Kitabı oxu: «Daskind - Brandzauber - Angeklagt»

Şrift:

Über dieses Buch

Die drei Romane «Daskind», «Brandzauber» und «Ange­klagt» bilden gemeinsam eine Trilogie, die in ihrer Radi­kalität in der Schweizer Literatur einzigartig ist. Erstmals erschienen zwischen 1995 und 2002, verhandeln sie die exis­tenzielle Dimension der Gewalt.

Neben Mariella Mehrs reichem lyrischem Werk ist die «Gewalt­-Trilogie» ihr Hauptwerk. Während in «Daskind» die Thematik der Ge­walt durch das Brechen einer Identität aufgegriffen wird und die Gewalt im sozialen Rahmen der Dorfgemeinschaft stattfindet, widmet sich «Brandzauber» dem paralysierten Leben einer bereits zerbrochenen Identität, es geht um die in der Geschichte gespeicherte und weitergegebene Gewalt. Der letzte Band «Angeklagt» zeugt von einer beängstigen­den Neuformierung von Identitätsbruchstücken, die nack­te Gewalt, der Trieb sind die zentralen Motive des Romans.

Mariella Mehrs Erzählkunst ist von einer archaischen Kraft, die auch in der Sprache spürbar wird. Dabei haben ihre Werke nichts von ihrer Aktualität ein­gebüsst: Im Kontext der laufenden Aufarbeitung der Ge­schichte der Fremdplatzierungen und Zwangsmassnah­men in der Schweiz sind sie hochaktuell. Brisant ist aber auch das Thema der Gewalt gegen «Andersartige» und der problematische Umgang mit Aussenseitern.


Foto Ayşe Yavaş

Mariella Mehr, 1947 in Zürich geboren. Als Angehörige der Jenischen war sie seit frühester Kindheit von der Aktion «Kinder der Landstrasse» betroffen. Sie wurde von der Mutter getrennt und wuchs in Heimen, bei Pflegeeltern und in Erziehungsanstalten auf.

Seit 1975 ist sie als Journalistin und Schriftstellerin tätig. Bereits ihr erster Roman Steinzeit (1981) fand grosse Beachtung und wurde vom Kanton Zürich ausgezeichnet. Als ihr Hauptwerk gilt die sogenannte Trilogie der Gewalt, mit Daskind (1995), Brandzauber (1998) und Angeklagt (2002).

1998 wurde ihr die Ehrendoktorwürde der Universität Basel für ihr publizistisches Engagement für unterdrückte Minderheiten verliehen. Für ihr literarisches Werk erhielt sie zahlreiche Preise, darunter den Preis der Schweizerischen Schillerstiftung (1996), den ProLitteris-Preis (2012), den Bündner Literaturpreis (2016) und eine Anerkennungs­­gabe der Stadt Zürich für ihr Gesamtwerk (2017).

Mariella Mehr

Daskind

Brandzauber

Angeklagt

Romantrilogie

Limmat Verlag

Zürich

Daskind

Für Erica Brühlmann-Jecklin

1

Hat keinen Namen, Daskind. Wird Daskind genannt. Oder Kleiner­bub, obwohl es ein Mädchen ist. Wenn den Frauen im Dorf danach zumute ist, wird es Kleinerbub genannt, oder Kleinerfratz, zärtlich. Auch Frecherfratz, wenn Daskind Bedürfnisse hat, oder Saumädchen, Härchen, Dreckigerbalg.

Hat keinen Namen, Daskind. Darf nicht heißen. Darf niemals heißen, denn dann könnte keine der Frauen im Dorf, der danach zumute ist, Daskind Kleinerbub nennen oder Frecherfratz, zärtlich, gierig. Oder Saumädchen, Hürchen oder Dreckigerbalg, wenn Daskind Bedürfnisse hat. Wer sagt schon Saumarie, Hurenvreni, Dreckrosi. Gewiss könnte man das sagen, aber es ist zu aufwendig, zu umständlich, sich des Namens des Kindes zu erinnern.

Also, Daskind.

Daskind spricht nicht, hat nie gesprochen. Schweigt düster. Schreit und tobt gelegentlich, anstatt zu sprechen. Hat nur eine Luftsprache, die Dörfler Dörfler nennt oder Frauen, Männer, Nähe­rin, Schwestern, wenn es Nonnen sind, Herrpfarrer, Sigrist. Totengräber, Coiffeur, Po­lizist, Gemeindepräsident, Abdecker, Pflege­vater, Pflegemutter und den Pensionisten im Pflegeelternhaus:

Denpensionisten. Ein Knecht. Beim Großbauern ganz in der Nähe verdingt. Mit immergrünem Gesicht im Grünenzimmer, so nennt die Pflegemutter den Raum neben der Kammer des Kindes, weil dort im Winter die Geranien lagern und die Wände des Zimmers lindgrün gestrichen sind.

Daskind jetzt auf dem roten Sofa im Wohnzimmer. Über dem Scheitel des Kindes der leidende Christus am Kreuz. Silbern leuchtend auf dunklem Holz. Das lange Silberhaar um den silbernen Kopf und einrahmend das silberne Lächeln, den silbernen Tod. Silberblut quillt aus dem silbernen Herzen, Silberherz stirbt. Stirbt immerzu. Wie kann einer, denkt Daskind, immerzu sterben. Ohne Groll. So ist das Leben des Kindes im Hause Idaho, umsorgt von Derfrau und Dem­mann – Pflegemutter und Pflegevater –, ein Silbertodimmerzu. Im Beisein der Silbereltern, des Silbervaters, der Silbermutter: Die winken dem Sterben des Kindes zu, lachen es an und strafen es silbern, wenn nicht der Kleinefratz, zärtlich, sondern Daskind, Derfreche­fratz, Dassaumädchen, Hürchendreckiger­balg Bedürfnisse äußert, die der Kleinefratz, zärtlich, nicht äußert.

Dass zum Beispiel nachts die Tür der Kammer des Kindes offen stehe, damit sich Daskind nicht so ganz alleine fühlt. Dass das Licht brenne im Korridor, bis Daskind schläft. Dass man ihm die Angst nimmt vor der Nacht und dem Immergrünen im Grünenzimmer. Dass kein Silberpfahl wachse ins kindliche Herz und keiner eindringe in jene Bereiche, die kein Grün kennen, nur kindlichen Schlaf.

Dass Fritz, der Kater, sich nicht auf die Brust des Kindes legen darf, wenn es schläft und zu Tode erschrickt, wenn die Brust keinen Atem mehr hat und Fritz, der Hauskater, wie eine frevelnde Hand, eine schwere, auf der Brust des Kindes ruht.

Dass endlich Vergeltung einbräche in diese Dunkelwelt, denkt Das­kind, um alle Schuld zu sühnen, die des Kindes und die der an­dern. Daskind will wissen, dass es schuldig ist, ein Silberleben lang. Weshalb sonst stürbe der andere, der Silberleib am dunklen Holz, seinen Silbertod immerzu.

Daskind jetzt auf dem roten Sofa im Wohnzimmer, tagsüber Nähstube, Café, Klatschraum. Daskind, Kindfüralle. Winterkind. Win­ter­balg.

Winterkind spricht nicht. Tobt auch nicht und schreit nicht. Sitzt still auf dem roten Sofa. Starrt auf den grauen Haarknoten der Pflegemutter Frieda Kenel, geborene Rüegg. Die singt, singt Fernimsüddas­schönespanien. Singt mit brüchiger Stimme das Lied von den Trauben, der Sonne und einer einsamen Liebe, die keine Erfüllung findet. Singt, den Rücken dem Kind zugekehrt, singt und denkt an den Stoff in ihren Händen, der ein Kleid für die Freudenstau werden soll. Fernimsüddasschönespanien. Denkt nicht an Daskind, hat Daskind vergessen wie alle Nachmittage zuvor, wenn Daskind auf dem Sofa saß und rot der samtene Überzug und Daskind ein Warten.

Warten. Auf was denn?

Vielleicht einmal anders.

Ohne Angst.

Einmal zuschlagen.

Bescheiden, verstohlen, vorsichtig.

Zum Beispiel die Freudenstau.

Daskind vor der Freudenstau. Hört den Wind in den Tannen pfeifen. Ein hoher, schriller Ruf. Muss das Hören anhalten, Daskind. Muss schreien, Daskind, mit weit offenem Mund im wild wiegenden Kopf. Hin und her, auch das Schreien wild wiegend, hinauf zum orgelnden Locken in den Tannen.

Der weiße Speichel in den Mundwinkeln der Kundin Freudenstau. Die auf dem Berg wohnt. Auf dem Tannsberg. Teilt den Berg mit zwei roten Hunden. Höllenhunden. Auch sie träumen vom Zuschlagen.

Daskind ist in seiner blauen Windjacke, eine ungenaue Adresse. Immerhin, eine Adresse.

Und mit seinen nackten Füßen. Immerhin.

Die Freudenstau. Die den Berg mit zwei roten Hunden teilt. Den Höllenhunden. Fressen täglich zwei Kilo rohes Fleisch, saufen Milch aus einer silbernen Gelte.

Wöchentlich einmal wird dem Kind befohlen, das rohe Fleisch auf den Berg zu bringen.

Schleppt den Rucksack voller Fleisch auf den Berg, Daskind. Atmet schwer.

Liegt auf der Lauer, Daskind, oben am Berg, am Tannsberg, den Blick fest auf das Haus gerichtet. Starrt auf die Tür und flüstert den Bannreim. Kann nur hoffen: Zuerst die Freudenstau, dann die Hunde. Wenn der Bannreim nichts taugt, preschen die zwei Hunde mit fürch­terlichem Gebell vor, stieben in den Steingarten, zertrampeln die Steinnelken, die roten, die violetten und weißen, rasen auf Daskind zu, bleiben geifernd stehen, knurren. Es sind die weißen Reißzähne zu sehen.

Keine Zugeständnisse in den Augen, keine Kompromissbereitschaft im federnden Schritt der Tiere.

Dann die Freudenstau. Zwei Pfiffe. Scharf. Gellend. Der Pfiff der Frau eine Salve Bosheit. Kein Laut mehr. Kein Knurren.

Das Lächeln des speichelverschmierten Mundes. Die hagere Gestalt in schwarze, spitzenverzierte Gewänder gehüllt, ohne Ring am Finger. Hinter dem schwarzen Umriss der Frau mit dem strengen Scheitel im schwarzen Haar der schwarze Berg.

Sagt nichts, Daskind. Hat sich lange vorher ausgeschrien vorm dunklen Auge der Frau mit dem geifernden Mund. Spricht nicht, Das­kind.

Angewidert starrt es auf die Speicheltropfen in den Mundwinkeln der Frau. Und auf die Höllenhunde unterm freien Himmel. Eingerahmt von den Hunden, die Freudenstau, Tannsbergkönigin.

Sieht ein wild taumelndes Ungeheuer über dem schimmernden Scheitel der Frau. Ein Taumeln, grad so wie das Wildwiegen der Angst vor den Wildhöhen, den Wildbildern, den Wildworten oben am Berg. Im wild wiegenden Kinderhirn.

Zwängt sich Daskind aus den Rucksackträgern. Fühlt, vom Gewicht befreit, die angenehme Kühle unter dem verschwitzten Hemd. Öffnet den Rucksack, zerrt am Fleischpaket. Zittern die Flanken der Höllenhunde. Die Hände der Freudenstau auf den zitternden Flanken der Hunde. Überträgt sich das Zittern auf den Körper der Frau mit dem leicht geöffneten Mund und den starren Augen. Der Blick ist aufs Kind gerichtet. Das nicht zittert. Das mechanisch nach dem Fleisch greift im Packpapier und sich zwei Schritte vorwagt. Blut tropft durch das Packpapier, die Schnauzen der Hunde nah, ganz nah. Das Hecheln der Hunde, ein Wildwort, wie die Salve im Kopf, wenn die Frau pfeift und die Tiere strammstehen, strammwilden, gehorchen.

So ist das, denkt Daskind, wenn Bannsprüche nichts nützen, dann sind die Hunde nah mit ihren Schnauzen und Reißzähnen und ihren zitternden Leibern. So ist es, Kind Selberschuld, und ein Grollen tief drinnen im Kind.

Hecheln sich Kühlung zu, die Hunde, nach all dem ungebändigten Zorn und den Wildworten; und weil die Frau pfiff, herrscht eine kurze Waffenruhe rund ums unbewaffnete Kind.

Lächelt die Freudenstau, winkt mit einem weißen Finger dem Kind. Es soll näher treten.

Tritt näher Daskind, vorsichtig, langsam, ohne die Frau aus den Augen zu lassen, die starrt, Krieg in den Augen.

Stolpert beinahe, fängt sich auf und wagt noch einen Schritt, atmet kaum. Zittert nicht, Daskind. Wird von der Macht des Fingers weitergezogen und vom Blick der Frau. Vom gierigen Hecheln der Hunde unterm stillen Himmel über dem Tannsberg. Kniet nieder, Daskind, in die scharfen Kieselsteine. Kniet nieder, legt der Frau das Fleischpaket vor die Füße in den spitzen, eleganten Schuhen. Schuhe, die sonst keine trägt im Dorf. Nicht im Bauerndorf. Da tragen die Frauen Wetterfestes mit dicken Sohlen. Unvorteilhaft für die Form der Füße, aber praktisch. Die nicht, die trägt spitze Lackschuhe, schwarz wie das Haar. Können Daskind erreichen, es berühren am Kopf und treten.

Treten.

Ballt Daskind vorsichtig die Fäuste. Dass es niemand sieht, nicht die Freudenstau, nicht die Höllenhunde.

Denkt daran, es einmal anders zu haben. Träumt vom Zuschlagen, vom verstohlenen, vorsichtigen, bescheidenen. Fast ein Glück.

So war es gestern, an einem Montag, so war es alle Montage zuvor. Sinnlos, sich des Beginns dieser Berggänge erinnern zu wollen. Andere werden folgen.

Daskind kehrt aus dem Traum zurück, die Fäuste geballt im Schoß, vor sich den Rücken der Frau. Die singt nicht mehr. Nicht sie und nicht die Nähmaschine. Hat beide Hände am Hals der Kundin Freudenstau. Nimmt Maß vom schmalen Hals der Freudenstau, dann von der Brust im Büstenhalter. Unter der schwarzen Spitze sind die ­Warzen sichtbar. Starrt Daskind auf diese Warzen, denkt Hass, riecht Schweiß, gesäuerte Milch, ein ganzes Aufbäumen im Bauch vor Ekel. Schmal wagen Kindaugen sich vor zum leicht bedeckten Haargestrüpp im Schritt der Freudenstau, die plaudernd Bestes von sich gibt und sich mit Bestem bedienen lässt von der Frau, die vorher sang oder gestern. Ohfernimsüdundsindaufineinebleichenwangenheißetränenhin­gerollt. Der Mund der Frau jetzt fest verschlossen, hält die Nadeln mit den bunten Köpfen zwischen den Lippen, zischt ab und zu ein Wort an den Nadeln vorbei ins Gesicht der Kundin Freudenstau. Wortschlangen beiderseits am Kind vorbei, jede ins Gesicht der andern. Ganz nah, und dass dem Kind geholfen werden müsse. Dem Teufel ab dem Karren.

So wird geredet, wenn nicht der Kleinefratz zärtlich gefragt ist. Meist die Nadeln im Mund der Frau, Frieda Kenel, geborene Rüegg. Am Kind vorbei die Wortschlangen von Gesicht zu Gesicht, mit Gelächter verwoben. Daskind stumm, starrt auf die nackten Leiber der Kundinnen, versucht, sich in dem Gelächter zurechtzufinden, nicht abzutauchen in Bereiche, die dem Hass verschlossen bleiben. Kennt einer jeden geheimste Stelle, Daskind. Weiß in den Falten der Frauen­häute Bescheid. Weiß von dem Fressen und Saufen, das die Haut entstellt. Weiß von den Schlägen der Männer, kennt sich aus in den Verfärbungen auf Hinterbacken und Bäuchen, kann auf den Tag genau erraten, wann sie entstanden. Kennt das Knistern von Seide auf nackter Haut, weiß von der schmierigen Farbe des Frauenfleisches und vom sanften Kringeln des Haars im Schritt der Kundinnen. Starrt Daskind. Weiß sich im Hass vorm Gelächter geschützt, vor den Wortschlangen, den grauen Ausdünstungen der Körper. Der Seelen. Zumindest jetzt, heute, am hellen Tag.

Wenn der Pensionist Armin Lacher spätnachts das Wirtshaus verlässt, weiß er Daskind bereit. Bedächtig finden Aug’ und Füße nachtgewohnt den Weg und streben zielsicher zur Dorfmitte, wo zu dieser Stunde eine Straßenlaterne die Vorderfront des Chalets Idaho hell ­beleuchtet. Die Rückseite des Hauses und der Garten liegen im Dunkeln. Auch die blühenden Rosen vor dem Schlafzimmerfenster seiner Wirtsleute, dem Ehepaar Kari und Frieda Kenel. Dass er Frieda Kenel Elend seines Lebens nennt, hat Gründe, für die sich Armin Lacher nicht zu schämen braucht, nicht er, den die junge Störschneiderin Frieda Rüegg schnöde von sich stieß. Manch andere, weiß der Lacher, hätt’ ihm aus der Hand gefressen, die da, die Rüegg, hatte halt Höheres im Sinn. Umsonst, glücklich ist sie nicht geworden, nicht mit Kari, dem schwerblütigen Trottel, und das Haus mit dem fremdländischen Namen hat daran auch nichts ändern können. Ein Heimkehrerhaus, das Chalet Idaho. Über den Namen lachte das ganze Dorf. Das bewies, dass einer wie Kari nicht wirklich heimkehren konnte nach all den Jahren drüben, um wieder einer der Ihren zu werden.

Bei der Sennhütte neben dem Chalet macht Armin Lacher halt und kühlt den verschwitzten Männerkörper am Gestein der Mauer. Den süßlichen Duft der Schotte in der Nase, wandert sein Blick zum Fenster unter der weißen Inschrift «Idaho». Gleich wird’s ihm noch wärmer werden, dem Knecht, die breite Hand wühlt sich durch den Hosensack, an Münzen, Schnurresten und Tabakkrumen vorbei zum ganzen Mann.

Daskind schläft nicht.

Weiß vom Pensionisten.

Und von der Hand.

Will nicht, schweigt in die Nacht mit angehaltenem Atem.

2

Seit der abgeschnittene Kopf des Lambrettafahrers über die Straße vor dem Chalet Idaho gerollt war, hatte Daskind beschlossen, nicht mehr zu staunen. Daskind hatte den Aufprall gehört, sich weit aus dem Fenster der Kammer gelehnt, den Kopf rollen sehen. Jetzt lag der Kopf vor dem Gartentor, beschattet von den blühenden Rosen. Daskind hätte lachen mögen. Vorbei die Kraft der Nervenstränge, die das Gehirn mit dem Geschlecht verbinden, das sich ans Kind wagen würde wie jedes andere Geschlecht, wenn ihm Heimlichkeit und Zeit ­geboten wird. Aber das sähen die Dörfler nicht gern, wenn Daskind laut lachen oder gar tanzen würde, obwohl sie Daskind ohne Gefühl wähnen und dem Teufel ab dem Karren gefallen. Dem Teufel ab dem Karren. So nennen sie es. Daskind lacht leise.

Der Rumpf des Lambrettafahrers liegt unter der Maschine. Die Windschutzscheibe bedeckt das Gesäß, ein durchsichtiger Sargdeckel, auf dem sich Schmeißfliegen niederlassen. Blut fließt noch immer aus Kopf und Rumpf. Das Blut benetzt den Randstein, der die Fahrt des Mannes bremste, benetzt das sonnendürre Gras des Weidelands neben der Sennhütte, die zu dieser Nachmittagsstunde nicht benützt wird. Daskind kann das Blut riechen, vermischt mit dem all­gegen­wär­tigen Geruch der Schotte und dem Viehgeruch aus Gotthold Schättis Stall. Die Kreissäge, vor dem Aufprall hörbar, ist verstummt. Die ­Nüstern des Kindes blähen sich vor Glück. Das hat es geahnt, dass da ein Glück ist, wenn sich der Duft der Schotte mit dem Geruch des Bluts vermischt und einer daliegt, von Kari Kenels Rosen beschattet.

Jetzt eilen die Dörfler hastig herbei, bilden einen Kreis um Kopf und Rumpf des Toten.

Kellers vom Dorfladen telefonieren ins Nachbardorf, wo der Landarzt Mächler wohnt. Daskind hört die kreischende Stimme der telefonierenden Frau. Bereits ist Alois Janser, der Dorfpolizist, zur Stelle. Mürrisch streicht er um die Leichenteile, nachdem er die Menge angewiesen hat, Abstand zu halten. Die lässt sich nicht einfach verscheuchen. Will hautnah teilhaben an der Sensation, die so ein Unfall ist, mitten im Dorf, dem nachmittagsträgen. Die Sommerhitze heizt die Gemüter an, keiner beachtet das lachende Kind.

Männer zerren die Lambretta vom Rumpf des Toten. Ein Schwarm schillernder Schmeißfliegen flieht. Der Kopf des Toten liegt noch immer unter den Rosen. Hat seine Reinheit verloren, seit ein schmutziges Grau das Gesicht überzog und die Stille nach dem Aufprall vom Lärm der Menge verschluckt wurde. Noch stieren die Augen voller Entsetzen, noch scheint der Mund den Atem anzuhalten, aber das Ereignis hat seine Unschuld verloren. Ein Schmerz macht sich spürbar, auch im Kind.

Ruft die Pflegemutter zum dritten Mal aus der Küche, Daskind solle endlich kommen und Kartoffeln schälen. Es sei Zeit, sich nützlich zu machen, und was es denn da oben in der Kammer treibe. Derfratz müsse nicht meinen, sie lasse zu, dass dem Herrgott auch nur ein Nachmittag gestohlen werde. Man habe Daskind nicht zum Faulenzen ins Haus geholt.

Ins Haus geholt? Daskind erinnert sich nicht. Wirft einen Blick in die Kammer, auf das große Bett mit den schweren Decken, auf den Guten Hirten an der Wand mit dem rosaroten Lamm auf den Schultern und dem sanften Hirtenblick. Unter diesem Blick bringt der Immergrüne das Hergelaufene in seine Gewalt, Daskind, das nicht zum Faulenzen ins Haus geholt wurde.

Stumm verlässt Daskind die Kammer, die eine Festung sein könnte, wäre da nicht der Immergrüne. Vorsichtig vermeidet es jede Berührung mit dem Bett, gleitet geschmeidig daran vorbei zur Tür. Aus dem Grünenzimmer ist zu dieser Tageszeit kein Laut zu hören.

Die Treppe knarrt, obwohl Daskind leise auftritt. Manchmal krab­beln Ohrwürmer die Treppe rauf und runter. Wenn sie ein Menschenohr erwischen, dringen sie in die Muschel ein und spucken ihre Brut aus, grad wie der Immergrüne seinen Schleim. Das hat Daskind von andern Kindern gehört. Jetzt sind keine Ohrwürmer zu sehen.

In der Küche liegen die Kartoffeln bereit. Schaben, sagt die Pflege­mutter, es wird nichts vergeudet in diesem Haus.

Wenn wir groß sind, sagt Daskind zu sich und sich, werden wir einen von ihnen töten.

Nach solchen oder ähnlichen Tiraden der Pflegemutter haben weder Daskind noch Kari Kenel zu lachen. Da hört man das unan­genehme Kauen der drei am Küchentisch, so still und sprachlos ist’s im Haus und doch ein Lärm, ein anderer, innerer, in den Nahrung zu sich nehmenden Körpern gefangener. Kari Kenels breites Bauern­gesicht, ein Bauer ist er geblieben, trotz der Jahre in den Zechen von Idaho, verkrampft sich vor Anstrengung beim Anblick des mahlenden Mundes seiner Frau. Von der Sennhütte sind das Scheppern der Milchkannen und scherzende Männerstimmen zu hören. Das dunkle Lachen der Hüttenmarie hallt über die Straße, so unverschämt, dass Frieda Kenel aufstehen muss, an den Herd tritt und laut mit den Pfannen hantiert. Dieses Lachen, das keine Verbitterung kennt, das sich ausbreitet wie der willige Leib einer brünstigen Frau. Wenn das Lachen verklungen ist, kehrt Frieda Kenel an den Tisch zurück, streicht über den hageren Hüften die Schürze glatt mit einem rätselvollen Blick hin zum Kind. Dann zum Mann, der geräuschvoll kaut und den Blick der Frau nicht erträgt.

Am steinernen Waschtrog taucht Daskind die Hände ins heiße Wasser. Wie jedes Mal schreckt es kurz und verstohlen zurück. Sie tut es absichtlich, denken Daskind und der Mann, sagen nichts, sind im Schweigen Geschwister. Gnadenlos. Gnaden Los. Daskind hat das Wort in der Kirche gehört, da war von Menschen ohne Gnade die Rede, denen, die gnadenlos ohne Gnade leben müssen, wenn sie können. Einige landen hinter der Kirchenmauer, in einer dunklen Ecke, im Selbstmördergrab, sagen die Kundinnen der Schneiderin Kenel, sie sagen es verschämt und mit Tadel in den Stimmen. Daskind glaubt ihnen nicht. Sie feiern Feste, wenn sich einer in den Tod leidet, weiß Daskind, werden feucht und begehrlich, wenn es ein junges Mädchen ist. Sie tragen, das hat es während all den Nachmittagen auf dem Sofa gelernt, Gewänder voller Zurechtweisungen, Untersagungen, aber darunter, auf der Haut, blüht das Gift.

Rasch zerbricht Daskind einen Becher, damit die Nacht einen Sinn bekommt. Täglich muss es etwas tun, damit die Nacht einen Sinn bekommt. Frieda Kenel schweigt auch dazu, sie weiß von den langen, sinnlosen Nächten, den spröden Hoffnungen, dem erbärmlichen Hunger im Leib.

Während Daskind sich mit dem Lappen übers Gesicht fährt und die Zähne putzt, begibt sich die Schneiderin an ihre Nähmaschine, Kari Kenel legt sich mit der Zeitung auf das rote Sofa, über ihm der leidende Jesus am Kreuz. Bald wird Daskind, für die Nacht hergerichtet, vor dem Sofa knien, vaterunserbetend die Hände falten. Dem Kind ist nie klar, wem dieses Vaterunser und die gefalteten Hände gelten, dem Silbertod über dem ausgestreckten Mann oder dem Mann selbst, der nun bald aufstehen wird, ohne die Zeitung gelesen zu haben. Der die Stube verlassen und dem Kind in den oberen Stock ins Grünezimmer folgen wird. Aber vorerst betet Daskind und weiß nicht, wem das Gebet gilt. Dann drückt es dem Mann die Hand zum Gutenachtgruß, wie man es ihm beibrachte, damals als sie das Hergelaufene ins Haus geholt haben. Auch die Hand der Frau an der Nähmaschine.

Wenn der letzte Treppenabsatz knarrt, steht Kari Kenel im Türrahmen der Stube. Im oberen Stock wird vom Kind das Grünezimmer betreten, wo der Immergrüne, zu dieser Zeit Gast im Schwanen, wie jeden Morgen ein Durcheinander an Kleidern, Gerüchen und ein ungemachtes Bett zurückgelassen hat. Daskind schaut sich um, findet den Stuhl, mit schmutzigen Wäschestücken übersät, beim Fenster, das den Blick auf den Gemüsegarten und Kenels Rosen hinter dem Haus freigibt. Auch auf den jungen Feigenbaum, von dem noch die Rede sein wird. Mit einer kleinen Handbewegung fegt Daskind die Wäsche vom Stuhl. Trägt den Stuhl in die Zimmermitte. Zieht das Nachtgewand übers Gesäß und legt sich bäuchlings auf die Sitzfläche. Lauscht den Schritten Kari Kenels. Jetzt nützt kein Bannspruch, weiß Daskind. Hört das zögernde Herausziehen des Ledergurtes aus den Hosenschlaufen, dann das Zischen des Leders in der Luft. Wenn der erste Schlag fällt, schließt Daskind die Augen. Sieht regenbogenfarbene Ornamente. Wartet, bis der Schmerz in sein Fleisch eingeht, dass es sich verwandle. Eine Schande, aus der Züchtigung unverwandelt hervorzugehen, denkt Daskind. Kind Selberschuld. Winterkind, Silberfresserin. Schmiegt sich das nackte Kind an das harte Holz. Flattervögelchen, wildes. Fallen Kari Kenels Tränen aufs gemarterte Kind. Trost in den Tränen des Züchtigers. Wer sein Fleisch liebt, züchtigt es. Wer sein Fleisch liebt, benetzt es mit Tränen. Sanft rinnen sie zwischen den Schlägen übers Gesäß des Kindes, das sich allein fühlt mit dem Flattern, mit dem verwandelten Fleisch.

Ach, Kind Selberschuld, dem Flattern gib Raum, den zitternden Flanken, kleines Tier, gib Raum, murmelt der weinende Kari, Silbergott, der jetzt zum letzten Schlag ausholt.

Nachts hört Daskind die Schritte des Immergrünen. Fluchend schiebt der den Stuhl aus der Mitte des Zimmers zum Fenster mit dem Blick auf den jungen Feigenbaum. Hastig nimmt sich Daskind vor, später eine Amsel zu schlachten. Nicht immer ist Rechtzeitigkeit möglich. Manchmal bleibt es den Tribut für den Sinn der Nächte schuldig.

Ein solcher schuldig gebliebener Tribut hatte Kari Kenel unlängst das Leben gerettet. Daskind fror und lebte in einer andern Zeit auf einem andern Stern. Da kann schon einmal ein Wunder geschehen, wenn Zeit und Raum stillstehen, sodass kein Augenblick bleibt, in der richtigen Reihenfolge zu leben. Da kann sich das Wunder aus­toben und totlachen ob dem vergeblichen Bemühen eines Kindes, Ordnung zu schaffen. Ordnung herrschte keine, als Kari Kenel Daskind mit in den Wald nahm und mit ihm den Liedern lauschte, die Bäume statt unnützer Worte gebrauchen, um ihre Angelegenheiten zu regeln. Es kam nicht oft vor, dass sich Kari Kenel ohne Säge, Draht und Zange zum Vorderberg aufmachte, wo das Dorf sein Holz für den Winter hernahm. Doch wenn der Pflegevater ohne Werkzeug in den Wald ging, so wusste Daskind, war es das Heimweh, das ihn trieb und seine Füße mit Flügeln versah. Eine Krankheit, nannte er dieses Weh, von dem Daskind keine Ahnung hatte, da es seine unbefriedeten Örtlichkeiten, in die man es hineinzwang, als etwas Gegebenes verstand, in dem man sich einzurichten hatte. Dort sein zu wollen, wo man gerade nicht war, hätte für Daskind den sichern Tod bedeutet, denn in seiner Welt hieß träumen einen Augenblick vergessen, dass man sich immer und überall vorzusehen hat, weil immer und überall Gefahr droht. Kari Kenel aber hatte Heimweh und gab damit zu verstehen, dass er sich in seiner Welt nicht vorzusehen hatte. Er konnte sich eine Zeitreise nach Idaho leisten, Daskind an seiner Seite vergessen. In sich gekehrt schritt er dem Vorderberg zu, dessen Waldgürtel unterhalb des breiten Bergrückens ihm die Illusion verschaffte, in den Wäldern Idahos zu wandern.

Daskind war verwirrt. Die Hände auf dem Rücken, wie es Erwach­sene tun, versuchte es, mit dem Pflegevater Schritt zu halten. Der da neben ihm lief, war nicht der Mann, der weinende Gott, dessen Tränen seinen nackten Körper benetzten, wenn er mit bedächtigem Zorn auf es einschlug, oft bis Blut floss. Der hier glich jenem melancholischen, jungen Mann mit dem großen, breitrandigen Hut, von dem die Waldfrau, zu der sich Daskind ab und zu flüchtete, behauptete, dass er ihr Bruder sei. Dann leuchteten ihre Augen, und liebevoll glitten ihre Hände über die leicht vergilbten Fotografien und Ansichtskarten in der Schuhschachtel, die griffbereit in der Küche, auf einem hohen Stapel alter Zeitungen aufbewahrt wurde. Auf dem Deckel war eine Landschaftsansicht aufgeklebt, die aus einer Zeitschrift stammen musste. Im Vordergrund waren düstere Gebäude zu sehen, die sich wie verlassene Katzen aneinanderschmiegten. Sie schienen dem Kind bedrohlich und fremd. An einem Brunnen wuschen sich Männer mit nackten Oberkörpern. Ihre lachenden Gesichter glänzten schwarz, und aus diesem Schwarz leuchteten weiße, gefährliche Raubtierzähne. So jedenfalls empfand es Daskind. Wie Neger, schmunzelte die Waldfrau, aber einer von ihnen sei Kari, der da, sie zeigte auf einen der lachenden Männer; der hochgewachsene, der schöne Kari, so habe man ihn in seiner Jugend genannt. Daskind, das nicht spricht, denkt an den weinenden Silbergott, dem das Blut nicht aus dem Herzen fließt wie dem Silberleider über dem Sofa.

Ein Kind wie Daskind ist leicht zu verwirren, wenn keine Ordnung herrscht. An jenem Tag, einem hellen Frühsommertag, trottet das Kind neben dem Mann her, der es verwirrt. Sie haben die Häuser hinter sich gelassen, in der ersten Steigung wird ihr Schritt langsamer. Weil Daskind auf dem nassen Laub ausrutscht, versucht es, die Hand des Mannes zu fassen, der, weit entfernt, zwischen sich und dem Kind ein Ozean, einen andern Weg geht und dem Kind die Hand nicht reichen kann. Also hält sich Daskind an die Gerüche des Waldes. Und an das Zwitschern, Zirpen und Trillern der Vögel. Manchmal flieht ein Hase ins niedrige Gebüsch, ein Eichhörnchen auf den nächsten Baum. Eichhörnchen, sagt der Mann, oder Hase, ein Wind streicht ihm das graue Haar aus dem Gesicht, sodass die gefurchte Stirn zu sehen ist. Und die Augen, grau wie das Haar. Der Wind hält den Himmel in Bewegung. Das heisere Bellen eines Fuchses ist zu ­hören. Kari Kenel berührt Baumstämme, betrachtet ihren Wuchs, runzelt ab und zu unwillig die Stirn. Daskind tut es ihm nach, bleibt ihm auf den Fersen, stumm. Die Bäume singen ihre Lieder; Buchen, Birken, hohe, schlanke Tannen miteinander im Gespräch, das jedenfalls behauptet Kari Kenel, wenn er dem Kind den Wald erklärt. Der bewundert das helle Grün der jungen Buchenblätter, ohne, vom Gedanken ans Grünezimmer aufgeschreckt wie Daskind, wegschauen zu müssen. Der sieht ein anderes Grün, einen andern Wald, weit entfernt im fremden Land.

Sie erreichen die Lichtung. Das Weiberfeld. Vor vielen Jahren, erzählen sich die Dörfler, habe sich hier eine am eigenen Fleisch und Blut versündigt, das Gesetz Gottes verachtend. Da sei der Teufel in die Lichtung eingebrochen und habe die Mächler Olga geholt. Noch heute, bei klarer Vollmondnacht, höre man das brünstige Geschrei der Hure.

Den Sohn habe keiner im Haus gewollt. Als Knecht habe er nichts getaugt, nicht richtig im Kopf sei er gewesen. Irgendwann nachdem sich der Mächler Marti zu Tode gesoffen habe, sei auch der Sohn verschwunden.

Daskind setzt sich ins Gras, rupft am blühenden Thymian, atmet den bittersüßen Duft, denkt ans Geschick der Hure. Es muss das Grün sein, denkt Daskind, Kind Selberschuld, das Grün. Ein Wolkenschatten zerlöchert die Grasfläche. Schweigend kauen Kind und Mann.

An wuchernden Berberitzen und Sanddorn vorbei nehmen sie den Abstieg. Den schwierigeren Weg, sagt Kari Kenel, der sei ihm lieber. Der Weg führt einer Schlucht entlang. Aus dieser Schlucht soll der Teufel gekommen sein, um die sündige Mächlerin zu holen. Tief unten im Gestein orgelt der Bach, schleift sich durch den Fels dem Dorf zu, wo er, seiner Gewalt beraubt, die Bewohner mit seinem reichen Fischbestand erfreut.

Langsam setzt Kari Kenel Fuß vor Fuß. Hier im Schattloch bleibt der Saumpfad den ganzen Sommer über nass und glitschig. Es ist also trotz der genagelten Militärschuhe Vorsicht geboten. Leichtfüßig hinter ihm Daskind. Macht sich ein Spiel daraus, möglichst nah am Abgrund zu gehen. Hört das Orgeln des Bachs als ein grünes Gebet. Lästergebet, Lichtfressergebet. Hört die Brunstschreie der Mächlerin und die des Entsetzens. Greift nach dem Rücken des Mannes vor ihm, der, auf den Stoß nicht gefasst, auf dem nassen Waldschlick ausgleitet, stolpert und schwer in die Zweige über dem Abgrund fällt. Eine Ewigkeit Erschrecken in den Augen Kari Kenels, der – von den Zweigen aufgehalten – erst in den Abgrund unter ihm und dann ins Gesicht des Kindes starrt. Dunkel ist das Grau vom Erschrecken. Schaut Daskind durch die Angst hindurch mit festem Blick bis zum jubelnden Schrei der Mächlerin, zum Schrei, der ein Tier ist in eisiger Nacht. Kind Ohnegrund. Kann den jetzt unbewegten Himmel über sich einatmen. Und die Angst des Mannes im Gezweig. Könnte zutreten, die Hand, ins Holz verkrampft, zertreten. Müsste fallen, in jene Nächte zurückfallen, aus denen es emporgestiegen ist, in jene eisigen Nächte, die Daskind bewohnt und schon immer bewohnt hat. Wäre Ordnung für lange im Kind.

Aber einer wie Kari Kenel ist ein Widergänger. Bannt den Blick des Kindes trotz der Angst, überrascht das Kind mit stiller Ergebung. Schon löst sich das Bild auf, wird zum Schatten, als der Mann die Hand ausstreckt und dann wieder auf festem Boden steht. Neben dem Kind. Die Hand des Kindes in der Hand des Mannes. Das weint jetzt, Daskind. Hat einen neuen Schmerz gefunden.

3

Aufmerksam betrachtet Daskind die Kiesel. Der Dorfbach macht hier keine großen Sprünge, sanft umspült er Stein um Stein. Umsichtig beleckt er die Wurzeln der Butterblume, sättigt großzügig das blühende Moos. Bunt leuchten die Kiesel im Bach, vom Wasser zurechtgeschliffene Werkzeuge, deren das Kind bald bedarf.

Im Rücken des Kindes das Haus der Waldfrau. Unter dem Giebel haben wie jedes Jahr Schwalben genistet. Daskind weiß nicht, wann die jungen Schwalben verschwanden, aber das aufgeregte Flattern und Jammern des Vogelpaars war tagelang zu hören. So ist’s im Wald, sagt die Waldfrau, frisst jeder jeden, je nach Bedarf. Sie greift ins Innere des Hasen, tastet nach Lungen und Herz. Legt das stumme ­Hasenherz zu den zierlichen Nierchen auf einen Bakelitteller. Füllt den nun leeren Hasenbauch mit Kräutern und Knoblauch, streicht ihm sanft über die prallen Schenkel, ehe das Tier im Ofen verschwindet. Die Lunge landet hinter dem Haus im Brombeergestrüpp. Für den Waldschrat, lacht die Waldfrau. Daskind will nichts hören vom Schrat, denkt, wenn die Frau lacht, dass sie den Wald mit dem Waldschrat teilt und ihn mit der Lunge des Hasen zufrieden stimmt, damit er unsichtbar bleibt. Grad so wie der Immergrüne im nächtlichen Dunkel verschwindet, wenn er mit dem Gewicht seines Körpers die Lungen des Kindes zerquetscht und den Schleim zwischen die magern Schenkel des Kindes gespuckt hat.

Daskind könnte auf das Hausdach der Waldfrau klettern, sich einfach und heiter hinunterfallen lassen. Das wäre ein Staunen im Auge des Immergrünen, sähe er die gebrochenen Schenkel, die zerfetzte Haut. Könnte Daskind auflachen, jubeln vor Freude. Hätte Daskind eine Frist zu nutzen. Doch Gott sieht alles, sagen sie im Dorf, wenn eines der Kinder Schlechtes treibt, und dass ihnen der Leib von Gott gegeben, der allein ihn zurücknehmen darf. Am Herzen Jesu bergen. Das Herz Jesu will keine gebrochenen Schenkel, keine zerfetzte Haut, keinen besudelten Leib. Lacht da der Immergrüne und jubelt.

Endlich findet Daskind den Stein. Der graue Kiesel liegt gut in der Hand. Zärtlich betrachtet Daskind die Maserung, misst mit geübtem Blick die Rundung des Funds. Mit Schleuder, Stein und Ziel zu verwachsen, hat es gelernt, dann verwittert das Herz nicht beim Schuss. Und dass das Ziel eines ganz bestimmten Steins bedarf.

Daskind wandert mit dem Stein und der Schleuder in den Wald. Ums Kind wimmelt’s von Absicht. Da ist ein Leben und Leben im Wald, das zueinanderdrängt und findet. Dornige Ranken zerkratzen die nackten Beine des Kindes. Vögel schrecken auf und fliegen hoch aus dem Niedergehölz. Das Beben der Luft will überall sein, ein Überallbeben berührt Daskind. Das ist nun im Wald aufgehoben, mit sich und mit dem Stein in der Hand.

Das klare Gesicht des Waldes verdunkelt sich zur Waldmitte. Hier stehen sie, Stamm an Stamm, die hohen, schlanken Tannen. Das kräftige Wurzelwerk ist unter dem Nadelteppich zu sehen. Eine feuchte, dunkle Weiblichkeit erfüllt diesen Teil des Waldes, den Daskind Nimmerwald nennt, im Gegensatz zu den andern Waldgegenden, die fürs Kind keine Namen haben. Die Waldfrau hingegen nennt den Ort Feenrausch, weil die Waldfeen an dieser Stelle vor langer Zeit ihre ­Feste gefeiert haben sollen. Trunken vom Nektar, hätten sie sich im Reigen gewiegt und gesungen. Die Tannen, bei Festen immer zugegen, hätten sie mit ihrem Rauschen begleitet. Doch einmal seien die Feen vom Tanz in die Ekstase nicht mehr zurückgekommen, obwohl die Tannen zur Rückkehr mahnten. Seither habe niemand mehr die Feen gesehen. Traurig seien die Tannen allein in den Wald zurück­gekehrt. Seither herrsche der Schrat im Wald, mit dem sei nicht zu spaßen. Die Bäume aber seien zum Himmel gewachsen, um ab und zu einen Glanz auf den Flügeln der Feen zu erhaschen.

Daskind umarmt den traurigen Baum. Das kann es verstehen, dass da eine Trauer ist, die nie mehr vergeht, wenn keine Feen im Feenrausch tanzen. Das kann es verstehen, Daskind, dass da keine Freude ist, wo die Feen fehlen und der Schrat sein Unwesen treibt. Es ist an der Zeit, flüstert Daskind. Da ist der Stein in der Hand und die Schleuder. Daskind hat sein Geschick, kann nicht aus der Haut. Jetzt hört es die Amsel im Gezweig des Baums, hört im Gezweig das Necken und Rufen. Nimmt still die Schleuder zur Hand. Fühlt die Kraft im Arm, als es langsam den roten Gummi spannt. Denkt, dass es verwachsen muss mit dem Stein und der Schleuder, dem Ziel. Tut es probeweise, hält inne, nimmt sich Zeit. Moosbewachsene Zeit zieht ins Kind ein, in den Bauch, macht ihn weich und fügsam. Warm.

Fest Jetzt Die Hand Ums Gegabelte Holz Spannt Jetzt Den Schlauch Fühlt Ziel In Der Hand Im Stein Liegt Gut In Der Hand Im Leder Der Schleuder Spannt Fester Noch Fester Fühlt Stein Fühlt Hand Die Schleuder Das Ziel Kann Jetzt Das Sirren Des Steins Und Zugleich Das Locken Der Amsel Kann Das Hören Fühlen Schwarz ­Explodiert Sonne Im Bauch Und Ein Ziehen Das Sirren Lauter Dann Dumpf Und Schneller Der Fall Still Liegt Vogel Tot Kann Nicht Fragen Kein Vogelfragen Hat Stille Daskind Hat Stille Im Wald Daskind Kehrt Zurück Moosgrüne Zeit.

Kind Ohneschuld, eingesponnen in eine feuchte Träumerei, beachtet den Vogel nicht, braucht den nutzlosen Kadaver nicht, um das Träumen in Schwung zu halten. Sitzt unter den Tannen, die Hände im Schoß gefaltet, lauscht es dem fernen Gesang der Feen, weiß sich vorm Schrat beschützt. In seinem Traum sind alle Vögel unterwegs, trennen mit ihren Schnäbeln die Welt vom Rumpf der Nacht.

Im Chalet sah man die Spaziergänge des Kindes zur Waldfrau nicht gern. Eigentlich waren sie verboten, aber dem Kind wurde nie gesagt, weshalb. Über die Waldfrau, Kari Kenels ledige Schwester, wurde ohnehin nicht mehr gesprochen, seit sie die Eltern verließ und in den Wald zog. Das war nach der Zeit, als Kari Kenel, den der Krieg in die Heimat zurückrief, die Störschneiderin Frieda Rüegg ehelichte und ihr das Chalet Idaho baute. Die Eltern starben kurz nach seiner Heirat, gramgebeugt, wussten die Dörfler, weil ihnen die Tochter die geschuldete Treue verweigerte. Das hatte es im Dorf noch nie gegeben, dass eine unverheiratete Tochter Haus und Herd verließ, um ­allein in einer alten Holzerhütte zu leben. Doch die Waldfrau, die Leni, habe ja vom Schaffen nie viel gehalten. Die habe beizeiten vom Schaffen nicht viel gehalten. Oft habe man sie am Waldrand sitzen ­sehen, gefaulenzt habe sie, obwohl das Gras hochgestanden sei und die Säue in den Koben vor Hunger schrien. Umso mehr hätten die betagten Eltern zugepackt, auf den Sohn sei ja auch kein Verlass mehr gewesen. Der mit seiner Auswanderei und den teuren Postkarten, die er von drüben schickte. Der Hof ging an Neuzuzüger, an Ambachs aus dem Nachbardorf, weil die Leni nicht zu bewegen gewesen sei, ihn wenigstens an einen Einheimischen zu verpachten. Auch der Kari habe seine Stelle als Vorarbeiter in der Aluminiumfabrik nicht aufgeben und den Hof nicht bewirtschaften wollen. So sei der Leni ein stattlicher Batzen ausbezahlt worden, mit dem sich’s gut leben lasse. Aber dass da eine dem Herrgott die Zeit stehle, das sei ein Ärgernis. Die hause im Wald, als sei sie vom Bessern.

Andere wussten von den Spaziergängen der Waldfrau zu berichten. Kraut um Kraut nehme sie zur Hand, einige trage sie gebündelt nach Hause. Man könne nur ahnen, was daraus zusammengebraut werde. Gescheites könne es nicht sein, bei so einer.

Andere wollten sie bei Vollmond im Wald gesehen haben. Oft mit nackten Füßen und nur in ein weißes Hemd gekleidet. In so einem Dorf wird halt viel geredet, wer weiß schon, was an den Geschichten wahr ist, die sich die Frauen beim Warten aufs Anprobieren in Frieda Kenels Nähstube erzählen.

Daskind wusste von den Erzählungen. Ging hin, auch wenn es verboten war.

Das erste Mal hatte sich Daskind verirrt. Es war aufgebrochen, die Puppe zu suchen, seine Puppe, die Frieda Kenel in den Dorfbach geworfen hatte. Die Puppe war ein Geschenk der Kellers nebenan. Ei­gent­lich kein Geschenk, eher ein Lohn, denn für die Stoffpuppe musste Daskind der Keller Marie wöchentlich dreimal das lange, wirre Haar bürsten. Vorsichtig hatte es durch das Haar zu fahren, vorsichtig Knoten um Knoten zu lösen, bis das Haar glatt und glänzend über die Schultern des Mädchens floss. Das Haar roch nach Kakao und Kuchen. Wenn Daskind unvorsichtig wurde und an den hellen Haaren riss, schlug Marie es ins Gesicht oder – noch schlimmer – Marie weinte so lange, bis die Keller vom Laden hochkam und Daskind laut schimpfend aus dem Haus jagte. Oder Anton Keller selbst kam und nahm Marie in den Arm. Nach dem Bürsten besah sich Daskind seine Hände. Nie hatte das Gold des Haars Spuren hinterlassen, die Handteller blieben weiß.

Einmal hatte es das Haar der Keller Marie besonders vorsichtig gebürstet. Seidenweich war es anzufühlen. Marie ließ sich und ihre Haarpracht kokett bewundern. Da griff die Keller in eine Spielzeugtruhe und holte die Puppe hervor. Da nimm, armes Ding, und dass du morgen wiederkommst.

Die Stoffpuppe wurde in die Überlebensstrategie des Kindes eingebaut. Von allem Überflüssigen befreit, schien sie dem Licht zu­gehörig, in das die Tannen getaucht waren, wenn sie dem Glanz der Feenflügel nachtrauerten. Dann war auch jenes dunkle Rauschen zu hören, das jetzt Daskind beim Anblick der Puppe zu hören glaubte. Vorsichtig löste es den schwarzen Faden aus dem Stoff, an dem vermutlich das eine Auge befestigt war. Dann kratzte es die rote Farbe weg, die einmal ein Lippenpaar markierte. Der Mund, nur noch eine zarte, kaum sichtbare Kerbe in der unteren Hälfte der runden Gesichtsscheibe, lächelte weltentleert.

Die Hände und Füße der Puppe zeigten Zerfallserscheinungen. Finger und Zehen fehlten ganz. Wolle quoll aus den Wunden hervor, Daskind stopfte sie in die Öffnungen zurück. Der Rumpf war in ein Tuch von undefinierbarer Farbe eingenäht. Lose baumelten die Beine am Rumpf. Daskind schwang die Puppe im Kreis, bis es im Schultergelenk knackte. Dann riss es der Puppe die baumelnden Beine in den Spagat und bohrte mit dem Zeigefinger ein Loch in den brüchigen Stoff. Schließlich fand es einen geeigneten Knebel, um Kellers ­Geschenk aufzuspießen, und lief, die Trophäe hoch erhoben, nach Hause.

Wenn mich die Keller Marie jetzt schlägt, werde ich der Puppe Nadeln ins Gesicht stecken, dort, wo die Augen waren. Und ins Herz, in den Bauch. Ich werde keine Stelle auslassen, denkt Daskind. Keine Stelle, auch nicht die Stelle mit dem Loch.

Und auf dem Stuhl im Grünenzimmer werde ich an die Puppe denken, denkt Daskind, und nachts, wenn der Immergrüne … Dann auch.

Aber nun war die Puppe weg, und Daskind machte sich auf, sie zu suchen. Nachts zuvor war wieder der Immergrüne ins Kind eingebrochen. Daskind hatte lange die Puppe gequält und sie schließlich an einen Nagel gehängt, dass der Stoff im Rücken riss.

Weggeworfen. In den Bach, hatte die Pflegemutter gesagt. Also lief das Kind zum Bach. Es war ein schwieriges Suchen, denn Daskind wusste nicht, an welcher Stelle Frieda Kenel die Puppe in den Bach geworfen hatte. Auch konnte der Bach die Puppe mitgenommen haben, davongetragen wie die Äste und Steine, die er nach Gewittern auf die Dorfstraße spülte.

Daskind trottet dem Bach entlang dem Wald zu. Es weiß, wo die Pflegemutter die wilden Beeren holt, die sie für den Winter zu Kompott verarbeitet. Im Keller stehen die Gläser auf den rohen Holzbrettern. Nach einiger Zeit sind sie von klebrigem Staub überzogen, dann sieht man die Schrift nicht mehr und muss an der Farbe des Eingemachten erraten, was man auf Geheiß der Pflegemutter in die Küche hochschleppt. Ist es das Falsche, muss Daskind wieder in den Keller steigen, obwohl es sich fürchtet vor dem Dunkel und den großen Spinnen. Oft glaubt es, die Spinnen auf dem Gesicht zu spüren oder Spinngewebe, das von der Decke hängt. Dann schreit es laut im Dunkel des Kellers, weil es den Lichtschalter nicht berühren darf. Das hat die Pflegemutter verboten, dass Daskind Licht macht, wenn es in den Keller hinuntersteigt. Das hat sie verboten, und dass Daskind schreit. Aber Daskind kann nicht aufhören zu schreien, obwohl es Angst hat, dass ihm eine Spinne in den Mund klettert und dort ein Netz spannt, an dem Daskind ersticken muss.

Jetzt hat es die Stelle erreicht. Hier ist der Bach ein friedliches Ge­murmel, schön anzuschauen mit den bunten Steinen und den Blu­men, die am Bachrand blühen: Dotterblumen, weiße Waldanemo­nen und Engelwurz. Ein gelbes Licht verzaubert das Gebüsch, Frieda Kenels Gebüsch, Frieda Kenels Beeren, die sie in kleinen Körben nach Hause trägt. Daskind muss die Puppe finden. Starrt angestrengt in den Bach. Sucht mit weiten Augen das Wasser ab, das Ufer. Im Moos liegt die Puppe, der Bach hat sie nicht fortgetragen, hat sie achtlos ans Ufer gespült, wo sie sich in abgebrochenen Zweigen verfing. Von den Zweigen gehalten, liegt sie im Moos, sanft gleiten kleine Wellen über ihren Stoffkörper, manchmal verschwindet der Kopf in den Wellen. Daskind klettert vorsichtig die Böschung hinunter, greift nach der nassen Puppe, zieht sich wieder hoch. Mustert die Puppe, schüttelt sie und schwingt sie in der Luft. In den Wassertropfen bricht sich das Licht, kleine, regenbogenfarbene Kugeln, ein lebendiger Kreis um Daskind und die Puppe.

Aber Daskind verlässt den Kreis, will nicht vom Regenbogen, nicht vom Licht und den Farben gefangen werden. Nimmt einen dicken Prügel und die Puppe, läuft hastig in den Wald. Dort, weitab vom Bach, haut Daskind auf die Puppe ein, langsam, entschlossen. Blind. Findet den Rücken der Puppe blind. Schreit und haut. Jedem Schrei folgt ein tiefes Knurren aus dem Innern des Kindes. Prügelt die Puppe in den weichen Waldboden. Kann nicht aufhören, muss und muss. Schreit und knurrt. Das hat es von den Wölfen gelernt, dass da kein Erbarmen ist, wo Blut fließt. Schlägt jetzt schneller, Daskind, verbeißt sich im Stoff, zerreißt den Fetzen Stoffleib, bis nicht mehr zu sehen ist, was es war.

Pocht das Herz rasend.

Ist ein Zorn im Kind.

Zittert Daskind.

Schreit weiter, Daskind.

Bis eine Hand es streift und seine schreiende Stimme in der ruhigen Stimme der fremden Waldfrau verschwindet.

Starren sich an, die Frau und Daskind. Fremdlinge im Wald, der ein Tor ist zu den Gesängen der Fee. Führt eine Einsamkeit die andre durchs Tor, ein Fremdling den andern, eine Not die andere Not, führt eine Hand die andere tief in den Wald, wo das Holzhaus steht. Jetzt beide stumm.

Kocht die Waldfrau Kakao. Stellt Kuchen auf den Tisch. Bittet das Kind zuzugreifen. Nie hat jemand Daskind um eine Gefälligkeit ­gebeten, nicht am Tisch und nicht in der Nacht ohne Sinn. Daskind stopft sich den Kuchen ins Maul. Schluckt süß und süß, will wiederkommen. Bald.

4

Ein Frostflaum auf den Lippen des Kindes. Auf der Suche nach dem ordentlichen Leben wandert es zum Friedhof, der hinter der Michaels­kirche liegt. Kann sich selbst nicht gelingen, wenn es die Toten zu lange meidet. Der Friedhof, für Daskind die siebente Tür, hinter der das Paradies sich befindet. Von der Welt abgenabelt, liegen sie unter der Erde, harren geduldig der Zersetzung durchs Gewürm. Das muss das Paradies sein, diese passive Art, sich des lästigen Körpers zu ent­ledigen. Die einzige Möglichkeit, dem Herrn die Macht über das ge­wesene Fleisch zu stehlen, sich zurückzuholen, was ihm angeblich gehört. Weil keine Maden zur Hand sind, legt sich Daskind rote Re­gen­würmer auf die nackten Beine, hofft es auf die Gier der roten Fresser und bietet ihnen seine Haut bedingungslos zum Fraß. Aber die wollen nichts vom Kind, fallen vom Bein, verschwinden in der Erde. Bedauernd verfolgt Daskind ihren Rückzug.

Im hintern Teil des Friedhofs, unweit der Friedhofsmauer, die alte Eibe. Der Baum wächst in den Himmel wie die Tannen. Daskind weiß nicht, was für ein Schmerz so hoch hinauf zwingt, wie viel Glanz man ihm genommen oder welchem Gesang er sich so verzweifelt entgegenstreckt. Jedenfalls scheint er ein trauriger Baum zu sein. Daskind streicht mit den Händen über die rötlich braune Rinde, umfasst den Stamm, um das Herz schlagen zu hören. Mit den Bäumen kennt es sich aus. Und die Bäume mit dem Kind. Dieser hier ist nicht nur ein trauriger Baum, in der Blüte wird er ausgesprochen freundlich, wenn sich ein Mensch in seinen Schatten legt. Das tut Daskind im Frühling, wann immer es kann, denn auch für die Friedhofspaziergänge muss man sich davonschleichen, Frieda Kenel überlisten, das Haus unge­sehen verlassen und dafür sorgen, dass die Gartentür nicht knarrt. Bleibt der Weg durchs Dorf, an Kellers Laden vorbei zum Italiener, der in seinem Schaufenster Kämme, hübsche Frauenfrisuren, Scheren, Rasiermesser, Seifen und dicke Pinsel aus Dachshaar feilbietet. Dann der Hauptstraße entlang zur alten Schule, wo jetzt im Dach­geschoss die zwei Lehrerinnen wohnen, Nonnen in schwarzen Gewändern und Schleiern. Schwester Guido Maria betreut die erste Klasse, Schwester Eva die zweite und dritte, die höheren Klassen werden von Lehrern unterrichtet.

Die unteren Stockwerke des alten Holzbaus dienen nicht mehr als Schule. Daskind liebt diese Räume, die knarrenden Bretter unter den Füßen, das weiche Licht, wenn die Sonne die langen Fenster­reihen mit den staubigen Scheiben bescheint. Die niedrigen Bänke sind mit Nachrichten vollgekritzelt; Bruno libt Mari, die Vreni den Josef, auch: Rösi ist eine tume Kuh, Zahlen, pfeildurchbohrte Herzen, Gedächtnisstützen, Fratzen und Karikaturen. In den Tintenfässern vertrocknet die Tinte zu unansehnlichen Klümpchen, da und dort liegen noch angekaute Federhalter, gebrauchte Löschblätter, alte Schulbücher. An den Wänden hängen Zeichnungen, das Papier schon etwas vergilbt und brüchig.

Der blau gekachelte Holzofen ist nicht ausgeräumt. Niemand hat sich nach dem Umzug die Mühe genommen, die Schulräume zu reini­gen. Als hätten die Kinder in letzter Minute flüchten müssen, alles zurücklassend, was nicht unbedingt notwendig war, so sieht es aus, und das liebt Daskind, das nicht flüchten kann.

Den Kiesplatz vor dem neuen Schulhaus durchquert Daskind im Laufschritt. Das rhythmische Knirschen unter den Sohlen nicht achtend, huscht es an den blank geputzten Fensterreihen vorbei und übersieht die glotzenden Kinder hinter den Scheiben. Dann ist das Schulhausportal zu überwinden, wo der Schulwart mit der Pfarrhaushilfe plaudert und mit der Faust droht, wenn Daskind zu nahe kommt. Das Schulhaus, den Schulwart und die Pfarrhaushilfe im Rücken, streicht es auf Zehenspitzen der Rosenhecke des Kirchgartens entlang, am schlafenden Köter des Sigristen vorbei, dringt zur St. Michaelskirche vor und nähert sich endlich dem Friedhofstor. Das heisere Geräusch des eisernen Tors zerschneidet Stille und Zeit, dem Kind fällt das Dorf ab, es ist für die Eibe bereit.

Die Freundlichkeit des Baumes liegt in seinem Duft, den er großzügig verströmt. Ein bitterer, schwerer Geruch, der sich zuerst auf Gaumen und Nasenschleimhäute legt und das Irdische in den Ge­danken begrenzt. Nach einem leichten Brechreiz und einer kurzen Dumpfheit in Gehirn und Gliedmaßen füllen sich die Lungen mit weicher, leicht salziger, fließender Luft. Diese Luft nimmt dem Körper die Schwerkraft und gibt ihm die Bedürfnislosigkeit der Zeit im mütterlichen Bauch zurück. Der Duft der blühenden Eibe bemächtigt sich der Haut, macht sie fügsam und willig, dringt in die Poren vor, in jene Bereiche, die selbst Liebenden verborgen bleiben. Mit unsichtbaren Händen streichelt er die Haut und das Verborgene, beruhigt das gequälte Geschlecht, Daskind lächelt im Schlaf.

Abgestorbene Nadeln der Eibe bedeckten die am nächsten gelegenen Gräber und das grüne Band hinter der Friedhofsmauer. Hier waren des Kindes liebste Toten zu Hause, die Selbstmörder, Ver­brecher und die Ungetauften. Ihre Leichen wurden im Morgengrauen verscharrt. Kein Pfarrer war zugegen, wenn der Ochsner Toni den schmucklosen Sarg in das Loch versenkte. Das war es ja gerade, was man den Unglücklichen vorenthalten wollte, den Segen der Kirche. Schweigend ließen der Sigrist und der Ochsner Toni die Särge ins Loch gleiten, schütteten das Grab zu und bedeckten die im Morgengrauen dampfende Erde mit den vorher ausgestochenen Grassoden. Dann klopften sie sich die Hände an den Hosen sauber, gingen wortlos davon.

Solche Begräbnisse sind selten. Seit Daskind ins Dorf geholt wurde, musste man nur drei Menschen hinter der Friedhofsmauer verscharren. Wenn die Frauen im Dorf davon sprachen, bekreuzigten sie sich und murmelten amen. Einmal wurde ein Neugeborenes verscharrt, der Sarg war so klein, dass ihn der Ochsner Toni wie ein Postpaket unter den Arm geklemmt trug und dabei nicht einmal ächzte.

Nachts scheinen die Pflegeeltern schwerhörig zu sein. Nichts stört ihren Schlaf in der Kammer gegenüber der Küche. Hören nicht das leise Knarren der Treppenstufen, nicht die vorsichtigen Schritte des Kindes, wenn es das Haus verlässt. Beim Gartentor angekommen, hält Daskind atemlos inne. Die Straßenlaterne verschluckt die Sterne.

Die Nacht des Kindes ist ein undefinierbarer Ort. Ungeduldig zehrt die Nachtluft von der Wärme am Kind.

Ein schwaches Licht beleuchtet die Stelle, wo das Neugeborene begraben werden soll. Ein bescheidener Hügel ausgehobener Erde ist nötig, um dem kleinen Holzsarg Platz zu schaffen. Bald werden sich Maden und Würmer an das Ungetaufte heranmachen, werden es von innen her zersetzen, bis nichts mehr bleibt als ein paar Knöchelchen und ein winziger Schädel. Sogar ein Neugeborenes kann sich der Allmacht Gottes entziehen, denkt das Kind, dem Herzen Jesu, der das unbesudelte Fleisch erbarmungslos zu sich holt.

Die Männer können das lauernde Kind nicht sehen. Gleichmütig gehen sie ihrer Arbeit nach. Daskind kauert fröstelnd an der Mauerstelle, wo ein faustgroßes Loch den Blick auf den verwunschenen Ort freigibt. Dem Kind entgeht nichts, nicht die blinde Sicherheit der arbeitenden Hände, das rohe Holz des Kindersargs, der dampfende Schlund der Erde.

Durch die Tannenbretter hindurch sieht Daskind das Kind.

Will weinen.

Spürt die rätselhafte Wärme des Unglücks.

Ragt mit seinen Antennen fürs Tote in die Friedhofsnacht, mit nichts als einer Sehnsucht bekleidet.

Als der kleine Sarg in den dampfenden Schlund gesenkt wird, sinkt auch Daskind. Hat die Nacht ein Rechteck Klarheit ausgespart, in dem Daskind versinkt, langsam, unterm Arm des Ochsner Toni, der ein großer Tröster ist, ein Erzengel, dem Herz Jesu trotzend.

Im Kind schneit es, wird es weiß und nachgiebig.

Tief gräbt eine Scherbe sich dem Kind in die Haut, als das Bamert ­Anneli begraben wird. Ein Höhepunkt im Leben der kleinen Dorf­ge­meinde. Das Unglück wird während Wochen besprochen, nicht nur in der Nähstube der Schneiderin Frieda Kenel, auch an den Stamm­tischen der Dorfvereine, selbst in der Sennhütte konnten sie sich nicht satt reden an dem Geschehen. Obwohl niemand genau wusste, was sich an jenem Tag tatsächlich ereignet hatte, als sich Louis Schirmer, auf dem schweren Motorrad vom Vorderberg kommend, und das ­Bamert Anneli, das Fahrrad den Stutz hinaufschiebend, am frühen Morgen auf halber Höhe am Vorderberg begegneten. Keiner ahnte, was Louis Schirmer, ein reicher Bauernsohn aus der Nachbargemeinde, um diese Zeit auf dem Vorderberg zu suchen gehabt hatte, und der Umstand, dass sich die Bamert Anni just an jenem Morgen eine halbe Stunde später als sonst auf den Weg zum Vorderbergseppli gemacht habe, verweise geradezu schreiend auf einen Plan des Teufels. Ein Goschmar sei es, mit oder ohne des Teufels Hilfe, wisperte die Freudenstau über den Ladentisch der Kellers, wobei sie das O so raffiniert in die Länge zog, dass aus dem Wort fast ein Jodel wurde.

Anni Bamert hatte das Wärchen früh lernen müssen. Der kleine Hof der Bamerts warf kaum etwas ab. Vater Bamert hatte sich außerdem mit dem Kauf einer elektrischen Baumsäge so hoch verschuldet, dass er beim Wuchermoritz vorstellig werden und ein Darlehen erbetteln musste. Der, mit richtigem Namen Schirmer, Vater ebenjenes Louis Schirmer, bot Hand zum Handel und setzte einen derart unverschämten Zins fest, dass auch der Hinterletzte begriff, weshalb man ihn Wuchermoritz nannte. Wuchermoritz, von ungetrübter Habgier, lachte sich nach dem Handschlag ins Fäustchen; hatte er doch den ­Bamert soeben zum Pächter seines eigenen Hofes gemacht.

Kaum aus der Schule, verdingte sich die Bamert Anni dem ledig gebliebenen Vorderbergsepp als Magd. Schließlich hatte man vom Herrgott zwei Hände bekommen, die anpacken konnten. Mägde waren noch billiger zu haben als Knechte, darum erledigte das Anneli zusätzlich zur Hausarbeit auch die Arbeiten im Stall, nachdem der Sepp in der Frühe die Kühe gemolken und, wenn es die Jahreszeit ­erlaubte, am steilen Hang ein paar bescheidene Schübel Gras gemäht hatte. Der Sepp hätte die Anni gerne geheiratet, aber da war der beträchtliche Altersunterschied, das Gespött und Gerede hätten nicht lange auf sich warten lassen. Der Sepp, ein Sonderling, im Dorf nur einmal jährlich gesehen, während des Jahrmarkts auf Schättis Viehweide. Da stand dann der Sepp mit einem melancholischen Staunen in den Augen vor den gut genährten Kühen mit ihren prallen Eutern, staunte noch mehr ob der geballten Kraft der Stiere, deren Felle, in schönes Licht getaucht, seidig glänzten. Wehmütig dachte er an das magere Vieh auf dem Berg. Das würde er sich nie leisten können, nicht eine einzige dieser Kühe, nicht einmal einen Ochsen, der ihm einen Teil der Arbeit abnehmen könnte.

Ein Auge auf das Bamert Änneli hatte auch Louis Schirmer gewor­fen. Der, gewohnt zu bekommen, was er begehrte, strich dem Mädchen nach. Kein Ort im Dorf, wo sich Anni vor seinen Nachstellungen hätte verstecken können. Louis spürte es selbst in der Kirche auf. Bei der Kommunion, wenn sich Frauen und Männer aus ihren Bänken zwängten und beide in getrennten Reihen, aber nebeneinander, nach vorne schlurften, um den Heiland zu empfangen, schaffte es Louis Schirmer, neben Anni Bamert an den Altar zu treten, um, wiewohl ungläubig, in gotteslästerlicher Weise vor dem heiligen Sakrament das freche Maul aufzureißen. Der Triumph war nicht zu übersehen, wenn er, das hilflose Änneli im Visier, an der Hostie lutschte und an ihrer Seite ins Kirchenschiff zurücktrat. In der er als nicht Einheimischer eigentlich nichts zu suchen hatte. Die Nachbargemeinde hatte schließlich ihren eigenen Pfarrer in der eigenen Kirche, aber das küm­merte Louis Schirmer nicht.

Von Schirmers Nachstellungen eingeschüchtert, wurde Anni Bamert immer stiller. Im Dorf flüsterten sich die Frauen mitleidig zu, dass selbst ihr Schneewittchenhaar an Glanz verloren habe und die milchweiße Haut noch durchsichtiger geworden sei. Scheu und niedergeschlagen machte sie die täglichen Einkäufe für den Vorderberg­sepp. An den wenigen Tanzanlässen im Schwanen fehlte sie ebenso wie in der Frauenriege. Wenn es ihre Aufgaben nicht erforderten, mied sie das Dorf.

Von der Kanzel wetterte Pfarrer Knobel über die Abtrünnigen, drohte ihnen Tod und Hölle an, wenn sie nicht in den Schoß der Kirche zurückfänden, aber Anni Bamert war nicht mehr zu bewegen, die Michaelskirche zu betreten, so groß war die Scham, Gegenstand eines solch unverschämten Begehrens zu sein.

Nach dem Unglückstag meinte mancher, man habe das arme Kind schmählich im Stich gelassen. Wenn jetzt die Anni zusammen mit ihrem Freier außerhalb der Friedhofsmauer liege, könne sich der eine oder andere ruhig ins Gewissen schreiben, dass die Geschichte auch wegen der Bigotterie der Dörfler ein schlimmes Ende gefunden habe.

An diesem Tag vergaß der Vorderbergbauer seine Grundsätze, die ihm verboten, den Hof mehr als einmal jährlich zu verlassen. Noch nie war es vorgekommen, dass die Anni nicht pünktlich zur Arbeit er­schien. Er hätte seine Uhr nach ihr richten können. Beunruhigt zerrte Sepp sein verrostetes Motorvelo aus dem Schuppen und schwang den Hintern unbeholfen auf den speckigen Ledersitz. Dem stotzigen Hang entlang fuhr er zur Stelle, wo der Waldweg in seinem kargen Weideland endete, in der Erwartung, hinter der ersten Wegbiegung Anni entgegenkommen zu sehen, die sich, kann ja einmal vorkommen, nur verspätet hatte. Als er Anni nicht antraf, fuhr er vorsichtig den schmalen Waldpfad hinunter in Richtung Dorf.

Was der Sepp auf halber Höhe des Vorderbergs wirklich sah, hat er sein Leben lang für sich behalten. Es kann kein schöner Anblick ­gewesen sein, die Bamert Anni, blutüberströmt und zerschmettert unter der Buche, die sie noch im Tod mit dreckverschmierten Händen umklammert hielt. Unweit davon der Schirmer, ein blutiges Bündel Fleisch im Gehölz. Die beiden Fahrzeuge lagen, ineinander verkeilt, auf dem matschigen Weg, einzelne Teile fand Sepp weit verstreut im Unterholz. Eine bedrückende Stille umgab den Schreckensort, kaum wagte Sepp zu atmen.

Auf dem Weg ins Dorf konnte Sepp dem Brechreiz nicht widerstehen. Wellen der Übelkeit schlugen über ihm zusammen. Er verlor die Gewalt über das Motorvelo, schwer schlug er auf, dann übergab er sich.

Später wischte sich der Vorderbergsepp Rotz und Kotze aus dem Gesicht und stellte das Motorvelo ordentlich an einen Baum. Zu Fuß erledigte er den Rest des Weges, schwach in den Knien.

Bei Kellers trat er ein, starrte am Gesicht des Ladenbesitzers vorbei zur Wand, als sei dort die Antwort auf sein Rätsel zu lesen. Gott musste besoffen gewesen sein, als er den Rüpel das Bamert Anneli überfahren ließ. Man habe da oben am Berg zu tun, knurrte Sepp, die Kellerin solle schon einmal dem Janser Wisi Bescheid geben und den Landarzt Mächler rufen, die Anni liege tot im Wald. Vom Schirmer Louis sprach er nicht.

Der absurde Tod der Bamert Anni war nicht schuld daran, dass die Tote ungesegnet neben den Louis und hinter die Friedhofsmauer zu liegen kam. Schuld daran war das Untersuchungsergebnis, Mächlers Obduktionsbericht, der die Schwangerschaft des Mädchens festhielt. Das war dann ein Wettern nicht nur von der Kanzel herunter, das ganze Dorf, vor allem die Frauen, einte der Gedanke an die Höllenqual, die jetzt das Anni zu erleiden habe. Zugeschlagen habe der da oben, mit strafender Hand ins Geschick der Anni eingegriffen, so weit komme es halt, wenn eine heimlich dem Laster fröne, das Heiligste schände, das eine Ehe zu bieten habe. Mit dem Allmächtigen sei nicht zu spaßen, donnerte Pfarrer Knobel von der Kanzel herunter, wehe dem Sünder, der Gott versuche. Sein sei die Rache, in Ewigkeit, amen.

Bei Anni Bamerts und Louis Schirmers Begräbnis ist das Kind nicht der einzige Zaungast. Stumm lehnt der Vorderbergbauer an der kalten Mauer. Die Hände unbeholfen ineinander verschlungen, hadert er mit seinem Gott. Er beachtet Daskind nicht, das neben dem Loch in der Mauer kauert und frierend dem harten Poltern der Särge lauscht. Es ahnt Daskind, dass da kein Frieden ist im Tun, dass sich der Herrgott, das Dorf und der Pfarrer, alle unter einer Decke, gegen die Anni verschworen haben.

Tief gräbt sich die Scherbe in die Haut des Kindes. Fast stöhnt es auf, Kind Selberschuld. Einsam wird aller Schmerz ausgekostet, den das Schicksal zu bieten hat. Auch den Schmerz der Anni muss Daskind trinken, allen Schmerz der Anni, damit die sich dem Frieden übergeben kann, der ein langer Tod ist und ein Licht.

5

Ein gewaltsamer, heftiger Frühling neigt sich dem Ende zu. Mit demütigen Augen betrachtet Kari Kenel seine Rosen. Es ist keine Woche her, seit Kari die Vorbereitungen für eine neue Züchtung traf. Am ­frühen Morgen sammelte er die Pollen der Venise und ließ sie vorsichtig in weiße Papiertütchen gleiten. Auf einem schmalen Papierstreifen notierte er Namen und Alter der Sorte, die er mit der Falbala, einer großblumigen, aprikosenfarbigen Teehybride kreuzen wollte. Dabei hatte er es nicht auf die Verfeinerung der Aprikosenfarbe abge­sehen, sondern auf das zarte Korallenrot an den Rändern der Blütenblätter. Das lebhafte Rosa der Venise, unterstützt vom zarten Koral­lenrot der Falbala, sollte in der neuen Zucht seine Vollendung finden. Noch am selben Abend, bei völliger Windstille, bestäubte Kari Kenel die Narbe der zu befruchtenden Blume. Er befestigte ein Etikett an dem Zweig, das er mit dem Namen des weiblichen Partners und jenem des Vaters versah, die er bei gelungener Zucht im Rosenzivilregister einzutragen hatte. Erhebt ein Nachkomme bei einer Neuheitenprüfung Anspruch auf Anerkennung, müssen die Namen der Eltern genannt werden.

Nach der Befruchtung deckte Kari Kenel den Zweig mit einer Haube zu. Sie würde das Eindringen fremder Pollen verhindern und die befruchtete Narbe vor allzu viel Wärme und Gewitterregen schützen. Nach Ablauf eines Monats würde sich die samenschützende Hülle ausdehnen, die Bildung einer Hagebutte deutlich werden.

Am Blattwerk der Trauerrose entdeckte Kari Kenel vereinzelte Miniergänge. Die Miniermotte war ein ungern gesehener, aber leider häufiger Gast. Übersah man sie, fraßen sie sich in kürzester Zeit durch die Rosenblätter und hinterließen ein zartes, filigranes Muster, das an persische Ornamente erinnerte. Doch so weit wollte es Kari Kenel nicht kommen lassen. Er behandelte den Rosenbaum mit einer Spritzbrühe.

Und nun, keine Woche später, steht Kari Kenel mit demütigen Augen vor seinen Rosen. Stumm betrachtet er die Sträucher, verspürt ein heftiges Bedürfnis nach einer Erklärung, nicht anders als der Vorderbergbauer ein knappes Jahr zuvor beim Anblick der toten Anni. Kari Kenel betrachtet die Sträucher oder das, was einmal kraftstrotzende, knospende Rosensträucher gewesen waren. Der Hagel hat ganze Arbeit geleistet, hat erbarmungslos Strauch um Strauch zerschlagen, zerfetzt.

Das Gewitter kündigte sich mit einem schwefelgelben Himmel an, kurz nachdem sich Daskind beim Silberleider für den Tag bedankt hatte und in die Schlafkammer verwiesen wurde. Diesmal ohne Umweg.

Es sah aus, als reiße der Himmel das Maul auf und blecke die Zähne. Ein heiseres, gelbes Gebell war der Himmel über dem Tannsberg, der Wald, in dieses schmutzige Gelb getaucht, schien mit ihm zu brüllen.

Hastig hatten die Männer ihre Milchkannen geleert. Das Lachen der Hüttenmarie fehlte, zu schwer hockte dem Abend das aufkommende Gewitter im Nacken. Als hielte er den Atem an ob dem Gewicht.

Auch dem Kind war’s schwerer und schwerer im Genick. Für Gewitter hatte es den Instinkt der Hunde, die sich schon vor dem Ausbruch in die Hütte, unter den Tisch oder in eine dunkle Ecke verkriechen.

Ein heller Blitz erhellte die Kammer des Kindes, dann geschahen zwei Dinge gleichzeitig. Begleitet von einem gewaltigen, hohen, fast schrillen Donnerknall, der sofort in ein dumpfes Grollen überging, fielen, ohne dass es vorher geregnet hätte, die Hagelkörner. An dem von ihnen auf dem Dach erzeugten und sich sekundenschnell ver­ändernden Ton konnte Daskind die Größe der Hagelkörner erraten. Erst prasselten sie nieder, als schütte der Himmel zu Brei zerstampftes Eis auf die Erde. Das waren die kleinen, für die Landschaft mäßig gefährlichen Körner. Diesen folgten größere, der Ton wurde hart, mit hohlem Klang, eine Musik, die Glasmarmeln auf dünnblättrigem Schiefer erzeugen. Doch schneller im Rhythmus, rasend schnell, Haselnusshagel, der plötzlich als Walnusshagel niederprasselt, wie der dumpfer werdende, um eine Nuance hohler klingende Ton verrät.

In diesem Augenblick hat der Hagelschlag schon großen Schaden angerichtet, die Bauern haben ihre voraussichtlichen Ernteeinbußen grob überschlagen. In den Ställen brüllt angstvoll das Vieh, Kinder, von ihren Müttern im Arm gehalten, weinen.

Daskind, von niemandem in den Arm genommen, weint nicht. Still lauscht es den entfesselten Kräften, schaut mit weit offenen Augen in die grellen Lichtschwaden, die wütend den düstren Raum unterm Dach zerfetzen. Schaut das lichtlose Kind die Lichtschwaden der Blitze, bis es, geblendet, die Augen schließen muss.

Ein weiterer, fürchterlicher Donnerschlag zerreißt dem Kind fast das Trommelfell. Nach einer Schrecksekunde Taubheit hört es das ­veränderte Aufprallen des Hagels. Eigroße Geschosse prasseln nieder, unterstützt vom orkanartigen Sturmwind fegen sie die Ziegel vom Dach. Von der Michaelskirche dröhnt die Sturmglocke über das Dorf, Männer, die Feuerwehrjacke über dem Kopf, rennen zum Schwanen. Auch Kari Kenel rennt mit. Kann sich nicht um seine Rosen kümmern. Kann nichts für sie tun, ist, wie die andern, eine Marionette an den Fäden des zürnenden Gottes. Ein solches Gewitter schreckt den Bach aus dem Schlaf, wissen sie, und dass manch einem das Haus über dem Kopf angezündet wird, wenn der da oben den Zorn nicht zügelt.

Nun hat das Gewitter seinen Zenit überschritten. Das plätschernde Geräusch des Regens löst das Prasseln des Hagels ab. Still liegt Daskind, hat jetzt ein Immerweh im Genick vom Lauschen. Ist nichts im Kind vom reinigenden Gewitter. Hat das Fluchen des Immergrünen gehört, der nicht in den Schwanen muss und keiner Überschwemmung wehrt. Wo der sich einschleicht, weiß Daskind, brennt immer ein Feuer. Daskind, das nicht zu löschen vermag.

Nachts ist dem Kari Kenel der Tod seiner Rosen unter die Haut gesickert. Müde vom Warten im Schwanen auf weitere Katastrophen hat er den Heimweg unter die Füße genommen, beim Gartentor tief Atem geholt und ist dann mit hölzernen Schritten vor seine Rosensträucher getreten. Die Taschenlampe in der Hand, weil das Licht der Straßenlaterne fehlt. Das muss der Anfang vom Weltuntergang sein, im festgeschriebenen Plan unter Punkt 1 aufgelistet, dass die Rosen sterben in so einer Nacht, einer Gewitternacht, denkt Kari. Geknickt die schlanken Stiele der Katherine Perchtold, deren kupfrig orangene Blütenknospen als unansehnliche, schon bräunlich verfärbte breiige Klumpen im Matsch liegen. Nicht besser steht es um Madame Armand, mit der er voriges Jahr an der internationalen Rosenbörse Bewun­de­rung und Respekt errang. Der Strauch, heillos in den Boden gestampft, liegt in Agonie, es ist Kari, als spüre er den Luftzug auf seinem Gesicht, den Rosenblüten erzeugen, wenn sie ihre Seele aushauchen. Madame Armand, geraniumrot, die großen, gefüllten Blüten mit einem hellen, strahlenden Gelb durchleuchtet, Kari Kenels ganzer Stolz. Er hatte Jahre gebraucht, bis er die anspruchsvolle Dame zur vollen Schönheit erblühen sah. Jahr für Jahr ergänzte er seine Pflege um kleine Tricks, bis sich die Spröde endlich ergab. Sie liebte das ewige Spiel der Annäherung, des Sichzurückziehens, sie liebte den tiefen, orgelnden Ton seiner Stimme und reagierte halsstarrig auf unangemessene Berührungen. Und nun lag sie da, geschändet, tödlich verwundet von der Wucht des Hagels.

Auch Eleonores dunkelgoldene Knospen hatten den Anschlag nicht überstanden, ihr grünes Blätterkleid schwamm zerfetzt in den Wasserlachen. Selbst Caprice, die dankbarste unter Kenels Rosen, würde heuer nicht blühen, würde ihr blendendes Karmin auf dem gelben Blütengrund nicht entfalten. Rettungslos verloren auch Kaiserin ­Augusta Victoria, eine Schlingrose, deren grünlich weiße Blüten bis spät in den Herbst die Ostwand des Chalets verschönten. Selbst die blütenreichen Zweige der Trauerrose, eine robuste Abart der Blan­che Moreau, hatten die Hagelkörner vom schlanken Stamm gerissen. Grotesk ragte ein Teil des Wurzelstocks aus dem Schlamm, der hohe Stamm lehnte am Gartentor, eine zerzauste, müde Königin.

Der stumme Mann vor seinen zerstörten Rosen, das stumme Kind am Fenster der Kammer. Ein Band vom Kind zum stummen Betrachter. Wie Liebe im Hass des Kindes. Spannt den roten Gummi. Ein kleiner Berg grauer Kiesel auf dem Sims. Haben sich vereinzelte Blütenzweige an den kräftigsten Stämmen der Rosen halten können. Große Kräfte sind am Werk, wenn das Kind die Schleuder bedient. Große Kräfte, als der Mann vor der Falbala stehen bleibt, im Lichtkegel der Taschenlampe nach dem Zweig mit der befruchteten Narbe greift. Der Körper des Mannes verwächst mit dem Platz, auf dem er steht, und mit dem Zweig, den kein Hagelkorn getroffen hat. Drei Fixpunkte, aufeinander bezogen, ein Atem, solider Zusammenhang zwischen den Punkten. Daskind fühlt sich nicht ausgespart, nicht jetzt, wenn der Atem ein Atem ist und ums Kind streift, tigersicher im Flug. Der gespannte Arm des Kindes, sanft das Zischen des Steins, ein Gebet im kalten Lächeln des Kindes, abgenabelt vom Leider am Kreuz. Zischt der Stein am Kopf des Mannes vorbei in den Strauch. Flirrt den Zweig mit der befruchteten Narbe aus der Hand des Mannes, schüttelt sich der Mann vor Verwunderung, dreht sich nicht um.

Als Kari Kenel müde zur Eingangstür schlurft, verzerrt schlei­miges Dämmerlicht die Nacht. In der Dachkammer steht Daskind noch immer am Fenster. Der Geruch der aufgewühlten Erde liegt in der Luft. Ein süßer, herber Geruch, den Daskind gierig einatmet. Ein Geruch, wie ihn die nassen Flanken eines Raubtiers verbreiten, wenn es durch den Wald gestreift und Blut getrunken hat.

Daskind träumt, dass tief im Gehäuse des Tiers der Stein vom Zweig träumt, der nie mehr blühen wird.

Kellers Kolonialwarenladen lag noch versunken im diesigen Frühlicht, als Kari Kenel unausgeschlafen an der Hausfront vorbeischlich und in Richtung Bahnhof lief. Er begegnete einigen Bauern auf dem Weg zu ihren Feldern und Obstgärten, die sie abschreiten wollten, um den Schaden abzuschätzen, den der Hagelschlag angerichtet hatte. Ein Blitz hatte Schättis alte Buche gespalten, eine hässliche Wunde in den Stamm gebrannt. Die Baumkrone hing verkohlt am Stamm und zeigte wie eine verkrüppelte Hand zur Erde. Schätti stand vor dem Stall und betrachtete bekümmert die jauchedurchtränkten Bretter zu seinen Füßen.

In den Gärten der Nachbarn sah es nicht besser aus als in Kari ­Kenels Rosenzucht. Von den liebevoll gepflegten Blumenbeeten und Sträuchern war nichts geblieben als ein Haufen kompostierbereiten Abfalls. Salatsetzlinge, junge Kartoffelstauden, Kohlrabi, Lauch und Zwiebeln boten einen jämmerlichen Anblick. Das Gewitter hatte die Gärten in schlammige Friedhöfe verwandelt.

An der Kreuzung verlangsamte Kari Kenel den Schritt. Zu seiner Linken stand das Restaurant Kreuz mit seinem Kastaniengarten, den roten Tischen aus Blech, das aus dem Bestand seines Arbeitgebers stammte und dessen Verarbeitung zu Tischen, Gelten und Gartenstühlen von ihm überwacht wurde. Die kräftigen Kastanien schienen kaum gelitten zu haben, obwohl auch Gartentische, Stühle und der Kiesplatz mit abgerissenen Zweigen und Dachpfannen übersät waren. Im Gastraum brannte Licht, bald würde Ruth mit dem Aufräumen beginnen. In ihrer selbstbewussten Art würde sie Ordnung schaffen, zupacken, hieß das im Dorf. Sie würde Ordnung in das Chaos vor dem Gasthaus bringen, wie sie es drinnen tat, wenn bei Feuerwehrfeiern und andern Vereinsanlässen über das Maß getrunken wurde und Ruth, mit prallen, muskulösen Armen, den Betrunkenen kurzerhand auf die Beine stellte und zielsicher zum Ausgang schob. Die Männer gehorchten ohne Murren, anderntags würde Ruth wieder am Stammtisch stehen und lachend die derben Bauernwitze parieren. Ruth, die kräftige, etwas burschikose Ruth hatte ein Talent, Köpfe zurechtzurücken, wenn der Ärger die Bauern übermannte, wenn die Sorgen über ihnen zusammenschlugen. Sie war der feste, zuverlässige Hort, wenn ein Kind starb und die leidgeprüften Eltern, Geschwister und Anverwandten stumm zur Gräbt im hinteren Saal schritten. Dass das Leben weitergehe, tröstete sie dann mit ihrer etwas rauen, aber warmen Altstimme, und dass ein Baum übers Jahr wieder Früchte tragen könne, wenn’s der Herrgott so wolle. Sie war der handliche Trost einsamer Knechte. Manch einer erlebte seine besten Momente in ihr fülliges Fleisch versunken. Als eine Auswärtige, aus dem Süden gekommen, wie man im Dorf behauptete, wobei dieser Süden, ungenau definiert, nur mit einer großen, ausladenden Bewegung in die richtige Richtung angedeutet wurde, genoss sie Rechte, die den einhei­mischen Mädchen vorenthalten wurden. Jemand musste sich schließlich der einsamen Männer annehmen, ihre Hitze kühlen, ehe sie mit einer Hiesigen vor den Altar traten und Treue schworen. Obwohl sie sich nie an verheiratete Männer heranmachte, mieden sie die Frauen. Eine, die im Männerfleisch Bescheid weiß, hat einen schweren Stand bei jenen, die beizeiten die Pflicht eingehämmert bekamen, ohne Lust die Beine zu spreizen.

Vorsichtig stieg Kari Kenel über das Messingschild des Restaurants Schwanen hinweg, das der Sturm aus der Halterung gerissen hatte. Verloren lag der kunstvoll gehämmerte Schwan vor der Rose, dem gemütlichen, wenn auch etwas verlotterten Restaurant auf der andern Straßenseite, gegenüber dem Schwanen. Der Sturm hatte der Rose besonders zugesetzt. Auf der Eingangstreppe lag Zero apathisch in den Scherben. Er verweigerte Kari Kenel den Gruß.

Der Engel, die letzte Wirtschaft an der Kreuzung, schien den Sturm glimpflich überstanden zu haben. Unbeschadet trompetete der Cherubim über dem Eingang, das kürzlich renovierte Dach war ganz geblieben.

Heute ging Kari Kenel weiter der Dorfstraße entlang, die zum See führte und dort in einen großzügig angelegten Promenadenweg mündete. Eine außergewöhnliche Entscheidung, noch nie hatte er den Zug verpasst oder war zu spät zur Arbeit erschienen. Doch die Entscheidung entsprach dem außergewöhnlichen Anlass. Kari Kenel trauerte um seine Rosen, und hierfür erschien ihm der Arbeitsplatz in der Fabrik der denkbar ungeeignetste Ort. Fast wäre Kari über eine tote Katze gestolpert. Sie musste von einem herabfallenden Ast erschla­gen worden sein. Das dreckverkrustete Hinterteil war bereits von den großen Ratten, die nach jedem Gewitter die Seeufer absuchten, angenagt worden. Das Maul weit aufgerissen, lag die Katze im Schlamm, und, als hätte sie der Sturm verhöhnen wollen, ragte zwischen den spitzen Zähnen ein Ahornzweig hervor. In solchen Arrangements versuchte man sich an Festsonntagen erfolgreich im Schwanen, wenn man den gebratenen Ferkeln zur Verschönerung ganze Äpfel, Lorbeer- und Rosmarinzweige ins Maul steckte. Saftig waren sie dann anzusehen, die geschmückten Tierkadaver, die tote Katze hier, die von den Naturgewalten zerrissene und höhnisch mit einem Ahornzweig versehene Leiche, lud nicht zum Betrachten ein.

Über dem gebeugten Kopf das zerfetzte Blätterdach der Bäume, steuerte Kari Kenel auf eine Bank zu. Mit seinem Taschentuch, das ihm Frieda Kenel jeden Morgen sorgfältig gefaltet in den Hosensack schob, reinigte er die Sitzfläche der Bank.

Vor ihm ausgebreitet lag der See, eine noch immer leise brodelnde, schiefergraue Suppe. Die Dörfer am gegenüberliegenden Ufer schwammen wie Boote auf ständig wechselnden Schwaden schleimigen Lichts. Kari Kenel fühlte einen ihm bislang unbekannten, eiskalten Ekel in sich aufsteigen. Er würde mit der Wiederaufzucht seiner Rosen bald beginnen müssen, sofort, morgen schon, man hatte doch sonst nichts Erfreuliches im Leben, neben der Frau mit den harten Augen, eingepfercht in die Enge des Dorfes, das längst aufgehört hatte, Heimat zu sein. Nichts als die Rosensträucher und das stumme Kind, das nichts vom Heimweh wusste, das Kari zerfraß, und nicht weinte, wenn die Schläge des Mannes und dann die Tränen auf den nackten Kinderhintern niederfielen.

6

Breit steht Bruno Keller im Türrahmen seines Kolonialwarenladens, die feisten Arme über der Brust verschränkt. Gegenüber treibt Gotthold Schätti die gemolkenen Kühe aus dem Stall. Den Stumpen im Maul, beobachtet Keller die Kühe, die zur Umzäunung der Viehweide drängen, rücksichtslos schiebend und stoßend das offene Gatter passieren und, kaum auf der Wiese, zu rupfen und zu kauen beginnen. Ein lichter Augenblick nach einer Nacht, die er, vergeblich um die Gattin buhlend, im nach Schweiß und unbefriedigten Gelüsten stinkenden Bettzeug verbringen musste. Eine klebrige Schweißschicht bedeckt auch jetzt sein rundes Gesicht mit den dunklen Säcken unter kleinen, bösartig funkelnden Augen.

Während Bruno Keller Nachbars Vieh anglotzt, als ob dort weiß Gott was zu holen sei, sitzt Daskind im Chalet Idaho am Küchentisch, vor sich eine Tasse Milch und ein von Frieda Kenel mit Vierfruchtmarmelade beschmiertes Stück Brot. Daskind kaut, langsam, lustlos. Man ist gefangen, kein Tigertier, mit Augenaugen auf sich gerichtet, die Das­kind in eine dicke Eisschicht verpacken können, wenn es sich nicht vorsieht. Die Daskind mit Eisnadeln aufspießen, es mit Eisnägeln ans Kreuz schlagen können wie den Silberleider, der bei jedem Zeitungsrascheln des Kari Kenel neu ans Kreuz genagelt wird, der Immerleider. Daskind sieht sich vor in der Stille, die schwer im Raum liegt. Will nicht einsehen, dass da ein neuer Tag neues Leid bereithält, dem es mit Trotz begegnen muss, will es den Kampf gegen das Eis gewinnen.

Packt Daskind die Einkaufstasche. Mit dem Laufzettel für Kellers. Faucht Kater Fritz wütend. Tritt Daskind zu. Rasch. Unnachgiebig. Kalt. Mit dem Eis aus den Augen der Pflegemutter im Tritt. Verlässt Küche. Haus. Garten. Lässt Versteck Unter Blautanne Hinter Sich Muss Schutz Verlassen. Die Straße. Kellers Laden Jetzt.

Bei Kellers versucht sich Daskind stumm an Bruno Keller vorbei in den Laden zu drängen. An Kellers Bauch vorbei, an der Ausbuchtung der Hose unterhalb des Ledergurts, unterhalb des Bauches vorbei. Geht nicht, Kind zwängt sich vergeblich, muss stehen bleiben vor dem Mann mit dem Bauch und der Ausbuchtung; eingeklemmt zwischen Bauch und Türrahmen, Daskind.

Kann sich nicht mehr bewegen, Daskind.

Hat keine Luft in den Lungen, Daskind.

Wird von Kellers Händen am Türrahmen festgenagelt, Daskind.

Ist ein Schreien im Kind.

Hat einen Zorn, Daskind.

Schreit.

Schreit und trommelt mit den Fäusten auf den Bauch des Mannes.

Schreit sich die Angst weg, den eisernen Ring ums Geschlecht und ums Herz.

Einen irren Sinn im Kopf hat Daskind.

Und einen Willen, nicht unterzugehen.

Einen starken, warmen Hass und ein Wissen um einen Schrein tief drinnen im Leib, der die Erinnerung birgt.

Als Gotthold Schätti, Daskind im Arm, die Gartentür aufstößt und langsam den Rosenstöcken entlang zur Haustür geht, hat sich Daskind in Sicherheit gebracht. Atmet nicht, Kind Ohnemacht. Hat auf der Straße gelegen, vor Kellers Laden, ein Hergeholtes, Ungeliebtes. Hat auf der Straße gelegen, den schmerzverzerrten Mund dem Himmel dargeboten, die Hände noch immer schützend am Leib. Vorsichtig wird Daskind vom Bauern auf das rote Sofa gebettet, unter den Leider. Wird dem Kind das Gesicht gewaschen, mit einem nassen Lappen Arme und Beine gekühlt. Steht Frieda Kenel starr hinter der Nähmaschine, die Hände im Rücken verschränkt, noch immer das Eis in den Augen. Schaut über Daskind hinweg zur Wand mit dem Leider, darf nicht in die Augen des Bauern und nicht ins Gesicht des Kindes schauen. Der sagt, dass es wohl richtig wäre, den Mächler zu holen.

Nach dem Besuch des Arztes wollen viele, allen voran die Frauen im Dorf, mit Sicherheit wissen, was dem Kind wirklich fehle. Nicht richtig im Kopf sei es, das dem Teufel ab dem Karren gefallene Kind. Haben immer gewusst, dass es mit der Nächstenliebe der Kenels nicht gutgehen kann, wenn das Hergeholte keine Dankbarkeit zeigt. Nicht zeigen will. Stecken die Köpfe zusammen, die Leute im Dorf, verhächeln Daskind auf dem roten Sofa, Daskind mit dem Schrei im Hals. Hockt mächtig da, die Meute, mit Worten wie Stahlklingen wird Daskind zerlegt, Beutekind ausgenommen. Fliehen nicht vor dem Schrei. Hören ihn nicht. Stahlhart die Häme im Angriff aufs Kind, wildernd im fremden Schlaf.

Das nicht zurückkommen kann. Das nicht zurückkommen will, Daskind. Das die Weiden des Guten Hirten verlassen hat, den mit dem Erzliebling auf den zuverlässigen Schultern. Weidet im Vorhof eines andern, Daskind, hat sich zurückgenommen ins schwarze Gras, das wächst, wo ein Tod ist, kein Licht.

Landarzt Mächler verschreibt stärkende Mittel, die dem Kind auf die Beine helfen sollen. Tätschelt Kind Ohnemacht väterlich die Wangen. Geht mit mahnenden Worten. Daskind brauche Ruhe. Sicherheit. Einen Ort des Vertrauens. Freude. Mächler kämpft gegen die ­Augen der Frieda an. Gegen das Eis. Ist dann, unter der Tür, auch nur ein Mensch. Es ist ihm nicht leicht ums Herz. Beileibe nicht. Lässt dennoch den Argwohn zurück an der Tür und meldet’s übertrieben fröhlich in die Eisaugen der Frau, meldet’s den Eisohren der Frau, dass die Pflicht rufe, auch an so einem Tag.

Pfarrer Knobel nimmt Daskind ins Gebet. Dass mit dem Herrgott nicht zu spaßen sei, der für jeden seinen Packen Leid bereithalte, an dem zu tragen der Gesundung diene. Der himmlischen Gesundung. Der Vater im Himmel, oberster Arzt unter den Ärzten, wisse alles. In seiner allmächtigen Weisheit habe er die Schuld des Kindes längst vor jeglicher Zeitrechnung erkannt, die Rechnung jedoch in seiner gütigen Allmacht storniert. Nun gelte es, die Schuld abzutragen, damit es an Christi Herzen dereinst genese. Wehe dem, der sich im Trotz verstei­fe und an Gottes Ratschlüssen zweifle, droht Knobel, auf den warten Höllenqualen. Die Sünde wider den Heiligen Geist kenne keine Vergebung, werde in keinem Feuer geläutert. Wehe den Unglücklichen, Gottes Schwert sei überall, zum Sünder komme das Höllenreich.

Als die Prozession der Mahner endlich vom Kind ablässt, sich mit frommen Worten empfiehlt und Daskind ungetröstet im Eis zurückbleibt, äugt der Frau an der Nähmaschine ein Elend über die Schulter. Das Elend erbarmt sich nicht, übertönt Großergottwirlobendich, will der Frau an den Kragen, lässt sich nicht abschütteln. Ist ein von vielen Nächten gebeuteltes Elend, hat nichts mit Nähermeingottzudir am Hut. Vom Augenblick begünstigt, belagert das Elend die Frau, hungert sie aus, bis der Vorrat aufgebraucht ist, von dem sie zehrt. Bis in den Gebärden der Frau eine Nachgiebigkeit sichtbar wird, äugt’s und lauert’s, dringt’s in den unfruchtbaren Schoß der Frau ein, ins ungeliebte Geschlecht. Bis Frieda Kenel aufsteht. Aufstehen muss. Dem Kind unbeholfen die stärkenden Mittel einträufelt. Es zudeckt. Sich um Daskind kümmert. Kümmern muss. Es mit ungeschickten Händen streichelt.

Aber das Elend duldet kein Vergessen, gibt sich spröde unter der Berührung der Frau. Greift dem löchrigen Sammeltopf Mitgefühl grob auf den Grund, findet in die Lieblosigkeit zurück, kehrt sich von allem Trösten ab.

Selbst ein Seelenarzt hatte kein Glück beim Kind. Bockig saß es ein paar Tage später dem Mann gegenüber, der helfen wollte. Zeichnete auf Geheiß einen Baum, der von dem Fremden mit verächtlichem Lachen zurückgewiesen wurde. Das sei kein Baum, das sei eine Tanne, er habe einen Laubbaum gewollt. Verwirrung hielt Daskind gefangen, für das die Tanne ein Baum war. Bis jetzt. Die Tannen mitten im Nimmerwald, die in den Himmel wuchsen, um ab und zu einen Glanz auf den Flügeln der verwunschenen Feen zu erhaschen. Das Versteck unter der Blautanne in Kari Kenels Garten. Die würzige Stille unter den bis auf den Boden herabhängenden Zweigen. Hat sich Daskind nicht ausgekannt in den Bäumen, und diese im Kind?

Daskind machte einen zweiten Versuch, zeichnete die Eibe auf dem Friedhof. Eifrig bemüht, das Richtige zu tun. Dem Doktor zu Willen zu sein.

Daskind, das zu oft geschlagen wurde, machte keinen Versuch, der Ohrfeige auszuweichen. Seieinbravesmädchen war ganz rot im Gesicht. Zornentbrannt. Mordlust in den Fäusten.

Nahm Daskind einen dritten Anlauf, zeichnete einen Baum ohne Nadeln und Laub, gab ihm keine Wurzeln, keinen Wipfel, ließ nur den Baumstamm gelten, den nackten. Verstocktes Kind.

Der Arzt beorderte Daskind ins Wartezimmer, rief nach der Frau.

Da stand Daskind vor dem Bild mit der Feuergarbe im Feld. Wildrote Flammen hechelten mit Wildhundzungen zum Himmel. Daskind sah, dass auch er brannte, dass die Welt brannte. Daskind, eingeschlossen im Weh, das so ein Brand bewirkt, suchte mit aufgerissenen Augen nach einem Ausweg, nach einer Spalte, die groß genug wäre, es zu ber­gen.

Dann lag Daskind auf einem Bett, Hände und Füße an die Bettpfosten gefesselt. Tief schnitten die Lederriemen ins Fleisch, Daskind spürte es nicht, stierte mit nackten Augen ins Nichts. Hatte einen Traum im Gehirn, einen Traum vom schwarzen Gott, der alle holen würde. Zermalmen, träumte Daskind, das Schicksal zu seinen Gunsten wenden würde er und ihm gestatten, die Erde allein zu bewohnen.

7

Als die Pfarrkirche aus Anlass der Restaurierung auch einen restaurierten Schutzheiligen bekam, der heller glänzte als der alte und, so schien es jedenfalls den Betrachtern, Beelzebub noch mutiger bekämpfte, organisierte das Dorf ein Fest. Von überall her kam das Volk, Gläubige und Ungläubige, um den heiligen Michael bei Gebeten, Bier und Würsten zu feiern. Kräftige Männer trugen den Bannerträger Gottes auf einer Lade durch die Straßen, hell glänzte das aufgefrischte Gold auf den weit ausladenden Flügeln des Erzengels, auf dem heiligen Schwert Gottes brach sich das Licht der Frühsommersonne und löste sich in eine Vielzahl tanzender Farbpartikelchen auf. Das Schwert selbst schien zu tanzen, schien tänzelnd seinen Weg zu suchen, hinab in die Eingeweide Luzifers, des von Gott Abgefallenen, der sich, künstlich mit Grünspan überzogen, gar jämmerlich verteidigte und vergeblich das Maul aufriss, um den obersten Himmelsstreiter zu verschlingen. Das Volk jubelte seinem Schutzpatron zu, Schulkinder streuten Wiesenblumen: Margeriten, Wegwarte, Johanniskraut und Ringelblumen.

Nach einem feierlichen Hochamt und der offiziellen Einweihung der Kirche durch den Bischof ging man zu den weltlichen Freuden über. Vom Dröhnen der Michaelsglocke begleitet, machte sich das Volk über die Tische her, besetzte die Holzbänke und Stühle, die den Kirchplatz füllten. Bald ging das verordnete fromme Jubilate in ein bierseliges Lachen und Johlen über. Die Härchler nutzten jede Gelegenheit, um sich ausgiebig zu betrinken. Während der Fastnachtszeit gab es keine Wirtschaft in der Harch, die nicht von Schlägereien und Randalen zu berichten wusste. Hinter Masken und Hexenfratzen tobten sich Genusssucht und Streitlust aus. Man hieb mit Säublattern aufeinander ein, schlug sich mit hölzernen, dem Morgenstern ähnlichen Knüppeln die Schädel blutig. Vor allem aber soff einer den anderen unter den Tisch, um hinterher, grölend und torkelnd, irgend­ein Hundsloch aufzusuchen, wo sich der gewaltige Fastnachtsrausch ausschlafen ließ. In der Harch war die Fastnacht Männersache, ein archaischer Trieb schletzte die Männer in Horden durch die Straßen und Kneipen, bis nichts mehr ganz blieb. Das bekamen auch die Frauen zu spüren, wenn sie sich, angeekelt vom wilden Treiben, nicht hingeben wollten. Da wurde nicht lange gefackelt, die Frau mit Gewalt aufs Kreuz gelegt und grob genommen. An der Fastnacht lernten sie die Männer erst richtig kennen, die fremden und die eigenen, denn beim Kopulieren war man nicht wählerisch, auch des Nächsten Weib genoss an diesen Tagen keine Schonzeit. Es schwängerte der Nachbar des Nachbarn Weib ebenso, wie er sich an der eigenen Frau, den Mägden oder an halbwüchsigen Mädchen verging. Hinter den holzgeschnitzten Masken hoben sich die Gesetze auf, der Alkohol riss alle Dämme nieder. Da nützte keine Predigt, kein gut gemeinter Aufruf der Gemeindebehörden, Fastnacht ist Fastnacht, dachten sich die Härchler, man könne danach noch immer die Scherben wegkehren.

Auch die Kinder wurden von dem groben Treiben nicht verschont. Durch ihre Träume geisterten noch lange, nachdem die Fastnacht von der Fastenzeit abgelöst worden war und das Dorf der Erlösung durch den Auferstandenen entgegenharrte, Hexen, Gnome und Trolle.

Das Einweihungsfest gelangte erst zur vollen Reife, nachdem der Bischof, den Dorfpfarrer im Schlepptau, seine Kinder im Herrn verließ. Dabei tat sich der Gräbertoni besonders hervor. Mit wuchtigen Faustschlägen auf die Tischplatte begleitete er seine obszönen Lieder, bis Jakob Gingg dem Treiben Einhalt gebot. Das hätte er lieber nicht tun sollen, der Sigrist, das nicht, denn einem besoffenen Gräbertoni, nüchtern eine Seele von Mensch, ist in diesem Zustand nicht beizukommen. Mit der bedächtigen Langsamkeit eines Ochsen glotzt der dem Freund ins Gesicht. Von tiefer Empörung durchdrungen, stemmt der Totengräber seinen massigen Körper aus der Bank, pflanzt sich vor dem Sigristen auf. Rasch will Gingg beschwichtigen, streckt die Hand nach der Schulter des Freundes aus, um ihn zu beruhigen. Zu spät. Toni, im Suff die Geste des andern falsch einschätzend, sie als Angriff taxierend, holt aus, platziert einen rechten Schwinger auf dem Kinn des Unglücklichen, dass es kracht. Als fege ein Sturm durch lotteriges Gebälk, knirschen dem Taumelnden die Knochen unter der ge­platzten Haut, bricht die Architektur des Gesichts ein, ehe Jakob Gingg in die Knie geht, lang hinfällt und den Geist vorübergehend seinem Gott empfiehlt.

Einen kurzen Augenblick lang hält der Schreck die Feiernden im Griff, vom Saufen trüb gewordene Augen glotzen den Gräbertoni an. Verloren hängen die Grabschauflerhände am Tonikörper, als wüsste der gute Toni nicht, wie ihm geschehen ist. Schwer lastet die Mittagsstille über der Versammlung. Bis ein Grollen die Luft zerreißt und die Festgemeinde von der Spannung befreit. Es ist Gotthold Schätti, der eine Schlägerei auslöst, die in der Kirchengeschichte ihresgleichen sucht. Durch den jämmerlichen Anblick Jakob Ginggs geradezu zur Rache verpflichtet, schlägt er seinerseits den Ochsner Toni nieder, bis, angestachelt vom fließenden Blut, des Schulwarts Fäuste auf den Bedauernswerten niederprasseln. Von da an gehorcht die Prü­gelei ihren eigenen Gesetzen. Während die Frauen kreischend das Weite suchen, fällt Mann über Mann her, sogar der Ordnungshüter schlägt drein, was das Zeug hält. Ein Durcheinander von schwitzenden, nach Kuhdung, Brissago, Stumpen und Schweinestall stinkenden Körpern ergießt sich über den Kirchplatz, Stöhnen, Flüche und Schmerzensschreie wetteifern mit dem plötzlich einsetzenden Dröhnen aller drei Kirchenglocken. Ihren Einsatz verdankten die Glocken dem Sigristen Gingg, der sich aufgerappelt hatte und schmerzgepeinigt die Empore erklomm. Von heiligem Zorn beflügelt hängte er sich in die Seile, bis die Glockenklänge mächtig über den Kirchplatz schallten.

Da endlich besinnen sich Herren und Knechte. Benommen weicht einer des andern Blick aus, stumm gehen sie auseinander, um sich daheim die blutenden Wunden vom angetrauten Weib verbinden zu lassen.

Die unfromme Prügelei hatte ein Nachspiel. Ortsfremde Polizisten, im Dorf immer ungern gesehen, knöpften sich noch am selben Tag Mann um Mann vor, die jedoch einmütig schwiegen. Nur den Toni, von Reue gequält, trieb es unaufgefordert vor den Kadi, er wollte sein Gewissen erleichtern. Er habe doch dem Sigristen Gingg, der sein zuverlässiger Partner sei, zumindest, was Begräbnisse betreffe, nichts anhaben wollen, er wisse selbst nicht, was über ihn gekommen, welcher Teufel in seine Fäuste gefahren sei.

Nach einem kurzen Aufenthalt im Bezirksgefängnis und einer im Spital zelebrierten Versöhnung blieb Toni nur noch, auch die Strafe der Kirche zu tragen. Pfarrer Knobel verdonnerte den Reuigen zu zwanzig Rosenkränzen, die jedoch nicht etwa vor der Mutter Gottes in der Pfarrkirche zu beten seien, sondern im Beinhaus, wo es Toni nun gar nicht hinzog.

Das Beinhaus klebte wie ein lästiges Insekt an der Rückseite der Pfarrkirche. Über dem reich verzierten, verfallenen Portal drohte ein furchterregendes Jüngstes Gericht dem verstockten Sünder mit ewigen Höllenqualen. Mit einem furchtbaren Richterauge, das andere hatte die Zeit zerstört, schickte der Allmächtige die Verdammten in die Flammen zurück, denen sie verzweifelt zu entkommen suchten. Erbarmungswürdig ihr Flehen, ihre zum Himmel gereckten Hände, ihre nackten, geschundenen Körper, ihre von Angst und Grauen zerfressenen Gesichter.

Den Verdammten gegenüber mit leuchtenden, einfältigen Gesichtern die Seligen. Von übergewichtigen Engeln begleitet, strebten sie dem Himmel zu, einem einst azurblauen, doch vom Zahn der Zeit ins Schmutziggraue geschliffenen Vakuum, das den wallenden Bart und das strähnige Haupthaar Gottvaters wie eine Aura umgab. Gottvaters unversöhnlichem Blick auf die Verdammten dieser Erde ungeachtet, brachten die seligen Frauen ihre schwellenden Brüste, ihre unverhüllte Wollust, ihr Begehren dem einen himmlischen Bräutigam dar. Ihre Jungfrauengesichter ließen noch immer das Karminrot erahnen, mit dem der Künstler ihre Wangen bemalt hatte. Und wie zum Hohn war die Farbe ihrer luftigen Bekleidung, die sie als Lohn für ihre frommen Bemühungen, im Gegensatz zu den Unglücklichen am andern Bildrand, tragen durften, abgeblättert, sodass sie nackter schienen als die zur Nacktheit verdammten Höllenbewohner.

Der Boden des überwölbten Innenraums bestand aus grob behauenen Kalksteinquadern. Ein schwerer Eisenring war in eine der Platten eingelassen, sodass man sie mit etwas Anstrengung heben und zur Seite schieben konnte. Eine Holzleiter erleichterte den Abstieg in den Totenkerker, den jedoch Toni, eine Taschenlampe zwischen den Zähnen, jeweils mit einem gewagten Sprung in die Dunkelheit hinter sich brachte. Je mehr Mut man zeige, meinte er, umso weniger könnten die da unten einem etwas anhaben. Dort lagen sie, die Gebeine der Toten, von Toni aus ihren Gräbern geschaufelt, nun säuberlich zu Knochenbündeln verschnürt. Weiß wie die Seelen der Seligen blinkten sie dem Betrachter entgegen, geheimnisvoll verwiesen sie auf die Vergänglichkeit aller Gelüste nach Ruhm und Bestand. Der Ort war ungeeignet, Lebensfreude zu verbreiten. Trotzdem zog es die Nachkommen der Verblichenen immer wieder hierher, um ihrer Toten zu gedenken, sie gnädig zu stimmen, auf dass sie nicht als Wiedergänger die Lebenden heimsuchten. Toni verfluchte den Pfarrer und seine Vorliebe für makabre Bußhandlungen, die ihn zwang, im Beinhaus zwanzig Rosenkränze zu beten. Wieder nüchtern, schien es ihm, dass ein Gott so viel Rache nicht ersinnen könne, der gleichzeitig als der Allgütige angebetet und verehrt werden wollte. Die schwarzen Holzperlen des Rosenkranzes durch die schwieligen Hände gleiten lassend, streifte ihn trotz allem ein Hauch jener Kälte, die Gottes Rache, laut Pfarrer Knobel, unmissverständlich ankündige. Man war ja nicht unempfindlich für die düsteren Geheimnisse der Heimsuchungen, die Gott auch für einen wie Toni bereithielt, sollte er nicht gehorchen. Also ergab sich der Totengräber ins Schicksal und leierte eifrig die Rosenkränze herunter.

8

Sorgfältig schiebt Daskind die Vorhaut des Penis nach hinten. Eine winzige rosarote Eichel wird sichtbar. Schiebt mehrmals, dass es den Buben schmerzt. Ist der Wille zur Tat ein Fest, jubelt Daskind, das sich, den Buben mit sich zerrend, am frühen Morgen ins Beinhaus geschlichen, den schweren Riegel vorgeschoben hat, damit keiner es störe. Musste die wild wedelnden Bubenhände außer Gefecht setzen, sie mit einer mitgebrachten Packschnur an den eisernen Ring fesseln. Hat dann den Buben, der anfänglich an ein freudiges Abenteuer glaubte, mit einem soliden Stück Holz geknebelt, das Holz in den ­Bubenmund gestopft und Kari Kenels Taschentuch um den Bubenkopf gebunden. Am Hinterkopf fest verknotet. Die Beine des Buben zucken hilflos unterm Gewicht des Kindes, das sich rittlings auf sein Opfer gesetzt hat. Daskind jetzt kaltblütig. Hat die Bubenhose bis zu den Knien heruntergezerrt, mit den Hosenträgern dem Buben die Beine gefesselt. Hilflos regt sich das kleine Ding, gleitet, sich langsam aufbäumend, der Kerbe zwischen Rumpf und Schenkel entlang über den Bauch, markiert wandernd ein Halbrund in die Luft. Schnellt dann zuckend in die Höhe, ragt auf, ein kleiner Pfahl am Leib des Buben, der sich nicht wehrt. Nicht wehren kann. Gefesselt Gewalt erleiden muss. Mit aufgerissenen Augen Daskind anstarrt.

Ist zu allem entschlossen, Daskind. Hat eine Rechnung zu begleichen. Vorige Woche sind sie zu dritt übers Kind hergefallen, drüben, in Schättis Stall. Unter der Anleitung des Pensionisten. Haben gewissenhaft zugehört, die drei Buben, haben Daskind mit Knebeln in den Bubenfäusten geschändet, wie er es gemacht haben wollte, Derpensionist. Um euch an die Mannesfreuden zu gewöhnen. Um zu lernen, wie man sich holt, was einem zusteht. Schoss ihnen das Blut in die wachsenden Schwänze. Auch dem Ambachbuben. Ihr kleinen Dreckfinken, drohte lachend Derpensionist, dass ihr mir eure ungewaschenen Mäuler haltet. Sonst fault euch euer Allerliebstes ab, ihr Stinkwichser. Die Buben, in die Welt der Erwachsenen geschleudert, klopften sich stolz auf die schmächtigen Schenkel. Daskind betrachtet angewidert die Hand, die vorher die Vorhaut über die rosige Peniskuppe nach hinten stülpte, sie einen Augenblick festhielt, sie wieder vorrobben ließ. Allein mit sich und dem Angstgeruch des Opfers. Im vorher müde zerschrieenen Zorn ist etwas Unerbittliches. Etwas Kaltes. Ein eisiger Wind.

Daskind holt aus, lässt die kurze, aus Spülketten gebastelte Peitsche durch die Luft sausen. Hält über dem Buben inne. Entblößt die Zähne, lacht. Holt wieder aus, testet die Kraft im Arm, zieht ihn zurück, holt umso grausamer wieder aus. Aber nur zum vermeintlichen Schlag. Probeweise, aus Spaß an der Angst des Buben. Schlägt endlich zu.

Auf dem weißen Bubenbauch entsteht ein rotes Muster. Die ovalen Kettenglieder reißen die Haut auf, lecken am Fleisch, streichen mit einem schleifenden Geräusch fast zärtlich über die Schenkel, über den winzigen, schlaffen Pfahl. Der Bub bettelt mit schlierigen Augen, mit Tieraugen, mit Wildaugen, Beuteaugen, Opferaugen um Gnade. Handaufsherzaugen, wenn du von mir lässt, geb ich dir drei Wünsche frei für dein Leben. Aber Jägerkind lässt nicht von ihm. Hat sich seit Langem vom Wünschen getrennt. Schlägt weiter zu. Mit dieser kalten Wut. Sucht mit der Wünschelrute nach dem Lebenssaft des Buben. Will Labung. Endlich. Und mehr.

Verkotet der Bub den Quaderstein über dem Totenkerker. Fließt über die Steine, der Kot, versickert in den Ritzen, grad so wie die Angst in den Ritzen der Ohnmacht. Aber das kann ein Jägerkind nicht aufhalten, nicht die Hand mit der Kettenpeitsche. Hält des Kindes Peitsche schwarze Hochzeit mit dem roten, aufgerissenen Fleisch des ­Buben. Das Jägergesicht starr jetzt, und die Augen durchsichtig. Das verlotterte Gemüt im Ansturm auf den Haufen Not in seinen Fängen. Der bietet Daskind die Stirn, der Not, der will es die Stirn bieten, bis der Arm erlahmt, mit dem letzten Schlag.

Lässt den Haufen Not zurück, die um Gnade winselnden Augen. Zurück auf dem Kalksteinquader, der den Eintritt zur Schädelstätte versperrt. DasduduweißtschondasnächsteMalteilichdenTodaus im Blick. Hohnworte im Schritt, beim Hinausschleichen Hohnworte, die über den Buben herfallen, ihm die Ohren zerreißen, bis er nicht mehr unterscheiden kann zwischen Schrei und Schrei, dem stummen Schrei der Jägerin und dem eigenen, durch Tuch und Knebel gehemmten.

Versteckt Daskind die Peitsche unter dem Kleid, schleicht sich durchs Dorf, das die Jägerin wie immer aussperrt, es als ein Nichts dem Wertlosen zuteilt. Wertlos wie alle andern Kinder, die Daskind auch ist. Kind Ohnenamen. Wie verwilderte Katzen, rachitische Lämmer, streunende Hunde. Schleicht sich Daskind in die Kammer un­term Dach, von einer plötzlichen Verzweiflung erfasst, vergräbt Daskind den Kopf im Kissen, reibt sich am Bettzeug die blutigen Hände sauber.

Den Buben findet anderntags Jakob Gingg. Seine Wangen flecken fiebrig, als er den Haufen Not im Beinhaus entdeckt. Rasch entledigt er sich des Blumenstraußes, nimmt sich des gemarterten Buben an, streicht ihm mit vorsichtigen Händen tröstend übers Gesicht. Das hat er noch nie gesehen, der Jakob Gingg: ein Bub, an Händen und Füßen gefesselt, mit einem rohen Knebel im Mund und dem Taschentuch um den Kopf, blutverkrustet. Eilig löst der Sigrist die Fesseln, zieht dem Buben die Hose übers Gesäß. Trotz des Bluts. Muss den Ambach benachrichtigen. Der jetzt, bereits in der vierten Gene­ration, den Hof der Mächlerin bewirtschaftet. Dem der Bub gehört. Der einen Tag und eine Nacht nach dem Buben gesucht hat. Der Bub liegt jetzt dem Sigristen im Arm. Einen Irrsinn in den Augen, der nie mehr verschwinden wird.

Bedächtig faltete der Sigrist das rot-weiß karierte Taschentuch zusammen und steckte es in die Jackentasche seines schwarzen Anzugs. Er wusste, aus welchem Haushalt der währschafte Stoff stammte, der den Buben am Schreien gehindert hatte.

Der Bub wird immer seltsamer, sagten später die Leute im Dorf, und dass man die Bestie finden werde, wenn nicht heute, dann morgen. Der entgehe der Gerechtigkeit nicht, der Unhold, der den jüngsten Ambachbuben so übel zugerichtet habe. Den werde man lehren, unschuldige Buben zugrunde zu richten. Der Sigrist wusste Bescheid. Doch er schwieg trotz der Gewissensqualen, die ihn zerfraßen. Die wollte er dem Kari später antun, diese Schmach, in aller Leute Mund zu sein. Dem Kari und der Frieda, den beiden Eisheiligen. Sind noch nicht genug geschlagen, mit dem stummen Kind. Haben ihn verdient, den Wechselbalg, den kein Gebet aus dem Weg schafft, keine fromme Inbrunst aus der Dorfgemeinschaft entfernt.

Fühlt sich zu Höherem berufen, Jakob Gingg. Weiß als Einziger um die Herkunft des Kindes. Will sich als rächender Arm Gottes, wenn die Zeit reif ist, des Kindes annehmen, mit dem das Dorf seine Not hat. Ein für alle Mal Ordnung schaffen. Fühlt einen kleinen Kitzel beim Gedanken an Kari Kenels Taschentuch. Dem wird er’s heimzahlen, dem Kari, mit dem Taschentuch winken, wenn die Zeit reif ist. Kann ein niederträchtiges Lächeln nicht unterdrücken. Hat alles Handeln seine Zeit. Hat den Irrsinn des Buben zum Verbündeten. Ambachs Jüngster, der seit jenem Tag nur noch lallen kann. Der immer seltsamer wird. Den die Angst im Würgegriff hält.

Dem Ambach traute bald keiner mehr über den Weg. Ein Zorn schien an ihm zu fressen, ein wildes Tier, das jeden anfallen konnte. Ambach verdächtigte alle im Dorf, sich an seinem Sohn vergangen zu haben. Sosehr ihn die Nachbarn zu beschwichtigen suchten, Ambachs Blick in ihre Gesichter, sein ohnmächtiger Zorn errichteten eine Mauer um den Unglücklichen, den man, den irren Sohn an der Hand, oft einsam über die Felder gehen sah. Das Mitleid wich bald unfreund­licheren Betrachtungen. Da die Suche nach dem Kinderschänder erfolglos blieb, musste eine böse Macht mit im Spiel sein. Mit langen Blicken betrachtete das Dorf den abgelegenen Hof, wo die Mächlerin noch immer ihr Unwesen zu treiben schien. Die musste es gewesen sein. Weshalb sonst wurden weder Dörfler noch Polizisten fündig. Der Hof hatte seinen schwarzen Geist zurück, fortan hatte man auf der Hut zu sein, hatte man genau hinzuschauen, wie’s dort oben zuging.

Im Herbst jenes Jahres wurde der Ambach das Vieh nicht los. Finster strichen die Bauern um seine kraftstrotzenden Kühe. Misstrauisch beäugten sie den prächtigen, schwarz glänzenden Stier. Solch gut genährtes, ungewöhnlich schönes Vieh konnte ebenso gut das Werk der Mächlerin sein wie der Frevel am Buben. Es war ratsam, sich dieses Vieh nicht in den Stall zu holen, wollte man die Mächlerin nicht noch mehr erzürnen. Das könne man sich nicht leisten, einen verfluchten Stall, man werde sich das Unglück nicht übermütig ins Haus holen, gleich welcher Tarnung es sich bediene. Man wisse zwar, dass der Ambach schwer am Schicksal trage, aber Vorsicht sei nun einmal geboten, wenn die Mächlerin die Hand im Spiel habe.

So trottete Ambach unverrichteter Dinge seinem verfluchten Hof zu, wo die Frau mit elenden Augen im Türrahmen stand. Sie hatte es immer gewusst, dass dem Hof über kurz oder lang kein Glück beschieden sein würde. Die Todsünde der Mächler Olga verlange eben ihren Preis. Vorerst wollte es die Bäuerin mit geweihten Kerzen versuchen, überall Kerzen hinstellen wollte sie, zu Ehren der Heiligen Mutter Gottes. Den Jüngsten an sich drückend, überschlug sie den Schaden. Es würde kaum fürs Nötigste reichen, rechnete sie, nicht fürs Vieh und nicht für die Kinder, man werde schauen müssen, wie der Winter zu überstehen sei.

Nachts nahm der Ambachbauer die Frau mit dem Glauben an die Mutter Maria. Verzweifelt robbte er in ihr weiches Fleisch, wollte nur eines, Schutz vor der Zeit, die sich gegen ihn verschworen hatte. An der Tür stand der Bub, gaffte durch den Spalt, sah mit verschreckten Augen, wie der Vater auf der Mutter lag und zu den heftigen Stößen in ein heiseres Schluchzen ausbrach.

9

Das Gebrüll erstarb so plötzlich, wie es, nach einer Schrecksekunde bleierner Stille, durch die Fabrikhalle gedrungen war. Vielleicht hätte es immer im Dunkeln leben sollen, denkt Daskind, das den Daumen, den Zeigefinger und den Ringfinger der rechten Hand des schreienden, dann verstummten Arbeiters auf den Zementboden fallen sah. Der dem Kind zulächelte und dabei die für die Arbeit an der Blechschneidemaschine notwendige Vorsicht vergaß. Vielleicht hätte es den Augen verbieten sollen, das Erstaunen in den Augen des Verletzten zu sehen, ehe er schrie, dann verstummte und sich wie eine Mario­nette mit einer langsamen, stillen Bewegung zu Boden gleiten ließ. In kurzen Stößen floss das Blut, sammelte sich zu einem scharlachroten See um den Mann, dessen eben noch lächelndes Gesicht fahl wurde, der jetzt mit geschlossenen Augen dalag, stumm, gekrümmt wie ein Ungeborenes im Mutterleib.

An diesem Sonntagmorgen hatte Kari Kenel Daskind bei der Hand genommen, war mit ihm zum Bahnhof gegangen und in den Zug ­ge­stiegen, den er jeden Morgen nahm, um zur Arbeit zu fahren. Er musste die Sonntagsschicht beaufsichtigen, die in Sonderproduktion eine Serie verschieden großer Wannen für das Bezirksspital anfer­tig­te. Es war einer jener Sonntage, an denen man die Vögel besonders fröhlich zwitschern zu hören meint, der Himmel wölbte sich in einem gleichmäßigen, etwas milchigen Blau über der Landschaft. Als der Zug einfuhr, empfing die beiden ein Blasorchester, das sich auf dem Perron zum Jahresausflug eingefunden hatte. Kari Kenel, mit seiner von Enttäuschungen vergifteten Vergangenheit, brachten auch die schmetternden Trompetentöne von Ich hatt’ einen Kameraden keinen Sonntagsfrieden. Daskind aber schwang sich auf den Rücken eines roten Milans und träumte. Hopste, als müsste es sich trotz der sommerlichen Hitze warm halten, unruhig auf der Stelle, tanzte zu den Klängen der Bläser mit nichts als sich zum Gefährten. Nahm sich vor, mit den Träumen aus Schwarz und Schmerz keine Nachsicht mehr zu haben.

Der Weg vom Bahnhof zur Fabrik führte an einer Wildrosen­hecke vorbei, die Kari Kenel seinen geheimen Garten nannte. Hundsrosen, deren Duft besonders schwer und süß in der Luft schwebte, wenn sich ein Gewitter ankündigte. Sie nutzte Kari Kenel für die Veredlung seiner eigenen Pflanzen, obwohl unter Züchtern das Ansehen dieser bescheidenen, aber lieblichen Rose gelitten hatte, seit man über einfachere und erfolgreichere Methoden verfügte.

An solchen Tagen fühlte sich Daskind beinahe sicher. Ein Stück des fett und wächsern an der Seele haftenden Zorns hatte sich aufgelöst, ließ ihm ein Fenster zur Welt. Daskind fühlte Boden unter den Füßen. Aus den Augenwinkeln betrachtet es die schwere, an diesem klaren Morgen verlässlich wirkende Gestalt des Pflegevaters, probiert ein Gefühl aus, das Vertrauen heißen könnte. Weltvertrauen. Der Versuch gelingt nicht ganz, doch Daskind lässt sich nicht beirren. Es weiß, dass jeden Tag ein neues Ich aufkeimen kann, während ein anderes stirbt. Wie die Hundsrosen am Weg, einige erblühen, andere sterben ab. Daskind kennt sich da aus. Im Sterben. Im Sterben vor allem.

Aber manchmal geschieht’s, dass Daskind ohne Netz auf dem Seil tanzt. Dass es die gebotene Vorsicht vergisst. Dann kann auch ein Morgen wie dieser zur Katastrophe werden, wenn Daskind nicht aufpasst, die Zeichen übersieht, die jene Dinge ankündigen, von denen Daskind wissen müsste, dass sie jederzeit in sein Leben einbrechen, es in die kälteste Finsternis stoßen können. Daskind im papierdünnen Gewand.

Die Fabrikhalle vibriert vom Lärm der Maschinen. Von den Sägeblättern wirbelt Metallstaub auf, ein metallisch süßer, heißer Geruch dringt in die Lungen. Die Maschinen werden von Männern in blauen Überkleidern bedient. Der Staub überzieht ihre Gesichter. Sie sehen aus, als trügen sie silbern glänzende Masken. Ihre Augen hinter den gelben Brillen sind nicht zu sehen. Vorsichtig gleiten die Hände den Sägeblättern entlang, sie führen die großen, flachen Blechstücke mit fließenden Bewegungen über den Tisch. Die Sonne dringt durch die Fensterfront in die Halle, staubige Lichtbahnen ziehen durch den Raum. Das Kreischen der Maschinen zerreißt dem Kind fast das Trommelfell. Trödelt einer der Arbeiter, geht das Schrillen seiner Maschine in ein stotterndes Gewimmer über, das bald darauf mit einem miauenden Klagelaut erstirbt.

Nachdem der Mann dem Kind zugelächelt hat und die drei Finger seiner rechten Hand über den Zementboden gerollt sind, greift das Sägeblatt ins Leere, ehe der Klagelaut erstirbt. Wie auf ein verabredetes Zeichen verstummen auch die andern Maschinen, starren zwölf Augenpaare Daskind an, nicht den verletzten Mann. Bis einer der Arbeiter aufspringt, mit schweren Schritten die Halle durchquert, sich zum Ohnmächtigen hinunterbeugt, den Sirenenknopf bedient und hilflos stammelnd nach Kari Kenels Händen greift, als könne der das Unglück ungeschehen machen. Aber das kann Kari Kenel nicht, nicht er und kein anderer, nicht dieses Unglück, das vom Kind heraufbeschworene. Ein verstörter Ausdruck in den Augen des Pflege­vaters, der sich rasch in Zorn verwandelt. Dann eine Bewegung, fast spielerisch. Daskind wirbelt durch die Luft, stürzt in wattige Nacht.

Da sitzt ihnen der Schrecken doppelt in den Gliedern, den Arbeitern. Erst der verletzte Mann, dann Daskind, das, die Arme schützend um den Kopf geschlungen, zwischen den Blechstücken liegt. Einer streicht dem Kind mit der Hand über die Stirn, dem Kind, das durch eine Nacht treibt, die kein Ende nimmt. Daskind träumt, dass es ganz und gar bei Gott ist, oder beim Satan, man kann das nie recht auseinanderhalten in der Nacht, die kein Ende nimmt. Beißt sich die Zunge wund, um nicht zu schreien. Hat einen roten Geschmack von zersägtem Blech auf der Zunge. Einen Essiggeschmack, saugt sich dar­an fest.

Kari Kenel wusste nicht, wie ihm geschah. Diese ohnmächtige Wut hatte er noch nie gefühlt, hatte nicht gewusst, dass ein Mordbube auch in ihm steckt. Nun hingen ihm die Arme wie große Schinken am Körper. Das hatte Daskind aus ihm gemacht, dieser hergeholte, stumme Balg, zu dem er keinen Zugang fand, an das er trotz allem gefesselt blieb. In Idaho hatte er vor langer Zeit ein zusammengewachsenes Paar gesehen. Von der Taille bis zu den Füßen waren die beiden unzertrennlich, sie bewegten sich zusammen auf drei Beinen. Gut aufeinander eingespielt, überwanden sie die täglichen Schwierigkeiten, die eine solchermaßen aufgezwungene Gemeinschaft mit sich brachte. Aber Kari Kenel erinnerte sich an den sehnsüchtigen Blick des einen Zwillings, wenn er sich nach der Vorstellung um den Bruchteil einer Sekunde später verbeugte als der andere. Sehnsucht und ein verzweifelter Hass lag in dem scheinbar freundlichen Gesicht. Einmal hatte sich Kari vorgedrängt, hatte die groteske Vorstellung des Zwillingspaars ganz nah auf sich einwirken lassen. Während die beiden auf drei Beinen über die Bühne steppten, traf ihn plötzlich ein Blick, der mörderischer nicht hätte sein können. Zu den Klängen einer Harmonika schrie sich der Verkrüppelte seinen Hass von der Seele, Kari Kenel konnte den Hass riechen, den Hass und die Not. Es war, als würde auf der Bühne Gott in den Boden gestampft, dieser unbegreifliche, sonderbare Gott, der einige mit Schönheit segnete und andere an Leib und Seele verkrüppelte. So erging es ihm oft beim Kind, dass er eine ohnmächtige, verzweifelte Wut spürte, die Sehnsucht, sich des Zwillings zu entledigen. Diese Sehnsucht war durch nichts zu besänftigen, auch nicht durch die Tränen, die er, über das nackte Gesäß des Kindes gebeugt, weinte, wenn er zuschlug. Die Sehnsucht war ein scharfer Luftzug im Gehirn, der alle andern Gefühle auf einen Haufen zusammenfegte, bis es einsam wurde im Kopf vor Kälte. Der Kälte folgte die Wut, eine Wut, an der er jetzt fast erstickte. Sie war anders beschaffen als alle Gefühle, die er kannte. Sie pflügte sich durch den Körper in die Fäuste, Kari Kenel konnte die Gelenke knacken hören, bevor er blitzschnell zum Schlag ausholte. Er war auf eine anstößige Weise in dieser Wut gefangen und fühlte gleichzeitig, dass er sich mit jedem Atemzug selbst verwundete, dass Daskind, weit von ihm entfernt, an andern Orten durch eine andere Nacht schwamm, er würde nicht mithalten können, nie würde er mithalten können mit dem Kind, das ihm so fremd geblieben war.

Es gab Zeiten, da hatte Kari Kenel Grund zur Hoffnung gehabt. Ärzte hatten Daskind untersucht und behauptet, es sei nicht wirklich stumm, es sei, im Gegenteil, sehr wohl imstande, seinem Alter entsprechend zu reden. Das war kurz nachdem Kari Kenel darauf bestanden hatte, Daskind zu sich nach Hause zu holen. Ermutigt durch die Ärzte, setzte sich Kari Kenel mit dem Kind in die Besenkammer, wo ein großer Stapel alter Zeitungen aufgeschichtet lag. Geduldig reihte er Buchstaben um Buchstaben zu einfachen Wörtern aneinander, bald war der Riemenboden mit ausgeschnittenen Buchstaben übersät. Aber Daskind schaute verstört auf die Wörter, als wären sie gefräßige Tiere, die jederzeit nach ihm schnappen konnten. Kari Kenel bemühte sich, sanfte Wörter zu finden, Wörter, die keine Angst verursachen sollten. Aber Daskind schien die Wörter nicht wirklich zu sehen, es lebte in einem Universum zwischen den Wörtern, sprang mit seinen Blicken an den Wörtern vorbei in eine geheimnisvolle Welt, die, so vermutete der Pflegevater, keiner Sprache bedurfte. Kari Kenel holte Blumennamen aus dem Gedächtnis hervor, von denen er wusste, dass sie Daskind kannte. Rosen, Margeriten, Ringelblumen und Königskerzen erstanden in der Kammer, doch Daskind tastete sich trotzig an ihnen vorbei in seine Welt, die keine Blumen kannte. Kari versuchte es mit den Vögeln, die er auf seinen Waldspaziergängen, Daskind an der Hand, mit Pfiffen, Trillern und Zirpen herbeilockte. Entmutigt sah er zu, wie Daskind teilnahmslos vor sich hin starrte.

An jenem Abend hatte Kari Kenel das erste Mal zugeschlagen, dem Kind befohlen, sich über den Stuhl des Immergrünen zu legen, eigenhändig das Hemd über das Gesäß des Kindes gestreift und den Gürtel aus den Schlaufen seiner Arbeitshose gezogen. Hatte ihn erst prüfend durch die Luft zischen lassen, dann ausgeholt und geweint. Wer sein Kind liebt. Wer sein Kind sprechen hören will. Der Züchtigung ging eine kurze Aussprache mit Frieda Kenel voraus. Die Daskind nie züchtigte, es nie berührte, nicht im Zorn, nicht in Zärtlichkeit. Die an der Nähmaschine saß und dem Zischen des Ledergurts lauschte, den Atem anhielt, die Hände ruhig im Schoß. In der Küche kaute der Immergrüne an einem Stück Käse, trank dazu dunkles Bier aus der Flasche und wischte sich nach jedem Schluck mit dem Handrücken den Schaum von den Lippen. Wartete auf seine Beute, die ein andrer ihm zurichtete. Er roch förmlich, wie die Gier von seinen Lenden Besitz ergriff, gelb wie die tabakfleckigen Finger, die er in die Öffnungen des Kindes bohren würde.

Nach zwanzig Schlägen, die Daskind auf Geheiß des Pflegevaters mitzuzählen hat, wischt sich Kari Kenel, wie der Immergrüne unten in der Küche den Bierschaum, die Tränen mit dem Handrücken aus dem Gesicht. Wortlos verlässt er das Grünezimmer, schlurft die knarrende Treppe hinunter, wo er dem Immergrünen auf halber Höhe begegnet. Daskind auf dem Stuhl rührt sich nicht. Du hast mir Schande gemacht, hatte der Mann gemurmelt, bevor er das Zimmer verließ. Daskind wusste nichts von Schande, stumm hatte es die Schläge erlitten, nach keinem Grund gesucht. Seine Welt steckte voller Unbegreiflichkeiten, nach Erklärungen zu suchen war müßig, wenn eine strafende Hand die andere ablöste. Eine kalte Brise erfasst es. Daskind versucht, vom Kummer zu leben. Es wird gut daran tun, sich darin einzurichten, weiß Daskind. Das Leben ist eine nie heilende Wunde, die man sich selbst zugefügt hat.

Nach Kari Kenel versuchten die beiden Nonnen, dem Kind die Namen von Blumen, Vögeln oder süßen Speisen zu entlocken. Daskind blieb stumm, so sehr sie sich bemühten. Selbst Schwester Guido Marias sanfte Art, dem Kind das Sprechen beizubringen, blieb vergeblich.

Man hätte den Balg lassen sollen, wo er war, hieß es im Dorf. Daskind sei hier unglücklich, meinten einige freundlicher Gesinnte. Aber schon bald nahm man das stumme Kind hin, wie man ein Unwetter, eine kurze Unpässlichkeit hinnahm oder streunende Katzen, die man nur des Spaßes wegen, sie wegrennen zu sehen, mit Steinen vom Hof verjagt. Wenn selbst die Seelenärzte nicht helfen konnten, waren andere Mächte im Spiel. Dem Teufel ab dem Karren, man hatte es immer gewusst. Daskind hörte die Hinundherworte, die kleinen Wortbomben. Es lernte, nicht zusammenzuzucken, wenn sich die Dörfler bei seinem Anblick bekreuzigten. Wenn es von andern Kindern durch die Dorfstraße gejagt wurde, flüchtete sich Daskind in die Leere, die sein Gehirn jederzeit erzeugen konnte. Wenn Bannflüche nichts nutzten und die Wirklichkeiten durcheinandergerieten, hatte Daskind keine Gewalt über die Hände, die nach dem Tod griffen.

Keller wollte Daskind wie eine Laus zertreten. Schon immer. Seit dem Tag, als Daskind ins Haus geholt wurde. Alle hatten sie eine Strafe für Daskind, das fremde. Auch der Sigrist und Derpensionist, die Freudenstau, die auch. Und die Kinder, die es von ihren Eltern lernten. Daskind fühlte sich in der Falle. Später, dachte es, würde möglicherweise vieles anders, auch Daskind konnte gerettet werden, versprach Daskind dem Kind, es solle sich den Tod zum Sklaven machen. Aber solchen Befehlen ist schwer nachzukommen. Daskind weiß noch nichts von der Geduld des Wartens. Kennt den verkapselten Zorn zu wenig, noch trägt der Hass kein bestimmtes Gesicht. Das wird sich ändern, sagt es dem Kind ins Ohr, und dass der Hass ein strahlender Stern sei, ein schwarzes Licht hinter der Angst, die es quält.

10

Das Herz des Wals wiegt 500 Kilo, sagt Kari Kenel zum Kind. Der Wal liegt auf einem langen, mit Planen ausgekleideten Eisenbahnwagen. Wäre das aufgerissene Maul nicht, das von Eisenstäben gestützt wird, könnte man meinen, das Tier schliefe. Wie ein riesiger, schwarz geteerter Neger, lacht der Gemeindepräsident, dem das Dorf dieses Ereignis zu verdanken hat. Sein Arm verschwindet im aufgerissenen Rachen. Die Kinder an den Händen ihrer Mütter sind ängstlich. Wissen nicht, ob sich das riesige Tier nicht doch plötzlich bewegt, aufersteht vom Tod, der ihm von Männern mit großen Harpunen zugefügt wurde. Tapfer schreien sie im Chor nach Mister Haroy, es hallt durch den Bahnhof, als würde eine Horde Wilder den Geist des toten Tiers beschwören. Daskind schreit nicht mit. Wagt sich näher an den Leib, will dem Tier in die Augen schauen. In den Augen des Wals muss seine Heimat zu sehen sein, meint Daskind, eine Landschaft aus Farben und Licht, mit geheimnisvollen Höhlen, von regenbogenfarbenem Licht durchflutete, moosüberwachsene Korridore, durch die ein Schwarm schwereloser, friedlicher Tiere dahingleitet, ein ruheloses, einander umwerbendes Gedränge aus kühlen, wendigen Leibern. Aber in den Augen des Wals ist die Heimat nicht abzulesen, die Daskind meint. In den Augen des Wals sieht es die Augen seiner Widersacher, und in deren Augen wiederum die Augen der Widersacher hinter diesen Widersachern, Jahrmillionen zurück, und immer der lachende Töter hinter dem lachenden Töter hinter dem Töter. Ein Schachteltraum bindet Daskind an den toten Wal. In diesem Traum sind sie beide Gejagte, Daskind findet sein Entsetzen in den Augen des Wals wieder, seine Angst und den hilflosen Zorn, der jedem Töter entge­gen­brandet und doch, kurz vorm Zuschlagen, ungenutzt verebbt.

Daskind und der Wal sind eine Insel inmitten des Lachens und Schreiens. Die andern hauen dem Tier kameradschaftlich auf die präparierte Haut, stellen sich neben den Wal, ihn mit der einen Hand berührend, die andere in der Hüfte, als ob sie die Sieger wären. Tun, als hätten sie das Tier erlegt, jeder den andern in der Haltung übertrumpfend. Tun, als bedrohe sie das Tier noch immer, besonders die Kinder, die in gespielter Angst zurücktreten, wieder vorpreschen, Mister Haroy skandierend um den Wagen tanzen, bis sie vom wütenden Gellen der Eltern zurückgerufen werden, sich anständig aufzuführen, das sei ein feierlicher Augenblick. Aber die Kinder lassen sich nicht zähmen. Sie beschießen den Kadaver mit unsichtbaren Harpunen, können ihre Lust am eingebildeten Töten kaum unterdrücken.

Bis der Gemeindepräsident in die Hände klatscht, weil er eine Ansprache halten will. Er wirft sich in die Brust, wartet, bis auch das übermütigste Kind an der Hand der Mutter den Mund hält, breitet die Arme aus. Als Dank für das Vertrauen der Gemeinde, der er seine Wahl verdanke, habe er diesen Anlass ermöglicht. Es sei ein hartes Stück Arbeit gewesen, die Veranstalter zu überreden, einen kurzen Halt in ihrem Dorf einzuschalten. Die Reiseetappen des toten Wals seien von langer Hand vorbereitet gewesen, aber er habe doch den Wunsch gehabt, der Dorfjugend diesen einmaligen Anblick eines Riesenwals von sage und schreibe – er wiederholt ‹sage und schreibe› noch mehrere Male – 23 Metern Länge zu bieten. Man sei der Jugend etwas schuldig, wolle man sich ihrer als künftiger treuer Bürger verge­wissern. Natürlich habe er eine bestimmte Summe aus der Gemeindekasse erbitten müssen, einen nicht unbedeutenden Anteil habe noch Moritz Schirmer beigesteuert, man solle ihn hochleben lassen. Sogleich brechen die Kinder in ein ohrenbetäubendes Gebrüll aus, das mehrstimmige Hurra und Bravo wird von den Wänden zurückgeworfen, bis der Gemeindepräsident erneut in die Hände klatscht. Man solle nun auch der tapferen Männer gedenken, die diesen riesigen Wal erlegt und im Kampf mit dem Tier auf hoher See ihr Leben riskiert hätten. Der Wal wiege lebend ganze 55 Tonnen, 55 Tonnen ge­ballter Kraft, der die mutigen Männer mit nichts als ihren Harpunen entgegengetreten seien. Aber der Mensch habe vom Herrgott auch einen Verstand mitbekommen, der mache wett, was ihm an Kraft fehle, um solch ein Untier zu erledigen. Schon wieder brandet der Beifall durch den Bahnhof, den nicht anwesenden Helden zu Ehren und dem Verstand, den sie alle vom Schöpfer erhalten haben. Die Ehrung will kein Ende nehmen, schulterklopfend feiert der Mut seine Stunde, die sonst verschlossenen Gesichter leuchten dem Redner entgegen, der sich zufrieden die Hände reibt.

Daskind lässt die Hurrarufe, das Gejohle und Gestampfe hinter sich, hat sich an den Schulter an Schulter stehenden Dörflern vorbeigezwängt und den Bahnhof verlassen. Das Dorf war menschenleer. Unschlüssig blieb Daskind stehen, wusste nicht recht, welchen Weg es nehmen sollte. Im Chalet Idaho, wusste Daskind, wütete Frieda Kenel mit ihren Pfannen, die Einzige, die sich nicht zu der um den Wal versammelten Menge gesellt hatte.

Das Chalet gehörte zu den besonderen Gefahrenzonen innerhalb der großen Gefahrenzone, in der Daskind lebte. Auch dann, wenn nur Frieda Kenel anzutreffen war. Die Pflegemutter. Ein langes Wort, denkt das mutterlose Kind, dem die vier Silben höhnisch durch den Kopf rollen, wie Marmeln in die falsche Richtung. Sind nicht aufzuhalten, die Silben im Kopf.

Daskind ist sich selbst ein vielfaches Wesen: Seiltänzerin, Menschenfresser, Rübezahl, Schneewittchen, Rosenrot und mehr. Der Trauer ist nicht standzuhalten, wenn dem Kind die Welt eindringt, die es nicht begreift. Dringt das Gift durch die Poren, durch alle Körperöffnungen, breitet sich fremde Welt aus im Kind, spürt sich Daskind zerfranst.

Über dem Kind kreist ein Mäusebussard. Ein Krähenschwarm versucht, ihn mit schrillem Gezeter abzudrängen. Die Straße zieht eine schnurgerade Linie durch die Landschaft, sie endet am Horizont. Durch die dünnen Schuhsohlen ist die Wärme des Asphalts zu spüren. Teergeruch vermischt sich mit dem Duft der blühenden Magerwiesen, die sich zu beiden Seiten der Landstraße ausbreiten. Gedankenlos kaut Daskind an einer Margeritenblüte, der säuerliche Geschmack überzieht den Gaumen mit luftiger Haut.

Lange wandert Daskind auf der Straße. Nun hat es den östlichsten Rand der Harch erreicht. Hinter dem letzten Dorf sind links der Straße die Kiesgruben am Hang zu sehen. Graue, ausgeschabte Wunden, um einen schrundigen Krater verteilt, der mit milchig schimmerndem Wasser gefüllt ist. Auf der Wasseroberfläche schwimmt Abfall. Eine tote Ratte streckt ihren aufgedunsenen Bauch in den Himmel. Über den beiden Gruben erstreckt sich ein langer Hügelkamm, der fast zur Gänze für den Kiesabbau freigegeben wurde. Baumstümpfe ragen in die Höhe, die gefällten Stämme haben eine tiefe Schleifspur in den Hang bis hinunter zur Straße gefressen.

Daskind sitzt am Kraterrand, die Füße baumeln über dem Wasser. Es könnte sich fallen lassen, denkt es, das Wasser würde in die Lungen eindringen, ihm den Atem nehmen. Es hat gehört, dass man beim Ertrinken als letztes Musik hört. Da es an Musikerinnerungen keine große Auswahl hat – außer Pflegemutters Fernimsüd vielleicht noch ein paar Kindermelodien, Zählreime und Spottlieder –, ist das keine Verlockung.

Träge schwimmt die Rattenleiche auf dem Wasser. Daskind angelt mit einem Stock nach ihr, erzeugt immer größer werdende Kreise um den Kadaver. Es schlägt nach ihm, erst gleichgültig, ungenau, dann bricht plötzlich die Wut durch. Daskind zerpflügt mit seinem Stock das Wasser. Die Ratte wird lebendig, schnappt mit ihren spitzen Zähnen nach den Füßen des Kindes, reißt ihren Raubtierrachen auf. Sieben Feuerzungen greifen nach dem Kind. Aus den Vorder­­bei­nen werden grüne Drachenflügel, dann wächst dem Tier Kopf um Kopf aus dem Rumpf, erst sind es nur große Beulen, die platzen, ledrige Köpfe freilegen, die sofort ihre Mäuler mit den sieben Feuerzungen aufreißen, auf Daskind starren, das ums Leben kämpft. Schwerfällig erhebt sich der Drache aus dem Wasser, zieht einen engen Kreis über dem Krater. Daskind kann seinen fauligen Atem riechen, und den ledrigen Geruch seiner schuppigen Haut. Der lange Drachenschwanz peitscht die Wassermasse, die jetzt über den Kraterrand schwappt, mit einer gefräßigen Wellenbewegung Daskind erfasst, über ihm zusammenbricht, es in den Abgrund reißt. Da will Daskind schreien, aber seine Stimme gehorcht ihm nicht, es bleibt stumm. Verzweifelt greift es nach dem Drachenschwanz, zieht sich daran hoch, kriecht über den schartigen Kamm des Schwanzes zum Rücken, hält den Hals des Drachen umklammert. Der schwingt sich mit dem Kind auf dem Rücken hoch in die Luft, die von Fabelwesen erfüllt ist. Ihr Kreisen erzeugt ein melodiöses Sirren, dass im Kind die Wut abstirbt wie ein dürrer Ast an einem noch gesunden Baum. Lächelt Daskind. Der Himmel ist ein blaues Land, grenzenlos, Daskind kann endlich atmen.

Höher und höher steigt der Drache, Daskind schwimmt jetzt im gleißenden Licht der Sonne, fühlt sich in der Hitze gut aufgehoben. Bis sich ein schwarzer Schatten vor die Sonne schiebt. Da fürchtet es sich einen Augenblick lang, denn es hat gelernt, dass Überraschungen meist aus dem Hinterhalt kommen, zuschlagen, ehe man sich’s versieht. Doch dieser Schatten ist freundlich, ist der Wal, der sich in einem weiten, fröhlichen Bogen in die Höhe katapultiert, dann in einer eleganten Abwärtsbewegung am Rand des Horizonts verschwindet. Daskind auf dem Rücken des Drachen kann den orgelnden Lockruf des Wals hören, kann an diesem Samstagnachmittag die Sprache der Wale verstehen. An diesem Tag geht Daskind nicht unter. Ein Wal und ein Drache haben dem Kind den Tag gerettet.

Die rechte Straßenseite säumt Schirmers fruchtbarer Obstgarten. Hier reifen der Reihe nach Kirschen, Zwetschgen, Äpfel, Birnen und Nüsse, die Schirmer im eigenen Boot über den See in die benachbarte Kleinstadt bringt. Wenn die Früchte reif sind, achtet der Bauer darauf, dass sich kein Kind an einer Frucht vergreift. Dabei hilft ihm Zorro, der schwarze Dobermann mit den blutunterlaufenen Augen. Wenn der durch den Obstgarten jagt, wenn sich dem Hund das Fell über dem Rücken sträubt und er mordlustig die Zähne fletscht, hechten die Kinder über den Zaun, bleiben keuchend einen Augenblick stehen, ehe sie die Straße entlang zurückrennen.

Bauer Schirmer hat noch einen zweiten Verbündeten. Einen Stier, den er manchmal, nur so zum Spaß, mit einem Gewehrschuss über die Weiden hetzt, damit die Kinder vor Schreck erbleichen. Sein Gesicht glänzt vor schwarzer Freude, wenn eines der Kinder am Drahtzaun hängen bleibt und nur in allerletzter Minute die schützende Seite erreicht. Besonders, seit sein Sohn unter der Erde liegt. Das hat der Schirmer nie verwinden können. Hat lange mit Gott gehadert, die Schuld dem Mädchen gegeben, der Anni Bamert, dem sündigen Fleisch.

Weil Moritz Schirmer die umliegenden Kirchen mit großzügigen Legaten versorgt, übersieht man seine Bosheit. Und die Eltern wagen nicht, sich zu beschweren, einige von ihnen sind bei Schirmer hoch verschuldet. Unvorsichtig, sich mit dem Bauern anzulegen. Besser ist es, Schirmer noch beflissener, noch unterwürfiger zu grüßen.

An Schirmers stattlichen Besitz grenzt die gemeindeeigene Allmend mit der Kromenkapelle, die 1693 von Landammann Johann Krieg als Dank für die Bewahrung vor Raubüberfällen errichtet worden und der Heiligen Muttergottes von Loreto geweiht ist. Das Innere der Kapelle ist eine Nachbildung des heiligen Hauses von Nazareth, der Santa Casa, die nach der Legende Engel nach Loreto getragen haben. Über dem Engelsfenster, durch das der Engel Gabriel bei der Verkündigung eintrat, hatte sich ein Bienenschwarm niedergelassen und bildete eine schützende, dunkle Traube um die unsichtbare Königin. Das geschäftige Summen der Bienen erfüllte den rechteckigen Raum, als das Kind eintrat. Und im Summen der Bienen vermeinte es noch etwas von der Weite zu spüren, in die es mit dem Drachen aus dem Traum eingetaucht war wie in ein unverständliches Glück.

Stufen und Gitterschranke trennen den Raum mit dem Tonnengewölbe in das westliche Schiff mit dem Altar und den östlichen Chor, der ursprünglich im Hause von Nazareth die Küche mit einer Kaminnische, dem Santo Camino, bildete. Über der Nische ist die heilige Mutter mit dem Kind zu sehen, beide in kostbare, bestickte Gewänder gekleidet, einander liebevoll haltend. Ihre Gesichter und Gliedmaßen sind schwarz wie mattes Ebenholz, Mutter und Sohn lächeln sich zu.

Daskind setzt sich auf die Stufen. Die Arme um beide Beine geschlungen, kauert es lange vor dem Bild aus einer Welt, die ihm verschlossen bleibt. Warum nur ist so viel traurige Gewissheit im Kind? In einem Alter, das ein bunter Rausch sein könnte. Und da ist er wieder, der Zorn, der sich aus seinem Innern nach außen frisst, ein Unge­heuer, die Nachtseite des Drachen. Kann Daskind nicht an sich halten, muss Luft in die Lungen pumpen und schreien. Schreit den Zorn ins Gesicht von Mutter und Kind, schreit sich die geschundene Seele aus dem Leib. Bis es widerhallt von den Wänden, zu einem einzigen, schwarzen Schrei wird, während Daskind tanzt und stampfend den geheiligten Boden bearbeitet. Das will es nicht sehen, Daskind, diese Liebe im Gesicht der Mutter und die Liebe in den Augen des Kindes, das nicht. Bricht Hass aus im Kind ob der Liebe, die es sieht. An der es nicht teilhaben kann. Ist krank, Daskind, vor Lieblosigkeit krank. Winterkind.

Dann wieder Stille. So viel Kraft ist nicht im Kind, um all das Klagen, das Entbehren, das Nichtverstehen mit einer schützenden Haut aus Hass zu überziehen. Gehen die Schreie des Kindes in ein Wimmern über, in ein Katzengewimmer, das nicht mehr aufhören will. Sein Körper möchte sich teilen, auseinanderbrechen, den Zorn freigeben, diesen Klotz in der Mitte, an dem es erstickt. Doch es bricht nicht auseinander, noch nicht, im Gegenteil, der hässliche Klotz wird schwerer und schwerer, auch wenn sich Daskind kaum weiterschleppen kann unter seinem Gewicht. Der unsichtbare Buckel des Kindes, das kein Kind sein darf. Das nur eine Traumstunde lang den Drachen ritt.

Kindern, die nachts weinen und schreien, legen die Mütter in der Harch den «Schlaf» unters Kissen. Sie finden den Auswuchs der Rosen­gallwespe in den Hundsrosensträuchern. Soll der «Schlaf» seine Kraft behalten, darf er nicht berührt oder übers Wasser getragen werden. Wenn das Mondlicht in die Kinderstube fällt oder das Hemd des Kindes dem Mondlicht ausgesetzt ist, dann ist das Nachtweinen, so nennen sie es, unvermeidlich. Oder wenn sie beim Eintreten zuerst das Kind betrachten statt andere Dinge. Wenn der «Schlaf» seine Kraft verliert, gibt man den Nachtweinenden Bockshornsaft, oder man legt ihnen betäubenden Nachtschatten, wilden Hopfen und Spreu aus dem Schweinestall in die kleinen Betten. Einige beräuchern das Kind mit brennendem Zaunmoos, oder sie geben ihnen getrockneten Hühnerkot in die Milch. Das Moos vom Dach eines Kuhstalles dient zum Beräuchern nachtweinender Mädchen, das Moos vom Dach eines Ochsenstalles zum Beräuchern der Knaben. Oder man trägt die nachtweinenden Kinder in den Stall und legt sie auf das noch warme Lager eines Tieres. Wenn ein Kind das Nachtweinen hat, so soll die Mutter abends beim Gebetsläuten Hafer in ihre Schürze geben, darüber das Kind halten und dreimal sprechen: «Du Nachtmutter, gib deinem Ross ein Futter, dass dein Kind schreit und meines schweigt.» Drei Steinchen, während des Läutens unter der Dachtraufe aufgehoben und – ohne sich umzusehen – unter das Kissen des Kindchens gelegt, sollen auch helfen. Manche Mütter legen das weinende Kind auf ein Fell über der Türschwelle, schreiten dreimal darüber und sprechen dabei die Worte: «Welche dich geboren, die hat dich auch befreit.» Damit der Bann hilft, dürfen aber die Mütter nach Sonnenuntergang nichts mehr ausleihen. Wenn sie es nicht vermeiden können, muss es sich der Leihende gefallen lassen, dass ihm ein Stück von seinem Hemd abgerissen und dem Kind unter die Matratze gelegt wird. Manche Frauen waschen sich bei Sonnenaufgang die Brüste mit Weihwasser und lassen die Kinder nachts an den geweihten Brüsten einschlafen.

Dem Kind hilft keine Mutter. Wenn ein Kind wie Daskind nachts weint, hängt höchstens ein gleichgültiger Mond am Himmel, vielleicht schreit ein Kauz. Oder ein Hase hoppelt erschrocken ins Gebüsch. Wie jetzt, am östlichen Ende der Harch, als das Kind endlich die Kromenkapelle verlässt und nichts mehr anzufangen weiß mit den Sekunden.

Im Ausweglosen verstrickt.

In der ausweglosen Zeit, die sich in Ewigkeiten verwandelt.

In dieser Nacht voller schwirrender Narrenlichter.

Irrlichtert

Daskind mit dem Kind

über das Feld

hinter

der Kromenkapelle.

Trägt

am Buckel

Daskind.

Als der Knecht auf dem Hof am östlichsten Rand der Harch das Wimmern des Kindes vernimmt, glaubt er, eine junge Katze zu hören. Langsam sucht er das Feld ab, bis er in einer Ackerfurche ein Kind kauern sieht. Er habe geglaubt, dass dort ein verirrtes Kätzchen jammere, sagt der Knecht dem Bauern, als er Daskind auf seinen Armen in die Stube trägt. Der ruft nach der Bäuerin. Die schlägt beim Anblick des Kindes die Hände zusammen und kann nicht aufhören, ein ums andere Mal Armeskind zu sagen, so verloren.

Wem es gehöre, wird Daskind gefragt. Das aber stumm bleibt. Die Milch trinkt. Sich an der großen Brust der Bäuerin wärmt. Das springt nicht über den Abgrund Wort, um endlich anzukommen, eine Ordnung zu finden. Daskind bleibt unbehaust, trotz der Wärme im Raum und der Milch, keiner Verführung zugänglich ist Daskind.

An diesem Tag wird Daskind zweimal davongetragen. Erst vom Knecht in die fremde Stube. Dann vom Pflegevater in die Kinderkammer. Nachdem ein Hin und Her von Fragen die Herkunft des Kindes klärte. Des Hergelaufenen. Daskind hat sich nicht gewehrt. Ist im ­offenen Jeep unter Kari Kenels Gummimantel, auf den ein Sommerregen niederprasselte, nach Hause gefahren worden, in die Gefahrenzone aller Gefahrenzonen, wo Frieda Kenel herrscht. Und der Im­mergrüne. Auch Kari Kenel. Der heute keinen Ledergürtel aus den Schlaufen zerrt. Nur den Kopf schüttelt und «Warumkind» murmelt. An diesem Tag.

11

Agnus Dei, qui tollis peccata mundi. Das kann lange dauern, vielleicht ein Leben lang, das Danken, das Demlammdanken, weil es die Sünden der Welt auf sich genommen hat und für die Sünder gestorben ist. Agnus Dei. Singen die Dörfler mit schleppenden Stimmen, während Pfarrer Knobel mit hoch erhobenen Armen die Hostie über den Kelch hält. Seine Augen sind geschlossen. Schweißperlen auf der Stirn, Daskind sieht es genau.

Die Zeit ist ein spiralförmiger Lindwurm, man weiß nie, auf welcher Ebene seines mehrfach gewundenen Rückens man grad sitzt. Daskind denkt an seine Sünden, die ein Lamm auf sich genommen hat. Es müssen seine Sünden sein, die das Lamm getötet haben. Es ist ein Albtraum, an die Sünden zu denken und an das Lamm mit dem Messer am Hals. Während der Schafschur scherzen die Männer und drohen spielerisch mit ihren Messern, machen das Zeichen des Halsab­schneidens. Die Schafe blöken und versuchen mit ungeschickten Bewegungen, sich zu befreien. Wenn sie auf den Rücken geworfen werden, ragen ihre zappelnden Beine anklagend in den Himmel. Einige verdrehen die Augen. Starren in eine andere Welt als die der Bauern mit ihren Messern. Manche stellen sich tot, sodass Daskind tatsächlich glaubt, sie seien gestorben. Auch wenn kein Blut fließt. Es ist eine Sünde, ein Lamm mit seinen Sünden zu beladen, dass es daran stirbt. Keine lässliche, die vergeben werden kann, eine Todsünde. Wäre Daskind nicht geboren worden oder kurz nach der Geburt gestorben, in den Bach geworfen worden, vom Vorderberg gestürzt, im See ertrunken, von Schirmers Stier zerfetzt oder vom Pensionisten, hätte kein Lamm sterben müssen. Wen auch immer das Lamm von seinen Sünden befreit hat, Daskind ist nicht unter ihnen.

Das ist mein Fleisch, sagt der Pfarrer mit starker Stimme, und das ist mein Blut, nehmet und esset von meinem Fleisch, trinket von meinem Blut. Sagt auch der Pensionist nachts in der Kammer des Kindes. Hält Daskind in seinen Pranken gefangen. Presst mit dem schweren Leib den Leib des Kindes in die Kissen. Führt den haarigen Schwengel in den Mund des Kindes. Stößt stöhnend zu. Erstickt Daskind am Das­istmeinfleisch. Rächt sich das Lamm. Rasch überschlägt Daskind sein kurzes Leben, bricht ab vor dem letzten Stoß des Stöhnenden, hat beim Überschlagen fast das Atmen vergessen, pumpt das Herz vergiftetes Blut durch den Körper. In wilder Wut. Rast Dasistmeinblut durch die Adern des Kindes. Liegt befriedet der Stier auf dem Kind. Unter den Augen des Lamms an der Wand. Unter den Rosaaugen des Lamms, das lächelt auf den Schultern des Hirten.

In der Sakristei ordnete Jakob Gingg die Soutanen des Pfarrherrn, als Daskind auf Geheiß seines Pflegevaters einen Strauß Rosen vorbeibrachte. Vorbeibringen musste. Während die Stunde bedrohlich mit den Flügeln schlug, hatte sich Daskind, an die Rosen geklammert, wieder einmal durchs Dorf geschlichen, am alten Schulhaus vorbei, ohne einzutreten, dem neuen entlang und am Pfarrhaus, der Michaelskirche zu. Die Rosen waren von der Pflegemutter in eine alte Ausgabe des Bezirksanzeigers gewickelt worden. Trotzdem bohrten sich die Dornen in den Handteller des Kindes. Um den Sigristen für einen Gedankenaustausch über neue Zuchtmöglichkeiten günstig zu stimmen, hatte Kari Kenel die schönsten seiner Stöcke geplündert. Er hatte sich sogar dazu durchgerungen, einige voll erblühte Zweige seiner Moosrosen zu opfern. Das zarte Rosa der Moosrosen ergänzte Kari Kenel mit einigen Hohlsteinrosen, deren blutrote Farbe den Sigristen einst zur Bemerkung veranlasst hatte, dass dieser wunderbaren Blüte der Name Herzblut sehr wohl anstehen würde. Hohlstein erscheine ihm allzu grobtrocken für ein Blümelein – Kari Kenel wunderte sich im Stillen ob der sonderbaren Ausdrucksweise –, dessen leuchtende Farbe das Herz eines jeden Rosenzüchters höherschlagen lasse. Kenel war bereit, dem beizupflichten, obwohl ihm an derart übertrieben poetischen Ergüssen nicht sonderlich gelegen war. Im Gegenteil, gerade die sanftesten Namen seiner Rosen brachten ihn eher in Verlegenheit. Namen wie Marcelle, Caprice, Marie Claire oder Mermaid, eine besonders zarte, blassgelbe Rankrose, ersetzte Kari Kenel kurzerhand durch Initialen und Zahlen. So hieß denn Kenels Marie Claire MC3, die Mermaid dagegen MM2. Auf diese Abkürzungen verzichtete er nur an den weni­gen Ausstellungen, die er mit seinen neuesten Züchtungen besuchte. Dort musste man sich an die Regeln halten, auch wenn einem die fremdartigen, zärtlichen Namen nur schwer über die Lippen kamen. Sie verwirrten Kari, weichten den Panzer auf, der sein Inneres umschloss und es vor der Kälte schützte, der er ohne diesen Panzer nichts entgegenzusetzen gehabt hätte. Die Namen häuteten, entwaffneten ihn, sie machten ihn für Träume empfänglich, die in seinem Leben keinen Platz einnehmen durften, wollte er als einer der andern bestehen.

Schließlich bereicherte Kari Kenel den kräftig duftenden Strauß noch um ein paar Zweige Alaskarosen, als wäre ihm zu warm geworden in der armen Haut, als genügte der Name dieser Rose, ihn vor der Hitze zu schützen, die ihn beim Nachdenken überkommen hatte. Aber auch die Alaska konnte ihn heute nicht besänftigen, konnte kein Gefühl von wohltuender Kälte hervorzaubern. Im frühen Morgenlicht schimmerten die alabasternen Blütenblätter, Tautropfen glitzerten vielfarbig in den großen Blütenkelchen, ihr Anblick war nicht dazu angetan, sich zu bescheiden. Kenels Hände zitterten. Er hätte gern die Seidenhaut berühren wollen, eindringen wollen in die Alabasterkühle eines Frauenleibes, der Frieda Kenel so gar nicht war. Wie ein Bub stand er vor ihr, die Rosen in den großen, abgearbeiteten Händen. Aber die hatte rasch, während er noch grübelte, die Rosen an sich genommen und ins Papier gewickelt, dem Kind den Strauß in die Hand gedrückt. Beim Anblick ihrer knöchernen Handgelenke wurde ihm endlich kalt. Beschämt schlurfte Kari Kenel aus der Küche, folgte dem Kind bis zum Gartentor. Dann blieb er stehen, stand unter den weißen Trauerrosen, als Daskind das Tor sorgfältig aufschloss.

In die Stimme Kellers fiel Daskind wie in ein Loch. Sie bildete die Vorhut seiner Hände, die Daskind unter einem Vorwand packten, es an sich rissen, um es wie den schmutzigen Scheuerlappen, mit dem Kellers Frau angewidert den Dreck auf den Stufen verteilte, von sich zu schleudern. Beide, Herr und Frau Keller, bestanden aus fetten Gesichtern und fetten Wörtern, die sie wie Müll in sich hineinschaufelten. Oder andern an den Kopf warfen, bis diese, vollgestopft mit dem Kellermüll, dampften wie unordentliche Misthaufen. Die Anstrengung, mit dem Wortmüll um sich zu werfen oder ihn in sich hineinzuschaufeln, war den Kellergesichtern anzusehen. Fett waren sie, gerötet, und auf Kellers niedriger Stirn bildeten sich bei jedem Wetter Schweißtropfen.

Fast immer hing zwischen Kellers Lippen der Stumpen und qualm­te in kurzen Stößen vor sich hin, wenn sich Kellers saugender Mund fest um ihn schloss. Auch heute, als Daskind sich an Keller vorbeischleichen wollte. Der wartete, Zigarre im fetten Gesicht, auf seinen Einsatz. Schlug zu, bevor es das alte Schulhaus erreichte. Mit den in einen alten Bezirksanzeiger eingewickelten Rosen. Mit der behelfsmäßigen Tüte, auf der, leicht vergilbt, noch immer nachzulesen war, wie Bauer Peter aus Freienbach ums Geld kam und sich Kaplan Ringholz bei diesem unredlichen Handel als Komplize des Betrügers einen Namen geschaffen hatte. Oder dass in Yverdon eine 51-jährige Hebamme von einem Rekruten erstochen wurde. Das Bajonett des Solda­ten fand die besondere Beachtung des Reporters. Wie auch die Leiche des Massenmörders Tore Hedin, die aus dem südschwedischen See von Borasp gefischt wurde. In einem Abschiedsbrief habe er neun Morde gestanden und darauf hingewiesen, dass er, wenn nicht als ­Lebender, so wenigstens als Leiche seinem Land einen Dienst erweise, erspare er ihm doch die Gerichtskosten und den Gefängnisplatz, man möge ihm deshalb seine Flucht ins Jenseits verzeihen.

Von aller Vorsicht abgenabelt, gehorchte Daskind Kellers Stimme. Die als Vorhut nach ihm grapschte. Das fette Kellerlachen traf auf keinen Widerstand, als es in die Poren des Kindes eindrang und gleichzeitig die Kellerhand dem Kind den Stumpen in den Mund stieß, bis Daskind fahl wurde, die Todesangst über die Rosen kotzte, und über Tore Hedin, der doch schon tot war. Den keine Angstbrühe aufer­wecken konnte, wie das der herr am Ende eines langen Wartens eines jeden Sünders tat und mit dem Daumen beliebig nach unten oder oben wies.

Ich werde dich lehren, Zigaretten zu stehlen. In meinem Laden. Unter meinen Augen.

Lacht sein fettes Kellerlachen. Dieben soll man beizeiten die Hände abhacken.

Hat den krummen Blick, der Keller, auf Daskind gerichtet und lacht.

Kari Kenel steht noch immer bei der Trauerrose. Ohne sich zu rühren. Was soll Daskind mit dem stummen Pflegevater unter der Trauerrose. Mit dem speicheligen Zigarrenende im wunden Mund. Mit dem fetten Lachen in den Poren. Mit dem «Ich will dich lehren, in meinem Laden Zigaretten zu stehlen».

Schleicht, vom Ekel geschüttelt, alleinsam durchs Dorf. Keinen einzigen Schrei hinter sich lassend. Dieser Art Wege sind taubstumm zu beschreiten. Mit verstopftem Mund wie nachts unter dem Immergrünen.

Daskind verhielt den Schritt vor der Michaelskirche. Schluckte bitteren, übel riechenden Schleim. Die Erniedrigung. Den Hass Wenn­­ich­großbinwerdeicheinenvoneuch. Oder vielleicht die Kellermarie. Wenn man ein Kind wie Daskind ist, scheint die Auswahl unbegrenzt. Nur Eulenkinder haben eine Zukunft. Anderer Kinder Leben scheint ein Tod ohne Ende zu sein. Und nähme der Tod ein Ende, was dann? Was überhaupt bei dem Leben?

Im Kind denkt’s ans Töten. Dann ist eine Macht da, im Kopf, wenn ans Töten gedacht wird.

Unter dem Chorgewölbe blieb Daskind einen Augenblick stehen. Über ihm breitete Mutter Maria schützend ihren Sternenmantel aus. In seine Falten schmiegten sich um Fürbitte betende Menschen, zur Linken der Heiligen Jungfrau fromme Männer, zu ihrer Rechten Frauen und Kinder. Die Hände Hilfe suchend erhoben, hingen ihre Blicke am Gesicht der Jungfrau, das, von einem Heiligenschein umrahmt, sanft auf sie herablächelte. Die Gottesmutter war eine Riesin, so groß, dass sich die Menschen in ihren Mantelfalten wie Zwerge ausnahmen. ­Einige gingen am Stock, andere hatten Schwären an den nackten Füßen. Einem fehlte ein Bein, der junge Mann stützte sich auf die Schulter eines Alten, dessen Gesicht von einer Wunde entstellt war. Ein Mädchen, an der Hand seiner Mutter, sah mit großen, traurigen Augen empor. Bei seinem Anblick zog sich dem Kind das Herz zusam­men. Das kannte Daskind, diese nie enden wollende Trauer in der Brust, ein schwarzer Stein, der das Atmen erschwerte. Schmerzzerfres­sen. Hasszerfressen, wenn der Schmerz nicht mehr auszuhalten war.

Eine kurze Steintreppe führte hinter dem linken Seitenaltar, der dem Schmerzensmann geweiht war, hinunter zur Sakristei. Das Sandsteinrelief über der goldverzierten Altarmensa wurde von einer winzigen Öllampe schwach beleuchtet. Die Gesichtszüge des leidenden Christus, in Schmerz erstarrt, wirkten abweisend. Der nackte, magere Leib war von den gestifteten Kerzen rußgeschwärzt. Eine Hand war abgeschlagen, die Beine grotesk ineinander verschlungen, am linken Fuß fehlte die Ferse. Daskind berührte die raue Oberfläche des Körpers, es musste sich dazu auf die Zehenspitzen stellen und weit über den Altartisch beugen. Im Herzen der silbernen Strahlenmonstranz lagen die Hostien von der letzten Totenmesse. Wenn die Wettermesse gelesen werden musste, wurde die kleinere, vergoldete Wettermons­tranz hervorgeholt. Daskind, das nicht wusste, was es am Leib des Herrn zu suchen hatte, trödelte lange vor dem Altar.

Bis es den Sigristen in der Sakristei hantieren hört. Bedächtig nimmt es Stufe um Stufe. Den jetzt unschönen Strauß mit den langen Dornen fest umklammernd. Zwingt sich, nicht an den Schmerz im blutenden Handteller zu denken. Das Blut hat Tore Hedins Geständnis und des Kindes Angstbrühe rot gefärbt. So ist alles eins geworden mit dem Kind, das Blut und die Angst und der Schmerz und der Tod eines Mörders. Kein Loch, durch das Daskind aus dem Kreis schlüpfen könnte. Sieht dem Sigristen ins faltige Altmännergesicht. In die geröteten Augen. Saugt sich an ihnen fest, als wäre das ungläubige Staunen in diesen Augen eine feste Burg. Der Unverstand des Sigristen ein sicherer Hafen. Streckt dem Sigristen die Angst und das Blut und den Schmerz, den Tod entgegen. Der ihm, angewidert von der Geste, die Tür weisen will. Daskind bleibt unter der schweren Holztür stehen, mit den zerstörten Rosen in der ausgestreckten Hand.

Daskind kann den Zorn im Sigristengesicht sehen. Er spiegelt sich in den Sigristenaugen wider, die jetzt schmal werden wie die des Kindes es immer sind. Daskind sieht unter den verquollenen Lidern ein kaltes Feuer.

Unter der Stuckdecke, an der Ziborium, Messbuch, Messglöcklein, zwei Kerzen, ein Lorbeerzweig und Rosen zu einem sakralen Stillleben in einem runden Louis-seize-Rahmen geordnet sind, steht das alte Sakristeibuffet. Dorthin zerrt der Sigrist Daskind. Hat es am Nacken gepackt und zum Buffet geschleift, drückt ihm das Gesicht auf das rankenverzierte Holz, dass Daskind keine Wahl hat. Fallen die Streiche auf den Rücken des Kindes, reißen die Dornen die Haut auf unter dem dünnen Hemd, hinterlassen rote Spuren auf der Haut. Mutter Maria, möchte Daskind beten, nimm mich unter deinen blauen Himmelsmantel. Möchte betteln, von den Rosenschlägen verschont zu werden. Wird nicht verschont, Daskind, kennt kein Gebet, das so laut wäre, dass es die Himmelsmutter hören könnte. Dich will ich lehren, geifert’s aus dem Sigristenmaul, ich bin das Schwert Gottes, da, um deine Sünde zu rächen vor den Augen des Herrn.

Fallen verkotzte Blütenblätter von den dornigen Stielen. Fällt dem Kind die Leiche Tore Hedins ins Gehirn und das Soldatenbajonett. Das will es nicht vergessen, dass da Krieg herrscht zwischen ihm und der Welt. Das will es nicht vergessen, und dass es gestehen muss, immer wieder, ein Kriegskind zu sein, den Tod im Gedärm und in der Seele, die einem wie dem Kind abgesprochen wird, und doch da ist mit ihrer Last aus Verzweiflung und Hass. Das ist mein Fleisch, das ist mein Blut, hämmert’s in seinem Kopf, nehmet und esset vom Gift, schlagt euch die geilen Bäuche voll, saugt das Blut auf mit euren gierigen Mündern. Bringt Fleisch und Blut zum Verschwinden, bis nichts mehr bleibt vom Kind, an dem es leiden könnte. Rasch noch die Dornen in den Schädel gebohrt und einen Speer zwischen die Rippen. Es wird kein Halten geben, wenn die Sünden unvergeben sind und der Leider am Kreuz kein Erbarmen zeigt. Ich will dich lehren, schreit’s über dem Rücken des Kindes. Widerstandslos lernt Daskind, vornübergebeugt, das Gesicht in die Ranken gedrückt. Lernt rasch und sicher, weil keine Zeit zu vertrödeln bleibt, wenn von der Sünde die Rede ist. Erstaunt bemerkt es das plötzliche Fehlen der Angst, hat mit den Fühlern des Hasses eine Ordnung gefunden. Agnus Dei auf dem brennenden Rücken, den Dornenkranz auf dem lockigen Haupt. Liegt in den braun verfärbten Rosenblüten, die nicht lieblich duften. Fällt Schneeregen in den schwarzen Hass.

Keiner fragt Daskind nach der Ursache seiner Wunden. Ist im Übermut in die Dornenhecke gefallen. Vielleicht. Im Übermut, im hergelaufenen, ins Haus geholten. Dornenkind.

12

Das war ein Gelächter im Dorf, als man erfuhr, dass sich Daskind nachts im frisch ausgefahrenen Mist gewälzt hatte. Nachdem sich Gott, der Herr, und der heilige Petrus geweigert hatten, Daskind von seiner stummen Not zu befreien, wie Pfarrer Knobel es wortreich versprach, schleppte man das Kind zur Schwarzen Madonna ennet dem Vorderberg. Die Freudenstau hatte Frieda Kenel heimlich ein paar Schrecksteine zugesteckt, die solle sie dem Kind in die Rocktasche geben, man könne nie wissen, ob nicht doch ein Dämon im Kind stecke, der jede Fürbitte der Schwarzen Mutter verlache. Ganz bestimmt leide Daskind am Chlupf, wie man es in dieser Gegend nenne, da könne sowohl das Auflegen von Schrecksteinen als auch von Schwalbenasche oder ungereinigten Hufnägeln gute Dienste leisten. In der Nähstube hatten sich die Frauen ausgiebig unterhalten. Über den Kopf des Kindes hinweg, das auf dem roten Sofa saß und wie immer schwieg. Frieda Kenel, die Stecknadeln zwischen den Lippen, konnte ihrem Misstrauen gegen solchen Aberglauben nur zischend Ausdruck verleihen, aber ihr kühler Blick aus seidenblauen Augen und die hochgezogenen rötlichen Augenbrauen sprachen Bände. Das allerdings hielt ihre Kundinnen nicht davon ab, sich lüstern über Räucherungen, Beschwörungen, über den Nutzen von Verschreifeigen beim Chlupf, Luchsklauen bei Verstocktheit und andern Gottesgeißeln zu unterhalten. Daskind kaute an den aufgeklebten Gänseflaumfederchen eines weißen Zelluloidschwans, als Schättis Frau lispelnd vor Auf­regung riet, drei Miserere über dem Kind zu singen und dann dreimal mit den Worten das Kreuz über dem Kind zu schlagen: «Für Herz­gesperre und Unterwuchse, Hilf meinem Kind von seiner Sache, Hilf meinem Kind von seiner Rippe, wie Jesus Christus von der Krippe.» Hierauf blase man dem Kind dreimal ins Gesicht, nachdem man eine Knoblauchzehe gegessen und die rechte Hand ins Weihwasserbecken neben der Stubentüre getaucht habe. Weil aber niemand so recht wusste, wessen Kind denn Daskind nun eigentlich sei, entstand eine Verlegenheit, die sich in einem langen Schweigen bemerkbar machte. Schließlich unterließ man, immer noch etwas verlegen, man war ja gerade dabei gewesen, der Kirche das verbriefte Recht abzusprechen, als einzige Heil und Weh der Welt zu verwalten, jegliche Zauberei, auch die im Namen Christi. Nur die Freudenstau steckte Frieda Kenel heimlich drei Schrecksteine zu, die sie, so gebot es die Vorschrift, bei Vollmond unter einem Kuhfladen hervorgeholt hatte. Schättis Frau drückte Daskind an die milchig duftenden Hängebrüste: Frecherbub, Kleinerfratz, zärtlich, und eine Brustwarze schmiegte sich zutraulich an die Wange des Kindes. Das hatte soeben die letzte Flaumfeder des Schwans verschluckt und hustete, bis es in Tränen ausbrach. Saumädchen, Dreckigerbalg, Undankbares Ding, sagte die Freudenstau, während die Störschneiderin Kenel geschäftig an ihren schmalen Hüften hantierte und sanft über den glatten, geschmeidigen Stoff strich. Auf dem marmornen Schwarz schillerten die Lichtstrahlen der Nachmittagssonne, am Bein der Freudenstau glitzerte das Strumpfband.

Die Unterredung in der Nähstube brachte Frieda Kenel auf den Gedanken, sich mit Pfarrer Knobel auszusprechen. Der, im Beichtstuhl durch das Sprechgitter Meinetochter murmelnd, rief die Schwarze Jungfrau an, eine Wallfahrt zu ihr könne nicht schaden. Er selber wolle, gegen ein bescheidenes Entgelt, es sei immer ratsam, dem Herrn Jesu Geschenke darzubringen, zum Segen des Kindes eine Messe ­lesen. Wenn Daskind sich aber weiterhin, auch nach dem Besuch der Heiligen Mutter, in einer Art von Nervenkrampf winde, müsse man an eine Austreibung denken. Doch dafür sei er nicht zuständig, da müsse Pater Laurentius her, den wolle er schon einmal benachrichtigen und im Namen Gottes bitten, sich des Kindes, wenn nötig, anzunehmen. Bei dem Wort Austreibung leuchteten Knobels Augen in heiliger Vorfreude auf. Es war dasselbe Leuchten, das in seinen Augen lag, wenn er sonntags durchs Dorf trippelte und einem gedeckten Tisch entgegeneilte. Austreibung. In diesen Zeiten wurde man nicht allzu oft mit derlei frommer Drastik verwöhnt. Ausgetrieben wurde vielmehr der Aberglaube, auch in Knobels Kirche, damit Gott vorbehalten bleibe, was Gottes ist. Beim vermaledeiten Kind aber würde die Uhr zurückgestellt werden, zum Wohle des Kindes in die Zeit ­zurück, als dem Teufel mit Rutenhieben auf die armen, besessenen Leiber das Wildern ausgetrieben wurde. Amen. Gehe, Meinetochter, in Frieden.

Aber vorerst wird nicht ausgetrieben. Das spart man sich für den schönen Notfall auf. Zuerst wird zur Schwarzen Mutter ennet dem Vorderberg gewallfahrt, die soll helfen, wenn dem Kind noch zu helfen ist. Da wird man beten, für das in züchtiges Grün gekleidete Kind, fürs von Frieda Kenel in grobes Tuch eingeschneiderte Kindohnelieb, fürs Chlupfchind, das ungeschlachte. Die Schrecksteine liegen schwer in der Rocktasche, Frieda Kenel hat geglaubt, sich an höhern Mächten als der Macht Gottes zu versündigen, wenn sie den Ratschlag der Freudenstau nicht beherzigte. Nachts zuvor ist Frieda Kenel über sich hinausgewachsen, hat drei Zweiglein Majoran in ein Glas gegeben, Wasser dazugegossen und das Ganze mit blauem Papier zugedeckt, das sie vorher mit Nadelstichen durchlöchert hat. Sogar die Schere hatte sie nicht vergessen, das Papier mit einer kreuzförmig ­geöffneten Schere beschwert und dreimal zu Gott gebetet, er möge ihrem Tun den Segen bringen. Als sich Daskind morgens an dem Gebräu verschluckte, verstand sie es als ein Zeichen. Sie hatte es immer gewusst: dem Teufel ab dem Karren.

Im Zug war es gut. Daskind ließ die Landschaft an sich vorbeiziehen. Es saß neben Kari Kenel, in sich gekehrt, ohne Anteilnahme. Frieda Kenel hatte Brote mitgeschleppt, die keiner aß. Sie nippte an einem Glas Elmer Citro, das Mineralwasser gehörte unverzichtbar zu einem Ausflug. Daskind nippte an nichts. Schloss die Hand um die Schrecksteine, die sich warm und etwas rau anfühlten. Wie Kari Kenels Militärhose, die er an Werktagen trug. Es hätte gerne an den Steinen gerochen, wagte aber, unter den Augen der Pflegemutter, nicht, sich zu rühren.

Ennet dem Berg, jenseits des Berges, lag alles, was Daskind von der Welt trennte. Man musste also in die Welt fahren, um den Teufel loszuwerden. Wenn der Teufel auch mitfahre, dachte Daskind, hier, ennet dem Vorderberg, würde er mit zornig-bissigem Gestank von dannen fliegen, der Hölle zu. Über die Komplikationen dachte Daskind nicht weiter nach, nicht an die Möglichkeit, dass der Teufel es nach seiner Rückkehr am Eingang des Dorfes hämisch lachend begrüßen könnte. Mit seinem Bocksfuß, dem Bocksschwanz und den Bockshörnern. Dem Bocksgestank. Dass ein hinterlistiges Geschick es für immer an den Teufel verschacherte. Der seine Hölle im Dorf hatte und unter den Augen der Bewohner mit dem Kind sein Unwesen trieb. Dass es nimmer reden mochte. Wer konnte schon mit Sicherheit sagen, von wem Daskind in seiner Kammer ausgefroren wurde. Und hatte es je in Kari Kenels Augen geschaut, wenn er zuschlug und weinte. Vielleicht war ja auch das Sigristengesicht nur eine Tarnung, an der sich der Teufel ganz besonders ergötzte. Daskind selbst eine Ausgeburt teuflischer Fantasie, eine unrettbare Nichtexistenz, der auch die Welt ennet dem Berg nicht zum Leben verhelfen konnte. Gottes verlorene Idee, vom Teufel aufgelesen und umgeformt. Nichts war sicher, nichts als der schwere, schwarze Stein in der Körpermitte, um den Daskind täglich Ordnung zu schaffen suchte.

Der Andrang der Welt nahm mit jeder Umdrehung der Räder zu. Daskind betrachtete das sich immer wieder verändernde Muster aus Dörfern, weidenden Kühen, Kirchtürmen, kleinen und größeren Bahnhöfen, wo sonntäglich gewandete Menschen mit Kindern wie dem Kind an den Händen ungeduldig auf die Abreise von da nach ­irgendwohin warteten. Erreichte der Zug einen Bahnhof, stand die Zeit für einen Augenblick still, und Daskind glaubte zu sehen, dass sich ennet dem Berg frei von schwarzen Steinen Schicksale ereigneten und deshalb keine Ordnung zu schaffen geboten war. Weil Daskind die Freude nicht kannte, schloss es die Augen, bis der Zug in Einsiedeln einfuhr.

Eine lachende, gestikulierende Menschenmasse quoll aus den Wagen, drängte sich zum Bahnhofsausgang und verteilte sich gleichmäßig über die Straße, die zur Wallfahrtskirche führt. Was für eine Straße. Auf den Gehsteigen reihte sich Stand an Stand, prall gefüllt mit Devotionalien, gebrannten Mandeln, herzförmigen Schleckstängeln und Magenbrot. In großen Kupferkesseln wurde Zuckerwatte in allen Farben angerührt, die, um lange Holzstiele geschwungen, in den Händen strahlender Mädchen und Buben landete. Die Erwachsenen wählten unterdessen zwischen einer Madonna aus Marzipan oder bemaltem Eschenholz, aus Gips, Ton oder Bakelit.

Daskind starrte auf einen Berg herzförmiger Schleckstängel. Sie leuchteten erdbeerrot in der Sonne, ihr süßer Geruch, vermischt mit dem wolkigen Geruch der Zuckerwatte und dem bittersüßen Geruch der gebrannten Mandeln stieg dem Kind in die Nase. Die Farbe der Zuckerherzen war von derselben Leuchtkraft wie das Flammenherz Jesu über dem Weihwasserbecken in Frieda Kenels Stube. Daskind träumte mit offenen Augen, dass da ein Berg gebrochener Jesuherzen läge, alle um seinetwillen gebrochen, eins nach dem andern. Die Katze hat sieben Leben, dann ist’s aus, Schluss mit dem Mäusefangen, dem Krallenwetzen und Miauen. Fritz, der Kater, war beim siebten angelangt. Vielleicht. Wer eine Katze am Schwanz packt, gibt ihr ein Leben zurück, damit sie sich nachts auf die Brust des Kindes setzen und mit den krallenbewehrten Pfoten zuschlagen kann. Wer an einem gebrochenen Herz Jesu lutscht, macht sich der Sünde wider den Heiligen Geist schuldig. Wer das Herz Jesu bis auf den weißen Zuckergrund mit der Zunge durchlöchert, wird zum Eisvogel, der nie mehr zu sich zurückkehrt und alle Jesuherzen auf den hohen Berg tragen muss, wo der Silberpfahl unterm Mond aufragt und leuchtet und ­zustößt, bis der Schleim im Mund zuckrig wird und Herzjesu lacht, wenn der Eisvogel nicht in das Land des Anfangs zurückkehren kann.

Frieda Kenel schob Daskind durch die Menge, der Kirche entge­gen, wo bald das Hochamt mit einem jubelnden Kyrie eleison, aus Hunderten geübter Mönchskehlen und vollen Mönchsherzen gesungen, beginnen sollte. Da Daskind nicht gefrühstückt hatte, weil man danach den Leib Jesu nicht empfangen durfte, wurde ihm vom Gedränge, Geschiebe und den vielen Düften leicht schwindlig, sodass es sich an Kari Kenel festhalten musste. Die wogende, jetzt allmählich verstummende Menschenmasse näherte sich dem Hauptportal der Barockkirche, zäh und beharrlich zerteilte sie die schwere, zuckerschwangere Luft, der sich nun ein scharfer, animalischer Geruch nach Krankheit, Angst und Sorge beimischte. All die dicht gedrängten Leiber verströmten eine schreckliche Gegenwart voller Leid, Schmerz, Todesahnungen und Jenseitsängsten, aber auch Eitelkeit, Neid, Missgunst und Selbstsucht. Daskind hielt den Atem an, um nicht daran zu ersticken. Es passte auf, dass die Schatten nicht in es eindrangen und seinen Körper besetzten. Das hätte es nicht ertragen, all diesen trau­rigen Unrat, es hatte genug damit zu tun, in seinem eigenen Körper Ordnung zu schaffen. Rund um den schwarzen Stein, der es niederdrückte.

Während im Rücken der Menschenmenge noch immer die mählich dumpfer werdenden, schließlich fast drohenden Lockrufe aus den Verkäufermündern erschollen, stimmten die vordersten, die das Portal bereits berühren konnten, das Ave Maria an. Ein unbarmher­ziger Gesang ergoss sich in die Ohren des Kindes, das sich, vor Müdigkeit und Hunger kaum noch aufrecht halten konnte. Die Menge brach aus ihrer Form, als die Ersten in die Kathedrale eindrangen und sich, einander unwillig stoßend und schiebend, auf die Bänke verteilten. Es wurde an Rosenkränzen gefingert, während das Ave Maria zum Schlachtruf anschwoll und ein dumpfes Glück die Pilger ergriff. Selbst das Licht schien sich zu verändern, als die Gläubigen ächzend hin und her zu schwanken begannen und ihre Körper nach vorne drängten.

Und plötzlich fand sich Daskind vor der Heiligen Jungfrau wieder. Die Luft war verwundet von Weihrauch und Schweiß, während das Ave Maria lauter und lauter wurde, schließlich als ein einziger Schrei durch die Kirche wogte, dann plötzlich verebbte. Als hätte eine göttliche Hand Einhalt geboten. Ohne die besten Plätze vor der Madonna zu verlassen, verrenkten die Männer und Frauen ihre Hälse, um das Geschehen vor dem Hauptaltar verfolgen zu können. Der Prior, gefolgt von einer Schar Mönche, stieg mit der goldenen Mons­tranz die Altarstufen hinauf und stellte sie auf die Mensa. Dann schlug er das Kreuz über ihr, und die Mönche begannen zu singen. Das Kyrie widerhallte von den stuckverzierten Wänden, auf der Empore antwortete den Mönchen ein Knabenchor. Ihre hellen Stimmen verdunkelte eine beklemmende Trauer, die sich auf die Menge übertrug. Auch auf Daskind, das vor der Madonna stand und die reich bestickten Gewänder bestaunte. Im trüben Licht der Kerzen leuchteten die bunten Perlen auf dem goldenen Brokatgewand. Über den Schultern hing lose ein weiter, mit Sternen übersäter Mantel aus blauem Samt. Die Madonna lächelte, dem Künstler war das schüchterne Lächeln einer scheuen Jungfrau vollendet gelungen.

Pulsuz fraqment bitdi.

34,10 ₼

Janr və etiketlər

Yaş həddi:
0+
Həcm:
440 səh. 1 illustrasiya
ISBN:
9783038551287
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
Yükləmə formatı:

Oxşar kitablar