Kitabı oxu: «ironisch Short Stories»
Mark Jischinski
ironisch
Short Stories
adakia Verlag
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Gesamtherstellung: adakia Verlag, Gera
1. Auflage März 2014
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2014
ISBN 978 - 3-941935 - 16-7 (Paperback)
ISBN 978 - 3-941935 - 24-2 (EBook)
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Shoppingqueen
Für Granatsplitter könnte ich töten
Auf der Suche nach dem Bestseller
Schatz, wir müssen reden!
Graphologin im Supermarkt
Gute Vorsätze
Feng-Shui in Vollendung
Samstag ist Fußballtag
Beschneidung
Das Methusalem-Kompott
Der Kunde ist König!
Vor den Heiligen
Blaues Wunder
Der Standard der Armen oder von Standard & Poors
Stille Nacht, Heilige Nacht
35 Minuten Glück
Die Erschaffung der Welt
Das Wort zum Sonntag
Glauben ist alles
15 Minuten
Ein Schwesterle im Paradies
Im Fremdkörper zum Fahrverbot
Der Roman IHRES Lebens
Bailey ist für alle da
Rollentausch
Bürgernähe
Partner-TÜV
Der Rost einer alten Liebe
Magische Momente
Mitfahrgelegenheit
Frohes Fest
Irischer Regen
Neues aus Witzwort
Die verbotene Frucht
Apokalypse
Der Frauenversteher
Traumfrau
Die Krankheit zum Tode
Der Suppenkasper
Männer im Büro
Senfglas in Lübbenau
Weitere Bücher
Shoppingqueen
Karla will shoppen gehen. Am Samstagnachmittag. Zur Entspannung, wie sie immer sagt. Den merkantilen Aspekt dieser Art der Beruhigung der Sinne scheint sie immer wieder gern zu verdrängen. Die Notwendigkeit von textilen Neuanschaffungen offenbart sich bereits, als sie vor ihrem überquellenden Kleiderschrank steht und nicht einmal weiß, was sie für den Einkaufsbummel anziehen soll.
»Soll ich mich schon mal umziehen oder brauchst du noch etwas Zeit?«, frage ich vorsichtig, um nicht wieder in voller Montur im überheizten Flur vor mich hin zu schwitzen.
»Ich bin gleich soweit. Zieh’ dich ruhig schon einmal um«, bescheidet sie mir, ohne mich eines Blickes zu würdigen, obwohl ich splitterfasernackt hinter ihr stehe und den Samstagnachmittag durchaus auch mit partnerschaftlicher Zuwendung verbringen könnte. Ebenfalls zur Entspannung. Trotz aller Paarungsbereitschaft, die ich signalisiere, nimmt Karla keine Notiz von mir. Also kann ich mich auch anziehen. Unterwäsche, Socken, T-Shirt, Jeans und ein Kapuzenshirt, schon stehe ich gestriegelt und gespornt hinter ihr.
»Wegen mir können wir los«, sage ich, wohlbedacht darauf, keinen Vorwurf in meine fünf Worte zu legen.
»Nun hetz’ mich mal nicht so!«, faucht sie mich an. Sie ist keinen Deut weitergekommen und steht noch immer halbnackt und verführerisch vor dem Schrank, der offenkundig keine tragbare Wäsche enthält. Um nicht schon vor unserem Entspannungseinkauf eine deeskalationswürdige Situation heraufzubeschwören, gehe ich in den Flur und setze mich auf unseren bequemen Sessel.
Ich nicke kurz weg und bemerke beim Augenöffnen, dass es bereits dunkel und mir sehr warm ist. Plötzlich aber wird Licht, denn Karla hat selbiges eingeschaltet und steht vor mir, gekleidet wie die unerreichbare Göttin eines herrschaftlichen Balles. Noch bevor ich ihr sagen kann, dass ihre Kleidung vielleicht etwas zu viel des Guten für einen netten Einkaufsspaziergang ist, scharrt sie mich an: »SO kannst du natürlich nicht mitkommen!«
Es ist einer dieser kostbaren Momente, in denen ich geneigt bin, mich im Geiste mit Dr. Paul Julius Möbius zu verbünden, der in seinem Werk »Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes« in etwa ausführte:
»Der Instinkt nun macht das Weib tierähnlich, unselbständig, sicher und heiter. In ihm ruht ihre eigentümliche Kraft, er macht sie bewundernswert und anziehend. Mit dieser Tierähnlichkeit hängen sehr viele weibliche Eigentümlichkeiten zusammen. Zunächst der Mangel eigenen Urteils. Was wahr und gut ist, das ist den Weibern wahr und gut.«
Soll ich dieses Zitat anbringen? Wird die Freude über meine Belesenheit überwiegen oder aber der Instinkt über sie siegen? Es ist mir als modernen Mann selbstredend bewusst, dass wir Männer schon bei Kleinigkeiten nicht auf uns achten. Die Frau kleidet sich selbst für einen Besuch bei Freunden wie zu einem Staatsempfang und wir Kerle schlumpfen daneben rum, als ginge es zum Saufen mit den Kumpels. SO kann ich natürlich nicht mitkommen. Meint Karla also. Wir Menschen haben so viele Erfindungen gemacht, aber der Beziehungsschiedsrichter war noch nicht dabei. So ein androgynes Wesen, das aus dem Schrank geschnellt kommt, und ganz und gar unparteiisch sagt: »Karla, hast du sie noch alle? Ihr wollt shoppen gehen und nicht zum Theaterball! Und Mark, du gehst nicht ins Fitnessstudio, also nimm’ wenigstens ein Hemd!«
Dann könnte es so etwas wie ein Unentschieden in der Beziehung geben. Doch ein Remis ist bei dieser Institution wahrscheinlich nicht vorgesehen. Ich bin noch ganz in Gedanken, als ich es in meinen Ohren schalmeien höre: »Ziehst du dich bitte um? Wenigstens ein Hemd und Jackett wirst du ja anziehen können, oder?«
Ich bündele meine Gedanken der letzten Sekunden in einem allumfassenden »Hm«.
»Und jetzt schau mich nicht so mürrisch an! Du wusstest die ganze Zeit, dass wir einen entspannten Einkaufsbummel machen wollten, und hattest genügend Zeit. Ich kann auch nichts dafür, dass du dich SO gehen lassen musst. Was sollen denn die Leute denken, wenn sie uns SO miteinander sehen?«
Ich schaue sie an und habe urplötzlich ein unglaublich großes Schlafbedürfnis. Ich könnte sofort wegpennen. Aber das würde den Nachmittag völlig verhageln und die mögliche Belohnungszweisamkeit, die ich als Preis für meine Aufopferungsbereitschaft mindestens verdient habe, ins Reich der Phantasie befördern. Ich bin gedanklich schon dabei, mich zu erheben und gleichzeitig möglichst kein genervtes Gesicht zu machen, als die Sirenen in Fahrt kommen.
»Wie lange brauchst du denn nun? Wenn du so lange zum Umziehen brauchst, wie für das Erheben aus dem Sessel, haben die Geschäfte geschlossen und dann brauchen wir gar nicht erst los. Und du weißt genau, wie ich mich auf das Shoppen gefreut habe! Außerdem gibt es bei Taylor diese todschicke Winterjacke, die ich unbedingt anprobieren möchte. Und Jana hat mir gesagt, dass … «
Am Anfang ihres Monologs habe ich versucht, die Worte zu zählen, doch ich gebe auf. In meiner Erinnerung suche ich nach einer Erklärung Möbius’ und finde sie gleich: »Die Zunge ist das Schwert der Weiber, denn ihre körperliche Schwäche hindert sie, mit der Faust zu fechten, ihre geistige Schwäche lässt sie auf Beweise verzichten, also bleibt nur die Fülle der Wörter.«
Ich schlendere ins Schlafzimmer und nehme ein Hemd aus meinem Schrank, dazu ein Jackett. Möbius nannte studierte und emanzipierte Weibsleute noch spöttisch »Gehirndamen«. Nun haben die »Gehirndamen« uns Kerle fest im Griff. Beim Umziehen denke ich darüber nach, was für eine Witzfigur ich bin. Statt Karla zu sagen, dass sie gelinde gesagt einen Schatten hat, kusche ich vor ihr, wie ein gut apportierender Hund. Ein Schoßhund. So einer mit einem Wollpullover für den Winter und mit einer Schleife im Haar. Einer, der bellt wie ein Babyspielzeug, auf das man drückt. Ich bin fertig umgezogen und schaue in den Spiegel. Dabei versuche ich, den Mann in mir zu sehen. Den, der rausgehen würde, Karla ein paar Takte sagt und sie einfach in die Höhle zieht. Oder an den Herd. Stattdessen sehe ich dieses resignierende Etwas. Was haben wir eigentlich mit dieser gesamten Mann- und Fraugeschichte, mit Gendermainstreaming und der übertriebenen Gleichstellungsmache erreicht? Es kommt mir im Moment so vor, als würde mit aller Macht versucht, die Ungleichheit der Geschlechter zu kaschieren. Konsequent zu Ende gedacht, müsste es bereits in Schule und Kindergarten neben der Mädchen- und Jungentoilette eine Tür mit der Aufschrift »Ich weiß es nicht!« geben. Ich glaube, die ganze Sache liegt an uns Männern. Wir müssen uns endlich rückbesinnen. Nicht auf Möbius, um Gottes willen. Ganz einfach nur auf uns. Im Gegensatz zu einem Mann weiß eine Frau, was sie will. Sie plant, sie agiert. Wir reagieren.
Ich gehe jetzt einfach raus und sage ihr meine Meinung. Sage ihr, dass sie keine neuen Klamotten braucht, dass ich ihr die, die sie jetzt anhat, vom Leib reißen und sie dann vernaschen werde. Danach werde ich sie zum Italiener ausführen. Mein Spiegelbild sieht gleich deutlich besser aus. Ich fühle mich wie ein Mann! Derart gestärkt schwinge ich die Tür zum Flur auf, bereit, mich auf meine Beute zu stürzen. Karla sitzt auf dem Sessel und aus ihren Augen treffen mich Laserblitze.
»Wie lange hat das denn gedauert? Jetzt brauchen wir auch nicht mehr los!«
Für Granatsplitter könnte ich töten
Termin beim Verleger. Er sitzt majestätisch in einem Ledersessel, zwischen uns ein überdimensionierter Schreibtisch aus Echtholz in Kolonialoptik. Hinter ihm stehen in wandhohen weißen Regalen Bücher, bei deren Zahl ich mich frage, ob er die alle gelesen hat, oder ob sie bei einem Verlagsmenschen bloße Dekoration sind. Aber der Herr Verleger hat sie wahrscheinlich alle gelesen. Manche zweimal. Bestimmt. Vielleicht kommt er endlich einmal darauf zu sprechen, dass sich meine Titel super entwickeln und er die Tantiemezahlung noch vor Weihnachten anweisen wird. Ich schaue deshalb gebannt zu ihm.
»Jischinski, Jischinski«, lässt er meinen gedoppelten Namen klangvoll im Raum verhallten. Ich habe sofort das ungute Gefühl, dass ich gleich einen Doppelten brauchen werde. Nun legt er die Hände vor sich auf den Tisch und faltet sie wie ein Gläubiger zum Gebet.
»Jischinski! Mit Ihrem Frauen- und Männerzeuch; alles gut und schön. Aber das kauft keine Sau. Die Leute haben schon genug Ärger zu Hause, einen Drachen als Frau, einen Säufer als Mann, sie sind frigide oder impotent oder beides, da braucht niemand dieses Gewäsch, das Sie auch noch mit einer pseudopsychologischen Mixtur anrühren.«
Meine Vorfreude verebbt wie die Erektion eines Impotenten. Er blättert in ein paar Seiten Papier.
»Die Verkaufszahlen unserer Bücher sind schlecht. Ach, was sage ich. Sie sind unterirdisch. Wenn wir Glück haben, können wir alles verramschen und haben wenigstens keinen Totalverlust.«
So war das nicht geplant. Gedanklich hatte ich bereits alle Weihnachtsgeschenke zusammengekauft und es blieb sogar noch etwas für mich übrig. So aber scheint die zehnprozentige Beteiligung am Verkaufspreis meiner Bücher nicht einmal für ein Marzipanbrot zu reichen.
»Und was machen wir nun?«, höre ich mich verzweifelt fragen.
Der Herr Verleger schaut aus dem Fenster, dann zu mir, danach in eine Zeitschrift, die er vor sich aufgeschlagen hat. »Haben Sie sich schon einmal die Bestsellerlisten angeschaut, Jischinski?«
»Nein. Das mache ich ganz bewusst nicht, um mich nicht unter einen kommerziellen Druck setzen zu lassen und dem Mainstream will ich auch nicht blind folgen. Ich will mit meinem Herzen schreiben.«
Er mustert mich wie etwas, das er nach einem carnivorischen Festmahl aus seinen Zahnzwischenräumen pult.
»Jischinski, sind Sie wirklich so naiv? Mit dem Herzen schreiben! Nun hören Sie doch auf! Schauen Sie sich einmal an, was wirklich gelesen wird! Erotik, Kochbücher, Krimis, phantastische Bücher und Tiere. Tiere gehen auch immer. Sie könnten mit Ihrem Psychogedöns was über die Psyche der Hunde schreiben. Oder machen Sie was im Ratgeberbereich. Sport und so. Die Leute werden immer fetter. Was aber kein Wunder ist. Erst kaufen sie sich die Kochbücher und fressen wie blöde, dann geht es in die Lifestyle- und Sportabteilung und als letzte Hoffnung bleibt die Erotik in Gedanken, die sie in einem Heim unter Fetten nicht mehr haben.«
Ich sehe durch ihn hindurch.
»Jischinski? Was ist nun mit Sport und Tieren? Haben Sie da was?«
»Ich könnte mir auch einen Hund zulegen und mit ihm Synchronschwanzwedeln üben. Wenn ich dann noch schreibe, dass mir das dabei hilft, meine Komplexe zu verarbeiten, mit Frauen zu kommunizieren, könnte das was werden.«
Der Verleger schaut nachdenklich an die Decke. »Hört sich interessant an. Können Sie auch Krimis?«
»Ich habe da schon länger eine Idee. Ein Gera-Krimi.«
»Ach du heilige Scheiße! Hören Sie bitte damit auf. Das liest kein Mensch. Ich habe mal ein Bild von der Oberbürgermeisterin gesehen, da kam mir der Jugendweihekaffee hoch. Wie heißt die gleich? Kapaun?«
»Hahn.«
»Hm. Ist ja auch egal, irgendwas ohne Eier halt. Aber die musst du in einem politischen Amt haben! Und als Schriftsteller übrigens auch, Jischinski! Und da wir gerade bei Eiern sind. Wie steht es mit Erotik oder Kochbüchern?«
»Ich glaube, dass Erotik nicht so mein Ding ist.« Während ich das sage, überlege ich, mir ein Pseudonym zuzulegen und dann richtig vom Leder zu ziehen. »Angus Cock« schreibt den Bestseller »Die Sakrale Pforte« über den schwulen Geistlichen Helmut Wimmerl, der sein Comingout während einer Trauung erfährt und sich unsterblich in den Bräutigam verliebt. Der Messdiener Fred Sauerbier wird eifersüchtig, verliebt sich auch in den Bräutigam, der aussieht wie Westerwelle und zu dritt treten sie in die FDP ein. Den Schluss sollte ich vielleicht noch überdenken, aber der Plot steht. Der Verleger inzwischen auch. Er stützt sich auf den Schreibtisch und kommt mit seinem Gesicht ganz nah zu mir. Ich kann seinen widerlichen Raucheratem riechen, während er flötet:
»Krimi geht nicht und Erotik auch nicht. Können Sie mit einem Kochbuch dienen? Macht heute eigentlich jeder Idiot. Für eine Autobiographie sind Sie noch zu jung. Außerdem haben Sie nichts zu erzählen. Also, was kochen Sie so? Oder backen Sie? Weihnachten ist ja bald.«
»Meine Mutter ist Bäckerin!«, entfährt es mir hoffnungsvoll.
»Jetzt lassen Sie aber mal Ihren Mutterkomplex beiseite und beantworten Sie mir meine Fragen.«
»Ja, ich kann backen und kochen.«
»Dann schreiben Sie was darüber. Handwerklich sauber und nachvollziehbar. Dann schauen wir mal, ob es was taugt. Mögen Sie etwas ganz besonders?«
»Ja! Für Granatsplitter könnte ich töten!«
Der Verleger sitzt nun wieder, hat sich einen Stift aus einem Köcher geangelt und kaut darauf herum.
»Jischinski, ich habe da eine Idee. Den Titel haben Sie gerade gesagt und dann machen Sie sich an ein politisches Kochbuch. Ganz aktuell, die NSA unter den Kochbüchern gewissermaßen. Rezepte für Amerikaner, die Sie auf einen Kameruner legen und schließlich backen Sie einen Granatsplitter, damit es kracht. Und wenn Sie den Granatsplitter noch im Teigmantel kreieren, haben Sie einen muslimischen Schläfer. Der Schiite sozusagen. Die Leipziger Lerche können Sie mit einem Berliner unterbuttern und so weiter.«
Er schaut mich streng an. »Sagen Sie mal, sind Sie eigentlich der Schriftsteller oder ich? Ich liefere Ihnen hier Ideen für echte Bestseller und Sie schweigen. Verstehen Sie, was ich meine?«
»Ich mache dann doch das mit dem Hund«, höre ich mich sagen, während ich mich erhebe.
»Wie auch immer«, sagt mein Verleger, »die Abrechnung für das erste Halbjahr der gedruckten Bücher kommt nächste Woche per Post und die E-Book-Abrechnung habe ich hier … Moment … «
Er wühlt in seinen Papieren. »Ein Euro Sechsundsechzig! Was sagen Sie nun?«
»Ich nehme den Granatsplitter.«
Auf der Suche nach dem Bestseller
Der Herr Verleger ruft an.
»Na, Jischinski, wie geht es mit dem neuen Projekt voran?«
Ich, noch erschrocken über das Klingeln des Telefons und mich langsam auf dem Sofa aufsetzend: »Geht so. Bin gerade bei der genauen Figurenentwicklung. Aber der Plot steht, und die ersten Seiten sind auch schon fertig.«
Auf dem Rechner schaue ich auf das Blinken eines schmalen schwarzen Striches auf einem weißen Blatt Papier ganz oben links.
»Ich habe nochmal nachgedacht über das kundenorientierte Schreiben!«, brüllt der Verleger durch den Hörer.
«Und?«, frage ich, weil ich das Gefühl habe, dass ich in dieser Pause etwas sagen muss.
»Wir müssen uns mehr auf die Zielgruppen einstimmen. Also, wer liest eigentlich unsere Bücher?«
»Frauen!«, entfährt es mir in der Hoffnung, fünfzig Prozent aller Konsumenten auf einen Streich zu erschlagen. Ich kann das Stirnrunzeln des Verlegers durch das Telefon hören.
»Jischinski, so platt geht das nicht. Wir müssen schauen, ob wir die multioptionale, effizienzorientierte Leistungselite, das adaptiv-pragmatische Milieu, die liberal-intellektuelle Bildungselite mit postmateriellen Wurzeln oder doch eher die spaß- und erlebnisorientierte untere Mittelschicht erreichen wollen.«
Ich starre auf den Bildschirm und finde nun auch durch meinen Mund keine Worte mehr.
»Jischinski, wir müssen die Zielgruppe so segmentieren, dass sie möglichst gleichartige Reaktionen auf unsere Marketingmaßnahmen zeigen, denn nur so ist erfolgreiches Produzieren, Publizieren und Vermarkten möglich!«
»Manchmal glaube ich, dass Sie der Einzige sind, der meine Bücher liest. Und sie auch noch mag«, entfährt es mir schon leicht bedrückt.
»Papperlapapp, Jischinski, ich habe in den letzten drei Monaten eins von Ihren Büchern verkauft. Es gibt da schon noch welche, die solche Bücher lesen, da draußen in der Milieuwelt.«
»Hmm, nur wissen wir nicht, wer. Sollte ich nicht für möglichst alle lesenden Zielgruppen schreiben? Also im Grunde für Frauen?«
»Sie immer mit den Frauen, Jischinski! Glauben Sie denn, dass Männer nicht lesen?«
»Ich habe neulich mit einer Freundin gesprochen, die mir erzählt hat, dass ihr Freund, wenn er überhaupt mal Zeit hat, Sport macht, sie befummelt oder Fernsehen schaut. Zeit der Komplentation verbringt er damit, dass er isst oder aber auf dem Sofa liegt und einen fahren lässt. Für das Lesen ist da kaum Raum und Zeit.«
»Aber Jischinski, wir reden doch hier über die Bildungsbürger, nicht über die um Orientierung und Teilhabe bemühte Unterschicht!«
Nun runzle ich die Stirn. »Sie sollten bedenken, dass wir Männer aus Frauensicht ALLE zu dieser Schicht gehören!«
»Da könnten Sie Recht haben, Jischinski. Schreiben Sie halt was für das klassische Establishment und den leistungs- und anpassungsbereiten Mainstream.«
»Rosamunde Pilcher fährt mit Harry Potter in 80 Days nach Panem, durchquert dabei die Shades-of-Grey-Feuchtgebiete, trifft auf einen Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg und verschwindet dann mit ihm ein ganzes halbes Jahr, um schließlich vegan for fit auf der Insel Amazon zu leben?«
»So doof sind Sie doch gar nicht, Jischinski! Dann fangen Sie mal an!«
Schatz, wir müssen reden!
Es trifft mich völlig unvorbereitet. So, wie jedes Mal. Sie sitzt vor mir und sagt die schweren Worte. »Ich muss mit dir reden.«
Was so leicht daherkommt wie eine sanfte Eröffnung, ja ein verbales Vorspiel sein könnte, ist in Wahrheit das Tor zur Hölle. Denn wenn sie mit mir reden will, ist sie in ihrer Welt bereits am Ende. Dann hat sie »ES« schon einige Male durchdacht, mir subtile Hinweise gegeben, ES auf verschiedene Art und Weise deutlich gemacht. »Ich muss mit dir reden« ist die Fortsetzung der partnerschaftlichen Demokratie mit kriegerischen Mitteln. Besonders gern nimmt sie sich für ihren Verbalangriff die Momente, in denen ich schutzlos bin. Bei der Nahrungsaufnahme, nach dem Sex oder aber kurz vorm Einschlafen. Anfangs dachte ich noch, das sei Zufall, doch inzwischen weiß ich, dass sie diesbezüglich eine Schlange ist. Karla sitzt also vor mir, scheinbar unschuldig, ihr freundlichstes Lächeln umspielt genau die Lippen, die ich am liebsten nur küsse und herausfordernd schaut sie auf mich. Wie immer wird sie dieses Gespräch ausführlich vorbereitet und gedanklich bereits in allen mäandernden Verästelungen durchdacht haben. Ich dagegen kaue auf meinem Frühstücksbrötchen herum und habe maximal die gedankliche Hürde zu bewältigen, ob als Nächstes der Nuss-Nougat-Aufstrich dran ist oder die Orangenmarmelade.
»Worüber?«, entfährt es mir zwischen zwei Bissen.
Nun ist der Kampf eröffnet und Karla schiebt ihre Geschütze aufs Schlachtfeld. Dame auf D7 – Schach!
»Mir ist in letzter Zeit vermehrt etwas aufgefallen, was mir Sorge bereitet. Möglicherweise irre ich mich ja und es ist alles nur zufällig, aber ich will dich und uns vor Schaden bewahren.«
Was mir auffällt, sind gleich mehrere Dinge. Zum einen drückt sich Karla immer so gewählt aus, wenn sie mit mir reden will. Ganz anders, als in den Momenten, in denen ich meine Hände und andere Körperteile an und in ihr habe. Zum anderen weiß ich genau wie sie, dass es keine Zufälle gibt. Vor allem aber ist mir bewusst, dass wir Alarmstufe rot haben, weil nicht nur ich vor Schaden bewahrt werden muss, sondern dieses ominöse »WIR«. Das ist eine andere Liga. Die Champions League unserer Zweisamkeit.
Meine Gedanken und Sorgen zusammenfassend, sage ich männlich korrekt: »Was?«
»Fällt dir etwas auf?«, fragt sie, während sie aufsteht, zu meinem Whiskeyregal geht, ihm die Flasche Bruichladdich Islay Single Malt entnimmt und sie vor mich hinstellt. Dazu schiebt sie die Jameson-Marmelade vom Frühstückstisch. Schließlich geht sie zum Schrank und holt aus diesem den Irish Fruit Cake, den ich gern zum Kaffee habe, weil diese Whiskey-Note gar formidabel ist.
Ich entscheide mich nun für die Nuss-Nougat-Creme und schneide das nächste Brötchen auf. Dabei antworte ich: »Was soll mir auffallen?«
Karla setzt ihr Lehrerinnengesicht auf. Das, von dem ich ihr schon ein paar Mal gesagt habe, dass ich mir immer vorkomme, wie ein kleines Kind, und es »UNS« nicht gut tut, wenn sie das macht. Mein »UNS« übergeht sie immer galant mit dem Hinweis, dass dies nicht nötig wäre, wenn ich mich nicht wie ein Kind verhielte. Dann kommt wieder der Stich ins Herz, den sie freudig wie eine Figur aus einem Stephen-King-Roman ansetzt: »Und solange du dich wie ein Kind verhältst, brauchen wir kein Zweites«. In solchen Momenten würde ich ihr gern den Mann in mir zeigen. Meine Keule auspacken, wofür auch immer.
Sie spitzt derweil ihre Lippen und verfällt auch noch in diesen Dozententonfall, den ich schon immer hasste: »Du isst zum Frühstück Jameson-Marmelade, gestern gab es zum Mittag eine Rotweinsauce und zum Kaffee hast du dir zwei Stück Irish Fruit Cake gegönnt. Schließlich hast du, bevor wir gestern ausgegangen sind, einen Doppelten von diesem unaussprechlichen Whiskey getrunken.«
»Bruichladdich«, sage ich perfekt, wenn das Brötchen die Aussprache nicht etwas verzerren würde.
»Wie auch immer«, doziert Karla weiter, »und dann hast du am Abend noch zwei Lynchburg Lemonade und zwei Jacky-Cola getrunken.«
»Weil DU gesagt hast, trink ruhig, ich fahre«, insistiere ich nun etwas bestimmter. Halbe Keule gewissermaßen.
»Was??«, entfährt es ihr und ihr Gesicht rötet sich. »Das bedeutet doch nicht, dass du dich volllaufen lassen sollst! Und außerdem erkennst du das Problem wieder einmal nicht und das wiederum zeigt eindeutig, dass meine Befürchtung richtig ist und du eins hast!«
Ich schiele zur Jameson-Marmelade und komme blitzartig zu der Erkenntnis, dass es Wasser auf Karlas Mühlen wäre, wenn ich jetzt die letzte Hälfte Brötchen genau damit beschmiere. Und ich glaube, dass Karla ein Problem hat. Immer dieser detektivische Irrsinn! Sie kann sich genau an meine Speisefolge von gestern erinnern und hat meine Drinks gezählt. Partnerschaft ist scheinbar so etwas wie NSA für die heimische Spielkonsole. Das Blöde ist nur, dass die Rollen immer verteilt sind. Sie weiß jederzeit alles und vor allem: Sie erinnert sich immer daran! Alles, was mir gnädigerweise bereits wenige Stunden später wieder entfällt, ist auf ihrer Festplatte fest eingebrannt, vor allem, wenn es um mich geht. Für uns Männer dagegen ist Vergessen eine echte Schutzfunktion des Gehirns, weshalb wir aufgrund von mehr Freiraum klarer denken können und seltener Kopfschmerzen haben. Um das Gespräch schnellstmöglich zu beenden, und die Jameson-Marmelade wieder freizugeben, sage ich: »Ich habe kein Alkoholproblem.«
Sie mustert mich und ich bin mir sicher, dass sie mir irgendwann einmal im Schlaf einen Chip in mein Gehirn eingebaut hat und meine Gedanken lesen kann. Deshalb versuche ich ganz schnell an Versöhnungs-Sex zu denken. Vielleicht klappt es ja. Dazu setze ich meinen Ich-bin-wieder-trocken-Dackelblick auf. Um ihre Argumente zu entkräften, schiebe ich nach: »In der Marmelade sind gerade einmal 0,4 Prozent Jameson, Alkohol in Saucen und Kuchen verfliegt beim Kochen und Backen und gestern Abend war eine Ausnahme. Das weißt du doch, oder?«
Sie wiegt den Kopf, als wolle sie mit den schweren Gedankenkugeln in ihrem Kopf Pingpong spielen. Sie mustert mich. Hinterfragt ihre Entscheidung. Immer wieder dasselbe. Muss wirklich schwer sein für eine Frau. Sagt er die Wahrheit? Kann ich ihm trauen? Ist er ein Säufer? Ist er der richtige Vater für meine Kinder? Kann er uns versorgen oder säuft er in der Schwangerschaft? Wird er später Hustensaft trinken, um wenigstens etwas zu haben? Ich will nicht mit ihr tauschen. Es muss die Hölle sein.
Neulich habe ich in einem Ratgeber gelesen, dass es wichtig ist, dass jeder Mensch seine inneren männlichen und weiblichen Teile austariert. Und genau in diesem Moment spüre ich dieses Schlangenhafte, merke, wie es ist, wenn man am Ende immer Recht hat. Meine weibliche Seite reibt sich die Hände, während ich sage: »Mir ist übrigens aufgefallen, dass du drei Mal am Tag dieses homöopathische Mittel nimmst. Auch ziemlich unaussprechlich. Solidago H, wenn ich mich nicht irre. Das Zeug hat 59,5 Prozent Alkohol. Aber ich habe nichts gesagt. Weil ich weiß, dass ich dir vertrauen kann.«
Mit einem Lächeln greife ich zur Jameson-Marmelade und bestreiche mein Brötchen extra dick.
Graphologin im Supermarkt
Ich habe mich dabei erwischt, totalen Unsinn zu denken. So etwas, von dem ich früher dachte, dass es mir nie in den Sinn kommen würde. Während ich meinen Einkaufskorb durch einen Supermarkt schiebe, treffe ich auf eine Bekannte mit ihrem Kind, das neulich eingeschult wurde. Ich schaue mir den Kleinen an und da kommt dieser furchtbare Gedanke hoch. ›Dann beginnt jetzt also der Ernst des Lebens!‹ Ich habe es nicht einmal gesagt, aber gedacht! Und schon allein der Gedanke ist, wenn nicht strafbar, dann zumindest in meinem Werteuniversum ein Ordnungsgeld wert! Und außerdem würde mir der Kleine wahrscheinlich am Liebsten entgegnen: »Hey Alter, ich habe eine Geburt hinter mir, die Qual des Kindergartens noch dazu und du redest vom Ernst des Lebens!« Worauf ich ihm sagen würde: »Warte erst einmal auf den Tag, an dem du herausfindest, dass deine erste große Liebe auch nur eine Zicke ist und der Weg zum Glück länger als 30 Zentimeter.«
Ich lasse sie also stehen und verfluche mich für mein konservatives Gedankengut gut gemeinter Sprüche scheinbar Erwachsener. Der wahre Ernst des Lebens begegnet mir allerdings wenig später an der Kasse. Ich lege meine Einkäufe auf das Band, und nachdem mich der Blick der hinter mir wartenden Rentnerin lange genug gestraft hat, teile ich meine Waren von den ihrigen mit so einem Teil ab, für das es nicht einmal einen anständigen Namen gibt. Auf jeden Fall ist Zigarettenwerbung drauf. Also möglicherweise handelt es sich um ein Kippenkantholz oder einen Tabakriegel.
Dann komme ich an die Reihe. Die Kassiererin schiebt alles brav über den Laser und Piep um Piep wird die Rechnung länger.
Sie teilt mir den Zahlbetrag in einer Lautstärke mit, die auch jemand vernehmen kann, der sich am anderen Ende des Marktes mit dem Kopf voran in der Tiefkühltruhe nach einer Pizza reckt.
Ich gebe ihr meine EC-Karte, die sie flink durch ihr Gerät zieht und sie legt mir einen Zettel zum Unterschreiben hin. Ich unterschreibe, packe meine Sachen zusammen, in Gedanken schon gar nicht mehr im Laden.
Sie aber schaut auf meine Karte und vergleicht die beiden Unterschriften. Wieder und wieder. Dann sieht sie mich missbilligend an. »Die ähneln sich aber nicht sehr!«
»Na und? Sind Sie Graphologin und verdienen sich hier nur was dazu?«
»Jetzt werden Sie mal nicht frech! Die beiden Unterschriften gleichen sich nicht annähernd. Schauen Sie doch mal!«
Und schon hält sie der Alten den Zettel vor die brillenbewachten Augen. Ich denke noch, dass diese Gläser definitiv durchschusssicher sind, da erkenne ich ganz weit hin-Ter den Gläsern zwei winzige, auf mich gerichtete Augen.
»Stimmt!«, krächzt die Alte.
Wo bin ich denn bitteschön gelandet? Eine Discountfachkassiererin und eine Rentnerin bezweifeln die Richtigkeit meiner Unterschrift! Wahrscheinlich werden sie noch die übrigen im Markt zu findenden Passanten befragen, und wenn sie sich zu einem endgültigen Urteil durchgerungen haben, wird weißer Rauch über dem Discounter aufsteigen! Vielleicht doch nicht mehr zum Billigladen? Sollten es mir die paar Cent in Zukunft wert sein?
»Was machen wir denn nun?«, frage ich die Kassiererin, die meine Karte noch immer wie Beweisstück Nummer eins im Prozess Penny gegen Jischinski in ihrer Hand hält.
Derweil krame ich in meinem Bargeld herum, stelle aber fest, dass ich sie leider auch auf diese Art nicht glücklich machen kann.
»Ich frage mal den Filialleiter«, entfährt es meiner Sherlocke Holmes. Die Rentnerin schaut mich inzwischen wie etwas an, was sie sonst nur bei »Aktenzeichen XY ungelöst« sieht.
Vielleicht ist alles nur die gerechte Strafe für diesen blöden Gedanken. ›Hey, Kleiner, nun fängt der Ernst des Lebens an!‹ Dieser doofe Ernst holt dich schneller ein, als du denkst. Und vor allem ist er gänzlich humorlos. Meine Sherlocke kommt wieder zurück. Für einen winzigen Moment habe ich das Gefühl, als sei ihr eine Erleuchtung gekommen. Als hätte sich der böse Gedanke an einen Trickbetrüger wie ein Sandkorn in ihrem Hirn eingenistet und in den wenigen Minuten des Weges bis zum Filialleiter hat das Perlmutt ihres Hirns daraus eine wahre gedankliche Perle entstehen lassen. Doch das, was aus ihrem Mund perlt, ist reichlich schal.
»Sie sollen die Sachen hier lassen und Sie können sich später alles gegen Bargeld abholen.«
Ich schaue böse in Richtung dieses Spiegelglases. Sitzt dahinter der Messias? Der Hausmeister vom Landgericht? Oder doch Barbara Salesch?
Es gibt Verschwörungstheorien zum 11. September, zur Mondlandung und zum Mord an Kennedy. Aber an den kleinen Mann im Supermarkt denkt keiner. Ich verlasse das Geschäft, steige in mein Auto und fahre in den nächsten Laden. Dort angekommen, suche ich die gleichen Sachen wie vorher zusammen, lege sie aufs Band, bezahle mit meiner Karte, unterschreibe und nichts passiert. Es kann sich eben nicht jede Kette eine Graphologin als Kassiererin leisten, denke ich noch, während mich meine Bekannte anspricht: »Na, hast du vorhin auch nicht alles bekommen?«
»Im Grunde schon! Die Kassiererin hat meine Karte aber leider nicht akzeptiert. Ist ’ne längere Geschichte. Aber jetzt habe ich ja alles.« Ich schaue auf den Kleinen, der an einem Lutscher schleckt. »Wie gefällt es dir denn in der Schule?«, frage ich höflich. »Geht so«, nuschelt er mir entgegen.
»Tja, jetzt beginnt der Ernst des Lebens!«, flötet seine Mutter und haut ihm eine Hand auf die Schulter. Im Weggehen schaue ich traurig auf den Kleinen. Er lächelt noch und seine Augen leuchten. Wenn die alle wüssten, wie ernst es wirklich wird, sie würden sich mit Freude totlachen.
Gute Vorsätze
Ich laufe durch diese Bar und die Blicke der Frauen treffen mich wie etwas, das mich streichelt und zu sich zieht. Es ist bloß der Rückweg von der Toilette, aber ich laufe wie auf dem Catwalk. Es fühlt sich gut an, wie sich das Training der letzten Wochen auswirkt. Ich muss den Bauch kein bisschen einziehen, sondern laufe einfach so durch die Gegend. Ja, regelmäßiges Training, weniger Stress, mehr Schlaf, so einfach ist das. Ich komme zurück zu meinem Barhocker und setze mich. Die Hose spannt nirgends und ich kann auf einen wundervollen Tag zurückblicken. Alle Arbeit ist getan, noch dazu mit Freude, und morgen werde ich wieder aufstehen und wissen, dass alles möglich ist. Der Gemüsecocktail vor mir schmeckt zwar wie eine alte Biosandalette, aber er wirkt, als würde ich ein Serum für Männlichkeit und Wohlbefinden in mich aufnehmen. Durch das Menschengetümmel hindurch kann ich sie sehen. Sie hört sich das Gelaber von irgend so einem Typen an, wirkt dabei furchtbar gelangweilt, ist aber trotzdem so höflich, alles über sich ergehen zu lassen. Als er endlich weg ist, gehe ich zu ihr.
»Hallo«, sage ich, ohne meine Stimme zu verstellen, »das mag jetzt überraschend sein, aber ich sehe keine Möglichkeit, es dir schonend beizubringen. Also, ganz direkt. Ich stehe hier vor dir, weil ich dich interessant finde und dich kennenlernen will. Ich bin den weiten Weg von meinem Platz dort drüben zu dir gekommen, um dich anzubaggern.«
Sie lacht mich an: »Und wann geht es los?«
»Jetzt gleich.«
Wir unterhalten uns lange und sie lacht über das was ich sage und lustig meine. Ihr Lachen verzaubert mich und ich hänge an ihren Lippen. Sie interessiert sich für mich und mein Leben. So, wie ich etwas über sie wissen will. Längst habe ich ihren Körper als eine Landkarte voller Versprechungen vermessen, wohl wissend, dass es Berge und Täler an ihr gibt, die himmlische Vergnügungen garantieren.
Natürlich bringe ich sie nach Hause bis vor ihre Tür. Aber ich zerstöre diesen wundervollen Abend nicht mit so etwas Banalem wie einem One-Night-Stand. Ich küsse sie zum Abschied in dem Wissen, dass wir uns wiedersehen werden, schon bald. Auch meine enttäuschte Erektion sieht das an diesem Abend noch ein.
Am nächsten Tag stehe ich kurz nach Arbeitsbeginn im Büro meines Chefs. Er gießt uns beiden viel zu trockenen Sekt ein, aber zu Ehren meiner Beförderung einschließlich Gehaltserhöhung lasse ich auch das über mich ergehen. Nach meinem Tagwerk sitze ich in einem Café und lese ganz in Ruhe die FAZ. Doch meine Konzentration ist getrübt, denn immer wieder sehe ich sie vor mir. Ich träume ein wenig von ihr und male mir aus, wie unser Rendezvous am Abend aussehen wird. Auf dem Weg nach Hause kaufe ich ihr einen Strauß roter Rosen. Sie wird mich lieben dafür, bin ich mir sicher.
Ich rufe Tom an, um zu hören, wie es ihm geht. »Klar«, sage ich, »es ist immer schwierig, Zeit für die wichtigen Dinge im Leben zu haben, aber unmöglich ist es nicht.«
Wir reden noch über seinen bevorstehenden Umzug und den Ärger, den er mit seinen Kollegen hat. Ich baue ihn auf, und als ich auflege, glaube zumindest ich daran, dass es ihm besser geht.
Danach ziehe ich mich um und gehe ins Fitnessstudio. Knappe zwei Stunden nehme ich mir Zeit, um meine Kondition und Kraft weiter zu verbessern, auch wenn das im Moment kaum noch möglich ist. Ich dusche und salbe mich, als würde ich einen Preis für Reinlichkeit erwarten. Dabei sind Teile meiner Gedanken reichlich schmutzig, als ich wieder zu Hause sitze und die letzten Lektionen meiner Fernstudieneinheit durcharbeite.
Ich hole sie ab, aber wir kommen nicht in das Restaurant. Wir fallen übereinander her wie zwei Unwetterwolken, die sich ausregnen müssen. Wir landen in ihrem Bett, wo ich mir ausgiebig Zeit nehme, all ihre Schönheit zu erfassen, sie mit allen Sinnen zu erfahren.
Im Moment der höchsten Ekstase greife ich nach ihr und will sie nie wieder loslassen. Aber sie ist nicht mehr da. Meine Hände landen auf meinem Bauch, aber die möglicherweise in tieferen Schichten lauernden Sixpacks lassen sich nicht ertasten. Irgendwie klatschen meine Hände bloß auf eine riesige Masse Fett. Langsam entfernen sich die wundervollen Bilder aus meinem Kopf. Ich wache auf und schleiche ins Bad. Ich stelle mich vor den Spiegel und öffne vorsichtig meine Augen. Eine behaarte Murmel mit einem Kopf sieht mich verstört an. Und ich denke nur:
Na toll, nur geträumt! Morgen wird ein Scheißtag im Büro sein. Es gibt wieder eine Woche, in der ich nur arbeiten werde. Keine Beförderung, kein Sport und natürlich auch keine Zeit für Tom. Es wird alles so sein, wie es schon immer war. Die FAZ wandert ungelesen in den Müll, die Studienunterlagen hinterher und von dieser Frau bleiben nur meine Träume. Höchste Zeit also, dass ich meine guten Vorsätze endlich in die Tat umsetze.
Feng-Shui in Vollendung
Es hatte alles mit diesem aufregenden Artikel in der Zeitung angefangen. Feng-Shui in der Wohnung würde alles besser machen und wenn das Qi erst richtig fließt, dann würde er sich auch wieder besser fühlen, munterer, ja sogar jünger. Er verglich die Fotos in dem Magazin mit dem Bild, das seine Wohnung bot. Wichtigster Unterschied: Bei ihm war in jedem Regal alles zu sehen. Bücherrücken, kleine Dinge, die einfach mal zwischengelagert werden sollten, aber nun bereits seit Jahren verstaubten, Notizen und Kreditkarten. Gefüllte Koffer unter den Schränken, alte Fotos in vergilbten Kisten und in den Schränken hingen Sachen, die ihm schon lange nicht mehr passten. Das Qi hatte gar keine Chance zum Fluss zu kommen, und so war es auch kein Wunder, dass er sich so matt und antriebslos wie immer fühlte. Kein Qi da, also auch keine Freude im Leben.
Gleich am nächsten Tag fuhr er ins Möbelhaus und kaufte ein großes Regal mit verschließbaren Türen, damit der Blick an nichts haften bleiben und das Qi frei fließen konnte. Schnell baute er es auf und verstaute die gesamten Bücher darin. Den nutzlosen Plunder, die Schränke, all die alten Fotos mit seinen Verflossenen, die Kartons und nicht mehr passenden Sachen warf er gleich in den Müll und bereits am Abend fühlte er sich deutlich besser. Als er am nächsten Morgen sein Werk betrachtete, stellte er fest, dass die schon etwas matte Farbe an der Wand nun nicht mehr so recht zum neuen Regal passte. Auch ein Blick in die Zeitschrift bestätigte, dass die Wandfarbe ebenfalls Feng-Shui entsprechend sein müsse. Das Zimmer lag gen Osten, weswegen ihm als beste Farben grün und braun empfohlen wurden. Also fuhr er in den Baumarkt und besorgte sich die neuen Farben. Innerhalb eines Tages räumte er das Zimmer leer, strich die gesamten Wände und räumte das Zimmer wieder ein. Am Ende des arbeitsreichen Tages bot alles einen prächtigen Anblick. Und er war nun noch ein Stückchen glücklicher. Es herrschte Ordnung und Klarheit. Alles war auf das Wesentliche reduziert und er würde fortan in Harmonie wohnen und leben. Sofort spürte er neue Kräfte in sich aufsteigen, befand es aber für sinnvoller, sich schnell zum Schlafen zu legen.
Gleich nach dem Aufstehen ging er am folgenden Tag in das Zimmer und musste sich die Augen reiben. Der Teppich passte nicht mehr. Dass ihm das am Abend zuvor nicht aufgefallen war! Es war so schön, dass das Sofa wunderbar passte, aber der Teppich musste raus. Er war in seiner ruhenden Mitte empfindlich gestört und beschloss sofort, zum Möbelhaus zu fahren und einen neuen Teppich zu kaufen. Dieses Mal kam auch seine Freundin mit und sie bewies wahrlich einen ausgezeichneten Geschmack, denn der neue Teppich legte sich wunderbar auf den Fußboden und verströmte pure Glückseligkeit. Wie sie nun aber Arm in Arm dastanden und den Anblick des völlig harmonisierenden Zimmers genossen, bohrte sich ein weiteres störendes Element langsam in ihrer beiden Blicke. Die Lampe ging nun auch nicht mehr! Und wenn sie schon einmal dabei waren, passte das grün-braun des Zimmers auch nicht mehr so recht zu den viel zu weißen Türrahmen. Es wäre besser, wenn diese einen angenehmeren Ton hätten, vielleicht etwas beige oder ein einfach nur nicht so schreiendes Weiß. Sie beratschlagten eine Weile, was zu tun war, denn so langsam hatten sie Angst bekommen, dass sie immer wieder einen Punkt finden könnten, der sie stören würde. Sie hatten bei dem Regal angefangen, was ja noch in Ordnung war, dann die Farbe, der Teppich und nun die Lampen. Möglicherweise die Türen noch dazu. Und was würde als nächstes kommen?
»Vielleicht war es doch keine so gute Idee mit diesem Feng-Shui, oder?«, fragte er sie schon ein wenig frustriert.
»Doch, ich glaube schon. Sieh doch nur, wie toll der Raum geworden ist! Den Rest können wir doch nach und nach machen und außerdem haben wir ja noch genügend andere Räume.«
»An die will ich jetzt mal gar nicht denken«, entfuhr es ihm sofort, »und eigentlich ist mir inzwischen auch egal, ob wir in den anderen Zimmern Feng-Shui haben oder nicht. Ich bin so platt von der ganzen Arbeit und will mich einfach nur ausruhen und wohl fühlen.«
»Das werden wir auch noch.« Und so drückte sie ihm einen Kuss auf den Mund, zog ihn zum Auto und sie fuhren wieder zum Baumarkt. In den folgenden Tagen schliffen sie die Tür und den Türrahmen ab und versahen alles mit einem dezenten beigefarbenen Anstrich. Als sie ihr Werk besahen, stellte sich eine deutlich größere Ruhe ein. Es war fast perfekt. Aber eben nur fast. Sie waren sich schnell einig, was noch zu tun war. Der Raum war noch nicht rituell gereinigt. Also liefen sie das gesamte Zimmer im Uhrzeigersinn mit einer Kerze ab, leuchteten die Ecken aus und baten die Kraft des Feuers, die alten Energien in sich aufzunehmen und an den Kosmos zurückzuführen. Sie stellten zudem ein Räucherstäbchen auf und sprühten frisches Quellwasser in jede Ecke des Raumes.
Schließlich merkten sie, dass der Raum noch immer nicht so rein war, wie sie ihn brauchten. Deshalb kaufte sie eine Klangschale und stellte sich mitten in den Raum. In einem sehr intensiven Ritual entlockte sie der Schale wundervolle »Om-Töne« und bat das Universum, die verstaubten und verbrauchten Energien wieder in den Kreislauf des Kosmos zu geben. So wähnten sie sich zurück im Einklang mit dem Schwingungsfeld des Alleinen. Doch wie sie danach in ihrem neuen Zimmer saßen, spürte sie in aller Konsequenz die letzten Störungsfelder auf. Sie sah ihn an. Länger als sonst. Er war nicht besser geworden, nicht jünger, nicht munterer.
»Schatz, es wäre schön, wenn du jetzt gehst.«
Und wie er den Raum verließ, durchflutete sie plötzlich Wärme und Licht.
Samstag ist Fußballtag
Neulich im Fanshop. Ich stehe vor einem Spiegel und habe ein Trikot vor meine Brust geheftet.
»Nicht deine Farbe«, sagt meine Freundin Karla zu mir.
»Was hast du gegen schwarz-gelb?«, frage ich.
»Gar nichts. Es steht dir nicht. Das ist alles. Aber warum muss hier auch alles schwarz-gelb sein? Einige Sachen sähen wirklich gut aus, wenn sie eine andere Farbe hätten.«
Ich schaue Karla fragend an.
»Du, das geht nicht anders. Es sind die Vereinsfarben. Schon seit hundert Jahren. Die können sie nicht einfach ändern!«
»Warum nicht? Andere Dinge ändern sich auch.«
Ich kapituliere innerlich, zeige es natürlich nicht.
»Mag sein. Aber im Fußball gibt es Regeln, Tradition und Werte. Nichts davon wird geändert.«
Für einen Moment habe ich das Gefühl, wir hätten uns gestritten, obwohl es eigentlich kein Streit war. Ich nutze die Gesprächspause, um mich zu den Schlüsselanhängern und Mousepads zu verdrücken. Beim Anschauen dieser Sachen, der Füllhalter, Ordner und Bettwäsche in schwarz-gelb frage ich mich schon, ob Karla nicht Recht haben könnte. Dabei stelle ich mir vor, wie alles gekommen wäre, wenn die Emanzipation schon vor hundert Jahren so weit gewesen wäre wie heute.
Auf einem holprigen Acker treffen sich schneidige Damen. Sie zeigen einander ihre neuen Schuhe, sündhaft teure Fetzen Stoff und unentbehrliche Taschen in Taschentuchgröße. Nach einem gemütlichen Plausch von mehreren Stunden drängt es sie zur Bewegung. Eine aufgeblasene Schweinsblase dient ihnen als Luftballon, der adrett durch die Luft geworfen wird. Irgendwann fällt er herab und übermütig treten die Frauen davor. Was auf einem Acker beginnt, wird die Geburtsstunde des modernen Fußballs. In der Folge gewinnt der Sport an Popularität und die Frauen formieren sich zu Mannschaften. Eine Liga wird gegründet. Zu den Gründungsmitgliedern gehören Terracotta Bielefeld, Moccacino Gelsenkirchen und Östrogen Dortmund. Doch zur Überraschung aller gewinnt die erste Meisterschaft die Mannschaft von Mauve-Pastell Berlin. Von nun an geht es steil bergauf. Der Sport begeistert die Massen, Stadien werden als moderne Tempel errichtet und eine ganze Industrie folgt dem Damenfußball. Männer dagegen versinken im Haushalt, in der Elternzeit oder sie studieren Sozialpsychologie. Hundert Jahre nach dem ersten Tritt vor die Blase steht ein junger Mann mit seiner Freundin im Fanshop von Östrogen Dortmund. Die Vereinsfarben sind seit jeher pink-violett, ohne auch nur ein einziges Mal in Frage gestellt worden zu sein. Die Freundin steht vor einem Spiegel und hält sich ein Girlie vor die Brust.
»Schatz, sag mal, steht mir das?«
Der Freund nestelt gerade gedankenverloren an einer pink-violetten Tamponaufbewahrungsbox herum und wägt ab, ob er seiner Freundin Karla lieber diese oder aber die etwas teurere Flakon-Socke in den Vereinsfarben zum Geburtstag schenken soll.
»Was sagst du, Schatz?«
»Ob mir das hier steht!?«
»Hm. Ich weiß nicht. Wenn es nicht pink-violett wäre, schon.«
Seine Freundin schaut ihn an wie die gegnerische Torfrau, wenn sie in der gemischten Regionalliga einen Elfmeter von ihm halten will. Zwischen ihren Zähnen presst sie hervor:
»Es gibt hier aber nur pink-violett! Östrogen Dortmund trägt nun einmal nichts anderes! Und das schon seit hundert Jahren!«
»Dann lass uns doch zum Shop von Minisiston Leverkusen fahren. Das Blau von denen steht dir wirklich gut!«, entfährt es ihrem Freund.
Karla sieht aus, als würde sie jeden Moment ihre Daseinsform wechseln. Ihr Kopf wird so rot, dass ihr Freund versucht ist zu bemerken, dass ihr gerade jetzt das pink-violett deutlich besser steht.
»Bist du wahnsinnig?? Eine Klamotte von Minisiston Leverkusen? Erstens würde ich das nie anziehen. Zweitens sind deren Shirts nicht blau, sondern azur! Und drittens, mein Lieber, trägt man nie etwas von Werksmannschaften.«
Reichlich bedeppert schleicht er sich von dannen und lässt Karla im Fanshop gewähren. Um sich die Zeit ein wenig zu vertreiben, geht er zum Imbiss und bestellt sich ein Glas Prosecco und einen Tomate-Mozzarella-Salat. Es sind noch ein paar Stunden Zeit bis zum Spitzenspiel Östrogen Dortmund gegen die Spitzenreiterinnen von Stiletto München. Die Ränge füllen sich langsam. Frauen setzen sich und präsentieren einander Hüte, Kleider und Dinge, die scheinbar nur aus einem Absatz bestehen. Unmöglich, dass man darauf laufen kann. Prosecco fließt in Strömen und vor den Damentoiletten bilden sich bereits jetzt die ersten Schlangen. Nur ganz vereinzelt sind Männer zu sehen, die sich unsicher an ihre Proseccogläser klammern. Verständnisvoll zwinkern sie sich zu. Es heißt so etwas wie:
Du auch, mein Bruder? Jeden Samstag im Stadion? Montags DSF und Mittwochs Premiere? Und bei jeder Party diese Fachsimpeleien, ob die Brasilianerin Madonna nicht doch zu Chanel Madrid wechseln sollte, statt bei Rucola Mailand zu versauern? Oder ob es Stiletto München wirklich verdient hat, wieder Meisterin zu werden? Und nicht zuletzt, ob die neuen Hotpants von Östrogen Dortmund nicht der letzte Schrei sind.
»Und?« Karla holt mich unsanft aus meinem Traum zurück ins Hier und Jetzt.
»Was ist nun mit deinem Shirt?«
»Du hast doch gesagt, dass es mir nicht steht.«
»Ja schon. Aber wenn du es doch so sehr magst, dann kannst du es auch haben.«
Ich lächle sie an. Sie ist einfach eine verständnisvolle, liebenswerte Göttin. Meine Karla eben.
»Aber nur«, fährt sie fort, »wenn ich dafür wieder meine Serie schauen kann.«
Ich schaue sie an. Sie ist eine Schlange. Eine hinterlistige Schlange. »Die am Mittwoch?«
»Welche sonst?«
»Dann lasse ich das Shirt hier.«
Wir verlassen den Laden und ich habe das Gefühl, einen wichtigen Sieg errungen zu haben. Schon vor dem Spiel. Ich gehe zum Imbiss, kaufe ein Bier, eine Cola für Karla und Pommes Schranke. Wir sehen, wie sich das Stadion füllt. Mit fettigen Händen schiebe ich mir die Pommes in den Mund. Karla schaut zu mir, dann zu den anderen Kerlen und schüttelt den Kopf.
»Schade, dass wir Frauen den Fußball nicht erfunden haben.«
Ich rülpse leise und sage: »Glaube mir. Das wäre ein schlechter Tausch!«
Beschneidung
Florian liebt Bea. Und Bea liebt Florian. Sie haben sich auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung kennen gelernt und es für überaus wohltätig für sich selbst befunden, zueinander zu finden. Flo schwärmt für alle körperlichen, spirituellen, sphärischen und sinnlichen Reize Beas. Er ist wie verzaubert, seitdem er sie liebt. Ich bin einigermaßen erstaunt, als mir Flo von der einzig wahren Liebe seines Lebens berichtet. Von seinen Beschreibungen, dass wir unser Leben schließlich nicht nur so zur Probe führen und jeden Tag lediglich in die Premiere unserer eigenen Vorstellung gehen, bin ich restlos angetan. Ganz abgesehen davon, dass Bea wirklich ein anbetungswürdiges Geschöpf ist, bei dem sich die männliche Libido selbständig macht. Flo ergeht es so wie allen anderen Liebenden vor ihm. Er verändert sich. Nicht nur von seinen Ansichten her und seinem Toleranzbereich für Dinge, die er früher rigoros ablehnte. Es gibt deutliche körperliche Veränderungen. Er macht beispielsweise mehr Sport und sieht insgesamt fitter aus. Es gibt allerdings ein paar Wandlungen, die nicht sofort ins Auge stechen. Man muss schon ein sehr guter, vertrauenswürdiger Freund sein, um in den Genuss der Information zu kommen, was sich außer den sichtbaren Dingen geändert hat. Ich habe Florian auch einen halben Blutsschwur geleistet, dass ich seine bahnbrechende Erfahrung nie irgendwo herum erzähle, oder gar in einer kleinen Geschichte verarbeite. Es trägt sich also nach einer der ersten körperlichen Vereinigungen zu, dass Bea ihrem Flo weniger im Liebesrausch, als vielmehr mit überaus energischer, aber nicht minder liebender Nachdrücklichkeit ermahnt, die Länge seiner Behaarung im Schambereich zu überdenken. Nun war Flo sein gesamtes behaartes Erwachsenenleben ohne Rasur unterhalb seines Halses ausgekommen, erfreute sich gleichwohl aber der mädchengleichen Nacktheit der Körpermitte seiner Bea. Was liegt also näher, als Herrn Wilkinson zu bemühen?
»Sag mal, nimmt man da einen anderen Rasierer als fürs Gesicht?«, fragt er mich eines Abends.
»Ich denke schon. Wegen der Hygiene und so. Du hast ja als Kind auch zwei Waschlappen genommen. Einen für oben und den anderen für unten.«
»Aber den Rasierschaum kann ich doch nehmen, oder greift der die Haut zu stark an?«
»Hm, ich würde wohl was für sensible Haut nehmen, oder?«
»Du hast Recht«, Florian streicht sich über seinen Bart, der bald die längste Behaarung seines Körpers aufweist, »aber muss ich nun mit oder gegen den Strich rasieren??«
Ich sehe ihn erstaunt an: »Die entscheidende Frage ist doch wohl, wo geht der Strich lang?«
Wir kommen einfach nicht weiter. Es wird nur der ernsthafte Versuch weiterhelfen. Doch Florian hat noch weitere Sorgen: »Und was, wenn ich mich schneide?«
»Dann machst du ein Stück Papier drauf. So wie im Gesicht halt. Und desinfizieren kannst du alles mit Rasierwasser. Aber dann was für Männer wie Irish Moos oder Old Spice. Das macht richtig Banane.«
»Nö, lass mal. Da nehme ich eine ganz sanfte Creme.«
Wir verabschieden uns an jenem Abend wie zwei Männer, von denen einer in den Krieg ziehen muss. Als ich nach Hause gehe, sinniere ich noch ein wenig darüber, ob es denn ab einem gewissen Alter nicht mehr um die inneren Werte geht, sondern doch um äußere Erscheinungen. Vielleicht ist aber ein schnittiger Schambereich ein innerer Wert, weil er schließlich in der Hose liegt. Ich bin am Verzweifeln. Und in Gedanken ganz nah bei Florian. Der teilt mir in der Woche darauf seine wissenschaftlichen Erkenntnisse mit. Zum einen ist es ein durchaus erotisches Erlebnis, und wenn er noch zehn Jahre jünger wäre, naja, ich wisse schon. Zum anderen hätte es bereits rein optisch ein bis zwei Zentimeter in der Länge gebracht, ganz locker. Und schließlich geht nun mit Bea richtig die Post ab. Nicht zuletzt hat sie nicht mehr dauernd Haare im Mund, wenn ich wüsste, was er damit sagen will. Florian ist jedenfalls rundum zufrieden.
Wir besprechen in der Folge noch ein paar andere Kleinigkeiten partnerschaftsfördernder Art, lösen kleinere Probleme oder schweigen manche Abende einfach nur mannhaft miteinander. Doch tief in unserem Inneren wissen wir, dass wir einer entscheidenden Frage immer wieder ausweichen. Es kann gar keinen Zweifel geben: Alles wird gut werden mit diesem geradezu idealen Liebespaar. Florian und Bea bereichern sich und haben eine tolle Zeit. Sie reiben ihre haarlose Scham aneinander und Flo hat endlich einen Degen, der ohne Störung in die Scheide gleitet, wie er so schön sagt. Irgendwann werden die beiden vor den Altar treten und zig unbehaarte Kinder zeugen. Doch die Sache hat einen kleinen, nahezu unbedeutenden Haken, den wir aber auch noch lösen werden. Dieser Haken heißt Suse. Und Suse ist Florians Frau. Seit ziemlich genau fünfzehn Jahren.
Das Methusalem-Kompott
Das war ein Sonntag nach meinem Geschmack! Ich hatte lange ausgeschlafen und war danach bis kurz nach zwei bei einem wunderbaren Brunch. Wieder zu Hause angekommen, legte ich mich aufs Sofa und las etwas. Zwischendurch surfte ich, um zu schauen, ob meine Chat-Bekanntschaft »wild_vampire« wieder online war. Doch sie mied meinen Kontakt in letzter Zeit. Wahrscheinlich überlegte sie, ob mein Vorschlag des Realtreffs nicht doch unserer intimen Beziehung schaden könnte. Dabei hatte ich mir bereits einiges ausgemalt, was wir in die Tat umsetzen könnten, von all dem, worüber wir bis dahin nur geschrieben hatten. Und ein Ziel musste es auch geben, denn die Anbindung zu ihr war nicht kostenlos. Ich döste mit unzüchtigen Gedanken an meinen Vampir noch etwas vor mich hin, bis ich vom Klingeln an der Wohnungstür in die Realität zurückgeholt wurde.
Als ich die Tür öffnete, war ich überrascht. Frau Köpfe stand da. Die Rentnerin, die über mir wohnte. Alt, stolz und irgendwie kauzig. Gefühlte hundertzwanzig Jahre alt, tatsächlich aber sportliche siebzig. Das graue Haar war immer gepflegt gebürstet und zu einem Pferdeschwanz gebunden, das Gebiss tadellos gereinigt und Oil of Olaz müsste bei ihrer Haut nicht mehr nach einem Testimonial suchen. Einziges Manko waren ihre Augen, die bei »Unser Star für Baku« gewinnen würden. Deshalb trug sie eine etwas überdimensionierte Brille, deren Gläser mich an optische Versuche im Physikunterricht erinnerten.
Bis vor ein paar Jahren wohnten ihr Mann und ihr Sohn noch bei ihr. Doch der Sohn war mit Mitte vierzig endlich alt genug, sein warmes Nest zu verlassen und ihr Mann starb kurz darauf. Ihr schien der Verlust ihrer Männer nichts anhaben zu können. Sie strahlte immer einen gewissen Optimismus aus, der mir das Gefühl gab, dass es gar nicht so schlimm sein konnte, alt zu werden. Naturgemäß regte sich in ihrer Wohnung wenig. Ich hatte ein ruhiges Leben unter ihr und wäre in meinen Kreisen nur gestört worden, wenn ihre Kekskrümel plötzlich zu Kanonenkugeln angeschwollen wären oder aber ihre Teelöffel Glockenschläge in den Tassen vollführt hätten. Von ein paar Ermahnungen ob der von mir nicht peinlichst genau verfolgten Einhaltung der Hausordnung abgesehen, kam ich mit ihr und der Ruhe, die sie ausstrahlte, hervorragend klar. Nun stand sie vor mir. In der rechten Hand hielt sie einen Teller mit einem Stück Kuchen, in der linken ihren Wohnungsschlüssel und ein Schälchen Birnen-Kompott. In ihrem Gesicht klebte ein faltiges Lächeln, als gäbe es etwas zu feiern.
»Hallo, Sie haben gebacken und ein Kompott gezaubert? Das ist aber schön!«, sagte ich freundlich.
»Ja, echten Zupfkuchen. Nicht so ein Zeug aus der Pakkung, wie Sie es wahrscheinlich haben, wenn überhaupt! Hier, riechen Sie mal!«
Frau Köpfe schob mir den Teller vor mein Gesicht und ein wunderbarer Duft stieg in meine Nase.
»Oh, das riecht toll! Der schmeckt sicher auch so, oder?«
Gerade als ich das gute Stück greifen wollte, zog sie es zu sich heran und blinzelte verschwörerisch. »Natürlich schmeckt der Kuchen. Und das Kompott ist ein Traum, für den man sterben möchte. Und überlegen Sie sich diesen Satz aus dem Mund einer alten Frau! Doch umsonst gibt es nichts im Leben, glauben Sie mir! Sie könnten mir im Gegenzug einen kleinen Gefallen tun.«
Was tut man nicht alles für ein Stück Kuchen und für ein Schälchen Kompott, die an Kindheit, Heimat und Geborgenheit erinnern?
»Womit kann ich denn dienen?«, fragte ich deshalb.
Als wäre dies der Startschuss für einen Crosslauf, sprang sie über die Türschwelle, umkurvte gekonnt das Bücherregal im Flur und steuerte so routiniert in mein Wohnzimmer, als würde sie dies jeden Abend nach Arbeitsschluss tun. Nicht zuletzt meisterte sie alles mit Kuchen und Kompott. Wahrscheinlich war sie in ihrer Jugend die absolute Göttin im Eierlaufen. Ich folgte ihr und begann zu stottern:
»Ähm, Frau Köpfe, was machen Sie da?«
»Ich will es mir nur ein wenig bequem machen!«
Sie saß in meinem Sessel und durchmaß den Raum mit kritischem Blick.
»Sie sollten mal wieder einen Staubwedel in die Hand nehmen. Und lüften wäre auch nicht schlecht. Aber deshalb bin ich ja nicht hier.«
Endlich stellte sie den Kuchen und das Kompott zu mir. Ich hatte mich ihr gegenübergesetzt.
»Also, mein Sohn ist ja nun leider schon ausgezogen. Er kann mich auch nicht so einfach mal besuchen, dafür wohnt er zu weit weg. Es ist aber so, dass ich nur noch ihn habe und sonst niemanden. Wissen Sie eigentlich, dass er Programmierer bei SAP ist?«
Mein Hirn schaltete um auf den Erinnerungsmodus und vor meinem geistigen Auge entstand das Bild eines blassen Langweilers, der bei Mama wohnte und der sich von Tiefkühlkost ernährte, seitdem er bei ihr ausgezogen war. Seine sozialen Kontakte beschränkten sich auf das Internet und der Besuch beim Friseur war die einzige Möglichkeit, in die Nähe von weiblichen Händen zu kommen.
»Ja, ich erinnere mich an ihn! Zu schade, dass er weggezogen ist!«, log ich, während ich den ersten Bissen des Kuchens genoss. Dass die bei SAP einen solchen Vollpfosten genommen hatten, konnte ich kaum glauben.
»Jedenfalls unterhalten wir uns jeden Tag!«, sagte sie ganz aufgeregt und selbst durch die starken Brillengläser konnte ich sehen, dass in ihren Augen mütterlicher Stolz blinkte.
»Ach nein, Frau Köpfe! Dann haben Sie aber eine dicke Telefonrechnung!«
»Wie kommen Sie denn darauf? Wir skypen und mailen uns. Ich habe sogar eine eigene Email-Adresse. Doris Punkt Köpfe äd Tee minus Online Punkt De Ee! Und Köpfe mit oe.« Sie sah mich an, als wäre sie Cortez und hätte mir Eingeborenen soeben glänzende Perlen geschenkt.
»Nein!«, erhob ich erstaunt die Stimme, »was Sie nicht sagen, Frau Köpfe! So richtig mit Email und dem Internet sind Sie mit Ihrem Sohn verbunden. Das hätte ich Ihnen gar nicht zugetraut!«
»Tja, ich bin nicht so rückschrittlich, wie ich in Ihren Augen aussehe. Von wegen, die alte Schrulle glotzt nur auf die Hausordnung und liest die Apothekenrundschau! Unterschätzen Sie uns alte Menschen nicht. Nun aber zur Sache, junger Mann! Den Kuchen und das Kompott bringe ich ja nicht einfach so mit. Ich habe ein technisches Problem und mein Sohn ist leider nicht erreichbar. Könnten Sie bitte mal ein Auge auf meinen Computer werfen, damit ich wieder mit meinem Kleinen sprechen kann?«
Gerade hatte ich das letzte Stück Kuchen eingeworfen und bereits die ersten beiden Löffel Kompott intus. Deshalb fühlte ich eine gewisse Verpflichtung Frau Köpfe und ihrem Wohlergehen gegenüber.
»Klar doch. Ich helfe ihnen.«
Wir gingen gemeinsam im Schneckentempo nach oben. Frau Köpfe verwies auf ihr künstliches Hüftgelenk und das Wasser in ihren Beinen. Sonst fühle sie sich aber noch fit.
Der Computer war ein High-End-Gerät mit einem 24-Zoll-Bildschirm.
»Alle Achtung, Frau Köpfe! Eine irre Hardware haben Sie da!«
»Mag ja sein, aber der Computer ist auch nicht schlecht! Schauen Sie sich vor allem einmal den Fernseher an! Riesig, oder?«
Ich sagte gar nichts und schaltete das Gerät ein. Der Computer fuhr hoch und ich versuchte, die Verbindung ins Internet herzustellen. Es ging nicht.
»Haben Sie schon alle Kabel untersucht?«
»Welche Kabel? Ich dachte, ich bin im Internet?« Sie schaute mir mit ihren riesig wirkenden Augen direkt ins Gesicht.
»Sie haben da übrigens noch Kompott am Kinn.«
Sie reichte mir ein Taschentuch und ich wischte mir ihr Geschenk aus dem Gesicht.
»Vielen Dank, Frau Köpfe. Ich schaue jetzt trotzdem einmal nach den Kabeln.«
Der erste Blick unter den Tisch genügte. Das DSL-Kabel steckte nicht im Rechner. Ich behob den immensen Schaden, kam wieder unter dem Schreibtisch hervor und klickte auf die Internetverbindung.
»So, nun müsste es wieder gehen.«
Ein Fenster nach dem anderen ploppte auf.
»Huch, was haben Sie denn da?«
Frau Köpfe wurde rot. »Ach das!? Nichts weiter. Nur ein kleiner Zuverdienst. Wissen Sie, meine Rente ist ja nicht so üppig.«
Dann wurde ich rot. Über dem letzten Fenster stand es deutlich: Chat4U, Username »wild_vampire«. Darunter unser Chat von letzter Woche.
Wir waren bloß wegen eines dämlichen Kabels so lange getrennt. Und das Treffen in Echtzeit hatte ich nun endlich auch.
Der Kunde ist König!
Noch eine Viertelstunde länger und ich wäre geplatzt. Endlich sehe ich das Schild mit dem Hinweis auf eine Raststätte in fünf Kilometer Entfernung. Ich trete das Gaspedal durch, keinen Gedanken an die Umwelt, denn jetzt geht es um mehr. Es geht um mich und mein Wohlergehen. Meine Blase drückt bereits an den Gurt und ich überlege kurz, ob ich den Gürtel meiner Hose öffnen sollte. Doch ich lasse es sein, weil ich ihn beim Aussteigen wieder schließen müsste und das könnte seltsam auf andere wirken. Ich setze den Blinker und bremse ab. Auf der Abbiegespur fahre ich noch hundert Sachen, den Weg zum Parkplatz bringe ich mit einer runden sechzig hinter mich. Das Auto steht, ich steige aus, schließe ab und renne in die Raststätte. Eine kurze Unterbrechung zur Orientierung und schon weiß ich, wohin ich gehen muss. Im Keller finde ich eine hochtechnisierte Anlage, bei der ich zunächst siebzig Cent in einen Schlitz stecken muss, bevor ich ein Drehkreuz passieren kann. Nach wenigen Schritten erreiche ich eine Box, gehe hinein, schließe die Tür, reiße mir Hose und Slip runter und setze mich. Von lebensbedrohender Körperspannung zur puren Erleichterung sind es manchmal nur Sekunden. Ich atme noch etwas schnell, weil ich rennen musste, doch langsam macht sich Ruhe in mir breit. Plötzlich höre ich aus einem Lautsprecher eine Stimme. Störend. Nervtötend. »Willkommen bei Sanifair. Wir wünschen Ihnen einen angenehmen Aufenthalt. Um ihre Zeit bei uns so angenehm … « Das alles mit einer esoterisch angehauchten Melodie im Hintergrund.
Ich halte meine Hände an die Ohren. Das kann doch nicht wahr sein! Kann die mediale Volldröhnung nicht wenigstens hier aufhören? Oder muss das bei einem Preis von siebzig Cent einfach sein? Ist das der Zusatznutzen, den ich gar nicht bestellt hatte? Singt jetzt gleich Queen »Under pressure« in der Acoustic-Version? Oder Keimzeit »Lass es laufen den Berg hinunter … «? Haben die noch nie etwas vom stillen Örtchen gehört? Ich komme mir vor wie im Flugzeug. Warum nicht gleich die Sache richtig angehen? Ich lehne mich zurück, und beginne zu träumen.
In eine Sanifair-Bedürfnisanstalt der Zukunft kommt ein nervöser Mann, von einem Bein auf das andere tretend. Ein persönlicher Sanifair-Betreuer empfängt ihn freundlich:
»Guten Tag! Ich möchte Sie im Namen von Sanifair bei uns begrüßen und Ihnen einen angenehmen Aufenthalt wünschen. Ich heiße Jochen Kulke, aber meine Freunde nennen mich Jo. Mein Team und ich werden Sie heute begleiten. Wollen Sie mir bitte folgen?«
Der nervöse Mann wird noch nervöser, sieht Jo aber in die richtige Richtung gehen. Die Erlösung von seinen Qualen scheint nicht mehr weit. Jo dreht sich um.
»Darf ich Sie noch fragen, welche unserer Leistungen Sie gedenken, in Anspruch zu nehmen?«
Der nervöse Mann vernimmt ein Knurren in seinen Gedärmen und spürt erhöhten Druck in der finalen Strecke seines Verdauungstrakts. Er denkt: ›Kann man hier nicht einmal in Ruhe scheißen?‹, doch er sagt es nicht. Jo schaut ihn durchdringend an: »Welche Leistung, der Herr?«
Der Mann reagiert nicht. Nicht ohne Grund ist Jo für solche Momente geschult. Deshalb unterstützt er gern.
»Wird es bei Ihnen eher etwas größeres oder etwas kleineres? Oder, anders gefragt, können Sie dabei stehen oder müssen Sie sich setzen?«
Der Mann presst mit hochrotem Kopf durch die Lippen: »Ich würde mich gern setzen.«
Jo setzt sein verbindliches Lächeln auf. »Gern!« Er strahlt den Mann an, als habe er soeben in einem Sternerestaurant die Bestellung für Jakobsmuscheln entgegen genommen. »Dann darf ich Sie nun in die Obhut von Hans, Ihrem persönlichen Betreuer geben.«
Der Mann zögert. Der zweite Betreuer? Ist das nicht etwas übertrieben? Doch Jo scheint seine Gedanken lesen zu können. »Wir bei Sanifair haben ein ganzheitliches Konzept, um unseren Gästen ein Optimum an Kundenservice zu bieten. Sie werden merken, dass Sie Hans gar nicht bemerken. Er ist nahezu unsichtbar und doch nah genug bei Ihnen, um für Ihr Wohlergehen zu sorgen.«
›Aber meine Güte, ich will doch bloß scheißen‹, denkt der Mann, der gerade sehr schmerzhaft von seinem Enddarm an den Grund seiner Begegnung mit Jo und Hans erinnert wird. Da kommt sein persönlicher Betreuer auch schon um die Ecke. Ein gut trainierter und gebräunter Sonnyboy um die dreißig, weißes T-Shirt, eine Idee zu Slimfit, eine weiße Hose und Birkenstocksandalen. Er streicht sich eine seiner schwarzen Locken hinter das Ohr und reicht dem Mann die Hand. »Ich bin Hans. Folgen Sie mir bitte zu unseren Premium-Boxen.«
»Premium-Boxen?«, entfährt es dem Mann erstaunt.
»Sind Sie kein Premium-Kunde?«
»Nein. Nicht, dass ich wüsste.«
Hans schaut streng zu Jo und zieht eine seiner perfekt gezupften Augenbrauen nach oben. Jo zuckt mit seinen Schultern und zischt ihm zu: »Ich dachte schon.«
»Was muss ich denn tun, um Premium-Kunde zu werden?«, fragt der Mann.
Die Mienen von Jo und Hans hellen sich deutlich auf. Jo zieht von irgendwoher einen Flyer und reicht ihn dem Mann. Hans zückt einen Kugelschreiber und sagt:
»Sie müssten bitte hier einen Antrag auf eine Sanifair-Goldcard ausfüllen.«
Der Mann sieht die beiden erstaunt an. Krämpfe durchzucken seinen Bauch. Er kann kaum noch stehen. »Und was habe ich davon?«
Jo scheint nur auf diese Frage gewartet zu haben. »Sie haben eine Eins-zu-Eins-Betreuung, bekommen trockenes und feuchtes Toilettenpapier in zwei Duftrichtungen und brauchen nicht mehr selbst zu spülen. Wenn Sie wollen, bekommt Ihre Partnerin auch eine Karte. Dann dürfen Sie unsere Partnerboxen nutzen. Zeit für Partnerschaft in höchst intimen Momenten gehört zu unserem Credo, gerade in Zeiten der Vereinsamung, der Entfremdung und fortschreitender Individualisierung«, proklamiert er politikeresk.
Dem Mann steht inzwischen der Schweiß auf der Stirn. »Können wir das nachher noch klären? Ich würde dann gern einfach nur … «
»Natürlich«, ereifert sich Hans nun, »Ihr Wohl steht selbstverständlich an allererster Stelle. Darf ich vorausgehen? Sie bekommen einfach eine Premium-Betreuung, damit Sie gleich merken, was das für ein Vorteil ist.«
Der Mann nickt, Jo nimmt ihm Flyer und Stift ab und verabschiedet sich mit einem freundlichen Grinsen. Dann folgt der Mann Hans. Selbiger bleibt nach wenigen Schritten vor einer Box stehen, öffnet diese und macht eine ausladende Handbewegung in das Innere. »Bitteschön!«, sagt er wie ein Hotelpage. Doch als der Mann eintreten will, stellt sich Hans in den Weg. »Wenn ich Sie nun noch mit unseren Sicherheitsvorschriften vertraut machen darf?«
Der Mann greift sich auf den Bauch und schaut mit sehnsüchtigem Blick auf die Kloschüssel direkt vor ihm. »Aber ich will doch einfach nur …!«
»Ich weiß«, sagt Hans, »denn Ihre Bedürfnisse stehen im Mittelpunkt unserer Bemühungen. Doch die Sicherheitsvorschriften sind nun einmal verpflichtend. Sonst bekommen wir wieder Ärger.« Der Mann stützt sich an der Wand ab und spannt alle Muskeln südlich seines Steißes an.
»Dann machen Sie schon«, presst er hervor.
Hans baut sich vor ihm auf, öffnet eine kaum sichtbare Tür in der Wand und entnimmt dieser einen Koffer. »Also. Im Falle einer Notsituation sind die Fluchtwege ausgeschildert.« Er hebt beide Arme und verweist mit ihnen zum Ausgang und auf grüne Leuchtleisten am Boden. »Unser Fluchtwegesystem garantiert Ihnen, auf schnellstem Wege außerhalb dieser Anlage zu sein.« Dann öffnet er den Koffer und entnimmt diesem eine Atemschutzmaske.
»Sollte der Druck in Ihrer Kabine abfallen, oder aber der Rauch- und Duftmelder unangemessene Gase im Luftgemisch feststellen, ertönt ein Warnsignal und Sie setzen sofort diese Maske folgendermaßen auf.«
Er macht es dem Mann vor und bleibt mit der Maske auf seinem Gesicht vor ihm stehen. »Haben sie alles verstanden?«
Der Mann spürt, wie ihm Schweiß auf seinem Rücken abwärts läuft. Er atmet jetzt stoßweise. Dann presst er hervor: »Darf ich jetzt?«
»Gern!«, sagt Hans etwas zu laut durch seine Maske, »denn schließlich steht Ihr Wohlergehen im Mittelpunkt. Wenn ich Ihnen die Brille noch einmal desinfizieren darf?«
Und schon ist er zur Toilette geschnellt und hat einen Knopf bedient. Die Spülung ist zu hören und die Klobrille dreht sich einmal durch ein Reinigungsgerät. »Bitte«, sagt Hans und zeigt auf die Schüssel. Der Mann drängt sich an ihm vorbei, öffnet unter Schmerzen seine Hose.
»Würden Sie dann bitte gehen?«, fragt er. Hans schaut ihn verwundert an. »Warum?«
»Weil ich jetzt ungestört hier sitzen möchte und einfach nur … «
»Wie Sie wünschen. Wir gehen ganz auf unsere Kunden ein. Ich warte dann vor der Tür.« Hans verlässt die Box und schließt die Tür. Der Mann lässt die Hosen und den Slip runter und setzt sich. Er versucht krampfhaft die Vorstellung loszuwerden, dass da jemand vor seiner Box steht. Das strengt ihn wahnsinnig an. Es stört ihn. Doch Stück für Stück verschwimmt das Bild vom Hans vor der Tür und Entspannung tritt ein. Er merkt, wie der Druck in seinen Därmen nachlässt.
»Wenn Sie mich brauchen, sagen Sie es einfach. Ich bin für Sie da«, ruft ihm Hans eine Nuance zu fröhlich von draußen zu. Offenbar hat er auch seine Maske wieder abgesetzt.
Alle Entspannung ist dahin. »Lassen Sie mich endlich in Ruhe scheißen!!«, schreit der Mann wütend nach draußen. In diesem Moment entspannt er völlig. Dann folgt Stille.
»Darf ich Ihnen nun das feuchte Papier reinreichen?«, fragt Hans durch die Tür.
»Nein!«, brüllt der Mann, während er das normale Papier abrollt und es seiner Bestimmung zuführt. Endlich ist er fertig, sein Bauch ist noch immer aufgebläht, aber er spürt keine Schmerzen mehr. Er betätigt gerade die Spülung, als es von außen dröhnt: »Aber das hätte ich doch machen können!«
»Das schaffe ich schon!«, ruft der Mann. Dann öffnet er die Tür, schaut mit einem bitterbösen Blick auf Hans und sagt:
»Danke, Sie können jetzt reingehen. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.«
Hans geht tatsächlich in die Box und der Mann will gar nicht wissen, was er dort zu tun gedenkt. Am Tresen empfängt ihn Jo. Lächelnd kommt er auf ihn zu.
»Und, wie hat es Ihnen bei uns gefallen?«
Der Mann schaut zu ihm. »Etwas aufdringlich fand ich alles.«
Jo freut sich. »Gern nehme ich auch Ihr negatives Feedback entgegen. Wenn ich Sie bitten darf, hierzu unseren Fragebogen zur Verbesserung der Kundenzufriedenheit auszufüllen? Es sind nur fünfzig Fragen und gerade Menschen wie Sie werden uns helfen, unseren Service in Zukunft noch besser auf die Bedürfnisse unserer Kunden abzustimmen.«
»Nein danke. Nehmen Sie ihren albernden Fragebogen und wischen Sie sich damit … «, der Mann stockt, »ach, vergessen Sie es einfach. Auf Wiedersehen.«
Gerade will der Mann sich an Jo vorbeipressen, als Hans von hinten kommt und ruft: »Jo, du musst den Mann aufhalten. Er muss noch nachzahlen.«
»Nachzahlen?«, entfährt es dem Mann.
Hans steht inzwischen vor ihm. »Ja, das müssen Sie. Unsere allgemeinen Geschäftsbedingungen hängen am Eingang aus. Und danach sind in den Kosten von siebzig Cent nur fünfhundert Gramm Stuhl enthalten. Und bei Ihnen hat unsere integrierte Waage mehr gemessen.« Dann schaut er ihn durchdringend an: »Deutlich mehr!«
Jo schüttelt seinen Kopf. Der Mann schweigt. Dann presst er sich an Jo und Hans vorbei, rennt zum Ausgang, immer weiter bis zu seinem Auto, startet es und rast davon. Auf der Autobahn versucht er alles zu verarbeiten, doch es gelingt ihm nicht. An der nächsten Raststätte fährt er ab, um einen Kaffee zu trinken. Er parkt das Auto, geht zum Restaurant und öffnet die Tür.
Eine junge Frau tritt ihm entgegen. »Willkommen bei Tank und Rast. Wir wünschen Ihnen einen angenehmen Aufenthalt. Um ihre Zeit bei uns so angenehm wie möglich … «
Dem Mann wird schwarz vor Augen und er fällt.
Pulsuz fraqment bitdi.