Kitabı oxu: «Gundula, du wirst es schaffen»

Şrift:

Marie Louise Fischer

Gundula, du wirst es schaffen

SAGA Egmont

Gundula, du wirst es schaffen (Band 2)

Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og Ringhof Forlag A/S

Copyright © 2017 by Erbengemeinschaft Fischer-Kernmayr, (www.marielouisefischer.de)

represented by AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de)

Originally published 1972 by F. Schneider, Germany

All rights reserved

ISBN: 9788711719480

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach

Absprache mit Lindhardt og Ringhof gestattet.

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Ein großes Familienereignis

Gundula erwachte davon, daß ihr ein Sonnenstrahl genau auf die Nasenspitze fiel. Sie schlug die Augen auf.

Sofort merkte sie, daß irgend etwas anders in der Wohnung war als sonst. Gewöhnlich, wenn die zehnjährige Gundula morgens erwachte, hörte sie das Klappern von Tellern und Tassen aus der Küche, wo die Mutter schon den Tisch deckte. Sie hörte auch das Brausen des Wasserhahnes, wenn der Vater sich rasierte. Aber heute morgen gab es nicht den leisesten Laut.

Gundula erschrak und wußte selber nicht, warum. Sie schwang die Füße über die Bettkante, war mit einem Satz auf dem weichen Teppich, rannte barfuß zur Tür.

„Mami …!“ rief sie. „Papi …!“

Sie riß die Tür zur Diele auf, blieb einen Augenblick lauschend stehen. Es kam keine Antwort.

Gundula raste ins Elternschlafzimmer – die Betten waren benützt, aber weder Vater noch Mutter waren zu sehen.

Auch das Badezimmer fand Gundula leer, genau wie die Küche und das große Wohnzimmer. Die Eltern waren fort. Sie hatten Gundula allein gelassen.

Noch nie, soweit Gundula zurückdenken konnte, war so etwas geschehen. Sie war schon manchmal allein in der Wohnung geblieben, nachmittags, wenn die Mutter einkaufen und der Vater noch auf der Bank war, oder abends, wenn die Eltern ins Kino gingen. Aber daß sie morgens aufwachte und die Wohnung leer fand – das war einfach unfaßbar. Um ein Haar wäre Gundula in Tränen ausgebrochen.

Gleich darauf erkannte sie auch schon die Stimme des Vaters: „Hallo, Gundel … wo steckst du denn?“

Mit einem Aufschrei der Erleichterung rannte Gundula in die Diele hinaus und warf sich dem Vater in die Arme. Dabei sah sie noch im Spiegel einen großen Zettel stecken. Mit einer Nachricht für sie. Aber die war ja jetzt nicht mehr wichtig.

Einen Augenblick hielt Herr Berendt seine Tochter ganz fest, dann schob er sie ein wenig von sich, betrachtete prüfend ihr Gesicht. „Sag mal, Gundel, du hast doch nicht etwa Angst gehabt?“

„Nein, überhaupt nicht“, behauptete Gundula rasch, „nur … mir war so komisch … Aber wo ist eigentlich Mami?“

„Gundel, aber höre … kannst du dir das wirklich nicht denken?“

„Nein“, sagte Gundula unsicher, „müßte ich das wissen?“

„Eigentlich schon. Schließlich bist du ja ein großes Mädchen von fast elf Jahren … unsere große Tochter! Wir haben doch …

Herr Berendt kam nicht dazu, seinen Satz zu Ende zu sprechen. Gundula machte einen Luftsprung und schrie: „Ist es da? Ist es wirklich da?!“

„Ja, Gundel“, sagte Herr Berendt lächelnd, „heute nacht hast du ein Brüderchen bekommen.“

„Toll!“ Gundula war tief beeindruckt. „Toll, jetzt werden alle staunen, wenn ich es ihnen erzähle – oder brauche ich heute gar nicht in die Schule zu gehen? Zu spät komme ich ja sowieso schon.“

„Hast du schon gefrühstückt?“ fragte der Vater.

Gundula schüttelte heftig den Kopf mit den kurzgeschnittenen blonden Locken. „Nö!“

„Dann werde ich dir rasch eine Tasse Kakao machen …. und du ziehst dich währenddessen an. Weißt du, lernen ist nämlich immer wichtig, auch wenn man ein Brüderchen bekommen hat. Gerade dann. Wenn wir jetzt bald ein Baby im Hause haben, dann mußt du ganz besonders vernünftig sein, Gundel.“

„Wann kommt es? Wann kann ich es sehen?“

„Zieh dich jetzt erst einmal an“, sagte der Vater, „beim Frühstück werde ich dir alles erklären.“

Gundula raste in ihr Zimmer und schlüpfte in Windeseile in ihre Sachen. Vor lauter Aufregung vergaß sie ganz, sich zu waschen, aber ein einziges Mal konnte das doch nicht so schlimm sein. Immerhin ging sie, als sie fix und fertig war, ins Badezimmer und putzte sich die Zähne.

Der dampfende Kakao stand schon auf dem Tisch, als Gundula in die Küche kam. Der Vater war dabei, ein Brötchen zu schneiden.

„Na, das ist aber fix gegangen“, sagte er und musterte sie ein wenig mißtrauisch.

„Klar“, sagte Gundula atemlos, „ich soll doch ganz besonders vernünftig sein, hast du gesagt! Deshalb habe ich mich beeilt, damit ich so schnell wie möglich in die Schule komme.“

„Großartig!“ Herr Berendt lächelte. „So brennend vor Fleiß habe ich dich noch nie erlebt.“

„Es ist ja auch das erstemal, daß ich ein Brüderchen bekomme!“ Gundula biß in die eine Hälfte des Brötchens.

„Also, bitte, wann kann ich es sehen?“

„Ein bißchen Geduld mußt du schon noch haben, Gundel. Mutter muß noch eine Weile … vielleicht acht Tage … im Krankenhaus bleiben!“

„Warum?“ fragte Gundula mit vollem Mund.

„Ja, so ein ganz kleiner Säugling, Gundel, der ist noch sehr zart, weißt du. Man muß auf ihn aufpassen, er braucht viel Sorgfalt und Pflege … und das hat er natürlich am besten im Krankenhaus.“

„Ist er denn krank?“

Herr Berendt schüttelte den Kopf. „Nein. Ganz gesund, glücklicherweise. Aber trotzdem …“

„Dann werde ich Mami und das Brüderchen im Krankenhaus besuchen“, erklärte Gundula entschlossen.

„Ich fürchte, das wird auch nicht gehen!“

„Nicht?“

„Nein. Ich habe mich schon erkundigt. Der Besuch von Kindern auf der Wöchnerinnenstation – weißt du, so nennt man die Abteilung des Krankenhauses, wo die Mütter mit den Säuglingen liegen –, also auf der Wöchnerinnenstation ist der Besuch von Kindern verboten.“

„So eine Gemeinheit!“ sagte Gundula aus tiefstem Herzen. „Aber warum denn, Papi?“

„Ich denke, damit die Kleinen sich nicht anstecken.“

„Ich versteh’ schon. Wenn jemand Masern hat oder Halsschmerzen und so … aber ich bin doch schließlich gesund!“

„Ich weiß es ja, Gundel … ich weiß, daß du gesund bist, aber …“

„Bitte, Papi, lieber, lieber Papi, nimm mich mit ins Krankenhaus. Du kannst mich ja hineinschmuggeln … ja, das können wir doch machen! Du steckst mich einfach in einen großen Koffer … Hast du das Brüderchen schon gesehen?“

„Jaja, natürlich.“

„Wie sieht es denn aus?“

Herr Berendt lachte. „Wie alle kleinen Kinder … winzig klein und ziemlich rot und voller Falten …“

„Papi!“ sagte Gundula halb entsetzt, halb lustig, „du schwindelst mich an. Falten haben doch nur die alten Leute … Babys nicht!“

„Doch, doch. Auch die ganz kleinen Babys haben Falten. Ich erinnere mich noch genau, als ich dich zum erstenmal gesehen habe!“

„Nun mach aber mal einen Punkt, Papi. Ich habe bestimmt nicht Falten gehabt. Meinst du, ich lasse mich so beschwindeln? Schließlich hast du mich doch damals geknipst!“

„Ja, als du drei Monate alt warst! Aber, es hat wirklich keinen Zweck, daß wir uns herumstreiten … warte ab, bis du dein Brüderchen selber siehst.“

„Und was machen wir bis dahin? Ohne Mutter?“

„Ja, das wird nicht so einfach sein, aber wir müssen eben sehen, wie wir allein fertig werden. Frau Helmbrecht wird, wie immer, dreimal die Woche kommen …“

„Und wer wird kochen?“

„Ich denke, wir beide. Abwechselnd …“

„Aber ich kann ja bloß Rührei!“

Herr Berendt lachte. „Dann werden wir eben jeden zweiten Tag Rührei essen. Komm, Gundel, mach nicht so ein Gesicht. Irgendwie werden wir schon miteinander auskommen. Heute mittag, zum Beispiel, habe ich mir gedacht, gehen wir zusammen auswärts essen – na, wie wäre denn das?“

Gundula sprang so heftig auf, daß der Kakao aus ihrer Tasse über den Tisch schwappte. „Prima, Papi!“ rief sie begeistert. „Wir beide ganz allein … das habe ich mir immer schon mal gewünscht.“ Sie fiel ihrem Vater um den Hals, küßte ihn zärtlich auf beide Wangen. „Ein Brüderchen zu kriegen ist wirklich etwas ganz Tolles!“

Die bunten Schuhe

Als Gundula an diesem Morgen in die Schule kam, hatte die zweite Stunde schon begonnen. Einen Augenblick blieb sie vor der Tür ihres Klassenzimmers stehen und lauschte auf die Stimmen, die von drinnen kamen. Fräulein Zimmermann gab Geschichtsunterricht. Sie sprach scharf und energisch wie immer.

Entschlossen pochte Gundula an die Tür und trat ein.

Zweiunddreißig Mädchenköpfe flogen zu ihr herum. Gundula blieb in der Tür stehen und genoß das Aufsehen, das ihr verspätetes Eintreffen erregte.

„Guten Morgen“, grüßte sie laut und unbekümmert.

Fräulein Zimmermann schüttelte ihren grauhaarigen Kopf. „Gundula Berendt!“ sagte sie mit Nachdruck. „Wer anders könnte sich erlauben, in der Mitte der zweiten Stunde zum Unterricht zu erscheinen!? Gundula … hast du wenigstens eine Erklärung für dein Zuspätkommen?“

Gundula ging vor bis zum Katheder. „Jawohl, Fräulein Zimmermann“, trompetete sie, „ich habe ein Brüderchen bekommen!“ Sie strahlte die Lehrerin aus ihren blauen Augen an. Ein Raunen und Geflüster ging durch die Klasse.

„Ach, wirklich?“ sagte Fräulein Zimmermann, und Gundula schien es, als wenn ihr Gesicht auf einmal viel wärmer und gütiger geworden wäre. „Dann gratuliere ich dir aber von ganzem Herzen!“

Gundula öffnete ihre Schulmappe und zog einen Brief heraus. „Mein Vater schrieb eine Entschuldigung.“

„Nein, danke, Kind, ich glaube dir auch so“, sagte Fräulein Zimmermann freundlich. „Ein Brüderchen hast du also bekommen … wie soll es denn heißen?“

„Michael Sebastian“, antwortete Gundula wie aus der Pistole geschossen.

„Ein schöner Name“, lobte Fräulein Zimmermann. „Aber nun setz dich bitte, Gundula … vergiß für eine Weile das große Ereignis und versuche, dich auf den Unterricht zu konzentrieren!“

Gundula ging strahlend vor Stolz und hocherhobenen Kopfes durch die Reihe zwischen den Bänken auf ihren Platz zu, als plötzlich ein brausendes Gelächter durch die Klasse ging. Gundula stutzte, sie blieb stehen, blickte sich um. Selbst Fräulein Zimmermann lachte.

Gundula war so verwirrt, daß sie gar nichts begriff. Dann sah sie, wie die Mädchen, die etwas weiter von ihr entfernt saßen, sich über die Bänke beugten und auf den Boden blickten. Sie schaute an sich herunter und – also so etwas war ja wirklich noch nie dagewesen! Gundula stellte fest, daß sie zweierlei Schuhe anhatte, einen roten und einen schwarzen. In der Eile hatte sie wahrhaftig nicht darauf geachtet. Mit wenigen Schritten war sie bei ihrer Bank, setzte sich auf ihren Platz und schob die Beine nach hinten.

„Gratuliere, Gundel!“ flüsterte ihr Leni Brinkmann, ihre Banknachbarin und beste Freundin zu. „Mach dir nichts draus, verkehrte Schuhe bringen Glück!“

Gundula hatte keine Zeit mehr, über diese kühne Behauptung nachzudenken, denn Fräulein Zimmermann hatte inzwischen die Ruhe in der Klasse wiederhergestellt. Sie nahm den Unterricht dort wieder auf, wo sie ihn bei Gundulas Eintritt in die Klasse unterbrochen hatte. Noch eine gute halbe Stunde mußten die Mädchen sich mit den bemerkenswerten Taten der Karolinger beschäftigen.

Dann endlich war große Pause. Auf dem Hof wurde Gundula von ihren gesamten Klassenkameradinnen umringt. Sie mußte den neugierigen Mädchen Rede und Antwort stehen.

Dabei stellte sich heraus, daß sie selber leider sehr wenig darüber wußte, wie das Brüderchen angekommen war. Sie hatte ja nicht einmal gehört, daß die Eltern das Haus verlassen hatten.

„Was? Du hast dein Brüderchen noch nicht einmal gesehen?“ rief Olly Hahn frech. „Ja, woher willst du denn dann überhaupt wissen, ob es wirklich da ist?“

„Nun mach aber mal ’nen Punkt!“ sagte Gundula ärgerlich. „Mein Vater lügt doch nicht. Er hat’s mir erzählt …“ Damit gaben sich die anderen glücklicherweise zufrieden.

Als die Schule aus war, wollte Leni sie nach Hause begleiten.

„Nein, danke“, wehrte Gundula ab, „ich muß heute in die andere Richtung. Ich esse mit meinem Vater!“

„Prima!“ sagte Leni neidvoll. „Was wirst du dir bestellen? Kartoffelsalat mit Würstchen?“ „Was viel Besseres … mindestens Wiener Schnitzel!“

„Ich esse am liebsten Kartoffelsalat mit Würstchen“, beharrte Leni. „Aber an deiner Stelle würde ich doch erst nach Hause laufen und mir andere Schuhe anziehen!“

„Auch wieder wahr!“ Gundula drehte sich auf dem Absatz um und folgte ihr.

„Du, Gundula … kannst du mir nicht einen Gefallen tun?“ fragte sie. „Schließlich … ich meine, ich bin doch deine beste Freundin, oder?“

„Doch, schon“, sagte Gundula etwas zögernd, denn wenn Leni so anfing, dann wollte sie meistens etwas geliehen haben. „Weshalb fragst du?“

„Ich habe eine große Bitte“, sagte Leni, „wann willst du eigentlich ins Krankenhaus gehen? Nach dem Essen?“

Wahrscheinlich!“ murmelte Gundula.

„Könntest du nicht ein bißchen später gehen … ich würde dich so gern begleiten.“

„Na klar. Nur mein Vater hat gesagt, Kinder dürfen nicht ins Krankenhaus!“

„Quatsch“, sagte Leni sofort. „Als mein Onkel sich das Bein gebrochen hatte …“

„Das ist etwas anderes. Mein Vater sagt, die … jetzt habe ich den Ausdruck vergessen … aber eben, man darf die Mütter mit den ganz kleinen Kindern nicht besuchen, weil die Babys eben so furchtbar empfindlich sind. Sie können sich schrecklich leicht anstecken oder so etwas, sagt mein Vater.“

„Schade!“ Leni machte ein bekümmertes Gesicht. „Und ich hatte mich schon so drauf gefreut.“

„Ja. Verflixtes Pech! Weißt du, Leni, ich überlege mir schon die ganze Zeit, ob man nicht versuchen könnte … verstehst du … ob es nicht irgendeinen Weg gibt, doch ins Krankenhaus hineinzukommen, ohne daß es jemand merkt. Willst du mir helfen?“

„Na klar.“ Leni blieb stehen. „Also, wo treffen wir uns? Um wieviel Uhr?“

Gundula legte den Finger an die Nase. „Sagen wir … Punkt drei am Schillerdenkmal!“

„Gut“, sagte Leni, „aber … wie immer … wer zuerst da ist, muß warten!“

Sie liefen auseinander, blieben nach ein paar Metern noch einmal stehen, winkten sich zu, um dann endgültig davonzujagen.

Gundula schloß die Haustür auf, rannte die Treppe hinauf, öffnete die Wohnungstür, stürzte in ihr Zimmer und wechselte rasch den linken Schuh. Befriedigt sah sie auf ihre Füße. Sie hatte jetzt zwei gleiche, zwei rote Schuhe an. Der Vater würde nichts von ihrem Mißgeschick merken.

Sie wollte die Wohnung schon wieder verlassen, als ihr noch etwas einfiel. Sie lief zu ihrem Pult, öffnete es, fand den kleinen Pappkasten mit ihrem Geld in der hinteren Ecke. Ohne es zu zählen – sie wußte es auswendig, daß es sieben Mark und fünfundachtzig Pfennig sein mußten –, schüttete sie den ganzen Inhalt in ihre Manteltasche, warf die leere Pappschachtel achtlos in das Pult zurück und jagte davon.

Herr Berendt erwartete sie schon vor dem Eingang des großen Bankhauses, in dem er arbeitete. Sie gingen zusammen in ein kleines Lokal ganz in der Nähe, und Gundula bekam das Wiener Schnitzel, das sie sich gewünscht hatte. Es schmeckte ihr großartig.

Pulsuz fraqment bitdi.

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