Kitabı oxu: «SCHWARZ»
Markus Schweitzer
SCHWARZ
Isar-Kilometer 148
Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis
Titel
1 Wohlfühlschwarz
2 Leuchtendes Schwarz
3 Schwarzer Schleier
4 Schwarze Glut
5 Gelbschwarz
6 Schwarzer Strudel
7 Feuchtklebriges Schwarz
8 Elastisches Schwarz
9 Schwarzer Tunnel
10 Sumpfiges Schwarz
11 Samtiges Mattschwarz
12 Glitterndes Schwarz
13 Schwarz auf Schwarz
14 Tiefschwarz
Epilog 1 – Absorbierendweiße Kälte
Epilog 2 – Farbige Schwärze
Nachwort
Impressum neobooks
1 Wohlfühlschwarz
Schwarz. Schwarz ist Schwarz. Ist Teil dieser Welt. Keine Welt ohne Schwarz. Es ist der Gegenpol zum Licht. Schwarz gibt dem Leben Tiefe, Fülle, Abgründe. Die Augen gewöhnen sich an das Dunkel und das Schwarz lässt das Licht leuchten. Das Schwarz ist die Basis, der Hintergrund, das umgebende Universum, vor dem sich alles andere präsentiert und behaupten muss. Schwarz inszeniert. Das andere, nicht sich selbst. Das Schwarz ist bescheiden, es verstärkt das andere, es ist ein Multiplikator. Das macht das Schwarz auch gefährlich. Selbst überlassen breitet es sich aus, besetzt, füllt, vereinnahmt jeden freien Raum. Wie in einem Vakuum schwillt es an. Je größer es wird, desto intensiver verstärkt es das andere. Bis es das andere absorbiert, frisst, schwärzt. Das Schwarz braucht das andere nicht, aber toleriert es, lässt es zu. Das andere hingegen braucht das Schwarz. Um zu leuchten, zu glänzen, hervorzustechen, präsent zu sein. Die Schönheit des Schwarz‘ liegt außerhalb. Im anderen. Die Schönheit des anderen überträgt sich auf das Schwarz. Überzieht es mit Glanz, hüllt es in einen reflektierenden Nebel ein. Das Schwarz ist neutral.
Schwarz. Schwarz ist immer vorhanden, wird immer mitgedacht, beeinflusst alles, auch in seiner scheinbaren Abwesenheit. Es ist nicht möglich das Schwarz an sich, das Schwarz als Konzept zu entfernen ohne auch das Weiß zu eliminieren. Schwarz ist eine reale Illusion. Ein Konstrukt aus Materialeigenschaft und Licht. Ein menschliches Konstrukt, ein Konstrukt menschlicher Wahrnehmung. Schwarz ist, was als Schwarz wahrgenommen wird. Schwarz ist, was Schwarz bedeuten soll. Schwarz bedeutet, was Schwarz als Bedeutung injiziert wird. Es reflektiert die Bedeutung seines Kontexts. Des Kontexts eines Individuums. So wird das neutrale Schwarz zu einem parteiischen, individuellen, subjektiven Schwarzkonstrukt. Das niemand anders in voller Tiefe verstehen kann als man selbst. Es ist eine Illusion, die nur im Individuum real wird. Eine Illusion, die grundlegend für die Innen- und Außenwahrnehmung eines Individuums ist. Schwarz ist eine subjektive Illusion, die als objektiv gilt, als objektiv kommuniziert wird. Neutral bis es mit Bedeutung aufgeladen wird. Schwarz ist negativ. Schwarz ist positiv. Schwarz ist neutral. Schwarz ist subjektiv.
Schwarz. Schwarz ist vielfältig, bunt. Es ist facettenreich. Schwarz ist subjektiv und kontextabhängig. Ob eine Fläche schwarz, grau, im Schatten liegend farbig oder sogar weiß ist, basiert auf einer subjektiven Bewertung. Schwarz ist nur ein Eindruck, als mentales Konstrukt ist es vergänglich. Schwarz ist eine Frage der gemachten Erfahrungen, des Lichts, der Umgebung, der Stimmung. Ist eine weiße Wand im Dunkeln betrachtet weiß oder schwarz? Kontextlos betrachtet ist sie schwarz, bestenfalls grau. Kontextbezogen betrachtet ist sie vielleicht weiß. Schwarz oder weiß, schwarz oder farbig ist eine Frage des individuellen Kontexts und der Perspektive. Einer immer individuell geprägten Perspektive. Sie ist vom Gefühl, vom Wohlbefinden jedes einzelnen Betrachters beeinflusst. Schwarz hat zunächst keine wertende Bedeutung. Schwarz bedeutet nicht unbedingt gleich düster, dunkel, finster. Häufig ist Schwarz positiv besetzt, ein klares Statement, eine bewusste Entscheidung, ein Gestaltungsmittel. Diese Bewertung beruht nicht auf objektiv darstellbaren, realen Kriterien und ist doch subjektive Realität. Schwarz ist daher so vielfältig wie die Menschheit. Jeder Mensch hat sein eigenes Schwarz, geht auf eigene Art und Weise mit seinem Schwarz um. Entwickelt es weiter, macht es farbig oder entfärbt es. Schwarz ist kein Zustand, es ist ein Prozess. Schwarz bedeutet nicht statischer Stillstand, sondern dynamische Bewegung. Schwarz an sich ist neutral, die Zuweisung von Attributen, das Empfinden in der realen Situation hingegen ist subjektiv konnotiert. Schwarz ist bunt.
Schwarz. Schwarz kann sich verändern, kann aktiv verändert werden. Schwarz kann die Seele fressen, es kann sich explosiv ausbreiten und alles Farbige überdecken. Es kann Momente der Unachtsamkeit, der fehlenden Selbstdisziplin ausnutzen, um sich in allen noch so kleinen Poren und Ritzen festzusetzen. Es kann alles andere verdrängen. Das Laufen hält das Schwarz in Schach, verwandelt das Schwarz, gibt ihm eine positive Konnotation zurück. Das Laufen bedeutet Disziplin, es hat selbst eine schwarze Seite, die das Laufen erst ermöglicht. Das Laufen reicht dem Schwarz die Hand zu einer produktiven Koexistenz. Es will das Schwarz nicht verdrängen, vernichten, es will das Schwarz nutzen und integrieren. Das Laufen nutzt die schwarze Energie, die schwarze Kraft, die schwarze Unerbittlichkeit und bringt die schwarze Schönheit zum Vorschein. Das Schwarz und das Laufen bilden eine fragile, ständig neu auszutarierende Balance. Sie wird ständig neu verhandelt. Jeder Lauf eine Verhandlung an deren Ende ein neues Kräfteverhältnis steht. Jedes Vordringen des Schwarz eine Aufforderung neu zu verhandeln. Eine Verhandlung ist jederzeit möglich, das Schwarz stellt sich jeder Aufforderung, jeder Herausforderung. Das Schwarz ist neutral, ohne Willen, ohne Hintergedanken, ohne Präferenzen. Schwarz ist veränderbar.
Schwarz. Schwarz ist ein kontrastierendes Element. Schwarz ist der maximale Kontrast zu Weiß. Weiß der maximale Kontrast zu Schwarz. Dabei lässt ein unendlich tiefes, unendlich dicht komprimiertes, undurchdringliches Schwarz keinen Kontrast zu. Ein solches Schwarz kennt keinen Kontrast. Wenn die Farben aus der Wahrnehmungswelt verschwinden, spricht man von dem Wahrgenommenen als etwas in Schwarz-Weiß. Wie ein Schwarz-Weiß-Foto. Schwarz-Weiß-Kontrast. Blickschärfendes Schwarz. Hervorhebung durch Reduktion. Verstehen durch Entfremdung. Grau beschreibt diese Wahrnehmung jedoch meistens treffender. Ein Zustand, eine Situation in Graustufen. Ein fließender Übergang ohne Farben, ohne Farbinformation. Weich. Ein Schwarz-Weiß hingegen ist sehr hart. Ohne Grautöne ohne Zwischentöne, extrem, hart, kantig. Zuspitzend, betonend und fordernd. Einen harten Gegenpol bildend. Feinheiten, Details egalisierend. Es bedeutet das komplette Ausblenden von Zwischenstufen, Zwischentönen, von allem Weichen, allem Vagen. Es ist kompromisslos. Verschwinden zusätzlich zu den Zwischentönen noch die Strukturen und Konturen, ist Schwarz wirklich schwarz. Tiefe gebendes Schwarz. Undurchdringliches Schwarz. Aber Schwarz muss nicht so kompromisslos hart sein. Schwarz kann Textur haben. Es kann samtig und weich sein. Es kann rau und porös daherkommen. Oder eben hart und glatt. Im Kontrast neutral. Kontrastierendes Schwarz.
Isar-Verlauf
Er mag das Schwarz. Er mag das Laufen. Beides gehört für ihn zusammen. Beim Laufen tariert sich die Balance zwischen beidem in ihm aus. Das Schwarz in seinem Inneren ist nach dem Laufen ein anderes als davor. Jeder Schritt eine Veränderung des Schwarz. Jeder Meter ein Stück Weg zum schwarzen Gleichgewicht. Er läuft im Schwarz, mit dem Schwarz, für das Schwarz, gegen das Schwarz. Schritt für Schritt eine Neudefinition seines eigenen, individuellen, subjektiven Schwarz. Jeder Lauf ist eine Neuverhandlung des Schwarzanteils in ihm und um ihn herum. Er läuft um zu neutralisieren. Das Schwarz zu neutralisieren.
Die Isar ist sein ständiger Begleiter. Sie ist immer da, nie gleich, jedes Mal neu. Mal ruhig und sanft, mal rau und wild, aber immer unterschwellig gefährlich. In ihrem Verlauf vom Ursprung bis zur Mündung verändert sie sich. Meter für Meter, Kilometer für Kilometer wird sie erwachsener, verliert ihren wilden Charakter, der in gezähmte Konformität übergeht. Steinig rau, grünlich bemoost, einem Rinnsal ähnelnd, tröpfelt sie die ersten Meter durch das Erdreich. Verwandelt sich schnell in einen klaren verwunschenen Bach, rundherum mit grünem Moos bewachsen, schwarz verwittert, leicht zu überspringen, ohne bemerkenswerte Tiefe. Eingeschlossen im Karwendelgebirge, sich einen Weg grabend, schnell breiter werdend. Klares Wasser, von den Seiten kommend, lässt sie schneller fließen, gibt Breite und Tiefe, sprudelt über Gesteinsbrocken und Kiesel hinweg, unter als improvisierte schmale Brücken dienenden Baumstämmen und Brettern hindurch. Sucht sich ständig sich verändernde Wege durch riesige Kiesflächen, säuselt an den Rändern der im Kiesbett mäandernden Rinnsale. Vorbei an Nadelbäumen, natürlichen, grauen Schutthalden, Endmoränen und grünen Wiesenflächen, sich immer breiter verteilend durch tiefe Schluchten. Transparentes Wasser wird auf weiß scheinenden hellgrauen Kieseln zu einem durchdringenden Türkis, funkelnd, glitzernd sich endlos bewegend. Sich massegewinnend schlängelnd, immer lauter rauschend. Um dann, jetzt noch nur wenige Kilometer alt, ein erstes Mal ausbeutend gebändigt zu werden.
Flach noch breitet sie sich dann in der Ebene zwischen den Bergen im weit erscheinenden Kiesbett aus, das türkisfarbene Wasser sich in einer Hauptrinne bündelnd, am Rande des Kiesbetts mal kleinere, mal größere Bäume, Tannen, Latschenkiefern, mal eine Straße, ein Weg oder ein Trampelpfad, mal steil aufsteigende Hänge. Auch das Ufer mal flach, dann wieder höher mit harten Abbruchkanten, unterspült teilweise, den Querschnitt der Landschaft freilegend, offenbarend und präsentierend. Büsche ragen in das Wasser, Zweige, Äste, Bäume vereinnahmen den Raum über der fluiden Wasseroberfläche. Hier und da Kiesbänke zwischen den flachen Wasseradern. Am Ufer teils Zaunpfosten, ohne Verspannung, durchlässig eine Abgrenzung markierend. Unter der transparent türkisfarbenen, sich kräuselnden Wasseroberfläche erscheinen Steine und Kiesel wie unter der Lupe, Bewegung vortäuschend. Nahezu unbemerkt überschreitet das Wasser die Ländergrenze zwischen Österreich und Deutschland. Unbeeindruckt macht die Natur keinen Unterschied zwischen den Ländern. Wie reingeworfen bilden Felsbrocken, aus der Wasseroberfläche stechend, eine mal mehr, mal weniger durchlässige Sperre im Fluss. Mal vereinzelt, mal in der Gruppe entwickeln die Felsbrocken ein Eigenleben im rauschenden Wasser und reflektierenden, wechselhaften Sonnenlicht. Treibholz türmt sich auf Kiesbänken und im kurvigen Uferbereich mit fast vergessenen, versteckten Ecken.
Dann, fast unvermittelt gehen die großzügigen, freien Uferbereiche in befestigte, gezähmte, den Fluss zügelnde, kanalisierende Ufer über. Sie zwängen das Wasser in eine definierte Breite. Ordnen es der menschlichen Zivilisation unter, sperren streckenweise den Menschen aus. Der Fluss wird industrialisiert, ausgebeutet. Dann, einer kurzen Erholung gleich, wird die Landschaft wieder weiter, das Kiesbrett breiter, die Ufer deregulierter. Auf den teils höher gelegenen Ufern zeugen die Buckelwiesen von zahllosen kleinen Moränen aus der Würmeiszeit. Auen tun sich auf, um dann genauso unvermittelt wieder zu verschwinden. Deichen platzmachend. Milchigtürkis mäandert das Wasser im wieder breiter werdenden Kiesbett zwischen Sand- und Kiesbänken dahin. Weite Auen, spärlich grasbewachsen, abwechselnd mit grünen Wiesen, Büschen und Sträuchern. Seitlich einmündende Bäche und Rinnsale, während sich das türkisfarbene Wasser durch Nadelholz bewaldete Hügel schlängelt. Plötzlich sich zu einer Art See weitend. Um dann, Wahrzeichen seiner Industrialisierung, in den Sylvensteinspeicher zu münden. Gelblich lehmige Uferbereiche, teils mit Büschen und Gras bewachsen, rahmen das petrolgrüne Wasser des künstlichen Sees, rundum eingeschlossen von Bergen. Die Landschaft spiegelnd erstreckt sich die weite Wasserfläche dahin. Gelbgrüne Wiesen, kontrastierend zum Türkis und Petrol des Sees. Schlammmarken markieren verschiedene Wasserstände, offenbaren den niedrigen Wasserstand. Freigelegte Baumstümpfe gefällter Bäume, morbide aus dem schlammigbraunen, flachen Wasser im Uferbereich ragend. Bräunlichgelbe Flecken aus Blütenstaub auf der Wasseroberfläche treibend. Tier-, Vogelspuren im Schlick. Feuerstellen vergangener Lagerfeuer an trockenen Sommerabenden. Dümpelnde, grün beplante Boote am Ufer. Die kaltgrüne Oberfläche des Speichersees zieht sich lang dahin, um dann tief unten, einer künstlich erzeugten, parasitären Astgabel gleichend, den Fluss wieder freizugeben.
Das Wasser wieder freier fließend, das Flussbett weitend. Zögerlich erst, dann zu größerem Selbstbewusstsein zurückkehrend. Das Wasser fließt wieder türkisfarben über weiße, wo vom Uferwasser nur leicht benetzt bräunlichgelbe Kiesel, zur Flussmitte hin mit steigender Wassertiefe immer intensiver gefärbt bis hin zu einem Dunkeltürkis. Treibholz am Rand, morsche, verwitterte Baumstämme im Kiesbett liegend. Das Wasser, Sträucher umspülend, vom Kiesbett Besitz ergreifend. Dann wieder eingezwängt zwischen baumbestandenen, definierten Ufern, tiefer nun, smaragdgrün durchgefärbt, die weißen Kiesel verdeckend. Um sich bald darauf wieder auszuweiten. Der Fluss schlängelt sich durch die Landschaft, die Berge immer weiter zurückrückend, sich mal einseitig, mal beidseitig mehrere Meter tief in die weißbraunen, oben bewachsenen Kiesufer eingrabend. Vorbei an Stauwehren. Die Ufer mal steppengleich, mal bewaldet, mal riesige Kiesflächen und -bänke. Immer im Wechsel von eng geführter Zähmung und ungezähmter Ausbreitung, von kurzzeitiger Stauung und freifließendem Gewässer.
Das Wasser allmählich wechselnd von Türkis zu Hellbräunlich, das Flussbett veralgend, Schlick ablagernd, die Kiesel teilweise bemoost, von Algen umwickelt. Abschnittsweise fast wieder so klar wie an der Quelle. Streckenweise sich aufteilend in einen Kanal und den Fluss, nebeneinanderher fließend, dem Fluss Energie und Wasser raubend. Richtung München, durch München hindurch, an München vorbei. Um München herum von zahlreicher werdenden Brücken überspannt. Vorbei an und begleitet von erholungsuchenden Großstädtern. Eine grüne, wenn auch künstliche, Ursprünglichkeit vortäuschende Schneise durch die Zivilisation grabend. Fast durchgehend eingedeicht jetzt, fast unmerklich, unaufdringlich noch.
Hinter der Stadt die Deiche in immer größerer Brutalität, aufdringlich, rücksichtslos, je näher die noch entfernte Mündung rückt. Säumende Wälder mit immer älter werdenden Bäumen, morsch, brüchig, verwachsen, verwunschen, bemoost. Durch aufgebrochene Erdschichten drängen untere Gesteinsschichten im Flussbett nach oben. Nagelfluh, von früherer maritimer Vergangenheit berichtend, erscheint wie im Fluss planlos ausgeschütteter Beton. Knallgrün leuchtet das fast phosphoreszierende Moos im Unterholz, während das kanalisierte Wasser immer dunkler, brauner, älter wird. Die Frische des Ursprungs fast vergessen, die Berge nur noch eine vage Ahnung. Felder und Wiesen als neuer Rahmen. Trotzdem noch anmutig, teilweise wild, das Wasser noch klar. Vorbei an zahlreichen Wehren, durch flache Landschaft jetzt, Schilf und Gras am Ufer, weniger werdende Kiesstrände, kleinere Kiesbänke, die meisten großflächig bewachsen.
Auf dem letzten Viertel wechseln sich große Stauseen mit kanalisierten Abschnitten ab. Jahrelang vergessene Boote verrotten im Schatten von Isar 1 am Rand des Stausees, verschmutzt, bemoost, von Blättern bedeckt, teils gesunken. Endzeitstimmung angesichts der nahenden Mündung. Die Wassermassen der Stauseen von hohen Deichen gezähmt, sich aus der Landschaft erhebend. Zwischen den Stauseen sich lang erstreckende Deiche, gen Mündung die Wälder hinter den Deichen abtrennend, die unterhalb der Deiche ein eigenes Leben führen. Zum Wasser hin hohes Gras, Schilf, Pflanzen. In der Sommerhitze drückende Schwüle verbreitend. Zum Schluss hin bis zur Mündung befestigte Ufer. Das Wasser der Isar sich unspektakulär, fast scheu mit der Donau verbindend. Der Fluss, nach vorübergehender Breite, hier in einem nahezu schmalen Bett fließend. Braun, dunkel, verblüht, erschöpft. Sich auflösend.
Schwarzglänzend
Schwarze Nässe. Feuchtglänzend erstreckt sich das frische Schwarz des ausgehenden Winters und des bald kommenden Frühlings. Vollgesogen mit Schmelzwasser und Regen die vermodernde Basis des Neuen bildend. Grobkörniger schwarzer Dreck. Feingranular flüssiger, schwarzer Schlamm. Plattgedrückt schwarz verfaulendes Grün. In den Augen brennend, an den Füssen klebend. Sich verspritzend überall verteilendes, flüchtiges Schwarz. Schwer, feucht, erdig riechend. Gehaltvolles, nahrhaftes Schwarz. Klammer Schatten des Winters, schmieriger Vorbote des aufkeimenden Frühlings. Schwarzdurchnässte, sich ausbreitende Feuchte.
Er läuft erwartungsvoll auf die Isar zu. Gespannt, wie sie sich heute darstellen wird. Es ist morgens, die Luft frisch, die Sonne gerade hinter den Wolken aufgetaucht. Das Schwarz der Nacht gerade verblasst. So früh sind noch nicht ganz so viele Leute unterwegs. Die Isar und die Stadt wachen gerade auf, während er schon munter ist. Er schaut nach links auf die Isar, läuft rechts der Isar in Richtung der weit entfernten Donaumündung. Sieht das Wasser, die ersten Enten, die sich noch müde mit dem Wasser treiben lassen. Sieht, wie die Sonnenstrahlen die letzten noch verbliebenen Herbstblätter bunt erleuchten. Sieht die noch nicht abgetrocknete Morgenfeuchtigkeit auf den immergrünen Blättern und den Grashalmen. Er läuft ohne auf den Weg zu achten, den Blick von links nach rechts und wieder zurück schweifen lassend. Läuft an einer Staustufe vorbei und hört das erst lauter und dann mit zunehmender Entfernung wieder leiser werdende Rauschen des Wassers, das über die Stufe weiß schäumend nach unten stürzt und, eine kleine Walze bildend, sich wieder glättend weiterströmt. Er läuft an einigen wenigen anderen Joggern vorbei. Bekannte Gesichter, unbekannte Personen. Er spürt den vom gestrigen Regen aufgeweichten samtigen Boden unter den Füssen. Überspringt kleine Pfützen. Weicht Fliegen und anderen umherschwirrenden Insekten aus, versucht die zwitschernden Vögel zu erspähen. Läuft vom baumbestandenen Weg ins Freie, über eine Brücke. Spürt die Wärme der aufsteigenden Sonne, sieht über die freie Wasserfläche zurück. Sieht die frischen Nagespuren eines Bibers an einem mittlerweile rechtwinklig umgeknickt in der Isar liegenden Baumstamm. Die hellen frischen Späne am Boden.
Er läuft rechts abbiegend weiter. An alten ausgehöhlten, von Insekten durchbohrten, zersetzten, fast schon zu Staub zerfallenden Baumstämmen vorbei. An Brücken vorbei, unter Brücken hindurch. In und um München herum ist die Brückendichte über die Isar hoch. Während sonst etliche Kilometer lang keine Brücke den Wechsel auf die andere Isarseite erlaubt, überspannt hier mindestens alle paar hundert Meter eine Brücke den Fluss. Verbindet beide Seiten zu einer Einheit. Macht den Fluss auch von der Wassermitte aus erlebbar. Bietet einen Blick aus der Vogelperspektive auf die Wasseroberfläche hinab. Er läuft vorbei an Feldern, über kleine Seitenkanäle und Bäche. Erfreut sich an der durch für Strommasten geschlagene Schneisen scheinenden Sonne. Läuft nun fast direkt auf die Sonne zu. Der Weg an der Isar größtenteils flach steigt mal auf mehrere Meter über dem Wasserspiegel an, um dann wieder fast auf dasselbe Niveau mit dem Wasserspiegel hinabzuführen. Führt mal direkt am Wasser lang, um dann von Bäumen und Büschen, mal auch durch eine Wiese oder eine größere Baumgruppe vom Wasser getrennt zu werden. Hat schattig kühle und sonnig schwüle Passagen. Irgendwann kehrt er um, läuft an den nun mehr werdenden anderen Joggern, Radfahrern und Fußgängern vorbei. Sieht die Isar nun aus der anderen Perspektive. Fühlt sich locker und leicht. Spürt keine Anstrengung. Erfreut sich an der wärmer werdenden Luft und einer nun aufkommenden leichten Brise. Läuft nun mit der Sonne im Rücken in den Morgen hinein, in einen neuen Arbeitstag. Aus der beruhigenden, gefühlt unberührten Natur in die umtriebige Stadt hinein. Mit neu gesammelter Energie und Motivation. Ausgepowert und doch energiegeladen.
2 Leuchtendes Schwarz
Ein leuchtendes Schwarz. Heterogen durch ein glimmerndes Leuchten. Aus dem Inneren kommend. Ein vielfältiges, unterschiedliches Schwarz. Pulsierend, changierend. Ein strahlendes Schwarz. Uneben, reflektierend. Leuchtend. Es betont die Farben, ist ihr Verbündeter, ihr Mentor, drängt sich nicht in den Vordergrund. Es ist einfach da. Ist die Bühne für die Unterschiedlichkeit. Es bringt die Individualität, die individuellen Stärken und Schwächen, die ganz privaten Emotionen zum Leuchten. Immer anders, immer neu. Ein niemals gleiches, schwarzes Leuchten.
Isar-Frühling
Blattlose Sträucher, Büsche, Bäume säumen Knospen sprießend die Ufer, das breite Kiesbett. Graubraune Grasflächen beginnen sich wieder einzufärben. Weitgehend ungehindert erreichen die noch kalten Sonnenstrahlen das Wasser, bevor später die die Zweige neu bedeckenden Blätter, einen Großteil der Sonne einfangend, als Farbfilter dienend die Flusslandschaft in warmen Tönen erscheinen lassen. Schmelzwasser spült aufgewühlte Erde, weggeschwemmten Lehm, ausgewaschene Kiesel, entwurzelte Bäume in einem reißenden Strom durch das sich rasch füllende Kiesbett. Regen lässt die Wassermassen anschwellen und erfüllt die den Fluss umgebende Landschaft mit einem intensiv erdigen, schlammigen Geruch. Das Wasser rauscht mit hoher Geschwindigkeit durch das Kiesbett. Gelblichbraun erst, dann karamellbraun bis hin zu dunkelgrünbraun.
Das Wasser überschwemmt angrenzende Auen, Wege, Straßen. Panische Ratten retten sich quietschend auf Ufermauern und erhöht liegende Steine. Braunes Wasser quillt aus Gullischächten. Zurück bleiben auf Kiesbänken und in Flusskurven gestrandete Bäume und Äste, schlammüberzogene Wiesen, deren Grashalme in Strömungsrichtung ausgerichtet, plattgedrückt am Boden liegend, sich langsam wieder erholen. Unterspülte Wege, angefressene Ufer. Würziger Geruch der allmählich blühenden Pflanzen legt sich über die Flusslandschaft, der Fluss immer undurchlässiger eingerahmt und abgeschottet von mit dichtem Laub bedeckten Pflanzen und Bäumen, von hochwachsendem Gras und schilfbedeckten Ufern. Immer bunter werden die bewachsenen Uferbereiche, das Wasser erscheint in einem stetig intensiver werdenden Türkis, die Sonne leuchtet die noch schüchterne Szenerie aus. Regenschauer lassen die Farben leuchten, die Pflanzen glänzen. Weichen die Erde zu einer matschigen Fläche werdend auf. Trocknend durchzogen von Spuren und Rillen, ein braunes Relief hinterlassend. Gefüllt mit Regenwasser.
Sonne wechselt sich mit Regenschauern ab, in der Mittagshitze Schwüle verbreitend, in den noch kühlen Abendstunden angenehme Frische anbietend. Die Landschaft vom Winter kommend erst noch kahl und braun, sich zum Sommer hinbewegend immer intensiver grün und leuchtend bunt gefärbt. Die Kiesbänke in der Isar färben sich, durch die sprießenden Pflanzen einen grünen Schimmer bekommend, von hellgrauweiß langsam farbig ein. Die vormals ungehinderte, freie Sicht immer mehr einschränkend. Regen weicht zunehmend Sonnenschein, durch die Blätter dringend helle Sonnenstreifen werfend, Muster an Bäumen und am Boden bildend. Lauter werdende Geräusche der Fauna bilden einen akustischen Hintergrund zu den visuellen, sich verstärkenden Reizen. Ein sich bewegendes Rascheln, ein zwitschernder Schatten, ein weißer, sich spritzend ins Wasser tauchender Schwanenhals.
Schwarzfröhlich
Schwarz ist eine Melange. Bestehend aus diversen, sich abwechselnd in den Vordergrund schiebenden Bestandteilen. Mit verschiedenen Texturen, haptisch. Rau, geriffelt, körnig, piksend, glatt. Es überrascht, ist spannend, fühlt sich abwechslungsreich an, sieht vollkommen unterschiedlich aus, schmeckt niemals gleich. Definiert sich ständig neu. Neue Mischung, neue Bestandteile, neue Struktur. Heterogenes Schwarz.
Das dauergraue Wetter hat sich verzogen. Die Sonne scheint bei blauem Himmel. Die Bäume und Büsche an den Isarufern sind noch kahl, im Unterholz liegt noch eine dünne weiße Schneeschicht. Es zieht ihn raus an die Isar. Er läuft locker. Auf den noch gefrorenen Wegen. Von der Sonne geschmolzenes Wasser überzieht das die Wege bedeckende Eis mit einer dünnen Wasserschicht. Dazwischen überall Pfützen, noch relativ klar, weil der Boden noch gefroren ist. Nur die oberste Erdschicht beginnt zu tauen, wird unter den Füßen und Fahrradreifen weich. Es macht ihm nichts aus durch das Schmelzwasser zu laufen, über den angetauten Boden. Bei jedem Schritt das Wasser aufwirbelnd. Das Wasser durchweicht kalt die Schuhe, spritzt an den Beinen hoch. Er läuft. Bei jedem Schritt automatisch, fast mechanisch aufpassend den Fuß so aufzusetzen, dass er nicht auf der wasserbedeckten Eisschicht wegrutscht.
Er genießt die frische, noch kühle Luft, die schon wärmenden Sonnenstrahlen. Die Isar, noch eiskalt, rauscht türkisfarben neben dem Weg dahin. Die leichten Wellen und die kleinen im Gestrüpp am Flussrand festgefrorenen Eisklumpen glitzern im Sonnenlicht. Er läuft, spürt die wechselnde Konsistenz des Bodens. Umläuft Eisplatten, weicht tieferen Pfützen aus, läuft teilweise auf dem noch schneebedeckten Grasstreifen am Rand des Weges. Läuft an fröhlichen zu warm oder zu kalt, nie richtig gekleideten Menschen vorbei. Er läuft durch eine Auenlandschaft irgendwo im Raum zwischen Winter und Frühling. Jeden Schritt genießend, ohne Eile. Lässt sich treiben, die Gedanken schweifen. Das Vogelgezwitscher kaum wahrnehmend als motivierendes Hintergrundgeräusch. Schwäne und Enten schwimmen in der Sonne träge vor sich hin. Stehen das Gefieder putzend im flachen Kiesbett am Flussrand. Er lässt die Eindrücke ungefiltert auf sich wirken, er läuft Schritt für Schritt. Immer weiter dem Flusslauf folgend. Je weiter er sich vom Stadtzentrum entfernt, desto stärker ist der Boden noch gefroren, desto weniger Wasser steht auf den Wegen, desto reiner, ruhiger, unberührter wirkt die sonnenbeschienene Landschaft.
Er läuft, während von unten die Kälte durch die Schuhe dringt und von oben die Wärme den Schweiß fließen lässt. Er fühlt sich unbeschwert, frei. Und läuft. In vertrauter Gesellschaft des Flusses. Seine Blicke gehen häufig zur Seite. Um ihn zu sehen, ihm zuzuschauen. Zu sehen, wie er sich Meter für Meter verändert. Nie langweilig ist. Immer da ist. Das ganze Jahr über. Verlässlich, charaktervoll, von unterschiedlicher Stimmung. Heute ist er von fröhlicher Kälte, wie er selbstgenügsam vor sich hinfließt ohne das Kiesbett zu verlassen. Er läuft auf eine Isarbrücke, sieht, wie der Fluss sich cyanblau leuchtend durch die noch kahlen Bäume zieht, die Wasseroberfläche durchbrochen von den weiß leuchtenden Kiesbänken. Auf denen vereinzelt noch schneebedecktes Totholz liegt. Das Weiß der Kiesel nur oberflächlich, von Ferne betrachtet weiß. Von Nahem gesehen ein diverses, heterogenes Gemenge an weißlich angeschliffenen, buntgefärbten, unterschiedlichsten Steinen. Je weiter er läuft, je später es wird, desto weiter hat die Sonne den Boden aufgetaut. War der Boden bis jetzt weich federnd, so wird er nun schmierig matschig. Von den Schuhsohlen spritzt jetzt kein Wasser mehr nach oben an seine Beine, sondern Matsch. Er läuft nun in größeren Bögen um die matschigen Wegteile herum. Muss manchmal über den Matsch, über Pfützen hinweg springen. Es stört ihn nicht. Er läuft. Ohne konkretes Ziel vor Augen. Seiner gelösten Stimmung folgend. Die Natur, die Isar beobachtend und doch tief versunken in seine Gedankenwelt.
Schwarzdurstig
Schwarz ist Schwarz. Aber anders. Schwarz ist Routine. Immer gleich. Aber anders. Schwarz ist Gewohnheit, Gelerntes, erwartetes Verhalten. Aber anders. Schwarz ist anders, weil jedes Schwarz immer von Neuem neu ist. Weil es immer neu produziert wird, immer im Fluss ist, immer in Bewegung, immer anders. Schwarz ist eine individuelle Illusion, auf immer neue Situationen übertragen. Vor dem inneren Auge wirkt es gleich, ist aber anders. Das andere Schwarz ist auch schwarz.
Er läuft. Er liebt es im Dunkeln zu Laufen. Am liebsten dort, wo keine Lichter die Dunkelheit stören. Er läuft für die Ruhe, die Entspannung, die Gedankenleere. Er läuft immer an der Isar, viel und gerne. Das Anziehen der Laufsachen und das Zuschnüren der Laufschuhe, sobald er von der Arbeit nach Hause kommt, sind wie ein innerlicher Lichtschalter. Einmal umgelegt, nachdem die innerliche, psychische Schwelle überwunden ist, weist das schwarze Licht einen Weg zur Energie. Die braucht er. Unbedingt. Um den nächsten Tag angehen zu können. Unabhängig vom Wetter, einmal auf der Strecke, an der Isar, zählt nur das Laufen. Der Isar folgend. Im Einklang mit der jeweiligen Präsenz der Isar, beeinflusst von Wetter, Jahres- und Tageszeit.
Er spürt die positive Wärme, die vom Schwarz der Dunkelheit ausgeht. Es strahlt die tagsüber gespeicherte Hitze ab, kontrolliert, beständig, berechenbar, angenehm. Während das Licht eine eher harte, blendende, störende Reflektion für ihn ist. Er liebt es, wenn die Augen sich an die Dunkelheit gewöhnen und Landschaft, Hindernisse, Menschen sich immer klarer vor dem Schwarz der Nacht abzeichnen, während er selbst im Schatten der Dunkelheit läuft. Niemals würde er eine Stirnlampe oder Reflektoren benutzen, die dieses Gefühl zunichtemachen. Er liebt die Geräusche der Nacht, die in der Dunkelheit verborgen viel deutlicher zu hören sind als am Tag. Er hat versucht beim Laufen Musik zu hören, die Leichtigkeit und Beschwingtheit der Musik als Basis zu nutzen. Aber dann vermisst er das Gefühl für die Umgebung, die Geräusche intensiv wahrnehmen zu können. Daher verzichtet er auf Musik. Er will sich ganz auf das Laufen und die Natur konzentrieren. Er will nicht abgelenkt, gestört werden. Er will eine Auszeit haben von Verpflichtungen, Erreichbarkeit und Konsum. Daher lässt er auch sein Smartphone zu Hause, wenn er läuft.
So läuft er Schritt für Schritt in eine andere Welt, die im Schatten liegt, die dunkel ist, die schwarz ist, die schön ist, die sich gut anfühlt. So befreit er sich von der Last des Tages. Durch das Rauschen der Isar, den erdigen Geruch nach starken Regenfällen, das weiße Glitzern des Schnees im Dunklen, die Sterne am schwarzen Horizont, das Knarzen der alten Bäume, das Knirschen des Sandes unter den Schuhsohlen, das angestrengte Fokussieren auf den Weg, Unebenheiten und Hindernisse. So findet er Ruhe. Durch das dem Lauftempo angepasste Atmen, durch den mit der Anstrengung variierendem Herzschlag, durch den rinnenden Schweiß, durch die stechende Kälte der eisigen Luft des Winters in der Lunge und auf der Haut. Durch den feuchten Film auf der Haut in der abendlichen Schwüle des Sommers. So entdeckt er neue Pfade im Dickicht der möglichen Handlungsalternativen. Durch das ungerichtete Schweifen der Gedanken, durch das ziellose Fantasieren, durch das Fokussieren auf das Physische. Durch das Zulassen von Unerwartetem. Durch das reizreduzierte Schwarz. Das kontrastbetonende Schwarz, das die Farben bunter macht und das Grau verschluckt. So findet er Zeit für sich in einer überfüllten Stadt.
Im Dunklen sind die Wege, wie auch früh morgens, leerer als tagsüber. Weniger Spaziergänger, weniger Kinderwägen, weniger Fahrräder, weniger Läufer. Weniger von allem. Weniger Ablenkung, weniger Stress, weniger auf andere achten müssen, weniger Ausweichen, weniger vom eigenen Weg abweichen müssen. Weniger soziale Interaktion. Dankbare Isolation durch das Schwarz. Meistens zumindest. Er trägt Schwarz. Um mit der Umgebung zu verschmelzen, um soweit wie möglich zu verschwinden, um sich nicht abzuheben, um aus dem Schwarz heraus zu beobachten. Um, einem Schatten gleich, über die Strecke zu schweben, kaum wahrnehmbar, fast als wäre er nie dagewesen. Eine Illusion nur. Quasi entmaterialisiert.
Er läuft gerne spät abends, wenn die Stadt zur Ruhe gekommen ist. Wenn andere schon schlafen oder noch feiern. Wenn wenig Autoscheinwerfer, Fahrrad- oder Stirnlampen das Schwarz der Nacht zerstören, blendend zur schmerzenden Qual werden. Die Fokussierung und innere Ruhe in einen Kampf gegen das grelle Licht verwandeln. Er genießt den Freiraum, den das Schwarz schafft, den das Schwarz ihm bietet. Darum läuft er. Abends. Nachts. Im Dunklen. Im Paradies. Das würde er hartnäckig verteidigen. Gegen andere, gegen Erschließung, gegen Naherholungsaktivitäten, gegen Verkehr, gegen Licht. Vor allem gegen Licht.
Die ziellose Freiheit des Laufens erfüllt ihn. Laufen, ohne Zweck, ohne tieferen Sinn, ohne Planung, ohne Festlegung, ohne definiertes Ende, ohne Pflicht. Nur sich selbst überlassen, mit voller Entscheidungsmacht, Entscheidungskontrolle. Ganz allein verantwortlich nur sich selbst gegenüber. Herr seiner selbst. Herrscher über das Schwarz. Pacemaker seines Lebens. Er läuft für sich selbst, er misst sich nicht mit anderen, an Zeiten, an Erwartungen, an Ergebnissen. Das Schwarz ermöglicht es ihm sich abzugrenzen, sich als nur für sich selbst verantwortliches Individuum zu begreifen, andere zu ignorieren, seine eigene Geschwindigkeit zu finden. Es ist sein Lauf. Schritt für Schritt läuft er im schwarzen Dunkel der Befriedigung entgegen. Meter für Meter, Kilometer für Kilometer. Je mehr er läuft, desto weiter will er laufen, desto weiter kann er laufen, desto weiter muss er laufen. Damit das glückselige Schwarz durch seine Adern läuft, pochend, fordernd, befriedigend. Bis zur friedlichen Erschöpfung. Er kontrolliert die Geschwindigkeit, die Atemfrequenz, die Strecke, die Häufigkeit des Trainings. Das Laufen tut ihm gut, nicht zu laufen ist ein Problem. Dann vermisst er das Schwarz, die rauschenden Endorphine. Er sehnt sich nach dem nächsten Lauf, ist neidisch, wenn er andere laufen sieht, ist ungeduldig, wenn er auf den nächsten Lauf warten muss. Dann fängt sein Hirn an im Kopf zu laufen, die bekannten Strecken abzuspulen, das Glücksgefühl zu rekonstruieren. Bis zum nächsten Lauf. Dem nächsten realen Lauf. Er läuft um sein Leben, um sein Glück. Er läuft, um zu vergessen, um loszulassen, um sich zu entpflichten. Weg von Verantwortung, Pflichten, einengenden Erwartungen. Das Schwarz schützt ihn, Schritt für Schritt, Kilometer für Kilometer, Lauf für Lauf. Vor dem Leben, vor der Gesellschaft, vor dem inneren Schwarz.
Er liebt die Routine, die ständig wiederkehrenden Dinge des Alltags, die ritualisierten Abläufe. Normalerweise. Heute fühlt er sich gut, ist in der Stimmung Neues auszuprobieren. Weicht von seinen gewohnten Laufstrecken an der Isar ab. Wählt kleine Nebenwege, Trampelpfade durchs Unterholz. Eine Strecke entlang des Isarkanals. Er hat keinen festen Plan, wie er laufen will. Er entscheidet spontan. Schaut wohin ihn eine Abzweigung bringt, nur um dann die nächste unbekannte zu nehmen. Dauer und Länge spielen keine Rolle. Es geht um das Entdecken, das Neue, das Unbekannte. Er läuft ohne Ziel, folgt nur seinem Gefühl. Läuft über Baumwurzeln, auf unebenen Pfaden, über Geröll und Steinbrocken, um umgestürzte Bäume herum. Oder springt über Baumstämme drüber, duckt sich unter ihnen hindurch. Läuft zwischen hoch aufgewachsenem Gras hindurch, an ihn streifenden Büschen, Ästen, Pflanzen vorbei. Ohne Scheu, ohne nachzudenken. Auf der Suche nach interessanten Ausblicken, nach sehenswerten Objekten. Nimmt die blühenden Bäume und Blumen wahr. Spürt den würzigen Geruch der Maiglöckchen in der Nase.
Er läuft jetzt wieder an der Seite der Isar. Er schaut von rechts nach links, geradeaus, zur Seite. Lässt den Blick schweifen, läuft langsam und aufmerksam. Auf den kleinen, abseits gelegenen Wegen ist wenig los. Er begegnet nur wenigen Personen und anderen Läufern. Er bleibt immer in Bewegung, hält nicht an. Ist aber offen für alle Eindrücke, die sich ihm bieten. Die Isar an seiner Seite verändert Meter um Meter ihr Erscheinungsbild. Mal Türkisgrün, mal Smaragdgrün. Mal mit breiten Kiesstränden, mal fast uferlos, mal mit vom Wasser umspülten Kiesbänken. Mal leise gluckernd, mal monoton rauschend, mal donnernd tosend. Mal mit dichtem Uferbewuchs, mal weit geöffnet mit Auenwiesen. Mal eingezwängt zwischen hohen Ufermauern, mal frei fließend. Die kleinen Wege sind teilweise feucht, matschig, Pfützen stehen quer über den gesamten Weg. Selten sind alte Bretter oder Äste so auf dem Weg platziert, dass man trockenen Fußes an diesen Stellen vorbei kommt. Manchmal führt der einzige Weg Wasser und Schlamm spritzend nur geradeaus durch die Pfützen hindurch. Der Boden ist weich und leicht federnd, nachgiebig, dämpfend.
Obwohl hier kaum andere Personen unterwegs sind, ist Vorsicht geboten. Wie aus dem Nichts rauschen von hinten oder vorne Mountainbikes heran, hautnah an ihm vorbei und sind schon wieder verschwunden, bevor er es richtig realisiert hat. Gnadenlos rauschen sie mit maximaler Geschwindigkeit über die kleinen Wege durch das Unterholz, den Wald. Trotzdem sucht er weiterhin seine Laufstrecke im Netz der kleinen Pfade. Vorbei an verrottetem Totholz, zerbröselnd, von Insekten zersetzt, mit einer leuchtend grünen Moosschicht bewachsen, fast schon in den erdigen Waldboden integriert. Vorbei an ausgehöhlten, wie Turmruinen aufragenden Baumstämmen, an den hellgelb leuchtenden Schnittflächen frisch gefällter Bäume, die wie hingeworfen gleich daneben im Unterholz auf ihre Zersetzung warten. Vorbei an schon mit Moos bewachsenen Stapeln feinsäuberlich aufgeschichteter, auf gleiche Länge geschnittener Stämme. Vorbereitet für den Abtransport und längst vergessen. Nebendran immer die vor sich hinfließende Isar und die breiten, viel frequentierten Wege. Das Gefühl fast unberührter Natur direkt neben der Infrastruktur der Isarbewohner. Eine verführende Illusion, die sich selbst entlarvt, sobald die Füße den breiteren Weg betreten.
3 Schwarzer Schleier
Schwarze Nacht. Sichtbarmachendes Schwarz, eine lichtbetonende Bühne. Notwendiges Schwarz, ein Sternenhimmel. Schattenschluckendes, hellhöriges Schwarz. Schutzbietendes, entdeckungsverhinderndes Schwarz. Ruhebringendes, beruhigendes, angsteinflößendes Schwarz. Undurchdringliches, hartes, wandgleiches Schwarz. Bösartiges, Gewalt provozierendes Schwarz. Gütiges, weiches, umarmendes Schwarz. Nachtaktives Leben, nachtaktives, wuselndes Schwarz. Schwarz wie die Nacht.
Schwarzwolkig
Wolkiges Schwarz. Sich zusammenballend, zerstreuend, schwarz anschwellend, in Weiß auflösend. Klumpig, weich, bedrohlich, faszinierend. Nasses, feuchtes Schwarz. Zeitbegrenzt, temporär ortsbegrenzte Naturgewalt. Sich schnell verändernd, sich schnell auflösend, weiterziehend. Schwarze Illusion, nicht greifbare Materialität, gefärbte Luft. Schwammartiges Schwarz, gesättigtes Schwarz, überlaufendes Schwarz. Tropfend, dampfend, befeuchtend. Furchteinflößendes, beängstigendes, vertreibendes, in die Flucht schlagendes Schwarz. Freimachendes, Platz schaffendes Schwarz. Schwarze Watte.
Bewölkter Himmel. Die Wolkendecke durchzogen von Löchern, die hellblauen Himmel freigeben. Alles ist in Bewegung, die Wolken ziehen schnell am Himmel vorbei, geben ab und zu die Sonne frei, teilweise oder vollständig. Dann tauchen helle Sonnenstrahlen die Flusslandschaft in gelbes, warmes Licht. Die auf die Wolken treffende Sonne wirft fleckige Schatten auf die Flussauen und die Wasseroberfläche, die ebenso schnell über die Landschaft jagen, wie die Wolken selbst. Kaum bricht die Sonne durch die Wolken durch, so ist sie auch schon wieder verschwunden, bevor sie sich durch einen neuen Spalt hindurchkämpft. In der Ferne verdunkeln sich ballend die Wolken zu einer schwarzen Front, die schnell näher rückt. Während noch die Sonne durchblitzt, ergießen sich in immer schneller werdendem Rhythmus Hagelkörner auf die Landschaft. Spritzen vom Boden hoch, von den Armen, Beinen, dem Oberkörper ab, bevor sie sich unter den Sonnenstrahlen schmelzend verflüssigen ohne auch nur einen Hauch von Weiß über die Landschaft zu legen. Während sich die dunklen Wolken zunehmend wieder zu einem strahlenden Weiß aufhellen, funkelt der Schmelzwasser benetzte Boden, das Sonnenlicht reflektierend, feucht vorm Horizont.
Eben noch fast winterkalt, erwärmt sich die Luft an den sonnigen Flecken wieder zu einer frühlingshaften Temperatur. Das eigentlich ruhig vor sich hinfließende Wasser wirkt durch die schnell wechselnden Schattenbereiche unruhig, unstet, rastlos. Der Uferbewuchs, größtenteils schon grüngefärbt, erstrahlt im Wechsel entweder hellgrün leuchtend oder auf der Schattenseite dunkelgrün. Dort wo die Sonne auf die Wasseroberfläche trifft erscheint das Wasser durchlässiger, transparenter. Leuchtet selber bunter und gibt den Blick frei auf das vielfarbige Flussbett, die Kiesel und Steine, die hier kontrastreicher hervortreten, als in den vom Schatten bedeckten Wasserbereichen. Blitzt die Sonne durch die Wolken hindurch, wird auch die gesamte Umgebung, die Bäume, Blätter, das strohgelbe Schilf, mit einem Schlag kontrastreicher und bunter. Mit steigender Intensität, je nachdem wieviel Sonnenfläche freigegeben wird, um dann sofort wieder zunehmend zu verblassen, sobald sich wieder eine Wolke vor die Sonne schiebt.
Im Sonnenlicht perlt spritzend das auf Gesteinsbrocken treffende Flusswasser, bildet einen glänzenden weißen Vorhang an den Staustufen und Absätzen. Vergraut unter der geschlossen Wolkendecke zu einer stumpf fließenden Masse. Schnell zunehmender Wind treibt die Wolken in kürzester Zeit zu einer schwarzen Masse zusammen und vor sich her. Die erst dicke, vereinzelte Tropfen abgebend, schnell dichten Regen herunterprasseln lässt. Die Wasseroberfläche wird von den Regentropfen perforiert, bildet ausgehend von dem Auftrittspunkt zum Ufer hin immer größer werdende Kreise, die sich, mit zunehmendem Regen immer großflächiger überschneidend, die ganze Wasseroberfläche bedecken. Der Wind treibt den Regen fast horizontal vor sich her, lässt ihn anschwellen, bevor er, fast unvermittelt wieder in vereinzelte Tropfen übergehend, so plötzlich versiegt, wie er aufkam. Plötzlich wieder weiße Wolken reißen auf und tauchen die Landschaft von Neuem in schönstes, frühlingshaftes Sonnenlicht.
Schwarzdrückend
Schwarz wie Blei. Silbern glänzend. Oxidiert, stumpf, dunkel. Drückend und bedrückend. Weder richtig schwarz noch echt silbern. Weder Fisch noch Fleisch. Weich, formbar, beeinflussbar. Schwer, dicht. Alternd, kratzanfällig, Spuren tragend. Sich ausbreitend, kaum vermeidbar. Sich anreichernd, giftig, verseuchend. Schützend, abschirmend. Nützlich und gefährlich. Bleierne Schwärze.
Wie Autobahn. Schon der Weg an die Isar ist schwierig. Um den Weg parallel zur Isar zu erreichen, muss der von Horden von so schnell wie möglich fahrenden Radfahrern bevölkerte Radweg überwunden werden. Auf Abschnitten mit gemischten Wegen schlängeln sich die Radfahrer durch Fußgängergruppen hindurch, an mehrere Kinderwägen nebeneinander schiebenden Familien vorbei, um mitten auf dem Weg stehenbleibende Personen herum. Viele der Spaziergänger mit einem Einweg-Kaffeebecher in der Hand. Nicht angeleinte Hunde tollen durch die Menschenmassen hindurch, oder ziehen meterlange neonfarbene, von den Besitzern als zu mühsam festzuhalten befundene Hundeleinen frei hinter sich her, um die Beine der Spaziergänger herum ohne dass sich jemand für sie zuständig fühlen würde. Zwischendrin und durch alles hindurch joggen einzelne Sonntagssportler oder sich zu einem Plausch zusammengefundene, sportelnde Pärchen oder Gruppen. Ein Gemenge und Gewusel aus verschiedenen bedürfnisorientierten Geschwindigkeiten, die Fußgänger und Kinderwagenschiebenden flanierend, die Hundebesitzer wartend, flanierend oder die Hunde anherrschend, die Jogger ihrer persönlichen Laufgeschwindigkeit verpflichtet, die Radfahrer so schnell wie irgend möglich, jegliches Bremsen um jeden Preis vermeidend.
München, Sonne und Wochenende. Drei Faktoren, die die Isar in Ausnahmezustand versetzen, ob im Sommer oder Winter, Frühling oder Herbst. Nur in der Ferienzeit oder zur Wiesn schwächt sich der Effekt leicht ab, ist die Isar befreit von woanders Erholungsuchenden. Die Isarauen sind bevölkert von Sonnenbadenden, Spielenden, Lesenden, Grillenden, Chillenden. Schlangen von miteinander Redenden, Lachenden ziehen sich am Ufer lang. Grillrauch und der Geruch von röstendem Fleisch steigt in die Nase. Musik schallt über die Freiflächen. Getränke liegen im kühlenden Wasser. Biertrinkende Menschen sitzen am Ufer, auf künstlich angelegten Steinstufen, auf angetriebenen, ausgebleichten Baumstämmen, Steinen oder im Gras. Ruhe fehlt. Die Isar ist Aktionsraum, Kommunikationsraum, erweiterter Wohnraum, öffentlicher Treffunkt. Die Isar wird bedingungslos integriert in das individuelle Leben. Sie ist kein Naherholungsgebiet, sie ist der ganz normale Freiraum zur Erholung im alltäglichen Leben. Ohne Aufwand erreichbar. Nutzfläche. Der Balkon garten- und balkonloser Wohnungen. Der Auslauf in kleine Wohnungen eingepferchter Menschen. Mitten in der Stadt, die Mitte der Stadt. Lebensader und gedankenlos verlebtes Kapital einer immer mehr verfettenden Stadt. Urbanisierte renaturierte Natur. Noch – fast – nicht offensichtlich kommerzialisiert. Die Auen in unmittelbarer Isarnähe nur notgedrungen erschlossen durch ein paar Menschenschlangen provozierende Kioske, ein paar wenige Biergärten und sich in ihrer blauweißen Plastikästhetik deutlich abhebende Dixiklos als improvisiertes, temporäres Dauerprovisorium. Geschuldet der kaum noch im Bewusstsein der Städter verankerten ungestümen Wildheit der sporadisch die Auen überflutenden Isar.
An schönen Wochenendabenden der Balaton Münchens. Mit Unmengen an sich selbst überlassenem Müll überhäuft werdendes Partyareal. Wild verstreut liegengelassen von selbstbezogenen Naturkonsumenten. An nicht so schönen Wochenenden und Wochentagen ist die rauere Isar echter Erholungsraum. Nicht ausgenutzt, benutzt, sondern genutzt. Weniger voll, weniger laut, weniger missachtet. Wie die Isar am Montag aus dem Wochenende aufwacht: eine Frage des Wochenendwetters, erschöpft und verdreckt oder frisch und ausgeruht.
Schwarzverschleiert
Schwarze Fülle. Die Masse ist schwarz. Vernichtet die Ruhe, das Gefühl des Alleinseins. Eine schwarze, laute Walze. Smog aus Lärm, aus Enge, aus Rücksichtslosigkeit. Schwarze Dichte. Ohne Lücken, ohne Zwischenräume, ohne Licht. Überwältigend, überrollend, plattmachend, nivellierend. Dumpf, dröhnend, pochend, eskalierend. Ohne Pause schwarz. Ohne Pause kompakt. Ohne Pause einengend. Luft nehmend, drückend, schwer. Schwarz pressende Kraft von außen. Schwarze Gewalt der drückenden Masse. Unaufhaltsam, voranschreitend, sich selbst verstärkend. Schwarz gefülltes Schwarz.
Schwarz. Er fühlt schwarz. Ein wohliges, tiefes Schwarz. Es ist nicht beängstigend oder böse. Es ist einfach da, ein Zustand, ein vages Versprechen, eine Hülle. Neutral. Es ist hell und weich, warm und kuschelig. Es ist absorbierend, ein Sog, ein leichter zwar, aber doch ein spürbarer Sog.
Je weiter er laufen muss, desto weniger kann er das Schwarz genießen. Desto mehr muss er tun, um den seligen schwarzen Zustand zu erreichen, desto kürzer wird die Spanne der Erholung, des Freiheitsgefühls, desto größer wird der innere Schmerz des vorübergehenden Verlusts des Schwarzen. Desto sehnsüchtiger schaut er dem nächsten Lauf entgegen. Desto zwanghafter wird das Verlangen zu laufen. Desto größer die Freude, wenn sich das idealisierte Schwarz einstellt. Desto größer das Verlustgefühl, wenn die Realität das Ideal verpasst. Desto mehr läuft er gegen sich selbst.
Wie aufsteigender Nebel legt sich ein schwarzer Schleier über die Seele. Zart und transparent überdeckt er alles was darunter liegt, verändert es und filtert das Licht. Er übertönt alle Nuancen und Feinheiten und entfärbt die Welt. Er dämpft Geräusche, die eintöniger werden, leiser, teilweise abgehackt und verschluckt. Bewegungen werden verlangsamt, eckiger, kantiger. Der Himmel ist nicht mehr blau. Der Himmel ist steingrau. Farblos, nicht wie Stahlgrau, das farbig eine Hoffnung trägt, die Biegsamkeit und Flexibilität des Stahls in sich trägt. Das Steingrau ist hoffnungslos starr.
Ein aufsteigendes Schwarz, die Dämmerung verheißend als Vorbote der Nacht, der Finsternis. In seiner Materialität zunächst unbefristet, ohne Ahnung einer dahinterliegenden anderen Möglichkeit. Dunkel zwar, aber noch nicht intensiv, noch nicht durchgetönt, alles durchdringend. Unter Umständen wieder verschwindend. Vielleicht nur temporär, vielleicht sich wieder verziehend. Und doch im Aufsteigen begriffen. Das Schwarz schleicht sich von außen in sein Inneres. Noch kaum merklich, von ihm nicht beachtet. Er kompensiert das aufsteigende Schwarz mit exzessiverem Laufen. Mit Erhöhung des Leistungsdrucks, mit kompromissloserem Zeitmanagement. Er setzt sich ambitionierte Ziele. Die Freude wird Gleichgültigkeit, das Aufregende weicht dem Gewöhnlichen. Er läuft weiterhin gerne, aber seine emotionale Isolation auf der Laufstrecke, auf der Arbeit, in der Gesellschaft wächst. Dünstet aus seinen Poren. Die Farben werden grauer, rücken in die Ferne. Ihm fallen zunehmend die anderen Menschen auf, die zu Hindernissen auf seiner Laufstrecke mutieren. War es früher in erster Linie motivierend in die Dämmerung, ins Dunkel hineinzulaufen, so läuft er nun später, wenn das Dunkel schon da ist. Das Schwarz sich schützend zwischen ihn und andere legt. Die Laufstrecke etwas leerer wird. Die Reize aus der Umgebung weniger werden. Das gibt ihm Sicherheit, weil es planbarer ist, weil er für andere weniger sichtbar ist, er sich der Kontrolle besser entziehen kann. Seine Gedanken werden schwärzer, eine schwarze Nebelwand lässt die Umgebung verblassen und zwingt ihn sich nur in seiner näheren Umgebung zu orientieren, sich zunehmend mit dem Nahen zu beschäftigen, den Horizont aus den Augen zu verlieren.
Mit langen Läufen kann er den schwarzen Schleier noch durchlöchern, transparenter machen, fast entfernen, temporär die Farben wieder bunt sehen, den Spaß am Laufen spüren. Ist er früher vier, fünf Brücken weit gelaufen, so läuft er jetzt sieben, acht Brücken weit. Darauf ist er stolz, jede neue Brücke ein größerer Gewinn. Brücken sind sein Maß. Das Maß seiner Reichweite, seiner Fitness. Seiner Willensstärke. Das Maß seiner Verbindung zur Isar. Der höhere Zeitaufwand erscheint nicht relevant, das Beschneiden anderer Aktivitäten sinnvoll. Das Schwarz nimmt ihm auch die Freiheit weniger Brücken weit zu laufen als beim letzten Mal. Das wäre eine Niederlage, würde den schwarzen Schleier wieder senken, verdichten. Das Laufen ist jetzt eine feste Routine, er weiß um den positiven Effekt. Er bemerkt durchaus, dass sich seine Grundhaltung im Tagesgeschehen mehr und mehr eintrübt, dass er abends erschöpfter ist als früher. Umso froher ist er, dass er ein wirksames Mittel dagegen kennt. Er reflektiert seinen Zustand, sein Verhalten, versteht, dass er handeln muss. Gegen das eintrübende Schwarz, gegen sich selbst. Und läuft.
Das Laufen wird selbst zu einem schwarzen Schleier, der andere Reaktionen, andere Handlungen verdeckt, unterbindet, verhindert. Ihn immer enger umhüllt, seine Entscheidungen beeinflusst, ihm die Sicht in die Ferne, nach draußen versperrt. Die Zeit zu laufen stiehlt er von anderen Freizeitaktivitäten, schläft kürzer. Um die Arbeitszeit zu erhalten. Das Laufen gibt ihm das Gefühl mehr Energie für die Arbeit zu haben, gibt ihm die Möglichkeit die Arbeitszeit auf Kosten der Freizeit zu verlängern. Um länger zu laufen, um mehr Energie zu haben. Um das Schwarz heraufzubeschwören, um das Schwarz aufzuhellen. Er läuft immer noch für sich selbst, aber er läuft nun auch gegen sich selbst. Ganz selbstverständlich. Immer weiter in die dichter werdende schwarze Nebelwand. Die Gefahr eines Unwetters erkennend und ignorierend. Weniger reflektierend. Zunehmend blind werdend. Sich selbst ausbeutend. Er läuft.
4 Schwarze Glut
Schwarze Finsternis. Kein Licht ohne Dunkelheit. Erhellendes, Licht verstärkendes Schwarz. Umrisse, Objekte, Gedanken verschluckendes Schwarz. Allumfassend, allumschließend, erdrückend, bedrückend, undurchdringlich. Schwarz. Hart, einer Wand gleich, die alles abprallen lässt. Sinne verstärkend, sensibilisierend. Vorstellungen inspirierend, Fantasie beflügelnd. Ohne Schatten, mentale Schatten beschwörend. Schattenbildendes Licht. Schwarze Schatten im gleißenden Licht. Schwarz verdecktes Licht. Unter dem Schwarz scheinendes, durchbrechendes, loderndes Licht. Verschattetes, schattenwerfendes Licht, schattenspendendes Licht. Finsteres Schwarz.
Morgenschwarz
Schwarze Flüchtigkeit. Vergänglich, zerfließend, zersetzend. Flüssige Transparenz. Verdunstende Beklemmung. Übergang zur Helligkeit, zum Licht. Entfärbend, farbintensivierend. Ein Hauch von Schwarz und Weiß. Diffus, zwielichtig. Vage, hoffnungsgeladen. Möglichkeiten andeutend. Stille vor dem Einsatz, Ruhe vor dem Auftritt. Filigrane Angst, diffizile Ungewissheit, brüchiges Gleichgewicht. Flüchtiges Schwarz.
Der Horizont über der Isar wechselt langsam von einem Grauschwarz in ein Blauschwarz. Bevor später die Sonne durchbricht erscheint die Flusslandschaft in der Morgendämmerung in bläulichem Licht. Leer und einsam, noch fast gänzlich still, erschließt sich die Weite der unberührt scheinenden Natur. Der Himmel hellt von Sekunde zu Sekunde auf. Vor kurzem noch in das Schwarz der Nacht getaucht, konturiert sich die Landschaft Stück für Stück. Bläulich lässt das Licht die Landschaft kalt erwachen. Noch ist die Sättigung der Farben gering, doch zunehmend zeichnen sich die Formen kontrastreicher ab. Das Flusswasser wechselt von Opakschwarz zu Transparentgrau. Noch ein dunkles, sich durch die Landschaft ziehendes Band. Das sich langsam unter dem Horizont in die Höhe schiebende Licht noch kalt, die Frische der Nacht mit sich führend. Bäume und Sträucher, noch fast scherenschnittartig, heben sich immer mehr vom Hintergrund ab, gewinnen an Detailtiefe, Struktur, Farbereichtum. In der Ferne ein Hase, den Weg entlanghoppelnd, abwartend stehenbleibend, den Weg fortsetzend.
Das sich nach oben schiebende Licht färbt den Himmel in ein Blaugrau, die Isar nun eine hellgraue, transparente Schnur. Vögel, Enten wachen auf, drehen ihre ersten Runden über der Wasseroberfläche. Geben kreischende oder melodische Töne von sich. Brechen die Stille der Nacht auf, erhöhen die Komplexität der Sinneseindrücke. Der Horizont färbt sich langsam von Blaugrau über Gelb und Orange zu Hellblau. Leichter Morgennebel hängt zwischen den Bäumen und über dem Wasser. Kleine Wolken bilden sich, erste Sonnenstrahlen blitzen über den Horizont und noch fast horizontal zwischen den Bäumen hindurch. Erleuchten den Weg, bringen erste Wärme mit sich, erzeugen beim Erwärmen der Haut ein angenehmes Gefühl. Die aufsteigende Sonne lässt den Morgennebel anschwellen, dichter werden, bevor er sich unmerklich Schritt für Schritt auflöst. Im kühlfeuchten Schatten unter den Bäumen in unmittelbarer Flussnähe sammeln sich die kleinen Kriebelmücken zu mal dichten, mal großflächig verteilten Schwärmen. Um sich dann mit zunehmender Wärme wieder aufzulösen. Die Isar nun funkelnd, gewohnt transparent türkisfarben, smaragdgrün, bräunlichgelb durch das Kiesbett fließend. Das Sonnenlicht scheint durch die grünen Blätter. Wirft tiefstehend lange Schatten, die die Landschaft hart zerteilen, wenngleich die Grenze, nicht statisch, sich dynamisch fließend verschiebt, die Proportionen von Schattenbereichen und sonnenbeschienen Flächen sich immer mehr zu Gunsten des sonnigen Anteils verändern. Mit aufsteigender Sonne wird das auf die Isar geworfene Licht zunehmend wärmer, lässt die Farben des klaren Wasser immer intensiver leuchten, funkeln, blitzen. Das Weiß der Kiesflächen wird heller, blendet, überstrahlt andere Farben.
Das Licht glitzert auf den leicht gekräuselten, transparenten Wellen. Enten und Schwäne schwimmen müßig oder einfach nur chillend den Fluss entlang. Die Kieselsteine blitzen durch die transparente, mal braune, mal gelblichgoldene, mal smaragdgrüne, mal türkisfarbene Wasseroberfläche. Zum Mittag hin bricht sich die Sonne in den leichten Wellen, dem luftig weißen Schaum der Wasserstrudel. Grauschwarz glänzt die Wasseroberfläche im Gegenlicht der Sonne vor wolkenlosem Himmel, schemenhaft heben sich Baum-, Pflanzen, Enten-, Steinsilhouetten vom Hintergrund ab. Gleißendhell malträtieren die weißen Kieselsteine die nicht sonnenbebrillte Netzhaut. Windstill lässt die Hitze den Schweiß ins kühle Gebirgswasser tropfen. Die Bäume am Ufer, mal spärlich in den Ortschaften, mal dichte Wälder bildend, spenden Schatten, schützen vor dem blendenden Licht. Bäume, Schilf, hohes Gras bilden diverse ruhige, etwas Rückzugsraum gewährende Plätze am Ufer.
Abgeschottet von den nun anhaltenden Strömen spazierengehender Menschen, radfahrender Möchtegernsportler, joggender Fitnessjünger, herumspringender Hunde. In den Uferbereichen zwischen Wasser und Deich staut sich die Hitze im hohen Gras, verwandelt die Landschaft in eine dampfende, schweißtreibende Sauna, in der das Atmen der schwülen Luft fast anstrengend ist. Auf den großzügigen, nicht von Deichen eingeschlossenen Auenflächen hingegen herrscht eher eine trockene Hitze, die ab und zu durch leichten Wind aufgelockert wird. Die Isar zieht ein sich schlängelndes Band aus reinstem Türkis auf strukturiert bröseligem Weiß durch ein sattes, saftiges Grün. Glänzendes türkisfarbenes Wasser auf matten hellweißen Kieseln, durchzogen von porös mattglänzendem, hellbraunem Sand, gesäumt von hellgrünen, mit rosafarbenen, lilablauen, gelben, weißen Blumen übersäten Wiesen, dunkelgrün benadelten Fichten und leuchtendgrün belaubten Eichen, Buchen, Birken, Sträuchern. Vor grauen, weißbefleckten Bergen im Hintergrund. Vorbei an glatzenähnlich spärlich mit Gras bewachsenen, getrockneten, eingerissenen Flächen aus Lehm oder feinem Isarsand. Das Wasser hinter den dichten Ufersträuchern fast verschwindend, die Waldflächen durchzogen von leuchtend hellgrün bemoostem Totholz. Das Kiesbett sporadisch überzogen mit hellbraunweißlichen, entrindeten Ästen, Astfragmenten und Baumstämmen wie eine von Knochen übersäte Wüstenlandschaft. Seitlich der Hauptwasserrinne teils noch angebundene Nebenrinnen, teils abgetrennte milchigweiße Tümpel und Pfützen. Ein bläulichkaltes Smaragdgrün an tiefen Wasserstellen beißt sich mit dem gelblichen Giftgrün der Wiesen und Laubbäume. Über allem schwebt eine von leichten Lebenstönen durchzogene Stille. Wasser plätschert, Grillen zirpen, Vögel zwitschern, das Laub rauscht und es ist einfach nur still.
Schwarzlos
Schwarz ist besonders. Es steht außerhalb des Farbsystems. Und ist doch unendlich eng und untrennbar mit ihm verbunden. Die Farben können Schwarz bilden, zu Schwarz werden, mit ihm verschmelzen. Schwarz bleibt schwarz. Aber die Farben sind nichts ohne das Schwarz. Das Schwarz bringt ihre Besonderheit zum Leuchten. Facht die Glut der Farbe an. Verleiht ihr Energie. Schwarz ist der Kontrast. Zu Weiß. Zu Farbe. Zu dem Hellen. Schwarz löscht im Überdecken alles andere aus. Frisst die Unterschiede. Eliminiert jede Farbe. In der Distanz, in der Opposition verhält Schwarz sich genau gegensätzlich. Und ist deshalb selbst besonders. Das besondere Schwarz.
Er hat ein paar Tage frei, kann sich die Zeit frei einteilen, laufen wann er will. Es ist frisch, aber nicht zu kühl. Leicht bewölkt, aber sonnig. Vormittags, während die meisten anderen arbeiten. Es sind nicht viele an der Isar unterwegs. Je weiter er stadtauswärts läuft, desto weniger Menschen begegnet er. Er läuft in seinem normalen Tempo, ist mit sich im Reinen, locker, entspannt. Die Isar blitzt zwischen den Bäumen und Büschen hervor, die er passiert. Das Rauschen des Wassers bildet die Basis seines Laufrhythmus‘. Er beschäftigt sich weder besonders intensiv mit der Umgebung noch mit seiner Physis. Sein Blick ist mehr nach innen gerichtet, auf seine Gedanken, denen er nachhängt. Nicht strukturiert. Ein Gedanke folgt dem nächsten, jagt den nächsten, vorherige Gedanken sind meistens schon vergessen bevor der nächste kommt. Er springt quer in seinem Gedankennetz hin und her ohne irgendwo besonders lange zu verweilen. Die Füße bewegen sich gleichmäßig über den Weg. Häuser, Brücken, Bäume bewegen sich durch sein Blickfeld ohne besondere Aufmerksamkeit zu erregen. Ohne dass sein Blick irgendwo hängenbleiben würde. Er spürt die Kühle der von der Isar herüberwehenden Luft ohne sie bewusst wahrzunehmen. Er läuft gleichmäßig, fühlt sich gut. Entscheidet sich spontan die lange Runde zu laufen. Ist fast alleine an der Isar, muss nicht auf andere Menschen achtgeben. Sieht ab und zu ein Eichhörnchen über den Weg flitzen oder den Stamm eines Baumes heraufhuschen. Hört es manchmal im Unterholz rascheln, wenn eine Maus oder ein Vogel dort herumlaufen.
Ein leichter Wind lässt die Blätter rascheln, bewegt leicht die Äste der über den Weg ragenden Bäume. Trocknet den leichten Schweißfilm auf der Haut. Kühlt den Körper angenehm herunter. Seine Schritte bleiben konstant, die Gedanken fließen. Auch wenn er seine Umgebung wahrnimmt, auf sie reagiert, sein Bewusstsein erreicht sie nicht. Er genießt die Ruhe, die Geräusche der Natur, die seine Gedankenfluss am Fließen halten. Er ist ruhig, verspürt keine Aggression gegenüber seiner Umwelt. Im Gegenteil, er verspürt eine gewisse Nachgiebigkeit, eine Gelassenheit. Lässt sich nicht durch äußere Einflüsse aus der Ruhe bringen. Konzentriert sich auf das Schöne, auf das, was er beeinflussen kann. Was er gestalten kann.
Er läuft. Und mit dem Laufen entwickelt sich ein Gefühl der Kontrollmöglichkeit, der Möglichkeit Einfluss zu nehmen auf das, was in seinem Leben passiert. Die Möglichkeit vertreibt das zeitweise aufflammende Gefühl der Machtlosigkeit. Jeder Schritt gibt ihm mehr das Gefühl von verfügbaren Handlungsoptionen. Die Gedanken sind flüchtig, aber das Gefühl der Gelassenheit wächst. Die Isar fließt jetzt durch seinen Körper, klar, transparent, frisch, wild. Während er läuft, lässt er den Schlick des Alltags hinter sich, der zum Versumpfen einlädt. Die Wut auf die Rücksichtslosigkeit der Gesellschaft, die ihn machtlos ausliefert, lagert sich am Ufer ab, bleibt zurück. Er lässt sich treiben, hat seine Gedanken entkoppelt vom Alltag, von den Alltagsproblemen. Es zählt nur der Moment, das Hier und Jetzt. Die Isar, das Rauschen des Wassers, das Knirschen des Sandes unter seinen Laufschuhen, die ihm ins Gesicht wehende angenehme Kühle der leichten Brise, die durch die Blätter blitzenden Sonnenstrahlen, das Zwitschern der Vögel, das Zirpen der Grillen, die Freiheit des Laufens.
Pulsuz fraqment bitdi.