicht wie sonst enger an sein Herz, sondern er lag, ohne sich zu bewegen, still und stumm, wie versteinert.

Sie streichelte ihn mit sanften, zärtlichen Händen. „Richard“, flüsterte sie, „Richard . . . weißt du denn nicht, wie sehr ich dich liebe?“

Sie spürte seine Lippen auf ihrer Stirn, trockene, harte Lippen. „Ich dich auch“, sagte er gepreßt, „aber geh jetzt schön brav wieder in dein Bett. Ich bin furchtbar müde.“

„Bist du mir noch böse?“

„Nein“, sagte er, „aber verschwinde jetzt. Bitte.“ Er rollte sich zur Seite.

Jetzt erst begriff sie, daß es ihm ernst war mit seiner Abweisung. Sie kroch in ihr Bett zurück, tief gedemütigt. Sie preßte die Zähne so fest zusammen, daß ihre Kiefer schmerzten.

Jetzt nur nicht weinen, dachte sie, nur das nicht jetzt noch! Lange lag sie mit weitoffenen Augen im Dunkeln, kaum einen halben Meter entfernt von dem Mann, den sie liebte, und doch durch einen Abgrund von ihm getrennt.

Sie wußte, daß auch er nicht schlief, aber sie wagte es nicht, noch einmal das Wort an ihn zu richten.

Am nächsten Morgen sah alles anders aus.

Der Schlaf hatte Inge Jorg Vergessen und Entspannung geschenkt. Sie mußte über sich selber lächeln, wenn sie daran dachte, welch eine Tragödie sie aus der schlechten Laune ihres Mannes gemacht hatte. Er war einfach übermüdet und erschöpft gewesen, und sie, statt darauf einzugehen und Rücksicht auf ihn zu nehmen, hatte erwartet, daß er genauso munter wie sie selber wäre, die den ganzen Tag nicht viel anderes getan hatte, als auf ihn zu warten.

Sie sprang aus dem Bett, eilte in die Küche, setzte Kaffeewasser auf, deckte den Frühstückstisch. Sie nahm die Pfeife vom Kessel, noch bevor das Wasser kochte, sah sich noch einmal um, ob auch alles in Ordnung war, und eilte dann ins Schlafzimmer. Richard schlief. Das blonde Haar stand verstrubbelt über seiner hohen Stirn, er wirkte im Schlaf wie ein trotziger Schuljunge.

Sie beugte sich über ihn, küßte ihn auf die Augen, die Stirn, die Nase, den Mund. „Richard“, flüsterte sie nahe an seinem Ohr, „aufstehen!“

Als er nur knurrte, fügte sie vergnügt hinzu: „Es ist Zeit zur Schule!“

Er streckte nicht die Arme nach ihr aus wie sonst, machte keinen Versuch, sie an sich zu ziehen, sondern öffnete die Augen und sah sie an – mit einem Blick, der aus unendlicher Ferne zu kommen schien.

„Warum weckst du mich?“

„Es ist gleich sechs. Du mußt aufstehen.“

„Aber ich brauche doch heute gar nicht zum Dienst.“

„Nicht? Davon hast du mir ja kein Wort erzählt. Das ist ja herrlich!“

„Bestimmt“, sagte er und hatte die Augen schon wieder geschlossen, „endlich kann ich mal ausschlafen!“ Er rollte sich zur Seite, wühlte seinen Kopf tiefer in sein Kissen.

Sie hatte keine Lust mehr zu schlafen. Sie trank den Kaffee, der eigentlich für ihren Mann bestimmt gewesen war und rauchte eine Zigarette.

Richard war nicht mehr zufrieden mit ihr. Aber sie würde ihm schon zeigen, was für eine gute Hausfrau sie war. Sie entschloß sich, im Wohnzimmer heute morgen einen ganz gründlichen Hausputz zu veranstalten, und wenn er dann aufstand, würde alles blitzen und blinken, so daß er sie einfach loben mußte!

Unternehmungslustig stand sie auf, räumte das Geschirr in den Spülstein, zog einen blauen Baumwollkittel an, band sich ein buntes Tuch um das lockige Haar und machte sich im Wohnzimmer an die Arbeit. Sie räumte sämtliche Stühle und Sessel heraus, rollte den Teppich zusammen und fuhrwerkte voller Begeisterung herum. Sie merkte gar nicht, wie die Zeit verging und daß es allmählich draußen hell wurde. Plötzlich stand ihr Mann – in Schlafanzug und Hausschuhen – in der Tür, sah sich mit gerunzelter Stirn um.

„Richard“, sagte sie unbefangen, „du bist schon auf? Warte eine Sekunde, ich mache dir rasch das Frühstück!“

„Darf ich fragen, was das hier werden soll, wenn es fertig ist?“

„Ich mache Hausputz!“

„Ausgerechnet heute, wo ich dienstfrei habe?“

„Aber ich bin doch in einer halben Stunde fertig, und dann hast du es hier ganz gemütlich!“

„Ich möchte lieber wieder ins Bett.“

„Ach so!“ sagte sie verwirrt. „Also dann mache ich wohl lieber erst das Schlafzimmer!“

„Na, dann kann ich mich ja grad so gut anziehen!“ Er drehte sich auf der Türschwelle um und schlurfte ins Bad.

Beinahe wäre sie ihm nachgelaufen, aber dann tat sie es doch nicht. Schon wieder traten ihr die Tränen in die Augen, diese blöden Tränen! Sie wischte sich mit dem Handrücken darüber.

Es hatte keinen Zweck. Sie konnte es ihm nicht recht machen. Das Beste war es, beschloß sie, ihn sich einfach ausknurren zu lassen. Er würde schon von selber wieder zur Vernunft kommen.

Sie bereitete ihm das Frühstück, leistete ihm dabei aber keine Gesellschaft, und er machte auch keine Anstalten, sie dazu aufzufordern. Sie putzte das Wohnzimmer weiter, jetzt aber nicht mehr so gründlich, sondern schnell, damit er einen Raum hatte, wo er sich aufhalten konnte. Dann holte sie ihr Töchterchen herunter, wusch es, zog es an, gab ihm zu essen. Sie wollte es zu ihrem Mann bringen, aber als sie einen Blick ins Wohnzimmer tat, saß er, anscheinend in ein Buch vertieft, und da wagte sie nicht, ihn zu stören. Sie hielt es für besser, das Kind bei sich zu behalten.

Kurz vor Mittag – Inge wollte gerade den Auflauf aus dem Rohr nehmen – klingelte es an der Wohnungstür. Sie lief hin und öffnete.

Eine junge Dame stand draußen – hochelegant von den Spitzen ihrer hochhackigen Pumps bis zu dem kleinen Hut auf ihrem dichten blauschwarzen Haar. Sie trug einen schwarzen Mantel mit einem hellen Nerzkragen, eine große Krokodilledertasche unter dem Arm.

Inge fühlte sich auf einmal sehr schäbig, fast unangezogen in ihrem einfachen Kittel. „Sie wünschen?“ fragte sie.

„Ich bin Olga Krüger“, erklärte die Fremde in einem Ton, als wenn Inge ihren Namen unbedingt kennen müßte.

„Ich weiß nicht . . .“, sagte Inge unsicher.

„Ich möchte zu Herrn Dr. Jorg.“

„Ach so . . .“, sagte Inge, aber sie war immer noch so verwirrt, daß sie gar nicht daran dachte, das elegante Fräulein Krüger hereinzubitten.

Sie trat unaufgefordert, mit größter Selbstsicherheit näher, drückte die Tür hinter sich ins Schloß. „Würden Sie mich bitte dem Herrn Doktor melden?“

Inge begriff plötzlich, daß die Fremde sie für eine Hausangestellte zu halten schien, und das Blut schoß ihr in die Stirn. „Mein Mann“, sagte sie mit Nachdruck, „fühlt sich nicht ganz wohl.“

„Oh, er ist doch nicht ernsthaft krank?“

„Nein, nein, nur . . .“

Olga Krüger lächelte, und regelmäßige perl weiße Zähne leuchteten zwischen ihren vollen, sehr sorgfältig nachgezogenen Lippen. „Ich bin nämlich die Frau, der er gestern das Leben gerettet hat . . . sicher hat er Ihnen doch davon erzählt?“

Inge rang nach Atem. „Ja natürlich“, behauptete sie – um keinen Preis wollte sie sich der anderen gegenüber eine Blöße geben.

„Das war eine wirkliche Heldentat“, sagte Fräulein Krüger, „Sie können sehr stolz auf Ihren Mann sein!“

Inge gab sich einen Ruck. „Bitte, kommen Sie herein . . . hier geradeaus geht es ins Wohnzimmer!“ Sie ging voran, öffnete die Tür. „Richard“, sagte sie mit erstickter Stimme, „ein Fräulein Krüger möchte dich besuchen, es ist die Dame, der du gestern das Leben gerettet hast!“

Richard Jorg blickte befremdet auf. Dann legte er rasch das Buch beiseite und erhob sich. Er verbeugte sich steif.

„Ich freue mich, daß es Ihnen schon wieder so gut geht . . .“

„Ja, nicht wahr?“ sagte Olga Krüger lächelnd. „Es ist wie ein kleines Wunder . . . ich habe nichts, aber auch gar nichts davongetragen. Nicht einmal eine Erkältung oder eine Gehirnerschütterung.“ Sie reichte ihm die Hand. „Trotzdem, Herr Doktor, wenn Sie nicht gewesen wären, wäre ich umgekommen! Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll!“

„Ich habe nur meine Pflicht getan.“

„Sagen Sie das doch nicht! Ich kenne niemanden, der einen solchen Mut aufgebracht hätte!“

Evchen begann nach der Mutter zu schreien, aber Inge rührte sich nicht vom Fleck. Sie stand wie gebannt und beobachtete ihren Mann und diese schöne fremde Frau.

„Irgendwie möchte ich meine Dankesschuld loswerden“, sagte Olga Krüger, „aber ich weiß nicht recht, wie ich das anstellen soll! Darf ich Sie einmal einladen?“ Nach einer kleinen Pause fügte sie hinzu: „Sie und Ihre Frau!“

Inge Jorg sah ihren Mann flehend an, versuchte, ihm ihre Gedanken mitzuteilen: Tu es nicht, Richard, sag nein, ich bitte dich! Was geht uns diese Fremde an? Sie wird nur Unfrieden in unsere Ehe bringen!

„Gern“, sagte Dr. Jorg, „sehr gern. Wann?“

„Morgen abend?“

„Warten wir lieber noch ein paar Tage. Ich bin krank geschrieben, und da möchte ich nicht gern . . .“

„Ich verstehe“, sagte Olga Krüger, „also sagen wir . . . am ersten Abend, an dem Sie Ihren Dienst angetreten haben! Wann wird das sein?“

„Donnerstag!“

Inge ertrug es nicht länger. Sie entschuldigte sich und eilte aus dem Zimmer.

Die nächsten Tage wurden für Dr. Richard Jorg und seine junge Frau zur Qual.

Er empfand die Enge seines Heims, in dem er sich bisher so wohl gefühlt hatte, die kindliche Hilflosigkeit seines Töchterchens und den unausgesprochenen Vorwurf in den Augen seiner Frau als eine kaum noch erträgliche Belastung. Alles wurde ihm von Stunde zu Stunde unerträglicher, ohne daß er begriff, daß er selber es war, der sich verwandelt hatte.

Inge spürte seine Ablehnung, seine Verschlossenheit, seine gereizte Unruhe, und da sie keine andere Erklärung dafür wußte, mußte sie seine Veränderung in Zusammenhang mit dem Auftauchen Olga Krügers bringen. Sie versuchte sich diesen Gedanken auszureden, machte sich klar, daß die beiden sich doch kaum kannten, daß die Fremde sie nie besucht hätte, wenn schon eine Verbindung zwischen ihr und Richard bestanden hätte, daß er sich ihr gegenüber durchaus nicht verliebt oder auch nur besonders herzlich benommen hatte.

Aber warum hatte er dann zu Hause nichts von dieser Lebensrettung erzählt? Was hatte es überhaupt damit auf sich? Und warum hatte er so bereitwillig ihre Einladung angenommen?

Sie war zu stolz, ihren Mann direkt danach zu fragen, fürchtete, sich durch ihre Eifersucht lächerlich zu machen, mehr noch eine erneute scharfe Zurückweisung.

So lebten sie denn nebeneinander her, in einem beklemmenden Schweigen, jeder in seine eigenen Gedanken versponnen, fast wie Feinde. Beide atmeten auf, als Dr. Jorg nach einigen Tagen endlich wieder seinen Dienst in der Unfallklinik antreten mußte und durfte.

Sein Team war der Nachmittagsschicht zugeteilt, und er verließ nach dem Mittagessen das Haus, eilig, nach flüchtigem Abschied, fast wie auf einer Flucht.

In der Haustür drehte er sich noch einmal um, sagte, als wenn er sich jetzt erst erinnerte: „Ich hole dich also heute abend ab! Laß mich bitte nicht warten.“

Inge ballte unwillkürlich die kleinen Hände, um nicht die Beherrschung zu verlieren, erklärte mit zitternder Stimme: „Ich möchte nicht zu dieser Frau!“

Er hob die Augenbrauen. „Nicht? Na, ganz, wie du willst.“ Er war schon halb aus der Tür,

Sie ertrug es nicht länger. „Richard!“ rief sie verzweifelt.

Aber er drehte sich nicht einmal um. „Du kannst mich ja anrufen, wenn du es dir anders überlegt hast“, rief er über die Schulter zurück, „entschuldige bitte, ich hab’s eilig!“

Und damit eilte er durch den Vorgarten davon.

Sie stand in der Haustür und sah ihm aus großen Augen nach. Es war ihr, als wenn ihre kleine, festgefügte Welt wie ein Kartenhaus zusammenbräche.

Dr. Jorg war zehn Minuten zu früh in der Klinik, und normalerweise hätte er sich sogleich zur Ablösung gemeldet. Diesmal ließ er sich erst eine Tasse Kaffee geben, rauchte noch eine Zigarette und richtete es so ein, daß er erst Punkt zwei Uhr zum Vorbereitungszimmer aufbrach.

In der Tür traf er mit Oberarzt Dr. Müller zusammen. „Hallo, Dr. Jorg!“ sagte der ältere Kollege herzlich. „Wie geht’s? Wieder auf den Beinen?“

„Danke. Alles in Ordnung“, erwiderte Dr. Jorg kurz.

„Na, ist ja großartig. Wir haben uns schon Sorgen um Sie gemacht.“

„Absolut unnötig.“

„Wissen Sie übrigens, daß Ihr Hämatom außer Gefahr ist?“

„Ach ja?“ Dr. Jorg mußte sich erst besinnen, wovon der Oberarzt überhaupt sprach, dann erst fiel ihm der junge Mann wieder ein, der mit seinem englischen Sportwagen in einen VW gerast war und einen Bluterguß unter der Hirnhaut davongetragen hatte. Er begriff, daß Dr. Müller etwas mehr Begeisterung von ihm erwartete und sagte gezwungen: „Freut mich sehr!“

Er öffnete die Tür zum Vorbereitungszimmer und ließ den Vorgesetzten eintreten, und nun ergab sich keine Möglichkeit mehr zu einem privaten Gespräch.

Dr. Jorg trat zu Dr. Willy Markus, der gerade eine Patientin untersucht hatte. Die Kranke war sehr blaß, hektische rote Flecken standen auf ihren Backenknochen, das rötliche Haar war schweißverklebt.

„Unfall?“ fragte Dr. Jorg.

„Nein. Wahrscheinlich Appendizitis. Ich habe die Anamnese der Schwester diktiert.“ Dr. Markus drehte sich um und ging.

Dr. Jorg begriff, daß er ihren Zusammenstoß nach dem Unfall immer noch nicht vergessen hatte. Er wußte, daß es vielleicht nur eines einzigen Wortes bedurft hätte, um ihn wieder zu versöhnen. Aber er konnte sich nicht dazu aufraffen, ließ den Freund gehen.

„Bitte, Schwester!“ sagte er.

„Patientin ist 21 Jahre“, las die Schwester von ihren Notizen ab, „bisher immer gesund. Hat in der Nacht Übelkeit und Erbrechen gehabt, Druck in der Magengegend. Ist trotzdem heute morgen zur Arbeit gegangen. Schmerz verlagerte sich mehr in den rechten Unterleib, wurde heftiger. Ihr Chef ließ sie in die Unfallklinik bringen.“

„Temperatur?“

„Axillar 38,3, rektal 39. Leukozyten betragen 10 000.“

Mit vorsichtigen Händen tastete Dr. Jorg den Leib der Patientin ab. Die Bauchdecke war leicht angespannt, sie ließ sich nur wenig eindrücken. Als er den sogenannten MacBurneyschen Punkt berührte, auf der rechten Seite des Unterleibs, etwa fünf Zentimeter vom Nabel entfernt, schrie die Patientin leicht auf.

Dr. Jorg drückte den Unterleib auf der linken, also der gesunden Seite ein, ließ rasch wieder los – auch diesmal reagierte die Patientin.

„Wo hat’s weh getan?“ fragte Dr. Jorg.

„Hier . . . hier unten!“ Die Patientin deutete auf die rechte Seite.

„MacBurney positiv, Loslaßschmerz, mäßige Abwehrspannung“, diktierte Dr. Jorg der Schwester.

Die Patientin fühlte sich durch die ihr unverständlichen Ausdrücke sichtlich beunruhigt. „Ist es etwas sehr Schlimmes, Herr Doktor?“ fragte sie angstvoll.

„Ach wo“, sagte Dr. Jorg, „Blinddarmentzündung. Klassischer Fall. In spätestens einer Stunde sind Sie den Übeltäter los.“

Er wandte sich an die Schwester. „Bringen Sie die Patientin in den OP und benachrichtigen Sie die Anästhesie.“

Eine Viertelstunde später betrat Dr. Richard Jorg den OP. Dr. Köhler, den der Oberarzt ihm als Assistenten zugewiesen hatte, folgte ihm. Sie trugen beide grüne Kittel, grüne Kappen und den vorschriftsmäßigen Mundschutz. Sie hatten sich die Hände zehn Minuten lang unter fließendem, heißem Wasser gewaschen und sterile Gummihandschuhe übergezogen.

Die Patientin lag in Narkose, der Anästhesist saß neben ihr, überwachte Kreislauf, Blutdruck, Puls. Der Körper der Patientin war von grünen sterilen Tüchern völlig abgedeckt. Nur das Operationsfeld, mit einer braunen Desinfektionslösung bestrichen, lag sichtbar im schattenlosen Licht.

Dr. Jorg sah den Anästhesisten an. „Können wir?“

Der nickte. „Ich bin soweit.“

Dr. Jorg streckte die Hand aus, und die OP-Schwester reichte ihm das Skalpell.

Dr. Jorg zögerte eine Sekunde, bevor er das haarfeine Messer ansetzte – ein seltsames Wohlbehagen durchströmte ihn. Sonst hatte es ihn immer wieder eine gewisse Überwindung gekostet, einen Eingriff in einen lebendigen, atmenden, menschlichen Organismus vorzunehmen, aber heute empfand er zum erstenmal ein beglückendes Gefühl von Macht.

Er setzte das Skalpell am rechten Unterleib an, zog es etwa drei Zentimeter lang schräg durch die Haut. Das herausströmende Blut erschien ihm prachtvoll, es tat ihm fast leid, daß sein Assistent es sofort stillte.

Er durchtrennte die Muskulatur, dann das Bauchfell, und je tiefer er drang, desto mehr genoß er es.

Dann endlich lag die Bauchhöhle offen vor ihm, er griff mit der rechten Hand hinein, verfolgte den Blinddarm bis zu seinem Anhangteil, dem Appendix. Er war stark gerötet, es handelte sich um eine massive Entzündung.

„Klemmen!“

Der Anhang wurde mit zwei Klemmen gefaßt, der Assistent entfernte ihn mit dem elektrischen Messer. Jetzt war der Darm geöffnet, und es galt zu verhüten, daß die unsterile Wunde mit ihrer Umgebung in Berührung kam.

Dr. Jorg arbeitete wie in einem Rausch. Er stülpte den Stumpf des Darmes ein, brachte dann ringförmig die sogenannte Tabaksbeutelnaht an, die nach Versenkung des Stumpfes zugezogen wurde. Es folgten zwei Z-Nähte, dann wurde der Darm wieder in die Bauchhöhle versenkt. Jeder Handgriff wurde von Dr. Jorg exakt, fast mit schlafwandlerischer Sicherheit ausgeführt. Er vernähte das Bauchfell, die Muskulatur, verschloß das Fettpolster, verklammerte die Haut.

Dann war es vorbei, und Dr. Jorg fühlte sich jäh ernüchtert. Kaum zehn Minuten hatte die Operation gedauert, er hätte noch lange, sehr lange weitermachen mögen.

Aber was zu tun war, war getan. Dr. Köhler legte noch einen sterilen Verband an, und Dr. Jorg sah zu, als wenn es ihm schwerfiele, sich vom Schauplatz zu trennen. Es war ihm, als wenn er etwas vergessen hätte, aber er kam nicht darauf, was es war.

„Zustand der Patientin befriedigend“, meldete der Anästhesist, „Kreislauf in Ordnung, Puls gleichmäßig.“

Da erst fiel es Dr. Jorg ein. Er hatte über der Operation die Patientin vergessen. Das war ihm noch nie passiert, und er erschrak.

Aber er schüttelte das aufkommende Unbehagen sofort wieder ab. Die Operation war gelungen, niemand hätte es besser machen können, und nur darauf kam es schließlich an.

3

Erst als Dr. Jorg kurz nach neun Uhr die Unfallklinik verließ und sich ans Steuer seines Wagens setzte, fiel ihm auf, daß seine Frau nicht angerufen hatte. Aber es beunruhigte ihn nicht weiter, denn im Grunde hatte er gar nicht damit gerechnet. Der Gedanke, doch noch nach Hause zu fahren und sie zum Mitkommen zu überreden, kam ihm nicht. Es war ihm lieber, die unerquickliche Begegnung so lange wie möglich hinauszuschieben.

Er reihte sich in den Verkehr, der um diese Zeit nicht mehr allzu stark war, ein, überquerte die Isar und bog an der Kreuzung rechts nach Bogenhausen ab, wo Olga Krüger wohnte.

Er merkte, daß er an dem Haus vorbeigefahren sein mußte, entschloß sich zu parken, sobald er eine Lücke zwischen den an der rechten Seite aufgereihten Wagen fand. Er stieg aus, schloß ab.

Aufmerksam ging er die Straße zurück, bis er die Hausnummer fand, die Olga Krüger ihm angegeben hatte. Sie gehörte zu einem modernen Appartementhaus mit breiten Fenstern, die den Ausblick auf die Grünanlagen an der Isar und über die Stadt freigaben.

Er fand das Türschild mit dem Namen, den er suchte, klingelte. Kaum drei Sekunden später summte der Öffner. Er trat in eine weite, nahezu feudale Halle – der Boden war mit Marmor ausgelegt, es gab eine riesige treibhausartige Nische mit grünen Pflanzen und einen Lift.

Er stieg in den Aufzug, drückte auf den Knopf zum fünften Stock. Erst als die Kabine nach oben schwebte, fiel ihm ein, daß er mit leeren Händen kam. Es wäre vielleicht richtiger gewesen, Blumen mitzubringen. Aber wozu? Schließlich verdankte Olga Krüger ihm tatsächlich das Leben, damit sollte sie wohl zufrieden sein.

Die junge Frau stand schon in der offenen Wohnungstür, als er aus dem Lift stieg. Sie trug ein Kleid aus schwerer matter Seide, das ihre schlanke geschmeidige Figur hervorhob, hatte das schwarze Haar hinter die Ohren zurückgekämmt und auf dem Hinterkopf hochgesteckt.

Zum erstenmal wurde es Dr. Richard Jorg bewußt, wie anziehend sie war.

Ihre tiefblauen Augen leuchteten auf, als sie ihn sah. Sie streckte ihm beide Hände entgegen.

„Dr. Jorg“, sagte sie, „wie ich mich freue! Sie kommen allein?“

Die, wie es ihm schien, etwas überschwengliche Begrüßung machte den Arzt befangen. Er übersah die Hände, die Olga Krüger ihm entgegenstreckte, verbeugte sich formell.

„Meine Frau läßt sich entschuldigen“, erklärte er, „sie fühlt sich nicht ganz wohl . . .“

„Wie schade!“ erwiderte Olga Krüger, aber in ihrer Stimme klang nicht die Spur eines Bedauerns. „Hoffentlich ist es nichts Ernstes?“

Aber sie erwartete offensichtlich keine Antwort auf diese Frage, sondern führte Dr. Jorg in das Wohnzimmer ihres Appartements, einen großzügig geschnittenen, sehr modern und sehr geschmackvoll eingerichteten Raum.

„Bitte, machen Sie es sich bequem, Doktor! Ich denke, wir nehmen zuerst einen Aperitif, ja?“ Sie trat schon an die elegante, mit Teakholz verkleidete Hausbar. „Darf ich Ihnen einen Cocktail mixen?“

„Eigentlich“, sagte Dr. Jorg, „wäre mir ein Whisky lieber . . .“ Er ließ sich in den extravagant geformten Sessel sinken, der sich zu seiner Überraschung als außerordentlich bequem erwies. „Ich habe einen schweren Tag hinter mir . . .“

„Oh! Ist etwas Besonderes geschehen?“

„Nur das Übliche. Aber das langt.“ Dr. Jorg streckte die langen Beine aus, versuchte sich zu entspannen. Er beobachtete Olga Krüger, die an ihrer Hausbar hantierte, mit schönen geschmeidigen Bewegungen, die dem Auge wohltaten.

Dann trat sie zu ihm, reichte ihm das schwere, schön geschliffene Glas mit der goldenen Flüssigkeit, in dem die Eiswürfel klirrten. Sie ließ sich ihm schräg gegenüber auf der Couch nieder. „Cheerio!“ sagte sie. „Trinken wir auf Sie . . . Ihre große Tat, der ich mein Leben verdanke!“

Sie hob ihr langstieliges Glas, in dem eine Olive schwamm, sah ihm tief in die Augen.

Dr. Jorg fühlte sich tatsächlich angenehm wohl, zum erstenmal an diesem Tag, ja eigentlich zum erstenmal, seit er, die leblose Olga Krüger auf den Armen, zu Boden gestürzt war. Er gab sich ganz diesem schläfrigen und gelösten Behagen hin.

Olga Krüger machte es ihm leicht. Sie erzählte von sich, ihrem Leben, das anscheinend sehr gradlinig und komplikationslos verlaufen war. Sie war die Tochter eines Eisenbahners, ein Mädchen mit brennendem Ehrgeiz, das sich zur Chefsekretärin eines großen Werkes hinaufgearbeitet hatte. Später servierte sie eine kalte Platte – Braten, Schinken, Oliven, viele kleine raffinierte Salate, Käsestückchen auf Zahnstocher gespießt, dazu eine Flasche süffigen Rheinwein. Sie aßen beide mit gutem Appetit, rauchten eine Zigarette. Olga Krüger räumte ab, stellte den Plattenspieler ein. „Wollen wir tanzen, Doktor?“ fragte sie lächelnd. „Natürlich nur, wenn Sie nicht zu müde sind.“

Er konnte nicht gut ablehnen, erhob sich, half ihr den Teppich zurückrollen.

Langsam bewegten sie sich im Rhythmus einer Beguine über das blanke Parkett.

„Sie sollten öfter Tanzen, Richard“, sagte Olga Krüger schmeichelnd. „Sie sind ein ausgesprochenes Talent . . .!“

„Das höre ich heute zum erstenmal“, erwiderte Dr. Jorg lächelnd.

Sie hatte die Hände auf seine Schultern gelegt, ihr schlanker, schmiegsamer Körper, ihr schönes Gesicht waren ihm sehr nahe.

„Dann“, sagte sie, „hat dieser Abend für Sie vielleicht doch einen Sinn gehabt!“

„Es ist wunderschön bei Ihnen, Olga!“

„Zuwenig“, sagte sie bedauernd, „alles viel zuwenig . . . ein Abendessen, eine Flasche Rheinwein . . .“ „Die Whiskys nicht zu vergessen!“

„Ja, auch die! Ein schäbiger Dank für ein geschenktes Leben!“

„Halten Sie mich für einen Mann, der Dank erwartet?“

„Nein, aber gerade darum . . . ich bin sehr unzufrieden mit mir, Richard! Früher pflegte man für eine Lebensrettung eine goldene Uhr zu verschenken, nicht wahr?“

Er lachte. „Was sollte ich wohl damit? Schließlich bin ich kein Firmling . . .“

Sie ging auf seinen Scherz nicht ein, ihre Augen waren sehr ernst geworden. „Ich kann nichts geben, Richard . . . nichts als das, was Ihnen schon gehört! Mein Leben!“

Die Platte war abgelaufen, die Musik verklang. Aber sie machte keine Anstalten, sich aus seinen Armen zu lösen, legte den Kopf leicht in den Nacken, blickte ihn mit halbgeöffnetem Mund an. In ihren Augen stand eine leidenschaftliche Forderung.

Er nahm ihre Hände, löste sie von seinen Schultern. „Es ist spät geworden . . .“

Eine Sekunde lang stand sie wie erstarrt. „Sie wollen doch nicht etwa . . . schon gehen?“

„Doch“, sagte er mit Festigkeit, „es war ein wunderschöner Abend . . . aber Sie wissen ja, man soll Schluß machen, wenn es am schönsten ist.“ Er zog ihre Hände an seine Lippen, küßte sie auf die Fingerspitzen. „Ich danke Ihnen . . . für alles!“

Fünf Minuten später schloß Dr. Richard Jorg sein Auto auf, setzte sich ans Steuer, ließ den Motor an und fuhr aus der Parklücke heraus.

Er war sich darüber klar, daß sein Aufbruch fast wie eine Flucht gewirkt haben mußte. Aber er bedauerte es nicht.

In den Armen der anderen hatte ihn plötzlich heiße Sehnsucht nach seiner eigenen Frau gepackt, Reue und schlechtes Gewissen. Er begriff, wie sehr er sie in den letzten Tagen gequält hatte und wie sehr sie sich immer noch, gerade in diesem Augenblick, seinetwegen quälen mußte – Inge, seine kleine Inge, die einzige Frau auf der Welt, die er wirklich liebte!

Er wollte, er mußte zu ihr, sofort, sie um Verzeihung bitten, sie versöhnen, alles wieder gutmachen.

An der Ecke Prinzregentstraße mußte er nach links einbiegen. Ein Taxi vor ihm nahm ihm die Sicht.

Der Chauffeur war herausgeklettert, riß die Tür auf, beugte sich hinein, richtete sich wieder auf, stand offensichtlich ratlos.

Dr. Jorg hatte schon das Fenster heruntergekurbelt, wollte den Fahrer zurechtweisen, als ihm auffiel, wie ungewöhnlich das Benehmen des Mannes war. Er stieg aus, trat auf ihn zu. „Etwas nicht in Ordnung?“ fragte er.

„Kann man wohl sagen! Die alte Dame ist umgekippt! Zufällig sehe ich in den Spiegel, und da rutscht sie zusammen.“

„Was für eine Dame?“

„Mein Fahrgast natürlich! Vor fünf Minuten hat sie mich angehalten und . . .“

„Lassen Sie mich mal sehen. Ich bin Arzt.“

„Na, da bin ich aber froh, Herr Doktor! Ich habe einen Schreck gekriegt, sage ich Ihnen . . .“

Dr. Jorg kletterte in das Taxi hinein, fühlte den Puls der alten Dame, die, halb vom Sitz gerutscht, dalag. Er war tastbar, aber stark verlangsamt. Er zog die Augenlider hoch, stellte fest, daß die Pupillenreaktion beidseitig vorhanden, aber ebenfalls sehr verlangsamt war.

Dann richtete er sich wieder auf.

„Hat sie’s erwischt?“ fragte der Chauffeur.

„Nein. Sie ist nur bewußtlos.“

„Sie wollte zum Bahnhof. Soll ich sie trotzdem dorthin fahren? Vielleicht kommt sie unterwegs wieder zu sich.“

„Nein. Bringen Sie sie zur Unfallklinik. Augenblick . . .!“

Er wandte sich wieder der alten Dame zu. Außer einer schwachen, kaum merkbaren Atemtätigkeit gab sie kein Lebenszeichen von sich.

„Hat sie eine Handtasche bei sich?“

„Ja doch . . . ich glaube wenigstens. So ein schwarzes großes Ding, wenn ich mich recht erinnere. Vielleicht ist sie heruntergerutscht.“

Dr. Jorg tastete den Sitz ab, dann den Boden, fand die Tasche. Sie lag zwischen den Füßen der Bewußtlosen. Er griff hinein, fand zwei leere Medikamentenröhrchen, suchte die Aufschrift bei dem schwachen Licht einer Straßenlaterne zu entziffern. Es handelte sich um ein bekanntes Schlafmittel.

Er pfiff durch die Zähne. „Verdammt noch mal“, sagte er, „habe ich es mir doch gedacht . . . ein Suicid.“

„Ein was?“

„Selbstmordversuch.“

„Und da setzt sie sich zu mir ins Taxi! Großer Gott, die Leute haben Nerven!“

„Passen Sie auf, ich werde vorausfahren . . . folgen Sie mir, so schnell Sie können!“

Ohne eine Bestätigung des Fahrers abzuwarten, lief er zurück, stieg in sein Auto, fuhr an dem Taxi vorbei, bog nach rechts ab in Richtung Unfallklinik.

Im Rückspiegel sah er, daß der andere Wagen dicht hinter ihm war.

Als die Lichter der Unfallklinik vor ihm auftauchten, atmete er auf. Er fuhr in den Hof, bremste, sprang aus dem Auto, eilte in die Ambulanz hinein, beorderte zwei Krankenpfleger zum Taxi.

Der diensthabende Arzt war gerade damit beschäftigt, den Arm eines Mannes zu verbinden.

„Schnell!“ sagte Dr. Jorg. „Ein Suicid! Der Magen muß sofort ausgepumpt werden, sonst . . .“

„Aber ich kann hier nicht fort“, sagte der junge Arzt hilflos und wies auf eine Reihe wartender Patienten.

„Dann lassen Sie jemanden aus dem Vorbereitungsraum kommen!“

„Unmöglich! Ein schwerer Autozusammenstoß auf der Sonnenstraße . . .“

„Verflucht! Dann mache ich es eben selber! Geben Sie mir wenigstens eine Schwester!“

Dr. Jorg wies die Krankenpfleger an, die Trage mit der Bewußtlosen in das Untersuchungszimmer neben der Ambulanz zu bringen, warf Mantel und Jacke über einen Stuhl, krempelte sich die Ärmel auf, wusch sich die Hände.

Die Schwester kam herein, eine ältliche, resolute Person.

„Kleiden Sie die Patientin aus, Schwester“, sagte Dr. Jorg, „heiße Tücher!“

Er riß den Schrank auf, fand einen Kittel, zog ihn über. Dann inspizierte er die Mundhöhle, stellte fest, daß die Patientin kein künstliches Gebiß trug, rief: „Magenspülung!“

Er führte die Magensonde ein, verband sie mit einem Gummizwischenstück mit dem Trichter, in den die Schwester lauwarmes Wasser einlaufen ließ. Dann hob er den Trichter, das Wasser lief langsam ein. Er senkte den Trichter, und Wasser, vermischt mit dem Mageninhalt, lief ab.

Die Schwester wiederholte diese Prozedur noch achtmal, bis der Magen völlig ausgespült war. Dr. Jorg überprüfte indessen Blutdruck, Atmung und Puls. Aber es zeigte sich kein Zeichen von Besserung. Immerhin war jedoch erreicht, daß kein weiteres Gift in die Blutbahn aufgenommen werden konnte.

„Sauerstoff!“ ordnete Dr. Jorg an.

Die Schwester reichte ihm die Nasensonde, durch die der Patientin Sauerstoff zugeführt wurde.

Dr. Jorg überprüfte die Reflexe der Patientin. Sie waren kaum noch da.

Jetzt gab es nur noch eine Möglichkeit, die alte Dame dem selbstgewählten Tod zu entreißen. Dr. Jorg mußte Gegengift spritzen, hochgiftige Substanzen, die im menschlichen Körper Muskelzuckungen und Muskelkrämpfe auslösen. Die richtige Dosierung dieser Toxine hing von der Schwere des Falles ab, sie mußte sehr behutsam und überlegt vorgenommen werden.

Aber Dr. Jorg war erschöpft.

Er zog die Spritze mit dem Gegengift auf, während die Schwester der Patientin eine Staubinde um den Arm legte. In diesem Augenblick stürzte der junge Arzt aus der Ambulanz herein. „Kann ich helfen? Ich bin . . .“

„Ja, das können Sie!“ unterbrach ihn Dr. Jorg grob. „Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie jetzt endlich den Fall übernehmen würden!“

„Aber natürlich, Herr Kollege! Ich konnte bis jetzt nur nicht, weil . . .“

Dr. Jorg schnitt ihm das Wort ab. „Der Magen ist abgesaugt“, sagte er, „auf Sauerstoff hat die Patientin nicht reagiert. Ich wollte gerade Gegengift injizieren . . .“

Er sah auf die Spritze in seiner Hand, spürte, wie ihm kalter Schweiß aus allen Poren brach – er hatte 5 ml aufgezogen, für die alte Dame eine möglicherweise tödliche Dosis!

Er hatte das Gefühl, daß die Schwester und der junge Arzt ihn entgeistert anstarrten, gewann mit äußerster Anstrengung seine Beherrschung zurück.

„Das ist denn doch wohl zuviel“, sagte er gepreßt, „2 ml genügen fürs erste. Wenn die Patientin darauf nicht anspricht, können Sie die Dosis allmählich erhöhen. Ich würde sagen, alle Viertelstunden.“

„Jawohl, Dr. Jorg“, sagte der junge Arzt.

„Wenn sie Zeichen motorischer Unruhe gibt, können Sie die Dosis wieder senken. Und vergessen Sie nicht, ihr eine Spritze zur Unterstützung des Herzmuskels zu geben, später eine Tropfinfusion mit einem Liter physiologischer Kochsalzlösung, um die Ausscheidung durch die Nieren und damit die Entgiftung des Körpers zu beschleunigen.“

„Wird gemacht“, sagte der junge Arzt munter, „und noch einmal vielen Dank, Herr Kollege, daß Sie für mich eingesprungen sind!“

„Keine Ursache“, murmelte Dr. Jorg und verließ mit schleppenden Schritten das kleine Zimmer.

Nur sehr langsam erholte er sich von seinem Entsetzen. Noch nie zuvor war ihm ein solcher Irrtum unterlaufen. Wie war es möglich, daß ihm, gerade ihm so etwas hätte passieren können?

Ihm war, als wenn er am Rande des Wahnsinns stünde.

Mitternacht war vorbei, als Dr. Jorg die Tür seines Hauses aufschloß. Er hatte erwartet, daß Inge längst zu Bett gegangen war. Aber in der Diele brannte Licht.

Dann sah er sie die Treppe heruntereilen, eine ziemlich kleine Gestalt in einem Hausanzug aus leuchtendblauem Jersey.

„Richard“, rief sie, „Liebster . . . gut, daß du endlich kommst!“ Ihr Gesicht war sehr blaß unter den blonden Locken, ihre schönen braunen Augen schienen unnatürlich geweitet.

Sie nahm seine Hand. „Bitte, komm mit nach oben! Evchen ist . . .“

Er rührte sich nicht vom Fleck. „Was ist mit dem Kind?“

„Ich weiß es nicht! Sie kam mir den ganzen Tag schon so sonderbar vor. Vor dem Schlafengehen habe ich dann Fieber gemessen . . . sie hat 38,2! Bitte, Richard, sieh sie dir an!“

„Nein“, sagte er.

Sie ließ seine Hand los, starrte ihn an. „Du willst nicht?“

„Ich kann nicht, Inge . . . glaub mir, ich kann es nicht!“ Er schlug beide Hände vor das Gesicht.

Mitleid und Angst um ihren Mann kämpften in ihr mit der Sorge um ihre Tochter.

„Richard“, sagte sie, „Richard . . . was ist geschehen?“ Sie führte ihn zu einem Sessel.

„Sag es mir“, bat sie, „sag mir alles!“

Es dauerte lange, bis er sprechen konnte. „Ich . . . bin“, sagte er schließlich mühsam, „ich habe . . . beinahe . . . einen Menschen getötet!“

„Du!?“

Sie fühlte, wie er zusammenzuckte, biß sich auf die Lippen, fügte so ruhig wie es ihr möglich war, hinzu: „Wie war denn das möglich? Ein Verkehrsunfall?“

„Nein. Selbstmord.“

Sie versuchte angestrengt, die Zusammenhänge zu begreifen, aber es gelang ihr nicht. Sie spürte nur seine übermächtige Verzweiflung und den brennenden Wunsch, ihm zu helfen.

Ganz allmählich löste sich seine Verkrampfung unter ihren sanften streichelnden Händen, Alles, was er an diesem Abend erlebt hatte, brach aus ihm heraus, erst bruchstückhaft, undeutlich, fast unverständlich, dann wie eine wahre Sturzflut.

„Du siehst“, schloß er endlich erschöpft, „ich habe versagt . . . mörderisch versagt! Ich . . . ich tauge nicht länger, Arzt zu sein!“

„Aber, Richard“, sagte sie erschüttert, „Richard . . . so darfst du die Dinge doch nicht betrachten!“

„Ich bin kein Mensch, der sich etwas vormachen kann . . .“

Sie suchte verzweifelt nach Argumenten, die sie ihm entgegenzusetzen, mit denen sie ihn beruhigen konnte. „Meinst du nicht“, sagte sie endlich, „daß jedem Arzt mal ein Fehler unterläuft? Früher oder später? Ihr seid doch schließlich auch nur Menschen.“

„Ja, man kann sich irren, das gebe ich ja zu . . . man kann eine falsche Diagnose stellen, eine verfehlte Therapie anordnen . . . aber man darf sich doch nicht so irren, einfach irren, ohne es selber zu merken! Das ist ja gerade das Unheimliche, begreifst du denn nicht? Daß ich mir überhaupt nicht bewußt geworden bin, eine zu starke Dosis aufgezogen zu haben!“

„Du hättest sie niemals wirklich gespritzt“, behauptete sie verzweifelt, „auch wenn dein Kollege nicht zufällig hereingekommen wäre . . . du hättest ganz bestimmt noch rechtzeitig bemerkt, daß du zuviel genommen hast!“

„Nein!“

„Aber woher willst du das wissen? Du prüfst doch bestimmt immer noch einmal den Inhalt der Spritze, bevor du injizierst . . . hältst sie gegen das Licht, um dich zu vergewissern, daß keine Luftbläschen drin sind, nicht wahr?“

„Das schon . . .“

„Na, siehst du! Dabei wäre es dir aufgefallen!“

„Ich weiß es nicht“, sagte er, durch ihr Vertrauen in ihn beeindruckt, „das Schlimme ist . . . ich weiß überhaupt nichts mehr.“

„Dafür aber ich“, sagte sie, „mir scheint, ich kenne dich besser als du selber!“

„Ich hätte nie für möglich gehalten, daß ich . . .“

Sie ließ ihn nicht aussprechen. „Du hast auch noch nie in diesem Zustand einen ärztlichen Eingriff vorgenommen! Denk doch auch mal daran . . . du hattest deinen Arbeitstag schon hinter dir, du hast bestimmt bei Fräulein Krüger getrunken, nicht wahr?“

„Ja“, sagte er, „ja . . .“

„Na, siehst du! Kein Wunder, daß du nicht so klar warst wie gewöhnlich! Nein, Richard, Liebster, glaube mir, du hast gar keinen Grund zu Selbstanklagen! Du machst es dir einfach zu schwer . . . jeder andere Arzt in deiner Situation wäre gar nicht mit zur Unfallklinik gefahren, und was dann? Dann wäre die alte Dame wahrscheinlich jetzt schon tot, weil man sich nicht rasch genug um sie gekümmert hätte!“

„Wenn ich das nur glauben könnte.“

„Du kannst es, Richard, glaube mir . . . es gibt keinen besseren Arzt als dich.“

Als er schwieg, beugte sie sich über ihn, streichelte ihm zärtlich die Stirn.

„Ach, Inge“, sagte er und lehnte seinen müden, schmerzenden Kopf an ihre Brust, „du bist so gut zu mir . . . so unendlich gut! Und wie habe ich mich dir gegenüber benommen in den letzten Tagen . . . wie ein wahres Scheusal!“

Sie konnte schon wieder lachen. „Scheusal! Ja, mit dieser Bezeichnung hast du den Nagel auf den Kopf getroffen!“

Sie beugte sich zu ihm herab, ihre Lippen fanden sich in einem langen, beglückenden Kuß.

Dann rutschte sie von der Sessellehne. „Bitte, Richard“, bat sie, „bitte, komm jetzt mit nach oben und sieh nach Evchen! Ich mache mir ernstliche Sorgen!“

Tatsächlich hatte sie über dem Gespräch mit ihrem Mann nicht eine Sekunde lang das fiebernde Kind vergessen, aber sie hatte begriffen, daß seine Not die schwerere war.

„Laß mich erst die Hände waschen“, sagte er.

„Ja, natürlich. Ich laufe schon voraus.“

Als er fünf Minuten später nach oben kam, saß Inge am Bett ihres Töchterchens. Ihr blondes Haar schimmerte im Licht der Nachttischlampe. Die bunten Märchenfiguren an den Wänden, die winzigen Möbel, der Puppenwagen neben dem Bettchen und der Teddybär auf der Kommode gaben dem Zimmer eine verspielte, trauliche Atmosphäre. Es schien unvorstellbar, daß Krankheit und Kummer hier jemals Einzug finden konnten.

Inge sah auf, als er eintrat, sagte: „Sie schläft . . . ist das ein gutes Zeichen?“

Er lächelte ihr beruhigend zu. „Ich glaube schon!“ Er trat näher, öffnete seine Bereitschaftstasche. „Aber ich fürchte, wir müssen unseren Schatz wecken!“

Inge beugte sich tiefer über ihre kleine Tochter, faßte sie bei den Schultern. „Evchen“, sagte sie, „Evchen . . . Papi ist da! Wach auf . . . Papi will mit dir spielen!“

Verschlafen öffnete Evchen die blauen Augen. Ihr Blick schien aus weiter Ferne zu kommen. Dann erkannte sie den Vater, und ein Leuchten überflog ihr glühendes Gesichtchen. Sie streckte beide Ärmenen aus. „Papi . . . Papi!“

„Ja, mein Liebling . . . Papi ist da!“ Er hob sein Töchterchen aus dem Bett, nahm es hoch, drückte ihr heißes Gesichtchen an seine Wange.

„Papi will schauen, wie es dir geht!“

Evchen packte die Nase des Vaters, zupfte daran und krähte vor Vergnügen, als er eine komische Grimasse zog – das war eines der Lieblingsspiele von Vater und Tochter.

Er lächelte Inge über den Kopf der Kleinen zu. „Sehr elend scheint sie sich wirklich nicht zu fühlen! Aber wir werden sehen . . .“ Er legte das Kind in ihre Arme, holte einen hölzernen Spachtel und eine kleine Lampe aus seiner Tasche.

„Mund auf, junge Dame“, kommandierte er, „ganz weit . . . sooo!“

Rasch schob er den Spachtel auf ihre Zunge, drückte sie herunter, leuchtete in ihren Hals. „Mach mal ah, Evchen . . . aaaahhh! Ganz laut!“

Das Kind gab einen Laut von sich, der nur wenig Ähnlichkeit mit dem gewünschten Ah hatte, aber Dr. Jorg gab sich zufrieden. Er zog den Spachtel heraus, knipste die Lampe aus.

„Das genügt, meine Süße . . . du kannst dein Mäulchen wieder zuklappen!“

„Was ist?“ fragte Inge besorgt.

Er antwortete nicht. „Zieh ihr das Nachthemd aus“, sagte er, „ich möchte eine Auskultation vornehmen!“

Er holte das Stethoskop aus der Tasche. „Jetzt wird’s kalt, Evchen“, sagte er, „du mußt nicht erschrecken . . .“

Dennoch zuckte das Kind zusammen, als das kalte Metall ihre kleine Brust berührte, verzog das Gesichtchen.

„Nicht weinen, Schatz“, sagte Inge rasch, „der Papi will horchen, wie dein Herzchen schlägt, und wenn du weinst, kann er nicht verstehen, wie es klopf, klopf, klopf macht!“

Dr. Jorg horchte Herz und Lunge ab, erst von der Brust, dann vom Rücken her. Inge beobachtete ihn mit gespannter Aufmerksamkeit.

Endlich richtete er sich auf. „Nichts“, sagte er, „alles in Ordnung . . .“

„Aber . . . wieso hat sie dann Temperatur?“

„Rachen und Mandeln sind leicht gerötet. Das kann alles mögliche bedeuten, in diesem Stadium ist das noch nicht festzustellen. Ich möchte annehmen, daß sie einen mehr oder weniger starken Schnupfen bekommen wird. Du weißt ja, Kinder fiebern sehr viel rascher als Erwachsene . . .“

„Soll ich sie wieder anziehen?“

„Warte noch, ich gebe dir was, damit du Rücken und Brust einreiben kannst . . .“ Er kramte in seiner Tasche, reichte ihr eine Dose. „Und dann noch hier diese Tropfen für die Nase. . . dadurch schwellen die Schleimhäute ab, und sie tut sich leichter beim Atmen.“

Inge war schon dabei, die Kleine einzureiben. „Ach, Richard“, sagte sie, „ich bin ja so froh . . . glaubst du wirklich, daß es nichts Schlimmes wird?“

„Höchstens eine Kinderkrankheit. Aber, wie gesagt . . . ich tippe eher auf eine tüchtige Erkältung!“

Er gab Evchen selber die Nasentropfen, die ihr anscheinend gar nicht paßten. Inge zog die Kleine an, wickelte sie fest in ihre Bettdecke.

Evchen plapperte noch eine Weile vor sich hin, aber noch bevor ihre Eltern das Zimmer verließen, war sie schon fast wieder eingeschlafen.

„Ach, Richard“, sagte Inge, während sie hinter ihm die Treppe hinunterlief, „du ahnst nicht, wie glücklich ich bin . . .“

Er drehte sich, unten angekommen, zu ihr um, breitete die Arme aus, und sie flog die letzten Stufen hinunter und an seine Brust.

„Daß du wieder zurückgekommen bist . . .“, flüsterte sie.

Er verstand sie sehr gut, aber er setzte sich gegen die Rührung zur Wehr, die ihn selber zu überwältigen drohte. „Hattest du geglaubt, ich würde für immer bei dieser Olga bleiben?“ fragte er neckend.

„Sag mir, daß du dir nichts aus ihr machst . . . nicht das geringste! Schwöre es mir!“

Sein Mund berührte ihr seidenweiches Haar, ihr Ohrläppchen, ihren Nacken. „Immer noch eifersüchtig?“

„Nnnein . . .“, sagte sie, aber es klang durchaus nicht überzeugend.

Er verschloß ihren Mund mit einem Kuß, einem glühenden, zärtlichen, leidenschaftlichen Kuß, der alles, was bisher noch zwischen ihnen gestanden hatte, auflöste und wegschwemmte.

„Richard“, stammelte sie atemlos, „Liebster . . .“ Weich und hingebungsvoll lag sie in seinen Armen.

Er hielt sie fest, ganz fest, als wenn er fürchten müßte, sie zu verlieren, „Ich liebe dich . . . Inge, meine kleine Inge . . . ich liebe dich so . . .“

Und er liebte sie wirklich, in dieser Sekunde vielleicht mehr als je zuvor, war ganz erfüllt von dem heißen Wunsch, ihr seine Liebe zu zeigen, sie ganz zu besitzen, sie alles, was sie entfremdet hatte, vergessen zu lassen.

Er hob sie hoch, eine leichte, warme, bebende Last, trug sie ins Schlafzimmer – und beide glaubten, daß alles gut werden, daß sie die Kraft haben würden, alle Schatten zu überwinden.

Ihre Herzen schlugen im gleichen Rhythmus, ihre Körper drängten zueinander, sie fieberten der Erfüllung entgegen . . .

Aber es kam ganz anders, als Dr. Richard Jorg und seine junge Frau es erhofft und ersehnt hatten. Ihre Liebe fand keine Erlösung – er war ein Mann, und er hatte vesagt, zum erstenmal in seinem Leben.

Das graue Licht des frühen Wintertages drang schon ins Schlafzimmer, als sie immer noch wach lagen, nebeneinander und doch unendlich weit voneinander entfernt. Sie waren aufgewühlt, verstört, fühlten sich zerschlagen und gedemütigt, wagten nicht, einander anzusehen oder sich zu berühren.

„Es hat nichts zu bedeuten“, sagte sie endlich. „Was ist denn schon passiert? Gar nichts. Es ist wirklich dumm von uns, ein Drama daraus zu machen . . .“ Ihre Stimme erstickte, sie konnte die Tränen nicht länger zurückhalten. Sie gab sich krampfhafte Mühe, es ihn nicht merken zu lassen, weinte lautlos in sich hinein.

Aber er hörte es doch. Er streckte den Arm nach ihr aus, zog sie an seine Brust. „Weine nur“, sagte er, „sei froh, daß du weinen kannst. Glaubst du, ich versteh nicht, wie dir zumute ist?“

Ihre Tränen benetzten seine nackte Brust. „Ich liebe dich, Richard“, schluchzte sie, „glaub mir doch . . . ich liebe dich so!“

„Ich dich auch, mein Kleines. Aber es wäre besser, wenn es anders wäre. Ohne Liebe wäre alles viel leichter zu ertragen, wenn wir keine Sehnsucht nach einander hätten.“ Er hielt seine weinende Frau fest umschlungen und starrte in die graue Dämmerung, die wie eine Drohung war.

4

Was die kleine Eva betraf, so bewahrheitete sich die Prognose Dr. Jorgs – außer einem tüchtigen Schnupfen fehlte ihr nichts. Das Fieber war gefallen, und sie fühlte sich dementsprechend elend und war quengelig.

Inge bettete das Kind für den Tag auf die Couch im Wohnzimmer. Die Putzfrau schickte sie fort, bat sie, nachmittags wiederzukommen. Sie wollte nicht, daß ihr Mann, der heute erst mittags Dienst in der Unfallklinik hatte, gestört wurde. Er hatte erst gegen Morgen endlich Schlaf gefunden.

Als er aufstand, war es nahezu Essenszeit. Inge begrüßte ihn fröhlich und unbefangen mit einem Kuß. Beide verloren kein Wort über die Ereignisse der Nacht, gaben sich Mühe, so zu tun, als wenn nichts geschehen wäre. Aber Inges müdes Gesicht, ihre verweinten Augen waren für Dr. Jorg eine ständige qualvolle Erinnerung. Er war erleichtert, als es Zeit wurde, das Haus zu verlassen und zur Klinik zu fahren.

Inge hatte Evchen zu Bett gebracht. Jetzt legte sie sich selber hin, um den versäumten Schlaf nachzuholen. Nachher fühlte sie sich besser. Aber der Druck auf ihrem Herzen blieb. Sie brauchte einen Menschen, mit dem sie sachlich über alles sprechen, der ihr vielleicht sogar eine Erklärung und einen Rat geben konnte.

Sie überlegte lange, ob es richtig war, Dr. Willy Markus anzurufen, hatte Tausende von Bedenken, tat es dann aber doch.

Dr. Markus meldete sich schon nach dem ersten Rufzeichen.

„Du, Inge?“ sagte er erstaunt. „Ja, was gibt’s?“

„Ich möchte dich gern sprechen“, sagte sie mit Überwindung, „natürlich nur, wenn du Zeit hast . . .“

„Wegen Richard?“ fragte er sofort.

„Ja.“

Einen Augenblick schien er nachzudenken. Dann fragte er: „Also wann . . . und wo?“

„Im ,Carlton‘? Um vier?“

„Einverstanden. Ich werde pünktlich sein.“

Tatsächlich war Dr. Markus schon vor Inge im „Carlton“, einer vornehmen Teestube in der Briennerstraße. Er hatte Zeitung gelesen, dabei aber doch die Eingangstür im Auge behalten, so daß er sich sofort aus einem der schweren bequemen Sessel erhob, als sie eintrat.

Sie trug ein moosgrünes Winterkostüm mit schwarzem Persianerkragen, einen kleinen Persianerhut auf den blonden Locken, und es war keine Lüge, als er ihr sagte: „Du siehst ganz reizend aus, Inge!“

Aber ihr stand nicht der Sinn nach Komplimenten. „Ich habe nicht viel Zeit“, sagte sie, „Evchen ist erkältet. Die Putzfrau ist jetzt bei ihr, aber spätestens . . .“

„Nun setz dich erst einmal! Was möchtest du trinken?“

„Tee.“

Er winkte einer der ältlichen adretten Kellnerinnen, gab die Bestellung auf. Sie nestelte nervös an ihren Handschuhen, zog sie aus.

„Also, was ist?“ fragte er.

„Eigentlich gar nichts“, sagte sie zögernd, „es ist nur . . . ich habe den Eindruck, daß Richard sich nicht ganz wohl fühlt.“

„Ach“, sagte Dr. Markus verblüfft, „aber er macht doch Dienst?“

„Ja. Aber das ist es eben. Er will es nicht zugeben. Aber irgend etwas ist mit ihm nicht in Ordnung. Er ist so . . . verändert. Ich kann es dir schwer erklären.“

„Seit wann?“

Sie fuhr mit dem Zeigefinger über die Tischplatte, zeichnete unsichtbare Figuren. „Erinnerst du dich an den Tag, als du mich angerufen hast, um mir mitzuteilen, daß Richard später nach Hause käme? Ich weiß bis heute noch nicht, was damals eigentlich los war. Jedenfalls kam er mit einem Pflaster auf der Stirn heim . . . inzwischen ist die Wunde ja fast verheilt . . .“

„Ich erinnere mich genau“, sagte Dr. Markus, „das war der Tag, an dem er diesem Mädchen das Leben gerettet hat! Und seitdem ist er nicht mehr ganz in Ordnung, sagst du?“

Sie nickte.

„Das ist kein Wunder! Darüber brauchst du dir wirklich keine Sorgen zu machen, Inge, das hätte ich ihm gleich voraussagen können!“

Sie sah überrascht auf, fast ein wenig erleichtert darüber, daß Dr. Markus so rasch eine Erklärung bei der Hand zu haben schien. „Ah, wirklich?“ fragte sie.

„Man ist eben nicht ungestraft ein Held . . .“

„Wie meinst du das?“

„Diese Lebensrettungsgeschichte wird er dir doch sicher erzählt haben . . .“ Er sah die Verständnislosigkeit in ihren Augen, fügte hinzu: „Oder etwa nicht?“

„Ich weiß natürlich, daß er einer jungen Frau das Leben gerettet hat“, sagte Inge Jorg vorsichtig – sie war bewußt bemüht, jeden Anschein zu vermeiden, daß in ihrer Ehe etwas nicht stimmen könnte. „Olga Krüger. Sie tauchte vor zwei Tagen bei uns auf, um sich bei Richard zu bedanken.“

„Aber was er wirklich für sie getan hat, weißt du nicht? Na, dann will ich es dir erzählen. Ich verrate damit ja kein Geheimnis. Inzwischen hat es in allen Zeitungen gestanden.“

Die Kellnerin brachte den Tee, und Inge Jorg schenkte sich ein.

„Diese Olga Krüger“, sagte Dr. Markus, „ist mit ihrem Auto in den Baldfiamsee gefahren. Ihr Wagen ist ins Schleudern gekommen und hat das Geländer durchbrochen. Richard wurde zufällig Zeuge des Unfalls. Worauf er die Böschung hinuntersauste, sich in das eiskalte Wasser stürzte, zu dem versinkenden Auto schwamm, das Wagendach aufschnitt, die bewußtlose Frau herauszog und ans Ufer brachte . . . na, wenn das keine Heldentat ist!“

Inge Jorg sah ihn aus großen Augen an. „Du wußtest das doch schon, als du mich damals anriefst! Warum hast du es mir nicht gleich erzählt?“

„Weil Richard es mir ausdrücklich untersagt hatte. Er wollte dich nicht beunruhigen.“

Ein warmer Schimmer stieg in Inges blasses Gesicht. Diese Erklärung, aus der sie die ganze sorgende Liebe ihres Mannes fühlte, berührte ihr Herz wie eine Liebkosung.

„Ich bin noch nicht am Ende. Als Richard diese Frau zum Ufer gebracht hatte, glitt er aus und schlug hin. Er wurde bewußtlos.“ Dr. Markus hob die Hand, sagte leicht dozierend: „Und hier, liebe Inge, haben wir die Erklärung für sein sonderbares Benehmen . . .“

„Ich habe nie gesagt, daß er sonderbar wäre!“ protestierte sie. „Nur, daß er sich offensichtlich nicht wohl fühlt.“

„Das kommt auf dasselbe heraus. Durch diesen Sturz hat er natürlich einen Schock bekommen. Normalerweise würden wir einen Patienten in diesem Zustand nie und nimmer am gleichen Abend nach Hause fahren lassen. Aber er bestand darauf, er ist ja Arzt. . . was sollte ich machen?“

„Ich werfe doch dir nichts vor, Willy“, sagte sie, „ich suche nur nach der Ursache für seine . . . seine . . .“ Sie suchte vergebens nach dem passenden Wort.

„Leidet er an Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Reizbarkeit, Depressionen?“

„Du drückst das alles viel zu kraß aus . . .“

„Aber immerhin, die Symptome sind vorhanden. Unter Umständen kann ein solcher Schock auch Störungen der Herz-, Magen-, Darmfunktionen auslösen, Impotenz. . .“

Sie konnte ihre Betroffenheit nicht verbergen. „Impotenz?“ wiederholte sie.

„Das alles sind natürlich nur mögliche Beschwerden. Sie brauchen nicht aufzutreten, tun es auch nur selten alle auf einmal. . .“

Die Kellnerin trat an ihren Tisch, beugte sich zu Inge herab. „Entschuldigen Sie, gnädige Frau . . . sind Sie Frau Dr. Inge Jorg?“

Inge fuhr zusammen. „Ja? Warum?“

„Ein Anruf für Sie!“

Inge erhob sich rasch, griff nach ihrer Handtasche. „Entschuldige mich einen Augenblick, Willy. . .“

Er sah ihr nach, wie sie, schlank und zierlich in ihrem taillierten Kostüm, über die dicken Teppiche und die kleine Treppe zur Garderobe hinaufeilte.

Er nahm einen Schluck Kognak aus dem bauchigen Glas, zündete sich eine Zigarette an, blies Rauchkringel in die Luft.

Inge Jorg kam viel schneller zurück, als er erwartet hatte. Er sah sofort, daß etwas passiert sein mußte. Ihr Gesicht war geisterhaft blaß, ihre braunen Augen fast schwarz vor Erregung.

„Evchen“, stieß sie atemlos hervor, „es geht ihr schlecht! Sie bekommt keine Luft mehr. . .“

„Woher weißt du das?“

„Frau Maurer, meine Zugehfrau . . . sie ist bei dem Kind . . .“

Dr. Markus warf einen Geldschein auf den Tisch, faßte Inge unter den Arm, zog sie zur Drehtür.

„Ich bringe dich nach Hause“, sagte er, „reg dich nicht auf! In längstens zwanzig Minuten sind wir dort. Unterwegs kannst du mir alles erzählen!“

Frau Maurer, eine junge, resolute Frau, stürzte ihnen entgegen, als sie das Haus betraten.

„Gut, daß Sie endlich da sind, Frau Jorg!“ sagte sie. „Ich weiß mir einfach keinen Rat mehr! Die Verantwortung. . .“

„Wo ist das Kind?“ fragte Dr. Markus.

„Im Wohnzimmer!“

Er schob die Frau beiseite, eilte in den Raum. Mit einem Blick erkannte er, daß es Evchen wirklich sehr schlecht ging. Sie bewegte unruhig den Kopf hin und her, schlug mit den Ärmchen um sich. Ihr kleiner Körper wurde von quälendem Husten geschüttelt.

Inge Jorg war ihm nachgeeilt, kniete sich neben die Couch, legte ihre Hand auf die heiße Stirn des Kindes. „Evchen . . . mein Schatz“, sagte sie zärtlich, „mein kleiner Liebling. . . Mutter ist bei dir! Du brauchst keine Angst zu haben! Jetzt wird alles wieder gut!“

„Ich hab’ ihr in den Mund geschaut“, sagte Frau Maurer, „zuerst waren da nur ein paar gelbliche Flecken, später so ein weißer Belag . . . genau wie bei meinem Ältesten damals, Sie wissen doch noch! Da bin ich gleich zum Telefon!“ Evchen wurde von einem quälenden Hustenanfall geschüttelt.

Dr. Markus holte einen hölzernen Spachtel aus seiner Bereitschaftstasche. „Bring sie bitte dazu, daß sie den Mund aufmacht, Inge“, sagte er, „nur für eine Sekunde . . .“

Dr. Markus fuhr rasch mit dem Spachtel in den Mund, drückte die Zunge des Kindes ein wenig nieder, leuchtete ihr in den Hals.

Rachen und Mandeln waren von einem dicken, grauweißen Belag bedeckt.

„Was ist es?“ fragte Inge angstvoll.

„Diphtherie . . .“

„O mein Gott!“ Die Beine versagten ihr, sie ließ sich in einen Sessel sinken. Als Frau eines Arztes wußte sie, wie heimtückisch eine schwere Diphtherie sein kann.

„Reg dich nicht auf, Inge“, sagte. Dr. Markus, „wenn das Kind deine Angst spürt, wird alles nur noch schlimmer. Wir bringen sie über den Berg, keine Sorge! Seit es Penicillin gibt, braucht kein Kind mehr an Diphtherie zu sterben.“

Sie sah ihn fassungslos an. „Wie ist es möglich, daß Richard . . . daß er es nicht gemerkt hat?!“

„Das frage ich dich!“

„Er hat sie gestern abend untersucht und . . .“

„Gestern war wahrscheinlich eine Diagnose noch nicht möglich. Hat er sie heute morgen noch einmal untersucht?“

„Nein, nein, er war müde . . . niemand von uns hat doch an so etwas gedacht!“

Dr. Markus sprach beruhigend auf das fiebernde Kind ein, streichelte ihr über die Stirn, hob dann ihr Nachthemdchen hoch, tastete ihren Leib an. Die Leber war kaum merklich vergrößert. Er fühlte ihren Puls. Er ging rasch, aber deutlich spürbar.

Er deckte das Kind wieder zu. „Immerhin, der Kreislauf ist noch nicht angegriffen.“

Dr. Markus beugte sich über seine Bereitschaftstasche, holte eine Ampulle Penicillin und eine Spritze heraus.

Inge schob die Decke und das Nachthemdchen des Kindes zurück, so daß der Oberschenkel bloßlag. Dr. Markus desinfizierte die Injektionsnadel und ein Stückchen Haut des Kindes, zog die Spritze auf, stach ein.

Evchen wimmerte auf.

„Es ist schon vorbei, Schätzchen“, tröstete die Mutter, „schon vorbei. . . jetzt wirst du bald wieder ganz gesund!“

Als Dr. Markus die Injektionsnadel herauszog, wurde Evchen von einem neuen Hustenanfall geschüttelt.

„Soll ich sie in ihr Zimmer hinaufbringen?“

„Sie schläft oben? Nein, besser nicht. Leg sie in Richards Bett, sie sollte jetzt auch nachts nicht allein sein. Richard muß dann eben so lange oben oder im Wohnzimmer schlafen . . .“

„Ich werde das Bettzeug wechseln . . .“

„Gib ihr erst mal ein Zäpfchen. Ich wasch mir inzwischen die Hände.“

Später trugen sie die Kleine in das frisch überzogene Bett des Vaters. Sie wußten, daß es jetzt nichts mehr zu tun gab als abzuwarten. Aber gerade das war das schwerste.

„Wie lange . . .?“ fragte Inge mit spröder Stimme. „Ich meine . . . wann wird das Penicillin wirken?“

„Spätestens in vierundzwanzig Stunden. Wenn sie bis morgen abend nicht fieberfrei ist, gebe ich ihr noch einmal eine Injektion . . . das heißt, Richard kann das genausogut wie ich.“

„Ich bin sehr froh, daß du da warst, Willy!“

Ganz allmählich ließ Evchens Unruhe nach, die Augen fielen ihr zu, das Zäpfchen tat seine Wirkung.

„Ich glaube . . .“, sagte Inge.

Aber sie kam nicht dazu, den Satz zu Ende zu sprechen. Sie hörten, wie die Haustür aufgeschlossen wurde, wandten den Blick zur Tür.

„Mein Mann!“ sagte sie.

Sie sprang auf, um ihm entgegenzugehen. Aber da stand er schon im Raum. Inge brachte kein Wort der Begrüßung hervor, denn der Blick, den er von ihr zu Dr. Willy Markus gleiten ließ, war dunkel vor Qual und Zorn.

„Mich habt ihr wohl noch nicht zurückerwartet, wie?“ sagte Dr. Richard Jorg mit seltsam gepreßter Stimme. Er hatte es nicht einmal laut gesagt, aber die Drohung war so spürbar, daß seine Frau unwillkürlich einen Schritt zurückwich.

„Richard, ich . . .“, stammelte sie.

„Spar dir deine Worte, du . . . du Ehebrecherin!“ brach es aus ihm heraus. „Das ist also deine Liebe! Ich genüge dir nicht mehr! Kaum bin ich aus dem Haus, da muß der nächste antanzen!“

Dr. Jorgs Blick flackerte. „Nimm sie mit, Willy“, brüllte er, „ich trete sie dir ab . . . schaff mir das Weibsbild aus den Äugen! Sonst kann ich für nichts mehr garantieren!“

„Gut“, sagte Dr. Markus ruhig, „wie du willst. Die Frage ist jetzt nur . . . was soll mit Evchen geschehen? Es scheint dir entgangen zu sein, daß das Kind schwer krank ist!“

Mit Dr. Jorg ging eine seltsame Wandlung vor. Es war, als wenn sein Gesicht von einer Sekunde zur anderen verfiele.

„Evchen“, stieß er tonlos hervor, „sie . . . sie ist . . .“

„Diphtherie“, erklärte Dr. Markus, „Inge hat mich gerade noch rechtzeitig benachrichtigt. Wenn du dich selber überzeugen möchtest . . .“

Dr. Jorg schwankte zur Couch. Er ließ sich auf die Kante sinken, starrte in das fieberheiße Gesichtchen seines Kindes. Evchens runde Stirn unter den blonden verwirrten Locken war schweißbedeckt, ihre Augen geschlossen. Sie atmete mühsam, mit halbgeöffnetem Mund. Die Schwellung ihres Halses war deutlich zu sehen. „Evchen“, stöhnte er, „Evchen . . .“

„Du solltest sie jetzt nicht wecken“, sagte Dr. Markus, „wir sind froh, daß sie endlich eingeschlafen ist . . . ein Wunder überhaupt, daß sie von deinem Gebrüll nicht erwacht ist.“

„Mein Gott . . . o mein Gott . . .“

Dr. Markus trat auf ihn zu, legte ihm freundschaftlich die Hand auf die Schulter. „Du brauchst dir keine Sorgen zu machen, Richard. Ich habe ihr Penicillin gegeben. Puls und Kreislauf waren ganz in Ordnung. Ich bin sicher, sie wird sich schon morgen besser fühlen.“

Es war nicht zu erkennen, ob Dr. Richard Jorg diesen Trost überhaupt begriff. Er war wieder in sich zusammengesunken, hatte die Hände vor das Gesicht geschlagen.

Dr. Markus nahm seine Bereitschaftstasche auf, ließ das Schloß zuschnappen. „Ich gehe jetzt, Inge“, sagte er leise, „du brauchst mich nicht mehr. Richard wird Evchen schon wieder gesundkriegen.“

Sie war über das krankhaft erregte Verhalten ihres Mannes tief beunruhigt, hätte gern noch eine Frage gestellt, aber Richards Anwesenheit verbot es ihr. „Danke, Willy“, sagte sie mit einem verzagten Lächeln, „ich danke dir . . . für alles!“

Sie brachte ihn, um das Mißtrauen ihres Mannes nicht wieder zu wecken, nicht einmal zur Haustür. Zögernd blieb sie im Zimmer stehen, sah von ihrem fiebernden Kind zu ihrem Mann, der zusammengebrochen dasaß. Sie wollte ihm Zeit lassen, mit sich ins reine zu kommen, aber nach einer Weile ertrug sie es nicht länger.

„Richard“, sagte sie, „soll ich dir etwas zu essen machen?“

Er schüttelte stumm den Kopf.

„Möchtest du etwas trinken? Ein Bier vielleicht . . . oder einen Kognak?“

Er streckte die Hand nach ihr aus, und sie ließ es zu, daß er sie an sich zog.

„Inge“, sagte er gequält, „ich weiß nicht, was eben in mich gefahren ist, das mußt du mir glauben! Ich . . .“

Sie strich ihm sanft über das Haar. „Aber ich weiß doch, Richard! Du fühlst dich nicht wohl. Du brauchst dich nicht zu entschuldigen, wirklich nicht.“

„Glaubst du, daß ich“, er sah sie flehend an, „daß ich verrückt werde?“

„Aber nein, Richard, wie kommst du darauf?“

„Aber ich bin doch früher nicht so gewesen, nicht wahr? Ich habe dich doch niemals so angeschrien und . . . ich kann dir das nicht erklären, es ist, als ob auf einmal eine fremde Macht von mir Besitz nähme.“

„Das sind bloß die Nerven, Richard. Du hast durch deine Kopfverletzung einen Schock bekommen . . . du wirst sehen, in ein paar Wochen ist das völlig vorüber, und du wirst wieder genauso sein wie früher.“

„Ein Schock!“ fragte er – und es war kein Unterton in seiner Stimme, der sie gewarnt hätte.

„Ja“, erklärte sie arglos, „Willy sagt . . .“

Er ließ sie los, seine Augen flackerten. „Du hast mit Willy über mich gesprochen?“

Sie begriff, daß sie zuviel gesagt hatte, aber jetzt gab es kein Zurück mehr. „Ja, Richard“, gab sie zu, begreifst du denn nicht, daß ich in Sorge um dich war?“

Er erhob sich mit einem Ruck. „Weil du ein einzigesmal nicht auf deine Kosten gekommen bist, wie?“

„Richard!“

Weder Inge noch Dr. Richard Jorg hatten bemerkt, daß Evchen die Augen aufgeschlagen hatte. Erst als die Kleine in ein wimmerndes Schluchzen ausbrach, wandten sich beide ihr zu.

Inge lief zu ihrem Töchterchen. „Oh, Evchen, mein Schatz“, rief sie, „hat Mutti dich geweckt? Es ist nichts, wirklich nichts, schlaf weiter, mein Schätzchen . . . es ist alles gut! Morgen wirst du wieder gesund sein!“

Sie küßte Evchen zärtlich die Tränen von den Wangen.

Erst als die Tür zuschlug, merkte sie, daß ihr Mann gegangen war. „Richard!“ rief sie. Sie wollte aufspringen und ihm nacheilen, aber das Kind hielt ihre Hand krampfhaft fest.

Sie saß ganz starr, in angespannter Erwartung, bis sie hörte, daß auch die Haustür zufiel. Wenige Sekunden später drang das Klappen einer Wagentür, das Aufheulen des Motors in das stille Zimmer.

Dr. Richard Jorg fuhr, ohne sich Rechenschaft über sein Tun zu geben, in die Nacht hinaus. Er hatte kein Ziel, nicht einmal eine Ahnung, wohin er sich wenden sollte, er wollte nur fort – fort aus der Enge seines Heims, fort aus den vorwurfsvollen Augen seiner Frau, fort aus der Gegenwart seines kranken Kindes, krank durch seine Schuld.

Er war auf der Flucht vor sich selber.

Ohne es zu merken, hatte er die Richtung zur Innenstadt eingeschlagen, und als er wieder zur Besinnung kam, merkte er, daß er die Isar bereits überquert hatte und sich in Höhe des Englischen Gartens, nahe dem Haus der Kunst befand. Er nahm Gas weg, trat auf die Bremse. Flüchtig stieg der Gedanke in ihm auf, umzukehren und Olga Krüger aufzusuchen. Aber er verwarf diese Idee sofort wieder.

Endlich, ein ganzes Stück hinter dem Siegestor, fand er eine Eckwirtschaft, die das zu sein schien, was er suchte – kein Lärm, keine Musik, nur so viel Licht, wie eben nötig war.

Er trat ein, suchte sich den dunkelsten Platz in der hintersten Ecke, bestellte einen doppelten Kognak, leerte das Glas in einem Zug, bestellte sofort einen zweiten. Als er beim vierten oder fünften angelangt war, begann er sich besser zu fühlen. Jetzt erst fand er den Mut, die Ereignisse des Abends noch einmal vor sich abrollen zu lassen. Sie hatten die schmerzhafte Härte der Wirklichkeit verloren, er konnte daran denken, ohne von Scham- und Schuldgefühl überwältigt zu werden.

Was war denn geschehen? Als er nach Hause kam, hatte er Willy Markus bei seiner Frau gefunden, und er war ausfallend geworden. Was war schon dabei? War das nicht sein gutes Recht? Welcher Ehemann hätte sich in dieser Situation anders verhalten? Schließlich wußte er, daß Willy schon seit langem hinter Inge her war, und immerhin war das Zusammentreffen merkwürdig gewesen – ausgerechnet nach der vergangenen Nacht.

Als er mit seinen Gedanken bis zu diesem Punkt gekommen war, schoß ihm heiße Röte bis in die Stirn. Er hatte die Wirkung des Alkohols überschätzt. Er hatte die Demütigung, die er erlitten hatte, doch nicht auslöschen können.

Dr. Jorg bestellte noch einen doppelten Kognak. Er hätte die Kellnerin am liebsten gebeten, ihm die ganze Flasche zu überlassen, wenn ihn nicht ein Rest von Selbstachtung abgehalten hätte.

Verfluchter Unsinn, dachte er, das kann doch jedem Mann passieren – ich möchte wirklich wissen, wem noch niemals eine Nummer schiefgegangen ist! Mit der eigenen Frau – verdammt, ich habe Inge zu sehr verwöhnt, das ist das Ganze! Wer sagt denn, daß es nicht an ihr liegt? Jede Nacht dieselbe Frau, fünf Jahre immer derselbe Spaß – wen könnte denn das noch reizen?

Er winkte der Kellnerin, bestellte sich noch einen Kognak, zahlte. Er gab ein üppiges Trinkgeld, und die hochbusige Kellnerin kicherte geschäftsmäßig, als er ihr im Hinausgehen auf das Hinterteil klopfte – er grüßte lächelnd nach allen Seiten, fühlte sich stark.

Erst draußen in der eisigen Nachtluft spürte er, daß er nicht mehr so nüchtern war, wie er geglaubt hatte. Er hatte noch genug Verstand, sein Auto stehenzulassen und zu Fuß weiterzugehen. Er schwankte vorwärts, ließ sich treiben, aber schon nach wenigen hundert Schritten spürte er eine quälende Trockenheit im Mund.

Er war in eine schmale Gasse gelangt, an der zu beiden Seiten, fast Tür an Tür, Lokale lagen. Er blieb vor einem beleuchteten Schaukasten stehen, in dem hinter schützendem Glas die Fotos halbnackter Frauen in gekünstelten Stellungen zu sehen waren. „Striptease à la Paris“ stand mit triefendroten Buchstaben, wie mit Lippenstift gemalt, quer darüber.

Als er das Lokal betrat, schlug ihm ein Schwall von Hitze, Rauch, Alkohol, Schweiß und Parfümdünsten entgegen. Der Raum war nur schwach beleuchtet, eine kleine Bühne war in rötliches Licht getaucht. Er blieb stehen, um sich zu orientieren.

Ein Kellner, die Serviette unter dem Arm, kam auf ihn zu, führte ihn dienernd, anscheinend in Erwartung eines entsprechenden Trinkgeldes, an einen Tisch auf der Balustrade, nahe der Bühne

„Danke“, sagte Dr. Jorg und ließ sich erleichtert auf den Stuhl sinken, den der Kellner ihm zurechtschob.

„Was darf ich Ihnen zu trinken bringen?“

„Ein großes Helles, bitte . . .“

„Tut mir leid, mein Herr . . . Wir haben Weinzwang.“

Dr. Jorg war nahe daran, wieder aufzustehen und zu gehen, aber in diesem Augenblick spielte die Kapelle einen Tusch, und eine verschleierte Tänzerin erschien auf der Bühne. Das Publikum pfiff und johlte.

„Dann bringen Sie mir eine Flasche Champagner!“

Der Kellner verschwand, die Kapelle intonierte eine Art orientalisches Potpourri, die Haremsdame begann sich zu diesen Klängen zu drehen. Ihr nackter Bauch schnellte vor und zurück, dabei ließ sie mit quälender Langsamkeit unter den anfeuernden Rufen der Zuschauer einen Schleier nach dem anderen fallen – zuerst enthüllte sie die Arme, dann die Beine, schließlich den Busen, als Dr. Jorg schon glaubte, weiter könnte sie wohl doch nicht gehen, schlüpfte sie auch noch aus dem Höschen und stand jetzt nackt, nur noch mit der Andeutung eines Feigenblattes bekleidet, mit erhobenen Armen im gleißenden Scheinwerferlicht. Nur ihr Gesicht blieb verschleiert, auch dann noch, als sie mit einer wirbelnden Bewegung ins Dunkel zurücktauchte.

„Gut, wie, unsere Suleima?“ fragte der Kellner, der lautlos zum Tisch zurückgekehrt war und sich dicht an Dr. Jorgs Ohr herabgebeugt hatte.

„Warum zeigt sie denn ihr Gesicht nicht?“ fragte Dr. Jorg.

„Ach, da ist nichts Besonderes mit los“, erwiderte der Kellner gleichmütig, „und außerdem . . . etwas muß ja auch noch der Phantasie überlassen bleiben!“

Die nächsten Tänzerinnen schienen anders darüber zu denken. Sie zeigten alles, aber auch restlos alles, und Dr. Jorg fand sie entschieden schlechter – vielleicht kam das aber auch daher, daß er sich schon an das Überangebot nackten Fleisches gewöhnt hatte. Er warf bald nur noch hin und wieder einen Blick zur Bühne, hielt sich im übrigen an den eisgekühlten Champagner, der zu seiner angenehmen Überraschung wirklich gut war.

Trotzdem fühlte er sich, nachdem er über die Hälfte der Flasche geleert hatte, flau im Magen. Als der Kellner wieder einmal erschien, um sein Glas nachzufüllen, verlangte er die Rechnung. – Sie betrug über hundert Mark. Er bezahlte, ohne mit der Wimper zu zucken, denn nichts war ihm im Augenblick gleichgültiger als Geld.

Dann fühlte er den leichten Druck einer Hand auf seiner Schulter, und eine Wolke schwülen Parfüms stieg ihm in die Nase. „Na, junger Mann“, sagte eine heisere weibliche Stimme, „Sie wollen uns doch nicht etwa schon verlassen?“

Er hob den Blick. Seine Augen glitten über ein giftgrünes Seidenkleid, hinauf zu einem üppigen Busen, quellenden rosa Schultern, einem stark geschminkten Gesicht unter karottenrot gefärbtem Haar.

„Doch“, sagte er mit schwerer Zunge, „wenn Sie nichts dagegen haben!“

„Schade!“

„Kann ich nicht finden!“ Er wollte aufstehen, wurde aber wieder auf seinen Stuhl zurückgedrückt.

„Na, bezahlt haben Sie jetzt doch schon, Süßer . . . warum wollen Sie’s nicht ausnutzen?“

„Weil ich Hunger habe . . .“

„Na, wenn das alles ist! Essen können Sie hier genausogut wie überall anders. Vielleicht ein bißchen teurer . . . aber das macht Ihnen doch wohl nichts aus?“

„Nicht das geringste!“

„Hab’ ich’s mir doch gleich gedacht! Dann werde ich Ihnen was bestellen . . .“

Die Rothaarige nahm ungeniert an seinem Tisch Platz. „Steak oder Tatar?“ fragte sie.

„Ist mir gleich.“

„Dann lieber ein Tatar. Das kann wenigstens nicht zäh sein!“ Sie verhandelte mit dem Kellner, der unaufgefordert ein zweites Glas auf den Tisch stellte.

Sie stützte die Ellbogen auf den Tisch, legte das Kinn in die Hände und starrte ihn aus dreisten grünen Augen an. „Na, was ist los, Süßer? Liebeskummer?“

„Wer sind Sie überhaupt?“ entgegnete er.

Sie zuckte die Schultern. „Sie können mich Lola nennen . . . und wie heißen Sie?“

„Das geht Sie einen Dreck an.“

Sie verzog den grell geschminkten Mund zu einem Lächeln. „Na, höflich sind Sie gerade nicht . . . weder höflich noch gut gelaunt. Aber eine Zigarette werden Sie mir wohl trotzdem spendieren . . .“

Er schob ihr wortlos die Schachtel über den Tisch.

Genau in dieser Sekunde spürte er zu seiner Überraschung, daß sie ihn faszinierte – vielleicht waren es ihre üppigen Formen, vielleicht ihre absolute Gleichgültigkeit.

„Entschuldigen Sie, Lola“, sagte er in verändertem Ton, „ich bin wirklich schlecht gelaunt . . . vielleicht liegt es einfach daran, daß ich mich selten so gelangweilt habe.

„Aha“, sagte sie ruhig, „ich verstehe . . . Sie brauchen stärkeren Tobak.“

„Genau.“

Sie beugte sich über den Tisch, so daß er ungewollt einen tiefen Einblick in ihr üppiges Dekolleté tun mußte, fragte vertraulich: „Soll ich eine Sondervorstellung für Sie arrangieren? Ein paar kleine Mädchen vielleicht?“

„Danke. Ich interessiere mich nicht für grünes Gemüse.“

Sie lehnte sich befriedigt zurück. „Habe ich mir gleich gedacht. Sie sind ein Kenner.“

„Wo wohnen Sie?“ fragte er.

„Gleich um die Ecke.“

Er erhob sich mühsam. „Gehen wir . . .“

„Nicht doch, Süßer, nicht so eilig! Iß nur erst noch ’nen Happen, damit du Mumm kriegst.“ Sie drehte sich um, rief schrill durch den Lärm: „He, Franz . . . wo bleibt denn der Hack für den Herrn?!“

„Komme ja schon!“ Der Kellner knallte das garnierte Tatar schwungvoll auf den Tisch.

„Soll ich’s dir anmachen?“ fragte Lola. „Möglichst scharf, wie?“

„Du kennst dich aus.“

„Wäre wohl auch noch schöner . . .“

Er sah zu, wie sie das rohe, rote Fleisch mit einem Eidotter, Zwiebeln, Kapern, Gurken, Pfeffer, Salz und Paprika vermengte, und der Heißhunger ließ ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen. Er aß gierig, wunderte sich nicht darüber, daß der Kellner zwanzig Mark für diese kleine Mahlzeit verlangte.

Er war nur noch besessen von dem einen Wunsch, so schnell wie möglich aufzubrechen, ihre Wohnung zu erreichen, solange sein Verlangen nach ihr anhielt. Er fühlte sich stark, fähig, sich selber zu beweisen, daß er ein Mann war – nie aufgehört hatte, ein Mann zu sein.

Lolas laszives Lachen befeuerte ihn. Sie schien es genauso eilig zu haben wie er selber, zog ihn an der Hand die Stufen hinauf.

„Komm“, keuchte sie, „komm, mein Süßer.“

Er preßte sie an sich, während sie die Wohnungstür aufschloß. Sie kicherte, wand sich in seinen Armen. Die Tür ging auf, sie tastete nach dem Lichtschalter.

„Einen Augenblick noch, Süßer . . . warte, du machst mir ja mein Kleid kaputt!“ Sie verschwand mit einer Kußhand.

Er blieb allein zurück, in einem Schlafzimmer, ganz in Babyrosa und Himmelblau gehalten. Die wenigen Minuten, die Lola im Bad blieb, dehnten sich zu einer Ewigkeit.

Am liebsten hätte er mit beiden Fäusten gegen die Tür geschlagen, hinter der Lola verschwunden war, und er war schon drauf und dran, es zu tun, als sie herauskam – nackt unter einem schwarzen Perlongewand, das ihre üppigen Formen mehr als ahnen ließ.

„Na ungeduldig, Süßer?“ fragte sie mit einem wissenden Lächeln.

„Ich hab’ mich nur ein wenig frisch gemacht . . .“

Sie kam auf ihn zu, tänzelnd wie eine verspielte Katze, legte ihre Arme auf seine Schultern, drängte sich ihm entgegen. Aber diese Berührung, die eine einzige Verlockung war, hatte auf Dr. Richard Jorg die gegenteilige Wirkung. Eisige Kälte strich ihm das Rückgrat hinauf, seine Begierde erlosch, er spürte nur noch Widerwillen, Ekel, eine grenzenlose Ernüchterung.

Sie merkte es sofort. „Was ist los mit dir?“ fragte sie. „Na, komm schon, mach . . . oder bist du am Ende von der anderen Fakultät?“

Er griff nach ihren Handgelenken, schob sie von sich. Die Beschämung, die er in diesem Augenblick empfand, war so stark, daß ihm die Zunge versagte. „Tut mir leid“, sagte er mühsam.

„Was soll denn das nun schon wieder heißen?“

Pulsuz fraqment bitdi.

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9788726355185
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