Kitabı oxu: «Die Tochter des Apothekers»

Şrift:

Marie Louise Fischer

Die Tochter des Apothekers

SAGA

Die Tochter des Apothekers

Die Tochter des Apothekers

Copyright © 2017 by Erbengemeinschaft Fischer-Kernmayr, (www.marielouisefischer.de) represented by AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de) Originally published 1995 by Lübbe Verlag, Germany Copyright © 1995, 2017 Marie Louise Fischer Lindhardt og Ringhof Forlag A/S

All rights reserved

ISBN: 9788711718636

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt og Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof ‹a www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com

Die Fensterläden klapperten. Für Elisabeth Reuter war das ein vertrautes Geräusch. Die kleine Lisa hatte lange Zeit geglaubt, in diesem rhythmisch-unrhythmischen Klappern sei eine Botschaft verborgen, deren Sinn sie vergebens zu deuten suchte.

Inzwischen wußte sie, eine erwachsene junge Frau, was dies enervierende Knarren verriet: daß der leichte Frühlingswind der Mittagszeit dabei war, sich zu einem abendlichen Sturm zu entwickeln.

Sie saß in dem kleinen Büro neben der Offizin der Apotheke und sah im Schein der grünbeschirmten Schreibtischlampe Rezepte durch.

Liebend gern hätte sie diese Arbeit erst beendet, aber es war ihr klar, daß es klüger sein würde, gleich zu handeln. Also stand sie auf, sah flüchtig auf ihr Spiegelbild in den schimmernden Scheiben – glattes blondes Haar, helles Gesicht mit umschatteten Augen, weißer Kittel –, öffnete die Fensterflügel und lehnte sich hinaus. Schon flogen Papierfetzen über den gepflasterten Platz. Die wenigen Menschen, die noch unterwegs waren, hatten die Kragen hochgeschlagen, die Köpfe gesenkt und die Schultern vorgestemmt.

Lisa löste die Läden aus den Riegeln, brauchte Kraft, um sie sich nicht aus den Händen reißen zu lassen. Sie zog die Läden zusammen, verriegelte und verschloß sie. Danach machte sie das Fenster wieder zu.

Das gleiche Kunststück vollzog sie, mit noch größerem Kraftaufwand, im Medikamentenraum. Dabei schoß es ihr zum zigsten Mal durch den Kopf, wieviel einfacher es mit Jalousien wäre. Doch die grün gestrichenen Läden, die sich so markant von dem weißen Gemäuer abhoben, waren ein – wie ihr Vater meinte – unverzichtbares Wahrzeichen der alten Apotheke, genau wie der holzgeschnitzte bunt bemalte Engel über der eichenen Eingangstür.

Vor dem Schaufenster in der Offizin ließ Lisa das schwere Eisengitter herabsausen. Sie drehte den Schlüssel zweimal im Sicherheitsschloß, und das gleiche tat sie an der Tür.

Danach kehrte sie ins Büro zurück. Das Klappern war jetzt nicht mehr so laut, und sie hörte die Schritte ihres Vaters im anliegenden Labor. Dr. Eugen Reuter ließ es sich nie nehmen, seine geliebte Arbeitsstätte eigenhändig aufzuräumen. Selbst geputzt werden durfte dort nur unter seiner Aufsicht.

Noch im Stehen entdeckte sie ein Rezept, das aus dem Rahmen fiel. Es war voll bezahlt, hätte also dem Patienten zurückgegeben werden müssen, damit er es eventuell seiner Privatversicherung hätte einreichen können. Ein Versehen, nichts weiter. Absolut unerheblich. Sie nahm es zur Hand, um es auszusortieren.

Dabei stellte sie fest, daß es noch in anderer Hinsicht aus dem Rahmen fiel. Es war von einem Arzt mit Pariser Adresse ausgestellt, einem Dr. Theophil Beaulieu und wirkte seltsam altmodisch, war mit der Hand geschrieben. Sie las: »12 Cachets«, Kapseln also, und als Inhalt wurden Ingredienzen in Pulverform verschrieben: »2 gr. coff, 2 gr. strn …«

Lisa stutzte. Sollten da etwa zwei Gramm Strychnin verschrieben worden sein?

»Vater!« rief sie und stürzte in das Labor. »Vater!«

Dr. Eugen Reuter, damit beschäftigt, Reagenzgläschen auszuspülen, hob den blankschädeligen Kopf und starrte sie aus seinen tiefliegenden Augen unwillig an. »Warum das Geschrei?«

Sie schwenkte das Rezept und hielt es ihm vor. »Hast du das etwa so ausgeführt?« Eine dumme Frage, wie ihr sofort bewußt wurde. Wäre es nicht so gewesen, hätte er gewiß einen Änderungsvermerk gemacht.

»Ein Stärkungsmittel«, brummte er, »bißchen ausgefallen, aber was soil’s?«

»Zwei Gramm Strychnin, Vater! Es handelt sich doch um Strychnin, nicht wahr?«

Das ohnehin graue Gesicht des Apothekers wurde noch um einen Schein blasser; das Glas zerbrach in seinen zitternden Fingern. »Das Rezept«, stammelte er, »ich hab’s nur befolgt.«

»Niemand macht dir einen Vorwurf, Vater«, versicherte sie heftig, »der Arzt ist schuld … nur der Arzt!«

»Meine Verantwortung!« krächzte er. »Nie … noch nie in meinem ganzen Leben ist mir Ähnliches passiert.«

Blut tropfte in das klare Wasser, verdünnte sich zu einer rosigen Wolke.

In jeder anderen Situation hätte sie sich zuerst um die Verletzung ihres Vaters gekümmert. Jetzt aber galt ihr einziges Interesse der Adresse des Patienten, die von der Sprechstundenhilfe Dr. Beaulieus in die untere Ecke des Rezepts getippt war: »Ulrich Vanhoff, Bad Bronnen, Uferstraße 15.«

Sie jagte ins Büro zurück, nahm nicht einmal wahr, daß ihr linker Knöchel schmerzte, wie immer nach eines langen Tages Arbeit, und riß sich das Telefonbuch heraus. Es von hinten aufblätternd, fand sie die Nummer rasch, wählte sofort und dachte: Das hätte ich gleich tun sollen! Unsinn, erst mit Vater zu diskutieren. Verlorene Zeit!

Sie ließ es klingeln und klingeln. Aber niemand nahm ab.

Wenn der Patient nun nicht zu Hause war? Wo ihn suchen? Wie ihn finden? Wenn er sich jetzt schon in Krämpfen wand?

Dr. Reuter trat neben sie, das Gesicht weiß wie die Wand, die blutenden Finger provisorisch umwickelt.

Lisa sah ihn verzweifelt an. »Er meldet sich nicht. Ich muß die Polizei …«

Er fiel ihr ins Wort. »Dann bin ich erledigt.«

»Aber es ist nicht deine Schuld!« behauptete sie wieder. Doch sie wußte, daß das nicht stimmte. Seine Mitschuld war es zumindest, und auch, wenn er mit einer Bewährungsstrafe davonkommen, ja, selbst wenn er freigesprochen werden sollte, der Skandal würde da sein. Sie sah die Schlagzeile förmlich vor sich, in riesigen Lettern: »Apotheker vergiftet Patienten!«

Nicht auszudenken.

»Gib mir den Autoschlüssel!« verlangte sie entschlossen. »Ich fahre hin.«

Er knöpfte sich den Kittel auf, fingerte ungeschickt mit der gesunden Hand in seiner Westentasche. Sie kam ihm zu Hilfe und nahm den Schlüssel.

Das Lächeln, mit dem sie ihn beruhigen wollte, wurde zur Grimasse. »Reg dich nicht unnütz auf, Vater! Vielleicht habe ich ja Glück.«

Sie rannte zur Hintertür.

Das Auto, ein altes Vehikel, stand unter einem Wetterdach. Es war rückwärts eingeparkt, wie der Vater es zu verlangen pflegte. Lisa hatte diese Vorschrift stets pedantisch, ja geradezu etwas lächerlich gefunden. Jetzt war sie dankbar dafür. Sie schob das Tor zur Straße auf, warf sich hinter das Steuer und startete.

Da der Platz vor der Apotheke zur Fußgängerzone gehörte, mußte sie einen weiten Umweg fahren. Kurz überlegte sie, ob sie nicht schneller zu Fuß gewesen wäre, verwarf diesen Gedanken aber sofort. Die Entscheidung war getroffen, sinnlos, sich jetzt noch Gedanken darüber zu machen.

Der Sturm gewann an Kraft. Lisa spürte das an der heftigen Bewegung der alten Bäume, die unter seiner Gewalt ächzten. Sein Brausen übertönte sogar das Geräusch des Motors. Aber in ihrem Auto war sie auf der schmalen Fahrbahn, die sich, ohne Bürgersteige, zwischen den Rückfronten der Geschäftshäuser und der gegenüberliegenden Ummauerung des Kurparks dahinschlängelte, einigermaßen geschützt.

Das Licht ihrer Scheinwerfer erfaßte einen heimkehrenden jungen Mann, der sich erschrocken gegen einen Zaun lehnte. Seine Vorsicht war übertrieben, sollte vielleicht nur ein Scherz sein. Dennoch nahm Lisa den Fuß vom Gaspedal. Ein Unfall wäre genau das, was ihr jetzt noch gefehlt hätte.

Hinter dem Kaufhausblock konnte sie endlich links abbiegen, dann noch einmal links und weiter geradeaus, bis sie auf die Straße stieß, die um den See herum führte. Der Sturm peitschte die Wellen bis zur Böschung hoch.

Die Uferstraße war nicht zur Bebauung freigegeben. Es gab nur ein einziges Haus hier, und Lisa hoffte, daß es das war, was sie suchte. Sie hatte sich nie die Nummer gemerkt, aber sie kannte es von ihren Spaziergängen. Einst war es ein Heustadel gewesen, danach hatte es zur Unterbringung eines großen Bootes gedient, irgendwann war es dann bezogen worden, denn sonst hätte es dort kein Telefon gegeben.

Die Straße führte weiter bis zum Landgasthof mit seinen großen Parkplätzen, wo sie endete und zu einer Promenade für Fußgänger und Radler wurde.

Als sie die Lichter des Landgasthofs vor sich aufblitzen sah, merkte Lisa, daß sie das Blockhaus verfehlt haben mußte. Beinahe wäre sie in Tränen ausgebrochen. Sie mußte sich gut Zureden, um nicht die Nerven zu verlieren, zwang sich, weiterzufahren und erst auf dem Parkplatz ungefährdet zu wenden.

Der Sturm endete so plötzlich, wie er aufgekommen war. Regen schüttete vom Himmel, prasselte auf die Karosserie und gegen die Windschutzscheibe. Die Scheibenwischer konnten gegen die Flut kaum etwas ausrichten. Lisa war gezwungen, fast im Schritt zu fahren.

Ist ja ganz gut so, redete sie sich ein, macht gar nichts. So muß ich wenigstens aufpassen.

Doch das Herz klopfte ihr bis zum Hals, und es schien ihr, als wäre sie schon seit einer Ewigkeit unterwegs. Kilometer um Kilometer kämpfte sie sich voran, bis endlich rechter Hand ein dunkler, fast quadratischer Klotz vor ihr auftauchte. Das mußte das Haus sein.

Sie brachte das Auto auf dem Randstreifen zum Stehen und richtete die Scheinwerfer so, daß sie es voll erfaßten. Es schien tot und verlassen.

Was konnte sie jetzt noch tun? Überwältigt von dem Wunsch, nicht mehr da zu sein, sich unsichtbar zu machen, schaltete sie den Motor und die Scheinwerfer aus. Der Regen hatte nachgelassen. Und jetzt sah sie – sie wagte ihren Augen kaum zu trauen – warme goldgelbe Lichtstrahlen, die durch die Fensterritzen des Blockhauses drangen.

Lisa holte tief Luft, schaltete das Standlicht ein und stolperte durch den Regen auf das Haus zu.

Neben der Tür ertastete sie einen Strang und zog versuchsweise daran. Sie hatte sich nicht verrechnet. Er war mit einer Glocke verbunden, die jetzt laut und melodisch läutete. Aber sonst rührte sich nichts. Dennoch hatte sie jetzt das ganz starke Gefühl – woher es kam, hätte sie nicht zu sagen gewußt –, daß dieser Vanhoff da war. Aber womöglich wälzte er sich in Krämpfen oder war schon tot.

Ihr kam die Idee, um das Haus herumzugehen, durch eine Hintertür Einlaß zu finden, vielleicht sogar ein Fenster einzuschlagen – dies war ein Notfall, es ging um die Rettung eines Menschenlebens.

Da leuchtete Licht in einer schmiedeeisernen Lampe unter dem vorspringenden Dach auf.

Lisas Erleichterung war grenzenlos.

Ulrich Vanhoff hatte Lisa gesehen, als er sein Rezept in der Apotheke einreichte, und er hatte sie sehr hübsch und anziehend gefunden. Aber mit ihrem streng nach hinten gebürsteten Haar, dem sehr dezenten Make-up und der ernsten Freundlichkeit, mit der sie die Kunden bediente, war sie ihm wie eine Puppe erschienen oder, wie es in einem Märchen hieß: keine Puppe, sondern nur eine schöne Kunstfigur.

Nun, als er die Haustür öffnete und sie vor ihm stand, war sie ganz und gar lebendig geworden. Das Haar, aus dem sich einige Strähnen gelöst hatten, war dunkel vor Nässe, ihr Make-up leicht verwischt, und der weiße Kittel, den sie immer noch trug, hatte seine Form verloren und hing grau und lappig an ihr herunter.

Doch das Wesentliche war der Ausdruck ihrer braunen sanften Augen. Er wirkte so glücklich, so erlöst, wie er es noch bei keiner anderen Frau zuvor erlebt hatte.

»Nanu?« sagte er mit einem überraschten Lächeln. »Die Tochter des Apothekers?«

Ihre Stimme klang atemlos, als sie fragte: »Sie haben noch keine Kapsel eingenommen?«

»Und wenn?« gab er zurück. »Wäre das so schlimm gewesen?«

»Natürlich nicht!« behauptete sie rasch. Erst jetzt wurde ihr bewußt, daß sie sich eine harmlose und überzeugende Erklärung für ihr Aufkreuzen ausdenken mußte. Daran hatte sie bisher noch gar nicht gedacht. Sie konnte ja schlecht zugeben, daß er fast mit Strychnin vergiftet worden wäre. Ihr Verstand arbeitete fieberhaft. »Sie sind doch Herr Vanhoff?« fragte sie, um Zeit zu gewinnen. »Ulrich Vanhoff?«

Er trat zurück und ließ sie herein. »Sagt Ihnen der Name was?«

»Er steht auf einem Rezept aus Paris.«

»Ach so.« Er war ein wenig enttäuscht über ihre Antwort und schalt sich deswegen einen Trottel. »Ziehen Sie um Himmels willen den nassen Kittel aus. Ich hole Ihnen ein Frottiertuch, damit Sie sich abtrocknen können.«

»Geben Sie mir zuerst die Kapseln zurück!« verlangte sie. »Bitte!«

»Das ist ein Weg!« Er ging ins Bad, nahm ein verkorktes Glas mit der grünen Aufschrift »Engel Apotheke« von der Ablage über dem Waschbecken und ein frisches Tuch aus dem Wandschrank. Als er zurückkam, warf er ihr das Tuch zu, hielt aber das Glas fest in der erhobenen Hand, in einem wohl berechneten Abstand zu Lisa.

Sie fing das Tuch auf, ohne es zu benutzen. »Bitte!« sagte sie noch einmal.

»Was ist mit dieser Medizin?« Er schüttelte das Glas, so daß die Kapseln tanzten. »Ich warte auf eine Erklärung.«

»Und das mit Recht«, gab sie zu und rang sich ein Lächeln ab.

Ihm fiel auf, wie angestrengt sie auf einmal wirkte.

»Aber es ist gar nichts Besonderes«, schwindelte sie, »nur eine Verwechslung.«

»Wie das?«

»Diese Medizin war für eine Schwangere bestimmt, und die hat jetzt Ihre.«

Er wußte nicht, ob er ihr glauben sollte oder nicht. Aber da er nichts Böses ahnte, war es ihm im Grunde auch egal. Es machte ihm nur Spaß, sie zu necken.

»Und was ist so schlimm daran?« bohrte er weiter.

»Diese Kapseln enthalten Zugaben eines weiblichen Hormons, Östrogen«, fantasierte sie, »und das wäre bestimmt nicht so gut für Sie. Oder würden Sie es riskieren?«

»Ich könnte Busen kriegen?«

»Das wäre das mindeste.«

»Dann doch lieber nicht.« Er lachte und hielt ihr das Glas hin, so nahe, daß sie springen und es ihm entreißen konnte.

Ihre Erleichterung war so deutlich, daß es ihn amüsierte.

»Danke«, sagte sie, »vielen Dank, Herr Vanhoff!«

»Jetzt trocknen Sie sich aber endlich ab! Ich will nicht, daß Sie sich meinetwegen erkälten.«

»Sofort. Aber erst muß ich telefonieren.«

Dr. Eugen Reuter war nicht mehr in seinem Labor; er war nach oben gegangen und hatte sich frisch gemacht. Das war nicht einfach gewesen, weil die verletzte Hand ihn behinderte. Zwar hatte er den Verband durch ein Pflaster ersetzt, aber er wagte es nicht, die Finger zu bewegen, damit die Wunden nicht erneut zu bluten begannen.

Immerhin war es ihm gelungen, das Hemd zu wechseln. Ein frisches, gut gebügeltes Hemd – davon war er seit eh und je überzeugt – stärkte das Selbstbewußtsein und verlieh einem Mann eine gewisse Selbstsicherheit. Falls die Polizei sich mit dem Fall befassen sollte, würde sehr viel, wenn nicht alles von seinem Auftreten abhängen.

Vor dem Vergrößerungsspiegel in seinem Bad schabte er sich den Anflug grauer Stoppeln aus dem hageren Gesicht. Danach spritzte er sich eine adstringierende Lotion auf die flache Hand, verrieb die Flüssigkeit großzügig über Kinn und Wangen und klopfte sie mit den Fingerspitzen der gesunden Hand ein.

Zufrieden stellte er fest, daß er jetzt rosig wirkte, um Jahre verjüngt. Das Aufputschmittel hatte seinen Zweck erfüllt. Er betrachtete sich im Profil und en face und fand, daß er mit seinen 61 Jahren ein immer noch sehr gut aussehender Mann war. Mit einer Bürste bearbeitete er seinen dichten grauen Haarkranz und gratulierte sich dazu, von Beginn an auf ein Toupet als Verjüngungsmittel verzichtet zu haben. Sein wohlgeformter glatter Schädel hatte geradezu klassische Proportionen.

Wozu die ganze Aufregung? dachte er selbstgefällig. Dem Mädchen ist es wieder mal gelungen, mich mit seiner verdammten Hysterie anzustecken. Na schön, ich habe nicht aufgepaßt. Was weiter? Kann man von mir verlangen, daß ich jedes Rezept überprüfe, bevor ich die Zutaten abwiege? Zum Teufel noch mal! Wo kämen wir hin, wenn wir uns nicht mehr auf die Ärzte verlassen dürften?

Was für eine Idee überhaupt, Strychnin zu verschreiben. Früher hat man das getan. Eine Woche rauf, eine Woche runter. Soll prächtig gewirkt haben. Jedenfalls bei Pferden. Bei Männern auch? Wahrscheinlich. Aber immer eine gefährliche Sache.

Er überlegte, ob er wieder in Weste und Jackett schlüpfen sollte, entschied sich dann aber für seinen pflaumenblauen seidenen Hausmantel. Er holte ihn aus dem spiegelverglasten Kleidersehrank in seinem Schlafzimmer und zog ihn über.

Herr Apotheker Doktor Reuter hatte es sich schon zur Nacht bequem gemacht, schoß es ihm durch den Kopf.

Das war der Eindruck, den er bei der Polizei erwecken wollte. Völlige Ausgeglichenheit. Ein gutes Gewissen. Er dachte nicht daran, sich von dem alten Mädchen einen Strich durch die Rechnung machen zu lassen. Daß Lisa Hals über Kopf losgesaust war, war ihr Problem. So schlau, die Kapseln verschwinden zu lassen, würde sie sicher nicht sein. Nein, das durfte er nicht erwarten. Keine falschen Hoffnungen, bitte.

Das Rezept war seine beste Verteidigung.

Aber wenn die Burschen von der Polizei das nun nicht begriffen? Wie sollte er es ihnen in die sturen Köpfe einhämmern? Wenn sie sich nicht davon abhalten ließen, Anzeige zu erstatten?

Verurteilen würde man ihn nicht. Unmöglich. Unvorstellbar.

Aber um sein Ansehen würde es geschehen sein, um seinen Ruf, seine Würde.

Jeder in der Stadt würde es erfahren. Jeder würde es dem nächsten zuflüstern oder es herausposaunen. Apotheker Doktor Reuter hat einen Fehler gemacht! Schon gehört? Er hat einen Mann vergiftet. Aus Versehen, heißt es. Aber das macht es nicht besser. Wie konnte ihm so was bloß passieren?

Nein, zu einer Anzeige durfte er es nicht kommen lassen.

Auf keinen Fall. Das wäre das Ende.

Was für ein Elend! Und das, nachdem er sein ganzes Leben lang so hart gekämpft hatte.

Er dachte an die Opfer, die er hatte bringen müssen, und Tränen des Selbstmitleids stiegen ihm in die Augen.

Nur keine Schwäche zeigen! befahl er sich und zog die seidene Kordel seines Hausmantels zur Schlinge.

Auf seinem Nachttisch klingelte das Telefon.

Jetzt endlich, nachdem sie ihren Vater orientiert hatte, legte Lisa ihren durch und durch nassen Kittel ab und steckte das Gläschen mit den verhängnisvollen Kapseln in die Seitentasche. Unwillkürlich zuckte sie zurück, als Vanhoff ihn ihr aus der Hand nehmen wollte.

»Ich hänge ihn nur neben den Ofen«, erklärte er besänftigend, »damit er trocknen kann.«

»Danke«, sagte sie, als sie begriff, daß er wirklich keine andere Absicht hatte, und überließ ihm den Kittel. Darunter trug sie einen hellen Tweedrock und eine hochgeschlossene Hemdbluse.

Sie löste die Spange am Hinterkopf, schob sie sich zwischen die Lippen und rubbelte ihr Haar mit dem Frottiertuch. Nun erst wurde ihr die Räumlichkeit bewußt, in der sie sich befand. In der Ecke neben der Tür, die zum Bad führte, stand ein schöner, dunkelgrüner Kachelofen und verbreite sanfte Wärme. Wahrscheinlich war er dazu bestimmt, das ganze Haus zu heizen. Die Wände waren weiß verputzt, und nur die geschnitzten Balken der Decke erinnerten daran, daß man sich in einem Blockhaus befand.

In der Ecke gegenüber dem Ofen entdeckte sie einen schwarzen Stutzflügel mit einem Hocker davor. Außerdem gab es einen Schreibtisch mit Sessel, eine sehr breite Liege, die mit einem grob gewebten bunten Überwurf bedeckt war, und einen Bauernschrank. Sonst nichts. Die Wände waren kahl, bis auf die zugezogenen goldgelben Leinenvorhänge. Auf den blank polierten Bohlen des Fußbodens lag ein bunter Fleckerlteppich.

Er scheint allein zu leben, dachte sie.

Er hatte ihr den Rücken zugedreht, während er den Kittel neben dem Ofen plazierte.

Jetzt wandte er sich ihr wieder zu und beobachtete sie amüsiert. »Sie sollten das Haar immer offen tragen«, schlug er vor.

Sie nahm die Spange aus dem Mund und warf ihm das Handtuch zu. »Genau das tue ich auch, wenn ich nicht im Dienst bin.«

Er fing das feucht gewordene Handtuch auf. »Sind Sie das noch?«

»Ja«, behauptete sie und bemühte sich, ihr Haar im Nakken wieder mit der Spange zu halten.

»Es ist acht Uhr vorbei. Ich denke, Sie haben längst Feierabend.« Er legte das Tuch auf den Ofen.

»Irrtum«, widersprach sie. »Für Apotheker gelten andere Zeiten.« Sie hätte gern einen Spiegel gehabt, denn sie fürchtete, unordentlich auszusehen. Doch sie mochte ihn nicht darum bitten, weil ihr das zu intim schien. »Ich muß gleich wieder los.«

»Zu der schwangeren Dame, die meine Pillen gekriegt hat?«

Sie ärgerte sich, daß sie errötete, und über ihn, der sie zu neuen Lügen zwang. »Nein, das ist schon erledigt«, schwindelte sie.

»Was treibt Sie denn zu solcher Eile? Es gießt noch in Strömen.«

Das stimmte zweifellos. In der Stille, die jetzt eintrat, konnte sie das Trommeln des Regens auf das Dach hören, der das Prasseln des Ofenfeuers fast übertönte.

Er spürte ihr Zögern. »Setzen Sie sich doch!« Er deutete auf die Couch. »Seien Sie nicht so verdammt ungemütlich!«

»Ich bin nicht gekommen, um es mir bei Ihnen gemütlich zu machen.«

»Daran besteht kein Zweifel.«

Schließlich setzte sie sich doch, zwar nicht auf die Liege – das hätte ihm so passen können! –, sondern auf den Schreibtischsessel, hinter dem sie gestanden hatte. Es zog sie nichts in das Unwetter hinaus, und es gab keine Pflicht, die sie zu erfüllen hatte. Aber es war ihr unbehaglich, mit diesem gutaussehenden Mann allein unter einem Dach zu sein. Sie fühlte sich in einen Hinterhalt gelockt, wußte gleichzeitig, daß dieser Eindruck ganz idiotisch war, und schalt sich eine dumme Gans.

Aber gutaussehend war er, ein Mann Mitte Dreißig, mit einer breiten, bedeutungsvollen Stirn, braunem, leicht gelocktem Haar, und Augen, denen ein Kranz dunkler Wimpern einen besonderen Ausdruck verliehen.

Er hätte geradezu blendend wirken können, wenn er anständig angezogen gewesen wäre. Aber er trug weder Krawatte noch Hemd, sondern nur einen bequemen, leicht verschossenen Trainingsanzug, dessen Reißverschluß am Hals nicht ganz geschlossen war, und an den Füßen Hüttenschuhe.

»Kann ich Ihnen was anbieten?« fragte er. »Einen Cognac vielleicht? Oder soll ich uns einen Tee machen?«

Sie wollte schon ablehnen, aber dann wurde ihr bewußt, wie sehr sie immer noch innerlich fröstelte. »Ja, bitte. Ein Cognac wäre nett. Zum Aufwärmen.«

Er verschwand durch die Tür zu den Nebenräumen, kam mit zwei kleinen Gläsern zurück, eine Flasche unter den Arm geklemmt. Die Gläser stellte er auf die Schreibtischplatte, nachdem er einen Stoß Papiere beiseite geschoben hatte, schenkte ein und zog sich mit seinem Glas auf die Couch zurück. »Na, dann Prost!« sagte er, zog die Beine hoch und verschränkte sie zum Schneidersitz.

Sie nahm einen kleinen Schluck und spürte, wie der Alkohol ihr heiß durch die Kehle in den Magen rann. »Tut gut«, stellte sie fest.

»Dachte ich es mir doch«, stimmte er zufrieden zu.

»Ich habe vorhin angerufen, habe es wohl ein dutzendmal läuten lassen. Wieso sind Sie nicht an den Apparat gegangen?«

»Ich habe geduscht.«

Prüfend blickte sie ihn an. Ja, so sah er aus, wie ein Mensch, der kurz zuvor unter der Dusche gewesen war. Das braune Haar fiel ihm locker und frisch gewaschen auf den Kragen.

»Gucken Sie nicht so tadelnd!« verteidigte er sich. »Ich dusche, wann immer ich Lust dazu habe.«

»Dagegen ist nichts einzuwenden. Aber Sie haben das Telefon doch gehört.«

»Und wenn schon!« gab er zu. »Das ist noch lange kein Grund, mir die Beine auszureißen.«

Der Schrecken, den sie ausgestanden hatte, saß ihr noch in den Knochen, aber das durfte sie ihn nicht wissen lassen. »Es hätte etwas Wichtiges sein können«, gab sie nur zu bedenken.

»Wenn es was Wichtiges gewesen wäre, hätte der Anrufer es noch einmal versucht. Vielleicht in einem Viertelstündchen. Aber Sie sind gleich losgeprescht. Wieso eigentlich?«

Seine Frage kam ohne Mißtrauen; dennoch bereitete sie ihr Unbehagen.

»Ich wußte ja nicht mal, ob Sie zu Hause waren«, erklärte sie schwach.

»Und wenn ich es nun wirklich nicht gewesen wäre? Was dann?«

Sie schwieg.

»Was hätten Sie dann unternommen?« fragte er beharrlich weiter.

Das mag ich mir gar nicht vorstellen, hätte sie am liebsten geantwortet, aber sie rettete sich in ein Lachen, das ihr in den eigenen Ohren künstlich klang. »Dann hätte ich die Sache wohl oder übel auf sich beruhen lassen müssen«, behauptete sie und leerte ihr Glas, »jedenfalls bis morgen. So, jetzt muß ich aber gehen.«

Er sprang auf und griff zur Flasche. »Nicht noch einen Schluck?«

»Nein«, sagte sie energisch und und strebte zu dem Kachelofen.

Der Kittel war noch klamm, aber einen gewissen Schutz gegen den Regen, den sie immer noch leise prasseln hörte, würde er wohl bieten, Sie zog ihn über und griff in die Seitentasche, um sich zu vergewissern, daß das Glas da war.

Er war neben sie getreten. »Sie sollten warten, bis das Unwetter vorüber ist.«

»Das kann die ganze Nacht dauern.«

»Könnte ich mir sehr reizvoll vorstellen.« Jetzt stand er dicht vor ihr und blickte ihr lächelnd in die Augen.

»Witzbold!« gab sie zurück, wandte sich ab und ging auf die Haustür zu.

Er packte sie beim Arm. »Warten Sie! Ich hole einen Schirm. Ich bringe Sie zum Auto.«

»Nicht nötig. Dabei würden Sie nur selber naß.«

»Ich bestehe darauf«, erklärte er mit unerwartetem Ernst. »Rühren Sie sich nicht von der Stelle!«

Sie gehorchte.

Gleich darauf kam er mit einem Schirm zurück, einem riesigen altmodischen Ungetüm. »Fast hätte ich es vergessen. Wann kriege ich jetzt meine Pillen? Die richtigen, meine ich.«

Darüber hatte sie noch gar nicht nachgedacht. »Sie können sie morgen abholen«, sagte sie rasch.

»Ziemlich ungerecht!« beschwerte er sich. »Dann müßte ich ja noch einmal in die Stadt. Könnten Sie sie mir nicht bringen?«

Innerlich mußte sie ihm recht geben. Aber sie wollte ihn nicht noch einmal aufsuchen. Das hätte zu einer Vertrautheit führen können, die sie nicht wünschte. Ihm jemand anderen schicken? Schorsch Mayr, den Praktikanten? Der war zu neugierig, würde womöglich die richtigen Schlüsse ziehen. Höchst gefährlich. Ihre Freundin Renate? War zu attraktiv. Sie hatte sie schon zu oft ausgestochen.

Lisa errötete unvermittelt und heftig, als ihr bewußt wurde, daß sie sein Interesse, so lästig es ihr auch war, auf keinen Fall einer anderen gönnte. Diese Erkenntnis beschämte und verwirrte sie.

Er begriff nicht, was in ihr vorging, spürte aber, daß sie sich bedrängt fühlte, obwohl er sich keine Schuld daran gab. »Ach, vergessen Sie es«, sagte er leichthin. »Ich hole sie mir schon. Ein bißchen Bewegung kann mir nur guttun!«

Er langte an ihr vorbei, öffnete die Haustür und spannte den Schirm auf. Wohl oder übel mußte sie eng an seiner Seite bleiben, wenn sie von seinem Schutz profitieren wollte. Der leichte Druck seines warmen, festen Körpers war ihr angenehm. Er roch nach keinem Deodorant oder Eau de Toilette, sondern nach sich selber.

Als sie das Auto erreicht hatten, gab er sie frei, machte ihr mit der einen Hand die Wagentür auf, hielt mit der anderen den Schirm über ihren Kopf.

»Ich danke Ihnen, Herr Vanhoff«, sagte sie, als sie auf den Sitz geschlüpft war, und wollte die Tür schließen.

»Halt!« rief er. »Moment noch! Ich weiß nicht mal Ihren Namen.«

»Wozu auch?« erwiderte sie lächelnd. »Sie wissen doch, daß ich die Tochter des Apothekers bin.«

Er richtete sich auf, sie zog die Tür ins Schloß, legte den Sicherheitsgurt um, drehte den Zündschlüssel, den sie vorhin in ihrer Aufregung hatte steckenlassen. Jetzt, nachträglich, fand sie es leichtsinnig. Aber es war ja nichts passiert. Sie fuhr an und hatte sich schon einige Meter von ihm entfernt, als sie im Rückspiegel Vanhoff stehen sah, reglos unter seinem aufgespannten Schirm.

Sie ahnte nicht, daß er schon nicht mehr an sie dachte.

Zu Hause angekommen, stellte Lisa fest, daß die Rückfront der Apotheke verrammelt war. Aber der Vater hatte die Hintertür aufgelassen. Sie trat ein und verriegelte sie von innen. Es war düster, und die Wände warfen lange Schatten. Nur das Nachtlicht brannte. Lisa legte das Glas mit den gefährlichen Kapseln in den Behälter für medizinische Abfälle. Sie atmete tief durch, als sie es endlich los war.

Dann stieg sie in den zweiten Stock hinauf, wo ihre eigenen Räume lagen. Vor ihr hatte Tante Barbara hier gewohnt, noch früher ihre Mutter, nachdem ihr Verhältnis zu dem Vater so gespannt geworden war, daß sie einander kaum noch ertragen konnten.

Aber inzwischen hatte Lisa sich ganz nach ihrem eigenen Geschmack eingerichtet, mit hellen skandinavischen Möbeln, pastellfarbenen Tapeten, lichtgelben Vorhängen und vielen bunten Kissen. Nur die sehr schöne bauchige Biedermeierkommode hatte sie behalten und eine alte Eichenvitrine, deren Oberteil verglast war und in der sie ihr eigenes, erlesenes Geschirr aufbewahrte.

Die Fensterläden hier oben waren nicht geschlossen. Vom erleuchteten Marktplatz her drang durch den Regen ein matter Lichtschein, so daß Lisa darauf verzichten konnte, die Deckenleuchte einzuschalten. Sie knipste nur die Stehlampe neben dem Sofa an und ging sogleich durch ihr Schlafzimmer ins Bad.

Es gehörte ihr nicht allein, sondern sie teilte es mit ihrem zwei Jahre jüngeren Bruder, der jedoch nur selten, in den Semesterferien oder an dem einen oder anderen Wochenende, zu Hause war. Doch seine männlichen Utensilien, Haargele und Duftwässerchen, besetzten die Hälfte der Ablage über dem Waschbecken, ohne daß es sie störte.

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