Kitabı oxu: «Klaudias großer Schwarm»

Şrift:

Marie Louise Fischer

Klaudias großer Schwarm

SAGA Egmont

Klaudias großer Schwarm

Klaudias großer Schwarm (Band 2)

Copyright © 2017 by Erbengemeinschaft Fischer-Kernmayr, (www.marielouisefischer.de) represented by AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de)

Originally published 1971 by F. Schneider Verlag, Germany

Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og Ringhof Forlag A/S

All rights reserved

ISBN: 9788711719343

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt og Ringhof und Autors nicht gestattet.

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Dankend abgesagt

Am Montag fiel für die siebte Klasse des Real-Gymnasiums Rosenberg die letzte Stunde aus. Und kaum hatte Dr. Haselmann, der Klassenlehrer, diese angenehme Neuigkeit verkündigt, als die Mädchen und Jungen in Windeseile ihre Mappen packten, die Mäntel von den Haken rissen und die Treppe hinunterjagten.

Erst draußen, auf dem Hauptplatz, kam die wilde Jagd zum Stehen. „Das war wirklich die Wolke!“ schrie Axel, und seine klaren braunen Augen blitzten. „Menschenskinder, Glück muß man haben!“

„Stimmt!“ pflichtete Jochen ihm bei; sein kurz geschnittenes feuerrotes Haar leuchtete wie eine Ampel über die Köpfe der anderen hinweg. „Aber was machen wir nun mit dem angebrochenen Vormittag?“

„Das kann ich dir ganz genau sagen“, erklärte Klaudia prompt, „wir beide suchen uns einen stillen Winkel – und büffeln zusammen Mathe.“

Ehrlich entsetzt wich Jochen ein Stück vor ihr zurück. „Nicht schon wieder!“

Klaudia stemmte die freie Hand in die Hüfte und warf ihr langes blondes Haar in den Nacken. „Ja, bildest du dir etwa ein, ich tue das zu meinem Spaßvergnügen?! Wer wollte denn ausreißen, weil er im Zwischenzeugnis einen Fünfer hatte? Du oder ich?“

„Nicht gerade taktvoll von dir, ihn dauernd daran zu erinnern“, tadelte Heide Lommer sie und schielte dabei forschend zu Axel hin, um festzustellen, ob sie mit dieser Bemerkung seine Zustimmung fand.

Klaudia reagierte ganz unbekümmert. „Was soll’s“, sagte sie gelassen, „Takt war nun mal nie meine große Stärke. Dafür habe ich Jochen aber wieder auf Vordermann gebracht. Seit Februar hat er keine einzige Note mehr unter ‚ausreichend’ geschrieben. Und wem verdankt er das? Mir! Ihr anderen habt euch verdammt wenig um ihn gekümmert.“

„Darauf würde ich mir nicht allzuviel einbilden“, gab Heide zurück, „schließlich warst du ja schuld daran, daß er das Schlußlicht machte … du hattest ihn hypnotisiert wie eine Schlange!“

„Wenn euch wieder mal nichts Besseres einfällt, als euch zu zanken“, warf Axel ein, „kann ich ja geradeso gut nach Hause gehen!“

„Ha, ha, ha! Schlange!“ Klaudia ließ ihre Hüften kreisen. „Ein sehr schmeichelhafter Vergleich!“

Heide war schon bei Axel und hielt ihn am Ärmel seines Anoraks fest. „Bitte, lauf nicht gleich weg“, flehte sie, „bitte nicht … ich habe euch nämlich was Wichtiges zu sagen!“

„Und warum tust du es dann nicht?“

„Hier … mitten auf der Straße?“

„Na, dann gehen wir doch rüber in die Milchbar“, schlug Klaudia vor, „das heißt … wenn du mich Schlange in deinem kleinen Paradies überhaupt duldest, Heide!“

„Aber ja, natürlich, ich habe ja gar nichts gegen dich“, behauptete Heide. Tatsächlich hatte sie ihr aber nur mit dem Verstand, aber nicht mit dem Herzen verziehen, daß Klaudia ihren Freund Axel mit Beschlag belegt hatte. Und zwar unmittelbar, als sie zu Beginn des vorigen Schuljahrs neu in die Klasse gekommen war.

Klaudia wußte das wohl und zwinkerte vergnügt mit ihren großen blauen Augen. Sie hatte sich inzwischen angewöhnt, in der Schule nur noch mit ganz kleinem Make-up, getuschten Wimpern und einem Hauch von Lippenstift zu erscheinen. Trotzdem stach sie immer noch gewaltig von den anderen Mädchen ab, schon allein durch ihre Kleidung.

Heute zum Beispiel trug sie einen todschicken knallroten Hosenanzug, während alle ihre Klassenkameradinnen brav wie eh und je in Rock und Bluse erschienen waren.

„Außerordentlich gnädig“, sagte sie mit einem tiefen Hofknicks, „darf ich die sehr verehrte Dame dann um die Ehre bitten, uns in die Milch-Bar zu begleiten?“ Sie bot Heide ihren Arm.

Nach einem kurzen, unwillkürlichen Zurückzucken hängte Heide sich ein. „Du hast eine Art, einem auf die Nerven zu gehen!“

Klaudia klimperte mit ihren langen Wimpern. „Hast du dir Schon mal überlegt, daß das vielleicht gar nicht an mir, sondern an deinen Nerven liegt? Du solltest etwas für sie tun!“

Sie wandte sich um und rief über die Schulter zurück: „Ingrid … Ursel! Was ist los mit euch? Trödelt nicht so rum! Ihr kommt doch auch mit!“

Genau das war es, was Heide an ihr haßte, denn eigentlich waren die kleine Ingrid und Ursel mit den dicken Zöpfen ihre Freundinnen; aber auf solche Feinheiten nahm Klaudia überhaupt keine Rücksicht.

„Das brauchst du doch nicht ausdrücklich zu sagen“, behauptete Heide, „das ist doch selbstverständlich.“

„Tut mir leid“, sagte Ursel, „aber ich hab kein Geld für Eis.“

„Dann lade ich dich eben ein“, erklärte Klaudia großzügig, „ich hab mir was mit Rasenmähen verdient.“

„So weit kommt das noch!“ protestierte Heide. „Wenn jeman Ursel einlädt, dann bin ich es!“

„Bitte, von mir aus“, sagte Klaudia unbeeindruckt, „ich kann mein gutes Geld auch anderweitig loskriegen.“

„Für Lippenstift und Wimperntusche!“ platzte Heide unbeherrscht heraus.

Klaudia lächelte kühl. „Genau! Und da wir gerade beim Thema sind … ein bißchen Farbe im Gesicht und eine anständige Friseur könnte dir auch nicht schaden.“

Mit einem Ruck zog Heide ihren Arm zurück. „Du bist unverschämt!“

„Wirklich? Und wer hat angefangen?“

„Du, Heide!“ entschied Jochen. Er sah sich um: „Ihr habt doch alle mitgekriegt, wie Heide gestänkert hat?“

„Weiber!“ schimpfte Axel. „Es ist kaum noch auszuhalten!“

„Es tut mir leid!“ rief Heide sofort. „Wirklich, ich habe es nicht so gemeint, Axel …“

„Entschuldige dich nicht bei mir, sondern bei Klaudia!“

Das war eine Forderung, die zu erfüllen Heide hart ankam. „Du, ich habe es wirklich nicht so gemeint, Klaudia“, sagte sie mit Überwindung, „und überhaupt, wir haben doch nur Spaß gemacht, alle beide! Oder etwa nicht?“

„Sicher“, stimmte Klaudia friedfertig zu, „du hast deinem Humor wieder mal die Zügel schießen lassen.“

Sie stieß die Türe zur Milchbar auf, und die anderen folgten ihr in den kleinen, gelb, rot und weiß dekorierten Raum. An einem Ecktisch vor der Schaufensterscheibe saßen schon der semmelblonde Fritz und der dicke Rainer aus ihrer Klasse, und jeder löffelte an einer Portion Eis mit Schlagsahne.

„Nicht an die Bar“, sagte Heide, „setzen wir uns lieber zu den anderen, da können wir besser reden.“

Sie schoben zwei Tische zusammen, gaben ihre Bestellung auf, holten Eis, Milch-Shakes oder Joghurt mit Früchten, die die hochblonde Serviererin ihnen bereitete, von der Bar ab und ließen sich im Kreis nieder.

Jochen stieß Klaudia in die Seite. „Warum nimmst du denn keine Schlagsahne?“

„Dumme Frage“, antwortete Klaudia von oben herab, „ich muß an meine Linie denken.“

„Linie?“ fragte Axel mit vollem Mund. Wo hast du denn die versteckt?“

Alle lachten, und Klaudia lachte mit.

„Was ihr schon davon versteht“, sagte sie wegwerfend, „Heide, los, was ist mit dir? Du wolltest uns doch was erzählen!“

Heide war dankbar für das Stichwort und gleichzeitig leicht verärgert, weil ausgerechnet Klaudia es ihr gab. „Also, alle mal herhören!“ rief sie und klopfte mit dem Löffel gegen ihren Eisbecher. „Ihr wißt doch, daß ich vor drei Wochen Geburtstag hatte …“

„Hat sich herumgesprochen“, warf Rainer ein.

Heide warf ihm einen strafenden Blick zu. „Aber damals war ich krank, und deshalb hat mir meine Mutter jetzt erlaubt, daß ich die Feier nachhole …“

„Na, wenn das eine Sensation sein soll“, stänkerte Fritz.

„Ich darf eine richtige Party veranstalten, mit Jungen und Mädchen … so eine, wie Klaudia sie im vorigen Jahr geplant hatte!“

„Bei der ihr nicht mitmachen wolltet“, ergänzte Klaudia, „na schön, dann war meine Idee wenigstens doch noch zu etwas gut.“

„Deine Idee?“ wiederholte Heide „Das hat doch in der Luft gelegen! Schließlich sind wir jetzt alle keine kleinen Kinder mehr, nicht wahr?“

„Und was soll da los sein“, fragte Axel, „auf deiner Party?“

„Na, erst einmal werden wir ganz allein sein. Ohne elterliche Aufsicht.“

„Wie willst du deine Mutter loswerden?“ fragte Jochen.

„Wir dürfen in der Garage feiern. Mein Vater wird sein Auto zwei Tage lang im Freien parken, so daß wir Zeit genug haben, alles herzurichten.“

„Schnafte!“ rief Klaudia, die sich immer mehr für das Vorhaben erwärmte. „Dazu brauchen wir einen Plattenspieler oder besser noch ein Tonband!“

„Jetzt sag bloß nicht, daß wir tanzen sollen!“ protestierte Axel.

„Und warum nicht?“ fragte Heide.

„Weil wir es nicht können!“

„Quatsch!“ rief Klaudia. „Wir hüpfen bloß so herum, wie es uns einfällt. Viel mehr machen die Großen ja auch nicht. Und niemand sieht uns zu, also können wir uns auch gar nicht blamieren.“

„Ohne mich“, beharrte Axel.

Klaudia legte Jochen die Hand auf den Arm und schenkte ihm ihr süßestes Lächeln. „Aber du tanzt doch mit uns, Jochen, nicht wahr?“

„Eigentlich …“

Klaudia ließ ihn nicht aussprechen, sondern kniff ihn kräftig. „ … möchtest du nur mit mir tanzen“, ergänzte sie zukkersüß, „aber auf einer richtigen Party sollte der wohlerzogene junge Mann sich nicht nur um seine Freundin kümmern!“

Jochen rieb sich den Arm. „Das sieht dir wieder mal ähnlich!“

Klaudia funkelte ihn an. „Können wir nun mit dir rechnen … ja oder nein?“

„Ja!“

„Na also.“ Sie lehnte sich befriedigt zurück.

Aber Heide kam es darauf an, Axel bei guter Laune zu halten. „Wir müssen ja nicht unbedingt tanzen“, räumte sie ein, „trotzdem ist Musik immer gut, auch wenn wir bloß zuhören …“

„Das ist langweilig“, behauptete Ursel, „wenn schon, denn schon.“

Klaudia wollte ihr zustimmen, sie hatte schon den Mund geöffnet, als ihr klar wurde, daß eine Party mit Jungen auf alle Fälle einen ganz neuen Reiz haben würde. „Wir brauchen ja nicht bloß so rumzusitzen“, sagte sie, „wir könnten was spielen … Blindekuh … die Reise nach Jerusalem … Pfänderspiele!“

„Ja!“ rief Heide begeistert. „So was Ähnliches hatte ich mir auch vorgestellt! Und natürlich machen wir eine große Verlosung … wir werden jede Menge Spaß dabei kriegen, verlaßt euch drauf!“

Mit einem Mal waren alle begeistert, redeten durcheinander, machten Pläne und Vorschläge, freuten und stritten sich, und am lebhaftesten von allen war Klaudia.

„Du, sag mal, Heide“, fragte sie plötzlich, „wann soll deine Super-Party denn nun überhaupt stattfinden?“

„Nächsten Samstag.“

Von einer Sekunde zur anderen erlosch die Begeisterung auf Klaudias Gesicht. „Da kann ich nicht“, erklärte sie, „ausgeschlossen. Tut mir leid.“

Heide freute sich – aber nur den Bruchteil einer Sekunde, dann begriff sie, daß eine Party ohne Klaudia der halbe Spaß sein würde. „Doch nicht wirklich“, sagte sie, „mußt du etwa übers Wochenende weg?“

Klaudia war nahe daran zuzustimmen und so die aufkommende Debatte im Keim zu ersticken, aber dann schien ihr das wie ein Verrat. „Nein“, sagte sie ehrlich.

„Bist du wo anders eingeladen?“ fragte Jochen. „Sag einfach ab. Heides Party geht vor!“

„Auch nicht“, gab Klaudia zu.

Nun mach’s nicht so geheimnisvoll“, drängte Heide, „du kannst bestimmt, wenn du nur willst. Oder hast du etwa Ausgehverbot? Ich dachte immer, deine Eltern wären nicht so.“

„Sind sie auch nicht.“ Klaudia legte den Finger an die Nase. „Unter einer Bedingung könnte ich vielleicht doch kommen …“

Alle sahen sie an.

„Nein, es geht doch nicht“, widersprach sie sich selber.

„Wovon um Himmels willen redest du?“ rief die kleine Ingrid ungeduldig.

„Ja, lest ihr denn kein Fernsehprogramm? Samstag abend kommt die Schlagerparade … mit Ben Simon!“

Alle starrten Klaudia an.

Dann schrien sie, wie auf Kommando, durcheinander los: „Ja, bist du denn wahnsinnig?!“ – „Dafür willst du auf die Party verzichten!?“ – „Ich finde Ben Simon ja auch ganz fab …, aber trotzdem!“

Klaudia wartete, bis sich die Gemüter einigermaßen beruhigt hatten. „Ihr versteht das nicht“, erklärte sie dann hoheitsvoll, „ihr seid eben noch Kinder.“

Axel sah sie fest an und schüttelte langsam den Kopf. „Soll ich dir mal was sagen? Du hast nicht mehr alle Tassen im Schrank! Uns wegen so einem lausigen Schnulzenheini zu versetzen!“

Klaudia fuhr hoch. „Ben Simon ist kein …“

„Nein, das ist er wirklich nicht“, stimmte Ingrid ihr zu.

„Ich finde ihn auch ganz schnafte“, bestätigte Ursel, „und wenn ich zu Hause wäre, würde ich mir die Sendung bestimmt ansehn … aber dafür auf die Party zu verzichten!? Nee, kommt nicht in Frage.“

„Sei nicht albern, Klaudia“, sagte Axel, „laß die Schlagerparade. Wenn du mitmachst, verspreche ich dir sogar …“ Er legte eine kleine Pause ein. „Ja, ich versprech dir, daß ich mit dir tanzen werde.“

„Sehr lieb.“ Klaudia lächelte ihm zu. „Ich weiß dieses Opfer zu schätzen, Axel, aber … es geht nicht!“

Axel schlug mit der Faust auf den Tisch, daß Gläser und Teller klirrend zu tanzen begannen. „Und warum nicht, zum Kuckuck?“

„Na, das ist doch klar! Weil Ben Simon ihr eben besser gefällt als wir!“ erklärte Jochen. „Stimmt’s oder hab’ ich recht?“

Klaudia spürte, daß er einen Widerspruch von ihr erwartete. Statt dessen sagte sie kühl: „Du hast es erfaßt!“

„Ausgerechnet dieser lackierte Affe?“ schrie Axel.

„Reg dich nicht auf“, sagte Heide, „sie schwärmt eben für ihn!“

„Ich!? Nee, bestimmt nicht“, widersprach Klaudia, „eher du!“

„Daß ich nicht lache!“

„Dann zeig doch mal, was du dir da mit Tinte auf den Arm gemalt hast!“

Heide wurde puterrot und schlug die Arme in Abwehr fest übereinander.

„Du willst nicht? Auch gut! Ich kann es genau so gut beschreiben …

„Das ist eine Gemeinheit!“ Heide stiegen Tränen in die Augen.

„Aber du darfst von mir behaupten, daß ich für Ben Simon schwärme, ja? Du darfst dir alles erlauben! Aber wenn ich dir mit gleicher Münze heimzahlen will …“

„Was hat sie sich denn nun wirklich auf den Arm gemalt?“ wollte Jochen wissen.

Ursel kicherte. „Ein großes Herz …“

„Sei still!“ schrie Heide. „Sonst spreche ich nie mehr ein Wort mit dir!“

„Und drinnen steht: ‚I love Ben Simon!“’ fuhr Ursel unbarmherzig fort.

„Wenn das wirklich wahr ist“, sagte Axel langsam, „dann bist du mindestens so verruckt wie Klaudia!“

Heide sprang auf. „Nein, bin ich nicht. Für mich ist es nur ein Spaß … ja, nichts weiter, das kann ich auch beweisen, denn sonst hätte ich meine Party doch nicht gerade auf den Samstag gelegt!“

„Vielleicht hast du jetzt erst erfahren, daß dein Ben da im Fernsehen auftritt?“ rief Rainer dazwischen.

Heide ging gar nicht darauf ein, „Ich gebe ja zu, daß ich ihn süß finde“, sagte sie, „was ist schon dabei?“ Sie wandte sich an die Jungen. „Er ist wirklich ein süßer Boy, das muß ich euch schon sagen, auch wenn ihr platzt. Aber schwärmen für den … nee, das kommt bei mir nicht in die Tüte. Ich bin nicht so verrückt wie Klaudia.“

„Mir scheint, ihr habt alle beide ’ne Meise“, sagte Axel, „möchte bloß mal wissen, was ihr an dem albernen Fatzken süß findet.“

„Er ist überhaupt nicht süß“, sagte Klaudia, „einen süßen Jungen würde ich nicht einmal angucken. Er ist ein ganz ernst zu nehmender Mensch, eine tragische Erscheinung …“

„Was?“ rief Heide, nun ehrlich verblüfft.

„Er ist von tragischer Einsamkeit umwittert“, beharrte Klaudia, „er hat sein Ziel erreicht, er ist berühmt geworden, aber das hat ihn nicht glücklich gemacht.“

„Wo hast du denn das gelesen?“ wollte Ingrid wissen. „Überhaupt nicht. Das spüre ich, wenn ich ihn nur ansehe. Er ist ein einsamer und unglücklicher Mensch. Und deshalb liebe ich ihn.“

Sie nutzte die Verblüffung der anderen und wandte sich zur Türe. „Tschau“, sagte sie mit umflorter Stimme, „bis morgen dann. Wenn du Lust zu lernen hast, Jochen … du weißt ja, wo du mich finden kannst.“

Und draußen war sie, ehe ihre Klassenkameraden noch recht begriffen, was sie gerade vernommen hatten.

Fast eine Katastrophe

Das wurde eine schlimme Woche für Klaudia. Durch ihr Bekenntnis zu Ben Simon hatte sie sich von ihren Freunden und Freundinnen isoliert. Man sprach jetzt in jeder Pause über die bevorstehende Party bei Heide, und Klaudia wurde das Herz schwer, weil sie sich selber ausgeschlossen hatte.

Wenn sie trotzdem einmal einen Rat gab oder einen Vorschlag machte, bekam sie zu hören: „Halt du dich raus. Du kommst ja doch nicht. Also was geht’s dich an?“

Aber auch wenn Klaudia ihre Absage hätte rückgängig machen können, sie hätte es nicht getan, denn Ben Simon ging ihr über alles. Sie fühlte sich sogar innerlich erhoben, weil sie ihm dieses Opfer bringen konnte. Gerne hätte sie mehr, viel mehr für ihn getan.

Ben Simon galten ihre letzten Gedanken, wenn sie abends schlafen ging, und Ben Simon fiel ihr ein, wenn sie morgens aufwachte. Sie mußte sich Sehr zusammennehmen, um wenigstens im Schulunterricht nicht dauernd an ihn zu denken. Ben Simon verfolgte sie bis in ihre Träume.

Am Samstagnachmittag saß sie – schon in Erwartung, in wenigen Stunden ihr Idol zu sehen – gemütlich mit ihren Eltern und ihrer zehnjährigen Schwester Sylvie, die noch die Volksschule besuchte, im Garten des Arzthauses bei Kaffee und Kuchen. Da fragte Dr. May: „Klaudia … Sylvie! Wer von euch beiden bringt mir wohl ganz rasch das Fernsehprogramm?“

Die Schwestern sprangen gleichzeitig auf und rannten um die Wette ins Haus – Klaudia hatte die längeren Beine, aber Sylvie war die Sportlichere von beiden. Im gleichen Augenblick griffen beide nach der Programmzeitschrift, die auf dem Fernseher lag – und in schöner Eintracht zogen beide die Hand wieder zurück.

„Wir wollen sie doch nicht zerreißen“, sagte Sylvie.

„Sehr wahr gesprochen“, stimmte Klaudia zu, „knobeln wir lieber.“

„Ach was, wir können die Zeitschrift doch genauso gut gemeinsam Vati bringen … jeder hält einen Zipfel!“

„Ein bißchen albern, Kleine“, sagte Klaudia gönnerhaft, „aber … na ja … ich will keine Spaßverderberin sein!“

Sie probierten ein bißchen herum, dann kamen sie überein, die Zeitschrift auf den flach ausgestreckten Händen in den Garten hinauszutragen, und so knieten sie vor ihren Vater nieder wie zwei diensteifrige kleine Pagen.

„Brav gemacht“, lobte Dr. May.

Er nahm ihnen die Zeitschrift ab und schlug sie auf. „Also, was hätten wir denn da? Sehr gut, ein richtiges Familienprogramm … ‚Don Carlos’ von Schiller, übertragen aus dem Residenztheater München! Was sagst du, Mariechen? Da können die Mädchen doch mitsehn.“

Seine Frau lächelte. „Weil heute Samstag ist.“

Klaudia hatte sich langsam erhoben; sie traute ihren Ohren nicht. „Das kann doch nicht euer Ernst sein“, sagte sie tonlos.

Dr. May blickte von der Zeitschrift auf. „He, was ist los mit dir? Du machst ja ein Gesicht, als wäre dir die Petersilie verhagelt.“

Klaudia holte tief Atem. „Vati, bitte … müssen wir denn ‚Don Carlos’ sehen?“

„Müssen? Nein, davon kann gar keine Rede sein. Ich nehme es dir nicht übel, wenn du zu Bett gehst.“

„Aber ich will nicht … ich will …“ Klaudia kämpfte darrum, ihre Stimme in der Gewalt zu halten.

„Sie möchte lieber Ben Simon sehen!“ platzte Sylvie heraus.

„Ben Simon? Wer ist denn das?“

„Aber, Klaus“, sagte seine Frau, „nun tu doch nicht so! Ich weiß, du interessierst dich nicht für Schlager und so etwas. Aber Ben Simon müßtest du doch kennen. Wenigstens dem Namen nach. Er ist ein neuer Stern am deutschen Schlagerhimmel.“

„Aha! So ein junger Heuler!“

Klaudia legte den Arm um die Schultern ihres Vaters und schmiegte sich an ihn. „Er ist kein Heuler, Vati, ganz bestimmt nicht! Er singt wunderbar. Hör ihn dir nur einmal an … ich bin ganz sicher, er wird dir gefallen!“

„Er singt ‚If I don’t love you so much’ und ‚Werd’ ich dir jemals begegnen‘“, fügte Sylvie hinzu.

„Na, das klingt ja umwerfend“, sagte Dr. May.

„Bitte, Vati, laß uns die Schlagerparade sehen, ja?“ schmeichelte Klaudia.

„Ich bin wirklich kein Haustyrann …“

„Hurra! Hurra! Vati ist einverstanden!“ schrie Sylvie begeistert dazwischen.

Er streckte die Hand aus und zog sie zu sich. „Im Ernst, Sylvie, liegt dir auch so viel daran, diesen Burschen zu sehen?“

Sylvie wußte nicht sogleich eine Antwort.

„Denk jetzt einmal nicht an Klaudia, denk nur an dich: Welches Programm würdest du vorziehen?“

„Ich …“ Sylvie warf Klaudia einen abbittenden Blick zu. „Ich würde mich der Mehrheit anschließen.“

„Sehr brav. Und da unsere liebe Mutti sich bestimmt auch nicht für einen jungen Heuler entscheiden würde … oder irre ich mich da, Marie?“

Frau May schüttelte lächelnd den Kopf.

„Ist das Problem also gelöst. Wir sehen uns ‚Don Carlos’ an.“

Klaudia war ganz blaß geworden. „Das könnt ihr mir doch nicht antun!“

„Komm, komm, Klaudia“, mahnte die Mutter, „nun mach kein Drama daraus!“

„Aber versteht ihr denn nicht!?“ rief Klaudia und stampfte mit dem Fuß auf. „Es ist für mich ein Drama … ach was, viel schlimmer … eine wahre Tragödie! Die ganze Woche habe ich mich auf Ben Simon gefreut … eine Einladung zu einer Party habe ich seinetwegen ausgeschlagen! Und nun macht ihr mir alles kaputt mit eurem blöden ‚Don Carlos’!“

Dr. Mays Gesicht verdüsterte sich. „Das geht nun doch entschieden zu weit, Klaudia! Du wirst unverschämt!“

„Das wollte ich nicht, bitte, verzeih mir, Vati … ach, versuch doch zu begreifen, daß es lebenswichtig für mich ist, Ben Simon zu sehen!“

„Tut mir leid, ich begreife es nicht.“ Dr. May schlug die Programmzeitschrift zu und knallte sie auf den Kaffeetisch. „Ich finde dein Verhalten einfach hirnrissig. Wie kannst du eine gehaltlose Schlagersendung einem großartigen Theaterstück vorziehen?“

„Aber es geht mir doch gar nicht um die Schlager, Vati … es geht mir um Ben Simon!“

„Was ist denn dein Ben Simon anders als ein Interpret geistloser Schnulzen?! Ja, ja, zugegeben, ich habe diesen Burschen bisher weder gesehen und gehört, aber ich weiß genug über das Niveau des Schlagers von heute, um da mitreden zu können. Ich bin enttäuscht von dir, tief enttäuscht, Klaudia. Wenn du schon ein Idol brauchst, hätte ich von dir erwartet, daß du einen bedeutenden Mann wählen würdest … einen Erfinder, Gelehrten, wirklichen Künstler, kurzum einen Mann von Geist und keine hirnlose Nulpe.“

„Du bist enttäuscht von mir, das tut mir leid“, erwiderte Klaudia eisig, „aber du ahnst ja nicht, wie enttäuscht ich von dir bin, Vater! Ich habe immer geglaubt, du hättest Verständnis für mich, und jetzt, wo ich dich zum ersten Mal in meinem Leben ernsthaft um etwas bitte, da schaltest du einfach auf stur. Du gibst Urteile über einen Menschen ab, von dem du bis heute nicht einmal den Namen gehört hast. Wenn du nur ein bißchen Vertrauen in mich hättest, so würdest du dir sagen: An dem jungen Mann muß doch etwas dran sein, sonst könnte er meiner Tochter nicht so gefallen!“

„Mein liebes Kind, du benimmst dich wirklich nicht so, daß man auf deinen Geschmack bauen möchte.“

Klaudia versuchte es noch einmal:

„Ach, Vati, bitte, bitte, sieh ihn dir doch nur ein einziges Mal an!“

„Genug, Klaudia“, mischte sich die Mutter ein, „die Ent-Scheidung ist gefallen, und damit basta. Du verdirbst uns noch den ganzen schönen Samstagnachmittag mit deinem dummen Theater. Wie wäre es, wenn wir das Krokett aufstellen?“

„Au ja, fein!“ rief Sylvie und puffte die Schwester aufmunternd mit dem Ellbogen an.

Aber Klaudia warf den Kopf in den Nacken. „Auf mich müßt ihr diesmal verzichten.“

„Das wird uns leichter fallen, als du glaubst“, parierte ihr Vater, „verschwinde auf dein Zimmer und laß dich erst wieder blicken, wenn du zur Vernunft gekommen bist!“

Klaudia hatte eine rasche Antwort schon auf der Zunge, aber dann hielt sie es doch für besser, den Vater nicht noch mehr zu reizen. Sie drehte sich nur stumm auf dem Absatz um und ging ins Haus zurück.

Erst als sie ihr kleines Zimmer hoch unter dem Dach erreicht hatte, kamen die Tränen. Sie warf sich quer über ihre Bettcouch und weinte bitterlich.

Natürlich war sie wütend, weil niemand in der Familie Verständnis für sie zeigte. Aber tiefer noch saß ihre Enttäuschung darüber, daß sie ihren geliebten Ben Simon nun nicht sehen durfte. Sie hätte ihrem Vater sofort alles verziehen, wenn er nur jetzt nachträglich seinen Entschluß noch geändert hätte. Aber sie kannte ihn zu gut; sie wußte, er würde das nie und nimmer tun. Sie mußte sich heute abend die Übertragung aus dem Residenztheater ansehen oder ganz auf das Fernsehen verzichten. Das war schrecklich.

Vom Garten her tönten die fröhlichen Stimmen von Vater, Mutter und Schwester Sylvie herauf, das Klacken der Schläger gegen die Holzkugeln, und Klaudia, einsam und allein in ihrem Zimmer, fühlte sich unendlich verlassen.

Sie hatte nur den einen Trost: Ben Simon.

Während ihr noch die Tränen über die Wangen strömten, begann ein bunter Traum sie von der bösen Wirklichkeit zu erlösen. Sie träumte, wie ihre erste Begegnung mit Ben Simon ihr ganzes Leben verändern würde.

Sie sah sich, wie sie inmitten einer Schar von Fans vor ihm stand und ihn um ein Autogramm bat. Ganz kurz blickte er auf, nachdem er seinen Namen auf sein Foto geschrieben hatte – und dieser eine Blick war entscheidend. Sie lächelte ihm zärtlich zu verschwand in der Menge.

Aber von dieser Sekunde an war Ben Simon verändert. Er wandte sich an seinen Manager: „Wer war dieses zauberhafte blonde Mädchen? Laßt sie nicht gehn, um Himmels willen, haltet sie fest, ich muß sie kennenlernen!“

Der Manager rannte zum Ausgang und erreichte Klaudia gerade noch – nein, besser, er erreichte sie nicht mehr. Es war schöner, diese Suche noch hinauszuziehen.

Ben Simon bricht fast zusammen, als er erfährt, daß Klaudia verschwunden ist. Von nun an sucht er sie überall, sieht jedem blonden Mädchen ins Gesicht – aber keine, nicht eine, ist wie sie, Klaudia!

Doch dann, eines Tages – An dieser Stelle riß der Traum, denn Klaudia schlief, ohne es selber zu merken, sachte ein.

Sie wurde erst wach, als eine Hand sie sanft an der Schulter rüttelte. „Klaudia, du schläfst!“ rief die Mutter. „Am hellen Tag! Na so was!“

Klaudia drehte sich auf den Rücken und öffnete die Augen. „Es ist ja schon dunkel.“

Die Mutter lachte. „Ja, inzwischen ist es dämmrig geworden, aber immer noch erst sieben Uhr. Bestimmt keine Zeit zu schlafen, falls man nicht zufällig ein Baby ist.“

Erst ganz allmählich fiel Klaudia wieder ein, was passiert war, und mit einem Ruck setzte sie sich auf. „Hat Vati es sich anders überlegt?“

Frau May verstand sofort. „Nein, Klaudia. Aber wir essen jetzt zu Abend. Willst du nicht herunterkommen?“

„Nein, danke.“ Schon wieder war Klaudias Stimme von Tränen umflort.

„Sei doch nicht dumm! Ich verstehe ja, daß dein Schwarm dich mehr interessiert als das Theaterstück. Aber wenn du jetzt bockst, schadest du doch nur dir selber.“

„Ich habe einfach keinen Hunger.“

Frau May setzte sich auf die Kante von Klaudias Couch. „Du hast da vorhin was von einer Party erzählt … ist dir das bloß so eingefallen, oder findet die wirklich statt?“

„Glaubst du, ich lüge? Heide hat ein paar aus unserer Klasse eingeladen. Aber ich mußte doch absagen.“ Klaudia schluckte. „Wegen Ben Simon.“

„Hör mal, warum stehst du dann jetzt nicht schnell auf, ziehst dich an und gehst doch noch hin? Da du deinen Ben Simon nicht sehen kannst, wäre es schön dumm, zu Hause herumzuhängen.“

„Keine Lust.“

„Was willst du denn?“

„Einen eigenen Fernseher.“

Frau May lachte. „Den kriegst du bei uns bestimmt nicht, bevor du erwachsen bist und selber Geld verdienst. Komm, steh auf. Diese Party wäre doch ein guter Anlaß, dein neues Maxi-Kleid anzuziehen. Findest du nicht?“

„Doch … schon …“

„Na also.“ Frau May ging zur Tür und knipste das Licht an. „Ich werde dich bei Vati entschuldigen. Aber sieh zu, daß du fortkommst … wie lange soll das Ganze denn dauern?“

„Weiß nicht.“

„Auf jeden Fall erwarten wir dich Punkt zehn zu Hause. Keine Minute später, hörst du? Sonst wirst du nicht so bald abends wieder fort dürfen.“

„Ja, Mutti.“

„Nun freu dich doch ein bißchen!“

Klaudia verzog den Mund. „Worauf? Etwa auf die Jungen aus meiner Klasse? Die interessieren mich doch keinen Fitz!“

„Das war aber einmal ganz anders.“

„Du sagst es. Aber der Mensch wird eben unaufhaltsam älter und reifer.“

Frau May lachte und ließ ihre Tochter allein.

Klaudia holte ihr Schminktäschchen hinter den Büchern hervor, wo sie es vorsorglich verborgen hielt. Sie setzte sich vor ihren kleinen Toilettenspiegel, klappte ihn schräg und blickte sich lange an. Ja, sie war hübsch, daran war kein Zweifel. Ihre leicht gebräunte Haut war glatt, ohne Mitesser und Pickel, die blauen Augen hatten Glanz, der Mund war gut geschnitten, nicht zu schmal und nicht zu üppig, und das blonde Haar, das sie alle paar Tage zu waschen pflegte, fiel weich und locker auf ihre Schultern.

Sie war hübsch, aber was nutzte es ihr, wenn der einzige, dem sie gefallen wollte, sie nie zu sehen bekommen würde? Nie würde Ben Simon in der Kleinstadt Rosenberg auftreten, und genauso wenig durfte sie ja in die nächste Großstadt fahren und eines seiner Konzerte besuchen. Jedenfalls nicht, bevor sie grau und schimmelig geworden war.

Klaudia zog sich ihr Kleid über den Kopf, warf es achtlos auf den nächsten Sessel und begann sich Lidschatten aufzulegen. Sie machte das sorgfältig und geschickt, doch ohne Lust und Liebe. Was hatte es schon für einen Sinn, wenn sie höchstens Heide damit ärgern konnte?

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130 səh. 1 illustrasiya
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9788711719343
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