Kitabı oxu: «Kreuzwege unter der Sonne»
Mario Monteiro
KREUZWEGE
UNTER DER
SONNE
Kinder im brasilianischen Inferno
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2014
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Copyright (2014) Engelsdorfer Verlag Leipzig
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Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
FÜR GYSELDA
In den hier vorliegenden Erzählungen spiegeln sich die Erlebnisse des Autors wider, die er im Laufe der letzten zwanzig Jahre bei der Begegnung mit brasilianischen Kindern hatte.
Namen von Personen und Organisationen wurden verändert – die dargestellten Episoden sind indes real.
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Widmung
Heimkehr nach Ararapurana
Zinnsoldaten
Rio, morgens um fünf
Joselyn
Blutrausch
Omar klaut
Die Spur der Skorpione
Endstation Eselsmulde
Lumpen-Lindela
Schwester Corinna
Weitere Bücher
HEIMKEHR NACH ARARAPURANA
Agreste! Trockenes, ausgedörrtes, sterbendes Land. Stahlblauer Horizont, so weit ich sehen kann. Wolkenlos. Weder Sand noch Erde, selten eine Wurzel, verloren im Staub. Staub, nichts als Staub. Rotgelber Staub, undurchdringlich. Von überall weht er her und nirgends bleibt er. Ein einzelner Baum, der nicht recht in diese Landschaft passen will, steht neben mir. Einsam trotzt er einer Umgebung, die ihn nicht zu dulden scheint. Zweifel überfallen mich. Ist das wirklich ein Baum? Oder nur ein Rebell aus Ästen, die wie Finger eines Toten, den man schlecht beerdigt hat, aus dem Boden ragen?
Agreste! Kakteen unter der Sonne. Rotglühende Sonne. Sonne, Sonne, Sonne. Gleißend sticht sie durch die Haut und brennt meine Knochen lahm. Schon jetzt, am frühen Morgen, bin ich müde von gestern und von vorgestern und von allen Tagen zuvor, an die ich mich erinnern kann. Der Lappen auf meinem Kopf, vor Kurzem noch klatschnass, ist ausgetrocknet. Lustlos hängt er in meinem Nacken und über den Ohren. Halb zugekniffene Augen warnen mich vor Stacheln, die es auf mich abgesehen haben.
Ein Busch kriecht dicht am Boden, nach Wasser grabend. Um ihn herum erreicht mein Blick nur steinharte Zweige, trocken gegerbt, leblos. Hitze, die niemals nachgibt, Schweiß, der aus tausend Poren schießt und den der Boden unter meinen Füßen gierig verschluckt.
Gierig wie die Aasgeier, die frech um mich herumsitzen und warten. Warten auf was? Schafe und Ziegen sind selten geworden. Blank genagte Knochen starren durch die Ewigkeit aus Geröll und Staub. Nichts wird zu nichts.
Agreste! Der letzte Regen fiel vor einem halben Jahr. Jubel verhallt so schnell wie Wasser im Sand versickert. Irgendwo liegt ein Blatt. Ein einzelnes Blatt, das seine Farbe längst verloren hat. Leise knisternd zerbröckelt es. Bald wird es ein Teil sein von versandetem Land und Staub und Trauer, und keiner wird wissen, woher es einmal kam.
Und ich, Agreste? Wo sind die Wege geblieben, die mich in deine Arme geführt haben? Und wann war es und warum überhaupt? Ich höre nicht auf nachzudenken und weiß es dennoch genauso wenig wie das Blatt, das vor meinen Füßen im Sand verdorrt. Oder wie die einfachen Kreuze, die irgendjemand aus krummen, knorrigen Ästen zusammengebunden hat und die ohne Friedhofsmauer und ohne Grabsteine dahindämmern und ohne Namen, die an die hier Begrabenen erinnern könnten.
Agreste! Selbst die Toten sind hier bedürfnisloser als sonst irgendwo.
Ein paar Minuten vor Sonnenaufgang kommt der Bus. An den verbeulten Schüttelkasten, dessen Türen nicht mehr richtig schließen und den Staubwolken freien Einlass gewähren, habe ich mich inzwischen gewöhnt. Von dem orangefarbenen Lack ist nicht mehr viel zu sehen. Nur seltsame Flecken und bizarre silbergraue Streifen, die das Sonnenlicht widerspiegeln und in meinen Augen schmerzen, sind übriggeblieben. Wind und Sand haben gründliche Arbeit geleistet.
Auf dem Dach halten sie sich gegenseitig. Notdürftig verschnürte Pappkartons aus zweiter Hand, mit einem mageren Strick eines ans andere gebunden. Tücher, die ein paar Habseligkeiten enthalten, und Köfferchen und Beutel, die während des täglichen Dahinrumpelns wie unförmige Klumpen hin- und hertanzen, dazwischen ein zerschlissen zerrittener Sattel samt Lasso, zuletzt ein betagter Tisch, dessen Beine nach oben ragen.
Mit dem knappen Fahrgeld, das man den Passagieren für die tägliche Fahrt abnehmen kann, ist es nicht weit her. Jede kleine Kiste, jeder Sack, jede Basttasche zählt. Ein paar Gemüsekisten, die auf den nahen Markt sollen, runden die schmalen Einkünfte ab. Fast ist die ärmliche Fracht so wertvoll wie die Hoffnung. Und nur Hoffnung ist wichtiger als der nächste Regen, auf den man geduldig wartet.
Trotz des krächzenden und scheppernden Motors schaffen wir es jeden Tag, an unser Ziel zu kommen. Leidend, hoffend, betend und wartend. Wir warten, bis irgendein Wunder geschieht. Die Frau, die manchmal in meiner Nähe sitzt, lispelt unverständlich vor sich hin, wobei sie ihren Rosenkranz in krallenartigen Fingern hält und langsam weiterschiebt.
Ich versuche, mit dem Blick durch das von Staub und Sand blind gewordene Fenster zu dringen. Selten entdecke ich Neues. Irgendetwas anderes als das, was sich mir jeden Morgen bietet. Mein Blick fällt auf eine Gruppe Frauen, die randvolle Wasserkübel auf ihren Köpfen nach Hause schleppen. Zum nächsten Brunnen sind es sechs Kilometer. Vielleicht auch ein paar mehr. Ende der Woche soll der Wasserwagen kommen. Wunder sterben niemals aus. Man muss nur an sie glauben.
Agreste! Auch das gebrechliche Gefährt, dem ich mich täglich anvertraue, findet den Weg, den es in Wirklichkeit nicht gibt. Zwischen den Kreuzen und dem Baum neben mir sehe ich Reifenspuren von gestern. Nicht weit davon stehen die Hütten von Ararapurana am Wegrand. Die Straße, die dort einmal hätte vorbeiführen sollen, hat man aufgegeben. Acht Hütten sind es. Während wir an ihnen vorbeirumpeln, zähle ich sie wieder. Rotbraune Lehmwände, grob und rau, da und dort mit gelben Flecken dazwischen, so als ob man sie tarnen wollte. Fingerbreite Risse, die sich über die Mauern gelegt haben, sehen aus wie Spinnenbeine und haben sich längst in mein Gedächtnis gegraben. Ab und zu scheint man ein paar Ziegel dazwischengestopft zu haben, um das Schlimmste aufzuhalten. Noch heute könnte ich sie zeichnen, und manchmal erscheinen sie in meinen Träumen.
Ich bemerke einen Schatten, dann das ausgemergelte, lederne Gesicht. Knöchern, reglos starrt es durch den Schlitz eines verblichenen Baumwolltuches auf unseren Bus. Wie ein Schmetterling, dem die Hitze zu viel wurde, flattert der Fetzen Stoff zwischen den Rissen hin und her, vielleicht um Staub und Sand abzuhalten und dem von draußen Kommenden die Sicht zu verwehren, obwohl es nicht viel zu sehen gibt. Unser Bus fährt gleichgültig daran vorbei. In Ararapurana wartet niemand auf ihn.
Neben uns geht ein kleiner Junge im Sand. Unerschütterlich trottet er vor sich hin und scheint das Ziel der langen Strecke seinen Beinen zu überlassen. Gottergeben, wie mir scheinen will, stolz und mutig läuft er ein paar Meter neben uns her und verliert sich dann im Staub, den wir hinter uns herziehen.
Wohin es den Kleinen jeden Morgen trieb, hatte ich mich lange nicht gefragt. Viel zu lange, wie mir heute scheinen will, und manchmal, wenn es Nacht wird, schäme ich mich, weil ich nicht einschlafen kann und weil mir der Bub anfangs gar nicht aufgefallen war, ja, weil mir seine Existenz wochenlang gleichgültig gewesen war, so, wie einem in der Agreste, die Mensch und Tier und jeden Halm im Boden gnadenlos aussaugt und zu Stein werden lässt, allmählich nichts mehr wichtig ist.
Lange hatte ich mich nur in die hinterste Ecke des Busses verdrückt, um mich auf diese Weise vor hereinquellenden Staubwolken und den Puffern im Rücken auf durchgesessenen Bänken zu schützen und das ewig gleiche Gemurmel meiner Mitreisenden nicht fortwährend anhören zu müssen. Warum hatte ich so lange nichts anderes getan, als den baumwollenen Lappen über Mund und Nase zu halten, ohne auch nur die Spur eines Gedankens an den Jungen verschwendet zu haben? Da er keine Schülermappe trug und auch keines der üblichen Säckchen auf seinem Rücken baumelte, konnte ich annehmen, der Junge begebe sich nicht zum einzigen Schulhaus in dieser Gegend. Übrigens handelte es sich dabei um eine äußerst bescheidene Baracke, die man erst vor Kurzem erstanden hatte und schließlich zwischen Ararapurana und einer benachbarten Siedlung ans Ufer eines ausgetrockneten Tümpels setzte. Doch so weit lief der Junge sicher nicht. Noch weniger hätte ich ihn allerdings vor jenem primitiven Gipsofen vermutet, der sich hinter einer kaum wahrnehmbaren Anhöhe befand und zusammen mit der nahen Ziegelei von morgens bis in die Nacht grauschwarze Rauchwolken in den Himmel stieß.
Dass ich den Buben am Ende doch noch kennenlernte, hing mit einem Ochsenfuhrwerk zusammen, dem unser Bus nicht rechtzeitig ausgewichen war, was schließlich zu endlosem Palaver und zu einem längeren Aufenthalt führen musste. Und auch dabei war mir der Kleine zunächst nicht aufgefallen, da der Zwischenfall von Ararapurana die umherstehenden Bewohner derart in Aufruhr versetzte, dass mir der Tumult, der sich im Anmarsch befand, als unvermeidlich erscheinen musste.
Ganz plötzlich stand dann der Bub neben mir. Selbst der aufgeregte Atem war mir nicht entgangen, und obwohl ich den kleinen Läufer nicht sofort entdecken konnte, hatte ich doch nicht den geringsten Zweifel. Nur er konnte es sein. Jener Junge, den ich wochenlang nicht beachtet hatte. War es dann so unverständlich, dass ich plötzlich zu zittern begann?
Schließlich drückte sich der Junge an mir vorbei nach vorn, und sicher war es nur ein jäher Entschluss, um das verletzte Tier aus nächster Nähe sehen zu können. Ich sah die Muskeln seines Nackens zucken, bevor er sich ruckartig umwandte und mit unverkennbarem Vorwurf in mein Gesicht starrte. Warum richtete er seinen Blick gerade auf mich? Sah er in mir vielleicht den einzig Schuldigen für den Zwischenfall an jenem Morgen? Warum hilfst du denn nicht?, las ich in seinen Augen. Und trotzdem schwieg er. Ja, ich glaubte zu bemerken, dass er seine Lippen noch fester aufeinanderpresste.
»Es sieht schlimm aus«, sagte ich, nur um meine Verlegenheit zu verbergen.
»Kann man nichts für ihn tun?«
»Man wird einen Tierarzt holen müssen.«
Der Junge sah mich ratlos an. Sofort erkannte ich meinen Fehler. War ich noch nicht lange genug in der Agreste? Ein Tierarzt? Hier in Ararapurana, in dieser Gegend aus Leiden, Staub und Tod? Vermutlich hatte weder der Junge noch sonst jemand die geringste Ahnung, dass es so etwas wie einen Tierarzt überhaupt gab. Wenn es nicht anders ging, dann töteten sie die Tiere, um einen letzten Gewinn zu haben, und versuchten vergeblich, sich flügelschlagende Aasgeier vom Leib zu halten.
»Wie heißt du?« Die Frage kam mir belanglos vor, ja lächerlich, und doch war mir in diesem Moment nur diese eingefallen, um das karge Gespräch in Gang zu halten und von dem betrüblichen Ereignis des Morgens loszukommen.
»Jere«, antwortete der Bub nach einer kurzen Pause, in der er angestrengt nachzudenken schien. »Jere!« Ganz langsam, als ob er buchstabieren müsste, brachte er die vier Buchstaben heraus, und das in jener typischen Nuance, die für die Menschen im Nordosten kennzeichnend ist. »Alle sagen Jere. Nur mein Vater sagt Jeremias. Die anderen sagen Jere. Jeremias mag ich nicht.«
»Und weiter?«, forschte ich, um seinen ganzen Namen zu erfahren.
»Ich weiß nur Jere.«
Und sein Vater? Gewiss war der Bub verständig genug, um den vollen Namen seines Vaters zu kennen. Davon ausgehend, fing ich erneut an nachzuforschen: »Kennst du den Namen deines Vaters?«
»Zé.«
»Nur Zé?«, fragte ich und die Verzweiflung musste mir im Gesicht gestanden haben.
Jere nickte. »Nur Zé. Alle sagen Zé.«
»Und deine Mutter?«
Der Junge schüttelte den Kopf und hielt den Daumen nach unten. Ich verstand und es tat mir leid, ihn danach gefragt zu haben. Doch dann hatte ich den Eindruck, er mache sich nichts daraus. »Du hast keine Mutter … mehr?«, wagte ich mich weiter vor.
Jere zuckte mit den Schultern. »Gott hat sie genommen«, erklärte er sachlich.
Ich dachte an die Kreuze und wurde den Eindruck nicht los, er erinnere sich gar nicht mehr an seine Mutter.
»Der Ochse blutet immer noch«, unterbrach er meine Zweifel.
»Er wird durchkommen«, behauptete ich, allerdings ohne die geringste Ahnung zu haben. Und ich wunderte mich, woher die Kraft kam, die meiner Stimme so viel Gewissheit verliehen hatte. Im gleichen Moment entschied ich mich, die nächste Frage an ihn zu richten: »Gehst du nicht zur Schule?«
Eine Stahlfeder schien seinen Kopf hochschnellen zu lassen. »In die Schule?« Es sah aus, als denke er darüber nach. »Nein. Ich war niemals dort.«
»Was machst du dann, wenn du nicht zur Schule gehst?«
»Steine.«
Ich verstand nicht, was er damit meinte. Doch schien er sich mit mir keinen Spaß zu erlauben, denn sofort hielt er beide Hände so vor sich hin, als ob er einen Stein tragen müsste. Dabei sah er mich mit halb geschlossenen Lidern an, als wolle er sich vor etwas schützen. »Ich mache Steine«, erklärte er stolz.
Ich fühlte, dass es für ihn das Natürlichste der Welt war, wenn ein Neunjähriger schon genug Kraft besaß, um ihn Steine brennen zu lassen.
»Backsteine, weißt du«, versicherte er mir und sah mich dabei an, als ob ich es noch immer nicht verstanden hätte. »Schöne rotbraune Backsteine, aber ohne Glasur.« Dabei deutete er auf das Gestrüpp jenseits des engen Weges, hinter dem seit etlichen Minuten dichte Rauchschwaden in den Himmel kletterten. Von nun an war meine Neugierde nicht mehr zu bremsen. »Droben gibt’s Lehm.« Das sollte ich nun auch noch glauben. »Nicht besonders guten, aber es geht schon. Aus Lehm kann man Backsteine brennen«, wurde ich belehrt.
»Was bekommst du dafür?«, wollte ich wissen.
»Zwei Reais jeden Abend, aber nur, wenn ich 300 Steine fertigbringe.«
Ich brauchte nicht lange nachzurechnen. Knapp einen Dollar täglich bekam er also, wenn er lange genug in der Hitze stand. »Du machst 300 Steine am Tag?«, zweifelte ich.
»Nein«, widersprach er. »Nicht am Tag.« Nun war er sicher: Von Ziegeln hatte ich keinen blauen Dunst. »Nur nachmittags mache ich Steine.«
Könnte er dann nicht am Vormittag in die Schule gehen?, überlegte ich. »Was machst du jetzt?«
»Holzkohle abladen und zum Gipsofen schleppen. Morgens muss die Kohle zum Gipsofen.«
»Und dafür? Wie viel gibt’s dafür?«
»Nichts!«
Für einen Moment lehnte ich mich an den siedend heißen Kotflügel unseres Busses. Hatte ich richtig verstanden? Oder musste ich wieder mit etwas fertigwerden, das man nur in Ararapurana begreifen konnte? »Nichts?«, wiederholte ich abwesend. Vielleicht habe ich ihn damals sekundenlang angestarrt. Oder einfach auf den sandigen Weg oder in den Schattenstrich unseres Busses geblickt. Ich weiß es heute nicht mehr. Vielleicht war der kleine Jere gar nicht bei Verstand und die anderen machten mit ihm, was sie wollten. Sicher war nur eines: ›Nichts‹ hatte er gesagt. Schleppte er wirklich den ganzen Vormittag die Kohle zum Gipsofen? Ganz umsonst?
Der Kleine sah mich an wie einen, der erst heute Morgen auf die Welt gekommen sein konnte. »Weißt du, wenn ich die Kohle nicht zum Ofen bringe, lässt er Frico die Steine pressen. Der ist da doch auch hinterher. Und dann …?«
Ja, dann … Ich nickte und versuchte, ihn davon zu überzeugen, dass ich alles verstanden hatte, und insgeheim hoffte ich, dass er mein Entsetzen nicht bemerkte.
»Geschäft ist Geschäft«, sagte Jere fröhlich.
»Wenn du nicht Steine pressen müsstest, würdest du dann in die Schule gehen?«
Wieder schien er gründlich nachzudenken. »Vater sagt, Schule sei Quatsch. Ich müsse Geld verdienen.«
»Hm.« So ganz neu war mir diese Theorie nicht. »Und sonst, was würdest du …«
»Fußball spielen«, platzte er heraus. »Weißt du, ich würde gerne Fußballer werden. Fußball ist toll!«
»Kannst du spielen?«
»Ein bisschen schon. Aber nur ein bisschen.«
»Hast du einen Ball?«
»Nein«, sagte er und sah auf seine nackten Füße. »Breno hat einen, aber der ist doch geplatzt. Letzte Woche«, fügte er traurig hinzu. Aber dann sah ich ihn zum ersten Mal lachen. »Weißt du, jetzt kicken wir halt so noch n bisschen damit rum.«
Einige Wochen später brachten sie Jere zu uns. Ich brütete gerade über der Liste unerlässlicher Ausgaben. Sollten wir unsere kleine Station doch noch schließen müssen? Jere war in der Ziegelei aus drei Metern Höhe von der Leiter gestürzt. Dabei hatte er sich zwei Rippen gebrochen, nachdem er auf ein Wägelchen voll Backsteine gefallen war. »Jetzt werden sie Frico Steine machen lassen«, jammerte er, da er mich inzwischen erkannt hatte.
»So kannst du auf jeden Fall nicht arbeiten.« Der Arzt schüttelte energisch den Kopf.
Schwester Miriam stand mit dem Formular in der Hand neben mir und redete auf den Buben ein. »Hast du einen Ausweis dabei?« Wie sollte sie ihn denn in die Patientenliste eintragen?
»Hab keinen.«
»Sonst irgendetwas mit deinem Namen? Vorname, Nachname und so? Wo wohnst du denn?«
»In Ararapurana.«
Schwester Miriam sah die Zwecklosigkeit weiterer Fragen ein. »So, in Ararapurana also? Aber ohne irgendeinen …«
»Jeremias da Cunha«, flüsterte ich ihr zu, da mir dieser Name gerade in den Kopf kam. »Den Ausweis bringt er schon noch.«
Schwester Miriam spitzte die Lippen und sah mich von der Seite her an. »Na ja, wenn Sie das sagen …« Inzwischen kannte sie mich gut genug.
Wer in Ararapurana hatte schon einen Ausweis? Meistens haben die Eltern nicht einmal die paar Reais, um den Geburtsschein der Neugeborenen zu bezahlen. Es gab ein bedauerndes Kopfschütteln auf der Registratur und der kurze Dialog war beendet. Kein Geld – kein Geburtsschein. Am Ende hatte jeder seine Spesen.
Auch für den kleinen Jere aus Ararapurana hatten sie nichts übriggehabt als ein kurzes Schulterzucken. Streng genommen war er nie auf die Welt gekommen. Jere existierte einfach nicht. Und nie im Leben würde er ein Recht haben. Nicht einmal das Recht zu sterben. Es würde nur ein einfaches Kreuz aus knorrigen Ästen zusammengebunden und ohne den Namen irgendwo in der Agreste in den Boden gesteckt werden.
Zehn Tage lang hatten wir ihn auf der Station. Sobald es der Arzt verantworten konnte, half Jere in der Küche mit.
Von nun an verging kein Tag, ohne dass er mir von den Ziegeln erzählte. »Frico macht jetzt meine Steine«, jammerte er jedes Mal, sobald ich mich in der Küche zeigte, um Bestände aufzunehmen oder das Mittagessen nachzuprüfen. »Nie mehr werde ich Backsteine machen dürfen.« Und dann weinte er wieder. Backsteine, Backsteine, Backsteine! So lange, bis ich davon zu träumen begann. Nächtelang stieß ich mit einer Schar Kinder zusammen. Kinder, Kinder, Kinder, lehmverschmiert in der Gluthitze vor dem Ziegelofen schuftend.
Der Anruf, der mich nach São Paulo zurückbeorderte, kam völlig unerwartet. Abkommandiert. Was wussten die in São Paulo von Ararapurana! Kurz vor Sonnenuntergang hetzte ich auf die Registratur. Mein Entschluss stand längst fest. Der Beamte hatte ein Einsehen und stellte den Geburtsschein aus – gegen anfallende Extraspesen, wie er mir im Flüsterton begreiflich machte. Ich zwinkerte ihm vertraulich zu und danach machten wir aus Jere einen Menschen. Gewissensbisse hatte ich nicht. Der Junge war schließlich auf die Welt gekommen, ob es die anderen wahrhaben wollten oder nicht.
»Von jetzt an heißt du Jeremias da Cunha.«
»Da Cunha? Wieso da Cunha?«
»Heißt dein Vater nicht etwa da Cunha?«
Jere lachte. »Er heißt doch nicht da Cunha. Er heißt nur Zé. Und ich will Jere heißen«, protestierte er. »Jeremias gefällt mir nicht!«
»Was willst du jetzt machen?«, fragte ich und hielt die Hände auf, als trüge ich einen Ziegel.
»Wenn ich Fußball spielen könnte …«
Doktor Moreira untersuchte ihn ein letztes Mal und klopfte seinen Brustkorb ab. »Fußball … Na ja, Jere, wenn du Fußball spielen willst, dann tu es!«
Ich muss ziemlich verloren in meiner Ecke gesessen haben.
»Was hast du?«, fragte Jere, als er in das kleine Büro hereinsah.
»Nichts«, log ich. »Es ist … es ist nur ein Moment. Ich habe das häufig.« Dann griff ich nach dem Hörer und versuchte, São Paulo zu erreichen. Vielleicht konnte ich einen kleinen Aufschub erwirken … nur einen Monat.
Vierzehn Tage zuvor hatte der Junge nicht gewusst, was ein Telefon war. Als ich aufgelegt hatte, zeigte er auf den Apparat. »Teléfono«, erklärte er begeistert. Wir lachten beide. Plötzlich aber wurde er ernst. »Du hast etwas. Ich weiß das!«
Ich gab keine Antwort. Stattdessen nahm ich einen Zettel aus der Schublade und tat, als notierte ich irgendetwas Wichtiges. Ich schämte mich. Warum wollte ich es vor dem Buben verheimlichen?
»Ich muss zurück nach São Paulo«, sagte ich endlich und sah dabei zum Fenster hinaus. Als ich mich umwandte, sah ich eine einzelne Träne über Jeres Gesicht rollen.
»Warum … musst du?«
Wieder hatte ich keine Antwort, die ihn hätte überzeugen können. Was wusste er von unserer Welt?
»Ich werde wieder Steine machen!«
Es traf mich wie ein Schlag.
»Senhor Ronaldo wird mich wieder Steine machen lassen. Die Rippen sind ganz okay. Und ich mache bessere Steine als Frico! Viel bessere!« Jere straffte seinen Oberkörper und versuchte, mir etwas von seinem jugendlichen Bizeps zu zeigen. »Ich werde billiger sein als Frico!«
»Nein! Jetzt hast du einen Ausweis. Du bist Jeremias da Cunha!«
»Jere«, widersprach er und wurde ernst.
»Okay. Dann eben Jere. Auf jeden Fall wirst du mit mir nach São Paulo fahren.«
Er lehnte sich an die kahle Bretterwand und hielt den Atem an. »Nach … São … Paulo? Wo ist das? Mit einem Omnibus?« Dann lachte er laut. »Du schwindelst.«
»Nein, ich schwindle ganz und gar nicht.«
»Ich … Omnibus fahren?«
»Ja, du.«
Bis jetzt hatte Jere noch nie in einem Bus gesessen. Meine Gedanken jagten hinter mir her. Das Abenteuer, auf das ich mich durch dieses Versprechen eingelassen hatte, kam mir zu spät in den Sinn.
Zehn Tage quälte ich mich damit herum. Zehn Tage mit Leptospirose, Chagas-Leiden, Ruhrpatienten, Fieberkurven, Knochenbrüchen, Magenblutungen. Zehn Tage im Zickzack zwischen Leben und Tod.
Per Telefon bettelte ich in Rio um ein paar Pakete Verbandsmaterial, um Serum, um ein paar tausend Reais für dringende Medikamente. Der Präsident habe versprochen … Der Gesundheitsminister habe das Gesuch weitergegeben … Der Sonderbeauftragte sei zurzeit auf Europareise … Nächste Woche vielleicht … Ich legte auf.
Schwester Miriam stand in der Tür. Der kleine Vitório war vor ein paar Minuten gestorben. Seine Mutter hatte ihn zu spät auf die Station gebracht und das, was ihn hätte retten können, fehlte im Regal. »Gott nimmt sie«, sagte die Frau mit dem toten Kind im Arm. Von sieben Kindern war es das dritte, das sie verloren hatte. »Gott gibt sie, Gott nimmt sie.«
Agreste endlos. Leben von heute auf morgen. Hoffen, warten, beten und glauben. Vor allem glauben. Ich hielt die Hand über die Augen und blinzelte durch das Fenster hinaus in die gleißende Weite. Platz genug gab es hier. Platz für Kreuze aus knorrigen Ästen, mit Bast zusammengebunden.
»Mario«, sagte Schwester Miriam und umarmte mich, als wir mit Jere vor dem Überlandbus standen. »Ach, Mario!«
Jere kletterte wie im Traum in den Bus. Drei Tage und zwei Nächte dauerte die Reise. Quer durch Brasilien. Tagsüber dösten wir vor uns hin, rutschten hin und her, versuchten minutenlang, eine andere Lage ausfindig zu machen, um unsere Rücken zu vergessen, und sehnten uns nach dem nächsten Stopp. Dann und wann riss Jere die Augen auf, wenn wir auf Zentimeterdistanz an einem Lkw vorbeirutschten. Tagelöhner oft, auf schwankenden Brettern dicht gedrängt aufeinanderhockend, braune, runzelige, sonnenversengte Gesichter, Frauen mit ihren Kindern dazwischen, irgendwo Halt suchend, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Magisch vorbeigleitende Landschaften, dazwischen unsere bizarren, unsicheren, wahllos zusammengeschraubten Gedanken, plötzliche Vorstellungen, die sich nie verwirklichen ließen, wie Blitze, die im Unwetter zuckten und uns das Dunkel überließen. Brasilien endlos.
»Kann ich Steine machen in São Paulo?«
Ich musste lachen. Warum lachte ich eigentlich? Es war mitten in der Nacht. Hinter mir hustete jemand und klopfte auf meinen Rücken. »Nein«, flüsterte ich.
»Warum nicht?«
Wie sollte ich es dem Jungen erklären, der nichts gesehen hatte, außer drei, vier Hütten, einen Haufen Ziegel und den staubigen engen Weg zum Gipsofen, zu dem er jeden Morgen Holzkohle schleppte? Wie sollte ich ihm verständlich machen, wie es ist, wenn du über nie endende Asphaltbänder jagst und an hundert steil in den Himmel ragenden Betonriesen entlangirrst, mitten im Donner von Bussen und Mikrotransportern, Lastern, Bahnen, uralten Vehikeln auf abgefahrenen Reifen, aufgepeitscht vom Kreischen der Bremsen neben dir, von Trillerpfeifen, dem Gebrüll von tausend Straßenhändlern, dem nervenzerreißenden Kratzen der Zementmischer, hart auf hart aufeinanderschlagenden Stahlträgern, absinkend im Tapsen und Rennen der Dahinflüchtenden, gefangen im Taumel der Eiferer, zwischen Glück und Ausweglosigkeit, Hass und Hölle, Angst und Jubel derer, die sich selbst nicht mehr verstehen und widerstandslos in die Einsamkeit schlittern. Brasilien endlos!
Zwei Nächte lang sah ich dem Buben ins Profil, während er mit halb offenem Mund im zerrissenen, abgeschabten Polster hing. Was hatte ich verbrochen? Ich suchte nach handfesten Gründen, nach Trost, nach Halt, nach der geringsten Rechtfertigung für meinen Entschluss.
»Du wirst lesen und schreiben lernen«, erklärte ich am anderen Morgen.
Jere riss seinen Kopf herum und starrte mich an wie ein Gespenst. »Das werde ich nie lernen. Das ist unmöglich. So etwas … das kann ich nicht.«
Ich fror. Von Neuem überfiel mich ein Nebelschleier voll mit Zweifeln, Ängsten und unlösbaren Fragen, aus denen ich nicht mehr herauszufinden glaubte.
Jere schüttelte immer wieder den Kopf. »Nein«, sagte er leise und es hörte sich an, als bettelte er. »Nein. Ganz bestimmt. Das geht … ich kann das nie.«
»Jeder kann lesen und schreiben lernen«, herrschte ich ihn an. »Und rechnen natürlich auch.«
»Ich kann rechnen.« Jere zählte seine Finger ab. »Senhor Ronaldo zahlt jede Woche zehn Reais.« Jere strahlte. »Siehst du, dass ich rechnen kann?«
Jeremias da Cunha lernte rechnen, lesen und schreiben. An seinem 17. Geburtstag brachte ich ihn in der Buchhaltung einer amerikanischen Gesellschaft unter.
Samstags ging er Fußball spielen. Wenn er dann heimkam, verschwitzt und entkräftet, wurde er oft nicht mehr mit seinen Tränen fertig. »In Ararapurana haben sie keinen Fußball. Der einzige, den sie haben, ist ganz kaputt.« Darüber kam er nie hinweg. »Wenn sie wenigstens einen guten Ball hätten …«
Und sie können nicht lesen, sie können ihren Namen nicht schreiben und sie wissen nicht, wo Europa liegt. Wir verloren kein Wort darüber. Wozu auch? Es war mir klar, dass ich ihm Zeit lassen musste. Viel Zeit sogar.
Eines Morgens, als wir in der Bar an der Ecke unser Frühstück einnahmen, war es so weit. Jere knabberte unlustig an seinem Brötchen und druckste mit etwas herum. Ich war auf etwas Bombastisches gefasst, auf so etwas wie einen Donnerschlag. Hatte sich Jere vielleicht rettungslos verknallt? Oder wollte er ausziehen aus unserer Zweizimmerhöhle, um von nun an allein zu sein? Wenn man lange genug zusammenlebt, spürt man genau, wenn etwas in der Luft liegt. Ich rührte in meinem Kaffee herum. Es kam mir vor, als warte Jere auf den passenden Moment. Oder als ob er nicht wüsste, wie er es sagen sollte.
Dann, ganz plötzlich, überfiel er mich: »Mario! Ich will zurück. Verstehst du? Zurück nach Ararapurana.«
»Warum?«, fragte ich leise und wunderte mich, aus welchem Grund es mich nicht schockierte. Warum? Warum schon? Genauso gut hätte ich irgendetwas anderes, etwas furchtbar Belangloses fragen können.
»Ich werde den Ziegelofen kaufen«, erklärte Jere. »Ich habe Geld gespart.«
»Du willst die Kinder Ziegel brennen lassen?«
Meine unüberlegte Frage musste ihm einen Stich gegeben haben. »Nein!«, schrie er entsetzt, sodass der Barmann hinter der Theke zu uns herübersah. »Natürlich nicht! Ich werde bessere Ziegel machen, solche mit Glasur. Die kann ich nach São Paulo schicken, und sie werden teurer sein als die, die sie jetzt in Ararapurana machen. Dann können die Väter Backsteine brennen, und Frico und Beto und Emilio können in die Schule gehen! Ich werde eine neue Schule bauen, aus guten Ziegeln mit roter Glasur. Denk doch mal! Es wird eine schöne Schule werden, die Kinder werden sich freuen und lachen, und alle werden lesen und schreiben lernen. Alle!«
Ich starrte in meine halb leere Kaffeetasse. Draußen hatte der Nieselregen aufgehört, der Asphalt schillerte grauschwarz und dampfte. Ich weiß nicht mehr, was mich an jenem Morgen zu meinem Entschluss gebracht hatte. Ich weiß nur noch, dass ich auf das Datum meiner Uhr sah. Es war ein 17. April. Der Mann hinter dem Schanktisch erschrak, als ich meine Tasse auf den Tisch knallte. Ich blickte Jere in die Augen. Sie hatten den Glanz der Kindheit verloren.
»Nach Ararapurana …?« Ich nickte ihm zu und schluckte den Rest der Brühe hinunter. »Nach Ararapurana? Ich fahre mit!« Mehr fiel mir dazu nicht ein. Unsere Zeit in São Paulo war einfach abgelaufen.
Jere stürzte auf mich zu und umarmte mich. Ich spürte, dass er richtige Muskeln bekommen hatte.
Eine Woche brauchten wir noch, dann hatten wir aufgeräumt – unsere kleine Wohnung, unsere Jobs, uns selbst. In São Paulo hielten uns alle für verrückt. Und wenn schon! Wir fuhren los.
Drei Tage und zwei Nächte lang träumten wir vor uns hin, schmiedeten Pläne und waren entschlossen, unser Glück nie mehr aus der Hand zu geben. Nie mehr! Um keinen Preis der Welt!
ZINNSOLDATEN
Volle Deckung! Oberhalb der Schutthalde verschwinden zwei Dutzend Köpfe. Knallrote Schutzhelme leuchten in gleißender Sonne. Atemmasken und Brillen in dicken Gummifassungen verdecken angespannte Gesichter. Die Muskeln sind bis zum Zerreißen angespannt. Drüben winken sie mit roten Fahnen. Dann ertönt ein letzter Warnruf aus dem Megafon: »Atensçao … Atensçao … Atensçao!« Die Kette der Explosionen zerbricht minutenlanges Warten. 400 Kilo Dynamit reißen die Felswand auseinander. Schutt schiebt sich über die Halde, Riesenbrocken, grausilbern schillernde Kassiterit-Blöcke donnern in die Tiefe, bleiben dann plötzlich liegen und wälzen sich schließlich weiter, irgendwohin.
Über dem Abgrund treiben stechend ätzende Wolken, Nebelschwaden in giftigem Graugrün kriechen durch die Schneise und legen sich über das Land. Dann stampfen die Bulldozer wieder. Stoßend und stöhnend schieben sie das Gestein vor sich her, türmen Erz auf Erz, verändern, was Minuten zuvor unveränderlich schien. Titanische Stahlschaufeln schwenken aus, zuerst nach links, dann im Kreisbogen auf Felsen aufschlagend, schließlich steil in den Himmel gereckt als protestierten sie, jammernd und kreischend in Achsen und unter pausenlos rotierenden Ketten, um hochwertiges Zinnerz auf die lange Reihe wartender Kipplaster zu schütten.
Vor der Zufahrt zur Mine zittert das von glühender Sonne geschundene Tor. Immer zittert es hier, wenn es mit der Wucht der ohrenbetäubenden Schläge und dem Krachen und Stoßen und Stampfen zu viel wird, während sich hundert schürfende Stahlketten ins Gestein fressen und jeden Schrei ersticken.
»FORTUNA NOVA – ZUTRITT VERBOTEN«
Unkenntlich wie Schemen im Zwielicht, verhüllt im Staub unter glühender Sonne stehen Männer zwischen den Lkws und einer fast endlos scheinenden Kette aus Erzcontainern. Verstaubte knöchelhohe Stiefel – Männer in Overalls verpackt. Dahinter Spitzhacken, Blechkanister in Kinderhänden. Da und dort haben die kleinen Burschen Bastkörbe und ausgediente Säcke aufgetrieben. Lärmend und schwitzend, mit braunen sonnenversengten Gesichtern umhertobend, oft lachend wie im Spiel und über mannshohe Brocken kletternd, beim Hupen einer unerwartet daherstampfenden Zugmaschine aufschreckend, retten sie sich hundertmal am Tag vor krächzenden Geröllschiebern, flitzen kaum einen halben Meter vor den Giganten auf die andere Seite, um sich in der nächsten Minute auf einen vermeintlich wertvollen Fund zu stürzen. Aufpassen müssen sie und rennen und schuften, wenn es vielleicht schon am Mittag richtig Moos geben soll. Nach jeder Sprengung liegt das Kleinzeug, das die Abraumtrecker nicht erfassen, in der Schlucht herum.
Cassiterita! Container auf Container. Brasilianisches Zinnoxyd auf dem Weg zum Weltmarkt. Hochprozentig schillert es im gleißenden Licht des unerbittlichen Tropenmorgens. Vor morgen Mittag wird nicht mehr gesprengt. Nur die Bagger werden den Abhang bis zur Unkenntlichkeit zerreißen, stählerne Riesen auf Kettenrädern werden Schuttberge vor sich herschieben und Kinder werden über die Wüste aus Geröll und Steinen kriechen und das verheißungsvolle Zinnoxyd zusammenklauben. Pausenlos. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. FORTUNA NOVA im Zehnstundentakt. 36 Grad im Schatten, brennende Sonne auf nackten Rücken, nicht die Spur einer Wolke am Himmel, Staub im Gesicht und in der blutenden Nase, im Rachen, in den Lungen. Es ist doch nur für ein paar Jahre. Dann werden sie, so Gott will, noch leben, und bis dahin hätten sie eine Menge Geld verdient. So hieß es in der Grube. Fast einen Dollar gab es pro Kilogramm. Vorausgesetzt, dass das Zeug, das sie anschleiften, auch gut genug war, um die Grube zu verlassen.
In dicken roten Buchstaben stand es über dem Tor des Schuppens, den sich Jaime aus zwei vergessenen Containern zusammengeschraubt hatte. Auch wenn die meisten nicht lesen konnten. 92 Centavos per Kilo! Das verstand jeder.
Kurz vor zwölf, noch bevor Jaime den Eintopf in seinem verbeulten Blechgeschirr aufwärmte, standen die Kinder in der Schlange und maunzten und kniffen sich und schrien, wer diesmal die besten Brocken habe und wie viel es dafür geben werde.
Immerhin, es lohne sich doch für die Kerlchen, behauptete Jaime, wenn er abends mit den Fahrern beim Zuckerschnaps hockte. Auch für ihn sei es doch ganz annehmbar. Vier Dollar achtzig bewilligte ihm die Direktion für den Kleinkram. Und wenn das mit den Bürschchen noch ein paar Jahre so liefe, dann werde er das Geld für die beiden Lkws endlich zusammenhaben und aus dem Loch herauskommen. Und droben im Büro dürfe sich auch niemand beklagen. Wie hätten die denn ohne die Kinder das ganze Kleinzeug verladen sollen? »Ist das vielleicht kein Zinn?«, lachte er und goss sich noch einen von dem Klaren ein.
Marcelino stand am Straßenrand. Vor ein paar Tagen war er neun geworden. Groß genug für den Job, wie er meinte. Klein-Sonja wird es schon lernen. Sie war doch auch schon sieben.
»Da runter. Geht doch gut. Rutsch mal durch.«
Klein-Sonja krabbelte unter dem aufgebogenen Drahtverhau ins Minengelände. Fast eine Woche lang waren sie unterwegs gewesen. Zuerst ging’s mit dem Ochsenfuhrwerk ab, dann hockten sie einen halben Tag auf der alten Kiste der Zuckerrohrschneider. Bis sie der Fahrer des Überlandbusses aus lauter Mitleid aufgeladen hatte. Als die Grube in Sicht kam, gab er den Kleinen einen freundlichen Klaps auf die knöchernen Schulterchen und setzte sie ab.
»Guck mal, Sonjazinha«, rief der Bub und kam gar nicht los von den Baggern und Zugmaschinen. »Guck doch! Einer hinter dem anderen.«
Schuttberge aus Zinngestein, dampfende Leiber, schweißnass und staubverkrustet, braun gebrannte Kinder in ausgefransten Shorts, nackte Rücken, Gummischlappen, Wickeltücher um blutende Füße. FORTUNA NOVA! Für einen Moment vergaß Marcelino das bohrende Gefühl im Magen.
»Guck doch, dort«, begeisterte er sich. »Dort stehen sie!«
Nebeneinander, hintereinander, gebückt, kniend, mit bloßen Fingern im Schutt wühlend, dann plötzlich aufspringend und auseinanderjagend, wenn eine der gelben Maschinen herüberstampfte. Jubel, Schimpfsalven, Flüche, Gelächter, im nächsten Moment verstummend, dann und wann umarmten sich zwei Freunde. Mancher schaffte es doch.
»Vai ficar bom aqui!« Marcelino streichelte Klein-Sonja. Es werde schon werden, versprach er ihr.
Ein heiserer Ruf unter einem Schutzhelm drang zu den beiden herüber: »Aufpassen!«
Oft verschluckte einen der Staub, die Fahrer der Trecker sahen die Kleinen kaum, und dann war es auch schon passiert. Aber dort, von wo sie herkamen, sah es nicht besser aus.
Seit Monaten hatte es nicht mehr geregnet, das Land war versteppt und verwüstet und ohne einen Halm im Boden, und Vater hatte auf den paar Hektar fremden Landes doch nur geschuftet und geschuftet. Und jetzt quälten sie Vater wegen der Pacht, das Futter für die beiden Ziegen war am Ende und der Wasserwagen kam nicht mehr. So wie damals, als Mutter starb, erinnerte sich Marcelino. Sein Schwesterchen war noch zu klein und wusste nichts davon.
Seit letzter Woche war mit dem Maisbrei Schluss. Der kleine Weiher und die beiden Tümpel, an denen Marcelino immer fischte, waren ausgetrocknet, die Geier hatten die Knochen der letzten Zebus blank genagt und die Erde war so weit aufgerissen, dass der Bub sein Ärmchen bis zum Ellbogen hineinstecken konnte.
Am anderen Morgen, als sie vor dem Ochsenkarren standen, glaubte der Bub, eine Träne in Vaters Auge gesehen zu haben. Doch außer der Mine gab es in der ganzen Gegend nichts, so sehr der Mann auch grübelte. Nur die Zinngrube! Die Kinder sollten doch überleben und nicht dabei sein und mit ansehen müssen, wie alles zu Ende ging, wenn die Glut der Sonne den letzten Tropfen Blut verdampfte und nur noch die Geier über ihren Köpfen kreisten.
»Einen Sack und eine Hacke!«, rief Marcelino. »Schnell, Sonja, schnell! Dann sammeln wir auch!« So wie alle, die er von Stein zu Stein springen sah. Schnell, bevor der Nächste da war und einem den schönsten Brocken vor der Nase wegschnappte. Stöbern, absuchen, finden und aufklauben. Ab sieben war man schon dabei.
Vorgestern hatte es Frederico erwischt. Ein einziges Mal war er nicht flink genug gewesen. Ein einziges Mal hatte er dem stählernen Arm nicht rechtzeitig ausweichen können.
»Wir passen ja auf … mit den Kleinen«, entsetzt sich Reinaldo und dann weint er selbst wie ein Kind. Ein halbes Leben lang fährt er schon Zugmaschine. »Aber manchmal …« Und dann schreit es in ihm und seine Wut bricht durch die Tränen. »Manchmal … wie sollst du wissen, was die Kerlchen grad im Kopf haben?« Für einen Augenblick nimmt er den Helm ab und wischt den Schweiß aus der Stirn. Abgekämpft stapft er zum Wassertank hinüber und dann kraxelt er mit dem AluBecher in der Hand gleich wieder auf seinen Fahrersitz. »Die Kinder dürften doch gar nicht in der Grube sein«, wettert er von der Zugmaschine herunter und legt den Ganghebel ein. Siebzehn ›Requeiros‹ hatten sie dieses Jahr weggetragen. »Siebzehn!« Seine Schreie gehen im hustenden Lärm der Dieselmaschine unter. Baggerschaufeln, Stahlketten, Detonationen nach Steinschlag, Verschüttete. Und Kinder!
Steinschlag, Explosionen, Verschüttete. Und Kinder.
Immer wieder Kinder! In Scharen kamen sie von überall her. Wie sollte man es verhindern? »ZUTRITT VERBOTEN« stand vor der Einfahrt auf der gelbroten Tafel! War das nicht klar genug?
Jenseits des Hanges hatten sie Notquartiere in den Boden gerammt. Blechbaracken, Holzschuppen. Eine Containerbude mit Zuckerschnaps und Bier und eine Handvoll aufgedrehter Mädchen für die Jungen. Meistens schliefen sie im Freien. Es war ja nicht für immer. Und es erwischte nur diejenigen, die nicht genug aufpassten.
Bulldozer … Explosionen … Bagger … Steinschlag? Und wenn schon! Wovor sie sich fürchteten und was manche bis in die Träume verfolgte, das waren ihre Armut und das Elend dort, von wo sie herkamen, und das Unrecht und das Nicht-Weiterwissen. Samantha hatte vor ein paar Jahren ihre beiden Kinder verloren. Und Miguel seinen Arbeitsplatz. Dann war er in die Mine gewandert und Samantha kam hinterher. Nachts schliefen sie im Zelt, das ihnen einer hinterließ, dem es gereicht hatte. Tagsüber wurde in den Steinen gewühlt. Immerhin holte Miguel jeden Monat gute 250 Dollar heraus. Dreimal mehr, als sie ihm in Porto Velho auf dem Bau bezahlten. Und ganz so kompliziert war das hier gar nicht. Die Maschinen zerschlugen doch alles. Man musste nur die besten Brocken kriegen, damit in den Schuppen rennen und das Zeug auf Jaimes Waage schmeißen.
»Kommt in unser Zelt, bevor es Nacht wird«, sagte Samantha zu Marcelino und Klein-Sonja. »Wir haben noch Platz für euch … wenn ihr uns helft?« Dann zeigte sie den Kindern, welche Brocken die guten waren und was sie tun mussten, wenn die Bulldozer hupten, während sie beim Klauben waren.
Daheim wartete Vater auf den Regen. – Zutritt verboten! – Ich zeig euch, wie man’s macht. – Marcelino kroch mit Klein-Sonja über den Schutt. Es war doch nur für ein paar Jahre. Und die Männer unter den roten Helmen passten schließlich auf.
Aber immer konnten sie es nicht verhindern.
RIO, MORGENS UM FÜNF
Heller und klarer als an den anderen Abenden hing der Mond über der See. Mit der klebrigen Hitze war es noch immer nicht besser geworden. Dampf, nichts als heißer beißender Dampf, nass und tonnenschwer, lastete über der Stadt. Nur hier, abseits vom Trubel der Asphaltschluchten, blies lauer Nachtwind über zertrampelten Sand, zaghaft zunächst, so als ob er sich nicht recht getraute.
»Selmiiira… Selmira!« Der Donner gewaltsam aufklatschender Brandung verschluckte die vergeblichen Schreie, die das Mädchen zum Umkehren zwingen sollten. »Selmira! Selmira!« Immer wieder, unablässig, sinnlos im Zorn in die Nacht hinausgestoßen. Zuletzt versuchte der brüllende Verfolger den kleinen Flüchtling mit heiserer, sich gewaltsam überschlagender Stimme zur Umkehr zu bewegen. Doch schneller, als es zu erwarten war, verwehte die Spur, die das davonrennende Kind im Sand hinterließ. Renn, Mädchen, renn! Renn bloß, wenn du keine Dresche willst!
Selmira schnappte nach Luft. Dann verstummte das Gebrüll. Die fiebrigen Augen des Kindes tasteten sich entlang des glitzernden Schaums, den das heranrasende Seewasser auf den Strand warf. Das rassige haselnussbraune Gesicht und die langen unter ausgeblichenen Shorts hin- und hertanzenden Gazellenbeine, das zerzauste, im Schimmer der Mondnacht blauschwarz glänzende Haar, wirr über den Schultern flatternd, verbargen das Kindesalter.
Renn, Selmira, renn! Wie oft schon war sie den engen Pfad durch die Favela hinunter zum Meer gehetzt und dann nach dort, wo sie die Freiheit vermutete. Freiheit! Irgendwo musste die Freiheit wohnen! Doch bis jetzt hatten sie die Kleine immer wieder zurückgebracht. Und jedes Mal tanzte der Lederriemen auf ihrem Rücken. Sogar an den Dachpfosten hatte sie Vater schon gebunden. »Dass du es lernst«, hatte er die halbe Nacht lang auf sie eingeschrien und immer wieder zugeschlagen.
Joana hatte es doch viel besser. Selmira hielt an und sah zurück. Wie war sie denn mitten in dieser Hetze ausgerechnet auf ihre Freundin gekommen? Joana sah natürlich viel älter aus und konnte auch so raffiniert lachen, und jeden Abend brachte sie genug Geld nach Hause. Letztes Jahr hatten sie sich drüben sogar einen neuen Kühlschrank anschaffen können. Außerdem hatte ihre Freundin einen ganz vernünftigen Vater. Und Andreia erst. Nur eifersüchtig war sie bis zum Gehtnichtmehr. Deshalb schlug sie sich dauernd mit Jacobine herum. Jacobine mit ihrem Engelsnäschen.
Selmira atmete durch. Um diese Zeit hockten die Freundinnen wieder oben vor den Hütten und erzählten sich die seltsamsten Geschichtchen. Nur Selmira rannte wieder am Strand entlang. Ewig und immer den gleichen Weg, kilometerweit, irgendwohin. Nach nirgendwohin! Nur nicht mehr dort hinauf in die Favela, jenseits des steilen Abhangs, an dem die Baracken und Buden Wand an Wand nebeneinanderstanden, die meisten nur lose ins Erdreich geschoben, bis sie vielleicht in einer dunklen Regennacht, wenn niemand damit rechnete, von Wassermassen und unter Bergen von Schlamm und Morast in die Tiefe gerissen würden.
Nur weg von dort! Weg, weit weg. Immer wieder riss Selmira aus. Flucht von klein auf. Flucht und Angst. Grenzenlose Angst! Angst! Angst! Angst! Angst vor den schrecklichen Prügeln des jähzornigen Mannes, bebende Angst vor dem heißen Bügeleisen, vor bösen giftigen Blicken, wenn sie geduckt vor der frostigen Ziehmutter stand, weil sie nicht genug Geld zusammengebettelt hatte und weil keine Milch für die Brüderchen da war und weil Vater die paar Kröten, die am Morgen noch in der Schublade gelegen hatten, beim Zuckerschnapstrinken verpulvert hatte.
Selmira presste die Lippen zusammen. Pause machen! Durchatmen! Wenigstens schrie hier niemand mehr hinter ihr her. Irgendwo musste die Freiheit wohnen. Vielleicht dort drüben, mitten im Gewühl der lachenden Straßenbummler, sich mit einem Eis in der Hand umarmend. Zwanzig-, dreißigstöckige Luxuswohnungen, lichtüberflutete Garageneinfahrten. Avenida Atlantica! Luxuswagen, teures Blech bis hinunter nach Ipanema. Tanzmusik, ohrenbetäubende Lust, gellend schreiende Autohupen, Strandläufer, sich anbellende umherstreunende Hunde, im Sand kichernde Liebespaare. Da und dort gleichmäßiges Tapsen. Dazwischen das Geschrei der Kinder, die sich wegen eines Stückes weggeworfenen Brotes vor randvollen Abfalltonnen in den Haaren lagen.
»Träume in Rio!« Ein knallig angezogener Arbeitsloser, auf zwei Meter hohen Stelzen staksend, mit einem mannshohen Plakat auf dem Rücken brüllte es im Dreißigsekundentakt in die Ohren der Touristen, dann und wann mit den Händen zum Kopf hinauffahrend, besorgt, den blauroten Riesenzylinder zu verlieren. Träume in Rio! Nacht für Nacht sollte das aufkratzende Gebrüll der lebenden Reklamefigur gegen pfeifende Reifen ankommen, gegen Hupen und Tanzmusik, um vielleicht eine Handvoll abenteuerlustiger Touristen in das Vergnügungslokal an der Ecke zu locken.
Freiheit! Selmira flitzte zwischen zwei Stoßstangen hindurch, über die Avenida und gleich in die nachtschwarze Querstraße hinein. Keine hundert Meter mehr, dann kann sie wieder vor Joshuas Obstbude stehen. Joshua war okay! Gierig starrten Sechzehnjährige ihr hinterher. Joshua winkte ihr zu. Schnell, lauf zu, Mädchen, konnte das nur heißen.
Sein ›Laden‹, wie Joshua die sechs Pfosten mit der darüberhängenden Zeltplane mit verschmitzt fröhlichem Grinsen gerne bezeichnete, war gerade stabil genug, um häufige Windstöße, die das Meer herüberschickte, abzufangen und die Petroleumlampe zu halten, die der alte Mann an einem der Pfosten befestigt hatte. Seit Joshua seine Frau verloren hatte, war es mit dem Obstgeschäft nicht mehr weit her, und auch sonst stand er ziemlich allein in der Welt. Von sieben Buben waren noch drei am Leben. Doch sie hatten sich in dem großen Land zerstreut und Joshua wusste nicht recht, wohin es sie verschlagen hatte. Wo sollte er sie denn suchen? Außerdem – wenn er ganz ehrlich sein wollte – war es ihm nie in den Sinn gekommen, die Stadt zu verlassen. Wo hätte er denn hingehen können? Er verkaufte doch sein Obst. War das nicht gut genug? Und er war so glücklich, wenn Selmira zu ihm kam und ein paar Stunden bei ihm blieb. Meistens hockte das Kind auf einer umgestülpten Kiste und stopfte sich eine halbwegs essbare Banane in den Mund.
»Joshua! Deine Bananen sind schon wieder schwarz. Es wird nicht leicht sein, sie noch loszuwerden!«
»Ich weiß, ich weiß schon.«
Der alte Mann musste sich das alles gründlich überlegen. Mit schläfrigen Augen ließ er die paar Reais, die er tagsüber eingenommen hatte, durch seine Finger gleiten. Ob er dafür auf dem Frühmarkt noch genauso viel bekommen würde? Blieb dann doch noch ein später Käufer vor seiner Obstbude stehen, so wurde er meistens von Selmira bedient. Wenn es Nacht in Rio wurde, dann kauften sie lieber von ihr.
Joshua wühlte in den Kisten. Die Angefaulten mussten raus. Kurz vor elf kam Angelica vorbei und nahm den Kram mit. Was sie damit wohl anstellen mag?, fragte er sich, während er den Inhalt seiner Tageskasse immer wieder zählte und das Päckchen zerfledderter Scheine schließlich in einem halbvollen Sack versteckte, in dem er gewöhnlich Trockenobst verwahrte. Er musste sich vor den Jungen, die sich jede Nacht zusammenrotteten, durch die Straßen rannten und kleine Händler und wehrlose Frauen ausraubten, hüten. Was konnte man tun? Eigentlich war ihm nie etwas anderes eingefallen, als zwei, drei Scheine und etliche Münzen geringen Wertes neben der Waage liegen zu lassen. Die rissen sie dann jedes Mal herunter und weg waren sie.
Lange genug hatte der alte Mann an seinen Trick geglaubt. Bis sie ihn eines Nachts vermöbelten, auf seine Knie traten und in seine Ohren brüllten: »Los, Opa! Wo ist der Zaster?« Dann schlugen sie immer wieder auf ihn ein. Woher sollte Joshua denn wissen, ob sie in der nächsten Nacht wiederkamen?
»Es geht immer blitzschnell«, fügte er sich. »Und die paar Leutchen, die dann noch vorbeilaufen … die helfen mir doch nicht. Die gucken nur zu, werfen höchstens die Hände in die Luft und laufen schnell weg.« Joshua schüttelte den Kopf. »Es geht so schnell … immer so schnell.« Nie habe ihm einer geholfen, jammerte er. »Manche lachen sogar. Hier lachen sie immer«, behauptet er aus Erfahrung. Auch wenn es gar nichts zu lachen gebe. Und dann, ganz plötzlich, lacht er selber. Warum sollte er nicht lachen? »Zahlt man dafür vielleicht Steuer?«
Im Übrigen: Wer wisse schon, was uns der nächste Tag bringen wird? Für ihn liege nicht mehr viel drin, glaubte Joshua im Stillen. Sein Bauch wurde in letzter Zeit so dick. Obwohl er gar keinen Appetit mehr hatte und die Kisten kaum noch heben konnte. Vielleicht, weil seine Arme abgemagert waren und weil er so schnaufen musste, bevor es wieder weiterging.
Nachdenklich betrachtete er den Betrunkenen, der vor sich hinlallte und an den Obstkisten vorbeitorkelte. Weit wird der Bursche nicht mehr kommen, vermutete Joshua. Und Bananen wird er auch nicht kaufen. Umfallen wird er. Einfach umfallen und liegen bleiben und nicht einmal mehr den Wind spüren, der nachts von der See herüberbläst.
»Selmira!« Er wollte sie doch so lange schon danach fragen … Joshua starrte die Kiste an, auf der das Mädchen gerade noch gesessen hatte.
»Puxa!« Der Blonde kaufte also doch keine Bananen. Er wollte nur Selmira haben.
Eine glasklare Träne versickerte in dem Gesicht des alten Mannes. Warum bloß ist sie weggelaufen? Ängstlich löschte Joshua die Petroleumlampe und legte sich auf das Bündel leerer Säcke.
Das Getrappel kam aus der Nebenstraße. »Polícia, Polícia!« Schüsse, ein einzelner gellender Schrei, dann ein Körper, der über den Abflusskanal stürzte, und die Sirene eines Bereitschaftswagens, der durch die Straße heulte. Im Morgengrauen veranstalteten sie den Sturm auf die Disko. Dann stopften sie ein rundes Dutzend kahlköpfiger Dealer in den Transporter. Zusammengepfercht ging’s auf die nächste Polizeistation. Was hieß das schon? Der Leutnant im vorausfahrenden Jeep gähnte vor sich hin. Nacht für Nacht die gleiche Tour, die gleichen Straßen, kreischende Bremsen, raus aus dem Jeep, schussbereite Waffen im Anschlag und weiter. Immer weiter. In rasender Fahrt über Plätze und durch Gassen, rein in schummrige Löcher, Schlupfwinkel und Kokskeller ausfindig machen, vorbei an lebensgefährlichen Hinterhöfen, pechschwarzen Durchfahrten, an mannshohen Stahlgittern vor den Zementburgen der Reichen. Warnrufe, Hohngelächter, höllisches Echo aus finsteren Ecken, über das Pflaster klatschende Strandsandalen. Noch halbe Kinder schleiften sie jede Nacht auf die Wache. Dort ging es bis zum Morgengrauen mit den Verhören weiter. Wer stur war, kriegte seine Dresche. Mittags musste man die Kerlchen wieder laufen lassen. Schon von alters wegen. Außerdem … wohin mit ihnen? Nur die großen Haie, die ein Heer von Buben und Mädchen, die Hosentaschen voll Koks und Crack, durch die Gegend schickten, kriegten sie nie.
»Komm schon«, murrte der Fahrer des Jeeps. »Nix mehr los heut Morgen.« Der Motor fing an zu husten. »Merda! Das fehlt uns gerade noch.«
»Halt mal an«, befahl der Leutnant. »Dort … in der Einfahrt!« Hinter einem halb offenstehenden Hoftor erhoben sich Umrisse des Rohbauskeletts. Haarscharf am Randstein hielt der Jeep. Die Halogenlampe tastete einen Zementpfeiler nach dem anderen ab und verlor sich im schwarzen Hintergrund. Irgendwo wimmerte jemand. Oder war es nur leises Stöhnen, Ausklang einer endlos freudvollen Nacht? Wo war man denn? Also, warum nicht weiterfahren? Nichts wie weiter! In einer halben Stunde war es aus mit dem Dienst.
»Stopp mal!«
Der Lichtstrahl traf mitten in das Gesicht. Ein blauschwarzes Kindergesicht, verzerrt, mit dunklen Flecken gleich neben der Nase, zitternde Lippen. Jetzt hielt es die Hand über die verweinten Augen.
Wieder war sie da, die lähmende Angst, das Nicht-Wissen, wohin, nur Entsetzen pur und Scham und die Mauer, über die man nicht herüberkommt. Wo wohnte die Freiheit? Die Wunde oberhalb des Knies blutete. Warum bloß war sie mitgegangen? Wäre sie nur bei Joshua geblieben …
Misstrauisch wurde sie angestarrt, von oben bis unten. »Wer war das?«
Wer sollte es schon gewesen sein? Irgendeiner eben. Selmira schwieg und blickte vor sich hin auf den sandigen Boden, den Rücken an den Betonpfeiler gelehnt.
»Los, red schon, wo hast du dich rumgetrieben?« Fragend zeigte der Polizist in die Dunkelheit des Rohbaus. Wer weiß, was dort drin mit der Kleinen passiert ist?
Selmiras Tränen tropften in den Sand. Beim letzten Mal hatte es auch so angefangen. Jetzt werden sie wieder fragen und fragen. Und dann, wenn sie fertig sind, werden sie mit ihr hinauffahren und sie abliefern, und sie wird wieder vor ihrem Vater stehen. Wieder und wieder. Immer wieder. »Nein, bitte … bitte nicht. Nicht nach Hause!«
Die Polizisten hörten es nicht. Wozu auch? Es war kurz nach fünf, um sechs war es mit dem Nachtdienst aus. »Setz sie hinten rein und fahr los!«
Hinter der nächsten Querstraße stotterte der Motor zum zweiten Mal. Dann stand die Kiste. Endgültig und definitiv. Im Schein der Taschenlampe sahen sie Öl auf den Boden tropfen. »Ein Liter ist mal weg. Mindestens.« Das Wasser im Kühler kochte. »Merda maldita!«
»Das hast du jetzt schon zum zweiten Mal gesagt.«
Der Fahrer hörte es nicht. Vielleicht war der Motor endgültig im Eimer. Selmira weinte leise vor sich hin.
Jenseits knarrte ein Fenster. Der keuchende Atem der Frau war bis hierher zu hören. Für Sekunden zeigten sich fleischige Arme auf dem Fensterbrett. Neugierig belauschte sie das Gespräch in dem verlassenen Sträßchen und rückte dabei ihre Brille zurecht. Nachdem sie das Fenster geschlossen hatte, verlosch das Licht in der Stube.
»So früh schon auf den Beinen?«, rief der Leutnant.
Armanda sicherte sich am Handlauf der Treppe und tappte wortlos hinunter. »Was ist mit der Kleinen?«, fragte sie mit einem Blick auf den Jeep.
»Immer schön neugierig, hm! Was soll schon mit ihr sein? Ausgerissen wahrscheinlich und durch die Gegend zigeunert. So wie alle!«
»So wie alle?« Mit einem Zipfel der Schürze putzte Armanda ihre Brille. »So wie alle«, wiederholte sie leise und besah sich die Flecken in Selmiras Gesicht.
»Das Dingchen da kommt mit«, murrte der Offizier. »Auf die Wache. Sobald die Kiste wieder okay ist.« In einer Stunde sei es aus mit dem Dienst, wurde Armanda informiert. »Aus, fertig.« Er gähnte auf den Asphalt, auf dem sich der Frühnebel niedergelassen hatte.
Der Fahrer zerrte eine Dose Motorenöl unter dem Rücksitz hervor. »Na ja. Bis zum Amt dürften wir noch kommen«, hoffte er. »Dann werden wir weitersehen.«
»Trinkt erst mal eine Tasse Kaffee. Wird euch guttun«, meinte Armanda. Mit ihrem krummen Daumen zeigte sie auf die Treppe. »Und lasst mir die Kleine nicht im Wagen.«
»Wir müssen auf die Wache.« Der Fahrer klappte das Handy auf.
»Besteira!« Der Leutnant hatte den Geruch heißen Kaffees in der Nase und nahm seinem Fahrer das Handy weg.
Selmira kletterte heulend aus dem Jeep. Treppauf zerrte der Leutnant das Kind hinter sich her und orientierte sich am Gekeuche der dicken Frau, bis er die Haustür aufspringen hörte. Armanda schaltete das spärliche Licht des Lämpchens ein, das neben dem leise tönenden Radio auf einer altmodischen Truhe stand. »Sie schlafen nur mit Musik«, flüsterte sie. »Immer wollen sie Musik hören.« Ihr Blick lag besorgt auf den Mädchen, die quer übereinander mit angezogenen Beinen auf dem Sofa lagen. »Die Buben stecken dort«, sagte sie achselzuckend und zeigte unter den Tisch, wo zwei Jungen, bis an die Köpfe in Decken gehüllt, auf einer durchgescheuerten Matratze lagen. Armanda lächelte eine Entschuldigung heraus. »So viele Betten hab ich nicht … schade. Ihr wisst schon, so einfach ist’s nicht, in dieser Zeit.«
Mit einem nicht unfreundlichen »Kommt doch mit« tappte sie voraus in die Küche, um Kaffeewasser aufzusetzen. Zwischen zerbrochenen Kacheln, notdürftig mit Zement verkittet, hingen Kapuzenpullis und Nylonjacken an eisernen Haken. Tipptopp, stellte der Leutnant nach einem Blick auf den blank gescheuerten Küchenboden fest.
»Die Mädchen helfen ein bisschen und die Buben werkeln hinten im Gemüsegärtchen. Anders geht es doch nicht.«
Aus der Ecke zog ein angenehmer Geruch von frisch gebackenem Brot herüber. Zwei kleine Mulatten hatten sich die Nacht über Kopf an Kopf auf einem Notbett eingerichtet. Im Schimmer des heraufkommenden Tages vertieften sich die Falten im Gesicht der Frau.
»Alles Ihre Kinder?«, zweifelte der Polizeioffizier.
Armanda schenkte Kaffee ein und dachte über die seltsame Frage nach. Was sollte sie ihm antworten? »Unsere Kinder sind das«, sagte sie bestimmt und starrte ihn an, während kochendes Wasser durch den Kaffeefilter floss. »Unsere Kinder sind das, Leutnant! Unsere Kinder von Rio.« Immer wiederholte sie es. »Unsere Kinder«, und dabei zuckte sie mit den Achseln, schwatzte vor sich hin und lief schließlich auf den engen Gang hinaus, um nach etwas zu suchen.
»Hast du’s gehört?«, fragte der Beamte und nippte an der Tasse. »›Kinder von Rio‹ hat sie gesagt.«
»Eigentlich … wenn du’s so siehst …«
Draußen auf dem Gang murrte Armanda vor sich hin. »Sie haben sie vergessen und einfach stehen lassen. Stehen lassen wie einen alten Stuhl.«
Selmira lehnte an der gekachelten Wand neben der Feuerstelle und stopfte sich ein Stück Brot in den Mund.
Armanda kam mit einer Decke unter dem Arm und rieb sich die Augen, um den Schlaf zu vertreiben. »Die beiden Zimmer sind voll«, murmelte sie, »aber auf dem Gang draußen unter den Kleiderhaken gibt’s noch ein bisschen Platz. Für ein Kind gibt es immer noch ein Plätzchen. Es muss gehen. Es muss einfach gehen!«
»Ich seh mal nach unserem Karren«, sagte der Fahrer. »Vielleicht will er jetzt.«
Armanda stellte Teller und Milchbecher auf ihren Küchentisch. Vier … sechs … sieben zählte sie in Gedanken ab. Dann schnitt sie dicke Scheiben von den warmen Broten ab. »Sie haben Hunger, immer haben sie solchen Hunger!«
Draußen wich das Zwielicht endgültig dem kommenden Tag. »Bom dia«, sagte der Leutnant an der Tür. »Und danke auch, Frau …«
»Armanda«, sagte sie und lächelte ihn zum ersten Mal an. »Einfach Armanda.«
Unten sprang der Motor an. Die Frau tappte ans Fenster und wartete, bis die Reifen auf dem Asphalt quietschten. Dienstschluss um sechs, erinnerte sie sich. Die kleinen Mulatten auf dem Notbett neben der Kochnische kitzelten sich, pufften sich gegenseitig in die Rippen und lachten dabei. »Pst«, warnte Armanda und zeigte auf die offenstehende Küchentür. »Wir haben Besuch bekommen.« Mit einer Hand am Fensterbrett blinzelte sie hinter dem Jeep her, bis das Vehikel nicht mehr zu sehen war. Selmira lag mit angezogenen Beinen unter einer leichten Decke auf dem Boden der Diele und träumte von einem Garten voll bunter Schmetterlinge, die auf großen rosaroten Blumen saßen.
Pulsuz fraqment bitdi.