Kitabı oxu: «Blutsbande»

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Marijana Pilawa: Blutsbande

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über://dnb.d-nb.de abrufbar.

Impressum

Text: © 2022 Copyright by Marijana Pilawa

Umschlag: © 2022 Copyright by Marijana Pilawa

Abbildung: Pixabay, lizenzfrei

Inhalt: Marijana Pilawa, Wittenberger Str. 94, 01277 Dresden, ma-pilawa@t-online.de - Alle Rechte vorbehalten - epubli – ein Service der Neopubli GmbH, Berlin

Erster Teil

Marie

„Danke, Papa!“ sagt Marie liebevoll.

Ihr Vater hat sie zum Hauptbahnhof nach Aachen gefahren und ihr dabei geholfen, die beiden schweren Koffer und die Reisetasche in den Thalys, der sie nach Paris bringen wird, zu tragen.

Von Kindesbeinen an herrscht ein sehr inniges und vertrauensvolles Verhältnis zwischen Vater und Tochter. Es ist eine Beziehung, auf die ihre Mutter oft sogar eifersüchtig war. „Du bist ein Papakind“, hatte sie früher häufig zu ihr gesagt. Marie hatte dies jedoch immer lachend verneint.

Zum Abschied umarmen sich Vater und Tochter noch einmal herzlich, dann steigt Marie im letzten Moment in den Zug ein, der sich fast augenblicklich in Bewegung setzt.

Marie verstaut sorgfältig das Gepäck in die Ablage und sucht schließlich den von ihr gebuchten Sitzplatz in der ersten Klasse des Großraumwagens auf. Sie hat sich für einen Platz in der hintersten Reihe des letzten Waggons entschieden, da sie aus Erfahrung weiß, dass es auch der ruhigste ist, denn hier herrscht kein Durchgangsverkehr mehr. Während sie durch den Großraumwagen geht, registriert sie, dass er nur spärlich mit Passagieren besetzt ist, da aufgrund der aktuellen Corona-Situation weitaus weniger Menschen verreisen. Und nachdem sie ihr Handgepäck untergebracht, ihren schwarzen Mantel mit Pelzkragen ausgezogen und aufgehängt hat, nimmt sie den für sie reservierten Platz ein.

Auf der anderen Seite des Ganges sitzt bereits ein Mann mit schwarzen Haaren. Sein Gesicht ist, wie auch Maries‘, mit einer medizinischen Gesichtsmaske bedeckt. Für einen Moment schaut er zu ihr hinüber. Ihre Blicke treffen sich. Sie bemerkt ein kurzes Aufblitzen in seinen Augen, dass sie seltsam warm berührt.

Marie schaut aus dem Zugfenster. Es ist Januar und es hat zu schneien begonnen.

Als sie mit ihrem Vater im Auto von Kornelimünster zum Hauptbahnhof nach Aachen gefahren ist, waren es zunächst nur einige wenige kleine Schneeflocken, die von einem noch freundlichen, blauen Himmel herab rieselten. Doch seit der Thalys die unsichtbare Grenze zwischen Deutschland und Belgien überquert hat, ist der Schneefall heftiger geworden. Die vorüberfliegende Landschaft ist kurz vor Lüttich bereits mit einer mehreren Zentimeter hohen weißen Schneeschicht bedeckt. So viel Schnee hat es in dieser Region schon seit einigen Jahren nicht mehr gegeben. Der Klimawandel macht sich auch hier deutlich bemerkbar.

Marie kann sich noch gut an die heftigen Winter in ihrer Kindheit erinnern. Der Gutshof ihrer Eltern, etwas außerhalb von Aachen, schon am Rande der Eifel gelegen, war manchmal für Tage eingeschneit. Die alten, gemütlichen Wohnräume waren jedoch behaglich warm, vor allem die große Wohnküche in der Marie vor Weihnachten mit ihrer Mutter Plätzchen und andere wunderbare Leckereien gebacken hat. Ihre Erinnerungen daran sind so lebhaft, sodass sie den Duft von frischem Gebäck zu riechen vermeint. In dieser kalten, oft sogar rauen Jahreszeit hat auch ihr Vater die nötige Muße mit ihr zu spielen oder ihr aus Büchern vorzulesen. Vor allem aber zieht er das vor Freude jauchzende kleine Mädchen auf dem Schlitten über die hinter dem Gutshof gelegenen verschneiten Wiesen oder sie bauen gemeinsam Schneemänner auf dem von den Gutsgebäuden eingerahmten Innenhof.

Einige Jahre später hebt ihr Vater sie auf das kleine Pony, das ihre Eltern ihr zum sechsten Geburtstag geschenkt haben. Als Jugendliche besitzt sie sogar ein eigenes Reitpferd. Gemeinsam mit ihrem Vater oder ihrer damals besten Freundin Johanna reitet sie fröhlich über die Wiesen oder durch das direkt an den Gutshof angrenzende Waldgebiet. Diese Zeiten gehören für Marie mit zu ihren schönsten Kindheits-und Jugenderinnerungen.

Nach dem Abitur beschließt Marie in Aachen Humanmedizin zu studieren, um sich ihren langgehegten Traum, Kinderärztin zu werden, zu erfüllen. Schon wenige Tage nach Studienbeginn lernt sie Michael kennen, der etwas älter ist als sie. Sie verlieben sich ineinander und sie sind schon kurze Zeit später ein Paar. Zum Leidwesen ihrer Eltern verlässt Marie, die gerade erst im alten Gutshaus für sie frisch renovierten Räumlichkeiten, um mit Michael in ihre erste, kleine gemeinsame Wohnung zu ziehen.

Michael! Marie seufzt.

„Ihre Fahrkarte, bitte!“ Marie ist so sehr in ihre Gedanken versunken, dass sie den Schaffner gar nicht wahrgenommen hat.

Und nur wenig später fährt der Thalys auch schon in den Hauptbahnhof von Lüttich ein.

Es schneit mittlerweile immer heftiger. Die am Zugfenster vorüberfliegende Landschaft ist kaum noch als solche zu erkennen. Der blaue Himmel ist einem trüben dichten Grau gewichen.

Marie denkt wieder an Michael. Sie galten als Traumpaar in ihrem Freundeskreis. Die Beziehungen ihrer Freunde und Bekannte hielten mal mehr oder weniger lange. Ihre Verbindung schien jedoch von Bestand zu sein. Sie wurden darum von allen beneidet. Und tatsächlich waren sie auch jahrelang glücklich in ihrer kleinen, engen Studentenbehausung. Erst viel später als Michael und sie ihre Festanstellungen als Ärzte im Aachener Klinikum hatten, bemühten sie sich um eine größere Wohnung, die sie mit großer Freude gemeinsam mit Mobiliar und weiteren Einrichtungsgegenständen ausstatteten.

Doch vor etwa zwei Jahren hatte Michael ihr im verflixten zehnten Jahr eingestanden, ein Verhältnis mit einer Krankenschwester in Ausbildung begonnen zu haben. Sie war nun schwanger von ihm und er wollte sich, wie er Marie gegenüber sagte, seiner Verantwortung stellen und die junge Frau heiraten.

Der Thalys fährt soeben in den Hauptbahnhof von Brüssel ein. Die belgische Hauptstadt kennt sie gut, da hier eine ihre besten Freundinnen lebt. Christine und sie hatten gemeinsam ein paar Semester Medizin studiert. Christine entschloss sich jedoch noch vor Beendigung des Studiums, lieber Simultandolmetscherin zu werden. Als solche war sie nun erfolgreich bei der Europäischen Union tätig und Marie hatte die Freundin schon mehrfach in Brüssel besucht.

Nachdem der Thalys die französische Staatsgrenze überquert hat, ist der Schneefall so stark geworden, dass die Konturen der Landschaft nicht mehr eindeutig auszumachen sind. Von der Tageszeit her ist es zwar erst mittags, aber draußen ist es beinahe stockdunkel. Der Zug bewegt sich so schwerfällig, als kämpfe er sich durch einen dichten, schwarzgrauen und unwirklichen Nebeltunnel hindurch. Mit einem Mal verlangsamt er seine Fahrt, bis er schließlich inmitten des immer dichter werdenden Schneetreibens auf halber Strecke zwischen Brüssel und Paris stehen bleibt.

Erst nach einer geraumen Weile erfolgt eine Lautsprecherdurchsage des Schaffners in deutscher und französischer Sprache, der Zug habe anhalten müssen, weil ein Baum an der Bahnstrecke durch die Last des vielen Schnees auf die Schienen gefallen sei. Die Weiterfahrt werde sich auf unbestimmte Zeit verzögern, da er keine Auskunft geben könne, wie lange es dauern werde, den Baum zu beseitigen. Er bitte daher die Fahrgäste um ein wenig Geduld.

Marie schaut zu ihrem Nachbarn hinüber. Es ist, als hätte er nur darauf gewartet, denn genau in diesem Moment erwidert er ihren Blick.

Marie lässt ihre Gedanken wieder schweifen. Nachdem Michael aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen ist, hält es auch sie nicht mehr länger dort aus. Sie findet eine kleine, aber feine Wohnung im Frankenberger Viertel in Aachen und beschließt, sich auch beruflich zu verändern, indem sie an der RWTH in Aachen eine Weiterbildung zur Fachärztin für Mikrobiologie mit Schwerpunkt der Virologie beginnt.

Jetzt befindet sie sich auf dem Weg nach Paris, um im Rahmen eines internationalen Wissensaustauschs ein Jahr lang als Ärztin und Wissenschaftlerin in der virologischen Abteilung des Instituts Imagine am Hôpital Necker klinische Studien zu betreiben. Dieses Hospital ist das größte Kinderkrankenhaus in Frankreich. Es wurde als solches bereits im 18. Jahrhundert gegründet, um Kinderkrankheiten – vor allem seltene – zu behandeln und zu erforschen.

Eine dieser Krankheiten ist als Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome bekannt, kurz PIMS genannt. Bei dieser Krankheit findet in allen Organen eine Entzündungsreaktion statt. Die Kinder und Jugendlichen haben tagelang hohes Fieber, häufig zusammen mit Durchfall, Bauchschmerzen, Erbrechen, entzündeten Schleimhäuten und Ausschlägen. Mehr als die Hälfte der Erkrankten muss sogar auf der Intensivstation behandelt werden. PIMS ist zwar mittlerweile als eigenständiges Krankheitssyndrom anerkannt, tritt jedoch auffallend häufig nach einer Sars-Cov-2-Infektion auf.

Für Marie und ihre französischen Kollegen gilt es in einem gemeinsamen Projekt die PIMS-Erkrankung im Zusammenhang mit einer vorausgegangenen Covid-19-Erkrankung zu erforschen.

Marie hat für die gesamte Zeit des Forschungsprojektes mit einem französischen Kollegen, der ihre Stelle an der RWTH übernimmt, die Wohnung getauscht. Während der junge Wissenschaftler bereits in ihrem Appartement im Frankenberger Viertel eingezogen ist, verbringt sie noch ein paar ruhige Tage auf dem Gut ihrer Eltern.

Sie genießt in dieser Zeit ausgiebige Spaziergänge, die sie in der näheren Umgebung des Landgutes, allein oder manchmal auch in Begleitung ihres Vaters macht.

Die bei ihren gemeinsamen Streifzügen durch die Natur geführten Unterhaltungen geben ihr viel, sind ihr seit jeher sehr wichtig gewesen. Wenn sie mit ihrer Mutter zusammen ist, dominieren eher Gespräche über ihre private Zukunft. Für ihre Mutter war Michael der Traumschwiegersohn. Sie hat Maries Trennung von ihm weitaus weniger verwunden als Marie selbst. Und sie gibt ihrer Tochter immer wieder zu verstehen, wie wichtig es ihr ist, Marie in einer festen Beziehung zu wissen.

Marie ist dagegen erstaunt, als sie schon nach kurzer Zeit feststellt, die Trennung von Michael eher als befreiend zu empfinden. Ihr ist es augenblicklich viel wichtiger, erst einmal ihre eigene Persönlichkeit und vor allem ihre eigenen Bedürfnisse auszuloten.

Die junge Frau ist in ihre Gedanken versunken, sie bemerkt kaum, dass der Thalys sich langsam wieder in Bewegung setzt und zunehmend an Fahrt aufnimmt.

Den letzten Abend hat sie mit ihren Eltern im gemütlichen Wohnzimmer bei einem Glas Glühwein vor dem Fernseher verbracht. Ihre Mutter ist ein großer Fan, der Sendung „Wer wird Millionär“ mit Günther Jauch.

An diesem Abend ist die Sendung mit prominenten Gästen besetzt, darunter als Stargast, der auch in Deutschland sehr populäre französische Schauspieler André Gaston.

Maries Mutter ist hell auf begeistert von dem gutaussehenden Franzosen. Sie bekommt vor lauter Aufregung rote Flecke auf den Wangen. Marie und ihr Vater necken sie deswegen sogar ein bisschen.

„Ich finde ihn sehr nett“, merkt sie deshalb ein wenig gekränkt an. „Und außerdem sieht er unglaublich gut aus!“

Der Thalys läuft endlich mit etwa zwei Stunden Verspätung im Gare du Nord in Paris ein.

Maries Koffer sind schwer. Ihr Zugnachbar hilft ihr, das Gepäck auf dem Bahnsteig abzustellen. Sie bedankt sich höflich bei ihm. Er grüßt noch zum Abschied und verschwindet schließlich im Getümmel der Bahnreisenden.

Marie geht mit den beiden Koffern und dem Handgepäck mühsam beladen durch die Bahnhofshalle bis zum Ausgang des Gare du Nord, wo normalerweise jede Menge Pariser Taxis auf die Ankömmlinge warten. Normalerweise! Jedoch ausgerechnet heute nicht! Was ist los? Marie blickt sich etwas ratlos um. Vor dem Ausgang warten weitere Fahrgäste, die, wie sie, nach einem Taxi Ausschau halten. Nur wenige Meter entfernt sieht sie ihren Zugnachbarn, auch er ist offensichtlich auf der Suche nach einem Taxi.

„Was ist los? Wo sind die Taxis?“ fragt einer der Umstehenden.

„Ja, wissen Sie denn nicht, dass heute die Taxifahrer streiken!“ sagt ein vorübergehender Mann, gekleidet in der Uniform eines französischen Bahnbeamten.

Ein älterer Mann, der direkt neben Marie steht, flucht leise vor sich hin.

„Sch … Scheibenkleister!“ denkt auch Marie. „Jetzt muss ich mit der Metro fahren. Wahrlich kein Vergnügen mit den beiden schweren Koffern und dem Handgepäck, zumal jetzt auch noch Rushhour in Paris ist.“

Missmutig hält Marie Ausschau nach einem Schild, das ihr den Weg zur Metro weist. Unweit von ihr erblickt sie einen der typischen grünen Pariser „Metropolitain“-Eingänge, die zur Untergrundbahn führen. Schwerfällig wendet sie sich mit ihren Gepäckstücken dorthin.

Plötzlich hört sie eine sympathische, männliche Stimme in ihrem Rücken sagen: „Sie wollen doch nicht etwa mit den schweren Koffern in die Metro?“

Marie dreht sich um. Vor ihr steht ihr Zugnachbar.

„Darf ich Ihnen einen Vorschlag machen? Ich werde jetzt einen Freund anrufen, der uns hier abholt und wir bringen dann auch Sie zu Ihrem Zielort.“

Marie zögert. Sie ist von Natur aus etwas schüchtern und zurückhaltend gegenüber Fremden. Er sieht ihre Befangenheit und lächelt. Marie bemerkt dabei seine sympathischen Augenfältchen über der Schutzmaske. Ohne ihre Antwort abzuwarten, zieht er auch schon sein Handy aus der Manteltasche und wählt eine Nummer. Marie hört, wie sich am anderen Ende der Leitung eine männliche Stimme meldet.

„Jean holt uns ab“ sagt ihr Zugnachbar, nachdem er das Gespräch beendet hat. „Wenn Sie einverstanden sind, Mademoiselle, bringt er auch Sie zu Ihrem Bestimmungsort.“

Marie ist sich immer noch unschlüssig, ob sie das Angebot des ihr fremden Mannes annehmen soll. Der Gedanke an die überfüllte Metro lässt sie jedoch erschaudern. Also entschließt sie sich, seine Offerte anzunehmen.

Gemeinsam stehen sie nun wartend vor dem Bahnhofsgebäude. Der Verkehr ist um diese Zeit furchtbar. Die Straßen von Paris sind mit Autos vollgestopft. Und zudem wird es auch zunehmend kälter.

Endlich nach fast einer Stunde Wartezeit hält in ihrer Nähe ein schwarzer BMW.

„Hallo André, alter Junge. Du hast dir ja den richtigen Tag zum Verreisen ausgesucht.“

„Wenn ich gewusst hätte, dass heute hier die Taxis streiken, wäre ich tatsächlich noch einen Tag länger in Köln geblieben“, kontert der so Angesprochene. „Jean, das ist übrigens die junge Dame, von der ich dir erzählt habe. Können wir sie mitnehmen?“

„Aber selbstredend! Wo müssen Sie denn hin, Mademoiselle?“ fragt Jean.

„Zum Hôpital Necker in der Rue de Sèvres“, antwortet Marie.

„Ich hoffe, Sie sind nicht ernsthaft krank?“ merkt Jean an.

„Nein, nein! Ich bin nicht ernsthaft krank“, erwidert Marie knapp.

Die beiden Männer helfen ihr, die schweren Gepäckstücke im Kofferraum des BMWs zu verstauen.

Nachdem Jean sein Navigationsgerät auf die von Marie genannte Adresse programmiert hat, steuert er den Wagen sicher durch die winterweiße französische Hauptstadt.

Paris ist wunderbar mit den vielen Lichtern und der weißen Schneeschicht, die wie Puderzucker auf den Dächern der Gebäude, an denen sie vorüberfahren, liegt. Im aufkommenden Abendnebel zerfließen die bunten Lichter und tauchen die Stadt in ein fast märchenhaftes Flair. Wenn nur die vielen hupenden Autos auf den Straßen nicht wären.

Eine dreiviertel Stunde später haben sie das Ziel erreicht – das Hôpital Necker.

Marie will Jean für die Fahrt angemessen entlohnen, aber der lehnt lachend ab.

„Nein, nein!“ sagt er. „Ich habe mir für jeden Tag eine gute Tat vorgenommen. Das war meine gute Tat für heute.“

Marie bedankt sich verlegen.

Ihr Zugnachbar hat in der Zwischenzeit die beiden Koffer und ihr Handgepäck aus dem Kofferraum des BMWs geladen.

Die junge Frau bedankt sich auch bei ihm und will sich verabschieden.

„Tun Sie mir noch einen kleinen Gefallen?“ fragt er lächelnd.

„Wenn ich kann!“ sagt sie vorsichtig.

„Wollen wir uns morgen Nachmittag um 15 Uhr wieder hier an dieser Stelle treffen?“

Marie schaut den Mann etwas unsicher an. Er bemerkt ihre Verlegenheit.

„Ich würde Sie einfach gerne wiedersehen! Ja?“

„Ja, in Ordnung!“ antwortet sie leise.

„Na, dann bis morgen.“ Er nickt ihr noch einmal zu und geht lächelnd davon.

Marie winkt noch einmal, dann fährt der Wagen an und taucht im strömenden Verkehr von Paris schnell unter.

Marie sucht den Eingang des nahegelegenen Ärzte-und Gästehauses des Hospitals, in dem sie nun ein Jahr lang wohnen wird. Sie läuft mit ihrem sperrigen Gepäck an der Gebäudefassade entlang, bis sie schließlich das Eingangsportal entdeckt.

Im vorderen Bereich eines langgestreckten Flures befindet sich ein kleiner Raum, mehr ein Glaskasten, ähnlich einer alten Kinokasse. Darin sitzt ein ältlicher Mann in einem blauen Kittel, wohl der Hausmeister oder Concierge.

Marie geht auf ihn zu und stellt sich vor.

Der Mann bringt sie schließlich zu ihrem Zimmer in der vierten Etage des Gebäudes. Er schließt ihr den Raum auf und überreicht ihr, bevor er sie verlässt, den Zimmerschlüssel.

Das Zimmer besitzt die Form eines langgestreckten Schlauchs und hat große Ähnlichkeit mit einem Tigerkäfig, in dem man nur auf und ab gehen kann. Es ist spartanisch eingerichtet: ein Bett, ein Schrank, ein Schreibtisch mit Stuhl, ein paar Regale voll mit Büchern, in einer Nische befindet sich noch ein Waschbecken. That‘s all!

„Oh je, kein guter Tausch“, denkt sie.

Ihr französischer Kollege dagegen ist nun in ihrer kleinen, geschmackvoll eingerichteten Wohnung in Aachen. Sie muss sich nun ein Jahr lang Küche, Bad und WC mit zwölf anderen Bewohnern auf der Etage teilen.

„Na, ja! Das habe ich ja vorher gewusst! Bei den Mieten hier in Paris kann ich zu diesem Preis nicht wirklich viel erwarten.“

Und kalt ist es außerdem! Also erst einmal die Heizung aufdrehen.

Marie inspiziert an ihrem ersten Morgen in Paris zunächst einmal die Waschgelegenheiten ihrer Unterkunft. Der Duschraum befindet sich am Ende eines langen Ganges. Es ist ein unangenehmer, kalter weißgefliester Raum, in dem es keine separat abgeschlossenen Duschkabinen gibt, sondern nur glitschige Vorhänge, welche die Duschbecken voneinander abtrennen.

Ebenso abstoßend findet sie die Gemeinschaftsküche, da der Raum einen äußerst schmuddeligen Eindruck vermittelt, wozu nicht zuletzt die auf dem Küchentisch vom Vortag übriggebliebenen Krümel und Kaffeeränder beitragen. Ein Blick in die beiden Kühlschränke weist ein ähnlich unappetitliches Bild vor ihren Augen auf. Zwischen vielen Bierflaschen stehen unter anderem alte Joghurtbecher, Gläser mit Marmelade-und Butterresten, welche bereits ein grünlich-haariges Eigenleben entwickelt haben.

Marie verspürt Übelkeit in ihrem Magen aufsteigen, die ihr jeglichen Appetit auf ein Frühstück versagt, obwohl sie seit gestern Vormittag nichts mehr gegessen hat.

Sie beschließt gleich nach dem Duschen erst einmal das weitläufige Krankenhausareal zu erkunden. Allerdings kommt sie nicht allzu weit. Denn schon am ersten Eingang verweigert man ihr den Zutritt, da sie ohne einen gültigen Mitarbeiterausweis das Hospitalgelände nicht betreten darf. Zumal auch die Einlasskontrollen aufgrund der Corona-Maßnahmen strenger als üblich durchgeführt werden.

Marie ruft daraufhin mit ihrem Mobiltelefon in der Personalabteilung ihrer zukünftigen Arbeitsstätte an, mit der Bitte, ihr den Zugang zum Gelände des Hôpital Necker zu ermöglichen. Ein kurzer Anruf der virologischen Abteilung beim Pförtner reicht aus, ihr den Einlass ins Krankenhaus zu gewähren.

Und so sucht sie mit einem Plan des Geländes, den ihr der Pförtner mitgegeben hat, zuallererst die Personalabteilung auf, wo man ihr vorläufige Zugangsdokumente ausstellt, mit welchen sie nun ungehindert den gesamten Komplex des Hospitals betreten darf.

Auf dem Weg dorthin entdeckt sie zu ihrer großen Freude eine Cafeteria, die sogar geöffnet ist. Das Frühstück ist damit schon mal gesichert.

Und etwas später findet sie auf ihrem Orientierungsgang über das weitläufige Klinikgelände auch noch eine Personalkantine. Wunderbar – für die elementaren Bedürfnisse des täglichen Lebens ist nun ausreichend gesorgt.

Mit dem Geländeplan in der Hand sucht sie die Forschungseinrichtung Imagine des Hôpital Necker auf, um sich mit ihrem zukünftigen Arbeitsplatz und ihren neuen Kollegen vorab ein wenig vertraut zu machen.

Da sie ihre Forschungsstelle erst zum Beginn des Monats Februar antritt, hat sie noch ein paar Tage Zeit den gesamten Klinikkomplex sowie das nähere Umfeld ausgiebig zu erkunden. Das weitläufige Areal mit seiner Vielzahl von Gebäuden umschließt in seinem Zentrum auch zwei liebevoll angelegte Grünflächen.

Marie beschließt jedoch ihre Entdeckungstour für heute zu beenden, um in ihre bescheidene Behausung im Gästehaus zurückzukehren.

In ihrem Zimmer angekommen, beginnt sie Koffer und Reisetasche auszupacken. Dabei macht sie eine erstaunliche Entdeckung. Der Kleiderschrank ist bis zur Innendecke mit zum Teil sehr dicken medizinischen Fachpublikationen und Zeitschriften vollgestopft. Als sie die Schranktür öffnet, fallen ihr die Wälzer entgegen. Marie gelingt es gerade noch rechtzeitig zur Seite zu springen, um nicht von den schweren Büchern erschlagen zu werden. Eines nach dem anderen fällt polternd zu Boden. Die junge Frau schüttelt entrüstet mit dem Kopf. Wo soll sie denn nur ihre Kleider und ihre anderen persönlichen Dinge unterbringen? Sie beginnt einige der Bücher in der kleinen Nische zwischen Schrank und Waschbecken aufzustapeln, um wenigstens einen Teil des Schrankes für ihre Kleidungsstücke nutzen zu können. Bei dem fast aussichtslosen Versuch, nur etwas Behaglichkeit in dem kleinen Zimmer zu schaffen, vergeht die Zeit im Nu.

Ganz plötzlich fällt ihr wieder ein, dass sie um 15 Uhr eine Verabredung hat. Ein Blick auf ihre Armbanduhr zeigt, wie schnell die Zeit vergangen ist. Marie spürt etwas Nervosität in sich aufsteigen. Ihr Herzschlag beschleunigt sich. Ein Date mit einem wildfremden Mann! Ist das wirklich klug? Ausgerechnet sie, die immer so zurückhaltend gegenüber anderen ist, lässt sich auf so etwas Ungewisses ein.

Aber Marie spürt auch Abenteuergeist in sich aufkeimen. „No risk, no fun“, denkt sie. „Und irgendwie muss ich hier schließlich Leute kennenlernen.“

Und so macht sie sich schnell ein wenig frisch und legt noch ein besonders sorgfältiges Augenmakeup auf, während der Rest des Gesichts dank der Schutzmaske ruhig vernachlässigt werden kann.

Nur wenige Minuten vor 15 Uhr verlässt sie endlich das Zimmer und kommt etwas atemlos vor dem Eingang des Gästehauses an.

Und da sieht sie ihn auch schon stehen und warten, genau dort, wo sie gestern aus dem BMW gestiegen ist und wo sie sich voneinander verabschiedet haben. Sie erkennt ihn sofort wieder, das schwarze Haar, der schwarze Mantel. Er wird heute Nachmittag von einer schwarzen französischen Bulldogge begleitet, die er sorgsam an der Leine mit sich führt.

Auch er hat die junge Frau sofort bemerkt und kommt ihr nun ein paar Schritte entgegen.

Nicht nur Marie ist nervös. Auch das Hündchen kläfft sie böse an. Das Tierchen möchte ihr wohl zu verstehen geben, seinem Herrn bloß nicht zu nahezutreten.

Erst als er sachte auf die kleine Bulldogge einspricht, beruhigt sie sich ein wenig.

„Hallo“, begrüßt er Marie nun. „Ich habe schon befürchtet, Sie würden gar nicht kommen.“

Seine leuchtend blauen Augen – oder sind sie grün, Marie ist sich da nicht ganz schlüssig – strahlen vor Freude. Es sind Augen mit einem unglaublichen Tiefgang.

„Ich könnte mich darin verlieren“, denkt Marie verwirrt. Sie ist es auch, die als erste ihren Blick abwendet.

„Hallo“, erwidert auch sie nun etwas schüchtern.

Um ihre gegenseitige Verlegenheit zu überbrücken, sagt er: „Ich heiße übrigens André.“

„Und ich Marie“, antwortet Marie leise.

„Wollen wir ein bisschen spazieren gehen? Titus braucht ein wenig Auslauf, darum ist er auch so nervös.“

André schlägt dann auch sogleich die Richtung zum nahegelegenen Jardin du Luxembourg ein.

Auf dem Weg dorthin reden sie nur wenig.

Der Jardin du Luxembourg bietet sich ihnen wie eine traumhaft schöne Winterlandschaft dar. Es ist zwar bitterkalt, aber der Schnee glänzt in der bereits tief stehenden Januarsonne. Die Bäume, die Blumenrabatten – oder das, was unter der dicken Schneeschicht zu vermuten ist – die Wasserbecken und Skulpturen gleichen einer Märchenlandschaft.

Die Sonne hat die Pariser in den Park gelockt, denn zahlreiche Menschen wandeln wie Marie und André in der Anlage und genießen die Sonnenstrahlen.

Das kleine Hündchen stapft mit seinen kurzen Beinen tapfer neben ihnen durch den Schnee.

Hin und wieder fällt der Schnee von den Bäumen auf die nur wenig freigeräumten Gehwege.

Titus bellt den vor seiner Nase herunterfallenden Schnee verärgert an.

„Ist doch schon genug hier unten“, scheint er sagen zu wollen.

„Titus ist sehr eigenwillig“, lacht André. „Er bringt halt seinen Unmut über Alles und Jeden gerne zum Ausdruck. Aber vielleicht ist es auch nur meine schlechte Erziehung.“

Sie dringen tiefer und tiefer in die Parkanlage ein. Und je weiter sie gehen, desto weniger Besucher sind noch zu sehen, so dass sie nun fast allein unterwegs sind.

Plötzlich bleibt André stehen und sagt: „Wie wäre es, wenn wir unsere Gesichtsmasken abnehmen und einfach mal die frische Luft in vollen Zügen genießen?“

Marie nickt zustimmend und André zieht denn auch als erster der beiden seine Maske vom Gesicht.

Marie verschlägt es die Sprache.

„Mein Gott, kann das sein? Den habe ich doch erst vor einigen Tagen gemeinsam mit meinen Eltern in der Show bei Günther Jauch gesehen.“

Sie schaut André fassungslos an.

„Nein, oder?“ bringt sie nur heraus.

André Gaston hat schon viele Situationen wie diese erlebt. Deswegen lacht er einfach nur und fragt schelmisch: „Schlimm?“

„Nein, nur habe ich das nicht erwartet!“ antwortet sie verlegen.

„Jetzt sind Sie dran! Wollen Sie Ihre Maske nicht auch mal ausziehen?“

Langsam und bedächtig streift nun auch Marie ihre Maske vom Gesicht. Irgendwie, tief in ihrem Innersten, hofft sie inständig, dass sie ihm gefällt.

Er blickt sie lächelnd an. Und nach einem kurzen Moment des Schweigens und Schauens sagt er: „Ich wusste gleich, als Sie in den Zug gestiegen sind, dass Sie eine schöne Frau sind! Und jetzt sehe ich, Sie sind sogar sehr schön!“

„Ich vermute mal, Sie haben das schon zu vielen Frauen gesagt.“

Wieder lacht André auf.

„Stimmt! Das habe ich schon zu vielen Frauen gesagt! Und … ich meine es auch jedes Mal ernst! Aber in Ihrem Fall – wow!“

Er schaut sie voller Bewunderung an.

Marie wendet sich schüchtern von ihm ab.

André bemerkt ihre Verlegenheit und wechselt darum schnell das Thema. Er lobt ihr gutes Französisch und fragt schließlich, was sie nach Paris geführt hat.

„Urlaub kann es ja in der Corona-Zeit nicht unbedingt sein, da die Hotels, die Museen, die Bistros und Bars geschlossen sind.“

Marie ist froh über den Themenwechsel. Sie erzählt ihm, dass sie sich im Rahmen eines Forschungsprojektes in Paris aufhält, um in Kooperation mit französischen Wissenschaftlern die Verbindung einer sehr seltenen Kinderkrankheit und einer vorausgegangenen Covid-19-Erkrankung zu untersuchen.

Er hört Marie aufmerksam zu, während sie spricht und stellt zuweilen interessierte Fragen.

Inzwischen ist es fast dunkel geworden, so dass sie den Rückweg zum Hôpital Necker antreten.

In Paris herrschen aufgrund der Corona-Maßnahmen strenge Ausgangsregeln. Seit ein paar Tagen gibt es hier eine bußgeldbewehrte landesweite Ausgangssperre von 18 Uhr abends bis 6 Uhr in der Früh. Seit dem vergangenen Jahr besteht in allen öffentlich zugänglichen, geschlossenen Räumen wie Geschäften, Banken, Bahnhöfen und Flughäfen eine Verpflichtung zum Tragen einer Gesichtsmaske. Diese Verpflichtung wurde etwas später auch auf Straßen, Plätze und andere öffentliche Orte mit dichterem Publikumsverkehr ausgedehnt. Dies gilt insbesondere für viele Bereiche der Innenstadt von Paris.

Vor dem Eingang des Gästehauses angekommen, verabschieden sie sich voneinander.

„Morgen um 15 Uhr wieder hier?“ fragt André gespannt. Marie schaut ihn an und lacht fröhlich. „Bis morgen!“

Maries erste Tage in Paris vergehen wie im Flug. Morgens erkundet sie zumeist das weitläufige Krankenhausareal und die nähere Umgebung des Hôpital Necker.

Das Forschungsinstitut Imagine ist in einem modernen Gebäude untergebracht, welches von den Architekten Jean Nouvel und Bernard Valéro entworfen worden ist. Es befindet sich an der Ecke des Boulevard du Montparnasse und der Rue du Cherche-Midi und ist erst vor wenigen Jahren eröffnet worden. Diese Einrichtung ist dazu gedacht, alle, die an der Erforschung und Behandlung seltener Krankheiten beteiligt sind, eine intensive Zusammenarbeit zu ermöglichen.

Imagine gestattet Wissenschaftlern wie Marie, eine tägliche Nähe zu den Patienten und stärkt gleichzeitig die Kooperation mit den medizinischen Fachkräften und dient letztlich einer schnelleren Erforschung von seltenen Krankheiten.

Für Marie ist es damit die ideale Forschungsstätte, da sie mit ihrer zweigleisigen Ausbildung zur Kinderärztin und Virologin genau diese Schnittstelle ausfüllt.

Die Forschungsräume, in denen eine Vielzahl von Wissenschaftlerteams und Kerneinrichtungen untergebracht sind, befinden sich in der zweiten und fünften Etage des Gebäudes. Sie sind um ein riesiges, modernes Atrium, das von Tageslicht durchflutet wird, gruppiert. Balkone, Gärten und Tagungsräume dienen den Mitarbeitern und Patienten als abwechslungsreiche Treffpunkte, die das Zusammengehörigkeitsgefühl von Wissenschaftlern, Ärzten und Patienten zusätzlich fördern.

Nachdem Marie ihren Erkundungsrundgang auf dem ausgedehnten Gelände des Hôpital Necker weitgehend abgeschlossen hat, sucht sie auch schon erste Kontakte zu den Ärzten in den Facheinrichtungen für Kinderheilkunde, um mit ihnen ihre Erfahrungen über die PIMS-Erkrankung von Kindern auszutauschen. Diese Erkenntnisse spielen eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der klinischen Untersuchungen, die sie in den kommenden Monaten im Imagine vornehmen wird.

Ihr Forschungslabor befindet in der fünften Etage des großen, modernen Gebäudes. Schon die ersten Besuche in der virologischen Abteilung des Imagine zeigen ihr, dass dort enge, freundschaftliche Beziehungen zwischen der wissenschaftlichen Institution und dem pflegerischen und ärztlichen Personal vorherrschen.

Zu ihrer großen Freude sind ihre künftigen Teamkollegen auch sehr nett und offen, der Umgangston ist locker und fröhlich. Marie ist, was ihren neuen Arbeitsplatz betrifft, guter Dinge.

Auch im Ärzte-und Gästehaus des Hôpital Necker hat sie erste Kontakte, die aber weitaus weniger erfreulich sind. Ihr Zimmernachbar entpuppt sich als ein sehr aufdringlicher Zeitgenosse, der seine Stereoanlage erst nach 22 Uhr so richtig laut aufdreht und damit das ganze Umfeld gnadenlos belästigt. Maries freundliche Bitte, die Einhaltung der nächtlichen Ruhe zu wahren, führt lediglich dazu, dass er die Musik noch einen Tick lauter einstellt.

Ein anderer Mieter pöbelt sie mit sexistischen Bemerkungen, sobald sie sich in den Gemeinschaftsräumen und auf dem Flur begegnen, an. Marie versucht daher, diesen beiden unangenehmen Männern nach Möglichkeit aus dem Weg zu gehen. Sie meidet vor allem die Küche, die ihr ohnehin zu schmuddelig ist.

Bereits am zweiten Abend ihres Aufenthaltes im Gästehaus ruft auch ihr französischer Austauschpartner an. Er teilt ihr aufgeräumt seine Begeisterung über ihre schöne Wohnung in Aachen mit.

„Ja, glaube ich“, denkt Marie traurig. „Du hast es bei weitem besser getroffen. Ich habe diesbezüglich die Arschkarte gezogen.“

Mittlerweile freut sich Marie über ihre gemeinsamen Nachmittagsspaziergänge mit André Gaston, bei denen sie die nähere Umgebung des Hôpital Necker ausgiebig erkunden. Sie werden auch immer vertrauter im Umgang miteinander.

André erzählt ihr von seinem Leben als Schauspieler, von seiner Arbeit an den unterschiedlichsten Filmsets der Welt, von seinen Kollegen. Er bringt Marie mit lustigen Begebenheiten aus seinem Schauspielerdasein auch immer wieder zum Lachen.

Sie lachen überhaupt sehr viel, denn André besitzt einen unbeschreiblichen Humor. Er schildert ihr seine Erfolge, aber er scheut sich auch nicht über seine Misserfolge zu berichten.

In Deutschland ist er bekannt, seit er vor vielen Jahren auf der Berlinale den Silbernen Bären als bester Nebendarsteller in einem französischen Jugenddrama erhalten hat und daraufhin sofort von einer deutschen Produktionsfirma für eine Hauptrolle in einem Historienfilm besetzt wird. Seit dieser Zeit ist er immer wieder in deutschen und deutsch-französischen Filmen zu sehen.

Seine ersten Deutschkenntnisse hat er auf einem sprachlich ausgerichteten Gymnasium in seiner Heimatstadt Brest erworben. Um in Deutschland arbeiten zu können, hat er fleißig Deutsch gelernt und somit seine Sprachkenntnisse immer weiter ausgebaut.

Gerade im Moment hat er eine Durststrecke als Schauspieler zu überstehen und das ist nicht nur dem Stillstand der Filmindustrie aufgrund von Corona geschuldet.

Aber seit ein paar Tagen ist er wieder optimistisch. Er wird die Hauptrolle in einem Kriminalfilm, der in der Bretagne spielt, übernehmen. Erst vor wenigen Tagen fand das für ihn erfolgreiche Casting statt.

André freut sich nicht nur darüber, wieder als Schauspieler arbeiten zu können, sondern er freut sich vor allem deshalb darauf, weil die Außenaufnahmen hauptsächlich in seiner Heimat entstehen werden.

André ist dort geboren, er hat dort seine Wurzeln und er ist, wie Marie sehr schnell bemerkt, mit Leib und Seele ein Bretone.

Seine Mutter lebt immer noch in Brest. Er freut sich sehr darauf, sie dann auch häufiger zu sehen.

Die Dreharbeiten zu seinem neuen Film werden den ganzen April über in der Bretagne stattfinden.

Auch Andrés kleine Bulldogge Titus, die sie auf ihren Spaziergängen immer begleitet, scheint Marie langsam zu akzeptieren. Manchmal schaut Titus sie noch mit einem kritischen Blick von der Seite her an, der ihr wohl sagen soll, solange ich die Nummer eins bei meinem Herrn und Meister bin, ist alles gut!

Marie arbeitet nun bereits seit einer Woche in der Forschungseinrichtung am Hôpital Necker. Ihre Arbeitstage betragen bis zu zehn, manchmal elf Arbeitsstunden, nicht selten auch länger. Die Routine setzt schnell ein, da sie ihre Studien, die sie bereits in ihrem Institut an der RWTH in Aachen begonnen hat, in Kooperation mit ihren französischen Kollegen fortsetzt.

Es geht vor allem um die Früherkennung der PIMS-Erkrankung und um die besten Behandlungsmöglichkeiten. Dazu werden die Inzidenzen und die klinischen Verläufe der Erkrankung und ihr Zusammenhang mit verschiedenen Risikofaktoren ausgewertet. Genetische Studien von an SARS-CoV-2-infizierten Kindern werden weltweit zusammengetragen, um mehr Informationen über die Verbindung bestimmter Gene mit den PIMS-Symptomen zu liefern. Ein wichtiger Baustein ihrer Forschungen bildet die langfristige Nachsorge von pädiatrischen COVID-19-Überlebenden.

Trotz ihrer anstrengenden Tätigkeit liebt Marie ihre Arbeit, vor allem auch deswegen, weil sie die direkte, praxisbezogene Nähe der Forschungseinrichtung zu den erkrankten Kindern schätzt.

André sieht sie jetzt nur noch selten. In ihrer kargen Freizeit telefonieren sie nun abends miteinander.

André liest zurzeit in einem Studio in Paris ein Hörbuch ein.

Der einzige Wermutstropfen in ihrem alltäglichen Dasein stellt ihre Unterkunft dar. Marie fühlt sich in ihrem Zimmer im Ärzte-und Gästehaus immer unwohler. Sie denkt sogar ernsthaft darüber nach, sich eine andere Wohnung in Paris zu suchen.

An Maries erstem freien Wochenende holt André sie ab, um mit ihr und Titus, wie er scherzhaft sagt, eine Landpartie zu unternehmen.

Als Marie aus dem Gästehaus tritt, wartet er bereits auf sie. Er steht mit verschränkten Armen vor einem silberfarbenen Mercedes und öffnet ihr – ganz gentlemanlike – die Autotür.

Die Fahrt führt sie nach Versailles, wo er seinen Wagen auf einem Parkplatz ganz in der Nähe des Petit Trianon abstellt.

Um diese Jahreszeit ist der Park von Versailles fast menschenleer. André kennt die Gartenanlage zwar von Dreharbeiten her, er war jedoch noch nie privat hier. Und so hat er einen Plan des Parks aus dem Internet ausgedruckt, der ihnen den Weg zum Petit Trianon weist, dem kleinen Lustschlösschen, in welchem sich die Gemahlin des französischen Königs Ludwig XVI., Marie-Antoinette, von der Etikette und der Strenge des Versailler Hoflebens zurückziehen konnte.

Er erzählt Marie, während sie durch die Anlagen spazieren, ein wenig von der Geschichte Versailles. Marie-Antoinette war es denn auch, die den Gartenbereich in diesem Teil des Parks nach englischen Vorbildern umgestalten ließ. Östlich des Petit Trianon gelegen, finden sie schließlich auch das kleine Dorf, das nach dem Wunsch der französischen Königin entstand und in das sie sich gelegentlich zurückziehen konnte. Eine solch ländliche Idylle war damals in Mode, das Leben auf dem Lande wurde mit der Vorstellung von Freiheit und Schönheit verbunden. Im ausgehenden 18. Jahrhundert propagierten Philosophen wie Jean-Jacques Rousseau ein Leben nah an der Natur. Mit diesem Dorf oder hameau de la reine, so der französische Begriff, machte sich die Königin beim Volk sehr unbeliebt, berichtet André weiter. Ihre angebliche Verschwendungssucht hatte ihr einen schlechten Ruf eingebracht, und die Vorstellung, dass sich Marie-Antoinette mit silbernen Rechen oder kleinen Eimern aus Porzellan dem „bäuerlichen Leben“ hingab, ärgerte nicht nur das Landvolk, das zu dieser Zeit ein erbärmliches Dasein führte. Zudem war das Gerücht im Umlauf, der Unterhalt des Dörfchens verschlinge Unmengen von Geld. Das Schicksal Marie-Antoinettes ist allseits bekannt. Sie wurde während der Französischen Revolution hingerichtet, schließt André seine Erläuterungen ab.

„Arme Marie-Antoinette!“ entfährt es Marie.

„Wieso arm? Sie hat ein verschwenderisch-luxuriöses Leben geführt, während das Volk hungerte!“ erwidert André.

„Das rechtfertigt keineswegs, dass sie auf diese Weise sterben musste!“ sagt Marie mit erstaunlicher Entschiedenheit.

André schaut die junge Frau überrascht an. Er hat sie noch nie so entrüstet gesehen.

„Ich stelle mir vor, ich wäre in Österreich wohlbehütet aufgewachsen und wäre nur dazu erzogen worden, einen Mann, den ich noch nie zuvor gesehen habe, heiraten zu müssen. Alles, was mir vertraut ist, mein nächstes Umfeld, meine Heimat dafür verlassen zu müssen, um in der Fremde mit völlig fremden Menschen zu leben. Und keine andere Funktion zu haben, als für Nachwuchs zu sorgen und ansonsten der gepflegten Langeweile nachzugehen, weil man als Frau, zumal in dieser Position, keine andere erfüllende Aufgabe hat.“

Marie hat sich richtig in Rage geredet.

André grinst breit. So hat er die fast immer sanft wirkende Marie noch nie erlebt.

„Oh, ich bin mit einer Feministin zusammen!“

„Es erklärt nicht alle ihre Handlungen, aber es ist dennoch kein Grund, sie auf diese Weise hinzurichten“, merkt Marie jetzt etwas versöhnlicher an.

Andrés kleiner Hund spitzt die ganze Zeit seine Ohren und schaut die junge Frau mit seinen schwarzen Knopfaugen geradezu verwundert an.

„Die kann ja auch ganz anders!“ scheint er mit gerunzelter Stirn zu denken.

„Ja, es ist heutzutage sicher bedeutend besser, als Wissenschaftlerin nach Paris zu kommen und eine sinnvolle Tätigkeit auszuüben“, sinniert André und lächelt Marie mit einem bedeutsamen Blick an.

Eine Weile gehen sie wortlos nebeneinanderher. Plötzlich fragt er: „Ich will ja nicht neugierig sein, aber dennoch frage ich mich, ob es einen Mann in deinem Leben gibt?“

Marie schüttelt verneinend den Kopf.

„Du bist doch eine sehr schöne Frau! Haben die deutschen Männer denn keine Augen im Kopf?“

Marie lacht auf. „Doch haben sie, aber ich habe im Moment kein Interesse an diesen Männern.“

„Ja, und noch eine Neuerung gegenüber dem 18. Jahrhundert. Die moderne Frau kann sich ihren Mann selbst aussuchen! Darf es denn jetzt auch ein Franzose sein?“ fragt er halb im Ernst, halb im Scherz.

Marie lacht wieder amüsiert auf.

„Hauptsache, die Chemie stimmt!“

„Da spricht die Wissenschaftlerin!“

„Und wie ist es mit dir? Du siehst blendend aus und verbringst sehr viel Zeit mit mir? Gibt es keine Frau in deinem Leben?“ kontert Marie angriffslustig.

„Ich habe diesbezüglich einen schlechten Ruf! Ist er noch nicht bis zu dir gedrungen?“

Marie denkt an die Illustrierten, die sie manchmal beim Friseur oder Zahnarzt durchblättert, in denen er immer wieder mit einer anderen schönen Frau im Arm zu sehen ist.

„Ich halte es mit keiner Frau lange aus!“

„Ist das so?“

André wirkt jetzt sehr nachdenklich.

Sie sieht, wie ein Anflug von Traurigkeit seine Gesichtszüge verändert.

„Zweimal, dachte ich, die Frau fürs Leben gefunden zu haben“ sagt er leise. „Aber es endete immer mit einer großen Enttäuschung für mich. Ich konnte oder wollte danach lange Zeit keine langfristige Verbindung mehr eingehen. Ich hatte große Angst wieder enttäuscht zu werden. Und so hatte ich in den letzten Jahren viele wechselnde Beziehungen. Nichts wirklich Ernsthaftes! Es hat mir zunächst auch nicht allzu viel ausgemacht. Aber in den letzten Monaten, dank Corona, hatte ich sehr viel Zeit zum Nachdenken. Ich bin jetzt 42 Jahre alt und war noch nicht einmal verlobt. Meine Mutter macht sich bereits ernsthafte Sorgen“, fügt er scherzhaft hinzu.

Marie schmunzelt. „Typisch Mütter! Das kommt mir sehr bekannt vor!“

Auf dem Heimweg nach Paris vertraut Marie sich André an. Er weiß längst, dass sie sich im Gästehaus des Hôpital Necker denkbar unwohl fühlt. Doch heute erzählt sie ihm von den ständigen Belästigungen zweier Mitbewohner. Denn mittlerweile begnügen sich die beiden jungen Männer nicht nur mit sexistischen Bemerkungen, sondern Marie fühlt sich von ihnen auch auf physische Weise bedrängt.

André nimmt ihre Schilderungen sehr ernst.

„Marie, du musst dort raus!“

„Ja“, sagt sie leise. „Ich werde mir eine andere Wohnung suchen! Ich glaube, das ist aber nicht so einfach!“

„Doch“, erwidert er bestimmt. „Du kannst zu mir ziehen.“

Marie sieht ihn ungläubig an.

„Marie, das ist kein unmoralisches Angebot. Ich habe Platz genug. Zu meinem Appartement gehört eine ehemalige Dienstbotenwohnung. Ich habe selbst viele Jahre darin gelebt. Heute nutze ich sie zur Unterbringung von Gästen.“

„Ich weiß nicht, ob ich das annehmen kann“, merkt Marie zögerlich an.

„Überlege es dir. Das Angebot steht! Und wenn du willst, kannst du dir die Wohnung gleich heute noch ganz unverbindlich anschauen.“

Der Abend ist bereits angebrochen, als André mit dem Mercedes von der Rue Laurent-Pichat in die Rue Pergolèse, im 16. Arrondissement von Paris gelegen, einbiegt. Er hält den Wagen vor einem schweren, schmiedeeisernen Gittertor, welches sich öffnet, nachdem er einen Zahlencode eingegeben hat und sich wieder schließt, sobald der Mercedes den Eingangsbereich der Tiefgarage passiert. André parkt den Wagen auf dem für ihn reservierten Stellplatz. Dann steigen sie aus, um mit dem nahegelegenen Aufzug in die dritte Etage des Hauses hinaufzufahren.

Titus ist während der Heimfahrt auf dem Rücksitz eingeschlafen und reagiert höchst ungnädig, als André ihn zu wecken versucht. Und so nimmt er die kleine Bulldogge auf den Arm, um sie in den Lift zu tragen.

Nachdem André die Tür zu seinem Appartement aufgeschlossen hat, betreten sie ein großes Zimmer mit bodentiefen Fenstern, welche in segmentförmig gebauten Nischen eingelassen sind. Jedem der Fenster ist ein sogenannter Pariser Balkon vorgelagert, welche mit den typischen Art-Déco-Gittern der 1920er Jahre versehen sind. Der riesige Raum dient dem Schauspieler sowohl als Wohn-und Esszimmer und Büro zugleich.

Marie registriert, dass André die Fensterseite sowohl als Arbeitsnische mit Schreibtisch wegen des idealen Lichteinfalls als auch als gemütliche Essecke mit Ausblick nutzt, so dass er an lauen Sommerabenden bei geöffneter Balkontür seine Mahlzeiten genießen kann.

Der eigentliche Wohnbereich ist im hinteren Teil des Raumes angesiedelt, über dem eine langgestreckte Empore angebracht ist. Ein Durchgang gibt zudem Einblick in ein schmales Zimmer mit eingebauter Küchenzeile. Der weitläufige Wohnraum ist sowohl mit alten als auch mit modernen Möbelstücken und Bildern geschmackvoll elegant eingerichtet.

Neben dem Kücheneingang befindet sich eine elegant geschwungene Treppe, welche sie nun gemeinsam in Richtung Empore hinauf steigen. Von hier gehen mehrere Türen zu Schlafzimmern, wie Marie im Stillen vermutet, ab. Hinter der letzten Tür führt eine schmale Holztreppe ins Dachgeschoss hinauf, wo André eine weitere Tür öffnet. Dahinter befindet sich ein reizender kleiner Salon vom welchem ein ebenso kleines behagliches Schlafzimmer abgeht, das mit hellen Möbeln ausgestattet ist. Dem Schlafzimmer ist wiederum ein kleines, weißes Bad mit Dachschrägen angegliedert.

„Schön!“ haucht Marie leise.

„Es freut mich, dass es dir gefällt. Ich habe viele Jahre hier oben gelebt und durfte in dieser Zeit die Räume selbst gestalten. Wenn du willst, ist es ab jetzt dein Reich!“

„Ich werde darüber nachdenken“, sagt Marie.

André weiß inzwischen, dass Marie jede ihrer Entscheidungen sorgfältig abwägt. Er wird ihr einfühlsam die Zeit der Entscheidungsfindung lassen.

Wieder unten in dem großen Zimmer angelangt, zeigt er Marie noch die gemeinsam von ihnen zu benutzende Küche. Diese ist im Gegensatz zu dem zeitlos elegant eingerichteten Wohnraum ein Relikt aus den 1980er Jahren.

André bemerkt Maries erstaunten Blick über diesen Stilbruch.

„Ich koche wahnsinnig gerne“, lacht er. „Und in dieser wunderbaren, alten Küche ist schlichtweg alles vorhanden, was ich dazu benötige. Mehr brauche ich nicht.“

André hatte Marie auf der Heimfahrt von Versailles nach Paris erzählt, dass er das Appartement von der Vorbesitzerin, einer russischen Gräfin, die in Paris im Exil lebte und keine näheren Anverwandten besaß, geerbt hatte. Die alte Dame war vor etwas mehr als einem Jahr im hohen Alter von 97 Jahren verstorben.

Er selbst hatte zuvor viele Jahre in Rom gelebt und dort als Schauspieler in Cinecittà gearbeitet. Aber nachdem er diese schöne, große Wohnung in Paris geerbt hatte, beschloss er, seine Eigentumswohnung in Rom aufzugeben und in sein Heimatland Frankreich zurückzukehren. Die Wohnung der Gräfin hatte er mittlerweile nach eigenem Gusto eingerichtet.

Die ehemalige kleine Dienstbotenwohnung im Dachgeschoss, die er immer dann bewohnt hatte, wenn er in Paris tätig war, nutzte er jetzt, als Gästezimmer.

Marie hat kurzfristig am Wochenende für einen an Covid-19 erkrankten Kollegen den Nachtdienst in der Pädiatrie-Abteilung des Hôpital Necker übernommen.

Es ist noch sehr früh am Morgen, als sie in das Wohnheim zurückkehrt. Im Haus herrscht zu dieser Zeit absolute Stille. Aus diesem Grund beschließt sie die Ruhe und das Alleinsein in der Einrichtung zu nutzen, um schnell unter die Dusche zu gehen und dann ihren wohlverdienten Schlaf nachzuholen.

Das warme Wasser rinnt nun wohltuend über ihren schönen, schlanken Körper. Ihr langes, bis zum Rücken reichendes, brünettes, leicht gelocktes Haar hat sie zu einem Knoten aufgesteckt.

Marie tastet nach dem Badetuch, das sie zuvor in unmittelbarer Nähe der Dusche aufgehängt hat. Doch ihre Hand greift ins Leere. Stattdessen hört sie, dass sich leise Schritte der Dusche nähern. Und gleich darauf zieht eine ihr fremde, männliche Hand ruckartig den nassen Vorhang zur Seite.

Marie steht nun vollkommen nackt und ungeschützt vor den beiden Mitbewohnern, von denen sie sich bereits seit einer geraumen Weile belästigt fühlt. Sie bittet die Männer inständig, den Raum zu verlassen, aber sie erntet nur anzügliche Bemerkungen und höhnisches Gelächter.

Sie versucht schließlich ihre Blöße mit ihren Händen zu bedecken. Aber die Männer ziehen lachend ihre Arme von ihrem Körper weg und beginnen sie an intimen Stellen zu berühren.

Marie weicht, so weit wie es ihr möglich ist, zurück und spürt bereits die geflieste, kalte Wand der Duschkabine an ihrem Rücken. Es gibt keine Chance mehr für sie, den beiden zu entkommen.

Sie bittet und fleht!

„Nein, ich will das nicht!“

Doch es hilft ihr nicht. Die Männer kennen kein Erbarmen. Während der eine, die sich zunächst noch mit Händen und Füßen wehrende junge Frau von hinten mit beiden Armen festhält, so dass sie nahezu bewegungsunfähig ist, wird sie von dem anderen Mann bereits vergewaltigt. Er dringt tief in sie ein und seine Stöße sind heftig und ungezügelt, ja geradezu brutal.

Tränen laufen über ihr Gesicht. Marie weint und bettelt, dass er endlich aufhören möge. Sie will laut schreien, kann aber nicht. Sie fühlt sich wie betäubt. Doch erst als seine Erregung schwindet, lässt er von ihr ab.

Sogleich steht aber auch schon sein Kumpan, dessen Lüsternheit durch die sexuellen Handlungen des Gefährten aufs Höchste gesteigert ist, aufreizend grinsend bereit, um sich ebenfalls an ihr zu vergehen.

Marie verliert schließlich ihr Gefühl für Zeit und Raum. Ihr ganzes Denken ist darauf ausgerichtet, zu hoffen, dass es endlich vorübergeht. Sie hört alle Geräusche wie aus der Ferne, nimmt die Umgebung nur noch verschwommen wahr. Eine große Schwere umhüllt sie. Ihr Körper verabschiedet sich sensorisch aus der Wirklichkeit. Sie ist der Ohnmacht nahe. Doch erst als auch der zweite Mann sich ausgiebig an ihr befriedigt hat, lassen sie endlich von ihr ab und gehen spöttisch lachend davon.

Marie fällt in der Dusche wie ein nasser Sack kraftlos in sich zusammen. Sie weiß nicht, wie lange sie in hockendem Zustand in der Duschwanne verbracht hat. Schließlich schleppt sie sich mühsam, notdürftig in ihr Badetuch gehüllt, in ihr Zimmer zurück, wo sie augenblicklich auf ihrem Bett hilflos weinend zusammenbricht.

Maries Smartphone läutet schrill in die Stille ihres Zimmers. Sie liegt noch immer, wie vor Stunden, in derselben in sich gekrümmten Haltung wie ein Häufchen Elend auf dem Bett. Sie ist nicht in der Lage nach ihrem Handy zu greifen. Schließlich hört das Läuten des Mobiltelefons auf. Aber der Anrufer ist beharrlich. Kurze Zeit später läutet ihr Telefon ein weiteres Mal. Marie hält sich mit beiden Händen ihre Ohren zu.

„Lasst mich alle in Ruhe, ich will und kann nicht mehr! Ich will niemanden mehr sehen“, ist alles, was sie noch denken kann.

Plötzlich vernimmt sie ein lautes Klopfen an der Zimmertür.

„Marie, bist du da?“ hört sie eine ihr sehr vertraute Stimme.

„André! Was macht der denn hier? Ich will nicht, dass er mich in diesem Zustand sieht. Ich will, dass mich niemand so sieht. Ich will für immer verschwinden, am liebsten gar nicht mehr da sein!“

„Was ist mit dir? Bitte, öffne die Tür! Der Concierge sagt, du hast das Haus nicht verlassen. Ich weiß also, dass du da bist!“ Andrés Stimme ist die Besorgnis, die er um sie empfindet, deutlich anzumerken.

Und eben diese Besorgnis ist es, die Marie aufhorchen lässt. Es ist, als würde hierdurch ein kleiner Funke ihrer Lebenskraft geweckt. Langsam und schwerfällig steht sie auf und geht zur Tür, die sie schließlich einen Spalt weit öffnet.

André nutzt diese Gelegenheit. Er drückt die Tür auf, sieht Marie und ist entsetzt.

Marie ist immer noch notdürftig mit dem Badetuch bekleidet, das ihre Blöße nur spärlich bedeckt. Ihre Haare hängen ihr in wirren Strähnen ins Gesicht, ihre Augen sind leer. Marie, die schöne, zurückhaltende und kluge junge Frau, mit der er mittlerweile so viele glückliche Stunden verbracht hat, ist kaum mehr wiederzuerkennen. Sie ist ein Schatten ihrer selbst.

„Hol‘ mich hier raus!“ Ihre Stimme ist nur ein leiser Hauch.

„Marie, Liebes! Was ist geschehen?“

Statt einer Antwort wiederholt sie immer wieder: „Hol‘ mich hier raus!“

Er geht auf sie zu, will sie in seine Arme nehmen, aber Marie weicht wie ein scheues Reh zurück.

André begreift, dass Marie etwas Schlimmes zugestoßen sein muss. Behutsam, wie mit einem Kind, redet er leise und beruhigend auf die junge Frau ein.

„Hol‘ mich hier raus!“ wiederholt sie immer wieder monoton.

„Ja, ich hol‘ dich hier raus“, geht er sanft auf sie ein. „Aber du musst dir etwas anziehen. So kannst du nicht auf die Straße gehen. Wo sind deine Kleider?“

Er scheint nun endlich zu ihr durchzudringen, denn Marie schaut sich um.

„Komm, zieh‘ dir etwas über. Ich hol‘ dich hier raus, Marie!“

Marie greift schließlich langsam, sehr langsam, so als würde ihr jede Bewegung unglaublich schwerfallen, nach ihrer Jeans und dem Pulli.

André wendet sich derweil diskret zur Eingangstür.

Marie streift sich die Kleidungsstücke wie in Trance über.

„Komm‘“, sagt André. „Wir gehen gemeinsam von hier fort. Du und ich.“

Er führt Marie behutsam aus ihrem Zimmer auf den Flur hinaus. Als sie am Duschraum vorübergehen, spürt er wie Maries Körper erstarrt. Er kann sie kaum dazu bewegen, mit ihm weiterzugehen. Nur durch sehr behutsames auf sie ein Reden, gelingt es ihm, sie aus dem Haus, zu seinem Auto zu bringen, dass er in einer Seitenstraße des Hospitals geparkt hat.

In seiner Wohnung in der Rue Pergolése angekommen, bringt er Marie in den Gästetrakt hinauf und legt sie vorsichtig aufs Bett.

„Schlaf nun ein wenig“, sagt er liebevoll.

„Wenn ich es nur könnte“, denkt Marie. „Schlafen und vergessen. Und wenn ich aufwache, dann war alles nur ein furchtbarer Alptraum.“

Kurze Zeit später kehrt André mit einem Tablett in den Händen zu Marie ins Gästeschlafzimmer zurück.

„Du hast die Wahl“, deutet er an. „Tee, Cognac oder ein Beruhigungsmittel.“

Marie greift automatisch nach dem Cognac. Sie kann das Glas jedoch kaum festhalten, so sehr zittert ihre Hand. André hilft ihr schließlich, das Glas an ihren Mund zu führen. Marie schüttelt sich, als sie die Schärfe des Cognacs wahrnimmt. Sie bemerkt aber auch sogleich, die wärmende und beruhigende Wirkung, die das alkoholische Getränk auf sie ausübt.

„Marie“, sagt André nach einer Weile leise und eindringlich. „Ich weiß nicht, was geschehen ist. Ich kann es nur erahnen. Willst du dich mir nicht anvertrauen?“

„Nein“, ruft Marie panisch erschrocken aus. „Nein! Es ist zu furchtbar. Ich kann mit niemanden darüber sprechen. Ich will es einfach vergessen!“

„Und das Geschehene ungeschehen machen? Der oder die Täter müssen, für das, was sie dir angetan haben, bestraft werden! Du solltest die Polizei informieren!“

Marie schüttelt abwehrend mit dem Kopf. „Ich kann nicht!“

„Dann melde dich zumindest auf deiner Arbeitsstelle krank, denn in diesem Zustand solltest du morgen keinesfalls arbeiten gehen.“

„Nein“, entgegnet Marie heftig, „das kann ich unmöglich bei unserem derzeitigen Personalstand tun. Und außerdem wird mich die Arbeit von dem, was geschehen ist, ein wenig ablenken.“

„Ach, Marie!“ sagt André nur und schüttelt hilflos mit dem Kopf.

Marie lebt nun schon seit einigen Tagen in der kleinen Dachgeschosswohnung in der Rue Pergolése.

André bringt sie jeden Tag zur Arbeit in das Forschungsinstitut des Hôpital Necker und holt sie dort nach Dienstschluss wieder ab, da er verhindern möchte, dass sie allein unterwegs ist. Er will alles Unangenehme, so gut wie nur möglich, von ihr fernhalten.

Wenn sie gemeinsam in Andrés Appartement zurückkehren, hat er bereits eine Mahlzeit für Marie und sich vorbereitet. Und André kocht gut, dass muss Marie neidlos anerkennen. Denn Kochen gehört nicht zu ihren Leidenschaften. Für sie ist Essen eine Zweckmäßigkeit, so hat es einst auch eine ihrer Mitkommilitoninnen, während des gemeinsamen Studiums, lachend festgestellt. Häusliche Belange sind für Marie seit jeher eher eine lästige Notwendigkeit.

Das vertraute und liebevolle Beisammensein mit André und ihre Forschungsarbeit im Hôpital Necker geben ihr jeden Tag ein bisschen mehr Alltagsnormalität zurück. Ihre Arbeit im Imagine ist zwar anstrengend, aber Marie hat diese Anstrengungen nie gescheut, zumal ihr die dankbaren Augen der Kinder in ihrem jetzigen, sehr verletzbaren Zustand viel Kraft geben.

Die Zusammenarbeit mit ihren neuen Teamkollegen ist außerordentlich angenehm. Ihr Vorgesetzter, Professor Matthieu, ist ihr sehr zugetan und mit ihrer Kollegin, Jeanette Haussmann, hat sie sich bereits etwas näher befreundet.

André hat für das Wochenende eine Einladung seines besten Freundes Jean Millet und dessen Frau Michelle angenommen. Er fragt Marie, ob sie nicht Lust habe, ihn dort hinzubegleiten.

„Aber die Einladung gilt doch sicher nur für dich“, meint Marie.

„Nein“, entgegnet André, „du bist ausdrücklich mit eingeladen.“

„Wie das?“ erkundigt sie sich.

„Ich habe ihnen erzählt, dass du bei mir wohnst.“ Er bemerkt, dass Marie etwas unwillig die Stirn runzelt.

„Ich habe natürlich erwähnt, dass du in die Dachgeschosswohnung gezogen bist!“ beeilt er sich hinzuzufügen.

Marie zögert immer noch ein wenig, dann gibt sie nach. Und so verleben sie mit Jean und Michelle einen Abend in angenehmer Atmosphäre, da die beiden Marie einen herzlichen Empfang bereiten.

Marie liebt es, in ihrer Freizeit mit André und Titus über die Straßenmärkte zu schlendern. Es ist für sie eine gute Gelegenheit, Einblick in das wirkliche Leben der Pariser zu nehmen. Viele dieser Märkte haben sich seit Jahrzehnten kaum verändert.

An den Wochenenden fahren sie manchmal zu Andrés Lieblingsmarkt, der in einer der ältesten und malerischsten Straßen von Paris, der Rue Mouffetard im Quartier Latin, gelegen ist. Diese Straße ist gesäumt von vielen kleinen Lebensmitteläden, Bistros und Restaurants, welche das typische französische Flair vermitteln. Der Markt in dieser Straße ist überhaupt einer der schönsten in Paris mit frischem Obst und Gemüse sowie Fleisch, Fisch und Meeresfrüchten.

Für Titus ist jeder Gang über die Märkte ein triumphaler Festzug, den er gnadenlos genießt. Denn egal wo Marie und André mit der kleinen Bulldogge auftauchen, sie wird bewundert und verwöhnt.

Alle Markt-und Straßenverkäufer lieben das niedliche Hündchen. Überall bekommt er ein Stückchen Wurst oder Käse oder eine anderweitige Delikatesse von ihnen zugesteckt, welche Titus mit knappen, schuldbewussten Seitenblicken auf André blitzschnell hinunterschlingt.

André ist nicht sehr glücklich darüber, seinen Hund auf diese Weise verhätschelt zu sehen. Dieser entwickelt sich langsam und allmählich zu einer kleinen, schwarzen Kugel auf vier kurzen Beinen. Dennoch ist es drollig, dem Hündchen bei seinem selbstgefälligen Tun zu zuschauen. André kann es ihm letztlich nur schweren Herzens abschlagen, zumal die Liebesgaben der Händler an Titus oftmals hinter seinem Rücken verabreicht werden.

Marie ist erfreut darüber, dass die kleine Bulldogge sie inzwischen als vollwertige Mitbewohnerin in der Rue Pergolèse akzeptiert. Jeder, der ihr, nach Titus‘ Meinung, zu nahetritt, wird äußerst misstrauisch beäugt, und wenn es sich dabei um einen besonders unsympathischen Zeitgenossen handelt, wird der kleine Hund mitunter sogar zu einem kläffenden Wüterich.

Und so ist es denn auch Marie, die jetzt etwas abseitsstehend, den quirligen Titus an der Leine festhält, während André an den Marktständen und Läden seinen Einkaufskorb mit frischen Lebensmitteln füllt, um sie später liebevoll zu verarbeiten.

„Möchte Ihre schöne Frau vielleicht einmal den Käse probieren“ fragt der Fromagerie-Verkäufer André, als er Marie im Hintergrund stehend, ansichtig wird.

„Gerne!“ ruft sie dem Händler zu.

Trotz der Gesichtsmaske erkennt Marie, dass André grinst, als er ihr das goldgelbe Comté-Stückchen weiterreicht.

Während sie gemeinsam nach Hause fahren, erkundigt er sich, was sie zum Nachtisch essen möchte.

„Wie kannst du nur fragen?“ erwidert sie gespielt entrüstet.

„Crème brûlée!“ rufen sie beide wie aus einem Mund und lachen fröhlich.

Den ganzen Tag über macht André sich einen Spaß daraus, Marie mit dem Ausspruch des Fromagerie-Verkäufers, „meine schöne Frau“, zu necken.

„Klingt echt gut! Ich könnte mich glatt daran gewöhnen!“ sagt er lachend, als sie abends nach dem gemeinsamen Mahl noch ein Glas Rotwein im Kerzenschein genießen.

Marie schaut verlegen in die Flamme. Seit dem Überfall im Duschraum ist sie zurückhaltender und stiller denn je. Ihre wahren Gedanken und Gefühle hat sie seitdem in ihrem Inneren, wie in einem sicheren Tresor, eingeschlossen. Die einzige Person, der sie sich gefühlsmäßig ein wenig öffnet, ist André. Obwohl sie sich erst seit so kurzer Zeit kennen, weiß sie instinktiv, dass sie ihm absolut vertrauen kann. Er gibt ihr auf sehr behutsame Weise den notwendigen emotionalen Halt, um im alltäglichen Leben zu bestehen.

„Wir verstehen uns doch, nicht wahr? Wir brauchen auch nicht viele Worte, um uns zu verstehen“, fährt er leise fort. „Ich könnte mir gut vorstellen, dass es für immer so ist. Du und ich. Ich kann mir nichts Schöneres mehr denken.“

Marie antwortet nicht. Sie blickt immer noch starr in das flackernde Kerzenlicht und streichelt dabei Titus, der sich zu ihren Füßen niedergelassen hat und aufmerksam den Worten seines Herrchens zu lauschen scheint. Es ist, als ahne die kleine Bulldogge, dass sie soeben einen magischen Moment zwischen Marie und André miterlebt.

Nach einer kleinen Weile des Schweigens sagt André plötzlich in die Stille des Raumes hinein: „Willst du meine Frau werden, Marie? Willst du mich heiraten?“

Marie schaut ihn mit großen Augen fassungslos an. Sie ist so baff, dass sie sogar innehält, Titus zu kraulen. Ihr Herz beginnt heftig zu schlagen. Hat sie richtig gehört? Hat André ihr da gerade einen Heiratsantrag gemacht? Sie kennen sich doch erst seit wenigen Wochen. Doch was weiß sie schon von ihm? Natürlich ist ihr André sehr sympathisch. Er ist warmherzig, freigiebig und klug und sieht zudem auch noch unverschämt gut aus. Und sie mag ihn. Sehr sogar!

„André, weißt du, was du eben gesagt hast?“

„Ja! Ich meine es sehr ernst! Lass uns heiraten!“

„Aber wir kennen uns doch erst seit so kurzer Zeit…“

„Stimmt! Wir haben also jede Menge Zeit vor uns, um uns besser kennenzulernen!“

Marie sieht ihn eindringlich an. Es ist, als wolle sie tief in sein Inneres blicken. Sie ist unglaublich gerne mit ihm zusammen und er bedeutet ihr sehr viel. Zudem ist er in einer schwierigen Phase ihres Lebens, ein zuverlässiger Felsen in der Brandung geworden.

„Brauchst du etwas Zeit, um darüber nachzudenken?“ horcht er vorsichtig nach.

Marie schweigt und schaut wieder nachdenklich in die Kerzenflamme. Ihr fällt es ungeheuer schwer, zu glauben, dass ein Mann noch mit ihr zusammen sein möchte. Sie fühlt sich durch die Vergewaltigung vollkommen beschmutzt und minderwertig. Warum will ausgerechnet ein so attraktiver Mann wie André, der jede Frau der Welt haben könnte, ausgerechnet mit ihr zusammen sein?

„Warum willst du mich heiraten?“ fragt sie ihn nach einer geraumen Weile leise.

„Weil ich dich liebe! Sehr sogar!“ antwortet er ruhig.

Marie ist innerlich vollkommen aufgewühlt.

„Die Tage mit dir, haben mir sehr viel gegeben. Und ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, ohne dich zu sein. Du bist das Beste, was mir je passiert ist!“ Während er spricht, lächelt er sie liebevoll an.

Marie blickt immer noch in das flackernde Kerzenlicht.

„Ja!“ platzt es plötzlich aus ihr heraus.

Andrés Augen weiten sich vor Erstaunen, denn Spontanität ist nicht gerade eine von Maries stärksten Charaktereigenschaften.

„Heißt das, du willst mich heiraten?“

„Ja, das heißt es“, erwidert Marie einfach.

André springt vor Freude von seinem Sessel auf, eilt auf Marie zu und nimmt sie sie zärtlich in seine Arme. Er spürt jedoch augenblicklich, wie Marie zu zittern beginnt. Ihr Körper erstarrt.

„Marie“, sagt er sanft. „Hab‘ keine Angst. Ich werde nichts tun, was du nicht willst. Niemals!“

Marie laufen Tränen die Wangen hinab.

Er küsst sanft ihre tränennassen Augen. Seine Lippen wandern über ihre Wangen und finden schließlich ihren Mund.

Marie stößt ihn ein wenig von sich fort.

„Ich … ich kann nicht. Ich glaube, es war doch keine gute Idee ja zu sagen. Denn ich weiß nicht, ob ich dir jemals, dass geben kann, wonach es dir verlangt, ob ich dir je eine gute Ehefrau sein kann!“

André hält inne und streichelt ihr mit der Hand liebevoll über das Haar.

„Doch Marie, es war eine gute Idee! Ich liebe dich und ich werde dir helfen wieder ein normales, angstfreies Leben und Liebesleben zu führen.“ Und nach einer Weile fügt er hinzu: „Ich bin immer noch der Meinung, dass du bei der Polizei Anzeige wegen Vergewaltigung erstatten solltest.“

„Ich weiß, du hast Recht. Aber ich habe furchtbare Angst, alles noch einmal durchleben zu müssen.“

In ihrer Freizeit informieren sich Marie und André im Internet ausführlich darüber, welche Dokumente für eine standesamtliche Trauung in Paris nötig sind. Die Unterlagen sind schnell zusammengetragen. Marie fehlt lediglich noch das in Frankreich erforderliche Ehefähigkeitszeugnis, dessen sie als Ausländerin bedarf. Im Internet bekommen sie sogar noch kurzfristig einen Termin beim zuständigen Standesamt, um mit den notwendigen Dokumenten die Heiratserlaubnis zu beantragen.

Marie hat sich für diesen Termin den Vormittag frei genommen, um mit André ins Rathaus des 16. Arrondissements zu gehen, dass sich an der Ecke der Rue de la Pompe und der Avenue Henri-Martin befindet.

Dort angekommen, werden sie von einer aufgeräumt heiter dreinblickenden Dame mittleren Alters empfangen.

Das Vorgespräch mit ihr verläuft angenehm und nachdem sich die Standesbeamtin von der Vollständigkeit der Unterlagen überzeugt hat, schaut sie neugierig zu André hinüber und merkt augenzwinkernd an: „So, so! Sie wollen also endlich heiraten, Monsieur Gaston? Sie müssen ja eine besondere Frau sein, Madame, dass es Ihnen gelungen ist, einen der begehrtesten Junggesellen Frankreichs unter die Haube zu bringen!“ sagt sie an Marie gewendet.

Marie sieht, wie sich Andrés Augen vor Ärger zu Schlitzen verengen. Sie schüttelt leicht zu seiner Beruhigung mit dem Kopf.

„Lass dich nicht provozieren“, will sie ihm damit zu verstehen geben.

„Wie ist es denn momentan mit Hochzeitsterminen?“ fragt Marie stattdessen die Standesbeamtin.

„Es gibt immer wieder freie Termine, da viele ihre Hochzeit in den Sommer oder in den Herbst verlegen, in der Hoffnung, dass die Situation besser wird und man wieder mehr Gäste einladen kann“, erwidert die Frau. „Gerade eben wurde kurzfristig ein Termin für heute Nachmittag abgesagt. Wie ist es, wollen Sie diesen Termin nicht nutzen?“

Marie und André schauen sich verblüfft an.

„Nun ja“, fährt die Standesbeamtin fort. „Leider gilt es, die Aufgebotsfrist von zehn Tagen zu beachten. In dieser Zeit werden Name, Beruf und Wohnort der Heiratswilligen sowie das Hochzeitsdatum bekannt gegeben.“

André verzieht sein Gesicht, als habe er Zahnschmerzen.

„Muss das sein?“ fragt er entgeistert. „Wir hatten gehofft, in aller Stille zu heiraten.“

„Sie befürchten wohl, dass ein Teil der Damenwelt ihre Ansprüche in dieser Zeit noch bei Ihnen einklagen könnte“, merkt die Frau flapsig an.

„Nein, ich befürchte, dass die Presse tagelang meine Wohnung belagert“, entgegnet er etwas angesäuert.

„Sie sind nun mal eine Person des öffentlichen Lebens…“

„Heißt das, ich habe damit kein Recht auf Privatleben?“ André schlägt vor Ärger die Faust auf den Tisch.

Nach einem Moment des Nachdenkens, greift die Standesbeamtin zum Telefonhörer und wählt eine Nummer.

Nach einem kurzen Gespräch legt sie den Hörer wieder auf die Gabel und lächelt.

„In besonders begründeten Fällen kann auf das Aufgebot verzichtet beziehungsweise kann die Aushangfrist verkürzt werden. Also wie ist es? Wollen Sie den freigewordenen Termin nutzen?“

Marie und André schauen sich erneut gegenseitig an.

„Aber mir fehlt doch noch das Ehefähigkeitszeugnis!“ sagt Marie verwundert.

„Nun“, meint die Standesbeamtin, „es ist ein wichtiges Dokument, aber ich will mal eine Ausnahme machen. Sie haben es ja beantragt. Reichen Sie es nach.“

„Und wir haben noch keine Trauzeugen!“ fügt André hinzu.

„Was die Trauzeugen anbelangt… Hier laufen genügend Leute durch die Rathausflure…“ Die Frau lacht, als hätte sie einen besonders guten Witz gemacht.

„Nein! Ich werde Jean und Michelle fragen!“ wirft André schnell ein.

„Tun Sie das! Wir sehen uns also heute Nachmittag wieder?! Und denken Sie sich bis dahin eine besonders gute Begründung zur Aufhebung der Aufgebotsfrist aus!“ ruft die Standesbeamtin ihnen zum Abschied noch hinterher.

„Was für ein Untier!“ André schüttelt entgeistert mit dem Kopf.

„Sie ist gewiss ein großer Fan von dir. Ein Fan, der sich sehr darüber freut, dich heute Nachmittag persönlich unter die Haube bringen zu dürfen!“ Marie kann sich ein Lachen kaum verkneifen. „Das wird sicherlich eine lustige Zeremonie heute Nachmittag!“

Kurz nach dem André und Marie das Standesamt im Rathaus betreten haben, treffen auch Jean und Michelle Millet als Trauzeugen dort ein. Und schon eine halbe Stunde später sind Marie und André ein Ehepaar.

Zusammen mit Jean und Michelle in der Rue Pergolèse angekommen, bereiten sie gemeinsam ein unkonventionelles Hochzeitsmahl mit allem, was Andrés reichhaltige Lebensmittelvorräte so hergeben, zu. Alle haben ihren Spaß dabei. Und während sie später gemütlich am Esstisch beisammensitzen, sagt Jean lachend in die Runde: „Diese Hochzeit werde ich so schnell nicht vergessen!“

„Ich auch nicht“, denkt Marie amüsiert und steckt Titus, der nach Aufmerksamkeit heischend von einem zum anderen läuft, schnell noch eine feine Leckerei zu.

Sie essen, trinken, plaudern und lachen bis tief in die Nacht hinein. Als Jean und Michelle schließlich aufbrechen, meint Michelle mit einem Augenzwinkern: „Na, dann lassen wir das junge Glück jetzt mal allein!“

Bis zu Andrés Abreise nach Brest vergehen die Tage im Nu. Unterdessen genießen sie jede freie Minute miteinander.

André möchte Marie gerne mit in die Bretagne auf Hochzeitsreise nehmen, aber sie kann nach so kurzer Zeit noch keinen regulären Urlaub im Institut nehmen.

Außerdem brennt André darauf, Marie seiner Mutter in Brest vorzustellen. Sie haben ihren Familien bislang noch nicht eröffnet, dass sie verheiratet sind. Darum plagt sie beide ein schlechtes Gewissen.

André redet Marie immer wieder aufs Neue Mut zu, endlich zur Polizei zu gehen, um dort eine Anzeige wegen Vergewaltigung zu erstatten. Doch Marie weigert sich bislang hartnäckig über den Tathergang zu sprechen. Schon gar nicht mit der Polizei. Sie will sich die furchtbare Begebenheit nicht wieder ins Gedächtnis zurückrufen.

Doch André ist beharrlich. Wenige Tage vor seiner Abreise in die Bretagne gehen sie gemeinsam in das im 16. Arrondissement gelegene Commissariat Central in der Avenue Mozart, wo Marie einer Polizeibeamtin gegenübersitzend, stockend von dem Überfall auf sie berichtet.

„Warum sind Sie nicht früher gekommen?“ fragt die Polizistin streng. „Wir hätten sofort Beweise sichern können.“

Marie sitzt einfach nur da, schaut mit gesenktem Kopf auf ihre Hände, bevor sie schließlich leise antwortet: „Ich hatte Angst, … habe mich geschämt. … War wie gelähmt… Mit jemandem über das Erlebte zu sprechen, kostet viel Kraft. Genau diese Kraft hatte ich bisher nicht. Natürlich weiß ich, das war ein Fehler. Ich hätte mir direkt danach Hilfe holen müssen…“

Die Beamtin ist jedoch sensibel genug, nicht weiter in sie zu dringen. Sie hat ausreichend Erfahrungen und kennt die Scham vergewaltigter Frauen zur Genüge und ihre Furcht, damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Nachdem die Polizistin die Personalien und die Angaben über Tatort, Tatzeit und Täter aufgenommen hat, unterschreibt Marie ihre Aussage und verlässt mit André die Polizeistation.

Die Gegenüberstellung mit den beiden Vergewaltigern findet bereits zwei Tage später statt.

Auf dem langgestreckten Flur des Polizeigebäudes kommt es noch zu einer kurzen Begegnung zwischen Marie und den jungen Männern. Sie werfen ihr gehässige Blicke zu und einer der Beiden spricht ihr gegenüber unverhohlen eine wüste Drohung aus.

„Pass bloß auf, dass du mir nie alleine begegnest, du kleine, dreckige Schlampe!“

André bleibt stehen und packt den Mann beim Kragen, so wütend ist er. Ein Polizist tritt augenblicklich dazwischen, um die beiden Streithähne voneinander zu trennen und Schlimmeres zu verhindern.

André ist zu Dreharbeiten in die Bretagne abgereist. Obwohl sie in ihrer Freizeit viel miteinander telefonieren, fühlt sich Marie ohne ihren Mann in der großen Wohnung in der Rue Pergolèse sehr unwohl. Sie spielt sogar mit dem Gedanken, wieder in die kleine, wesentlich intimere Dachgeschosswohnung umzuziehen.

Mittlerweile hat Marie viele Überstunden in ihrem Forschungsinstitut geleistet, so dass für sie die Möglichkeit besteht, ein verlängertes Wochenende zu nehmen. André reagiert höchst freudig darauf.

„Dann komm doch zu mir in die Bretagne!“

Marie zögert ein wenig.

„Du, André, ich habe meinen Eltern versprochen, sie kurz in Aachen zu besuchen. Ich will ihnen mitteilen, dass wir geheiratet haben. Ich denke, es ist besser, nicht mehr länger damit zu warten und es ihnen endlich persönlich zu sagen, vor allem – bevor sie es aus der Presse erfahren!“

Marie hört Andrés Stimme die Enttäuschung an, aber er sieht ein, dass sie Recht hat.

Nach dem Abendessen sitzt Marie mit ihren Eltern bei einem Glas Rotwein gemütlich im Wohnzimmer und eröffnet ihnen sehr behutsam, sie habe in Paris in aller Stille geheiratet. Ihre Eltern reagieren auf ihre Mitteilung erstaunt bis gekränkt, vor allem ihre Mutter.

„Du hast geheiratet, ohne uns darüber zu informieren und ohne uns dazu einzuladen?“

„Wir werden die Familienfeier ganz bestimmt nachholen! Versprochen!“ versichert ihr Marie.

Ihr Vater schweigt immer noch betroffen und ihre Mutter ist nach wie vor fassungslos.

„Marie, ich bin enttäuscht! Wie kannst du nur! Wen hast du denn geheiratet?“

Marie lächelt verschmitzt. „Na ja, ihr kennt ihn sogar! Nicht persönlich! Aber ja, ihr kennt ihn!“

„Ist er Arzt?“ fragt ihre Mutter, die im Stillen immer noch darauf hofft, dass Marie und Michael wieder zueinander finden.

Marie zögert ein wenig mit der Antwort.

„Nein, er ist Schauspieler.“

„Du hast einen … Schauspieler geheiratet?! Eine Ärztin und ein Schauspieler!“ Ihre Mutter kann manchmal sehr spießig sein.

„Einen Schauspieler, den wir kennen?“ hakt sie nun doch etwas neugierig geworden nach.

„Erinnert ihr euch noch an den Abend, bevor ich nach Paris gefahren bin? Wir haben die Günther Jauch Show gesehen. Er war dort Stargast. Und du, Mama, hast gesagt: Der sieht aber gut aus. Der könnte mir gefallen!“

Ihre Mutter blickt sie entrüstet an. Hat ihre Tochter den Verstand verloren?

„Ein französischer Schauspieler?“ meldet sich nun ihr Vater zu Wort.

„Ja!“ antwortet Marie knapp.

„In der Sendung war…“, sagt er etwas zögerlich, „André Gaston!“ Er schaut seine Tochter aufmerksam an.

Ihrer Mutter stockt beinahe der Atem. „Hat dein Vater Recht, Marie?“

„Ja“, erwidert Marie. „Ich habe ihn im Zug nach Paris kennengelernt und seit dieser Zeit sind wir zusammen. Er ist neben euch der liebste Mensch, den ich kenne!“ fügt sie hinzu.

„Und warum ist er dann nicht mitgekommen?“ fragt ihre Mutter immer noch verstimmt.

„Er dreht zurzeit einen Kriminalfilm in der Bretagne. Ihr werdet ihn schon bald kennenlernen!“

Nach ihrer Rückkehr aus Aachen holt Marie die Alltagsroutine schnell wieder ein.

In der Nacht wird sie plötzlich wach. Seit der Vergewaltigung kann sie nicht mehr richtig ein-oder auch durchzuschlafen, da sie beinahe jede Nacht von dem furchtbaren Ereignis träumt. Ihr Mund fühlt sich unangenehm trocken an. Sie steht auf, geht ins Bad und holt sich etwas Wasser in ihrem Zahnputzglas. Mit dem Becher in der Hand tritt sie an das dunkle Schlafzimmerfenster. Dabei geht ihr Blick hinunter auf die von Straßenlaternen beleuchtete Rue Pergolèse. Es ist eine elegante Straße mit wunderbaren Art-Deco-Fassaden. Tagsüber herrscht hier reges Treiben, doch jetzt in der Nacht ist es still.

Marie blickt zur anderen Straßenseite und betrachtet das Haus gegenüber, mit seinem aufwendig gearbeiteten schmiedeeisernen Portal, das in der Dunkelheit jedoch kaum auszumachen ist. Plötzlich nimmt sie eine Bewegung in dem düsteren Hauseingang wahr. Marie schaut jetzt genauer hin und erkennt dort eine fast regungslos verharrende dunkle Gestalt, die mit einem schwarzen Kapuzenshirt bekleidet ist. Die Kapuze hat der Unbekannte tief ins Gesicht gezogen. Der Fremde ist ihr unheimlich, da Marie auch zunehmend das ungute Gefühl beschleicht, die unbekannte Person blicke zu ihrem Schlafzimmerfenster empor. Je angestrengter sie schaut, desto mehr verstärkt sich dieser Eindruck. Die, für sie gesichtslose Gestalt, späht tatsächlich zu ihrem Fenster hinauf. Verstört weicht Marie zurück.

„Vielleicht bilde ich mir das nur ein“, denkt sie und legt sich wieder ins Bett. Doch der Schlaf will nicht kommen. Erst in den frühen Morgenstunden schlummert sie schließlich unruhig ein.

Seit André in der Bretagne ist, lässt sich Marie von einem Taxidienst jeden Tag zum Hôpital Necker bringen. Ihr heutiger Taxifahrer stammt ursprünglich aus Marokko. Auf einem kleinen silbernen Schild am Armaturenbrett liest sie seinen Namen: Mohammed Abdellah. Er sei von Hause aus Ingenieur, erzählt er Marie, aber als solcher ist er zurzeit ohne Job und deshalb arbeite er momentan als Taxifahrer. Der Mann ist ihr auf Anhieb sympathisch. Marie fragt ihn, ob er sie von nun an nicht jeden Tag zur Arbeit chauffieren möchte. Mohammed Abdellah lächelt ihr freundlich zu und überreicht ihr seine Visitenkarte.

„Wann immer es mir möglich ist, werde ich Sie gerne fahren“, sagt er.

Für das letzte Aprilwochenende hat Marie einen Flug von Paris nach Brest gebucht. Mohammed Abdellah bringt sie zum Flughafen Charles de Gaulle.

In Brest wartet André bereits ungeduldig im Ankunftsbereich des dortigen Airports auf sie. Als er sie unter den Reisenden entdeckt, strahlen seine Augen über der Gesichtsmaske hinweg Marie glücklich an.

Auch Titus ist wie immer an seiner Seite. Der kleine Hund hat sie vermisst. Er bettelt geradezu darum, von ihr auf den Arm genommen und liebkost zu werden.

Nachdem André Maries Handgepäck im Kofferraum des Mercedes verstaut hat, fährt er mit ihr zu einem etwas außerhalb von Brest gelegenen Ferienhaus, das er eigens für dieses Wochenende für sich und Marie angemietet hat. Es ist ein modernes kleines Haus mit einer langgestreckten Glasfensterfront zum Atlantischen Ozean hin ausgerichtet. Die bereits einsetzende Dunkelheit lässt das Meer allerdings nur noch erahnen.

Zum Abendessen verwöhnt André Marie mit einem typischen Gericht aus seiner bretonischen Heimat. Zu diesem Zweck zaubert er aus dunklem Buchweizenmehl Galettes, die er mit Schinken, Käse und Ei befüllt. Dazu serviert er Cidre brut, einen herben, jedoch leicht spritzigen Apfelwein, den sie aus einer Bollée trinken.

Marie hat fast den ganzen Tag über nicht viel gegessen. Ihr steigt das alkoholhaltige Getränk sehr schnell zu Kopf. Und so führt das von André raffiniert inszenierte Candle-Light-Dinner dahin, dass sie sich schon kurze Zeit später, zärtlich an Andrés Schulter gekuschelt, im Bett wiederfindet.

Den nächsten Tag nutzen sie dazu, die nähere Umgebung von Brest zu erkunden. André fährt mit Marie unter anderem zu dem ehemaligen Piratendorf Le Conquet mit dem kleinen Fischerei-und Fährhafen und zeigt ihr den steilen, windgepeitschten Pointe Saint-Mathieu, einen der westlichsten Felsvorsprünge Europas.

Marie ist von der rauen, teilweise noch sehr wilden Küstenlandschaft und wie ursprünglich die Natur in dieser Region immer noch ist, hell auf begeistert.

Am Abend sind sie bei Andrés Mutter in Brest eingeladen. Marie ist etwas nervös, doch Madame Gaston bereitet ihr einen herzlichen Empfang, so dass sie ihre Schüchternheit schnell ablegt. Sie beginnt, die stille Dreisamkeit in Madame Gastons behaglicher Altbauwohnung zu genießen. Das gemütlich eingerichtete Wohnzimmer ist voller Familienbilder, die Madame Gaston Marie stolz präsentiert. Sie zeigen Andrés Vater, der vor wenigen Jahren verstorben ist, Andrés Schwester Yvonne mit ihrem Mann und den drei Kindern und viele, viele Bilder, die André in verschiedenen Lebensstadien wiedergeben.

Nach einem reichhaltigen Frühstück bringt André Marie am Sonntagmittag zum Flughafen nach Brest, da sie am nächsten Tag wieder in ihrem Institut im Hôpital Necker arbeiten muss.

„Nur noch eine Woche, wenn alle Dreharbeiten wie geplant verlaufen, dann bin ich wieder bei dir in Paris!“ versichert er ihr zum Abschied.

Marie steht vor der Appartementtür in der Rue Pergolèse. Sie sucht in ihrer Handtasche nach dem Wohnungsschlüssel, um die Tür aufzuschließen. Dabei überkommt sie mit einem Mal ein äußerst beklemmendes Gefühl, für das sie auf Anhieb keine rationale Erklärung findet. Seit dem Überfall im Duschraum des Gästehauses, reagiert sie überhaupt sensibler denn je. Das Gefühl der fortwährenden Alarmbereitschaft und Wachsamkeit ist seither ihr ständiger Begleiter. Dennoch schließt sie die Tür auf und betritt das Appartement. Sofort schlägt ihr ein fremdartiger Geruch entgegen, ein Geruch, den sie in etwas abgeschwächter Form bereits vor der geschlossenen Wohnungstür wahrgenommen hat.

„Was ist das? Ein Hauch von Parfüm oder Aftershave?“ Marie ist verwirrt. Sie geht langsam durch die Wohnung, schreitet von Raum zu Raum und schaut aufmerksam umher. Nichts scheint augenfällig verändert zu sein. Und trotzdem ist da dieses eigenartige Gefühl…

Jeden Morgen fährt Mohammed mit seinem Taxi Marie von ihrer Wohnung in der Rue Pergolèse zum Hôpital Necker und holt sie, wenn es ihm zeitlich möglich ist, nach Dienstschluss wieder von dort ab.

Wenige Tage nach ihrer Rückkehr aus der Bretagne bemerkt Marie eine gewisse Unruhe bei Mohammed.

„Was ist los, Mohammed?“ fragt sie ihn etwas verwundert.

„Ich glaube, wir werden verfolgt“, sagt er, während er nervös in den Rückspiegel blickt.

„Verfolgt?“ fragt Marie verdutzt und will über ihre Schulter nach hinten schauen.

„Nicht nach hinten sehen, Madame!“ sagt Mohammed schnell. „Ich habe bereits gestern beobachtet, dass uns jemand folgt. Da habe ich es aber noch für einen Zufall gehalten, dass uns ein Auto von Ihrer Wohnung bis zum Hospital nachfährt. Aber heute ist dasselbe Fahrzeug wieder hinter uns. Lassen Sie mich mal etwas ausprobieren. Ich werde eine andere Strecke zum Krankenhaus nehmen.“

Marie registriert, dass Mohammed, insofern es der Pariser Verkehr zulässt, mal schneller, mal langsamer fährt. Er biegt schließlich auch in die eine oder andere Seitenstraße ab und behält dabei aufmerksam den Rückspiegel im Blick.

„Verdammt!“ flucht Mohammed leise. „Der folgt uns tatsächlich!“

Endlich kommen sie beim Hôpital Necker an. Mohammed öffnet die Schranke, fährt auf das Gelände und lässt Marie vor dem Eingang des Instituts aussteigen.

„Ich hole sie heute Abend wieder ab. Wenn ich nicht selbst kommen kann, schicke ich einen Kollegen.“ Mit diesen Worten verabschiedet er sich von ihr und fährt eilig davon.

Als Marie am späteren Abend wieder allein in ihrer Wohnung ist, bereitet sie für sich ein kleines Abendbrot zu und setzt sich mit einem Glas Rotwein vor das Fernsehgerät. Das Programm ist sterbenslangweilig. Sie zappt noch eine Weile von einem Sender zum nächsten und begibt sich schließlich mit einem Buch ins Bett.

Gegen zwei Uhr in der Nacht wird sie wach. Sie steht auf und tritt ans Schlafzimmerfenster.

„Aber das kann doch nicht sein!“ sagt Marie leise in die Dunkelheit hinein.

Auf der anderen Straßenseite steht, wie schon einige Nächte zuvor, eine in schwarz gekleidete Gestalt im Eingangsbereich des gegenüberstehenden Hauses.

Wieder beschleicht Marie das beklemmende Gefühl, dass der geheimnisvolle Unbekannte von seinem Standort aus zu ihrem Fenster hinaufstarrt. Marie zuckt augenblicklich zurück, weil sie nicht entdeckt werden will.

Ein unheimlicher Beobachter! Ein Fahrzeug, das sie verfolgt! Was bedeutet das? Ist das alles nur ein Zufall?

Nur wenige Tage später kehrt André von seinen Dreharbeiten aus der Bretagne nach Hause zurück. Marie ist froh, dass sie von nun an nicht mehr allein in dem großen Appartement in der Rue Pergolèse ist.

Schon am ersten Abend nach seiner Rückkehr steht er fröhlich winkend vor dem Eingang des Hôpital Necker, um Marie von ihrem Dienst im Imagine abzuholen. An seiner Seite steht wie immer der kleine Titus, der freudig erregt mit seinem Stummelschwänzchen wedelt, als er Marie ansichtig wird.

„Er wollte unbedingt mitkommen. Du weißt ja, wie gerne er im Auto mitfährt.“, sagt André lachend und nimmt sie zur Begrüßung liebevoll in seine Arme.

In der Rue Pergolèse angekommen, öffnet André die Wohnungstür. Er lässt Marie den Vortritt und folgt ihr in das Appartement.

Nur Titus weigert sich beharrlich den Raum zu betreten. Er bleibt auf der Schwelle wie angewurzelt stehen und beginnt böse zu knurren. Auch gutes Zureden von Seiten Andrés und Maries hilft nicht dabei, den kleinen Hund in die Wohnung zu locken. Schließlich hebt André das sich heftig sträubende Tier auf seinen Arm und trägt es in den Raum hinein.

„Das ist sehr merkwürdig“, meint er. „Als wir vorhin aus der Bretagne zurückgekommen sind, hat er das auch schon gemacht. Normalerweise freut er sich immer darauf, nach einer langen Autofahrt, endlich wieder zu Hause zu sein.“

Während er die Bulldogge auf den Fußboden stellt, fängt Titus wütend zu bellen an. Er läuft schnurstracks zu Andrés Schreibtisch, wo er auf zwei Beinen stehend, an der mittleren Schublade, direkt unterhalb der Schreibtischplatte, mit seiner rechten Vorderpfote aufgebracht zu kratzen beginnt.

„Was machst du da? Lass das, Titus!“ schimpft André mit ihm, aber das Tier ist kaum zu beruhigen.

Nicht einmal der gefüllte Fressnapf mit seinen Lieblingsleckereien, den André ihm unter die Nase hält, kann seinem Tun Einhalt gebieten.

Erst geraume Zeit später lässt der Hund endlich von dem Möbelstück ab und beginnt nun unruhig in der gesamten Wohnung, wie nach etwas suchend, umherzulaufen.

„Sehr seltsam!“ denkt Marie.

Marie schaltet gegen 19 Uhr den Laptop an ihrem Arbeitsplatz im Institut aus. Wie fast jeden Tag unterhält sie sich noch ein paar Minuten mit ihrer Kollegin Jeanette Haussmann. Dann greift sie nach dem Smartphone, um ihren Mann zu bitten, sie vom Hospital abzuholen. André verspricht ihr, in wenigen Minuten bei ihr zu sein.

In der Zwischenzeit zieht sie ihren weißen Kittel aus, hängt ihn in ihren Spind und fährt schließlich mit dem Aufzug von der fünften Etage ins Foyer hinunter, um hier auf Andrés Ankunft zu warten. Marie weiß nur zu gut, dass auch zu dieser Uhrzeit immer noch dichter Verkehr auf den Straßen von Paris herrscht.

Es scheint, als bliebe André heute Abend besonders lange aus. Marie schaut immer wieder auf ihre Armbanduhr.

Nun ist fast eine Stunde vergangen, seit sie André angerufen hat und er ist immer noch nicht in Sicht. Marie wählt schließlich die Handynummer ihres Mannes, doch er meldet sich nicht.

„Vielleicht kann er während der Fahrt nicht ans Telefon gehen“, denkt sie und schaut dabei durch die Glastür auf den Parkplatz hinaus. Je länger sie wartet, desto unruhiger wird sie, zumal auch weitere Versuche André auf seinem Handy zu erreichen, ins Leere verlaufen.

Und so ruft sie schließlich Mohammed mit der Bitte an, sie vom Hôpital Necker abzuholen.

Der Taxifahrer befindet sich gerade in Auteuil und verspricht ihr, in Kürze beim Krankenhaus zu sein.

Als er mit seinem Taxi vor dem Eingangsbereich der Klinik ankommt, ist bereits eine weitere halbe Stunde vergangen. Marie hat auch in dieser Zeit keinen Telefonkontakt zu ihrem Mann herstellen können.

Etwa zwanzig Minuten später biegt das Taxi von der Rue Laurent Pichat nach links in die Rue Pergolèse ein. Als sie an der Rue Marbeau vorüberfahren, sehen sie bereits den flackernden Schein des Blaulichts vor sich und nur wenige Meter weiter ist die Straße von der Polizei komplett abgesperrt.

Viele Neugierige haben sich auf beiden Seiten der Rue Pergolèse versammelt. Sie stehen vereinzelt oder auch in Trauben schwatzend beieinander.

Mohammed hält das Taxi an und fragt einen der Umstehenden, warum die Straße gesperrt ist.

„In der Tiefgarage des Hauses Nr. 57 wurde jemand überfallen“, antwortet der Mann.

Marie fühlt sich, als greife eine eiskalte Hand nach ihrem Herzen.

Ein Polizeibeamter in Uniform kommt eilig herbei und bittet den Taxifahrer den Wagen zu wenden und fortzufahren. Doch Mohammed weist ihn darauf hin, dass Marie in eben jenem Haus wohne, indem die Gewalttat verübt worden sei.

Der Polizist schaut nun interessiert zu Marie hinüber und fragt sie nach ihrem Namen.

„Madame, bitte steigen Sie aus! Wir haben Ihnen etwas mitzuteilen!“

Pulsuz fraqment bitdi.

17,12 ₼

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