Kitabı oxu: «Liebe an den Königshöfen»

Şrift:

Marie Louise Fischer

Liebe an den Königshöfen

Roman

Saga Egmont

Liebe an den Königshöfen

Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og Ringhof Forlag A/S

Copyright © 2017 by Erbengemeinschaft Fischer-Kernmayr, (www.marielouisefischer.de)

represented by AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de)

Originally published 1982 by Lübbe Verlag, Germany

All rights reserved

ISBN: 9788711719008

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

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SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com

Als Herzog Ernst I. den Thron des kleinen Herzogtums Sachsen-Coburg-Gotha bestieg - man schrieb das Jahr 1806 -, übernahm er auch die wenig angenehme Pflicht, seine beiden jüngeren Brüder Ferdinand und Leopold standesgemäß versorgen und unterhalten zu müssen. Außer ihrem Talent zur Liebe besaßen die drei jungen Herren nämlich nicht viel, worum man sie hätte beneiden können, denn das Geld war so knapp wie bei den meisten der zahllosen Herrscher und Fürsten des damaligen Deutschlands.

Die liebliche und romantische Residenz des Herzogs Ernst I., das Städtchen Coburg, war sehr alt. Es wurde beherrscht von der gotischen Veste Coburg, die schon im Jahre 1056 als Saalfelder Klostergut in den Chroniken aufscheint. Später war sie Sitz der Grafen von Henneberg geworden und bis 1549 Residenz der Herzöge von Sachsen.

Sie hatte viel erlebt, die Veste Coburg, ja, sie hatte sogar einmal ein halbes Jahr lang den Mönch von Wittenberg, Martin Luther, in ihren dicken Mauern beherbergt.

Die Herzöge von Sachsen-Coburg-Gotha waren gute Protestanten, und ihre Untertanen waren es auch, nach dem Gesetz: cuius regio eius religio, zu deutsch: Wie der Herr, so ‘s Gescherr.

Man mag über die Coburger Fürsten reden, was man will. Es ist wahr, dass sie hinter jeder Schürze und jedem Weiberrock her waren, aber dass sie etwa ihre Untertanen für gute harte Taler an das kriegführende England verkauft hätten, wie es in manchen anderen kleinen deutschen Fürstentümern vorgekommen war, das stimmt nicht. So etwas war bei den Herzögen von Sachsen-Coburg-Gotha ganz ausgeschlossen.

Die Herzöge und das Volk waren der Liebe untertan. So lief mancher Coburger herum und wusste nicht, wer in Wahrheit sein Vater war. Aber eines wussten sie alle - Geld war weder bei den Fürsten noch bei den Bürgern genügend da.

In Coburg gab es zwar damals noch keinerlei Industrie, aber die hölzernen Spielwaren - das Städtchen Coburg liegt am Südhang des Thüringer Waldes, und sein größter Reichtum ist und war das Holz -, die in Heimarbeit hergestellt wurden, waren weit und breit berühmt. Die Coburger aßen und tranken gern, und so lobte auch jeder, der sie einmal hatte kosten dürfen, die Erzeugnisse der Coburger Lebzelter und Methersteller, nicht zu vergessen die wohlschmeckenden Coburger Würste.

Jeder Schuster, Schneider, Schreiner, Apotheker, Metzger, und wie sie alle hießen, die Handwerker und Kaufleute, durfte oberhalb seines Namens das fürstliche Wappen führen und sich stolz - wenn man auch auf die Bezahlung der Ware meist lange warten musste - Hoflieferant nennen. Die Coburger waren mit ihrem Dasein sehr zufrieden, sie waren ein fröhliches Volk. Geschäftig tummelten sie sich in den schmalen Straßen und Gässlein ihrer Stadt, waren stolz auf die hoch aufgeschossenen schmalen Häuser, deren rote Giebeldächer weit ins Land hinein leuchteten. Wenn Herzog Ernst durch das Städtchen ritt, öffneten die neugierigen Frauen und Mädchen ihre Fenster, um ihm zuzulächeln - aber meist kamen sie nicht dazu, weil eifersüchtige Väter und Ehemänner sie rasch wieder zurückzogen und ihnen die Fenster vor der Nase schlossen. Herzog Ernst war nicht ganz so glücklich wie seine Untertanen, denn seine beiden jüngeren Brüder Ferdinand und Leopold lagen ihm ständig auf der Tasche. Tatsächlich herrschte in der Staatskasse und auch in der Privatschatulle des guten Herzogs Ernst eine dauernde und trostlose Ebbe.

»Glaubt mir«, erklärte er seinen Brüdern, »unser Land kann nur einen Mann standesgemäß ernähren - und das bin ich! Warum wollt ihr nicht anderswo euer Glück versuchen? Europa ist groß. Es gibt viele Fürstenhäuser - da müsste es doch wahrhaftig mit dem Teufel zugehen, wenn ihr eure Tugend nicht irgendwo teuer verkaufen könntet!«

»Tugend ist gut«, sagte Leopold.

»Verkaufen ist noch besser«, war Ferdinands Ansicht.

»Hört gut zu … Ihr müsst die Frauen in euch verliebt machen!«

Voll Stolz schwenkte Herzog Ernst ein kleines Buch, in teuerstes Leder gebunden, mit roten Korallen gefasst, in seiner Hand. »Wenn ihr nicht wisst, wie man das macht dann lasst es euch von mir erklären. Ich empfehle euch die Lektüre dieses Buches, das hat eine Frau geschrieben, die mich geliebt hat. Ich habe sie in Wien kennen gelernt, beim großen Kongress. Man hatte mich zwar nicht eingeladen, aber ich bin trotzdem hingefahren …«

Die Österreicher, vor allem die Wiener, wussten manch lustiges Liedlein vom Coburger Herzog Ernst zu singen. Der allmächtige Staatskanzler Fürst Metternich war sein besonderer Gönner.

Er nahm ihn eines Abends beiseite und sagte: »Mon cher ami … ich habe Sie gestern gesehen …«

Herzog Ernst war am Abend zuvor mit der Frau eines überaus beschäftigten Diplomaten ungesehen - wie er glaubte - ins Grüne hinausgefahren. Er geriet nicht in Verlegenheit, als er sich entdeckt wusste. Lächelnd hob er die Augenbraue und wartete ab.

»Ich weiß ja, Jugend hat keine Tugend«, fuhr der Fürst fort, »trotzdem muss ich Ihnen mit allem Nachdruck sagen: Ich wünsche keinen Skandal auf dem Kongress!«

In Wien ging es hauptsächlich darum, den Usurpator Napoleon, der auf der Insel Elba gefangen gehalten wurde, zu entmachten und zu entrechten. Er hatte neue Grenzen in Europa gezogen, die nun, da er geschlagen war, nicht mehr galten. Natürlich hätte man sich an die alten Grenzen halten können, aber so einfach ging das auch nicht. Die Fürsten Europas waren in zwei Gruppen aufgespalten - die einen hatten an den Stern Napoleons geglaubt, ihn anerkannt oder anerkennen müssen, sie sollten jetzt bestraft werden; die anderen hatten sich rechtzeitig zur Partei seiner Gegenspieler geschlagen, sie sollten belohnt werden.

Fürst Metternich zitierte gerne das Wort: »Andere mögen Krieg führen, du, glückliches Österreich, heirate!« - Er hatte für alle Kongressteilnehmer reizende Frauen geladen, deren Aufgabe darin bestand, den politischen Ehrgeiz der Herren zu dämpfen, damit er, Metternich, mit Talleyrand, dem Vertreter Frankreichs, in aller Ruhe Europa nach ihrem Gutdünken aufteilen konnte. Diese Methode war, wie die Geschichte zeigt, von Erfolg gekrönt, und die ausländischen Herren fühlten sich noch dazu sehr wohl dabei.

»Rindfleisch kann ich jeden Tag zu Hause essen«, sagte der englische Gesandte ganz offen, »wenn ich auf Reisen bin, steht mir der Appetit nach Spezialitäten!«

Eine Spezialität war sie tatsächlich, das süße Wiener Mädel, das man dem Zar aller Reußen gastfreundlich ins Bett gelegt hatte, mit so viel Anmut und Lieblichkeit ausgestattet, dass sie den großmächtigen und gefürchteten Herrn buchstäblich zu ihren Füßen zwang.

Der schöne Alexander, Zar aller Reußen, der wildeste, aber auch der freigiebigste Liebhaber - er warf, wenn er durch die Straßen Wiens fuhr, Edelsteine und Goldstücke unter das Volk - ließ sich über die Wienerinnen mit folgenden Worten aus: »Sie sind kindlich rein - rein kindlich, doch voll himmlischer Sünden. Und küssen können sie, wie es keine Russin und auch keine Französin fertig bringt!« - Es war so. Ihm schwanden die Sinne, wenn er eine Wienerin in seinen Armen hielt, ganz gleich, ob sie eine Putzmacherin oder eine Fürstin war.

»Nimm du mein ganzes Reich und gib mir dafür nur dein Wien!« sagte er einmal im verliebten Überschwang zu seinem kaiserlichen Vetter von Österreich.

Im Gegensatz zu den meisten Herren verliebte Herzog Ernst von Sachsen-Coburg-Gotha sich nicht in eine Wienerin, sondern in eine bildschöne junge Griechin. Diese junge Dame wurde als Tänzerin damals sehr gefeiert.

Der junge Herzog Ernst war von ihr hingerissen. Er schwor ihr ewige Liebe. Es war eine wilde, leidenschaftliche und ziemlich aufreibende Liebe, die den jungen Herzog Ernst mit der schönen Griechin verband. Sie schenkte ihm nicht nur das Paradies, sondern gleichzeitig auch die Hölle auf Erden. Sie quälte ihn Tag und Nacht mit ihrer Eifersucht, und er quälte sie nicht minder.

Wer waren die Männer, denen sie sich vor ihm geschenkt hatte? Konnte er sicher sein, dass sie sich nicht schon unter den gekrönten Häuptern des Kongresses seinen Nachfolger gewählt hatte?

Oft genug schwor er sich, sie nie mehr wiederzusehen, um dieser Qual ein Ende zu machen. Aber länger als vierundzwanzig Stunden ertrug er die Trennung von ihr nicht. Eine brennende Sehnsucht trieb ihn zu ihr.

Sie empfing ihn in ihrem Liebesnest, einem Pavillon aus schneeweißem Marmor, dessen Boden über und über mit schwellenden Kissen belegt war. Nackt, wie Gott sie erschaffen hatte, lag sie in einem Meer von duftenden Blüten, streckte verlangend die Arme nach ihm aus.

Er zog sie an sich. »Wenn ich nur glauben könnte, dass du mir treu bist«, sagte er seufzend.

»Du bist unverschämt!«

»Ich meine ja nur … es war doch kein Zufall, dass wir uns kennen gelernt haben!«

»Nein es war kein Zufall«, sagte die schöne Tänzerin mit der Würde einer Tragödin, »es war Schicksal!«

Herzog Ernst wusste, was sich gehörte, er stattete der österreichischen Kaisertochter Marie Louise, der Gattin des exilierten Napoleon, einen Besuch ab. Er glaubte, dass sich die verlassene Gattin vielleicht sehr unglücklich fühlen würde und dass er als Tröster gerade recht käme. Er wusste natürlich, dass die Ehe zwischen der kaiserlichen Prinzessin Marie Louise und dem Sohn eines korsischen Advokaten keine Liebesheirat gewesen war. Bis an den letzten Fürstenhof Europas war seinerzeit das böse Gerücht gedrungen, dass der Kaiser seine Tochter an den französischen Emporkömmling verkauft hätte, damit er, wie er sich selber ausgedrückt haben sollte, »als Kaiser in seinem Bett sterben konnte«. Man sagte, es hätte ihm mehr daran gelegen, seine vielen Uhren in Ruhe reparieren zu dürfen, als an das Glück seiner Tochter zu denken.

Herzog Ernst hatte geglaubt, Marie Louise zumindest in einer bedrängten Lage zu finden, denn ihre Stellung bei Hofe und in der Gesellschaft der europäischen Fürsten war alles andere als angenehm. Ihr Sohn, der einmal den stolzen Titel »König von Rom« hatte tragen dürfen, galt nun als nicht mehr ganz ebenbürtig und musste als Herzog von Reichstadt ein Schattendasein führen.

Jeder Kontakt zwischen ihm und der Außenwelt wurde unterbunden, denn es gab viele, die in dem Sohn Napoleons eine Gefahr für das neue Europa sahen. Es ging das Gerücht, dass die Ballerina Fanny Elßler von ihrem Hofrat Gentz - selbstredend im Einvernehmen mit Fürst Metternich, ihrem ehemaligen Geliebten - den Auftrag bekommen haben sollte, sich des jungen Mannes anzunehmen, damit er nur ja auf keine dummen, sprich politischen Gedanken käme. Herzog Ernst fand Napoleons Gattin Marie Louise im Arm des schönen Frauenhelden Graf Neipperg. Einen Augenblick war er konsterniert, dann sah er das Lächeln der Exkaiserin und - lachte. Marie Louise lachte, der Graf lachte, sie lachten alle zusammen.

In dieser Zeit wurde in Wien sehr viel gelacht. Fürst Metternich dirigierte alle Kongressteilnehmer wie Musikanten eines großen Orchesters. Er kannte sie alle genau, ihre wenigen Fähigkeiten und ihre vielen Schwächen, und er wusste jeden einzelnen so einzusetzen, dass er - oft ohne es selber zu wissen - seine, Metternichs, Melodie spielten musste.

Jede jener schönen und liebeswilligen Frauen, die den Gesandten und gekrönten Häuptern die Nächte versüßten, stand in seinen Diensten. Morgen für Morgen erschienen sie zur Berichterstattung. Noch im Bett erfuhr der Fürst alles, was die Herren in den langen, heißen Nächten ausgeplaudert hatten - und es ist erstaunlich viel, was starken Männern in ihren schwachen Stunden entschlüpft.

So war Fürst Metternich genau orientiert, wo die Fürsten und Könige der Schuh drückte, wo man mit Geld, guten Worten oder Schmeicheleien nachhelfen konnte, um Forderungen durchzusetzen. Metternich handelte mit Thronen und Ländern, gab hier ein Stück dazu, nahm dort ein Stück weg. Über Nacht sprengte die Nachricht, dass Napoleon I. sein Exil, die Insel Elba, verlassen hatte und schon auf dem Weg nach Paris war, den Kongress auseinander.

Herzog Ernst wollte seine Geliebte mit nach Coburg nehmen. Er erkundigte sich bei Metternich, ob es nicht möglich wäre, ihr den Titel einer Baronin zu verleihen - aber der österreichische Staatskanzler hörte kaum hin, er hatte jetzt andere Sorgen. Herzog Ernst schlug der Tänzerin vor, nur um des Titels willen einen alten Grafen zu heiraten, damit sie in Coburg standesgemäß auftreten könne. Er bot ihr an, dem Opernballett in Coburg vorzustehen.

Die Griechin weigerte sich entschieden, ihn zu begleiten. »Eine Sauce wird nicht besser, wenn man sie verlängert«, sagte sie, unter Tränen lächelnd, »und eine kurze Liebe ist besser als eine lange Langeweile!«

Aber sie vergaß ihren Ernst nicht, sie verfasste ein Büchlein, in dem sie unter dem Titel Mémoires d’une jeune grecque ihre Wiener Liebeserlebnisse mit dem Coburger schilderte. Mit diesem Buch, das bald an allen Höfen Europas kursierte, stieg der Ruhm der Coburger - ein Ruhm, der allein auf ihrer vitalen Männlichkeit basierte - ins Ungemessene.

Die Prinzen Ferdinand und Leopold fassten den Entschluss, den Rat ihres Bruders Ernst zu befolgen und das Ländchen Sachsen-Coburg-Gotha zu verlassen, um in der weiten Welt ihr Glück zu suchen.

Ferdinand plante eine Reise nach Ungarn. Er rechnete dem Bruder aus, dass die Kosten außer einer anständigen Ausstattung gering sein würden, da die ungarischen Magnaten wegen ihrer Großzügigkeit berühmt waren. Herzog Ernst war gerne einverstanden. Er gab sofort dem Hofschneider Auftrag, Anzüge und Uniformen für die beiden Prinzen zu schneidern, und zwar - so befahl er ausdrücklich - sollte an Material nur das Beste vom Feinsten genommen werden. Höchstpersönlich überwachte er die Anfertigung der Kleidung, legte größten Wert darauf, dass die Brustkörbe richtig herauswattiert, die Schultern ausgearbeitet und die strammen Schenkel zur Geltung gebracht wurden. Herzog Ernst wusste ganz genau, was Frauen und jungen Mädchen an einem Mann gefiel.

Der Coburger Prinz Ferdinand hatte sich nicht verrechnet. Die ungarischen Magnaten erwiesen sich tatsächlich als überaus großzügig. Sie rissen sich geradezu darum, den deutschen Prinzen bei sich aufnehmen zu dürfen, versuchten sich gegenseitig an Gastfreundschaft zu überbieten.

Es wurden großartige »Festereien und Fressereien« für Ferdinand veranstaltet, rauschende Bälle - die Zigeunerkapellen spielten vom Untergang der Sonne bis zum hellen Mittag des nächsten Tages auf.

Ferdinand passte sich den Landessitten an. Er verzog keine Miene, wenn sein Gastgeber ihm Hände voll goldener Dukaten oder blitzender Juwelen zuschob, mit denen er beim Kartenspiel setzen sollte. Es wurde hoch und heiß gespielt.

Ferdinand schrieb einen begeisterten Brief nach Hause, vom Heimkommen stand kein Wort darin. Schöne Frauen, edle Pferde, hohe Spiele waren seit jeher die Leidenschaften der Coburger gewesen, und Ferdinand war in Ungarn ganz in seinem Element.

Die ungarischen Magnaten waren sehr stolz, einen echten deutschen Prinzen als Gast unter sich zu haben. Er hätte auf jedem der großen Güter bleiben können, solange es ihm gefiel, auch Jahre - und da es viele Güter in Ungarn gab, hätte er sich gut und gern ein ganzes Leben dort aufhalten können. Er wollte es aber den andern gleichtun, selber Gastgeber sein, einladen, großzügig sein eigenes Geld mit beiden Händen verschwenden.

Auf einem Ball im Schloss des Fürsten Esterhazy traf Prinz Ferdinand mit einer mandeläugigen jungen Ungarin zusammen. Diese erste Begegnung mit Antonia, Tochter des Fürsten von Kohary, war von seinen Gönnern und ihren Verwandten mit Bedacht arrangiert worden.

Beide hatten, bevor sie sich zum ersten Mal sahen, schon viel voneinander gehört. Antonia wusste, dass Ferdinand ein echter deutscher Prinz und wegen seiner Manneskraft berühmt war. Ferdinand wusste, dass die schlanke Achtzehnjährige von ihrem Vater, dem Fürsten Kohary, dem Mann, der sie eines Tages heiraten würde, mit Gold und Edelsteinen aufgewogen werden würde.

»Was sind diese Koharys für eine Familie?« hatte Prinz Ferdinand interessiert gefragt.

»Familie? Freundchen«, hatte Graf Esterhazy geantwortet, »was willst Familie? Geld ist Familie. Mit Geld kannst du alles kaufen, auch gute Familie … ohne Geld kannst mit bester Familie verhungern!«

»Ist er denn wirklich ein Fürst?«

»Ist sich Fürst, Freundchen, unbesorgt … ist sich Fürst, wenn auch nix mit großem Stammbaum!« Fürst Esterhazy hielt die Hand vor den Mund und flüsterte Ferdinand zu: »Hat mehr Geld als der Kaiser von Österreich-Ungarn, gehört ihm viertel Ungarn … verstehst du? Kann pfeifen auf großen Stammbaum!«

Ferdinand pfiff sich ein Lied - Antonia gefiel ihm. Das Geld der Koharys passte ihm nicht weniger, auf das Gerede hörte er nicht, auf den Stammbaum verzichtete er gerne. Wohlgefällig musterte er Antonias rundliche Formen, nicht nur deshalb, weil er wusste, dass ihm bei der Hochzeit ihr Gewicht mit Gold und Edelsteinen aufgewogen würde.

Ferdinand gefiel Antonia weit besser als die ungarischen Edelleute, die ihr bisher den Hof gemacht hatten. In ihren Augen waren sie nichts weiter als junge Taugenichtse, die auf Kosten ihres Vaters zechten und seine Knechte schikanierten.

Dieser deutsche Prinz aus Coburg war ganz anders, er war ein richtiger Mann.

Antonia und Ferdinand ritten gleich am nächsten Morgen - sie waren nach dem Ball nicht schlafen gegangen, sondern hatten sich nur umgezogen - miteinander aus. Die wilde Schönheit des Landes faszinierte Ferdinand an der Seite Antonias, die genauso gut ritt, wie er selbst es konnte, noch mehr als sonst. Auf den Kaminen der Bauernhäuser hatten Störche ihre großen, kreisrunden Nester gebaut, die Knechte und Mägde arbeiteten singend in ihren farbenfrohen Trachten auf den Kukuruzfeldern, deren goldgelbe Kolben sich hell gegen den tiefblauen Himmel abhoben. In feurigem Galopp ritten Ferdinand und Antonia weit in die Puszta hinaus, über sandige Hügel und Felder, wo niemals ein Weg gewesen war. Erst als die Mittagssonne heiß vom strahlenden Himmel brannte, glitten sie erhitzt vom Pferd, um zu rasten. Ferdinand zögerte keinen Augenblick, er riss das Mädchen leidenschaftlich in seine Arme, so leidenschaftlich, dass ihr Widerstand dahinschmolz.

Antonia erwiderte die heißen Küsse ihres Prinzen.

Am gleichen Tag noch - die Nacht senkte sich tiefblau auf das weite Land - warf sich Prinz Ferdinand in einer elegantesten Uniform dem fürstlichen Vater zu Füßen und bat um die Hand Antonias.

Fürst Kohary verbarg seine Befriedigung nicht. Die Dinge hatten sich genauso entwickelt, wie er es sich gewünscht hatte. Was konnte er mehr verlangen, als einen echten Prinzen zum Schwiegersohn? Er war zwar etwas erstaunt über das Tempo, das der deutsche Prinz vorlegte, aber da er annahm, dass seine temperamentvolle Tochter nicht ganz unschuldig daran war, gab er, ohne zu zögern, sein Jawort. Ferdinand wurde von allen Koharys und allen Freunden des gastfreien Hauses in die Arme geschlossen und herzlich geküsst.

Schon am nächsten Morgen wurden die Kuriere in die Welt geschickt - nach Paris, nach Brüssel, nach Wien, nach Florenz.

Antonias Aussteuer wurde eingekauft. Das Beste und Teuerste war gerade gut genug für die Tochter des reichsten Mannes von Ungarn, dessen Schätze so groß waren, dass er seine Goldstücke in Säcke schaufeln lassen musste. Aus vielen Ländern kamen jüdische und christliche Händler, sie breiteten ihre Waren aus, priesen mit lauten Worten den Schmuck und die Kleinodien an, die sie verkaufen wollten. Antonia und ihr Vater lachten sie aus - die Edelsteine, die sie selber besaßen, waren hundertmal schöner. Nur die golddurchwirkten Spitzen, die Gobelins aus Antwerpen, Gent und Brügge fanden Gnade vor ihren Augen.

Die Fugger aus Augsburg durften Linnen und edle Hölzer liefern, sie brachten aus China und Indien wunderbare Seidenstoffe, aus Elfenbein geschnitzte Flakons mit seltsam duftenden Riechölen.

Der Tag der Hochzeit brach an. Viele Ungarn und Freunde aus ganz Europa waren auf den Beinen, um bei dieser Märchenhochzeit dabei zu sein. Siebenhundertneunzig Zigeuner kamen mit ihren Fiedeln, um zum Tanz aufzuspielen. Der Zigeunerkönig, Aladar Reczy, kam persönlich, um dem prinzlichen Paar seine Aufwartung zu machen. Er verbürgte sich dafür, dass, solange die Hochzeitsfeierlichkeiten andauerten, keiner seiner Leute fremdes Gut anrühren würde.

Der alte Kohary lachte. »Ihr könnt stehlen, so viel ihr wollt … nur lasst euch nicht erwischen! Wer erwischt wird, wird gehenkt!«

Der Fürst hielt sein Wort. Die Hochzeit dauerte nicht weniger als neun Tage und neun Nächte, genau neun Diebe wurden in dieser Zeit erwischt und auch - gehenkt.

Die Hochzeitsgäste lachten, scherzten, jubelten, tanzten. Es wurde getrunken, gefressen und gespielt, kurzum, es war eine Hochzeit, von der in Ungarn, ja, in ganz Europa gesprochen wurde. Ferdinand bekam von seinem Schwiegervater als Hochzeitsgeschenk eine Urkunde Seiner Majestät des Kaisers überreicht, die ihn zum General ernannte, und tausendfünfhundert kräftige junge Burschen dazu, die vom Fürsten eingekleidet worden waren und verproviantiert wurden. Als Waffen trugen sie tausendfünfhundert blinkende Gewehre. Antonia wurde, so wie der Vater es versprochen hatte, buchstäblich in Gold aufgewogen.

Prinz Ferdinand hatte es geschafft, er war reich und ein glücklicher Ehemann. Er hatte gar nichts dagegen einzuwenden, sich von nun an Prinz von Coburg-Kohary zu nennen und so den Namen Kohary endlich voll und ganz hoffähig zu machen. Keines der europäischen Fürstenhäuser wagte gegen diesen Schritt eine Einwendung - der Fürst Kohary war viel zu reich, als dass man sich mit ihm oder seinem jungen Schwiegersohn hätte anlegen mögen. Antonia war eine Prinzessin geworden, so gut wie jede andere. Non olet - dieser Spruch galt nicht nur im alten Rom, sondern auch im Europa des 19. Jahrhunderts - Geld stinkt nicht.

Prinz Ferdinand wurde zum Stammvater eines neuen Geschlechts.

Pünktlich nach neun Monaten kam der erste Stammhalter an, er wurde nach dem Vater Ferdinand genannt. Ein Jahr später folgte der kleine August. Jeder Vater schwört sich an der Wiege seiner Sprösslinge: »Meine Kinder sollen es einmal besser haben!« - Prinz Ferdinand von Coburg-Kohary schwor: »Meine Söhne sollen Könige werden!«

Er brüllte diesen Schwur heraus, wenn er in langen Nächten mit seinen Freunden zechte. Niemand nahm ihn ernst, man hielt es für eine der üblichen weinseligen Prahlereien.

Ferdinands reiche Heirat löste indes bei Herzog Ernst I. von Sachsen-Coburg-Gotha reine Freude aus. Dieser Bruder war versorgt, er hatte ihn endgültig vom Hals - wer weiß, vielleicht konnte man ihn sogar eines Tages anpumpen. Leopold, der jüngste der drei Brüder, konnte sich einiger bissiger Bemerkungen über das Geschlecht derer von Kohary nicht enthalten.

»Nur kein Neid«, erwiderte Ernst lachend, »eine reiche Frau ist viel mehr wert als ein einwandfreier Stammbaum!«

Leopold verstand die Spitze. »Abwarten!« sagte er. »Ich stelle höhere Ansprüche!«

Prinz Leopold von Coburg hatte einen Wahlspruch: Ohne Glück soll man nicht auf der Welt sein, und: Ein Titel ohne Mittel ist weniger als nichts. Er hatte Glück, und wenn er mal keines hatte, dann half er dem Glück nach.

Der Arzt Dr. Stockmar, Vertrauter und Freund schon in seiner Kinderzeit, ein weltoffener Kopf, machte ihn darauf aufmerksam, dass für die einzige Tochter König Georgs IV. von Großbritannien eine passende Partie gesucht wurde. Leopold hatte politischen Ehrgeiz und zeigte sich sogleich interessiert. Charlotte galt als englische Thronfolgerin. Diese Tatsache wog für Leopold so schwer, dass er alle Bedenken in den Wind schlug - und Bedenken gab es genug.

Charlotte stammte aus einer zwar adeligen, aber nicht gerade feinen Familie, die in dem Königreich, das sie beherrschte, alles andere als beliebt war. Ihr Vater, Georg IV, hatte als Kronprinz heimlich und nicht standesgemäß, sozusagen linker Hand, die reiche katholische Lady Mary Ann Fitzherbert geheiratet. Offiziell ehelichte er, ohne mit der Wimper zu zucken, eine Tochter des Herzogs von Braunschweig-Wolfenbüttel, namens Karoline.

Diese Karoline war eine recht überspannte Dame, trotzdem hatte sie das Schicksal, das ihr an der Seite Georgs blühte, nicht verdient. Er kümmerte sich nämlich überhaupt nicht um sie. Damit hätte sie sich noch abfinden können - es ist ja schließlich nicht so ungewöhnlich, dass eine Frau von ihrem Ehemann vernachlässigt wird -, aber Georg trieb es noch toller. Kaum dass sie den Thron bestiegen hatte, strengte er - nach fünfundzwanzigjähriger Ehe! - einen skandalösen Scheidungsprozess gegen Karoline an. Ein Chronist schreibt, dass Georg mit seiner ihm rechtlich angetrauten Karoline nur eine einzige Nacht seines Lebens verbracht haben soll, nämlich die Hochzeitsnacht. Die Frucht dieser Nacht war Charlotte, um die der junge Leopold von Sachsen-Coburg-Gotha im Jahre 1816 freite.

Zwanzig Lenze zählte Charlottchen, und doch hatte sie schon manchen Sturm erlebt. Sie hatte das heiße Blut ihres Vaters geerbt und war - obwohl alles andere als hübsch - von sehr leidenschaftlicher Natur.

Achtzehnjährig, hatte sie sich in den Prinzen August von Preußen verliebt. Sie wollte ihn, koste es, was es wolle, besitzen. Sie bearbeitete den Prinzen so lange, bis er auf ihren verwegenen Vorschlag einging, sie zu entführen. An eine Ehe zwischen Charlotte und August war aus einem einfachen Grund nicht zu denken - er war schon verheiratet. An dieser Tatsache stießen sich begreiflicherweise ihre Eltern und der gesamte englische und europäische Adel.

Nur Charlotte machte sich gar nichts daraus.

Charlotte wollte einen Mann, und zwar einen deutschen Mann. Den Engländern traute sie nichts zu.

Die Geschichte von der widerspenstigen Kronprinzessin von England drang auch an das Ohr des Coburger Prinzen Leopold.

»Charlotte ist zur Zeit die einzige interessante Frau in ganz Europa. Wer sie auch heiratet - eines Tages wird er Prinzgemahl von England werden!« meinte Dr. Stockmar.

Prinz Leopold sah den Freund und Berater nachdenklich an. Dr. Stockmar war ein seltsamer Mann. Er war Arzt, aber seine Patienten interessierten ihn weit weniger als die Politik. Er besaß einen ungeheuren Ehrgeiz, nicht für sich selber, sondern für die Coburger, sein angestammtes Fürstenhaus. So war es kein Wunder, dass er Leopold drängte, sein Glück bei der englischen Prinzessin Charlotte zu versuchen, ja, er erklärte sich sogar bereit, Leopold nach England zu begleiten.

Im Frühjahr 1816 - die Obstbäume standen in heller Blüte - schifften sich Prinz Leopold und Dr. Stockmar nach England ein. Die See, die wochenlang vorher stürmisch gewesen war, glättete sich am Tage ihrer Überfahrt. Sie nahmen es als ein gutes Zeichen, hielten sich nicht lange in London auf, sondern fuhren geradewegs nach Windsor weiter.

Charlottes Vater empfing sie mit enttäuschten Gefühlen. Ein Coburger war für ihn nicht gerade das Ideal eines Schwiegersohnes, weil diese Familie unter dem europäischen Adel als ehrgeizig verschrien war. Charlottes Mutter, die gute Karoline, wurde nach ihrer Meinung nicht gefragt.

Prinz Leopold und Dr. Stockmar taten so, als seien sie bloß zu einem freundschaftlichen Besuch gekommen.

Trotzdem durchschaute Charlotte sehr schnell, was hier gespielt werden sollte.

Wenige Tage später erklärte sie gesprächsweise ihrem Vater, dass dieser Leopold von Coburg gar kein übler Mensch sei und es sich eigentlich recht gut mit ihm leben lassen müsste. Ohne es selber zu wissen, förderte der Vater noch Dr. Stockmars Plan, indem er deutlich zu verstehen gab, dass ihm an einer Heirat Charlottes mit dem Coburger nicht das Geringste gelegen war. Erst jetzt wurde Charlotte hartnäckig. Sie setzte sich so beharrlich für eine Heirat mit dem Coburger Prinzen Leopold ein, dass Leopold nichts mehr übrig blieb, als formell um die Hand der Prinzessin anzuhalten.

Am 2. Mai 1816 gab Charlotte mit lauter Stimme ihr Jawort.

In der Hochzeitsnacht fand Leopold seine »Inselfrau«, wie er sie nannte, so kalt, dass er erschauderte. »Ich vermochte nicht, sie zu erwärmen«, schrieb er an Dr. Stockmar, »ihre Kälte schnitt mir ins Herz. Diese Frau ist aus Eis. Ich glaube, dass eine Wärmflasche, die sie sich abends mit ins Bett nimmt, des Morgens gefroren sein muss.«

Charlotte benahm sich aber auch tagsüber alles andere als angenehm und umgänglich, sie machte Leopold das Leben mit ihren Launen, ihren Hysterien und ihrer Boshaftigkeit so schwer, dass er manchmal drauf und dran war, sie durchzuprügeln oder einfach stehen zu lassen.

Er tat beides nicht. Sie musste ihm ein Kind schenken, um seine Stellung zu festigen. Es lag bestimmt weder an seinem guten Willen noch an seinem Können, dass dieser Wunsch nicht in Erfüllung ging. Ohne Zweifel war es Charlotte, die sich ihm versagte oder überhaupt versagte. Ein Jahr nach der Hochzeit starb Charlotte. In der Sterbestunde flüsterte sie: »Sag August, dass ich ihn nie vergessen habe« - eine Botschaft, die den Preußenprinzen - wenn sie ihn überhaupt je erreichte - bestimmt nicht mehr interessierte, da er längst nicht mehr an die kleine überspannte Prinzessin in England dachte.

19,81 ₼
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