Kitabı oxu: «Der Sandler»

Şrift:

Markus Ostermair

DER SANDLER

Roman


Der Autor dankt der Bayerischen Akademie des Schreibens,

der Landeshauptstadt München

und dem Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur

des Landes Brandenburg

für die Förderung seiner Arbeit an diesem Roman.

Die Handlung und alle Personen sind frei erfunden.

Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen

ist rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Erste Auflage 2020

© Osburg Verlag Hamburg 2020

www.osburgverlag.de

Alle Rechte vorbehalten,

insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortrags

sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen,

auch einzelner Teile.

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form

(durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren)

ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert

oder unter Verwendung elektronischer Systeme

verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Lektorat: Bernd Henninger, Heidelberg

Korrektorat: Mandy Kirchner, Weida

Umschlaggestaltung: Judith Hilgenstöhler, Hamburg

Satz: Hans-Jürgen Paasch, Oeste

ISBN 978-3-95510-229-6

eIBN 978-3-95510-235-7

Für Judith sowie meine Lehrer*innen, die bezahlten und unbezahlten

Inhalt

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Karl ist immer noch ein aufrechter Mann

Das darf man eigentlich niemandem erzählen, denkt Karl. Seine Kollegen würden ihn auslachen, wenn er sagt, dass er als kleiner Junge doch tatsächlich mal davon geträumt hatte, in einer Bank zu arbeiten. Damals hatten das weiße Hemd, die Krawatte, die schwarze Hose und die Schuhe aus Leder Eindruck auf ihn gemacht. Der Filialleiter der Raiffeisen war groß gewachsen, gut aussehend und an jedem Tag besser angezogen als sein Vater an Sonntagen. Und er hatte ihm immer kleine Geschenke gemacht, weil der kleine Karl so gut im Rechnen war. Das hatte sich herumgesprochen im Dorf.

»Du kannst aber gut mit Zahlen!«, sagte der Mann zu ihm und strich ihm über das noch blonde Haar. »Aus dem wird mal was«, ging der Blick hoch zu seiner Mutter, die immer ein wenig rot dabei wurde.

Jetzt steht er da und muss lachen, weil er schon seit weiß Gott wie vielen Jahren nicht mehr daran gedacht hat. Seine Narbe im Gesicht spannt ein wenig und er steckt seine Karte in den Schlitz. Eine blickdichte Glaswand trennt den Vorraum mit den Automaten vom Empfangsraum für Kunden. Die schlafen alle noch und können sich noch zwei-, dreimal in ihren blütenweißen Federbetten rumdrehen, bevor der Wecker klingelt.

Er wird seine Ruhe haben. Keiner wird hinter ihm warten und ihn nervös machen. Nur die beiden Kameras in den Ecken haben ein Auge auf ihn, aber das stört ihn nicht weiter. Sind sowieso überall. Der erste Automat ist falsch: nur für Münzeinzahlungen. Büroklammern, Knöpfe und Beilagscheiben zählen nicht. In den zweiten schiebt er seine Karte und hat einen Moment Geduld. Der Vorgang ist in Bearbeitung.

Heute muss es da sein, das Geld! Wenn es heut nicht da ist, dann –.

Was dann?

Dann sieht er sich schon in die Franziskanerstraße marschieren und sich beschweren, weil heute Freitag ist, und …

Ihm wird ein Menü zur Auswahl angezeigt. Zur Sicherheit drückt er den Knopf neben Kontostandsabfrage. Er will die Zahl sehen, schwarz auf weiß in den Bildschirm eingemeißelt. Er gibt seine Geheimzahl ein, 2357, und bestätigt. Er kann gut mit dieser Zahl. Alle einstelligen Primzahlen in ihrer natürlichen Reihenfolge. Auf dem Tastenfeld malt man erst nach rechts und dann eine Treppe abwärts.

Der verfügbare Betrag erscheint: 382 Euro, Quersumme 13, und ein paar Zerquetschte. Na bitte! Damit lässt sich arbeiten. Zurück zum Hauptmenü, dann Auszahlung. Fünfzig Piepen will er und endlich raus hier, an die frische Luft. Und er hat auch schon eine genaue Vorstellung von dem, was ihm da gleich die Kehle hinablaufen wird. Er spürt die Dose Franziskaner, wie sie im Parka gegen seine Brust drückt. Sie ist sein Zaumzeug, das ihn so lange in der Spur halten wird, bis die Geschäfte aufmachen.

Der Automat spuckt zuerst die Karte wieder aus und dann den Schein, ein nagelneues Stück Papier, als wäre es gerade frisch gedruckt worden. In Karls Rücken sagt der Automat »Vielen Dank! Auf Wiedersehen« und die Tür erkennt von selbst, was Karl will. Sie macht ihm den Weg frei, als ob das ihre Bestimmung wäre.

Der Morgenhimmel ist so hell, dass er die Augen schließen muss. Die Sonne ist über die Dächer gekrochen und er dreht ihr den Rücken zu. Es zischt, als Karl das Siegel bricht. Er schlürft den Schaum vom Dosenrand und legt dabei den Kopf in den Nacken. Fast die halbe Dose lässt er in sich hineinlaufen, bevor er sie auf den Boden stellt und sich mit dem Ärmel über den Mund fährt. Es wird wieder ein heißer Tag werden. Er bindet sich den Pullover um den Bauch, denn so schwitzt er etwas weniger. Den Parka lässt er an, weil er nicht in den Rucksack passt. Alles wieder aufsatteln. Die Dose steckt er zurück in die Innentasche seiner Jacke, wo sie exakt hineinpasst und wegen des Trageriemens vom Rucksack wie festgezurrt steht. Das gibt ihm ein gutes und sicheres Gefühl.

Er setzt sich in Bewegung. Es geht Richtung Bonifaz, wo es für jeden was umsonst gibt, der sich an die Öffnungszeiten und Hausordnung hält und die biblische Laienmalerei an den mit abwaschbarer Tapete beklebten Wänden erträgt. Neues Testament, der Gang nach Emmaus: Mit Blindheit waren sie geschlagen, während der Getötete wie ein Lebender neben ihnen einherging, aber sie erkannten ihn nicht mit den Augen, sondern zuerst mit dem Magen, als er das Brot brach und es unter ihnen verteilte. Im Bonifaz ist es zwar muffig, weil so heiß kann es gar nicht sein, dass es nicht voll wird, aber dort hat man auch Ablenkung und muss den Tag nicht allein rumbringen. Lenz wird er dort wohl kaum treffen, der ist mal wieder seit Wochen von der Bildfläche verschwunden, aber vielleicht ist Albert da und vertreibt einem die Zeit mit Geschichten wie letztens, über das Internet der Dinge, wo dann jede einzelne Bierflasche von selber meldet, wenn sie irgendwo abgestellt wird. Die haben dann einen Chip unterm Etikett, der das Signal sendet, und so weiß jeder Flaschensammler in der Umgebung, wo es was zu holen gibt. Optimale Ausbeute also, dank Routenplaner, der einem den kürzesten Weg aufzeigt. Genauso mit offenen Gartenlauben und Garagen. Wenn man will und natürlich das entsprechende Telefon sein Eigen nennen kann, dann braucht man nicht mehr draußen oder in der Pille schlafen, behauptete der Albert mit seinem Sprung im linken Brillenglas, der nun schon bald Einjähriges feiern kann. Alle anderen grinsten und winkten ab, weil sie genau wussten, dass er nur darauf wartete, um dann sagen zu können, dass es schon noch alle sehen werden, wie viele schusslige und unbedarfte Gartenlaubenbesitzer es in dieser Stadt gibt. Es folgte eine dramatische Pause, bevor er mit prophetisch in die Höhe gerecktem Finger schloss, dass, wenn wir es selber nicht mehr erleben, dann halt unsere Kinder und Kindeskinder, ihr werdet schon sehen.

So einen Schmarrn hat er wahrscheinlich aus den Büchern, die er liest, und wo er dann immer meint, dass die Leute das erfahren sollten, als ob das sein Bildungsauftrag sei. Und tatsächlich hat er manchmal sogar Klassiker in der Tasche wie Shakespeare, aber Karl glaubt, dass es reiner Zufall ist. Ein Perry Rhodan tut es auch. Trotzdem merkt man ihm an, dass er früher richtig was auf dem Kasten hatte. Bibelfest ist er. Und er kann noch Gedichte aufsagen von früher: Dies ist meine Mütze, dies ist mein Mantel, hier mein Einwegrasierer aus orangefarbenem Hartplastik. Abwendig hängt der Mond im Dunst, mein Herz geht durch die Feuersbrunst in glasig harte Kälte. Aber zwei, drei Flaschen Rotwein mag er halt auch. Dann geht das wirre Gerede los, selten über seine Frau, die Hure, die die Worte nicht wert ist, sonst über die Hinterlist Kafkas in der Strafkolonie – das Wasser hätte die öligen Hände des Offiziers eh nicht reinigen können, aber der Sand!, der Sand!, der habe es vollbracht! –, über Edgar und König Lears Töchter, über den Zusammenhang zwischen dreizehnter und sechsundzwanzigster Sure des Korans. Selbst wenn man nüchtern wäre, würde man nichts mehr kapieren. Man muss ihn dann reden lassen, nicken und reden lassen. Das Geschwätz überprüfen tut eh keiner, was wahrscheinlich der Grund dafür ist, warum Albert so ohne Punkt und Komma labern kann.

Auf Höhe Johannisplatz beginnt es, in Karls Schuhen ein wenig wehzutun, das hat er gestern schon gemerkt. Links ist das Leder zu starr und der Falz drückt ihm bei jedem Schritt die Zehen ab. Er hatscht mehr, als er geht. An der Ampel gibt es »Tiefenentspannung für Ihre Seele. Traditionelle Thai-Massage, gerne auch bei Ihnen zu Hause.« Das Foto der jungen Thailänderin wurde von allzu gierigen Abreißern der Telefonnummer ganz zerfetzt. Ihr halbes Gesicht fehlt.

Am Stromverteilerkasten steht geschrieben: »ACAB«.

Zustimmung auf Aufklebern: »Halb Harlaching hasst die Polizei!« »Banden bilden«.

Daneben ein Plakat: The Lisbon Girls spielen im Kafe Kult, und ein Aufkleber behauptet, dass Weihnachten im Herzen entschieden werde, Gott.de.

Im Rinnstein der Wörthstraße liegt eine Phiole von Berberil mit künstlichen Tränen und Karl hört Vögel zwitschern, sieht aber keine, weil er auf den Boden schaut. Nur weißer Vogeldreck unter einer Laterne und ausgetrocknete Hundescheiße mitten im Weg, ein Teil von einer Ferse plattgedrückt als der Haufen noch frisch war, und dann im Wetz- und Stempelschritt weiter geradeaus, weil kein Gras in der Nähe ist. Man kann die Spuren lesen. Man kann die Ideallinie verlassen und einen Bogen machen. Die Fliegen stört das nicht.

In der Comenius bekommt er Gegenwind. Eine Bäckerei treibt ihm Geruch in die Nase: Quarktaschen aus Blätterteig, Nussschnecken mit Zucker glasiert, hinter einer Scheibe, gegen die Wespen prallen, nachdem sie vom Überguss gekostet haben. Warme Laugenstangen, die sich in seiner Magensäure auflösen könnten. Doch Karl bleibt standhaft und trinkt noch ein Schlückchen. Dann biegt er in die Sedanstraße. Immer Richtung Isar.

Wir wandern, wir wandern, von einem Ort zum andern.

Gleich am zweiten Haus ist das Betteln und Hausieren verboten, wo du doch so gern reingegangen wärst, jedem bis unters Dach hättest du einen schönen guten Morgen gewünscht und ihm deine Geschichte erzählt. Karl, man redet mit dir.

Am Briefkasten sucht ein junges, aber solventes Ehepaar eine Drei- bis Vierzimmerwohnung für sich und seinen ruhigen, reinrassigen Kurzhaar-Weimaraner. Die Kaltschmerzgrenze wäre Zweizwei. »Herren 18 €, Damen 26 €. Auch ohne Termin.« Am Boden fragt sich ein Zettel in fetten Buchstaben, ob Christen und Muslime zum selben Gott beten. Die Antwort steht im Kleingedruckten. Zwischen den Autos liegt eine Flasche Augustiner ohne Hals, aber dafür mit scharfen Kanten, die tief ins Fleisch schneiden können. Drüben, direkt vor der Tür des Fotografen, stehen noch zwei, die sind ganz geblieben, und eine leere Flasche Sekt, die nichts wert ist. Er wechselt die Seite, bückt sich und sammelt sie ein.

In übermenschlicher Größe, schwarz und weiß, blicken Leute aus dem Schaufenster auf Karl herab: Bewerbung, Hochzeit, Familie. Ein junger Mann mit vollem schwarzem Haar und Anzug und Krawatte und einem Hemd und einem Lächeln, das Falten ins Fleisch wirft. Ein Traum in Weiß, den auch Karl einmal geträumt hat. Bedeutungsschwangere Umarmung der Frau, deren Rücken sich an den Bauch ihres frischgebackenen Ehemannes schmiegt. Stationen eines Lebens, die man gern festhalten möchte, am liebsten für immer, den Kindern vererben, auf dass sie sie rahmen und ehren. Auf dem dritten Bild, im Familienverbund: Enkel, Tochter, Opa, Mutter, Vater, Tante, seiet fruchtbar und mehret euch, denn Du sollst nicht töten, Karl, wo sind deine Fotos?

Sie sind irgendwo, unauffindbar. Das hat er nicht mehr in seiner Gewalt. Vielleicht hat Johanna das Album weggeworfen oder es steht in einem Schrank, ist in einer Kiste in einem Keller, auf dem Dachboden.

Er weiß noch, wann und wo die Fotos gemacht wurden. Sie standen unter einem Baum. Es gab Umarmungen, Küsse, Albernheiten. Seine Wange berührte ihre Wange, während er dem Fotografen zusah und ihn eine stille Aufregung durchfuhr bei dem Gedanken an sein Glück. Nach der Hochzeit klebt man die Bilder ein, damit man sie in einem Jahr wiederfindet. Man küsst einander, streichelt ihr über den Bauch.

Auch das Foto seiner kleinen Tochter Elisabeth ist fort. Er trug es immer bei sich, selbst als er schon soff wie ein Loch ohne Boden. Jahre waren es damals schon, seit er sie das letzte Mal gesehen hatte. Die Natur hatte ihren Lauf genommen, sie war gewachsen, sah ganz anders aus, hatte wohl eine Sprache gefunden. Ihre Wangen waren abgerundet, sie steckte nicht mehr ihre Faust in ihren Mund. Aber irgendwann war das Foto nicht mehr da, wo es hätte sein sollen. Der ganze Geldbeutel war weg. Ob gestohlen oder einfach liegen gelassen, das wusste Karl nicht. Das Geld war ihm egal, aber das Foto war etwas, mit dem man sich hätte beerdigen lassen können.

Jetzt sucht er mit der Hand nach etwas Halt in seiner Jacke und wird fündig. Er will nicht, dass ihn seine Tochter je so sieht. Frühmorgens schon am Tropf hängen. Ein ewiges Hohlkreuz, um den letzten Rest noch herauszuschütteln. Seit Tagen nicht geduscht. Die Jeans dreckig und abgewetzt, schon ein wenig gelb im Schritt.

Erkennen würde sie dich sowieso nicht. Dafür war sie noch zu klein, als du gingst, als Johanna dich verließ, weil sie sich selbst und Elisabeth vor dir schützen wollte, weil es nicht mehr auszuhalten war mit dir, deinen Schuldgefühlen, deiner apathischen Sauferei. Er weiß nicht, was sie ihr von ihm erzählt hat, ob sie überhaupt weiß, dass es ihn gibt. Er hat noch manchmal angerufen, viele Jahre ist das schon her. Mit ein wenig Mut im Blut, wollte reden, wollte ihre beiden Stimmen hören, glaubte, so etwas wie einen Anspruch darauf zu haben. Aber sie hat dich gefragt, warum du ihr das immer wieder antust. Du hörtest die Tränen aus ihren Augen treten, du hörtest einen erstickten Atemzug, »Ruf bitte nicht mehr an«, eine Stimme, die bricht, ein Auflegen aus Zement.

Karl tritt ans Fenster heran. Es gibt eine Spiegelung und er stellt die leere Dose auf den kleinen Fenstervorsprung. Mit beiden Händen streicht er sich den Parka glatt, als stünde er vor einer Einlasskontrolle. Nein, so soll Elisabeth ihren Vater nicht sehen! Irgendwann einmal will er seine Tochter suchen und ihr alles erklären, wenn sie älter ist und ihn vielleicht verstehen kann, aber dazu muss er sich erst einmal gefangen haben, sein Leben zurück in eine sichere Spur bringen. Er beugt sich nach vorne und massiert die Narbe in seinem Gesicht. Immer wenn er sich im Spiegel sieht, kommt sie ihm wieder zu Bewusstsein. Seine Kollegen würden es ihm wahrscheinlich nicht glauben, wenn er ihnen sagen würde, dass er sie manchmal ganz vergisst, wo sie doch jedem sofort ins Auge sticht, zumindest die obere. Die Narbe am Hals ist von seinem Bart verdeckt, aber im Gesicht schimmert die Wulst durch, weil auf ihr nichts mehr wachsen will. Sie geht senkrecht, fast wie mit einem Lineal gezogen, von der Lippe hoch zum linken Nasenflügel, wo sie zum Jochbein hin nach oben ausbricht und erst knapp neben dem Auge im Sand verläuft. Seit vier Jahren trägt er sie nun, als gerechte Strafe, wie er anfangs empfand, weshalb er nie ein Wort darüber verlor. Der Täter blieb ein Phantom. Der Bruchteil einer Sekunde hatte für Karl nicht ausgereicht, sich sein Gesicht zu merken, aber seine Stimme, die hatte sich eingebrannt in sein Hirn, kurz bevor der auf ihn mit einem Weizenglas einschlug wie mit einem Hammer, zweimal, sodass die Ärzte Mühe hatten, Karl das Leben zu retten. Diese Stimme würde er unter tausenden heraushören, auch wenn sie nur diesen einen Satz gesagt hatte: »Bleib stehen, du Sau!«

Wie über ein Reibeisen gingen diese Worte, als ob der Kehlkopf die Töne nicht bildete, sondern er wetzte sie ab stattdessen, ja fräste sie hohl, sodass nur noch ein trockenes Krächzen übrig blieb, bei dem Karl wohl auch ohne die Schläge den Geschmack von Blut im Mund gehabt hätte. Aber so sprudelte es aus seinem Kopf in den Schnee, suppte durch den Verband und verklumpte nach und nach entlang der Fäden zu einer Art Wünschelrute, die nun bei jedem Wetterumbruch zuverlässig ausschlägt.

»Barometer-Karl! Ein Doppelname für den Schmied seines Glücks!« So hat Albert ihn, ein paar Wochen nachdem er aus dem Spital entlassen worden war, getauft, indem er Karl mit etwas Weißwein besprengte und ihm einen Zeitungsartikel hinhielt: »Grausige Tat im Obdachlosenmilieu erschüttert München zur Vorweihnachtszeit!« Die Taufe musste sein, sagte Albert, da Karl immer gejammert hatte, wenn ein neues Tief sich bildete und große Luftmassen sich wälzten, hoch über ihren Köpfen. »Das ist eine Gabe«, sagte Albert, »du musst akzeptieren, wer du jetzt bist.« Seitdem weiß Karl schon lange vorher, was erst noch passieren wird: Dem zieht’s und pumpert’s im Gesicht, wenn sich der Druck ändert. Zumindest war es früher der Fall. Doch nun ist der Himmel über der Stadt schon seit zwei Monaten endlos blau. Da kann er massieren, wie er will.

Dann, ohne Vorwarnung, geht im Schaufenster das Licht an. Als hätte man ihn ertappt, zuckt er zurück. Er versucht, die Augen scharf zu stellen, aber kann nichts erkennen hinter dem Glas. Das Licht geht wieder aus. Ohne Grund.

Einem ersten Impuls folgend beginnt er zu laufen, obwohl es schmerzt, links an den Zehen und in den Knien, weil die Flaschen in der Tüte dagegenschlagen und er es nicht mehr gewohnt ist, besonders nicht mit dieser Unwucht von Rucksack auf dem Rücken, die verzögert seinen Bewegungen folgt. Seine Arme rudern, doch er gibt nicht nach. Er beißt die Zähne zusammen, bis zur nächsten Ecke ist er unaufhaltsam.

Das war ein Schuss vor den Bug. Er hat da ja beinahe Wurzeln geschlagen und die Leute wollen nicht, dass ein Penner vor ihrem Schaufenster herumlungert. Noch dazu, wenn er hineinstarrt, ohne Grund. Womöglich stand der Fotograf schon minutenlang hinter der Scheibe und hat überlegt, wie er dich am besten loswird. Licht ein, Licht aus. Und du tust ihm noch den Gefallen, läufst weg wie ein aufgescheuchtes Insekt. Du kannst dort stehen bleiben, Karl. Die Straße gehört dir.

Stoßweises Keuchen, das vom Grund seiner Lunge aufsteigt und sich wie die Flügelschläge eines Schmetterlings in der Luft verliert. Es brennt im Hals. Er hustet alles Feuchte in seinem Rachen zusammen und spuckt aus, während drüben die von der Straßenreinigung die Mülleimer abfahren. Sie tragen professionelle Signalwesten in Orange und dazu Handschuhe. Der Wagen hält, zwei Männer schwärmen aus, es geht alles wie am Fließband und zeigt Karl an, dass hier nicht mehr viel zu holen ist.

Die Rolltreppe hinab zur U-Bahn läuft an, als Karl auf das Metall tritt. Auf ihrer Seitenverkleidung steht mit dickem schwarzem Stift zunächst ein unleserliches Gekritzel, dann »make love not business«. Daneben ein Paar Eier mit Schwanz, bis auf die Striche für Eichel und Loch in einem Schwung durchgezogen. Und während Karl zwei Aufkleber auf dem schwarzen Gummiband des Handlaufs liest – »Gegen den modernen Fußball!« »ChAos verbreiten!« –, schießt es ihm durch den Kopf, dass er beim Fotografen gerade ein Verlustgeschäft eingefahren hat: Zwei Flaschen Bier für je acht Cent gegen seine Dose zu fünfundzwanzig Cent das teure Stück getauscht, vollkommen hirnlos, vollkommen ohne Not! Er dreht sich um und fährt nun rückwärts nach unten. Ein kurzes Abwägen, aber es ist ihm die Mühe nicht wert. Sollen doch die Straßenkehrer damit glücklich werden.

In acht, nein sieben Minuten kommt die U-Bahn. Zeit genug eigentlich für eine Bilanzkorrektur, aber Karl hat keine Lust mehr auf »die da oben«, denkt er und muss grinsen. Lieber hier unten seine Ruhe haben, als sich oben womöglich anpöbeln lassen. Erst letzte Woche gab es Streit um eine Dose Energy mit einem Rentner, dem es jetzt vermutlich nasser reingeht, als er sich das je hätte ausmalen können. Der ging das Pfandsammeln deshalb generalstabsmäßig an, mit Rad und Anhänger samt Greifarm für die tiefen Container. Und da spiele es keine Rolle, wer näher dran war, denn er habe sie ganz klar als Erster gesehen. Karl blieb die Spucke weg. Seine Kaumuskulatur war nicht so geölt wie die seines Kontrahenten. Und während Karl noch an einer Verteidigungsstrategie laborierte à la »Wer zuerst kommt …«, schaffte der Typ mit seinem noch agilen Rentnerrücken vollendete Tatsachen und korrigierte mit dieser Geste Karls noch unausgesprochene Sentenz zu »Wer zuerst sich bückt!« Karls Spucke kam nicht wieder, auch nicht, als der Typ im Gehen noch abfällige Vermutungen darüber anstellte, wofür Karl das Geld wohl verpulvert hätte.

Tss, diese Nochzuhauseschläfer! Kennen keine Grenzen.

Immer noch drei Minuten und Karls Magen rumort schon. Er geht bis ans Ende vom Gleis, weil er nicht mit den Leuten warten will, die jetzt die Treppe herunterkommen.

Auf dem Werbebildschirm erscheint eine lachende Madonna, die ihr neues Album präsentiert. Alt ist sie geworden, denkt Karl, der ihr Gesicht vom Gleisende her ein wenig verzerrt wahrnimmt. Er meint, früher ein Magazin besessen zu haben, in dem er sie nackt gesehen hat. Nur Schuhe hatte sie an und ging rauchend, voller Anmut, eine Straße entlang, rechts Wüstensand, links vorbeifahrende Autos, aber vielleicht täuscht er sich auch. Es folgen Promi-News, ein roter Teppich, Blitzlichtgewitter, aber den Text kann er nicht mehr lesen, denn der Bildschirm wird schwarz.

U-Bahn fährt ein.

Die Luft, die der Zug im Tunnel wie ein Pflug den Schnee vor sich herschiebt, fährt durch Karls Haare. Er genießt das immer. An solch heißen Tagen ist ein Bahnsteig unter der Erde ein guter Rückzugsort, und wenn man nicht einsteigt, fahren die U-Bahnen im Fünf-Minuten-Takt an einem vorbei wie die Rotorblätter eines riesenhaften Ventilators.

Er hofft, dass der letzte Wagen nicht ganz so voll ist, aber zum Bahnhof sind es nur ein paar Stationen. Zur Not kann er die auch stehen, obwohl er sich wegen seines Rucksacks immer etwas nach vorne beugen muss. Am Bahnhof will er sich dann einen Klaren kaufen für später, denn auch dieser Tag hat vierundzwanzig Stunden. Und dann schnurstracks zum Ehemaligentreffen ins Bonifaz und endlich was Festes zwischen die Kiemen kriegen.

Die Tür geht auf und fast alle Plätze sind besetzt. Ganz hinten wäre noch einer frei, aber das hieße, er müsste sich durchzwängen, aufpassen, dass er niemandem auf die Füße tritt. Das lohnt nicht. Außerdem machen eh alle etwas Platz. Schau, man drängt sich für dich bis in den Gang hinein.

»Zurückbleiben, bitte! Die Türen schließen.«

Und während sich die Bahn nun wieder in Bewegung setzt und er überlegt, was er aus der Kleiderkammer alles braucht – eine neue Hose vielleicht, Socken wären gut und Schuhe und Unterhose sowieso –, geschieht ein kleines Wunder mit Karl: Die Trägheit, diese Schicksalsgöttin, hat noch was gutzumachen bei ihm. Sie fährt wie ein Ruck durch ihn und alle anderen, die ihren sicher geglaubten Stand verlieren und nun versuchen, sich festzuhalten. Doch ihm, und nur ihm, der gebückt steht, greift sie unter die Arme und richtet ihn ganz und gar auf, so als ob keinerlei Last auf seinen Schultern läge. Er kippt nicht um. Es geschieht alles im richtigen Maß. Bombenfest und aufrecht steht er da, während die Bahn im Tunnel langsam ihre Höchstgeschwindigkeit erreicht.

31,58 ₼
Yaş həddi:
0+
Həcm:
421 səh. 3 illustrasiyalar
ISBN:
9783955102357
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
Yükləmə formatı:

Oxşar kitablar