Kitabı oxu: «Das Böse ruht nie»

Şrift:

Inhalt

1  Cover

2  Titelei

3  Zitat

4  Prolog

5  Graal-Müritz im August

6  Rostocker Heide – Rövershagen

7  Graal-Müritz, Strand

8  Rostock, Polizeirevier am Hafen

9  Rostock, Kriminalkommissariat

10  Rostocker Heide

11  Rostock, Polizeirevier – Am Hafen

12  Rostocker Heide

13  Gelbensande

14  Rostocker Heide

15  Rostock, Kriminalkommissariat und Gerichtsmedizin

16  Rostock, Kriminalkommissariat

17  Rostocker Heide

18  Das Café im Wald

19  Rostocker Innenstadt

20  Rostock, Kriminalkommissariat

21  Rostock, Rechtsmedizin

22  Rostock, Kriminalkommissariat

23  Graal-Müritz, Strand

24  Graal-Müritz, Seebrücke

25  Rostock, Kriminalkommissariat

26  Rostock, Kriminalkommissariat

27  Rostock, Sportcenter am Schwanenteich

28  Graal-Müritz, Strandbar

29  Torfbrücke, Campingplatz

30  Rostock, Kriminalkommissariat

31  Graal-Müritz, Zaunkönigweg

32  Graal-Müritz, Koppenheide

33  B 105

34  Rostock, Sportcenter am Schwanenteich

35  Graal-Müritz, Seebrücke

36  Rostock, bei Grönfingers

37  Rostock, Kriminalkommissariat

38  In der Nacht …

39  Gelbensande, Jagdschloss

40  Der Morgen danach …

41  Uni Rostock, Schillingstr.

42  Rostock, Kriminalkommissariat

43  Eine traumatische Begegnung

44  Graal-Müritz, Seebrücke

45  Uni Rostock, Schillingstr.

46  Rostock, Kriminalkommissariat

47  Uni Rostock, Schillingstraße

48  Rostock, Kriminalkommissariat

49  Lisas Abschied

50  Epilog

Marion Petznick

Das Böse ruht nie

Ein Ostsee-Krimi


Ostsee Krimi

Petznick, Marion: Das Böse ruht nie. Ein Ostsee-Krimi. Hamburg, edition krimi 2020

1. Auflage 2020

ISBN: 978-3-946734-35-2

Dieses Buch ist auch als eBook erhältlich und kann über den Handel oder den Verlag bezogen werden.

ePub-eBook: 978-3-946734-36-9

Satz: 3w+p GmbH, Rimpar

Umschlaggestaltung: © Annelie Lamers, edition krimi

Umschlagmotiv: www.pixabay.com

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.d-nb.de abrufbar.

Die edition krimi ist ein Imprint der Bedey Media GmbH,

Hermannstal 119k, 22119 Hamburg und Mitglied der Verlags-WG:

https://www.verlags-wg.de

© edition krimi, Hamburg 2020

Alle Rechte vorbehalten.

https://www.edition-krimi.de

„Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht einmal vergangen“

William Faulkner

Prolog

Sein Haus grenzte an die Rostocker Heide und lag nahe an der Ostseeküste. Soweit die Augen sahen, streckten sich mächtige Laub- und Nadelbäume in die Höhe. Dagegen wirkten die mit Schilfrohr gedeckten Häuser winzig, wie auf eine Perlenschnur gefädelt. Seines fügte sich bescheiden in die Reihe der anderen Häuser ein, ohne Blumen vor der Tür oder anderem Schnickschnack. Obwohl er die bröckelnde Hausfassade erneuern ließ, war das einzige Auffällige das Unauffällige geblieben und das harmlose Grau des neuen Anstriches hatte nichts daran geändert. Friedlich steht das Haus da und wirkt verlassen und nicht nur, weil der äußere Glanz fehlt. Längst ist die Patina, die nur den mit Leben gefüllten Häusern eigen ist, verloren.

Niemand ahnte, selbst bei näherer Betrachtung nicht, was sich an diesem Ort einst zugetragen hatte. Doch nicht nur das Haus hatte sich von einer auf die andere Minute geändert. Alles was dem Jungen wichtig war, wurde komplett auf den Kopf gestellt. Ohne Ankündigung überschlugen sich die Ereignisse in seiner Familie.

Inzwischen längst im Erwachsenenalter, schien wenigstens seine kräftige Statur von Vorteil zu sein. Wie ein Schutzschild schirmte sein riesiger Körper ihn vor lauernden Blicken der Nachbarn ab. Die fragten ihn ohnehin nicht, wie es ihm in all den Jahren erging. Die meisten Leute hatten sich zurückgezogen, obgleich ihre Neugier ständig präsent blieb. Gern hätten sie gewusst, was tatsächlich am Rande des Waldes mit den Eltern geschah, damals als der Junge allein zurückblieb.

Seitdem waren einige Jahre vergangen und sie wären für den Jungen besser zu ertragen gewesen, wenn sein Körper nicht so oft von Anspannungen und Ängsten heimgesucht wurde. Ständig plagten ihn Zweifel, in deren Stunden sich sein Plan nicht umsetzen ließ. Manchmal erschien ihm selbst alles sinnlos. Immer dann, wenn sein Körper von einem zittrigen Beben gepackt wurde. Das Schlimmste an diesem Zustand war, dass er überhaupt nichts dagegen tun konnte. Ganz im Gegenteil, er wurde immer unsicherer und fiel in ein noch tieferes Loch. Jedes Mal wurde es schwieriger und es gelang ihm nur mit allergrößter Mühe aus dieser Finsternis herauszukommen. War er erst aus dem Gleichgewicht gebracht, setzte ungewollt diese altbekannte Nervosität ein. Ein erbärmlicher Zustand, den er aus seinen letzten Kindertagen kannte. Ob er wollte oder nicht, durch diese Qualen wurde er viel zu früh erwachsen.

Inzwischen hatte er gelernt, seine innere Zerrissenheit zu kaschieren. Nur wer näher mit ihm zu tun hatte, merkte, dass etwas mit ihm nicht stimmte. Wer ihn oberflächlich betrachtete, erkannte zwar das nervöse Zucken in den Augen, hielt das aber eher für eine Marotte oder einen Schönheitsfehler. Begann die Unruhe, mied er den direkten Blickkontakt. Generell aber hielt er dem festen Blick unbekannter Personen schlecht stand. Mit den Jahren unterließ er es deshalb, konsequent über seine seelischen Wunden zu sprechen. Manchmal sagte eine Stimme in seinem Kopf: „Vertrau dich jemandem an, das ist besser für dich, die Last der Erinnerung ist allein schwer zu ertragen.“

„Nein, das, was dir passierte, kann niemand wirklich verstehen“, gab bald darauf eine andere Stimme ihm die Antwort.

Je mehr Jahre vergingen, desto stärker wurden die Zweifel, sich überhaupt helfen zu lassen. Wer sollte das schon können? Ihn verstehen?

Als Ergebnis seiner Zwiegespräche blieben meist jede Menge Fragen zurück.

Längst hatte er die Hoffnung, so etwas wie Gelassenheit in sein Seelenleben zu bringen, begraben. Zwar wurden seine Selbstgespräche seltener, aber waren sie erst mal da, packten sie ihn mit voller Wucht. Er schien in ihnen gefangen zu sein. An manchen Tagen litt er wie ein Hund, rein gar nichts schien ihm dann zu gelingen. In diesen Momenten empfand er seine Lage ausweglos und igelte sich total ein. An anderen Tagen fühlte sich sein Herz schwer und weich zugleich an. Es gab Tage, an denen er glaubte, den Dreh für sich herausgefunden zu haben, um wenigstens etwas gelassener leben zu können. Das lag am routinierten Ablauf seiner Arbeit und den planbaren Zeiten seines Studiums. Beides sorgte für eine Balance im Alltag, die ihm gut tat. Manchmal keimte sogar ein winziger Hoffnungsschimmer auf, sein Leben könnte doch noch einen normalen Verlauf nehmen. Er hatte inzwischen gelernt, allein, ohne den Vater, dem Lehrmeister von einst, weiterzumachen. Job und Studium schienen ohnehin nur diesem einen Ziel untergeordnet zu sein, er musste das Angefangene zu Ende bringen. Ein winziges Zeichen seines Vaters würde jedoch helfen, den Sinn seines Tuns lebendig zu halten.

Seit er verlassen wurde, lebte er allein, ja fast isoliert. Er kannte es nicht anders von seinen Eltern, also hielt er es so wie sie. Zu niemanden hatten sie Kontakt, nicht mal zu den Nachbarn. Aber genauso wenig nahmen diese jetzt Notiz von dem Jungen. Er wollte unter keinen Umständen auffallen und setzte deshalb in der Wahl seiner Kleidung darauf, möglichst salopp zu erscheinen. Damit hob er sich kaum von den anderen seines Alters ab. Mit seinem sportlichen Look entsprach er dem allgemeinen Bild junger Leute auf der Straße. Aber da gab es noch die andere Seite von ihm: In regelmäßigen Abständen wiederholte er ein Ritual. Dieses Ritual ließ ihn Höhen und Tiefen gleichermaßen durchleben. Es gehörte wie Essen und Trinken zu ihm. Die Kerze am Fenster als Signal des Wartens. Warten auf ihn, seinen Vater!

Vor etwa zehn Jahren fing alles an. Sein Vater verschwand einfach so nach dem Frühstück. Knapp ein Jahr später, kam auch seine Mutter nicht von der Arbeit zurück. Anders als bei dem Vater deutete ein kurzer Brief von ihr an, dass sie fortgegangen war, um nach etwas zu suchen. Aber nach was? Wonach wollte sie suchen, allein und ohne ihn? Das verstand er als Jugendlicher nicht und suchte auch nach keiner möglichen Erklärung. Er war gerade vierzehn Jahre alt geworden. In ihrem Brief bat die Mutter den Jungen, ihr zu verzeihen. Aber verzeihen, nein, das konnte er nie.

Das Verschwinden der Mutter schien für alle Behörden eindeutig zu sein. Ähnliche Familientragödien kamen hin und wieder vor. Die Frau verließ ihr Kind, um irgendwo ein anderes, neues Leben zu beginnen. Ohne Mutter zu leben, so entschied ein Amt, sei er zu jung. Der Bruder des Vaters und eine weitläufige Tante kamen in unregelmäßigen Abständen, um ihn bei wichtigen Angelegenheiten im Haus zu unterstützen. Schnell bekamen die beiden mit, dass der Junge ihre Hilfe missbilligte und die ohnehin kurzen Besuche wurden seltener, bis sie ganz wegblieben. Der Junge igelte sich fortan ein und lebte ungestört, ohne Bevormundung der Verwandten, sein Leben weiter. Irgendwie wurde er erwachsen.

Einfachheitshalber bewohnte er von Anfang an nur den oberen Bereich im Haus. Nie würde ihm in den Sinn kommen, die einstigen Räume der Eltern zu betreten. Allerdings brachte in letzter Zeit seine Phantasie häufig Bilder zum Vorschein, die ihn mehr verwirrten als trösteten. Trügerisch ließen ihn diese Sinnbilder Umrisse seiner Eltern erkennen. Zwar halfen solche Sinnestäuschungen manchmal, mit dem Alleinsein fertig zu werden, doch meist blieb er deprimierter als zuvor zurück. Und diese Tagträume waren auch der Grund, dass er an der äußeren und inneren Seele des Hauses kaum etwas verändert hatte. Peinlichst genau achtete er auf winzigste Details. Alles sollte im Haus originalgetreu erhalten bleiben. Sämtliche Gegenstände befanden sich auf ihrem ursprünglichen Platz. Haargenau, so wie es war, als sie noch zu dritt hier lebten. Neue Möbel, Teppiche, Geschirr oder derlei Sachen brauchte er ohnehin nicht. Im Wohnzimmer stand auch noch der einstige Lieblingssessel seines Vaters, den er schon sehr früh auf besondere Weise kennengelernt hatte. Dieser Sessel blieb für ihn für immer das hässlichste Relikt aus seinen Kindheitstagen. Niemals durfte er ohne den Vater darauf Platz nehmen. Schon beim Anblick des antiken Ohrensessels lief ihm ein eiskalter Schauer über den Rücken. Dieser Sessel versetzte ihn mehr als alles andere im Haus in die Tage seiner Kindheit zurück. Damals schien sein Vater ganz und gar darin zu versinken und der Junge beobachtete ihn häufig dabei. An einigen Tagen saß der Vater reglos darin und grübelte. An anderen Tagen saß er wie auf einem Thron und las konzentriert in seiner Zeitung. In den vielen Jahren des Alleinseins bemühte sich der junge Mann den Teil seiner Erinnerung, die mit diesem Sessel zusammenhingen, auszulöschen. Das gelang mal mehr und mal weniger. Fühlte er sich einsam, ging er hinters Haus, um einen Blick auf den Sessel zu erhaschen. Manchmal erschien dann das Phantombild des Vaters. Seine Silhouette in der typischen Haltung: Angespannt nach hinten gelehnt und die Hände auf seinem Bauch waren gefaltet. Er sah sie wieder, seine nervösen Augen, die mit langem Blick nach etwas gierten. Wenn er aus seinem Sessel hervorkroch, sahen seine Augen leer und kalt aus. Bei den Gedanken an diese kalten Augen seines Vaters wurde er von Ekel gepackt. Selbst der grobe Griff fiel ihm wieder ein, mit dem er ihn an Händen und Füßen packte. Die damals empfundenen Schmerzen wurden plötzlich real und deutlich zu spüren. Gab es für ihn einen Ausweg aus diesem Martyrium oder sollte er für immer darin gefangen bleiben? Unzählige Fragen tauchten wieder auf. Wo sollte er damit hin? Er blieb gefangen in der Vergangenheit, ohne Licht oder dem Gedanken an einen neuen Tag. Er musste etwas tun, um sich von seinem inneren Wirrwarr zu befreien …

Graal-Müritz im August

In der Luft lag noch immer die letzte Stille der Nacht. Die Sonne war gerade über dem Meer aufgegangen und erste Geräusche eines Tages, der gerade anbrach, wurden im Sekundentakt lauter. Noch bevor die Küstenbewohner ihre Augen richtig offen hatten, wussten sie, dass ein heißer Sommertag bevorstand. Endlich ein Sonntag, der diesen Namen tatsächlich auch verdiente. Die nicht enden wollende Hochdrucklage schob seit Wochen eine derartige Gluthitze vor sich her, dass dieser Sommer mehr an einen am Mittelmeer als an den an der Ostseeküste erinnerte. Jahrelang zeichnete kein Wetterdienst an der mecklenburgischen Küste so ein stabiles Hoch mit Werten über 30 °C auf. Der beste Grund für den Rostocker Meteorologen, Stefan Kreibohm, auf der Insel Hiddensee grienend vor der Kamera zu stehen. Selten genug hatte er so viel Gutes zu berichten. In Fachkreisen der Wetterfrösche wurde der diesjährige Sommer längst als der „Jahrhundertsommer“ gehandelt.

Faszinierende Sonnenuntergänge ließen die zuvor andauernden Regenwochen vergessen. Das waren unzählige Wochen, in denen eine unvorstellbare Menge Wasser, wie aus Kannen gegossen aufs Land klatschte. Überall in Graal-Müritz, auf den Wiesen, im Wald und selbst in den Ortschaften ringsherum, kam es zu Überschwemmungen. Blitzschnell waren die Wiesen voll mit Wasser, riesige Seenlandschaften bildeten sich und verwirrten den Blick des Betrachters, selbst Souterrainwohnungen mussten ausgepumpt werden. Über eine längere Zeit waren die Graal-Müritzer Einwohner mit außergewöhnlich hohen Schäden beschäftigt, nicht nur an den eigenen Häusern. Das viele Wasser zerstörte Pflanzen und Bäume, auch gab es Schäden im beliebten Rhododendron Park. Selbst die größte Buche im Park, um die herum sich im Sommer Lyrikfreunde trafen, um ihrer Muse freien Lauf zu lassen, wurde so stark beschädigt, dass sie ein Opfer der übermäßigen Wassermassen wurde. Obendrein durchzog ein penetrantes Lüftchen alle Ecken des Ortes. Selbst das Meer konnte den Geruch von stinkendem Morast nicht übertünchen. Die hoch gepriesene Meeresbrise, dahin war sie und das für lange Zeit. Noch schlimmer sollte es kommen, weil der eklige Geruch unzählige Insekten anzog, die kamen jetzt aus nicht erkennbaren Löchern gekrochen. Überall schienen sie sich breit machen zu wollen.

Wetterkapriolen sind an der Küste oft zu erleben. Einheimische und Touristen waren an manch ein außergewöhnliches Ereignis gewöhnt, nicht nur die Herbststürme schienen gefährlich zu sein. Aber während der stürmischen Tage dieses Sommers waren sich die Einheimischen in Graal-Müritz ausnahmsweise mal einig.

„So schlimm wier dat noch nie, all gor nich in’n Sommer“, meinte auch Karl Hansen. Er war einer von vier alten Graal-Müritzer, die sich fast jeden Abend um Punkt 19 Uhr zum Klönen auf der Seebrücke trafen. Kamen sie ins Streiten, wurden sie sich meist beim Wetter einig. Beim abendlichen Snack auf Platt kamen interessante Neuigkeiten aus dem Ort ans Licht. Trotz unterschiedlicher Meinung war immer etwas dabei, das sie eher verband als trennte. Jeder von ihnen sorgte Abend für Abend für spannenden Gesprächsstoff. Auf diese Weise standen alle vier Männer wenigstens einmal am Tag im Mittelpunkt. Allein deshalb waren ihnen diese abendlichen Treffen auf der Seebrücke wichtig, denn zu Hause gaben meist ihre Frauen den Ton an.

So war es nicht verwunderlich, dass vor allem die pikanten und frivolen Geschichten in ihrer Altherrenrunde heiß begehrt waren. Selten genug passierte etwas in dem beschaulichen Ort Graal-Müritz. Die vier Alten von der Seebrücke passten auf. Egal, ob es brannte oder ein Einbruch passierte, sie wussten über alles als erste Bescheid. Bei der Überführung harmloser Täter half der eine oder andere schon mal mit. Vor kurzem erst hatte einer von ihnen zwei Jungs erwischt, die ein geschnitztes Holztier im Klangwald zerstören wollten. Alle außer Erwin hatten ihr ganzes Leben hier verbracht, sie waren nicht weit rumgekommen.

„De Krimistoff licht bi uns up de Straat“, wusste Hansen zu berichten. Er war der Älteste der Vier. Mit seiner über jedes Ziel hinausschießenden, kriminellen Phantasie ließ er seine Freunde von der Seebrücke oft irritiert zurück. Doch die spannendsten Geschichten kannte nur er und brillierte in spannender Erzählweise täglich damit. Er wusste von kriminellen Jugendlichen genauso zu berichten, wie von aufgesetzten Hörnern manch eines Ehemanns.

„Dat is so as in anner Kaffs och. Wat fählt, is mal so ein echtet grotet Ding as vör twei Johr“, stellte Hansen spitzfindig fest. „Uns’ Urt ist väl tau ruhig, passiert rein gor nix, von den välen Touristen in’n Sommer mal ganz afseihn.“

Von der Seebrücke, dem zentralen Platz im Ort, ließen sich Neuigkeiten rasant wie ein Lauffeuer verbreiten. Erwin, der einzige Zugezogene unter ihnen, war des Plattdeutschen nicht mächtig. Heute erinnerte er an den einzigen aktiven Detektiv im Ort: „Erinnert ihr euch an Kommissar a.D. Ole Timm? Der hat ja jede Menge auf dem Faden. Wie viele Strolche der wohl inzwischen hinter Gitter gebracht hat?“

„Un nich nur in Graal-Müritz.“

„In letzter Zeit ist es etwas ruhiger um ihn geworden“, erzählte Erwin weiter. „Bestimmt will hei ok bloß mal Rentner sin“, gab Enno seinen Senf dazu.

„Nee, ick heff hürt, dat hei all wedder an einen niegen Fall an is“, ergänzte Karl Hansen.

„Wir passen ja auch noch auf, und wenn nichts passiert, helfen wir eben den Touristen“, so Erwin auf Hochdeutsch. Das sich in dieser Runde immer noch ganz befremdlich anhörte.

Im Sommer wimmelte es an der Ostseeküste nur so von Touristen und für die Alten bedeutete das jede Menge Erzählstoff. Doch am liebsten diskutierten sie, wie die meisten Alteingesessenen im Ort, über alte Zeiten.

Das war die Zeit als die Graaler und die Müritzer eigenständige Orte waren. Müritz stammt aus dem Slawischen und bedeutet so viel wie „Gegend am Meer“. Graal dagegen wurde erst viel später, 1752, in Büdnereien aufgeteilt. 1938 wurden dann beide Teile per Dekret zusammengelegt und seitdem wurde der Ort lediglich mit einem Bindestrich getrennt. Das sollte formal gesehen als Trennung genügen. Nicht so in Graal-Müritz. In den Köpfen einiger alteingesessener Einwohner gab es immer noch Barrieren. Ganz früher machte sich der Satz breit: „Die Graaler leben, aber die Müritzer müssen leben.“ Offenbar gab es noch heute einige Meinungsunterschiede von damals. Einige Einwohner sahen den Teil, in dem sie selbst wohnen, als den Schöneren an.

Doch wenigstens einte so ein lang anhaltendes Hoch alle wieder und nicht nur bei den Einheimischen herrschte Freude darüber. Nach dem schlechten Saisonstart sorgte ein Hoch für einträgliche Geschäfte bei allen im Ferienort. Die Küstenbewohner atmeten auf und der Regen schien vergessen.

Aber nicht nur das Meer stand in der Gunst der Erholungssuchenden. Genau genommen schien die Rostocker Heide höher frequentiert zu sein, als die Waldbrandstufe es hergab. Eine erfrischende Kühle mit dem Reiz der besonderen Stille lockte Urlauber und Einheimische gleichermaßen in den Wald. Einige von ihnen empfanden die Luft wie Samt und Seide. Das waren jene, denen die Natur weitaus mehr Erholung als die gnadenlose Hitze am Strand bot. Ein empfindsames Ohr gelangte zur Ruhe und weder hupende Autos noch kreischende Kinder nervten. Unter schattigen Bäumen ließ es sich lang und tief durchatmen. In aller Frühe störte keine Menschenseele den Frieden in der Rostocker Heide. Wenn da nicht eine eher seltene Meldung in der Morgenausgabe der Sonntagszeitung auf sich aufmerksam machen würde.

Die Nachricht war winzig, und wahrscheinlich wurde die Vermisstenanzeige von niemandem richtig wahrgenommen. Nur spärliche Hinweise konnte man lesen: „Wer hat junge, dunkelhaarige Frau gesehen? Seit Freitag wird sie vermisst. Wer kann Angaben machen? Bitte helfen Sie bei der Suche!“

Für die vier Alten von der Seebrücke war so eine Meldung genau das Richtige, um ihre Phantasie zum Blühen zu bringen. Endlich hatten sie eine echte Gelegenheit, ihre Spürnasen mal richtig in Einsatz zu bringen. Aber lasen sie so früh am Tag die Zeitung? Ein Sonnenanbeter sowieso nicht. Die fühlten sich von so einer knappen Nachricht an einem heißen Tag wohl kaum angesprochen, obwohl um Mithilfe der Bürger gebeten wurde. Der Schreiber hatte sich nicht mal die Mühe gemacht, die gesuchte Person präzise zu beschreiben. Lediglich allgemeine Angaben über Haare und Größe wurden erwähnt. Dabei wusste doch jeder, wie im Sommer die Uhren tickten. In den Orten entlang der Küste gab es jede Menge Veranstaltungen und niemand interessierte sich für eine vage Geschichte in der Zeitung. Wer das las, dachte vielleicht eher an eine Ente, die das berüchtigte Sommerloch stopfen sollte.

Rostocker Heide – Rövershagen

Am Ortseingang von Rövershagen hielt ein Auto. Zwei Personen stiegen aus, nur begleitet von einem zu kurz geratenen Vierbeiner. Unvermittelt blieb die Frau auf dem Hauptweg, der direkt in den Wald führte, stehen.

„Michael, meinst du die Richtung stimmt?“ Kritisch schaute sie ihren Mann an. „Es gibt nirgendwo einen Hinweis!“ Thea zweifelte schon wieder, ob ihr langgehegter Wunsch, Wald und Meer an einem Tag zu genießen, sich überhaupt umsetzen ließe. Beides hatte sie lange zuvor für diesen Tag geplant. Dazwischen einen sehr speziellen Ort aufsuchen, das war’s, was sie viele Monate vor sich herschob. Heute endlich sollte es klappen. Erst gestern hatte sie alles perfekt eingefädelt. Warum also zweifelte sie jetzt wieder? Michael brauchte sich nur auf ihr Vorhaben einzulassen. Aber sie hätte es besser wissen müssen, dass ihr Mann sich schräg stellen würde. Sie verlangte nie etwas von ihm, nicht mal heute konnte er sich ihr zuliebe überwinden und Freude zeigen.

Michael trottete gelangweilt neben ihr her, trotz des kurzen Fußmarsches.

Vor ihren Augen zeigte sich eine Gabelung mit Wegen in alle Himmelsrichtungen.

„Und? Wie weiter?“ Theas ratloser Blick sprach Bände. „Ich geh mal zum Unterstand rüber“, meinte sie resigniert.

Neben der verwitterten Hütte stand eine Holztafel. Wenige Schritte nur und sie stand vor dem Schild.

„Sieh dir das bloß mal an!“, rief Thea ihrem Mann zu. „Es ist kaum noch was zu entziffern, das Schild hat seine besten Tage lange hinter sich. Vielleicht erkennst du ja was?“

Michael ging zu seiner Frau und schaute genervt auf das Schild. „Idioten! Diese blöden Typen sägen noch mal den Ast ab, auf dem sie selbst sitzen“, schimpfte er sofort los. Vandalismus machte ihn jedes Mal sauer. Ausnahmsweise beruhigte er sich heute schnell wieder. „Ist doch klar! Lass uns den rechten Weg nehmen!“

„Wenn du meinst.“ Thea willigte ohne Widerstand ein, ihr Mann war zwar maulfaul, aber auf seine Orientierung konnte sie sich stets verlassen.

Kaum waren sie auf dem schmalen Schotterweg unterwegs, herrschte wieder Funkstille. Lediglich ihr Hund schien den Tag genießen zu können. Quietschvergnügt lief er an langer Leine weit voraus. Stolz deutete sein erhobener Schweif an, dass er längst wusste, welche Richtung er zu gehen hatte. Gut, dass wenigstens einer wusste, was er wollte und sich dabei noch pudelwohl fühlte. Sie bemühte sich ihre gute Laune doch noch auf ihren Mann zu übertragen.

Munter plauderte sie drauf los: „Ideales Ausflugswetter, aber für dich wohl eher zu still?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, sprach sie sofort weiter: „Gut, dass wir früh losgekommen sind.“ Kein Kommentar.

Typisch mein Mann, dachte Thea. Er liebt lediglich die Stille seines Arbeitszimmers. Sein Lebensplan ist eben auf andere Dinge fokussiert. Ausflüge in der Natur gehörten nicht dazu. Und das wurde von Jahr zu Jahr schlimmer. Immerhin hatte er überhaupt zugestimmt. Thea riss ihren Mann aus seinen Gedanken. „Wir sollten vor dem Strandgang Meyers Hausstelle aufsuchen. Das Café wurde neu ausgebaut und liegt mitten im Wald. Das wird dir gefallen. Die Eigentümer öffnen im Sommer jeden Tag, auch am Wochenende. Passt doch!“

Michael schien aufzuhorchen. Thea entging das nicht und fügte schnell hinzu: „Neulich erzählte mir jemand von der netten Atmosphäre, ’ne Menge Haustiere ringsherum und freundliche Gastgeber. Vor allem der Nusskuchen muss eine Klasse für sich sein. Das Wasser läuft mir im Mund zusammen, wenn ich nur daran denke.“

Michaels Interesse hielt sich trotz Theas ausschweifender Beschreibungen in Grenzen.

„Hast es gestern wieder gut hinbekommen, deinen Willen durchzusetzen und jetzt willst du mich mit einem blöden Kuchen ködern?“

Thea blieb gelassen, überlegte stattdessen, wie sie ihr derzeit wichtigstes Thema anbringen konnte. Der RuheForst in Rövershagen spukte schon lange durch ihren Kopf. Sie fragte sich seit geraumer Zeit, ob das eine reale Option für sie und ihren Mann wäre, in diesem Waldstück die letzte Ruhestätte zu finden.

Ohne zu zögern, ließ sie raus, woran sie eben dachte: „Bin gespannt auf diesen RuheForst, auch wenn das Gerede von Claudia und Hans für mich eher übertrieben ankam. Was meinst du?“ Schweigen. „Ein abgestecktes Areal mitten im Wald, ob uns das wirklich anspricht?“ Sie sprach weiter ohne eine Antwort abzuwarten. „Die heftigen Gefühle neulich bei Hans? Ob die überschwängliche Begeisterung überhaupt echt war? Wir kennen ihn ja nicht wirklich, aber so ein Theater? Erinnerst du dich?“

„Klar erinnere ich mich an diesen arroganten Schnösel. Von der Performance seines Lebens sprach der. So ein Geschwafel in einem solchen Zusammenhang.“

Thea registrierte wohlwollend, dass Michael ihr wenigstens zuhörte und ging auf seine Argumente ein. „Genau! Und seine unpassende Wortwahl. Sinnliche Atmosphäre im Wald, was soll das schon bedeuten? Arme Claudia, wie die das mit dem Typ aushält? Aber sie kennt ihn ja auch erst kurze Zeit. Was soll im Ruhewald überhaupt anders sein als hier?“

Mit fragendem Blick drehte Thea sich im Kreis und blickte sich demonstrativ zu ihrem Mann um! Michael lief bereits in einem gehörigen Abstand zu ihr und hatte dennoch zugehört.

„Als deine Sportsfreundin neulich den Kerl anschleppte, hätte ich ihn am liebsten rausgeschmissen, so blöd wie der sich benahm. Der muss psychisch krank sein, sonst reagiert man nicht in dieser Art. Ich bin froh, dass wenigstens zwischen uns nicht solche schwülstigen Gespräche ablaufen“, entgegnete er ihr, immer noch leicht genervt.

„Geht mit dir wohl kaum! Intimen Gesprächen weichst du aus oder fegst das als Weiberkram vom Tisch“, konterte Thea.

„Wenn du meinst! Mich wunderte viel mehr, dass dir nicht auffiel, wie der Typ deiner Freundin ständig ins Wort fiel. Und das mit einem bissigen Ton! Ich dürfte nicht annähernd so arrogant sein.“

„Bleib mal ganz ruhig! Im Gegenteil, ich würde mich freuen, wenn du dich überhaupt an einem Gespräch beteiligst. Selbst auf die Gefahr hin, dass du mich mal unterbrechen solltest.“

Thea wollte ihren Mann nicht komplett verärgern, aber mit ihrem Thema war sie noch nicht durch: „Claudia blieb während des Gesprächs über den RuheForst pietätvoll und sachlich. Bei ihr hörte sich alles plausibel an.“

„Genau! Und nur deshalb lasse ich mich auch auf dein Abenteuer ‚Wald‘ ein.“

„Falls Claudias Beschreibung zutrifft, könnte der Ruhewald für uns interessant werden. Zum Glück hast du dich von einer Seebestattung verabschiedet. Aufs Wasser schauen ist ja ganz okay, aber was von uns bleibt, sollte besser auf festem Grund bleiben.“

Michaels Lust über Hans und Claudia zu sprechen, hatte sich endgültig erledigt. Seine Miene sprach Bände. Das entging Thea natürlich nicht. Sie atmete tief durch Mund und Nase, um die Luft völlig übertrieben herauszustoßen.

„Du atmest viel zu flach. Riech mal bewusst die satte Waldluft. Einfach phantastisch. Überhaupt Wald passt zu uns.“

Michael kannte Theas Monologe zur Genüge. Inzwischen hatte er gelernt, halb zuzuhören und zugleich den eigenen Gedanken nachzuhängen. An diesem Tag schien sie besonders aufgedreht zu sein.

„Zurück zur Natur, das war’s, was wir wollten. Die Nähe von Wald und Meer genießen. Erinnerst du dich an meinen Lieblingsspruch? Wer Meer hat braucht weniger. Ich kann mir meine letzte Ruhestätte im Wald gut vorstellen. Perfekte Idylle, und die Ostseeküste ganz nah.“

Die gestrige Arbeit kreiste längst durch seinen Kopf.

Und etwas später ertönte schon wieder seine gereizte Stimme: „Bei deinen Plänen im Wald habe ich nur einen Wunsch. Achte bei der Wahl eines Baumes im Ruhewald bitte darauf, dass der Baum weit von den beiden entfernt steht. Sonst könnte es mit der Ruhe schnell vorbei sein. Und vom Lauschen des säuselnden Windes ganz zu schweigen.“ Kaum war sein letztes Wort gesagt, machte sich ein dickes Grienen in seinem Gesicht breit.

Das allerdings blieb von Thea unbemerkt. „Was hast du? Ich mag Claudia. Überhaupt, ohne die beiden hätten wir den Ausflug wieder und wieder verschoben. Irgendwann wäre es zu spät. Außerdem schließt sich im Wald der Kreislauf des Lebens. Wir kommen zur Natur zurück, dort wo wir hergekommen sind. Ein wunderbarer Gedanke.“

Auf Außenstehende machte die spezielle Art ihrer Unterhaltung meist den Eindruck eines Streitgesprächs. Für sie war es hingegen völlig normal, solche Gespräche zu führen, das war wie an jedem x-beliebigen Tag.

Plötzlich zog der Hund stark an der Leine und Michael musste all seine Kraft aufwenden, um den ungestümen Hund zu bändigen. „Was hat der denn auf einmal“, murrte er entsetzt.

„Arko ist eben ein echter Jack Russell, der weiß, dass er im Wald aufzupassen hat“, rief Thea ihrem Mann zu.

Sie und Michael mussten sich ranhalten, um mit dem Hund Schritt zu halten.

„Bei seinem Tempo sind wir wahrscheinlich in wenigen Minuten total erschöpft und den RuheForst können wir vergessen.“ Thea schnaufte hörbar, kaum, dass sie die Worte herausgebracht hatte. Die Hektik stand ihr mit der stark einsetzenden Röte förmlich ins Gesicht geschrieben.

Michael konnte die Leine von Arko nicht mehr festhalten. Plötzlich rannte der wie vom Blitz getroffen samt Leine quer durch den Wald. Er entfernte sich in einem derart rasanten Tempo vom eigentlichen Weg, dass beide dem Hund nur noch verwirrt hinterher schauen konnten. Sie riefen laut Arko hinterher. Keine Reaktion.

„Was soll das denn bedeuten? So was hat er sich noch nie geleistet. Macht sich einfach aus dem Staub.“ Thea bemühte sich den Hund nicht aus den Augen zu verlieren.

„Ich glaube, er ist in diese Richtung“, meinte Michael und zeigte nach links zu einer Stelle, die noch tiefer in den Wald hineinführte.

Thea blieb ratlos stehen. „Was hat Arko bloß?“, fragte sie irritiert. „Er kennt sich gar nicht hier aus und rennt los, als ob er ein Ziel hätte.“

Die gesamte Gegend war mit meterhohem Farn überwuchert und sofort fehlte vom Hund jede Sicht. Um wenigstens die Richtung im Auge zu behalten, mussten sich die beiden ranhalten. Michael schien etwas zu hören: „Psst, sei still, hörst du das, da drüben? Das jämmerliche Jaulen?“

„Hoffentlich ist er in keine Tierfalle getappt?“, schlussfolgerte Thea.

„Ach was, nicht unser Arko!“, widersprach Michael. „Irgendwas ist jedenfalls passiert! Er rennt doch nicht ohne Grund einfach weg?“ Michael war sich jetzt ganz sicher, dass sein Hund etwas entdeckt hatte und setzte noch eins drauf. „Auf mein Wort hört er jedenfalls, weil ich ihn nicht so verwöhne wie du.“

„Das ist ja jetzt ganz klar zu erkennen“, giftete Thea ironisch zurück.

„Bleib mal ganz ruhig! Sieh da vorn, er kommt zurück.“

„Sieht aus, als wäre alles ok. Auf den ersten Blick jedenfalls.“

Außer Atem rannte der Hund direkt seinem Herrchen entgegen. Energisch stieß er mit seiner Schnauze immer wieder an dessen Hosenbein, jaulte dabei und lief unruhig hin und her.

„Nee, da stimmt etwas nicht. Er muss was entdeckt haben, das er uns zeigen will“, meinte Michael nun auch unruhig geworden. „Komm, lass uns gleich nachsehen! Ich finde sein Verhalten jedenfalls sehr merkwürdig.“

Thea würde am liebsten kehrtmachen. „Willst du dich wirklich durch den dichten Farn quälen? Was soll da schon sein? Nur Zecken, nichts weiter“, maulte sie weiter.

So wie meist, wenn es nicht nach ihrem Kopf ging, wurde sie schnell lustlos und launisch. Ihr Mann ließ sich nicht abhalten. Seine Neugier war geweckt und er nahm denselben Weg wie vorhin der Hund. Nicht ohne Mühe kämpfte er sich durch den dichten Farn und kam nur langsam voran. Arko rannte voraus, so als wollte er ihm den Weg weisen.

Hinter sich hörte er nur noch seine Frau rufen: „Wahrscheinlich findest du bloß das Versteck von Kindern.“

Oder die Reste eines toten Tieres, dachte Michael gerade noch, als der Hund erneut zu jaulen begann. Arko blieb wie erstarrt stehen, genauso Michael. Er konnte nicht glauben, was er vor sich sah. Ein eisiger Schauer erfasste sofort seinen gesamten Körper und ihm wurde augenblicklich kalt. Ein Grab mitten im Wald? Stumm blieb er stehen und suchte verzweifelt nach Worten: „Thea … Komm …! Da … ist … Das kann nicht … nicht … wahr sein …!“

Thea merkte sofort, dass etwas passiert sein musste und beeilte sich schnell bei ihrem Mann zu sein. Der Mund blieb ihr offen stehen, als sie sah, was Michael längst gesehen hatte. Zuerst schaute sie auf ihren Mann, dann mit langem Blick auf den ungewöhnlichen Fund. Ringsherum lag wüst herausgerissener Farn, der die Sicht auf die gesamte Fläche freigab. In der Mitte war ein Hügel angeschüttet worden, der den Eindruck einer Grabstelle vermittelte. Eine rechteckige Fläche in der Länge von etwa zwei Meter wurde geschaffen und alles ringsherum mit Farn bedeckt.

„Eine Frau? Ja …! Klar“, beantwortete sie sich selbst die Frage. „Schläft sie“, flüstert Thea leise ihrem Mann zu.

Michael traute sich etwas näher an die Grabstelle heran und sah in das Gesicht der Frau. Er konnte keinerlei Atembewegungen darin erkennen, stattdessen sah er ein blasses, lebloses Gesicht vor sich. Mehr brauchte er gar nicht sehen.

Thea konnte nicht anders, sie musste was sagen. Vor lauter Aufregung purzelten ihr jetzt im Gegensatz zu ihrem Mann andauernd die Worte nur so heraus. „Ein Grab mitten im Wald. Die geschlossenen Augen? Irgendwie sieht das hier fast liebevoll hergerichtet aus.“

„Unsinn!“ Michaels Ton wurde barsch. Er wollte nur noch diesen Schreckensort verlassen. Seine Frau sprach weiter als stünde sie unter Schock: „Und die weiße Calla? Könnte ja ein Symbol sein, aber für was?“ Diese Frage richtete sie mehr an sich selbst als an ihren Mann.

„Die Frau … Der Platz … Die Blume …? Sehr seltsam. Wie sie hingelegt wurde? Die reinste Inszenierung. Das ist blanker Wahnsinn.“ Theas Worte klangen inzwischen mehr verzerrt.

„So was …, das … macht doch kein normaler Mensch!“ Auch Michael brachte seine Worte jetzt nur noch bruchstückweise heraus. „Wie brutal muss jemand sein, erst eine Frau zu töten und sie dann so zu präsentieren! Aber vielleicht waren das mehrere durchgeknallte Typen?“

Wie erstarrt blieben beide eine gefühlte Ewigkeit am Fundort stehen. Thea war inzwischen so überdreht, dass aus ihr nur noch wirre Ideen heraussprudelten: „Die Tat muss aus langer Hand geplant worden sein. Das sieht man doch! Ja genau, das sieht aus wie ein Ritual. Die riesige Menge Farn und wie die Frau hingelegt wurde. Dazu die weiße Calla, das alles kann kein Zufall sein! Sie sollte genauso gefunden werden!“

„Könnte auch ganz anders sein“, überlegte Michael. „Etwas Entscheidendes spricht gegen deine These. Der Platz ist viel zu abgelegen. Wir selbst wären ohne Arko nie so nah herangekommen. Genau, der Hund war es ja, der uns hierhergelockt hat! Freiwillig hätte ich mich nie durch diesen dichten Farn gequält.“

Michaels Worte erreichten Thea und sie reagierte genauso fassungslos: „Ein Verbrechen der übelsten Sorte. Und das in unserer friedlichen Gegend!“

„Die Polizei muss her! Pass bloß auf den Hund auf, der darf der Frau nicht zu nahekommen.“ Theas Worte klangen unverständlich und kleinlaut.

„Los, wir sollten endlich was unternehmen! Das Ganze ist schlimm genug und kann nur von der Kripo geklärt werden.“ Michael drängte jetzt energisch darauf, den Platz zu verlassen.

Theas Atem wurde schneller, trotzdem konnte sie sich nicht verkneifen, auch in das Gesicht der Frau zu sehen. Als ob sie darin eine Antwort finden könnte. Sie traute sich sogar etwas näher heran. Doch als sie merkte, dass ihr Atem unkontrollierter wurde und ihren gesamten Brustkorb beben ließ, entfernte sie sich schnell. „Ich hab’ genug und halte das nicht länger aus. Was reden wir hier eigentlich, die Polizei muss her!“

Michael sah auf die Frau und murmelte fast unverständlich: „Warum mussten wir auch in diesen Wald?“

„Mit so einem grauenvollen Fund konnte wohl niemand rechnen“, zischte Thea.

„Mir wird das jetzt zu viel. Was, warum und wie es hier aussieht, darum sollen sich die kümmern, die wissen, wie das geht. Ich wollte gar nicht erst her. Nun hast du deinen Wald, aber ohne Ruhe, die ist nämlich dahin. Wer weiß, wann wir die wiederfinden.“

Deprimiert schaute Thea auf Arko. „Alles deinetwegen“, schimpfte sie ihren Hund mit gequälter Stimme aus. Und ihr Blick wurde von dem Hund fast ebenso traurig erwidert! „Warum musstest du uns in dieses Versteck drängen?“ Theas Stimme hörte sich selten so kraftlos an, wie in diesem Moment.

Als ob Arko jedes Wort verstanden hätte, drängte auch er jetzt darauf, den Ort zu verlassen. Er jaulte laut und machte sich auf seine Weise bemerkbar.

„Halt bloß den Hund fest!“, rief sie entsetzt ihrem Mann zu, als sie merkte, dass der sich an der Frau zu schaffen machen wollte.

„Arko weg da. Die Spuren werden noch gebraucht“, belehrte Michael seinen Hund, als ob der alles verstehen würde. „Im Tatort wird auch gezeigt, wie wichtig DNA-Spuren sind. Sie sind der einzige Beweis, um den Täter einwandfrei zu überführen.“

„Vielleicht aber haben sich mehrere Täter hier zu schaffen gemacht? Los ruf endlich die Polizei“, schrie Thea ihren Mann buchstäblich an.

Die Farbe ihres Gesichtes hatte sich komplett verändert. Das auffällige Rot von vorhin war einer aschfahlen Blässe gewichen. Dabei erkannte sie jetzt erst, wie mitgenommen auch ihr Mann aussah. Michael griff in seine Hosentasche, doch sein Handy konnte er nicht ertasten. „Es ist nicht da! Hab ich das jetzt verloren oder nur vergessen? Ich weiß noch nicht mal, ob ich es überhaupt eingesteckt habe.“

„Was jetzt? Die Polizei muss aber schnell her! Wie kriegen wir das ohne Handy hin?“

Michael musste an die Frau denken. „Wer weiß, wie lange die tote Frau hier bereits liegt. Kann sein, dass längst nach ihr gesucht wird.“

„Unseren Ausflug können wir jedenfalls abhaken. Komm wir laufen weiter zum Köhlerhof, da gibt es garantiert ein Telefon.“

Es dauerte eine Weile, eh sie den Köhlerhof erreichten. Bereits von Weitem erkannten sie, dass sich am Haus im Wald nichts rührte.

„Das darf nicht wahr sein. Alle Türen zu, und kein Auto in der Nähe! Nicht mal ein Hinweis, ob sich das demnächst ändern würde.“

„Los, dann laufen wir halt weiter, hier in Wiethagen muss es doch ein Telefon geben.“

Das erste Mal seit dem schrecklichen Fund machte Michael den Eindruck wieder Herr seiner Sinne zu sein. „Von deinem hoch gelobten Ruhewald keine Spur und mit einem erholsamen Waldspaziergang hat das Ganze auch nichts zu tun. Wer weiß, wann wir uns davon überhaupt erholen?“

„Ich weiß, dass nichts mehr sein wird wie zuvor. Die wenigen schönen Stunden, alles dahin.“ Thea murmelte leise: „Ich würde mich nicht wundern, wenn wir sogar von bösen Träumen heimgesucht werden.“

„Mord, das sieht man sonst nur im Fernsehen. Nie hätte ich geglaubt, dass derart Schreckliches so nah an uns heranrückt.“

Beide merkten ihre körperliche Abgeschlagenheit und nicht nur ihre Psyche war davon betroffen. Ihnen fiel jetzt selbst das Laufen schwer. Auf diese Weise kamen sie nur langsam voran. „Hoffentlich werden die Täter schnell gefunden, ansonsten kann man sich hier in der Gegend nicht mehr sicher sein, weil womöglich ein Mörder frei herumläuft. Dann wird sich auch keiner mehr vor die Tür trauen.“

„Vielleicht stecken die sogar noch ganz in der Nähe oder es war überhaupt gar kein Mord?“

„Ach, was sonst? Die sind längst über alle Berge. Und die Tiere hier? Wäre gut, wenn die sich wenigstens zurückhalten würden. Ansonsten kann es für die Polizei mit den Spuren schwierig werden.“

Nach etwa einer halben Stunde erkannten sie die ersten Häuser von Wiethagen. Als die näher heranrückten, liefen ihre Füße automatisch weiter. Fast waren sie am Ausgangspunkt ihres Ausfluges zurückgekehrt. Allerdings jetzt kraftlos und ohne jeden Schwung. Nicht zu vergleichen mit Theas Freude noch am Morgen.

Thea klingelte an der erstbesten Haustür. Kurz schilderte sie die Lage, ohne zu viele Details zu verraten, erfuhren die Leute, wie wichtig es war, dass sie die Polizei anrufen musste. Der Hausherr erkannte sofort die Brisanz und reichte ohne große Fragen sein Handy weiter. Thea hielt innerlich bebend den Hörer fest in der Hand und wählte zitternd die 110. Voller Ungeduld musste sie warten, eh sie zum Kriminalkommissariat Rostock durchgestellt wurde. Endlich meldete sich eine kraftvolle Frauenstimme am anderen Ende der Leitung. Die Frau am Apparat hörte Thea aufmerksam zu und leitete sie ohne noch einmal nachzuhaken sofort weiter.

Hauptkommissar Heilmeyer und sein Team waren mit den speziellen, nichtalltäglichen Delikten beschäftigt. Deshalb wurde er als erster aus der Zentrale benachrichtigt. Er nahm relativ schnell den Anruf entgegen. Sofort spürte er, dass es sich bei der Anruferin um eine ernstzunehmende Nachricht handeln könnte.

Plötzlich war ich allein. Wochenlang konnte ich nicht mehr denken und schon gar nicht etwas fühlen. Ich grübelte, ob ich im Verlies überhaupt weitermachen sollte. Lange Zeit war mir nur noch kalt. Ich verkroch mich unter der Erde und konnte nichts anfangen mit dem, was ich vorfand.

Im Moment geht es wieder los. Die Zweifel sind zurück. Ich zweifle an allem, doch vor allem daran, welchen Sinn die Arbeit in der Höhle macht. Warum hattest du mich in dieses verdammte Verlies geführt und mir das Versprechen abgerungen, alles fertigzustellen. Ich war viel zu jung, um zu begreifen, was das für mich bedeuten würde.

Inzwischen ist aus deinem Plan längst auch mein Plan geworden. Ich muss das jetzt zu Ende bringen. Und ich werde dir beweisen, dass ich stärker bin als du je geglaubt hattest. Staunen sollst du!

Hier schreibe ich alles für dich auf. Mit jeder Zeile sollst du blasser werden, wenn du liest, was du mir angetan hast. Erst, wenn du mir gegenüberstehst, werde ich endlich loslassen können:

Mutter hatte früh Geld für mich angelegt. Das reichte eine Zeitlang, um einigermaßen über die Runden zu kommen. Inzwischen musste ich diese blödsinnige Arbeit in der Hohen Düne annehmen. Obwohl ich mit fünf Kollegen zusammenarbeite, ist meine Einsamkeit geblieben. Menschen bedeuten mir, seitdem ich allein lebe, sowieso gar nichts mehr. Die Chaträume, die ich jeden Tag besuche, helfen mir zwar zu vergessen, dass ich allein bin. Doch ich finde im Internet immer seltener etwas, das mich antreibt. Hier fragt mich wenigstens keiner, was ich mache und wer ich bin. Das ist gut, denn mein Wissen soll geheim bleiben. Die Nähe zu den Menschen ist mir regelrecht zuwider. Du sollst wissen Vater, dass ich unser Geheimnis behüte, dieses Versprechen hattest du mir bereits als Kind abgerungen.

Seit knapp einem Jahr arbeite ich inzwischen in der Putzkolonne im Yachthafen Hohe Düne. Dabei muss ich einen Riesenaufwand betreiben, um überhaupt dort hinzukommen. Und das alles für einen Job, der so eintönig ist. Die Arbeit wäre besser zu ertragen, wenn die Kollegen mich in Ruhe lassen würden. Sie quälen mich mit ihrer dämlichen Fragerei. Mein Schweigen macht sie noch neugieriger. Diese Schwätzer machen sich nur wichtig. Wenn meine Kollegen wüssten was ich …? Staunen würden die. Ich arbeite ja nur, weil die Arbeit gut bezahlt wird, alles andere interessiert mich nicht. In der Nacht schon mache ich mich auf den Weg zum Yachthafen, um tagsüber studieren zu können. Wenn ich morgens von der Schicht zurück bin, wartet immer noch die einzige Aufgabe auf mich, die meinem Leben lange Zeit wenigstens einen Sinn gab. Aber dieses Tempo werde ich nicht bis zum Ende durchhalten. Die nächtliche Arbeit im Wechsel mit dem Studium verlangt mir so viel ab. Bereits eine Stunde vor dem Feierabend werde ich unruhig, kann das Ende der Nachtschicht kaum erwarten. Zu Hause angekommen, beginnt sofort die nächste Schicht. Seit Tagen bin ich beunruhigt. Im Haus gegenüber hat sich etwas verändert. Dort brennt ständig Licht. Wenn ich frühmorgens nach Hause komme, fühle ich mich beobachtet. Jeden Morgen! Das macht mich nervös. Manchmal sehe ich ein trübes Gesicht im bläulichen Schein des flimmernden Bildschirms. Ob der Fernsehapparat aus Gewohnheit läuft? Aber nicht nur der Fernseher, auch die Lampen brennen tagelang. Warum leuchtet alles? Glauben sie dadurch mehr Sicherheit zu bekommen? Das ist Selbstbetrug! Ich kann sie zu jeder Zeit ungestört beobachten. Aber sie mich auch. Tun sie das? Ich muss aufpassen. Erstaunlich, als ich heute nach Hause kam, wirkte das Licht nicht so grell wie an den anderen Tagen und ich hatte mich dabei ertappt, dass es mir warm und vertraut erschien. Ein Gefühl, das ich mal kannte, aber längst vergessen hatte.

Graal-Müritz, Strand

Kaum hatte Lisa den Strand erreicht, fühlte sie sich ohne ihre Strandmuschel der gleißenden Sonne erbarmungslos ausgeliefert. Das gesamte Strandequipment mitzuschleppen, hätte nur den Rahmen gesprengt. Für die wenigen Stunden reichten ihr das große Strandtuch und etwas zu trinken. Wenn die Sonne den Sand erst richtig aufheizte und man sich die Füße darin verbrannte, half sowieso nur eine Abkühlung im Meer. Bei den Temperaturen gab es auf der Welt keinen besseren Fleck, dachte sie sich und lag inzwischen entspannt auf ihrer kleinen Decke und hatte sich eingerichtet. Mit blinzelnden Augen nahm sie ein paar Schäfchenwolken am leuchtend blauen Himmel wahr. Nie besuchte sie einen anderen Strand als den in Graal-Müritz. „Strand der guten Träume“, nannte sie ihn, wenn sie von den Touristen mal nach einem idealen Strand gefragt wurde. Bisher fand sie an der gesamten Ostseeküste keinen besseren. Wenn ihr Lieblingsplatz am Rande der Dünen frei war, dann brauchte sie nichts anderes mehr.

Am Strandaufgang 10 hatte sie heute sogar noch freie Platzwahl. Im Gegenteil, der gesamte Strandabschnitt sah relativ leer aus. Sie wählte immer den Aufgang 10. Hierher verirrten sich selten mal Touristen. Der Strandaufgang wurde vor allem von den Einheimischen des Ortes genutzt und war ohne Fahrrad nur aufwendig zu erreichen. Den Mehraufwand nahm Lisa gern in Kauf. Dafür konnte sie ohne quietschende Kinder und lärmende Jugendlichen relaxen und entspannt den tanzenden Wellen zusehen. Bei ihrem intensiven Job machte ein Strandtag am schnellsten ihren Kopf frei. Und einen klaren Kopf brauchte sie im Moment dringend.

Seit gestern quälte sie die Frage, ob das geplante Jura-Studium überhaupt das Richtige für sie sei. Ihr Vater kreiste bei dem Gedanken immer wieder in ihrem Kopf herum. Das hing mit ihrer Studienbewerbung zusammen. Eigentlich glaubte sie, den Konflikt mit ihm hinter sich gelassen zu haben. Doch das Gegenteil schien der Fall zu sein.

Plötzlich lautes Geschrei in der Nähe zwischen Strandaufgang 10 und 11. Lisa schoss aus der Rückenlage hoch, um zu sehen, was los war. Ein Mann, der mit dem Rücken zu ihr stand, warf Brotstücke in die Luft. Mit jedem Wurf begann das zänkische Schreien zwischen den lauernden Möwen. Aufgebläht und laut flogen die geschickten Fänger mit ihrer Beute davon. Andere flogen hinterher und versuchten ihnen den Brocken abzujagen. Lisa betrachtete skeptisch das Spektakel am Strand. Ganz nebenbei stellte sie fest, dass der Typ sich sehen lassen konnte. Eine sportliche Figur und das lange Haar lässig und ungekämmt. Selbst aus der Entfernung gefiel ihr, was sie sah. Dazu der knackige, gut gebräunte Körper, der nur von einer knappen Badehose verdeckt wurde. Aber Lisa war nicht in der Stimmung sich beeindrucken zu lassen. Er war zwar durchaus ihr Typ, auch zählte er nicht mehr zum jungen Semester, was sie mochte. Immerhin hatte er es geschafft, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Dabei entging ihr auch nicht, dass er von seinem Platz aus ständig in ihre Richtung stierte, auch wenn er sich hinter einer Zeitung versteckte. Offenbar war das mit den Möwen nur ein Versuch gewesen, sie anzubaggern. Lisas Lust auf einen Strandflirt hielt sich in Grenzen, lapidare Gespräche wären das Letzte was ihr an diesem Tag fehlte. Ihre letzte Beziehung lag länger als zwei Jahre zurück. Bereits kurze Zeit später fühlte sich die Trennung richtig gut an. Der Mann, den sie kürzlich im Internet kennengelernt hatte, der reichte ihr voll und ganz. Vielleicht würde irgendwann mehr daraus, möglich wäre es, dachte sie bei sich. Lisa spürte auf einmal Wut in sich aufsteigen, denn das Geschrei wurde schriller. Die Möwen nervten inzwischen so sehr, dass diese Wut in ihr hochkroch und sich breit machte. Ein „Füttern verboten“-Spruch hing längst auf ihren Lippen. Sie besann sich schnell wieder und fragte sich, warum sie sich mit dem anlegen sollte? Der würde sich am Ende etwas darauf einbilden und hielt den Vorwurf womöglich für eine Anmache. Abrupt drehte sie sich vom kreischenden Spektakel ab. Sollte der doch seinen Spaß haben, sie jedenfalls wollte ihren freien Tag einfach nur in Ruhe genießen! Schnell schien der Mann vergessen und in ihrer bequemen Seitenlage fand sie zum Ursprung ihrer Gedanken zurück. Sie hatte es geschafft, die Greifswalder Uni wollte sie tatsächlich immatrikulieren. Was für ein Wahnsinn! Vor einem Jahr hatte sie sich für den Studiengang ‚Jura‘ mit den Schwerpunkten Kriminologie und Strafrechtspflege beworben und in dieser Woche hatte sie die Zusage bekommen. Also würde sie sich in den nächsten Jahren mit Wirtschaft, Gesellschaft, Recht herumschlagen müssen. Polizeidienst ade! Ihr Ziel rückte in greifbare Nähe. Sie konnte es selbst kaum glauben, denn das Prozedere der Bewerbung verlief ohne irgendwelche Probleme. Klar, sie hatte hart gearbeitet und es wurde ihr nichts geschenkt. Vielleicht waren ja ihre langen Praxiserfahrungen ausschlaggebend. Die schriftlichen Tests hatte sie sich allerdings einfacher vorgestellt. Die Prüfungskommission sprach von mehr Bewerbern als sonst. Womöglich sollte nur die Quote stimmen und sie hatten deshalb eine Frau gewählt? Unsinn, dachte sie wieder, warum bin ich nicht stolz auf mich, anstatt mich in diesen Selbstzweifeln zu verlieren. Genau wie damals als sie noch zu Hause wohnte. Warum holte sie jetzt ihre Vergangenheit wieder ein?

Inzwischen hatte Lisa sich an die Hitze gewöhnt. Sie genoss es, dass ein paar Wolken die Sonne durchkreuzten. Doch, wie meist am Strand störten ihre langen Haare und sie drehte sie gekonnt zu einem Zopf nach oben. Dann drehte sie sich entspannt zu den Dünen um, lauschte dem Wind und hörte den Wellen zu, wie sie miteinander stritten.

Der Wechsel von Sonne, Wind und Wolken lösten in ihr ein wohlig schauriges Gefühl aus. Sie dachte an früher und überlegte, ob sie etwa mit dem Studium ihrem Vater beweisen wollte, dass mehr in ihr steckt. Früher, als sie noch zu Hause wohnte, debattierte er ständig vehement gegen ihren Berufswunsch. Er sagte zwar, Polizistin sei ein gefährlicher Job. Meinte aber, dass er für seine Tochter ganz andere Pläne hätte. Irgendwann sollte sie seinen Platz im Gericht einnehmen. Das schien für ihn so gut wie sicher. Ein juristischer Beruf war das erklärte Muss für seine einzige Tochter. Denselben Weg wie er sollte sie wenigstens einschlagen. Bis vor einem Jahr leitete er die Staatsanwaltschaft am Rostocker Gericht. Man kannte ihn. Aber hatte er auch Gelegenheit sich bei Entscheidungen ihres Studienplatzes einzumischen? Ob er seine Beziehung genutzt hatte? Lisa würde das wohl kaum erfahren. Kindheitserinnerungen tanzten vor ihren Augen. Sie sah das ernste Gesicht des Vaters. Wie streng er war, ständig verunsicherte er sie mit seinen überdurchschnittlichen Erwartungen. Damit erreichte er nur das Gegenteil. Sie fühlte sich oft klein und unsicher. Es gab eine Zeit, in der sie sich überhaupt nichts zutraute. Die Mutter dagegen hielt immer zu ihr. Sie unterstützte sie jedes Mal, wenn es mal brenzlig mit ihm wurde. Doch ihre Mutter war es auch, die davon sprach, wie sehr sie ihrem Vater ähnelte.

Nur weil er ständig an ihr nörgelte, machte sie auch nicht gleich das Abitur, obwohl die Lehrer sie drängten. Damit wollte sie seiner Bevormundung entkommen. Später holte sie das Abitur an der Abendschule nach. Und nun? Jede andere hätte diesen Bescheid mit tausend Luftsprüngen begrüßt. Sie dagegen jammerte auf hohem Niveau. Hatte er sich etwa doch eingemischt? Lisa setzte sich auf und starrte den langsam ziehenden Wolken hinterher. Als ob dort eine Antwort auf ihre Zweifel zu finden wäre. Etwas wollte sich in ihr aufbäumen. Oder eine innere Stimme rief ihr zu: „Von meinem Vater brauche ich keine Unterstützung. Ich schaffe das allein! Das werde ich ihm jetzt erst recht beweisen!“

Inzwischen war wieder Ruhe am Strand eingekehrt. Der Möwenfütterer hatte sich verflüchtigt, ohne dass sie es bemerkt hatte. Ihre Gelassenheit schien tatsächlich zurückgekommen zu sein. Dieser Strandtag war dafür genau richtig. Sie stand auf und schaute sich zufrieden in der Gegend um. Dabei fiel ihr auf, dass für Mitte August relativ wenig Leute am Strand lagen. War die Mittagszeit schuld oder die heiße Sonne? Ein kleiner Appetit machte sich inzwischen auch bei ihr bemerkbar. Sicher hatten sich auch die meisten hier in den Schatten verkrochen oder waren zum Essen unterwegs.

Im selben Moment ertönte ein schrilles Geräusch über der Ostsee. Ein Heli kreiste relativ flach, als wollte der Pilot die Haare der Leute am Strand zählen. Das laute Brummen schmerzte geradezu in ihren Ohren. Ihr entging die Suchkamera nicht. War etwa jemand verunglückt? Bestimmt was anderes, überlegte sie. Bei dem seichten Wellengang verunglückte niemand. Obwohl die Strömung an den Buhnen immer wieder unterschätzt wurde. Außerdem suchte der am Strand und nicht auf dem Wasser.

Sie beobachtete den Heli noch eine Weile, fand aber keinen plausiblen Grund. Vielleicht war das Ganze belanglos und ein Fotograf schoss schöne Sommerbilder vom Strand, beruhigte sie sich. Doch auch ihre Phantasie brachte sie nicht weiter. Wer weiß, wie lange das hier weiterging. Ruhe würde sie bei dem Krach auch keine mehr finden. Sie beschloss, den Vormittag besser im Café Inkognito mit einem Latte Macchiato zu beenden. Das wäre perfekt zum Abschluss dieses Strandtages.

Zwar wollte Lisa den ganzen Tag am Strand bleiben, aber zu ihren großen Stärken gehörte es flexibel zu sein. Schnell verstaute sie ihre Sachen in der riesigen Strandtasche und zog sich nebenbei an. Beim Packen fiel ihr nebenan eine Decke auf. Dort lagen jede Menge Frauensachen. Seit Stunden kümmerte sich niemand darum. Zurück blieb selbst eine Handtasche. Lisa schaute auf den Strand. Alle Strandläufer, die sie erkennen konnte, waren angezogen. Sie fragte sich, ob wieder nur ihre blühende Phantasie schuld an den Gedanken war oder die Sachen hatten wirklich mit der Suche des Hubschraubers zu tun. Sofort verwarf sie die Idee und hielt sie für absurd. Warum sollte ausgerechnet in ihrer Nähe ein Unglück passieren, das wäre zu viel des Zufalls.

Bepackt mit Decke und Strandtasche lief Lisa zu Fuß zum etwas weiter entfernten Mittelweg. Dort gab es weit und breit den einzigen offiziellen Parkplatz. Kaum war sie dort angekommen, wurde sie von einer dicken Staubwolke eingenebelt. Ein Auto raste heran, nur schwach schimmerte die blaue Farbe eines Polizeifahrzeuges durch die Staubwolke. Sie staunte nicht schlecht, als sie feststellte, dass ihre Kollegen im Anmarsch waren. Der Fahrer hatte ein derart rasantes Tempo drauf, dass der aufgewirbelte Staub ihr fast den Atem nahm. Genau vor ihren Füßen blieb der Fahrer stehen. Dabei gaben die Reifen einen letzten quietschenden Ton von sich.

Zwei Mann saßen im Wagen. Lisa erkannte sofort den Fahrer, sie wusste, dass seine Dienststelle in Sanitz war. Ein paar Mal waren sie sich während Weiterbildungen in Güstrow begegnet. Der Blonde schien sich genauso an sie zu erinnern. Er ließ die Scheibe des Wagens herunter und grüßte betont freundlich: „Hallo Lisa, so ganz allein am Sonntag unterwegs?“

Lisa ignorierte die Frage. „Was ist denn bei euch los? Erst der Heli da oben und jetzt ihr im Eiltempo.“

„Eine Frau aus der Nähe von Rostock wird vermisst. Unser Revier ist bei der Suche eingeteilt. Fast alle von uns sind dabei, Anweisung vom großen Chef. Aber wenn du mich fragst, ich glaube nicht an eine Entführung. Obwohl in diese Richtung ermittelt wird.“

„Wahrscheinlich ein übereifriger Fehlalarm, bei dem viel Wind gemacht wird, weil Druck von Oben kommt“, meinte der andere im Wagen sarkastisch.

„Garantiert nur eine harmlose Beziehungskiste und wir müssen mit voller Besetzung dranbleiben. So ein Einsatz ist zwar mal was anderes, doch an einem Sommertag wäre mir weniger Hektik etwas lieber“, meinte der Blonde etwas pikiert.

„Was hast du? Kommt selten genug vor, dass wir in dieser Ecke mal im Einsatz sind“, griente der andere im Wagen gelassen. „Wir wissen bisher nur, dass von der Frau seit über 24 Stunden jede Spur fehlt. Jeder Versuch, sie zu erreichen, schlug wohl fehl. Sie hatte eine Verabredung nicht eingehalten, telefonisch ist sie auch nicht mehr zu erreichen. Als in der Nacht nur der AB ansprang, gab der Ex der Vermissten die Vermisstenanzeige auf. Er gab weiter an, dass er bereits überall nach ihr gesucht hätte und sie eigentlich zuverlässig sei.“

„Indirekt meinte er sogar, dass man ein Verbrechen nicht ausschließen sollte.“

„Wir sind jetzt seit 8 Uhr auf den Beinen. Die Frau ist wie vom Erdboden verschluckt. Meine Schicht ist seit einer halben Stunde vorbei. Anstatt bei meinen Kids zu sein, heißt es Doppelschicht schieben und nur, weil der Alte von ganz Oben so ein ‚Gefühl‘ hat.“

Der andere verdrehte nur die Augen: „Wir werden erst mal alle Strände bis Dierhagen abklappern. Vielleicht finden wir was Auffälliges. Eine Frau löst sich schließlich nicht in Luft auf oder wird vom Erdboden verschluckt.“

„Hunderte Partner werden täglich verlassen, weil einer von ihnen die Nase voll hat. Wenn keine Kinder darunter leiden müssen? Ist doch okay, wenn man rechtzeitig einen Schlussstrich zieht.“

„Du sprichst wohl aus Erfahrung“, antwortete lächelnd der Dunkelhaarige.

„Wo denkst du hin. Bei den unregelmäßigen Zeiten im Job kann ich mir keinen festen Partner leisten. Aber Frau weiß halt wie Frau tickt. Wahrscheinlich kann ich mich besser in eine hineinversetzen als du.“

„Wer weiß, was tatsächlich mit der Frau los ist? Vorgestern hatte sie angeblich eine Verabredung mit einer Freundin in Poppendorf, das meinte zumindest der Ex. Die Freundin sagte allerdings, dass es gar keine Verabredung gab. Das ist seltsam, oder?“

„Ja schon, aber der beste Beweis für meine These. Die Frau hatte Besseres vor, und plante ihren Schritt aus langer Hand.“

„Wenn du meinst. Hoffentlich ist die Lösung tatsächlich so simpel! Wir müssen uns beeilen, am Nachmittag sind weitere Befragungen dran. Die Freundin wird die Erste sein.“

„Gut wäre es, wenn du recht behältst und sich alles als harmloser Irrtum entpuppt. Vielleicht sitzt sie tatsächlich gemütlich zu Hause und lässt es sich gut gehen.“

„Das glaube ich nicht. Davon hätten wir längst erfahren.“

„Kennt ihr den Namen? Oder wisst ihr, wo sie herkommt?“

„Das ist Chefsache! Bestimmt erfährst du in deiner Dienstelle mehr. Die Kripo Rostock arbeitet eng mit allen Polizeidienststellen zusammen, bestimmt auch mit deiner am Hafen. Es soll eine Soko eingerichtet werden, wenn es bis morgen kein Ergebnis gibt. Hattest du am Strand was entdeckt?“

Lisa überlegte, ob sie die Frauensachen angeben sollte. Schob den Gedanken schnell weg, ihr Gefühl sagte, dass sie sich nur lächerlich machen würde. „Nö, hier ist nichts los. Auffälliges hätte der da oben mit seiner Kamera längst entdeckt. Mein freier Tag hätte nur entspannter ablaufen können.“

Sie verabschiedeten sich und der VW Motor heulte wieder laut auf. Die Zwei rauschten in derselben Geschwindigkeit an ihr vorbei, wie sie gekommen waren. Inzwischen parkte eine riesige Autokarawane auf dem Parkplatz. Sind ja deutlich mehr Leute am Strand, als ich dachte. Die meisten Sonnenhungrigen blieben allerdings gleich hier am Mittelweg. Am Aufgang 10 war dagegen deutlich weniger los. Das war auch gut so. Schließlich soll er auch künftig mein Lieblingsstrand bleiben. Ihre Kollegen waren nicht mehr zu sehen. Sie warfen nicht mal einen Blick auf einige wilde Falschparker.

Lisa schaffte es nur mit allergrößter Mühe, ihr Auto aus der engen Lücke zu befreien. Sie startete zwar ihr Auto, legte aber keinen Gang rein. Ihre Gedanken kreisten immer noch um die Worte ihrer Kollegen. Sie schaltete den Motor wieder ab und ging noch einmal den Weg am Strand zurück. Genau an die Stelle, von der sie gerade herkam. Während sie den weiten Weg zurücklief, ärgerte sie sich mehrmals über sich selbst, weil ihre ungewöhnlich starke Phantasie sie wieder mal nicht in Ruhe ließ. Endlich angekommen, fand sie die Tasche immer noch unberührt am Strand. Sie hob einen zufällig neben der Tasche liegenden Stock auf und stocherte in der Tasche herum. Dabei kamen nicht nur ein Handy und ein Portemonnaie zum Vorschein, sondern mehrere typische Frauenutensilien, wie Bürste, Lippenstifte und Schminkzeug. Vorsichtig hob sie mit einem Taschentuch das Portemonnaie auf und schaute nach einem Ausweis. Tatsächlich, sie fand eine Karte mit einem Namen darauf. Zufrieden steckte sie alles in die Tasche zurück und beeilte sich zu ihrem Auto zurück zu kommen. Während sie den langen Weg zurücklief, überlegte sie, ob sie den Namen schon einmal gehört hatte.

In den letzten Jahren musste ich oft daran denken, was du mir angetan hast, als ich noch ein Kind war. Gerade fünf Jahre alt war ich damals. Mit diesen seltsamen Spielen begann alles. Zuerst musste ich mich auf deinen Schoß setzen. Die ersten Male fühlte sich das ganz harmlos an. Schnell wolltest du mehr und deine Berührungen wurden intensiver. Mit deiner starken Stimme hast du mich gemahnt, ruhig zu bleiben. Diese Berührungen fühlten sich für mich immer falsch an. Mutter bekam nichts mit. Ob sie etwas wusste, werde ich wohl nie erfahren. Vielleicht aber hatte sie auch ganz bewusst die Augen verschlossen. Ich habe sie nie danach fragen können. Später wurde dein abartiges Spiel fast zur Normalität.

Heute steht nur noch der Sessel, auf dem du mich quältest, verlassen auf seinem Platz, neben dem Fenster. So wie immer. Er erinnert mich an meine schlimmsten Tage und Nächte. Doch gibt es von diesem Sessel aus auch die beste Sicht in den Wald, weit hinein, bis zu unserem Versteck.

Als ich damals plötzlich ohne Ankündigung allein zurückblieb, fühlte ich mich schlecht. Ich war ein Kind und blieb mit zu vielen Fragen allein zurück. Lange Zeit wollte mir nichts mehr gelingen. Wie gelähmt war ich, meine bis dahin vertraute Welt brach wie ein morscher Baum einfach in sich zusammen. Nichts, was mit mir passierte, hatte ich wirklich verstanden. Ein unerträglicher Zustand, der mich mehr und mehr mürbe und einsam werden ließ.

Ich erinnere mich, dass ich erst viele Wochen nachdem ich allein zurückblieb, mich wieder auf den Weg in die Höhle machen konnte. Mit dem was ich sah, konnte ich allein nichts anfangen. In diesem Loch spürte ich zum ersten Mal eine wahnsinnige Einsamkeit. Ein Zustand, den ich bis dahin nicht benennen konnte. Seitdem bin ich praktisch stumm und mache alles nur noch mit mir allein ab. Mit wem hätte ich denn damals sprechen sollen?

Später, viel später, es war an einem düsteren Wintertag, da wurde mir plötzlich klar, dass ich das begonnene Werk allein zu Ende bringen musste, auch wenn es deine Idee war. Ob ich will oder nicht, damit werde ich auch dein begonnenes Werk vollenden. Vielleicht wirst du das Ergebnis irgendwann ja sehen? Wie du staunen wirst. Alles ist so, wie du es mir einst beigebracht hast. Du wirst erkennen, dass ich deine Regeln befolgt habe. Inzwischen bin ich viel geschickter und traue mir mehr zu.

Wenn ich dir früher zusah, fühlte ich, wie tief du mit dieser Arbeit verbunden warst. Und nur hier war es, wo ich dein zweites Gesicht erlebte. Du warst ganz anders als zu Hause. Du hast mich, glaube ich, sogar als gleichberechtigten Partner gesehen, nicht als deinen Sohn. Und ich war stolz, weil du mich in deinen geheimen Plan eingeweiht hattest. Ich wollte von dir lernen und beobachtete ganz genau jeden deiner Handgriffe. Selbst deine dunkle Seite konnte ich in diesen Stunden mal vergessen.

Viel später entdeckte ich, dass ich einige deiner Gewohnheiten übernommen hatte. Weißt du noch am Wochenende dein morgendlicher Trott durch den Wald? So wie du früher, mache ich mich jetzt auch an jedem Freitag im Haus zu schaffen. Ich lebe im Einklang mit gewohnten Beschäftigungen, das bekommt meinem Seelenleben gut. Ekel überkommt mich nur, wenn ich in den Spiegel sehe. Ich sehe DICH in meinem Spiegelbild. Mir ist als schaute ich in deine Augen. Lange ertrage ich diesen Anblick nicht mehr. Stattdessen würde ich manchmal lieber das Haus verlassen, genau wie du und Mutter damals. Dann kam mir eine Idee, die sich breit und breiter machte. Ein Gedanke, der mich wieder an das Haus kettete. Bist du meinetwegen fort? Vielleicht erfahre ich die Wahrheit nie.

Du sagtest einmal, dass du mich auf die Probe stellst und mir deshalb die Schmerzen zufügst. Du meintest, weil ich dir so viel bedeute, musste das sein. Muss ich noch mehr dafür tun? Bestimmt bist du in der Nähe und beobachtest mich. Du wirst doch wissen wollen, ob dein Sohn dir nacheifert und dein Werk vollendet?

Was ich bisher da unten geschafft habe, könnte auch für dich eine Genugtuung sein. So dicht bin ich an dein Konzept herangekommen. Etwas fehlt noch. Das werde ich auch noch schaffen. Ich bin mir sicher!

Rostock, Polizeirevier am Hafen

Lisa fuhr im Tempo ihrer Kollegen und steuerte die Richtung ihres Lieblingskaffees an. Voller Vorfreude spürte sie bereits den feinen Duft eines Latte Macchiato in ihrer Nase. Sie stieg gerade aus, als ihr Handy zum ersten Mal an diesem Tag einen Ton von sich gab.

Etwas schrill der Ton, dachte sie noch, bevor eine feste Stimme sie fast anschrie, noch bevor sie „Liebich“ sagen konnte. Geschickt hielt sie das Handy unterm Kinn und schloss nebenbei ihr Auto ab.

„Gut, dass ich Sie erwische, Frau Liebich. Können wir uns heute noch in der Dienststelle sehen? Sie haben zwar frei, aber ließe sich das einrichten?“

„Sie haben es aber sehr eilig. Hat das etwa mit der vermissten Frau zu tun?“

„Wie, das wissen Sie …?“ Aufmerksam hörte sie den knappen Worten ihres Chefs zu.

„Klar, ich komme. Bin schon unterwegs. Etwa in einer halben Stunde könnte ich am Hafen sein.“ Ihr fiel auf, dass ihr Chef in Rätseln sprach. So kannte sie ihn gar nicht und fand, dass er sich genauso bedeckt hielt, wie die beiden Kollegen am Mittelweg. Was hatte das zu bedeuten? Mit den wenigen Details ließ sich nicht wirklich viel anfangen. Allerdings dachte sie, dass der Chef sie noch nie in die Dienststelle zitiert hatte, wenn es keinen wirklichen Grund dafür gab. Bevor sie antworten konnte, sagte ihr Chef: „Kommen Sie erst mal her, dann sehen wir weiter.“ Seine letzten Worte hallten noch in ihren Ohren nach. Das emotionale Durcheinander noch eben vom Strand schien wie weggeblasen. Sie musste über sich selbst lächeln. Wie meist, Probleme können sich einfach in Luft auflösen. Sie gab kräftig Gas und bei dem Tempo hätte sie bei einer Kontrolle größte Chancen ein paar Punkte einzusammeln.

Auf Höhe von Karls Erlebnis-Dorf begegneten sich Lisas gelber Flitzer und der BMW von Hauptkommissar Peter Heilmeyer. Beide waren auf halber Strecke nur in entgegengesetzter Richtung zwischen Rostock und Graal-Müritz unterwegs. Keiner nahm vom anderen Notiz, sie wussten noch nicht, dass sie bald gemeinsam in einem Team arbeiten würden. Zuvor waren sie sich nie begegnet!

Vor einigen Monaten hatte sich Lisa für ein Praktikum im Kriminalkommissariat Rostock beworben. Ihr Antrag wurde erst vor wenigen Tagen bewilligt. Gleich nach dem Urlaub plante sie ins Kriminalkommissariat zu wechseln. So wenigstens war ihr Plan vor dem Studium. Wenige Tage blieben ihr nur noch im alten Revier und sie musste an die letzten Jahre denken: Eigentlich schade, dass ich gehe. Der Chef war in Ordnung und mit den anderen lief es auch gut. Veränderungen sind mal wichtig und wie es aussieht, könnte mein Praktikum mit einem speziellen Fall beginnen. Alles Mögliche kreiste in ihrem Kopf und sie drückte gleich noch einmal aufs Gaspedal.

Lisa konnte jetzt die letzten Traditionssegler erkennen und musste an ihre eigene Ausfahrt während der Hanse Sail denken. Eine unvergleichliche Pracht, diese maritime Kulisse am Rostocker Stadthafen. Einige Segler waren noch immer zur Besichtigung freigegeben und boten regelmäßig Rundfahrten an. Von der Warnow aus gab es einen spektakulären Anblick auf die Stadt. Ein Luxus, dass sie jeden Tag diesen traumhaften Anblick genießen konnte. Gab es einen besseren Arbeitsplatz?

Viele Jahre fuhr sie immer wieder diesen Weg und alles rundherum war ihr vertraut. Jemand, der die maritime Kulisse liebt, wird jedes Jahr aufs Neue beeindruckt sein. Hanse Sail bedeutete, dass jeder Platz am Kai bis in die dritte Reihe mit Schiffen besetzt war. Um die 200 Segler trafen sich regelmäßig zu diesem maritimem Großereignis, dass jedes Jahr am zweiten Wochenende im August stattfindet. Lisa hasste jede Art von Sentimentalitäten und dachte weise, dass dieses tolle Spektakel in Rostock ihr auch ohne die Dienststelle jedes Jahr erhalten bleiben würde. Nur um die Leute tat es ihr leid, die vielen Jahre kam sie ohne irgendwelche Streitereien oder Missverständnissen sehr gut klar. Wenn es die Zeit zuließ, würde sie hin und wieder mal bei ihnen vorbeischauen.

Lisa erreichte das Polizeirevier. Abgehetzt klopfte sie an die Tür des Chefs und betrat ohne Aufforderung sein Büro. Sie veranstalteten nie eine großartige Begrüßungszeremonie. Doch heute preschte Lisa schneller als sonst los: „Kaum bin ich paar Tage weg, schon gibt es eine Vermisste.“

Ihr Chef schaute von seinen Papieren auf und meinte ruhig: „Da sind Sie ja. Prima, dass Sie so schnell kommen konnten. Tut mir leid, dass Sie Ihren Urlaub unterbrechen mussten. Kann auch sein, dass sich alles schnell klärt. Aber Sie wissen ja wie es in der Urlaubszeit bei uns aussieht. Seit Tagen sind zwei krank, na ja und Urlaubszeit ist auch noch.“

Lisa setzte sich und hörte ihrem Chef voller Erwartung zu. „Erst einmal ein paar Eckdaten. Gesucht wird Sarah Niemann.“

Kaum hatte ihr Chef den Namen ausgesprochen, zuckte sie zusammen.

„Sind Sie sich sicher, Sarah Niemann?“, fragte Lisa ungläubig.

Sie kannte eine Sarah Niemann. Ziemlich gut sogar. Aber, nein, das war bestimmt nicht ihre Sarah. Der Name von der Person am Strand fiel ihr wieder ein. „Das muss ein Irrtum sein. Ich hatte heute am Strand eine Tasche gefunden, deren Besitzerin Sofie Timm heißt. Ihre Tasche lag den ganzen Vormittag unbeaufsichtigt rum, sodass ich den Namen in Erfahrung bringen wollte, um für den Fall, dass sie vermisst wäre, einen Anhaltspunkt zu haben.“

„Ich kann Sie beruhigen, eine Frau mit diesem Namen wurde bei uns nicht registriert, aber gut, dass Sie so umsichtig waren.“

Lisa begann fast zu stottern, als es endlich aus ihr rausbrach: „Aber eine Sarah Niemann kenne ich auch, seit frühester Kindheit sogar. Wir sind in Lütten Klein zur Schule gegangen und …“ Sie konnte auf einmal nichts weiter über ihre Freundin sagen, weil sich ihre Gedanken überschlugen. Nach einer kurzen Pause konnte sie erst wieder weitersprechen: „Aber das liegt viele Jahre zurück.“

„Was wissen Sie von Frau Niemann?“ Ihr Chef schien erfreut darüber zu sein, dass er womöglich ein paar konkrete Details von seiner Kollegin erfahren würde.

„Vor längerer Zeit holten wir gemeinsam an der Abendschule das Abitur nach. Während dieser Zeit pflegten wir auch engeren Kontakt, ich würde sogar Freundschaft dazu sagen. Die vermisste Frau, das wird nicht meine Freundin sein. Gibt es von der Vermissten ein Foto?“

„Das kann jede Minute hier eintreffen, genauso die genaue Beschreibung. Um ehrlich zu sein, was wir bisher wissen, ist ziemlich mau.“ Der Chef verheimlichte seiner Kollegin, dass er längst wusste, dass es nur eine Sarah Niemann in Rostock und Umgebung gab. Mit dieser Nachricht wollte er warten, bis er hundert Prozent sicher war. Und erst recht, seit er wusste, dass die beiden Frauen sich kannten. Indessen ratterte im Hintergrund das Geräusch eines Faxgerätes. Lisa blieb mit einer vagen Vorahnung am Schreibtisch sitzen. Unzählige Bilder liefen vor ihren Augen ab. Sie spürte sofort, dass die gesuchte Frau „ihre Sarah“ sein musste. Der Chef wusste mehr. Sie kannte ihn lange genug und wusste, dass seine Zurückhaltung der Beweis für ihre These war.

Unsicher begann sie erst langsam, dann immer intensiver und wie aufgezogen von Sarah zu sprechen: „Ich weiß nicht genau, wann ich sie das letzte Mal gesehen habe. Jedenfalls heiratete sie vor zehn Jahren aus heiterem Himmel einen arroganten Fatzke. So einen Schlaumeier von der Zeitung. Den Mann konnte ich nicht ausstehen. Aber das beruhte wohl auf Gegenseitigkeit. Ich erinnere mich, wie dieser Mann Sarah stets hinterher spionierte. Wenn wir mal verabredet waren, dauerte es nicht lange und er war ebenfalls in der Nähe. Dabei sahen wir uns seit sie geheiratet hatte selten genug. Ständig setzte dieser Mann meine Freundin unter Druck. Der Höhepunkt aber war, dass er verlangte, sie solle unsere Freundschaft aufgeben. Er meinte tatsächlich, dass ich sie negativ beeinflusste. Dabei wollte er lediglich, dass sie keine weiteren Kontakte, außer zu ihm haben sollte. Er war besitzergreifend und wollte praktisch Macht über sie ausüben. Für mich wäre das kein Leben gewesen. Natürlich versuchte ich ihr die Augen zu öffnen. Aber versuchen Sie mal einer Gehörlosen einen Donnerschlag zu erklären. Sie hielt trotz gröbster Gemeinheiten immer an ihm fest. Am Anfang beschwerte sich Sarah zwar über die Gängelei ihres Mannes. Bald aber verdrängte sie mehr und mehr, hielt einfach still. Wir trafen uns immer seltener. Irgendwann blieb unsere Freundschaft auf der Strecke. Mein Job hielt mich auch in Schach und unsere Treffen wurden weniger, bis sie ganz ausblieben.“ Lisa machte eine Pause, als müsste sie nachdenken, dann sprach sie weiter: „Es ist noch nicht allzu lange her, als wir uns zufällig in Karls Erlebnis-Dorf in Rövershagen trafen. Sie wirkte unzufrieden und sah sehr schlecht aus. Zudem wirkte sie um Jahre gealtert. Dabei hatte ich das Gefühl, dass die Beziehung nicht nur seelische Narben hinterlassen hatte. Ich merkte zwar, dass sie sich öffnen wollte, doch wir waren uns inzwischen fremd geworden.“

„Kam es zwischen Ihnen noch zu einem weiteren Treffen?“

„Nein, die gab es nicht mehr und jetzt ist es womöglich dafür zu spät?“

Lisa merkte beim Erzählen, dass sie von der alten Freundin eigentlich nicht sehr viel wusste. „Vor einem knappen Jahr sah ich Sarah zufällig in Rostock, ich hätte sie fast nicht wiedererkannt, so drastisch hatte sie sich auch äußerlich verändert. Sie war nicht mehr die gepflegte Frau, die ich kannte. Zu einem Gespräch zwischen uns kam es auch nicht.“ Lisa sackte in sich zusammen und schwieg. Sie schaute ihren Chef an und sprach mit kehliger Stimme: „Wenn das wirklich meine Sarah sein sollte, wird sie gefunden. Bestimmt! Das muss ein Irrtum sein.“

Inzwischen habe ich den letzten Teil der Arbeit begonnen, ich weiß, das wird schwierig. Lange hatte ich mir den Kopf zerbrochen, damit das Ende gut wird. Es soll ein würdiger Höhepunkt werden.

Früher warst du oft wütend auf mich, ich konnte dir nie was recht machen. Wenn du mich jetzt sehen würdest. Du könntest nicht glauben, wer vor dir steht.

Jeden Tag arbeite ich bis ich todmüde bin, erst dann kann ich einschlafen ohne zu grübeln. So wie du früher. Das habe ich wohl auch von dir. Nie aufzugeben, du hast mich oft genug ermahnt. Ich frage mich, warum du unser Ziel verraten und unsere gemeinsame Arbeit einfach aufgegeben hast? Hast du dabei mal an mich gedacht? Oder soll das etwa eine Prüfung sein? Testest du mich etwa, ob ich ohne dich standhaft bleibe?

In der vergangenen Woche wäre fast alles vorbei gewesen, denn beinah hätte man unser Verlies entdeckt. Doch ich bin geschickt und davongekommen. Wie gut, dass die Nachbarn nicht ahnen, was in ihrer Nähe geschieht. Sie haben nicht die geringste Vorstellung. Sie kümmern sich nicht um mich und ich mich nicht um sie. Du zeigtest mir früh schon, wie ich mich vor neugierigen Blicken der Leute unsichtbar machen kann. Das beherrsche ich perfekt. Heute liefen viele fremde Personen in der Gegend herum. Das hat mich nervös gemacht. Fast wäre es verhängnisvoll verlaufen. Meine Brille hatte ich im Dickicht vor dem Verlies verloren. Die hätte mich verraten. So eine Nachlässigkeit darf mir nie mehr passieren. Ich muss mehr aufpassen. Bei dem Großeinsatz der Bullen in der gesamten Gegend konnte ich mich nicht mehr konzentrieren. Unvorstellbar, wenn die mich überrascht hätten? Alles wäre verloren.

Rostock, Kriminalkommissariat

Hauptkommissar Heilmeyer leitete seit den 90er Jahren das Rostocker Kriminalkommissariat. Er war für die speziellen, nicht alltäglichen Straftaten in Rostock und Umgebung zuständig. In den zurückliegenden Jahren hatte er sich einen guten Ruf erarbeitet und war weit über Mecklenburgs Ländergrenzen hinaus bekannt. Die kniffligsten Fälle konnten er und seine Leute lösen und ihre Aufklärungsquoten gehörten zu den höchsten in der gesamten Region.

An diesem Morgen stand Peter Heilmeyer unter Volldampf. Seine lässige braune Lederjacke, die als sein typisches Markenzeichen überall bekannt war, hing heute schlapp an ihm herunter. Und der dunkle Vollbart könnte mal wieder eine Rasur vertragen. Daran war für den Chef der Kripo im Moment gar nicht zu denken. Vor zwei Tagen gab ein Journalist eine Vermisstenanzeige auf, seitdem hält der Mann alle Polizeidienststellen mit seinen ständigen Anrufen in Schach. Gestern erst landete die Vermisstenanzeige bei ihm auf dem Tisch und damit auch seine nervigen Anrufe.

Am Telefon versuchte der Journalist seine Leute erpresserisch unter Druck zu setzen: „Ich habe als leitender Redakteur so meine Möglichkeiten. Mit ein paar Infos über ihre Arbeit könnte ich für Unruhe sorgen.“ Oder aber: „… wenn ich merke, dass sich nichts dreht, lasse ich meine Beziehungen spielen.“ Mit solchen Sätzen nervte der Mann zwar, doch ließ sich die Kripo nicht in die Karten gucken. Heilmeyers Leute waren einiges gewöhnt und von diesen Schreihälsen ließen sie sich gar nicht erst beeindrucken. Doch Freunde verschaffte sich der Mann mit seinen Drohungen auch nicht. Im Gegenteil, am Telefon wimmelten die Kollegen den Mann schnell ab. Einige wichtige Angaben hatte er der Polizei gegeben, das reichte. Der Mann ließ sich nicht einfach abwimmeln. Er rief weiter mehrmals täglich an. Dabei wurden die zeitlichen Abstände sogar noch kürzer. Heilmeyers Leute kannten solche Zeitgenossen zur Genüge. Sie blieben gelassen. Er forderte, den Chef sprechen zu wollen, doch stets vertröstete man ihn: „Der Chef gibt keine persönlichen Statements, erst recht nicht über laufende Ermittlungen.“

Heilmeyer erfuhr kaum etwas von der Nerverei des Mannes. Sein Interesse nahm erst zu, als er hörte, dass die Exfrau auch Opfer einer Entführung sein könnte.

„Zuletzt war Sarah mit einem chaotischen Typ liiert“, so der Journalist. „Sie wollte sich von dem Kerl längst trennen. Für mich verständlich, denn der schlug sie regelmäßig. Ein harter Bursche. Ich bin sicher, der hat sie verschleppt.“

Im Kommissariat ließ sich zwar niemand vom Gerede des Mannes beeindrucken, aber die Kripo musste den Anschuldigungen des Mannes trotzdem nachgehen. Deshalb machte Heilmeyer klare Ansagen, um sofort mit den Befragungen zu beginnen. Der aktuelle Freund der Vermissten konnte allerdings nirgendwo ausfindig gemacht werden.

Seit den frühen Morgenstunden stand in Heilmeyers Räumen kein Telefon mehr still. Jede Menge Hinweise trudelten fast im Minutentrakt ein, alle wollten die Frau irgendwo gesehen haben. Sogar ein Anruf aus Dänemark landete bei ihnen. Einige Hinweise erschienen mehr als abenteuerlich und gehörten eher in die Liga der Trittbrettfahrer. Einige ließen sich gleich während des Telefongesprächs enttarnen, andere wurden so weit in die Enge gedrängt, dass sie nur noch zugaben, sich wohl getäuscht zu haben. Es war jedes Mal dasselbe, die meisten wollten sich nur wichtigmachen und stahlen der Kripo wertvolle Zeit. Offenbar nahm die Aktivität von Schaumschlägern noch weiter zu.

Heilmeyers Erfahrungen ließen keinem Wichtigtuer eine Chance. Schnell erkannte er sie und erteilte ihnen eine ordentliche Abfuhr. „So ein Gelaber können wir uns bei der schlechten Besetzung gar nicht bis zum Ende anhören.“ Sein Ton war manchmal etwas zu robust, das wusste er. Doch seine Ergebnisse gaben ihm recht. „Die paar Beschwerden können wir verkraften. Klappt die Zusammenarbeit mit den anderen Polizeirevieren?“, fragte er in die Runde. „Wer koordiniert die Ergebnisse der anderen Reviere?“ Seine Leute kannten ihn und wussten, dass er nie die Zügel lockerließ. Erst wenn sichergestellt war, dass alles in Bewegung gebracht wurde, schien er zufrieden zu sein.

Zur heutigen Besprechung waren seine Leute alle pünktlich versammelt. „Fassen wir zusammen“, begann Heilmeyer seine Ausführungen. „Von der Frau fehlt seit fast zwei Tagen jede Spur. Telefonisch ist sie nicht zu erreichen und der AB springt nicht mehr an. Niemand aus ihrem Umfeld konnte uns einen brauchbaren Hinweis liefern. Nur der Ex bedrängt uns penetrant.“

„Seit er merkt, dass eine Menge Leute an der Suchaktion beteiligt waren, hat er sich aber beruhigt“, mischte sich Olli ein. Olli war so was wie seine rechte Hand und arbeitete dem Chef direkt zu. „Eine so groß angelegte Suchaktion beginnt ansonsten ja auch viel später. Denn die Frau gilt weder als hilflos, noch ist sie suizidgefährdet. Aber in diesem Fall gab es wohl die Anweisung von ganz Oben?“

„Genau Olli, der Ex hat sein Ziel erreicht, weil er glaubhaft darstellen konnte, dass eine Entführung wahrscheinlich ist. Der Schreiberling muss tatsächlich …“

Heilmeyer kam nicht mehr dazu seinen Satz zu beenden, weil sein Telefon läutete: „Was gibt es?“ Und dachte bei sich, hoffentlich mal etwas, das wir ernst nehmen können.

Die erregte Frauenstimme am anderen Ende der Leitung antwortete: „Garantiert landen wir mit diesem Anrufer einen Volltreffer. Ein Ehepaar wartet in Wiethagen und scheint total durch den Wind zu sein. Die Frau berichtete nervös von einem grausamen Fund. Die hörte sich selbst durchs Telefon noch geschockt an. Wenn da nichts dran ist, lasse ich mich versetzen“, meinte ungewohnt flapsig die Kollegin aus der zentralen Telefonstelle.

„Ist ja gut, stell durch und hoffentlich hast du recht.“ Kaum hatte er seinen brummigen Kommentar abgelassen, war ein leises Stammeln zu hören: „Bin ich richtig bei Ihnen?“

„Das werden wir gleich feststellen. Erzählen Sie mir kurz, warum Sie anrufen.“

„Wir haben, äh, unser Hund hat im Wald …“ Dann war nur noch ein lautes Atmen zu hören.

„Bleiben Sie ganz ruhig und erzählen der Reihe nach! Was hat Ihr Hund gefunden?“ Heilmeyer spürte die Nervosität der Anruferin und ging besonders behutsam auf sie ein, auch wenn er innerlich bebte. Zwar verlor er selten die Beherrschung, aber jetzt schien er kurz davor zu stehen. Seine Intuition sagte ihm aber, dass es sich um etwas Ernstzunehmendes handeln könnte. Er spürte, wie die Frau am anderen Ende der Leitung um ihre Fassung rang und sie war nur stotternd zu verstehen: „Eine junge Frau liegt im … Wald …“ Dann machte sie erneut eine Pause.

„Lassen Sie sich nicht jedes Wort aus der Nase ziehen! Lebt sie, was ist mit der Frau?“

„Wir glauben, äh, ja, nein. Wir sind eigentlich sicher. Nein, die Frau lebt nicht mehr. Obwohl, na ja, eigentlich sieht sie aus, als ob sie nur schläft.“

„Wie schlafen? Was soll das denn? Wo genau sind Sie?“

„In Wiethagen am Waldrand, wo die ersten Häuser beginnen. Wir konnten nicht früher anrufen, weil das Handy …“

„Okay, okay, ist ja gut. Bleiben Sie an Ort und Stelle. In wenigen Minuten sind wir bei Ihnen.“ Er rief noch ein „Danke“ hinterher, aber die Frau hatte längst aufgelegt.

„Tatsächlich ein Volltreffer! Jens ruf die anderen von der Spusi zusammen! Die sollen sich schon mal auf den Weg nach Wiethagen machen. Die Frau im Wald könnte tatsächlich unsere gesuchte Frau sein.“

Wenige Minuten später saßen sie bereits im Auto. Jens, der Techniker in Heilmeyers Team, saß am Steuer und gab kräftig Gas. Heilmeyer missfiel sein Fahrstil.

Vorsichtig mahnte er ihn: „Jens denk daran, auf der Straße sind ortsunkundige Touristen unterwegs, denen sollten wir ihren wohlverdienten Urlaub nicht verderben.“

Jetzt erst erkannte auch Jens, dass er kaum aufs Tacho geschaut hatte. Und wirklich, so schnell waren sie selten unterwegs. Für die Strecke Rostock Mitte bis an ihr Ziel brauchten sie knapp dreißig Minuten. Einige Meter vom Ortsschild Wiethagen entfernt erkannten sie zwei Leute, die unruhig auf- und abgingen.

„Die beiden sehen total mitgenommen aus. Ehrlich, so sieht man nur aus, wenn etwas Furchtbares passiert ist.“

Heilmeyer stieg als erster aus und ging direkt dem Ehepaar entgegen. Auf der Hälfte des Weges trafen sie sich. Thea wiederholte das, was sie bereits am Telefon gesagt hatte. Geduldig hörte sich der Hauptkommissar den gesamten Bericht noch einmal an.

„Das hört sich wirklich schlimm an, da müssen Sie ja geschockt sein“, versuchte der Kommissar beruhigend auf das Ehepaar einzureden. „Aber jetzt sind wir ja da und kümmern uns um den Fall. Versuchen Sie abzuschalten und das Ganze zu vergessen, wenn das irgendwie möglich ist. Aber gut, dass Sie sich gleich bei uns gemeldet haben. Vielen Dank dafür. Wenn Sie sich erholt haben, kommen Sie morgen ins Kommissariat, wir nehmen dann ein Protokoll auf. Sind Sie in der Lage uns eine Wegbeschreibung zu machen?“

„Bestimmt, Michael kann das!“ Theas Mann beschrieb sofort der Polizei den kürzesten Weg, der direkt zum Fundort führte. „Mit dem Auto geht das auf alle Fälle schneller“, fügte er ergänzend hinzu.

Nachdem die Eheleute sich verabschiedet hatten, versprachen sie wegen des Protokolls vorbeizukommen.

„Na dann bis morgen oder übermorgen. Rufen Sie vorher an und wir machen einen Termin, damit sie nicht so lange warten müssen“, meinte Heilmeyer freundlich zum Abschied.

Thea und Michael verließen sofort den Schreckensort und waren froh wieder in ihrem Auto zu sitzen, um in Richtung Rostock zu fahren. Michael fand als erster seine Sprache wieder: „Für heute habe ich genug vom Wald und die Lust am Baden ist mir ohnehin vergangen. Wenn du morgen beim Sport Claudia triffst, wird die garantiert den Mund nicht mehr zu kriegen. Wo die an jeder Ecke kriminelle Idioten wittert. Wer weiß, ob sie danach immer noch so wild auf den Ruhewald ist. Schließlich haben sie und ihr toller Freund uns das Ganze eingebrockt.“

„Hör bloß auf! Wenn ein kranker Typ sich brutal im Wald zu schaffen macht, kann niemand was dafür. Wenn Gras über diese Geschichte gewachsen und der Täter gefasst ist, kommen auch wir wieder her.“

„Garantiert nicht so schnell, wie du dir das vorstellst. Damit du gleich Bescheid weißt; Deinen RuheForst zu beehren, das ist mir erst einmal gehörig vergangen.“

„Wer weiß? Bis dahin bleibt ja noch Zeit. Lass uns später darüber reden. Jetzt sollten wir erst einmal nach Hause fahren und dieses schlimme Erlebnis verdauen.“

Thea ging gedanklich noch einmal zurück zum gestrigen Abend. Als sie sich spontan für diesen Ausflug entschieden hatte, da fühlte sich alles noch so gut an. Ihr lang gehegter Wunsch sollte endlich in die Tat umgesetzt werden. Sie wollte den RuheForst kennenlernen. Der Wetterbericht versprach erneut gutes Wetter, da wollte sie nicht länger warten. Ihr Mann kam abends mit ausgesprochen guter Laune von der Arbeit nach Hause und sie spürte den günstigen Moment für ihren Plan. Ihr Instinkt täuschte sie selten. Die gute Stimmung ihres Mannes ließ sich mit einem Glas seines Lieblings-Chiantis toppen. Zu ihrem Erstaunen willigte Michael leicht beschwipst wirklich gleich ein, ohne seine langatmigen Ausreden. Und dann kam alles ganz anders.

Rostocker Heide

Heilmeyer und seine Leute waren auf demselben Weg wie kurz zuvor das Ehepaar, allerdings ging es mit dem Auto deutlich flotter. „Erstaunlich, dass der Mann trotz seines wirren Eindrucks den Weg so gut beschreiben konnte. Ab Holzschild geradeaus fahren, sagte er oder? Nicht nach rechts.“ Olli redete nervös auf Jens ein.

Der auf beiden Seiten des Weges hochwachsende Farn ließ kaum eine Sicht in den Wald zu. „Hast du den beiden nicht richtig zugehört? Bis zur Schneise, dann an der nächsten Gabelung nach rechts“, korrigierte Jens bereits zum zweiten Mal seinen Kollegen.

Heilmeyer war längst in das allseits bekannte Schweigen gefallen. Das schien seine spezielle Art zu sein, mit schwierigen Situationen umzugehen. Packte ihn eine Vorahnung, musste er mit seinen Gedanken allein bleiben. Er zog sich tief ins Innerste zurück, bis er endlich das aussprach, was ihm logisch erschien. Auch dieses Mal schien er sicher zu sein. Nach einigen Minuten meldete er sich endlich zu Wort: „Dieser Mord wird einen verdammt langen Atem von uns brauchen. Die Beschreibung hörte sich jedenfalls mysteriös an. Erstaunlich, dass die Eheleute sich durch den dichten Farn gewühlt haben. Durch den hohen Farn fühlte sich der Täter garantiert sicher, nicht entdeckt zu werden. Ein ausgeklügeltes Versteck, in dem niemand die Frau schnell finden sollte. Normalerweise bleiben Spaziergänger meist auf ausgewiesenen Wegen. Bleibt nur zu hoffen, dass die Eheleute nicht zu viel Spuren hinterlassen haben.“

Peter Heilmeyer dachte an die Sisyphusarbeit, die ihnen bevorstand. Er wusste, dass er sich auf seine Mitarbeiter verlassen konnte. Alle im Team arbeiteten genauso präzise und pingelig wie er selbst. Eigenschaften, die Heilmeyer voraussetzte. Die meisten ihrer Fälle aus den letzten Jahren waren unberechenbarer geworden und erforderten von allen die höchste Disziplin. Die Maschen junger, krimineller Banden nahmen ständig zu. Sie kamen vor allem aus dem osteuropäischem Raum. Kaum hatten sie eine Straftat durchschaut, gab es neue Tricks. Dabei schnappten sie meist nur kleine Lichter aus der Fraktion Mitläufer. Die festgenommenen Täter wurden sofort nach der Festnahme von anderen ersetzt. Die Drahtzieher selbst blieben im Hintergrund und waren in kürzester Zeit wieder aktiv. Selten genug, meist nur durch Zufall, wurden sie entlarvt. Für Heilmeyer und sein Team wurden die Aufklärungen komplizierter, weil die Verbrecher abgebrühter wurden und kein Unrechtsbewusstsein mehr kannten. Den Sitz der Banden vermutete man meist in der Karibik, Libyen, Rumänien oder in anderen osteuropäischen Ländern. Selbst in ländlichen Gebieten nahm die Cyberkriminalität extrem zu. Der sogenannte Enkeltrick klappte im Norden immer noch, obwohl in den Medien regelmäßig davor gewarnt wurde. Anrufer gaben sich als nahe Verwandte von älteren Personen aus. Nach dem Anruf kam prompt die Bitte um Geld. Sie schickten allerdings einen Vertreter, der die alten Leutchen um größere Geldsummen erleichterten. Hinzu kamen Ausschreitungen und Überfälle im Zusammenhang mit Asylbewerbern. Das waren zwar Arbeiten, die nicht zu seinem Ressort gehörten, aber wenn Not am Mann war, halfen sie da auch schon mal mit.

Der Hauptkommissar wusste aus seiner langen Erfahrung, dass diese Geschichte im Wald etwas anderes, nichts Alltägliches bedeutete. Das hatte auch nichts mit dem zu tun, womit sie sich in letzter Zeit rumzuschlagen hatten. Der Tod eines Menschen gehörte in eine ganz andere Liga. Seine Anspannung merkten ihm seine Mitarbeiter nun auch deutlich an. Wie immer, wenn es um die Suche nach Vermissten ging. Die Fahndung warf mehr Fragen als Antworten auf. Nach außen wirkte der Chef dennoch cool. Meist, so auch jetzt, blieb er in der Lage, seine Gefühle bestmöglich zu verbergen. Sein Vollbart kam ihm dabei zur Hilfe und nur seine blassblauen Augen verrieten ihn. Seit er vor zwei Jahren geschieden wurde, hatte nur noch sein Job oberste Priorität. Die vielen Überstunden waren der Grund für die Trennung von seiner Frau, trotzdem machte er genauso weiter. Der Job war das Einzige, das ihm geblieben ist.

Jens stoppte plötzlich den Wagen. Sie waren da. Der vom Ehepaar beschriebene Fundort passte genau zu dem, was sie sahen. Eine kleine Schneise wies den Weg zwischen etwa zwei Meter hohem Farn. Von hier aus war es schwierig mit dem Auto weiterzufahren.

Sie ließen mich damals schon nicht los, die Dämonen von früher. Ich versuchte sie zu verdrängen, aber in all den Jahren ist mir das nie geglückt. Im Gegenteil, die fiesen Gesichter sind inzwischen selbst ein Teil von mir geworden. Auch wenn sie sich ständig verändern. Beim ersten Mal bekam ich einen heftigen Druck im Kopf und starke Schmerzen setzten ein. Anschließend erschienen diese fratzenhaften Gesichter, ohne Ankündigung machten sie sich vor meinen Augen breit. Es sind so viele. Dazwischen immer Bilder aus meiner Kindheit. Meine Vergangenheit werde ich nie mehr loswerden. Vergessen, wie sollte ich? Das ist der Teil von dir, das Böse.

Seit einiger Zeit sind sie wieder da, die grausamen Bilder von damals, ganz nah schleichen sie sich an mich heran. Wie ein Geschwür, das wächst und sich vermehrt. Ich habe Angst, dass ich daran ersticke. Meine Erinnerungen lassen sich nicht einfach verdrängen. Einfach vergessen? Nein, die Erinnerung an diese Zeit wird bleiben, nicht einmal verblassen wird sie. Das ist deine dunkle Seite Vater, die in mir fortlebt.

Ich weiß, dass du mein Leben zerstört hast. Damals war ich naiv, hatte gar nichts verstanden. Je öfter ich daran zurückdenke, desto deutlicher begreife ich, was du mir angetan hast, ich fühle mich so elend dabei. Deine widerlichen Intimitäten, dein Streicheln. Gern würde ich die Erinnerung an deine Berührungen und deine Worte aus dem Gedächtnis reißen. Aber der Film läuft wieder und wieder vor meinen Augen ab. Bilder mit monsterartigen Wesen. Sogar mein Gesicht schwillt an und verschwimmt zu einer dieser Masken. Eine Maske, vor der ich mich selbst fürchte. Schreckliche Gestalten erscheinen, wenn ich die Augen geschlossen halte. Unter den furchteinlösenden Gestalten bist immer auch du. Du zerrst mich aus meinem Bett. Du tust mir weh. Ich weiß nicht mehr, bist du es oder ein anderer. Eine dürre Gestalt mit verzerrter Visage greift nach mir.

Immer derselbe Alptraum! Immer wieder dieser Alptraum. Danach wälze ich mich von einer auf die andere Seite und finde keinen Schlaf.

Salzige Tränen laufen über mein Gesicht, ich kann nicht mehr aufhören zu weinen. Ein Traum? Ich kann Traum und Wirklichkeit nicht mehr unterscheiden. Zu oft sind sie da, selbst am Tag kommen sie. Was wollen sie mir sagen?

Rostock, Polizeirevier – Am Hafen

Lisa wartete voller Spannung darauf, endlich eine Antwort auf ihre Fragen zu erhalten. Ihr Chef im Polizeirevier am Hafen hielt sich noch immer bedeckt. Bis jetzt wusste sie noch nicht, ob die vermisste Frau tatsächlich ihre ehemalige Freundin ist. Offenbar verheimlichte der Chef ihr etwas, das konnte sie genau an seinen unruhigen Bewegungen erkennen. Immerhin kannten sie sich viele Jahre. In diesem Moment surrte erneut im Nebenraum ein Faxgerät. Wenig später reichte die Sekretärin ein Schreiben an den Chef rein. Der las sofort und Lisa entging nicht, dass sein Gesicht ernster wurde. Er wollte seine Kollegin nicht länger zappeln lassen und fasste die neuen Informationen kurz zusammen: „Hier steht es schwarz auf weiß, eben wurde eine Frau in der Rostocker Heide tot gefunden. Alles deutet darauf hin, dass Sarah Niemann die Tote ist. Damit stellen wir in unserer Dienststelle die Suche nach der Frau ein.“

Lisa sackte mit jedem Wort ihres Vorgesetzten in sich zusammen. Sie kämpfte gegen ihre Tränen an. Nur mit Mühe konnte sie den Worten ihres Chefs noch folgen.

„Eins noch, es ist erwiesen, dass die Frau tatsächlich die Sarah ist, die Sie kennen. Jeder Irrtum ist ausgeschlossen.“ Der Chef schaute auf seine Mitarbeiterin, ehe er weitere Details preisgab: „Ein Ehepaar fand die Vermisste heute Morgen in einem Waldstück. Hauptkommissar Heilmeyer und sein Trupp sind am Fundort, um den Fall zu untersuchen. Damit ist unsere Beteiligung erledigt und Sie können Ihre restlichen freien Tage nutzen, um sich von dem Schrecken erst einmal zu erholen.“

„Wie? Freie Tage?“ In ihrem Gesicht war jeglicher Ausdruck erloschen. Ratlos schaute sie auf ihren Chef.

Der senkte verlegen den Blick und sprach mehr zu sich selbst: „Ich kann mir vorstellen, wie es in Ihnen aussieht. Oft merken wir erst, wenn es zu spät ist, wie wichtig eine Person für uns war.“ Der Chef hatte Lisas wunden Punkt getroffen.

„Was kann ich tun?“, fragte sie hilflos.

„Am besten sprechen. Wenn es Ihnen hilft, vertrauen Sie mir Ihre Gedanken an.“

Lisa konnte ihrem Vorgesetzten gar nicht mehr richtig zuhören, sondern fing automatisch an zu erzählen. Während ihre Tränen sich nicht mehr aufhalten ließen. Flüsternd kamen nur leise Worte aus ihr heraus: „Sarah kenne ich ja bereits seit der frühen Schulzeit. Damals waren wir fast jeden Tag nach der Schule zusammen. Wir waren uns nah. Na ja, so nah wie Kinder sich eben sein konnten, wenn sie sich bereits in der Buddelkiste kennengelernt hatten. In den letzten Jahren hatten wir uns aus den Augen verloren. Eine Freundschaft, die so lange bestand, vergisst man aber nicht einfach. Die Erinnerung wird wohl ewig bleiben. Jetzt aber muss ich unbedingt wissen, was wirklich im Wald passierte.“ Intensiv überlegte sie in diesem Moment, wie sie ihren Chef dazu bewegen konnte, ihr zuzustimmen, um am Sucheinsatz bei der Kripo dabei sein zu können. Trotz ihrer Nähe zu Sarah musste er verstehen, dass sie gerade deshalb bei der Suche nach ihrer ehemaligen Freundin dabei sein musste.

„Die Suche nach dem Täter ist jetzt das Letzte, was ich für Sarah tun kann. Verstehen Sie das?“

Der Mann schaute auf Lisa und meinte verlegen: „Hm, ja, doch. Klar, versteh ich Sie.“ So aufgewühlt hatte er seine Kollegin noch nie erlebt. Und er wiederholte: „Natürlich kann ich das verstehen. Ihre Reaktion ist völlig natürlich! Aber nicht zu schnell! Wir können nicht den zweiten vor dem ersten Schritt machen. Sie wissen wie bei uns die Uhren ticken. Wir haben hier unsere speziellen Aufgaben und die Kripo eben ganz andere. Denken Sie beispielsweise an die ungeklärten Wohnungseinbrüche, die hier auf dem Tisch liegen! 1413 Wohnungseinbrüche allein in unserem Bundesland und das in einem Jahr. Das bedeutet allein in Rostock, eine Zunahme von 10 %. Unsere Aufklärungsquote liegt gerade mal bei 50 %. Wir sollten dort anpacken, wo unsere Kompetenzen liegen.“

Lisa, die sich einigermaßen beruhigt hatte, hörte ihrem Chef aufgewühlt zu, hüllte sich aber weiter in Schweigen. Auf einmal sprach sie ganz sachlich: „Ihren Äußerungen gibt es rational nichts entgegenzusetzen. Schließlich arbeite ich seit vielen Jahren hier und kenne die Problematik. Wenig Leute, keine modernen Arbeitsmittel und ein hoher Krankenstand.“

„Nicht nur das! Sie wissen, die neueste Zivilisationskrankheit Burnout macht auch vor unseren Beamten nicht halt. Mit anderen Worten, es fehlt an allen Ecken und Kanten. Ihnen dürfte klar sein, dass Sie mit der Nähe zum Opfer sowieso als befangen gelten. Eine Mitarbeit an diesem Fall kann allein aus diesem Grund schwierig werden. Im Augenblick ist ja nicht einmal klar, ob es tatsächlich Mord war. Vielleicht war es ein Freitod?“

Die junge Frau ließ sich nicht von den Worten ihres Chefs abschrecken. Stattdessen suchte sie nach noch mehr Gründen, die ihn überzeugen sollten. „Sie sagten Hauptkommissar Heilmeyer leitet den Fall? Das ist der Chef von der Kripo, in dessen Kommissariat ich zum Praktikum angemeldet bin. Ich würde gern mein Praktikum um zwei Wochen vorziehen. Wenn Sie einwilligen, könnte ich praktisch sofort mit dem Praktikum bei der Kripo beginnen.“ Es sprudelte wieder aus Lisa raus und sie nannte gleich weitere Gründe: „Das macht ja auch Sinn vor meinem Studium an einem richtigen Fall mitzuarbeiten. Unterstützen Sie mich bitte! Ich kannte Sarah gut. Vielleicht kann mein Wissen nützlich sein.“

Ihr Chef schaute vom Terminkalender auf Lisa und wieder auf seinen Plan. Er ließ sich Zeit. Endlich löste sich sein Blick von den Daten. Zu Lisas Erleichterung sagte er schließlich: „Meinetwegen. Die paar Tage, die sie nur noch hier wären, werden wir auf Sie verzichten können. Ich telefoniere gleich mit Heilmeyer und kündige Ihren Besuch schon mal an.“

„Danke! Das vergesse ich Ihnen nie!“

„Freuen Sie sich aber nicht zu früh. Natürlich weiß ich nicht, ob Heilmeyer Sie schon jetzt dabeihaben will. Das ist eben was anderes als ein Taschendiebstahl! Aber das entscheidet allein der Hauptkommissar. Am besten klären Sie das direkt vor Ort.“

„Okay, ich werde ihn sofort aufsuchen.“

„Was Sie mit Ihrem Urlaub tun, ist Ihre Sache. Aber eines verrate ich schon mal. Auch Heilmeyer kann Alleingänge nicht ausstehen. Denken Sie daran, falls es klappen sollte. Wie ich Heilmeyer kenne, hat er gegen eine gute Spürnase nichts einzuwenden. Und die haben Sie, das bescheinige ich Ihnen schon mal.“

Lisa gewann ihre Fassung zurück. So viel Verständnis hatte sie von ihrem Vorgesetzten gar nicht erwartet. Sein Lob? Das war überhaupt nicht seine Art. Plötzlich hatte es Lisa eilig. Sie drehte sich an der Tür kurz um und sagte: „Ich halte Sie auf dem Laufenden, versprochen. Und bevor es zum Studium geht, melde ich mich noch einmal. Dann gebe ich meinen Ausstand. Stellen Sie schon mal den Prosecco kalt. Nach Feierabend, versteht sich! Danke noch einmal für alles!“

Unter dem Vorwand mir vorlesen zu wollen, suchtest du mich jeden Abend mit einem Buch in der Hand auf. Die ersten Male freute ich mich, lauschte gespannt deinen Geschichten. Schon bald hattest du gar kein Buch mehr dabei und sagtest nur noch, dass du mir richtige Geschichten erzählen willst. Ich wusste bald, dass es nicht mehr um die Geschichten ging. Stattdessen wurde ich mit deinen seltsamen Spielen konfrontiert. Das Ganze führte später immer mehr zum Gegenteil eins Spieles. Wie konnte ich als Kind wissen, was das zu bedeuten hatte? Ich schämte mich immer häufiger dafür, und wäre am liebsten vor Abscheu im Boden versunken.

Einmal in der Woche musste ich deine Hände auf meinem Körper ertragen und jedes Mal bist du ein Stück weitergegangen. Meine stillen Tränen hielten dich nicht ab, hast einfach meine Gefühle ignoriert. Irgendwann hatte ich keine Tränen mehr.

Am Anfang wollte ich den Schmerz laut rausschreien. Aber das schaffte ich nicht mehr. Deine aufgerissenen Augen flößten mir viel zu viel Furcht ein, selbst wenn du mich nur streicheln wolltest. Widerlich wurde es, wenn dein Körper meinen berührte. So stark, dass es mir weh tat. Wie habe ich mich vor dir geekelt und blieb meist nur verwirrt zurück. Irgendwie gewöhnte ich mich später daran. Ich hätte ja nichts ändern können. Du meintest, dass sei der besondere Ausdruck deiner Liebe zu mir.

In all den Jahren blieben Scham und Ekel bei mir zurück. Anfangs dachte ich wirklich, das muss stimmen! Die besondere Nähe zu mir kann nur der Ausdruck deiner besonderen Liebe zu mir sein. Aber warum hattest du mir denn wehgetan? Mit starker Stimme mahntest du mich oft: „Sprich mit niemanden. Nur, wenn ich ganz sicher sein kann, dir zu vertrauen, weihe ich dich in ein noch größeres Geheimnis ein.“

Alles begann an meinem achten Geburtstag. Ich erinnere mich, wie stolz du warst. Du zeigtest mir jeden Winkel in deinem Versteck. Offenbar hattest du schon lange auf diesen Moment gewartet. Und ich lernte eine ganz andere neue Seite von dir kennen. „Das hier wird uns ewig verbinden“, sagtest du damals stolz und fast feierlich. Ich merkte sofort, wie wichtig es dir war, mich in dein Geheimnis einzuführen. Doch diese Welt blieb mir noch lange Zeit fremd.

Rostocker Heide

Heilmeyer erreichte mit seinen Leuten den bereits ausgetretenen Trampelpfad, der zum Fundort führte. „Das Ehepaar hat ganze Arbeit geleistet, die Stelle wäre ansonsten noch schlechter einsehbar. Jens, fahre den Wagen möglichst dicht an den Weg heran.“

Der junge Kripobeamte überlegte, wie er mit dem Auto möglichst nah den Fundort erreichen konnte. Er schnaufte hörbar: „Der Weg ist schließlich nicht für Autos gemacht. Normalerweise fährt hier nicht mal der Förster vorbei.“

„Passt nachher lieber auf die Zecken auf, die Viecher lieben Farne ja regelrecht“, kommentierte Olli die Situation.

„Das kann jetzt wirklich nicht unsere Sorge sein, Olli.“

Peter Heilmeyer hörte zwar nur mit halbem Ohr den Gesprächen seiner Leute zu, duldete aber keine banalen Ablenkungen während der Arbeit. Noch bevor Jens das Auto abstellte, stieg der Kommissar aus. Er wollte sich lieber ganz allein den ersten Überblick verschaffen. Das war eines seiner Rituale bei den Ermittlungen. Mit seinem erfahrenen Blick schaute er sich meist allein und in aller Ruhe die Tatorte an. So manches Mal hatte ihm das bei der Suche nach dem Mörder weitergeholfen. Auf einmal fielen ihm die Spurenschutzanzüge ein. Er ging zügig zurück zum Auto, öffnete den Kofferraum und da lagen sie.

„Dachte schon, wir hätten die Teile in der Hektik vergessen“, rief er seinen Leuten zu.

„Du solltest uns besser kennen“, griente Olli.

Rasch holte Peter Heilmeyer einen Anzug aus dem Kofferraum und zog ihn an, dann streifte er sich noch die dünnen Handschuhe über. Aufmerksam schaute er sich in der Gegend um, und sah überall die dicht stehenden Eichen und Buchen. Ihm fiel auf, dass der Täter wahrscheinlich lange suchen musste, um diese relativ große freie Fläche zu finden. Es war der einzige Platz, wo die Bäume nicht so dicht standen. Er ging weiter und was er dann erblickte übertraf all das, was er sich zuvor vorgestellt hatte. Selbst die Beschreibung der Eheleute erfasste nicht im Geringsten die Realität. Obwohl sie ja auch von der grabähnlichen Stelle sprachen, auf der eine Frau lag. Er stand jetzt direkt vor der Frau und ging ganz nah an sie heran. Er berührte sie. Pro Stunde nahm die Körpertemperatur etwa ein Grad Celsius ab, also konnte die Frau noch nicht so lange tot sein. Er sah sich weiter um. Tatsächlich das von den Eheleuten beschriebene Grab war komplett mit Farn bedeckt. Er suchte nach weiteren Details. Die Stille des Waldes ließ den Anblick beinah unwirklich erscheinen.

Inzwischen erreichten auch Olli und Jens den Fundort, entsetzt starrten auch sie jetzt auf die Frau. Ab jetzt musste der Hauptkommissar keine Anweisungen mehr geben, jeder seiner Leute wusste, was zu tun war. Einen Mord hatten sie selten aufzuklären, desto präziser gingen sie jetzt vor. Wenige Meter von der grabähnlichen Stelle entfernt, entdeckte Olli einen Frauenschuh. „Wir müssen überprüfen, ob der überhaupt von der Frau stammt. Vielleicht lässt sich ja der andere auch noch finden?“

„Das wäre für den Anfang gar nicht schlecht“, rief Heilmeyer seinen Leuten zu. „Denkt an die Fußabdrücke, die von den Eheleuten sind sicher auch überall zu finden.“

Heilmeyer trat noch einmal ganz dicht an die Frau heran und jetzt fiel ihm deutlich auf, dass die Tote anstatt von Kleidungsstücken ein schlichtes weißes Hemd aus Baumwolle trug.

„Ein Totenkleid?“, fragte Jens.

„Kann gut sein“, meinte Heilmeyer, „… und die abgelegte weiße Calla unterstreicht diese Inszenierung auch noch. Tatsächlich eine kranke Form der Liebesbezeugung. Haltet die Augen auf, wir können sicherlich noch mehr finden. Selbst, wenn Täter oft einige Dinge als Relikt gern zur Erinnerung selbst behalten. Irgendwas bleibt immer am Tatort liegen.“

„Vielleicht wurde die Frau gar nicht hier ausgezogen und das Ganze gehörte zu seinem perfiden Spiel.“ Olli sprach meist spontan aus, was die anderen dachten.

Der Frauenschuh blieb vorerst das Einzige was sie fanden.

„Ich sehe mich weiter um“, meinte der Hauptkommissar, bevor er verschwand. Er lief allein den Fundort ab, Schritt für Schritt und niemand würde es wagen, ihn jetzt zu stören. Alle kannten seine spezielle Art, sich mit der Umgebung eines Fundortes vertraut zu machen. Während er hochkonzentriert herumlief, kamen ihm viele Fragen. Wieso dieser Platz? Der ist viel zu schwer einsehbar, dabei sprach alles dafür, dass die Frau gefunden werden sollte. Was war das Motiv des Täters? War irgendein Muster zu erkennen? Es gab sichtbare Spuren, die andeuteten, dass die Frau hierher verschleppt wurde. War sie da bereits tot? Das muss die Rechtsmedizin klären. Aber wie sie hingelegt wurde? Der Typ musste den Mord aus langer Hand geplant haben. Gab es vielleicht Komplizen? Im Moment ist nichts auszuschließen. Fakt ist, dass der Täter sich hundertprozentig sicher gefühlt hatte und er kennt die Gegend gut. Ja, wir sollten von einem Insider ausgehen.

Während Heilmeyer seine Beobachtungen stichpunktartig ins Diktiergerät, das er immer in solchen Fällen dabeihatte, sprach, kamen ihm die abenteuerlichsten Gedanken. Die Frau wurde aufgebahrt, um sie regelrecht zur Schau zu stellen. Das ist ein klarer Widerspruch zu diesem Versteck. Für uns war es ein Zufall, dass wir sie so schnell finden konnten. Der Hauptkommissar stand plötzlich still und überlegte. Moment mal! Die Szenerie kam ihm irgendwie bekannt vor. Genau! Die Lage der Frau und auch das Symbol der weißen Calla. Alte Erinnerungen wurden in ihm geweckt. Heilmeyer dachte an die Anfänge seiner Arbeit in Rostock zurück. Das war zu der Zeit, als die Mauer der DDR fiel, er seinen ersten Fall in Mecklenburg-Vorpommern übernommen hatte. Den Fall hatten sie nie lösen können. Die Tote damals wurde genau wie diese auf Farn gelegt! Die Blume sahen sie damals ebenso als ein besonderes Zeichen an. Gut, Zeichen bei Toten gab es immer mal, vor allem bei Serientätern. Auch wissen wir, dass Serientäter exakt planen. Und das hier könnte genauso gut das Merkmal für einen Serientäter sein.

Der Hauptkommissar wurde aus seinen Überlegungen gerissen. Olli war der Einzige, der sich traute, ihn in seiner Beobachtungsphase zu stören. „Der Täter hat sich ein gutes Versteck ausgesucht. Es gibt jede Menge Zeichen, die Symbolcharakter tragen. Das Ganze macht auf mich einen makabren Eindruck. Die Hände der Frau liegen verschlungen auf dem Bauch und darauf diese seltsame Blume“, fasste er seine ersten Eindrücke zusammen.

„Diese seltsame Blume ist eine weiße Calla“, griff Heilmeyer den Faden auf, „Früher galt sie als Zeichen für Unsterblichkeit.“

„Merkwürdig, habe ich nie gehört, aber interessant, was Pflanzen zu sagen haben.“ Olli drängte weiter, denn er hatte noch mehr festgestellt: „Es gibt weitere Indizien. Zum Beispiel die Fesseln an den Handgelenken und den Füßen der Frau haben jede Menge tiefe Abschürfungen. Sicher wurde sie mit dicken Seilen gefesselt. Ach ja, der eine Schuh, den ich gefunden habe, können wir nicht der Frau zuordnen. Es ist schon äusserlich zu erkennen, dass der viel zu groß ist. Aber Faserspuren vom Seil konnten wir sicherstellen. Sie muss betäubt und anschließend erstickt worden sein.“

„Gut Olli, sonst noch was?“

„Einiges! Aber wir sind nicht sicher, ob die Frau noch lebte, bevor sie hierher verschleppt wurde. Den meterhohen Farn hat er an anderer Stelle herausgerissen. Wahrscheinlich wollte er hier nicht noch mehr Spuren hinterlassen.“

„So ein krankes Hirn, eine Grabstätte auf Farn mitten im Wald?“

„Das wird wohl sein ganz spezielles Geheimnis bleiben.“

„Vielleicht wollte er sie weich lagern?“

„Das macht doch keinen Sinn, wenn die Frau längst tot war? Oder sie war eben noch nicht tot, als er sie herbrachte?“

„Die Erklärung könnte auch völlig simpel sein, der Täter nahm den Farn, weil jede Menge davon hier rumliegt. Wäre naheliegend, oder?“

„Ich denke in eine ganz andere Richtung, Olli. An einen Fall von früher. Genau dazu passen ein paar Details, die wir auch hier vorgefunden haben. Du bist zu jung, um dich daran zu erinnern. Die Tat geschah während der Wendezeit. Damals gab es auch eine Frauenleiche. Einige Details erinnerten mich sofort daran. Vor allem, wie die Frau hingelegt wurde. Das war mir nicht gleich aufgefallen, aber auf dem zweiten Blick waren die Erinnerungen plötzlich da. Jedenfalls sollten wir die Akten von damals in unsere Untersuchungen einbeziehen. Einiges kommt mir zwar bekannt vor, aber genauso viel bleibt im Dunklen. Naja, einige Jahrzehnte liegen schon dazwischen. Die Blume und das Totenkleid, das waren die Zeichen des Täters, an die ich mich besonders stark erinnere. Die Tote fanden wir auch in der Rostocker Heide. Wir müssen prüfen, ob es in Deutschland weitere Morde mit ähnlichem Muster gab.“

„Wird gemacht Chef. Oh Mann, jede Menge Rätsel.“ Olli strich sich über seinen kahlen Kopf, als ob er Haare, die nicht vorhanden waren, wegstreichen wollte. Das tat er meist, wenn es brenzlig wurde. Er war immer derjenige, der genau das aussprach, was Heilmeyer gerade dachte. Aber auch die anderen wussten mit dem Chef umzugehen. In dieser Besetzung arbeiteten die Männer seit etlichen Jahren zusammen. Ein perfekt eingespieltes Team, nie ließ sich jemand etwaige Gefühle anmerken. Im Gegenteil, eher reagierte der eine oder andere bereits abgestumpft.

„Im schmutzigen Sumpf krimineller Machenschaften zu stochern, macht resistent für Emotionen“, das war einer von Heilmeyers Lieblingssätzen. „In der täglichen Arbeit wird uns ein Spiegel vorgehalten, der zeigt, dass wir mit Gefühlen nicht weiterkommen.“ Genau das war es, was Heilmeyer von jedem Einzelnen erwartete. Seine Leute sollten so lange suchen, bis der letzte Baustein im Gerüst der Straftat gefunden wurde. Von höchster Stelle wurden sie mehrmals für die besten Aufklärungsquoten im Land ausgezeichnet.

Inzwischen war auch das Team der Spurensicherung eingetroffen. Jetzt waren die Leute am Fundort damit beschäftigt, alle gefundenen Gegenstände mit einer Nummer zu versehen und in Plastikbehälter sicherzustellen. „Gut, dass die Kollegen von der Rechtsmedizin personell gut aufgestellt sind. Habe die Kollegen eben mit meinem Anruf neugierig gemacht und jetzt warten sie auf unser Material“, mischte sich jetzt auch Jens in das Gespräch von Heilmeyer und Olli ein.

Heilmeyer lächelte ihm zu. „Hoffentlich landen wir mit den DNA-Spuren einen Treffer in der Datei, das wäre ein guter Anfang für unsere Ermittlungen.“ In seiner Stimme klang Zuversicht mit.

Die Rostocker Rechtsmedizin war auf dem neuesten kriminaltechnischen Stand. Anhand genetischer Spuren konnten bereits viele Straftäter überführt werden. Mit einer relativ jungen Methode beschäftigten sie sich seit geraumer Zeit, der Fragmentlängenanalyse. Damit ließen sich Fingerabdrücke noch Jahrzehnte später feststellen. Das hatte den Vorteil, längst vergangene Straftaten neu aufzurollen.

„Ich hoffe, dass wir Glück haben, wenn wir diesen Mord mit dem Früheren vergleichen, und anhand der Analyse einen Volltreffer landen.“ Heilmeyers Erregung stand ihm buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Ihm war anzumerken, dass ein Doppelschlag das Größte in seiner bisherigen Laufbahn wäre. „Was wir brauchen sind ausreichende Beweise, hoffentlich haben wir nichts übersehen.“

Ein Doppelerfolg wäre aber nicht nur ein Glücksgriff für ihn, auch für seine Leute. Der Erfolg würde sie weiter überdurchschnittlich motivieren.

„Wir können uns nicht allein auf die DNA-Tests verlassen, ein Fingerabdruck entscheidet längst noch nicht über Schuld oder Nichtschuld. Das ist zwar ein wichtiges Indiz, aber zur Lösung gehören weit mehr Puzzleteile. Falls die Verdächtigen kein Geständnis ablegen, können wir sie nur mit eindeutigen Beweisen konfrontieren. Die müssen hundert Prozent überzeugen.“ Da kam wieder der Techniker bei Jens durch. Nicht nur Heilmeyer, sondern auch ihm waren hundertprozentige Beweise besonders wichtig. Lieber einen Schritt mehr untersuchen, als einen zu wenig, das war seine Devise.

Benno von der Spusi lief neben der Absperrung, zwei andere stellten in der Nähe der Toten Spuren sicher. Er rief Heilmeyer zu: „Da drüben am Baum sind Fußabdrücke, die könnten aber auch vom Ehepaar stammen?“

„Okay, wenn ihr fertig seid, kann das Material sofort zur Gerichtsmedizin. Die Abdrücke gleichen die in der zentralen Datei ab.“

Olli half mit, die Sachen einzupacken. Beim Räumen wurde sein Blick auf einen unscheinbaren Schnipsel gelenkt.

„Was ist das?“, fragte er erstaunt. Mit seinen Handschuhen hob er das winzige Papierstück auf. „Da steht was drauf. Der Stift hatte anscheinend seinen Geist aufgegeben. Sollen das Buchstaben sein? Im Labor kriegen die das raus. Ein Fetzen Papier, wenn das nicht voll mit Spuren ist, nehme ich meinen Hut.“ Heilmeyer klopfte Olli anerkennend auf die Schulter, als der ihm vom Fund berichtete.

„Das wird gleich mit den anderen Sachen weggeschickt. Der Täter musste unter Dampf gestanden haben, jedenfalls hat der mehr hinterlassen als ihm lieb sein dürfte.“

„Vielleicht ja doch ein blutiger Anfänger, der das zum ersten Mal getan hat, so nachlässig wie der vorging.“

„Denkt an die Zigarettenkippen vom letzten Fall, die dem Kerl letztlich das Genick brachen.“

Heilmeyer griente und meinte zufrieden: „Stichwort Kippe! Macht erst mal eine Zigarettenpause, bevor wir hier endgültig die Zelte abbrechen. Ich weiß zwar Olli, du hast eine Papierallergie, aber du musst trotzdem heute noch die Dokumentation fertigstellen.“

Olli war dankbar für die Zigarettenpause. Die lockere Art des Chefs erleichterte selbst in den schwierigsten Situationen allen die Arbeit. „Sollten wir den Täter genauso flott finden wie sein Opfer, wäre unsere Arbeit fast zu perfekt.“

Im selben Augenblick musste Heilmeyer an den Exmann von Sarah Niemann denken. „Der Journalist muss die Nachricht erhalten, der hatte ja schließlich die Vermisstenanzeige gemacht.“

„Gibt es sonst noch Verwandte?“, fragte Jens.

„Ja, eine Mutter“, sagte der Kommissar laut in die Runde. Das hatte er im Protokoll gelesen. Am liebsten würde er diesen Gang mit der Mutter delegieren, aber das blieb für ihn Chefsache. Noch einmal lief er den Fundort ab und blieb vor der toten Frau stehen. Er starrte sie förmlich an und wusste gar nicht, warum er den Blick kaum lösen konnte. Sie erinnert mich irgendwie an Klara, dachte er. Klara war seine jüngste Schwester.

Pulsuz fraqment bitdi.

17,04 ₼

Janr və etiketlər

Yaş həddi:
0+
Litresdə buraxılış tarixi:
09 avqust 2024
Həcm:
331 səh. 2 illustrasiyalar
ISBN:
9783946734369
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
Yükləmə formatı:

Oxşar kitablar