Kitabı oxu: «Wildes Blut»

Şrift:

Marie Louise Fischer

Wildes Blut

Roman

Saga Egmont

Wildes Blut

Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og Ringhof A/S

Copyright © 2017 by Erbengemeinschaft Fischer-Kernmayr, (www.marielouisefischer.de)

represented by AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de)

Originally published 1967 by Schweizer Verlagshaus

All rights reserved

ISBN: 9788711719329

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt og Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com

Fast im gleichen Augenblick, als das Pausenzeichen ertönte, öffneten sich die Klassentüren, und die Schüler und Schülerinnen des »Geschwister-Scholl-Realgymnasiums« hasteten, rannten, stolperten und drängten die Gänge entlang und die breite Treppe hinunter dem Schulhof zu.

Die sechste Klasse versuchte, in dem allgemeinen Durcheinander beisammen zu bleiben, ließ sich Zeit, hielt sich dicht beim Geländer.

»Eigentlich komisch, daß Susi so plötzlich abgegangen ist«, ließ sich Jochen Körner mit erhobener Stimme vernehmen, »ich verstehe nicht …«

Es gelang ihm nicht, den Lärm der trappelnden Füße, des Lachens und Schreiens zu durchdringen, der in dem hohen Treppenhaus widerhallte. Es war der erste Tag nach den Sommerferien, und besonders die jüngeren Jahrgänge revoltierten noch gegen die strenge Ordnung des Schulbetriebes wie wilde Pferde gegen den ungewohnten Sattel.

»Was hast du gesagt, Jochen?« brüllte sein Freund Artur Holm zurück.

»Wegen Susi! Ich meine …«

»Sprich lauter! Ich verstehe immer nur Bahnhof!«

Mit einem Achselzucken gab Jochen es auf.

Er war ein schlanker, noch nicht ausgewachsener Junge mit einem gutgeschnittenen Gesicht, das ausgesprochen sympathisch gewirkt hätte, wenn er nicht so mürrisch dreingeblickt hätte. Seine blauen Augen sahen düster in die Welt, die festen, vollen Lippen waren zusammengepreßt, die Stirn in Falten gelegt. Selbst das braune, leicht lockige Haar schien aus Protest zu Berge zu stehen. Jochen Körners Haut war immer, selbst in der sonnenlosesten Zeit, leicht gebräunt, nun, nach den Ferien, tief braun gebrannt. Das weiche Haar fiel ihm, wenn er es gebürstet und gekämmt hatte, vorne in die Stirn, hinten bis in den Nacken – jetzt aber stand es, wie gesagt, ungebärdig wie eine Löwenmähne nach allen Seiten.

Sibylle Sandner, die dicht hinter ihm ging, spürte den heftigen Wunsch, ihn noch mehr zu zerzausen und nachher wieder zurechtzustriegeln – aber das war einer dieser Wünsche, die man niemals aussprach, und sie errötete, als wenn die anderen ihre Gedanken erraten könnten. Aber niemand achtete auf sie.

Sie hatten jetzt das Schultor erreicht, hüpften die Freitreppe hinunter, und im gleichen Augenblick, als Jochen Körner die kleine Lilo aus der zweiten Klasse mit wehenden Zöpfen heranrasen sah, hielt er unwillkürlich Ausschau nach seinem jüngeren Bruder.

Und da kam er auch schon angerannt, Jan mit den kohlschwarzen Haaren und den schrägen, schmalen Augen, in denen tausend Kobolde tanzten. Er war so besessen von dieser Verfolgungsjagd, daß er seinen Bruder gar nicht bemerkte. Der Abstand zwischen ihm und seiner Mitschülerin verringerte sich, und es war durchaus abzusehen, wann es ihm gelingen würde, Lilos Zöpfe zu packen und das Mädchen zurückzureißen, dessen Gesicht schon hochrot angelaufen war vor Anstrengung und Angst – da griff Jochen ein.

Genau im richtigen Moment stellte er seinem kleinen Bruder ein Bein, packte ihn, noch ehe er hinschlagen konnte, im Nacken, schüttelte ihn wie einen jungen Hund.

Jan versuchte, nach ihm zu treten und zu schlagen, gab es aber, als sich Jochens Griff daraufhin nur schmerzhaft verstärkte, bald auf, ließ Arme und Beine baumeln wie eine Gliederpuppe.

»Du verdammter kleiner Idiot«, schimpfte Jochen, »fällt dir nichts Besseres ein, als die Mädchen zu ärgern!? Bildest dir wohl ein, das wäre eine Heldentat, wie! Wenn du dabei erwischt wirst, kannst du pausenlos Strafarbeiten machen … du saudummes Ungeheuer, du!« Mit einem Stoß, der ihn fast zu Fall brachte, schob er den Jungen von sich.

Lilo, die erst nach einer Weile gemerkt hatte, daß sie nicht mehr verfolgt wurde, stand jetzt, immer noch nach Luft japsend, mit ein paar Freundinnen beisammen und fühlte sich nun, da ihr so unverhofft Hilfe gekommen war, sehr stark. Weit davon entfernt, das Kriegsbeil zu begraben, lachte sie Jan unverhohlen aus, und als er, wütend und beschämt mit hocherhobenem Kopf an der Mädchengruppe vorbeimarschierte, streckten ihm alle wie auf Kommando die Zunge heraus. Jan machte einen Sprung auf sie zu, und sie stoben schreiend auseinander. Aber ihm war die Lust zu einem neuen Spiel vergangen. Er begann sein Butterbrot auszupacken, beschnüffelte es kritisch, klappte es auf und wieder zu, bevor er den ersten kräftigen Biß tat.

Ohne sich weiter um die Kleinen zu kümmern, schlenderte Jochen Körner seinen Mitschülern nach.

Artur Holm und Peter Hesse hatten sich auf die kleine Mauer geschwungen, die einen Teil des Schulhofes zum Sportplatz hin abgrenzte. Aber sie rutschten sofort beiseite, als Jochen ankam, machten ihm Platz. Sibylle Sandner hatte sich auf den Rand einer Laubkarre gesetzt, Anita Klemme stand neben ihr. Die anderen hatten sich verlaufen, nur die Clique der fünf war zusammen geblieben.

»Ich wußte, daß Susi nicht wieder kommen würde«, sagte Anita gerade, als Jochen dazukam, und malte mit dem Absatz Kreise in den Kies.

»Nun halt mal die Luft an!« Peter verdrehte seine porzellanblauen Augen. »Du bist wohl unter die Hellseher gegangen, wie?«

Anita war ein zierliches Mädchen mit milchweißer Haut, rotblondem Haar und grasgrünen Augen. Sie sah reizend aus in dem engen blauen Leinenrock, dem ärmellosen rosa Pullover, aber sie war sich dessen durchaus nicht bewußt, hielt sich eher für häßlich und litt unter ihrer inneren Unsicherheit.

Auch jetzt traten ihr bei Peters groben, aber durchaus nicht böse gemeinten Worten sofort die Tränen in die Augen, und sie lief puterrot an. Sie wollte sich umdrehen und weglaufen, aber Sibylle hielt sie beim Handgelenk fest.

»Ich habe es auch gewußt«, sagte sie.

»So, auf einmal?« spottete Artur. »Dann seid doch so nett und erklärt uns mal, warum sie’s denn aufgesteckt hat!«

Sibylle warf ihr blondes schulterlanges Haar mit einer raschen, ein wenig hochmütigen und für sie sehr charakteristischen Bewegung in den Nacken. »Das würdet ihr doch nicht verstehen!«

»Ach nee! Haltet ihr euch für so viel klüger als uns?« Jetzt mischte sich auch Jochen ein. »Laß sie doch«, sagte er, »die machen sich ja bloß wichtig. Die haben keinen blauen Dunst, sonst würden sie schon reden.«

Sibylle richtete ihre klaren grauen Augen fest auf sein Gesicht. »So, denkste!«

»Genau!« Jochen stieß seine beiden Freunde an. »Kommt, haun wir ab.« Er schnellte von der Mauer.

»Es ist … ich würde es euch ja gerne sagen«, versicherte Anita hastig, »nur … ich hab’s Susi versprochen, es ist ein Geheimnis.«

»Schon kapiert«, sagte Jochen, »behalt’s für dich.«

»Aber wieso denn?« rief Artur. »Entweder sind wir eine Clique oder nicht! Ein Geheimnis … so weit kommt das noch! Raus mit der Sprache, oder ihr könnt mal sehen, wer euch die Matheaufgaben macht.«

»Ich glaube«, sagte Sibylle lächelnd, »die bringe ich schon noch ohne eure Hilfe fertig!« Doch als sie sah, daß die drei Jungen sich tatsächlich in Bewegung setzten, fügte sie hinzu: »Lauft nicht weg, wir sagen’s ja schon! Das ist ja alles Quatsch: Geheimnis und so. In ein paar Monaten merkt’s doch jeder.«

Jochen blieb stehen, wandte sich ruckartig um. »Was?«

»Daß Susi ein Kind bekommt!« platzte Anita heraus.

Ein Schweigen entstand, ein Schweigen, das wie ein tiefes Atemholen war. Die jungen Leute wagten einander plötzlich nicht mehr anzusehen.

»Du spinnst ja«, sagte Artur endlich unsicher.

»Sei nicht blöd!« Jochen stieß den Freund an. »So was denkt sich doch keiner aus!«

Artur fuhr sich mit einer fahrigen Bewegung durch sein kurzgeschnittenes aschblondes Haar. Er war einer der Besten in der Klasse, galt als Ausbund von Intelligenz. Aber jetzt war er so verdattert, daß sein Gesichtsausdruck geradezu töricht wirkte. »Susi?« stotterte er. »Aber … ich kann mir nicht vorstellen! Könnt ihr denn? Ausgerechnet Susi, sie war doch immer so … so … na eben, wer hätte denn an so etwas gedacht!«

»Sie war sechzehn«, erklärte Sibylle sachlich, »ein Jahr älter als wir …«

»Na und?« rief Peter. »Ist das etwa eine Erklärung?«

»Ich versteh’ ja auch nicht, wie sie sich auf so was einlassen konnte«, sagte Anita hilflos.

»Das Ganze ist eine ausgemachte Schweinerei«, erklärte Artur, geradezu wütend vor Verlegenheit.

»So? Findest du?« fragte Sibylle spitz. »Von Liebe hast du wohl noch nie was gehört?«

»Liebe, was hat denn Liebe …« Artur unterbrach sich mitten im Satz, weil er sich bewußt wurde, daß er im Begriff stand, etwas sehr Dummes zu sagen. »Natürlich, es hat schon mit Liebe zu tun, nur … also, ich find’s idiotisch!«

»Wenn ihr so viel wißt«, sagte Jochen, steckte die Hände in die Hosentaschen und wippte auf den Fußballen, »dann werdet ihr uns wohl auch sagen können, wer der Vater ist?«

»Bloß keine Bange, von euch bestimmt keiner«, entschlüpfte es Anita – und sie hätte sich im gleichen Moment ohrfeigen können. Sie wußte selber nicht, warum sie manchmal solche Sachen sagte, mit denen sie die anderen, an deren Sympathie ihr doch so viel gelegen war, gegen sich aufbrachte.

»Es war irgend so ein Kerl, den sie beim Tanzen kennengelernt hat«, sagte Sibylle schnell, um den Fehler der Freundin gutzumachen, »er hat ihr anscheinend das Blaue vom Himmel heruntergeschwindelt. Jedenfalls war Susi sicher, es wäre die große Liebe. Bis er erfuhr, daß was unterwegs war. Da hat er sich schleunigst aus dem Staub gemacht.«

»So eine Gemeinheit!« rief Peter.

»Kann man wohl sagen«, stimmte Jochen zu.

»Ich finde«, sagte Artur, »wenn ein Mädchen schon so blöd ist, dann hat es nichts Besseres verdient, als …«

»Nein«, rief Sibylle, »da muß ich dir doch entschieden widersprechen …«

Jetzt, da der Bann gebrochen war, hätten sie noch stundenlang über dieses explosive Thema weiter diskutieren können. Aber allzu früh kündigte die Glocke das Ende der Pause an.

»Hört mal«, sagte Sibylle, »ich mache euch einen Vorschlag! Wollen wir nicht heute nach der Schule wieder mal ins Wäldchen fahren? Die Haselnüsse müssen reif sein, und Brombeeren soll’s dieses Jahr auch jede Menge geben …«

Die Jungen waren sofort einverstanden. Sie verabredeten mit Sibylle, daß sie sich um punkt fünf bei der Gastwirtschaft »Hasenecke« mit den Rädern treffen wollten.

Anita stand dabei, biß die Zähne krampfhaft zusammen, daß ihre Haut sich über den Wangenmuskeln straffte. Sie wäre zu gerne mitgekommen und wartete, daß jemand sie aufforderte. Aber die vier dachten nicht daran, und wie immer brachte sie nicht den Mut auf, einfach zu sagen: »Ich komme mit!«

Sie fühlte sich wieder einmal ausgeschlossen und trottete mit hängendem Kopf hinter den anderen her auf das große graue Schulgebäude zu.

*

Bei Körners wurde, mit Rücksicht auf die beiden berufstätigen Männer in der Familie, den Vater, Abteilungsleiter bei »Schultze & Sohn«, und Jens, den Ältesten, Schaufensterdekorateur im Warenhaus »Karmann«, mittags schon vor ein Uhr gegessen. Wenn Jochen gegen zwei Uhr als letzter nach Hause kam, waren die anderen schon wieder gegangen, und der kleine Jan hockte bereits über seinen Schulaufgaben. Jochen aß dann in der Küche, was die Mutter ihm vom Mittagessen zurückgestellt und aufgewärmt hatte.

»Na, wie war’s in der Schule?« fragte Frau Körner, während sie ihm die Suppe auftrug. Sie hatte das gleiche braune, volle Haar wie Jochen. Die gleichen tiefblauen, nachdenklichen Augen und verstand es, sogar jetzt in der Küchenschürze, eine ausgesprochen elegante Figur zu machen. Niemand hätte ihr angesehen, daß sie den Haushalt allein besorgte und von früh bis spät für ihre vier Männer tätig war.

»Wie immer«, erwiderte Jochen kurz angebunden und tunkte seinen Löffel in die Suppe.

»Nichts Besonderes?«

Blitzschnell tauchte in Jochen der Gedanke an Susi auf und das, was die anderen Mädchen über sie erzählt hatten – aber darüber hätte er mit jedem anderen Menschen gesprochen, nur nicht mit seiner Mutter.

»Nö«, sagte er, ohne aufzublicken.

»Warum machst du denn ein so sorgenvolles Gesicht?«

»Tu ich das? Keine Ahnung.«

»Doch«, sagte Frau Körner sehr entschieden, »guck nur mal in den Spiegel!«

»Das kommt dir bloß so vor. Man kann doch schließlich nicht immer grinsen wie ein Pfeifenkopf.«

Frau Körner seufzte tief. Immer wieder nahm sie sich vor, mit Jochen in einen herzlichen Kontakt zu kommen, wie es früher einmal ganz selbstverständlich gewesen war. Aber stets stieß er sie zurück. Sie fühlte sich schon entmutigt, wollte aber trotzdem nicht aufgeben.

»Vielleicht liegt es auch bloß an deinen Haaren«, sagte sie, »die wachsen dir ja schon in die Augen. Du solltest wirklich mal zum Friseur gehen, jetzt, wo das neue Schuljahr beginnt.«

Jochen schwieg, löffelte seine Suppe, zog sich die Zeitung heran und las über den Teller hinweg die Schlagzeilen.

Frau Körner zog ihm die Zeitung so heftig weg, daß die Suppe überschwappte. »Beim Essen wird nicht gelesen«, sagte sie scharf.

Jochen schnitt eine Grimasse, sagte aber immer noch nichts.

»Warum redest du nicht mit mir?« fragte Frau Körner aufgebracht. »Schließlich bin ich kein Dienstmädchen, das für dich putzt und kocht … ich bin deine Mutter!«

Jetzt war es an Jochen, zu seufzen – wenn er etwas haßte, dann waren es solche Szenen.

»Klar bist du das«, sagte er ergeben, »also gut, unterhalten wir uns … worüber?«

Frau Körner wechselte die Teller, setzte ihm Gemüse vor, ein Stück Fleisch und die Kartoffeln, die sie ihm aufgebraten hatte. »Stell dir vor«, sagte sie, »Jens darf diesen Herbst ganz allein die Schaufenster von ›Karmann‹ gestalten. Sein Meister ist plötzlich erkrankt, und da bietet sich ihm die Chance. Was sagst du dazu?«

»Na, prima«, erklärte Jochen großmütig und sehr erleichtert darüber, daß sich das Interesse seinem älteren Bruder zugewandt hatte.

Sollte sie doch über Jens, ihren Lieblingssohn, reden, solange sie mochte. Ihn störte das nicht. Er war froh, wenn er heute nur selber nicht Rede und Antwort stehen brauchte.

*

Jens Körner ging leicht in die Knie, um sich besser in dem kleinen Spiegel betrachten zu können, der an der Innenseite des schmalen Schrankes angebracht war, in dem er sein Arbeitszeug und den Mantel im Kaufhaus »Karmann« aufzubewahren pflegte.

Er bürstete sein blondes Haar mit zwei Handbürsten nach hinten – links, rechts, links, rechts, links –, bürstete die Tolle über der Stirne hoch. Er legte die Bürsten in das flache obere Fach, zog seinen weißen Kittel aus, zupfte sich die elegante Krawatte – hellblaue Seide mit hauchzarten rosa Streifen – zurecht. Er fuhr sich mit der Hand über das Kinn, um die Rasur zu prüfen, bleckte seinem Spiegelbild die starken weißen Zähne. Nein, es war nichts an ihm auszusetzen, er sah tadellos aus.

Und dennoch konnte er das Gefühl kribbelnder Nervosität nicht abstreifen. Wenn er nur an die Begegnung dachte, die ihm jetzt bevorstand, spürte er seine Handflächen feucht werden.

»Verdammt noch mal«, sagte er halblaut zu sich, »nimm dich zusammen, du Kaffer! Die alte Dame wird dich schon nicht fressen!«

Tatsache war, daß er mächtigen Respekt vor Frau Miller hatte, die er bisher nur dem Namen nach kannte. Frau Miller war Werbegrafikerin, sie gehörte nicht zum Personal des Kaufhauses »Karmann«, sondern galt als freie Mitarbeiterin. Ihre Aufgabe war es, die Anzeigen in den Tageszeitungen und im Regionalfernsehen zu gestalten, und sie arbeitete in dieser Funktion sehr eng mit den Schaufensterdekorateuren zusammen.

Der erkrankte Meister hatte immer sehr geheimnisvoll getan, wenn er auf sie zu sprechen kam. Wenn er einen Entwurf seiner Gesellen betrachtete, pflegte er sich hinter dem Ohr zu kratzen und zu sagen: »Na ja, recht passabel … aber ob Frau Miller damit einverstanden ist?« Und manchmal gab er auch einen Entwurf zurück und erklärte: »Sie wissen ja, mir gefällt’s, aber Frau Miller meint …«

Schon oft hatte Jens darauf gebrannt, dieser arroganten Frau Miller mal gehörig Bescheid zu sagen, aber nie hatte sich eine Gelegenheit ergeben, überhaupt mit ihr zu sprechen. Heute nun endlich war es soweit, er sollte seine Entwürfe für die Winterdekoration – diese war, wie die Konfektion, der Jahreszeit immer um einen Sprung voraus – mit ihr durchsprechen und abstimmen. Aber merkwürdigerweise fühlte er sich bei weitem nicht so stark, wie er gedacht hatte.

Als er durch die Hintertür des Kaufhauses auf die Straße trat, bedauerte er wieder einmal mehr, noch kein Auto zu besitzen. Sein Selbstgefühl wäre höchstwahrscheinlich gestiegen, wenn er am Steuer eines eigenen Wagens hätte vorfahren können. Aber er war erst zwanzig und konnte kein größeres Geschäft ohne Einwilligung seines Vaters tätigen, und Herr Körner bestand darauf, daß er mindestens die Hälfte der Kaufsumme zusammengespart hatte, bevor er einen Vertrag unterschrieb.

Na, vielleicht hat der alte Herr sogar recht, dachte Jens, es ist schon gemein, wenn man eine Karre kaputt fährt, die einem noch nicht mal gehört. Dann kann man sich nachher dumm und dämlich zahlen, und zwar für nichts und wieder nichts. Aber schade ist es doch. Gerade heute!

Er nahm den Omnibus Nr. 7, mit dem er selber täglich zwischen der elterlichen Wohnung in der Parkstadt und seinem Arbeitsplatz hin und her zu fahren pflegte. Nur stieg er eine Station später aus, denn Frau Miller wohnte im Hochhaus inmitten der Grünanlagen – dem einzigen Hochhaus der Kreisstadt.

Als er auf die Türschilder sah, stellte er fest, daß er selbst mit einem Rolls-Royce keinen Eindruck hätte machen können. Die Grafikerin wohnte im 17., dem obersten Stock, dem sogenannten Penthaus – unmöglich, daß sie von dort oben aus beobachtete, wie er eintraf, ganz davon abgesehen, daß sie sich bestimmt nicht im geringsten dafür interessierte.

Ich werde mich ganz kühl und gelassen geben, nahm Jens sich vor, während er im Fahrstuhl nach oben sauste, mich wird die alte Dame nicht einschüchtern. Schließlich bin ich doch kein kleiner Junge mehr, was kann die mir schon wollen!

Der Lift hielt, die Tür schob sich auf, und einigermaßen verblüfft stellte er fest, daß er nicht etwa, wie er erwartet hatte, auf einem Flur gelandet war, sondern inmitten einer riesigen Wohndiele stand – dicker maisgelber Teppich, breite, niedrige Couches mit Bergen von farblich wunderbar aufeinander abgestimmten Kissen, hinter den riesigen Fenstern ringsum blauer Himmel.

Das war der überwältigende erste Eindruck, den Jens Körner hatte, es war ihm, als wenn er in eine Zauberwelt eingetreten wäre, die hoch über Raum und Zeit schwebte.

Dann erst sah er das Mädchen. Sie hatte hinter einem Zeichenbrett gesessen, jetzt kam sie auf ihn zu, sehr schmal, sehr anmutig in eng anliegenden Hosen, die sich über den Schuhen weiteten, einer weißen, hochgeschlossenen Bluse, deren Rüschen die Zerbrechlichkeit ihrer Handgelenke betonte. Schwarze Haare fielen ihr lose und glänzend bis auf die Schultern, die grünen Augen standen schräg über ausgeprägten Backenknochen, die Wangen waren hohl wie bei einem Mannequin, der breite, großzügig geschnittene Mund mit einem apfelsinenroten Stift nachgezogen.

Die Tochter? dachte Jens. Eine Nichte? Oder eine Freundin?

»Guten Tag«, sagte das dunkelhaarige Mädchen sehr distanziert, mit leicht hochgezogenen Augenbrauen.

»Ich … ich möchte zu Frau Miller«, platzte Jens heraus und wurde sich unbehaglich bewußt, daß er fast stotterte.

»Aha. Dann kommen Sie wohl vom Kaufhaus ›Karmann‹ ?« fragte sie mit gleichmütiger Stimme.

»Ja, ich … ich wollte die Dekoration mit ihr abstimmen«, sagte er und preßte die Mappe mit den Entwürfen unwillkürlich fester an sich.

»Fein«, sagte das Mädchen, »dann nehmen Sie Platz …« Mit einer weit ausladenden Handbewegung fügte sie hinzu: »Wo es Ihnen gerade paßt! Möchten Sie etwas trinken? Kaffee? Tee? Einen Cognac? Oder einen Whisky?«

»Ist Frau Miller denn nicht da?« fragte Jens und warf einen Blick auf seine Armbanduhr. »Ich dachte, sie erwarte mich um diese Zeit!«

Jetzt, zum erstenmal, lächelte das Mädchen, ein Lächeln, bei dem sie die Mundwinkel herabzog, was ihr den Ausdruck einer seltsam schmerzerfüllten Belustigung gab. »Aber ich bin Frau Miller«, erklärte sie.

Jens Körner konnte sie nur anstarren. Alle seine guten Vorsätze vermochten nicht zu verhindern, daß er sich in diesem Augenblick wie ein ausgemachter Trottel vorkam. »Sie sind …« stammelte er, »aber nein, Sie machen Witze!«

Frau Miller lachte jetzt, und die Bitterkeit um ihre Mundwinkel löste sich. »Sie haben wohl eine strenge Person reiferen Jahrgangs erwartet, wie?«

»Der Meister tat immer so … ganz ehrlich, ich wußte nicht … also, jetzt werden Sie mich bestimmt für einen albernen Einfaltspinsel halten!«

»Aber woher denn! Wenn Sie es darauf angelegt hätten, sich bei mir beliebt zu machen, hätten Sie’s nicht besser einfädeln können. Es schmeichelt einer Frau immer, wenn man sie für jünger hält als sie ist!«

»Aber Sie sind jung«, sagte Jens impulsiv, »und ich kann mir nicht vorstellen …« Er stockte mitten im Satz.

Sie stand jetzt dicht vor ihm, schaute mit ihren schrägen grünen Augen von unten zu ihm auf – sie war einen guten halben Kopf kleiner als er. »Was?« fragte sie. »Sprechen Sie ruhig weiter! Sie werden ja schon gemerkt haben, ich beiße nicht!«

»Daß Sie je verheiratet waren!« sagte er.

Kaum daß er es ausgesprochen hatte, wünschte er es zurückzunehmen, denn ihr glattes bräunliches Gesicht hatte sich schlagartig verdüstert. Alle Fröhlichkeit war daraus verschwunden.

»Doch, ich war es«, sagte sie beherrscht, »aber das ist ein Kapitel meines Lebens, an das ich nicht gerne erinnert werden möchte!«

Er war verwirrt, und es tat ihm heftig leid, sie betrübt zu haben. »Entschuldigen Sie, ich …«

»Sie konnten es ja nicht wissen«, sagte sie großmütig, »machen Sie sich nichts draus, ich bin ärgere Dinge gewohnt. Aber ich glaube, auf diesen Schreck hin haben wir beide einen Whisky verdient …«

Ohne seine Zustimmung abzuwarten, ging sie zur Hausbar, die in den mächtigen Pfeiler inmitten des Zimmers gleich neben dem Aufzug eingelassen war. In diesem Pfeiler war außerdem an der anderen Seite eine Garderobe untergebracht, sonst gab es in dem ganzen riesigen Raum nur eine einzige Stellwand, die den Wohnraum anscheinend von Bad und Küche, vielleicht auch von dem Schlafzimmer abschnitt – falls es eines gab. Jens hielt es durchaus für möglich, daß Frau Miller auf einer der Couches zu übernachten pflegte.

Er sah auf ihren geraden Rücken, während sie an der Hausbar hantierte, sah die anmutigen Bewegungen ihrer schmalen braunen Hände, die die Eiswürfel in die Gläser klirren ließen, und sein Herz zog sich zusammen in einem seltsamen, nie geahnten Gefühl.

Dann wandte sie sich zu ihm um, kam, die Gläser in den hochgehobenen Händen wie Opfergaben balancierend, auf ihn zu. Er nahm ihr das Glas ab, das sie ihm reichte, die goldgelbe Flüssigkeit schwappte, während sie anstießen.

»Cheerio!« sagte sie freundlich. »Auf gute Zusammenarbeit!«

Er nahm einen kräftigen Schluck. Der Whisky, sehr stark und nur mit dem Eiswürfel verdünnt, löste seine Verkrampfung. Es war ihm, als wenn sein Herz plötzlich mit doppelter Kraft arbeitete.

»Ich glaube, ich habe mich noch nicht vorgestellt«, sagte er, »ich heiße Jens, Jens Körner!«

In ihren grünen Augen funkelten nahe der Pupille goldene Lichter. »Und ich heiße Claudia!« sagte sie.

»Claudia …« Er ließ den Klang dieses Namens gleichsam auf der Zunge zerschmelzen. »Claudia, Sie sind die wunderbarste Frau, die mir je begegnet ist!«

Sie nippte an ihrem Whisky, betrachtete ihn über den Rand ihres Glases hinweg. »Ich warne Sie, Jens«, sagte sie sehr ernst, »verlieben Sie sich nicht in mich, das würde Ihnen Schmerzen bringen.«

»Die Warnung kommt zu spät«, erklärte er mit dem neuen starken Selbstgefühl, das ihn plötzlich ganz und gar ausfüllte.

Sie lächelte nicht. »Schade um Sie, Jens … Sie sind ein so netter Junge!«

Er stellte sein Glas aus der Hand, trat einen Schritt näher auf sie zu. »Ich bin ein Mann, Claudia!«

»Ja«, sagte sie ruhig, »Sie sind ein Mann. Und eben deshalb passe ich nicht zu Ihnen. Ich habe Angst vor den Männern, Jens … und ich bin viel zu alt, mein Herz noch einmal in Gefahr zu bringen.«

»Aber Claudia, das ist doch …«

»Bitte, nehmen Sie’s zur Kenntnis, Jens, wenn Sie Wert darauf legen, daß wir gute Freunde bleiben. Ich bin nicht bereit, mit Ihnen darüber zu diskutieren.« Sie setzte sich auf einen niedrigen, mit Stierfell überzogenen Party-Hocker. »Zeigen Sie mir jetzt, bitte, Ihre Entwürfe«, verlangte sie sachlich.

Er ging sofort auf ihren Ton ein. »Wie Sie wünschen, Frau Miller!« Aber während er die Mappe vor ihr aufschlug, dachte er: Nie, nie werde ich es aufgeben! Keine Macht der Welt kann mich davon abbringen!

Und es war ihm, als wenn sein Leben endlich ein Ziel bekommen hätte.

*

Als Jochen Körner am Nachmittag beim Gasthof »Haseneck« eintraf, einem alten Haus mit tiefgezogenem Dach und schattigem Biergarten, war von seinen Freunden weit und breit nichts zu sehen. Er fuhr ein paarmal um das Haus herum, klingelte spielerisch und brachte damit den Kettenhund zum Rasen. Er stieg ab, hob eine der grünen, stachligen Kastanienhülsen auf, brach sie auseinander – die Kanstanie drinnen war noch nicht reif, sie war winzig und kläglich weiß. Jochen warf sie mitten in eine Schar Hühner, die laut gackernd auseinanderstoben.

Dann sah er Sibylle. Sie kam mit Schwung angeradelt. Ihr blondes schulterlanges Haar, das sie mit einem blauen Band aus der Stirne zurückgebunden hatte, wehte wie eine Fahne hinter ihr her. Sie trug Blue jeans und einen Baumwollpullover.

Jochen hatte sie schon Hunderte von Malen so heranradeln sehen, er kannte Sibylle ja fast schon aus der Kindergartenzeit her – aber heute schien sie ihm verändert, er wußte selber nicht, woran das lag.

Vielleicht, weil ihm die Sache mit Susi immer noch durch den Kopf ging? Und weil er sich unwillkürlich vorstellen mußte, ob es möglich war, daß auch Sibylle so etwas täte?

Er warf das braunlockige Haar mit einem Ruck aus der Stirn zurück, als wenn er diese verbotenen und quälenden Gedanken damit abschütteln könnte.

»Hei, Jochen!« rief Sibylle, betätigte den Rücktritt, um ihre Fahrt zu stoppen, sprang von ihrem Rad.

»Na, da bist du ja endlich!« sagte er mürrisch.

»Sei froh, daß ich überhaupt gekommen bin! Meine Mutti war wieder mal sauer … na, du kennst sie ja. Und Artur kann überhaupt nicht kommen, das heißt, er will nicht! Der hat ’nen Vortrag im Radio entdeckt, der ihm interessanter ist …«

»So ’ne Flasche«, sagte Jochen, aber er spürte einen seltsamen kleinen Schmerz in der Magengrube, den er noch nie gekannt hatte – oder doch, wenn die Mutter Jens anstrahlte und der Vater sich mit Jan befaßte und er selber unbeachtet danebenstand.

Wieso ist Sibylle erst zu Artur gefahren? dachte er, aber er sprach diese Frage nicht aus, aus Angst, sich lächerlich zu machen – so lächerlich, wie er sich selber vorkam.

»Und Peter?« fragte er statt dessen.

»Keine Ahnung!« sagte Sibylle. »Wie spät ist es denn? Fünf nach … also, da könnte er schon noch kommen.«

Sie standen bei ihren Rädern im Schatten der mächtigen Kastanie, deren Äste weit über die Mauer des Wirtsgartens herausragten und ein Stück der staubigen Landstraße überdachten. Merkwürdigerweise wußten sie nichts zu reden und fühlten sich irgendwie fremd, verlegen und gleichzeitig seltsam erregt.

»Ist nicht«, sagte endlich Sibylle, »es wäre blöd, länger zu warten.«

»Ja, wahrscheinlich«, bestätigte er zögernd.

»Wollen wir?« fragte sie.

Er hatte die volle Unterlippe vorgeschoben, wirkte finsterer denn je.

»Oder hast du keine Lust?« fragte sie.

Er zögerte mit der Antwort.

»Dann laß es«, sagte sie, »fahre ich eben allein … Tschüß!« Sie stieg auf ihr Rad, radelte, ohne sich umzudrehen davon. Ihr Haar flatterte im Wind. Die leere Blechkanne, die sie über die Fahrradstange gehängt hatte, schepperte.

Er blieb unentschlossen stehen, bis er sie nur noch als winzig kleine Figur sah, deren helles Haar sich leuchtend vom Waldrand abhob. Dann hielt er es nicht länger aus, schwang sich auf sein Fahrrad, pendelte hinter ihr her.

Er fand ihr Rad. Es lag abgeschlossen zwischen den Büschen. Er legte sein eigenes Rad dazu, drang durch das Unterholz in den Wald. An dieser Stelle gab es keinen Weg, aber Jochen kannte sich gut aus. Als Kinder waren sie immer hier durchgebrochen, sie hatten es ihren »Geheimpfad« genannt.

Nach dem hellen Sonnenlicht draußen schien es unter den Bäumen ganz dämmrig. Das dunkelgrüne üppige Moos schluckte die Schritte. Nur wenn der Fuß auf braune, früh verwelkte Blätter trat, raschelte es.

Plötzlich überfiel Jochen eine nie gekannte, beklemmende Angst. Er legte beide Hände vor den Mund und schrie aus Leibeskräften: »Sibylle! Sibylle! Wo bist du?«

Er hielt den Atem an und lauschte. Das grüne, geheimnisvolle Dunkel des Waldes war plötzlich wie erfüllt von unzähligen wispernden Stimmen. Er hatte das Gefühl, belauert zu werden.

Da! Hinter diesem dichten Busch, bewegte sich da nicht etwas?

Alles, was Jochen je von Überfällen auf einsame Frauen gelesen und gehört hatte, schoß ihm in Sekundenschnelle durch den Kopf. Er bückte sich, hob einen abgebrochenen, dürren Ast auf, sprang mit einem Satz auf den Busch zu und – hörte hinter sich ein vergnügtes Mädchenlachen.

13,51 ₼

Janr və etiketlər

Yaş həddi:
0+
Həcm:
400 səh. 1 illustrasiya
ISBN:
9788711719329
Naşir:
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
Yükləmə formatı:

Oxşar kitablar