Kitabı oxu: «Unreife Herzen»
Marie Louise Fischer
Unreife Herzen
SAGA Egmont
Unreife Herzen
Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og RInghof A/S
Copyright © 2017 by Erbengemeinschaft Fischer-Kernmayr, (www.marielouisefischer.de) represented by AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de)
Originally published 1977 by Heyne Verlag, Germany
All rights reserved
ISBN: 9788711719206
1. Ebook-Auflage, 2017
Format: EPUB 3.0
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Die Orgel rauschte auf mit einer Bachschen Fuge, als Gina, siebzehn Jahre, geleitet von ihrem Vater, dem Tierarzt Dr. Lowitzer, die wunderschöne Barockkirche auf der »Wies« betrat.
Gina hob die Augen, um sie gleich darauf wieder, geblendet von all dem Glanz, zu senken — der riesige ovale Kirchenraum schien geradezu im Licht zu schwimmen. Die Symphonie der Farben, der überirdische Strom von Tönen, das überwältigende Glücksgefühl in ihrem Herzen überfiel die junge Braut wie ein Schwindel. Sie mußte sich am Arm ihres Vaters festklammern, um nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren.
Dies alles war so traumhaft schön, so ganz und gar unwirklich — und doch war es Wahrheit! Sie, Gina Lowitzer, vor wenigen Wochen noch Unterprimanerin, ein Mädchen unter vielen, hatte es erreicht: sie war die Braut des Mannes geworden, den sie liebte.
Mit gesenkten Augen, feierlich Schritt für Schritt, ging Gina am Arm ihres Vaters auf den prächtigen Hochaltar zu. Tausend Gedanken und Gefühle durchzuckten in diesem einmaligen, unwiederbringlichen Augenblick ihren Kopf und ihr Herz; doch alle wiesen sie nur auf ein Ziel hin: auf Thomas, Rechtsanwalt Dr. Thomas Miller, der in dieser Stunde ihr Ehemann werden würde.
Gina hatte die Nacht zuvor kaum geschlafen, noch auf der Fahrt zum Standesamt hatte sie nicht gewagt, ihrem Glück ganz zu vertrauen, bis zum letzten Moment hatte sie immer noch gefürchtet, daß etwas dazwischen kommen würde, obwohl sie tapfer versucht hatte, ihre Ängste wegzulachen.
Aber das Glück war so übermächtig, so innig herbeigesehnt, so leidenschaftlich erkämpft, daß sie es einfach nicht ganz zu fassen wagte. Sie wußte selber nicht, was sie eigentlich fürchtete, oder doch: daß Thomas es sich in der letzten Minute anders überlegt haben könnte, daß ihr Vater die Erlaubnis zurücknahm, daß irgendeine fremde feindliche Macht sich zwischen sie drängen und für immer auseinanderreißen könnte.
Doch jetzt war alles vorbei, jetzt endlich endlich hatte sie es geschafft!
Gina atmete tief und hob die Augen — ihr Blick fiel auf die beiden hohen Säulen rechts und links des Tabernakels in festlich aufleuchtendem Rot, die goldenen Kapitäle, den blauseidenen Baldachin über dem Lamm Gottes und auf die verspielte Anmut der barocken Engelkinder, die überall waren, lächelnd, unbeschwert, voll seliger himmlischer Freude.
Mit einem Atemzug, der wie ein Seufzer klang, glitt ihr Blick herab und zur Seite — sie sah Hanna und Ute, ihre Schulfreundinnen und Brautjungfern, reizend anzusehen in ihren zartrosa Kleidchen, die sie selber ausgesucht hatten, und die sich doch nicht im entferntesten mit ihrem eigenen herrlichen Brautkleid vergleichen ließen, einem Traum aus weißer Brüsseler Spitze. Sie sah ihren Bruder Wolfgang im schwarzen, schon ein wenig ausgewachsenen Anzug, ein törichtes Grinsen um den knabenhaften Mund, hinter dem er Verlegenheit mit Rührung zu verbergen suchte. Sie sah ihre Mutter, deren Gesicht leicht verzerrt war, als ob sie gleich anfangen wollte zu weinen, und dann sah sie ihn — Thomas, den Bräutigam, der, geleitet von seinem Sozius Dr. Jahn, von der anderen Seite des Langschiffs her auf sie zukam, um sich mit ihr vor dem Altar zu treffen.
Gina scheute sich, ihn voll anzusehen, beobachtete ihn nur verstohlen unter ihren langen, sanft gebogenen Wimpern heraus — sein männliches, jetzt vor lauter Feierlichkeit fast ausdrucksloses Gesicht, die braunen schön geschnittenen Augen, das schwarze, dicht an den Kopf gebürstete Haar.
Thomas, jubelte es in ihr, oh, Thomas!
Am liebsten hätte sie sich, als er jetzt dicht vor ihr stand, in seine Arme geworfen, hätte seine hohen Backenknochen, seine schmale Stirn mit zärtlichen Händen berührt — ihre Augen trafen sich für den Bruchteil einer Sekunde, und sie spürte mit leisem Erschauern, daß in seinem Blick dieselbe Liebe lag wie in ihrem Herzen.
Gleichzeitig machten beide die kleine Wendung zum Altar hin, knieten nebeneinander auf dem samtbezogenen Schemel nieder.
Noch durchdröhnten die Klänge der Bachschen Fuge die wundervolle spätbarocke Wallfahrtskirche des Baumeisters Dominikus Zimmermann, drangen mit lebendiger Kraft in alle Herzen.
Gina preßte die Hände gegeneinander. — Lieber Gott, betete sie, ich danke dir, ich danke dir, ich danke dir! Daß du Thomas und mich zusammengeführt hast, daß du mir seine Liebe geschenkt hast, daß ich seine Frau werden darf! Beschütze uns, beschütze ihn und mich, segne unsere Ehe!
Mit einem mächtigen Akkord verebbten die Orgelklänge, die Hochzeitszeremonie begann. Die junge starke Stimme des Traupfarrers hallte durch die Kirche, die Ministranten antworteten im Wechselgespräch. Gina war viel zu aufgeregt, um irgend etwas von dieser feierlichen und ausgewogenen Zeremonie tatsächlich bewußt in sich aufzunehmen.
Erst als Thomas, der Mann an ihrer Seite, aufgerufen wurde, kehrte ihr fieberhaft erregter Geist in die Wirklichkeit zurück.
»Thomas, ich frage dich«, sagte der Pfarrer, »hast du vor Gott dein Gewissen geprüft und bist du frei und ungezwungen hierher gekommen, mit dieser deiner Braut die Ehe einzugehen?«
»Ja!« Die Stimme des Bräutigams klang klar und fest.
»Bist du gewillt, deine künftige Gattin zu lieben, zu ehren und ihr die Treue zu halten, bis der Tod euch scheidet?«
»Ja.«
»Bist du bereit, die Kinder, die Gott euch schenken will, aus seiner Hand anzunehmen und zu erziehen, wie es Pflicht eines christlichen Vaters ist?«
»Ja.«
Jetzt kam der Augenblick, dem Gina seit Minuten entgegengezittert hatte. Der Priester wandte sich ihr zu.
»Regina, ich frage auch dich: Hast du vor Gott dein Gewissen geprüft und bist du frei und ungezwungen hierher gekommen, um mit diesem deinem Bräutigam die Ehe einzugehen?«
Gina fand vor Aufregung kaum Atem. Ihr »Ja« kam heiser, kaum hörbar heraus. Sie hätte sich gerne geräuspert, aber sie wagte es nicht.
»Bist du gewillt, deinen künftigen Gatten zu lieben, zu ehren und ihm die Treue zu halten, bis der Tod euch scheidet?«
»Ja!« Diesmal gelang es ihr schon besser.
»Bist du bereit, die Kinder, die euch Gott schenken will, aus seiner Hand anzunehmen und zu erziehen, wie es Pflicht einer christlichen Mutter ist?«
»Ja.«
»Da ihr also beide zu einer wahren christlichen Ehe entschlossen seid, so stecket einander den Ring der Treue an und sprechet mir nach: Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes: Trag diesen Ring als Zeichen deiner Treue!«
Gina sah auf Thomas Millers schmale, sensible Hände, die ihr den flachen Goldreif über den Finger streiften, wagte ein ganz kleines, schüchternes Lächeln zu ihm, das ihm entging, da er damit beschäftigt war, alles richtig und ohne Fehler zu machen. Sie betrachtete ihre Hand, die jetzt plötzlich verändert schien, erwachsen, die Hand einer Frau, besann sich gerade noch rechtzeitig, daß sie jetzt an der Reihe war, ihm seinen Ring überzustreifen.
»Nun schließt den Bund der heiligen Ehe«, forderte der Priester sie auf. »Reichet einander die rechte Hand!«
Ginas Hand legte sich in die ihres Mannes, als ob sie in seinem Griff Schutz und Geborgenheit suchte. Der Priester umschlang ihre vereinigten Hände mit seiner Stola.
»Und sprecht mir nach«, ertönte die Stimme des Priesters: »Vor Gottes Angesicht nehme ich dich, Regina, zu meiner Ehefrau!«
Ginas Stimme klang ganz klar und leicht, als sie die Worte des Pfarrers nachsprach: »Vor Gottes Angesicht nehme ich dich, Thomas, zu meinem Ehemann!«
Ihr Herz erbebte, als der Traupfarrer die uralte Confirmatio sprach: »Im Namen der Kirche bestätige ich den Bund, den ihr geschlossen, und segne ihn: Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.«
Wie von weit her hörte sie das Schluchzen ihrer Mutter, als er sich an die Gemeinde wandte und mit kraftvoller Stimme rief: »Euch aber, die ihr hier gegenwärtig seid, nehme ich zu Zeugen dieses heiligen Bundes: Was Gott verbunden hat, soll der Mensch nicht trennen!«
Nachher kamen die Küsse, die Glückwünsche, die Tränen der Mutter und der Tanten, die bemüht witzigen Bemerkungen der Freundinnen — Gina, die dies alles schon zum zweiten Mal an diesem Tag über sich ergehen lassen mußte, hatte keinen anderen Wunsch, als endlich mit Thomas allein zu sein.
Aber es war noch lange nicht so weit.
In dem großen Gasthof, zweihundert Meter von der »Wies« entfernt, war das Hochzeitsessen gerichtet. Die kleine Gesellschaft schlenderte hinüber, Gina fast auf Zehenspitzen, ängstlich darauf bedacht, ihre weißen Seidenpumps nicht zu beschmutzen. Der vorhin noch leuchtend blaue Oktoberhimmel hatte begonnen, sich bedrohlich zu verdüstern. Gina blickte erschrocken hoch, als sie einen Tropfen auf ihrer Nase spürte.
Aber auch die anderen hatten es schon bemerkt.
»Regen am Hochzeitstag bedeutet Tränen!« rief Ute, fast frohlockend.
»Unsinn!« widersprach Onkel Ludwig, ein Bruder von Dr. Lowitzer lachend. »Das ist der Segen des Himmels!«
Für Gina war der Regen weder ein gutes, noch ein böses Vorzeichen. Ihr war es nur wichtig, ihr kostbares Kleid in Sicherheit zu bringen, und unwillkürlich fiel sie in einen Laufschritt. Wie auf ein Kommando setzten auch die anderen sich in Trab, atemlos, mit zerzaustem Haar und leuchtenden Augen erreichte man die Türe zum Gasthof.
Gina warf noch einen Blick zurück auf die wunderbare Kirche, in der ihr Glück besiegelt worden war — hell und harmonisch hob sie sich gegen die herbstlich bunten Wälder und den dunklen Himmel ab.
Nur eine Sekunde dauerte diese letzte stille Einkehr, dann wurde sie von dem Strom der Gesellschaft mit in das langgestreckte Extrazimmer geschoben, in dem die Hochzeitstafel gedeckt war. Dabei geschah es, daß sie von Thomas getrennt wurde. Wolfi, ihr Bruder, war plötzlich an ihrer Seite.
»Gina«, flüsterte er, »ich muß dich unbedingt sprechen …«
»Jetzt?«
»Ja. Komm mit nach draußen. Bis die sich alle gesetzt haben, vergeht massenhaft Zeit!«
Gina zögerte. Aber als sie sah, daß Thomas in ein Gespräch mit ihrem Vater vertieft war, entschloß sie sich, Wolfi zu folgen.
»Warte draußen!« raunte sie ihm zu, dann lief sie zu Vater und Ehemann, sagte: »Ich bin gleich wieder da … ich will mich nur ein bißchen frisch machen!« Dann zog sie sich, so unauffällig wie möglich, zurück.
Wolfi stand in der hintersten Ecke des dunklen, ein wenig zugigen Flurs. Gina ging rasch auf ihn zu.
»Also … was ist?« fragte sie ungeduldig.
»Kannst du dir das nicht denken?«
»Keine Ahnung!«
»Das hätte ich mir denken können«, sagte er bitter, das frische Jungengesicht trotzig verdüstert.
»Willst du mir Rätsel aufgeben? Also, dazu habe ich jetzt wirklich weder Zeit noch Lust!«
»Du hast es sehr eilig, wieder zu Thomas zu kommen, wie?«
Gina spürte die Eifersucht des jüngeren Bruders, aus der seine Liebe sprach. Sie zwang sich zur Freundlichkeit. »Komm, komm«, sagte sie, »sei nicht gleich wieder eingeschnappt. Was willst du also?«
»Dich an dein Versprechen erinnern!«
Gina mußte nachdenken. Sie wußte im Augenblick tatsächlich nicht, was Wolfi von ihr wollte.
»Tu doch nicht so, als wenn du alles vergessen hättest!« sagte er wild. »Hundertmal hast du mir gesagt: wenn ich erst mal verheiratet bin, werde ich dir helfen, daß du dein Moped bekommst!«
»Ach so! Davon redest du!«
»Ja, genau. Also was ist … krieg ich es nun oder nicht?«
Sie holte tief Atem. »Hör mal, Wolfi, mir scheint, du bist total verrückt geworden! Damit kommst du mir ausgerechnet jetzt?!«
»Wann denn Sonst? Heute abend gehst du auf die Hochzeitsreise … und wer weiß, wann ich dich dann überhaupt noch sehe!«
»In vierzehn Tagen sind wir zurück. Von München aus werde ich sofort anrufen, und ich verspreche dir, ich werde mit Vater reden …«
»Versprechen! Versprechen! Das ist alles, was du kannst! Tu doch endlich auch mal etwas. Oder sind wir dir jetzt, wo du verheiratet bist, auf einmal alle gleichgültig geworden?«
»Hör mal, jetzt will ich dir mal etwas sagen … du hast einen ausgewachsenen Vogel!« Gina wandte sich von Wolfi ab und ging auf den großen Flurspiegel zu.
Er kam hinter ihr her, packte sie beim Handgelenk. »Du mußt mit Vater reden, noch heute! Du mußt es einfach, Gina!«
Sie sah ihn über die Schulter weg an. »Warum tust du es nicht selbst. Verrückt genug dazu wärst du ja!«
»Ich will mein Recht … weiter nichts als mein Recht!«
»Au, du tust mir ja weh!« rief Gina empört.
»He, was ist denn hier los?« Hanna, die eine der Brautjungfern, war aus dem Hochzeitszimmer gekommen und trat zu den Geschwistern. »Alle warten drinnen auf dich, Gina!«
Wolfi ließ Gina los, zog sich brummend zurück.
»Ich komm ja schon!« Gina betrachtete ihr Bild, das der dämmrige Spiegel bleich und ganz unwirklich wieder gab. Sie hob beide Arme, steckte eine ihrer widerspenstigen blonden Locken unter den kleinen, kokett abstehenden Schleier.
»Was wollte denn dein Bruder von dir?« fragte Hanna mit einem Blick zur Türe hin, durch die sich Wolfi verzogen hatte.
»Ein Moped«, erklärte Gina trocken.
»Phantastisch! Ausgerechnet heute an deinem Hochzeitstag kommt er dir mit so etwas? So ein Spinner.«
Gina hatte sofort das Bedürfnis, ihren Bruder in Schutz zu nehmen. »Er kämpft schon wer weiß wie lange darum«, sagte sie entschuldigend.
»Soll er doch! Was geht dich das an?« Hanna trat näher, berührte bewundernd Ginas Spitzenkleid. »Phantastisch! Menschenkind, ich bin mal gespannt, ob sich mein Vater später auch so in Unkosten stürzen wird!«
Gina zuckte die Achseln, machte noch einen Schritt auf ihr Spiegelbild zu, aber sie konnte in der schlechten Beleuchtung nur die Konturen ihres weichen Gesichtchens erkennen.
Sie wandte sich Hanna zu. »Wie sehe ich aus?«
»Wie ein Engel aus Himmels Höhen!«
»Ich meine … ist alles in Ordnung?«
»Und ob! Überhaupt, ganz ehrlich, ich bewundere dich … wie du bei dem allen so ruhig sein kannst!«
»Ich? Hast du eine Ahnung! Hast du nicht gemerkt, daß ich in der Kirche vor lauter Aufregung kaum ein Wort hervorgebracht habe?«
»Das meine ich nicht. Nicht das ganze Drum und Dran. Davor hätte ich auch keine Angst.« Hanna trat sichtlich verlegen von einem Fuß auf den anderen. »Aber das, was später kommt!« Sie druckste. »Heute nacht!«
Eine Blutwelle schoß in Ginas helles Gesicht, aber die behauptete mit fester Stimme: »Daran denke ich jetzt noch gar nicht! Und überhaupt, wenn man sich liebt …«
»Phantastisch!« Hanna merkte gar nicht, daß sie ihr Lieblingswort jetzt schon zum dritten Mal in den letzten Minuten angewandt hatte. »Du bist wirklich phantastisch, Gina …«
Gina ging an ihr vorbei auf die Tür zum Hochzeitszimmer zu.
Hanna lief wie ein Hündchen neben ihr her. »Aber du wirst uns doch alles schreiben, nicht wahr? Genau, wie es gewesen ist? Du weißt doch, was wir ausgemacht haben …«
»Ja, natürlich«, versprach Gina, aber sie wußte schon im gleichen Augenblick, daß das eine Lüge war. Sie würde über das, was nur sie und Thomas anging, weder etwas schreiben noch etwas erzählen und am allerwenigsten den beiden neugierigen Freundinnen. Noch vor wenigen Wochen waren sie zusammen zur Schule gegangen, hatten manchen Spaß und manchen Streit miteinander gehabt — aber Gina erkannte ganz klar, daß die Trennung zwischen ihnen endgültig vollzogen war. Sie war aufgebrochen, während die anderen am Ufer zurückblieben und ihr nur neidvoll nachblicken konnten.
Gina öffnete die Türe zum Extrazimmer. Lachen und Geplauder schlugen ihr entgegen. Einen Augenblick lang stand sie fast verloren auf der Schwelle, dann hatte Thomas sie entdeckt.
Er rief ihr über die Köpfe der anderen hinweg zu: »Komm schnell, Gina, setz dich! Wir haben alle auf dich gewartet!«
Er kam ihr entgegen, reichte ihr den Arm und führte sie zum Kopfende der langen Tafel. Honiggelbe Kerzen brannten, die Plätze der Brautleute waren mit roten Rosen geschmückt.
»Der große Moment ist gekommen«, sagte Onkel Ludwig.
»Jetzt kann’s endlich losgehen!« rief Ute, seine Tischdame.
»Was ist?« wandte sich Gina leise an Thomas. »Wovon sprechen sie?«
»Von den Telegrammen. Ich soll sie vorlesen.«
Aber es kam noch nicht sogleich dazu.
Als Gina und Thomas Platz genommen hatten, erhob sich Dr. Jahn und brachte in netten und freundschaftlichen Worten den ersten Toast auf das junge Paar aus. Alle verließen ihre Sitze und gingen in einer langen Prozession an Gina und Thomas vorbei, um mit ihnen anzustoßen. Gina lächelte, dankte, lächelte, dankte, ohne sich später an ein einziges Gesicht erinnern zu können. Sie war froh, als es endlich soweit war, und ihr Vater Thomas den Stoß Glückwunschtelegramme herüberreichte.
Während Thomas sie vorlas — immer wieder von Gelächter und Beifall unterbrochen — waren Ginas Gedanken weit fort. Sie dachte an die Nacht, die kommen, die sie in den Armen ihres Mannes finden würde. Bisher hatte sie sich das ganz selbstverständlich vorgestellt. Aber jetzt hatten Hannas neugierige Worte Unbehagen in ihr erweckt, das wuchs und wuchs und ihr die Kehle zusammenschnürte.
Sie musterte Thomas mit scheuen Blicken von der Seite — sein gut geschnittenes Profil mit der sehr geraden Nase, der leicht vorgeschobenen Unterlippe, sie betrachtete ihn, zum erstenmal, seit sie ihn kannte, wie einen Fremden.
War er nicht ein Fremder für sie? Vor fünf Monaten waren sie sich zum ersten Mal begegnet, als er seinen Urlaub in ihrer Heimatstadt Garmisch-Partenkirchen verbrachte. Sie hatte sich sofort und ohne Besinnung rasend in ihn verliebt, hatte ihn sozusagen im Sturm erobert, sich über den Widerstand ihrer Eltern bedenkenlos hinweggesetzt — und jetzt war sie mit ihm verheiratet. Mit Schaudern stellte Gina fest, wie wenig sie von ihm wußte, nichts, als daß er 27 Jahre alt war, ein angesehener junger Rechtsanwalt mit ausreichendem Einkommen war — sonst hätte ihr Vater ihr die Einwilligung in die Ehe bestimmt nicht gegeben — und daß er bisher als Junggeselle mit seiner Mutter zusammen gelebt hatte.
Seine Mutter — warum war sie eigentlich nicht zur Hochzeit erschienen? Thomas hatte behauptet, daß sie durch ihre Übersiedlung nach Düsseldorf in die Familie seiner Schwester zu schwer in Anspruch genommen wäre — aber war das wirklich eine Entschuldigung? Auch nur eine Erklärung? Mit plötzlicher Hellsicht begriff Gina, daß Frau Miller sie als Schwiegertochter ablehnte, sie vielleicht sogar haßte, weil sie ihr den Sohn genommen hatte. Aber sie schüttelte diesen unbehaglichen Gedanken mit der ganzen Unbekümmertheit ihrer Jugend von sich ab — was scherte sie seine Mutter, wenn sie nur seine Liebe besaß!
Ihre kleine Hand bewegte sich langsam zu ihm hin. Es war, als wenn er ihre Angst und ihr Verlangen spürte. Er umfaßte ihre Finger mit festem, zuverlässigen Druck, zog sie an die Lippen — und plötzlich löste sich der Kloß in ihrer Kehle auf, alles Unbehagen war verschwunden, ja, schon vergessen. Nichts mehr war übrig geblieben, als das überwältigende Glück, mit dem Mann ihrer Liebe verheiratet zu sein.
»Mutter und ich«, las Thomas, »sind in Gedanken heute bei dir, lieber Thomas, und deiner jungen Frau und wünschen euch von Herzen alles Glück und alles Liebe! Deine Schwester Angela.«
Es wurde geklatscht.
»Deine Mutter ist also nicht böse auf mich?« fragte Gina ganz erleichtert.
»Schäfchen!« Er lächelte ihr zu. »Wer könnte auf dich böse sein!«
Er legte das Telegramm seiner Schwester beiseite, überflog das nächste. »Geliebter Thomas«, begann er, stockte, knickte das Telegramm zusammen und ließ es mit gerunzelter Stirn in der Tasche seiner Smokingjacke verschwinden.
»Ein geschmackloser Scherz«, sagte er, halb zu Gina, halb zu den anderen gewandt.
»Von wem?« fragte Gina, plötzlich beunruhigt.
Er konnte schon wieder lächeln. »Das werde ich dir später erklären!«
Aber dazu sollte es nicht mehr kommen. Zu viele Eindrücke stürmten an diesem Tag auf Gina ein. Als sich endlich eine Gelegenheit gab, mit Thomas zu sprechen, hatte sie den kleinen Zwischenfall längst vergessen.
Thomas Miller war froh darüber. Es wäre ihm sehr unangenehm gewesen, ihr gestehen zu müssen, daß das Telegramm von einer Frau kam, die er einmal geliebt hatte und die sich immer noch einbildete, ein Recht auf ihn zu besitzen — genauso unangenehm, wie Gina schon gleich am Hochzeitstag zu belügen.
Zur selben Zeit, als im Gasthof »Auf der Wies« der erste Gang des Hochzeitsessens aufgetragen wurde, saßen die Journalistin Vivian Geron und der Modefotograf Henry Horn in der Bar des Hotels »Bayerischer Hof« in München und tranken schwarzen Kaffee und einen Cognac.
Vivian Geron war eine schöne junge Frau Ende zwanzig, mit einem ebenmäßigen bräunlichen Gesicht unter lackschwarzem Haar, schillernden mandelförmigen Augen und einer so damenhaften Haltung, wie sie nur durch langjährige, ganz bewußte Übung erworben werden kann.
Henry Horn, ein breitschultriger, sehr attraktiver Mann betrachtete sie mit belustigtem Wohlgefallen. »Du hast ihm also tatsächlich ein Telegramm geschickt?« sagte er. »Allerhand, Vivian, du traust dich was!«
»Und warum nicht?« sagte sie kampfbereit. »Auf wen hätte ich Rücksicht nehmen sollen?«
Er zeigte lächelnd sehr schöne starke Zähne. »Rücksicht! Was für ein ungewöhnliches Wort in deinem Munde!«
»Ach, hör auf«, sagte sie ärgerlich, »tu nicht so, als wenn ich eine Bestie wäre!«
»Bist du es etwa nicht?«
»Nein. Ich hasse es einfach, daß man mich abschiebt, als ob ich …«
Sie suchte nach dem richtigen Wort. »… als ob ich ein lästiges Insekt wäre! Lach nicht so albern! Genauso hat Thomas es mit mir gemacht … das heißt, er hat es versucht! Denn noch ist nicht aller Tage Abend.«
Er ließ ein goldenes Etui aufschnappen, bot ihr eine Zigarette an. »Was hast du also vor?«
»Das weiß ich noch nicht genau!« Vivian ließ sich Feuer geben, blies den Rauch durch die Nase. »Aber irgend etwas wird mir schon einfallen.«
Henry Horn hatte sich selber eine Zigarette angesteckt, ließ sein Etui offen auf dem Tisch liegen. »Davon bin ich überzeugt.« Er nahm einen Schluck Cognac. »Ich bin weit entfernt, mir ein Urteil über deine Einstellung anzumaßen, aber du wirst mir wenigstens erlauben, daß ich mich wundere …«
»Worüber?«
»Nun, ich hatte dich bisher immer für eine sehr selbständige, vernünftige junge Frau gehalten — eher kalt als heiß, möchte ich sagen. Ich wäre nie im Traum darauf gekommen, daß du darauf aus warst, diesen jungen Rechtsanwalt einzufangen.«
Sie hob die sorgfältig ausrasierten Augenbrauen. »Du sprichst von einfangen? Ich fürchte, wir reden verschiedene Sprachen.«
»Willst du etwa leugnen, daß du im Grunde genommen doch vorhattest, dich von ihm heiraten zu lassen?«
Sie blähte verächtlich die Nasenflügel. »Was für eine absurde Idee! Traust du mir so eine Geschmacklosigkeit etwa allen Ernstes zu?«
»Geschmacklos könnte ich diesen Wunsch eigentlich gar nicht finden. Höchstens natürlich. Ihr Frauen seid doch alle darauf aus, Nestchen zu bauen. Früher oder später überkommt es jede.«
»Tut mir leid, mein Lieber!« Vivian streifte mit einer unbeherrschten Bewegung die Asche ihrer Zigarette ab. »Du hast völlig danebengetippt. Was mich mit Thomas Miller verbunden hat, war nichts als eine gute Freundschaft!«
»Na, na, na!« sagte er ironisch.
Sie sah ihn herausfordernd an. »Mit allen Konsequenzen versteht sich. Er war nicht der erste Mann in meinem Leben, und ich hatte niemals damit gerechnet, daß er der letzte sein würde.«
»Wenn die Dinge so stehen … weshalb regst du dich dann so über seine Heirat auf?«
»Das habe ich dir schon einmal gesagt … weil ich es nicht liebe, abgeschoben zu werden. Du kannst dir nicht vorstellen, wie er sich mir gegenüber benommen hat, nein, du kannst es nicht. Er fuhr in diesem Frühsommer nach Garmisch in Urlaub wir hatten eigentlich gemeinsam verreisen wollen, aber dann mußte ich zu dieser Modereportage nach Palm Beach. Wir trennten uns in bestem Einvernehmen … ohne Streit, ohne Spannungen, ohne die Spur einer Entfremdung … und dann, als ich zurückkam, eröffnete er mir ganz kalt, daß es aus zwischen uns sein müßte! Nun sag einmal selber …«
»Scheußlich für dich«, erklärte er, aber sein Mitgefühl klang nicht ganz echt. »Ich nehme an, du hast ihm daraufhin eine Szene gemacht, daß die Wände wackelten.«
Ihre schillernden Augen verengten sich. »Du kennst mich schlecht, Henry, verdammt schlecht. Ich bin völlig ruhig geblieben, habe seine Eröffnung hingenommen, ohne mit der Wimper zu zucken.«
»Bravo! Ein Meisterstück!«
»Wieso?!« Sie zuckte die schönen Schultern. »Ich habe noch niemals versucht, einen Mann mit Kampf an mich zu fesseln. Reisende soll man nicht aufhalten, das war von jeher meine Devise.«
Er ließ sich nicht täuschen. »Aber du warst überzeugt, er würde zurückkommen?«
»Ja«, gestand sie nach einem kleinen Zögern.
»Und dann? Weiter? Hör mal, diese Geschichte ist unerhört spannend, ich merke, daß man immer noch was dazu lernen kann.«
»Dann erfuhr ich, daß ein Kind dahinter steckte …«
»Ein Kind?«
»Na, eben dieses Mädchen, das er heute geheiratet hat. Sechzehn oder siebzehn Jahre alt, Schülerin. Er hat die Kleine in seinem Urlaub in Garmisch kennengelernt … hältst du so etwas für menschenmöglich?«
»Es überrascht mich«, sagte er augenzwinkernd, »aber daß es möglich war, beweist ja, daß es geschehen ist!«
»Hör auf mit deinen Spitzfindigkeiten. Das weiß ich natürlich auch. Aber es ist unglaublich, einfach unausdenkbar …. mich wegen eines Teenagers abzuschieben!«
»Da hättest du eigentlich früher kommen müssen. Ist das alles nicht jetzt schon zu spät? Du scheinst zu übersehen, daß die beiden inzwischen verheiratet sind!«
»Na, wenn schon«, erklärte Vivian Geron mit einem bösen Lächeln. »Schließlich kann man sich scheiden lassen!«
Frau Miller saß im Wohnzimmer der kleinen Düsseldorfer Neubauwohnung, eine elegante zierliche Frau, mit sorgfältig zurechtgemachtem Gesicht und wohl frisiertem, bläulich getöntem Haar. Sie hielt ein Buch in den Händen, aber sie las nicht, sondern starrte durch das Fenster in den verdämmernden Tag hinaus.
Ihre Gedanken waren weit fort, bei Thomas, ihrem Sohn, den sie heute für immer verloren hatte.
Als ihre Tochter ins Zimmer trat, zuckte sie zusammen, wie ertappt.
Angela war mit zwei Schritten mitten im Raum, knipste die Stehlampe an, die das Zimmer sofort mit goldenem Licht überflutete. »Aber, Mama«, sagte sie, »warum sitzt du denn im Dunkeln? Du wirst dir die Augen verderben!«
»Meine Augen sind immer noch sehr gut«, erwiderte Frau Miller, gereizt über die unerwünschte Störung.
Angela sah die Mutter halb mitleidig, halb bewundernd an. »Aber daran zweifle ich ja gar nicht, Mama.«
»Dann mach mir, bitte, auch nicht dauernd Vorhaltungen!«
»Dauernd? Nur weil ich mir zu sagen erlaubte …« Angela unterbrach sich. »Schon gut, Mama, entschuldige. Ich weiß, du hast heute einen schweren Tag.«
Angela ging zum Fenster, zog die Vorhänge zu. Sie war eine schlanke, sehr sportliche Frau mit breiten Schultern, kräftigen, aber außerordentlich gepflegten Händen, denen man die Arbeit in Haushalt und Küche nicht ansah. Sie trug das starke braune Haar jungenhaft kurz geschnitten, und die Tatsache, daß sie zu Hause fast ständig in Hosen ging — grade jetzt mit einem bunten schwedischen Cocktailschürzchen vorgebunden — betonte noch die sehr sachliche und selbstbewußte Art ihres Auftretens.
»Ich werde uns jetzt einen Tee aufbrühen, Mama«, sagte sie mit gewollter Unbefangenheit. »Oder möchtest du lieber einen Cocktail?«
»Danke. Sehr lieb von dir. Aber ich werde mich jetzt zurückziehen.«
Angela blieb vor ihrer Mutter stehen. »Warum denn das?«
»Weil dein Mann gleich nach Hause kommt.«
»Na und? Deshalb brauchst du doch nicht zu fliehen. Schließlich bist du ja jetzt hier zu Hause.«
»Nett, daß du das sagst. Aber dein Mann …«
»Hans ist abgespannt, wenn er heimkommt. Das ist doch klar. Er will erst mal seine Ruhe haben, nichts weiter. Glaubst du, er hat mir gegenüber sonst den glänzenden Gesellschafter gespielt? Du erwartest zuviel von den Menschen, Mama, das ist dein Fehler.«
»Er scheint eine seltsame Auffassung von Ruhe zu haben. Das Indianergeheul deiner Kinder läßt ihn jedenfalls immer völlig ungerührt.«
»Aber er freut sich doch, sie zu sehen. Und wenn sie ein bißchen laut sind … du lieber Gott, Kinder sind nun einmal so. Waren Thomas und ich etwa anders?«
»Ja, Angela. Ihr wart von klein auf gut erzogen.«
»Danke«, sagte Angela und versuchte ihr Unbehagen mit eninem Lachen abzuschütteln. »Ich sehe, du bist wieder einmal in deiner liebenswürdigsten Laune. Ich könnte dir jetzt sagen, daß die Erinnerung dir einen Streich spielt … aber wozu? Ich bitte dich für meine unmögliche Familie um Entschuldigung. Mehr kann ich leider nicht tun.«
Frau Miller erhob sich mit steinernem Gesicht und wollte zur Tür.
Angela lief ihr nach, legte den Arm um ihre Schulter. »Mama, bitte, wollen wir nicht versuchen uns zu vertragen? Ich weiß ja, du meinst es gar nicht so. Es bedrückt dich, daß Thomas heiratet und du nicht dabei bist!«