Kitabı oxu: «David Schrenker ist kein Selbstmörder!»

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Markus Mayer

David Schrenker ist kein Selbstmörder!

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Impressum

Vorwort

Tagebucheintrag vom 9. Juni 2009

Tagebucheintrag vom 1. Juli 2009

Tagebucheintrag vom 15. Juli 2009

Tagebucheintrag vom 16. Juli 2009

Tagebucheintrag vom 2. August 2009

Tagebucheintrag vom 24. August 2009

Tagebucheintrag vom 26. August 2009

Tagebucheintrag vom 7. September 2009

Tagebucheintrag vom 12. September 2009

Tagebucheintrag vom 11. November 2009

Tagebucheintrag vom 1. Dezember 2009

Tagebucheintrag vom 11. Dezember 2009

Tagebucheintrag vom 26. Dezember 2009

Tagebucheintrag vom 11. Januar 2010

Tagebucheintrag vom 04. März 2010

Tagebucheintrag vom 27. April 2010

Tagebucheintrag vom 16. Mai 2010

Tagebucheintrag vom 7. Juni 2010

Tagebucheintrag vom 20. Juni 2010

Tagebucheintrag vom 1. Juli 2010

Tagebucheintrag vom 3. Juli 2010

Tagebucheintrag vom 19. September 2010

Tagebucheintrag vom 17. Oktober 2010

Tagebucheintrag vom 7. November 2010

Tagebucheintrag vom 11. November 2010

Tagebucheintrag vom 18. November 2010

Tagebucheintrag vom 6. Dezember 2010

Tagebucheintrag vom 17. Dezember 2010

Tagebucheintrag vom 22. Dezember 2010

Tagebucheintrag vom 7. Januar 2011

Tagebucheintrag vom 10. Januar 2011

Tagebucheintrag vom 5. Februar 2011

Tagebucheintrag vom 15. Februar 2011

Tagebucheintrag vom 25. Februar 2011

Tagebucheintrag vom 13. März 2011

Tagebucheintrag vom 21. April 2011

Tagebucheintrag vom 25. April 2011

Tagebucheintrag vom 1. Mai 2011

Tagebucheintrag vom 10. Mai 2011

Tagebucheintrag vom 8. Juni 2011

Tagebucheintrag vom 21. August 2011

Tagebucheintrag vom 24. August 2011

Tagebucheintrag vom 2. September 2011

Tagebucheintrag vom 4. September 2011

Tagebucheintrag vom 10. September 2011

Tagebucheintrag vom 25. September 2011

Tagebucheintrag vom 11. Oktober 2011

Tagebucheintrag vom 27. Oktober 2011

Tagebucheintrag vom 2. November 2011

Tagebucheintrag vom 5. Dezember 2011

Tagebucheintrag vom 8. Dezember 2011

Tagebucheintrag vom 23. Dezember 2011

Tagebucheintrag vom 26. Dezember 2011

Tagebucheintrag vom 20. Januar 2012

Tagebucheintrag vom 29. Januar 2012

Tagebucheintrag vom 11. Februar 2012

Tagebucheintrag vom 14. März 2012

Tagebucheintrag vom 31. März 2012

Tagebucheintrag vom 2. April 2012

Tagebucheintrag vom 4. April 2012

Tagebucheintrag vom 26. April 2012

Tagebucheintrag vom 2. Mai 2012

Tagebucheintrag vom 3. Mai 2012

Tagebucheintrag vom 4. Mai 2012

Tagebucheintrag vom 7. Mai 2012

Tagebucheintrag vom 10. Mai 2012

Tagebucheintrag vom 13. Mai 2012

Tagebucheintrag vom 15. Mai 2012

Tagebucheintrag vom 27. Mai 2012

Tagebucheintrag vom 3. Juni 2012

Tagebucheintrag vom 1. Juli 2012

Tagebucheintrag vom 3. Juli 2014

Tagebucheintrag vom 13. Juli 2012

Tagebucheintrag vom 21. Juli 2012

Tagebucheintrag vom 29. Juli 2012

Tagebucheintrag vom 4. August 2012

Tagebucheintrag vom 5. August 2012

Tagebucheintrag vom 8. August 2012

Tagebucheintrag vom 16. August 2016

Tagebucheintrag vom 17. September 2012

Tagebucheintrag vom 22. September 2012

Tagebucheintrag vom 24. September 2012

Tagebucheintrag vom 28. September 2012

Tagebucheintrag vom 1. Oktober 2012

Tagebucheintrag vom 5. Oktober 2012

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Impressum

Markus Mayer
David Schrenker ist kein Selbstmörder!

Für Stups – danke, dass es dich gibt :-)

Bildquelle: lizzyliz / pixabay.com

Vorwort

Am Freitag, den 12. Oktober 2012 wurde David Schrenker offiziell als vermisst gemeldet. Zwei Tage zuvor hatte er seinen zweijährigen Sohn morgens bei seiner Mutter abgeliefert. Das tat Schrenker immer, wenn er tagsüber Besorgungen machen oder Termine wahrnehmen musste. Deshalb empfand seine Mutter es nicht als ungewöhnlich. Als er jedoch seinen Sohn zur gewohnten Zeit noch nicht abgeholt hatte und auch keinerlei Meldung machte, rief seine Mutter bei ihrem Sohn zu Hause an, wo Schrenkers völlig ahnungslose und eben von der Arbeit zurückgekehrte Ehefrau abhob. Sie holte das gemeinsame Kind bei der Schwiegermutter ab und konnte ihren Mann auch beim dritten Versuch auf dem Handy nicht erreichen. Anrufe im Hotel, in dem Schrenker angestellt war, beim Bruder, bei Freunden und Bekannten brachten ebenfalls keine Aufklärung. Die beiden Frauen und David Schrenkers Vater, der inzwischen auch nach Hause gekommen war, machten sich immer größere Sorgen, aber sie sahen im Moment keine andere Möglichkeit, als das Beste zu hoffen und auf ihn zu warten.

Nachdem seine besorgte Ehefrau den gemeinsamen Sohn ins Bett gebracht hatte und danach die ganze Nacht ohne ein Lebenszeichen von ihm wach lag, hielt sie es nicht mehr länger aus und wollte die E-Mails ihres Mannes checken. Sie hoffte, dort Hinweise auf seinen Aufenthaltsort zu finden, doch stellte fest, dass er das Passwort geändert hatte. Sie versuchte es bei seinem Online-Bankkonto und konnte sich auch hier nicht mit dem gemeinsamen Passwort einloggen. Spätesten zu jenem Zeitpunkt wurde ihr klar, dass etwas nicht stimmte und rief die Polizei an, welche sich überraschend schnell vom Ernst der Lage überzeugen ließ und die Ermittlungen einleitete.

Kurz darauf wurden durch das Kreditkarteninstitut zwei Transaktionen bekannt, die auf Schrenkers Aufenthaltsort hindeuteten. Die erste wurde für eine Zugfahrt getätigt, die zweite ging an einen Betreiber für Ferienwohnungen in dem Zielort der zuvor erwähnten Zugfahrt. Nach telefonischer Nachfrage bestätigte der Betreiber den Aufenthalt eines David Schrenkers in einem seiner Ferienwohnungen, den aber keiner der Angestellten seit dem Check-In gesehen hatte. Er räumte ein, dass sich die wenigsten Gäste während ihres Aufenthaltes an der Rezeption blicken ließen.

Nachdem die Behörden erläuterten, dass der Mann als vermisst gelte und man einen Suizid nicht ausschließen könne, verschaffte sich der Betreiber mithilfe seines Generalschlüssels Zugang zum Apartment des Vermissten. Er fand niemanden vor, doch auf dem Schreibtisch lagen ein verschlossenes Kuvert und ein offener Brief, welchen er der Polizei unverzüglich zufaxte. Die Beamten interpretierten diesen Brief als Abschiedsbotschaft und alarmierten die Kriminalpolizei.

Auf das Kuvert waren mit großen handschriftlichen Lettern die Worte „Für Karina“ geschrieben. Die inzwischen eingetroffenen Beamten stellten das Kuvert sicher. Sie fanden zwar keine Hinweise zum Aufenthaltsort Schrenkers, jedoch die Daten einer Lebensversicherung, die der Vermisste (ohne das Wissen seiner Frau) Jahre vor seinem Verschwinden eröffnet bzw. abgeschlossen hatte.

Die Behörden vor Ort veranlassten daraufhin eine groß angelegte Suchaktion. Auch spezielle Wassereinheiten wurden angefordert, denn die Vermutung lag nahe, dass sich der Vermisste, wie andere Selbstmörder in der Vergangenheit vom über 20 Meter hohen Wasserfall, der sich fußläufig vom Feriendorf befindet, in die Strömung geworfen hatte.

Die Suche ergab nicht eine Spur und vereinzelte Hinweise von Personen, die meinten, jemanden oder etwas in dem relevanten Zeitraum ins Wasser gesprungen gesehen zu haben, wurden zwar ernst genommen, halfen aber nicht weiter. Nach zwei Wochen wurde die Suche bis auf Weiteres eingestellt. Sachverständige hielten es für sehr gut möglich, dass der Vermisste nach dem Sprung von den Wassermassen weggeschwemmt wurde und inzwischen irgendwo in der Nordsee verschollen lag.

Während der Rest der Familie trauerte, nahm die Bewältigungsstrategie eines sehr engen Angehörigen äußerst unverständliche Formen an. Pascal Schrenker, der Bruder des Vermissten, startete eine Schmutzkampagne, die ihresgleichen sucht. „David Schrenker ist kein Selbstmörder“, so seine Behauptung. „Er hat euch alle hinters Licht geführt!“

Dass sich inzwischen seine ganze Familie gegen ihn gewandt hat, bringt Pascal Schrenker nicht von seinen kühnen Anschuldigungen ab. „Ich bin nicht verrückt, ihr seid alle blind!“ Beweise oder Fakten hat er keine, nur eine Menge dreckiger Wäsche von seinem Bruder, die er nun über dessen Andenken ausbreitet.

Auf dem Laptop des Vermissten fand der Bruder ein Tagebuch, das laut der Ehefrau des Vermissten passwortgeschützt war. Pascal Schrenker streitet das ab und behauptet stattdessen, von ihr überhaupt erst Zugang zum Laptop erhalten zu haben. Er sagt, David Schrenkers Tagebuch sei auch für dessen Ehefrau problemlos lesbar gewesen, sie habe aber aus Angst, darin irgendwelche unbequemen Wahrheiten zu entdecken, auf das Lesen verzichtet. Sie dagegen ist empört darüber, wie Pascal Schrenker intime Details des Paares schamlos an die Außenwelt getragen hat. Denn er konfrontierte seine Familie mit den pikanten Inhalten des Tagebuchs und als die erwarteten Reaktionen ausblieben, ging er publik.

Lokale Zeitungen, Podcast-Redaktionen und Radiostationen führten Interviews mit ihm. Er versuchte darin seine Behauptung mit Argumenten zu untermauern. Weil Pascal Schrenker sich allerdings einige verbale Entgleisung leistete und seinen Bruder teilweise mit minutenlangen Tiraden verunglimpfte, und auch weil die ganze Geschichte des Bruderverrats einen fahlen Beigeschmack besaß, wurden die Interviews nie gedruckt oder gesendet.

Schließlich zog Pascal Schrenker die letzten Register und veröffentlichte ein Buch im Selbstverlag, bestehend aus einer Auswahl „entlarvender“ Einträge aus dem Tagebuch David Schrenkers. Jeden der ausgewählten Einträge versah er mit konfrontierenden Kommentaren, direkt an seinen Bruder gerichtet.

Nicht weiter spezifizierten Quellen zufolge, soll er das Buch in einer Auflage zwischen 2000 und 5000 Stück hat drucken lassen. Anscheinend hoffte er so, von den Buchläden, der Presse oder von Bloggern mehr Beachtung zu finden. Sein Ziel: Bloßstellen! David Schrenker sollte wissen, dass sein Bruder ihn durchschaut hatte.

Tatsächlich meldete sich aber niemand bei ihm, nicht sein Bruder, nicht die Presse und auch kein Buchladen wollte diesen – mit Verlaub – beispiellosen Schund in ihren Regalen stehen haben.

Ich bin letztlich auch nur über einige Umwege auf diese einseitige Bruderfehde aufmerksam geworden.

Ich kontaktierte Pascal Schrenker und erfuhr, dass er auf Grund seines Fanatismus alles verloren habe, von der eigenen Familie geächtet werde und völlig verarmt sei. All seine Energie der letzten Jahre stecke im Aufdecken der Wahrheit. Indem ich ihm eine großzügige Gewinnmarge zusicherte und ihn davon überzeugte, dass er dank meiner Kontakte viel mehr Publicity würde generieren können, überließ mir Pascal Schrenker die Rechte an seinem „Buchprojekt“. Auch vier Jahre nach dem Verschwinden seines Bruders, ohne ein Lebenszeichen, hat er die Hoffnung nicht aufgegeben: Er ist davon überzeugt, David Schrenker eines Tages ausfindig zu machen und die Welt über die Wahrheit in Kenntnis zu setzen.

Natürlich habe ich einiges überarbeiten und vor allem kürzen müssen. Die Version von Pascal Schrenker umfasste beinahe 400 Seiten, die Kommentare waren gespickt mit Beleidigungen und Wiederholungen. Die Tagebucheinträge von David Schrenker waren wenig besser. Sie strotzten nur so von Umgangssprache, Rechtschreib-, Zeichen- und Satzbaufehlern.

Ich denke nicht, dass Pascal Schrenker die Wahrheit sagt, ich glaube aber auch nicht, dass er lügt. Denn; lügt jemand, der glaubt, die Wahrheit zu sagen? Er hält so voller Überzeugung an seiner Geschichte fest, dass es fast schon egal ist, ob sie wahr oder falsch ist. Ihre komische Tragik allein macht sie erzählenswert.

Eine weitere Anmerkung: Obwohl er nicht jeden Tag einen Eintrag hinterließ, so umfasst das gesamte Tagebuch von David Schrenker doch über 800 Seiten. Viele der Gedanken und Überlegungen wiederholen sich, eine Menge des Geschriebenen ist für die Argumentation seines Bruders irrelevant. Deshalb habe ich das Gesamtwerk stark gekürzt, habe besonders wichtige Einträge ausgewählt und teilweise durch Gedanken aus insgesamt weniger relevanten Einträgen ergänzt. Das gleiche gilt für die Kommentare von Pascal Schrenker.

Des Weiteren habe ich mir erlaubt, die Sprache und inhaltliche Struktur der Originalautoren etwas „glatt zu bügeln“. Dadurch verschwindet der übermäßige Gebrauch von Umgangssprache und der Inhalt gewinnt an Schlüssigkeit. Zu Gunsten eines kurzweiligeren Leseerlebnisses habe ich Formalitäten ergänzt und entsprechende Stellen des Öfteren in Dialoge umgewandelt.

Ich hoffe, durch mein redaktionelles Wirken die Authentizität des Werkes nicht allzu schwer verletzt, sondern ganz im Gegenteil, einen Mehrwert für den Leser geschaffen zu haben.

Tagebucheintrag vom 9. Juni 2009

Natürlich lächelte ich – überrascht zwar – aber ich lächelte und mein kurzes Zögern bemerkte Karina nicht… Sie schien erleichtert, als ich sie in meine Arme schloss und fest an mich drückte. Sie legte mir ihr Kinn auf die Schulter und flüsterte in mein Ohr: „Freust du dich?“ Und ich nahm sie bei beiden Schultern: „Natürlich freue ich mich!“

Ich fragte nicht, warum sie, obwohl wir immer verhüteten, trotzdem schwanger wurde. Wahrscheinlich, weil ich insgeheim weiß, dass ich selbst Schuld bin: Vor ein paar Wochen hatte sie eine Magenverstimmung und deshalb musste sie sich einige Male nachts übergeben. Als sie sich wieder wohler fühlte und wir begannen miteinander zu schlafen, meinte sie: „Vielleicht wäre es mit Kondom sicherer. Kann sein, dass ich die Pille die letzten Tage rausgekotzt habe…“ „Wie groß ist denn schon die Gefahr?“, erwiderte ich und ließ mir meine Geilheit nicht von der Vernunft versauen. Sie seufzte: „Okay, aber dann komm wenigstens nicht in mir!“ Leider konnte ich mich, als es soweit war, nicht zurückhalten.

Sie war ein bisschen merkwürdig die letzten Tage und wie sich heute herausstellte, lag das daran, dass ihr ein Schwangerschaftstest aus der Apotheke bereits letzte Woche ein positives Resultat angezeigt hatte. Allerdings hatte sie mir nichts erzählen wollen, bevor sie sich ganz sicher war. Heute bestätigte ihr dann die Gynäkologin das Ergebnis.

Ich habe sofort meine Eltern, meinen Bruder und den Knoll angerufen. Irgendwie bin ich ganz aufgedreht, obwohl ich noch nicht weiß, ob ich mich freuen oder fürchten soll. Alle waren sie überrascht und ein bisschen reserviert – ein Grund mehr für mich, die Fassade der freudigen Erwartung aufzuziehen und von meiner Angst nicht das Geringste durchschimmern zu lassen. Eigentlich gibt es auch keinen Grund zur Sorge: Karina und ich – wir stammen beide aus gefestigten Familienverhältnissen, unsere Eltern haben Geld und werden darüber hinaus noch sehr junge Großeltern und bei bester Gesundheit sein. Sie werden schon auf uns aufpassen…

Kommentar von Pascal Schrenker

Dein erster Eintrag… Wieso hast du damit begonnen, ein Tagebuch zu führen? Hat dich die Nachricht deiner bevorstehenden Vaterschaft in solche Panik versetzt, dass du geglaubt hast, plötzlich irgendwas in deinem Leben ändern zu müssen. War das dein erster Schritt erwachsen zu werden? Haben dich deine Gefühle so überwältigt, dass du sie irgendwie loswerden musstest? Nun, das wäre grundsätzlich schon plausibel, aber du, mein lieber Bruder, warst nie einer der irgendetwas lange ausgehalten hätte, schon gar nicht etwas, dass Disziplin erfordert. Und jeden Tag etwas schreiben? Das erfordert durchaus ein gewisses Maß an Selbstdisziplin. Weil du dieses nicht besitzt, bist du einfach kein Tagebuch-Typ und deshalb vermute ich, dass hier Hintergedanken im Spiel sind.

Tagebucheintrag vom 1. Juli 2009

Heute war ich mit Karina beim ersten Ultraschall und ich befürchte sie selbst war weniger aufgeregt als ich. Schon auf dem auf dem Weg ins Krankenhaus verhielt ich mich ganz fahrig, so dass sich Karina nach dem dritten Mal, als ich eine Abbiegung verpasste, ein genervtes „Das ist mein Beschützer“ nicht verkneifen konnte. Normalerweise mache ich mittags nach der Frühschicht ein kleines Nickerchen, doch der Termin war bereits um 14:30 Uhr, weshalb ich dafür heute keine Zeit hatte. Vielleicht verstärkte das meine Zerstreutheit noch ein bisschen.

Generell muss ich sagen, dass Karinas Launen in der Schwangerschaft nicht wirklich über das Gewohnte hinausgehen. Eigentlich hat sie sich zurzeit mehr im Griff als zuvor ohne Kind im Bauch. Das könnte so sein, weil sie in ihrem Zustand mehr von mir abhängt und sie mich durchaus als einen empfindlichen Menschen kennt. Oder aber sie ist durch die bevorstehende Mutterschaft ausgeglichener und zufriedener. Relativ am Anfang unserer Beziehung meinte sie einmal, Sie werde sich erst mit Kind vollständig fühlen. Solche oder ähnliche tiefenpsychologische Offenbarungen lässt sie nur selten verlauten, doch auf Grund der Seltenheit prägen sie sich dann, wenn sie ertönen, ganz besonders tief ins Gehirn. Diese Offenbarung stammt noch aus der Anfangszeit unserer Beziehung. Wir wollen beide Kinder, doch bei mir war dieses „Wollen“ eher eine Idee, die irgendwo am Horizont der Zukunft schwebte. Nicht konkret genug, um mich ernsthaft damit zu beschäftigen. Nicht konkret genug, um Pläne zu schmieden. Bei ihr war das „Wollen“ schon damals ein sehr plastischer Wunsch und die dazugehörenden Pläne existierten bereits in ihrem Kopf. Das war mir relativ schnell klar. Doch weil ich wenig Toleranz für Pläne in diese Richtung aufbrachte, blieben ihre in ihrem Kopf. Ich verdächtige sie nicht, dass sie absichtlich schwanger wurde, weil es ihrem Plan entsprechend an der Zeit war. Obwohl mir der Gedanke schon kam, habe ich ihn inzwischen verworfen, weil ich denke, dass wenn sie schon einen Plan hat, dann hätte dieser doch Hand und Fuß und würde so etwas wie finanzielle Stabilität beinhalten. Ich verdiene im Frühdienst genug für die Miete und mein alltägliches Leben. Wenn ihr Einkommen dann wegfällt, würde es zur Not schon irgendwie für uns zwei reichen, aber sicher nicht für drei. Darüber hinaus bräuchten wir ja auch so etwas wie eine Perspektive für die Zukunft. Wir können ein Kind nicht auf Dauer in dieser kleinen Wohnung großziehen.

Kommentar von Pascal Schrenker

Was ist der Sinn eines Tagebuches, wenn man selbst in diesem die wahren Gedanken und Gefühle verschleiert? Hättest du, ohne den akuten Verdacht, dein Mädchen habe dich hintergangen, die Beschreibung eines alltäglichen Geschehens, in diese Sphären abschweifen lassen? Der erste Ultraschall ist doch nichts Alltägliches, stelle ich mir vor. Umso komischer ist es, dass du dieses Erlebnis zwar einleitest, dann aber ausschweifst in deine Gedanken und Erinnerungen. Du warst gekränkt, weil sie dich in einem emotionalen Moment mehr oder weniger subtil als schlechten Versorger hingestellt hat und das ging dir den ganzen Tag nicht mehr aus dem Kopf. Doch weil du der perfekte Partner sein willst, hast du diesen Vorwurf einfach geschluckt. In deiner Kränkung schweifst du ab in die tiefen deiner Gedankenwelt. Trotzdem wurden alte Gefühle und Verdächtigungen wieder an die Oberfläche geschwemmt. Und du weißt, dass du beim ersten Mal als du den Verdacht hattest, nicht logisch das Gegenteil schlussfolgern konntest, genauso wenig wie du es jetzt kannst. Deshalb gaukelst du dir Logik in einem fadenscheinigen Argument vor, das man auch anders sehen könnte. Zum Beispiel so: Weil du ohne den richtigen Push nie deinen Arsch hochbekommen hättest, hat sie dir mit dieser Überraschungsschwangerschaft einen Anreiz gegeben, dich ein bisschen mehr im Leben anzustrengen. Sicher ist dir diese Möglichkeit auch schon in den Kopf gekommen, doch du willst sie nicht anerkennen, weil sie dir deine Hilflosigkeit vor Augen führen würde. Da war es am besten, einfach so zu tun, als hätte ein Hintergehen nie stattgefunden.

Tagebucheintrag vom 15. Juli 2009

Brutale Ehrlichkeit war nie meine Stärke, das Lügen andererseits auch nicht. Ich versuche taktvoll zu sein und niemanden zu verletzen. Oft habe ich den Eindruck, dass Leute meine guten Absichten nicht erkennen und das, was ich sage, genauso auffassen, wie ich es sage: Positiv. Was denken alle denn? Wenn zum Beispiel jemand einen schrecklichen Haarschnitt hat, sage ich natürlich nicht „Deine Frisur ist scheiße!“, sondern ich warte darauf, bis er eine Mütze trägt und mache ein Kompliment von wegen: „Mützen stehen dir!“ Es muss doch eigentlich jeder gleich kapieren, dass ich einen gut gemeinten Tipp gebe und ihm gleichzeitig dabei helfe, sein Gesicht zu bewahren.

Also, das war jetzt nur so ein Beispiel, wirklich passiert ist mir das nicht. Eine andere Situation dieser Art erlebte ich neulich mit meinem Bruder. Ich wollte ihm einen gut gemeinten Tipp geben und hab zu ihm gesagt: „Pascal, du ziehst Dinge einfach durch, überlegst nicht lange. So entschlossen sind die Wenigsten.“

Klar klingt das erstmal richtig gut. Aber ist Entschlossenheit wirklich eine tolle Eigenschaft? Kommt drauf an, würde ich sagen. Durch die Blume wollte ich ihm klarmachen, dass er ein impulsiver Hitzkopf ist. Wenn er gestresst ist, fährt er in die Boxhalle und prügelt sich die Seele aus dem Leib. Den Sandsack stört es nicht und Pascals Gemüt kann sich wieder ein bisschen abkühlen. Doch kommt irgendwas dazwischen und schafft er es nicht rechtzeitig in die Boxhalle? Dann Gnade uns Gott!

In ihm schlummert immer das Potential auszuticken und zwar egal, wo er gerade ist. Und weil jede noch so kleine Unaufmerksamkeit eines Mitmenschen – eingebildete oder tatsächliche – einen emotionalen Flächenbrand auslösen kann, tut er sich mit menschlichen Beziehungen sehr schwer. Er ist wahrscheinlich der schlauste Kerl, den ich kenne, doch wenn man für ein Unternehmen arbeitet, muss man auch irgendwie mit Leuten klarkommen. Er tut das nicht und ich habe immer den Eindruck, dass er es auch nicht lernen will.

Diese Woche hat er seinen Vorgesetzten als „Wicht ohne Eier“ beschimpft, „der nicht einen Hauch von Ehre in seinem degenerierten Körper trägt und sich vom faschistischen Regime, das die Fäden über seinem hässlichen Marionettenkopf hält, in den Arsch ficken lässt“ und der „das Sperma, das noch in seinem Arschloch steckt, seinen Mitarbeitern auf den Kopf scheißt“.

Pascal erzählt sowas dann immer voller Stolz, aber es tut weh, wenn der eigene große Bruder sich selbst im Alter von 26 Jahren nicht im Griff hat. Als er 18 war und ich 16 hab ich noch zu ihm aufgeblickt, wenn er die „Obrigkeit“ mit den krassen Beleidigungen angegangen hat, aber inzwischen, fällt es mir immer schwerer, darüber zu lachen. Irgendwann muss man besonnener sein und solche kleinen Ungerechtigkeiten, die einem das Leben hinwirft, einfach schlucken.

Ich dachte eigentlich, es sei besser geworden. Inzwischen muss man, wenn man mit ihm aus dem Haus geht, nicht mehr davor Angst haben muss, dass ein Streit mit Fremden ausbricht, nur weil die ihn anscheinend frech angeguckt haben.

Wie die Male zuvor auch, als er seinen Job verloren hat, wird er nun wieder Gras an 16-jährige Skaterpunks verkaufen, als erster hochbegabter Straßenköter und zwar so lange, bis er wieder zur Vernunft kommt, sich brav mit neuem Passbild, frisiertem Lebenslauf und gefälschten Arbeitszeugnissen irgendwo bewirbt, sich einen Anzug und Krawatte kauft, beim Vorstellungsgespräch überzeugt, den Job bekommt und mit seiner ihm angeborenen Energie und Zielstrebigkeit medizintechnisches Equipment an Krankenhäuser oder Minivans an Familienväter oder Rechtsschutz-Versicherungen an alte Damen verkauft. Dann fühlt er sich irgendwann respektlos behandelt, weil sein pedantischer Chef dezent anmerkt, dass er öfters fünf Minuten zu lange Mittagspause macht, worauf eine Szene epischen Ausmaßes ausbricht. Er wurde natürlich nach der letzten Ansage dieser Art fristlos entlassen, ohne Arbeitszeugnis, Abfindung oder sonst was. Einfach so. Selbst seinen Bachelor in Wirtschaftsinformatik konnte er nicht beenden, obwohl er in jeder Prüfung ohne Anstrengung eine 1,0 hatte. Der Grund dafür war eine "Unstimmigkeit", durch die er im siebten Semester exmatrikuliert wurde. Was es damit letztlich auf sich hatte, weiß wohl nur er und die Verantwortlichen an der Uni. Seine Version lautete: Ein Professor hatte ihn nach bei einem Vortrag bloßstellen wollen. Woraufhin Pascal aus dem Vorlesungssaal wetzte und wenig später mit einem zerbrochenen Besenstiel zurückkehrte. Damit verursachte er einen Sachschaden von einigen hundert Euro im Seminarraum, die er natürlich ersetzen musste. Viel schlimmer war jedoch der Ausschluss aus der Uni und die Versicherung des Dekans, dass er nie wieder auf einer anderen Universität des Landes einen Studienplatz bekommen werde… Zum Glück verletzte er niemanden, nicht mal den Professor, der ihn so gekränkt hatte. Dieser pisste sich in die Hosen, was Pascal voll süßer Genugtuung erzählte, während ich lachend bei ihm saß und im Stillen dachte, wenn ich jetzt nicht lächle, kastriert mich der Psychopath mit einem Schweizer Taschenmesser.

Kommentar von Pascal Schrenker

Soll ich mich jetzt dafür entschuldigen, dass ich im Gegensatz zu dir, nicht nur den Mund aufreiße und große Sprüche klopfe, sondern wenn es sein muss auch mal zur Tat schreite. Man muss sich wehren gegen Ungerechtigkeiten, sonst endet man wie du, der sich jeden Abend in eine lächerliche Uniform schmeißen, jedem Arschloch entgegen grinsen, alles in sich reinfressen und dann zu Hause die lange Fresse ziehen. Nein, ich lasse meine Wut raus, wie ein Mann, genau an der Stelle, wo sie reingekommen ist und gegen die Person gerichtet, die sie ausgelöst hat.

Ich lasse mich einfach nicht von vierzigjährigen männlichen Jungfrauen mit Wohlstandsbauch, Flaschenböden vor den Augen und keinem einzigen eigenen Gedanken im Kopf, vor die Füße pissen. Das einzige was dieser Typ mir voraus hat, ist die Position, die er nur gekriegt hat, weil im Moment kein anderer zur Verfügung stand und er halt einfach seit 10 Jahren da arbeitete. Und das tut er immer noch, weil er sich nicht traut, einmal im Leben etwas Neues zu beginnen.

Tagebucheintrag vom 16. Juli 2009

Es ist erst ein Tag vergangen, seit Pascal seinen Job verloren hat und schon beruft unsere Mutter eine Krisensitzung ein. Natürlich wie immer ohne Pascal.

Sobald sie Wind von einer dieser typischen Pascal-Aktionen kriegt, will sie, dass ich vorbeikomme und ihr sowie Papa, der aufmerksam schweigend beisitzt, Aktuelles aus Pascals Leben erzähle: mit welcher Frau er gerade zusammen ist, in welchen Kreisen er verkehrt, welche Probleme er hat und so weiter. „Woher soll ich das wissen?“, sag ich ihr dann immer. Doch sie lässt mich nicht einfach so vom Haken und bohrt solange, bis ich ihr irgendwas erzählt habe. Letztendlich ist es auch wurscht, denn sie spricht Pascal ohnehin nie direkt darauf an. Sie sagt keinem von uns direkt ins Gesicht, wie wir unser Leben ihrer Meinung nach leben sollen, obwohl sie seit unserer Geburt eine genaue Vorstellung davon hat. Sie folgt in ihrer Erziehung bis heute einer Pädagogikschule, die auf den ersten Blick nach Laissez-faire aussieht, in Wirklichkeit aber emotionale Manipulation ist. Sie pflanzt uns ganz subtil ihre Erwartungen in den Kopf und hofft, dass unser Unterbewusstsein uns dahingehend ausrichtet, dass wir sie zukünftig weniger enttäuschen. Es ist nicht leicht, sie zu ertappen, denn ihre Kontrollversuche erfolgen, wie gesagt, sehr subtil.

Mein Bruder und ich haben kein wirklich inniges Verhältnis, aber wir verstehen uns und kennen beide die Tricks unserer Mutter. Wenn sie uns dann wieder aufeinander loslässt, weil der eine dem anderen irgendwie ins Gewissen reden soll, dann durchschaut das der jeweils andere. Trotzdem reden wir darüber nicht miteinander. Vielleicht weil es so schwer zu benennen ist. Man kann es nicht wirklich greifen – es ist mehr so ein Gefühl. Vielleicht auch, weil wir nicht zu der Sorte von Söhnen gehören wollen, die über ihre Mutter lästern. Deshalb spielen wir einfach immer unser kleines Spiel, wenn irgendeiner von uns wieder Scheiße gebaut hat.

Kommentar von Pascal Schrenker

Wovon redest du? Warst du unter Drogen, als du das geschrieben hast? Ich habe noch nie mit dir irgendein Spiel gespielt. Wenn ich dir Ratschläge gegeben habe oder dich auf den richtigen Weg geleitet habe, dann war das von Bruderliebe motiviert. Ich habe das nicht gemacht, weil unsere Mama mich beauftragte. Ist dir mal in den Sinn gekommen, dass dir deine Familie hin und wieder einen kleinen Stups geben musste, weil du sonst eingeschlafen wärst.Du warst derjenige, der immer Geburtstage vergaß, nie Geschenke hatte und so weiter. Du riefst auch von dir aus nie einen von uns an, im dich zu erkundigen, wie es uns ging. Du hast gewartet, bis wir uns meldeten und deshalb gaben wir dir ab und an einen Hieb, damit du uns nicht vergaßt.

Tagebucheintrag vom 2. August 2009

Manchmal wundere ich mich über mich selbst: Wie abgestumpft bin ich eigentlich? Heute hat sich wieder ein recht typisches Szenario bei uns im Restaurant abgespielt. Eines das mich jedes Mal schier zur Weißglut treibt, welche ich aber nicht ausleben kann, ohne dabei meinen Job zu riskieren. Das kann ich mir aber nicht leisten, schließlich muss ich meine Familie ernähren und mein Gehalt gibt nicht so viel her, dass ich Rücklagen bilden und etwa ein Jahr lang auf der Suche nach Selbstfindung in mein Unterbewusstsein reisen könnte. Zumindest nicht, ohne dass die Menschen, die mir wichtig sind, darunter leiden. Deswegen habe ich mir diese phlegmatische Einstellung angewöhnt. Mit stumpfer Rasierklinge rasiert es sich zwar mühsamer, aber dafür sicherer.

Vielleicht ist es einfach nur das Los, das ich im Leben gezogen habe, als ich mich gegen ein Studium entschied. Es war cool, mein eigenes Geld zu verdienen, während meine Freunde noch von ihren Eltern abhängig waren. Ich konnte mir neue Computerspiele oder bessere Klamotten kaufen, während meine Freunde immer auf das Taschengeld von Papa und Mama warten mussten. Meine Uni-Freunde haben mir damals prophezeit, dass sie irgendwann umso mehr Asche machen würden und ich hab ihnen gesagt, dass man nie wisse, was passiert und dass es mir ohnehin scheißegal sei. Inzwischen halte ich es in ihrer Gegenwart kaum mehr aus. Sie debattieren und diskutieren, theoretisieren und wissen alles besser. Mehr verdienen tun die meisten immer noch nicht, aber auch das ist mir egal. Früher war es cool, beim Pokern in der Pause oder beim Fußball am Nachmittag zu gewinnen, aber jetzt ist es anscheinend cool bei Trivial Pursuit alles zu wissen und Konzepte irgendwelcher Philosophen in den Raum zu werfen. Und ich hab so wenig Ahnung davon, dass ich nicht mal einschätzen kann, ob sie selbst Ahnung davon haben oder ob es nur Phantasieren auf Klugscheißer-Niveau ist. Trotzdem ist es mir peinlich, weil ich denke, dass sie mich für dumm halten müssen. Ein anderer (ich nenn’s mal) Freundeskreis besteht aus aktuellen Kollegen und ehemaligen Weggefährten aus der Hotellerie. Die meisten davon sind zynisch, ungebildet und launisch, nicht dumm oder einfältig – einfach nur abgestumpft. Sie unterhalten sich über die Anzahl der Shots am letzten Abend und den Spielfortschritt bei ‚Battlefield‘.

Es langweilt mich nicht unbedingt mehr als das hochtrabende Gelaber meiner alten Freunde, aber es tut ein bisschen mehr weh. Es ist immer das Gleiche: Aufstehen, Kaffee & Zigarette, sich sauber anziehen, aus dem Haus, Kaffee & Zigarette, Gästen in den Arsch kriechen, Untergebenen in den Arsch treten, Kaffee & Zigarette, mit Kollegen über andere Kollegen lästern, Arschkriechen, Kaffee & Zigarette, mit Vorgesetzten über Untergebene lästern, Kaffee & Zigarette, Arschkriechen, mit Kollegen über Gäste lästern, Kaffee & Zigarette, Arschkriechen, mit Gästen über Kollegen lästern, Kaffee & Zigarette, ausgelaugt nach Hause, Bier & Zigarette, masturbieren, lustlos vor den Fernseher oder den Computer – virtuelle Parallelwelt = Abschalten, Fast Food, mehr zocken, mehr Alkohol, mehr rauchen, mehr zocken, einen durchziehen, masturbieren oder optional bedeutungsloser Sex (vielleicht mit Koks)… und am nächsten Tag das Ganze von vorne.

Ich fühle mich inzwischen weder der ersten noch der zweiten Gruppe angehörig! In der ersten komme ich mir dumm und in der zweiten langweilig vor. Ich will manchmal etwas lesen. Hab mir mal „Also sprach Zarathustra“ gekauft, doch ich konnte mich nicht genug konzentrieren, um mehr als 10 Seiten durchzuhalten. Ein paar Mal aufs Neue habe ich angesetzt, aber dann lag es wieder drei Wochen im Eck und ich wusste irgendwann nicht mehr, wovon dieser Wahnsinnige überhaupt schrieb. Dann war ich, wie so oft, frustriert und hab den Playstation-Controller rausgeholt und gezockt. So komme ich immer wieder zurück zum Zocken. Da muss ich nicht so viel denken! Nach einer Weile – so wie jetzt – merke ich dann, dass ich abstumpfe und dann will ich etwas ändern und kaufe mir wieder ein Buch, das ich lese… solange, bis ich eines Tages wieder völlig entnervt heimkomme, fünf Seiten lese und das Buch ins Eck schmeiße. Nicht mal ‘nen scheiß 200-Seiten-Roman, der bei Hugendubel am Eingang rumliegt und dessen Sprache und Inhalt jeder Depp versteht, schaff‘ ich...

Würde ich mehr lesen, wäre ich vielleicht eloquenter, wenn mich ein unverschämter Gast, wie etwa das Arschloch von heute, auflaufen lässt. Womit ich endlich zum eigentlichen Grund meines heutigen Eintrags komme.

Finanz-Yuppie, 30 Jahre alt, setzt sich an meinen Tisch, hat nicht den Anstand sein scheiß Handy für eine Minute aus der Hand zu legen. Zeigt mit dem Finger auf das Menü, das er gerne essen will. Ich frag ihn, ob er das Steak „rare“, „medium“ oder „durch“ will, doch er winkt nur ab, weil er für solche Nichtigkeiten offenbar keine Zeit hat. Zehn Minuten später stell ich ihm die Suppe hin. Er nimmt mich nicht mal zur Kenntnis. Weitere 6 Minuten und 21 Sekunden (ich hab auf die Uhr geschaut) vergehen, bis er das Handy weglegt: „Mike, mein Essen ist gerade gekommen. Ich ruf dich in zehn Minuten zurück.“ Ein paar Sekunden später brüllt er „Ober!“ und ich eile zu ihm. „Gibt es die Suppe auch in heiß?“ Ich bringe die lauwarme Brühe in die Küche und erkläre den Tatbestand. Wie gewohnt und erwartet flattern Tiraden durch die Luft und nach einer Minute Mikrowelle ist die Suppe wieder auf dem Platz des vom Küchenkollektiv zum Hurensohn ernannten. Als ich die leere Suppentasse abserviere, hat er das Handy schon wieder am Ohr. Er schreit und schert sich einen Scheiß um die anderen Gäste im Lokal. Als ich den Hauptgang bringe, legt er das Handy diesmal gleich weg und fordert, dass ich ihm etwas Brot bringe und Butter. Warum? Er hat Kartoffeln, Kräuterbutter und Bohnen als Beilagen. Trotzdem komme ich seinem Wunsch natürlich nach. Dann hält er mir sein Steakmesser entgegen: „Bringen Sie mir ein normales Messer. Sehe ich aus wie ein Metzger?“ Als ich ihm ein normales Messer gebe, tritt er verbal nochmal nach. „Muss ja ‘ne ziemliche Schuhsohle sein, wenn man solche Säbel zum Schneiden braucht.“ Ich lächle freundlich und ziehe mich zurück. Allerdings nicht lange, weil er gleich wieder „Ober“ schreit. Er zeigt mir die angeschnittene Seite seines Steaks. „Was soll das sein?“

Ich erwidere: „Was meinen Sie?“.

„Rare?“

„Medium!“, antworte ich und er behauptet, er habe das Steak „rare“ bestellt. Ich muss ihn darauf hinweisen, dass er mich hinsichtlich des gewünschten Gargrades nicht in Kenntnis setzte, was er jedoch abstreitet.

„Hab keine Zeit auf ein zweites Steak zu warten“, sagt er und isst es.

Sofort anschließend telefoniert er wieder und gibt mir ein Zeichen für die Rechnung. Ich lege sie ihm hin, er schreit in den Hörer „Harry, ich ruf dich gleich zurück!“, legt auf und pöbelt mich an: „Warum ist das da drauf?“ Er tippt mit dem Zeigefinger auf den Kassenbon an die Stelle wo RUMPSTEAK KAR. BOH. steht. Wieder frage ich „Was meinen Sie?“

„Das Ding war ‘n Stück Schuhsohle und jetzt soll ich das Teil auch noch zahlen? Wollen Sie mich verarschen?“

Ich weise ihn daraufhin, dass das Steak einwandfreier Qualität gewesen sei und er es auch vollständig gegessen habe.

„Weil ich Hunger hatte und keine Zeit für ein anderes!“ Er will meinen Vorgesetzten sprechen und ich gebe mich als Schichtleiter zu verstehen, der Entscheidungen dieser Art selbstverantwortlich fällen darf und verlange von ihm den vollständigen Rechnungsbetrag. Er macht einen riesen Terror und aus Rücksicht vor den anderen Gästen gebe ich nach und hole Theo.

„Das ist unser F&B Manager Theo Müller“, stelle ich ihn vor. Theo knickt sofort ein wie ein Maiglöckchen und nimmt fünfzig Prozent des Steaks von der Rechnung. Er verlangt von mir hinterher keine Rechtfertigung. Er vertraut mir, aber sagt, man müsse langfristig denken und Beschwerden seien gut, denn sie hälfen bei der Prozessoptimierung und außerdem, wäre so die Chance gegeben, dass wir den Gast nicht für immer verloren hätten. „Schade!“, sag ich trocken und er gibt mir einen Klapps. „Du musst positiver werden, David!“

Ich hab mich geärgert für fünf Minuten. Früher hätte mein Ärger tagelang angehalten. Wie gesagt, ich bin abgestumpft.

Kommentar von Pascal Schrenker

Und hier findet sich schon ein Beispiel zu dem was ich unter einen der Einträge zuvor geschrieben habe. Hau so einem Wichser einfach mal den Suppenteller ins Gesicht! Wehr‘ dich! Zeig ein bisschen Stolz! Auch wenn du da arbeitest, bist du immer noch ein Mensch mit menschlichen Gefühlen und wenn dich irgendwer unmenschlich behandelt, ist es dein gutes Recht, nein deine Pflicht, deiner Gesundheit zuliebe, dagegen zu schlagen.

Der Kern des Problems liegt natürlich in der Branche, in der du arbeitest. Gaststättengewerbe ist ein heuchlerisches Pflaster und du, mein Bruder, warst viel zu lange ein Rädchen in dieser Schleimscheißer-Maschinerie.

Du bist auch selbst schuld! Hättest du dich in der Schule mal angestrengt, hättest du das Gymnasium beenden und etwas studieren können. Aber du hast immer deine Hausaufgaben abgeschrieben von Idioten, die auf deine Schmeicheleien reingefallen sind. Trotzdem hast du ordentliche Noten kassiert. Du wusstest genau, dass du mit der Einstellung auf der Uni nicht überleben würdest. Es gibt viele Menschen, die studieren und eigentlich nicht die Klugheit besitzen. Du warst wohl das Gegenteil. Doch du wolltest einfach nur dein ganzes Leben lang faul sein und den einfachsten Weg gehen. Deswegen bist du die Schlampe von arroganten Business-Lunchern und versnobten Pelz-Trullas, denen kein Essen in keinem Restaurant der Welt jemals gut genug sein wird. Genau deswegen. Jeder kriegt, was er verdient.

Tagebucheintrag vom 24. August 2009

Oh dieser Alltagstrott! Jeden Tag frühmorgens aufstehen, ins Hotel fahren, den makellos gekleideten Konzern-Bonzen in die Augen mit Dollarzeichen blicken und einen guten Morgen wünschen. Wenn man grad dabei ist fragen, ob es Kaffee oder Tee sein darf und der Frühstücksdame ein entsprechendes Zeichen geben. Smalltalk mit den betuchten Damen führen, die verkaterten Azubis herumscheuchen und sie auf ihre Leichtsinnsfehler hin rügen, ständig selbst die Scheißarbeit machen – entweder weil viel los ist oder weil man die Moral bei den Untergebenen steigern will. Keine Zeit für die administrativen Aufgaben haben, deshalb Überstunden machen – unbezahlt versteht sich. Dann Übergabe mit irgendeiner Pfeife vom Nachmittagsteam machen und dabei noch Eine rauchen. Immer die gleichen Leute mit den gleichen Geschichten über die gleichen Bekannten und Freunde.

Ich muss raus, aber wohin? Ich kann nicht mehr studieren. Wie ein Opa sehe ich doch aus, wenn ich mich da in die Vorlesungen mit lauter 20-jährigen setze. Meinen Abschluss mache ich dann mit 30 und was sag ich dann den Leuten, die mit mir ein Vorstellungsgespräch machen? Dass ich nach meinem Abi zu faul war und lieber chillig ‘ne Hotelausbildung gemacht hab, bei der ich 20 Kilo zugenommen, mehrere zehntausend Haarwurzeln verloren und kein Buch gelesen habe. Ich persönlich kenne niemanden, der so spät noch studiert hat und nicht ein totaler Volltrottel war. Außerdem bringt meine Freundin in weniger als einem halben Jahr mein erstes Kind zur Welt. Wir brauchen Geld – jetzt ist also nicht die Zeit für schulische Spielereien. Ein anderes Hotel? Es wäre wohl kein Problem, etwas anderes zu finden. Doch was bringt das? Der eine Alltagstrott ersetzt den anderen.

Ins Ausland? Gleiche Gründe wie oben – ich werde bald Vater und: Unsere Familien wohnen hier und die können wir bei der Erziehung unseres Kindes gut gebrauchen. Irgendwo Quereinsteigen? Vielleicht! Aber als was? Lagerarbeiter? Bandmonteur? Naja, da muss man wenigstens niemandem in den Arsch kriechen, aber körperlich viel zu anstrengend für mich!

Kommentar von Pascal Schrenker

Du hörst einfach auf! Du stellst dir die richtigen Fragen, aber weil du nach zehn Sekunden keine Antwort gefunden hast, glaubst du, es gibt keine und gibst auf. Werfen wir doch mal einen kurzen Blick auf dein ganzes Wunderwerk Denken: Du warst 24 Jahre alt, als du das geschrieben hast und denkst, du wärst der Opa deines Studienganges. Mit sehr großer Wahrscheinlichkeit wärst du bei einer normalen Uni über Durchschnitt, doch wie sieht es mit einer Fernuniversität oder -hochschule aus? Hier wärst du wahrscheinlich einer der Jüngeren gewesen. Für mich steht und stand schon immer fest: David, du bist faul und lügst nicht nur deine Mitmenschen, sondern in erster Linie dich selbst permanent an. Du hast keine Ambition zu lernen oder dich weiterzuentwickeln. Deswegen lamentierst du hier und bringst dich selbst in eine Position im Leben, die für dich bequem ist.

Du hast dir einfach die falsche Gewohnheit angeeignet und zwar jene, immer den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen. Das Problem ist nur, dass du dafür nicht clever genug bist und deshalb ständig zu unbequemen Umwegen gezwungen wurdest. Ab und zu muss man kämpfen, doch das hast du nie gelernt.

Tagebucheintrag vom 26. August 2009

Ich habe heute mit Pablo geredet. Seit längerem weiß ich, dass er vorhat, zurück in seine Heimat zu gehen, um dort mit seinem Bruder ein Hotel zu eröffnen. „Eigener Chef im Paradies“, sagt er. „Schönste Hotel von Ort! Tolle Lage! Nur Beste von Beste! Riesige Pool, Marmor, Mahagoni! Premium! Komm dann nur, ich gebe dir Job, Tio!“ Sein Bruder hat Geld und Pablo hat die Erfahrung. Das Hotel haben Sie schon gekauft und die Komplettsanierung ist in vollem Gange. Pablo macht einen Haufen Umsatz bei uns in der Spätschicht und die Geschäftsführung war ganz schön erschüttert, als er ihnen gesagt hat, dass er wegen seiner Abendschule (sein Bruder verlangt, dass er einen Wisch hat, bevor er das Hotel leitet) in die Frühschicht wechseln muss. Irgendjemand muss mit ihm tauschen, doch Karina versteht nicht, warum ich das tun möchte.

„Dann bist du abends immer weg!“

„Sei vernünftig! Du willst ja auch wieder arbeiten und so ist immer jemand zu Hause, um auf das Baby aufzupassen! Und mit dem Trinkgeld haben wir fast schon unsere Lebensmittel wieder drin.“

„Hast ja Recht! Ich denke nur manchmal… Es ist halt schön, am Abend zusammen zu sein.“

„Wir müssen pragmatisch denken. Ich will unserem Kind eine bessere Ausbildung als mir ermöglichen, deswegen…“

„Du hättest auch eine bessere Ausbildung machen können, wenn du gewollt hättest.“ Noch während sie es aussprach, sah ich, wie sie zusammenzuckte. Das ist mein empfindlicher Punkt.

„Auf jeden Fall tausche ich mit Pablo, wenn es geht!“ so beendete ich das Gespräch.

Kommentar von Pascal Schrenker

Werden Gefühle verletzt? Natürlich! Doch anstatt immer gleich bockig zuzumachen, hättest du Kritik hin und wieder annehmen sollen. Zumal du wusstest, dass Karina Recht hatte und sie das ebenfalls wusste. Trotzdem sprach sie das Thema „Nichtgenutztes Potential“ nur versehentlich an (zumindest würde es mich wundern, wenn es kein Ausrutscher gewesen wäre). Du wolltest immer nur deinen Stolz schützen und hast deswegen wahre Dinge nie angenommen. Wenn man das nämlich tut, muss man auch seine Konsequenzen daraus ziehen. Und diese wären mit Arbeit, Fleiß und Anstrengung verbunden. Dein Komfort hätte zweifellos darunter gelitten.

Tagebucheintrag vom 7. September 2009

Als wir heute im Bett lagen – ich hab‘ mir noch eine Folge Stromberg reingezogen und Karina hat gelesen – klappte sie ihr Buch plötzlich zu und drückte bei meinem Laptop auf Pause. Sofort war mir klar, dass sie irgendwas ausgebrütet hatte.

„Vielleicht sollten wir heiraten?“

Ich reagierte verdutzt, denn sie war nie ein großer Fan des Heiratens gewesen und ich hielt es sowieso für ein überflüssiges Zeremoniell.

Irgendeine Bekannte hat Karina vom Stress erzählt, den sie und ihr Mann wegen des Sorgerechts hatte. Auch wegen der Steuer sei es sinnvoll zu heiraten, meinte sie und folgte damit dem Rat ihrer Mutter. „Vor allem wenn ich dann recht früh wieder arbeiten gehe.“

„Willst du das?“, fragte ich sie und schaute sie ernst an.

„Naja, ich weiß nicht, ob ich unbedingt will, aber ich muss ja fast. Außer du…“

„Ja ja, außer ich finde ‘nen gescheiten Job bei dem ich ordentlich Geld verdiene.“ Ich konnte mir nicht helfen und wurde bockig…

Sie entschuldigte sich, aber ich wusste, dass sie das nur tat, weil sie die Diskussion weiterführen wollte und nicht weil es ihr wirklich leid tat.

„Vielleicht sollten wir uns mal vernünftig informieren, bevor wir irgendwas machen, was irgendwelche altmodischen Leute dir eingeredet haben“, blaffte ich sie an. „Nur wegen so einem dummen Wisch ändert sich doch nichts!“

„Warum wäre es eigentlich so schlimm, mich zu heiraten? Ich meine, wenn du mit mir zusammen sein und mit mir gemeinsam ein Kind großziehen willst, ist es doch andererseits auch scheißegal, wenn wir diesen Wisch haben. Vor allem, wenn uns dieser Wisch finanzielle Vorteile bringt. Eigentlich wäre das ja nur vernünftig! Kein Mensch spricht von Kirche oder einer großen Feier. Das will ich auch nicht!“

Sie hat nicht Unrecht und weil der einzige plausible Grund in dem Moment, sie nicht zu heiraten, der ist, dass ich einfach nicht will, legte ich mich mit einem „Wir reden morgen!“, schlafen.

Kommentar von Pascal Schrenker

Du hast unangenehme Wahrheiten noch nie angesprochen. Leute wären vielleicht wütend geworden und der Hitze solcher Momente wolltest du dich grundsätzlich nicht aussetzen. Du bist schon immer ein harmoniebedürftiger Mensch gewesen und das hat stets zu deiner Beliebtheit beigetragen, dich aber auch vor Probleme gestellt. Zum Beispiel damals, als Mama diese hässlichen Schuhe für dich aussuchte: Sie war schon kurz vor dem Durchdrehen, weil sie den Nachmittag über mit zwei Teenagern durch die Stadt gewetzt war. Um das Fass nicht zum Überlaufen zu bringen, hast du die ersten Schuhe, die sie dir vorschlug, genommen. Natürlich hattest du nie vor sie zu tragen. Deshalb war dein Plan, etwas mit deinem Kumpel Knoll auszumachen, dessen Familie diesen nervtötenden Hund hatte. Am Morgen bist du dann mit den blütendweißen Schuhen aus dem Haus, nur um sie, als du ums Eck warst, mit den alten zu tauschen. Bevor du vom Knoll wieder nach Hause kamst, hast du die Schuhe mit einer stumpfen Zange zerfetzt und Mama erzählt, dass Knolls Hund daran Schuld war. Dieser Plan hielt solange, bis Mama bei den Knolls anrief und seine Mutter sich äußerst überrascht über die Anschuldigungen zeigte.

Gelernt hast du aber nie aus solchen Vorfällen. Das ist nur eines von vielen Beispielen, in denen du viel Energie verwendet und lange Umwege gegangen bist, um das Boot nicht zum Schaukeln zu bringen. Allerdings hatte das oft zur Folge, dass du danach mit noch schlimmeren Konsequenzen konfrontiert worden bist.

Tagebucheintrag vom 12. September 2009

Nach Tagen des Grübelns habe ich mich entschlossen, Karina Bescheid zu geben, dass wir heiraten können. Sie hat ja Recht: Was spricht dagegen? Ich kann es nicht begründen, warum ich nicht will. Ich müsste sagen, dass ich mir nicht vorstellen kann, mit ihr mein Leben zu verbringen, aber irgendwie weiß ich auch nicht, ob das stimmt. Das ist nur so ein Gefühl und eigentlich will ich keiner sein, der mit 60 vier Scheidungen hinter sich hat. Das sind die größten Trottel!

Auf der anderen Seite verbindet uns diese Hochzeit auch mehr, vielleicht bringt sie uns einander näher. Das ist nur Gefühlsduselei, ich weiß. Begründen kann ich diese Hoffnung nicht. Wahrscheinlich rede ich mir auch nur irgendwelche Sachen ein, damit ich dem Ganzen positiver gegenüberstehen kann.

Es kann auch sein, dass ich der Ehe gegenüber negativ eingestellt bin, weil ich dabei das Bild meiner Eltern vor mir sehe. Dieses lieblose, pragmatische Leben, diese gefühlslose Allianz. Alles wird nach Schema-F gemacht, typisch bürgerlich halt…

Auf jeden Fall habe ich beim Abendessen zu Karina gesagt: „Lass uns heiraten. Warum nicht?“ In vier Tagen hat keiner von uns mehr ein Wort dazu verloren und ich glaube, dass ich sie mit meiner Aussage ebenso überrascht habe, wie sie mich neulich mit ihrem „Vielleicht sollten wir heiraten!“

Entsprechend reserviert reagierte sie. „OK“, das war’s erstmal, aber fünf Minuten später fragte sie: „Bist du dir sicher?“ und ich antwortete: „Du hast Recht, es spricht nichts dagegen!“

Sie wirkte enttäuscht, obwohl sie sagte, dass alles in Ordnung sei. Kurz darauf nahm sie eine Dusche und legte sich anschließend ins Bett.

Kommentar von Pascal Schrenker

Du hattest immer ein gutes Gefühl für Menschen, deshalb wusstest du sicher auch, was Karina störte. Sie war enttäuscht, weil du sie aus praktischen Gründen und nicht aus Liebe heiraten wolltest. Zumindest kam das, deinen Schilderungen zufolge so bei ihr an. Selbstverständlich war es ihr Vorschlag, den sie mit praktischen Argumenten gefestigt hat, doch tief im Inneren wollte sie von dir hofiert werden. Jede Frau steht auf Romantik – egal, was sie sagen. Jede Frau will sich einmal im Leben als Prinzessin fühlen.

Mir wird’s schon ganz schummerig, dass ich mich hier als Frauenversteher aufspielen muss - normalerweise ist das dein Metier. Andererseits hatte ich schon oft was mit Frauen, denen Romantik angeblich egal war. Wenn sie dann glauben, den Mann an der Angel zu haben, bröckelt die coole Fassade allmählich…

Tagebucheintrag vom 11. November 2009

Drei Tage sind seit der Hochzeit vergangen. Die Feier war sicher nichts Besonderes, aber zu unserer Verteidigung: Wir hatten nicht viel Planungszeit und so musste die Location, das Essen, das Kleid, die Einladungen und das ganze andere Zeug sehr spontan organisiert werden. Karina wollte so schnell wie möglich heiraten, weil ihr Bauch immer runder wurde und sie Angst hatte, in ihrem Kleid fett auszusehen. Dieses war wegen der Spontanität nicht wirklich auf sie zugeschnitten und das wurmte sie obendrein.

Neben unseren Familien waren nur ein paar Freunde da. Keiner war besoffen, keiner fiel in den Kuchen, es gab auf unseren Wunsch hin keine Einlagen. Es war kein DJ und auch keine Band da. Stattdessen sorgten mein Laptop und Knolls Dolby Surround Anlage für die musikalische Untermalung.

Karina legt keinen Wert auf große Zeremonien, deswegen denke ich nicht, dass sie wegen des kleinen Rahmens gereizt war. Das war sie nämlich auf jeden Fall. Ob es die Anwesenden, die sie nicht so gut kennen wie ich, merkten, weiß ich gar nicht. Ihre Stimmung könnte auch von meiner beeinflusst worden sein, die sicher auch nicht überragend war. Ich hasse es, im Mittelpunkt zu stehen und den ganzen Tag einen auf glücklich zu machen. Vielleicht lag es aber auch einfach daran, dass sie keinen Alkohol trinken durfte und eine alkoholgeschwängerte Atmosphäre für Nüchterne eher schwer verdaulich ist.

Irgendwelche dummen Traditionen wie das gemeinsame Kuchenaufschneiden oder das Brautstraußschmeißen wollten wir uns eigentlich schenken, doch der Knoll und seine Freundin bestanden zumindest auf Letzteres. Wahrscheinlich hatte sie auf ihn eingeredet, weil sie den Strauß fangen wollte, was sie dann auch tat. Mich würde es nicht wundern, wenn sie ihm das jetzt als einen Wink des Schicksals verkauft, bis er nachgibt und sie wirklich heiratet, wodurch ihre erste große Mission im Leben erfüllt wäre – nämlich einen guten Versorger zu heiraten.

Ich war froh, als der Tag endlich vorbei war. Im Bett wollte ich witzig sein und sagte zu Karina: „Merk ihn dir! Das war der schönste Tag deines Lebens!“ Sie verstand die Ironie nicht oder war zu müde – auf jeden Fall lächelte sie nicht mal, sondern verdrehte nur die Augen. Unsere Hochzeitsnacht war entsprechend leidenschaftslos: Wir schliefen beide auf unseren jeweiligen Seiten des Bettes ein. Ich fand das sicher nicht schlimm. Ganz ehrlich: Wessen Hochzeitsnacht nimmt denn schon solch märchenhafte Formen an, wie es uns Lifestyle-Blogs oder Romantikfilme vorspielen? Beide sind mindestens angetrunken, beide sind völlig ausgelaugt nach dem langen Tag, beide schwitzen und stinken unter ihrem Hochzeitszwirn, und dann macht man sich wegen den Erwartungen vielleicht noch so kirre, dass die Libido sowieso eintrocknet…

Kommentar von Pascal Schrenker

Auch hier liest man heraus, dass die ganze Hochzeit nichts als eine Bürde für dich war. Die pure Langeweile! Zeitverschwendung! Aber wofür hättest du die Zeit denn stattdessen genutzt? Welch großes Abenteuer entging dir dadurch? Ich kenne dich, du warst nie ein vielbeschäftigter Mann. Du wolltest dich nur nicht diesem Zeremoniell aussetzen, weil du befürchtet hast, den ganzen Tag beobachtet zu werden. Und vielleicht hätte jemand bemerkt, dass du Karina in Wirklichkeit gar nicht hast heiraten wollen. Wenn ich dich beruhigen darf: Keine hat’s gemerkt. Und alle Leute, die ich gefragt habe, fanden die Hochzeit schön. Keiner fand sie so trist und langweilig, wie du sie hier darstellst. Vielleicht wolltest du dein schlechtes Gefühl den Umständen in die Schuhe schieben, weil das angenehmer ist, als die eigene Intention zu hinterfragen.

Tagebucheintrag vom 1. Dezember 2009

Ich wollte eigentlich gar keine Hochzeitsreise machen. „Ist doch auch nur Teil dieses ganzen gesellschaftlich erwarteten Zeremoniells“, hab ich gesagt und außerdem ist Karina fast schon im siebten Monat.

Es sei aber schön, die Zeit, die man noch zu zweit hat, dafür zu nutzen, wenigstens für ein paar Tage wegzufahren. „Wer weiß, wann wir das das nächste Mal machen können?“ Schwer, ihr hierbei zu widersprechen, auch wenn ich es mit dem Kostenargument zumindest versuchte. Auch Theo hatte mir eine Auszeit nahegelegt, bevor ich dann in die Spätschicht wechselte – also fuhren wir für ein paar Tage nach Südtirol.

Es war gar nicht schlecht, doch wirklich aktiv konnten wir nicht werden, weil Karina sich mit der Kugel vor dem Bauch schon recht schwer tat, aber wir haben Wellness gemacht, Filme geschaut und im Hotel gab’s echt gutes Essen. Wegen ihrer Schwangerschaft durfte sie das Saunieren nicht übertreiben, deswegen war ich einige Male auch alleine drin, während sie noch etwas gelesen oder Sudokus gelöst hat.

Karina bekam am letzten Abend fürchterliche Weinkrämpfe, die sie am nächsten Tag auf ihre Hormone schob. Als ich ein wenig nachbohrte, gestand sie mir aber auch, dass sie mit der Hochzeit nicht glücklich war.

„Die Stimmung war doch scheiße. Jetzt halten uns alle für unglaublich langweilig. Und sie denken, dass wir geizig sind. Oder noch schlimmer: arm. So arm, dass wir vielleicht unser Kind gar nicht versorgen können.“

„Es sind definitiv die Hormone“, lachte ich, „denn früher hätte dich das nicht interessiert.“

Sie verpasste mir einen auf die Brust und sagte: „Du nimmst mich nie ernst!“ Erst dachte ich, sie macht Spaß, doch anschließend wurde sie ganz still und antwortete nur noch einsilbig. Auf meine Frage, was mit ihr los sei, sagte sie: „Alles in Ordnung!“

Kommentar von Pascal Schrenker

Es ist dein ganzes Desinteresse an der Hochzeit und allem, was damit zusammenhängt. Das nervt sie. Weil sie mit dem Kind im Bauch ein bisschen eingeschränkt ist, ist sie auf dich und deine Unterstützung angewiesen. Du denkst aber nicht daran, was sie will, sondern nur daran, wie für dich alles am bequemsten von Statten geht. Auch im Urlaub hättest du dir ein bisschen Mühe geben können. Vielleicht hat sie auf ein bisschen Romantik gehofft, eine kleine Überraschung. Vielleicht wollte sie nicht nur Filme schauen und im Zimmer rumgammeln. Vielleicht hat sie gesagt, mit der Hochzeit nicht glücklich zu sein, aber in Wirklichkeit gemeint, dass sie mit der Entscheidung, mit dir eine Familie zu gründen, nicht glücklich ist.

Tagebucheintrag vom 11. Dezember 2009

Diese Abteilungsleitermeetings… Das Jahr nähert sich dem Ende, bald beginnt die Winterurlaubszeit und deswegen wird jetzt nochmal „Business“ geredet.

Die Frau Dr. saß wie immer an der Stirnseite mit gerunzelter Stirn über zusammengekniffenen Augen und lauschte den einzelnen Quartalsumsatzberichte. Jede/n der Vorträgerinnen und Vorträger durchdrang bei jedem Blickkontakt mit Frau Dr. fröstelnde Angst. Völlig unabhängig von den Zahlen, die man präsentiert und ungeachtet der Tatsache, dass sie ihn selten ausspricht, fühlt man ihren Vorwurf: „Warum so wenig?“

Ich und die anderen älteren Hasen sind es inzwischen gewohnt. Wir können diese Meetings innerhalb weniger Tage verdauen, aber die Neuen, die werden noch die nächsten drei Wochen den kalten Atem von Frau Dr. im Nacken spüren. Sie ist höflich zu jeder und jedem, kennt unsere Namen… Aber das war’s auch schon. Ihr dezenter österreichischer Akzent verleiht ihren Aussagen einen würdevollen Elan und einen seltsamen Magnetismus. Ihre Worte haften lange im Gedächtnis und man brütet über den Worten, die sie gesagt hat. Denn sie kritisiert nicht, wie ein Maurermeister seinen Gesellen, sie lobt kühl und mit Bedacht und erwartet, dass man aus dem Lob die Kritik herausschält und wer das nicht schafft und darauf nicht entsprechend reagiert, der erhält die Quittung in Form einer offiziellen Degradierung oder eines von ihr inszenierten Putsches durch einen ambitionierten Emporkömmling. Die neuen Abteilungsleiter wissen das nicht, selbst dann oft nicht, wenn sie zuvor schon in niedrigeren Positionen für sie gearbeitet haben.

Für die Mitarbeiter in der untersten Hierarchiestufe scheint sie Sympathie zu haben. Eine gönnerhafte Sympathie, die wahrscheinlich daher rührt, dass sie in den tiefsten Öden des Salzburger Berglandes aufwuchs, in einem Skikaff, das im Winter von Touristen überlaufen und im Sommer nur von Heuballen und einfachen Bergbauern bevölkert ist. Doch sie ist keine Bauerntochter, sondern eine Hotelerbin, des ersten Superior Luxus Premium 5 Sterne Deluxe Hauses (oder so ähnlich) in ganz Provinz-Österreich. Wurde in eine Gastwirt-Familie hineingeboren, von Eltern erzogen, die nach Pfarrer und Volksschullehrer die angesehensten Menschen im Ort waren, das Geld in die Wiege gelegt, genauso wie die Arbeitsmoral, den Sinn für Ordnung und das Auge fürs Detail. Wurde auf die Universität Salzburg geschickt, als junge Frau, in den 70ern ein Novum und die einzige Person, die irgendjemand in dem Ort kannte, die als sie dann zurückkehrte, ein Diplom an der Wand hängen hatte – in Betriebswirtschaft. Ihr Ruf stand fest – keiner bezweifelte, dass sie die klügste Person im Gasteinertal war und weil die Leute eh nix und niemanden darüber hinaus kannten, der klügste Mensch Österreichs nach Kanzler und Präsident.

Ich nehme an, sie hat sich schon in einem sehr jungen Alter wie jemand Besonderes gefühlt. Sprössling einer Promifamilie sozusagen… Dabei spielte es wahrscheinlich keine Rolle, dass sich ihre Bekanntheit auf lokale Kreise beschränkte. Sicher saß sie bei örtlichen Vereinsfesten oder Versammlungen immer in der ersten Reihe, obwohl sie grundsätzlich 10 Minuten zu spät kam – die Plätze wurden immer für sie freigehalten. Sie bekam immer, was sie wollte und jeder im Dorf sollte sehen, das sie da war – ein Einzug fast wie bei der WWE, nur die Musik fehlte… Ich fantasiere schon, aber ich will ihr Gehabe und ihr Auftreten verstehen, um sie nicht so sehr zu verachten. Warum sie jene die ganz unten im Organigramm verhätschelt und die, die in der Mitte stehen so kaltherzig behandelt – das will ich verstehen.

Kommentar von Pascal Schrenker

Damit endet dein Eintrag?!? Ein bisschen symptomatisch ist das schon für dich! Du warst nie in der Lage, irgendwo hartnäckig dran zu bleiben oder etwas ernsthaft zu hinterfragen. Alle deine etwas anspruchsvolleren Gedanken fransen aus wie schlechtes Haar. Nicht dass dieser Eintrag besonders tiefsinnig wäre – das will ich damit nicht sagen, aber immerhin meinst du einen Zusammenhang zwischen der Herkunft deiner Chefin und ihrer Sympathie für das gemeine „Fußvolk“ erkannt zu haben. Bevor du aber entschlüsselt hast, wie dieser Zusammenhang genau aussieht, hörst du schon wieder zu schreiben auf. Dein Eintrag bleibt ohne Fazit stehen – genauso wie dein Leben. Abwarten und mal schauen! Ist das dein Motto? Wie kann man so leben? So in der Schwebe, so unkoordiniert, und vor allem so passiv. Genau: Passivität ist die zentrale Charakteristik deines Wesens, die man nicht nur aus diesem Eintrag herausliest. Du bist ein Geschöpf, das keinen Kampfgeist in sich trägt, keinen Biss, du ergibst dich deinem Schicksal und jammerst darüber. Genießt du es insgeheim ein Opfer zu sein? Oder kennst du es einfach nicht anders?

Die Verachtung für deine Chefin ist kaum zu überlesen, doch du, ebenso wie die anderen Lämmer in ähnlichen Positionen wehrst dich nicht, sondern lästerst nur hinter dem Rücken deiner Meisterin über sie. Ich habe nie verstanden, wie Angestellte oder Arbeiter so dumm sein und nicht erkennen können, dass sie gebündelt viel mehr Macht haben, als jeder Vorstand oder Firmendirektor. Dafür brauche ich nicht in der Gewerkschaft sitzen! Wie geprügelte Hunde duckt ihr euch durchs Leben und je mehr dabei eure Seele stirbt, desto weiter entfernt ihr euch vom Glück!

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