Kitabı oxu: «Flucht aus dem Harem - Liebesroman»

Şrift:

Marie Louise Fischer

Flucht aus dem Harem - Liebesroman

Saga

Flucht aus dem Harem - LiebesromanFlucht aus dem Harem Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og Ringhof Forlag A/S Copyright © 2017 by Erbengemeinschaft Fischer-Kernmayr, (www.marielouisefischer.de) represented by AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de) Originally published 1981 by Heyne Verlag, Germany Copyright © 1981, 2019 Marie Louise Fischer und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726355147

1. Ebook-Auflage, 2019

Format: EPUB 2.0

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SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk

– a part of Egmont www.egmont.com

»Übrigens«, sagte Irene Heinzel, »du brauchst morgen mittag mit mir nicht zu rechnen, Mutti! Ich werde zum Essen nicht da sein!«

Sie hatte diese Bemerkung so beiläufig wie möglich hingeworfen, aber wer sie genau beobachtet hätte, dem wäre es nicht entgangen, daß sie mühsam eine starke innere Spannung zu verbergen versuchte.

Sie hatte lange darauf gewartet, diese Mitteilung in das Familiengespräch einfließen zu lassen. Ihre schmalen Wangen hatten sich gerötet, und sie vermied es bewußt, ihre Eltern anzusehen.

»Aber wieso denn?« rief Frau Heinzel. »Höchstens einmal im Monat kommst du übers Wochenende nach Hannover herüber, und ausgerechnet dann mußt du...«

»Ach, laß sie doch!« fiel ihr Klaus, der fünfzehnjährige Sohn des Hauses, ins Wort. »Dann essen wir eben das Kaßler alleine... wer nicht will, hat schon gehabt!«

»Würdest du uns vielleicht auch verraten, Irene, was du morgen mittag so Wichtiges vorhast?« fragte Landgerichtsrat Dr. Heinzel. »Oder hältst du das für eine indiskrete Einmischung in deine Privatangelegenheiten?«

»Aber gar nicht«, sagte Irene. »Ich möchte nach Herrenhausen fahren. Mit einem Freund!«

Irene zwang sich, den Blick zu ihrem Vater zu erheben, sah ihn aus ihren klaren Augen offen, fast herausfordernd an.

»Mit einem Freund!« schrie Klaus. »Nachtigall, ich hör’ dir trapsen!«

Die Eltern tauschten einen Blick.

»Mit einem Studienkollegen?« fragte die Mutter.

»Nicht direkt«, erwiderte Irene, »er studiert Maschinenbau. In Clausthal-Zellerfeld.«

»Und woher kennst du ihn?«

»Von einem Studienball in Göttingen. Sag mal, Mutti, soll das eigentlich ein Verhör sein?« Sie warf sich mit einer Kopfbewegung das blonde schimmernde Haar in den Nacken.

»Durchaus nicht, Irene«, sagte Landgerichtsrat Dr. Heinzel ruhig. »Deine Mutter wundert sich nur... genau wie ich... daß du uns bisher nie ein Wort von dieser Bekanntschaft erzählt hast!«

»Wenn ich euch von jedem Boy berichten wollte, den ich kennenlerne...«

»Nur von denen, die dich zum Sonntagmittagessen ausführen!« warf Klaus dazwischen.

»Ach, halt doch du den Mund!« parierte seine Schwester nervös. »Im übrigen, damit ihr alle auf eure Kosten kommt... er wird mich morgen früh hier abholen. Dann könnt ihr ihn in Augenschein nehmen und ihn selber alles fragen, was ihr wissen wollt!«

»Oh, fab!« rief Klaus. »Das wird die reinste Volksbelustigung!«

»Still, Klaus«, sagte die Mutter, »ärgere deine Schwester nicht! Du hast es gerade nötig... mit deinem Fünfer in Mathematik!«

Klaus seufzte theatralisch. »Herrje, wie oft werde ich das noch zu hören bekommen?!«

»Bis du eine bessere Note mit nach Hause bringst«, sagte der Vater.

Irene bemerkte mit Erleichterung, daß das Interesse der Eltern sich von ihr abwendete. Sie stand auf, wollte die Gelegenheit benutzen, sich zurückzuziehen. »Seid mir nicht böse«, sagte sie, »aber ich muß noch ein bißchen büffeln!«

»Immer noch?!« schrie Klaus. »Ich dachte, jetzt, wo du das Physikum geschafft hast...«

»Das ist ja erst der Anfang«, erklärte Landgerichtsrat Dr. Heinzel, »bis Irene fertige Ärztin ist, wird sie noch eine Menge lernen müssen. Hast du dir schon überlegt, auf was du dich später spezialisieren willst, Irene?«

Irene zuckte die Achseln. »Wahrscheinlich auf Ophthamologie...«

»Was ist denn das nun schon wieder?« fragte Klaus.

»Augenheilkunde. Aber ich bin mir noch nicht ganz sicher.«

»Laß dir ruhig Zeit damit. Bis du so weit bist, dauert es ja noch ein paar Jährchen...«

»Falls sie nicht überhaupt vorher heiratet«, warf Klaus vorlaut ein.

»Quatschkopf«, sagte Irene.

Sie wollte ihrem Bruder einen Puff in den Rücken geben. Aber Klaus bückte sich rechtzeitig.

Irene beugte sich über ihre Mutter, die mit einer Kreuzstichdecke beschäftigt war. »Gute Nacht, Mutti... also, ich verzieh’ mich. Darf ich das Telefon nach oben stellen?«

»Erwartest du denn noch einen Anruf?«

»Vielleicht!«

»Von dem jungen Mann, mit dem du morgen verabredet bist?« fragte Klaus.

Irene hielt es nicht für nötig, darauf zu antworten. Sie küßte auch ihren Vater, strich ihm zärtlich über das dichte, kurzgeschnittene braune Haar, in das sich schon die ersten grauen Fäden mischten. »Schlaf gut, Papa...«

Im Vorbeigehen gelang es ihr, Klaus beim Ohr zu zupfen. »Und du auch, Flegel!«

»Aua!«

Irene lachte und ging zur Tür.

»Wie heißt er!« rief Klaus hinter ihr her.

Irene drehte sich noch einmal um. Sie wußte nicht, warum ihr das Herz weh tat, als sie ihre kleine Familie so friedlich im goldenen Licht der Stehlampe zusammensitzen sah – den Vater mit dem strengen und doch gütigen Gelehrtengesicht, ihre junge fröhliche Mutter und Klaus, den trotz allem geliebten Frechdachs mit dem ständig verstrubbelten blonden Schopf.

»Wer?« fragte sie.

»Na, du weißt schon... der junge Mann, der dich morgen abholen kommt. Wie heißt er?«

»Hassan!« sagte Irene, und dann hatte sie es plötzlich sehr eilig. Sie war schon in der Diele, ehe ihr irgend jemand eine weitere Frage stellen konnte.

Landgerichtsdirektor Dr. Heinzel ließ seine Zeitung sinken und starrte mit gerunzelter Stirn seine Frau an. »Hassan?« wiederholte er. »Ein merkwürdiger Name, findest du nicht?«

Seine Frau lächelte ihm beruhigend zu. »Ach, das wird nur so ein Spitzname sein! Die Boys... entschuldige, die jungen Burschen meine ich... nennen sich doch alle so komisch! Pit und Mecki und Pfeife... das sind so ihre üblichen Späße!«

»Ich weiß nicht recht...« Landgerichtsrat Dr. Heinzel betrachtete angestrengt die weiße Asche seiner Zigarette.

»Du glaubst doch nicht etwa, daß es ein Neger ist, Paps?« schrie Klaus. »Mensch, das wäre was... Irene und ein Neger!«

»Red doch nicht so dummes Zeug«, sagte seine Mutter ärgerlich.

»Wieso ist das so dumm? Lest ihr denn keine Zeitungen? Das gibt’s doch unbedingt, daß ein weißes Mädchen sich in einen Neger verliebt. Und warum denn nicht! Auf dem Fußballplatz ist einer, kohlschwarz wie ein Schornsteinfeger, aber ein Klassespieler und ein feiner Kerl... einfach fab!«

»Klaus«, sagte Landgerichtsdirektor Dr. Heinzel, »ich glaube, es ist Zeit für dich ins Bett zu gehen.«

»Jetzt schon? Es ist ja noch keine neun... und außerdem Samstagabend!«

»Stimmt! Aber du scheinst übermüdet zu sein. Du weißt nicht mehr, was du redest.«

Klaus begriff, daß er zu weit gegangen war. Er sah die Sportübertragung im Fernsehen, auf die er sich seit Tagen gefreut hatte, ins Wasser fallen. »Entschuldige schon«, sagte er kleinlaut, »ich hab’s nicht so gemeint!«

»Das will ich auch hoffen, mein Sohn!«

»Auf jeden Fall«, sagte Frau Heinzel, »scheint es sich bei diesem Hassan oder wie immer er auch wirklich heißt, um mehr als eine oberflächliche Bekanntschaft zu handeln!« Sie hob die Decke nahe ans Licht und wählte sorgfältig einen Faden von einer anderen Farbe.

»Wie kommst du darauf?« fragte ihr Mann beunruhigt.

»Nun, Irene war sichtlich verlegen, als sie über ihn sprach... und du kennst sie, das kommt selten bei ihr vor. Es ist überhaupt das erstemal, seit sie aus der Tanzstundenzeit heraus ist, daß sie das Bedürfnis hat, uns einen jungen Mann vorzustellen.«

»Du glaubst, das soll eine offizielle Vorstellung werden?«

»Ja«, sagte Frau Heinzel ruhig, »diese gemeinsame Ausfahrt nach Herrenhausen ist nur ein Vorwand. Hast du das denn nicht durchschaut? Sie möchte uns diesen jungen Mann vorzeigen... oder auch uns diesem jungen Mann, was am Ende auf dasselbe herauskommt.«

»Vielleicht will sie testen, ob er in unsere Familie paßt ?« fragte Klaus; es gelang ihm selten, länger als eine Minute den Mund zu halten.

Seine Mutter nickte ihm zu. »Kann schon sein, Klaus. Also, ich hoffe, du weißt, was das für dich bedeutet... anständiges Benehmen morgen früh, keine deiner dummen Bemerkungen...«

»Aber wenn er euch nicht gefällt, dann darf ich ihn doch hinausgraulen?«

»Das wird absolut nicht nötig sein«, sagte der Landgerichtsdirektor, »wenn er mir nicht paßt, so werde ich ihm das klipp und klar zu verstehen geben.«

»Irene ist großjährig, Heinrich«, mahnte seine Frau, »sie hat das Recht...«

»Bitte, Magdalene, versuch du jetzt nicht, mich über die Rechte meiner Kinder aufzuklären! Wenn du mich fragst... Irene hat die verdammte Pflicht weiterzustudieren und ihre Examen abzulegen, nachdem wir jetzt schon so viel Geld in ihre Ausbildung gesteckt haben! Ein begabtes Mädchen wie sie! Es wäre doch ein wahrer Jammer.«

»Wer sagt dir denn, daß sie etwas anderes vorhat?« gab seine Frau zurück. »Die jungen Leute von heute denken sehr realistisch. Ich kann mir nicht vorstellen, daß Irene ihr Studium an den Nagel hängen wird... aber, wenn es so wäre, Heinrich, dann mußt du dich damit abfinden!«

»Das sind ja sehr erfreuliche Aussichten«, erklärte ihr Mann erbittert.

Frau Heinzel lächelte. »Ich finde schon. Ich war zwar immer sehr stolz auf meine studierende Tochter, aber sie glücklich verheiratet zu wissen, Enkelkinder zu haben... entschuldige schon, ich weiß, ich bin sehr altmodisch... aber das würde mir mindestens ebensoviel Freude machen!«

»Auch wenn sie gescheckt sind?« fragte Klaus; er duckte sich gleichzeitig, als erwartete er eine Ohrfeige.

Aber Landgerichtsdirektor Heinzel blieb bemerkenswert ruhig. »Über solche Dinge, Klaus«, sagte er, »sollte man wirklich keine Späße machen. Zum Glück kenne ich meine Tochter. Sie ist nicht nur intelligent, sondern ein hochanständiges Mädchen und, da bin ich sicher, sie hat ein sehr ausgeprägtes Gefühl für Rasse. Und damit, denke ich, ist dieses Thema erledigt. Ich möchte kein Wort mehr darüber hören, verstanden?«

»Du bist also ein richtiger Prinz, Omar?« fragte Lizzi; sie legte ihren Kopf an die Schulter des saudi-arabischen Studenten und himmelte ihn aus ihren großen blauen Augen schwärmerisch an.

Omar Sidi warf ihr einen lächelnden Seitenblick zu, sah dann aber rasch wieder auf die Straße. Sie fuhren in dem roten Mercedes Sportcoupé, das ihm und seinem Bruder Hassan gehörte, durch die schöne Umgebung von Clausthal-Zellerfeld in den lauen Sommerabend hinein.

»Zweifelst du etwa daran?« Er sprach ein sehr klares Deutsch, nur sein Akzent verriet den Ausländer.

»Ach wo denn! Gleich, als ich dich vor vierzehn Tagen in den Tanzschuppen habe kommen sehen, habe ich zu meiner Freundin gesagt: ›Du, der sieht wie ein richtiger Prinz aus!‹«

»Gratuliere zu deiner Menschenkenntnis!«

»Dein Vater ist also Ibn Saud?«

»Ja«, behauptete Omar Sidi unverfroren, »König Sa’ud ibn Abdul-Aziz ibn Abdul Rahman. So heißt er richtig.«

»Das ist mir zu kompliziert. Ich werde ihn weiter Ibn Saud nennen. Du, warum fährst du eigentlich nicht zu ihm nach Baden-Baden?«

Omar trat auf die Bremse. Der Wagen tat einen Ruck, daß die beiden nach vorne flogen.

»Was sagst du da?« fragte er.

Omar Sidis hübsches braunes Gesicht wirkte eine Sekunde lang ganz verzerrt vor unbeherrschtem Ärger. Unwillkürlich wich Lizzi erschrocken bis an die rechte Tür des Vordersitzes zurück.

»Ich dachte doch nur«, stotterte sie, »weil... heute morgen stand in der Zeitung, daß... dein Vater ist doch augenblicklich in Baden-Baden, wußtest du das denn nicht?«

Omar Sidi hatte sich schon wieder gefaßt. »Natürlich«, log er, »klar, daß ich das weiß!«

»Und warum fährst du dann nicht hin? Stell dir vor, er hat eine ganze Etage im besten Hotel gemietet, fünfzehn von seinen Frauen reisen in seiner Begleitung... ach, Omar, das muß ein richtiges Märchen aus Tausendundeiner Nacht sein!«

Der Motor war abgestorben, Omar bemühte sich fluchend, ihn wieder in Gang zu setzen. Endlich hatte er es geschafft. Er gab so viel Gas, daß er aufheulte und der Wagen mit einem Satz vorwärts schoß. Er war ein schlechter Autofahrer, ungeduldig und rücksichtslos.

Aber Lizzi achtete nicht darauf. Sie war völlig zufrieden damit, in einem solch tollen Auto durch die Gegend zu fahren, wie, das war ihr Nebensache. »Es muß herrlich sein, so zu leben«, schwärmte sie.

Omar Sidi zuckte wegwerfend die Achseln. »Wenn man es gewohnt ist, weißt du, dann macht man sich gar nicht mehr viel daraus!«

»Er ißt mit goldenen Löffeln von goldenen Tellern... ach, Omar, warum fährst du nicht mit mir zu ihm nach Baden-Baden? Wir könnten eine herrliche Zeit haben!«

»Und dein Vater... was würde der dazu sagen?«

»Och, der braucht es ja gar nicht zu erfahren! Irgendeine Ausrede wird mir bestimmt einfallen! Bitte, Omar, bitte, tu mir die Liebe! Meine Freundinnen würden platzen vor Neid und Eifersucht!«

»Kommt nicht in Frage, schönes Kind... oder glaubst du, ich möchte, daß du meine Stiefmutter wirst?«

Lizzi riß die großen blauen Augen auf. »Das ist doch nicht dein Ernst?«

»Aber ja. Du kennst die orientalischen Sitten schlecht, Kleines! König Sa’ud ibn Abdul-Aziz ibn Abdul Rahman heiratet jedes Mädchen, das ihm gefällt. Er darf das. Dafür ist er ja König.«

»Und du?« fragte Lizzi gespannt. »Darfst du auch so viele Frauen heiraten?«

Er lächelte über ihre Naivität. »Nur vier«, sagte er, »leider.«

»Das ist ja schrecklich«, sagte Lizzi; ihr milchweißes Gesichtchen war um noch eine Spur blasser geworden.

»Warum denn?« neckte er sie.

»Ich könnte es nicht ertragen, dich mit drei anderen Frauen zu teilen!«

»Aber, Schäfchen! Das sollst du doch auch nicht!«

»Eben hast du noch gesagt...«

»Daß ich darf! Aber deshalb brauche ich es doch nicht zu tun! Sobald ich meine Prüfungen hinter mir habe, werden wir heiraten... und dann kommt keine andere Frau mehr für mich in Frage!«

»Schwörst du mir das?«

Er legte lächelnd eine Hand aufs Herz. »Bei Allah!«

»Du bist süß!« rief Lizzi hingerissen.

Omar Sidi fuhr in einen Waldweg hinein und bremste.

»Bitte nicht«, sagte Lizzi sofort, »bitte nicht hier! Mir ist... unheimlich! Wenn uns jemand beobachtet!« Sie suchte ängstlich das schattige Grün des Unterholzes mit den Augen zu durchdringen; hier unter den Bäumen war es schon sehr dunkel.

»Du weißt ja nicht, was ich vorhabe!« Omar legte den Arm um ihre Schultern, versuchte, sie an sich zu ziehen. Sein braunes Gesicht mit den breiten dunklen Augen bekam einen faunischen Ausdruck.

Sie stieß ihn heftig zurück. »Oh doch! Und ob ich das weiß! Ich bin ja nicht von gestern!«

»Sieh mal an! Schon Erfahrungen?«

»Schließlich bin ich siebzehn Jahre, alt genug, um zu wissen, was ein Mann von einem Mädchen will, wenn er sie in eine einsame Gegend bringt!« Sie öffnete die Wagentür und wollte hinausspringen.

»Laß das«, sagte er, »du brauchst keine Angst zu haben!«

»Hab ich aber doch!« Lizzi riß sich los und stieg aus.

Er zog eine Taschenflasche aus dem Handschuhfach, drehte den silbernen Verschluß ab und reichte sie ihr. »Da, nimm einen Schluck! Dann wird dir gleich besser!«

Sie schnupperte mißtrauisch. »Whisky!« sagte sie.

»Echter schottischer!«

»Kann schon sein. Aber der ist doch bestimmt lauwarm. Nein, Whisky mag ich überhaupt nur mit Eis und Wasser. Sonst wird mir bombensicher schlecht.«

»Dann eben nicht!«

Omar Sidi nahm ihr die Flasche aus der Hand und nahm selber einen kräftigen Schluck. »Donnerwetter«, sagte er, »das hat gut getan! Mohammed war doch ein alter Esel!« Er wischte sich mit dem Handrücken über den Mund.

»Wieso?« fragte sie verständnislos.

»Weißt du denn nicht, daß er uns verboten hat, Alkohol zu trinken?«

»Hat er denn das Recht dazu? Dir irgend etwas zu verbieten, meine ich.«

Omar Sidi lachte auf. »Mir scheint, du weißt nicht mal, wer Mohammed ist! Ein großer Prophet, der Gründer unserer Religion und glücklicherweise schon seit fünfzehnhundert Jahren tot.«

Lizzi sah ihn ernsthaft an. »Dann darfst du ihn aber doch nicht Esel nennen!«

»Es hat ja niemand gehört... außer dir! Willst du jetzt nicht doch wieder ins Auto kommen?«

Sie schüttelte sehr entschieden die braunen Locken. »Nein. Erst wenn du wieder auf die Straße zurückgefahren bist.«

»Sei nicht albern, Lizz!«

Sie bemühte sich, eine überlegene Miene aufzusetzen, was ihrem stupsnäsigen Gesichtchen einen sehr drolligen Ausdruck gab. »Du sprichst mit deiner zukünftigen Frau!«

»Stimmt. Das hätte ich beinahe vergessen!«

Er ließ den Motor an, schaltete den Rückwärtsgang ein und fuhr so scharf an, daß Lizzi beinahe unter die Räder gekommen wäre. Sie schrie auf und sprang beiseite.

Er lachte, raste weiter rücklings der Straße zu, während sie ihm auf ihren hochhackigen Sandaletten nachstolperte. Mit Ensetzen sah sie, wie er das Steuer am Rande des Waldes scharf herumriß und in Richtung der Stadt davonbrauste.

Als sie die Hauptstraße erreichte, war weit und breit keine Spur mehr von Omar Sidi und dem roten Sportcoupé zu sehen. Sie biß sich auf die Lippen und kämpfte mit den Tränen – bis zum Ort waren es gute sechs Kilometer zu laufen, und ihre Füße in den unbequemen Schuhen taten ihr jetzt schon weh.

Aber es blieb ihr nichts übrig, als sich humpelnd auf den Weg zu machen.

Sie war noch keine zwanzig Schritte gegangen, als das rote Sportcoupé wieder in der Ferne auftauchte, an ihr vorbeiflitzte, wendete und scharf neben ihr bremste.

Omar Sidi grinste sie an. »Na so etwas!« sagte er. »Hätte ich dich doch beinahe vergessen!«

Sie hatte es eilig, bei ihm einzusteigen. »Das war richtig gemein von dir!« schmollte sie.

»Nur eine kleine Lehre für ungezogene Mädchen!« Er legte seinen Arm um sie, zog sie an sich. »Nicht mehr böse sein«, bettelte er.

Sie sah in seine breiten dunklen Augen, sah auf seinen lächelnden roten Mund, und ihr Zorn verflog.

»Wohin fahren wir?« fragte sie.

»Du wirst schon sehen!«

Irene Heinzel gelang es an diesem Abend nicht, sich wirklich auf das Kollegheft, das sie sich durchzuarbeiten vorgenommen hatte, zu konzentrieren. Immer wieder schaute sie nervös auf ihre Armbanduhr. Gewöhnlich rauchte sie wenig, aber jetzt zündete sie sich schon die fünfte Zigarette an, seit sie sich auf ihr Zimmer zurückgezogen hatte. Dabei schmeckte es ihr gar nicht. Ihr Mund war ausgetrocknet.

Sie drückte die Zigarette nach wenigen Zügen wieder aus, ging ins Badezimmer hinüber und trank ein Glas Wasser.

In diesem Augenblick klingelte das Telefon.

Irene wußte nicht, wie sie das Glas schnell genug aus der Hand stellen sollte und hätte es beinahe fallen lassen. Sie verschluckte sich, mußte husten, rannte ins Schlafzimmer der Eltern hinüber, wo der Zweitapparat stand.

Sie nahm den Hörer ab, meldete sich, heiser vor Erregung.

Dann hörte sie die warme melodische Stimme Hassan Sidis, und im gleichen Augenblick fühlte sie sich besser. Sie glaubte ihn vor sich zu sehen, schlank und schmalhüftig, mit dem braunen, gut geschnittenen Gesicht, den breiten glänzenden Augen, dem blauschwarzen dichten Haar.

»Hassan!« rief sie. »Endlich!«

»Entschuldige, Liebling, daß ich dich so spät erst anrufe...«

»Das macht nichts... macht gar nichts!«

»Alles in Ordnung bei dir?«

»Ja, Hassan... ja!«

»Hast du mit deinen Eltern gesprochen?«

»Ja. Sie erwarten dich!«

»Hast du ihnen wirklich alles gesagt?«

»Hassan, ich... ich glaube, es geht leichter, wenn sie dich erst sehen!«

Einen Augenblick blieb es ganz still in der Leistung.

»Hassan!« rief Irene. »Was ist! Bist du noch da?«

»Ja, Irene...«

»Warum sagst du denn nichts?«

»Ich überlege nur...«

»Es ging nicht, Hassan, es ging wirklich nicht! Ich hatte es ja vor, aber...«

»Ich mache dir doch keinen Vorwurf, Liebling, ich weiß, wie schwer es für dich ist, nur... wäre es nicht dann besser, ich würde meinen Antrittsbesuch noch aufschieben?«

»Das würde komisch aussehen! Ich habe ihnen doch nun schon gesagt...«

»Bei dieser Gelegenheit könntest du ihnen doch alles erklären!«

Jetzt war es Irene, die schwieg. Er wartete geduldig.

»Ich habe Angst«, gestand sie ehrlich, und ihre Stimme klang plötzlich ganz klein.

»Wir müssen es durchstehen!«

»Ja, aber zusammen, Hassan! Wenn du bei mir bist, dann fühle ich mich stark, dann traue ich mich zu allem!«

»Und ich dachte immer, ihr deutschen Frauen wärt so selbstbewußt, so überlegen! Ihr hättet keine Vorurteile, dürftet euch den Mann, den ihr heiraten wollt, selbst aussuchen...«

»Lach mich nur aus«, sagte sie, »du hast ganz recht. Ich bin wirklich ein jämmerlicher Feigling.«

»Nein, das bist du nicht. Ich merke nur... auch eine europäische Frau ist nur eine Frau!«

»Würdest du mich lieben, wenn ich keine wäre?«

Jetzt lachten sie beide, und Irene fühlte sich wie von einem Alpdruck befreit, obwohl sich an ihrem Problem nichts geändert hatte.

»Also, es bleibt dabei! Ich komme morgen und hole dich ab! Und wenn deine Familie mich hinauswirft...«

»Ich werde dich nicht aufgeben, Hassan, nie! Das weißt du doch!«

»Ich liebe dich sehr, Irene!«

Sie hörte Geräusche aus dem Hintergrund seiner Wohnung.

»Ich muß Schluß machen, mein Liebling«, sagte er hastig, »ich glaube, Omar kommt!«

»Dann also... bis morgen!«

Aber es kam keine Antwort mehr; er hatte schon aufgelegt.

Die beiden Brüder Hassan und Omar Sidi bewohnten gemeinsam ein elegant möbliertes Apartment am Stadtrand von Clausthal-Zellerfeld. Omar, dem es gelungen war, Lizzi zum Mitkommen zu überreden, verbarg seine Enttäuschung nicht, als er sich Hassan gegenübersah.

»Du bist zu Hause?« fragte er. »Ich dachte, du wolltest...«

»Ich bin auch noch da!« sagte Lizzi keck. Sie schlüpfte an Omar vorbei, stellte sich vor Hassan auf. »Möchtest du mich nicht vorstellen, Omar?«

»Das ist mein Bruder Hassan«, sagte Omar mürrisch, »und das ist Lizzi...«

Sie reichte Hassan lächelnd die Hand. »Lizzi Müller, von Beruf Handelsschülerin! Sie sind also auch ein Prinz?«

Hassan warf seinem Bruder einen zornigen Blick zu. »Nein«, sagte er ruhig.

Lizzi riß die Augen auf. »Aber... das verstehe ich nicht! Wenn Sie Omars Bruder sind...«

»Laß, Lizzi«, sagte Omar hastig, »das verstehst du nicht! Die orientalischen Familienverhältnisse sind sehr kompliziert. Ich werde es dir später erklären...«

Lizzi sah bewundernd zu Hassan auf; er war einen Kopf größer als sein Bruder und besaß eine gelassene Würde, die Omar völlig fehlte. »Komisch«, sagte sie, »dabei sieht er noch viel prinzlicher aus als du!«

»Das hast du davon«, sagte Hassan auf arabisch, »warum mußt du auch immer wieder solche dummen Geschichten erzählen!«

»Es kostet nichts und macht den Mädchen Spaß«, erwiderte Omar, jetzt auch in seiner Heimatsprache.

Lizzi verstand natürlich kein Wort, aber sie schaute fasziniert von einem der beiden Männer zum anderen.

»Du schadest damit dem Ansehen unseres Volkes«, sagte Hassan scharf.

Omar lachte auf. »Bei einem Mädchen wie Lizzi?«

»Ja. Auch bei solchen Mädchen. Du hast keine Achtung vor den Frauen.«

»Vor solchen bestimmt nicht.«

»Warum läßt du dich dann erst mit ihnen ein?«

»Soll ich dir das etwa erklären?«

»Nein, danke«, sagte Hassan.

»Na also. Dann frag auch nicht so dumm. Sieh lieber zu, daß du so schnell wie möglich hier verschwindest. Oder merkst du etwa nicht, daß du störst?«

Hassan trat einen Schritt näher auf den jüngeren Bruder zu. »Omar, ich muß ein ernstes Wort mit dir reden!«

»Schon wieder? Kannst du dir das nicht bis morgen sparen?«

Hassan roch den Alkoholdunst aus dem Munde seines Bruders. »Du hast getrunken«, sagte er angewidert.

»Ist das etwa ein Verbrechen?« gab Omar frech zurück.

»Der Koran verbietet es!«

»Na, wenn schon. Wir sind in Deutschland. Hier gilt der Koran nicht als Gesetz.«

»Wo du auch bist, du bleibst Mohammedaner.«

»Du hast es gerade nötig, mir Vorschriften zu machen!« rief Omar gehässig. »Immerhin würde ich mich nie so weit von dem Glauben meiner Väter lösen, um eine ernsthafte Verbindung mit einer Christin auch nur in Erwägung zu ziehen. Was glaubst du, was unser Vater sagen würde, wenn er von dieser Geschichte mit Irene erführe?«

»Ich werde es ihn rechtzeitig wissen lassen.«

»Von mir aus. Aber dann mach dich auf was gefaßt! Willst du jetzt nicht endlich gehen?«

»Schick das Mädchen fort!«

»Ich denke ja nicht daran!«

Eine Sekunde lang sahen sich die beiden Brüder fast haßerfüllt in die Augen.

Dann senkte Omar den Blick. »Du könntest wirklich mehr Verständnis für mich aufbringen«, sagte er, »in ein paar Monaten kehren wir nach Hause zurück, dann ist sowieso alles vorbei. Keine Mädchen mehr, kein Alkohol... warum läßt du mich nicht wenigstens jetzt noch meine Jugend genießen?«

Hassan beantwortete diese rhetorische Frage nicht. Statt dessen sagte er: »Weißt du, warum ich zu Hause geblieben bin? Ich habe zufällig einen Blick in deine Diplomarbeit geworfen...«

»Zufällig?« warf Omar ein. »Du solltest dich lieber um deine eigenen Angelegenheiten kümmern!«

»Sei froh, daß ich mich für dich verantwortlich fühle. Du hast ein paar ganz grobe Fehler in deinen Berechnungen gemacht... soll ich sie dir zeigen?« Hassan machte einen Schritt auf den Schreibtisch zu.

Aber Omar dachte nicht daran, ihm zu folgen. »Bist du sicher?« fragte er. Seine Stimme klang jetzt doch ein wenig kleinlaut.

»Du kannst es nachrechnen«, sagte Hassan kühl, »und ich würde dir dringend raten, das zu tun. Wenn du die Arbeit so einreichst, wirst du nie ein Diplom bekommen, ganz davon abgesehen, daß du ja immer noch nicht über das erste Drittel hinausgekommen bist.«

Omar machte eine wegwerfende Handbewegung. »Wenn ich mich erst einmal richtig dahinterklemme...«

»Dazu wird es höchste Zeit. Schick das Mädchen fort. Ich werde dir dann helfen.«

»Das ist sehr nett von dir«, sagte Omar zögernd, »aber so einfach fortschicken kann ich Lizzi doch nicht. Das wäre ja beleidigend. Darf ich sie nicht wenigstens nach Hause bringen?«

»Von mir aus. Aber fahre vorsichtig. Ich brauche den Wagen morgen.«

»Selbstverständlich«, sagte Omar erleichtert und wandte sich Lizzi zu. »Komm, Kleines«, sagte er, jetzt in deutscher Sprache, »hier können wir nicht bleiben. Mein Bruder muß noch studieren. Er hat ein paar schwere Fehler in seiner Diplomarbeit gefunden.«

Er lächelte bei dieser faustdicken Lüge seinem Bruder entschuldigend zu, und Hassan lächelte zurück. Er konnte Omar niemals auf die Dauer böse sein.

»Ja«, sagte er, »und Omar hat mir versprochen, mir zu helfen. Deshalb wird er Sie jetzt rasch nach Hause bringen, Lizzi!« Er sah den Bruder mahnend an. »Ich warte auf dich, Omar!«

Omar nahm Lizzi bei der Hand und zog sie rasch zur Türe. »Nicht böse sein, Kleines!«

Draußen, im Treppenhaus, blieb Lizzi stehen, zog einen Spiegel aus ihrem weißen Täschchen, begutachtete ihr Make-up, und strich sich ein paar Löckchen zurecht. »Wenn ich das gewußt hätte«, sagte sie schmollend, »ausgerechnet heute, wo ich länger ausbleiben darf!«

»Pech«, sagte Omar.

»Mußt du deinem Bruder denn unbedingt helfen?«

Er sah sie nachdenklich an. »Eigentlich nicht!«

»Na, siehst du, dann laß ihn doch seine alberne Diplomarbeit alleine machen! Wir könnten doch noch tanzen gehen!«

Er gab ihr einen raschen Kuß auf die Nase. »Recht hast du«, sagte er vergnügt, »du bist doch gar nicht so dumm, wie du aussiehst! Schließlich... Hassan ist ja nicht mein Vormund!«

Sie liefen nebeneinander die Treppe hinunter.

»Aber er scheint sehr streng mit dir zu sein«, sagte Lizzi, »ich habe zwar kein Wort verstanden... aber der Ton, in dem er mit dir redete, sprach Bände!«

»Er ist ein alter... wie sagt man doch in deutsch? ein alter...«

»Muffel«, ergänzte Lizzi.

Omar lachte unbekümmert. »Ja, Muffel ist das richtige Wort! Hassan, der Muffel!«

»Aber er sieht fantastisch aus!«

»Verguck dich bloß nicht in ihn!«

»Hat er etwa schon vier Frauen in seinem Harem?«

»Das wäre nicht weiter schlimm. Er könnte ja eine davon wieder nach Hause schicken. Nein, es ist etwas anderes... er ist so gut wie verlobt. Mit einer Medizinstudentin, und die duldet keine anderen Frauen neben sich.«

»Ob er sich auch danach richtet?«

»Das tut er. Seit er Irene kennt, schaut er kein anderes Mädchen auch nur an.«

»Das muß schön für das Mädchen sein!« sagte Lizzi träumerisch. »Wie heißt sie?«

»Irene.«

Omar schwang sich in den offenen Sportwagen. »Aber jetzt Schluß damit. Was gehen uns Hassan und Irene an? Sollen sie doch selber zusehen, wie sie glücklich werden! Kümmere dich lieber um mich, Kleines...«

Sie setzte sich neben ihn, hauchte ihm einen Kuß aufs Ohr. »Das werde ich, mein Prinz«, sagte sie verheißungsvoll.

Am nächsten Morgen stand Irene Heinzel am Fenster ihres Zimmers und blickte angestrengt auf die Straße ›Im goldenen Winkel‹ hinunter, um nur ja nicht Hassans Ankunft zu verpassen. Als sie das rote Sportcoupé vorfahren sah, rannte sie zur Treppe.

Aber sie konnte nicht darauf verzichten, noch einen letzten Blick in den Spiegel zu werfen – sie hatte für diese Gelegenheit ein neues Kleid angezogen, ärmellos, aus grasgrünem Leinen mit einem großen weißen Pikeekragen, das ihre schlanken braunen Arme vorteilhaft zur Geltung brachte und den anmutigen Zauber ihrer Jugend betonte.

Yaş həddi:
0+
Həcm:
310 səh. 1 illustrasiya
ISBN:
9788726355147
Naşir:
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Bookwire
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